Beiträge von Skadi

    Kolja


    Erleichtert beobachtete Kolja, wie Abigail und Gwen in den Schankraum zurückkehrten. Na endlich! Es wurde allerhöchste Eisenbahn, dass die zwei aus dem Büro abhauten. Vermutlich empfand Abigail es gegenteilig, aber sie durfte sich wirklich froh schätzen, dass es bloß Kolja war, der die offenstehende Bürotür bemerkt hatte. Hätte Hayes sie dort drinnen erwischt, wäre diese Begegnung alles andere als spaßig für Abigail verlaufen. Dem Leprechaun war Anstand gegenüber jungen Frauen gänzlich unbekannt und von seiner ungehobelten Ausdrucksweise abgesehen, brachte er es zustande, Abigail kompromisslos mit Schimpf und Schande aus dem Pub zuschmeißen. Und in diesem Fall vermochte weder ihre Verwandtschaft zu Scott, noch Koljas persönlicher Einsatz Abigail vor Hayes' Tobsucht zu bewahren.

    Lautlos seufzte Kolja. Wann hatte er zuletzt im Stillen von zehn abwärts zählen müssen, damit er nicht die Geduld verlor? Er kramte wahrlich tief in den Schubladen seines Gedächtnisses herum, um eine vage Erinnerung an eine vergleichbare Situation zutage zu befördern. Diese Frau! Abigail tat geradewegs so, als würde ihr Handeln völlig ohne Konsequenzen bleiben und anstatt Einsicht zu zeigen, riskierte sie leichtfertig das eigene Wohlergehen. Bei jeder anderen Person würde sich Kolja in Zurückhaltung üben und den pädagogischen Effekt ganz dem Gesetz von Actio und Reactio überlassen. Doch bei Abigail? Nie im Leben! Kolja nahm sein Versprechen gegenüber Scott, auf seine kleine Schwester achtzugeben, bitterernst.

    Herrgott. Wem machte er etwas vor? Ihm lag mindestens ebenso viel an Abigails Sicherheit, sonst hätte sie mit ihrer Unvernunft wohl kaum Koljas Geduldsfaden dermaßen mühelos zum Zittern gebracht, wie die Saiten einer Gitarre. Und, oh Mann. Wenn sein Geduldsfaden nur das einzige an ihm wäre, was Abigail in Vibration versetzte. Sein Vorstellungsvermögen war fast ausgeflippt, als sie ihm vorhin bei seiner Ankunft im Büro zuerst ihren reizvollen Po entgegengestreckt und im Anschluss so verlockend vor ihm gekniet hatte. In seiner Phantasie wanderten Abigails schlanke Finger an seine Hose, öffneten geschickt den Knopf und den Reißverschluss und dann legte sie ihre Lippen um seinen-... .

    Stopp, stopp, stopp!

    Er tat es schon wieder. Schon wieder ließ sich Kolja zu Sextagträumen mit Abigail hinreißen. Seit er sie mehrmals die Woche zur Nachhilfe traf, passierte ihm das ständig. Solche Hirngespinste durfte er auf gar keinen Fall zulassen! Sinnliche Wunschvorstellungen zwischen Abigail und ihm würden für immer und ewig genau das bleiben: Vorstellungen. Keine Realität. Ende der Geschichte. Kolja quälte sich nur selbst, sollte er den Fehler begehen, irgendwelchen Illusionen Sendezeit im Kopfkino seines Verstandes zuzugestehen.

    Aus der Ferne betrachtete Kolja Abigail. Sie und Gwen tuschelten miteinander, also respektierte er die Privatsphäre der beiden und ging zu Scott herüber.

    Die Arme bockig vor der Brust verschränkt und das Gesicht zur Faust geballt, fläzte der Wolf übellaunig auf einem Stuhl und musste sich von Hayes ordentlich die Leviten lesen lassen. Unter Verwendung eines farbenfrohen Vokabulars, bläute ihm der Chef des Tír na nÓgs unmissverständlich ein, keinerlei tätliche Auseinandersetzung zwischen seinen Angestellten zu tolerieren. Zumindest nicht, wenn sie in den Räumlichkeiten seines Pubs ausgetragen wurden. Dieselbe Strafpredigt stand Ward ebenfalls bevor; momentan hielt dieser sich jedoch am anderen Ende des Schankraums auf und starrte indolent die Wand an. Kolja war sich unschlüssig, ob Hayes ihn zum Nachdenken in die stille Ecke befohlen hatte, oder ob der Geist aus Eigenantrieb die Textur der Holzverkleidung studierte. Wards manchmal recht absonderliche Verhaltensweisen konnte man teilweise nämlich schwerlich als geistreich bezeichnen, sodass Koljas Einschätzung nach beide Möglichkeiten in Betracht kamen. Amüsiert schmunzelte der Bär in sich hinein. Hehe. Geistreich.

    Als Kolja seinen Freund erreichte, fand Hayes' Standpauke gerade ihren Abschluss. Der Leprechaun blaffte Scott an: „... also behalte deine beschissenen Reißzähne unter Kontrolle, sonst schlage ich sie dir flohverseuchten Pelzschleuder eigenhändig einem nach dem anderen mit meiner verfickten Krücke aus, kapiert?“ Dabei schwenkte er besagte rosarote Gehhilfe vor Scotts Nase herum. „Wenn du tollwütiger Jipp-Japp jemanden anfallen willst, dann spring gefälligst deine Kleine an und lass es dir von ihr besorgen, verdammte Scheiße. Wird echt Zeit, dass Missy Burns dich endlich wieder an ihre Leine legt. Ist ja nicht mehr auszuhalten.“ Abschätzig musterte Hayes Scott. „Dass ihr das zwischen euch überhaupt eine Beziehung schimpft. Ihr lebt ja nicht mal auf derselben Landmasse. So was ist doch nicht erlaubt. Und jetzt zu dir, Ward!“ Alsdann hievte Hayes sein Gipsbeinchen zu dem Gespenst herüber, um ihm denselben Vortrag zu halten, wie Scott. Immerhin schnauzte er die Männer gleichermaßen unflätig an, anstatt sich auf irgendwelche Schuldzuweisungen einzulassen.

    In gewisser Weise sagte es viel über Scotts emotionale Verfassung aus, dass sogar jemand wie Hayes, ohne persönlichen Bezug zu Hazel, ihre Rückkehr herbeisehnte. Grimmig knurrte der Wolf in seinen Bart hinein, bis Colin, der neben ihm am selben Tisch saß und ein paar gesalzene Erdnüsse knabberte, ihn letztlich ansprach: „Ey Scott, das kann echt nicht angehen, dass deine Freundin Burns heißt. Mit dem Nachnamen ist Hazel doch ein fleischgewordener Wortwitz.“

    Sogleich wurde er dafür gereizt von seinem Bruder angebelfert: „So?! Und was soll ich bitte gegen ihre Namen unternehmen!?“

    Gelassen hob Colin die Hand, als präsentiere er seinem Bruder darauf die offensichtliche Antwort auf seine Frage. „Gib ihr halt unseren. Darauf läuft es auf kurz oder lang doch eh hinaus.“

    „Oh ja! Hazel und du müsst heiraten, Scott!“ Plötzlich tauchte Abigail, begleitet von Gwen, an Koljas Seite auf und strahlte begeistert ob Colins Vorschlag. An der Frau musste echt irgendwo eine Art Antenne zur Ortung von romantischen Angelegenheiten befestigt sein. Das, oder sie besaß ein verdammt gutes Timing, just in jenem Moment dazu zustoßen, indem ihr Lieblingsthema zur Sprache kam. Sie setzte sich neben Colin auf einen der zwei übrigen freien Stühle und Kolja beschloss, bei ihr stehen zu bleiben. Es wäre unhöflich von ihm, Gwen den letzten Sitzplatz zu verwehren. Außerdem genoss er so unauffällig und aus einem völlig legitimen Grund Abigails Nähe.

    Vor allem Colin zeigte sich hocherfreut über Gwens unerwartete Gesellschaft, was, ihrem unverhohlenen, interessierten Blick nach zu urteilen, ohne jeden Zweifel auf Gegenseitigkeit beruhte. Na sieh mal einer an. Schamlos liebäugelten die zwei miteinander und beinahe verspürte Kolja so etwas wie Neid, weil Gwen und Colin ihre beidseitige Anziehung offen ausleben durften. Hm. Beidseitig. Davon konnte in Koljas Lage wohl kaum die Rede sein.

    Der Gedanke an eine Hochzeit zwischen ihrem großen Bruder und seiner Hexe nahm Abigail vollkommen ein. Munter schnatterte die Wölfin drauf los: „Wenn du Hazel zur Frau nimmst, wäre das der perfekte Abschluss eurer Liebesgeschichte. Ah! Und außerdem könnten wir dann eine Doppelhochzeit abhalten, wie in diesem Buch, das Hazel mir geliehen hat. 'Stolz und Vorteil'!“

    „Du meinst 'Stolz und Vorurteil'“, korrigierte Kolja sie, weshalb Abigail zu ihm hinauf blinzelte.

    „Bist du sicher, dass es so heißt?“

    Ziemlich, ja. Mit einem Nicken brachte Kolja seine Überzeugung zum Ausdruck.

    Abigails Ideen entlockten Colin den üblichen Spott. „Wen willst du denn bitteschön heiraten?“, wollte er zynisch von ihr wissen, worauf sie antwortete:

    „Meinen Traummann natürlich!“

    Da ließ Gwen ihren Arm zurückschnellen und verpasste Kolja mit dem Handrücken einen saftigen Klaps in die Magengegend. Uff! Hey! „Was soll denn das?“, protestierte Kolja und rieb die zwirbelnde Stelle unterhalb seiner Rippen.

    Der Sukkubus simulierte Arglosigkeit. „Ups, sorry mein Großer. Mir muss wohl irgendwie die Hand ausgerutscht sein“. Hmpf, von wegen. Der Hieb hatte so gezielt getroffen, als hätte ihr jemand das Kommando dazu zugerufen.

    Nunmehr meldete sich endlich der angebliche Bräutigam zu Wort. „Ihr spinnt doch.“ Scott unterstrich seine Aussage mit einer passenden Geste, indem er mit dem Finger gegen die eigene Stirn tippte. „Hazel und ich wohnen ja noch nicht mal zusammen.“

    „Sagt ja auch niemand, dass du sie sofort vor den Traualtar schleppen sollst“, wurde Colin konkreter und schob eine Ladung Erdnüsse in seinen Mund. Kauend wies er seinen Bruder auf den Vorteil einer Ehe hin: „Aber du würdest damit auch dem letzten Penner, der sie anbaggern will, unmissverständlich klarmachen, dass Hazel zu dir gehört und er seine Finger von ihr zu lassen hat.“

    „Colin hat Recht, Scott. Es würde euch vieles einfacher machen, wenn ihr auch vor dem Gesetz zueinander gehört“, unterstützte Abigail ihren Bruder. „Zum Beispiel den Abschluss eines Mietvertrages für eine gemeinsame Wohnung oder falls ihr zusammen ein Bankkonto eröffnen wollt. Außerdem wäre geklärt, dass ihr im Ernstfall füreinander entscheiden dürft. In eurer jetzigen Beziehung würde man dich ja nicht einmal zu ihr lassen, sollte Hazel wegen eines Unfalls auf der Intensivstation im Krankenhaus landen.“

    Alle Anwesenden am Tisch, einschließlich Kolja, gafften Abigail daraufhin verdutzt an. Für ihre Verhältnisse waren das ungewohnt bodenständige Argumente. Litt sie etwa an Fieber? Wo blieb der übliche Kitsch, der aus allen Ritzen tropfte? „Was denn?“, fragte die Wölfin, als sie die allgemeine Aufmerksamkeit bemerkte. „Ich kann auch pragmatisch denken.“

    Pragmatismus hin oder her – das Ping Pong seiner Geschwister über die Vorzüge einer Heirat mit Hazel sorgte für eine sichtliche Überlastung von Scotts geistigen Leistungspotenzial. Überfordert glotzte er zwischen den beiden hin und her, während Colin ihm den gutgemeinten Ratschlag erteilte: „Lass dir nur nicht zu viel Zeit mit ihr. Du solltest Nägel mit Köpfen machen, bevor Hazel sich an ihr Leben in Deutschland gewöhnt und am Ende dortbleiben will.“ Beiläufig langte Scotts Bruder nach den Kartoffelchips, die in derselben Snackschale wie die Erdnüsse kredenzt wurden, und schlug den Bogen zum Ausgangspunkt des Gesprächs. „Und vor allem musst du echt dafür sorgen, dass sie diesen Nachnamen loswird.“

    An Scotts Mimik wusste Kolja abzulesen, dass sein Denkvermögen die Flut an Informationen in keiner Weise geregelt bekam. So wie der Bär seinen Freund einschätzte, mussten die Synapsen in seinem Gehirn wohl zum ersten Mal in ihrer ganzen Existenz wegen Zukunftsplänen, wie Colin und Abigail auf den Tisch brachten, Funken schlagen. Scott machte also das, was er immer tat, sobald er einer Situation intellektuell nicht gewachsen war. Er ging in die Offensive und kläffte Colin an: „Wenn ihr Name so ein Problem für dich ist, dann heirate du sie doch!!“

    Skeptisch verzog Colin ob der Aufforderung das Gesicht. Er räumte Scott die nötige Zeit ein, seinen Fehler von selbst zu begreifen und als der entscheidende Moment eintrat, schnappte Scott erbost nach Luft. „Ich meine... Du lässt gefälligst deine Pfoten von Hazel! Wenn ich sie mit einem Ring am Finger sehe, zerfetzte ich dir die Kehle! Niemand heiratet sie, klar?! Keiner von euch tut das!“ Sein Zeigefinger sprang drohend von Colin zu Kolja, als würde er sie beide damit aufspießen wollen. Sogar Abigail und Gwen warf er mit den Augen unausgesprochene Warnungen zu, dabei kannte der Sukkubus Hazel gar nicht.

    Einer der Gäste verlangte nach einem Kellner. Schnaubend ließ Scott seinem Ärger freien Lauf, indem er der unschuldigen Tischplatte einen so harten Schlag mit der flachen Hand versetzte, dass die Snackschale Hula tanzte. Danach fuhr er von seinem Stuhl hoch und kümmerte sich um die Bestellung.

    Colin sah seinem Bruder nach. „Bei dem ist echt Hopfen und Malz verloren.“

    Es kam keine Frage danach, wie Abby in das Büro des Tír na nÓgs gelangt war. Genauso wenig schien es von Interesse zu sein, was sie darin suchte oder weshalb sie wie ein Kind unter dem Schreibtisch kauerte. „Du hast hier drin nichts verloren“, stellte Kolja stattdessen gewohnt stoisch fest und schaute mit gerunzelter Stirn zu Abby hinab.

    „Hi Kolja.“ Abby überging den Tadel und nahm eine bequeme Sitzposition auf ihren Knien ein. Sie schenkte Kolja ein unschuldiges Lächeln, derweil sie ihm in aller Ehrlichkeit versicherte: „Ich bin nicht eingebrochen, falls du das befürchtest. Gwen hat mich hineingelassen. Sie hat einen Schlüssel.“ Auf ihren Fingerzeig hin, wandte sich Kolja zu dem Sukkubus auf der Kommode um. Dieser winkte ihm zu, ehe der Bär seine Aufmerksamkeit zurück auf Abby lenkte:

    „Das ist egal. Gästen ist der Zutritt zu diesem Raum untersagt.“ Die Falten auf seiner Stirn wurden noch etwas tiefer. „Was machst du überhaupt dort unten?“

    „Die Aussicht bewundern?“, warf Gwen grinsend von ihrem Sitzplatz aus ein. Wie? Von welcher Aussicht sprach sie da? Das einzige, was in Abbys Blickfeld prangte, war Koljas Hosenstall.

    Kolja räusperte sich; dann bot er Abby in seiner zuvorkommenden Art eine Hand an, um ihr auf die Füße zu helfen. Dankbar griff sie zu und es stimmte sie ein kleines bisschen wehmütig, als er sie nach vollbrachter Tat wieder entließ. Liebend gern hätte Abby ihre Finger bis zum Ende aller Tage mit seinen verschränkt.

    Um auf Koljas ursprüngliche Frage zurückzukommen: „Ich habe etwas gefunden, was darauf hindeutet, dass Mister Hayes nicht grundlos gestürzt ist. Jemand hat die Stufen manipuliert und dabei Feenstaub fallen gelassen.“ Zum Beweis übergab Abby Kolja den Flakon. Prüfend betrachtete der Bär das gedrungene, klarsichtige Fläschchen, in dem sich ein eine geringfügige Menge Feenstaub von Innen an die Glaswand anschmiegte. Das Farbenspiel von Lila, Grün und Gold sah unter diesen Lichtverhältnissen wunderschön aus.

    „Der Deckel fehlt“, bemerkte Kolja. Unterhalb des Schraubgewindes klebte die abgerissene Hälfte eines Papiersiegels. Der obere Teil haftete vermutlich noch an der Verschlusskappe.

    „Ja, das ist mir auch aufgefallen. Wer auch immer sich an der Treppe zu schaffen gemacht hat, muss die Flasche im Eifer des Gefechts fallengelassen haben.“ Womöglich wäre er um Haaresbreite erwischt worden und hatte deshalb Fersengeld geben müssen. Ob demjenigen sein Verlust wohl schon bewusstgeworden war?

    Kolja fragte: „Du hast es unter dem Schreibtisch gefunden?“ Mit einem Nicken bestätigte Abby seine Vermutung. Aufgrund dessen drückte Kolja ihr das Fläschchen zurück in die Hand. „Dann gehört es Hayes. Bestimmt hat er schon danach gesucht. Stell es auf den Tisch, damit er es findet.“

    Was? Nun wurde Abby aber wirklich trotzig! Sie wedelte ihm mit einem aussagekräftigen Beweisstück vor der attraktiven Nase herum und Kolja ignorierte es. „Du ziehst nicht mal in Erwägung, dass ich Recht haben könnte!“, warf sie ihm vor und bekam eine knappe Antwort zurück:

    „Richtig.“

    „Wieso nicht?“

    Seine Begründung lautete: „Weil dieser Raum immer verschlossen ist und niemand, außer Hayes und dem Personal, hineinkommt.“ Kurz betrachtete Kolja Abby und Gwen. Im Anschluss ergänzte er seine Aussage: „Eigentlich.“

    Eben! Wie unkompliziert es sein konnte, ins Büro zu gelangen, durfte Abby mit ihrer Anwesenheit hinreichend belegt haben. Vielleicht hatte der Täter den Schlüssel gestohlen, den passenden Zeitpunkt abgewartet oder: „Jemand könnte eingebrochen sein.“

    „Hier ist niemand eingebrochen“, legte Kolja dar, was seiner Meinung nach den Fakten entsprach. „Außer dir.“

    Wie bitte?! Kolja scherzte wohl! Abby war keineswegs eingebrochen, sondern wurde von einer Person mit entsprechenden Befugnissen eingelassen. Darin bestand ein wesentlicher Unterschied. Uh! Es machte sie sauer, wie ruhig und belehrend Kolja mit ihr sprach! Gleichzeitig himmelte sie ihn auch dafür an. Wie schaffte dieser Mann das bloß?!

    Dickköpfig verschränkte Abby ihre Arme ineinander und beharrte auf ihre unerschütterliche Sicht der Ereignisse: „Damit gibst du zu, dass es sehr wohl möglich ist, hier ohne Weiteres einzudringen. Wenn ich mir Zutritt verschaffen kann, kann jeder andere das genauso mühelos.“Nachfolgend hörte Abby Kolja einen tiefen Atemzug nehmen. Bei jedem anderen hätte sie daraus geschlossen, derjenige kämpfe mit sich selbst darum, die Contenance zu bewahren. So etwas war bei Kolja allerdings völlig ausgeschlossen. In Abbys Bären sprudelte schließlich ein niemals versiegen wollender Quell an Tranquillität und Würde. Letztlich bat er sie wiederholt: „Stell die Flasche hin und verlass bitte den Raum. Sollte Hayes dich hier drin sehen, bekommst du Ärger.“ Dabei schlug seine Stimme diesen bevormundenden Tonfall an, der keinerlei Widerspruch erlaubte und Abby wirklich auf die Palme brachte. Herrje, hielt er sie für ein kleines Mädchen, weshalb er sie wie eines behandelte?! Sie fällte ihre eigenen Entscheidungen und brauchte fürwahr niemanden, der meinte, ihr Vorschriften diktieren zu dürfen. Diese Aufgabe erfüllten Abbys Brüder und ihr Vater schon äußerst gründlich!

    Starrsinnig schaute sie Kolja an. Schlussendlich gab sie seinem beherrschten Gebaren nach und machte ihrem Unmut Luft, indem sie das Fläschchen mit dem Feenstaub unnötig schwungvoll auf die Tischplatte des Schreibtisches knallte. So. Da stand es. Wie Kolja es verlangte. Er nickte zufrieden; dann wandte er Abby den Rücken zu und verließ das Büro.

    „Mir fehlen wohl die nötigen Daddy Issues, um so was scharf zu finden“, kommentierte Gwen Koljas Auftritt, stieg von ihrer Sitzgelegenheit herab und sah dem Bären hinterher. „Da hat unser Papabär seinem Spitznamen alle Ehre gemacht. Hab' nicht gedacht, dass er dazu in der Lage ist.“

    Hmpf. Papabär. Diese Rolle durfte er sich schenken! In Abbys Leben existierten wahrlich genug Männer, die sich vor lauter familiärer Fürsorge die Vormundschaft über sie anmaßten.

    Angestachelt von ihrem Rigorismus sowie dem Wunsch, Kolja ihren Wert als eine eigenverantwortliche, selbstständige Frau zu beweisen, fasste Abby ihren Entschluss. Kurzerhand schnappte sie sich das zuvor erst abgestellte Fläschchen vom Schreibtisch.

    „Was hast du damit vor?“, wollte Gwen von ihr wissen, woraufhin Abby verkündete:

    „Kolja denkt, ich käme nicht allein zurecht, also zeige ich ihm, dass er sich irrt. Mit allem! Ich werde herausfinden, wer die Mannschaft sabotiert und dann wird er einsehen müssen, es bei mir sehr wohl mit einer verantwortungsbewussten, unabhängigen Erwachsenen zu tun zu haben.“

    „Du setzt dich bewusst über seine Anweisung hinweg?“ Da tauchte es wieder auf, das zweideutige Grinsen auf Gwens Gesichtszügen. „Du böses, böses Mädchen. Dafür wird er dir zu eurem nächsten Nachhilfeunterricht bestimmt ein paar kräftige Hiebe mit seinem Rohrstock verpassen.“

    Hiebe? Kolja gehörte zu den friedliebendsten, pazifistischsten Persönlichkeiten in Abbys Bekanntenkreis. Wie kam Gwen darauf, ausgerechnet er täte Abby Gewalt an? „Ich glaube nicht, dass Kolja so was besitzt.“

    Der Sukkubus wies auf die unbedeckte Öffnung der Flasche. „Willst du die etwa so einstecken?“

    Hm, das wäre wohl unklug. Ohne den Deckel würde sich der Feenstaub ungehindert in Abbys Tasche verteilen und sie wusste nicht, ob man ihn problemlos aus Textilien auswaschen konnte. Ungeachtet dessen ging auf diese Weise ja ihre Probe verloren! Womit sollte sie dann eventuelle Spuren abgleichen?

    Gwen musste Abbys unausgesprochene Bedenken aus ihrer Mimik herausgelesen haben, denn sie fasste in den nächststehenden Aktenschrank und riss aus einem der Ordner das hervorstehende Stück eines Dokuments heraus, um es achtlos zusammenzuknüllen. „Das dürfte vorerst reichen“, urteilte sie und verkorkte mit dem kleinen Papierball provisorisch den Flakon in Abbys Hand.

    Rasch ließ die Wölfin den Feenstaub in ihrer Jackentasche verschwinden. So weit, so gut! Nun suchten sie besser das Weite, ehe Kolja noch etwas bemerkte oder ihre Herumtrödelei sein Misstrauen erregte.



    nächster Teil

    Abby folgte Gwen hinter den Tresen und von dort aus zur Bürotür. Wie der Sukkubus prophezeit hatte, schenkten die rangelnden Männer den zwei Frauen kein einziges My ihrer Aufmerksamkeit. Wie sollten sie auch? Kolja musste schließlich unter Einsatz beider Arme den wütenden Scott in der Zange halten, dessen Tunnelblick alles, mit Ausnahme seines Hassziels, um ihn herum ausblendete, derweil Ward sauertöpfisch Colins Drohgebärden über sich ergehen ließ. Selbst das laute Klacken von Gwens mörderisch hohen Absätzen ging unter dem Krach ihrer Auseinandersetzung unter. „Ist es nicht schrecklich unbequem den ganzen Tag in diesen Schuhen zu verbringen?“, brachte Abby erneut das Thema Fußbekleidung zur Sprache.

    Während sie antwortete, führte Gwen geschickt den Schlüssel in das Bürotürschloss ein und drehte ihn darin herum. Sogleich sprangen die Riegel im Inneren hörbar auf. „Es ist die Hölle. Ich kann es gar nicht abwarten, sie heute Abend von den Füßen zuschleudern. Versteh mich nicht falsch. Ich steh auf diese Outfits – zu den passenden Anlässen. Privat bevorzuge ich dann aber doch lieber Alltagskleidung, für die ich keine spezielle Technik brauche, um etwas vom Boden aufzuheben. Oder in der ich nicht bei jedem Schritt riskiere, mir die Knöchel zu brechen.“

    „Dann sind diese hautengen Kleider, in denen ich dich immer sehe, sozusagen deine Dienstkleidung?“, schlussfolgerte Abby und Gwen bestätigte ihre Herleitung:

    „Richtig. Hayes steht auf dieses Edelnutten-Gehabe, also haben wir vertraglich einen entsprechenden Dresscode festgelegt. Das mache ich grundsätzlich, damit beide Seiten über ihre Ansprüche Bescheid wissen und ich am Ende nicht wieder ungeplant als Pippi Langstrumpf kostümiert auf einem ausgestopften Gaul balancieren muss.“

    „Ich hätte nie gedacht, dass Prostitution mit Bürokratie verbunden ist.“

    „Es ist ein Geschäft, wie jedes andere“, erläuterte Gwen nüchtern. „Außerdem geht es nicht immer um Sex. Manche Männer buchen mich als Begleitung für irgendwelche Events. Als ein blendendes Beiwerk, um auf der Firmenfeier vor den verhassten Kollegen wie ein Hengst dazustehen. Und andere wollen einfach nur erleben, wie sich die Aufmerksamkeit einer schönen Frau anfühlt. Egal ob diese nun echt ist, oder erkauft.“ Alsdann drückte Gwen die Türklinke herab. Wie zu erwarten war, ließ sich die Tür nunmehr öffnen und gemeinsam betraten die Frauen das Büro des Tír na nÓgs.

    Man erkannte auf Anhieb, dass der Raum lediglich dem pragmatischen Zweck diente, hinter den Kulissen des Pubs unvermeidliche Verwaltungsarbeiten zu erledigen. Das Inventar allein nahm die Hälfte des kleinen Durchgangszimmers ein und bestand aus lauter wahllos zusammengewürfelten, ausrangierten Möbeln. In Regalen standen etliche Aktenorder beieinander, auf deren Rücken eine liederlich hingeschmierte Handschrift den Inhalt andeutete und automatisch fühlte sich Abby beim Anblick der aufgereihten Unterlagen an das Gebiss ihrer Groß-Großtante erinnert – schief, ungepflegt und mit zahlreichen klaffenden Lücken. Des Weiteren gab es gleich neben dem Türrahmen eine Kommode sowie einen alten Schreibtisch mit einem Computer. Huh, was für ein merkwürdiger Monitor daran angeschlossen war! Er war überhaupt nicht flach, wie Abby es kannte, sondern groß und klobig und er nahm unglaublich viel Platz weg, sodass auf der Tischplatte kaum genügend Fläche für die vergilbte Tastatur blieb. In der Luft hing der holzige Geruch der Wandvertäfelung; es roch nach Staub und muffigem Papier. Und aus irgendeinem Grund registrierte Abbys feine Nase den verflogenen Duft von gegrilltem Geflügel.

    „Da ist die Treppe“, wies Gwen die junge Wölfin auf die hinterste Ecke des Zimmers hin und setzte sich auf die Kommode, um interessiert durch den leicht geöffneten Türspalt das Treiben im Schankraum im Auge zu behalten. Gespannt richtete Abby ihr Augenmerk auf den Ort des Verbrechens und...

    Enttäuscht sackten ihr die Mundwinkel herab. Das sollte die Treppe sein? Die Stelle, an der Mr Hayes unter großem Schmerz Aufschlag um Aufschlag herabgestürzt war? Genau wie der Rest des Gebäudes, erwies sich auch der Zugang zum oberen Stockwerk als verwinkelt, dunkel, eng und nur bedingt für großgewachsene Personen geeignet. Abbys Brüder konnten eventuell aufrechten Ganges den Aufstieg erklimmen, wohingegen Kolja unter allen Umständen den Kopf einziehen musste. Für Abbys Verständnis verdiente diese Treppe viel eher die Bezeichnung Steige, denn um viel mehr als ein paar knarrende, miteinander vernagelte Bretter zwischen holzverkleideten Wänden handelte es sich bei ihr wahrlich nicht. So was... Abby hatte mit unzählbar viele Stufen gerechnet - Mehr als ausreichend, um jedes Koboldbeinchen entzweizubrechen.

    Na gut! Wenige Stufen vermochten ebenso Schaden anzurichten und bei einer so kleinen Gestalt wie einem Leprechaun, geschah dies vermutlich wesentlich schneller, denn bei einem robusten Polymorphen wie Abby. Es wurde Zeit, den Tatort gründlich unter die Lupe zu nehmen! Einem ihrer Sinne schenkte Abby dabei ein besonders großes Vertrauen. Als Wolfpoly verfügte sie über ein feines Gehör, doch noch viel, viel sensibler arbeitete ihr Geruchssinn. Er verriet ihr, sobald jemand Angst verspürte, an einer Krankheit litt oder ob eine Geschlechtsgenossin gerade die Hitze durchlebte. Zudem half er ihr bei der Orientierung und man sollte keinesfalls den Nutzen von Duftmarken unterschätzen, wenn sich fünf Geschwister gleichzeitig um die Besitzansprüche eines Spielzeugs stritten. Auf der Suche nach ebensolchen Duftmarken sog Abby in kurzen Zügen Luft durch ihre Nase ein. Hm, außer den vorherrschenden Ausdünstungen eines vermieften Bürokabüffchens witterte Abby eine sinnliche Parfumnote, die eindeutig frisch aus Gwens Richtung herbeiwehte und deshalb kein zurückgelassenes Indiz des gemeinen Übeltäters darstellte. Da musste doch noch mehr zu entdecken sein! Abby duckte sich unter Gwens Odeur hinweg, indem sie auf die Knie ging und ihr Gesicht nah über den Fußboden hielt. Sie schnüffelte. Irgendetwas roch süßlich. Fast schon abartig süßlich. Darüber hinaus trieb ein Luftzug das fragwürdige Aroma von Mr Hayes billigem After Shave aus seiner Wohnung herunter und, oha! Bei einem Spaziergang war er wohl in ein Hundehäufchen getreten. Insgesamt fand Abby diese Erkenntnisse höchst interessant, weiter half ihr dennoch nichts von all dem. Wie ungünstig! Abby hatte wirklich auf ein paar stichhaltige Hinweise gehofft. Enttäuscht, jedoch keineswegs entmutigt, rappelte sie sich auf und-... Huch? Was glitzerte denn da so? Dank ihrer Position nahm Abby ein Schimmern auf den Treppenstufen wahr. Wegen des Lichteinfalls hatte sie ihn zuvor nicht sehen können, aber nun stimmte der Blickwinkel und offenbarte eine dezente, seidig glänzende Schicht auf dem Holz. Im ersten Moment meinte Abby, eine lila Färbung zu erkennen, wenn sie ihren Kopf allerdings nach links neigte, erschien das Lila auf einmal grün und neigte sie ihn wiederum nach rechts, glänzte es golden. Neugierig legte Abby einen Finger auf die Substanz. Aha! Die Oberfläche stellte sich als trocken heraus, klebte nichtsdestotrotz ein bisschen. Abby wusste auf Anhieb, was sie davon zu halten hatte; jeder würde das, der in einem Haushalt mit mehreren quirligen Welpen aufwuchs, von denen gerade einmal zwei, nämlich Colin und Abby selbst, ein gewisses Ordnungsbedürfnis verspürten. Hier hatte jemand zweifellos einen Softdrink verschüttet, ohne es für nötig zuhalten, die Matzerei wegzuwischen, sodass die Flüssigkeit nach gewisser Zeit verdunstete und ein klebriger Fleck Süßstoff zurückblieb. Somit kannte Abby wenigstens schon einmal den Ursprung des zuckrigen Geruchs. Worauf Abby dagegen keine Antwort geben konnte, war die Frage, welches Getränk mit einem derartigen Farbwechsel versetzt wurde. Und wie.

    „Hast du was gefunden?“, riss Gwens Stimme die Wölfin aus den Tiefen ihrer Überlegungen heraus. Der Mund des Sukkubus zuckte belustigt darüber, wie Abby auf allen Vieren auf dem Parkett hockte und ihre Nase gegen die Dielen presste.

    Abby nickte. „Ich denke schon. Hier sind Flecken auf den Stufen, die von ganz oben bis zu mir runter reichen. Sieht aus, als wäre dort vor einiger Zeit etwas hingegossen wurden. Jemand sollte Mister Hayes Bescheid geben, dass seine Reinigungskraft nicht sehr gründlich arbeitet.“

    „Du nimmst an, hier würde regelmäßig saubergemacht werden.“

    Spontan kam Abby ein Gedanke: „Was, wenn jemand absichtlich die Treppe präpariert hat, damit Mister Hayes ausrutscht?“ Auf nassen Brettern verlor man fix den Halt, vor allem, wenn sie zu Gunsten der Langlebigkeit mit einer entsprechenden Lackierung und Versiegelung versehen wurden. Selbst im trocknen Zustand verwandelten sie sich in wahre Rutschfallen, sollte man den Fehler begehen, in Socken über sie hinweg zulaufen. Diesen Fakt hatte Moira zu mehreren Begebenheiten hinreichen an der Treppe in Abbys Elternhaus veranschaulicht.

    Offenbar wollte sich Gwen zu keinen Mutmaßungen hinreißen lassen. Sie reagiert lediglich mit: „Sag du es mir, Miss Fletcher.“

    „Die Pfützen irisieren“, dachte Abby laut. „Aber nicht wie Seifenblasen oder eine Benzinlache. Das hätte ich sowieso gerochen. Es schimmert viel, viel gleichmäßiger und überhaupt nicht... feucht. Es wirkt wie Samt.“ Ehrlich gesagt fand Abby diesen Effekt sogar echt schön. Ein Halstuch in dieser Optik sah mit Sicherheit fabelhaft aus.

    Gwen meinte: „Klingt für mich nach Feenstaub. Der ist bloß nicht flüssig.“

    Feenstaub? Mh. Auf welchem Wege sollte Feenstaub denn auf die Stufen zu Mr Hayes Wohnung gelangen? „Benutzt Mister Hayes welchen?“

    Daraufhin hob Gwen unwissend die Schultern. „Auch wenn ich die passende Kostümierung im Schrank hängen habe, bin ich nicht sein Kindermädchen. Keine Ahnung, ob er Feenstaub schluckt. Möglich wäre es. Du kannst das Zeug schließlich genauso zum Kuchenbacken benutzen, wie du damit deine Nägel lackieren oder deine tattrige Oma einschläfern kannst.“ Sie deutete auf den Türspalt. „Übrigens hat Hayes gerade den Pub betreten und sorgt nun für Ordnung. Beeil dich, bevor er uns beide hier drin erwischt. Ich bin nämlich nicht sonderlich scharf darauf, dass der Alte Ménage-à-trois-Phantasien entwickelt und ich mir seine Lebensenergie mit irgendeinem billigen Menschenweib teilen muss.”

    Okay! Feenstaub also. Entsprechend seiner Bezeichnung, verstand man darunter eine pulverartige Substanz, zu deren Herstellung einzig die Feen in der Lage waren. Abby hatte keine Ahnung, wie genau dieser Vorgang vonstattenging, jedoch musste es ganz klar mit ihren wesenseigenen Fähigkeiten zusammenhängen, da sie anderenfalls schwerlich ihr unanfechtbares Monopol aufrechterhalten konnten. Feenstaub bot eine ganze Vielzahl an Verwendungsmöglichkeiten. Aus diesem Grund erfreute er sich unter den Freaks jedweder Zugehörigkeit großer Beliebtheit. Unter Anderem funktionierte er ausgezeichnet als biologisch abbaubarer Ersatz für Glitzer aus der Schreibwarenabteilung und in ihrer Kindheit hatte Abby mit seiner Hilfe diversen Bastelprojekten eine persönliche Finesse verliehen - zum großen Missfallen ihrer Eltern, da bereits der Erwerb kleinster Portionen dieses Universalmittels einen tiefen Griff in den Geldbeutel verlangten.

    Gleichermaßen hartnäckig wie der künstlich hergestellte Glitzer verteilte sich auch Feenstaub allzu gern unkontrolliert über Tische, Hände, im Gesicht und auf wundersame Weise sogar auf lang verschollenen Puzzleteilen, die man bis dato immer vergeblich gesucht hatte und deswegen nie das niedliche Katzenmotiv vom Schachteldeckel fertigstellen konnte. Anders formuliert: man verwendete keinen Feenstaub, ohne dabei nicht ebenfalls die Umgebung in Mitleidenschaft zu ziehen. Dementsprechend suchte Abby den Fußboden gründlich nach weiteren Flecken ab und tatsächlich stieß sie auf eine Spur unscheinbarer Rückstände. Auf Händen und Füßen krabbelte die Wölfin über das Parkett, bemüht, die Fährte keinesfalls aus den Augen zu verlieren. Eine Lupe wäre gerade wirklich äußerst hilfreich!

    „Jetzt ist Ruhe. Hayes hat Scott und Ward auseinandergebracht“, unterrichtete Gwen Abby über die Entwicklungen außerhalb des Büros. „Es kommt jemand her.“

    Oh je! Dann aber flott! Die Spur führte Abby bis zum Schreibtisch. Hastig warf sie einen Blick darunter. „Da liegt irgendwas.“

    „Trödel nicht rum. Wir sind gleich nicht mehr allein hier drin.“

    Gesagt, getan! Abby streckte sich nach dem Gegenstand aus. Ihre Fingerspitzen berührten Glas. „Das ist ein Fläschchen.“ Und der Inhalt schimmerte exakt wie die Flecken auf den Stufen. Darin befand sich Feenstaub!

    Ein Schatten schob sich draußen vor den Türspalt. Nur noch ein winziges Stück, bis Abby die Flasche zugreifen bekam. Ein winzig kleines-... .

    Die Tür wurde geöffnet und in derselben Sekunde erwischte Abbys Hand endlich den Flakon. Geschafft! Schnell kroch sie unter dem Schreibtisch hervor – und prallte beinahe mit dem Gesicht gegen zwei Beine.

    Ertappt sah sie an dunklen Bluejeans hinauf.

    Oh-oh!



    nächster Teil

    „Kolja ist nicht mein Freund“, stellte Abby unverzüglich Gwens Annahme über die Art ihres Verhältnisses zu dem Bärenpoly richtig, woraufhin der Sukkubus skeptisch eine Braue nach oben zog.

    „Bist du sicher?“

    Durch ein Nicken bejahte Abby geknickt und nutzte die Gelegenheit, sich einmal gründlich den Kummer von der Seele zu reden: „Ich wünschte, er wäre es. Bloß scheint Kolja kein Interesse an mir zu haben.“ Unweigerlich blickte sie zu ihm herüber. Imposanter Weise war es Scott in der Zwischenzeit gelungen, sich aus Koljas unnachgiebigen Bärengriff freizustrampeln und auf Ward zuzustürzen. So weit, dem Gespenst tatsächlich an die Gurgel zu gehen, kam er jedoch nie, denn Kolja hatte ihm rechtzeitig von hinten die Arme unter die Achseln geklemmt und hielt den tobenden Wolfsrüden trotz aller fluchenden Gegenwehr an Ort und Stelle fest. Erneut himmelte Abby Kolja stumm von Weitem an. Er sah einfach so unfassbar göttlich aus, wenn er Körpereinsatz zeigte! „Neulich habe ich ihm vorgeschwärmt, was für eine traumhafte Liebesbeziehung wir miteinander führen könnten. Darauf hat er überhaupt nicht reagiert. Das Ganze war mir am Ende so peinlich, dass ich zurückgerudert bin und so getan habe, als meinte ich das alles nur als theoretisch.“

    „Hm“, stieß Gwen einen kurzen Laut durch die Nase aus. „So was. Dabei hätte ich echt einen Wochenlohn daraufgesetzt, dass zwischen dir und Papabär eine dieser heimlichen Romanzen läuft, von der niemand etwas spitzkriegen soll.“ Mit einem Blick zu Scott ergänzte sie: „Was bei den Pappnasen, mit denen er sich umgibt, jetzt auch nicht unbedingt die größte Herausforderung darstellt. Ich meine, dass du ihn anschmachtest könnte nur noch dadurch offensichtlicher werden, indem dir herzchenförmige Blasen zu den Ohren hervorblubbern.“

    „Ob ihn das beeindrucken würde?“ Sehnsuchtsvoll stemmte Abby die Ellenbogen auf die Oberschenkel und stützte das Kinn auf den Fäusten ab. Wie konnte jemand, der sich im selben Raum wie sie befand, dermaßen unerreichbar bleiben, als trenne sie ein ganzer Kontinent? Das Ziel ihrer Andeutungen gegenüber Kolja hatte darin bestanden, seine Empfindungen hervorzulocken und ihm gleichzeitig ihre Bereitwilligkeit zu signalisieren, diese romantischen Gefühle mit größter Hingabe zu teilen. Ach, aber vielleicht gab es von seiner Seite aus auch einfach keine Zuneigung, die von Abby erwidert werden konnte. „Ich habe ihn sogar nonverbal aufgefordert, mich zu küssen. Meine Signale haben ihn aber völlig kalt gelassen.“

    „Das mit den Signalen ist Schwachsinn“, meinte Gwen trocken. „Dass man Männern Signale geben müsste, stammt von irgendwelchen Weibern ohne Selbstwertgefühl, die zu feige sind, sich die Blöße einer Abfuhr zu geben und deswegen ihre Kerle zum ersten Schritt provozieren wollen. Wenn du unseren Papabär in die Finger kriegen willst, musst du ihn schon direkt anpacken. Männer sind keine Hellseher.“

    Schon. Allerdings... „Ich habe ihm meine Liebe gestanden“, beichtete Abby ihr, ohne die Augen für eine einzige Sekunde von ihrem liebsten Kolja loszureißen. Noch direkter konnte sie wohl schwerlich werden.

    Da erlebte sie Gwen zum ersten Mal im Laufe ihrer erst kürzlich geschlossenen Bekanntschaft überrascht. „Oh“, war alles, was dem Sukkubus dazu einfiel. „Okay. Tja, keine Ahnung. Ich kann nur das beurteilen, was ich sehe und ich sehe einen Mann, der liebend gern seine Zunge so tief in dich hineinstecken würde, als wärst du ein halbleerer Honigtopf.“

    Abrupt richtete Abby sich auf. Was sagte Gwen da? Meinte sie das ernst? „Du denkst, er will mir einen Zungenkuss geben?“

    „Nein, Spätzchen. Keinen Zungenkuss.“ In Anbetracht der Ernsthaftigkeit des Themas und seiner Bedeutung für Abby, wechselte Gwen ihre Sitzposition. Angesicht zu Angesicht verriet sie: „Papabär verbirgt es ziemlich gut, aber ich bin ein Sukkubus. Mir kann er nichts vormachen. Sobald du den Pub betrittst, verändert sich seine Körperhaltung. Er beobachtet dich. Er behält dich im Auge, egal in welche Ecke des Gebäudes du spazierst. Wenn du redest, hängen seine Augen förmlich an deinem Mund und ich bezweifle stark, dass es noch eine sichtbare Kurve an deinem Körper gibt, die er nicht auswendig kennt. Der Mann könnte dich aus dem Kopf zeichnen. Übrigens scheint er echt auf deinen Hintern abzufahren.“

    Und plötzlich katapultierten Abbys Knie sie von ihrem Barhocker hoch, wie einen Springteufel aus seiner Schachtel. Die Enttäuschung, die ihr eben noch schwer auf den Schultern kauerte, verpuffte schlagartig und befreit von ihrer Last, schlug Abbys Innenleben ausgelassen Saltos. Kolja empfand etwas für sie! Oh, wie wundervoll! Abby war nicht nur bereit, Gwens Behauptungen Glauben zu schenken – ihr Herz und ihr Verstand hatten sie bereits im vollumfänglichen Einvernehmen als unumstößliche Wahrheit akzeptiert. Vor lauter purem, überschwänglichem Glück drohte Abbys Brust wie ein großer, roter, herzförmiger und mit Glitzer und rosa Konfetti gefüllter Luftballon zu platzen. Hach, am liebsten würde Abby vor Freude losträllern!

    Weil Abby derart unvermittelt von ihrem Sitz aufgesprungen war, musterte Gwen sie argwöhnisch. „Was ist denn jetzt?“, wollte sie wissen.

    „Ich gehe zu ihm und packe ihn an! So, wie du mir geraten hast.“ Schließlich hatte Abby schon viel zu lang eine viel zu große Distanz zu ihrem Kolja wahren müssen.

    „Damit habe ich nicht gemeint, dass du ihn an Ort und Stelle besteigen sollst. Ich halte das sogar für eine echt schlechte Idee“, stellte Gwen klar. Weshalb zeigten sich die Leute in Abbys Umfeld in letzter Zeit bloß so kritisch gegenüber ihren Plänen? Mit einem subtilen Nicken deutete der Sukkubus auf Colin und Scott und dabei fielen ein paar einzelne, schwarze Haarsträhnen über ihren Sidecut. „Die zwei Haudegen bei ihm sind deine Brüder, richtig? Das erklärt, weshalb dir etwas an der Fußballmannschaft liegt. Jedenfalls scheinen die beiden gerade ganz wild darauf zu sein, ihre Aggressionen an jemanden auszulassen. Was glaubst du, was sie mit deinem Kuschelbären anstellen, wenn sie denken, er würde sich an dir vergreifen?“

    Ach herrje! Die Gegenwart ihrer Brüder hatte Abby ja völlig verdrängt. Nach wie vor vertrat sie die unerschütterliche Ansicht, Scott würde die Verbindung zwischen ihr und seinem besten Freund befürworten, ja, sogar Freude über ihre Liebe zueinander empfinden. Allerdings neigte ihr großer Bruder dazu, Trugschlüsse zu ziehen und bei dem aufgebrachten Gemütszustand, an dem er in diesem Moment litt, gingen mit Scott schnell einmal die Reißzähne durch. Nein, er erfuhr besser zu einem späteren Zeitpunkt von Abbys und Koljas gemeinsamen Liebesglück.

    Gwens Frage diente offenbar als rhetorisches Mittel, denn ohne eine Sprechpause einzulegen, redete sie weiter: „Davon abgesehen will nicht jeder hier im Pub unbedingt euer Rumgekitsche miterleben müssen. Warte, bis ihr zwei allein seid und erfüll' Papabär dann seine Sexphantasien.“

    Sexphantasien? Ein zurückhaltender, ausgeglichener Mann wie Kolja sollte erotischen Tagträumen nachhängen? Unvorstellbar! Andererseits... ganz bestimmt schlummerte tief in ihm drin brennende Leidenschaft, die darauf wartete, hervorgelockt zu werden. Von Abby! Eigenmächtig malte ihre Vorstellungskraft farbenfrohe Bilder davon, wie Kolja keuchend und nackt über ihr lehnte. Sein blanker, starker Körper rieb sich lustvoll an ihrem; sein erregtes Stöhnen glitt geschmeidig in ihre Ohren und kitzelte ihr das Trommelfell. Puh! Auf einmal schien es, jemand hätte Abby glühende Kohlen in die Kleider geschmuggelt. Unter so viel Hitze schmolzen ihr die Kniekehlen weg und ermattet plumpste Abby auf den Sitz ihres Barhockers. Es gab da lediglich ein kleines Problem: „Wenn ich nur wüsste, wie seine Wünsche aussehen. Kolja ist viel zu wohlerzogen, um über Obszönitäten zu erzählen.“ Erst recht in Anwesenheit von Frauen. Aufs Neue begann Abby damit, den Bärenpoly anzuschmachten. Seine Manieren waren einfach formvollendet. Er öffnete für Abby Türen, ließ ihr bei jeder Gelegenheit den Vortritt, trug schwere Dinge für sie und wenn sie irgendwohin gingen, sorgte Kolja stets dafür, dass Moira und sie einen Sitzplatz bekamen, auch wenn er selbst dadurch stehen musste. Abby legte beide Hände auf ihre zartpochende Brust. Für sie war Kolja der strahlende Ritter in glänzender Rüstung.

    In Abbys Wissenslücke in Bezug auf Koljas sexuelle Sehnsüchte sah Gwen kein Hindernis. Kurzerhand schlug sie vor: „Dann leb' stattdessen deine eignen Phantasien aus“ und beugte sich Abby mit einem frivolen Schmunzeln im Gesicht entgegen. „Und versuch mir nicht weiszumachen, du hättest keine. Das kauf ich dir nämlich nie im Leben ab.“

    Was brachte es, es zu leugnen? „Um ehrlich zu sein, spukt mir da neuerdings tatsächlich etwas Konkretes durch den Kopf“, gestand Abby und wurde präzise: „Seit kurzem gibt mir Kolja Nachhilfeunterricht und ich stelle mir immer öfter vor, wie wir beisammensitzen, um uns herum liegen meine Unterlagen und die Aufgabenblätter verstreut und konzentriert betrachte ich die Gleichung auf dem Papier in meinen Händen. Kolja trägt seine Brille. Er sieht wirklich unglaublich gut mit seiner Brille aus, weißt du? Auf einmal nimmt er mir das Blatt aus den Fingern und legt es zur Seite. Er schaut mir tief in die Augen und dann lehnt er sich entschlossen über mich, drückt mich mit seinem Gewicht rücklings herab und küsst mich leidenschaftlich. Nach einiger Zeit genügen ihm meine Lippen nicht mehr, weshalb er mit ihnen meinen Hals und mein Schlüsselbein entlangwandert. Er würde gern noch mehr von mir erkunden, aber meine Kleidung ist ihm im Weg. Also entfernt er Kleidungsstück um Kleidungsstück, bis ich nackt vor ihm liege und wir dann inmitten unzähliger Matheaufgaben zusammen... .“

    „Wenn du mir gleich mit 'Liebe machen' ankommst, dann schwöre ich, gehe ich höchst persönlich zu Goofy und Pluto da drüben und stecke ihnen, aus wessen Astloch ihr Braunbärenkumpel seinen Sirup nuckeln will“, wurde Abby von Gwen unterbrochen. Todernst knallte der Sukkubus die harten Fakten auf den Tisch. „Du willst, dass Kolja es dir auf seinem sinnbildlichen Lehrerpult richtig besorgt.“

    Das war eine sehr unromantische Formulierung, doch im Großen und Ganzen konnte man das so ausdrücken, ja. Es traf unbestreitbar den Kern der Sache. Unschlüssig fragte Abby: „Ist das schräg?“

    „Nein Süße, das ist nicht schräg“, beruhigte Gwen sie. „In meiner Heimat hatte ich einen Klienten. Einen von deiner Sorte, einen Wolfpoly. Zu den Terminen mit ihm musste ich mich als Schaf verkleiden und ich meine damit keins dieser nuttigen Kostüme, in denen junge Mädels in den USA zu Halloween um die Häuser ziehen. Ich rede von dem vollen Programm mit Wollmantel, Stummelschwänzchen, falschen Schlappohren, Schleife, Glöckchen und Blök-Lauten. Das ist schräg. Was du dir zusammenphantasierst, ist niedlich. Und sehr detailreich. Wenn du jedoch deine Wunschträume Realität werden lassen willst, verlangt das nach einem Stellungswechsel.“ Auf Abbys fragende Mine hin, zwinkerte Gwen ihr zu. „Sei du diejenige mit der Leidenschaft, die ihn aufs Kreuz legt. Der Rest läuft von selbst. Das kann ich dir versprechen.“

    Okay. So sollte es sein! Bei der nächsten Gelegenheit würde Abby Kolja ihre Leidenschaft demonstrieren. Ah! Eventuell erübrigte Kolja ja heute spontan etwas Zeit für eine Nachhilfestunde? 'Nein', mahnte sich Abby selbst zur Geduld. Ihre erste gemeinsame Nacht mit Kolja sollte keinesfalls zwischen Tür und Angel stattfinden. Außerdem hatte sie ihn überhaupt erst unter einem Vorwand darum gebeten, die Nachhilfe heute ausfallen zu lassen. Sie benötigte schließlich die Zeit, um Gwen zu verhören. Apropos Verhör: „Kolja glaubt übrigens nicht daran, dass jemand die Fußballmannschaft sabotiert. Er tut alles als eine Pechsträhne ab.“

    Grüblerisch sah der Sukkubus Abby daraufhin an. „Ich weiß nicht“, meinte Gwen nach kurzer Bedenkzeit. „Es könnte beides der Fall sein. Regionalsport ist für manche eine ziemlich große Sache und ich habe Leute schon aus bescheuerteren Gründen durchdrehen sehen. Ich kann dir zeigen, wo Hayes gestürzt ist. Vielleicht bist du danach schlauer.“

    „Wäre das möglich?“ Den Tatort in Augenschein zu nehmen, würde Abby bei ihren Ermittlungen enorm weiterbringen. Aus ihrem Ausschnitt fummelte Gwen bereits den Büroschlüssel hervor.

    „Ich habe doch gesagt, ich besitze den Schlüssel zum Büro und Hayes ist derzeit sowieso nicht da.“ Hervorragend! Da bewies sich glatt wieder einmal, wie hilfreich der Kontakt zu den richtigen Personen sein konnte, egal wie gern Colin über Abbys umfangreichen Bekanntenkreis spotte. Ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich wusste, dass dir Mister Hayes' Wohl ein bisschen am Herzen liegt.“

    „So ein Quatsch. Der Winzling ist meine lukrativste Einnahmequelle und ich habe keine Lust auf finanzielle Einbußen, nur, weil jemand Koboldkegeln mit ihm spielt.“ Anmutig rutschte Gwen von ihrem Sitz herab. „Unabhängig davon mag ich deine Attitüde. Mit dir hänge ich ab jetzt öfter rum. Jetzt komm, solange niemand auf uns achtet.“



    nächster Teil

    Hallöchen ^^


    Naja. Zumindest hat Gwen ihr das nicht übel genommen. Sie scheinen sich ja auch zu versehen jetzt.

    Jap, Gwen ist zum Glück unkompliziert, hihi :D


    Ah. Ich glaube nicht, dass Gwen einer solchen Heldin ähnelt. Hoffe ich doch xD

    Schauen wir mal, ob in Gwen ein quietschsüßer Romantikkern mit Karamelfüllung steckt :rofl:


    Mit Kolja? Na, der wird sich bedanken

    Der weiß gar nicht, wie ihm geschiet, wenn Abby irgendwelche theatralischen Coverbilder nachspielen will xD


    Ach. Ich finde Abby süß. So richtig schön naiv

    Aus Interesse: Wie stehst du mittlerweile denn generell zu Abby? Ich weiß ja, dass du in Ep 1 nicht viel mit ihr anfangen konntest ^^

    Ertappte schnappte Abby nach Luft. „Was? Nein, ich wollte dir nicht unterstellen, dass du-...“ Das hieß... Doch. Eigentlich wollte sie das. Woher ahnte Gwen nur, worauf ihre Fragen abzielten?

    „Erspar' uns das Schauspiel bitte“, fiel diese ihr ins Wort. „Du bist nämlich nicht gerade ein Columbo und ich bin kein hirnloser Pferdehintern. Mir ist klar, was dein Verhör bezweckt und wenn du es genau wissen willst: An dem Tag, an dem Hayes gestürzt ist, war ich nicht mal im Pub. Ich war einkaufen. Möchtest du den Kassenzettel mit Datum und Uhrzeit sehen, Miss Marple?“

    Obwohl Gwen der Verlauf ihres Gesprächs sichtbar gegen den Strich ging, lag in ihrer Stimme weder Aggression, noch Frustration. Stattdessen reagierte sie mit nüchternem Sarkasmus. Oh je, wie unangenehm! Was musste der Sukkubus jetzt bloß über Abby denken? Dabei war sie sich so sicher gewesen, subtil vorzugehen. Nun gut. Für Abby gab es keinen Grund, am Wahrheitsgehalt von Gwens Alibi zu zweifeln. Eine Abigail Fitzpatrick stand zu ihren Fehlern und wenn sie jemanden zu Nahe trat, verlangte das nach einer Entschuldigung! „Tut mir leid, falls ich dich beleidigt habe“, bat sie sie um Verzeihung. „Ich musste herausfinden, ob du etwas mit dem Unfall zu tun haben könntest. Weißt du, ich bin mir hundertprozentig sicher, dass jemand Mister Hayes' Fußballmannschaft schaden will und sein Sturz ist Teil eines großen, heimtückischen Plans. Ich habe nichts gegen dich, ehrlich. Du hast bloß den engsten Kontakt zu Mister Hayes. Also hielt ich es für denkbar, du wärst dafür verantwortlich.“

    Der Sukkubus neigte den schwarzhaarigen Schopf und betrachtete die Wölfin nachdenklich. Danach beruhigte sie sie: „Schon gut. Um mich zu beleidigen, gehört etwas mehr dazu. Trotzdem bin ich neugierig. Aus welchem Grund sollte ich deiner Meinung nach denn Hayes oder seinen Männern etwas antun wollen?“

    Oh! Das wusste Abby prompt zu beantworten. „Aus Eifersucht natürlich!“

    Daraufhin presste Gwen ein kurzes, spottendes Lachen aus ihrer Kehle. „Eifersucht? Ich? Wegen wem? Wegen Hayes etwa?“ Als Abby überzeugt nickte, prustete der Sukkubus erneut los.

    „Was ist daran so lachhaft?“

    Gwen kicherte noch einmal auf wirklich erstaunlich anmutige Weise in ihre Faust, bekam sich allerdings rasch wieder ein. Sie erklärte: „Um seinetwegen eifersüchtig zu werden, müsste ich Hayes mögen. Und eine andere Frau müsste Interesse an ihm zeigen und das wird nie passieren.“

    Damit verwirrte sie Abby. „Aber du bist doch seine Freundin.“ Oder meinte Gwen, Mr Hayes nicht nur zu mögen, weil sie ihn ja sogar liebte?

    „Ach, Schätzchen“, klärte Gwen sie auf. „Hayes und ich sind kein Liebespaar. Er bezahlt mich für Sex. Das ist alles, was zwischen uns besteht. Ein Dienstleistungsvertrag.“

    ...Oh.

    Oh!

    Das...! Also das... . Oh. Darauf wollte Kolja also hinaus, als er gesagt hatte, Abby würde ihr Verhältnis missinterpretieren. Gwen arbeitete für Mr Hayes als Prostituierte! Uh, diese Bezeichnung klang ja schrecklich abwertend. Gab es denn keinen freundlicheren Begriff für ihre Berufsbezeichnung? „Da scheine ich wohl etwas falsch verstanden zu haben“, räumte Abby ein und hakte noch mehr nach: „Prostitution also. Darf ich fragen, wie es denn dazu kommen konnte?“ Hatte Gwen die Schule abgebrochen und stand nun ohne Abschluss da? Oder benötigte sie womöglich dringend Geld, welches sie auf keinem anderen Weg zu beschaffen wusste? Irgendetwas musste ihr widerfahren sein; anderenfalls hätte sie wohl kaum angefangen, ihren Körper zu verkaufen.

    Offenbar traf keine von Abbys Vermutungen ins Schwarze. „Tu nicht so, als wäre ich ein Sozialfall, ja?“, verlangte Gwen und runzelte verstimmt ihre ebenmäßige Stirn. „Ich bin ein Sukkubus. Ich bin von Sex abhängig. Nach dem Schulabschluss stand ich nicht vor der Wahl, Meeresbiologin oder Anwältin zu werden. Ich musste mich entscheiden, ob ich aus eigennütziger Wohltätigkeit die Beine für Männer breitmache oder finanziell davon profitieren will.“ Während sie sprach, verdeutlichte Gwen den monetären Aspekt ihrer Worte, indem sie den Zeigefinger gegen ihren Daumen rieb. Dann lächelte sie selbstüberzeugt. „Hat sich rausgestellt, dass in mir die geborene Geschäftsfrau steckt. Ich verdiene gut, erledige brav meine Steuererklärung und am Ende bleibt noch was für meine Altersvorsorge und eine Zahnversicherung übrig. Und für diese Schönheiten hier.“ Sodann hob Gwen ihr schlankes Bein, um Abby freie Sicht auf die Schuhe zu gewähren, die sie an diesem Tag trug und die selbstverständlich perfekt zu der Farbe ihres Kleides passten. Bei ihrem Anblick wurden Abbys Augen groß.

    „Sind das etwa echte Louis Vuittons?“

    „Nicht schlecht, was?“ Stolz begutachtete Gwen die Pumps und ließ ihre Füße im Anschluss wieder herab. „Das Beste ist, dass ich sie als Arbeitskleidung von der Steuer absetzen kann.“

    Wow! Für ein Paar dieser Schuhe bezahlte man mehr, als Abby in einem ganzen Jahr für neue Klamotten ausgab! Selbst die Auslaufmodelle aus der vergangenen Saison überstiegen das verschmerzbare Budget eines Normalverdieners. „Sie sehen super aus!“, bewunderte Abby sie voller Begeisterung. „Und du hast so herrlich schmale Füße. Dir steht sicher jeder Schuh fabelhaft.“ Da überkam sie ja beinahe kleiner Anflug von Neid. Bei Abbys hochgewachsenen Statur wurde es nämlich kompliziert, überhaupt schicke Damenschuhe in der passenden Größe zu finden. Sie schwärmte weiter: „Ich liebe Schuhe! Sobald ich von zuhause ausgezogen bin, werde ich mir eine Wohnung mit einem extra Zimmer nur für meine Schuhe und Klamotten mieten. Das wird mein eigener, begehbarer Kleiderschrank.“

    „So ein Zimmer habe ich“, prahlte Gwen mit einem Augenzwinkern. „Und es ist unglaublich toll. Eventuell lade ich dich bei Gelegenheit auf einen kleinen Rundgang durch meine Kleiderkammer ein. Dann kannst du Inspiration sammeln.“

    „Wirklich? Das fände ich großartig!“ Vor Vorfreude klatschte Abby vergnügt die Hände ineinander; anschließend reichte sie Gwen eine davon. „Ich bin übrigens Abby. Abby Fitzpatrick.“

    „Baobhan-Sith MacFarlane“, stellte sich der Sukkubus vor. Ähm, wie bitte? Teilweise machte es dieser gutturale Akzent wirklich schwer, aus Gwens Redefluss einzelne Silben herauszuhören. Konzentriert versuchte Abby, die Laute mit den Lippen nachzuformen.

    Bah-wenn-schi?“

    „Das war sogar ziemlich richtig.“ Gwen schmunzelte amüsiert. „Du kannst mich Gwen nennen. Das tun die meisten.“

    Ah, sehr gern! „Okay, Gweni!“ Doch kaum sprach Abby aus, gebot Gwen ihr bereits via einer eleganten, dennoch strengen Handbewegung zu schweigen.

    „Nein“, sagte sie bestimmend. „Es heißt Gwen. Nur Gwen. Das ist schon ein Spitzname. Den müssen wir nicht verniedlichen, okay?“

    Oh. Na gut. Dann blieb es eben bei Gwen. Für Abby stellte sich trotzdem die Frage: „Wie kommt man denn von Baobhan-Sith auf Gwen?“

    Der Sukkubus hob die Achseln. „Spitznamen ergeben nicht immer Sinn. Kennst du jemanden namens Richard?“

    Ja, das tat Abby tatsächlich. „Einer meiner Onkel heißt so.“

    „Wie ruft ihr ihn?“

    Was für eine Frage! Fröhlich flötete Abby los: „Na 'Onkel Dick'!“

    Unversehens wandten ein paar der Gäste ihr Augenmerk von dem improvisierten Kampfring der Kellner ab und richteten es stattdessen auf die junge Wölfin am Tresen. Vielleicht hatte sie den Kosenamen ihres Verwandten ein wenig zu enthusiastisch vorgebracht? „Siehst du, was ich meine? Kein sehr schmeichelhafter Name, wenn du mich fragst“, kommentierte Gwen die irritierten Gesichter der Freaks. „Besonders nicht, wenn man ihn in einer englischsprachigen Kneipe ohne jeglichen Kontext herumbrüllt.“

    Schnell verflog das Interesse der Gäste an den beiden Frauen und heftete sich dafür zurück an Scott und Ward. Abby gab zu, dass Gwen einen gewissen Standpunkt vertrat, was die Sinnhaftigkeit von Spitznamen anbelangte. Gwen. Gwen MacFarlane also. Augenblick! MacFarlane? „Du bist Schottin!“, sprudelte die Erkenntnis aus Abbys übereifrigen Mund hervor. Jetzt wusste sie auch Gwens Akzent einzuordnen. Diese tat ihrer neuen Bekanntschaft den Gefallen, ihrer schottischen Schnauze freien Lauf zu lassen und bestätigte grinsend: „Aye, Lassie. Gebürtig und in der Keine-Ahnung-wievielten Generation aus Inverness.“

    „Inverness!“ Euphorisch japste Abby. „Das liegt in den Highlands!“ Gwen war eine Highlanderin! Wie die tapferen und unheimlich klugen Heldinnen aus Abbys Lieblingsromanen! In diesen Geschichten siegte am Ende stets die Liebe der Protagonistin zu dem tapferen, starken und selbstverständlich umwerfend gutaussehenden Schotten ihres Herzens. In der Regel fanden die zwei Liebenden erst nach einigen steinigen Umwegen zueinander aber dafür gestaltete sich der Moment, in dem sie ihren Gefühlen endlich nachgaben, wie eine wunderbare Explosion ihrer Emotionen. Vor allem von den Sexszenen konnte Abby nie genug kriegen. Leise seufzte sie. Nach genau so einer Liebesgeschichte sehnte sie sich in ihrem Leben. Bis auf den Teil mit den Umwegen. Den durften die Autoren gern als Stilmittel ihres Genres behalten. „Was hat dich denn dazu getrieben, Schottland zu verlassen?“, zeigte Abby ihr ehrliches Interesse an Gwens Herkunft. Für sie war der Gedanke, ihre Familie und Freunde zurückzulassen, um in ein fremdes Land zu ziehen, absolut unvorstellbar. Ohne ihre Eltern und Geschwister würde Abby schneller eingehen, denn die Grünpflanze, die sie vor einigen Jahren Scotts Obhut überlassen hatte. Binnen weniger Tage!

    Gwens Antwort fiel gewohnt prosaisch aus: „Der Brexit. Ich mag ich das Konzept der Europäischen Union und Irland bleibt die einzige Option, solange man nicht gleich aufs Festland ziehen will. Und eigentlich lebt es sich hier ganz gut, zumindest nicht schlechter als in Schottland. Dein Freund wird sich ja bestimmt auch nicht grundlos ausgerechnet hier niedergelassen haben.“

    „Mein Freund?“ Welcher Freund? Derzeit führte Abby gar keine Beziehung. Entsprechend ratlos vollzog die Wölfin die imaginäre Linie nach, die sich zwischen Gwens richtungsweisender Fingerspitze und einem Punkt am Ende des Pubs spann. Und sie endete bei... Kolja?



    nächster Teil

    Guten morgen, Lady ^^

    Sie ist so süß, wie sie da Gwen befragt und die bekommt natürlich sofort mit, was da abläuft.

    Abby ist eben mein quietschsüßes, sahne- und naivitätgefülltes Schokoladeneclair mit Streußeln :rofl:

    Mich würde interessieren, warum die anderen kurz davor standen, sich auseinanderzunehmen bzw. warum Scott den Geist auseinander nehmen will xD

    Um mal Gwen zu zitieren: "Das wissen die zwei nicht mal selbst" :D

    Geil fand ich natürlich auch, wie Abbys Gedanken immer wieder zu Kolja geschwenkt sind ...

    Gut, dass das auffällt. Ich wollte gern erreichen, dass man mitbekommt, wie sie vor lauter Liebesduselei für ihn kaum einen Gedanken zuende spinnen kann, ohne dass Kolja darin eine Rolle spielt ^^

    In diesem Sinne ... Lady hatte ein unterhaltsames Frühstück

    Das freut mich :)

    Abigail


    „Du verdammter Wichser! Dich mach ich fertig!“, brüllte Scott wutentbrannt, holte aus und gerade im letzten Moment gelang es Kolja, sich unter seiner heranschnellenden Faust hinweg zu ducken. Der Bär verharrte nicht in der Defensive. Er nutzte die Gelegenheit, Scott am Arm zu packen, zerrte ihn mit einem kräftigen Ruck näher und rammte ihm dann unversehens die Schulter gegen die ungeschützte Brust. Durch die enorme Krafteinwirkung wurde Abbys Bruder rückwärts an die Wand gewuchtet; dort heftete Kolja den tobenden, zähnefletschenden Wolf fest. Mit Händen und Füßen setzte sich Scott gegen den unerbittlichen Griff seines Freundes zur Wehr, doch aus eigener Erfahrung wusste Abby, dass Widerstand keinerlei Wirkung angesichts Koljas übermenschlicher Stärke zeigte. „Pfoten weg, Bär!“, forderte Scott aus tiefer Kehle knurrend. „Dem Scheißkerl reiß ich den Arsch auf! Hast du das gehört, Ward?! Dir stopf' ich das Maul!“

    Diese und noch einige weitere, wirklich sehr unhöfliche Drohungen, spie Scott über Koljas breites Kreuz hinweg einem anderen Kellner entgegen und einzig der Bär hielt ihn wie ein Bollwerk davon ab, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Auf der anderen Seite des Schankraums zwang Colin den Adressaten der Beschimpfungen auf Abstand zu seinem Bruder, indem er sich einschüchternd nahe vor Scotts Arbeitskollegen aufbaute und zur Warnung die Zähne bleckte. Oh je, oh je! Kurzzeitig wägte Abby ab, schlichtend in die Situation einzugreifen. Allerdings sorgten Kolja und Colin bereits dafür, dass es zu keinen Handgreiflichkeiten kam und ehrlich gesagt wollte Abby lieber nicht zwischen einem austickenden Wolfsrüden und seiner Beute stehen. Bei aller geschwisterlicher Hingabe wurde sie von ihren Brüdern nämlich keineswegs mit Samthandschuhen angefasst. Ohnehin erwiderte Ward – so hatte Scott seinen Kollegen doch gerufen, richtig? - die ihm entgegengebrachten Aggressionen allerhöchstens geringfügig. Er wirkte auf Abby eher genervt? Zermürbt? Gefrustet? Irgendwie schaffte es seine Mimik, alle drei Emotionen simultan abzubilden. Jedenfalls schien ihn die angekündigte Gewalt kaum einzuschüchtern, obgleich das Gespenst in seinem gegenwärtig vollständig materialisierten Zustand durchaus physischen Schmerz spüren und fürchten sollte.

    Ein Gespenst also. Wie interessant! Man erahnte es an Wards leichenblassen Fingern und den farblosen Wangen. Kreislaufschwierigkeiten gehörten zu den typenspezifischen Problemen, mit denen sich Gespenster herumplagen mussten und deshalb floss das Ektoplasma oft zu unregelmäßig in die einzelnen Körperregionen, um einen kontinuierlichen, einigermaßen lebendig wirkenden Teint zu imitieren. Vermutlich strahlten Wards Ohren ähnlich weiß; der der obere Teil seiner Ohrmuscheln wurde jedoch von den blonden Spitzen seines pragmatischen, äußerst pflegeleichten Kurzhaarschnitts verdeckt. Die Frisur verfehlte Abbys persönlichen, höchsteigenen Geschmack aber sie unterstützte stilistisch hervorragend die ähnlich pragmatische Kleidung, in die Ward seine hagere Gestalt hüllte: Cargohosen in erdigen Farben, einfache Turnschuhe und dazu eines dieser schlichten, schmucklosen Baumwollshirts, die man unkompliziert überall im Multipack zu kaufen bekam. Uh! Wahrscheinlich konnte Ward seine Kleidung in ein und demselben Waschgang erledigen. Wie praktisch! Und... na ja, pragmatisch eben. Aber trotzdem praktisch! Abby opferte jedes Mal gefühlt Stunden dafür, ihre getragenen Klamotten nach heller Wäsche, bunter Wäsche, schwarzer Wäsche, Feinwäsche, Kochwäsche, Handwäsche oder Wolle zu sortieren und dann ratlos zu überlegen, auf welchen dieser Häufchen sie nun ihre schwarz-weiß-getupfte Bluse werfen sollte.

    Hoppla, worauf wollte Abby ursprünglich hinaus? Irgendwie war ihr der rote Faden abhandengekommen. Hatte es mit Kurzhaarschnitten zu tun...? Egal! Es sah sowieso niemand so umwerfend gut mit einem Kurzhaarschnitt aus, wie Kolja. Niemand! Kein einziger Mann auf der Welt.

    Abby schlängelte sich an den Tischen und den aufgescheuchten Fußballspielern aus Scotts Mannschaft vorbei. Sie erkannte die Männer von den Spielen wieder, bei denen Abby im Publikum gesessen und das Team kräftig angefeuert hatte. Doch Abby war nicht wegen der heutigen Mannschaftsbesprechung in den Pub gekommen.

    Der Grund ihrer Anwesenheit saß mit grazil überschlagenden Beinen und in einem wirklich knappen, hellblauen Kleid auf einem Barhocker am Tresen und beobachtete, sichtlich bestens davon unterhalten, das Spektakel zwischen Abbys Bruder und dessen Kollegen. Kolja mochte der Ansicht sein, die Fußballmannschaft litt lediglich unter einer Pechsträhne, aber Abby hielt an ihrer Überzeugung fest: Jemand spielte dem Team ihrer Brüder übel mit und sie würde schon herausfinden, wer und wieso! Mr Hayes Freundin erschien Abby dahingehend der ideale Startpunkt sein. Eifersucht war ein starkes Motiv und Abby wusste, wozu Verlustängste eine Frau anzutreiben vermochten. Ein kleiner Stoß und der untreue Freund stürzte in sein Verderben. Zudem der Sukkubus keinen Hehl daraus machte, wie sehr ihn der Zank der Männer erheiterte. Aus Genugtuung womöglich!

    Abby mimte Nonchalance, als sie auf dem freien Hocker neben Gwen Platz nahm und mit einem Wink zu Scott den Sukkubus ansprach: „Worüber streiten die zwei?“

    „Ich habe keine Ahnung“, antwortete Gwen, ohne ihre blauen Augen für eine einzige Sekunde von Wolf und Geist abzuwenden. Huch, sie sprach ja mit Akzent! „Und wie ich die beiden kenne, wissen sie es selbst nicht.“ Dann umspielte ein Lächeln ihre vollen Lippen. „Ist es nicht faszinierend? Rohe Gewaltbereitschaft unter Männern und voller Körpereinsatz. Ich würde Geld dafür bezahlen, so was jeden Tag ansehen zu dürfen.“

    „Findest du?“ Automatisch richtete Abby ihren Blick auf die besagten Streithähne weiter hinten im Schankraum. Was meinte Gwen? Abby entdeckte bloß ihre Brüder und die benahmen sich wie immer. Hach! Aber dafür war Kolja einfach unglaublich. Mit welcher Kraft er Scott daran hinderte, auf Ward loszugehen, obwohl sein Freund ihm bereits halb auf der Schulter hockte. In ihm steckte so viel Stärke, so viel Geduld, so viel Besonnenheit! Sein Anblick und die beeindruckende Demonstration seiner Muskeln ließen Abby dahinschmelzen.

    'Nicht jetzt!', rief sie sich selbst zur Räson und vertrieb mittels einiger sanfter Schläge die Wärme aus ihren Wangen. Sie wollte doch Gwen befragen, nicht Kolja gedanklich ausziehen! Ehe Abby also tatsächlich vor lauter Hitze zerfloss und von ihrem Barhocker auf das Parkett tropfte, lenkte sie ihre ganze Konzentration wieder auf den Sukkubus. Dieser schien insbesondere von Colins Erscheinung gefesselt zu sein.

    „Will Mister Hayes nicht dazwischen gehen?“, fragte Abby als nächstes. Was für ein schlauer Schachzug von ihr! Redeten sie einmal über den Kobold, konnte Abby ganz beiläufig auf seinen Sturz zu sprechen kommen und weitere Informationen herauskitzeln.

    Nach wie vor hielt Gwen es für unnötig, ihrer Gesprächspartnerin ihr Augenmerk zu schenken. „Kann er nicht. Er ist nicht hier.“

    „Wo steckt er denn?“

    Gwen winkte gleichgültig ab. „Keine Ahnung. Vielleicht ist er beim Arzt, um sein Bein untersuchen zulassen. Vielleicht auch nicht. Ehrlich gesagt ist es mir völlig egal, wo er sich herumtreibt.“ Aha! Diese Wortwahl kannte Abby von Scott, wenn er versuchte, seinen Trennungsschmerz zu überspielen. Nur klang er dabei wesentlich unglaubwürdiger. Oder andersherum ausgedrückt: Gwens Behauptung klang überzeugend. Nichtsdestotrotz brachte sie dadurch von selbst auf den Tisch, worauf Abby hinauswollte. „Oh ja. Mister Hayes' Bein“, griff sie es augenblicklich auf, bevor ihre Chance dazu noch von einer lapidar daher gesagten Bemerkung hinweggekehrt wurde. „Das ist wirklich schlimm. Man kann ihm nur gute Besserung wünschen.“

    „Wenn du das sagst.“

    „Wie ist das eigentlich passiert?“ Weil Gwen wenig Interesse daran zeigte, ein Gespräch über den Leprechaun zu führen, musste Abby ihr wohl oder übel aus der Nase ziehen, was sie erfahren wollte.

    Der Sukkubus erzählte gelangweilt: „Hayes ist die Treppe runtergestürzt, die von seiner Wohnung ins Büro führt. Das ist schon alles.“

    „Musste er lange warten, bis Hilfe gekommen ist?“

    „Nö“, gurrte Gwen. „Glen und Kelly, die zu der Zeit Schicht hatten, haben das Gepolter gehört und sofort einen Arzt gerufen.“

    Je mehr Gwen von sich gab, desto deutlicher nahm Abby ihre ungewohnte, harte Aussprache wahr. Okay. Ihren Ausführungen zufolge, stand dem potentiellen Täter kein Zeitfenster zur Verfügung, um unmittelbar nach seiner Tat zu fliehen, denn dann wäre er direkt in die beiden Kellner gerannt, die Hayes zur Hilfe geeilt sind. Seine einzige Möglichkeit bestand somit darin, sich bis zum passenden Moment im Obergeschoss versteckt zu halten und später durch den Schankraum das Tír na nÓg zu verlassen. Dieser wäre aber mit Sicherheit bis in die Morgenstunden voller Gäste und den Angestellten gewesen. Das bedeutete, man hätte denjenigen auf jeden Fall entdeckt und Fragen gestellt – außer, die Person ging regulär im Büro ein und aus. Ha! Wie ausgefuchst Abby doch sein konnte. Jetzt zahlte es sich aus, sämtliche Staffeln von Criminal Minds gesehen zu haben.

    Abby unternahm einen weiteren Versuch, den Dialog in eine informative Richtung zu stupsen. „Dann wird wohl niemand den Sturz beobachtet haben, oder?“

    „Unwahrscheinlich“, stimmte Gwen ihr zu. „Die Bürotür ist normalerweise abgeschlossen und außer Hayes haben bloß ein paar der Kellner einen Schlüssel.“ Ja, das ergab Sinn. An Stelle des Kobolds würde Abby den Zugang zum Büro genauso kontrollieren wollen, wenn man darüber ihre Privatwohnung erreichte. Hm. Als Mr Hayes' Freundin besaß Gwen doch bestimmt ebenso einen Schlüssel zu seinen Räumen, oder? Als hätte Gwen Abbys Gedanken gehört, fügte sie der Vollständigkeit halber hinzu: „Und selbstverständlich hat er mir einen gegeben.“

    „Oh, okay!“ Abby war nah dran - nah dran an einem Geständnis, das spürte sie! Vorsichtig, damit ihr sorgsam aufgestapeltes Kartenhaus auf keinen Fall zusammenfiel, stellte sie dem Sukkubus noch eine Frage: „Warst du denn in seiner Wohnung, als Mister Hayes gestürzt ist?“

    Da löste sich aus Gwens Brust ein genervtes Seufzen und zum ersten Mal seit Beginn ihrer Unterhaltung, schaute sie Abby direkt an. „Bist du langsam fertig mit den Detektivspielchen? Dein Frage-Antwort-Quiz wird nämlich wirklich langweilig. Kürzen wir das ganze ab, indem ich dir das Endergebnis verrate, okay? Ich habe Hayes nicht die Treppe runtergestoßen.“



    nächster Teil

    Hallo Fantasy Girl <3 und vielen lieben Dank für das Lob und die netten Worte ^^ Es freut mich sehr, dass dir meine Geschichte, meine Figuren und mein Stil so gut gefallen, dass dich sogar die Erzählperspektive, entgegen eigener Vorlieben, nicht gestört hat.


    So viel wie eben habe ich schon lange nicht mehr gelacht, so ganz alleine vor meinem Computer. Ich sah bestimmt wie eine Verrückte aus.

    Lachen ist gesund und wer nicht lacht, der gibt ein Stück Lebensqualität auf :D

    Hallöchen ^^

    Schalalalala - Küss sie doch!

    Wieso habe ich jetzt das Bild im Kopf, wie eine singende Krabbe um Kolja herumhüpft, aber anstatt verwirrt zu sein, schnappt Kolja sie und wirft sie in einen Suppentopf xD


    Danke für deinen Kommentar und deine Gedanken :D

    „Wieso denn?“ Überrascht löste sie ihre siegessichere Körperhaltung. Klar, dass Abigails Plan in den Augen seiner Schöpferin wasserdicht und ohne jeglichen Schwachpunkt erschien. Kolja beurteilte das Ganze hingegen etwas kritischer:

    „Weil du dir Ärger einhandeln könntest.“ Und dank seines Versprechens gegenüber Scott war er derjenige, der Abigail von ebensolchen fernzuhalten hatte.

    Sie zog daraus ihre eigene Schlussfolgerung. „Also denkst du doch, dass mehr dahinterstecken könnte!“

    „Nein. Tue ich nicht“, stellte Kolja klar. „Nur kenne ich dich mittlerweile gut. Du bist wie Scott. Ihr wollt mit dem Kopf durch die Wand und tretet dabei anderen mit eurer ungestümen Art auf die Füße. Nicht jeder reagiert gelassen auf so was.“ Zudem Abigail Colins Verdacht übernommen und der Liste an Verdächtigen die Feen hinzugefügt hatte. Diese Typen verstanden absolut keinen Spaß. Vor allem die Frauen verhielten sich wie echte Biester und zeigten nicht einmal gegenüber O'Rourke und dessen Rudel Furcht. Ihr Schwarmdenken ließ ihnen eine unberechenbare Gruppendynamik zuteilwerden, an welcher sich selbst ein gestandener Alphawolf wie er die Zähne ausbiss. Zusammengefasst: Wenn man schlau war, wahrte man so viel Abstand wie möglich zu den Feen. „Außerdem hast du gar kein Recht dazu, Ermittlungen anzustellen. Am Ende bekommst du noch eine Anzeige wegen Belästigung“, fügte Kolja seiner Begründung hinzu.

    Leider blieben seine Einwände wirkungslos. Abigail verschränkte abwehrend die Arme und zog einen süßen Schmollmund. „Was heißt hier, ich hätte kein Recht? Ich habe die Pflicht meinen Brüdern zu helfen! Wir sind Geschwister, wir stehen für einander ein.“

    Ja. Und Kolja befürchtete, dass Abigails Leichtsinnigkeit eben aus dieser Überzeugung heraus entstand. „Das ist löblich“, räumte er ein, „aber du tust deiner Familie einen größeren Gefallen, indem du dich aus Problemen raushältst. Deine Brüder und dein Vater können dich nicht aus jeder Misere retten.“

    Außer einem mauligen Blick bekam Kolja keine Reaktion von Abigail. Er bat sie deswegen: „Lass die Leute einfach in Ruhe“ und beließ es dabei. „Möchtest du jetzt mit den Matheaufgaben weitermachen?“

    Augenscheinlich mochte sie das. Missmutig schweigend kehrte Abigail zu ihrem Platz auf der Couch zurück. Diese bedingungslose Treue zwischen den Fitzpatrickgeschwistern würde für Kolja wohl ein lebenslanges Mysterium bleiben. Seine Beziehung zu seiner eigenen Schwester lief da wesentlich distanzierter ab; genau genommen musste Kolja verdammt scharf darüber nachdenken, ob er in diesem Jahr überhaupt schon ein Wort mit Nadeschda ausgetauscht hatte. Oder in den letzten fünf.

    Kolja nutzte die wahrlich seltene Gelegenheit, Abigail stumm zu erleben, und demonstrierte ihr, wie viele relevante Werte sich allein schon aus der Aufgabenstellung herausfiltern ließen – bis sie ihn erneut unterbrach. „Ich verstehe es nicht.“

    „Okay. Soll ich noch mal ganz von vorn anfangen?“

    Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ich rede nicht von der Aufgabe.“ Eindringlich sah Abigail ihn an und forderte dann zu erfahren: „Wieso bist du so überzeugt davon, dass bei all diesen Vorfällen niemand seine Finger im Spiel hat?“

    Hing sie gedanklich etwa weiter bei ihrem angeblichen Komplott fest? Allmählich gelangte Kolja wirklich zu der Überzeugung, dass Abigails Noten weniger durch einen Mangel an mathematischem Verständnis gefährdet wurden, denn durch ihre unzureichende Konzentrationsgabe. „Die Umstände lassen diese Schlussfolgerung nicht zu“, begründete er seinen Standpunkt in der Hoffnung, Abigail würde dadurch einsichtig werden. „Es gibt keinen Anlass zu vermuten, jemand würde die Mannschaft sabotieren. Ich halte den Verdacht sogar für realitätsfern. Geldgeber springen ab, genauso wie Spieler, wenn die Lebensumstände keine Vereinsaktivitäten mehr zulassen. Den demolierten Schuppen könnte man der Zerstörungswut von O'Rourkes Männern oder den Feen zuschreiben, diese Möglichkeit räume ich ein. Aber Hayes vorsätzlich die Treppe hinabzustoßen, grenzt dagegen an Bösartigkeit. In meinen Augen ist eine Verkettung ungünstiger Ereignisse plausibler, als die Theorie, jemand konspiriere gegen eine Amateurfußballmannschaft.“

    „Die Umstände können aber auch täuschen“, wandte Abigail ein. „Denk darüber nach! Du hast damals selbst dein Geld darauf verwettet, Scott und Hazel würden niemals miteinander ausgehen und jetzt feiern die zwei bald ihr vierteljähriges Jubiläum. Oder schau einfach nur uns beide an.“ Hm? Wieso denn sie beide? „Den Umständen nach, müssten wir ein Liebespaar sein.“

    Zum Glück hatte der Bärenpoly gerade keinen Schluck aus seiner Tasse genommen, anderenfalls würde er Abigail in dieser Sekunde den Tee entgegenspucken, wie die Sprinkleranlage im Garten ihres Vaters. So gaffte er die Wölfin lediglich wie ein Vollidiot an. „Ist dem so?“, gab er Gelassenheit vor und richtete die Position seiner Brille. Mann, was für ein erbärmlicher Versuch, über seine Verlegenheit hinwegzutäuschen.

    Ein Nicken begleitete Abigails Antwort. „Natürlich. Du musst zugeben, Kolja, dass die Voraussetzungen für eine lebenslange Liebesbeziehung zwischen uns nahezu perfekt sind.“

    „Sind sie das.“ Und lag es nur an ihm, oder wurde es tatsächlich schlagartig heiß hier drin? Kolja befürchtete, wie eine Dampfpfeife zu qualmen, sollte er jetzt den Kragen seines Hemdes lüften.

    Erneut ein Nicken. „Oh ja! Wir würden hervorragend von den Persönlichkeiten des anderen profitieren! Mein jugendlicher Elan würde deinen gemäßigten Alltag in Schwung halten und im Gegenzug dafür ließest du mich an deiner weitreichenden Lebenserfahrung und gesammelten Weisheit teilhaben.“

    Moment mal. Weitreichende Lebenserfahrung? Gesammelte Weisheit? Für wie alt hielt Abigail ihn eigentlich?? „Ich bin fünfunddreißig, nicht dreiundfünfzig Jahre alt.“

    „Und ich bin zweiundzwanzig und nicht... zweiundzwanzig. Egal! Was man auch nicht unterschätzen sollte ist, dass Scott mit Hazel zusammen ist und sie ist eine Hexe. Das heißt, meine Eltern wären vorbereitet und deswegen nicht mehr ganz so enttäuscht, dass du kein Wolf bist.“ Was Abigail damit ansprach, war die altbackene Erwartungshaltung, seinen Partner unter seinesgleichen zu suchen: Ein Hexer nahm sich eine Hexe, ein Kobold eine Koboldfrau, eine Wölfin einen Wolfsrüden. Fertig. Glücklicherweise bröckelte dieses antiquierte Denkmuster seit einer halben bis ganzen Dekade wie schlecht verarbeiteter Putz von einer modrigen Betonmauer. Vergleichbar mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder Tätowierungen, hatten Romanzen zwischen verschiedenartigen Freaks ihr Stigma verloren und genossen zumindest unter den jüngeren Generationen Akzeptanz. Einzig konservativ eingestellte Freaks taten sich schwer mit dieser Entwicklung, sowie ein paar Angehörige der älteren Jahrgänge, die es schlichtweg nicht anders kannten. Scheinbar gehörten Abigails Eltern zu letzteren Kategorie. Mh. Hätte die Gesellschaft diesen Punkt schon vor fünfzehn Jahren erreicht, dann wäre Kolja vermutlich längst mit seiner Zauberin von damals verheiratet - und von ihr geschieden.

    Unbeirrt setzte Abigail ihre Ausführungen fort. „Wir schauen dieselben Serien, mögen dasselbe Essen, sind beide gern an der frischen Luft. Du läufst bevorzugt auf der rechten Seite, ich auf der linken. Ich lege Wert auf gute Manieren und du bist ein Gentleman. Außerdem isst du den Rand meiner Pizza auf, den ich nicht mag. Oh, und ich spiele liebend gern mit dem Frisbee und du kannst so unglaublich weit werfen. Und das Beste ist, du hast die ideale Größe für einen Zehenspitzenkuss.“

    „Einen was?“

    „Einen Zehenspitzenkuss“, wiederholte Abigail für Kolja. „Bei einem Zehenspitzenkuss fordere ich von dir einen Kuss ein, indem ich dir entgegenkomme und mich dafür auf die Zehenspitzen stelle. Und du brauchst nichts weiter tun, als deine Lippen zu spitzen. Etwa so.“ Um ihre Worte zu veranschaulichen, legte Abigail ihren Kopf sacht in den Nacken, schloss die Augen und wie beschrieben, formten ihre Lippen einen wundervollen Kussmund. Oh Gott, was für eine einladende Geste. Kolja rang mit seinen hochkochenden Gefühlen um die nötige Selbstbeherrschung, auf keinem Fall dem Drang in seiner Brust nachzugeben und seine Lippen tatsächlich auf ihren dargebotenen Mund zu senken. Ein einzelner, klarer Gedanke kämpfte sich tapfer seinen Weg bis in Koljas Verstand vor und er drehte sich voll und ganz um eine einzige Erkenntnis: Abigail verzichtete auf den Konjunktiv. Was...was wollte sie Kolja mit all dem mitteilen?

    Nach einigen Sekunden, die er untätig damit verschwendete, Abigail dümmlich anzuglotzen, blinzelte sie ihm unter einem leicht gehobenen Augenlid an. Anschließend richtete sie sich auf. „Hast du gesehen, was ich meine?“

    Sein Nicken beantwortete ihre Frage. Ja. Hatte er. Definitiv.

    „Apropos Scott“, fing Abigail abermals an zu erzählen. „Ihr zwei seid Freunde. Er hält sehr viel von dir und vertraut dir blind. Wir müssten deshalb nicht mal befürchten, dass sein Beschützerinstinkt mit ihm durchgeht, so wie es bei meinen bisherigen Freunden der Fall war. Scott akzeptiert dich bereits in meiner Nähe und wenn er Ruhe gibt, hält automatisch auch Colin die Füße still.“ Dachte sie. Kolja wünschte, ihren Optimismus teilen zu können, doch dafür fehlte ihm schlicht und ergreifend die rosarote Brille, durch die Abigail ihr Umfeld betrachtete. Für den Bären stand unumstößlich fest: Scott würde vor Wut rasen, sollte Kolja seine Schwester anfassen. Oder schlimmer: Ginge die Beziehung zu Abigail in die Brüche, verlor Kolja unvermeidlich seinen besten Freund. Dieses Risiko konnte es unmöglich wert sein.

    Nicht wahr?

    Da Kolja ihr eine verbale Reaktion auf das Gesagte schuldig blieb, schien Abigail das Thema beenden zu wollen. Sie nahm einen Bleistift sowie den Zettel mit der Aufgabenstellung und dabei gab sie diesen einen Satz von sich, der Kolja härter vor den Kopf stieß, denn der Tritt eines wildgewordenen Minotaurus': „So rein hypothetisch gesprochen, meine ich.“

    Das traf.

    Wider besseren Wissens hatte Kolja seiner Hoffnung den Höhenflug erlaubt, eine unterschwellige Bedeutung in Abigails Äußerungen hineinzuinterpretieren. Jetzt schlugen diese Erwartungen mit der fatalen Wucht eines Meteoriten auf dem Boden der Tatsachen auf und anstatt in die Erdoberfläche, sprengten sie bei ihrem Sturz einen desaströsen Krater in Koljas Gefühlswelt. Okay, Lektion gelernt. Das passierte, wenn man seine eigenen Vorsätze über den Haufen warf. „Klar. Hypothetisch.“ Was sonst. Jedenfalls hatte Abigail ihre Behauptung über den Einfluss der äußeren Umstände hinreichend bewiesen. „Wenn du so argumentierst, hast du Recht. In unserem Fall führen die Umstände wirklich nicht zu einem naheliegenden Ergebnis“, pflichtete Kolja ihr daher abschließend bei und verurteilte dadurch seine Zuneigung zu Abigail, weiterhin und bis zum Ende aller Tage hinter Schloss und Riegel zu verrotten. Na ja. Wenigstens bewahrte er auf diese Weise seine Freundschaft zu Scott. Denn wenn Kolja von etwas überzeugt war, dann, dass Scott möglichst keinen Wind von all dem bekommen sollte.



    nächster Teil

    Hallo Lady ^^

    Abby ist aber auch der Knaller :rofl:

    Ihre Gedankensprünge möchte ich auch mal haben. Nur, um zu gucken, wie die so zu Stande kommen xD

    Ach, wir haben noch so einige Teile aus Abbys Sicht vor uns. Da werden wir ihre farbenfrohe Gedankenwelt mit Sicherheit einmal live und in Action erleben :D


    Danke schön für deinen Kommentar ^^

    Guten morgen ^^

    Hätten nur noch so zwei Rudel gefehlt, die schnipsend, hüpfend und singend aufeinander zugehen und dann "kämpfen". Und Scott so: "Da mach ich nicht mit!"

    So wie in Tangled, als Flynn in der Räuberkneipe an der Wand hängt und sich weigert, mitzusingen, bis man ihm lauter Schwerter an die Kehle hält :rofl: "I don't sing."


    Ja, okay, ich wollte Scott leiden sehen ...

    Der arme :D Womit hat er das nur verdient, frage ich mich :rofl:


    Und natürlich Danke schön für diesen und den letzten Kommentar :>

    Unter Einhaltung eines angemessenen Abstands setzte er sich neben die Wölfin und kramte aus seinem Rucksack ein Brillenetui hervor. „Du bist Brillenträger?“, fragte Abigail, derweil Kolja die Bügel seiner Sehhilfe auseinanderbog und das Gestell hernach auf seinem Nasenrücken platzierte.

    „Ich brauche sie nur zum Lesen von gedruckten Texten. Auf die Ferne sehe ich gut.“ Die Sehkraft von Bären war generell eher mittelmäßig und wurde mit voranschreitendem Alter merklich schlechter. Auf kurz oder lang würde Kolja dauerhaft eine Brille tragen müssen; ein bisschen Zeit blieb ihm bis dahin allerdings noch.

    „Ich sehe dich heute zum ersten Mal mit Brille. Mir gefällt sie. Sie steht dir wirklich gut.“ Tat sie, ja. Deswegen hatte Kolja damals dieses Modell mit dem breiten, braunen Rahmen und den kantigen Gläsern ausgewählt. Abigail stützte das Kinn auf ihren verschränkten Finger ab und ihre Lippen formten dieses schöne, friedliche Lächeln, welches keine andere Frau der Welt nachzuahmen schaffte. Oh Mann. Wenn sie Kolja doch nur seinetwegen so verträumt ansehen würde, anstatt wegen eines Accessoires. Nichtsdestotrotz freute er sich über das Kompliment und eilig suchte er etwas an Abigail, mit dem er ihr im Gegenzug genauso schmeicheln durfte. Wobei, nein – er brauchte nicht zu suchen. Ihm fielen auf Anhieb dutzende atemberaubende Dinge an ihr ein und die Schwierigkeit bestand viel mehr darin, sich für eines davon zu entscheiden. Sollte Kolja ihr vielleicht gestehen, wie aufregend dieser sportlich zurückgebundene Pferdeschwanz, den sie heute trug, ihren schlanken Hals betonte? Hm, besser nicht. Am Ende hielt sie ihn noch für einen notgeilen Perversling. Oder für einen Vampir. Also beschloss Kolja, die Flatterie sein zu lassen und beschränkte sich auf ein schnödes „Danke schön.“ Großartig. Jetzt spukte ihm der Wunsch durch die Gedanken, ausgiebig die Konturen ihrer Hals- und Schlüsselbeinpartie nachzufahren. Sowohl mit den Fingern, als auch mit dem Mund… .

    Mathematik! Darum ging es hier. Flugs nahm Kolja eines der Übungsblätter und richtete seine Konzentration auf den Text. Offensichtlich hatte Abigail schon ihre eigenen Versuche angestellt, einen Lösungsansatz zu entwickeln, denn unterhalb der Aufgabenstellungen entzifferte Kolja ihre handschriftlichen Bleistiftnotizen. Anhand des erfolglosen Gekritzels wurde für Kolja bereits eins von Abigails Grundproblemen deutlich. Er erklärte ihr: „Extremalaufgaben verlangen nicht in jedem Fall eine konkrete Zahl im Endergebnis. Manchmal wird ein Term gesucht oder eine Beschreibung der Eigenschaften, die ein Wert mitbringen muss, damit der beschriebene Fall aus der Aufgabenstellung eintreten kann. Zum Beispiel indem der gesuchte Faktor größer oder kleiner Null ist. Dabei ist es egal, wenn er selbst unbestimmt bleibt. Wichtig ist die kausale Wirkung. Anders ausgedrückt heißt das, sobald d-…“ Kolja stockte, als er seine Augen vom Papier hob. Was…was starrte Abigail ihn so gebannt an? Klebte ihm etwas an der Nasenspitze? Am Kinn…?

    „Was tust du da mit deinen Lippen?“

    Ertappt presste Kolja seinen Mund zu einer schmalen Linie zusammen.

    „Wenn du sprichst … zucken sie irgendwie? Als ob du mit ihnen spielst.“

    „Bloß eine Eigenart von uns Bären“, wiegelte Kolja Abigails Beobachtung unangenehm berührt ab und verkroch sich hinter dem Aufgabenzettel in seinen Händen. Aber Abigails Hartnäckigkeit gönnte ihm keinen Frieden.

    „Das ist mir noch nie an dir aufgefallen. Man muss genau hinsehen, so dezent sind die Bewegungen. Ich kann das gar nicht mit meinen Lippen nachmachen.“ Den Wahrheitsgehalt ihrer Behauptung stellte sie unter Beweis, indem sie ihren Mund einen Spalt öffnete und besagte Lippen leicht spitzte. Der Anblick hypnotisierte Kolja.

    Nachdem Abigail ihr Unvermögen, Koljas Lippenbewegungen zu imitieren, ihrer Einschätzung nach hinreichend demonstriert hatte, kicherte sie belustigt und sinnierte: „Wahrscheinlich bemerke ich es erst jetzt, weil du sonst nicht so viel redest. Erst recht nicht an einem Stück.“

    „Das ist möglich“, gab Kolja zu und stierte konsequent die Druckbuchstaben auf dem Papier an. Könnten sie jetzt bitte zur Nachhilfe zurückkehren und damit aufhören, über seine Lippen zu reden? 'Und über Abigails… .'

    In einer Kurzfassung wiederholte Kolja, was er zuvor über den Lösungsansatz von Abigails Matheaufgaben gesagt hatte. Gerade wollte er dazu übergehen, mir ihr ein konkretes Beispiel zu bearbeiten, als sie völlig unvermittelt und ohne jeden Kontext verkündete: „Weißt du, ich habe nachgedacht.“

    Uhrm…? „Worüber?“ Über die Aufgabe? Über ihre Nachhilfestunden?

    Keine seiner Vermutungen traf zu. „Diese ganzen Fehlschläge, die Scotts und Colins Fußballmannschaft in letzter Zeit durchmacht…“, begann Abigail ihre Erörterung, „Ich denke, da steckt etwas dahinter. Es muss so sein!“ Moment. Was? Wie? Fußball? Auf welchem Wege kam denn nun diese Herleitung in ihrem Kopf zustande? Kolja zog die Stirn kraus, während die Wölfin ins Detail ging. „Sie verlieren Spieler und Geldgeber, ihr Trainer bricht sich bei einem Sturz das Bein und der Schuppen mit ihren Sportgeräten wird Opfer von Vandalismus. Findest du nicht auch, dass das ziemlich viele Unglücksfälle für gerade einmal zwei Wochen sind?“

    In der Tat hätte der alte Gauß an der Häufung so vieler negativer Vorfälle seine schiere Freude. Trotzdem bestand für Kolja kein Anlass zur Sorge. „Sie haben eben eine Pechsträhne“, schätzte er die Situation ein.

    „Keine Strähne, ein ganzer Zopf, wenn du mich fragst. Ich meine, wie hoch ist bitte die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzige Mannschaft in so kurzer Zeit dermaßen viel Pech erlebt?“

    „Willst du es ausrechnen?“, spaßte Kolja und tippte mit dem Finger auf den Aufgabenzettel. Er lachte leise, als Abigail ihm darauf frech die Zunge entgegenstreckte.

    „Sehr lustig. Aber im Ernst. Etwas geht da nicht mit rechten Dingen zu! Und ich denke auch zu wissen, was das ist.“ Geheimniskrämerisch neigte sich Abigail in seine Richtung und legte eine dramatische Sprechpause ein. Dann weihte sie den Bären in ihren Verdacht ein. „Gezielte Sabotage.“

    Sogleich hob Kolja skeptisch die Brauen. „Wer sollte denn davon etwas haben?“, wollte er zweifelnd von ihr erfahren. Sie sprachen hier schließlich von dem ü-30-Team eines kleinstädtischen Freizeitsportvereins und nicht von der milliardenschweren Profimannschaft der UEFA Champions League. So beeindruckend die Manöver von Colin und Scott auch waren, wen interessierte denn schon eine Bande Hobbyfußballer der Regionalliga?

    „Eben das gilt es herauszufinden. Warte kurz, ich habe dazu etwas vorbereitet.“ Kaum ausgesprochen, hüpfte Abigail von der Couch und verschwand aus dem Zimmer. Einen Augenblick später kam ihr entzückender Po rückwärts durch den Türrahmen gewackelt, ehe der Rest der Wölfin folgte. Sie zog eine dieser mobilen, weißen Tafeln herein, die mittlerweile in so gut wie jeder Bildungseinrichtung die altmodischen Kreidetafeln ersetzten, und schob sie an eine von der Couch aus gut sichtbaren Stelle. Mit einem blauen Stift hatte Abigail darauf eine Art Mindmap eingezeichnet, sowie ein paar Namen notiert. Stolz nahm sie Position neben ihrem Werk ein. „Und? Was sagst du?“

    „Du hast ein Whiteboard organisiert“, stellte Kolja fest. Also wenn man Abigail eine Sache schwerlich vorwerfen durfte, dann, ungenügend Hingabe zu zeigen.

    Scheinbar zielte ihre Frage auf eine andere Reaktion ab, denn ihr Blick wechselte kurz verdutzt zwischen dem Whiteboard und dem Bären hin und her. Sie klärte ihn alsdann darüber auf: „Also, eigentlich nicht. Ich brauchte es nur aus dem Keller holen. Kieran hat mir beim hinauftragen geholfen.“

    „Wozu steht in eurem Keller ein Whiteboard?“ Vielleicht dachte Kolja ja zu altertümlich aber entsprechend seiner Auffassung gehörte ein Whiteboard eher weniger zu den Gegenständen, die man üblicherweise in einem Keller einlagerte.

    Abigail holte Luft. Oha. Da bahnte sich eine etwas längere Geschichte an. „Scott und Colin hatten während der Pubertät eine Phase, in der sie irgendwelche wahllosen Dinge angeschleppt und im Garten verbuddelt haben. Schuhe, Spielzeug, Fahrradständer, Gartenmöbel, Straßenlaternen. Was sich eben zum Vergraben anbietet.“ Natürlich tat es das. „Als Papa irgendwann auf das Whiteboard gestoßen ist, wussten die zwei schon nicht mehr, woher es ursprünglich stammt. Niall meint, Papa hätte überall herumgefragt, es hätte aber nie jemand Anspruch darauf erhoben. Also haben meine Eltern es zu dem Klavier und dem ganzen restlichen Sperrgut in den Keller gestellt, falls doch noch einmal jemand danach fragen sollte. Sie benutzen es nur hin und wieder für Spieleabenden mit ihren Freunden.“

    Irgendwie schafften es die Anekdoten dieser Familie zuverlässig, noch mehr Rätsel aufzugeben, als sie effektiv lösten. „Ihr habt ein Klavier im Keller stehen“, griff Kolja eines davon auf.

    „Der Versuch meiner Eltern, Colins Interesse für Musik in eine kultivierte Richtung zu lenken. Er wollte es nicht mitnehmen, als er ausgezogen ist, weil in seiner Wohnung nicht genug Platz für ein so großes Instrument ist. Und da außer ihm niemand in der Familie spielt... .“ Abigail ließ den Satz unbeendet stehen.

    So was. Dass ausgerechnet in Scotts Bruder ein Virtuose schlummerte, hätte Kolja niemals vermutet und zwangsläufig fühlte er sich an seine eigenen, misslungenen Geigenstunden erinnert. Was auch immer seine Mutter damals geritten haben musste, ausgerechnet diese schrunzelige Baba Jaga als Lehrerin zu engagieren - die alte Dame hatte ihrem Wesen definitiv alle Ehre bereitet und Kolja die Musik durch ihr überkritischen Gezeter grundlegend vermiest. Oder wie Scott es ausdrücken würde: Das hatte die faltige Hexe so richtig vergeigt. Der Bär schmunzelte. Hehe. Vergeigt.

    Weg vom fehlgeschlagenen Bildungsauftrag seiner Kindheit und zurück ins hier und jetzt. Kolja wurde von der Neugierde überwältigt. „Spielt Colin denn gut?“

    „Für die großen Bühnen der Welt ist er eher nicht geeignet“, formulierte es Abigail diplomatisch nach einem kurzen Zögern. „Aber er kann ziemlich überzeugend 'All The Things She Said' nachspielen. Die Madbones-Version, meine ich.“ Aha.

    Unweigerlich hefteten sich Koljas Augen wieder an die Schriftzeichen auf dem Whiteboard, was sich unmöglich verhindern ließ, weil die Tafel gefühlt ein ganzes Fünftel des Wohnzimmers beanspruchte. In der Mitte waren alle Ereignisse aufgelistet, die die Fußballmannschaft in letzter Zeit heimgesucht hatten. Hayes' Unfall stand an erster Stelle. Von diesem Pool aus verliefen Linien zu tabellarisch aufgeführten Namen, über denen in Großbuchstaben die Überschrift 'Verdächtige' prangte. Mann. Abigail meinte es mit ihrer Verschwörungstheorie tatsächlich ernst.

    „Ich habe alle Informationen zusammengetragen, die wichtig sein könnten: Was passiert ist, wer dafür verantwortlich sein könnte und solche Dinge“, erörterte sie, was Kolja bereits von selbst erfasst hatte. Beziehungsweise war er ihr sogar einen Schritt voraus, denn er kannte immerhin die Namen ihrer mutmaßlichen Verschwörer. Zum Beispiel bezeichnete das Whiteboard Gwen beschönigend als 'Mister Hayes' Sukkubus-Freundin'. Huh. Unter Garantie würde der Sukkubus vehement Einspruch gegen diese Betitelung erheben. Der Ausdruck 'Freundin' verfehlte die Art ihrer Beziehung zu Koljas Chef nämlich mit einer größeren Entfernung, denn Scott den Mindestwert für einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten. Kolja teilte sein Wissen mit Abigail, indem er sie darüber informierte: „Der Sukkubus heißt Gwen.“

    „Oh, Danke!“ Von woher auch immer zauberte die Wölfin einen Marker hervor und ergänzte Gwens Namen neben der entsprechenden Zeile. Im selben Zusammenhang hakte Kolja nach:

    „Weshalb verdächtigst du sie?“

    „Ist das nicht offensichtlich?“

    Nicht so wirklich, nein. Der Bär schüttelte den Kopf, daher hob Abigail lehrend den Finger und klärte ihn auf: „In der Kriminalistik geht man davon aus, dass die meisten Verbrechen aufgrund von drei großen Motiven verübt werden: Geld, Macht und… “ Auffordernd schaute sie Kolja an; dieser schaute ratlos zurück. „Liebe!“, verkündete sie sodann begeistert. „Aus Liebe, der größten Kraft auf Erden! Eifersucht ist ein so starkes Gefühl. Wir tun schrecklich dumme Dinge, wenn wir befürchten, jemand könnte uns die Person weggenehmen, die wir lieben. Sollte… ähm…“

    „Gwen.“

    „Ja, Gwen. Sollte Gwen befürchten, dass sich Hayes hinter ihrem Rücken mit anderen Frauen trifft, würde sie das bestimmt sehr mitnehmen. Also mich würde das fertigmachen. Dich nicht auch, Kolja?“

    „… Ja?“, antwortete er unschlüssig. Was blinzelte sie ihn denn so an?

    Zufriedengestellt plapperte Abigail munter weiter: „Womöglich hegt sie deshalb Rachegedanken und was täte Mister Hayes mehr weh, als die Fußballmannschaft scheitern zu sehen, in die er als Trainer sein Herzblut steckt?“

    „Eine Steuerüberprüfung durch das Finanzamt.“ Unter anderem. Nur ungern verpasste Kolja Abigails farbenfroher Phantasie einen Dämpfer, denn er fand es jedes Mal unheimlich niedlich, wenn sie ihre eigene Realität zurecht spann. Dennoch startete er einen Versuch, Abigail auf ihren Irrtum hinzuweisen. „Ich glaube, du missinterpretiert das Verhältnis zwischen den beiden.“ Davon abgesehen zweifelte Kolja es sehr stark an, dass man die Motivation hinter einer Straftat auf gerade einmal drei Beweggründe herunterbrechen konnte. Scott und Colin sammelten ihre Ordnungswidrigkeiten beispielsweise aus purer Langeweile.

    Abigail ignorierte seinen Einwurf jedoch. „Letztendlich ist das Motiv sowieso zweitrangig. Mein Plan sieht folgendermaßen aus: Wenn ich mit genug Leuten rede, gelingt es mir bestimmt, den Kreis der Verdächtigen nach und nach einzugrenzen, bis ich irgendwann den Saboteur identifiziert habe. Irgendjemand muss ihn beobachtet haben, bewusst oder unbewusst. Und denjenigen werde ich ausfindig machen. Ha! Niemand sabotiert ungestraft meine Brüder.“ Entschlossen stemmte sie die Fäuste in die Seiten.

    Das klang nach einer klugen Vorgehensweise – in einer Fernsehserie. Nicht aber in der realen Welt, in der sich eine überengagierte Studentin der Sozialpädagogik einbildete, Amateurdetektivin spielen zu dürfen. Normalerweise drängte Kolja niemanden ungefragt seine Meinung über ein Thema auf, das ihn nicht persönlich betraf. In diesem Fall musste er allerdings eine Ausnahme machen und teilte Abigail deshalb seine Bedenken mit. „Das ist eine schlechte Idee.“



    nächster Teil

    Hallo Jennagon, Danke für's Lesen uns das Lob ^^


    Fast so, als hätte Skalli Scott nacheifern wollen

    Das ist dann aber ein sehr fragwürdiges Vorbild :D Btw. hab ich zuerst statt "Skalli" "Skadi" gelesen und war kurz verwirrt :rofl: "Heh, wie was ich?"

    Vor allem, wenn ich an unseren irischen Kumpel Garrett denke, der quasi auch Tag und Nacht am Fluchen ist - passt Scott irgendwie großartig in das Bild, das ich durch ihn von Iren bekommen habe.

    Oh ja. Die Iren sind ein Völkchen, man muss sie einfach mögen. Und je mehr ich wegen meiner Geschichte über die Iren recherchiere und rausfinde, desto mehr Platz erobern sie mit ihren Eigenarten in meinem Herzen :rofl:


    Ich hoffe, die Geschichte wird dir auch weiterhin gefallen.