Beiträge von Kiddel Fee

    Ihr Lieben, danke für eure Kritik.


    Ich bin ein wenig zwiegespalten, einerseits will ich es nicht in eine Geschichtsstunde ausufern lassen, andererseits braucht der Leser auch ein paar Infos zu dieser Welt und auch zu den Backgroundstories der Figuren. Es ist schwer, da eine gute Balance zu finden, @Rainbow will mehr Hintergrundinfos (verständlich!), @LadyK braucht nicht soviel (auch nachvollziehbar), und @Sensenbach, "atomarer Winter" musste ich erst
    einmal googeln (interessant!).





    So, der nächste Abschnitt ist ein kleines bisschen länger, aber ich habe keinen guten Cut gefunden ... entschuldigt bitte :pardon:



    Er sagte erst einmal gar nichts. Unbeholfen kam er auf die Füße, dann setzte er sich auf das Sofa, das Astra freigeräumt hatte und stützte die Ellenbogen auf die Knie. Abwesend musterte sein Blick die verbundenen Handflächen.
    „Hast du den Krieg miterlebt?“
    Sie rutschte hinüber zum Sofa, lehnte sich mit dem Rücken an die Sitzkante und schlang die Arme um die angezogenen Beine. „Nein. Ich habe den Krieg nie gesehen. Er hat den Hort nicht berührt.“
    „Davon habe ich gehört. Obwohl ich es mir nicht vorstellen kann. Die ganze Welt war ein Schlachtfeld, wieso gingen diese Jahre einfach an euch vorüber?“ Sie konnte die Verwunderung in seiner Stimme hören.
    „Das weißt du nicht?“ Irritiert schaute sie zu ihm hinüber. Er hatte den Kopf auf die Armlehne des Sofas gelegt und sah hinauf zur Decke.
    „Wir wissen nahezu gar nichts über diesen Ort. Nur dass sämtliche Intelligenz dort geballt ist. Und dass unser Leben von dort aus geregelt wird.“
    Woher sollte er auch Informationen über diesen Teil der Weltregierung haben?
    „Der Hort des Wissens war einst eine geheime Forschungsanlage. Regierungen der ganzen Welt haben Forscher, Gelder und Material in diese Anlage investiert. Inzwischen gleicht sie einer Stadt. Um diese Investitionen auch gut zu schützen, wurde der Hort gesichert wie eine Festung. Und dank diesem Schutz hatte die Forschungsstadt, vollgestopft mit Intelligenz, den großen Krieg über seine gesamte Dauer hinweg unbeschadet überstanden.“
    Rett brauchte einen Moment, um diese Informationen zu verdauen. „Das ist … unglaublich.“
    „In den letzten sechs Jahren haben die Sieger den Hort ausgebaut und das Militär in die Veste eingesetzt. Die Veste und der Hort - sie allein kontrollieren all das Land, was noch bewohnbar ist. Sämtliche Bodenschätze sind gehoben, sämtliche Rohstoffe eingesammelt und hinter massiven Toren und starker Bewachung gelagert worden.“
    „Und damit haben sie den Rest der Welt ins Elend gestürzt.“ Retts Stimme klang kalt. “Wir alle waren Teil des Krieges. Es gab keine andere Möglichkeit. Entweder wir zogen mit in den Kampf, leisteten unseren Teil und starben auf dem Schlachtfeld - oder wir ergriffen die Flucht, versuchten uns durchzuschlagen und starben schließlich im Niemandsland, wo es nichts mehr zum Überleben gab. Jeder musste diese Wahl treffen, für sich und für die, die ihm anvertraut waren.”
    Er schwieg kurz.
    Seine letzten Worte hallten in ihr nach. Die vier hier waren nicht miteinander verwandt, doch jeder von ihnen musste einmal eine Familie gehabt haben. Ivys grausame Geschichte kannte sie. Was hatten die anderen nur durchlebt?


    “ Ich war zwanzig, als ich einberufen wurde. Gerade hatte ich meine Lehre abgeschlossen und war in die nächstgrößere Stadt gezogen, da kamen sie und nahmen mich mit. Freundlich, aber bestimmt und ich wollte lieber nicht herausfinden, was sie mit Fahnenflüchtigen und Verweigerern taten. Wir kamen für ein paar Monate in die Grundausbildung. In der Zeit fanden sie heraus, dass ich über ein gewisses … Mechaniker-Talent verfügte und steckten mich in die Panzertruppe, wo ich mit der Wartung betraut wurde.”
    Er räusperte sich. Astra lauschte, während ihre Hände mit Ivys kleiner Puppe spielten.
    “Sagt dir der Name ‘Kendall’ etwas?”
    “Kommandant Kendall?” Erstaunt blickte sie auf. “Der größte Stratege des ganzen Krieges. Sein Name fand sogar den Weg in unsere geschützte Welt und seine brillianten Schachzüge brachten unsere gelehrtesten Köpfe wochenlang zum Diskutieren. Dabei war er noch ziemlich jung, glaube ich?”
    “Um die dreißig”, stimmte Rett zu. “Ein Genie, sowohl auf militärischem Gebiet als auch menschlich. Mein Bataillon gehörte zu seiner Truppe und obwohl wir uns im Kampf befanden, habe ich mich bei ihm immer sicher gefühlt. Er war ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Treu. Aber unglaublich streng. Bis heute frage ich mich, was ihn dazu gebracht hat, seine drei Söhne mit in den Krieg zu schleppen.”
    “Seine … Söhne?”
    “Es war normal, dass alle Jungen ab vierzehn Jahren eingezogen und ausgebildet wurden. Jeder wurde gebraucht. Doch Kendall lehrte alle seine Jungen das Kriegshandwerk, noch bevor der Krieg überhaupt angefangen hatte. Die drei hatten jeder ein Bataillon unter sich und unterstanden der Führung ihres Vaters. Dabei waren sie selbst hervorragende Taktiker.” Rett fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, er hatte vergessen, dass die Hand verletzt war. Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut hielt er inne und musterte grimmig den verfärbten Verband.
    “Ich folgte seinem jüngsten Sohn. Er war acht Jahre alt, als die Kämpfe begannen. Mit zehn bekam er ein eigenes Kommando. Mit zwölf Jahren rettete er mir das Leben in der Schlacht an der Eisernen Brücke.”
    Die Schlacht an der Eisernen Brücke, das wusste Astra, war das Ende gewesen. Es gab keine genauen Zahlen, wieviele Menschen an diesem Tag ihr Leben gelassen hatten - im Hort ging man von mehreren Millionen aus. Die Eiserne Brücke war die letzte große Verbindung zwischen den ehemaligen Kontinenten Afrika und Europa gewesen und der Kampf um sie hatte vier Monate gedauert. Danach gab es quasi keinerlei Truppen mehr, die den Krieg hätten fortsetzen können.
    Sie setzte sich auf, drehte sich um und musterte ihn. Er hatte überlebt, als einer von wenigen. Die meistens Bewohner der Downs waren Flüchtlinge, ehemalige Kämpfer fand man so gut wie keine mehr. Wenn, dann lebten sie in der Veste …
    “Und der Junge …?”
    “Brachte mich ins Lazarett und ich habe bis heute nicht erfahren wie. Oder warum. Ich war zwischendurch mehrmals weggetreten. Allerdings verbot er mir entschieden zu sterben.” Ein schwaches Lächeln stahl sich in Retts Mundwinkel. “Und als guter Soldat sagte ich ‘Sir, ja, Sir!’. Jedenfalls bis ich Kay in die Hände fiel. Da hab ich mir gewünscht, dieser sture Mistkerl hätte mich einfach liegen lassen.” Jetzt wandte er den Kopf und schaute sie an. “Ich hatte so hohes Fieber, dass ich nur selten bei Bewusstsein war. In den wenigen klaren Momenten flehte ich Kay an, mich sterben zu lassen. Sie war die zuständige Ärztin. Doch sie entgegnete nur, dass ihr schon genug junge Männer unter der Hand weggestorben waren.” Retts Finger krümmten sich, doch er vermochte die Hände nicht zu Fäusten zu ballen, wie er es vielleicht gerne getan hätte.
    “Kay hatte am Tag zuvor binnen einer halben Stunde ihre beiden Söhne verbluten sehen. Der eine war siebzehn, der andere fünfzehn und beide so schwer verwundet, dass jede Hilfe zu spät kam. Sie erklärte ihr Kinder für tot und machte weiter. Am Abend brachten sie mehrere Brandverletzte, die in ihrem brennenden Panzer eingesperrt gewesen waren. Einem davon mussten sie sofort beide Beine amputieren. Er war so entstellt, dass sie erst nach der Operation bei der Versorgung der kleineren Wunden ihren Mann vor sich erkannte. Und auch er starb, noch während sie an seiner Seite stand.”
    Astra dachte an Kay, die dunkelhaarige kleine Frau mit der barschen Art - Lazarettärztin. Sie hatte das Grauen der Kämpfe miterlebt und dabei ihre eigenen Schlachten geschlagen. Es war nicht verwunderlich, dass sie jetzt unnahbar und grimmig wirkte.
    “Sie hat mich durchgekriegt. Als einzigen, die anderen sind nach und nach alle gestorben. Ich hab keine Ahnung, wieso sie sich so auf mich eingeschossen hatte, es waren so viele Verwundete und ihre Mittel bestanden am Ende nur noch aus Lumpen und schmutzigem Wasser - sämtliche Medikamente, sämtliche Verbandsstoffe, alles war aufgebraucht. Sie konnten niemandem mehr helfen. Und trotzdem hat Kay mich durchgekriegt. Allerdings war sie kurz davor, mir den verletzten Arm einfach abzuschneiden.”
    Er rappelte sich auf und hielt ihr den linken Arm hin. “Hier.”
    Zögernd schob sie den Hemdsärmel zurück und enthüllte gezackte verblasste Narben über den gesamten Unterarm. Erschrocken sog sie die Luft ein.
    Beiläufig schüttelte er den Ärmel wieder herunter. “Sie hatten meinen Panzer angegriffen und wir mussten flüchten. Als ich durch die Luke kletterte, traf eine Granate das Gefährt und ich landete im Fallen so ungünstig, dass ich hängenblieb. Die Kameraden ergriffen die Flucht, als der Feind nahte. Nur einer nicht. Entgegen aller Vernunft kam mein Kommandant zurück, brach mir den Arm, befreite mich und zerrte mich weg von dem Panzer. Schon im feindlichen Kugelhagel warf er mich über das Geländer der Brücke und sprang mir hinterher, um mich unten wieder aus dem Wasser zu fischen.”
    Asta lauschte gebannt und entsetzt zugleich. Es war kein packender Roman, den Rett hier vortrug. Es war seine eigene Lebensgeschichte.
    “Hat er auch überlebt?”
    Retts Gesicht war ausdruckslos.
    “Nein. Die Sieger kamen und suchten nach ihm , doch schwor Kay beim Leben ihrer beiden Söhne, dass der Junge seinen Verletzungen erlegen war. Zum Beweis reichte sie ihnen ein Medaillon, das die Initialen von Kendall höchstselbst und das Bildnis der drei Söhne in sich trug. Damit gaben sie sich zufrieden.
    Jordan Nathanael Kendall existierte nicht mehr.”

    Nate war verschwunden. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und der dumpfe Knall hallte durch den leeren Flur. Astra stand für einen Moment wie erstarrt, dann stieg sie behutsam über die Spiegelscherben und verriegelte mit zitternden Fingern. Kurz lehnte sie die Stirn an das kühle Metall und schloss die Augen, dachte an den jungen Mann, der jetzt mit grimmiger Miene durch den Regen lief, entschlossen, seine Familie zu retten …
    Kümmere dich um die Ausrüstung. Das war seine Anweisung gewesen. Langsam drehte sie sich um und musterte das Chaos im Flur. Im Wohnzimmer sah es nicht besser aus. Rett, noch immer auf dem Fußboden, hob leicht den Kopf, als sie wieder zu ihm kam und machte Anstalten sich zu erheben. “Bleib liegen”, meinte sie leise. Dann packte sie die Sofakante und zerrte das abgewetzte Sitzmöbel wieder auf seine wackeligen Füße.
    “Wieso ist hier alles verwüstet? Sie hatten doch, was sie wollten?” Die Fragen galten mehr ihr selbst, doch scheinbar hatte sie sie ausgesprochen, denn Rett seufzte.
    “Kay hat sich gewehrt”, murmelte er. “Daraufhin ist Ivy ins Hinterzimmer gelaufen. Die Frau hat sie wieder herausgezerrt, während ihr Kumpan Kay an den Haaren gepackt und auf den Tisch geschleudert hatte. Sie war außer sich vor Sorge um die Kleine und wollte immer wieder entkommen. Der Kerl schlug mehrmals auf sie ein, irgendwann gab sie ihren Widerstand auf und ließ sich einfach fortzerren.“ Ein jammervoller Laut entrang sich ihm. Er drehte sich auf die Seite und krümmte sich zusammen.
    Die Schuldgefühle überrollten sie förmlich. Rett hatte zusehen müssen und nichts tun können. Das Leben der vier Menschen, die hier noch vor wenigen Stunden eine Familie am Frühstückstisch gewesen waren, lag jetzt in Trümmern. Ihretwegen. Und egal, was sie jetzt sagen oder tun würde, nichts konnte dies ändern.
    Nate hatte ihr eine Aufgabe gegeben. Sie würde diese gewissenhaft erfüllen. Sie würde alles tun, was in ihrer Macht stand, um den beiden Männern zu helfen, ihre Familie wieder zusammenzuführen.
    Ihre Suche nach Brauchbarem startete in der Küchenspalte. Nach reichlicher Überlegung nahm sie das, was ihrer Meinung nach zum Überleben am nötigsten war. Besteck, Schüsseln, Becher, zwei Töpfe. Feuerzeug. Die leere Flasche für Trinkwasser. Sie stellte alles an den Durchgang zum Wohnzimmer und ließ ihren Blick dabei durch den Raum wandern. Außer dem Sofa und dem einzelnen Stuhl gab es nicht viel, nur eine Kiste an der Wand. Schon öffnete sie den Mund, um Rett zu fragen, was sich darin befand, da sah sie, dass er vor Erschöpfung eingeschlafen war. Kummer und Schmerz hatten zusammen mit einigen still vergossen Tränen Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen. Noch immer lag er auf dem Boden, doch sie würde ihn jetzt nicht wecken.
    Leise öffnete sie den Deckel der Kiste. Es waren Retts Habseligkeiten. Ganz richtig schien es ihr nicht , einfach darin herumzuwühlen. Behutsam zog sie einige warme Pullover heraus, eine alte Jacke, zwei Decken. Dann ging sie hinüber zu Kays Zimmer, sah dort alles an, nahm weitere Decken und Kleidung an sich. Nates Raum hatte sie für den Schluss ihrer Suche aufbewahrt. Auch hier wählte sie einiges aus. Dann sah sie auf ihre Ausbeute herab. Es war wenig, zu wenig für ihren Geschmack. Nichts davon taugte, um eine Unterkunft zu errichten, nichts würde gut genug sein, um im Notfall gegen Nahrung getauscht werden zu können. Sie würden Bündel schnüren müssen, denn es gab nur zwei Beutel und einen davon hatte ihr Kay vorhin bereits umgehängt …
    Noch einmal sah sie sich kurz um, ihr Blick fiel auf einen bunten Zipfel, der aus dem Spalt zwischen Wand und Matratze hervorlugte, und nahm eine zerknautsche Puppe hervor. Sie gehörte sicher Ivy. Und es würde nicht schaden, ein Symbol der Hoffnung mitzunehmen.
    Schließlich stapelte sie drei Haufen auf dem Sofa, das sie wieder aufgestellt hatte. Jeder enthielt eine Garnitur Ersatzkleidung, zwei Decken und ein Essgeschirr. Dazu kamen einige wichtige Kleinigkeiten, die auf die einzelnen Bündel verteilt werden mussten. Und die Vorräte, die Nate dann noch besorgen wollte. Kurz zögerte sie, doch dann ging sie noch einmal in die Küche hinüber und räumte sämtliche Lebensmittel heraus. Sie würden eine Weile unterwegs sein. Eventuell kam diese Victoria noch dazu. Und auf dem Rückweg …
    Seufzend betrachtete sie ihr Machwerk. Würde es reichen?
    “Was ist?”, drang Retts Stimme an ihr Ohr und als sie sich umdrehte, sah sie, dass er die Augen geöffnet hatte und sie beobachtete.
    “Es kommt mir so … wenig vor. Das ist keine Ausrüstung, das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein.”
    Er schwieg einen Moment, dann kämpfte er sich in eine sitzende Position.
    “Hattest du denn mehr bei dir, als du hergekommen bist?”
    Astra schüttelte den Kopf. “Nein. Aber meine Bedingungen waren ganz anders.” Sie ignorierte seinen fragenden Blick. “Ich werde euch alles erzählen, Rett. Wenn Nate wieder da ist, versprochen. Ihr habt ein Recht zu erfahren, in was ich euch da hineingezogen habe.”
    Rett nickte, dann sah er auf seine Hände hinab. Die Verbände hatten sich rot verfärbt. Astra nahm Kays Ausrüstung, doch der Patient machte ein ablehnendes Gesicht. “Lass nur. Wir brauchen das Material unterwegs vielleicht nötiger.” Seine Fingerspitzen zuckten und er verzog das Gesicht. “Verdammt. Ich werde eher lästig als hilfreich sein.”
    Sie schwiegen beide, wohl wissend, dass er recht hatte. Dann nahm Astra den Beutel, den Kay ihr mitgegeben hatte und holte die Lebensmittel heraus. Das Brot brach sie mittendurch, dann reichte sie Rett ein Stück Wurst. Nur mit großer Mühe konnte er seine Mahlzeit festhalten, aber er erlaubte nicht, dass sie ihm half. Mit verbissener Miene zwang er seine Glieder zum Gehorsam. Doch Astra bemerkte, dass mindestens vier Finger überhaupt keine Regung taten und das machte ihr Sorgen.
    “Was glaubst du, wie lange Nate fort sein wird?”, fragte sie leise. In der Wohnung gab es keine Uhr, jegliches Zeitgefühl war ihr verloren gegangen.
    Rett überlegte kurz. “Bis zur Werkstatt läuft er schon ein Stück. Dann braucht er auch Zeit, um mit Victoria zu reden und dann muss er noch in die Scheune und wieder zurück. Vielleicht sucht er auch noch ein, zwei andere Orte auf, ich weiß es nicht. Aber ich rechne nicht vor dem Abend mit seiner Heimkehr.”
    Verstehend nickte Astra. “Genug Zeit, um mir zu erklären, wie ihr alle zusammengefunden habt.”

    „Du erkennst es? Das hatte er vorhergesagt...“ Rett lehnte sich wieder an die Tür und ließ die verletzten Hände auf den angezogenen Knien ruhen.
    Nate setzte sich neben ihn auf den Boden und nahm Astra die Waffe aus den bebenden Händen. „Du weißt, wem diese Waffe gehört?“
    Sie nickte zögernd, schwieg aber. Der Schock war ihr anzusehen.
    „Wusstest du nicht, dass dieser jemand hinter dir her ist?“
    „Nein.“ Ihre Stimme klang aussichtslos. „Ich hatte befürchtet, dass man mir folgt. Und ich glaubte hier ein gutes Versteck gefunden zu haben. Doch jetzt haben sie mich aufgespürt, zumindest diese Wohnung. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht haben. Ich weiß nicht, wie sie mir folgen können. Aber dass dieser … Mann …“ Sie verstummte wieder.
    Nates hilfloser Blick wanderte zu Rett. „Was ist hier passiert?“
    Wieder schloss der Freund kurz die Augen. Astra nutzte die Gelegenheit und öffnete die Flasche mit dem Alkohol. Sie goss die Flüssigkeit auf einen von Kays ausgekochten Lappen und betupfte damit Retts Wunden. Er gab einen widerwilligen Laut von sich, dann begann er.
    „Wir hörten ein dumpfes Dröhnen, dass immer näher kam. Ich hab die Tür verriegelt. Dann war es kurz still, doch dann hat sich jemand an der Klinke zu schaffen gemacht. Und plötzlich - “ Er schauderte kurz. Dann schüttelte er den Kopf, als wolle er das Bild in seinem Inneren loswerden. „Plötzlich krochen unter dem Türspalt lange schwarze … Fäden hindurch. Tiefschwarz. Sie ringelten sich an der Tür hinauf und zogen Riegel und Kette beiseite. Es war beängstigend. Wie Tentakel sahen sie aus, wie Tentakel aus schwarzem Rauch.“
    Astras Rechte krallte sich um ihre linke Armbeuge. Nate sah kurz zu ihr herüber und seine Augen wurden schmal.
    „Die Tür ging auf und zwei Leute kamen herein. Ein Mann und eine Frau. Sie trug eine Waffe, die sie auf uns richtete. Er hatte nur zwei Dolche im Gürtel stecken.“ Rett schluckte kurz. „Kay war aufgesprungen und hatte Ivy hinter sich geschoben. Dann hat der Kerl nach Astra gefragt und Ivy begann zu weinen. Als Kay sich umdrehte und sie beruhigen wollte, hat die Frau auf sie geschossen.“
    Astra keuchte entsetzt auf und hielt in ihrer Arbeit inne.
    „Die Kugel ging in die Schulter und Kay fiel. Ivy ist durchgedreht. Ich hab mich auf die Frau gestürzt, aber der Kerl hielt mich auf.“ Jetzt betrachtete er den Verband, den Astra gerade um seine linke Hand wickelte. „Er hat eine … unheimliche Kraft. Ich konnte mich ihm nicht einmal nähern. Dunkelheit ging von ihm aus. Es war nicht einfach nur finster. Dieses Dunkel war kalt, es fühlte sich schwer an, es lähmte meine Gedanken, meine Schritte. Ich konnte nichts mehr sehen. Nur Ivys Schreien klang durch diese Finsternis. Der Kerl ging auf mich los, er war mir überlegen und schlug mich zu Boden. Und dann heftete er mich an die Tür und nahm die Schwärze weg.“
    Er seufzte tief und hob die Hand, wohl um sich hilflos durch die Haare zu fahren, doch Astra kam ihm zuvor und hielt ihn zurück. Sanft verband sie auch diese Verletzung. Retts Blick suchte den von Nate.
    „Ivy hat ihm alles erzählt, Nate. Diese Frau stand da, mit ihrem Fuß auf Kays Rücken und mit ihrer Pistole, die auf mich gerichtet war. Und er hockte am Boden und sprach leise mit der Kleinen. Sie wusste, um was es ging. Meine Güte, sie ist erst vier und sie hatte begriffen, dass es von ihr abhing.“ Wieder schüttelte er den Kopf und wischte sich mit den frisch verbundenen Händen über die Augen.
    „Sie wissen alles. Ivy hat ihnen gesagt, dass sie dich sehen kann, Astra. Sie hat ihnen verraten, dass ihr zusammen fortgegangen wart und dass Nate wiederkommen würde, wenn er dich in Sicherheit gebracht hatte … wir Erwachsenen wurden nicht befragt. Sie hatten alle Informationen, die sie brauchten.“
    Schweigen. Alle drei benötigten einen Moment, um zu begreifen, was das bedeutete.
    “Ich soll dir ausrichten, dass du Astra zum Hort des Wissens bringen sollst. Dann kannst du Kay wieder mitnehmen. Solltest du ohne Astra auftauchen, bringen sie Kay um. Und Astra - dich weisen sie darauf hin, dass die Schmerzgrenze eines kleinen Mädchens nicht sehr hoch ist, deshalb solltest du keine Tricks versuchen. Ivy werden sie am Leben lassen und behalten. Es liegt nur in deiner Hand, wie qualvoll dieses Leben eventuell werden könnte … “ Retts Stimme erstickte.
    Nate spürte sein Herz in seiner Brust hämmern. Alles in ihm zog sich schmerzhaft zusammen. Kay … Ivy! “Was wollen sie mit Ivy?”, flüsterte er fassungslos.
    Astra schlang die Arme um ihren Körper, als müsse sie sich selbst schützen. “Sie glauben, dass sie mithilfe von Ivy die anderen finden können.”


    Mit Mühe drehte Nate den Kopf und sah sie an. “Die anderen? Es gibt noch mehr Menschen wie dich?”
    Astra nickte bitter. “Und weil Ivy mich sehen konnte, glauben sie, dass sie auch diese sehen kann. Aber selbst wenn dies nicht der Fall ist, werden sie die Kleine niemals gehen lassen. Sie ist ein zu reizvolles Forschungsobjekt.”
    Es schien, als hätte jemand die Luft aus dem Zimmer gesaugt, jedenfalls fiel Nate jeder Atemzug schwer. Seine kleine Ivy - ein Forschungsobjekt? Hilfesuchend sah er zu Rett, doch der lehnte nach wie vor mit geschlossenen Augen an der Tür. Sein Gesicht war blass geworden.
    Astra erhob sich abrupt. “Es tut mir leid, Nate. Das ist alles meine Schuld. Ich hätte niemals hier bleiben sollen …”
    “Ja, vielleicht”, meinte Nate leise. Er starrte auf den Teppich, auf dem vor drei Stunden noch das Frühstück gestanden hatte. Seine Miene war leer.
    “Ich gehe zurück.” Kummervoll sah Astra auf die beiden Männer nieder. “Ich gehe zurück und werde alles dafür geben, dass sie beide gehen lassen.”
    Nate antwortete nicht, doch sein Gesicht veränderte sich. Es nahm einen kämpferischen Ausdruck an. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte er zu ihr auf, dann erhob er sich.
    “Wie lange? Wie lange braucht man von hier bis zum Hort des Wissens?”
    Astra biss sich auf die Lippe. “Ich war fast drei Wochen unterwegs. Zu Fuß.”
    “Das ist zu lang.” Er klang völlig emotionslos. Grübelnd stützte er das Kinn auf die Fingerknöchel. “Zu Fuß schaffen wir es nicht.”
    Rett räusperte sich schwach. “Ich … es gibt eventuell eine Möglichkeit. Eine … Bekannte schuldet mir einen Gefallen. Sie verfügt über gewisse Mittel.”
    Nate nickte. “Geh zu ihr. Ich weiss, es ist Sonntag, aber wir haben keine Zeit zu verlieren. Rede mit ihr, verrate ihr aber nicht mehr als nötig.” Er wandte sich zu Astra um und verschränkte die Arme. “Astra, du kümmerst dich um unsere Ausrüstung. Schau dich um in der Wohnung. Packe alles zusammen, was du von unserem mageren Besitz als notwendig erachtest. Ich weiß, wir haben nicht viel und im Ödland gibt es nichts, aber mehr können wir momentan auch nicht besorgen. Alles, bis auf die Lebensmittel.” Er wartete ihr verwirrtes Nicken gar nicht ab. “Ich gehe nochmal in die Scheune und hole alles an Nahrung, was ich auftreiben kann. Meine Waffe nehme ich mit. Sollte sich irgendjemand zwischendurch Zutritt in unsere Wohnung verschaffen wollen, tu mit ihm, was du willst. Wenn Rett wiederkommt, lass ihn ein und wartet dann auf mich. Geht nicht allein raus.”
    Erneut nickten die beiden, Rett gleichmütig, Astra mit entgeisterter Miene. Nate verblüffte sie immer wieder. Eben noch schien er am Ende aller Hoffnungen und Kräfte zu sein und nun gab er ihnen Anweisungen wie … ein Anführer. Und er wirkte so sicher in dieser Rolle.
    Rett erhob sich. Er sah schlecht aus. Sein Gesicht war von nahezu grauer Farbe, seine Hände zitterten immer noch. In Kays Fundus hatte sich kein Schmerzmittel befunden, dass ihm Hilfe gewesen wäre und so presste er hilflos die Lippen aufeinander. Schweiß glänzte im Schein der kleinen Lichtkugel auf seiner Stirn.
    Astra wusste nicht, wieso sie es hatte kommen sehen, aber als er einen Schritt tat und plötzlich zusammensackte, fing sie ihn auf. Er zog sie mit sich zu Boden, doch wenigstens fiel er nicht ungebremst.
    Nate kam ihr zu Hilfe, zog den Stuhl heran und legte Retts Beine auf die Sitzfläche.
    Es dauerte einen Moment, dann schlug der Ältere die Augen wieder auf. “Verzeiht mir. Das … war unerwartet.”
    Astra wischte seine Worte mit einem nachsichtigen Lächeln beiseite. “Du musst dich ausruhen. So kannst du unmöglich gehen.”
    Nate musste ihr zustimmen. “Sag mir, wo deine Bekannte lebt und was ich ihr sagen soll.”
    Rett drehte den Kopf und musterte Nate. “Ihr Name … ist Victoria. Sie wohnt direkt über der Werkstatt, ihr Vater ist mein Chef. Sag ihr … es ist soweit. Mehr wird nicht nötig sein.” Nate drückte Retts Arm und wollte sich erheben, doch sein Freund legte die verbundene Linke auf sein Bein. “Sie wird mitkommen wollen und ich … denke, es wäre eine gute Idee. Entscheide du es.”
    “Das werde ich.” Nate stand auf. Er sah Astra in die Augen. “Kümmere dich um ihn. Bleibt hier und wartet auf mich. Ich gehe zu Victoria und dann in die Scheune. Und wenn ich wieder da bin” , seine Augen wurden schmaler, “erzählst du uns alles.”



    Nate machte einen Satz auf den hilflosen Freund zu und riss den Dolch an sich. Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut sackte Rett zusammen, die durchbohrten Hände zuckten in seinem Schoß.
    “Wo ist sie?”, schrie Nate und seine Stimme überschlug sich. “Wo ist sie, Rett? Warum ist sie fort und du bist noch hier?” Er wurde mit jedem Satz lauter. Anklagend richtete er die Spitze der Klinge auf Rett. “Wie konntest du zulassen, dass sie sie mitnehmen?”
    “Nate.”
    Astras Stimme war leise, fast beschwörend. Sie erkannte, dass die Verzweiflung aus ihm sprach. Zögernd hockte sie sich neben Rett, der bis jetzt kein Wort gesagt hatte. Seine Haare bedeckten sein Gesicht, sein Atem ging schwer und er zitterte. Astras schlanke Hände ergriffen seine Rechte, bogen vorsichtig die Finger zurück.
    Mit einem Zischen hob der Ältere den Kopf und lehnte ihn kraftlos an die Tür hinter sich. Er kniff die Lider zu und biss sich auf die Lippen. Eine Träne rollte über die schmutzige Wange und sickerte in den dunkelblonden Bart.
    Nate stand mit hängenden Armen da. Seine Panik war verflogen und er erkannte, was ihm niemand erklären musste. Dass Rett Ivy und Kay niemals einfach im Stich gelassen hätte. Dass er sich mit Händen und Füßen gewehrt und dabei das halbe Wohnzimmer demoliert hatte. Und dass es letztenendes nicht genug gewesen war. Die Fremden hatten seine Familie mitgenommen und ihn gedemütigt und verletzt hier zurückgelassen.
    „Rett, es ...“ Der Klumpen in seinem Hals wurde auf einmal riesengroß. Stumm ging er neben seinem Freund auf die Knie. „Es tut mir leid … ich ...“
    Rett schüttelte den müde den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. „Mir tut es leid, Nate. Ich konnte sie nicht beschützen.“ Wieder stöhnte er leise, während Astra seine Hände untersuchte.
    „Nate, ich brauche irgendetwas, womit ich diese Wunden versorgen kann. Hat Kay …?“ Ihre Stimme verstummte. Kays letzter Patient war sie selbst gewesen und sie hoffte von ganzem Herzen, dass sie nichts von dem, was Rett jetzt benötigte, schon vorher aufgebracht hatte.
    Nate sah sie an. „Sie hat die Sachen in ihrem Zimmer.“ Sein Blick wanderte an die Schiebetür, wo sorgsam nebeneinander aufgereiht die drei Haarsträhnen hingen. Er erhob sich nur langsam. „Ich … hole alles.“
    Seine zitternden Finger öffneten die Tür so vorsichtig, als könnte diese unter seiner Berührung bersten. Sie klemmte und verkeilte sich dann. Nate war gezwungen , sich durch den kleinen Spalt zu quetschen. Gleich darauf erklang das Klacken des Lichtschalters und Astra hörte ihn im Zimmer rumoren.
    Sie selbst blieb bei Rett sitzen. Zweifelnd musterte sie seine Handflächen. Die Wunden sahen von außen nicht sehr gefährlich aus, allerdings konnte sie nicht ausschließen, dass Knochen oder Sehnen Schaden genommen hatten. Wenn dem so war, würde sie Nates Freund kaum helfen können, schon gar nicht mit den primitiven Mitteln, die ihr hier zu Gebote standen.
    „Kannst du deine Finger bewegen?“ Sachte beugten ihre Hände jeden einzelnen von Retts kräftigen dunklen Fingern.
    Er nickte kaum wahrnehmbar . „Es tut weh, aber … es geht … ein bisschen.“ Er blickte sie unter halbgeschlossenen Lidern hervor an. „Was wollen die nur von dir, Mädchen …?“
    Nate kam mit Kays Kiste zurück. Dort drin bewahrte sie alles auf, was sich bei der medizinischen Versorgung von Menschen, die zu ihr kamen, als nützlich erweisen konnte. Verbandszeug, Watte, Salzlösungen. Nadeln, Faden und - Kays kostbarster materieller Besitz - eine Flasche hochprozentiger Alkohol.
    „Hast du den Dolch noch da, Nate?“
    Wortlos reichte der Jüngere ihr die Klinge. Im dämmrigen Licht der Wohnzimmerlampe sah die Waffe vollkommen schwarz aus. Astra seufzte, streckte die Hand aus und die kleine Lichtkugel, die Nate schon kannte, erschien.
    Retts Augen wurden groß, doch er sagte nichts.
    Das sanfte weiße Licht spiegelte sich in dem glatten geschwärzten Stahl. Astra atmete verstohlen auf. Die Waffe schien gepflegt und sauber. Zur Sicherheit würde sie die Wunden trotzdem ein wenig mit dem Alkohol säubern, doch Rett würde zumindest nicht am Wundstarrkrampf krepieren. Sie wollte den Dolch gerade zur Seite legen, als ihr Blick auf das Heft fiel. Es war mit schwarzem Leder umwickelt und oben mit einem breiten Knauf abgesetzt. Ein silbernes verschnörkeltes A zierte diesen.
    Sie fuhr entsetzt zusammen.



    Nates Füße hatten sich bereits in Bewegung gesetzt, noch bevor Astra irgendetwas sagen konnte. Ohne auf die Menschen um ihn herum zu achten, stürzte er los. Die Angst verlieh ihm Kraft, er stürmte vorwärts, stieß Passanten zur Seite, sprang über Hindernisse und folgte dem bedrohlichen Brummen des Helikopters durch die schmalen Seitengassen. Er rannte, so schnell er konnte. Doch tief im Inneren wusste er, würde er keine Chance haben. Wenn sie wirklich sein Zuhause suchten, waren sie definitiv im Vorteil.
    Wie? hämmerte es in seinem Kopf. Wie haben sie uns gefunden? Ivy …
    Er drehte sich nicht um, er wusste nicht, ob Astra ihm folgte, doch er hatte keine Zeit, es herauszufinden. Wenn sie ihm nachlief, würde auch sie in Gefahr sein. Sein Herz schlug schmerzhaft, seine Kehle stach vom raschen Atemholen. Das Bild vor seinen Augen verwischte. Der Hubschrauber entfernte sich, er war schneller als der panisch durch die Menschen preschende Mann am Boden.
    Als er endlich in seine Wohngasse schlitterte, öffnete der Himmel seine Schleusen und das Rauschen des Regens schluckte mit einem Mal jedes andere Geräusch. Niemand war zu sehen, alle hatten sich versteckt, als die Bedrohung aus dem Himmel kam.
    Nate keuchte erschöpft. Kraftlos wankte er durch den Schlamm. Im Nu hatten sich hunderte Pfützen und Tümpel gebildet , die den Dreck des Tages in schmutzigen Brei verwandelten und keinerlei Spuren mehr erkennen ließen.
    Astra war ihm gefolgt, er konnte ihre schmatzenden Schritte im tiefen Morast hören. Doch es kümmerte ihn nicht. Er musste nach Hause, er musste sehen, was geschehen war. Verzweifelt klammerte er sich an die Hoffnung, sie würden alle im Hinterzimmer sitzen, Ivy an Rett gekuschelt, der ihr beruhigend zumurmelte, Kay mit düsterem Gesicht und brennendem Blick, ins Leere starrend …
    Schließlich erreichte er die Haustür. Sie sah aus wie immer, rostig, glänzend vor Nässe. Mit zitternden Fingern tastete er nach der Klinke.Mit dem vertrauten Quietschen gab die Tür nach. Nicht verriegelt, dachte er und das Herz blieb ihm stehen. Er spähte in den dunklen Flur.
    Sie waren hier gewesen.
    Der Spiegel, in dem Astra sich vorhin noch bewundert hatte, lag in tausend Scherben am Boden. Jemand hatte das kleine Seitenregal umgestoßen. Im matten Licht der Wohnzimmerbeleuchtung konnte man unregelmäßige lange Linien an der linken Wand erkennen. Sie waren von dunkelroter Farbe. Astra streckte die Hand aus, krümmte die Finger ein wenig und die roten Linien verschwunden unter ihren Fingerspitzen. Wortlos streckte sie ihm den Zeigefinger hin.
    Blut.
    Nate verstand. Jemand mit blutigen Händen hatte versucht, Halt an der Wand zu finden, während man ihn weggezerrt hatte. Von der Höhe konnte es nicht Ivy sein, aber …
    Seine Rechte schmiegte sich um den Griff seiner Waffe. Die Angst vor dem, was er gleich finden oder nicht mehr finden würde, lähmte sein Denken und seine Schritte. Tief atmete er durch, dann trat er entschlossen durch den Flur ins Wohnzimmer.
    Das Sofa lag umgekippt auf der Rückseite. Die Tischplatte war in der Mitte entzwei gebrochen, das Geschirr vom Frühstück im ganzen Zimmer verstreut. Die Tür zum Hinterzimmer und zur Küchenspalte standen weit offen und hingen ein wenig schief, seine Matratze war halb aus dem Zimmer gezerrt worden. Sie hatten etwas gesucht …
    Ein Stöhnen ließ ihn herumfahren.
    Rett kniete vor Kays Tür. Irgendwer hatte seine beiden Handflächen mit einem langen schwarzen Dolch an die weiße Schiebetür genagelt. Über dem blonden Wuschelkopf war eine lange silberne Haarsträhne an das helle Holz gepinnt. Daneben eine kürzere dunkelbraune. Und eine blonde, fein, seidig. Quer über die Wand hatte jemand etwas geschrieben. Die Farbe der Schrift war dieselbe wie die der Linien an der Wand im Hausflur.
    Wir warten.

    „Was?“ Er blieb verdattert stehen. Sie zog ihn weiter, denn eines hatte sie schnell gelernt – hier keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen.
    „Nate, es gibt keine Hallen voll mit Lebensmitteln aller Art. Wer auch immer euch das erzählt hat, hat euch angelogen.“
    Ein besorgter Blick zu ihm herüber zeigte er, dass er blass geworden war. Kein Wunder – ihre Worte rüttelten an seiner Existenz. Er war Sicherheitsbeamter an der Essensausgabe, Nahrung die, wie alle hier zu glauben schienen, an besonderen Orten erzeugt und aufbewahrt wurde. Nahrung, die die Menschen hier zum Überleben brauchten. „Aber das Essen … woher …?“
    „Nate“, begann sie beschwichtigend, „überleg doch mal. Wieviele Menschen leben hier? Und wie viele Orte wie diesen gibt es?“ Sie gab ihm einen Moment Zeit, den Sinn hinter ihren Fragen zu erkennen. „Die Produktion von Lebensmitteln erfordert Landwirtschaft und Infrastruktur. Eine gute Versorgung mit Wasser und Strom. Und vor allem Arbeitskräfte. Gesunde Arbeitskräfte.“
    Er begriff, sie konnte es sehen. „Nichts davon gibt es mehr“, flüsterte er tonlos.
    Mitleidig nickte sie. „Nur noch im Hort des Wissens. Die Weisesten der Weisen und die hochrangigen Militärs verdienen natürliche Zutaten und eine ausgewogene Ernährung. Nur dort wird noch immer Getreide angebaut, dort gibt es blühende Obstbäume und Gärten voller Gemüse, gespeist von sauberem Wasser. Für den Rest der Menschheit wurden Alternativen entwickelt.“
    „Alternativen?“ Seine Miene war eine perfekte Mischung aus Abscheu und Ekel.
    „In den Laboren des Horts hat man eine Möglichkeit entwickelt, aus wenigen Krümeln nahrhafter Substanz durch Zugabe von Wasser ein ganzes Brot zu kreieren. Eine Kiste davon reicht, um mehrere Familien einen Monat zu ernähren. Und mehrere Fässer kommen jeden Tag in die Downs.“
    „Fässer. Fässer mit … irgendwelchem Pulver. Ein paar Fässer für ein paar Millionen Menschen.“ Nates Gesicht arbeitete. „ Und uns haben sie Geschichten erzählt von Zügen , vollgestopft mit den herrlichsten Gütern.“
    Er glaubte ihr sofort. Es passt zu dem System, in welchem sie zu leben gezwungen waren. „Wozu ernähren sie uns überhaupt? Warum sorgen sie dafür, dass wir leben?“
    Astra überlegte einen Moment. „Das werde ich dir nicht sagen, Nate. Ich ... weiß, das klingt sicher furchtbar bevormundend, aber es ist besser, wenn du es nicht weißt. Bestimmt habe ich dir schon viel zu viel verraten und jedes einzelne Wort davon könnte dich und deine Familie in große Schwierigkeiten bringen.“
    Seufzend nickte er, dann wies er halbherzig nach vorn. „Das große Gebäude mit den Stahltoren ist die Scheune.“
    Sie musterte den fest verrammelten Eingang und die massiven Torflügel.
    „Kannst du da einfach rein, als Sicherheitsbeamter?“
    „Nein. Es gibt einen Seiteneingang, aber -“
    Er runzelte plötzlich die Stirn, zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht und Astra mit einem groben Ruck näher an die Hauswand. Ein seltsames Geräusch näherte sich, brummend und immer lauter werdend. Der Boden schien zu vibrieren. Um sie herum blieben die Leute stehen, blickten verwirrt auf und sahen sich irritiert um.
    Putz rieselte auf Nate herab und als er an der Hauswand hinaufsah, erstarrte er.
    Ein Hubschrauber, ausgestattet mit vier Rotoren, schob sich langsam über den Himmel. Er flog sehr tief, zog Kurven, neigte sich dem Boden zu, als müsse er jede Gasse argwöhnisch betrachten.
    „Sie suchen jemanden.“ Die Erkenntnis kam ihm schlagartig und als er sich zu Astra umdrehte, fand er seinen Verdacht bestätigt. Sie stand eng an die Hauswand gepresst, mit bleichem Gesicht, in ihren Augen spiegelte sich Angst und Schrecken. Er streckte die Hand aus und ergriff die ihre, sie war kalt vor Furcht. „Ruhig, Astra. Niemand wird dich finden. Ich bringe dich hier raus.“
    Sie nickte zaghaft.
    Der Hubschrauber kreiste eine Runde über der großen Straße, dann blieb er für einen Moment auf der Stelle, als müsse er sich orientieren. Man spürte förmlich, wie die schmutzige Menge am Boden die Luft anhielt. Dann drehte er ab und flog schnell und entschlossen in Richtung, aus der sie gerade gekommen waren.




    „ Die Feldermanns waren Nachbarn von Rett und mir. Kaum älter als ich jetzt. Greg hatte einen Job im Stromversorgungswerk, weshalb es ihnen besser ging als den meisten. Bis Caroline schwanger wurde. Es hat sie in die Verzweiflung gestürzt.“
    Er seufzte und kickte einen Stein weg, dann schob er die Hände in die Hosentaschen und schlenderte mit stumpfem Blick weiter.
    „Kinder überleben hier nicht lange, Astra. Sie haben zu wenig Nahrung, zu wenig Licht, zu wenig Hoffnung. Meist sterben sie in ihren ersten Lebensjahren, weil ihre Mütter sie nicht stillen können. Caroline freute sich über ihr Baby. Aber die Angst davor, es nicht versorgen zu können, hat sie immer mehr aufgefressen.“
    Seine Stimme klang vollkommen emotionslos.
    „Als Greg eines Tages nach Hause kam, fand er sie tot auf dem Boden. Sie hatte mit irgendwelchen Chemikalien herumgepanscht. Niemand wusste, woher sie diese hatte. Ein Glas davon kostete sie das Leben. Und Ivy … Ivy hatte auch davon genascht und ihr Augenlicht verloren.“
    Nate schwieg für einen Moment. Astra lauschte stumm, während sie mit gesenktem Kopf durch den Regen liefen.
    „Als Greg das sah – drehte er durch. Anders kann ich mir sein Handeln nicht erklären. Jedenfalls tauchte er vor der Scheune auf, als die Essensausgabe in vollem Gange war und schwang einen fleckigen Sack. Er sah furchtbar aus, rollende Augen, wirre Haare und bis zu den Ellenbogen war er voller Blut. `Hier ist Nahrung!`, schrie er mit übergeschnappter Stimme und drückte den entsetzten Umstehenden blutige Fleischbrocken in die Hand. Es kam zum Tumult. Diejenigen, die erschrocken nach den Wachen schrien und die Gewissenlosen, die mit ihrer Beute das Weite suchten … Chaos.“
    Jetzt schlich sich doch ein Zittern in seine Stimme, seine Schritte wurden langsamer.
    „Man schloss die Scheune und die Sicherheitsbeamten versuchten, die Menge unter Kontrolle zu bringen. Ich hingegen bin nach Hause gerannt, in die Wohnung der Feldermanns … “, er verstummte und blieb stehen, schwer atmend, mit geschlossenen Augen. Noch immer fiel es ihm schwer, in Worte zu fassen, was er an diesem Tag erlebt hatte. Schlimm genug, dass ihn dieser Tag auch nach fast drei Jahren noch immer in seinen Alpträumen heimsuchte. Aber es jemand anderem zu berichten, war bis jetzt unmöglich gewesen. Auch Kay und Rett wussten es nicht.
    Astra merkte, wie es in ihm wühlte. Zögernd berührte sie ihn am Arm und spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. „Du brauchst mir das nicht erzählen, Nate.“, murmelte sie leise.
    „Doch … ich sollte es zumindest bei jemandem probieren, bevor ich es Ivy irgendwann sagen muss … “
    Astra schwieg bestürzt.
    „ Die Wohnung sah aus wie ein Schlachthof. Überall war Blut. An den Wänden prangten rote Handabdrücke. Auf dem Boden standen geronnene Pfützen, dazwischen Fußspuren. Das, was von Caroline übrig war, lag auf dem Tisch, in diversen Schüsseln verteilt -“
    Nate drehte sich abrupt zur Seite und übergab sich. Keuchend an die Wand gestürzt würgte er, doch die Bilder ließen ihn nicht los. Nach jahrelangem Schweigen wollte das Erlebte nach draußen und er sprach weiter, stockend und tonlos.
    „Ivy hockte in der Ecke, mit weit aufgerissenen Augen, ebenfalls voller Blutspritzer. Sie war ein knappes Jahr alt und konnte nichts mehr sehen. Ihre Mutter antwortete nicht auf ihr Weinen, ihr Vater war fort und hatte sie allein zurückgelassen.“
    Immer noch tief atmend drehte er sich um und lehnte sich mit dem Rücken an die schmutzige Hauswand, legte den Kopf in den Nacken und kniff die Augen zu. Er brauchte eine Weile, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die ersten Vorübergehenden schauten schon verwundert.
    Schließlich stieß er sich von der mit löchrigem Putz verzierten Wand ab und lief wieder mit gesenktem Kopf los. Rasch folgte sie ihm.
    „Seitdem lebt Ivy bei uns. Kay hat sie sofort unter ihre Fittiche genommen und die Kleine hat die ersten zwei Tage nahezu ausschließlich auf ihrem Schoß in Sicherheit verbracht.“
    „Warum hängt sie dann so an dir?“
    Er zuckte die Schultern, obwohl sie es sicher nicht sehen konnte, sie starrten beide konzentriert nach unten, um die gröbsten Dreckhaufen zu meiden. „Ich weiß es nicht. Kay ist die ganze Zeit zu Hause und kümmert sich um sie. Aber sie wollte von Anfang an bei mir schlafen, bei mir sitzen und so weiter. Klar, sie mag Rett und Kay und die beiden lieben sie. Aber ich … das ist … halt so“, schloss er lahm. Er konnte ihr nicht erklären, warum, aber Ivy war sein Schatz. Für sie hielt er die Arbeit durch und um sie zu beschützen, würde er, ohne zu zögern, Morde begehen. Doch merkwürdigerweise ging hier eine Frau an seiner Seite, die selbst eingestanden hatte, eine Gefahr zu sein. Und er hatte sie mitnichten sofort rausgeworfen, im Gegenteil …
    „Die Downs sind ganz anders, als ich erwartet hatte.“ Astra war stehen geblieben und musterte die große Straße, die vor ihnen lag, mit schmalen Augen.
    „Und was hast du erwartet?“
    „Man hat … mich gelehrt, die Downs wären Wohngebiete für Menschen. Solche, die intellektuell nicht in den Hort des Wissens passen und militärstrategisch nicht genug mitbringen, um zur Truppe zu gehören. Ein Großteil der Bevölkerung, ja. Aber es war mir nicht bewusst, dass es so viele sind. Und die katastrophalen Zustände ...“
    Er schwieg und sah ebenfalls nach vorn.
    „Ich weiß nicht, was du gelernt hast, aber die Downs sind die Endstation. Wer einmal hier gelandet ist, kommt nie wieder heraus. Hier hausen Millionen Menschen auf engstem Raum, angewiesen auf die Nahrung aus den Speicherstädten -“
    „Speicherstädten?“, unterbrach sie ihn verwirrt. „Was soll das sein?“
    Er runzelte die Stirn und sah sie skeptisch an. „Die Speicherstädte. Die großen Lagerstätten voller Lebensmittel, aus denen täglich viel zu wenig Nahrungsmittel in die Downs transportiert werden, um alle satt zu kriegen. Festungen, in denen hochwertige Güter gelagert werden, stark bewacht vom Militär. Als ob wir“, er machte eine alles umfassende Handbewegung, „die Kraft hätten, unser Elend zu verlassen und eine solche Stadt anzugreifen.“
    Sie schaute immer noch entgeistert. „Nate – so etwas gibt es nicht.“

    Hallo @Sensenbach , danke für deine Kritik, da werde ich auf jeden Fall nochmal drüber schauen. Ich hab ehrlich gesagt selber keine Ahnung, warum Nate sie überhaupt mitgebracht hat, weil der Schutz seiner Familie eigentlich bei ihm an höchster Stelle steht.


    Würde mich freuen, wenn du trotzdem dran bleibst^^


    LG Kiddel Fee


    Als Astra aus Kays Zimmer trat, hätte Nate sie beinahe nicht mehr wiedererkannt. Das silberne Haar, eben noch in einem geflochtenen Zopf bis über die Hüfte fiel, war nur halb so lang, dunkelbraun und irgendwie dünn. Ihre strahlende Haut wirkte schmutzig und um das Ganze perfekt zu machen, hatte Kay es irgendwie geschafft, Astra Schrammen ins Gesicht zu zaubern. In einer alten Jacke, welche die ältere Frau Astra geliehen hatte, sah ihr Gast völlig verändert aus.
    “ Ich denke, so können wir sie ziehen lassen.” Kay machte ein zufriedenes Gesicht und wusch sich in der Küche die Hände. Dann brachte sie Astra einen abgewetzten Beutel. “Hier. Ein Stück Brot, eine halbe Wurst und ein Becher. Leider habe ich keine zweite Flasche, ich kann dir nicht einmal Wasser mitgeben.” Sie schnürte den Beutel zu und hängte ihn der Jüngeren über die Schulter. Auf einmal wirkte sie wieder müde.
    Nate sah wortlos zu den beiden hinauf, dann erhob er sich.
    “Ich bringe sie zum Letzten Tor. Vorher gehen wir an der Scheune vorbei, damit ich die restlichen Vorräte noch einsammeln kann. Einiges davon wirst du brauchen.”
    Astra nickte. Ihr Gesicht war ernst, doch er erkannte, dass sie jetzt Angst hatte. „Ich würde mich … gerne verabschieden.“
    Kay nickte und ging ins Hinterzimmer, um Rett und Ivy zu holen. Der Mann mit der verwaschenen Jeans kam barfuß zu ihnen herüber, mit der Kleinen auf dem Arm. Behutsam stellte er Ivy auf den Boden und blieb gleich hinter ihr stehen.
    Astra hockte sich zu ihr. „Danke, Ivy. Du hast mich gefunden und mir damit vielleicht das Leben gerettet. Ich hoffe, dass du eine wunderbare und starke Frau wirst.“ Sie fuhr dem Kind sanft über den Kopf.
    Ivy lächelte. „Kommst du mal wieder?“
    Verhalten biss sich Astra auf die Lippen, froh, dass die Kleine sie nicht sehen konnte. „Nein, Ivy, das geht leider nicht. Ich muss weit fort.“ Mit einer bedauernden Miene erhob sie sich.
    Dann drückte ihr Kay wortlos die Hand und Rett reichte ihr seine schwielige Rechte. „Alles Gute, Astra. Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder. Wenn alles besser ist.“
    Ihr Lächeln verrutschte ein wenig. Sie trat einen Schritt zurück und zog die Schnur des Beutels noch einmal fest.
    „Ich danke euch allen.“ Dann blickte sie zu Nate, der nickte und ihr wortlos zur Tür folgte.


    Die beiden liefen stumm nebeneinander her. Nate führte Astra, doch sie kamen nicht so schnell voran, wie er sich das wünschte. Es regnete wieder, die junge Frau hatte sich die Kapuze über den dunklen Schopf gezogen und folgte ihm mit gesenktem Kopf. Doch immer wieder blieb sie fassungslos stehen und musterte die Gassen, die Menschen, den Schmutz. Er merkte, dass ihr der Anblick zusetzte. Und dass ihr der Abschied vorhin schwer gefallen war, obwohl sie Rett, Kay und Ivy eigentlich gar nicht richtig kannte.
    Er blieb stehen und berührte sie am Arm, sodass sie verwundert aufblickte. “Wenn du dich nicht mehr verstecken musst - dann komm wieder. Versuche es zumindest. Ivy würde sich sicher sehr freuen.”
    Astra lächelte traurig. “ Sie ist ein ganz besonderer Mensch.”
    Nate nickte leise, dann gingen sie langsam weiter.
    “Ist sie deine Schwester oder deine … ?” Die zögernd gestellte Frage hätte er beinahe überhört, so laut pladderte der Regen auf seine Kapuze. Doch dann schüttelte er den Kopf und seufzte.

    Zehn Minuten später ließ er sich ausgepumpt erneut an den Zaun fallen. Nur eine kurze Runde, doch er war nicht aufgewärmt gewesen und trotz Astras Licht mehrmals beinahe gestürzt. Außerdem zerrte die Müdigkeit an ihm.
    Die junge Frau mit der außergewöhnlichen Fähigkeit stand in der Mitte des Daches, gleich neben dem Eingang zur Treppe. Von hier aus hatte sie ihn beobachtet und nun, da er seinen Lauf beendet hatte, kehrte das Leuchten zu ihr zurück. Er sah, wie sich ihre Finger um die schmale Kugel schlossen und der Schimmer plötzlich verschwand.
    “Wenn ich dich frage, wie du es anstellst, erklärst du es mir dann?”
    Sie schüttelte den Kopf, ein wenig bedauernd, aber entschlossen.
    “Ich werde dir nichts sagen, was euch in Gefahr bringen würde. Es ist wahrscheinlich schon schlimm genug, dass du es gesehen hast.”
    Er schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück.
    “Warum hast du es mir dann gezeigt?”
    Sie schwieg, lange. Beunruhigt sah Nate auf. Astra blickte verwirrt zu Boden. “Ich weiß es nicht. Vielleicht … weil ich dir vertraue.”
    Er dachte an Ivy, an Kay und Rett, die irgendwo da unten im Dunklen schliefen. Sie hatten sich ihm anvertraut. Doch wenn er jetzt dieser Frau Zuflucht bot, was würde das für seine Familie bedeuten?
    Astra streifte die Kapuze ab und er sah ihr helles Haar schimmern, als wäre dieses selbst aus Licht gemacht.
    “Hör mir zu, Nate. Ich brauche einen, vielleicht auch zwei Tage, um mich zu erholen. Dann verschwinde ich und niemand wird wissen, dass ihr jemals etwas mit mir zu tun gehabt habt. Aber ich … bitte dich solange um ein Versteck. Einen Ort, an dem mich niemand vermuten würde, weil es von solchen Orten Tausende in The Downs gibt.”
    Er rieb sich mit der Hand über die Stirn.
    “Ich kann das nicht allein entscheiden, Astra. Für heute Nacht hat Kay dir ihr Bett überlassen. Also schlage ich vor, du nutzt es und dann sehen wir weiter.”


    Er erwachte, weil sich ein warmer Körper neben ihm regte und Haar seine Nase kitzelte. Beruhigend brummend strich er mit der Hand darüber, in der Hoffnung, dass Ivy einfach noch einmal einschlief. Doch dann fiel ihm ein, dass er ja gar nicht in seinem Bett lag, sondern -
    Er riss die Augen auf und fand sein ganzes Blickfeld von Silberhaar ausgefüllt. Astra hatte ihm den Rücken zugewandt und sich wie eine Katze zusammengerollt. Ihr Atem ging ruhig. Seine Hand ruhte auf ihrer Seite, doch jetzt zog er sie hastig zurück.
    Scheinbar war er irgendwann vor dem Bett kniend eingeschlafen.
    Gerade rechtzeitig, denn in diesem Moment wurde die Tür aufgeschoben und Kay steckte den Kopf herein. Verwundert musterte sie einen Moment die beiden Menschen , dann setzte sie ihr “Dienstgesicht” wieder auf. “Es gibt Frühstück.”
    Nate nickte und wartete, bis sie wieder verschwunden war. Dann rüttelte er Astra behutsam an der Schulter. “Astra. Wach auf.”
    Sie murmelte etwas und drehte sich im Schlaf. Unter ihren geschlossenen Lidern zeichneten sich Augenringe ab. Die unterbrochene Nacht hatte nicht viel zu ihrer Erholung beigetragen.

    Nate beschloss, sie erst einmal weiterschlafen zu lassen und verließ Kays Schlafraum. Im Wohnzimmer waren die restlichen Mitbewohner schon auf dem großen Teppich versammelt, der ihnen als Esstisch diente. Ivy hockte bei Rett auf dem Schoß und hatte ihren kleinen Kopf vertrauensvoll an seine breite Brust gelehnt. Rett berührte ihre Finger, nahm jeden einzelnen in seine immer schmutzigen Hände und übte mit ihr Zählen. Doch als das kleine Mädchen Nate hörte, schoss sie hoch.
    “Nate!”
    Jedes Mal, wenn sie seinen Namen rief, tat sie dies mit einer Freude, als hätte sie ihn ewig nicht gesehen. Lächelnd kam er ihr entgegen, nahm Kay unterwegs das Kaffeetablett ab und stellte es just in dem Moment auf den Boden, als Ivys Arme fordernd ausgestreckt wurden. Er hob sie hoch und drückte einen Kuss auf die kleine Stirn. “Guten Morgen , Kleines.”
    Kay brachte die Büchse mit Brotschreiben und einen Teller mit akribisch dünn geschnittener Wurst. Rett steuerte zwei Äpfel bei, ebenfalls in winzigen Spalten.
    “Hier. Mit besten Grüßen vom Chef.”
    Kays Augenbraue wanderte skeptisch nach oben. “Weiß er, dass er uns gegrüßt hat?” , fragte sie spitz und reichte ihm einen Becher Kaffee.
    Der Fünfunddreißigjährige schüttelte den Kopf. “Mit Sicherheit nicht. Aber da er uns mal wieder den Lohn verweigert, war ich einfach so frei.”
    Rett arbeitete in der einzigen Werkstatt in The Downs, die so ziemlich alles reparieren konnte, das man dort vorbeibrachte. Schon im Großen Krieg, der vor sechs Jahren sein wenig ruhmreiches Ende fand, hatte der gelernte Mechaniker Panzer wieder in Gang gesetzt, Radare fixiert und verstummte Uhren zum Leben erweckt. Jetzt nutzte er sein Talent weiter. Allerdings war sein Chef, für den der bärtige Mann mit der wilden Haarmähne nicht selten Kraftausdrücke fand, der Meinung, er würde nicht arbeiten, sondern eher einem Hobby nachgehen. Weshalb Rett jede Woche erneut für den Lohn streiten musste und nicht selten eigene Gerechtigkeit walten ließ.
    “Du sollst das doch nicht machen”, meinte Ivy jetzt bekümmert. “Kay sagt immer, wenn der alte Sack dich rauswirft, dann gehst du kaputt.” Sie wandte den Kopf in Retts Richtung, der ihr beruhigend über den blonden Schopf strich und Kay dabei einen bösen Blick zuwarf.
    Diese zuckte ungerührt die Schultern und drückte Ivy eine Scheibe Brot in die Hand. “Hier Blümchen, damit du groß und stark wirst.”
    Die Kleine widmete sich fröhlich ihrem Frühstück. Auch die Erwachsenen genossen es, ungestört essen zu können. Der Sonntag war etwas besonderes. Unter der Woche, wenn die Männer arbeiten gingen, gab es kaum eine gemeinsame Mahlzeit. Retts Arbeitszeiten hingen von der Laune seines Chefs ab. Manchmal kam er zum Mittagessen heim, manches Mal auch erst spät in der Nacht. Und Nate musste so lange Dienst schieben, bis die Scheune für diesen Tag geleert war, was gerade am Samstag bis zu zwölf Stunden dauern konnte. Doch heute hatten sie frei - theoretisch zumindest.
    “Ich muss noch einmal zur Scheune”, teilte Nate mit. “Einige Sachen sind noch im Spind und ich will sie nicht länger als nötig dort lassen.” Kay verzog den Mund, nickte aber. Es gefiel ihr nicht, dass Nate nie länger zuhause bleiben konnte, doch es war nötig.
    “Was ist mit dieser Frau?” Ihr Blick verriet dem jungen Mann, dass sie den nächtlichen Ausflug der beiden sehr wohl mitbekommen hatte und es nun zu klären galt, was sie mit dem Schlafgast anstellen sollte.
    Ivys Kopf ruckte hoch. “Sie ist gerade aufgestanden.”
    Wie auf Kommando flogen die Blicke der Erwachsenen zur Schiebetür, die noch immer geschlossen war. Doch man konnte das Geräusch von nackten Füßen auf den alten Holzdielen hören. Gleich darauf betrat Astra das Wohnzimmer.
    Ihr Haar war offen und floss ihren Rücken hinab wie ein silberner Wasserfall. Sie trug ein weißes Top und die schwarze Hose, von der Kay den Dreck notdürftig heruntergebürstet hatte. Als sie sich mit den Blicken der Frühstücksrunde konfrontiert sah, blieb sie stehen.
    Ihre Augen huschten hin und her und blieben an Kay hängen.
    “Mein Name ist Astra. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir Obdach gewährt haben.”
    Dankend neigte sie den Kopf.
    Kay musterte sie schweigend, dann ruckte sie mit dem Kinn auf den freien Platz neben sich.
    “Setz dich doch.” Wortlos goss sie Kaffee ein und schob eine Brotscheibe herüber.
    Ivy rutschte von Nates Schoß, umrundete vorsichtig den Teppich und blieb direkt vor dem Gast stehen. “Ich bin Ivy!” Sie streckte die kleine Kinderhand aus und Astra drückte sie herzlich. “Freut mich , Ivy.”
    Das Mädchen blieb lächelnd stehen. “Warum leuchtest du, Astra? Ich kann dich nämlich sehen.”
    Die junge Frau schaute die Kleine verdutzt an, dann blickte sie verwirrt zu Nate.
    “Ivy ist blind”, half der ihr weiter.
    “Und trotzdem kann sie…?”
    Nate nickte und berichtete von ihren Erlebnissen am gestrigen Morgen. Astras Miene wurde immer finsterer. Schweigend erhob sie sich und lief ein paar Schritte hin und her.
    “Das ist schlecht”, flüsterte sie schließlich tonlos. “Wenn sie mich sieht, dann vielleicht auch…” Abrupt wandte sie sich um. “Nate, ich muss gehen. Sofort.”
    Seine Hand mit der Kaffeetasse erstarrte auf dem Weg zum Mund. Kay und Rett wechselten einen misstrauischen Blick.
    “Was? Wieso?”
    Astra schüttelte leicht den Kopf. “Wenn sie herausfinden, dass es jemanden gibt, der mich sehen kann, selbst wenn ich mich verstecke …” Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. “Nate, ich muss JETZT fort. Ich bringe euch alle in Gefahr.”
    Der junge Mann machte ein finsteres Gesicht. Er hatte es gestern selbst gesagt, wenn sie den Seinen gefährlich wurde, würde sie verschwinden müssen. Doch da wusste er noch nicht, welche Fähigkeit sie besaß und dass sie selbst in Gefahr war. Er konnte sie jetzt nicht rauswerfen.
    “Nate …”, begann Kay, doch sie wurde von Rett unterbrochen.
    “Du kannst nicht einfach vor die Tür gehen, Mädchen.”
    Astra runzelte die Stirn bei dieser Anrede, doch der Mann mit den klugen Augen nahm davon keine Notiz.
    “Du fällst da draußen auf. Man sieht sofort, dass du eine Fremde bist. Jeder, der dich gesehen hat, wird sich an dich erinnern, wenn jemand nach dir fragt. Wo willst du hin? Wovon leben?”
    “Das ist doch erst einmal unwichtig …”, sie rang nach Worten. “Wenn meine Verfolger hier landen und herausfinden, dass Ivy mich sehen kann, obwohl sie blind ist, werden sie sie mitnehmen. Sie werden sie fort schleppen. Sie werden an ihr forschen und sie auseinander nehmen. Und sie werden nicht zimperlich sein!” Ihre Stimme war immer lauter geworden.
    Ivy hatte hilfesuchend die Hände ausgestreckt und klammerte sich an Rett, während sie Astra mit bangem Blick lauschte. Was die Frau sagte, machte ihr Angst und sie barg das Gesicht an Retts Schulter. Der erhob sich und tätschelte sanft über den blonden Kinderkopf.
    “Keine Sorgen, Blümchen, wir passen auf dich auf …”, murmelte er und brachte das Kind ins Hinterzimmer.
    Astra sah ihnen kurz nach, dann wandte sie sich an die beiden, die mit versteinerten Mienen noch immer auf dem Teppich hockten.
    “Ich weiß, ich habe keinerlei Anspruch auf eure Hilfe. Und ich danke euch von Herzen für eure Gastfreundschaft. Wenn ich es jemals wieder gut machen könnte …. aber ich … ich hoffe für euch, dass wir uns nie mehr wiedersehen.” Hilflos hob sie die Hände, ließ sie dann aber wieder sinken.
    Kay trank ihren Kaffee aus, nahm Astras unangetastete Brotscheibe und erhob sich seufzend. Auffordernd hielt sie der jungen Frau das Frühstück hin und zog sie mit sich.
    “Dann wollen wir dich wenigstens ordentlich tarnen.”

    Hi Sora! Schön, dass du am Ball bleibst.



    LG Kiddel Fee


    Er schrak hoch, als sich die Decke unter seinen Füßen regte. Mit einem Mal hellwach sprang er auf und packte seine Waffe fester. Polternd fiel der Stuhl um. Rett, der inzwischen nach Hause gekommen und gleich aufs Sofa gesunken war, murmelte etwas, erwachte aber nicht.
    Nate holte tief Luft, griff nach dem Stuhl und stellte ihn lautlos ins Wohnzimmer. Dann schloss er die Schiebetür hinter sich, schaltete die schwache Lampe an und drehte sich langsam um, die Waffe im Ansachlag.
    Sein Gast saß mit angezogenen Beinen und darauf verschränkten Armen im Bett. Kay hatte ihr die meiste Kleidung ausgezogen und nur mit dem dünnen Hemd bekleidet wirkte die Frau verletzlich. Sie war noch jung, vielleicht sogar in seinem Alter. Der weiße Zopf fiel über ihre Schulter hinab bis auf die Matratze. Ihre tiefblauen Augen, silbern gesprenkelt, ließen Nates Waffe nicht aus den Augen.
    „Danke“, meinte sie leise. Ihre Stimme war überraschend voll und warm, er hatte eher mit einer hohen, dünnen Mädchenstimme gerechnet. Trotzdem wies seine Miene keinerlei Regung auf.
    „Wofür?“
    Sie neigte den Kopf zur Seite, als müsste sie ihn genauer anschauen.
    „Das Letzte, woran ich mich erinnere, war ein Sturz in den Matsch in irgendeiner düsteren Ecke, weil meine Beine mich nicht mehr trugen. Nun hocke ich sauber und ausgeruht in einem Bett.“
    „Du kannst dich später bei Kayleen bedanken. Sie hat dich versorgt.“ Ohne sie aus den Augen zu lassen, setzte er sich an das Fußende des Bettes.
    „Hör mir gut zu. Ich habe dich in unser Haus geholt, weil du Hilfe gebraucht hast. Dafür erwarte ich, dass du mir meine Fragen ehrlich beantwortest, damit wir überlegen können, wie es weitergeht.“
    Sie nickte. „Das ist dein gutes Recht.“
    „In Ordnung. Dann sag mir deinen Namen.“
    „Astra.“
    „Woher stammst du?“
    „Vom Hort des Wissens.“ Ihre Antworten kamen ohne zu zögern. Sie log nicht, das ahnte er. Und es passte zu ihrem Erscheinungsbild. Der sagenumwobene Hort des Wissens, der intellektuelle Teil der Weltregierung, die Schmiede für Genies und der Speicher aller Informationen. Dort lebten die weisesten der Weisen, welche die Geschicke der Menschheit lenkten.
    „Und warum bist du hier ?“
    „Ich musste fliehen.“ Sie sah nicht ängstlich aus bei diesen Worten. „Ich konnte dort nicht bleiben, weil sie mich auslöschen wollten.“
    Das war schlecht. Er hatte befürchtet, dass sie nicht zufällig hier gelandet war, aber wenn sie sich als gesuchte Verbrecherin erwies und er ihr ein Versteck gegeben hatte...
    „Was hast du getan?“
    Sie seufzte. „Nichts. Es liegt eher daran, was ich bin. Welche Fähigkeit ich habe.“
    Nate stand auf. Seine Gedanken flogen. Sie kam aus dem Hort, wusste der Himmel, wessen sie mächtig war. Doch er würde sich verteidigen, falls sie auf dumme Ideen kommen sollte. Er war schneller. Noch immer umklammerte seine Rechte die Waffe.
    „Ich hole dir jetzt etwas zu essen und deine Kleidung. Und dann gehen wir. Du kannst mir erzählen, was du für nötig hälst, aber nichts davon wird meine Familie in Gefahr bringen.“


    Er nahm sie mit auf seinen Trainingspfad. Ein paar Türen von der Wohnung entfernt stand ein Haus, in dem sich lediglich eine Treppe befand. Vierzehn Stockwerke ging es hinauf, rechts und links zweigten die Durchgänge zu den Nachbarblöcken ab, ebenso dunkel wie sein eigenes Wohnhaus mit ebenso winzigen Unterkünften. Nate hatte es vor drei Jahren durch Zufall entdeckt und wusste die andere Welt, die hier oben lag, sehr zu schätzen.
    Die Treppe mündete in einer windschiefen Feuerschutztür und führte auf ein Flachdach, umgeben von löchrigem Maschendraht. Von hier aus hatte man ungehindert Ausblick auf The Downs in all ihrer Hässlichkeit. Doch wenn man sich hier auf den Rücken legte und nur in den Nachthimmel sah, konnte man das alles fast vergessen.
    Nate kam gerne hierher. An schlimmen Abenden, wenn ihn der Job alles gekostet hatte. Er brachte Ivy ins Bett und dann verschwand er, lag hier ausgestreckt auf dem Dach und verlor sich in der Unendlichkeit des Alls über ihm. Und wenn er sich sattgesehen hatte und wieder Kraft in sich fühlte, trainierte er noch eine Runde. Selten machte ihm der Regen einen Strich durch die Rechnung, eher der Staub der Straßen, der durch den heißen Ostwind nach oben flog.
    Er ließ seinen Blick über das vertraute Panorama schweifen und sah dann zurück zu Astra.
    Sie trug wieder den schwarzen Umhang. Wortlos blickte sie auf The Downs herab, die Augen leicht verengt.
    “Fragst du dich gerade, wie du hier gelandet bist?”
    Sie schnaubte belustigt. “Ehrlich gesagt frage ich mich, warum du mich hier herauf gebracht hast. Obwohl ich zugeben muss, dass es ziemlich beeindruckend ist. Das Elend zu deinen Füßen, die Ewigkeit über dir.” Sie legte den Kopf in den Nacken und schwieg andächtig.
    Nate setzte sich mit dem Rücken an einen der rostigen Zaunspfeiler und beobachtete, wie sie seine Heimat von oben entdeckte. Hier war es wirklich anders als unten in den engen schmutzigen Gassen. Die Luft schien reiner, der Platz weiter und man hatte wieder Raum zum atmen.
    “Ist das dein Versteck hier oben?”
    “Leider nicht. Ich muss es mir mit einigen anderen teilen, aber die meisten sitzen auch nur da und schauen. Und wenn es zuviele werden, laufe ich los.”
    Jetzt lachte sie. “Laufen? Wohin denn?”
    Er schlug mit der Faust an den Zaun hinter sich. “Über die Dächer. Sie sind der perfekte Hindernisparkour. Absätze, Mauern, Häuserschluchten, Zäune - mehr braucht es nicht.”
    Sie machte ein zweifelndes Gesicht. “Zeig es mir.”
    Mit leichtem Bedauern schüttelte er den Kopf. “Jetzt nicht mehr. Es ist mitten in der Nacht, ich kann nicht erkennen, wohin ich springe. Zu gefährlich.”
    Ihre Miene war nicht zu deuten. Sie kam zu ihm herüber, dann hockte sie sich vor ihn hin. Instinktiv rutschte Nate zurück und seine Finger tasteten das kalte Metall seiner Waffe. Langsam glitt ihr Blick zu seiner Hand. Dann sah sie ihn wieder direkt an.
    “Zeig mir, was du kannst. Und ich zeige dir, was ich kann.”
    Für einen Moment fesselte ihn ihre Augen. Wie der Sternenhimmel über ihm … wortlos starrten sie sich an. Dann drehte sie sich herum und legte die schmalen Hände auf den Boden.
    Licht glomm auf.
    Eine dünne Linie aus reinem weißen Licht verband ihre beiden Handflächen. Astra holte tief Luft und als sie diese wieder ausstieß, schoss das Licht wie ein Pfeil über die graue Betonfläche. Erst am Maschendrahtzaun kam es aprupt zum stehen und schwebte dort, leicht pulsierend, wie ein kleiner…
    “Stern”, murmelte Nate. Astra.
    Fassungslos starrte er die kleine Leuchtkugel an. Sanft glühend bewegte sie sich sachte auf und ab.
    Astra war aufgestanden und hatte ihrem Geschoss nachgeblickt. Jetzt hob sie die Hand und das Licht kehrte zu ihr zurück, wie ein Ball an einer dünnen Schnur. Sie schien es regelrecht aufzufangen, dann drehte sie sich zu dem jungen Mann am Zaun um und ging wieder in die Hocke. Ihre Rechte, gefüllt mit weißem Leuchten, hielt sie ihm hin.
    Zögernd streckte er die Finger aus. Er fühlte die streichelnde Wärme, wie Sonnenlicht. Es war so hell, dass er die kleinen Härchen auf seinen Unterarmen erkannte. Doch als er es berühren wollte, spürte er nur Astras kühle Haut. Das Licht umfloss seine Finger, diese warfen dunkle Schatten, aber anfassen konnte er es nicht.
    Sie gab ihm Zeit, zu begreifen, was er sah. Dann tippte sie ihm mit zwei Fingern an die Stirn und als sie diese fort zog, war das Licht aus ihrer Hand auf ihn hinübergewechselt und erhellte Astra vor ihm wie eine Lampe.
    “Jetzt wirst du alles erkennen.” Beinahe spitzbübisch lächelte sie. “Zeig mir, was du kannst.”

    Müde wankte er durch den Regen nach Hause. Einen Teil des Lohns für diese Woche hielt er sorgfältig unter seiner zerschlissenen Lederjacke verborgen. Einen Beutel Trockenobst, drei Packungen Reis, in den Ärmeln versteckt lagerten jeweils zwei lange luftgetrocknete Würste aus Hundefleisch. Mehr konnte er nicht transportieren. Das Risiko, dass er unterwegs überfallen und ausgeraubt wurde, war so schon viel zu groß.
    Liebend gern hätte er sich seine Kapuze über den Kopf gezogen, schon allein, damit der stete Regen nicht seinen Nacken hinab bis zu den kostbaren Reispackungen rann. Doch er konnte die Arme nicht heben, ohne seine wertvolle Fracht ungewollt in den Dreck der Straße rutschen zu lassen. Und schneller laufen wollten seine Füße auch nicht. Zu übel nahmen sie ihm die zehn Stunden, die er heute an der Scheune zugebracht hatte. Samstage waren immer schlimm, die Ausgabe dauerte doppelt so lange, weil am Sonntag kein Essen kam. Er hatte zwar dafür den nächsten Tag frei, war aber meist völlig fertig. So wie heute. Also schlurfte er weiter, vollkommen unauffällig jetzt zwischen den anderen Gestalten.
    Als er an der Wohnung ankam, klopfte er einen schnellen Rhythmus. Leise genug, um Ivy nicht zu wecken, die sicher schon im hinteren Zimmer zusammengerollt auf ihrer gemeinsamen Matratze schlief, laut genug, dass Kay oder Rett ihn hören konnten. Es dauerte auch gar nicht lange, da fuhr der Türriegel mit seinem gewohnten Quietschen zurück. Einen Spalt breit wurde die Tür geöffnet und er erkannte Kays angespanntes Gesicht hinter der Sperrkette. Wortlos löste sie die Verriegelung, schob sie die Tür ein wenig weiter auf und er trat an ihr vorbei in den muffig riechenden Flur.
    Während er ihr die Lebensmittel aushändigte, streifte er die schlammigen Schuhe ab und stellte sie an die Wand, als Kay ins Wohnzimmer verschwand. Für einen Moment bedauerte er die mütterliche Frau, weil diese Unterkunft nie wirklich sauber war. Draußen türmte sich der Matsch, durch jede Ritze fiel roter Staub. Es war immer schmutzig. Notdürftig klopfte er sich den gröbsten Dreck vom Morgen von den Hosenbeinen, doch selbst dies schien aussichtslos. Resigniert betrat er das Wohnzimmer.
    Sie war fort.
    Mit einem Satz sprang er zur Hinterzimmertür und drückte mit zitternden Händen die Klinke herunter. Das schwache Licht der Deckenlampe reichte kaum bis in den winzigen Raum, doch er konnte Ivys schlafende Gestalt erkennen, wie immer eingerollt und die bloßen Füße unter der Decke herauslugend. Die Matratze neben ihr war leer.
    “Kay, wo ist sie?” Nate schloss die Tür behutsam, um das Kind nicht zu wecken. Dann steckte er seinen Kopf in die winzige Küche, in der Kay Geschirr spülte. Ihr Kinn ruckte in Richtung ihres eigenen Zimmers “Sie schläft in meinem Bett. Das Wohnzimmer wäre zu unruhig gewesen und euer Bett kam nicht infrage.” Mit der nassen Hand wies sie auf einen einsamen Teller, auf dem ein einsames Brot wartete.
    Er lehnte sich in den Türrahmen, angelte nach seinem Abendessen und verzehrte es rasch im Stehen.
    “Du hast sie untersucht?”, murmelte er, während er den Teller ins Becken gleiten ließ.
    Kays schmale Schultern spannten sich kurz und die Hände sanken in das trübe Abwaschwasser. Fast schien es, als könne sie nicht glauben, dass er diese Frage wirklich gestellt hatte. Dann ergriff sie den letzten Teller und begann diesen energisch zu scheuern.
    “Natürlich habe ich das.” Grimmig knallte sie das nasse Geschirr auf das obere der beiden Bretter, die ihren Küchenschrank bildeten. “Ihr fehlt nichts. Überhaupt nichts. Außer, dass sie scheinbar völlig am Ende ihrer Kräfte ist.”
    Nate runzelte verwundert die Stirn, doch noch ehe er etwas sagen konnte, hatte sie sich ein grau verfärbtes Handtuch genommen und wischte damit das inzwischen leere Becken sauber.
    “Ihr körperlicher Zustand ist … er ist mir unerklärlich, Nate. Sie scheint nie Hunger gelitten zu haben. Alles an ihr wirkt gesund und vital. Sie hat keine Wunden, keine Narben. Ihre Hände sind makellos.”
    “Aber?”
    Nate kannte Kay schon eine ganze Weile. Er wusste, dass sie gewissenhaft war.
    Sie winkte ihm, ihr zu folgen und führte ihn in ihr winziges Zimmer, das mit dem schmalen Bett beinahe ausgefüllt war. Ihre Besucherin lag auf dem Rücken, die schmalen blassen Hände ruhten neben dem Körper auf der Decke. Kay ergriff eine davon und drehte die Handflächen nach oben.
    “Schau dir die Ellenbeuge an.”
    Er sah, was sie meinte. Eine winzige Einstichstelle, um die sich tentakelartig schwarze Streifen ausbreiteten.
    “Was ist das?” Seine Stimme klang gepresst. Wenn diese Frau eine gefährliche Krankheit hatte …
    “Ich habe keine Ahnung.” Kay legte die Hand behutsam wieder zurück auf das Bett. “Gesehen habe ich so etwas noch nicht.”
    Nate nickte. Kay verfügte über einen riesigen Erfahrungsschatz und auf ihre Aussagen verließ er sich blind. Sie war im großen Krieg Lazarettärztin gewesen und hatte dort nahezu alles gesehen.
    Er überlegte, wie es jetzt weitergehen sollte. Wer war die Fremde? Wie war sie hierhergekommen? War sie auf der Flucht? Wenn ja, vor wem? Hatte er sie alle in Gefahr gebracht, indem er sie mitgenommen hatte?
    “Wo ist Rett?”
    Kay hatte sich auf dem Fußende des Bettes niedergelassen und ließ den Blick nachdenklich über ihre Patientin wandern.
    “Er musste noch einmal los. Hat sie auf meine Bitte hin hier abgelegt und ist dann gegangen.” Seufzend erhob sie sich. “Dir ist klar, dass du sie jetzt unmöglich rauswerfen kannst?”
    Nate trat zurück ins Wohnzimmer, damit Kay Platz hatte. “Ja, das fürchte ich auch … was ist mit Ivy?”
    Leise schloß die ältere Frau die schmale Schiebetür zu ihrem Quartier, damit ihre Patientin nicht gestört wurde. Dann ließ sie sich auf das durchgewetzte Sofa sinken.
    “Ivy sieht diese Frau wirklich, Nate. Sie leuchtet für sie so hell wie eine Lampe. Deshalb ist sie heute früh fortgelaufen. Anscheinend kam deine Dame am Haus vorbei und Ivy ist ihr gefolgt. Sie sieht sie .Als Rett sie in mein Zimmer bringen wollte, ist ihr Arm heruntergerutscht und Ivy hat die Hand ausgestreckt und ihn berührt.” Seufzend fuhr sie sich durch das braune Haar, das sofort wieder nach allen Seiten abstand.
    “Irgendetwas stimmt nicht mit der Frau, Nate. Ich kann es nicht benennen. Aber sie fühlt sich … anders an. Anders als alle Kranken, mit denen ich bisher zu tun hatte. Und das waren viele.” Jetzt stand sie wieder auf, tat zwei Schritte und blieb dann mit nachdenklichem Gesicht vor dem Durchgang zur Küche stehen.
    “Du musst überlegen, wie es jetzt weitergehen soll. Für heute Nacht kann sie in meinem Bett schlafen, ich gehe zu Ivy. Aber spätestens morgen wird sie aufwachen.”
    Nate hatte keine Mühe, die unausgesprochene Aufforderung zu verstehen. Er hatte sie ins Haus gebracht, er trug die Verantwortung für sie.
    Kay wusch sich noch einmal die Hände, dann verschwand sie im Hinterzimmer und ließ ihn allein zurück. Da Rett jeden Moment zurückkommen und die Couch für sich beanspruchen konnte, blieben ihm nicht viele Möglichkeiten. Vorsichtig öffnete er die Schiebetür erneut und stellte den wackeligen Stuhl auf die Schwelle. Mit der Waffe in der Hand nahm er Platz, legte die Beine auf das Fußende des Bettes und war beinahe sofort eingeschlafen.

    Hallo , @Sensenbach , danke fürs Lesen und die Kritik. Es freut mich, wenn die Story andere interessiert ^^

    Ok @Kiddel Fee
    Ich hab bis zum zweiten Post gewartet, bevor ich mich aus der Deckung wage. Also ich finde es gut. Du hast eine sichere Schreibe. Im zweiten Post hattest du mich, der erste war schon irgendwie spannend. Aber jetzt bin ich neugierig ,was es mit der leuchtenden Frau auf sich hat und dem kleinen Mädchen. Ein sehr schöner Start.
    Ich mag auch, dass du die Welt im Vorbeigehen einführst, ohne unnötige lange Erklärungen. Dadurch erfahren wir gerade soviel wie wir brauchen und bleiben gespannt auf das, was da kommt. Ich bin kein Freund von langen Erklärungen, weil ich dann immer denke, dem Leser brennt es unter den Fingern, wie es weitergeht, der will nicht jedes Fenster und jeden Stein genau beschrieben haben. Ich gehe immer ein bisschen von mir aus, was interessiert mich als Leser und was - naja, eher weniger :rolleyes:



    Dann ist Ivy blind? Ist sie ... ist sie nicht ...? Da musst du wohl weiterlesen :D Das hat sich im ersten Abschnitt nicht angedeutet. Oder?


    Hallo @Zarkaras Jade , danke fürs Lesen und kritisieren!


    “Ivy!” Kay zitterte vor Erleichterung, als Nate mit dem Mädchen nach Hause kam. Sie brachte den Duft nach Instantkaffee und gekochtem Reis in den Flur. Ihre fast schwarzen Augen schimmerten und die Sorgenfalten in ihrem schmalen Gesicht schienen noch tiefer als sonst.
    “Ach Blümchen, was machst du - was ist das denn?!”
    Die ältere Frau hatte sich gerade zu Ivy hinunter bücken wollen, erstarrte aber mitten in der Bewegung, als sie Nate und dessen Fracht erblickte. Ihr Blick wanderte zwischen Ivy und Nate hin und her.
    “Sie leuchtet, Kay.” Das Kind hatte seine tastenden Finger in ihre Hand geschoben und blieb leise lächelnd neben ihr stehen.
    Fragend zog Kay eine Augenbraue hoch, doch Nate zuckte demonstrativ mit der freien Schulter. Er wusste immer noch nicht, was Ivy meinte. Aber dafür war jetzt auch keine Zeit.
    “Ich pack sie dir aufs Sofa, Kay. Kein Essen für mich, ich bin eh schon spät drän. Lass niemanden rein, verstanden? Wenn Rett kommt, soll er den Code klopfen, ansonsten bleibt die Tür zu, bis ich wieder da bin.” Seine entschlossene Stimme erlaubte keine Widerworte. Den zweifelnden Blick der Älteren ignorierend, steuerte er ins Wohnzimmer und legte die Frau auf die fleckige Couch. Ivy sprang hilfsbereit mit dem einzigen Kissen im Raum herzu. Kay stand noch einen Moment wie erstarrt da, scheinbar billigte sie Nates Tat überhaupt nicht. Doch dieser war der Verantwortliche, also ging sie in die winzigen Küchenspalte, um die Hände unter dem trübbraunen Wasserstrahl zumindest grob zu reinigen.
    Die Kleine zog an dem schwarzen Mantel und enthüllte wieder dieses makellos blasse Gesicht und ihre Haare. Solches Haar hatte Nate noch nie gesehen. Es war sehr lang, zu einem akkuraten Zopf geflochten und hochgesteckt. Und so hell, dass man es fast als weiß bezeichnen konnte. Nicht das Weiß altgewordener Menschen, die es hier mittlerweile gar nicht mehr gab. Ein leuchtendes Weiß, wie frisch gefallener Schnee unter einem strahlend blauen Himmel …
    “Musst du nicht los, Nate?”
    Kay kam ins Wohnzimmer und trocknete sich die Hände an einem speckigen Lappen ab. Dann band sie sich ihre ungebändigten dunklen Haare im Nacken zusammen. Sie trug schon wieder ihr Dienstgesicht, die Augenbrauen zusammengezogen, der Mund ein schmaler Strich. Natürlich hatte sie recht.
    “Ivy, komm her.”
    Die Kleine rutschte vom Sofa und kam mit ausgestreckten Händen zu ihm herüber. Er nahm ihre Finger und kauerte sich vor sie.
    “Du wirst nie wieder allein raus gehen, Ivy. Wir hatten alle Angst um dich.” Seine Stimme war leise, aber eindringlich und sie nickte hastig.
    “Wie bist du nur auf die Idee gekommen, einfach zu gehen?”
    “Sie leuchtet doch, Nate.” Ivy klang, als würde diese Tatsache alles erklären. “Ich habe sie gesehen.”
    “Nie wieder, Ivy.” Der junge Mann drückte ihre Hände, um ihr den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Erneutes Nicken, ihre blonden Strähnen wippten.
    Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, dann erhob er sich. “Bis nachher!”
    Kay hob die Hand, als Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte, doch ihre Aufmerksamkeit galt bereits ihrem Besuch. Sie hatte nicht einmal gesagt, dass er sich eine frische Hose anziehen sollte.



    Nate lief schnellen Schrittes durch die Downs, folgte den trostlosen Gassen, ohne dem Elend einen weiteren Blick zu schenken. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen hier hatte er eine feste Anstellung, die ihm und denen, die zu ihm gehörten, das Überleben ermöglichte. Sein Lohn bestand aus Nahrung. Es reichte knapp aus, weil Kay verflixt gut wirtschaften konnte und seine Ausbeute immer sofort sichtete und verplante. Sicher, seine Arbeit war hart und er hatte schon beizeiten erfahren, dass er dafür den Kopf am besten ausschaltete und sein Gewissen gleich dazu. Und dass er niemals die Waffe aus der Hand legen sollte. Es gab immer verzweifelte Menschen, die in Wut und Trauer auf den einschlugen, der ihnen das Elend eingebrockt und ihre Familie vielleicht sogar zum Tode verurteilt hatte.
    Denn das tat Nate, Tag für Tag. Er war einer der Sicherheitsleute, die täglich bei der “Scheune” die Essensausgabe überwachten. Aus den Speicherstädten kamen jeden Tag Lebensmittel für all die hoffnungslosen Menschen, die in riesigen Ghettos wie The Downs vor sich hinvegetierten. Die gelieferten Mengen waren stets zu wenig, das wussten die Wartenden. Doch trotzdem quälten sie sich zu jedem Sonnenaufgang erneut vor die massiven Tore, in der Hoffnung, vielleicht dieses eine Mal etwas zu erbeuten, was ihnen einen weiteren Tag Überleben sichern würde. Abgerissene Gestalten mit entzündeten, leeren Augen. Kriegsverletzte. Schmutzige kleine Kinder, die winzigen Hände bettelnd erhoben. Sie bekamen meistens nichts, denn in der Masse hatten sie keine Chance. Die Nahrung ging nach Schlägereien immer an die großen und starken Menschen. Er, Nate, hatte die Aufgabe, die Verteiler zu beschützen vor all den drecksstarrenden Händen, die nach Brot verlangten und dafür zu sorgen, dass die Reihenfolge eingehalten wurde . Anfangs hatte ihn dieser Job alles gekostet und er war abends hemmungslos weinend auf sein Lager gesunken, weil er all dieses Elend nicht mehr ertragen konnte.
    Doch jetzt musste er es. Er hatte eine Familie zu versorgen. Ivy würde niemals in dieser Menge stehen, das war sein Schwur gewesen, und um diesen zu befolgen, schaltete er Kopf und Herz aus und tat nichts, was seinen Job irgendwie gefährdete.
    Bis jetzt.
    Heute hatte er etwas getan, was ihn diese Arbeit kosten konnte und diese Fremde mit in seine Wohnung gebracht. Alles an ihr schrie förmlich Ich gehöre nicht hierher. Sie würde Ärger bedeuten. Doch er hatte es nicht übers Herz gebracht, Ivy von dieser Gestalt am Boden fortzuziehen, während aus den blinden Kinderaugen Tränen flossen.
    Sie leuchtet, geisterte es ihm im Kopf herum. Weder im Dunkel der Gasse noch im Wohnzimmer hatte er etwas davon erkennen können. Ivy jedoch musste irgendetwas gesehen haben, schließlich hatte sie die Fremde gefunden. Allein. Und ohne ihre Augen nutzen zu können …
    Nate bog auf die Hauptstraße ein. Menschen strömten auf ihr entlang, hasten, humpelten so schnell sie konnten auf das große Lagerhaus zu. Er selbst hielt sich am Rand, dann verschwand er in einer unscheinbaren Seitentür und klopfte einen bestimmten Rhythmus. Die Tür ging auf und wortlos trat er in den schmalen Gang dahinter, der ihn über mehrere verwinkelte Ecken und schmale Treppen zur “Scheune” brachte. Dort nahm er sich aus seinem Spind die rote Armbinde und das Stirnband in der gleichen Farbe, die ihn als Sicherheitsmann und Waffenträger kennzeichneten. In diesem Pfuhl aus Dreck war das leuchtende Rot klar und deutlich zu erkennen. Die Leute hielten Abstand. Bis auf die völlig Verzweifelten. Ihm selbst war es zum Glück noch nicht passiert, doch zwei seiner Kollegen waren von den Wartenden bereits angefallen worden, die in ihrer Ausweglosigkeit den Tod durch eine schnelle Kugel vorgezogen hatten.
    Kurz wanderte sein Blick in die Spiegelscherbe, die er sich an die Tür geheftet hatte. Dunkle Augen starrten ihm aus einem maskengleichen Gesicht entgegen. Er sah definitiv älter aus als achtzehn Jahre, dachte er sich. Aber das kam wohl davon, wenn man in solch einer Welt aufwuchs. Nachdenklich musterte er seine eher sehnige Gestalt, die so gar nicht für seinen Job passen mochte. Nun ja, er hatte andere Qualifikationen. Doch auch die machten es nicht einfacher für ihn ...
    Was immer die folgenden Stunden bringen würden, er musste es durchstehen - für Ivy.

    Da stell ich mich doch mit an!


    Willkommen!


    Ich bin auch so eine, die einmal im Jahr alle Serien durchliest (am längsten dauert logischerweise das Lied von Eis und Feuer).
    Harry Potter habe ich schon in der Schule unter der Bank heimlich gelesen^^