Beiträge von Kiddel Fee

    Danke euch allen, die ihr so treu lest und Nate so tapfer zur Seite steht! Ihr seid klasse! Sind auch bald fertig!




    “Als ich dich das letzte Mal persönlich getroffen habe, bist du noch auf meinen Knien geritten.”
    Wie ein Blitz schlugen die Worte in Nates Bewusstsein und verdrängten für einen Moment die entsetzliche Dauerschleife der letzten Stunden aus seinem Denken. Bis jetzt war es ihm egal gewesen, wer ihn hier in seiner Zelle aufgesucht hatte. Er wollte niemanden sehen und mit niemandem sprechen. Die Zeit hier schien still zu stehen.
    Anfangs hatte er noch getobt, hatte seine Kopf gegen die Wand geschlagen, bis sie ihn am Bett fixiert hatten. Seine Hände waren gefesselt, immerhin hatte er nur mit ihnen einen Menschen getötet. Selbst zu den Mahlzeiten blieben die Handschellen dran, doch die Mahlzeiten kümmerten ihn nicht mehr. Nichts kümmerte ihn mehr.
    Doch jetzt war ein Gast erschienen.
    Trotz seiner innerlichen Aufregung tat er seinem Besucher nicht den Gefallen, Interesse zu zeigen oder zumindest den Kopf zu heben. Er blieb an der Wand sitzen und starrte auf seine zerschlissenen Schuhe. Es gab nichts zu sagen.
    Kommandant Kirschner seufzte kurz, dann lehnte er sich an die Wand. “Junge, was soll ich jetzt mit dir machen?” Er klang immer noch wie früher. Mitfühlend, mit einer leicht kratzenden Note in der Stimme.
    Mit einem Mal fühlte sich Nate zurückgeschleudert in einen Sommer vor fast fünfzehn Jahren, als dieser Mann gemeinsam mit seinem Vater im Garten gesessen und mit diesem über den drohenden Krieg gesprochen hatte. Doch er sagte nichts. Wozu auch. Selbst Kirschner würde Ivy nicht zurückholen können … sollte er doch einfach wieder verschwinden.
    Der Kommandant ahnte wohl, dass sein Gegenüber nicht auf einen Plausch aus war. Für einen Moment füllte das Schweigen die Zelle aus.
    “Hör mal, Junge, ich will dir helfen”, seufzte Kirschner schließlich. “Dein Vater war mein guter Freund, bis der Krieg uns zu Feinden gemacht hat.”
    Stille.
    Nate schloß die Augen. Als hätte es nur auf diesen Moment gewartet, stieg Ivys Bild vor ihm auf, die Sekunden ihres Todes, als ihr Leben erloschen war -
    Erneut ballten sich seine gefesselten Hände, seine Arme zuckten, als gelte es immer noch, das letzte bisschen Leben aus Artax herauszupressen.
    Kirschner musste es bemerkt haben.
    “Du hast einen Mann getötet, Kendall. Hier in der Veste. Darauf steht die Todesstrafe. Und der Rat sitzt mir im Nacken. Sie verlangen deine Herausgabe oder alternativ deine Hinrichtung aufgrund von Kriegsverbrechen. Was soll ich ihnen sagen, hm?”
    Betont langsam hob Nate den Kopf und sah den älteren Mann an. Was gab es hier noch zu überlegen? Warum machte der Alte nicht einfach seinen Job, damit Nate endlich einmal Ruhe hatte? Dieses ständige Verhandeln und Debattieren war zermürbend. Erst im Hort, jetzt hier. War es sein Schicksal, die Strafe bis in alle Ewigkeit im Nacken zu spüren, ungewiss, wann sie über ihn hereinbrechen würde? Musste er für den Rest seines Lebens darauf warten, dass irgendwer endlich das Zeug dazu hatte, ihn rechtmäßig zu exekutieren? Seine Fingernägel gruben sich in die Handballen, die Kunststofffessel knarzte warnend. Er starrte den Kommandanten verächtlich an.
    Dieser hob das Kinn, straffte den Rücken und verschränkte die Arme. “Ich hätte große Lust, ihrer Aufforderung nachzukommen. Du und deine Leute haben hier einiges durcheinander gewirbelt und ich will meine Ordnung zurück.” Er schnaubte kurz. “Andererseits kann ich das Andenken an deinen Vater nicht besudeln, in dem ich seinen Sohn für Dinge hinrichte, die jeder von uns ebenfalls getan hat.”
    Nate weigerte sich, den Ball aufzufangen und zurückzuspielen. Er schwieg weiterhin und konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, damit seine Gedanken nicht zu dem kleinen blonden Mädchen zurückkehrten.
    “Nein, ich werde dich nicht töten, Kendall. Ich verurteile dich zum Leben. Und wer weiß, vielleicht wird das die schlimmere Strafe sein.” Kirschner drehte sich um und stiefelte davon. Die Tür schloss sich hinter ihm und ließ Nate allein in der Verzweiflung zurück.

    wer Musik dazu möchte : bitte sehr



    Wie auf ein geheimes Kommando legte die Soldaten an. Doch Thyras hob beschwörend die Hand und passierte den Türrahmen.
    Nein!
    Stumm vor Entsetzen blickte er auf das Bild, das sich ihm bot.
    Artax lag am Boden, die Augen aufgerissen und leer. Blut war aus seinem Mund geflossen und seine Zunge hing halb zwischen den blauen Lippen hervor.
    Nate kniete auf dem Brustkorb des Elementalen und sah mit ausdrucksloser Miene auf diesen herab. An seinen Händen klebte ebenfalls Blut, es tropfte aus einer Wunde im Gesicht und auf seiner Brust prangte ein handtellergroßes Loch in seinem Shirt.
    “Nate.” Vorsichtig trat Thyras näher, doch dann erblickte er die beiden anderen Personen am Boden.
    Etwas schien ihn auf die Brust zu treffen, er taumelte und musste Halt an der Wand suchen. Ein dicker Kloß wuchs in seiner Kehle, drückte ihm die Luft ab und ließ seine Augen brennen. Die Kleine … und ihr väterlicher Freund ...

    Da kam wieder Leben in Nate, er sprang auf, tat drei Schritte und fiel mit einem erstickten Laut neben Ivy auf die Knie. “Ivy …”
    Der Schmerz fuhr über sein Gesicht wie ein Blitz, er stieß einen unmenschlichen, klagenden Laut aus. Seine großen Hände verharrten bebend nur Zentimeter von dem kleinen Kinderkörper entfernt. Dann beugte er sich langsam vor, schob mit unendlicher Behutsamkeit seine Finger unter ihre Arme und hob sie sanft hoch. Vorsichtig, als wolle er sie auf keinen Fall verletzen, drehte er sie ein wenig, zog sie auf seinen Schoß und hielt sie. “Hey, Kleines …”
    Der flachsblonde Kinderschopf fiel kraftlos nach hinten. Blaue leblose Augen starrten an die Decke. Aus dem linken Mundwinkel lief ein dünner Blutfaden.
    Zärtlich verlagerte er ihr Gewicht, sodass der kleine Kopf in seiner Ellenbeuge ruhte. “Ivy … ich bins, Nate. Du brauchst keine Angst vor dem Mann zu haben. Er tut dir nichts mehr.” Seine Finger strichen blonde, dünne Strähnen aus dem bleichen Gesicht, fuhren über ihre Wange. “Komm, meine Kleine. Ich bringe dich nach Hause - “
    Seine Stimme kippte und mit einem Mal wurde er von wilden Schluchzern geschüttelt. “Ich bringe dich heim. Rett wartet sicher schon auf uns … “
    Stumm kam Thyras an seine Seite.
    Doch der junge Mann nahm keine Notiz von ihm. Tränen tropften auf Ivys blutverschmierte Brust. Nates Worte waren kaum zu verstehen, seine Trauer erstickten sie beinahe. ”Wach auf, Ivy. Komm, wach auf. Komm schon!”
    Er brüllte jetzt, doch die Kleine konnte ihn nicht mehr hören.
    Verzweifelt presste er sie an sich, barg ihren Kopf an seiner Schulter und wiegte sie, als müsse er sie trösten. Dabei schrie er selber immer wieder gequält auf, weil er das, was über ihn gekommen war, nicht fassen konnte.
    Thyras spürte seinen Schmerz beinahe körperlich. Leise ließ er sich neben den beiden nieder und auch sein Herz krampfte sich zusammen, als er Ivys blasses Gesicht sah, starr, wie eine Maske. Auch ihm schossen die Tränen in die Augen.
    “Nate … “
    Der Angesprochene hob den Kopf und sah ihn verzweifelt an.
    “Warum? Wir hatten es doch schon geschafft. Sie war in Sicherheit. Wieso?” Wieder blickte er auf das Mädchen in seinen Armen hinab. “Wieso sie? Sie war - völlig unschuldig. Sie hat niemandem etwas getan.” Erneut brach seine Stimme. “Nur weil sie zu mir gehörte, weil sie mir etwas bedeutet hat …” Ein neuer Schrei drängte aus ihm heraus. “Ich hatte versprochen, sie zu beschützen!” Mit ohnmächtiger Wut hieb er auf den Boden. Dann strich er dem Mädchen erneut über die Wange. “Es tut mir so leid, Ivy. Ich habe versagt. Ich habe versagt.” Seine Stimme verabschiedete sich endgültig, seine Trauer übermannte ihn.
    Thyras blieb nichts übrig, als ihm stummen Beistand zu leisten, während er, Ivy an sich gedrückt, hemmungslos weinend aufgab.

    Die Soldaten hatten mit betretenen Mienen draußen gewartet, bis schließlich Kirschner höchstpersönlich auftauchte. Als er das Zimmer betrat, warf er Artax’ Leiche einen langen Blick zu, dann musterte er schweigend Nates Rücken. Der junge Mann hatte sich noch immer über das Kind gebeugt und hielt es fest. Thyras schüttelte auf Kirschners fragende Miene stumm den Kopf. Er konnte nichts sagen.
    Schließlich nickte Kirschner zwei Männern zu und ruckte mit dem Kinn zu Rett hinüber. Behutsam wurde dieser aufgehoben und aus dem Raum getragen, ohne dass er wieder zu sich kam.
    Dann sah der Militär wieder zu Nate und Thyras erkannte, dass die Trauer des jungen Mannes auch den Kommandanten nicht kalt ließ. Es war die Pflicht des Befehlshabers, Nate in Gewahrsam zu nehmen, bis ermittelt werden konnte, was hier passiert war. Doch keiner schien angesichts dieser Verzweiflung eine Verhaftung durchführen zu können.
    Thyras selbst kniete immer noch neben Nate und obwohl ihm selber furchtbar elend zumute war, legte er dem Jüngeren schließlich die Hand auf den bebenden Arm.
    “Gib sie mir, Nate.” Er war erstaunt, wie ruhig seine Stimme klang und wie er automatisch den Namen wählte, den nur die Familie und die Freunde benutzten. “Gib sie mir. Du kannst nichts tun. Ich kümmere mich um sie.”
    Erst wirkte es, als hätte Nate ihn gar nicht gehört. Keine Reaktion war erkennbar. Doch dann hob er so langsam den Kopf, als würde er aus einem Traum erwachen und schaute Thyras mit entsetztem Gesicht an. Gleichzeitig schien er Ivy noch fester an sich zu drücken.
    Thyras brauchte einen Moment, um zu begreifen. Nate hatte erst ein Familienmitglied sterben sehen. Und dieses war nur wenige Augenblicke später in den Tiefen des Horts verschwunden.
    “Ich verspreche dir, Ivy wird nicht in der Aufwertung landen, Nate.” Er sah direkt in die dunkelbraunen Augen. “Ich schwöre es!” Langsam streckte er die Hände aus.
    Nate blieb stumm. Dann sanken seine Schultern herab, sein Griff um das Kind lockerte sich.
    Behutsam hob Thyras den kleinen Körper aus Nates Armen, barg den Kopf an seiner Schulter und erhob sich. “Ich kümmere mich um sie”, wiederholte er eindringlich.
    Wortlos nickte Nate, den Blick auf den Boden gerichtet. Er machte keine Anstalten aufzustehen.
    Kirschner seufzte tief, als Thyras mit seiner kostbaren Last an ihm vorbeischritt und schloss mit schmerzvollem Gesicht die Augen. “Nehmt ihn fest!”, wies er seine Untergebenen tonlos an, bevor er sich umdrehte und beinahe fluchtartig das Zimmer verließ.


    Nun bin ich mal gespannt, wer überlebt und wer nicht und wie es generell weiter geht

    du glaubst, ich schlachte alle ab oder? Naja, bei Rett isses noch offen, der liegt momentan halt rum. Astra ist verletzt, Kay schon tot - ich bin auf nem guten Weg:evil:

    Zu spät


    Die Welt kippte.
    Ivy fiel und Nate fiel mit ihr, es schien ihn aus seinem Körper herauszuschleudern.
    Fassungslos sah er zu, wie Artax hysterisch brüllend das kleine Kind zur Seite warf und in einem Moment absoluten Triumphes die Arme hob. Wie in Zeitlupe flog Ivy, sank aufs Retts Rücken und legte sich dort zur Ruhe, das helle Haar mischte sich mit den dunklen Locken.
    Irgendjemand neben ihm schrie laut und als er den Kopf wandte, sah er sich selbst auf den Knien und sein eigenes Gesicht hatte nichts Menschliches mehr. Der Kerl da war völlig außer sich, doch als er in sich hineinhorchte, fühlte er - gar nichts. Es war, als hätte sein Verstand abgeschaltet, weil er die Grausamkeit nicht länger erfassen konnte.
    Wieder füllte Lachen den Raum, bildete eine grausige Dissonanz mit dem Klagen seines Körpers. Artax lachte, während er Nate auf dem Boden sah, er feierte seinen Sieg und Häme und Irrsinn zerrissen seine Miene zu einer hässlichen Fratze.
    “Es ist einfach, einen Menschen zu töten. Du musst lediglich wissen, wo du ansetzen musst - und du musst es wirklich wollen.”
    Die Worte hatten sich in sein Gedächtnis gebrannt. Damals, als er seinem Vater gegenübergestanden hatte und entsetzt von sich selbst war, weil er das erste Mal einen Menschen umbringen sollte ...
    “Es ist einfach … zu töten …”
    Kreischend schraubte sich das misstönende Gelächter in seine Ohren und löschte jeden anderen Gedanken aus. Sein Körper erhob sich in einer einzigen fließenden Bewegung. Jahrelang antrainierte Bewegungsabläufe, die er nie zu nutzen gewagt hatte, wurden durch Artax’ Hohn aktiviert, im Nu war er auf den Beinen und sprang den Elementalen der Dunkelheit an.
    Artax schnappte erschrocken nach Luft, er hatte die Attacke nicht kommen sehen und landete hart auf dem Rücken.
    Mit einem Satz war Nate über ihm, presste den Gegner mit seinem eigenen Gewicht auf den Boden. Ein kräftiger Schlag auf das Handgelenk ließ dieses hörbar knacken und die Finger des Elementalen gaben das Messer frei -
    Reglos sah Nate zu, wie er selbst zum Schlag ausholte und die Faust mit aller Kraft in Artax’ Gesicht schmetterte. Es knirschte übelkeitserregend, dann spritzte Blut und der Getroffene stieß einen Laut aus, halb heulend, halb rasend vor Zorn. Die Hände, die eben noch die Finsternis koordiniert hatten, fuhren bebend zu dem verletzten Gesicht, betasteten die Wunde, als könnte die bloße Berührung Linderung verschaffen …
    “Du musst wissen, wo du ansetzen musst …”
    Der zweite Schlag traf Artax an der Schläfe, sein Kopf flog herum und Nate sah, wie sich der Blick aus den blauen Augen merkwürdig verschleierte. Hustend und Blut spuckend rang Artax nach Luft, blinzelte gegen den Schmerz in seinem Gesicht an und hätte sich wohl zusammengekrümmt, wäre der Körper des jungen Mannes nicht über ihm gewesen.
    “Du musst es wirklich wollen.”
    Nate sah die Verachtung in seinem eigenen Gesicht, für einen Moment verharrte sein Selbst und blickte auf Artax herab. Dann packte er das verletzte Handgelenk seines Gegners. Artax brüllte schmerzerfüllt und riss den Kopf hoch, als könnte er der Pein so entkommen.
    Jetzt, dachte Nate, und sein Körper holte aus und traf Artax mit dem Ellenbogen direkt auf den Kehlkopf.


    Thyras schlitterte beinahe um die Ecke des Gästetraktes und hastete weiter auf Ivys Zimmertür zu. Hinter ihm dröhnte der Laufschritt der Soldaten, die ihm folgten. Kirschner hatte sie zu seinem Schutz abbestellt, doch er hoffte inbrünstig, dass keine Schüsse fallen mussten. Es hatte schon genug Schmerz und Leid gegeben.
    Ganz kurz zuckte Astras Bild durch seine Gedanken. Er selbst hatte ihre klamme Hand ergriffen und leise ihren Namen gerufen, während sein Herz schmerzhaft gegen seinen Brustkorb geklopft hatte. Nicht auch noch sie … vier der Elementalen waren schon tot. Sollte sie noch folgen?
    Auf seine Berührung hin hatte sie ihn unter großer Anstrengung direkt in die Augen gesehen und “Nate ist fort” gemurmelt, bevor die Medikamente anschlugen und ihr gnädige Bewusstlosigkeit erlaubten.
    Doch diese drei Worte waren genug gewesen. Der junge Mann musste noch in der Veste sein, sonst hätte einer der Posten am Tor Meldung gemacht. Er würde nicht gehen, ohne sicher zu sein, dass die Kleine versorgt war - er musste noch einmal zu ihr …
    Thyras hatte Kirschner informiert und war dann, begleitet von Sergeant Benedict und einem halben Dutzend Soldaten, zum Gästetrakt geeilt, getrieben von Sorge und dem unbändigen Wunsch, Artax aufzuhalten.
    Doch als sie den Gang erreichten, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Er konnte es nicht benennen, doch es lag eine Spannung in der Luft, die einem das Adrenalin durch den Körper schießen ließ.
    Die Tür zu Retts Unterkunft, in der auch Ivy schlief, war verschlossen. Zwar kannte niemand der Anwesenden den Code, doch Kirschner schien das bei der Wahl des Begleittrupps bedacht zu haben. Einer der Soldaten trat vor, zog ein kleines Kästchen aus der Hosentasche und hatte den Durchgang beim dritten Versuch geöffnet.
    Alle holten zischen Luft, als die Tür summend zur Seite glitt.
    Der Türrahmen war gefüllt mit reinem Schwarz. Blickdicht und alle Laute schluckend, bildete die Finsternis eine dunkle Wand.
    Zögernd streckte Thyras die Hand aus und seine Finger trafen auf Widerstand. Ein Hieb mit der Faust machte diesem Bollwerk nichts aus. Er wechselte einen kurzen Blick mit Sergeant Benedict, dann trat der Militär einen Schritt zurück, zog seine Waffe und feuerte auf die Schwelle. Die Kugel blieb in der Schwärze stecken.
    Sie kamen nicht hindurch.
    “Artax!”, rief Thyras, obwohl er nicht sicher gehen konnte, dass der Gerufene ihn auch hören könnte. Aber es war ihm unmöglich, hier zu stehen und zu warten, bis der Elementale der Finsternis irgendwann wieder herauskam. Und Ivy! Und der junge Nate …
    Er wusste nicht, was er tun sollte und so versuchte er, an Artax zu appellieren.
    “Komm raus. Lass mich mit dir reden. Ich kenne dich, seit du ein kleiner Junge warst.Und ich werde dir zuhören.”
    Für einen Moment herrschte Stille. Dann flackerte die Wand aus Schwarz und löste sich schließlich in kleine Rauchfetzen auf.

    Bumm!
    Ein dumpfer Schlag in der Ferne.
    Astra blinzelte mühsam. Bis eben war sie körperlos durch Schleier geschwebt, frei von Schmerz, Angst und Trauer, frei von allem, was ihre Sinne aufnehmen konnten. Doch dieses merkwürdige Geräusch hatte sie vernommen. Es klang wie ein Faustschlag, eine gedämpfte Explosion.
    Bumm!
    Da war es wieder.
    Gefühl schoss in ihre Glieder zurück und mit einem Mal spürte sie, dass sie einen Körper hatte, dass sie zwar noch immer schwebte, doch dieses Schweben in der warmen dunkelroten Sphäre steuern konnte.
    Etwas rief in ihr, drängte tief in ihrem Herzen danach, dass sie den Kopf drehte und in eine bestimmte Richtung sah. Zögernd blickte sie erst nach links, dann nach rechts.
    Weit in der Ferne, wie Sterne in einer anderen Galaxie, erblickte sie zwei schillernde Punkte, einen größeren, einen kleineren. Der Größere war etwas blasser, er flackerte unstet.
    Bumm!
    Dieses Mal dröhnte es wie ein Donnerschlag, der große Stern blinkte und für einen Moment sah es aus, als würde er erlöschen. Astra, schien er zu seufzen, es tut mir so leid.
    Angst kroch in ihr herauf, drängende Panik erfüllte ihren Körper mit Zittern. Der Stern durfte nicht verglimmen. Sein Licht musste bestehen bleiben. Licht …
    Sie atmete aus, streckte ihre bloßen Hände dem fernen Leuchten entgegen, sandte ihr Licht durch die Tiefen dieses unbekannten Raumes, dem sterbenden Stern entgegen.
    Geh nicht, dachte sie, bevor der Schmerz in ihren Körper zurückschoss. Geh nicht, ich komme zu dir.


    Ein mächtiges Brausen, untermalt von kreischenden Lauten. Wind kam auf und zerrte an seinen Haaren. Verstört riss Nate die Augen auf, die er in Erwartung der erneuten Finsternis um ihn fest zusammengepresst hatte.
    Nur Zentimeter von ihm entfernt hatte sich eine Lichtwand aufgebaut, hauchdünn, laut summend und undurchdringlich. Er konnte den Strahl aus Schwärze sehen, der auf diese leuchte Grenze traf und sich rasch in Rauch aufzulösen schien, bevor dieser brüllend von dem hellen Schein verschluckt wurde.
    Verblüfft sah er an sich herab und stellte erstaunt fest, dass das Licht aus seiner Brust strahlte. Immer wärmer wurde es in ihm, bis schließlich eine kleine, schimmernde Kugel aus ihm heraus glitt und sanft vor ihm auf und ab schwebte.
    “Astra”, flüsterte er tonlos.
    Die kleine Kugel beschrieb einen sanften Bogen, dann schossen zahlreiche silberne Fäden aus ihr heraus, durchdrangen die Wand aus Licht. Nate hörte einen wütenden Schrei, dann ein Zischen, als hätte jemand Wasser in ein Feuer gegossen.
    Langsam schrumpfte die Lichtwand und gab Nate einen ungehinderten Blick auf das Geschehen vor ihm.
    Die Silberfäden waren an der von Artax ausgesandten Dunkelheit entlanggekrochen und schlangen sich um dessen Handgelenk, formten ein immer dichter werdendes Netz, welches die Finsternis zurückhielt.
    “Das wird nicht gelingen.” Die Frauenstimme klang grimmig. “Ich erlaube dir nicht, diese beiden zu verletzen. Sie sind Träger des Lichtes und du hast keine Macht über sie.” Für einen Augenblick erschien auf der schwindenden Lichtwand ein vertrautes Gesicht, so nahe, dass Nate am liebsten die Hand ausgestreckt und es berührt hätte. Doch dann verschwand das Bild, die Silberfäden strahlten hell auf, bevor sie sich in Artax’ Hand bohrten und seinen ganzen Körper erleuchten ließen. Ein letztes Schimmern, dann erlosch das Licht.
    Wortlos starrten die beiden Männer auf die Stelle, an der Astras Ebenbild verschwunden war. Dann stieß Artax ein Grollen aus, dass Nate die Nackenhaare aufstellen ließ. Laut brüllend riss der Elementale die Faust nach vorn - doch nichts geschah. Er versuchte es erneut, doch die Schattententakel erschienen nicht.
    Langsam stand Nate auf, seinen Gegner nicht aus den Augen lassend. Was immer gerade geschehen war - Artax konnte seine Kraft nicht einsetzen. Ob dieser Zustand von Dauer sein mochte oder nicht, spielte keine Rolle, denn Nate würde diesen Moment nutzen. “Lass Ivy los!” Er legte all die Autorität seiner Militärkarriere in diese drei Worte, sah Artax direkt in die Augen.
    Ivy wimmerte.
    Und Artax brach in Gelächter aus. Es war kein amüsiertes Lachen, wie damals im Hort, es war purer Wahnsinn, der aus ihm herausquoll. Mit einem Ruck schleifte er das Mädchen ein paar Schritte in Richtung Tür, während die freie Hand hinter seinen Rücken wanderte und dort einen langen, schwarzen Dolch herauszog.
    “Erkennst du ihn wieder, Kendall?” Artax’ Stimme schnappte über, als er Nate die Klinge entgegenstreckte. “Einen davon habe ich in eurer Wohnung zurückgelassen, in den Handflächen deines treuen Freundes!” Mit einem Kopfnicken wies er auf Rett am Boden. “Vielleicht war ich zu gutmütig. Ich hätte ihn gleich töten sollen.”
    Die Dolchspitze wanderte an Ivys Kinn und das Kind erstarrte entsetzt.
    Nate ebenfalls. Er besaß keine Waffe. Nichts, was Artax beeindrucken konnte. Sie waren dessen Launen hilflos ausgeliefert. Gänsehaut kroch an ihm herauf und Angst schien sein Denken lähmen wollen. “Artax, lass sie”, brachte er heraus. “Ich … bitte dich. Sie hat nichts damit zu tun. Stell mit mir an, was du willst, aber lass Ivy gehen.” Es war ihm ernst. Er würde alles von Artax’ Hand erdulden, wenn Ivy dafür in Sicherheit sein konnte.
    Ohne die Kleine loszulassen, ging Artax neben ihr in die Hocke. “Hörst du das, Ivy? Nate möchte nicht, dass ich dir etwas tue. Soll ich ihm lieber wehtun? Was denkst du?” Jetzt strich die Klinge an dem bloßen Kinderarm entlang. Ivy stieß einen schmerzvollen Laut aus und Blut quoll aus dem Schnitt in der hellen Haut.
    Nate machte einen Satz nach vorn, prallte dann aber zurück, als Artax die Waffe wieder hob. “Eine Bewegung und ich schneide sie vor deinen Augen in handliche kleine Stücke, Kendall!”
    Bebend vor Zorn und Angst blieb Nate notgedrungen, wo er war. Ivy hatte den Kopf gehoben, ihr Blick ein einziges Flehen. Hilf mir, schrien ihre blinden Augen, doch er konnte nichts tun.
    Artax weidete sich offen an der Hilflosigkeit seiner Opfer. “Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich diesen Augenblick herbeigesehnt habe, mein Freund. Seit du mir im Hort durch die Finger geschlüpft bist, warte ich darauf.”
    Er leckte sich über die Lippen und glich in diesem Moment noch mehr als sonst einem Raubtier vor seiner Beute.
    Nates Gedanken rasten. Er musste auf Zeit spielen. Irgendwann würde Hilfe kommen, so lange galt es, durchzuhalten. “Wieso?”, flüsterte er. “Ich habe dir nichts getan. Wieso dieser Hass auf mich?”
    Artax ließ die Klinge in seiner Hand wirbeln, dann packte er sie wieder fester. “Du hast etwas genommen, das mir gehört, Kendall. Mir allein.” Er blickte Nate direkt an.
    Und dieser wusste sofort, worauf sein Gegner hinaus wollte. Die junge Frau mit den weißen Haaren, die ihren eigenen Preis bezahlt hatte …
    “Für diesen Frevel werde ich dich zerschmettern, Kendall. Ich werde alles vernichten, was dir lieb und teuer ist, bis nichts mehr übrig sein wird, an das dein Herz sich klammern kann! Und wenn deine Seele dann zerbrochen vor mir liegt und du mich um den Tod anflehst - dann werde ich noch tausend Möglichkeiten haben, dein Leben wieder und wieder zu verlängern, damit der Wahnsinn dich packt und du in die Verdammnis stürzt!”
    Ruckartig riss er Ivy nach oben.
    “Keiner deiner Lieben wird mir entkommen können!” Mit einem irren Lachen rammte er dem Mädchen die Klinge in die Brust.

    Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen sein mochte - Minuten? Stunden? Doch plötzlich brach auf dem Gang Betriebsamkeit aus. Stimmen riefen durcheinander, dann näherten sich rasche Schritte und das Bedienfeld der Tür piepste hektisch.
    Noch bevor diese zur Seite gleiten konnte, war Nate bereits reflexartig aufgesprungen und verharrte kampfbereit in der Raummitte, Ivy in seinem Rücken.
    “Nate!?” Rett stand da wie versteinert, dann kam er zwei Schritte ins Zimmer und erlaubte der Tür damit, sich zu schließen. Der Mechaniker war blass und ein alarmierter Ausdruck lag in seinen Augen, doch bevor Nate etwas sagen konnte, hatte der Freund ihn grob an den Schultern gepackt und an sich gezogen.
    Der junge Mann konnte die Umarmung nicht erwidern. Zu groß war der Schock. Er hatte zu lange gewartet, er hätte sofort aufbrechen sollen. Jetzt musste er Rett erklären, was er hier wollte und der Freund würde seine Absichten sofort erkennen und versuchen, ihn aufzuhalten.
    Rett schob ihn eine Armlänge von sich weg und sah ihn prüfend an. “Alter, es ist so gut, dich wiederzusehen. Aber was tust du hier?”
    Nate schüttelte langsam den Kopf und wies auf das immer noch schlafende Kind. “Ich wollte sie sehen”, flüsterte er. “Ich musste sichergehen, dass bei ihr alles in Ordnung ist.”
    “Das ist ein verflixt unguter Zeitpunkt dafür!”, stieß Rett hervor. “Der Rat ist in der Veste eingetroffen und er hat deinen alten Freund Artax im Gepäck!”
    Die Angst schnitt durch Nates Körper. Er erinnerte sich sehr gut an diesen Moment auf dem Schafott, an diese kalten Augen, die Hände auf seinem Kopf und
    die alles schluckende Schwärze …
    “Nate, wieso bist du hier, verdammt? Warum liegst du nicht im Bett? Astra ist auf dem Weg zu dir!” Rett raufte sich die Haare und bemühte sich, seine erregte Stimme zumindest soweit zu dämpfen, dass er Ivy nicht aufweckte.
    “Wieso Astra?” Der Klang ihres Namens ließ erneut Adrenalin durch Nates Venen jagen. Er wollte ihr nicht noch einmal begegnen. Zu lebhaft stand ihm die Szene in seinem Krankenzimmer noch vor Augen. Ihr Streit, der Kummer in ihren Augen … es drängte ihn, sofort zu ihr zu gehen und diesen Konflikt zu bereinigen, schon allein, damit sein Gewissen endlich rein war. Doch es ging nicht. Er konnte nicht.
    “Astra, Nate, ist die Einzige, die gegen Artax bestehen kann. Und weil sie und wir alle der Meinung waren, dass dieser Mistkerl als erstes nach dir sucht, um sein Werk zu beenden, wollte sie dich schützen!”
    “Mich … ?” Ihm fehlten die Worte. Und er schämte sich. Trotz seiner Grausamkeit ihr gegenüber war sie bereit, für ihn mit Artax zu kämpfen.
    Rett blickte grimmig. “ Und jetzt bist du hier, ohne jede Möglichkeit, dich zu verteidigen.” Wütend schüttelte er den Wuschelkopf. “Thyras ist auf dem Weg zum Kommandanten, damit dieser den Rat dazu bewegt, ihren Bluthund in Schwarz zurückzupfeifen. Astra wollte auf dich achtgeben und Su und Atesch suchen Artax, um ihn aufzuhalten, bevor er Schaden anrichtet. Er will zu dir, Nate. Sei es, um das Urteil des Rates auszuführen, oder sei es, weil du Astras Aufmerksamkeit auf dich gezogen hast - jetzt schau doch nicht so.” Der Freund wirkte jetzt, als würde er Nate am liebsten an den Ohren packen und schütteln.
    Nate stand da wie betäubt, während seine Gedanken rasten. Artax war hier. Er wollte ihn töten. Nicht aufgrund des Urteils, sondern aus persönlichen Gründen. Die ganze Veste war in Bewegung, um ihn davor zu schützen. Astra … stand sie dem Elementalen der Dunkelheit jetzt gegenüber? Würden sie miteinander kämpfen? Was, wenn Artax Astra besiegen konnte, wenn er sie ebenso in die Abgründe stürzen ließ - seinetwegen? Das durfte nicht sein ...
    “Ich muss mich ihm stellen.”
    “Einen Teufel musst du!”, knurrte Rett gereizt. “Du bleibst hier. Bleib bei Ivy. Öffne diese Tür nicht! Niemandem! Ich gehe und teile Thyras oder dem Kommandanten mit, wo du bist -”
    Ein schriller Alarmton schnitt ihm das Wort ab.
    “Terrorwarnung Stufe drei”, verkündete eine emotionslose Frauenstimme. “Bitte begeben Sie sich unverzüglich in Ihre ausgewiesenen Schutzeinrichtungen und warten Sie auf weitere Befehle.” Es gab ein misstönendes Quietschen, dann hallte die Stimme eines Mannes durchs Zimmer.
    “Das Lazarett wurde angegriffen. Wir haben mehrere Schwerverletzte. Sofortige Meldung bei den Einheiten. Die Stoßtrupps sammeln sich umgehend im G-Korridor.”
    An der Wand des Zimmers flammte ein Hologramm auf, welches Artax zeigte. Das Gesicht des Elementalen war wütend verzerrt und zerschrammt, eine Blutspur zog sich quer über die Wange und bildete Schmutzkrusten in dessen Bart.
    “Höchste Alarmstufe. Eigenschutz beachten. Der Verdächtige ist bewaffnet und gefährlich.” Es knackte im Mikrofon, dann herrschte Stille.
    Die beiden Männer sahen sich stumm an.
    “Nate?”
    Ivy war aufgewacht und hatte den blonden Kopf gehoben. “Bist du wieder gesund, Nate?”
    Mit einem Kloß im Hals sank er an ihrem Bett nieder. “Ivy!” Am liebsten hätte er sie umarmt und an sich gezogen und nicht mehr losgelassen, doch vielleicht wäre das erschreckend für sie. Tatsächlich hatte er keine Ahnung, was sie hier durchgemacht hatte und wie es ihr ergangen war. So musste er sich damit begnügen, ihr übers Haar zu streichen und die kleine Kinderhand in seine zu nehmen. “Mir gehts gut”, brachte er mühsam hervor.
    Das Mädchen blickte mit bangen Augen zu ihm auf. “Was war das für ein Lärm gerade? Das klang so laut, ich hab Angst.”
    “Ich gehe mal nachsehen, Blümchen”, brummte Rett. Sicher sollte es beruhigend klingen, doch Nate konnte die Anspannung des Freundes spüren. Über Ivys Scheitel hinweg warf er dem Älteren einen beschwörenden Blick zu, doch dieser schüttelte den Kopf, wies mit der Hand auf Nates Brust und fuhr sich mit dem Finger über die Kehle.
    Nate verstand. Rett würde ihn auf keinen Fall aus diesem Zimmer lassen. Artax lief in der Veste herum, auf der Suche nach ihm. Das Lazarett hatte er dabei in Trümmern gelegt. Astra …
    Mit eisernem Willen zwang er die Angst zurück, erhob sich und trat zu Rett.
    Beide Männer legten packten einander stumm an den Unterarmen und Rett nickte entschlossen. Er würde gehen. Der Kommandant musste erfahren, wo der von Artax Gesuchte gerade steckte.
    Nates Kiefermuskeln schmerzten, so sehr biss er die Zähne zusammen, weil er das dumpfe Gefühl nicht loswurde, dass ein noch größeres Unheil im Verzug war. Doch so starrte er stumm auf Retts Hinterkopf, während dieser die Tür öffnete.
    Rett kam nicht weit. Als die Tür aufsurrte, reichte es gerade noch für einen entsetzten Aufschrei. Dann flog der Mechaniker quer durch den Raum, krachte gegen die Wand neben dem Bett und rutschte mit einem Stöhnen an dieser hinab, bevor er regungslos liegen blieb.
    Ivy fuhr hoch, die blinden Augen aufgerissen und ihre Hände zogen die Decke um sie, als könne sie sich damit schützen. Panisch robbte sie bis in die Ecke und kauerte sich dort zusammen.
    Nate wollte zu ihr, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Wie gelähmt blieb er in der Raumesmitte stehen und nur mit eiserner Anstrengung konnte er den Blick von dem bewusstlosen Freund und dem Kind abwenden, um zur Tür zu sehen.
    Artax stand da und die Schwärze loderte um ihn herum wie eine dunkle Flamme. Seine Linke hatte er ausgestreckt und damit Rett angegriffen, dunkel tänzelten die Schatten schlangengleich um die blutbefleckte Hand. In seinen Augen spiegelte sich der purer Hass, trotzdem lächelte er, was seinem Gesicht einen Ausdruck blanken Irrsinns verlieh.
    “Sieh an, hier bist du, Kendall.” Sein Ton mochte überrascht klingen, doch die boshafte Miene dazu ließ keinen Zweifel an seiner wahren Gesinnung aufkommen.
    Artax machte zwei Schritte ins Zimmer, die Tür schloß sich. Ohne den Blick von Nate abzuwenden, streckte er eine Hand nach hinten aus und vor dem rettenden Ausgang formte sich eine Wand aus undurchdringlicher Finsternis. “Nur für den Fall, dass uns jemand stören möchte”, lächelte er mit gebleckten Zähnen. “Aber was für ein Glückstag! Stell dir vor, ich wollte lediglich einen Krankenbesuch machen und durch einen Laune des Schicksals treffe ich gleich vier alte Freunde wieder.” Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite und erlaubte sich einen ungenierten Blick auf Rett und das kleine Mädchen, das wie eine reglose Puppe auf dem Bett saß.
    Nate trat ihm demonstrativ ins Sichtfeld. Es mochte nach außen gleichgültig erscheinen, doch in seinem Inneren herrschte Aufruhr. Vier, hatte Artax gesagt. Vier alte Freunde. Hier im Zimmer waren nur drei.
    Astra … Schwerverletzte …
    Artax schien zu merken, was in seinem Gegenüber tobte. Wieder grinste er genüsslich, dann hob er aufreizend langsam die Hand und strich damit über die blutige Wange. “Ein Abschiedsgeschenk deiner Liebsten. Bei ihr war ich bereits.” Seufzend rieb er die Fingerspitzen aneinander und Reste getrockneten Blutes rieselten auf den Boden. “Ich fürchte, ihr geht es im Moment schlechter als mir. Sie hätte sich nicht so wehren dürfen.”
    Das Adrenalin rauschte durch Nates Körper wie Strom und er spürte, wie sich rasende Wut seiner bemächtigte. Was hatte dieser Scheißkerl angestellt? Er erstickte beinahe an der Fülle der Emotionen, die die Kontrolle über ihn ergreifen wollten. Nein, er durfte nicht nachgeben. Sobald er sich provozieren ließ, war er angreifbar.
    Seine Chancen standen so schon denkbar schlecht. Er war unbewaffnet, der Ausgang blockiert und hinter ihm war Ivy.
    Fast automatisch trat er noch einen Schritt zurück, als könnte er die Kleine so schützen.
    Die dunkle Augenbraue seines Gegners zuckte. “Oh, ja. Die kleine Maus mit dem außergewöhnlichen Talent. Hallo, Ivy. Möchtest du mir nicht guten Tag sagen?”
    Trotz der freundlichen Worte klang es, als würde eine Schlange zischen.
    Ivy schrumpfte in sich zusammen und zog mit einem ängstlichen Laut die Decke über den Kopf.
    In diesem Moment war es mit Nates Beherrschung vorbei.
    “Wie kannst du es wagen, das Wort an Ivy zu richten!”, brüllte er voller Wut und sprang auf Artax zu.
    Dessen nettes Gesicht verschwand wie weggewischt und machte einer Maske puren Triumphes Platz. Seine ausgestreckte Hand schlug einen flachen Bogen, gleich einer Peitsche. Dunkelheit flammte auf und bevor Nate seinen Gegner erreicht hatte, traf ihn etwas Hartes mit voller Kraft auf die Brust.
    Keuchend krachte er ebenfalls gegen die Wand, landete halb auf dem Bett, halb auf Rett. Sein Oberkörper schmerzte, als hätte ihm dieser Angriff alle Rippen gebrochen, in seinem Kopf klingelte es. Von Ferne hörte er Ivy schluchzen und erneut konnte er sie nicht vor diesem grausamen Mann beschützen ...
    Stöhnend kam er auf die Füße. Er durfte Artax nicht an Ivy heran lassen. Bis Hilfe kam, musste er durchhalten, egal wie.
    “Wie kannst du es wagen, mich anzugreifen?” Jetzt klang der Elementale der Dunkelheit eiskalt. “Du bist ein Nichts. Eine Ratte aus den Slums. Du gehörst nicht hierher und ich werde dir nicht gestatten, dass mich deine dreckigen Hände auch nur berühren. Ich selbst hingegen -” , er hob die Rechte und auf der Handfläche formte sich eine Art Pfeil, ein scharfkantiges spitzes Prisma, “kann mit dir tun, was ich will.”
    Das Gebilde aus Dunkelheit schoss auf Nate zu. Mit einem Hechtsprung nach vorn wich er aus, Artax’ Geschoss traf die Wand mit einem schwarzen Blitz und ließ Schutt und Scherben aus Finsternis auf den reglosen Rett herabregnen. Er kam nicht dazu, aufzustehen. Etwas legte sich um seinen Hals, drückte ihm die Kehle zu und zog ihn nach oben. Nach Luft ringend schleiften seine Fußspitzen über den Fußboden, während Artax ihn mit sanfter Hand vor sich dirigierte.
    Sein Gegner lächelte wieder. “Sieh an, die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend. Astra sah genauso aus, bevor sie gefallen ist. Diese Mischung aus Angst und Wut in deinen Augen, dein starker Wunsch, mir irgendetwas entgegensetzen zu können. Aber das kannst du nicht, oder?” Er hob Daumen und Zeigefinger und ließ die Fingerspitzen einander berühren, wie eine Zange.
    Der Druck auf Nates Hals wurde unermesslich groß und Sterne explodierten vor seinen Augen. Verzweifelt suchte er nach festem Stand, fand aber keinen. Kurz bevor er von der Dunkelheit übermannt wurde, ließ Artax wieder locker.
    “Ein Jammer. Der große Kommandant Kendall … er ist kein Gegner für mich. Da war Astra wesentlich interessanter.” Er brachte sein Gesicht noch näher vor Nates. “Astra war ein spannendes Spiel. Und ich habe es gewonnen, Kendall. Ich habe meinen Preis bekommen, auch wenn er bittersüß geschmeckt hat. Sie wartet auf dich, mein Freund. Deine Einzelteile habe ich ihr versprochen, zusammen mit der guten Geschichte, wie ich das Leben aus dir rausgequetscht habe. Das wird sie hören. Vielleicht lege ich ihr dazu deinen Kopf auf den Schoß, damit sie es sich leibhaftig vorstellen kann? Sie wird sich wohl kaum dagegen wehren können.”
    Elend überrollte Nate und ihm wurde übel. Astra, dachte er, ich wünschte, du könntest mich hören. Es tut mir so leid …
    Mit einer wischenden Bewegung ließ Artax Nate erneut gegen eine Wand prallen. Diesmal wartete er wortlos, bis sein Gegner zumindest wieder auf die Knie gekommen war. Dann trat er einen Schritt vor ihn.
    “Ich fürchte, ich habe dich das letzte Mal nicht tief genug in die Verdammnis geschickt.” Beiläufig griff er nach der Bettdecke, unter der das bebende Kind hockte.
    Ivy schrie, als der Mann ihr Handgelenk packte und sie aus dem Bett zerrte. “Nein! Nate!”
    Ihre Stimme gellte in Nates Ohren, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Er konnte nicht aufstehen. “Ivy!”
    Mitleidlos sah Artax auf ihn herab und streckte die Linke aus, während er Ivy noch fester packte. “Geh zurück, Nate. Versinke in der Finsternis. Ich bin überzeugt, du wirst alle deine Freunde dort wiedersehen!”

    Ihr Lieben, ich melde mich mal für eine Weile ab. Momentan fordert mich die Familie ordentlich, da müssen andere Dinge zurücktreten. Bleibt alle gesund und bis hoffentlich sehr bald!:friends:

    Huhu, Eti!

    Eine Sache, die mir nicht so gut gerfallen hat, war wie Rett Astra klar macht, was mit Ivy passiert. Er sagt es so, wie es der "Gauner" wohl zu ihm gesagt hat. Das würde ich nie machen ... also an seiner Stelle. Selbst wenn der Böse gesagt hat, er solle die Nachricht so überbringen. Dann erst recht nicht.


    Aber ich würde es auch schon nicht machen, weil es einfach grausam klingt. Ich würde es nur Sinngemäß wiedergeben.

    Das stimmt wohl und ich selber würde es wohl auch nicht so machen. Andererseits macht diese "Botschaft" mit wenigen Worten klar, um was es geht und mit wem sie es zu tun bekommen. Nate und Rett kennen einander schon eine ganze Weile und Rett wird klar gewesen sein, dass es in diesem Moment nicht zu beschönigen gibt. Nate braucht diesen Wortlaut, damit er weiß, worauf er sich einlässt, wenn er der Aufforderung des "Bösen" nachkommt. Dasselbe gilt mMn für Astra.

    Trotzdem wie immer danke für dein kritisches Lesen und deine Anmerkungen!:love:

    Die Angaben der Krankenschwester waren sehr präzise gewesen und Nate hatte den Wohntrakt für Gäste der Veste sofort gefunden, ohne sich zu verlaufen oder ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen.
    Als er den langen, menschenleeren Gang betrat, bemerkte er erschrocken, dass alle Türen gleich aussahen. So konnte er Ivys Unterkunft unmöglich herausbekommen.
    Er überlegte einen Moment, dann ließ er die Quartiere rechter Hand liegen und lief ein paar Schritte in einen kleinen Gang hinein, der zu mehreren Lagerräumen und dem Müllschacht führte. Hier brannte nur ein schwaches Licht, das ihm eine gute Tarnung gab.
    Ihm graute davor, die anderen wiederzusehen. Er wollte sich nicht mit Rett über Kay unterhalten, er wollte nicht mit Victoria sprechen. Und vor allem wollte er Astra nicht begegnen. Schon allein der Gedanke an den Blick, mit dem sie ihn vorhin angesehen hatte, ließ die Scham in seinem Magen erneut zustechen.
    Astra ...
    War es besser, einfach zu gehen und ihr nie wieder unter die Augen zu kommen ? Oder sollte er eine Unterredung mit ihr erzwingen? Was, wenn sie nicht mit ihm sprechen wollte? Was, wenn er sie zu tief verletzt hatte? Er wusste nicht, was das Beste war .Doch eines schien sicher - er hatte schon genug Chaos angerichtet. Er würde gehen. Etwas blieb noch zu erledigen, und das war der Abschied von Ivy. Ihr musste es gut gehen, ihre Sicherheit war ihm am wichtigsten. Sie würde es nicht verstehen, wenn er plötzlich einfach verschwand. Er wollte ihr keinen Kummer machen. Nein, ein kurzer Abschied, wenn auch schmerzvoll, war das Mindeste, was sie verdient hatte.
    Er musste gar nicht lange warten, Rett, Ivy und Victoria tauchten nach ein paar Minuten auf.
    Der Mechaniker lief voraus und machte einen leicht nervösen Eindruck. Die beiden anderen blieben vor einer der Türen stehen, doch er rannte weiter, an Nates Versteck vorbei, und verschwand schließlich hinter einer Tür am Ende des Ganges.
    Victoria sah ihm kurz nach, dann schüttelte sie ruckartig den Kopf und strich Ivy über die Schulter. “Komm, meine Kleine, Mittagsschlaf.”
    Ivy nickte brav und beide gingen in ein Quartier schräg gegenüber, nachdem Victoria eine Zahlenreihe ins Bedienfeld eingegeben hatte.
    Nate lehnte sich an die Wand und wartete.
    Kurze Zeit später kam die dunkelhaarige Frau wieder heraus aus und eilte davon.
    Innerlich wütend darüber, dass man die Kleine allein ließ, spähte Nate noch einmal den Gang entlang. Doch niemand war da.
    Mit wenigen Schritten war er an der Tür und musterte das Nummernpad, das den Zugangscode erwartete. Grimmig lächelte er und tippte, ohne zu zögern, sechs Zahlen ein. Es war fast zu einfach gewesen, die Ziffern anhand von Victorias Bewegungen abzulesen und er hatte lächeln müssen, als er die Folge erkannt hatte. Sie bildeten ein Datum, diese Zahlen, sie waren der Code, den er jeden Abend ein seine Wohnungstür geklopft hatte - das Datum ihrer Begegnung in der Schlacht an der Eisernen Brücke, der Beginn ihrer Freundschaft.
    Mit einem leisen Summen glitt die Tür beiseite.

    Das Bild, was sich ihm bot, war so vertraut, dass er einen sehnsuchtsvollen Stich in der Brust spürte.
    Ivy lag im Bett auf dem Bauch. Die bloßen Füße spitzten unter der dünnen Decke hervor und helle Haarsträhnen bildeten kleine Wirbel auf dem Kissen. Mehr war von dem Kind gar nicht zu sehen, doch Nate kannte diesen Anblick ganz genau.
    Lautlos, um die Kleine nicht sofort wieder aufzuwecken, bewegte er sich nach rechts, wo ein zweites Bett stand - vermutlich Retts Lager. Sorgfältig darum bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden, ließ er sich nieder und beobachtete das Kind.
    Wie oft hatte er sie wohl so gesehen? Wie oft war er heimgekehrt, nach einem langen und schweren Tag, wohl wissend, dass sie unmöglich noch wach sein würde? So manchen Abend hatte er im Türrahmen des kleinen Hinterzimmers gelehnt und im Halbdunkel auf das schlummernde Mädchen hinabgeschaut. Es war so friedlich gewesen, es hatte ihm Trost und Kraft gespendet. Ivy - ihretwegen würde er alles wagen und alles tun, das wusste er. Und gleichzeitig gab sie ihm soviel zurück.
    Er hatte nie eine Familie im eigentlichen Sinne gehabt. Sein Vater war Kommandant, seine Brüder und er selbst beizeiten Soldaten gewesen. Festungen und Kasernen hatten sein Zuhause gebildet. Liebe und Zuneigung waren ihm unbekannt gewesen, erst mit der mütterlichen Kay in sein Leben getreten. Eine Beziehung zu einer Frau, eine Partnerschaft - darüber hatte er sich nie Gedanken gemacht. Wie alle Bewohner der Downs war er in erster Linie auf das Überleben gepolt, alles andere hatte keinen Platz.
    Ein Seufzen vom Bett her durchbrach seine Erinnerungen. Ivy hatte sich halb unter der Decke herausgewühlt, ihr Gesicht der Tür zugewandt. Ihre Haare fielen über die vom Schlaf gerötete Stirn. Noch einmal seufzte sie leise, dann schlief sie weiter.
    Ivy …
    Er sah auf seine großen Hände hinab. Ivy war noch kein Jahr alt gewesen, als sie sich an diese Hände geklammert hatte, blutverschmiert, blind und völlig verstört. Mochte es Schicksal oder eine höhere Macht gewesen sein, die ihn zu ihr geführt hatte - seit diesem Moment waren sie verbunden gewesen und er ließ sie nicht mehr los, bis er die Wohnung erreicht hatte.
    Wie sollte er sich jetzt nur von ihr verabschieden? Kein Tag war vergangen, an dem sie einander nicht gesehen hatten. Ihr Überleben war seine Motivation gewesen, ihr Anblick die Freude seines Herzens. Wie konnte er sie jetzt hier zurücklassen und ohne sie gehen?
    Es blieb ihm keine Wahl, das wusste er. Seine Vergangenheit verhinderte, dass er hier in Frieden würde leben können. Doch ihr stand dieser Weg offen. Undenkbar, sie in die Ödniss zurückzuschleppen. Hier musste es ihr besser gehen, hier würde für sie gesorgt. Astra war ebenfalls hier …
    Mit einem Mal schien sein Herz zu groß für seinen Brustkorb, als die Sehnsucht darin ins Unermessliche wuchs. Doch er verbot sich, diese geheimsten Gedanken überhaupt zu denken, weil er wusste, dass es damit nur noch schwerer werden würde.
    Geh einfach, brüllte eine Stimme in ihm.
    Doch er konnte nicht. Er blieb auf Retts Bett sitzen und versuchte das Bild des schlafenden Kindes, dessen Duft und dessen gleichmäßigen Atem in sein Gedächtnis zu brennen, damit er es niemals vergessen konnte.

    Für Tariq und für Miri - sie wissen, warum.


    Und für Der Wanderer , der mit seinem wiederholten Link-Post eines absolut epischen Musikstücks den nötigen Tritt in den Allerwertesten gegeben hat.




    Der Flug der Silberschwinge



    Die Sonne kam hervor, zauberte goldene Spitzen auf die schneebedeckten schroffen Berge und ließ den Klatschmohn auf den Wiesen blutrot aufleuchten. Strahlend blauer Himmel spannte sich über dem schmalen Tal, an dessen Ende sich die letzte Festung der Aurelier schutzsuchend an den Fels des Gebirgsmassivs schmiegte. Es war ein klarer Morgen, kühl, aber nicht mehr neblig.
    Ame erwartete ihn auf der großen Zinne, die den Ersatz für den völlig zugestellten Burghof bot. Die Soldaten um die Kreatur herum staunten diese mit offenen Mündern an und tuschelten hektisch mit ihren Kameraden. Doch wie immer beachtete Ame die Menschen überhaupt nicht. Erst, als Shouta heraustrat, hob er majestätisch den Kopf und heftete seinen goldenen Blick auf ihn.
    Der Junge marschierte, ohne seine Zuschauer zur Kenntnis zu nehmen, hinüber zu seinem treuen Freund. Mit vertrauten Handgriffen prüfte er den kleinen Sattel aus robustem, aber biegsamen Leder. Seine Finger spannten die Schlaufen, die später seinen Füßen Halt geben würden und streichelten Ames weißen Flügel. Der Speer verschwand in seiner Halterung am Sattel, griffbereit bei jedem Ritt. Dann schwang sich Shouta aufs Ames Rücken.
    Ohne dass eine Anweisung, ein Kommando des Jungen nötig gewesen wäre, spannte das gleißend weiße Wesen seine mächtigen Flügel aus. Ein einziger kraftvoller Satz nach vorn und die Zinnen der Festung waren überwunden. Ame fiel der Tiefe entgegen, die spitzen der schroffen Felsblöcke kamen bedrohlich schnell näher - Shouta lehnte sich im Sattel nach vorn. Sein Freund schlug mit den Flügeln, preschte dem blauen Himmel entgegen und stieg so rasch, dass Shouta im Nu der eisige Wind der Berge an den Haaren riss und ihm den Atem raubte. Der nächste Flügelschlag des Gefährten ließ sie beide über das Tal hinwegfegen.
    Das Rot der Sonne war gewichen, als diese ihren Lauf am Himmel aufnahm. Die Hügel im Schatten des Gebirges, die Wälder und die saftigen Wiesen zwischen den leuchtenden Mohnfeldern wurden in ihr warmes Licht getaucht. Noch schien die Welt tief unter Shouta unberührt, doch er wusste, sein Aufbruch war nur der Beginn gewesen. In wenigen Stunden würde die stille Schönheit am Boden von den Hufen galoppierender Pferde niedergetrampelt und vom Klang der Trompeten zerfetzt werden. Das letzte Aufgebot der Aurelier folgte dem Reiter der letzten Silberschwinge in die alles entscheidende Schlacht.
    Der Krieg zwischen Aurelien und Katagor war kurz und schmerzvoll gewesen. Im Nu hatten die Katagora sämtliche aurelische Truppen massiv dezimiert und die Überlebenden zur Flucht in die letzten Festungen getrieben. Doch auch hier waren diese nicht sicher, denn ihr Feind verfügte über tödliche Waffen - Drachen.
    Katagor - Drachen glichen Schlangen. Schwarzen, fliegenden und sehr schnellen Schlangen. Sie rauschten über den Himmel wie dunkle Kometen und genau wie Kometen brachten sie Feuer und Verderben über all das, was auch nur ihr Schatten streifte. Die schwarzen Flammen, wie sie genannt wurden, fraßen sich durch die Reihen der Aurelier wie die Sichel durch das Getreide und nichts konnte sie aufhalten.
    Auch Shoutas Heimatdorf war mitsamt all seinen Bewohnern dem feindlichen Inferno zum Opfer gefallen. Er selbst blieb unversehrt, weil er sich wieder einmal heimlich davongeschlichen hatte, anstatt auf dem Hof der Eltern seine Arbeit zu erledigen.
    Wann immer er konnte, war er in den Wald gelaufen, wo er sein großes Geheimnis verborgen hielt - Ame, die letzte Silberschwinge, letzter Nachkomme alter Silberdrachen und deren Allianz mit den Greifenweibchen.
    Er hatte Ame großgezogen und ihn tagsüber sorgfältig in einer alten Höhle versteckt. Nachts waren die beiden geflogen, hatten das ganze Land erkundet und sich sogar bis an die Fernen Küsten und in das Gebiet der Feinde gewagt, wobei sie jede Schwarze Flamme mühelos zurückgelassen hatten.
    Ames Geheimwaffe war seine unglaubliche Geschwindigkeit. Er glich dem Wind, er ritt auf den Lüften, er schoss über den Himmel wie ein Lichtstrahl. Weiß glänzte er und sein Flügelschlag hinterließ Silberspuren und goldene Funken. Seine prachtvollen Flügel trugen Shouta sicher überall hin und die Freundschaft der beiden war ein unauslöschlicher Pakt.
    Als Shouta vor den schwelenden Überresten seines Elternhauses gestanden hatte, war Ame gekommen. Ohne eine Bitte, ohne Aufforderung schien er den Kummer seines Kameraden in seinem eigenen Herzen zu spüren und verließ den schützenden Wald, um ihm beizustehen. Schließlich, nachdem der Junge seine bitteren Tränen vergossen hatte, brachen sie gemeinsam auf, um ihre Kraft Aurelien zur Verfügung zu stellen und entweder zu siegen oder zusammen unterzugehen.
    Und sie waren gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Der letzte Spion hatte sich halb zu Tode gehetzt, um die Botschaft rechtzeitig in die einzig übrig gebliebene Festung zu tragen - der finale Angriff der Katagora stand bevor. Ihre Drachen sammelten sich im Kessel von Simedeth, einer weiten Ebene, die rechts und links von hohen Bergen flankiert war. Tausende Soldaten mit glänzenden Rüstungen und messerscharf geschliffenen Schwertern machten sich bereit, Aureliens letzten Überrest aufzuscheuchen und entgültig auszumerzen.
    Drachenreiter mit abscheulichen Masken probten den Angriff aus der Luft, bestrebt, alles zu vernichten, was sich am Boden zu regen wagte. Die Stärke des Feindes war beängstigend, die Zahl der Gegner und besonders die der Schwarzen Flammen niederschmetternd.
    Die Drachen unterstanden dem Kommando eines mächtigen Zauberers, den die Aurelier schon mehrmals auf dem Feld niederzustrecken versucht hatten. Doch auf schwarzmagische Weise war er immer wieder aufgetaucht und so lange er den Befehl über die todbringende Luftflotte des Feindes führte, würden die Aurelier nicht siegen können. Gelenkt durch seine dunkle Kraft gediehen die bösen Kreaturen unter seiner Herrschaft und gewannen an Stärke. Für jede Schwarze Flamme, welche die Aurelier vom Himmel holten, rückten zwei neue Bestien nach.
    Und gegen diese feuerspeiende Übermacht sollten der Junge und sein Freund nun antreten. Shouta spürte, wie ihn die Angst in den Bauch stach, als er den Blick in Richtung der Berge hob, wo der Feind Stellung bezogen hatte. Seine Finger krallten sich fester in das weiche Gefieder von Ame. Er war kein Kämpfer, kein Krieger. Bis vor kurzem hatte er nie etwas geschwungen, was einer Waffe auch nur annähernd glich. Und nun sollte er, ausgerüstet mit einem Speer für fliegende Reiter, einer ganzen Armada Flammen spuckender Monster entgegen treten.
    Ame schien die Angst seines Reiters zu spüren und stieß einen beruhigenden Laut aus, unhörbar, und doch fühlte Shouta den Trost des Freundes tief in sich. Was auch immer kommen mochte - sie hatten einander und keine Schwarze Flamme würde diese Freundschaft trennen können. Liebevoll strich Shouta über den schlanken Nacken des Kameraden, Weiß und Gold umfloss seine Fingerspitzen.
    Neu ermutigt starrte er wieder nach vorn, dem Gebirgsschatten entgegen. Täuschte er sich, oder schlängelten sich dort bereits schwarze Schatten über den Gipfeln? Instinktiv kauerte er sich tiefer in den Sattel und warf einen Blick zurück.
    Hinter ihm, in seinem Windschatten, kroch ein dunkler Keil über die Felder. Aureliens letztes Aufgebot folgte ihm, warf seine verbleibende Kraft in den Ring für eine finale Schlacht unter den Flügeln der Silberschwinge. Der Junge und sein Reittier waren die Gallionsfigur, der die Soldaten folgten, auf Sieg oder Verderben. Sie würden einen sinnlosen Angriff wagen gegen die feindliche Übermacht wagen, um Shouta die entscheidende Zeit zu geben, die er brauchte.
    Seine Aufgabe war entscheidend. Er sollte den Meister der Drachen finden und aufhalten. Denn soviel wusste auch Shouta - wer über die Waffen der Lüfte gebot, sollte ebenfalls fliegen oder sich zumindest weit oben aufhalten. Unerreichbar für die aurelischen Fußsoldaten, die keinerlei Flugmöglichkeiten besaßen - bis jetzt.




    Fortsetzung folgt

    Kesselreaktion


    Gwendolin hatte die Nase gestrichen voll. Schlimm genug, dass sie trotz ihres Ruhestandes gezwungen war, am Hexeninstitut Sommerkurse zu geben, um ihre schmale Rente aufzubessern. Als Bonus hatte sie scheinbar auch noch die absolute Versagerklasse zugewiesen bekommen.

    Die alte Hexe rümpfte ihre vom Alter nach unten gekrümmte Nase und schnaubte verächtlich, während ihre knotigen Finger an den Buchrücken verstaubter Wälzer entlang glitten. Nicht, dass sie diese Bücher nötig gehabt hätte. All das Wissen dieser Werke war längst in ihrem Kopf gespeichert, erworben in harten Jahren der Ausbildung zur Hexe und während des Praktizierens verfeinert. Aber diese fünf Novizinnen, die man ihr aufs Auge gedrückt hatte, würden jede nur mögliche Stütze brauchen, um die Abschlussprüfungen zu bestehen.Sie waren nicht völlig unfähig, beileibe nicht, immerhin wiesen sie fünfhundert Jahre hexerische Familientradition vor. Trotzdem schien keine dieser blassen Bohnenstangen auch nur ansatzweise geeignet, eine richtige Hexe zu werden. Ihnen fehlte jeder Schneid, jemanden einen Fluch aufzuhalsen oder zu vergiften. Sie waren zu empfindlich, wenn es darum ging, Rattenhirn zu schneiden und Drachenspeichel mit dem Messbecher abzumessen. Die einfachsten Zaubersprüche verursachten, aus ihren Mündern kommend, die haarsträubendsten Katastrophen, einfach weil sie die Worte falsch aussprachen oder durcheinander brachten. Zornig rieb sich Gwendolin eine Stelle hinter dem linken Ohr, knapp unter der breiten Krempe ihres verschlissenen Hutes, wo sie eine fehlgegangene Beschwörung mehrere Büschel Haare gekostet hatte. Soviel Inkompetenz auf einem Haufen war schlichtweg gemeingefährlich und sie freute sich schon auf den Triumphtrank, den sich sich heute abend gönnen würde, sobald sie diese Stümperinnen ein für allemal losgeworden war.

    Die fünf Tränke, die Gwendolin für die Prüfung ausgewählt hatte, galten als derart simpel, dass selbst ihre Schützlinge diese ohne Probleme würden zubereiten können. Und tatsächlich, zwei Stunden später war der Raum erfüllt von bunten Dämpfen und interessanten Gerüchen. Bei ihren Kontrollgängen stellte Gwendolin erstaunt fest, dass in den kleinen Kesseln auf den Tischen wirklich die geforderten Substanzen zu blubbern schienen. Die Mädchen, alle derart fade Geschöpfe, dass die Alte ihnen einfach Nummern verpasst hatte, anstatt sich die Namen zu merken, waren heute außergewöhnlich aufmerksam und konzentriert, maßen mit Bedacht ihre Zutaten ab und arbeiteten rasch.

    Hinterher dachte Gwendolin, dass sie es hätte besser wissen müssen.

    Mit kritischem Blick beugte sie sich über den Kessel von Schülerin Nummer 1, die im Prüfungslotto den Sternensirup gezogen hatte. Es war weniger ein Zaubertrank als mehr Freude fürs Auge. Die dickflüssige Masse im Kessel schillerte in verschiedenen Blau - und Violetttönen und silberne Sprenkel durchzogen die wabernde Suppe, die aussah wie der Nachthimmel.

    “Bemerkenswert”, äußerte sie, obwohl diese Beschreibung sicherlich absolut übertrieben war. Doch Schülerin 1, außer sich über das unverhoffte Lob, stieß ein Jauchzen aus und dabei die Flasche Geckogalle um. Die gelbe Flüssigkeit ergoss sich über den Tisch und ließ das Feuer unter dem kleinen Kessel spontan hellgrün und heiß auflodern. Anscheinend bekam dem Sirup die Hitze nur bedingt, jedenfalls kochte der Trank, blaue Blasen spuckend über, fing Feuer und setzte den gesamten Arbeitsplatz in Brand.

    Nummer 1 sprang entsetzt zurück und stieß dabei gegen Nummer 2 , die zur Seite stolperte und dabei ihren Kessel umriss. Die Lyse-Lösung ätzte sich in atemberaubenden Tempo durch die hölzerne Tischplatte und setzte beim Eintreffen auf dem Fußboden ihr Zerstörungswerk umgehend an den ledernen Spitzenschuhen der Hexenanwärterinnen 1, 3 und 5 fort. Panisch hin und her hüpfend, streiften diese am gegenüberliegenden Arbeitsplatz den nächsten Kessel, der unglücklicherweise wirksames Wandelwasser enthielt.

    Gwendolins Warnruf verhallte wirkungslos, das Wandelwasser erwischte zwei der Mädchen und verzauberte sie. Ironischerweise wurde Nummer 2, die Zarteste der Gruppe, dabei ein zentnerschweres Wildschwein, während Nummer 4 plötzlich zum Stinktier mutierte.

    Beide Tiere versetzte der Anblick des brennenden ersten Tisches in helle Panik. Das Stinktier sprang schrill kreischend auf den Kopf der nächstbesten Schülerin, krallte sich in deren Haare und verspritzte sein Sekret in alle Richtungen. Das Wildschwein, völlig kopflos vor Angst, kollidierte mit mehreren Tischen, bevor der vierte Kessel zu Fall kam und wie ein Helm auf dem Wildschweinkopf landete. Das darin kochende Erstarrungselixier bremste das Tier zwar abrupt, ließ es aber gleichzeitig auch zu Stein werden und formte aus Schwein und Topf eine Skulptur ähnlich einem besonders hässlichen Wasserspeier.

    Derweil rotierte das Stinktier weiter, seine Duftnote vermischte sich mit dem Gestank des brennenden Sternensirups, während gleichzeitig alle versuchten, der auf dem Boden zischenden Lyse-Lösung zu entkommen und dabei hysterisch schrieen.

    Am lautesten aber schrie Gwendolin, sie schrie vor Zorn. Energisch packte sie den Henkel von Kessel Nummer 5 , schwang diesen über dem Kopf wie einen Morgenstern und schleuderte dessen Inhalt durch den ganzen Raum.

    Die Blümchenboullion tat ihre Wirkung erstaunlich gut. Nur Sekunden später starrte Gwendolin , bebend vor Wut, auf das, was von ihrem Klassenzimmer übrig geblieben war. Ein Tisch rauchte noch immer vor sich hin, einer hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst und zwei weitere waren vom Wildschwein umgeworfen worden. Besagtes Schwein stand noch immer, mit einem steinernen Kessel gekrönt, leblos auf den Hinterhaxen, bedeckt von einer Vielzahl außergewöhnlich hübscher Stiefmütterchen. Dem Mädchen mit dem Stinktier auf dem Kopf wucherten zusätzlich Kletterrosen aus den Ohren. Schülerin 3 schwankte dank der Fesseln aus rotem Weinlaub, das sich entsetzlich mit ihrem natürlich rotem Haar biss. Und die letzte schien sofort eine Allergie auf die überall sprießenden Krokusse zu entwickeln, jedenfalls nieste sie ohne Pause und verteilte die zarten Blüten der auf dem Boden wachsenden Butterblumen im ganzen Raum.

    “Schluss!”, zischte Gwendolin. “Ihr habt bestanden. Geht jetzt! Mir egal, wie, aber geht! Und wenn ihr jemals einer Seele von dieser Prüfung erzählen solltet, werde ich euch finden und jede einzelne dieser Substanzen zu Schlucken geben. Raus jetzt!”

    Binnen Sekunden war der Raum leer, mit Ausnahme des Wildschweins und einer letzten Note Stinktieressenz. Kopfschüttelnd sank Gwendolin auf ihren Stuhl zurück.

    Sie war eindeutig zu alt für diesen Blödsinn.

    Hi, Ivero L. , danke fürs Lesen ^^ Nein, du wurdest nicht gespoilert, diese Figur wurde weder in den Büchern noch in der Serie intensiv behandelt :sarcastic: Deswegen habe ich mich quasi auf ihn gestürzt, weil mir dieser Charakter beim Thema " Drachenfeuer" als erstes in den Sinn kam :rolleyes:

    Willkommen bei meinen literarischen Eintagsfliegen! Hier findet ihr die kurzen spontanen Ideen, die es nicht zu einem Roman geschafft haben.

    Viel Spaß beim Schmökern!



    Feuertaufe


    Noch lange vor Sonnenaufgang schlug er die Augen auf. Freudige Erregung durchströmte seine Glieder, mit einem Schlag war er hellwach und es war unmöglich, auch nur einen weiteren Moment im Bett zu vergeuden.

    Heute war der Tag.

    Mit vor Aufregung bebenden Fingern langte er nach dem Morgenrock, weil sein nichtsnutziger Kammerdiener noch selig im Vorzimmer zu schlafen schien. Rasch schwang er die Beine aus dem Bett und trat, während er sich das Kleidungsstück überwarf, zu den großen Fenstern hinüber.

    Weit unter ihm, am Fuße des Berges, vor der mächtigem Festung kauernd, lag die Hauptstadt im tiefen Schlaf unter einem sternenklaren Nachthimmel. Es war still. Erst bei Tagesanbruch weckten die Glocken die Bewohner und riefen zum Gebet.

    Doch bis dahin war er verwandelt und die Stadt würde ihm gehören. Alles würde ihm gehören. Heute wurde der endgültig letzte Schritt seiner Transformation getan und dann endlich war er derjenige, der er schon immer hatte sein sollen. Die Stadt, das Reich, die ganze Welt - es würde ihm alles zu Füßen liegen, anbetend, zusammengekauert, verstummt ob des Anblicks seiner Pracht und Herrlichkeit …

    Mit herrischer Stimme rief er nach dem Kammerdiener, der mit einem schlaftrunkenen “Hier bin ich, mein Prinz” ins Zimmer gestolpert kam. Was für eine lächerliche Figur dieses halbe Hemd abgab. Nach der Zeremonie musste er sich wohl nach einem neuen Bediensteten umsehen, doch das war kein Problem. Schließlich gab es Unmengen Menschen, die einem Wesen wie ihm nur zu gerne dienen wollten.

    Er trat vor den mannshohen Spiegel, während weitere Höflinge wortlos ins Zimmer geeilt kamen. Sie alle erledigten ihre allmorgendlichen Aufgaben flink und vor allem schweigend und mit größtmöglichstem Respekt. Das hatten einige von ihnen durch harte Schule lernen müssen. Besonders heute durfte nichts schiefgehen.

    Prüfend glitt sein Blick über das Spiegelbild. Ein schlanker Mann sah ihm aus violett-blauen Augen entgegen. Das Gesicht wirkte angespannt, versteinert und die blasse Haut unter dem silberglänzendem Haar ließ ihn fast ein wenig krank wirken. Doch der Eindruck täuschte, er hatte sich noch nie so lebendig gefühlt. Fast schien es ihm, als leuchtete er von innen heraus, als brannte bereits ein Feuer tief in seinem Inneren. Er konnte die Hitze durch seine Adern rinnen spüren.

    Leuchtflamme, in der Tat. So würden sie ihn nennen, ehrfürchtig und erstaunt. Der Mann, der zum Drachen wurde.

    Theatralisch streckte er die Arme aus. Sein Morgenmantel glitt von seinen Schultern, Diener hüllten ihn in Kleidungsstücke für den Tag, schwarz mit blutrotem Futter, welches durch kunstvolle Schlitze in dem dunklen Samt schimmerte wie Glut.

    Dann brachten sie einen neuen feuerroten Umhang, den das Wappen seines Hauses zierte, gürteten seine Hüften mit Gold und setzten ihm ein Diadem mit schimmerndem Rubin auf das glänzende Haar.

    Ein letztes Mal musterte er sich. Ja, er bot einen unvergesslichen Anblick. Sein letzter Auftritt als gewöhnlicher Prinz, doch selbst dieses Bild würde sich ewig in die Köpfe aller einbrennen, die der Zeremonie beiwohnten. Und wenn er schon als Prinz so mächtig aussah, wieviel atemberaubender mochte er dann erst in seiner wahren Gestalt sein.

    Keiner seiner jämmerlichen Brüder würde noch gegen ihn bestehen können. Weder der verweichlichte Bücherwurm, der am liebsten seine gesamte Zeit zwischen dicken staubigen Folianten verbrachte - oh, was für ein entzückendes Feuer diese doch geben würden - noch der weibische kleinste Bruder. Selbst sein Vater, sein starker Vater, musste dann vor ihm das Haupt beugen und ihm den Thron übergeben.

    Ein letztes Mal strich er über seine Gewänder, dann wandte er sich rasch um. Die Türen vor ihm öffneten sich sofort. Nur mit großer Beherrschung gelang es ihm, die Flure gemessenen Schrittes zu durchqueren, am liebsten wäre er losgestürmt, doch das ziemte sich nicht für den Kronprinzen und schon gar nicht für die Kreatur, die er zu werden gedachte.

    Die Zeremonie sollte im Thronsaal stattfinden, da dieser die mit Abstand größte Halle der gesamten Anlage war. Gerade groß genug also für sein Vorhaben.Wenn auch riskant.

    Selbst zu dieser frühen Stunde mochte es sein, dass ungebetene Augen sein Anliegen erfassten und dem König meldeten. Und sein Vater verfügte noch immer über die Macht, ihn einsperren zu lassen, ihn zu ächten.

    Denn noch war er nur ein sterblicher Mensch, seine innere Form glich nicht der äußeren und in dieser schwachen Hülle gefangen konnte er die Kräfte in sich nicht entfesseln.

    Die Türflügel zum Thronsaal schwangen auf. Er nickte den Wachen rechts und links des Portales zu. “Ich wünsche keine Störung.”

    Sie nahmen Haltung an und nickten. Mit einem Krachen fielen die mit Gold verzierten Holztüren hinter ihm ins Schloss und er durchquerte die Halle. Seine Schritte auf dem blanken Boden hallten von den Wänden wider. Bis auf sechs einsame Fackeln nahe des aus Klingen alter Feinde geschmiedeten Throns war es dunkel.

    Nur wenige Eingeweihte hatten sich am Rande des vom Feuerschein erfassten Bereichs versammelt. Sie alle wiesen sich durch Treue und eiserne Verschwiegenheit aus und sie alle würden belohnt werden, sobald seine Verwandlung abgeschlossen war.

    Die Aufregung kribbelte in seinem Nacken und ein Schauer überlief ihn, als sein Blick auf den Greis ganz rechts fiel. Er trug ein kostbares Glasgefäß, verziert mit großen blitzenden Edelsteinen, aus denen ein grüner Schein verheißungsvoll schimmerte.

    Der Mann daneben hielt eine Truhe aus purem Gold in den Händen. In dieser ruhte, auf nachtblauen Samt gebettet, der kostbarste Besitz des Kronprinzen - ein Drachenei, das mit goldenen und silbernen Schuppen bedeckt war. Auf keinen Fall durfte die Zeremonie ohne dieses Ei stattfinden, ohne diesen Beweis seiner Auserwähltheit.

    Erhobenen Hauptes trat er in den Kreis, musterte jeden der Anwesenden und streckte schließlich auffordernd die Hände aus.

    Schlurfend kam der Alte auf ihn zu und reichte ihm den Pokal mit einer ehrfürchtigen Verbeugung. Dann wich er wieder zurück. Ein jüngerer Mann nahm eine der Fackeln aus der Wand und sah abwartend zu dem Prinzen herüber.

    Er blickte in sein Glas.

    Die Substanz schillerte in verschiedenen Grüntönen und war gleichzeitig so klar, dass er durch sie hindurch seine leise bebenden Finger erkennen konnte. Mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken forderte er den Fackelträger auf, seiner Aufgabe nachzukommen.

    Der trat zu ihm, senkte die Fackel und entzündete die Flüssigkeit im Pokal.

    Jetzt würde er wirklich ein Drache sein.

    Er hob das Gefäß, aus dem grüne Flammen tänzelten, an seine Lippen.



    Auszug aus Maester Yandels "Chroniken von Westeros", gewidmet Tommen, Erster seines Namens, König der Andalen und der Ersten Menschen, Herr der Sieben Königslande, Beschützer des Reiches

    "232 n. A. E. verschied Aerion Targayen, der sich auch Aerion Leuchtflamme nannte, als er einen Becher Seefeuer trank, im Glauben es würde ihn in einen Drachen verwandeln. Er starb schreiend."

    Das konnte sie nicht zulassen. Denn wenn sie fallen würde, war niemand mehr da, der Nate vor Artax’ Zorn zu beschützen vermochte.
    Rot glühend schossen mehrere kleine Laser auf Artax zu, doch auch er warf sich zu Boden und ihr Angriff traf nur die leere Wand hinter Nates Bett. Gestein splitterte und eine Staubwolke hing in der Luft.
    Ihr Gegner stieß einen anerkennden Pfiff aus. “Bravo, Astra! Das dürfte das erste Mal gewesen sein, dass du deine Gabe absichtlich gegen einen Menschen gerichtet hast!” Im Nu klang seine Stimme wieder eisig. “Gut so! Es wäre langweilig, wenn du dich nicht angemessen wehren würdest!” Eine riesige schwarze Hand erschien auf seinen Befehl, die den Turm aus Überwachungsgeräten packte. “Mal sehen, wie du das parierst!”, rief Artax mit einem wahnsinnigen Blitzen in den hellen Augen.
    Die Maschine flog, von schwarzer Kraft geschleudert, quer durch den Raum.
    Astra ließ sich auf die Knie fallen, auch wenn ihr die Glasscherben dabei erneut Schnitte zufügten und streckte beide Hände aus. Eine Lichtwand schoss vor ihr empor, gleißend und hell, doch sie vermochte nicht, das Geschoss des Gegners aufzuhalten. Erneut musste sie zur Seite ausweichen, landete auf Knien und Ellenbogen auf dem Boden, während über ihrem Kopf das Überwachungsgerät in viele kleine Teile zerbarst. Plastik regnete auf sie hernieder, doch sie hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern.
    Artax griff mit seiner Gabe nach allem, was er finden konnte, und schleuderte ihr Trümmer, Möbelstücke und Glasflaschen entgegen.
    Ihre Laser trafen die feindlichen Geschosse nur teilweise, Artax war zu schnell und sie konnte dem Hagel seiner Attacken nur wenig entgegensetzen.
    Ein riesiges Trümmerstück raste auf sie zu, zermalmte auf dem Weg zu ihr den halben Türrahmen, riss Mauerbrocken und Metall mit sich.
    Entsetzt schrie Astra auf und richtete all ihre Kraft darauf. Das Gestein, das wohl einmal ein Stück von Nates Zimmerwand gebildet haben musste, explodierte in eine Milliarde Staubpartikel und schlug Astra wie feiner Hagel ins Gesicht. Hastig drehte sie den Kopf nach links, um ihre Augen zu schützen.
    Das war ein Fehler.
    Der plötzliche Schmerz zerriss ihr die Schulter und raubte ihr den Atem. Ächzend blinzelte sie durch die Staubwolken vor sich und erkannte den armlangen Metallsplitter, der sich knapp unter ihrem rechten Schlüsselbein in ihren Körper gebohrt hatte. Artax musste diesen im Schutze der Schmutzexplosion auf sie geschleudert haben.
    Stöhnend rang sie nach Luft und versuchte, den Schmerz in der Schulter zu veratmen. Wenn Artax sie jetzt erneut angriff, würde sie sich nicht verteidigen können. Artax - wo war er überhaupt?
    Das Glas unter ihr knirschte, als sie ihr Gewicht verlagerte und aufsah. Allein diese Bewegung jagte neue Feuersbrünste durch ihre Wunde und ihr Sichtfeld trübte rötlich ein.
    Um sie herum war alles von Staub erfüllt, durch den gelegentlich die Funken einzelner loser Kabel blitzten. Vom Überwachungsturm war nichts mehr zu sehen, von Nates Zimmer auch nicht. Angestrengt lauschte sie, doch bis auf das Knistern der zerrissenen Leitungen und ihrem eigenen schluchzenden Atem konnte sie nichts hören.
    Hatte sie Artax etwa getroffen? War er verletzt? Oder womöglich tot?
    Es war unmöglich, sich zu bewegen. Das Geschoss hatte sie regelrecht an die Wand genagelt. Ihre Schulter knirschte und schickte neue Blitze aus Schmerz durch ihren ganzen Körper. Schwer atmend verharrte sie.
    Und dann hörte sie es.
    Schlurfende Schritte kamen näher, begleitet von einem merkwürdig schleifenden Geräusch. Langsam schälte sich aus den Schleiern eine dunkle Gestalt.
    Artax trat auf sie zu und blieb schließlich stehen. Wortlos blickte er auf sie herab. Aus einer Platzwunde über dem rechten Auge sickerte Blut und lief über seine verschmutzte Wange wie eine rote Träne. Doch der Blick aus seinen Augen war mörderisch.
    Adrenalin jagte durch ihren Körper. Sie wollte aufspringen, anstatt hier auf dem Boden zu hocken wie ein Kaninchen in der Falle - doch der linke Arm war nutzlos, jede Bewegung bohrte hundert Dolche in die ohnehin schon schmerzende Schulter.
    “Deine Hände sind gefährlich, meine Liebe.” Seine Stimme kratzte “Ich werde sie ausschalten müssen.” Er hob die Rechte und sie erkannte, dass seine Faust aus Dunkelheit ein großes Bruchstück aus einer Wand über den Boden zerrte. “Ich kann dir nicht erlauben, mich noch einmal derart zu attackieren.”
    Beinahe sanft dirigierte er den Trümmerklotz auf ihre rechte Seite. “Was denkst du, Astra? Wie wäre es, wenn ich dir hiermit den Schädel einschlage? Du siehst nicht aus, als könntest du mich aufhalten.”
    Sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, sie betteln zu hören. Doch allzu viele Fluchtwege gab es nicht. Die Pein in ihrer rechten Seite war übermächtig, sie konnte sich nicht konzentrieren … ihr Licht versagte ...
    Er ging vor ihr auf ein Knie nieder und studierte ihr Gesicht. “Dir gehen die Möglichkeiten aus, fürchte ich.” Behutsam fuhr er mit dem Finger die Linien aus Blut an ihrem Arm entlang, strich über ihr Schlüsselbein und über ihren Hals. “Wie schade.”
    Der angeekelte Laut entwich ihr, bevor sie sich zusammennehmen konnte, und als sie den Kopf zurückzog, um seiner Zudringlichkeit zu entgehen, stieß sie erneut an die Wand hinter sich. Allein dieser kurze Schlag jagte neue Schmerzwellen durch ihren Körper und sie biss die Zähne zusammen, damit es Artax ja nicht bemerkte.
    “Es ist wirklich bedauerlich.” Seine Miene wirkte beinahe wehmütig, als er sie so ansah. “Deine Fähigkeiten sind den meinen weit überlegen und du hättest Großes erreichen können, wenn dir ein wenig mehr Entschlossenheit zu eigen wäre. Eben hast du gezeigt, wozu du in der Lage bist. Schade, dass es das letzte Mal gewesen war.”
    Fast kameradschaftlich legte er ihr die Hand auf die Schulter und dieses Mal konnte sie einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken. Gleichzeitig landete ein massives Gewicht auf ihrer Linken und schien diese regelrecht zerquetschen zu wollen.
    “Keine Angst, ich werde dir deine Hand lassen. Schließlich ist sie … schön - wie alles an dir.”
    Zärtlich fixierte er sie mit dem Bruchstück am Boden und lachte leise, als sie erneut ächzte.
    Um ihm zu entkommen, hätte sie vermutlich auch ihre Hand geopfert, doch der Schmerz in der Schulter raubte ihr die Fähigkeit, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Angewidert wandte sie den Kopf ab und schloss die Augen, als könne sie sich so gegen seine überwältigende Nähe schützen. Aber sie war nicht in der Lage, seine Berührung abzuwehren.
    Er kam immer näher. Federleicht strich seine Hand über ihr Gesicht, zogen den Schwung ihrer Wangenknochen nach und spielten mit ihren Haaren. Artax sah aus, als hätte man ihm ein heiß ersehntes Geschenk überreicht. Von seiner Miene wurde ihr übel und sie schloss die Augen, um ihn nicht länger ansehen zu müssen.
    “Ein Jammer, Astra.” Fast seufzte er. “Jetzt, wo ich dich haben kann, will ich dich nicht mehr. Du hast es verdorben.” Er lehnte sich noch weiter vor, seine Hand ließ ab von ihrem Gesicht und er stützte sich auf ihren Oberschenkel. Sein Mund verharrte um Haaresbreite vor dem ihren, sie konnte seinen Atem über die Lippen streichen fühlen.
    “Ich werde dich töten, meine Liebe. Aber jetzt noch nicht.” Der Druck auf die gebrochene Schulter wurde stärker und sie schrie, während ihr Magen zu revoltieren drohte.
    Er küsste ihre Nase. “Erst werde ich mir Kendall holen.” Ein Kuss auf ihre Wange. “Ich werde ihn zerfleischen, langsam.” Ein Kuss auf ihr Ohr. “Und dann - ”, seine Lippen strichen ihren Hals entlang und hinterließen eine feuchte Spur, “komme ich wieder und erzähle es dir ausführlich.” Ein Kuss auf ihren Mund. “Damit du auch was davon hast.”
    Sie biss zu, so fest sie konnte, und schmeckte sein Blut.
    Mit einem schauderhaften Schrei fuhr er zurück und rammte ihr die Faust an die Schläfe.
    Ihr Blick kippte, vor ihre Augen schien sich ein Schleier zu legen.
    “Ich sehe, du kannst es kaum erwarten.” Wie durch Nebel sah sie, wie er sich ruckartig über den Mund wischte und eine leuchtend rote Spur auf seiner Wange hinterließ. Er packte sie an den Haaren und riss ihren Kopf nach oben. “Keine Sorge, ich bringe dir seine Einzelteile, wenn ich mit ihm fertig bin. Und dann wirst du noch darum flehen, dass ich dich zu ihm schicke”, zischte er und Blut klatschte auf ihre Wange. Dann stürmte er mit langen Schritten davon und ließ sie allein in den Trümmern zurück.