Beiträge von Kiddel Fee

    Miri , Rainbow , danke für eure Kommentare. Es hilft mir sehr, wenn ihr mir Einblick in eure Gefühls- und Gedankenwelt gebt während des Lesens, dann weiß ich, ob ich die Story richtig rüberbringe. Weiter so!


    Es geht gleich weiter !


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    “Er war hier, nicht wahr? Hat er überlebt, dein teurer Kendall? Hast du einen Weg gefunden, sein wertloses Leben noch ein wenig zu verlängern?”
    Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, doch angesichts des Hasses, der plötzlich in der Miene ihres Gegenübers aufloderte, fehlten ihr die Worte. Gleichzeitig erlosch ihr Zorn auf Nate wie eine Kerzenflamme im Wind und machte Dankbarkeit Platz, weil ihr Freund abgehauen war, bevor Artax ihn hatte erwischen können.
    Der blonde Mann kam näher, schlenderte fast beiläufig zu ihr herüber. “Ich will deinen Teil des Versprechens einfordern, Astra.”
    “Lügner!” Sie glaubte ihm kein Wort. Die Abneigung in ihm war nicht zu übersehen. Gewiss musste er wegen ihres Handels hier aufgetaucht sein, doch nicht, um ihn einzulösen. Nein, er war hier, um sie und Nate zu strafen. Dafür, dass sie nicht nach seinen Regeln gespielt hatten, dass Artax seinen Willen nicht bekam. Der Elementale der Dunkelheit wollte Rache.
    Doch diese würde sie ihm nicht gönnen.
    “Was denkst du, Astra? Erst du, dann dein Freund? Oder soll ich erst ihn erledigen und dich dann mit den pikanten Einzelheiten seines Todes bekannt machen?”
    Voller Abscheu trat sie einen Schritt beiseite und zwei zurück, vergrößerte den Abstand zwischen ihnen. Furcht streckte die Krallen nach ihr aus. Selbst wenn sie die Trägerin des Lichtes war, er besaß die Finsternis und in seiner verkommenen Seele gab es keinerlei Hemmungen, diese mit aller Kraft einzusetzen. Sie mochte ihn aufhalten können, doch sie hatte Angst vor dem, was sie bis dahin alles sehen würde.
    “Sieh dich an, Astra. Noch immer fürchtest du dich vor mir.” Er sprach leise, fast mitfühlend, doch in den kalten Augen fehlte der übliche Spott. “Und du hast allen Grund dafür.”
    Sie spürte den Türrahmen in ihrem Rücken und im gleichen Moment schien Artax zu explodieren. Die Dunkelheit schoss aus ihm heraus wie Wasser aus einem geplatzten Rohr. Schwärze erfüllte das Zimmer. Binnen eines Lidschlags konnte sie nichts mehr erkennen. Finsternis lähmte ihre Augen, verstopfte ihre Ohren und schien sich wie ein Knebel um Mund und Nase zu legen. Eisige Kälte umströmte sie, greifbare, dicke Finsternis.
    “Fürchte dich, Astra”, klang es dumpf aus der Nacht um sie herum. Fast schien es, als wollte die Dunkelheit in sie hineinkriechen. Kalt und schwarz drang sie wie Gift immer tiefer …
    “Nein!” Wut rauschte durch ihren Körper. Zwei strahlende Lichtkugeln erschienen rechts und links von ihr, dort, wo ihre Hände sein mussten. Sie flammten auf und zerrissen die Finsternis um sie herum wie fadenscheinige Lumpen. Die Kälte wich, der Druck schwand von ihren Ohren und aus der Schwärze um sie herum schälten sich erneut die Umrisse des Zimmers.
    Zum ersten Mal erlebte sie am eigenen Leib, welche Kraft in Artax wohnte und was er in der Lage war, zu tun. Ihre Wut wich erneut der Furcht, die unangenehm in ihrem Bauch stach. Sie durfte sich nicht überrumpeln lassen. Die Überlegenheit ihres Elementes reichte nicht, denn an die Rohheit und Gewaltbereitschaft ihres Gegners kam sie nicht heran.
    Und wieder schien er ihre Gedanken zu erraten.
    “Das ist der Unterschied zwischen dir und mir, Astra. Wir verfügen beide über unglaubliche Gaben. Doch du bist zu gutmütig, um die volle Stärke der deinen auszuschöpfen, du weigerst dich, dein Potenzial zu nutzen und dir vorzustellen, was alles möglich ist. Hemmungen und falsche Scheu werden dich immer fesseln, weil du nicht wagst, weiterzugehen. Du bist schwach!”
    Er streckte die Hand aus und schwarze Tentakel zischten ihr entgegen. Wie glitschig kalte Schlangen flochten sie sich um ihren Hals und drückten ihr die Kehle zu, langsam, fast genüsslich. Entsetzt schnappte sie nach Luft, doch kein rettender Atem wollte ihre Lunge füllen. Im Nu trübte ihr Sichtfeld ein und die Beine gaben nach. Mit einem dumpfen Laut fiel sie auf die Knie.
    “Siehst du, was ich tun kann?” Er kam zu ihr und sah zu, wie ihre Finger gegen die Finsternis an ihrer Kehle ankämpften, diese jedoch nicht greifen konnten. “Im Gegensatz zu dir habe ich keine Skrupel, die Dinge zu machen, die ich will.” Beiläufig hob er die Rechte und strich ihr eine lose weiße Strähne hinters Ohr. “Ich kann dich berühren. Ich kann dich töten. Was auch immer mir einfällt - du wirst mich nicht daran hindern können, weil du schwach bist.”
    Die Berührung seiner Fingerspitzen schien sengende Spuren auf ihrer Wange zu hinterlassen. Ihr Ekel wuchs zu einer übermächtigen Größe heran und wandelte sich zu heißem Zorn. Sie spürte, wie das Licht in ihr drängte, wie es an der Stelle des Hautkontakts aus ihr herausquoll wie Schweißtropfen und an ihr entlang floss. Wasser gleich flutete es über ihr Gesicht, schoss an der gequälten Kehle herab über Bauch und Brust. Die Schattenschlangen, die ihr die Luft nahmen, mussten weichen, verschwanden in ihrem gleißenden Licht. Das Leuchten umhüllte sie wie eine strahlende Rüstung.
    Artax schrie, als hätte er sich verbrannt, und sprang einige Sätze zurück. Er riss die Hände vors Gesicht und kniff die Augen zu, um der Helligkeit zu entkommen und stolperte beinahe rückwärts über Nates verwaistes Bett.
    Voller Verachtung sah Astra auf ihn hinab. “So einfach wirst du es nicht haben. Du warst mir ein unfreiwilliger, aber guter Lehrer.”
    Ein anerkennendes Lächeln huschte über sein Gesicht und seine Augen blitzten. Langsam erhob er sich und klopfte den nicht vorhandenen Staub von seinen Ärmeln. “Ich bin beeindruckt. Kaum zu glauben, dass du dich wehrst.” Hass trat in seine Augen. “Aber denke nicht, dass du auch nur den Hauch einer Chance gegen mich hast.”
    Erneut füllte sich der Raum mit Finsternis, doch dieses Mal reagierte sie schneller. Ihr Laser fuhr durch die Schwärze wie ein Schwert und trennte den Schatten von der befehlenden Hand seines Herrn. Eine weitere Lichtkugel zerfetzte die dunklen Schwaden und vertrieb jeden einzelnen Rest von Artax’ Attacke. Auch einen zweiten und dritten Angriff wehrte sie ab. Ihre Gabe harmonierte perfekt mit ihren Gedanken, ja, sie schien diese nicht einmal ausformulieren zu müssen. Es war, als würde die Kraft in ihr erkennen, was zu tun war, und von selbst agieren. Die Finsternis erreichte sie nicht mehr.
    Artax hatte die Fäuste geballt und keuchte leicht, während sein Blick an ihr entlang glitt auf der Suche nach einem Schwachpunkt. Es wäre der perfekte Augenblick für einen Angriff ihrerseits - doch Astra konnte nicht. Sie hatte kein Problem damit, seine Schläge zu parieren, aber selbst auf ihn losgehen wollte sie nicht - zu groß war ihre Sorge, ihn mit ihrer Gabe vielleicht zu töten.
    Artax hatte damit kein Problem. Er schrie wütend und sprang auf sie zu, streckte beide Hände aus und ließ sie Strahlen aus undurchdringlicher Schwärze aussenden. Rasch riss Astra einen Arm vors Gesicht, eine Lichtwand entstand und die Schatten trafen mit einem schrillen Kreischen darauf, bevor sie, ähnlich wie Glas, in tausende Scherben zersprangen und sich anschließend auflösten.
    “Ich sehe, dass es nichts bringt, dich direkt anzugreifen.” Seine Stimme klang so bedrohlich, dass Astra unwillkürlich zwei Schritte zurück machte und wieder auf dem großen Gang stand. Langsam, wie ein Raubtier auf der Pirsch, kam er ihr nach. Die schwarzen Tentakel tanzten um seinen Arm. “Nichtsdestotrotz bist auch du nur ein sterblicher Mensch. Und wenn ich dich nicht mit der Dunkelheit töten kann, zerstöre ich dich eben mit etwas anderem!”
    Binnen eines Lidschlags bildeten die dunklen Schlangen um ihn herum eine feste dunkle Kugel in seiner Hand, die er mit aller Kraft nach vorn schleuderte. Astra tauchte zur Seite weg und der Schattenball traf mit einem lauten Knall auf die Glasscheibe des Patientenzimmers hinter ihr. Diese zerbarst in einem Meer aus Splittern, welche Hagel gleich auf Astra hinabpasselten. Sie hob schützend die Arme und spürte, wie sich das Glas in ihre Haut hineinbohrte, wie es diese zerschnitt. Warme, klebrige Flüssigkeit tropfte von ihren Ellenbogen hinab auf ihre Wangen, Schmerz durchzuckte sie.
    Der Elementale der Dunkelheit hatte nicht gescherzt. So stark seine Gier nach ihr gewesen war, so stark war jetzt auch der Drang, sie so gekonnt und qualvoll wie möglich zu vernichten. Es musste ihm wahrhaft Genuss bereiten, sie vor sich auf dem Boden kriechen zu sehen, nachdem sie ihr Versprechen gebrochen und ihn auch noch vor den Augen des gesamten Hortes mit ihrer Flucht lächerlich gemacht hatte. Für ihn war es das Finale eines Spiels, dessen Regeln er selbst festgesetzt hatte, und er wollte dieses so hoch wie möglich gewinnen.

    Da haben sich ein paar Gänsefüße eingeschlichen

    Das lag daran, dass das ursprünglich mal ein Monolog war, der aber dann umgewandelt wurde - Überbleibsel :)


    Das wollte ich dich beim letzten Mal schon fragen: Was ist das? XD *hat medizinisch keine Ahnung

    Das sind die Klebeelektroden, die für ein EKG oder so auf Arme und Brust geklebt werden.

    Astra lief durch die Gänge und versuchte, ihre tobenden Gedanken unter Kontrolle zu bekommen. Die Enthüllungen ihres Mentors, die Tatsache, dass Ivy ebenfalls eine Elementale des Lichtes war und das Geheimnis um den Tod von Caroline mischte sich in ihrem Kopf zu einem wilden Faktenchaos und ließ ihren Körper vor Anspannung zittern.
    Die Elementalen von Licht und Dunkelheit konnten ihr Element spüren und sehen, sobald andere dieses ebenfalls in sich trugen.Auf diesem Wege hatte Artax sie in den Downs gefunden, wenn auch nicht punktgenau und nur verzögert. Er spürt die Dunkelheit und weil sie einen Teil in sich hatte, wusste er irgendwann, wo sie sich versteckt hatte.
    Sie hob den Arm und blickte in ihre Ellenbeuge. Jetzt war das Zeichen fort. Die kleine Menge Finsternis, die ihr beim Neutralisationsversuch injiziert wurde, musste wohl vernichtet worden sein , als sie ihre ganze Kraft aktiviert hatte, um Nate zu retten.”
    Beim Gedanken an den jungen Mann im Lazarett stach es wieder unangenehm in ihrem Bauch. Sie hatten vorhin alle beide harte Worte gebraucht und sie selbst für ihren Teil bereute, was sie gesagt hatte.
    Entschlossen ging sie zum nächsten Aufzug und wählte den Krankentrakt an.


    Die Tür zum Lazarett surrte langsam auf. Astra eilte in den langen Gang hinein. Hinter den gläsernen Fenstern war niemand, alle Betten standen sorgsam aufbereitet da. Kein Patient und kein Mediziner war zu sehen. Es herrschte Ruhe um diese Mittagszeit.
    Sie erreichte Nates Tür und für einen Moment zögerte sie wieder. Doch der Wunsch, von ihm verstanden zu werden, siegte. Der weiße Kunststoff glitt auf ihren Knopfdruck hin leise sirrend zur Seite.
    “Nate!”
    Zwei Schritte ins Zimmer hinein hatten ihre Füße schon von selbst getan, bevor sie begriff, was sie sah.
    Nates Bett war leer. Die Bettdecke lag ohne eine Falte akkurat zusammengelegt am Fußende der Matratze, die Paddles der Überwachung ruhten an ihren Kabeln über den ausgeschalteten Überwachungsmonitor gehängt. Ein Blick auf den jetzt leeren Tisch, auf dem bis zuletzt noch Nates Kleidung gelegen hatte, vervollständigte das Bild.
    Nate war fort.
    Enttäuschung und Empörung schossen in ihr hoch. Nate war gerade erst von einem schweren Fieber genesen. Dann hatten sie sich gestritten. Und jetzt fiel ihm nichts besseres ein, als bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu türmen? Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. “Du elender Idiot! Wo bist du hin?”
    “Suchst du deinen Liebsten?” Die Stimme hinter ihr, kalt wie Eis, schien ihren Rücken hinaufzukriechen und jeden Muskel zu lähmen. Mit äußerster Anstrengung drehte sie den Kopf.
    Artax stand neben dem Türrahmen, mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt. Sie musste direkt an ihm vorbeigestürmt sein. Seine hellen Augen waren schmal, sein Blick eisig und er strahlte eine tödliche Bedrohung aus. Zu seinen Füßen lag eine reglose Krankenschwester, die mit schwarzen Augen an die Decke starrte.

    Meine Damen, meine Herren, ich bin mit dieser Story quasi auf der Ziellinie und muss nun ganz genau aufpassen, keinen Murks zu verzapfen, auf dass am Ende nicht alle schreien : "hä?! das geht ja gar nicht!"

    Von daher seht es mir großzügig nach, wenn die Abstände des Postens ein bisschen größer werden^^



    Schwarz und Weiß


    Astra saß ganz still und spürte das Licht tief in sich. Seit sie in Nates Bewusstsein all ihre Kraft eingesetzt hatte, fühlte sie eine besondere Bindung zu ihrer eigenen Gabe. Ihre Fähigkeiten waren gewachsen, geradezu explodiert. Und jetzt wohnte das Licht nicht nur in ihr, sondern auch in Nate. Sie musste bei dessen Rettung einen Teil des Lichtes in ihm zurückgelassen haben. Deshalb sah sie ihn. Und auch Ivy. Es war nur natürlich.
    Als sie de Kopf hob, war es, als hätte jemand die Lautstärke wieder hochgedreht.
    “Wie kann das sein?” Atesch klang grimmig. “Wieso gibt es noch mehr wie uns?” Er war zwei Schritte auf Thyras zugegangen, doch Su streckte den Arm aus und hielt ihren Partner zurück.
    “Ich bin sicher, Thyras kann es erklären. Beruhige dich.” Ihre Stimme klang leise, doch Atesch leistete ihr Folge und kehrte schweigend an seinen Platz zurück.
    Astra konnte ihn verstehen. Ihr Mentor hatte ihnen mehrmals versichert, wie einzigartig ihre Fähigkeiten waren. Dass es Menschen wie sie noch niemals gegeben hatte, dass sie allein zum ersten Mal das unbekannte Neuland einer Manifestation betreten hatten, dass alle Hoffnungen auf ihnen ruhten … und nun stellte sich heraus, dass seine Tochter ebenfalls schon über diese besondere Kraft verfügt und diese scheinbar sogar weitervererbt hatte.
    Thyras erhob sich, langsam. Auf einmal sah er uralt und müde aus. Mit einer Armbewegung holte er das Hologrambild seiner Familie vor sich, ließ es in der Mitte des Raumes schimmern. Seine Hand wischte über das Foto und acht Portraits flammten auf. Er tippte auf das letzte und eine junge Frau mit hellen Haaren und ernster Miene blickte zu ihnen heraus.
    “Meine Tochter war die erste Elementale.” Ihr Mentor rieb sich über die Stirn und seufzte. Kummervoll sah er auf das Bild. “Sie konnte das Licht nur schwer beherrschen. Wann immer sie aufgewühlt war, explodierte die Kraft in ihr und richtete um sie herum Schaden an. Drei hervorragenden Wissenschaftlern hat ein solcher Ausbruch das Augenlicht genommen.”
    “Das Augenlicht -”, wiederholte Rett tonlos.
    Thyras nickte traurig. “Caroline war sich dieses Problems durchaus bewusst und beschloss, den Hort des Wissens zu verlassen, bevor noch mehr Menschen ihretwegen leiden mussten. Sie nahm einen meiner Leute mit, dem sie vertraute und der das Talent hatte, sie bei emotionaler Unruhe durch Worte allein beruhigen zu können. Gemeinsam zogen sie los und ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Bis jetzt.”
    Der alte Mann schaute zu dem Mechaniker hinüber. “Der Name dieses Mannes war Gregory.”
    “Ivys Vater”, bestätigte Rett.
    “Ich kann nicht erklären, warum sie letztenendes in den Downs gelandet sind.” Leise seufzte Thyras. “Warum nur haben sie ausgerechnet den Ort aufgesucht, wo die meistens Menschen leben, wenn Caroline mit ihrer Gabe doch niemanden in Gefahr bringen wollte?”
    “Ihr könnt es nicht verstehen.” Rett hatte plötzlich die Fäuste geballt und war aufgestanden. “Nach dem Krieg herrschte das Chaos. Die Welt war verbrannt, die letzten Bodenschätze und alles, was annähernd verwertbar war, wurden von den Siegern mitgenommen - in den Hort, in die Veste. Es gab keinen anderen Ort mehr, an dem ein Überleben überhaupt möglich war. Alle Menschen trieben dorthin, früher oder später …” Er verstummte.
    Auch die anderen schwiegen, denn sie erkannten, dass er recht hatte. Sie konnten es nicht verstehen, denn sie waren in dieser Zeit im Hort in Sicherheit gewesen.
    “Wenn deine Tochter solche - Ausbrüche hatte und Ivy blind ist …?” Sus halbe Frage hing in der Luft, aber sie schien nicht sicher zu sein, ob sie diese stellen durfte.
    Ihr Mentor nickte. “Ja, ich denke, dass Carolines Licht für Ivys Blindheit verantwortlich ist. Ihre Augen sprechen eine klare Sprache, die Schädigung ihrer Netzhaut ist eindeutig auf eine massive Blendung zurückzuführen. Was genau passiert war, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben … aber ist es sicher, Rett, dass die beiden tot sind?” In seinen Augen mischten sich Hoffnung und Trauer.
    Rett schüttelte leicht den Kopf. “Es tut mir leid, ich habe die beiden niemals gesehen. Nate hat Ivy mit zu uns gebracht und erklärt, dass ihre Eltern verstorben sind. Wie, weiß vermutlich nur er.”
    In Astra schoss Übelkeit hoch. Sie wusste, was Greg mit seiner toten Frau angestellt hatte. Die Vorstellung, dieses Wissen mit Thyras teilen zu müssen, trieb sie auf die Füße. “Entschuldigt mich, ich - muss kurz raus”, presste sie noch hervor, dann hastete sie an ihren Freunden vorbei und stürzte aus dem Zimmer.


    Thyras sah Astra nachdenklich nach. “Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie es spürt. Sie und die Kleine sind durch das Licht verbunden.”
    Rett hatte auf den Fußboden gestarrt und jetzt stand auch er auf. “Wieso haben wir es nicht bemerkt? All die Jahre hindurch … wieso hat Ivy nicht diese … Ausbrüche?”
    “Das kann ich nicht sagen. Vielleicht, weil es Ivy nicht aufgezwungen wurde. Das Licht ist von Geburt an, vom Moment ihrer Zeugung an, in ihr gewesen. Es bildet einen Teil von ihr und wurde nicht nachträglich hinzugefügt. Sie befindet sich demnach in völligem Einklang mit ihrem Element, das merke ich daran, dass sie Astra sofort erkannt hat. Aber nicht umgekehrt.”
    “Wieso sieht Astra die Kleine auf einmal?” Atesch kratzte sich nachdenklich den dunklen Bart.
    “Astra hat ihre Kraft in dem Moment akzeptiert , in dem sie willens war, Nate damit zu retten. Sie sperrt sich nicht mehr gegen die Präsenz in sich, sondern nutzt sie bewusst und in voller Stärke. Außerdem -” Thyras strich sich über die Schläfen, die mittlerweile zu hämmern begonnen hatten, “- außerdem kann Astra normal sehen. Vielleicht wäre ihr das Licht um Ivy schon eher aufgefallen, wenn sie selbst blind wäre. Aber so hat sie sicher nie darauf geachtet. Und -”
    Es klopfte an der Tür, schnell und drängend.
    Oh nein, schoss es ihm durch den Kopf, nicht ausgerechnet jetzt. “Herein!”, rief er und erhob sich.
    Sergeant Benedict kam schnellen Schrittes in das Zimmer. “Meister Thyras, der Rat des Hortes ist vor etwa zehn Minuten in der Veste eingetroffen. Und wie von Ihnen befürchtet, war der junge Mann in Schwarz mit dabei.”
    “Artax!” Su spie diesen Namen regelrecht aus.
    “Ivy …” Rett war blass geworden. Im Nu waren alle auf den Beinen.
    Thyras hob die Hand. “Rett, sieh nach der Kleinen. Sergeant Benedict, bitte begleitet ihn, soweit es möglich ist. Su, Atesch, wir suchen Artax. Er ist gefährlich und darf hier nicht einfach herumlaufen. Die Soldaten sind gegen seinen Hass chancenlos.”

    Nate kauerte in seinem Bett und versuchte, den inneren Aufruhr unter Kontrolle zu bekommen. Seine Wange brannte an der Stelle, wo Astra ihn berührt hatte, als hätte sie ihn geschlagen und die Haut seiner Finger gaukelte ihm vor, sie noch immer gepackt zu halten.
    Ihre letzten Worte hingen im Zimmer und selbst das hämisch klingende Piepsen der Überwachung schien sie nicht vertreiben zu können. Ein kleiner Teil in ihm empörte sich, dass sie ihn einen Idioten geheißen hatte. Doch der Schock über das, was sie eigentlich gemeint hatte, saß tiefer. Und am tiefsten war das Gefühl in seinem Herzen, die Erkenntnis, dass es ihm ebenso ging.
    Am liebsten wäre er aufgesprungen und ihr hinterhergelaufen, um sich für seine Worte zu entschuldigen. Doch das ging nicht. Schließlich kannte er sich hier überhaupt nicht aus und außerdem - das hatte er vorhin ernst gemeint - hing noch immer ein Todesurteil über ihm. Es war unwahrscheinlich, dass der Veste seine Identität verborgen geblieben war, sicherlich hatte der Hort sofort eine Fahndung eingeleitet. Früher oder später würde er wieder vor einem Henker stehen. Und möglicherweise nicht nur er, auch die, welche ihm geholfen hatten …
    Das Zimmer um ihn herum schien kleiner zu werden und die Wände erweckten den Eindruck, auf ihn zuzurutschen, als er an Ivy dachte. Ihr Gesicht, als sie gehört hatte, was ihm alles vorgeworfen wurde …
    Nein, das durfte nicht noch einmal passieren.
    Entschlossen fuhr seine Hand an seine Brust und riss mit einem heftigen Ruck die Überwachungskabel ab. Empört schrillte der Alarm, doch er fuhr herum und seine Finger fanden schnell das richtige Bedienfeld auf dem Monitor, um das Gerät zum Schweigen zu bringen. Die Elektroden klackerten leise, als er sie achtlos auf den Boden neben sich warf und die Beine aus dem Bett schwang. Ein leichtes Ziehen in seiner Ellenbeuge machte ihn auf die Infusion aufmerksam, an der er ebenfalls noch hing, doch auch diese war schnell entfernt und tropfte nun auf das Laken.
    Seine Kleidung lag gewaschen und gefaltet auf einem kleinen Tisch. Er zog sie über und bekam langsam wieder das Gefühl, er selbst zu sein, trotz der verrückten Umstände, in die er hineingeraten war.
    Als er die verschlissene Jacke überstreifte, ging die Tür auf und eine Schwester mit kam herein. Für einen Moment starrte sie ihn verdattert an. “Aber … Sie sind ja wach.”
    “Bin ich.” Nate ruckte am Reißverschluss, der sich verhakt hatte. “Und ich fühle mich ausgeruht und gesund.”
    “Aber Sie …” Hilfesuchend sah die ältere Frau über die Schulter, als würde sie ärztlichen Beistand gegen solchen Übermut suchen.
    “Bitte, Schwester. Ich muss unbedingt jemanden finden.”
    Ihr Gesicht wurde grimmig. “Sie sind Patient und ohne Rücksprache mit einem Arzt gehen Sie nirgendwo hin. Bitte legen Sie sich wieder ins Bett.”
    “Hören Sie.” Mit zwei Schritten durchquerte er das Zimmer und legte die Hand auf ihren Arm. “Ich bin sofort wieder da, ich schwöre es. Ich … muss nur kurz nach jemandem sehen, um glauben zu können, dass es ihm wirklich gut geht.” Er ließ seine Stimme ein wenig zittern und blickte sie bittend an. “Es wird gar niemand merken, dass ich fort war.”
    Sie zögerte. “Also das liegt eigentlich nicht in meiner Befugnis.”
    “Bitte.” Sorgfältig dosierte er die Hoffnung in seiner Stimme, mischte einen Hauch Verzweiflung und eine Prise Wehmut mit hinein und sah in ihren Augen, dass dies Wirkung zeigte.
    “In Ordnung. Wissen Sie, wohin Sie gehen müssen?”


    “Willst du uns nicht endlich verraten, was es mit Ivy auf sich hat?”
    Die Tür schloss sich hinter Thyras und er erstarrte, als Astras Stimme hinter ihm erklang. Hilflos blickte er auf die holografischen Portraits der acht Menschen, die seines Wissens nach ein Element in sich trugen. Vier leuchteten - Astra, Artax, Su und Atesch. Vier waren erloschen - Tenebris, die Zwillinge und …
    Er drehte sich langsam um.
    Astra stand direkt an der Tür, die sich glücklicherweise hinter ihr wieder geschlossen hatte.
    Erleichtert dachte er, dass so zumindest nicht die ganze Veste Zeuge der Szene werden würde, die nun unweigerlich folgen musste.
    Thyras atmete einmal tief durch. “Wie kommst jetzt du darauf?” Er merkte selbst, dass seine Stimme nicht so ruhig klang, wie sie sollte. Gleichzeitig pochte sein Herz schneller und die Handflächen wurden schweißnass.
    Astra schien ebenfalls sehr aufgeregt zu sein. Sie schloss die Augen und wirkte, als würde sie angestrengt in sich hineinhorchen. Dann blinzelte sie kurz und sah Thyras an. “Ich kann Nate auch sehen. Es ist mir aufgefallen, als ich gerade eben noch einen Moment vor seiner Zimmertür gestanden habe. Diese - Präsenz, die das Licht in ihm darstellt … die erkenne ich.”
    Thyras wusste nichts zu sagen. Wortlos saß er da und starrte die junge Frau an.
    “Und ja, Ivy sehe ich ebenfalls. Ich spüre, wo sie ist. Wie soll ich es erklären …? Es ist so, als würde das Licht in ihnen mich rufen, wenn ich die Augen schließe. Und diesem Rufen nachgehe, erkenne ich die beiden. Ihre Körper leuchten, als wären sie bis zum letzten Haar mit Licht ausgekleidet. Ich weiß, dass Ivy in einem der Zimmer den Gang runter ist.”
    Für einen Moment herrschte Schweigen.
    Thyras musterte Astra bekümmert. Er hatte geahnt, dass er irgendwann erklären musste, was es mit Ivys besonderer Begabung auf sich hatte. “Ich fürchte, es ist an der Zeit, euch einiges zu sagen. Hol Su und Atesch. Und ich denke, Rett müssen wir auch dazubitten, vielleicht kann Victoria solange auf Ivy achten. Aber der Mechaniker hat ein Recht darauf, alles Nötige zu erfahren.”

    Ein paar Minuten später waren sie alle in seinem kleinen Quartier versammelt. Astra und Su hockten auf dem Bett, daneben stand Atesch mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt. Den zweiten Hocker hatte Rett genommen, während Thyras selbst am Schreibtisch sitzen blieb.
    Seine Besucher blickten ihn abwartend an. Keiner sagte etwas, also schien Astra ihren Verdacht noch für sich behalten zu haben.
    Kurz schloss Thyras die Augen und ließ zu, dass all die Gefühle, die er jahrelang wohl verschlossen in sich getragen hatte, für einen Moment freikamen und ihm helfen konnten, seine Geschichte zu erzählen.
    “Lange vor dem Krieg, als die Menschen noch zahlreich waren, wurde der Hort des Wissens gegründet. Ich war damals noch ein junger Mann, doch bereits ein brillianter Kopf und so ging ich in diese Forschungsanstalt, als mich meine Regierung darum bat. Es herrschten noch andere Regeln, gerade was das Zusammenleben anging. Erst kurz zuvor hatte ich geheiratet und meine Frau kam mit mir. Unsere kleine Tochter wurde im Hort geboren.”
    Er wandte den Kopf und tippte auf das Datenpad. Ein Familienfoto leuchte auf, blassblau im Halbdunkel des Zimmers leuchtend - ein Mann mit gepflegtem Bart, eine Frau mit einem warmen Lachen und ein kleines Mädchen von etwa drei, vier Jahren.
    “Ivy!?” Rett sprang auf, als er das Bild sah und kam so nahe an den Schreibtisch, dass seine Nase beinahe das Hologram berührte. “Das ist doch nicht möglich. Das kann niemals Ivy sein!”
    Sus Augenbrauen waren in die Höhe geschossen, die ihres Partners bildeten einen grimmigen schwarzen Strich. Nur Astra sah man nichts an. Mit einem zur Maske erstarrten Gesicht saß sie da und schwieg.
    “”Beruhige dich, mein Freund.” Thyras berührte Rett sanft am Ellenbogen und der kehrte langsam an seinen Platz zurück. Nicht ohne die Projektion immer wieder misstrauisch anzustarren.
    “Natürlich ist es nicht Ivy. Dieses Bild ist ungefähr vierunddreißig Jahre alt. Es zeigt mich, meine Frau, die kurz darauf verstarb, und meine Tochter.”
    Jetzt schien Rett regelrecht in sich zusammenzufallen. Entgeistert schüttelte er den Kopf. “Deswegen hast du so reagiert, als du Ivy das erste Mal gesehen hast. Nicht nur, weil sie einem Kind aus dem Hort ähnelt, sondern weil sie deiner eigenen Tochter bis aufs Haar gleicht.”
    “Und diese Ähnlichkeit kommt nicht von irgendwo her.” Thyras wartete, bis Rett ihn wieder direkt ansah. “Der Name meiner Tochter war Caroline.”
    “Caroline!” Jetzt kam Leben in Astra, sie war aufgesprungen und starrte das Bild an, als würde dies jeden Moment in Flammen aufgehen. “Caroline? Ivys Mutter war deine Tochter? Ivy ist deine Enkelin?”
    Thyras nickte langsam. “Ja, so ist es. Natürlich bräuchte es noch einen Bluttest, aber schon allein die optische Ähnlichkeit ist sehr überzeugend. Und da ist noch etwas ... “ Kurz verstummte er, weil auch nach all den Jahren der Schmerz seine Krallen tief in sein Herz zu schlagen schien. “Als Caroline den Hort mit neunzehn Jahren verließ, hat sie mir ein Versprechen gegeben. Was auch immer den Weg zu mir finden würde, wenn sie es gesandt hatte, würde ich es erkennen. Und dieses Mädchen … trägt den Namen meiner toten Frau, Carolines Mutter. Ein deutlicheres Zeichen brauche ich nicht.”
    Schockiertes Schweigen. Rett hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Su schluckte mehrmals hörbar.
    “Und weißt du auch, warum die Kleine Astra und Nate sehen kann?”, fragte Atesch mit kritischer Miene.
    Jetzt kam der pikante Teil. Thyras hatte keine Ahnung, wie die jungen Menschen vor ihm auf seine Offenbarung reagieren würden. Aber sicher war es besser, nicht allzu lange um den heißen Brei herumzureden.
    “Ivy kann das Licht in anderen sehen, weil sie es selbst in sich trägt.” Er sah Astra an, um ihre Reaktion auf die folgenden Worte nicht zu verpassen. “Sie ist eine Elementale des Lichts, genau wie Astra - und genau wie ihre Mutter.”

    Astra zog sich seufzend Retts verlassenen Rollhocker heran. Als sie sich hinsetzte, bemerkte sie, dass Nate wach war.
    Er sah sie aus tiefbraunen Augen an, das Schwarz war aus seinem Blick gewichen. Auch glänzte sein Gesicht nicht mehr fiebrig, die Wangen hatten eine gesunde Farbe und sein Atem ging ruhig.
    Astra konnte nicht anders, sie musste lächeln, als sie ihn so erblickte. “Da bist du ja wieder. Willkommen zurück. Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt.”
    Er erwiderte ihr Lächeln nicht. “Ich bedaure die Umstände.” Seine Stimme klang hohl. “Geht es allen gut? Wo ist Ivy?”
    “Sie war bis eben noch da. Dann hat Victoria sie zum Essen geholt”, erwiderte sie beruhigend. Wie typisch es für ihn war, zuerst an die Kleine zu denken, selbst nachdem er eben erst erwacht war. Scheinbar hatte auch der Aufenthalt in seinem eigenen Geist diese Eigenart Nates nicht verändert, dachte sie erleichtert.
    Ein langsames Nicken. Nate musterte das Zimmer. “Wo sind wir? Wohin habt ihr mich gebracht?”
    “Das ist die Veste. Wir sind gestern mittag hier eingetroffen, wurden gut versorgt und können uns als Gäste fühlen.” Sein Blick beunruhigte sie ein wenig, er war so starr ...
    Mit einem Mal schien Nates Gesicht dunkler zu werden. “Als Gäste ...”, murmelte er. Die Finger auf dem Laken ballten sich plötzlich zu Fäusten. “Für wie lange nur. Ach Astra, warum hast du mich zurückgeholt?”
    “Was soll das heißen?” Misstrauisch runzelte sie die Stirn. Nate klang gerade so, als hätte sie einen furchtbaren Fehler gemacht, anstatt ihm das Leben zu retten. “Warum hätte ich dich sterben lassen sollen?”
    “Das verstehst du nicht.” Er starrte grimmig auf seine Fäuste hinab. “Ich hatte geglaubt, endlich eine Möglichkeit zu haben, um mit meiner Vergangenheit Frieden zu schließen. So viele Fehler, soviel Leid meinetwegen. Meine Hinrichtung wäre eine angemessene Strafe gewesen. Und dann kamst du und musstest mich retten.”
    “Oh entschuldige”, erwiderte sie , während der Zorn langsam in ihr hochkochte. “Ich wusste nicht, dass ich eine Erlaubnis brauche. Du hast auch niemanden gefragt, bevor du Victoria hinterher gesprungen bist!”
    “Das war etwas anderes!”, gab er heftig zurück. “Ich habe die Verantwortung für sie getragen.”
    “Ja und in dem Moment, als die Zellentür hinter dir zugefallen ist, hast du diese abgegeben und ich habe übernommen!” Sie musste an sich halten, um nicht wütend aufzuspringen. Was war sein elendes Problem? “Wo ist der Unterschied, Nate? Glaubst du, nur du darfst dich für andere aufopfern? Bist du nie auf die Idee gekommen, dass andere das ebenfalls tun würden - für dich?” Jetzt stand sie doch auf, stützte die Arme auf die Matratze und sah Nate direkt ins Gesicht. “Willst du mir vorwerfen, dass ich dich nicht einfach habe sterben lassen?”
    “Du weißt nicht, was du angerichtet hast”, gab er rau zurück. “Das hier ist die Veste, das militärische Hauptquartier. Und ich bin ein Kriegsverbrecher, der bereits zum zweiten Mal zum Tode verurteilt ist. Es erfordert einiges an innerer Stärke, auf ein Schafott zu steigen. Ich habe es einmal gemeistert in der Hoffnung, dann endlich Frieden zu haben.” Sein Blick bohrte sich in den ihren. “Und jetzt bin ich wieder hier, trage meine Vergangenheit noch immer mit mir herum, ohne zu wissen, wann sie mich erneut deswegen töten wollen. Irgendwann wird es passieren, früher oder später. Und sicher werden Rett und Ivy das noch einmal miterleben müssen. Also erwarte bitte keine Dankbarkeit, Astra.”
    “Du …!” Ihr fehlten vor Zorn die Worte. Konnte er denn gar nicht verstehen, was es für sie alle bedeutet hatte, ihn dahinsiechen zu sehen? War er nicht in der Lage, sich in Rett oder Ivy hineinzuversetzen, die noch nicht einmal Kays Verlust überwunden hatten?
    “Warum hast du es getan, Astra?” Seine Hand umklammerte ihr Handgelenk fest und schon fast schmerzend. Er forderte eine Antwort und sie war so wütend auf ihn, dass sie über ihre Worte kaum nachdachte.
    “Vielleicht wollte ich Artax einfach den Sieg nicht gönnen!”
    Seine Finger ließen sie blitzartig los. “Ging es nur darum? Dass du besser dastehst als er?”
    Kurz erwog sie, ihn mit der eben frei gewordenen Hand ins Gesicht zu schlagen. “Nein, Nate! Darum ging es nicht!”
    “Warum dann!?” Er richtete sich auf und plötzlich fand sie ihre Nasenspitze nur noch Zentimeter von der seinen entfernt. Sein Blick schrie nach der Wahrheit, sie erkannte, wie sehr ihn ihre unbedachten Worte getroffen hatten, wie weh es ihm tat zu glauben, dass er nur ein Mittel in ihrem Kampf mit Artax gewesen war. Konnte er sie wirklich für so niederträchtig halten? War er so blind gegenüber dem, was sie getan hatte?
    Wie gebannt starrte sie in seine braunen Augen und mit einem Mal fühlte sie sich müde, zerschlagen und elend. Die Wut verrauchte und der Kummer um ihn breitete sich wie eine dunkle Decke über ihrer Seele aus. Tränen brannten unter ihren Lidern, doch sie wollte um nichts in der Welt anfangen zu weinen.
    Stattdessen hob sie ihre Hand, die ihr bleischwer vorkam und legte sie einen Moment an seine Wange. “Du bist ein solcher Idiot, Nate. Du siehst es nicht.” Schnell wandte sie sich ab, bevor ihre Stimme den Dienst versagte und sie noch mehr entblößte. Ohne ein weiteres Wort verließ sie sein Zimmer und auch er schwieg, bis die Tür zwischen ihnen zuging.
    Draußen lehnte sie sich an das kühle Metall und schlug die Hände vors Gesicht. In diesem Moment war es ihr egal, wer sie möglicherweise sehen konnte. Sie fühlte sich entsetzlich, schuldig, wütend, verletzt … wieso nur war sie so in Aufruhr? Warum um alles in der Welt hatten sie sich jetzt gestritten? Jetzt kamen die Tränen doch und sie brauchte eine ganze Weile, um sich wenigstens ein bisschen zu beruhigen.
    Schließlich legte sie den Kopf mit geschlossenen Augen an die Tür und atmete ein paar Mal tief durch. Sie konnte Thyras unmöglich dermaßen aufgewühlt gegenübertreten.
    Und als sie so dastand, im Dunklen, allein und nur auf sich konzentriert, sah sie es.

    Huhu, Rainbow


    *Schaut vorsichtig um die Ecke*

    Ich hoffe ich bin hier noch willkommen ^^;


    ETIIIII!!! * wuschelt mit Pompoms * willkommen zurück! Hatte schon Sorge, dass ich dich eingebüßt hätte;(

    Nates Füße hatten sich bereits in Bewegung gesetzt, noch bevor Astra irgendetwas sagen konnte.

    Üff. Da macht man mal eine längere Pause und stolpert direkt in so einen Part hinein. Er war zwar kurz aber intensiv. Die angepinten Haarsträhnen sind die von den "entführten"? Freilich - Astras Haar lag ja noch rum und bei den anderen konnten sie sich ja live bedienen Ich hätte noch gerne gewusst in welchem Bewusstseinszustand Rett dich befindet. Da keine Reaktion kam, tippe ich mal auf Bewusstlos. An diesem Punkt wollte mir Miri das erste Mal ans Leben, weil ich Hand an Rett gelegt hatte^^
    Das ist aber auch das einzige, was ich zu kritisieren habe. Echt jetzt? :golly:Wow

    Mir stellt sich natürlich jetzt die Frage, wie haben SIE gewusst, dass hier was nicht mit rechten Dingen zu geht :hmm: meinst du Astras Verfolger? Gemach, gemach - ich bemühe mich, alle Fragen ausführlich zu beantworten^^

    Schön, dass du wieder da bist und danke für deine Kritik^^

    Das letzte Stück


    Astra schlug die Augen auf und wusste sofort, wo sie war. Das leise Summen ihrer Überwachungseinheit drang an ihr Ohr und ihr Blick glitt über die monoton graue Zimmerdecke.
    Sie fühlte sich erfrischt wie nach einem langen, erholsamen Schlaf und richtete sich entschlossen auf. Dabei sah sie, dass einer der Kittelträger mit dem Rücken zu ihr gleich neben dem Bett stand und Werte aus der Anzeige ins Datenpad übernahm.
    “Wie spät ist es?” , fragte sie leise.
    “Gleich Mittag”, entgegnete ihr Besucher. Sollte er überrascht sein, dass seine Patientin munter war, verbarg er es gut.
    “Ich möchte aufstehen. Mir fehlt nichts.”
    Der Mediziner prüfte lediglich noch einmal ihre Werte, dann durfte sie das Bett verlassen und ihre Kleidung anziehen, die akkurat zusammengefaltet auf einen schmalen Tisch gelegt worden war.
    “Meister Thyras hat um Nachricht gebeten, sollten Sie aufwachen”, informierte der ältere Mann sie.
    Mit einem Nicken schloss sie die Jacke. “Danke. Bitte richten Sie ihm aus, ich werde ihn schnellstmöglich aufsuchen. Doch zuerst muss ich sehen, ob ich erfolgreich war.”


    Als Astra Nates Zimmer betrat, blieb sie kurz im Türrahmen stehen und betrachtete das Bild, was sich ihr bot.
    Rett hockte auf dem Rollhocker, hatte den Kopf auf die bandagierte Linke gestützt und blickte mit ausdrucksloser Miene auf seinen Freund hinab. Er nickte ihr lediglich kurz zu. Doch dieser Moment reichte für sie aus, um den Schmerz und die Trauer zu erkennen, die in dem Mechaniker wüteten.
    Nate lag im Krankenbett, die Decke war bis zu seinem bloßen Bauch hinabgerutscht. Den Kopf hatte er abgewandt, die Augen erschöpft geschlossen. Sein Gesicht war blass, nur die Wangen wiesen noch einen Rotton auf. Auf der nackten, narbigen Brust klebten Elektroden für die Überwachung, doch der Monitor zeigte nur grüne Zahlen, anscheinend war soweit alles in Ordnung.
    Ivy hatte sich an ihn gekuschelt, das feine Kinderhaar hob sich hell von Nates dunklem Schopf ab. Nates Arm war locker um den kleinen Körper geschlungen. Das Kind hob den Kopf. “Hallo, Astra.” Es flüsterte nur, als fürchtete es, den Patienten zu wecken. “Nate war es kalt.”
    Ein kleines Glücksgefühl wuchs in ihr. Es war wundervoll, die beiden wieder so vereint zu sehen. Gleichzeitig spürte sie aber auch einen Stich, weil Kay dies nicht mehr erleben konnte. Lächelnd sah sie zu Rett hinüber. Wehmut grub sich in dessen Blick.
    Langsam richtete sich Ivy auf und rutschte von Nates Bett. Der seufzte leise, schlief aber weiter.
    “Ich kann Nate sehen, Astra”, murmelte das Mädchen plötzlich. Sie war am Bett stehen geblieben und strich dem jungen Mann behutsam über den Arm.
    Alarmiert ruckte Retts Kopf hoch und er musterte Astra scharf.
    Doch die stand selbst da wie vom Donner gerührt. Es war also kein verrückter Traum gewesen. Die Kleine hatte das schon einmal gesagt, als Astra noch irgendwo zwischen Schlaf und Erwachen herumgedriftet war. und es schien zu stimmen …
    “Hast du ihn zu Hause auch gesehen?” Astra bemühte sich, die Erregung in ihrer Stimme zu verbergen. Was war nur los mit diesem Kind?
    Kopfschütteln. “Nein, erst hier. Zu Hause nicht und auch nicht im Hort.”
    “Und wie siehst du … sieht er aus wie ich?”
    Ivy runzelte die Stirn und überlegte kurz. “Nein, er ist ein bisschen dunkler. Nicht so hell wie du.”
    “Aber die anderen siehst du nicht? Nur Nate und mich?”
    Jetzt nickte die Kleine und strahlte. “Nur Nate und dich!”
    In diesem Moment surrte die Tür auf und Victoria steckte den Kopf herein. “Hier steckt ihr beiden! Und du auch, Astra! Kommt, es gibt Essen.”
    Ivy streckte der jungen Frau vertrauensvoll die Hände entgegen, doch Astra lehnte ab. Sie verspürte keine Lust, in den Speisesaal zu gehen und dort umgeben von den starren Blicken der Soldaten und deren Getuschel zu essen. Der Kleinen und auch Rett und Victoria gönnte sie regelmäßige Mahlzeiten von ganzem Herzen, ungeachtet des Umfeldes, aber sie selbst wünschte sich momentan eher Ruhe. Und sie wollte mit Nate reden, falls dieser wach wurde. “Geht nur. Ich komme vielleicht später nach.”
    Victoria nahm Ivy auf den Arm und ging schon einmal vor. Rett blieb noch stehen. Sein Gesicht war unergründlich. Dann folgte er den beiden.

    Lange, lange schwebte er körperlos durch das Licht, dessen warmen Schein er selbst durch die geschlossenen Augenlider hindurch wahrnahm. Alle Empfindungen waren weit weg, er hörte nicht, er sah nicht. Einzig Ruhe und Leichtigkeit umgaben ihn und er sank dankbar darin hinab …
    Eine Stimme murmelte in der Ferne und mit einem Mal kehrte sein Gefühl zurück. Schlagartig schien es ihn mit dem Rücken auf den Boden zu pressen, er spürte den harten Grund unter Kopf und Schultern. Sein ganzer Körper war plötzlich so schwer, dass er trotz aller Willenskraft keinen Finger krümmen konnte, sein Schädel schien von Blitzen durchbohrt zu werden und ihm war, als wäre jedes Quäntchen Kraft in ihm von einem Moment auf den anderen verpufft. Selbst das Heben und Senken seines Brustkorbs, das bloße Atmen, kostete ihn alle Mühe. Am liebsten hätte er sich wieder in die Dunkelheit fallen lassen, die nach wie vor sein Bewusstsein wie Nebelschwaden durchzog.
    Kühle streifte seinen Oberkörper und erschrocken stellte er fest, dass er scheinbar keine Kleidung trug. Andererseits spürte er etwas auf seiner Haut kleben und als sich die gleichmäßig piepsenden Laute in seinem Bewusstsein endlich manifestierten, erkannte er, dass er an Überwachungsmonitoren hing.
    Er war nicht tot.
    Diese Erkenntnis flammte in ihm auf wie Licht und brach den Damm, der seine Gedanken bis jetzt in angenehmer Ferne festgehalten hatte.
    Wo war er? Wer war noch hier? Wie ging es den anderen? Ivy! Wo war Ivy … ?
    Warum war er so schwach, was hatte Artax nur mit ihm angestellt? Noch wichtiger, was hatte Astra in seinem Kopf angerichtet?
    Das Piepsen, das ihn umgab, schien lauter und schneller zu werden. Es bohrte sich schmerzhaft in seine Ohren. Die Schwaden aus Dunkelheit kamen wieder näher, sie lockten ihn, verhießen Ruhe und Vergessen.
    Jemand berührte seine Hand und murmelte etwas, doch er war unfähig, auf diese Berührung zu reagieren. Sein Körper gehorchte ihm nicht. Seine Zunge fand keine Worte, sein Mund schien wie ausgedörrt. Doch die Vorstellung, dass dieser Jemand wieder verschwinden könnte, war entsetzlich. Er musste sich irgendwie bemerkbar machen, doch seine Kraft … seine Kraft war verschwunden. Wie gelähmt lag er da und konnte sich nicht rühren. Gleichzeitig schien die Kühle in Kälte umzuschlagen und seine schlaffen Glieder zu packen. Plötzlich schüttelte es ihn so, dass seine Zähne klapperten.
    Stimmen umgaben ihn, doch ihre Worte drangen nicht zu ihm durch. Es war zu kalt und er selbst zu müde, zu schwach …
    Ein Gewicht senkte sich auf seine Brust, Wärme verteilte sich auf klammer Haut. Er spürte Atem über den rechten Arm streifen. Weiches Haar schmiegte sich an seine Wange, jemand legte den Kopf an seine Schulter …
    Mit eisernem Willen hob er die Hände und schlang sie um den Leib, der sich an ihn kuschelte. Astra, dachte er kurz. Dann zog ihn die Müdigkeit wieder mit sich.


    Eti



    Lux invicta


    “Was ist mit dir, Astra?” Der ältere Mann ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken und musterte die junge Frau vor ihm über die zusammengelegten Fingerspitzen hinweg. “Ich habe den Eindruck, du bist frustriert.”
    “Das bin ich auch.” Astra hatte die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und das Kinn an die Hände gelegt. “Es frustriert mich zu erkennen, welche Fortschritte die anderen machen. Wie sie ihre Kräfte beherrschen und jeden Tag Neues vollbringen. Wenn sie ihre Gaben nutzen, sieht man Ergebnisse. Atesch brennt etwas nieder, Su flutet eine Halle, Viento schafft einen Wirbelsturm. Es sind alles - greifbare Dinge, verstehst du? Sie richten etwas aus.”
    Thyras lächelte. “Und ausgerechnet du als Trägerin des Lichtes glaubst, dass man deine Arbeit nicht sieht?”
    “Was kann ich schon ausrichten? Ich erschaffe Lichtkugeln und Laser. Großartig. Nichts von dem wird bei deinem Projekt von Nutzen sein.”
    Ihr Mentor schwieg einen Moment. Dann erhob er sich. “Komm mit mir. Wir machen einen kleinen Spaziergang.”

    Der Hort besaß mehrere Innenhöfe in der obersten Plattform. Abgesehen von dem breiten Lichtschacht, der das Tageslicht bis in die tiefen Ebenen hinunter fallen ließ, gab es unter anderem auch eine Art Garten. Eigentlich wurden Blumen und Bänke als überflüssiger Schnickschnack betrachtet, doch die Wissenschaftler unternahmen dort regelmäßig kleine Wanderungen, weil es ihren Gedankengang anregte.
    Thyras schritt bedächtig aus. “Jeder von euch Elementalen trägt eine besondere Fähigkeit in sich, Astra. Ich habe diese nicht leichtsinnig verteilt, das weißt du. Du hast das Licht bekommen, weil ich der festen Überzeugung war, dass du mit diesem Element am besten umgehen kannst.”
    Astra lief neben ihm und starrte auf ihre Stiefelspitzen. “Trotzdem denke ich, andere könnten mehr daraus machen.”
    “Dein Problem ist, dass du deine Kräfte fürchtest. Du hast Angst davor, dich ihnen intensiver zu widmen, weil du nicht weißt, ob du sie beherrschen kannst. Der Schaden, den du eventuell anrichtest, ist für dich bedrohlicher als die Möglichkeiten, die du hast.”
    “Schaden … “, wiederholte sie unwirsch. “Welchen Schaden kann Helligkeit schon anrichten …?”
    Thyras antwortete nicht, er schien zu spüren, dass sie noch nicht fertig war.
    “Die anderen werden bei ihrer Aufgabe deutliche Erfolge erzielen können. Su kann die Ozeane kontrollieren, die Flüsse umlenken, das Grundwasser neu verteilen. Viento beherrscht den Wind, er lenkt die Wolken, er sorgt für das Wetter. Tierra - dank ihr werden Straßen, Wege, Felder und Ebenen für Siedlungen entstehen. Sie alle sind so mächtig, ihre Kräfte stark. Sie können sich ausmalen, was sie tun wollen und dann versuchen sie es. Aber ich …” , kurz schwieg sie und zuckte die Schultern. “Was soll ich machen? Die Sonne verdunkeln, sollte diese mal zu hell sein? Selbst das hätte Tenebris mit der Dunkelheit besser hinbekommen …” Jetzt musste sie schlucken. Die Trauer um den Kameraden war noch zu frisch.
    Eine Weile liefen sie wieder wortlos nebeneinander her.
    “Das Licht und die Dunkelheit sind keine Elemente, die einen Planeten beherrschen können. Da hast du Recht, Astra.” Thyras klang ruhig. “Doch deswegen habe ich euch diese Manifestation nicht gegeben. Licht und Finsternis gehen weit über das Greifbare hinaus.”
    Er machte eine ausladende Handbewegung, die den ganzen Garten einschloss. “Sieh dir die Blumen an. Jede ist auf Wasser, Erde, frische Luft und Wärme angewiesen. Fehlt eines davon, wird das Gleichgewicht gestört und die Pflanze stirbt. So ähnlich wird das auch auf unserem neuen Heimatplaneten sein. Doch das Licht und die Dunkelheit - sie reichen tiefer. Bis in die Seele. “ Er blickte sie aufmerksam an und musste die Verwirrung in ihrem Gesicht erkennen.
    “Schau, wenn Atesch dich anzündet, verbrennt dein Körper, aber deine Seele nimmt keinen Schaden. Wenn du aber seine Seele erhellst und dein Licht in ihn gibst, wird das seinem Körper und seiner Seele anzumerken sein. Auch du hinterlässt Spuren und zwar gewaltigere als Atesch und Su, wenn du dich darauf einlässt. Die Träger von Licht und Schatten sind nicht für die Gestaltung der neuen Erde verantwortlich, sondern für das Seelenheil derer, die daran arbeiten.”
    “Für das Seelenheil …?” Astra hörte die Skepsis in ihrer eigenen Stimme. Sie wurde aus Thyras’ Rede nicht schlau.
    “Eure Aufgabe wird einige von euch an ihre Grenzen bringen. Die große Verantwortung, das Getrenntsein von der alten Erde und allen anderen Menschen kann den Geist in Düsternis stürzen. Und manches Mal -” , seine Stimme stockte kurz, dann sprach er weiter, mit einem merkwürdigen Unterton - “manches Mal reicht diese Düsternis, um jemanden vergehen zu lassen.”
    “Das heißt - ich hätte Tenebris retten können … retten sollen!” Schockiert blieb Astra stehen. “Wieso hast du mir das nicht gesagt?”
    “Weil ihr noch nicht bereit wart. Die Manifestation lag nur ein paar Tage zurück, ihr standet erst am Anfang eurer Reise mit euren neuen Kräften. Ich bin mir sicher, dass du es nicht geschafft hättest. Und dir trotz dieses Wissen solche Verantwortung aufzuladen, wäre falsch gewesen. Auch weil ich dir nicht sagen konnte, wie du es anstellen solltest.”
    Astra starrte auf den Kiesboden. “Und … kannst du es jetzt?”
    Er schüttelte den Kopf. “Nein, leider nicht. Du musst es selber herausfinden. Aber vielleicht kann ich dir helfen. Schließ die Augen, Astra.”
    Seufzend tat sie wie geheißen.
    “Leg deine Hände auf deine Augen. Was siehst du?”
    “Nichts”, knurrte sie beinahe. “Es ist komplett dunkel.”
    “Stell dir vor, du bist in einem solchen dunklen Raum. Stell es dir ganz fest vor.”
    Was für ein Unsinn, dachte sie kurz, doch dann nickte sie.
    “Gut. Jetzt erschaffe eine deiner Lichtkugeln in diesem dunklen Raum. Siehst du sie vor dir?”
    “Ja?” Astra kam sich allmählich lächerlich vor.
    “Sehr gut - sag mir Bescheid, wenn die Dunkelheit des Raumes deine Kugel ausgelöscht hat.”
    “Was?” Jetzt öffnete sie verwirrt die Augen.
    Thyras lächelte. “Erkennst du es, Astra? Dunkelheit herrscht nur dort, wo es kein Licht gibt. Sobald das Licht da ist, wird die Dunkelheit zurückgedrängt. Kein Schatten, keine Finsternis kann das Licht von sich aus vernichten. Ein einziger Schimmer, ein Funken genügt und das Dunkel ist nicht mehr komplett dunkel.”
    Sprachlos stand Astra da.
    “Jedes Element kann von einem anderen besiegt werden, solange es nur mächtig genug eingesetzt wird. Wasser löscht Feuer, Feuer kann Wasser verdampfen lassen. Der Wind reißt den Staub aus dem Boden und wird doch am nächsten Berg gebrochen. Doch das Licht - das Licht wird niemals von der Dunkelheit überwältigt werden können. Sobald es erstrahlt, verliert die Finsternis. Und deshalb bist du nicht schwach, Astra. Deshalb wirst du die Stärkste von euch sein.”


    Nirgendwo konnte das Licht mehr ausrichten als in der Dunkelheit.
    Astra saß neben Nate und erkannte die vollen Ausmaße dessen, was Thyras mit ihr geplant hatte. Jetzt erst verstand sie, warum er sie immer ermutigt hatte, weiter zu gehen, mehr zu probieren und nicht aufzugeben. Lichtkugeln und Laser waren schön und gut, doch sie bildeten nur den Anfang dessen, wozu sie eigentlich fähig war.
    Entschlossen erhob sie sich. Für einen Moment stand sie ganz ruhig da, dann schloss sie die Augen und spürte die Energie in sich. Das Licht fuhr bis in ihre Fingerspitzen, vibrierte unter ihrer Haut vor Spannung, wollte endlich ausbrechen und diese Finsternis um sich herum vertreiben. Es war keine bedrohliche Kraft mehr, die ihr jeden Moment entwischen konnte, es war ihr Element, ihre Gabe und diese würde tun, was immer sie befahl.
    “Ich bin das Licht”, sagte sie so laut, dass Nate erstaunt aufsah zu ihr. “Ich bin das Licht. Keine Dunkelheit der Welt wird das Licht aufhalten, Nate. Auch deine Dunkelheit nicht. Steh auf!”
    Er kam verdutzt auf die Füße und musterte sie misstrauisch. Sie gab ihm einen Moment, die Entschlossenheit in ihrem Gesicht zu sehen. Auffordernd streckte sie die Hand aus und ihre Finger verflochten sich ineinander, hielten sich gegenseitig fest.
    Dann ließ sie das Licht frei.
    Ihr Körper erglühte von einem Wimpernschlag auf den anderen. Eine gleißend helle Säule schoss aus ihr heraus in den bedrohlichen Himmel über ihr und traf die unsichtbare Kuppel mit einem dumpfen Knall. Glühende Risse spalteten das Firnament, Fetzen aus Finsternis wurden von der Lichtsäule angezogen und von ihr verschluckt. Der Horizont brach auf und Wasserfälle aus Licht schienen sich in den Nebel unter ihnen zu ergießen. Die Erscheinungen flohen, die Schatten wurden emporgetrieben und vom hellen Schein geschluckt. Nates Welt um sie herum erbebte angesicht der enormen Kräfte, die von Astra ausgingen, wurde regelrecht aus den Angeln gerissen. Riesige Trümmer schwebten durch die Luft, angezogen von der Macht des Lichts.
    Seine Finger zitterten.
    Sie spürte es und sah ihn an. “Vertraust du mir, dass ich dich hier herausholen kann?”
    Zögernd blickte er zurück, dann nickte er und packte ihre Hand fester.
    Die Türme um sie herum zersplitterten wie Glas, die feinen Scherben wurden vom Licht zu noch feinerem schwarzen Staub gemahlen und von der Lichtsäule verschluckt. Alles Dunkle, jede kleine Nuance Finsternis kam notgedrungen hervor und verschwand im reinen Weiß. Der Boden um sie herum bekam breite leuchtende Risse, das Horrorszenario löste sich auf und wirbelte durch die Luft, tanzte mit den hellen Lichtpunkten, die von Astras Lichtsäule ausgingen.
    Immer heller wurde es, immer kleiner der dunkle Untergrund, auf dem sie standen.
    Nate hatte sich ihr zugewandt, ließ den Blick nicht von ihr. Ihre Energie umspülte sie wie tosende Meereswogen, wühlte durch ihr Haar und richtete die kleinen Härchen auf ihren Unterarmen auf. Seine Linke ergiff ihre freie Hand, dann fielen sie gemeinsam, als der Boden unter ihren Füßen vom Licht verschlungen wurde. Gebannt von ihrer eigenen Kraft schloss Astra erschöpft die Augen, schwebte, nur gehalten von Nates Händen und ließ sich endlich glücklich sinken. Wenn das der Tod war, dann konnte sie zufrieden sein ...
    “Rett”, drang eine Kinderstimme an ihr Ohr. “Rett - ich kann Nate sehen.”



    Anmerkung: Diese Szene habe ich, wie viele andere, mit der Unterstützung von Musik geschrieben. In diesem Fall war es dieses hier. Wer mag, kann es ab der Stelle, wo die Schrift nicht mehr kursiv ist, anhören.


    Lux invicta (für alle Nichtlateiner) = das unbesiegte Licht

    Etiam

    Schöner kurzer Part. Das interessante war, dass es mir beim Abschied so vor kam, als seien wir schon viel weiter in der Geschichte, als würde ich diese Personen kennen und der Abschied fiel deswegen auch mir ein bisschen schwer (irgendwie habe ich mich in Astras Perspektive wiedergefunden ^^;)

    schön, dass ich dieses Gefühl in dir erzeugen konnte!!


    Rainbow

    In so einer Umgebung würde jeder auf Dauer den Verstand verlieren und wahrscheinlich den Tod als Erlösung willkommen heißen.

    Yay, so soll es rüberkommen! Danke!


    LadyK

    Wie fühlt sie sich, als sie Nate sieht? Was empfindet sie, als sie von seiner Mutter erfährt oder von Kay?

    okay, das versuche ich noch ein bisschen auszubauen!



    Für alle Neugierigen - es geht weiter!



    “Also, Ivy, es wird nicht wehtun, in Ordnung?”
    Thyras hatte auf seinem Stuhl Platz genommen. Auf dem Tisch neben ihm lagen die Glasinstrumente und die kleinen Lampen, welche er sich aus dem Lazarett geliehen hatte.
    Rett war anfangs dagegen gewesen, dass irgendwer Ivy auch nur ansah, und es hatte Victorias ganzen Einfluss gekostet, damit der Mechaniker wenigstens mit Thyras sprach. Etliche Minuten Überzeugungsarbeit später hatten sie sich darauf geeinigt, die Untersuchung nach dem Abendessen in Thyras’ Quartier durchzuführen und abzubrechen, sobald Ivy Angst bekam. Rett selbst, frisch operiert und mit sorgfältig verbundenen Händen, würde genau aufpassen und über das Wohlergehen der Kleinen wachen.
    Das Mädchen saß auf Retts Schoß, hatte den blonden Schopf vertrauensvoll an dessen Brust gelehnt und das Gesicht Thyras zugewandt. Sie schwieg, doch ihre Miene zeigte keine Angst, lediglich leichte Neugier.
    Ein wehmütiges Ziehen in seinem Herzen erinnerte Thyras daran, dass dieses Kind wirklich Carolines Tochter sein konnte. Doch jetzt war nicht die Zeit für Rührseligkeit und Erinnerungen.
    “Kannst du deinen Kopf ein bisschen anheben? Sehr gut!” Er hob die Lampe und leuchtete in das linke Auge, dann in das rechte.
    Dann nahm er eines der gläsernen Gebilde, betrachtete das Kinderauge durch das Prisma, leuchtete wieder. Eine merkwürdige Erregung ergriff ihn. Konnte es wirklich sein?
    “Ivy, darf ich näher zu dir heranrutschen?”
    Sie legte den Kopf leicht schief und lächelte. “Aber nicht auf Retts Schoß. Da sitze ich schon.”
    Thyras konnte nicht anders, auch er musste schmunzeln. “Nein, keine Sorge. Ich setze mich direkt vor dich hin. Pass auf, ich hebe dein Kinn mal ein bisschen an, das tut nicht weh, siehst du?” Er streckte die linke Hand hoch in die Luft und schnipste. “Kannst du dein Gesicht zu dem Geräusch drehen?”
    Die blinden Augen sahen nach oben. Wieder leuchtete Thyras.
    Da war er. Der Beweis.
    Sein Herz schien mit einem Mal viel zu groß für seinen Brustkorb zu sein. Es pumpte heftig und freudig gegen seine Rippen und es schien ihm verwunderlich, dass keiner der Anwesenden es hören konnte.
    Er legte die Lampe zurück auf die Tischplatte und bemühte sich, seine Finger nicht allzu sehr zittern zu lassen. “Das war’s schon, meine Kleine. Geht es dir gut?”
    Ivy nickte und einzelne blonde Strähnen rutschten über ihre Wangen. “Alles gut.”
    “Kann ich dich noch etwas fragen?”
    Erneutes Nicken.
    “Okay. Ivy, du sagst, du siehst Astra.”
    “Ja, sie liegt im Bett.”
    Retts Augen wurden schmal und er tauschte einen schnellen Blick mit Victoria. Dann starrte er Thyras an. Der nickte ernst zurück.
    “Siehst du Astra jetzt gerade?”
    “Ja, sie liegt im Bett.” Ivy blinzelte verwirrt, sie verstand nicht.
    Thyras hingegen war zutiefst erschrocken. Die Verbindung des kleinen Mädchens zur Elementalen des Lichtes musste sehr weit reichen, wenn Ivy Astra über drei Stockwerke hinweg im Lazarett sehen konnte.
    “Astra ruht sich aus. Du musst keine Angst um sie haben.” Er hoffte nur, dass seine Stimme so ruhig klang wie beabsichtigt. “Ivy, darf ich fragen, was du siehst?”
    Er wollte unbedingt wissen, wie es funktionierte. Aber konnte sie, die nie etwas gesehen hatte, ihm auf diese Frage überhaupt antworten?
    Ivy zögerte und kaute auf ihrer Unterlippe. “Ich weiß nicht.”
    Wenn er jetzt Objekte benannte, würde sie ihm folgen können? Wusste sie, wie ein Mensch aussah, wie ein Bett und wie Farben?
    Das Kind hob den Kopf. “Ich sehe eine Frau. Sie hat einen Kopf und Beine und Hände. Das ist Astra. Aber jetzt gerade ist sie ganz klein und nicht mehr ganz … ich kann sie nicht richtig gut sehen...” Es schien nach Worten zu suchen, doch diese kamen nicht.
    Thyras legte ihr vorsichtig die Hand auf die kleinen Finger. “Danke, Ivy. Das hat uns sehr geholfen. Aber ich denke, Rett würde dich jetzt gerne ins Bett schaffen, weil für kleine Mädchen längst Schlafenszeit ist.”
    “Kommt Kay nicht?”
    Die drei Worte verklangen und hinterließen geschockte Stille. Rett saß da wie erstarrt. Victoria reagierte als Erste.
    “Kay schafft es heute leider nicht, Ivy. Wollen wir es miteinander versuchen? Wenn du magst, erzähle ich dir die Geschichte von dem Mädchen, das Motorrad fahren wollte …”
    Ivy rutschte von Retts Schoß und streckte die Rechte aus. Victoria führte sie sanft hinaus.
    Rett saß immer noch reglos.
    “Ich danke dir, dass du das ermöglicht hast.” Thyras nickte.
    “Und hat es etwas genützt?” Die Frage war so leise gekommen, dass der Ältere sie beinahe überhört hatte. “Hast du deine Erkenntnisse gewonnen?”
    Seufzend lehnte sich Thyras zurück. “Ich fürchte, nein. Das heißt, ich bin mir nicht sicher. Einiges habe ich entdeckt, doch darüber muss ich nachdenken.” Er stand auf und dehnte die Schultern. “Ruh dich aus, Rett. Du wurdest heute operiert, du hast eine lange Reise hinter dir und die Sorge um deine Freunde zehrt dich auf. Ruh dich aus und sammle Kräfte. Morgen ist ein neuer Tag und wer weiß, was dieser mit sich bringt.”

    “Was tust du nur hier?”
    Obwohl er leise gesprochen hatte, obwohl sie ihn theoretisch zwischen all dem Geheul gar nicht hätte hören können, spürte sie seine Worte beinahe in sich. Wie ein sanftes Vibrieren, eine kleine Wärmequelle, ein winziger Funken Freude.
    Vorsichtig wandte sie den Kopf und sah eine Hand auf ihrer Schulter liegen. Kräftige Finger, wenn auch schmutzig, leicht gekrümmt, aber lebendig. Sie konnte deren Wärme durch ihre Jacke hindurch spüren. Nates Griff war fest, aber nicht schmerzhaft, er gab ihr Halt, bis sie wieder genug Kraft spürte, um zumindest auf die Füße zu kommen.
    Er half ihr nicht auf, sondern trat einen Schritt zurück und sah sie eindringlich an.
    Seine Augen waren immer noch tiefschwarz, ohne einen einzigen Lichtpunkt darin. Sie wirkten wie tot und bildeten einen beängstigenden Kontrast zu dem blassen Gesicht, welches unter den verschwitzen dunklen Locken halb verborgen lag. Keine Regung war in seiner Miene zu erkennen, keine Reaktion auf die Umgebung oder deren … Bewohner.
    Sie brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass er wirklich eine Antwort von ihr erwartete. Jetzt, wo er vor ihr stand und sie seine Berührung tatsächlich spüren konnte, obwohl ihre Körper beide nicht hier waren, kam sie in Erklärungsnot. Und die Wesen um sie herum hinderten sie daran, einen klaren Gedanken zu fassen.
    “Ich … hole dich zurück”, flüsterte sie nur und hörte selbst, wie planlos diese Worte klangen.
    Nate schwieg. Seine Lippen bildeten plötzlich einen schmalen, blassen Strich. Es war ihm anzusehen, dass er ihr Unterfangen als hoffnungslos einschätzte, dass er nicht daran glaubte, einen Ausweg aus dieser Welt finden zu können. Im Gegenteil - er sah sie jetzt selbst als Gefangene hier. Sicher hatte er schon sämtliche Möglichkeiten einer Flucht ausgelotet, alles versucht und sich den Kopf zerbrochen. Und war gescheitert.
    “Komm mit”, wies er sie leise an. “Ich kenne einen ruhigeren Platz. Dort können wir reden.”

    Er führte sie einen Pfad entlang, den sie nicht erkennen konnte. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegte er sich durch den Nebel. Die Geister um sich herum sah er nicht an, doch Astra spürte, dass sie ihm zusetzen, weil er nach jeder Begegnung seine Schritte noch beschleunigte. Schließlich rannten sie fast und nach einer Weile erreichten sie einen der dunklen Türme. Aus dessen instabil wirkender Wand ragten einzelne große Steine hervor und bildeten eine improvisierte Treppe nach oben.
    Nate warf ihr einen auffordernden Blick zu und nickte. Zögernd ergriff sie die schmierigen Gesteinsbrocken. Ihre Finger fanden nur schwer Halt, die Füße rutschten auf den kleinen Vorsprüngen und sie fragte sich, ob sie wohl wirklich an einem Sturz auf den Kopf sterben konnte, selbst wenn das hier nur Nates Gedanken waren …
    Es war nicht hoch , bereits die erste Etage des merkwürdigen Gebäudes bot für sie beide genug Platz, um sich niederzulassen. Von hier oben konnte sie erkennen, dass sich diese Welt bis zum Horizont erstreckte und überall ähnlich schrecklich aussah. Der giftig grüne Nebel bedeckte den Boden, Wesen strichen durch ihn hindurch, ihr Klagen und Schreien erfüllte die Luft.
    “Hier herauf kommen sie nicht.” Es war das Erste, was Nate nach langem Schweigen zu ihr sprach. “Sie bleiben am Boden.” Er klang völlig emotionslos, aber es konnte ihn unmöglich nicht berühren.
    “Wer sind sie?”, fragte Astra leise.
    Er machte eine vage Geste. “Meine Toten. Menschen, für deren Sterben ich die Verantwortung trage.”
    “Die Soldaten von Coillaugne?” Astra hatte es schon vermutet. Viele der armen Gestalten da unten waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder anders verstümmelt worden. Kriegsopfer …
    Nate wandte den Kopf und sah sie scharf an.

    Sie blickte entschlossen zurück. “Rett hat mir davon erzählt.”
    “Rett … ihn sehe ich nicht hier. Lebt er noch?” Auch diese Frage klang belanglos, doch die leise Spur von Furcht in Nates Stimme war nicht zu überhören.
    “Sie leben alle noch. Rett, Victoria - und Ivy. Sie sind alle draußen, in Sicherheit.”
    Nate stieß den Atem aus und ließ sich zurückfallen. “Sie leben …”
    Astra nickte bekräftigend. “Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, waren alle gesund und munter.”
    Er wandte sich ab, damit sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Doch seine bebenden Schultern und seine tiefen Atemzüge entgingen ihr nicht.
    Sie ließ ihn in Ruhe, gab ihm Zeit, diese Informationen zu verarbeiten.
    “Dann muss ich dir danken. Es wird deinem Einfluss und deinem Handeln geschuldet sein, dass sie nicht mehr im Hort sind.”
    Sie wischte diese Aussage beiläufig zur Seite. “Das ist jetzt nicht wichtig. Wir müssen dich hier herausbekommen. So schnell wie möglich.”
    Der Blick aus den schwarzen Augen traf sie erneut. “Meinem Körper geht es nicht gut, oder?”
    Stumm nickte sie. “Während dein Geist hier festsitzt, stirbst du. Du nimmst nichts zu dir, du glühst vor Fieber und vergehst vor unseren Augen.”
    “Klingt wie bei Tenebris damals.”
    Astra biss sich auf die Lippen. “Ja. Genauso wie Tenebris.”
    Er musterte sie kurz. “Verstehe. Allerdings kann ich nicht fort von hier. Es gibt keinen Ausgang.” Seine Linke wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. “Die Treppe mündet ins Nichts und das, was wir sehen, wird von einer unsichtbaren Wand begrenzt. Diese Welt ist eine Kuppel voller Geister und Dunkelheit, ohne Tür, ohne Fenster. Ich habe sie gründlich durchstreift und kam immer wieder bei der Treppe heraus. Es gibt keinen Weg hinaus. Nicht für mich.”
    Es klang endgültig, so wie er das sagte. Er hatte sich damit abgefunden und diese Strafe für sich akzeptiert. Gefangen mit seinen Toten, solange, bis sein Körper, irgendwo in weiter Ferne, aufgab …
    Ein neuer Schrei hallte zu ihnen herauf, das Schreien einer Frau, vermischt mit herzzerreißendem Schluchzen. Astra zuckte erschrocken zusammen. Direkt unter ihrem Turm stand eine unversehrte weibliche Person. Sie sah überhaupt nicht tot aus, im Gegenteil, ihr Gesicht war gerötet, wenn auch verweint. Doch dann drehte sie sich leicht und Astra erkannte, dass ihr Kleid vom Bauch abwärts blutgetränkt war. Viel Blut. Zu viel Blut. Es tropfte dampfend auf den dunklen Boden und die Frau wurde sehr schnell blass. Dann sank sie in sich zusammen und verschwand im Nebel.
    Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen gewesen.
    “Nate - deine Mutter …?” Astra wagte kaum, weiterzusprechen. Wie konnte Nate den Tod seiner Mutter verschuldet haben?
    “Sie ist bei meiner Geburt gestorben. Die Ärzte standen vor der Wahl, sie oder ich. Und sie bestand darauf, mich zu retten, obwohl sie um den Preis wusste. Ich habe sie nie kennengelernt.”
    Sein Blick wanderte in die Ferne. “Meine ganze Familie ist hier, Astra. Mein Vater, meine beiden Brüder …”
    “Du hast keine Schuld an ihrem Tod!”, brach es aus ihr heraus.
    “Nicht? Wenn ich ein besserer Anführer gewesen wäre und die Schlacht an der Eisernen Brücke für uns entschieden hätte, wäre keiner von ihnen als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet worden.”
    “Nate, du warst zwölf. Du warst ein Kind.”
    “Ich war erwachsen genug für den Krieg.”
    So langsam verstand Astra, warum der Körper ihres Freundes gerade das Leben einstellte. Wer die ganze Zeit mit solchen Gedanken festsaß, konfrontiert mit seinen schlimmsten Erinnerungen, konnte nur verrückt werden.
    “Und Kay?”
    “Kay habe ich mit meinen eigenen Händen getötet. Sie bekam ein Medikament von mir gespritzt. Ich habe es von Artax im Tausch gegen meine wahre Identität erhalten.” Er sah auf seine Hände herab und spreizte die Finger, als würden die Spuren seiner Tat noch immer an diesen haften. “Man könnte natürlich argumentieren, dass sie ohnehin gestorben wäre. Tetanus verläuft tödlich. Aber in diesem Moment habe ich über Leben und Sterben entschieden. Meine Verantwortung. Meine Schuld.” Er schwieg wieder und Astra wusste nichts zu sagen. Sie saßen stumm nebeneinander
    “Haben dir die Toten etwas gesagt?”, fragte er schließlich leise. “Haben sie mit dir gesprochen oder dich angegriffen?”
    Langsam schüttelte sie den Kopf. “Nein. Sie kamen bedrohlich nahe, aber keiner hat mich berührt. Und außer diesen - Geräuschen habe ich nichts gehört.”
    “Du Glückliche.” Er schnaubte leicht. “Ich höre sie. In meinem Kopf. Nicht das Geheule, das sie von sich geben, sondern die Dinge, die sie sagen würden, wenn sie lebendig vor mir stünden.”
    Jetzt sah er plötzlich auf, als wäre eben eine solche Stimme ertönt. “Siehst du diese Gestalt da unten?”
    Astra beugte sich ein wenig vor. Es war wieder eine Frau, aber ähnlich wie die Kriegstoten nur noch schwer erkennbar. Bei ihr lag es allerdings mehr an den klaffenden Wunden, die sich kreuz und quer über ihren Leib zogen. Von dem flachsblonden Scheitel abwärts war sie blutüberströmt.
    “Ivys Mutter, Astra.”
    “Was … sagt sie?”, murmelte sie und plötzlich fror sie wieder.
    “Sie fragt. Warum ich ihr nicht eher geholfen habe. Alle fragen nach dem Warum. Warum ich sie im Stich gelassen, nicht gerettet oder sehenden Auges in den Tod geschickt habe.”
    “Nate, du musst hier raus.” Astra sprang auf und packte ihn am Ärmel. “Sofort!”
    Er sah auf ihre Hand hinab, bis sie langsam losließ.
    “Ich kann nicht, Astra. Ich komme nicht heraus. Und du wirst mich hier nicht herausleuchten können. Kein Laser, keine Lichtkugel ist in der Lage, meine Gedanken zu besiegen. Geh. Dieser Ort ist die Finsternis, die perfekte Dunkelheit, kein Platz für dich. Du bist zu gut dafür. Hier gibt es nichts, was du ausrichten kannst.”



    Eti

    @ all, ihr seid ja momentan die einzigen Leser. Soll ich gleich weiter posten oder braucht ihr bissl zum Sacken lassen?



    Vornweg: Dies ist eine besondere Szene. Sie war eine der ersten, die in meinem Kopf fix und fertig stand und es hat sehr lange gedauert, bis ich mich dran gewagt und sie niedergeschrieben habe. LadyK , wenn du dich rantraust, versuche doch mal, die Szenerie mit dem Pinsel einzufangen - es würde mich brennend interessieren, wie das aussehen kann!



    Die Abgründe einer Seele



    Kälte. Es war das Erste, was ihr in den Sinn kam. Noch bevor sie die Augen öffnete, fror sie.
    Sie war auf festem Grund gelandet und stand sicher. Merkwürdige Laute drangen an sie heran, fernes Heulen, Jaulen, Stöhnen. Die Geräusche schwollen an und ab und kamen aus allen Richtungen.
    Verstört riss sie die Augen auf.
    Vor ihr ausgebreitet lag eine Landschaft, die direkt der Hölle entsprungen sein musste. Kniehoher, fahlgrüner Nebel waberte über nachtschwarzen Boden. Gebilde, merkwürdigen dunklen Türmen gleichend, ragten schief wie gebrochene Finger in einen tiefvioletten Himmel, über den in purpunen Spiralen zerfetzte Wolken zogen. Das Firmament wirkte zersplittert, bruchstückhaft. Der ganze Ort dröhnte und ächzte, der Lärm wurde hundertfach zurückgeworfen. Blattlose Bäume, tot und doch merkwürdig schimmernd, krallten sich in wie wahllos verstreute Felsblöcke und ragten aus dem Nebelmeer wie aus einer Schneedecke.
    Die ganze Szenerie war in seltsam fahles Licht getaucht, das alle Objekte nur wie Schatten ihrer selbst wirken ließ.
    Es gab keinen erkennbaren Weg und einfach loszulaufen musste sich als Fehler erweisen. Andererseits konnte sie auch nicht hier stehenbleiben. Erst jetzt stellte sie fest, dass sie auf einer Art gigantischer Treppe gelandet war. Deren Stufen formten lediglich Brocken aus dunklem Gestein, unregelmäßig, freischwebend und nicht sonderlich vertrauenerweckend. Als sie sich umdrehte, erkannte sie, dass der Weg hinter ihr im Nichts endete. Das war schlecht, aber darüber konnte sie sich später Gedanken machen.
    Sie musste nach unten. Nate war hier irgendwo.
    Ihr Atem bildete kleine weiße Dampfwolken. Schlotternd zog sie die Uniformjacke enger um sich. Ob es nur die Kälte war oder die Furcht, ihre Hände bebten, als sie die Finger ausstreckte und eine große Lichtkugel heraufbeschwor. Zwar konnte diese das beklemmende Gefühl in ihr nicht vertreiben, doch wenigstens fühlte sie sich nicht mehr allein und ungeschützt. Zögernd begann sie den Abstieg, kletterte mit größter Achtsamkeit und kam schließlich ohne Verletzung oder einen Sturz unten an.
    Der Nebel am Boden wallte bei jedem Schritt . Sie bewegte sich vorsichtig vorwärts, sah sich nach allen Seiten um. Die Laute, die sie umgaben, ließen ihre Nackenhaare zu Berge stehen. Was war das nur für ein verfluchter Ort? Gab es hier noch andere … Menschen? Wesen? Monster?
    Und wo war Nate? Vielleicht hatte er Zuflucht in einem dieser schwarzen Türme gefunden? Er war Stratege, selbst in dieser ausweglosen Situation würde er analysieren und sich eine Deckung, einen Unterschlupf suchen. Oder?
    Tief in sich bedauerte sie, dass die Lichtkugel, die sie damals in die Schlucht zu Nate geschickt hatte, inzwischen längst zu ihr zurückgekommen war. Es hätte ihr die Suche deutlich leichter gemacht, denn ihr Licht funktionierte wie ein Peilsender. Sie konnte es problemlos “spüren” und finden. Andererseits war sie sich nicht sicher, ob das für seinen Geist genauso funktionierte wie für seinen Körper ...
    Nur ein paar Meter von der Treppe entfernt rührte sich etwas. Eine Gestalt formte sich aus dem Nebel, richtete sich langsam auf wie nach einem langen Schlaf und kam schließlich schwankend zum Stehen. Astra erstarrte vor Schreck.
    Das Äußere dieses Wesens mochte einmal menschlich gewesen sein. Jetzt jedoch war es grotesk verformt, als wäre die Gestalt im Feuer geschmolzen worden. Die Gesichtszüge schienen am Schädelknochen herunterzulaufen. Nässende, schwärende Wunden bedeckten die Haut, gelegentlich konnte sie sogar weiße Knochen aus völlig verbrannten Fleisch ragen sehen.
    Die Erscheinung stieß einen grauenhaften Laut aus, voller Schmerz und Pein. Dann schlug sie die verkohlten Hände vors Gesicht und sank wieder zurück in den Nebel, zerfiel in Fetzen und war verschwunden.
    Im selben Moment entstand einen Steinwurf von ihr entfernt das nächste Schreckensgebilde, formte sich, schrie und fiel wieder in sich zusammen. Wieder. Und wieder. Eins dieser Wesen sah schlimmer aus als das andere. Die meisten waren teilweise verbrannt, andere wiesen klaffende Verletzungen auf, aus denen dunkles Blut strömte. Manchen fehlten Gliedmaßen, manche hatten armdicke Löcher in der Körpermitte oder komplett zerfetzte Leiber.
    Astras Licht flackerte bedenklich. Dieser Anblick, diese - Geräusche setzten ihr fürchterlich zu. Am liebsten wäre sie auf den klammen Boden gesunken und hätte sich die Ohren zugehalten, um diese entsetzlichen Laute nicht mehr hören zu müssen. Gewiss, keine dieser Erscheinungen tat ihr etwas, aber allein ihr Auftauchen, ihr Aussehen, diese Kälte -
    Mit zitternden Knien ging sie los. Vor ihr teilte sich der Nebel, sodass sie immer ein Stück Boden erkennen konnte. Es gab keine Markierung, keinen Weg, nichts, das sie hätte führen können. So steuerte sie auf das turmartige Gebäude zu, welches ihr am nächsten war, und versuchte dabei, die Erscheinungen von Sterbenden um sich herum zu ignorieren. Vergeblich. Bei jedem Schrei, jedem Klagelaut zuckte sie zusammen. Es war grauenvoll und sie konnte sich nicht daran gewöhnen. All diese Abbilder, die hier verendeten, waren einmal Menschen gewesen. Und jetzt tauchten sie hier auf, in Nates Bewusstsein. Wieso nur? Konnte der junge Mann wirklich für das Ende all dieser Seelen verantwortlich gewesen sein?
    Schließlich erreichte sie den Turm und ließ sich mit dem Rücken dagegen sinken. Kalt war ihr inzwischen nicht mehr, im Gegenteil, der Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Herz schlug schnell und panisch. Kühler Stein drückte gegen ihre Schultern und als sie mit den Fingern darüber strich, fühlte sich dieser fettig an. Angeekelt wischte sie die Hände an der Hose ab und umrundete das Gemäuer. Obwohl der Turm eine auf vier Säulen ruhende Kuppel aufwies - wie alle Türme, wenngleich einige auch zerfallen waren - konnte sie keinen Eingang entdecken, keine Leiter hinauf.
    Dafür schob sich direkt vor ihr eine neue Schreckensgestalt aus dem Boden. Und dieses Mal konnte Astra den Blick nicht abwenden. Zu vertraut waren die Züge der Frau, zu flehend ihr Blick. Ein geisterhaftes Grinsen verzerrte den harten Mund, dann bog sich die Gestalt mit Kays Äußerem nach hinten und schrie, schrie und hörte nicht auf. Es krachte mehrmals in den Wirbeln, trotzdem zerrten die verkrampften Rückenmuskeln Kays Oberkörper immer weiter nach hinten, während das Gesicht allmählich blau wurde. Reglos vor Entsetzen wartete Astra darauf, dass dieses Bild verschwand, doch das tat es nicht. Und schließlich setzte sich der verdrehte Körper in Bewegung, wanderte langsam auf sie zu.
    “Nein!” Astra sprang entsetzt zurück und streckte beide Hände aus. Rote Impulslaser schossen aus ihrer Handfläche und pfiffen wirkungslos durch die Erscheinung hindurch, um irgendwo in der Ferne zu verglühen. Erneut stieß Kay einen Schrei aus, dann zerfiel die Illusion in Nebelfetzen.
    Astra war so übel, dass der Boden vor ihr zu schwanken schien. Mühsam krallte sie die Hände in den feuchten, dunklen Matsch, um Halt zu suchen. Atme!, befahl sie sich selbst, doch der Versuch, Luft zu holen, endete nur in Schluchzen.
    Was hatte sie getan? In welcher Hölle war Nate ihretwegen gelandet? Wie sollten sie beide hier nur wieder herauskommen?
    Neue Schreie hallten an ihr Ohr. Noch mehr Wesen tauchten auf, es schienen mehr zu werden, den Kreis um sie herum enger zu ziehen. Noch hatte keiner Anstalten gemacht, sie anzugreifen, aber jeden Moment konnte es dazu kommen. Allein der Gedanke, dass diese toten Hände sie berührten…
    Sie sprang auf. Ein neuer Laser durchquerte die Erscheinung vor ihr auf Bauchhöhe, diese seufzte und verblasste, doch beinahe sofort erhoben sich neue Schreckensbilder, schreiend, sterbend, blickten sie aus erlöschenden Augen an und streckten sich nach ihr aus.
    “Ihr seid nicht echt!”, sagte sie energisch, als müsste sie sich selbst überzeugen. “Ihr seid nicht echt! Nur Fetzen aus Nebel und Erinnerung. Ihr könnt mir nichts antun.”
    Als Antwort erhielt sie ein solches Klagegeschrei, dass sie dieses Mal wirklich mit auf die Ohren gepressten Händen auf den Boden sank.
    Und als sie die Berührung an ihrer Schulter spürte, schrie sie selbst. Die Lichtkugel flatterte ein letztes Mal und erlosch.

    Es war noch ziemlich früh am Morgen, als Thyras an einem der beiden Gästetische im großen Speisesaal Platz nahm. Es machte ihm nichts aus, beizeiten aufzustehen. Seinem Alter geschuldet schlief er ohnehin nicht mehr allzu viel, weswegen er heute morgen auch schon wach gewesen war, als Sergeant Benedict bei ihm an die Tür geklopft hatte.
    Der junge Soldat, dem die Betreuung von Thyras und der Elementalen samt ihren Begleitern unterlag, hatte ihm mitgeteilt, dass man Astra bewusstlos im Krankenflügel gefunden hatte.
    Der Elementalen ging es gut - davon hatte er sich selbst überzeugt. Sie war unverletzt und schien lediglich tief zu schlafen. Doch was genau passiert war, konnte keiner der Kittelträger sagen.
    Thyras ahnte, dass Astra auf den Weg zu Nate gemacht war . Wie sie es letztenendes angestellt hatte, wusste er nicht, vermutlich würde er es auch nie genau verstehen können, weil ihm die Gaben dafür fehlten. Doch er war zutiefst überzeugt davon, dass entweder beide oder keiner der jungen Menschen zurückkehren würde.
    Es war wenig los um diese Zeit. Der Dienstwechsel würde erst in einer halben Stunde stattfinden, die meisten Soldaten schliefen noch. Umso verwunderlicher war es, dass die junge Frau aus Astras Gruppe plötzlich im Speisesaal auftauchte.
    Überrascht reckte sich Thyras und hob kurz die Hand als Einladung, sich zu ihm zu gesellen. Sie nickte kurz und ließ sich wenig später mit einem Tablett ihm gegenüber nieder. “Sir.”
    “Nenn mich ruhig Thyras. Ich besitze keinen militärischen Rang und keinerlei Titel.”
    “Dafür aber einen großen Wissensschatz, wie uns Astra versichert hat. Mein Name ist Victoria. Ebenfalls ohne alles.” Sie reichte ihm die Hand und er drückte sie kurz.
    Seine Finger streiften Schwielen und Hornhaut. “Du bist eine Arbeiterin?”
    Sie belegte die ihr zugestandenen zwei Graubrotscheiben mit dem blassen Käse, den es hier jeden Tag gab, und nickte. “Mechanikerin, ja. Zumindest in den Downs und während unserer Reise hierher. Ich bezweifle allerdings, dass es hier Arbeit für mich gibt. Meine Kenntnisse dürften zu sehr veraltet sein.” Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern und begann zu essen. “Keine Ahnung, wohin es mich als Nächstes verschlägt. Also nehme ich, was kommt.”
    Thyras musterte sie interessiert. Diese Victoria besaß eine starke Persönlichkeit, wenn auch ein wenig schroffer Natur. Doch - was wesentlich wichtiger war - sie stammte aus den Downs, wo sie Beziehungen zu Rett und vielleicht auch zu Ivy unterhalten hatte.
    “Wo ist dein Begleiter?”
    Victoria nahm einen Schluck Tee aus der Tasse und stellte sie mit Nachdruck zurück auf das Tablett. Sie schien ihre Worte sorgfältig abzuwägen. “Er wurde heute morgen beizeiten geweckt und ins Lazarett bestellt. Sie wollen einen Versuch wagen, seine Hände zu retten.”
    Ihre Stimme sollte ruhig klingen, doch Thyras erkannte das leichte Beben darin. Die junge Frau schien sich Sorgen um ihren Freund zu machen.
    “Es tut mir leid um Retts Hände.”
    “Da konntest du nichts dafür.”
    “Nicht direkt, nein. Doch vielleicht wäre es nicht so weit gekommen, wenn ich einiges anders gemacht hätte.” Er fegte die Krümel auf seinem Teller zusammen. “Rett hat mir gestern Abend die Geschichte eurer Reise erzählt. Doch einiges konnte oder wollte er nicht beantworten.” Hier ließ er eine bedeutungsvolle Pause.
    “Da werde ich dir kaum helfen können.” Victoria lehnte sich zurück und musterte ihn über ihre verschränkten Arme hinweg. “Ich habe den kleinsten Teil zu unserem Abenteuer beigetragen.”
    Thyras lächelte anerkennend. Wie er es sich gedacht hatte - Victoria war ein stilles Wasser. Still und tief. “Ein Abenteuer, in der Tat. Ihr habt einiges aufs Spiel gesetzt, indem ihr euch auf den Weg zum Hort gemacht habt. Und bei den beiden Herren eurer Gruppe kann ich mir den Grund auch vorstellen. Nur bei dir nicht. Es wird wohl kaum der Reiz einer längeren Autofahrt gewesen sein.”
    Wieder schwieg er, trank langsam und gab ihr Gelegenheit, ihre Antwort zu bedenken. Es musste doch um das kleine Mädchen gegangen sein!
    Victoria strich nachdenklich mit ihrem Finger über den Tassenrand, was ein singendes Geräusch erzeugte. “Wenn ich dort geblieben wäre, hätte mein ganzes Leben in den Downs seinen Sinn eingebüßt. In der Werkstatt hab ich es nur ausgehalten, weil …” Es war nicht nötig, diesen Satz zu vollenden.
    Thyras verstand. Deswegen war Victoria mitgekommen. Interessant, welch weicher Kern sich hinter der starken Schale verbarg. Es erklärte, warum sie darauf bestanden hatte, mit in den Hort zu kommen und nicht bei den Fahrzeugen auszuharren. Und auch, warum sie jetzt, getrieben von Sorge, im Speisesaal Ablenkung suchte, während Rett im Lazarett operiert wurde.
    “Ich kann mir denken, dass du mehr über Ivy wissen willst.” Victorias Themenwechsel war zweifelsohne gekonnt und dankbar fing er den Ball auf. “Aber ich fürchte, da kann ich dir nicht helfen. Die Kleine habe ich auf der Fahrt hierher das erste Mal gesehen.”
    “Und der Unfall ihrer Eltern, weißt du da etwas?” Er merkte selbst, dass seine Stimme drängend klang. Doch es war einfach unfassbar, dass nach all den Jahren voller Ungewissheit plötzlich der Kreis geschlossen werden sollte.
    Sie schüttelte den Kopf. “Leider gar nichts. Rett war sehr vorsichtig mit dem, was er mir anvertraute, weil er seine Familie schützen wollte. Und ich mochte dieses Vertrauen nicht mit unziemlicher Neugier belohnen.”
    Plötzlich beugte sie sich nach vorn. “Du hast eine Verbindung zu Ivy, das merke ich. Ob gut, ob schlecht, kann ich jetzt noch nicht sagen. Aber ich will, dass die Kleine endlich zur Ruhe kommen kann. Wenn das auch dein Ziel ist, stehen wir auf einer Seite und ich will sehen, ob ich helfen kann.”
    Überrascht zog er die Augenbrauen hoch. Sie schien nicht nur eine starke Frau zu sein, sondern auch noch reichlich Menschenkenntnis zu besitzen.
    Auch er lehnte sich jetzt nach vorn und auf einmal sah es aus, als würden sie ein Geheimnis planen.
    “Ich möchte mir Ivys Augen ansehen. Nur ansehen, keine Operation, gar nichts. Aber die Untersuchung würde mir Erkenntnisse liefern, auf die ich schon so lange hoffe, und vielleicht auch das Rätsel lösen, wieso das Kind Astra sehen kann.”
    Grübelnd zupfte Victoria an ihrer Unterlippe. “Ich habe nicht die Verantwortung für die Kleine. Das musst du mit Rett und Nate klären. Eher mit Rett, denn Nate …”
    “In Ordnung. Dann warten wir Retts Rückkehr ab und überlegen gemeinsam , was das Beste ist.”


    Eti


    Hier gehts jetzt weiter :


    Mit Nates Reaktion hatte keiner gerechnet.
    Er schrie so gequält, dass Astra ihn losließ und zwei Schritte zurücksprang.
    Sein Körper bäumte sich auf, dann drehte er sich blitzartig auf die Seite und zog die Beine an. Mit einem Ratschen rissen sämtliche Kabel aus dem Überwachungsmonitor und das durchdringende Piepsen des Geräts bohrte sich in die Ohren aller Anwesenden.
    Astra versuchte mit bebenden Händen, den jungen Mann zum Hinlegen zu nötigen. Doch bei ihrer Berührung stieß Nate einen knurrenden Laut aus. Erschrocken erstarrte sie und diese Sekunde der Unaufmerksamkeit reichte.
    Nate sprang geschmeidig aus dem Bett, landete fließend in der Hocke, streckte ein Bein aus und brachte Astra zu Fall. Sie fiel flach auf dem Rücken und für einen Moment presste es ihr die Luft aus den Lungen. Er kam scharrend auf die Füße und setzte über sie hinweg - der Blick aus den tiefschwarzen Augen kreuzte den ihren ... Für einen Moment sah es aus, als würde er einfach aus dem Zimmer stürmen - doch dann gaben seine Beine nach, er fiel nach vorn und rührte sich nicht mehr.
    Astra ging neben ihm auf die Knie und drehte ihn hastig auf den Rücken. Er war gefährlich blass, nur die Wangen fieberrot. Sie glaubte förmlich, es zischen zu hören, als sie ihn berührte. Ohne Frage, das Fieber stieg weiter und diese Attacke, die er quasi ohne Bewusstsein durchgeführt hatte, musste ihm die letzte Kraft geraubt haben. Er keuchte, schnappte nach Luft und sein Lider flatterten unruhig.
    Atesch hob ihn hoch und legte ihn wieder ins Bett, während die Ärzte hinzugeeilt kamen.
    Hilflos sah Astra zu, wie die Mediziner neue Medikamente in den ausgezehrten Körper jagten, wie sie immer wieder besorgt auf den Alarm gebenden Monitor starrten und die Köpfe schüttelten. Wie betäubt ließ sie zu, dass Atesch ihren Arm nahm und sie nach draußen brachte. Noch im Flur lehnte er sie an eine Wand und blickte sie eindringlich an. “Seine Zeit läuft ab, Astra. Wenn du noch etwas tun willst, um ihn zu retten, dann tu es jetzt!”
    Astra schüttelte benommen den Kopf. “Ich kann es nicht nochmal. Es hat ihn eben beinahe das Leben gekostet. Er wird sterben, wenn ich einen neuen Versuch wage.”
    “Astra, er wird auch sterben, wenn du es nicht tust! Sie können sein Fieber nicht ewig senken. Sein ganzer Körper geht kaputt und wer kann ahnen, was Artax mit seinem Kopf angestellt hat … du weißt, dass nur du zu ihm durchdringen kannst. Ich bin sicher, du hattest es schon fast geschafft. Sei nicht zimperlich und halte durch. Es klingt grausam, aber du kannst keinen Schaden mehr anrichten.”
    Empört riss sie den Kopf hoch. “Und wenn er meinetwegen Schmerzen leidet? Wenn er stirbt, weil ich gewaltsam in seinen Geist eindringe? Wie soll ich das Ivy und Rett erklären? Du hast gut reden, du musst nichts tun!”
    Energisch packte er sie und drehte sie herum, sodass sie in das offene Zimmer sehen musste, in dem immer noch die Kittelträger bei der Arbeit waren.
    “Sieh ihn an, Astra. Sein Geist wurde von Artax angegriffen, seine Schreie sind ein spezielles Geschenk von diesem Mistkerl an dich! Artax weiß, dass Licht die Dunkelheit bezwingen kann, und er hat alles daran gesetzt, um dich daran zu hindern, dies zu tun. Dass Nate schreit, zeigt, dass du auf dem richtigen Weg bist, die Finsternis zu durchbrechen.” Der Griff seiner Finger um ihren Oberarm wurde fester. “Du hast dich lange genug vor deinen Gaben gefürchtet. Tu etwas oder lebe mit der Schande, dass du es nie versucht hast. Mach dir keine Sorgen um Rett und Ivy. Sorge lieber dafür, dass du dich selbst noch im Spiegel anschauen kannst.”
    Atesch war wütend, das spürte Astra. Er sah sie noch einen Moment an, dann wandte er sich ab und ging mit langen Schritten davon, als könnte er es nicht ertragen, ihre Entscheidung miterleben zu müssen.
    Sie selbst war nicht weniger erregt, doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er recht hatte. Nur sie würde Nate helfen, ihn überhaupt erreichen können. Seine Reaktion hatte ihr gezeigt, dass sie etwas in ihm berührt haben musste, dass er nicht unerreichbar fern war und sie eine Brücke zu ihm schlagen konnte, wenn sie nur den Mut dafür besaß.
    Das Kittelgeschwader verließ Nates Zimmer, nur ein einzelner Arzt blieb zurück und beoabchtete noch einen Augenblick die Werte des Patienten. Zögernd trat Astra neben ihn.
    “Es sieht nicht gut aus für euren Freund. Die Medikamente, die wir ihm gegen sein Fieber verabreichen, können dieses senken, schädigen aber in dieser hohen Dosierung die Organe beträchtlich. So oder so wird er, wenn nicht ein Wunder passiert, bald sterben.” Seine Stimme war nüchtern, doch trotzdem warm.
    Sie nickte, ohne den Blick von Nates blasser Miene zu wenden. “Kann ich bei ihm bleiben?”
    “Natürlich.” Noch einmal prüfte der Arzt die Werte. “Vielleicht hilft es ihm.” Er lächelte ihr aufmunternd zu und verließ das Zimmer.
    Astra stand hilflos da. Schließlich zog sie langsam den Rollhocker an die Bettkante und ließ sich darauf nieder. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Nate würde sterben, genau wie Tenebris. Auch die Ärzte waren am Ende ihrer Kunst angelangt und Thyras hatte von Anfang an klargestellt, dass sich Nate außerhalb seines Einflusses befand.
    “Was fehlt dir nur?” Seufzend musterte sie die verschwitzten, dunklen Haare und die blasse Haut. Seine Brust hob und senkte sich unter den schnellen, flachen Atemzügen. Der Anblick berührte Astra peinlich. Im wachen Zustand hätte er sicher nicht gestattet, dass sie ihn so sah, dessen war sie sicher. Es war etwas zutiefst Privates, was sie hier zu Gesicht bekam.
    Nate verzog den Mund, als hätte er ihre Gedanken gehört. Sein Atemrhythmus beschleunigte sich noch, seine Finger krallten sich in das Laken. Er stieß einen Laut aus, schmerzerfüllt und hoffnungslos, und warf den Kopf zur Seite, als müsse er dem hellen Zimmerlicht ausweichen.
    Astra streckte die Hand aus und wollte ihn beruhigen, doch ihre Finger verharrten nur Millimeter von seiner Schulter entfernt. Ihre letzte Berührung war so qualvoll gewesen, dass es ihn nicht im Bett gehalten hatte. Sie wagte nicht, ihn noch einmal anzufassen.
    Tu etwas oder lebe mit der Schande, dass du es nie versucht hast, donnerte Ateschs Stimme in ihrem Kopf. Er hatte recht. Hier zu sitzen und zu zögern würde Nate nicht retten.
    Sie musste es versuchen. Noch ein letztes Mal. Einen weiteren Fehlversuch würde er nicht überleben.
    Beim vorherigen Versuch war sie, wenn sie es jetzt recht bedachte, doch ziemlich brachial zu Werke gegangen und hatte ihr Licht geradezu hineingeschossen in Nate. Kein Wunder, dachte sie zerknirscht, dass sein verdunkelter Geist sich so massiv gegen ihr Eindringen gewehrt hatte. Es musste anders funktionierten.
    Sie schloss die Augen und lauschte dem Überwachungsmonitor, der Nates Herzschlag mit hellen Tönen in den Raum warf. Ruhig saß sie da, nahm den Klang, das Tempo in sich auf und spürte, wie sich ihr eigener Körper Nates Rhythmus anpasste. Ohne die Augen zu öffnen, schob sie ihre Hand über das klamme Laken, bis sie die Finger von Nates linker Hand berührte. Er regte sich nicht und gab auch keinen Laut von sich. Zögernd griff sie seine Linke, warm und trocken. Ihre Finger strichen über sein Handgelenk und fühlten seinen Puls.
    Tief atmete sie ein und aus, hielt die Augen geschlossen und konzentrierte sich auf den Takt unter ihren Fingerspitzen. Er war schnell, fast flatterte er. Wieder holte sie tief Luft, versuchte, ihre Ruhe auf ihn zu übertragen, seinen raschen Lauf zu bremsen. War es Einbildung oder nicht, seine Herzfrequenz schien tatsächlich zu sinken. Sie fühlte es, sie hörte es.
    Ihre Lichtkugel entstand, sie spürte es, doch ihre Augen blieben geschlossen. Ganz sachte schien ihr etwas tief in ihrem Herzen zuzuflüstern, was zu tun war, und sie riskierte keine Bewegung, kein überflüssiges Aufblicken, welches diese Stimme eventuell verstummen lassen konnte.
    Einatmen, dann legte sie ihre Rechte sanft auf Nates glühende Stirn. Behutsam senkte sie die kleine Lichtkugel, die irgendwo vor ihr schweben musste. Ein winziges Schimmern in der Dunkelheit, sie sah es vor sich, als sie mit geschlossenen Augen dasaß. Mit jedem Atemzug wanderte der Lichtpunkt weiter zu Nate, drang sachte in dessen Körper.
    Nate zuckte, bäumte sich kurz auf und sie murmelte beruhigend. Ihr Licht zog weiter. Doch erreichte es Nates Seele? Sie wusste es nicht, sie konnte ihr Tun nicht erklären. Doch dieses Mal war es richtig, das spürte sie. Umso vorsichtiger musste sie sein, um diese kostbare Verbindung nicht wieder zu zerstören.
    Der Schein flackerte kurz und mit einem Mal schwand die Wärme. Immer dunkler wurde es um sie. Doch das war keine normale Dunkelheit, sie schien fast greifbar, kalt und bedrohlich. Sein Herzschlag - oder war es ihrer? - dröhnte in ihren Ohren und wurde wie ein Echo in ihrem Inneren hin und her geworfen, tickte wie eine große Uhr und machte ihr bewusst, dass die Zeit ablief, während das kleine Licht immer weiter in die tiefste Finsternis wanderte. Und dann tat sich ein Abgrund vor ihr auf, pechschwarz selbst im Dunkeln. Dort war Nate, dort war sein Bewusstsein, das fühlte sie. Das Licht stürzte hinein und sie selbst, die Augen geschlossen und angespornt von Nates noch immer schlagendem Herz, sprang hinterher.