Am Horizont das Meer [Mittelerde Fan-Fiktion]

  • Boah, hallo? Das schockt gut ab.
    Super geschrieben und wenn es jetzt weiterginge, würde ich heute Nacht nicht schlafen, sondern lesen.
    Ich hoffe, es kommt bald mehr. :love:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Kapitel 10: Das Versprechen


    Er starrte den Mann an, der aus der Dunkelheit so plötzlich und unerwartet hinter ihm aufgetaucht war. Etliche Meter unter ihnen donnerte die Brandung gegen das Plateau. Der Fremde war groß und schlank. Er trug weder Waffen noch Rüstung. An seinen Füßen saßen bequeme Stadtschuhe aus weichem Leder, mit schmucklosen, aber runenbeschriebenen Schnallen. Seine Hose und sein Hemd waren aus feiner Seide und leicht verziert, auf eine zurückhaltende Art edel, weder protzig noch prunkvoll. Sollte er denselben Pfad hierher genommen haben, wusste er sich gut zu bewegen, denn seine Kleidung sah trotz des schwierigen Weges makellos aus. Das lange, dunkle Haar tanzte im brausenden Wind, der sich an den Kanten des Felsplateaus brach. Er konnte einen Blick auf markante Ohren erhaschen, die eindeutig elbisch waren. Das Gesicht war schmal und freundlich, und es war ihm vertraut. Dies war der Mann, oder besser gesagt der Elb, der ihn in den letzten Tagen oft in dem kleinen Buchladen aufgesucht und ausgefragt hatte. Da er dort andere Kleidung und immer eine weit ausladende, farbenfrohe Ballonmütze trug, wie sie derzeit am Hofe des Prinzen Mode war, hätte er ihn beinahe nicht erkannt. Er konnte das Alter des Elben unmöglich schätzen, denn obwohl die Gesichtszüge jugendlich waren, spiegelten sie auf eine eigentümliche Weise die Lebenserfahrung von mehr als tausend Jahren wider. Gerade als er etwas sagen wollte, sprach der Fremde ihn an:
    „Wie heißt du, mein Junge?“
    „Tathardîn.“
    „Ach.“ Der fremde Elb legte den Kopf leicht schief. „Sage mir doch bitte deinen richtigen Namen, wenn es dir beliebt. Ich habe nie verstanden, warum die Menschen Spottnamen so sehr mögen, dass sie sie sich selbst zu Eigen machen.“
    Er war wie vom Donner gerührt. Über seine Lippen kam nur ein gekrächztes „Woher?“, und er ärgerte sich über sich selbst in dem Moment, da er seine eigene klägliche Stimme vernahm.
    „Woher ich das weiß? Nun, zugegeben, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass alle menschlichen Mütter ihre Kinder lieben. Zumindest im Moment der Geburt. Später mag diese Liebe abkühlen, aber dass ein Mensch sein Kind Tathardîn nennt, was ja auf Westron so viel wie stumme Trauerweide bedeutet, erscheint mir doch sehr unwahrscheinlich. Selbst wenn du bei deiner Geburt wider erwarten stumm gewesen sein solltest, dem Wort Trauerweide muss mehr zu Grunde liegen als eine möglicherweise unvorteilhafte körperliche Erscheinung bei deiner Geburt.“
    Der Junge räusperte sich: „Mein Name ist Carantir.“ sagte er schließlich, immer noch leiser und mit weniger Nachdruck, als er eigentlich wollte.
    „Gut, Carantir also. Mein Name ist Andorlas.“
    Der Elb setzte sich neben Carantir auf den Rand der Klippe und schaute eine Zeit lang hinaus auf das Meer, bevor er wieder sprach.
    „Schön hier, nicht wahr? Man spürt das Meer tief unter sich, fühlt die frische Seeluft und die salzige Gischt direkt auf der Haut, und über einem nur der Himmel und die Sterne. Es gibt keine anderen Menschen weit und breit. Selbst von der Prinzenburg kann man des Nächtens unmöglich gesehen werden. Dazu bräuchte es schon die Augen eines Elben.“
    Andorlas wartete ein wenig, bis Carantir die Bedeutung seiner Worte verstanden hatte, und fuhr dann fort:
    „Du bist jede Nacht hier draußen. Und jeden Tag in dem kleinen Geschäft im Burgviertel. Trotzdem habe ich dich dort nie übermüdet oder schläfrig erlebt. Hast du vielleicht auch elbisches Blut in dir, Carantir?“
    „Nein, Herr, bedauerlicherweise nicht. Ich bin nur ein Mensch.“
    Andorlas blickte gen Himmel.
    „Bedauerlich, vielleicht. Andererseits aber sehr interessant. Man hat mir berichtet, dass du Bücher geradezu verschlingst. Das Wissen, dass du in den letzten Wochen erworben hast, ist beachtlich. Zumindest für einen Menschen. Sag mir, Carantir, was bringt dich am schnellsten von einem Ort zum anderen?“
    Carantir war sich nicht sicher, was das Ganze werden sollte. Sein nächtliches Ritual der Ruhe und Einsamkeit war bereits gestört worden, was ihn ein wenig verärgerte, andererseits konnte dieses Gespräch auch sehr anregend werden. Wenn er es recht überlegte, freute er sich sogar, denn eine vernünftige Unterhaltung hatte schon lange nicht mehr geführt. Er dachte angestrengt nach. Mit welchem Gefährt ließe sich am schnellsten reisen? Mit einem edlen Ross? Womöglich, aber wie weit war das Ziel entfernt?
    „Wenn es sich um eine weite Reise handelt, dann vielleicht ein Segelschiff. Bei gutem Wind kann es Tag und Nacht fahren ohne eine Pause.“
    „Das ist gut gedacht, Carantir, aber nicht gut genug. Was bringt dich schneller an, sagen wir, den Ort deiner Kindheit?“
    Carantir dachte an die hellen, lichtdurchfluteten Wälder Ithiliens. Er sah das Haus vor sich, in dem er aufgewachsen war, die kleine Scheune daneben, der Weg zum Gemüsebeet, dahinter die schmale Blumenwiese und dann der Saum des Waldes. Er sah sich mit seinem Vater auf der Wiese sitzen, einer Geschichte aus alten Zeiten lauschend, völlig versunken in die Worte seines Vaters, während sein Bruder im nahen Wald mit einem Stock Eichhörnchen ärgerte. Selbst wenn er auf den Schwingen eines Adlers säße, diesen Ort seiner Kindheit würde er nie wieder erreichen können. Er war für immer vergangen. Der Elb musste seinen verträumten Gesichtsausdruck gesehen haben. Er lächelte.
    „Bist du gerade dort, Carantir? Dann weißt du die Antwort.“
    Carantir verdrängte die Erinnerung und versuchte den Sinn hinter Andorlas Worten zu verstehen. Er hatte das Gefühl, der Lösung sehr nahe zu sein, aber er traute sich nicht zu sagen, was er dachte. Der Elb würde ihn bestimmt für dumm halten, und das wollte er nicht. Carantir schwieg. Andorlas blickte weiter auf das Meer hinaus, als er selbst die Antwort gab.
    „Ich bin mir sicher, du weißt es, Junge. Das, was dich am schnellsten an jeden Ort bringt, ist dein Geist. Er bringt dich im Augenblick eines Lidschlages an jeden Ort und zu jeder Zeit, die dir beliebt. Dein Körper mag dich beschränken, aber dein Geist reist so frei wie nichts Zweites auf dieser Welt. Das hast du erkannt, dessen bin ich mir sicher, auch wenn du dich nicht getraut hast zu sprechen. Nach dieser Erkenntnis sollte die nächste Frage ein Leichtes für dich sein. Also, Carantir, was ist stärker? Ein wacher Geist oder eine Armee von tausend Soldaten?“
    Carantir wusste genau, worauf der Elb hinaus wollte, aber das Ganze war ihm zu einfach. Zu behaupten, ein wacher Geist wäre stärker als tausend Mann, war eine Sache. Aber als wacher Geist auch nur einem stärkeren Mann, egal ob mit Fäusten, Knüppeln oder Schwertern gegenüber zu stehen, führte zu blauen Flecken, Schmerzen und Tod. Er fragte sich, ob Andorlas je hatte kämpfen müssen, ob er je geschlagen worden war.
    „Die Frage ist nicht gerecht, Herr. Ein wacher Geist alleine kann nicht kämpfen. Er braucht selbst auch eine Armee, eine starke Armee, sonst wird der wache Geist niedergemacht wie jeder andere auch.
    Die Augen des Elben blitzen unbemerkt von Carantir auf. Um seine Mundwinkel zeigte sich ein feines Lächeln. Es war verschwunden, bevor der Elb seinen Kopf gedreht hatte und den Jungen direkt ansah.
    „Wieso gehst du davon aus, dass sich die beiden in einer offenen Schlacht begegnen?“
    Carantir wurde zornig. Wollte der fremde Elb ihn hereinlegen? Egal, wie schlau man war, jeder Bauerntrampel konnte einen verprügeln, wenn man nicht schnell genug wegrannte. In der gondorianischen Armee wurden wache Geister mit Vorliebe und auf Befehl verprügelt. Er war der lebende Beweis dafür. Oder hatte er etwas übersehen? Carantir versuchte, sich an den Wortlaut der Frage zu erinnern. Er sprach laut, während er dachte.
    „Was, wenn es gar nicht zu einem Kampf käme? Wenn man die tausend Kämpfer überlisten könnte, oder in die Irre führen? Wenn man wüsste, wie, wofür und wo sie kämpfen wollten, könnte man ihnen vielleicht die eine oder andere Überraschung bereiten.“
    „Ich sehe, du verstehst worauf ich hinaus will. In einer offenen Schlacht siegt vermutlich der Stärkere, vielleicht auch der Klügere. Aber das ist nicht sicher, zu viel kann auf dem Schlachtfeld geschehen, auf das man keinen Einfluss hat. Aber ein vermiedener Kampf ist ein gewonnener Kampf.“
    Carantir schüttelte den Kopf.
    „Nein, ein vermiedener Kampf ist ein verlorener Kampf. Was gibt es denn ohne den Kampf zu gewinnen?“
    „Frag das die Witwen und Waisenkinder nach der gewonnenen Schlacht, Carantir. Frag das diejenigen, die ihr Leben verloren haben, wenn das möglich wäre. Oder diejenigen, die Arme und Beine gegeben haben und die nie wieder werden kämpfen können. Wenn die Schlacht tatsächlich unausweichlich ist, Carantir, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, dann muss die Schlacht geschlagen werden. Dann gilt es, sich so gut wie möglich darauf vor zu bereiten, das steht außer Frage. Aber bis dahin gilt es den offenen Kampf zu vermeiden.
    Zu erkennen, wann es Zeit ist zu kämpfen, und wann nicht, ist die edelste Aufgabe von allen. Das ist die Aufgabe, an der Könige und Fürsten scheitern, wenn sie die falschen Berater haben. Das ist die Aufgabe, an der auch starke Reiche zerbrechen können.“
    Andorlas beugte sich zu Carantir herüber, seine Stimme jetzt kaum mehr als ein Flüstern, das fast im Donnern der Brandung unterging:
    „Möchtest du lernen, diese Aufgabe zu meistern?“
    Carantir verstand, was der Elb ihm anbot, aber sein Geist weigerte sich diese Erkenntnis zu verarbeiten. Er behandelte die Offerte wie einen rosafarbenen Drachen, wie etwas, das ganz offensichtlich nicht existierte, weil es nicht existieren konnte, nicht existieren durfte. Er blickte Andorlas an, öffnete den Mund, ohne einen Ton zu sagen, und schloss ihn wieder. Er benahm sich wie jemand am falschen Ende einer Angel.
    „Ich breche bald wieder nach Harrens Hall auf, wo ich als Berater der Fürstenfamilie Arrin zu Diensten bin. Ich wäre bereit, dich als meinen Lehrling an zu nehmen, sofern du bereit bist, die siebenjährige Ausbildung abzuschließen. Ich werde für Kost und Logis in meinem Hause aufkommen, was du jedoch durch alle Tätigkeiten im Haushalt abgelten wirst. Neben deiner Ausbildung, versteht sich.“
    Bis eben hatte Carantir noch nicht gewusst, was er mit seinem jungen Leben anfangen sollte. Aus dem Nichts bot sich ihm eine Chance, wie sie nur wenigen Menschen zu Teil wird. Er zitterte am ganzen Körper, als er antwortete.
    „Ja, Meister, das will ich. Ich will mit euch kommen.“
    Andorlas nickte bedächtig.
    „Gut. Bevor du aber diese Stelle antreten kannst, musst du erst die Erlaubnis deiner Eltern einholen.“
    Carantir verstand nicht, wozu das gut sein sollte.
    „Ich bin schon volljährig, Herr. Ich brauche die Erlaubnis meiner Eltern nicht.“
    „Oh, da täuschst du dich. Du bist ein Kind deiner Eltern, und das bleibst du Zeit deines Lebens. Du musst deine Eltern achten, und du wirst sie fragen, denn ohne ihr Einverständnis werde ich dich nicht als Lehrling annehmen.“
    „Mein Vater ist schon tot, Herr.“ sagte Carantir mit einer merkwürdigen Mischung aus Trauer und Trotz.
    Der Elb legte ihm eine Hand auf die Schulter und blickte tief in Carantirs Augen. Es war ihm auf eine unerklärliche Art unangenehm, aber er konnte seinen Kopf nicht abwenden.
    „Hast du deinen Vater geliebt, Carantir?“
    „Das habe ich, Herr. Ihr ahnt nicht wie sehr.“
    Andorlas ließ ihn los und wandte seinen Kopf wieder dem Meer zu.
    „Dann ist dein Vater noch in deinem Herzen, und du kannst ihn auch fragen. Er wird dir seine Antwort sagen. Wahrscheinlich hat er das schon längst. Dein Mund wird mir seine Antwort geben, genauso so wahrhaftig, als hätte ich ihn höchstselbst gefragt.“
    „Er gibt mir sein Einverständnis, Herr.“
    Der Elb nickte.
    „Da du mit Sicherheit der Sohn deines Vaters bist, habe ich nichts anderes erwartet, Carantir. Jetzt bleibt nur, deine Mutter zu fragen. Wenn auch sie einverstanden ist, werden wir in drei Tagen gemeinsam abreisen. Ich vermute, du hast nicht viel zu packen, oder?“
    „Nein, Herr.“
    „Das dachte ich mir. Genieße die letzten Tage in der weißen Stadt von Belfalas, Carantir. Bald wird ein neues Leben für dich beginnen. Es wird entbehrungsreich sein, das will ich nicht verhehlen, aber ich bin mir sicher, es wird sich für dich lohnen. Nun aber muss ich dich verlassen.“
    Andorlas stand auf und deute eine kurze Verbeugung an.
    „Die Zeit der Unsicherheit ist vorbei, Carantir. Alles findet sich. Jetzt kommen glückliche Tage.“
    Jahre später, als Carantir am Rande einer sturmumtosten Klippe bei Harrens Hall stand, dachte er an diese Worte seines Meisters zurück.
    Glückliche Tage.
    Was für eine Verheißung.
    Was für ein Versprechen.
    Was für eine Lüge.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Wie immer super geschrieben.
    Jetzt dachte ich eingangs, GsD, Carantir wars nicht, der sich die Klippe runtergestürzt hat, da isser ja wieder :D
    und erst, als Andorlas namentlich erwähnt wurde hab ich gemerkt, dass es eine Rückblende ist... ;(
    :stick:
    Wat is nu? Schreib mal weiter, ich will jetzt wissen, ob es echt Carantir war ...

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Toll geschrieben Blink!
    Ich war absolut gefesselt von der Szene auf den Klippen! 8o
    Werd mir in nächster Zeit die Musse nehmen und deine Geschichte von Anfang an lesen.
    Sie ist es wirklich wert. Freu mich schon darauf.
    :thumbsup:

    Mehr aus meiner Feder: Gefangen im High Fantasy Bereich.


    Der Tag an dem alles begann findet ihr im Urban Fantasy Bereich auf fleißige Leser. ^^

  • melli: Ja, das war so'n Spleen von mir, dass ich die Hälfte der Geschichte in der "Vergangenheit" spielen lasse, dabei aber mit Absicht nie den Namne Carantir erwähne, damit nicht gleich klar ist, dass es immer um die selbe Person geht.


    Im Nachhinein finde ich das selber jetzt auch nicht sooooo gelungen.


    Wie auch immer: Machen wir dem Ganzen ein Ende!
    (Es gibt zusätzlich noch einen Epilog, der aber nur der Tatsache geschuldet ist, dass die Geschichte zur Vorbereitung für ein Pen&Paper-Rollenspiel geschrieben wurde, und in der die anderen Charaktere eingeführt werden.)


    Kapitel 10: Endlose Leere


    Dunkle, schwere Gewitterwolken schoben sich unablässig von See her über das Land und verschluckten das Licht der Sterne und des Mondes. Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet, und er schien ganze Meere auf die Erde herab regnen lassen zu wollen. Blitze zuckten zwischen den Wolkenungetümen hin und her, tauchten die ertrinkende Landschaft für kurze Augenblicke in grelles, unnatürliches Licht. Die wenige Erde auf der felsigen Klippe konnte die Wassermassen schon lange nicht mehr aufnehmen, und dünne Rinnsale stürzten wie Myriaden kleiner Wasserfälle über den Rand der Klippe ins Meer. Die See war aufgewühlt, und hohe Wellen brandeten wie ein Rudel wütender Warge gegen den Fuß der Steilküste. Am Rand der Klippe, knapp 20 Schritte über der brodelnden See, stand eine einsame Gestalt, bereit, den letzten, endgültigen Schritt zu wagen. Nach diesem gäbe es nur noch Dunkelheit, eine endlose Leere, die verlockende ewige Abwesenheit von Schuld, Verrat und Missgunst. Sie würde nie mehr ausgenutzt werden, nie mehr benutzt und verachtet, nie mehr verletzt und zurück gewiesen. Der kalte Regen rann in kleinen Rinnsalen durch ihre langen Haare und über das schmale Gesicht, durchdrang die Kleider, die an der dünnen Gestalt klebten. Aber das war egal. Nichts von alledem war mehr wichtig.
    Das beständige Donnern der Brandung klang wie eine riesige Kriegstrommel, die unermüdlich von Höhlentrollen geschlagen wurde und die Armeen der Dunkelheit zum letzten Gefecht rief. Daneben gab es nur das unablässige Brausen des Windes und das Klatschen der Regentropfen. Doch plötzlich waren noch andere Geräusche zu vernehmen. Zwischen den Donnern waren Schritte zu hören, die eindeutig näher kamen. Zwei in Leder gekleidete Füße stampften in schneller Folge durch die kleinen und großen Pfützen auf dem Plateau. Bald war schweres, erschöpftes Atmen zu hören. Jemand kam aus Richtung Harrens Hall zum Rand der Klippe gelaufen. Wer auch immer es war, er würde sie nicht mehr aufhalten können. Sie brauchte nur einen winzigen Schritt zu tun. Keine Hände konnten so schnell, keine Argumente so überzeugend sein sie aufzuhalten. Wer auch immer da kam, musste es ebenfalls erkannt haben, denn der Klang der Schritte verstummte plötzlich. Sie blickte sich um, und weniger Meter hinter ihr stand Carantir, der sie mit großen Augen entsetzt anstarrte.
    „Elunaé? Aber wieso? Was machst…“
    „Schweig, Carantir. Es gibt nichts mehr zu sagen!“
    Ihrer Aufforderung fehlte nicht der erforderliche Nachdruck, dennoch fiel sie nicht auf fruchtbaren Boden. Carantir beschlich die Vorahnung, dass Elunaé aus demselben Grund hier war wie er. Es konnte gar nicht anders sein. Er musste mit ihr reden. Über alles. Jetzt. Hier.
    „Elunaé, was hast du vor? Du willst doch nicht etwa…?“
    „Ich will und ich werde. Mein Entschluss steht fest, Carantir.“
    „Nein, das darfst du nicht! Du hast dein ganzes Leben noch vor dir!“
    Zornesröte stieg Elunaé in die bleichen, regennassen Wangen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen und schrie ihn an:
    „Mein Leben liegt noch vor mir? Was für ein Leben denn, Carantir? Was weißt du denn von mir, von meinen Leben? Meinst du, es macht Spaß, als Waise in ein Bordell verkauft zu werden? Glaubst du, ich habe mich darauf gefreut, jeden Abend für Kurrugan im Klabautermann zu schuften, und immer dann, wenn er trunken vor Lust, aber nüchtern genug war, um nicht sofort einzuschlafen, ihm zu Diensten zu sein? Die anderen Huren mussten sich mit all den Gästen abgeben, ich hatte nur den einen Freier. Aber er war der Schlimmste von allen. Ich habe gedacht, mit dir würde sich das ändern, aber ich habe mich getäuscht. Ich habe mich in dir getäuscht.“
    Carantir war wie vor den Kopf geschlagen. Er konnte nicht glauben, was Elunaé erzählte. Nie hatte er etwas bemerkt, wie sollte das möglich sein?
    „Aber ich hatte doch keine Ahnung. Woher sollte ich denn wissen…“
    Sie drehte sich um und schrie ihn an: „Du weißt doch sonst so viel, Carantir. Du kannst den Menschen in die Seele blicken, du großer Zauberer, aber für das Offensichtliche bist du blind. Meinen Kummer und meinen Schmerz hast du nicht bemerkt? Ich leide unsäglich, und du fabulierst begeistert von deinen magischen Studien. Du nennst den Käfer beim Namen, aber siehst den Baum nicht, auf dem er sitzt. Und dann, nach deiner letzten Kränkung, sehe ich dich mit dieser fremden Kriegerin, mit dieser metallenen Hure, wie ihr stundenlang schäkert und trinkt und miteinander lacht, genau vor meiner Nase, und ich sehe Kurrugan, wie er ein neues Fass auf den Tresen wuchtet und grinst und sagt, mit mir würde er später dasselbe tun.“
    Carantir brauchte einige Zeit, um das Ganze zu verarbeiten. In seinem Kopf drehte sich alles. Der Gedanke an einen einsamen Sprung über die Klippe, den er noch vor wenigen Minuten ohne zu zögern gewagt hätte, verblasste wie eine alte Erinnerung. Er war ein Narr gewesen, und er hasste sich dafür. Aber Elunaé sollte nicht darunter leiden.
    „Sie war nur irgendeine Fremde, Elunaé. Du hattest tagelang nichts von dir hören lassen, obwohl ich immer auf ein Zeichen gewartet habe. Nur wegen dir war ich im Klabautermann. Ich wollte mich einfach ablenken, suchte jemandem zum Reden, das ist alles. Ich liebe dich, Elunaé, nur dich, versteh‘ das doch, bitte! Ich wusste das alles nicht. Ich helfe dir bei Kurrugan, ich…“
    Elunaé senkte ihren Kopf und ihre Stimme.
    „Ich brauche deine Hilfe nicht. Nicht mehr. Als Kurrugan sich heute Nacht nach Schankschluss an mich ranschmeißen wollte, habe ich ihm das Küchenmesser in den Leib gerammt. Nie hätte er damit gerechnet. Du hättest seine erschrockenen Augen sehen sollen, Carantir. Er war so stark, er hätte mich packen und mir das Genick brechen können wie einen dürren Ast, aber in seinen Augen war nur Überraschung und Verwirrung. Als ich das Messer herumdrehte, liefen seine ganze Kraft und seine Überheblichkeit rot und hell aus ihm heraus wie guter Wein. Er hat nicht einmal geschrien, er sah mich nur an und starb, während sein Blut in Strömen an ihm herunter rann. Es war so wunderschön, du hättest dabei sein sollen. Es war der herrlichste Moment in meinem Leben. Für mich gibt es kein Zurück mehr, Carantir, nirgendwohin.“
    Eine gefühlte Ewigkeit lang sagte niemand der beiden etwas. Um sie herum tobte das Gewitter mit beständigem Donnern und Prasseln und Pfeifen, aber beide fühlten nur eine absolute Leere, sowohl in ihren Köpfen als auch in ihren Seelen. Carantir fasste zuerst einen Entschluss und sich dann ein Herz. Wenn es nur einen einzigen, letzten Pfad hier hinaus gab, so sollten sie ihn zusammen beschreiten.
    „Dann lass uns diesen letzten Weg gemeinsam gehen, Hand in Hand. Ich bleibe bei dir bis zum Ende. Ich liebe dich, und ich will ohne dich nicht sein. Die Welt braucht uns nicht, und wir brauchen sie nicht.“ Er machte einen Schritt auf sie zu.
    Sie schrie ihn an. „Zurück! Wage es ja nicht, oder ich springe sofort!“
    Er starrte sie verdutzt an. Dann ahnte er es. Natürlich, er war wirklich ein Narr. Ein Kindskopf und ein Esel. Aus dem, was er für eine edle Geste gehalten hatte, machte die Welt einen grausamen Scherz. Wie konnte es anders sein?
    „Du… du liebst mich nicht mehr, nicht wahr?“
    „Ob ich dich noch liebe, Carantir? Ich habe versucht, dich zu hassen! Aber ich konnte es nicht, nicht so, wie ich wollte. Vielleicht liebe ich dich noch, tief in meinem Innersten, vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.“ Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. „Ich weiß es wirklich nicht.“
    Er fiel auf die Knie und flehte sie an: „Bitte, Elunaé, tu mir das nicht an. Wenn du gehst, ist mein Leben sinnlos. Wenn du springst, werde ich auch springen. Deshalb sind wir beide hier, deshalb hat uns das Schicksal genau hier zusammen geführt. Du weißt es! Dann lass es uns wenigstens gemeinsam tun.“
    Sie drehte sich um, wandte sich von seiner knienden Gestalt ab.
    „Wenn du mich immer noch liebst, Carantir, dann musst du mir ein Versprechen geben, bei deiner Liebe zu mir. Kannst du das?“
    Er ließ den Kopf sinken, konnte sie nicht mehr ansehen, obwohl sie ihm den Rücken zuwandte.
    Er schluckte.
    „Ja, ich kann es. Wenn es dein Wunsch ist, werde ich dir dieses Versprechen geben.“
    „Ich hatte kein Leben, Carantir. Mein Tod ist für Niemanden von Bedeutung, außer vielleicht für dich. Aber du, du hast dein ganzes Leben noch vor dir. Du kannst das Leben leben, das ich nie hatte, für mich. Du kannst die Chance ergreifen, die mir die Welt nie geboten hat. Für mich stand nie etwas zu erwarten. Aber für dich! Du hast mir von deinen Plänen erzählt, von dem, was du noch alles lernen willst. Daher fordere ich folgendes Versprechen: Was immer auch passieren wird, du wirst dein Leben nie aus freien Stücken selbst beenden. Du wirst nie die Hand in Zorn oder Trauer gegen dich selbst erheben. Du wirst dein Leben leben, so wie die Götter es vorherbestimmt haben. Versprich mir das, Carantir, schwöre es bei deiner Liebe zu mir!“
    Dicke Tränen rollten über seine Wangen und vermischten sich mit den Regentropfen. Niemand hätte bei dem Gewitter sehen können, dass er weinte, aber er hielt den Kopf weiter gesenkt und sprach mit stotternder Stimme.
    „Ja, ja ich verspreche es. Ich werde mir selbst kein Leid zufügen, niemals. Bei meiner Liebe zu dir.“
    Er wartet auf eine Antwort, aber er wartete vergebens. Nur der Regen trommelte auf seinen Rücken und der Wind fuhr durch seine nassen Kleider. Als er den Kopf hob, sah er über den Rand der Klippe hinaus nur dunkle Wolken und das Meer.
    Elunaé war verschwunden.
    Carantir rollte sich auf dem felsigen Boden zusammen und weinte bitterlich. Der Boden war hart, seine Kleider vom Regen durchtränkt, es war kalt, aber er fühlte nichts weiter als Traurigkeit und Leere.
    Stunden später, als der Himmel aufklarte und die Morgendämmerung heraufzog, lag er noch immer regungslos in derselben Pfütze. Er hatte keine Tränen mehr, und er fühlte auch nichts mehr. Er wusste nicht warum, doch die Traurigkeit war fort. In ihm war nur noch Leere. Er fühlte sich wie eine Hülle, wie ein Körper, der nur noch funktioniert und nicht mehr nach dem Warum und Wieso fragt.
    Der Schmerz würde wiederkommen, immer wieder, aber jetzt war er fort, weiter gezogen wie das Gewitter. Im Licht der ersten Sonnenstrahlen stand Carantir auf und trat an den Rand der Klippe. Er blickte hinaus auf die See, die sich inzwischen beruhigt hatte, und auf den Himmel mit den immer dünner werdenden Wolkenfetzen. Er konzentrierte sich auf den weit entfernten Punkt, an dem Meer und Horizont sich trafen.
    „Wenn du mich noch immer liebst“, flüsterte er, „dann warte dort auf mich."


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • ;(;(;(
    Schniieef - was für ein trauriges Ende. Aber trotzdem eine tolle Geschichte :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Der guten Vollständigkeithalber noch der
    Epilog


    Carantir betrachtete den Tropfen edlen Rotweins, der außen an der leeren Kristallkaraffe herunter lief. Der Anblick erinnerte ihn an Elunaé, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Entsprach das Rot der Farbe ihrer Lippen, oder erinnerte es ihn an einen Blutstropfen und an die Nacht, als sie sich das Leben nahm? Das war zwar erst zehn Tage her, doch es kam ihm vor wie eine Ewigkeit.
    Der Brand im Klabautermann, der Tod zweier Menschen und Elunaés Verschwinden hätten normalerweise für viel Aufsehen gesorgt und wären wochenlang das Gesprächsthema in den Straßen und Gassen von Harrens Hal gewesen, aber dies waren keine normalen Zeiten. Die Nachricht vom Verschwinden des Königs hatte die Stadt erreicht, und die Sorge um die Zukunft Gondors hatte sich tief in die Herzen und Köpfe der Menschen gegraben. Viele befürchteten, dass es zu einer Königsfehde kommen würde, und dass sich Gondor um die Nachfolge des Königs zerstreiten würde. Der kleine Rat des Fürsten traf sich inzwischen täglich, um das weitere Vorgehen in dieser Sache zu besprechen. Andorlas war immer öfter in der Burg, und er blieb immer länger dort. Bei einer Königsfehde, sollte sie offen ausgetragen werden, waren zehntausende von Toten zu befürchten. Da fielen zwei mehr oder weniger kaum ins Gewicht. Selbst die Vorbereitungen für das anstehende Erntefest vermochten nicht die freudige Erwartung früherer Jahre zu wecken.
    Seiner Mutter hatte Carantir noch an dem Tag nach Elunaés Freitod deutliche Worte gesagt, und sie war umgehend beleidigt abgereist. Entgegen seiner Vermutung hatte Andorlas nicht in die Diskussion eingegriffen, weder offen noch versteckt, und dafür war er seinem Lehrmeister sehr dankbar. Carantirs Platz war jetzt hier, in diesem Haus, in dieser Stadt, in diesem Leben. Obwohl sich sein Lehrmeister auch nach der Abreise von Carantirs Mutter nicht dazu geäußert oder eine erkennbare Reaktion gezeigt hatte, vermutete Carantir, dass Andorlas insgeheim doch große Stücke auf ihn hielt und seinen Lehrling nicht ziehen lassen wollte.
    „He, Carantir, träumst du?“
    Tindirion starrte ihn an, hoffentlich noch nicht allzu lange.
    „Nein, entschuldige bitte. Ich habe nur gerade überlegt, welchen Wein ich als nächsten öffnen soll.“
    In Andorlas Abwesenheit musste Carantir alle Aufgaben des Hausherrn übernehmen. Heute Abend hatte er die Gelegenheit genutzt, um zwei alte Freunde zu sich einzuladen. Tindirion Feuerklinge, ein stämmiger Dunadan aus einer angesehenen Familie, war schon vor zwei Wochen zusammen mit einigen Rittern in Harrens Hall angekommen, hatte aber die meiste Zeit auf der Burg verbracht. Amithelion hingegen, ein Jäger und Fallensteller, hatte erst heute nach langer Zeit mal wieder die Stadt betreten, um Felle zu verkaufen und Neuigkeiten aus dem Reich zu erfahren. So unterschiedlich Tindirion und Amithelion auch sein mochten, beide redeten eher zu wenig als zu viel, und wenn, dann sprachen sie gerade heraus. Besonders Tindirion sagte, was er dachte, und dachte, was er sagte. Das war eine Eigenschaft, die Carantir sehr schätzte. In den zwei Jahren, die Tindirion als Stadtwache in Harrens Hall gedient hatte, waren sie gute Freunde geworden. Da die Stadtwache oft an den Toren Dienst tat und so jeden kannte, der die Stadt regelmäßig betrat oder verließ, war es auch Tindirion, der Carantir mit Amithelion bekannt gemacht hatte.
    „Und sie hat dich wirklich geschlagen?“ fragte Amithelion gerade.
    „Nein, nicht geschlagen, getroffen.“ Tindirion zeigte auf den blauen Fleck an seinem Oberschenkel. „Schlagen wird sie mich niemals. Obwohl sie sicherlich besser kämpft als die Hälfte aller Soldaten, die ich bis jetzt kennen gelernt habe. Und das als Mädchen!“
    Marlis, die junge Kriegerin, die Carantir an seinem letzten Abend im Klabautermann kennen gelernt hatte, war inzwischen in der Obhut des Fürsten und auf der Burg eingezogen. Anscheinend war sie von Adel und dadurch einigen wenigen hohen Herren bekannt. Das hatte sich in den letzten Tagen jedoch geändert, denn in ein paar Schaukämpfen hatte sie unter anderem Tindirion einige blaue Flecken verpasst und ein paar Rüstungen verbeult, so dass sie jetzt jeder in der Stadt kannte. Tindirion hätte sie gerne zu dem Treffen heute Abend mitgebracht, aber Carantir wollte sie nicht sehen. Noch nicht. Das wäre noch zu früh gewesen. So saßen in dem Salon im Erdgeschoß von Adorlas Stadthaus nur seine beiden Freunde. Die einzigen, die er hatte.
    „Jetzt sag doch einmal, welche Nachrichten habt ihr dem Fürst überbracht?“
    Tindirin machte kurz eine abweisende Handbewegung. „Das ist geheim. Darüber darf ich kein Wort verlieren.“ Dann starrte er Carantir beschwörend an. Anscheinend wusste der angehende Ritter, welche Fähigkeiten Andorlas seinem Lehrling beibrachte.
    Amithelion lehnte sich zurück. „Manchmal bist du ein ganz schöner Spielverderber, mein lieber Tindirion. Also, Carantir, welchen edlen Tropfen willst du uns denn als nächstes kredenzen?“
    Carantir stand auf und zwinkerte seinen Freunden zu. „Tut mir leid, das ist geheim. Darüber darf ich kein Wort verlieren.“
    Er machte sich auf den Weg in die Küche, während seine Freunde noch lachten und sich dabei in den gemütlichen Sesseln zurücklehnten.
    Auf halbem Wege blieb Carantir im Flur stehen. Er starrte die Treppe hinauf ins Halbdunkel des oberen Stockwerks, überlegte einen Moment, und ging dann hinauf. Er betrat die Bibliothek, ohne ein Licht zu entzünden, und steuerte auf den verglasten Erker zu. Dort auf dem kleinen Regal lag das alte Buch mit den elbischen Zaubern, in dem er bis zu Elunaés Tod so viel gelesen hatte, und welches er seitdem nicht mehr angerührt hatte. Durch die Fenster sah man den Hafen von Harrens Hal, in dem die Schiffe mit vollständig gerefften Segeln leicht im auflandigen Abendwind hin und her schaukelten. Die wenigen Lichter im Hafen waren gerade hell genug, um in der fast mondlosen Nacht die groben Umrisse der Schiffe erkennen zu können. Kleine Fischerboote, dickbäuchige Küstensegler und schmale, schnelle Kriegsschiffe lagen direkt nebeneinander. Die Szenerie wirkte friedlich. Nichts deutete darauf hin, dass einige dieser Schiffe bald mit Soldaten beladen auslaufen sollten, um den Tod in andere Teile Gondors zu tragen.
    Niemand konnte mit Sicherheit wissen, was die Zukunft bringen würde. Und vielleicht war das auch besser so. Sollte die Welt morgen untergehen, so würde er doch heute noch mit seinen Freunden feiern. Carantir öffnete eines der Fenster im Erker, und ein warmer Lufthauch kam herein und küsste ihn sanft unter dem Kinn wie eine zärtliche Geliebte. Er schloss die Augen und genoss die flüchtige Berührung.
    „Elunaé“ wisperte er. Minutenlang stand er einfach so da, mit geschlossenen Augen, atmete tief und ruhig die frische, salzige Seeluft, während sein Geist auf Reisen ging. Ein ferner Ruf riss ihn schließlich aus seinen Gedanken.
    „Carantir, wo bist du? Willst du den edelsten Tropfen im Haus für dich alleine, oder wieso kommst du nicht zurück?“
    „Ich komme schon, kein Grund zur Eile.“ rief er herunter, dann schloss er das Fenster. Dabei drückte er den Griff langsam und bedächtig zu, so als wollte er mit einer Sache bewusst abschließen, auch wenn es ihm schwer fiel. Er blickte auf das große elbische Buch, hob es auf und streichelte die Runen auf dem schweren Einband.
    „Du wirst stolz auf mich sein.“ flüsterte er.
    Dann nahm er das Buch und verließ die Bibliothek.





    So. Fertig. Die Arbeit eines Jahres. Irgendwie wenig für die Zeit, aber merh war nicht drin. K. A., woher ihr anderen die Zeit nehmt.... aber egal. :P


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Blink, wieso fertig? An deiner Stelle würde ich die Geschichte von Carantir weiterspinnen. Der Epilog zeigt viele Möglichkeiten auf.
    Als Leser habe ich die Liebesgeschichte zwischen Carantir und Elunae nicht als Mittelpunkt der Geschichte gesehen, sondern nur als eine Station in Carantirs Werdegang. Deshalb bin ich nicht damit zufrieden, dass ihr Tod die Geschichte enden läßt.
    Das zum Einen.
    Zum Anderen: ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnte, aber du hast ne wirklich tolle Schreibe. Sehr professionell. Es gibt nichts Hakeliges oder Störendes, der Text bedient mühelos das Kopfkino - einfach nur top! :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Blink: Wirklich super geschrieben. Nur bei dem Sturz oder Fall von 20 Schritt kommt da bei mir wieder der Samurai durch. Da selbst wenn man nur im stehen fällt, es einem Menschen die Lunge zerreißen kann. Oder anders, man kann nur überleben, wenn man weiß wie man sich fallen laßen muß. Aber ich denke mal, da man auch fliegen kann, that's fantasy. Von daher echt tolle Leistung. Mach weiter so :thumbsup:
    LG Maitreya

  • Vielen dank für die Kritik. Dass sie überwiegend positiv ausfällt, freut mich natürlich umso mehr.


    melli: Tatsächlich ist die (Liebes-)Geschichte nur eine Episode im Leben Carantirs. Ich bezweifele allerdings, dass ich je eine andere, weitere Episode schreiben werde. Vielleicht, wenn ich in Rente bin. :D


    Maitreya: Es sollte eigentlich so zu lesen sein, dass Elunaé springt (und damit auch stirbt). Ich hab das zwar nicht explizit geschrieben, hatte aber gehofft, dass es aus dem Kontext klar wird. Falls nicht, gib mir bitte noch mal einen Wink, dann muss ich diesen Teil deutlicher schreiben.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Ich bezweifele allerdings, dass ich je eine andere, weitere Episode schreiben werde. Vielleicht, wenn ich in Rente bin.


    8| ...... X(


    :stick:


    ...schreib weiter, bitte ;(


    Ich kann seeeehr hartnäckig sein. :D

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Blink: Zum sterben reichen 20 Schritte.
    Ich kann Melli auch nur zustimmen, ich mag solch traurige Geschichten, aber du könntest eine weitere Folge über Carantir und in Rente kann man schnell kommen, :D
    LG Maitreya