Beiträge von Skadi

    Ich glaube, dass hat dir richtig Spaß gemacht xD

    Nachdem ich in der Thematik drin war, schon, ja xD

    Ich habe ja keine Ahnung von Fußball und musste mich deshalb erstmal mit den Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Aber als der Fachjargon dann einmal saß, lief der Schlagabtausch zwischen Scott und Ward mehr oder weniger von selbst ^^

    Bei dem Sadomasodungeon musste ich sogar selbst schmunzeln :pflaster:


    Und jetzt bitte Kobby

    Morgen :D


    Danke für deinen Kommentar :>

    Wie immer, vielen lieben Dank für deinen Kommentar, Lady ^^

    ___



    Mit einem energischen Kopfschütteln hielt Kolja abwehrend beide Hände vor die Brust, als müsse er befürchten, von Abigails Idee angefallen zu werden. Zu seinem Glück hatten weder Hayes, noch die Spieler etwas von ihrem Vorschlag mitbekommen. Bedröppelt schwiegen sie einander an und ironischerweise war der einzige, der etwas Leben in die Reihen der ratlosen Fußballer brachte, Ward. Der Geist drängelte sich zwischen den Polymorphen hindurch, als wäre er gerade transluzid und bräuchte deshalb keine Rücksicht darauf nehmen, ob ihm irgendjemand im Wege stand. Unmotiviert schlenkerte er eine neu befüllte Snackschale auf den Tisch der Mannschaft, wobei durch den Schwung ein paar der Knabbereien herausfielen und-... Kolja seufzte. Natürlich mussten es ausgerechnet Scotts Schuhe sein, auf denen der fettige Inhalt der Schale landete. „Ey du Penner, kannst du nicht aufpassen?!“, ranzte Scott seinen Kollegen unnötig harsch an und kickte die Ladung Chips und Erdnussflips in dessen Richtung. Da die Snacks allerdings kaum etwas wogen, flogen sie bloß wenige Zentimeter weit und krümelten eine gute Manneslänge vor Wards Füßen auf das Parkett.

    „Mh“, bewertete das Gespenst indifferent Scotts kläglich gescheiterten Versuch, ihn zu treffen. Davon fühlte sich der Wolf gleich noch mehr provoziert. Er bellte:

    „Hast du 'n Problem?!?“

    „Ich? Nein.“ Oh, gut. Hoffentlich würde es Ward dabei belassen und abziehen, bevor sich Kolja zum zweiten Mal im Laufe dieser Schicht als Abstandshalter zwischen den beiden Männern wiederfand. Leider verwehrte er dem Bären diesen Gefallen. Desinteressiert erklärte der Kellner mit einem Wink zu dem am Boden liegenden Knabberkram: „Ich halte es bloß für ein Wunder, dass deine Mannschaft mit dir als Stürmer Spiele gewinnt, so lasch wie deine Pässe sind.“

    Da durchfuhr ein Ruck Scotts Körper und hätte sein Bruder ihn nicht rechtzeitig daran gehindert, wäre er Ward mit Sicherheit an die Gurgel gesprungen. „Lass den reden“, versuchte Colin den knurrenden, zähnefletschenden Scott zu beschwichtigen, während er ihn mit einem beherzten Griff an der Schulter zurückhielt. „Der gehört ja nicht mal zu uns. Was versteht der von Pässen?“

    „Ich kann einen Querpass von einem Rückpass unterscheiden“, setzte Ward Colin darüber in Kenntnis, weit weniger unwissend zu sein, als dieser ihm unterstellte und zeigte damit schon mal bei mehr Fachwissen über Fußball, denn Kolja insgesamt aus den entlegensten Ecken seines Hirns zusammenzukratzen vermochte. Das Gespenst wies auf Scott. „Im Gegensatz zu ihm, wie mir scheint.“

    „Du Wichser!“, beschimpfte ihn Scott. „Deine ganze Existenz ist ein einziger Fehlpass!“, was Ward emotionslos mit „Du bist der Experte für Fehlpässe, du wirst schon recht haben“ konterte.

    „Du findest die Ecke ja nicht mal, wenn du dich an ihr stößt, Arschloch!“, knurrte Scott.

    Ward entgegnete: „Harte Worte von jemanden, der einen Fallrückzieher wörtlich nimmt.“

    „Pass auf, was du sagst! Sonst nehme ich tatsächlich mal was wörtlich, und zwar Kopfbälle!“

    „Deine Einwürfe im Spiel sind hoffentlich nicht so schlapp, wie deine Drohungen.“

    „Schlapp?! Deine Schwalben sind schlapp! So schlapp, dass sie vor Scham in den Süden fliegen!“

    „Dann bringen sie dir vielleicht eine Banane mit, wenn sie von dort zurückkommen. Als Anschauungsobjekt damit du lernst, wie gekonnte Bananenflanken auszusehen haben.“

    „Ach, halt's Maul! Außer dem Obst im Supermarkt hast du doch noch nie was ins Netz bekommen!“

    „Wenn du das sagst. Mit Eigentoren kennt sich ein Vollpfosten wie du sicher aus.“

    „Vollpfosten?! Du bist doch so bescheuert, du hältst den Strafraum für einen Sadomaso-Dungeon!“

    „Zumindest halte ich überhaupt etwas, nicht so wie du, dessen Freundin ins Abseits auf dem Festland flüchtet.“

    Uh, böses Foul! Indem Ward Hazel in den Streit hineinzog, überschritt er nicht nur für Koljas Empfinden eine klare Grenze. Vor lauter Zorn darüber, dass der Geist es wagte, Scotts Beziehung zu verunglimpfen, verschlug es dem Wolf glatt die Sprache. Mehrmalig klappte sein Kiefer auf und ab, ohne einen Laut anzuschlagen. Wie ein Stopfen schien ihm der Ärger die Kehle zu blockieren. Sogar Colin trat von seinem Bruder weg, um sich aus der Detonationszone der tickenden Zeitbombe namens Scott zu retten, die jeden Augenblick in die Luft gehen würde, wie eine vergessene Tretmine unter der Bühne einer Stepptanzschule.

    Behutsam flüsterte Abigail über die unheilverkündende Stille im Pub hinweg, als zerspringe sie bei einer falschen Tonnote wie dünnes Glas in tausend klirrende Scherben. „Hat einer von euch irgendein Wort davon verstanden?“ Keine Silbe. Und das lag in Koljas Fall keineswegs an irgendwelchen Sprachbarrieren zwischen seiner Muttersprache und Englisch oder an einem unzureichenden Vokabular.

    „Grob zusammengefasst“, übersetzte Gwen spontan den Fußballjargon, den Scott und Ward einander zukläfften, „Scott spielt scheiße.“

    Daraufhin sahen Abigail und Kolja den Sukkubus erstaunt an. Schuldlos hob dieser die Hände und gelobte: „Wards Meinung, nicht meine.“

    „Du kennst dich mit Fußball aus?“, fragte Abigail wissbegierig und Gwen nickte subtil.

    „So kann man das sagen.“

    Aha. Was Kolja viel befremdlicher fand, denn Gwens heimlichen Wissensfundus, war das Schweigen seines Chefs. Eigentlich hätte Hayes längst die Hutschnur platzen müssen, aber anstatt seine Kellner in der üblichen Manier anzugeifern, observierte er die Lage und kräuselte dabei grüblerisch den sommersprossigen Nasenrücken. „Hey, Ward!“, rief er das Gespenst endlich auf. „Was hast du mit Fußball zu schaffen?“

    „Ich hab' lange Zeit in einer Mannschaft gespielt.“ Gelangweilt ergänzte er: „Als ich noch am Leben war.“

    Diese Aussage genügte Hayes. Er klatschte bestimmend die dicklichen Hände zusammen und beschloss: „Du bist drin. Damit haben wir unseren zehnten Spieler.“

    „Häh?!“ Scott wirbelte fassungslos zu seinem Trainer herum und glotzte ihn an, als hätte er ihm gerade für das ganze nächste Jahr die Mülltrennung aufgebrummt. „Das ist nicht dein Ernst! Du willst den Typen aufnehmen?!“

    „Das will ich nicht nur, Fiffi. Ich habe es eben getan.“

    „Du kannst ihn nicht mitspielen lassen“, protestierte Scott. „Der passt überhaupt nicht zu uns! Er ist ja nicht mal ein Poly.“

    „Aber ein verdammtes Gespenst und das heißt, er wird niemals müde und er wird uns auch nie vor Erschöpfung die Lunge vor die Füße kotzen. Außerdem...“ Genervt verschränkte Hayes die haarigen Wurstärmchen auf seiner Bierwampe. „Außerdem sind wir ein verfickter Möchtegernclub. Solange man funktionierende Beine hat, ein Freak und in den Dreißigern ist, passt hier jeder rein. Etwas Anderes können wir uns nicht leisten, du Niete.“

    „Woher willst du wissen, wie alt er ist?? Du hast ihn nie gefragt“, suchte Scott nach Argumenten, weshalb Ward unter keinen Umständen in die Mannschaft aufgenommen werden sollte. Anscheinend verdrängte er dabei, dass das Gespenst für Hayes arbeitete und dieser somit seine Personalien kannte. Obwohl... so was durfte man wohl nur von Vorgesetzten erwarten, denen tatsächlich etwas an ihren Arbeitskräften lag.

    Für Hayes stellte die Informationslücke kein pauschales Ausschlusskriterium dar und so verlangte er direkt von Ward zu erfahren: „Wie alt bist du?“

    „Alter ist ein Konstrukt der Lebenden, die sich von der Zeit und der immerwährenden Furcht beherrschen lassen, sie könnten nicht genug von ihr haben“, rasselte er lethargisch herunter, was Hayes mit einem Würgen quittierte.

    „Beantworte die verdammte Frage!“

    Also überlegte Ward und schätzte schließlich: „Irgendwas über siebzig Jahre.“

    „Siehst du, Hayes?“

    Mit einem an Scott adressierten diktatorischen Schnippen der Finger, ermahnte Hayes den Wolf, gefälligst seine Klappe zu halten. Dafür schalt er Ward:

    „Mich interessiert nicht, wie lang die Welt schon deine hässliche Fresse ertragen muss. Ich will das physische Alter wissen, bei dem dein Körper durch deinen Tod stehen geblieben ist.“

    Das Gespenst blinzelte. „Vierunddreißig.“

    „Na bitte.“ Für Hayes war die Sache damit zufriedenstellend geklärt. Scott hingegen kam mit der endgültigen Entscheidung seines Trainers alles andere als klar.

    „Aber er-... sein-... ich meine, Ward hat kein-...!“, stammelte er hilflos zurecht. Hm. Es hätte Kolja auch sehr verblüfft, wenn sich sein Freund ad hoc eine schlüssige Argumentation aus den Fingern gesogen hätte.

    Scotts Gestotter entlockte Ward einen weiteren, ungerührten Seitenhieb. „Solltest du beim Dribbeln ebenso tollpatschig herumstolpern, wie du es beim Reden tust, sehe ich schwarz für das nächste Spiel.“

    „Fick dich, du Pisser!“, schnauzte Scott ihn dafür an und zum Glück versperrten ihm die anderen Spieler den Weg, bevor er einen Satz auf das Gespenst zu machen und seinen Zorn an ihm auslassen konnte. Wutschnaubend starrte Scott Ward in Grund und Boden, dass einem angst und bange wurde, da verschaffte sich Hayes nochmals Gehör:

    „Sehr gut! Genau solche Aggressionen brauchen wir auf dem Spielfeld! Unsere Gegner werden sich vor Angst in die Trikots scheißen. Ward, du spielst mit Scott im Angriff!“

    „Aber ich spiele schon auf dieser Position!“, erhob nunmehr Colin vehement Einspruch gegen die Entscheidung des Kobolds. Dieser wiegelte ihn ab:

    „Nicht mehr. Du übernimmst O'Maleys Platz in der Abwehr.“

    „Was?!“ Colin entgleisten sämtliche Gesichtszüge, als Hayes ihn ohne mit der Wimper zu zucken zu Wards Gunsten strafversetzte. Prima. Jetzt hatten gleich beide Fitzpatrickbrüder Anlass, einen Groll gegen den Geist zu hegen.

    „Keine Angst, du wirst in der Abwehr genug zu tun haben“, versuchte Ward den jüngeren der zwei darüber hinwegzutrösten, seiner Position beraubt worden zu sein – mit unterirdischem Erfolg, denn die schläfrige Betonung des Gespenstes stahl seinen Absichten ihre Glaubhaftigkeit. „Fitzpatricks laue Spielweise werde ich nicht kompensieren können, sodass sich der Großteil des Matches eh in unserer Hälfte des Feldes abspielen wird.“

    Und mit diesem Spruch schleuderte Ward Scotts Selbstbeherrschung im Steilpass von der sinnbildlichen Klippe, an deren bröckligem Rand sie die ganze Zeit über um das Gleichgewicht gekämpft hatte. Niemand vermochte den Wolf stoppen, als er in einer abrupten Bewegung auf das Gespenst zustürzte und es gewaltbereit am Kragen seines T-Shirts packte. Doch kaum bekam Scott den unifarbenen Baumwollstoff zugreifen, verschwand Ward schlagartig.

    Weg.

    Einfach so. Als hätte er die kurze, temporäre Blindheit eines Augenaufschlags ausgenutzt, sich davonzustehlen. Ward hatte sich wortwörtlich in Luft aufgelöst und einzig ein zusammengefallenes Häufchen Kleider auf dem Fußboden erinnerte an seine Existenz, sowie ein zähflüssiger Schleim auf Scotts Händen, der ihm wie feuchte, klebrige Bindfäden von den Fingern tropfte. Das musste wohl Ektoplasma sein, schlussfolgerte Kolja. Soweit der Bär wusste, sonderten Gespenster es bei Bedarf ab, um ihre stoffliche Hülle aufzugeben. Zutiefst angewidert stierte Scott das milchige Sekret an. „Urgh!“, würgte er. „Der Typ hat mir auf die Hände gewichst!“

    „Piss' dir nicht ins Röckchen, Fitzpatrick. Solange Missy Burns außer Landes ist, klebt dir der Schnodder doch eh jede Nacht an den Pfoten.“ Hayes wies auf die Tür zu den Toilettenräumen. „Jetzt geh dir den Scheiß abwaschen, bevor du mein Parkett volltropfst. Das Zeug hinterlässt Flecken. Und sollte noch irgendjemand meinen, wegen der Aufstellung rumzuheulen, schiebe ich demjenigen meine Krücke bis zum Anschlag in den Arsch und hol sie erst am Sonntag nach dem Spiel wieder heraus. Schwing die Hufen, Fitzpatrick! Wir müssen unsere Taktik durchgehen.“



    nächster Teil

    Zielgerichtet schlängelte sich der Staub durch die Lüfte; über Dünen hinweg, an scharfkantigen Felsformationen vorbei, Oasen in weiter Ferne und jegliche Spur von lebensfreundlicher Zivilisation ignorierend. Zu keinem Zeitpunkt gönnte er der Gruppe, die ihm folgte, eine Pause, denn sobald sie für eine kurze Rast die Kamele anhielten, geriet der Wegweiser rasch an die Grenze ihrer Sichtweite. Sie mussten sich wahrhaftig auf einem magischen Pfand bewegen, erkannte Salem, der die ganze Zeit den Stand der Sonne beobachtete. Seit ihrem Aufbruch hatte sie bereits mehrmals den Zenit überwunden, ohne ein einziges Mal unterzugehen und die Wüste der Nacht zu überlassen. War es also derselbe Tage, an dem sie die Ruinen von Akrabria erreichten? Oder spielte die Magie dieses Ortes ihr eigenes Spiel mit der Zeit, um unerwünschte Besucher fernzuhalten?

    Gleich nach ihrem Aufbruch hatte Aljin die Flamme des Raschid Ibn Nishaat al-tamar an Salem weitergereicht, was nur Sinn ergab, da er als Feuermagier es vermutlich am ehesten zustande brachte, den uralten Feuerzauber zu wirken. Er studierte gerade Aljins Notizen, als er Codrac rufen hörte. „Seht! Dort vorn!“

    Salems Blick folgte dem Fingerzeig seines Gefährten und tatsächlich ragten Fundamente aus dem Wüstensand: Säulen, von Wind und Wetter abgeschmirgelte Überreste von Fassaden sowie einsame Torbögen ohne dazugehörige Bauten. Die Ausmaße deuteten auf einen Tempel, oder etwas vergleichbares, hin. Definitiv zu groß für ein einzelnes Haus – doch ebenso zu klein, für eine ganze Stadt.

    Der Wegweiser hielt direkt auf die kläglichen Überreste vergangener Kulturen zu und als er sie erreichte, zog er einige Kreise. Dann stoppte er abrupt in seinen Bahnen und rieselte als das, was er war, sacht zu Boden und vermischte sich mit der Wüste: Staub.

    Sie hatten Akrabria erreicht.

    „Das soll es also sein?“, erkundigte sich Jack und musterte dabei die eingefallenen Mauern, worauf Aljin meinte:

    „Die Spur endet hier. Wieso sollte sie das tun, wenn wir hier falsch wären?“ Gutes Argument. Folgte nun also der zweite Schritt: Die Fackeln mussten mit der Flamme entzündet werden. Erst dann würde die Ruinenstadt ihre Tore öffnen.

    Gleichzeitig mit den anderen, sattelte Salem ab. Offenbar spann Aljin denselben Gedanken zurecht, wie er und wies den Feuermagier auf zwei Säulen hin. An jeder von ihnen hing jeweils ein Fackelhalter, in denen ausgebrannte Fackeln steckten. Gut. So brauchten sie die Fackeln wenigstens nicht erst mühsam suchen. Salem hätte es wenig gewundert, wenn die Suche Bestandteil des Rituals gewesen wäre. „Hier hängen die Fackeln.“ Gleich darauf wollte Aljin von Salem wissen: „Denkst du, du kriegst den Zauber hin?“

    „Das wird sich gleich zeigen“, antwortete Salem. Anschließend konzentrierte er sich.

    Die Magie floss durch seinen Körper; Salem spürte die Hitze und das Kribbeln in seinen Nerven, zähmte den mystischen Strom, bündelte ihn, lenkte ihn. So, wie die Hariq es seit Jahrhunderten lehrten, beschwor er das Feuer, sich nach seinen Willen zu formen. Er hob die Hand, streckte sie den kalten Fackeln entgegen.

    Ein langer Moment verging.

    Und Salem nahm die Hand wieder herunter. „Offenbar nicht“, sprach er das offensichtliche aus. Tja. So viel dazu.

    Ungehalten warf Aljin ihre Hände in die Luft. „Was soll das heißen, 'offenbar nicht'?“

    „Es heißt, dass ich den Zauber nicht beherrsche.“

    „Aber du bist Feuermagier, verdammt! Du hast eine ganze Stadt bis auf ihre Grundmauern niedergebrannt und willst uns jetzt weis machen, zwei doofe Fackeln nicht anzünden zu können?!“

    Salem legte den Kopf schief. Er erklärte Aljin: „Ein durchschnittlich begabter Magier benötigt in der Regel die ersten Jahre seiner Ausbildung, ehe er einen simplen Feuerball kontrollieren kann. Ich wäre von mir selbst überrascht, hätte ich den Zauber der Hariq binnen so kurzer Zeit erlernt.“

    „Heißt das, wir sind umsonst hierher gekommen?“ Codrac sah skeptisch zu Jack, der wiederum Salem anschaute und meinte:

    „Aber wir sprechen hier von dir. Du bist nicht durchschnittlich. Meinst du nicht, du bekommst den Zauber doch noch hin?“

    „Ich werde es selbstverständlich weiter versuchen, anderenfalls wäre unsere Reise hierher völlig vergebens. Es könnte jedoch eine Weile dauern, ehe es so weit sein wird.“

    „Dann mach das“, warf Codrac ein, „und wir... warten so lange.“


    Und das taten sie auch.

    Lang.

    Sehr lang.

    Wie auch immer die Zeit an diesem Ort funktionierte, die Sonne ging nunmehr doch endlich unter. Ein kleines, auf klassische Weise entfachtes Lagerfeuer schenkte Licht und Wärme, derweil Salem seit Stunden die Fackeln anstarrte, dann und wann die Hand hob, um sie ergebnislos wieder zu senken. Er hörte Aljin frustriert prusten, weil er zum wievielten Male seine Magie konzentrierte, ohne die Fackeln in Brand zu stecken.

    Salem setzte erneut dazu an, den Zauber zu wirken, als er die Dschinni ausrufen vernahm: „Mir reicht's! Ich hau mich auf's Ohr! Das wird heute doch eh nichts mehr“ und sie sprang von ihrer Sitzgelegenheit – einem zusammengefallenen Mauersims – herab.

    In dem Moment schossen Flammen aus den Fackeln in die Höhe.

    Na bitte.

    Salem hatte es geschafft.

    Das wurde auch Zeit.


    Ein Mann mit Verantwortungskomplexen lässt seine Frau sitzen, wird nass und rennt mit der nächsten davon.


    Magier mit sechs Beinen zu viel spinnen rum.


    Eine Stadtbeamte ohne geeignete Kompetenzen muss sich mit einem Haufen Männer rumschlagen - Leute sterben.


    Bücherwurm tappt im Dunkeln - wörtlich.

    „Es muss ihm in letzter Zeit wohl ziemlich schwerfallen, neue Spieler und Sponsoren für die Mannschaft zu finden.“ Derweil Moira erzählte, rückte sie den leeren Stuhl vor ihr zurecht, sodass sie darauf Platz nehmen konnte. „Er will deswegen den Internetauftritt des Teams überarbeiten und hofft, dass seine Altherrenmannschaft dadurch ansprechender wird.“

    Da zuckte etwas in Colins Gesicht zusammen. Ohne Vorwarnung versetzte er Moiras Stuhl plötzlich einen groben Tritt - in exakt der Sekunde, in der die Banshee ihr Gleichgewicht nach hinten verlagerte, um sich auf die Sitzfläche fallen zu lassen. Anstatt sie aufzufangen, schlitterte die Sitzgelegenheit jaulend unter ihr hinweg; rücklings verlor Moira den Halt und ihr erschrockenes, hohes Quieken perforierte Kolja das Trommelfell. Anstelle auf der Polsterung landete sie mit ihren zarten Vier Buchstaben krachend auf dem knallharten Fußboden. Uh. Das musste echt wehgetan haben!

    „Na, so was. Das müssen wohl meine Altherrenticks gewesen sein“, spie Colin zynisch aus und machte keinerlei Anstalten, Moira auf irgendeine Weise aufzuhelfen. Kolja runzelte über die Ironie seines Spotts die Stirn. Eigentlich war Colin ja der jüngere der beiden.

    Seine Schwester verpasste ihm einen strafenden Klaps gegen die Schulter und zu Koljas Überraschung erkundigte sich ausgerechnet Gwen nach Moiras Wohlergehen. „Dir ist nichts passiert, oder Mäuschen?“ 'Mäuschen'. So wie Gwen diesen Kosenamen aussprach, klang es, als hätte sie ihn mit Moiras Namen fusioniert. 'Moischen'. Hehe.

    Unterhalb der Tischkante gab Moira zur Antwort ein schmerzliches Stöhnen von sich. Kolja stapfte daraufhin um den Tisch herum und klaubte die Banshee vom Boden auf. Bei Moiras Fliegengewicht benötigte der Bär nicht einmal beide Arme, um sie zu stemmen, also zog er zeitgleich mit der freien Hand den Stuhl heran und setzte seine Mitbewohnerin auf diesen ab. Gwens Augenmerk wanderte hernach zurück zu Colin. „Wie ungezogen“, tadelte sie ihn für seine Gemeinheit gegenüber Moira, doch ihre säuselnde Stimmlage sowie der kokettierende Blick, mit dem sie ihn bedachte, verlieh ihren Worten eine vollkommen gegensätzliche Bedeutung.

    Zwinkernd meinte Colin: „Ungezogen zu sein macht mir eben am meisten Spaß“ und Gwen pflichtete ihm mit einem anzüglichen Wimpernschlag bei.

    „Mir auch.“

    Junge, junge. Die zwei trödelten echt nicht herum und unweigerlich begann Kolja darüber nachzudenken, ob Hayes' Regel Nummer Vier eigentlich auch für die Gäste seines Pubs galt.

    Weil Scott seine Bestellung abgefertigt hatte, kehrte er zu seinen Freunden zurück. Im selben Moment hielt Abigail Colin vor: „Das war wirklich gemein von dir. Moira hätte sich verletzten können! Entschuldige dich wenigstens bei ihr.“

    Er pfiff auf die Aufforderung seiner Schwester. „Sonst was? Kommst du dann mit so 'ner arschlangweiligen Predigt rüber, wie damals bei Donnelly?“ Ach. Diese Kamelle mal wieder. Prompt sprang Abigail darauf an.

    „Diese 'Predigt' hattet ihr verdient, so respektlos, wie ihr euch gegenüber Donnelly und seinen Angehörigen verhalten habt.“

    „Mach mal halblang. Wir haben rumgescherzt, mehr nicht“, verteidigte Scott sein Verhalten und das seines Bruders. Gut zu wissen, dass er sich zwischenzeitlich einigermaßen abgeregt und den Kopf frei von Ward oder irgendwelchen Hochzeitsplänen bekommen hatte. „Und ist ja nicht so, als ob wir mit Donnelly befreundet gewesen wären.“

    „Ihr habt nicht bloß 'rumgescherzt'. Ihr habt Witze über ihn gerissen.“

    „Leute sterben halt. Das ist nun mal so. Ja, das mit Donnelly ist echt scheiße gelaufen, aber soll man das alles deiner Meinung nach totschweigen?“

    Im Unterschied zu Scott, der belustigt los prustete, fand Abigail Colins Kommentar alles andere als witzig. „Ihr habt gleich am nächsten Tag nach seinem Sturz damit angefangen“, beschuldigte sie ihre Brüder. „Zu dem Zeitpunkt hatte man ihn noch nicht einmal beerdigt.“

    „Dann konnte er sich immerhin nicht wegen unserer Sprüche im Grab umdrehen.“ Colin lachte auf, als Scott grinsend seine Schwester mit den Tatsachen konfrontierte. Tja. Irgendwie hatte er damit sogar Recht.

    Eingeschnappt verzog Abigail ihren Mund. Sie sah wirklich entzückend aus, wenn sie schmollte. „Ihr seid schrecklich“, warf sie den beiden vor.

    Ihr Rüffel tangierte Scott und Colin kein Stück; im Gegenteil. Abigails Empörung stachelte sie erst richtig an. Colin feixte: „Tun wir mal nicht so, als ob Donnelly keine Leichen im Keller gehabt hätte.“

    „Genau Abby“, stieg Scott mit ein. „Du erwähnst mit keinem Sterbenswörtchen, dass Donnelly nicht grade ein Saubermann war.“

    „Ja, Mann. Der Typ konnte uns auf den Tod nicht ausstehen.“

    „Kein Wunder, so viel Zeit wie der mit O'Rourkes Rudel totgeschlagen hat.“

    „Der hat es todernst gemeint, als er uns angegriffen hat.“

    „Aber mit einem Todesfall hat er nicht gerechnet.“

    „Das fand er dann nicht mehr zum totlachen.“

    „Als er über der Brüstung hing, war er ganz leichenblass um die Nase.“

    „Man könnte sagen, er war deswegen am Boden zerstört.“

    „Das reicht!“, bereitete Abigail den Wortwitzen ihrer Brüder ein jähes Ende. Schade. Die zwei schienen echt in Fahrt zu kommen. Das hieß, natürlich waren Abigails vorwurfsvolle Miene sowie ihre Missbilligung berechtigt und Kolja kicherte keineswegs wegen Scotts und Colins Scherzen vor sich hin. Nein, nein! Überhaupt nicht.

    „Was denn, Abby?“ Amüsiert bleckte Colin die Zähne. „Findest du's sterbenslangweilig, über Donnelly zu sprechen?“ Als Abigail infolgedessen fassungslos der Mund offen stehenblieb, brachen ihre Brüder vollends in Gelächter aus. Ihr Lachen schallte durch den halben Pub und auf der Suche nach Unterstützung schaute Abigail hilflos Kolja an.

    „Kolja, sag du doch auch etwas dazu!“

    „Ja, Kolja“, griente Scott. „Hau raus, was dir auf der Zunge liegt.“

    Mit einmal wurde Kolja von allen Seiten erwartungsvoll angesehen. Während Abigail hoffte, er würde die Wolfsrüden zur Vernunft rufen, harrten diese gespannt auf Koljas Beitrag zu ihrer Bonmotsammlung. Nachdenklich wechselten Koljas Blick zwischen den Parteien hin und her. Dann stellte er für alle Anwesenden klar: „Nur über meine Leiche.“

    Vor Begeisterung über Koljas Pointe johlten Scott und Colin lautstark los. Sogar Gwen huschte ein Schmunzeln über die Lippen und Moira gluckste erheitert in ihre vorgehaltene Hand hinein. Einzig Abigails Mundwinkel ließen sich zu keinem Zucken hinreißen. Mit einem Lächeln bat Kolja sie wortlos um Vergebung.

    „Fitzpatrick!“ Aus einer Ecke des Pubs schrie Hayes zu ihnen herüber. Sofort richteten die zwei angesprochenen Männer ihre Aufmerksamkeit auf den Leprechaun und Kolja vermutete, sein Chef würde seine Angestellten barsch zurück an die Arbeit beordern. Falsch gedacht. Umgeben von den anderen Spielern der Mannschaft, befahl er den Brüdern, anzutreten. „Bei Fuß!“ Sie folgten seiner Anweisung; ebenso Moira.

    „Männer, es gibt echt beschissene Nachrichten“, eröffnete der Kobold die heutige Mannschaftsbesprechung. Wie immer schlug er dabei eine Lautstärke an, mit der er den ganzen Pub unterhielt. „O'Maley fällt eine ganze Weile aus.“

    „Was?!“ Ein Chor aus Fußballern brüllte Hayes seine Bestürzung entgegen. O'Maley. Wer war das noch gleich? Ach ja. Der Wildkaterpoly aus Scotts Mannschaft.

    Mittels forscher, eindeutiger Handbewegungen, rief der Trainer seine Spieler zur Disziplin. „Was'n passiert?“, wollte einer der Marder von Hayes wissen, nachdem Ruhe unter den Männern eingekehrte.

    Der Kobold berichtete: „Der Kerl hatte einen Rückfall und hat sich das Hirn mit 'ner Überdosis von irgendeiner Scheiße zugeballert. Jetzt liegt er im Krankenhaus rum und muss erst mal clean werden.“

    „Ich dachte, O'Maley hätte schon seit Jahren nix mehr mit Drogen am Hut“, warf einer der Füchse ein und ein weiterer stimmte ihm zu: „Dachte ich auch!“

    Der Dachs des Teams hakte bei Hayes nach: „Womit hat sich O'Maley denn zu gedröhnt? Speed? Meth? Heroin?“

    „Katzenminze“, schnaubte der Kobold.

    Jeder, der zuhörte, sog sogleich scharf Luft zwischen den Zähnen ein. Katzenminze. Oh Mann. Das war echt übel.

    „Was für eine Scheiße...“

    „O'Maley ist echt ein Idiot.“

    „Echt mal. Was hat den Mann bloß geritten, den Dreck wieder anzufassen?“

    Damit fing das chaotische Gerede von vorn an. Wie eine Busladung alter Tratschweiber überschlugen sich die Kerle mit Mutmaßungen über O'Maleys Zustand und jeder von ihnen meinte, seinen Senf dazu abgeben zu müssen. Kolja verfolgte das Spektakel, bis er unvermittelt Wards Stimme wahrnahm.

    „Bestellung für dich“, murmelte das Gespenst in einem trägen, monotonen Tonfall und hielt Kolja einen Zettel mit dem wirklich lustlos hingeschmierten Essenswunsch eines Gastes unter die Nase. Nickend nahm der Bär ihn an. Gleich danach wandte Ward ihm ohne ein einziges, weiteres Wort den Rücken zu und geisterte ziellos durch den Schankraum. Bei ihrer ersten gemeinsamen Schicht hatte Kolja sich noch bei dem Geist erkundigt, ob alles in Ordnung mit ihm sei, denn oft deutete die Energielosigkeit, wie Ward sie ausstrahlte, auf irgendwelche Probleme hin. Aber es gab keine Probleme. Ward war... na ja. Er war eben tot. Jemand wie er konnte wohl schwerlich wie das blühende Leben durch ebenjenes hüpfen.

    Logischerweise bestand Koljas Aufgabe als Koch darin, den Herd anzuwerfen und für die kulinarische Verpflegung der Gäste zu sorgen. Doch das musste warten, da er vorher erfahren wollte, was aus O'Maley wurde. Nicht, weil ihn etwas an ihm lag – so schlimm es dem Kater in seiner derzeitigen Situation auch bestimmt erging -, sondern weil Abigail auffällig neugierig ihre Ohren spitzte. Kritisch beobachtete Kolja, wie sich die Wölfin zu Gwen herüberlehnte und ihr sensationshungrig zu munkelte: „Hast du das gehört? Jetzt haben sie noch einen Spieler verloren.“

    „Sehr dubios, wenn du mich fragst“, tratschte der Sukkubus mit ihr mit und Kolja wusste nicht zweifelsfrei einschätzen, ob Gwen ihr Urteil tatsächlich erst meinte oder ob lediglich ihr Sarkasmus aus ihr sprach. Jedenfalls heizte sie Abigails Einbildungskraft damit gehörig an – sehr zu Koljas Missfallen. Spann Abigail denn nicht schon genug Verschwörungstheorien zusammen?

    „Ja, nicht wahr? Dieser O'Maley war weg von den Drogen und mir nichts, dir nichts, soll er wieder welche nehmen? Da ist doch etwas faul!“

    „Abigail...“, raunte Kolja ihren Namen und als sie infolgedessen mit geweiteten, braunen Augen zu ihm aufblickte, schüttelte er mahnend den Kopf. Sie sollte erst gar nicht damit anfangen, irgendwelche Kriminalfälle zu erfinden, wo keine existierten.

    Offenbar gingen Hayes die wilden Spekulationen ebenso zu weit. Er plärrte über den Stimmenwirrwarr seiner Leute wüste Flüche hinweg und lenkte somit die Konzentration der Spieler zurück auf seine eigene Person. „Jetzt haltet alle eure Schnauzen. Was O'Maley in seiner Freizeit für Scheiße baut, ist völlig schnurz! Viel wichtiger ist: Fällt er weg, hat unser Team nur noch neun Spieler! Das sind zwei zu wenig.“

    „Is' doch kein Ding“, sagte Colin gelassen. „Wir haben schon mal unterbesetzt auf dem Platz gestanden und gewonnen.“

    „Ja und es hat mich ein verficktes Vermögen gekostet, die richtigen Leute dafür zu schmieren. Und die Loser vom Finanzamt haben mich die Kohle nicht mal von der Steuer absetzen lassen. Wie soll ich mir das ohne Geldgeber leisten, heh?! Bei zehn Spielern drückt jeder Schiri die Augen zu, aber mit neun lässt uns keiner dieser Pfeifen aufs Spielfeld.“

    Scott schlug also vor: „Holen wir uns eben schnell noch einen zehnten Mann ran. Dann hat sich das Problem erledigt.“

    „Genau, du Schlaumeier“, wurde er von Hayes dafür angepflaumt. „Weil ich mir ja nicht schon seit Monaten den Arsch aufreiße, um neue Leute zu rekrutieren. Wenn es so einfach wäre ohne Weiteres ein paar Freaks ran zuwinken, die mit euch hyperaktiven Polys mithalten können, würden wir gar nicht erst in diesem behinderten Haufen Scheiße stecken!“

    Noch in derselben Sekunde, in der der Kobold den Begriff 'Poly' in den Mund nahm, spürte Kolja, wie Abigail ihn begeistert musterte. „Kolja, dukannst für O'Maley einspringen!“



    nächster Teil

    Jetzt möchte ich langsam aber mal wieder Kolja und Abby zusammen haben

    In den nächsten zwei Teilen bringen wir die aktuelle Szene zu Ende und danach gibt es wieder etwas Kobby :D


    Und es scheint ja fast so, als hätte Moira ein wenig Interesse an Colin :D

    Aber vielleicht interpretiere ich da zu viel rein xD

    Oder Moira hat einfach eine sehr bildliche Vorstellungskraft und ihr Kopfkino hat sich verselbstständigt xDD


    Danke für deinen Kommentar ^^

    „Sei nicht so“, nahm Abigail Scott in Schutz. Kolja ahnte, was folgte, als ein sanftes, träumerisches Lächeln ihre Züge eroberte. „Er liebt Hazel doch. Natürlich wühlt ihn der Gedanke auf, man könnte sie ihm wegnehmen. Sie ist sein einzig wahres Ein-für-alle-Mal.“

    Ihre Schwärmerei veranlasste Colin, mit den Augen zu rollen. „Kannst du mal damit aufhören, jeden Scheiß zu verkitschen? Kein Wolf, der klar im Kopf ist, benutzt so 'ne schnulzige Bezeichnung wie 'Ein-für-alle-Mal'.“

    „Ich benutzte sie!“

    „Du bist ja auch nicht klar im Kopf.“

    Mit dieser Aussage erreichte Colin den Punkt, an dem Kolja drauf und dran war, in den geschwisterlichen Hickhack einzugreifen. Man sollte ihn wirklich dringend und in aller nötigen Strenge darauf hinweisen, seiner jüngeren Schwester gefälligst mit mehr Respekt zu begegnen. Sonst sorgte Kolja eigenhändig dafür, dass er sich demnächst nicht mehr traute, in ihrer Gegenwart überhaupt sein Schandmaul aufzumachen.

    Abigail verhinderte Koljas Einschreiten, indem sie ihre Wangen aufblies und Colin vorwarf: „Du bist so unromantisch! Wie sollte man denn sonst die wunderbare Beziehung zwischen Scott und Hazel nennen?“

    Gleichgültig zuckte der Wolf mit den Achseln. „Monogamie. Genau das ist es doch. Wölfe leben nun mal monogam.“

    Monogamie, mh? Darin unterschieden sich die Lebensweisen von Wölfen und Bären offensichtlich. Ein komplettes Dasein mit ein und demselben Partner zu verbringen, entsprach kein bisschen den natürlichen Gewohnheiten von Bären. Bärenmänner und -frauen kamen einzig zur Fortpflanzung zusammen und ihre Wege trennten sich, kaum, dass sie einander richtig kennenlernten. Koljas Mutter, zum Beispiel, stellte ihren eigenen Rekord darin auf, ihre Lebensgefährten wie benutzte Handtücher zu wechseln und nach dem vierten oder fünften Mann, mit dem sie nach der Scheidung von Koljas Vater liiert war, hatte Kolja es aufgegeben, sich die Namen ihrer aktuellen Liebhaber einzuprägen. Mittlerweile müsste sie Nummer neun erreicht haben, wenn Kolja korrekt überschlug. Romanzen, die vor seiner Geburt lagen, einmal ausgeschlossen. Die Frauen in seiner Familie lebten anschaulich aus, was man unter einem normalen Lebensstil von Braunbären verstand. Hm. Normal. Was bedeutete dieses Wort schon? Immerhin wohnte ein russischer Braunbär normalerweise auch in Russland, anstatt in einer irischen Kleinstadt in der Nähe von Dublin.

    Colins nüchterne Auslegung befriedigte Abigail keineswegs, aber ihr Bruder blieb nun mal er selbst und wer wusste das besser, als seine Geschwister? „Jetzt machst du dich darüber lustig. Aber warte nur ab. Ginge es hier um deine große Liebe, würdest du dich ähnlich aufführen“, orakelte Abigail ihm, was Colin erwartungsgemäß postwendend abstritt:

    „Auf jeden Fall krepieren mir nicht sämtliche Hirnzellen weg, nur, weil irgend 'ne Frau in mein Leben spaziert.“

    „Huhu, Moira! Liebes, wir sind hier drüben!“ Fröhlich winkte Abigail die Banshee heran, als diese im Eingangsbereichs des Pubs auftauchte. Von jetzt auf gleich verloren Colin, sowie die vorangegangene Diskussion, für sie jegliche Relevanz und was den familiären Frieden angelangte, hielt Kolja das auch für das Beste. Als Moira ihre Freunde entdeckte, schlenderte sie zu ihnen herüber. Sie grüßte Scott beim Vorbeigehen, ehe sie vor dem nunmehr freien Platz zwischen Gwen und Colin stehen blieb. „Oh, gut. Die Besprechung hat noch nicht angefangen. Ich habe schon befürchtet, ich komme zu spät“, meinte die Banshee mit einem Seitenblick zu Hayes, der Ward nach wie vor verbal zusammenfaltete, wie einen Origamikranich. Im Anschluss stellte sie ihre Kameratasche auf dem Tisch ab und fädelte sich aus dem Gurt.

    Jeder, der behauptete, Scott und Colin gingen ihrem Hobby mit einem exzessiven Maß an Eifer nach, hatte ganz offensichtlich nie Moira kennengelernt. Die Frau lebte nicht nur für die Fotografie; sie lebte sogar von ihr, da sie als Angestellte in einem kleinen Fotoladen arbeitete und zudem dann und wann Aufträge als freischaffende Fotografin annahm. Familienfotos, Hochzeiten, Firmenevents – Moira ließ keine Gelegenheit ungenutzt, sich eine Reputation aufzubauen. Man sollte deshalb annehmen, sie fülle ihre Freizeit lieber mit anderen Beschäftigungen aus, denn Fotos von irgendwelchen Leuten zu schießen. Doch Moira war, bildlich gesprochen, mit ihrer Kamera verwachsen und Kolja hatte noch nie erlebt, wie sie das Haus ohne einen ihrer Fotoapparate verließ. Was für ein Jammer, dass ihr Vater zu seinen Lebzeiten niemals die finanziellen Mittel aufbringen konnte, um sie auf eine dieser tollen Kunstschulen zu schicken. Bei ihrem Talent wären den anderen Schülern glatt die Augen aus den Schädelhöhlen gepurzelt. Die Geldsorgen alleinerziehender Elternteile kannte Kolja jedoch aus seiner eigenen Jugendzeit und schlussendlich gelang es Moira auch ohne die Anleitung irgendwelcher Professoren, ein bemerkenswert kunstfertiges Portfolio zusammenzustellen.

    Zugegeben: Kolja begriff selten eine einzige Silbe von den technischen Details, die Moira gern beiläufig runter ratterte, sobald ihre Ausrüstung Gesprächsthema wurde. Anhand des Markennamens auf der Tasche wusste Kolja allerdings zu identifizieren, welche ihrer Kameras sie heute bei sich trug - die teure Profikamera, die sie ausschließlich für professionelle Termine verwendete. Moira suchte also keinesfalls nach einem schnellen Schnappschuss für ihre private Sammlung; sie befand sich auf dem Weg zu einem Job.

    „Du nimmst an der Mannschaftsbesprechung teil?“, fragte Abigail ihre Freundin neugierig aus. Zwischen Moira und dem Fußballteam bestand nämlich eigentlich keinerlei Verbindung, außer, wenn sie Scott und Colin während der Spiele von der Zuschauertribüne aus zujubelte. Kein Wunder, dass die Klatschtante in Abigail deswegen umgehend ihre Standing Ovations gab.

    Die Banshee lächelte und vor lauter Stolz strahlte sie dabei wie ein kleiner Sonnenschein. „Ja, das tue ich. Mister Hayes plant eine Imagekampagne für sein Team und dank Scott hat er mir den Auftrag erteilt, die Fotos dafür anzufertigen. Ich soll dafür überall dabei sein, falls sich eine tolle Gelegenheit für ein Bild ergibt.“ Dann richtete sie das Wort direkt an Colin: „Übrigens brauche ich noch ein Porträt von dir.“

    „Kein Interesse“, lautete die abweisende Antwort. Zusätzlich verdeutlichte Colin seinen Unwillen, indem er Moira den Blickkontakt verwehrte und demonstrativ in eine andere Richtung starrte.

    Vergeblich versuchte Moira, ihn umzustimmen: „Ich weiß, du magst es nicht, fotografiert zu werden. Aber Mister Hayes hat sehr genaue Vorstellungen geäußert und ich habe kein Foto von dir, das seine Ansprüche erfüllt.“

    „Is' mir doch egal.“

    Weil Moiras sanfte Bemühung, Colin zum Nachgeben zu bewegen, zu keinem Ergebnis führte, kam Abigail ihr zur Hilfe. Sie redete auf ihren Bruder ein: „Du solltest dich von Moira fotografieren lassen, Colin. Ihre Bilder sind wahnsinnig gut. Scott benutzt sein Porträt sogar für sein Profil in unserer Nachrichten-App.“

    Doch auch darauf wusste Colin eine flapsige Reaktion zugeben. „Wenn ich für 'ne Karriere als Modell zu gebrauchen wäre, wäre ich eins geworden und nicht Schlosser.“

    „Und es gibt wirklich viel zu wenige Männer, die mit ihrem Lötkolben umzugehen wissen.“ Es waren Gwens Lippen, die Colin dieses süßliche Gesäusel zu hauchten. Der Wolf grinste sie an.

    „Man muss nur wissen, in welchem Winkel man die Lötspitze ansetzen muss...“

    Wieso beschlich Kolja der Eindruck, den beiden ging gar nicht um irgendwelche handwerklichen Verfahren? Obwohl... gewissermaßen tat es das wahrscheinlich doch.

    „Ich verstehe nicht. Willst du Löten lernen, Gwen?“, stutzte Abigail über den abrupten Umschwung des Gesprächs. Huh. Kolja bezweifelte ernsthaft, ausgerechnet Gwen könne man noch etwas Neues über das Löten beibringen. In ihrer unverdorbenen Denkweise war Abigail so unglaublich süß. Großer Gott, jetzt fing er erneut damit an, sie wie ein verliebter Schuljunge anzuhimmeln.

    Unbeantwortet schwebte Abigails Frage im Raum. Zu sehr wurde Gwen davon vereinnahmt, Colin schöne Augen zu machen und von ihm gleichartige Blicke zurückgeworfen zu bekommen. Moiras ursprüngliche Bitte schien ebenfalls in völlige Vergessenheit geraten zu sein. Irritiert registrierte die Banshee, was sich zwischen den Zweien abspielte. Irritiert oder vielleicht auch einfach nur angeekelt. Hundertprozentig sicher vermochte Kolja ihre Mimik nicht zu interpretieren.

    Da die aktuelle Unterhaltung in einer Sackgasse feststeckte, demonstrierte Abigail ihre Fähigkeit, Dialoge ziemlich gut ohne eine aktive Beteiligung ihrer jeweiligen Gesprächspartner am Leben zu erhalten. „Wofür braucht Mister Hayes denn eine Imagekampagne?“, zeigte sie ihr Interesse an Moiras Auftrag.



    nächster Teil

    Kolja


    Erleichtert beobachtete Kolja, wie Abigail und Gwen in den Schankraum zurückkehrten. Na endlich! Es wurde allerhöchste Eisenbahn, dass die zwei aus dem Büro abhauten. Vermutlich empfand Abigail es gegenteilig, aber sie durfte sich wirklich froh schätzen, dass es bloß Kolja war, der die offenstehende Bürotür bemerkt hatte. Hätte Hayes sie dort drinnen erwischt, wäre diese Begegnung alles andere als spaßig für Abigail verlaufen. Dem Leprechaun war Anstand gegenüber jungen Frauen gänzlich unbekannt und von seiner ungehobelten Ausdrucksweise abgesehen, brachte er es zustande, Abigail kompromisslos mit Schimpf und Schande aus dem Pub zuschmeißen. Und in diesem Fall vermochte weder ihre Verwandtschaft zu Scott, noch Koljas persönlicher Einsatz Abigail vor Hayes' Tobsucht zu bewahren.

    Lautlos seufzte Kolja. Wann hatte er zuletzt im Stillen von zehn abwärts zählen müssen, damit er nicht die Geduld verlor? Er kramte wahrlich tief in den Schubladen seines Gedächtnisses herum, um eine vage Erinnerung an eine vergleichbare Situation zutage zu befördern. Diese Frau! Abigail tat geradewegs so, als würde ihr Handeln völlig ohne Konsequenzen bleiben und anstatt Einsicht zu zeigen, riskierte sie leichtfertig das eigene Wohlergehen. Bei jeder anderen Person würde sich Kolja in Zurückhaltung üben und den pädagogischen Effekt ganz dem Gesetz von Actio und Reactio überlassen. Doch bei Abigail? Nie im Leben! Kolja nahm sein Versprechen gegenüber Scott, auf seine kleine Schwester achtzugeben, bitterernst.

    Herrgott. Wem machte er etwas vor? Ihm lag mindestens ebenso viel an Abigails Sicherheit, sonst hätte sie mit ihrer Unvernunft wohl kaum Koljas Geduldsfaden dermaßen mühelos zum Zittern gebracht, wie die Saiten einer Gitarre. Und, oh Mann. Wenn sein Geduldsfaden nur das einzige an ihm wäre, was Abigail in Vibration versetzte. Sein Vorstellungsvermögen war fast ausgeflippt, als sie ihm vorhin bei seiner Ankunft im Büro zuerst ihren reizvollen Po entgegengestreckt und im Anschluss so verlockend vor ihm gekniet hatte. In seiner Phantasie wanderten Abigails schlanke Finger an seine Hose, öffneten geschickt den Knopf und den Reißverschluss und dann legte sie ihre Lippen um seinen-... .

    Stopp, stopp, stopp!

    Er tat es schon wieder. Schon wieder ließ sich Kolja zu Sextagträumen mit Abigail hinreißen. Seit er sie mehrmals die Woche zur Nachhilfe traf, passierte ihm das ständig. Solche Hirngespinste durfte er auf gar keinen Fall zulassen! Sinnliche Wunschvorstellungen zwischen Abigail und ihm würden für immer und ewig genau das bleiben: Vorstellungen. Keine Realität. Ende der Geschichte. Kolja quälte sich nur selbst, sollte er den Fehler begehen, irgendwelchen Illusionen Sendezeit im Kopfkino seines Verstandes zuzugestehen.

    Aus der Ferne betrachtete Kolja Abigail. Sie und Gwen tuschelten miteinander, also respektierte er die Privatsphäre der beiden und ging zu Scott herüber.

    Die Arme bockig vor der Brust verschränkt und das Gesicht zur Faust geballt, fläzte der Wolf übellaunig auf einem Stuhl und musste sich von Hayes ordentlich die Leviten lesen lassen. Unter Verwendung eines farbenfrohen Vokabulars, bläute ihm der Chef des Tír na nÓgs unmissverständlich ein, keinerlei tätliche Auseinandersetzung zwischen seinen Angestellten zu tolerieren. Zumindest nicht, wenn sie in den Räumlichkeiten seines Pubs ausgetragen wurden. Dieselbe Strafpredigt stand Ward ebenfalls bevor; momentan hielt dieser sich jedoch am anderen Ende des Schankraums auf und starrte indolent die Wand an. Kolja war sich unschlüssig, ob Hayes ihn zum Nachdenken in die stille Ecke befohlen hatte, oder ob der Geist aus Eigenantrieb die Textur der Holzverkleidung studierte. Wards manchmal recht absonderliche Verhaltensweisen konnte man teilweise nämlich schwerlich als geistreich bezeichnen, sodass Koljas Einschätzung nach beide Möglichkeiten in Betracht kamen. Amüsiert schmunzelte der Bär in sich hinein. Hehe. Geistreich.

    Als Kolja seinen Freund erreichte, fand Hayes' Standpauke gerade ihren Abschluss. Der Leprechaun blaffte Scott an: „... also behalte deine beschissenen Reißzähne unter Kontrolle, sonst schlage ich sie dir flohverseuchten Pelzschleuder eigenhändig einem nach dem anderen mit meiner verfickten Krücke aus, kapiert?“ Dabei schwenkte er besagte rosarote Gehhilfe vor Scotts Nase herum. „Wenn du tollwütiger Jipp-Japp jemanden anfallen willst, dann spring gefälligst deine Kleine an und lass es dir von ihr besorgen, verdammte Scheiße. Wird echt Zeit, dass Missy Burns dich endlich wieder an ihre Leine legt. Ist ja nicht mehr auszuhalten.“ Abschätzig musterte Hayes Scott. „Dass ihr das zwischen euch überhaupt eine Beziehung schimpft. Ihr lebt ja nicht mal auf derselben Landmasse. So was ist doch nicht erlaubt. Und jetzt zu dir, Ward!“ Alsdann hievte Hayes sein Gipsbeinchen zu dem Gespenst herüber, um ihm denselben Vortrag zu halten, wie Scott. Immerhin schnauzte er die Männer gleichermaßen unflätig an, anstatt sich auf irgendwelche Schuldzuweisungen einzulassen.

    In gewisser Weise sagte es viel über Scotts emotionale Verfassung aus, dass sogar jemand wie Hayes, ohne persönlichen Bezug zu Hazel, ihre Rückkehr herbeisehnte. Grimmig knurrte der Wolf in seinen Bart hinein, bis Colin, der neben ihm am selben Tisch saß und ein paar gesalzene Erdnüsse knabberte, ihn letztlich ansprach: „Ey Scott, das kann echt nicht angehen, dass deine Freundin Burns heißt. Mit dem Nachnamen ist Hazel doch ein fleischgewordener Wortwitz.“

    Sogleich wurde er dafür gereizt von seinem Bruder angebelfert: „So?! Und was soll ich bitte gegen ihre Namen unternehmen!?“

    Gelassen hob Colin die Hand, als präsentiere er seinem Bruder darauf die offensichtliche Antwort auf seine Frage. „Gib ihr halt unseren. Darauf läuft es auf kurz oder lang doch eh hinaus.“

    „Oh ja! Hazel und du müsst heiraten, Scott!“ Plötzlich tauchte Abigail, begleitet von Gwen, an Koljas Seite auf und strahlte begeistert ob Colins Vorschlag. An der Frau musste echt irgendwo eine Art Antenne zur Ortung von romantischen Angelegenheiten befestigt sein. Das, oder sie besaß ein verdammt gutes Timing, just in jenem Moment dazu zustoßen, indem ihr Lieblingsthema zur Sprache kam. Sie setzte sich neben Colin auf einen der zwei übrigen freien Stühle und Kolja beschloss, bei ihr stehen zu bleiben. Es wäre unhöflich von ihm, Gwen den letzten Sitzplatz zu verwehren. Außerdem genoss er so unauffällig und aus einem völlig legitimen Grund Abigails Nähe.

    Vor allem Colin zeigte sich hocherfreut über Gwens unerwartete Gesellschaft, was, ihrem unverhohlenen, interessierten Blick nach zu urteilen, ohne jeden Zweifel auf Gegenseitigkeit beruhte. Na sieh mal einer an. Schamlos liebäugelten die zwei miteinander und beinahe verspürte Kolja so etwas wie Neid, weil Gwen und Colin ihre beidseitige Anziehung offen ausleben durften. Hm. Beidseitig. Davon konnte in Koljas Lage wohl kaum die Rede sein.

    Der Gedanke an eine Hochzeit zwischen ihrem großen Bruder und seiner Hexe nahm Abigail vollkommen ein. Munter schnatterte die Wölfin drauf los: „Wenn du Hazel zur Frau nimmst, wäre das der perfekte Abschluss eurer Liebesgeschichte. Ah! Und außerdem könnten wir dann eine Doppelhochzeit abhalten, wie in diesem Buch, das Hazel mir geliehen hat. 'Stolz und Vorteil'!“

    „Du meinst 'Stolz und Vorurteil'“, korrigierte Kolja sie, weshalb Abigail zu ihm hinauf blinzelte.

    „Bist du sicher, dass es so heißt?“

    Ziemlich, ja. Mit einem Nicken brachte Kolja seine Überzeugung zum Ausdruck.

    Abigails Ideen entlockten Colin den üblichen Spott. „Wen willst du denn bitteschön heiraten?“, wollte er zynisch von ihr wissen, worauf sie antwortete:

    „Meinen Traummann natürlich!“

    Da ließ Gwen ihren Arm zurückschnellen und verpasste Kolja mit dem Handrücken einen saftigen Klaps in die Magengegend. Uff! Hey! „Was soll denn das?“, protestierte Kolja und rieb die zwirbelnde Stelle unterhalb seiner Rippen.

    Der Sukkubus simulierte Arglosigkeit. „Ups, sorry mein Großer. Mir muss wohl irgendwie die Hand ausgerutscht sein“. Hmpf, von wegen. Der Hieb hatte so gezielt getroffen, als hätte ihr jemand das Kommando dazu zugerufen.

    Nunmehr meldete sich endlich der angebliche Bräutigam zu Wort. „Ihr spinnt doch.“ Scott unterstrich seine Aussage mit einer passenden Geste, indem er mit dem Finger gegen die eigene Stirn tippte. „Hazel und ich wohnen ja noch nicht mal zusammen.“

    „Sagt ja auch niemand, dass du sie sofort vor den Traualtar schleppen sollst“, wurde Colin konkreter und schob eine Ladung Erdnüsse in seinen Mund. Kauend wies er seinen Bruder auf den Vorteil einer Ehe hin: „Aber du würdest damit auch dem letzten Penner, der sie anbaggern will, unmissverständlich klarmachen, dass Hazel zu dir gehört und er seine Finger von ihr zu lassen hat.“

    „Colin hat Recht, Scott. Es würde euch vieles einfacher machen, wenn ihr auch vor dem Gesetz zueinander gehört“, unterstützte Abigail ihren Bruder. „Zum Beispiel den Abschluss eines Mietvertrages für eine gemeinsame Wohnung oder falls ihr zusammen ein Bankkonto eröffnen wollt. Außerdem wäre geklärt, dass ihr im Ernstfall füreinander entscheiden dürft. In eurer jetzigen Beziehung würde man dich ja nicht einmal zu ihr lassen, sollte Hazel wegen eines Unfalls auf der Intensivstation im Krankenhaus landen.“

    Alle Anwesenden am Tisch, einschließlich Kolja, gafften Abigail daraufhin verdutzt an. Für ihre Verhältnisse waren das ungewohnt bodenständige Argumente. Litt sie etwa an Fieber? Wo blieb der übliche Kitsch, der aus allen Ritzen tropfte? „Was denn?“, fragte die Wölfin, als sie die allgemeine Aufmerksamkeit bemerkte. „Ich kann auch pragmatisch denken.“

    Pragmatismus hin oder her – das Ping Pong seiner Geschwister über die Vorzüge einer Heirat mit Hazel sorgte für eine sichtliche Überlastung von Scotts geistigen Leistungspotenzial. Überfordert glotzte er zwischen den beiden hin und her, während Colin ihm den gutgemeinten Ratschlag erteilte: „Lass dir nur nicht zu viel Zeit mit ihr. Du solltest Nägel mit Köpfen machen, bevor Hazel sich an ihr Leben in Deutschland gewöhnt und am Ende dortbleiben will.“ Beiläufig langte Scotts Bruder nach den Kartoffelchips, die in derselben Snackschale wie die Erdnüsse kredenzt wurden, und schlug den Bogen zum Ausgangspunkt des Gesprächs. „Und vor allem musst du echt dafür sorgen, dass sie diesen Nachnamen loswird.“

    An Scotts Mimik wusste Kolja abzulesen, dass sein Denkvermögen die Flut an Informationen in keiner Weise geregelt bekam. So wie der Bär seinen Freund einschätzte, mussten die Synapsen in seinem Gehirn wohl zum ersten Mal in ihrer ganzen Existenz wegen Zukunftsplänen, wie Colin und Abigail auf den Tisch brachten, Funken schlagen. Scott machte also das, was er immer tat, sobald er einer Situation intellektuell nicht gewachsen war. Er ging in die Offensive und kläffte Colin an: „Wenn ihr Name so ein Problem für dich ist, dann heirate du sie doch!!“

    Skeptisch verzog Colin ob der Aufforderung das Gesicht. Er räumte Scott die nötige Zeit ein, seinen Fehler von selbst zu begreifen und als der entscheidende Moment eintrat, schnappte Scott erbost nach Luft. „Ich meine... Du lässt gefälligst deine Pfoten von Hazel! Wenn ich sie mit einem Ring am Finger sehe, zerfetzte ich dir die Kehle! Niemand heiratet sie, klar?! Keiner von euch tut das!“ Sein Zeigefinger sprang drohend von Colin zu Kolja, als würde er sie beide damit aufspießen wollen. Sogar Abigail und Gwen warf er mit den Augen unausgesprochene Warnungen zu, dabei kannte der Sukkubus Hazel gar nicht.

    Einer der Gäste verlangte nach einem Kellner. Schnaubend ließ Scott seinem Ärger freien Lauf, indem er der unschuldigen Tischplatte einen so harten Schlag mit der flachen Hand versetzte, dass die Snackschale Hula tanzte. Danach fuhr er von seinem Stuhl hoch und kümmerte sich um die Bestellung.

    Colin sah seinem Bruder nach. „Bei dem ist echt Hopfen und Malz verloren.“



    nächster Teil

    Es kam keine Frage danach, wie Abby in das Büro des Tír na nÓgs gelangt war. Genauso wenig schien es von Interesse zu sein, was sie darin suchte oder weshalb sie wie ein Kind unter dem Schreibtisch kauerte. „Du hast hier drin nichts verloren“, stellte Kolja stattdessen gewohnt stoisch fest und schaute mit gerunzelter Stirn zu Abby hinab.

    „Hi Kolja.“ Abby überging den Tadel und nahm eine bequeme Sitzposition auf ihren Knien ein. Sie schenkte Kolja ein unschuldiges Lächeln, derweil sie ihm in aller Ehrlichkeit versicherte: „Ich bin nicht eingebrochen, falls du das befürchtest. Gwen hat mich hineingelassen. Sie hat einen Schlüssel.“ Auf ihren Fingerzeig hin, wandte sich Kolja zu dem Sukkubus auf der Kommode um. Dieser winkte ihm zu, ehe der Bär seine Aufmerksamkeit zurück auf Abby lenkte:

    „Das ist egal. Gästen ist der Zutritt zu diesem Raum untersagt.“ Die Falten auf seiner Stirn wurden noch etwas tiefer. „Was machst du überhaupt dort unten?“

    „Die Aussicht bewundern?“, warf Gwen grinsend von ihrem Sitzplatz aus ein. Wie? Von welcher Aussicht sprach sie da? Das einzige, was in Abbys Blickfeld prangte, war Koljas Hosenstall.

    Kolja räusperte sich; dann bot er Abby in seiner zuvorkommenden Art eine Hand an, um ihr auf die Füße zu helfen. Dankbar griff sie zu und es stimmte sie ein kleines bisschen wehmütig, als er sie nach vollbrachter Tat wieder entließ. Liebend gern hätte Abby ihre Finger bis zum Ende aller Tage mit seinen verschränkt.

    Um auf Koljas ursprüngliche Frage zurückzukommen: „Ich habe etwas gefunden, was darauf hindeutet, dass Mister Hayes nicht grundlos gestürzt ist. Jemand hat die Stufen manipuliert und dabei Feenstaub fallen gelassen.“ Zum Beweis übergab Abby Kolja den Flakon. Prüfend betrachtete der Bär das gedrungene, klarsichtige Fläschchen, in dem sich ein eine geringfügige Menge Feenstaub von Innen an die Glaswand anschmiegte. Das Farbenspiel von Lila, Grün und Gold sah unter diesen Lichtverhältnissen wunderschön aus.

    „Der Deckel fehlt“, bemerkte Kolja. Unterhalb des Schraubgewindes klebte die abgerissene Hälfte eines Papiersiegels. Der obere Teil haftete vermutlich noch an der Verschlusskappe.

    „Ja, das ist mir auch aufgefallen. Wer auch immer sich an der Treppe zu schaffen gemacht hat, muss die Flasche im Eifer des Gefechts fallengelassen haben.“ Womöglich wäre er um Haaresbreite erwischt worden und hatte deshalb Fersengeld geben müssen. Ob demjenigen sein Verlust wohl schon bewusstgeworden war?

    Kolja fragte: „Du hast es unter dem Schreibtisch gefunden?“ Mit einem Nicken bestätigte Abby seine Vermutung. Aufgrund dessen drückte Kolja ihr das Fläschchen zurück in die Hand. „Dann gehört es Hayes. Bestimmt hat er schon danach gesucht. Stell es auf den Tisch, damit er es findet.“

    Was? Nun wurde Abby aber wirklich trotzig! Sie wedelte ihm mit einem aussagekräftigen Beweisstück vor der attraktiven Nase herum und Kolja ignorierte es. „Du ziehst nicht mal in Erwägung, dass ich Recht haben könnte!“, warf sie ihm vor und bekam eine knappe Antwort zurück:

    „Richtig.“

    „Wieso nicht?“

    Seine Begründung lautete: „Weil dieser Raum immer verschlossen ist und niemand, außer Hayes und dem Personal, hineinkommt.“ Kurz betrachtete Kolja Abby und Gwen. Im Anschluss ergänzte er seine Aussage: „Eigentlich.“

    Eben! Wie unkompliziert es sein konnte, ins Büro zu gelangen, durfte Abby mit ihrer Anwesenheit hinreichend belegt haben. Vielleicht hatte der Täter den Schlüssel gestohlen, den passenden Zeitpunkt abgewartet oder: „Jemand könnte eingebrochen sein.“

    „Hier ist niemand eingebrochen“, legte Kolja dar, was seiner Meinung nach den Fakten entsprach. „Außer dir.“

    Wie bitte?! Kolja scherzte wohl! Abby war keineswegs eingebrochen, sondern wurde von einer Person mit entsprechenden Befugnissen eingelassen. Darin bestand ein wesentlicher Unterschied. Uh! Es machte sie sauer, wie ruhig und belehrend Kolja mit ihr sprach! Gleichzeitig himmelte sie ihn auch dafür an. Wie schaffte dieser Mann das bloß?!

    Dickköpfig verschränkte Abby ihre Arme ineinander und beharrte auf ihre unerschütterliche Sicht der Ereignisse: „Damit gibst du zu, dass es sehr wohl möglich ist, hier ohne Weiteres einzudringen. Wenn ich mir Zutritt verschaffen kann, kann jeder andere das genauso mühelos.“Nachfolgend hörte Abby Kolja einen tiefen Atemzug nehmen. Bei jedem anderen hätte sie daraus geschlossen, derjenige kämpfe mit sich selbst darum, die Contenance zu bewahren. So etwas war bei Kolja allerdings völlig ausgeschlossen. In Abbys Bären sprudelte schließlich ein niemals versiegen wollender Quell an Tranquillität und Würde. Letztlich bat er sie wiederholt: „Stell die Flasche hin und verlass bitte den Raum. Sollte Hayes dich hier drin sehen, bekommst du Ärger.“ Dabei schlug seine Stimme diesen bevormundenden Tonfall an, der keinerlei Widerspruch erlaubte und Abby wirklich auf die Palme brachte. Herrje, hielt er sie für ein kleines Mädchen, weshalb er sie wie eines behandelte?! Sie fällte ihre eigenen Entscheidungen und brauchte fürwahr niemanden, der meinte, ihr Vorschriften diktieren zu dürfen. Diese Aufgabe erfüllten Abbys Brüder und ihr Vater schon äußerst gründlich!

    Starrsinnig schaute sie Kolja an. Schlussendlich gab sie seinem beherrschten Gebaren nach und machte ihrem Unmut Luft, indem sie das Fläschchen mit dem Feenstaub unnötig schwungvoll auf die Tischplatte des Schreibtisches knallte. So. Da stand es. Wie Kolja es verlangte. Er nickte zufrieden; dann wandte er Abby den Rücken zu und verließ das Büro.

    „Mir fehlen wohl die nötigen Daddy Issues, um so was scharf zu finden“, kommentierte Gwen Koljas Auftritt, stieg von ihrer Sitzgelegenheit herab und sah dem Bären hinterher. „Da hat unser Papabär seinem Spitznamen alle Ehre gemacht. Hab' nicht gedacht, dass er dazu in der Lage ist.“

    Hmpf. Papabär. Diese Rolle durfte er sich schenken! In Abbys Leben existierten wahrlich genug Männer, die sich vor lauter familiärer Fürsorge die Vormundschaft über sie anmaßten.

    Angestachelt von ihrem Rigorismus sowie dem Wunsch, Kolja ihren Wert als eine eigenverantwortliche, selbstständige Frau zu beweisen, fasste Abby ihren Entschluss. Kurzerhand schnappte sie sich das zuvor erst abgestellte Fläschchen vom Schreibtisch.

    „Was hast du damit vor?“, wollte Gwen von ihr wissen, woraufhin Abby verkündete:

    „Kolja denkt, ich käme nicht allein zurecht, also zeige ich ihm, dass er sich irrt. Mit allem! Ich werde herausfinden, wer die Mannschaft sabotiert und dann wird er einsehen müssen, es bei mir sehr wohl mit einer verantwortungsbewussten, unabhängigen Erwachsenen zu tun zu haben.“

    „Du setzt dich bewusst über seine Anweisung hinweg?“ Da tauchte es wieder auf, das zweideutige Grinsen auf Gwens Gesichtszügen. „Du böses, böses Mädchen. Dafür wird er dir zu eurem nächsten Nachhilfeunterricht bestimmt ein paar kräftige Hiebe mit seinem Rohrstock verpassen.“

    Hiebe? Kolja gehörte zu den friedliebendsten, pazifistischsten Persönlichkeiten in Abbys Bekanntenkreis. Wie kam Gwen darauf, ausgerechnet er täte Abby Gewalt an? „Ich glaube nicht, dass Kolja so was besitzt.“

    Der Sukkubus wies auf die unbedeckte Öffnung der Flasche. „Willst du die etwa so einstecken?“

    Hm, das wäre wohl unklug. Ohne den Deckel würde sich der Feenstaub ungehindert in Abbys Tasche verteilen und sie wusste nicht, ob man ihn problemlos aus Textilien auswaschen konnte. Ungeachtet dessen ging auf diese Weise ja ihre Probe verloren! Womit sollte sie dann eventuelle Spuren abgleichen?

    Gwen musste Abbys unausgesprochene Bedenken aus ihrer Mimik herausgelesen haben, denn sie fasste in den nächststehenden Aktenschrank und riss aus einem der Ordner das hervorstehende Stück eines Dokuments heraus, um es achtlos zusammenzuknüllen. „Das dürfte vorerst reichen“, urteilte sie und verkorkte mit dem kleinen Papierball provisorisch den Flakon in Abbys Hand.

    Rasch ließ die Wölfin den Feenstaub in ihrer Jackentasche verschwinden. So weit, so gut! Nun suchten sie besser das Weite, ehe Kolja noch etwas bemerkte oder ihre Herumtrödelei sein Misstrauen erregte.



    nächster Teil

    Abby folgte Gwen hinter den Tresen und von dort aus zur Bürotür. Wie der Sukkubus prophezeit hatte, schenkten die rangelnden Männer den zwei Frauen kein einziges My ihrer Aufmerksamkeit. Wie sollten sie auch? Kolja musste schließlich unter Einsatz beider Arme den wütenden Scott in der Zange halten, dessen Tunnelblick alles, mit Ausnahme seines Hassziels, um ihn herum ausblendete, derweil Ward sauertöpfisch Colins Drohgebärden über sich ergehen ließ. Selbst das laute Klacken von Gwens mörderisch hohen Absätzen ging unter dem Krach ihrer Auseinandersetzung unter. „Ist es nicht schrecklich unbequem den ganzen Tag in diesen Schuhen zu verbringen?“, brachte Abby erneut das Thema Fußbekleidung zur Sprache.

    Während sie antwortete, führte Gwen geschickt den Schlüssel in das Bürotürschloss ein und drehte ihn darin herum. Sogleich sprangen die Riegel im Inneren hörbar auf. „Es ist die Hölle. Ich kann es gar nicht abwarten, sie heute Abend von den Füßen zuschleudern. Versteh mich nicht falsch. Ich steh auf diese Outfits – zu den passenden Anlässen. Privat bevorzuge ich dann aber doch lieber Alltagskleidung, für die ich keine spezielle Technik brauche, um etwas vom Boden aufzuheben. Oder in der ich nicht bei jedem Schritt riskiere, mir die Knöchel zu brechen.“

    „Dann sind diese hautengen Kleider, in denen ich dich immer sehe, sozusagen deine Dienstkleidung?“, schlussfolgerte Abby und Gwen bestätigte ihre Herleitung:

    „Richtig. Hayes steht auf dieses Edelnutten-Gehabe, also haben wir vertraglich einen entsprechenden Dresscode festgelegt. Das mache ich grundsätzlich, damit beide Seiten über ihre Ansprüche Bescheid wissen und ich am Ende nicht wieder ungeplant als Pippi Langstrumpf kostümiert auf einem ausgestopften Gaul balancieren muss.“

    „Ich hätte nie gedacht, dass Prostitution mit Bürokratie verbunden ist.“

    „Es ist ein Geschäft, wie jedes andere“, erläuterte Gwen nüchtern. „Außerdem geht es nicht immer um Sex. Manche Männer buchen mich als Begleitung für irgendwelche Events. Als ein blendendes Beiwerk, um auf der Firmenfeier vor den verhassten Kollegen wie ein Hengst dazustehen. Und andere wollen einfach nur erleben, wie sich die Aufmerksamkeit einer schönen Frau anfühlt. Egal ob diese nun echt ist, oder erkauft.“ Alsdann drückte Gwen die Türklinke herab. Wie zu erwarten war, ließ sich die Tür nunmehr öffnen und gemeinsam betraten die Frauen das Büro des Tír na nÓgs.

    Man erkannte auf Anhieb, dass der Raum lediglich dem pragmatischen Zweck diente, hinter den Kulissen des Pubs unvermeidliche Verwaltungsarbeiten zu erledigen. Das Inventar allein nahm die Hälfte des kleinen Durchgangszimmers ein und bestand aus lauter wahllos zusammengewürfelten, ausrangierten Möbeln. In Regalen standen etliche Aktenorder beieinander, auf deren Rücken eine liederlich hingeschmierte Handschrift den Inhalt andeutete und automatisch fühlte sich Abby beim Anblick der aufgereihten Unterlagen an das Gebiss ihrer Groß-Großtante erinnert – schief, ungepflegt und mit zahlreichen klaffenden Lücken. Des Weiteren gab es gleich neben dem Türrahmen eine Kommode sowie einen alten Schreibtisch mit einem Computer. Huh, was für ein merkwürdiger Monitor daran angeschlossen war! Er war überhaupt nicht flach, wie Abby es kannte, sondern groß und klobig und er nahm unglaublich viel Platz weg, sodass auf der Tischplatte kaum genügend Fläche für die vergilbte Tastatur blieb. In der Luft hing der holzige Geruch der Wandvertäfelung; es roch nach Staub und muffigem Papier. Und aus irgendeinem Grund registrierte Abbys feine Nase den verflogenen Duft von gegrilltem Geflügel.

    „Da ist die Treppe“, wies Gwen die junge Wölfin auf die hinterste Ecke des Zimmers hin und setzte sich auf die Kommode, um interessiert durch den leicht geöffneten Türspalt das Treiben im Schankraum im Auge zu behalten. Gespannt richtete Abby ihr Augenmerk auf den Ort des Verbrechens und...

    Enttäuscht sackten ihr die Mundwinkel herab. Das sollte die Treppe sein? Die Stelle, an der Mr Hayes unter großem Schmerz Aufschlag um Aufschlag herabgestürzt war? Genau wie der Rest des Gebäudes, erwies sich auch der Zugang zum oberen Stockwerk als verwinkelt, dunkel, eng und nur bedingt für großgewachsene Personen geeignet. Abbys Brüder konnten eventuell aufrechten Ganges den Aufstieg erklimmen, wohingegen Kolja unter allen Umständen den Kopf einziehen musste. Für Abbys Verständnis verdiente diese Treppe viel eher die Bezeichnung Steige, denn um viel mehr als ein paar knarrende, miteinander vernagelte Bretter zwischen holzverkleideten Wänden handelte es sich bei ihr wahrlich nicht. So was... Abby hatte mit unzählbar viele Stufen gerechnet - Mehr als ausreichend, um jedes Koboldbeinchen entzweizubrechen.

    Na gut! Wenige Stufen vermochten ebenso Schaden anzurichten und bei einer so kleinen Gestalt wie einem Leprechaun, geschah dies vermutlich wesentlich schneller, denn bei einem robusten Polymorphen wie Abby. Es wurde Zeit, den Tatort gründlich unter die Lupe zu nehmen! Einem ihrer Sinne schenkte Abby dabei ein besonders großes Vertrauen. Als Wolfpoly verfügte sie über ein feines Gehör, doch noch viel, viel sensibler arbeitete ihr Geruchssinn. Er verriet ihr, sobald jemand Angst verspürte, an einer Krankheit litt oder ob eine Geschlechtsgenossin gerade die Hitze durchlebte. Zudem half er ihr bei der Orientierung und man sollte keinesfalls den Nutzen von Duftmarken unterschätzen, wenn sich fünf Geschwister gleichzeitig um die Besitzansprüche eines Spielzeugs stritten. Auf der Suche nach ebensolchen Duftmarken sog Abby in kurzen Zügen Luft durch ihre Nase ein. Hm, außer den vorherrschenden Ausdünstungen eines vermieften Bürokabüffchens witterte Abby eine sinnliche Parfumnote, die eindeutig frisch aus Gwens Richtung herbeiwehte und deshalb kein zurückgelassenes Indiz des gemeinen Übeltäters darstellte. Da musste doch noch mehr zu entdecken sein! Abby duckte sich unter Gwens Odeur hinweg, indem sie auf die Knie ging und ihr Gesicht nah über den Fußboden hielt. Sie schnüffelte. Irgendetwas roch süßlich. Fast schon abartig süßlich. Darüber hinaus trieb ein Luftzug das fragwürdige Aroma von Mr Hayes billigem After Shave aus seiner Wohnung herunter und, oha! Bei einem Spaziergang war er wohl in ein Hundehäufchen getreten. Insgesamt fand Abby diese Erkenntnisse höchst interessant, weiter half ihr dennoch nichts von all dem. Wie ungünstig! Abby hatte wirklich auf ein paar stichhaltige Hinweise gehofft. Enttäuscht, jedoch keineswegs entmutigt, rappelte sie sich auf und-... Huch? Was glitzerte denn da so? Dank ihrer Position nahm Abby ein Schimmern auf den Treppenstufen wahr. Wegen des Lichteinfalls hatte sie ihn zuvor nicht sehen können, aber nun stimmte der Blickwinkel und offenbarte eine dezente, seidig glänzende Schicht auf dem Holz. Im ersten Moment meinte Abby, eine lila Färbung zu erkennen, wenn sie ihren Kopf allerdings nach links neigte, erschien das Lila auf einmal grün und neigte sie ihn wiederum nach rechts, glänzte es golden. Neugierig legte Abby einen Finger auf die Substanz. Aha! Die Oberfläche stellte sich als trocken heraus, klebte nichtsdestotrotz ein bisschen. Abby wusste auf Anhieb, was sie davon zu halten hatte; jeder würde das, der in einem Haushalt mit mehreren quirligen Welpen aufwuchs, von denen gerade einmal zwei, nämlich Colin und Abby selbst, ein gewisses Ordnungsbedürfnis verspürten. Hier hatte jemand zweifellos einen Softdrink verschüttet, ohne es für nötig zuhalten, die Matzerei wegzuwischen, sodass die Flüssigkeit nach gewisser Zeit verdunstete und ein klebriger Fleck Süßstoff zurückblieb. Somit kannte Abby wenigstens schon einmal den Ursprung des zuckrigen Geruchs. Worauf Abby dagegen keine Antwort geben konnte, war die Frage, welches Getränk mit einem derartigen Farbwechsel versetzt wurde. Und wie.

    „Hast du was gefunden?“, riss Gwens Stimme die Wölfin aus den Tiefen ihrer Überlegungen heraus. Der Mund des Sukkubus zuckte belustigt darüber, wie Abby auf allen Vieren auf dem Parkett hockte und ihre Nase gegen die Dielen presste.

    Abby nickte. „Ich denke schon. Hier sind Flecken auf den Stufen, die von ganz oben bis zu mir runter reichen. Sieht aus, als wäre dort vor einiger Zeit etwas hingegossen wurden. Jemand sollte Mister Hayes Bescheid geben, dass seine Reinigungskraft nicht sehr gründlich arbeitet.“

    „Du nimmst an, hier würde regelmäßig saubergemacht werden.“

    Spontan kam Abby ein Gedanke: „Was, wenn jemand absichtlich die Treppe präpariert hat, damit Mister Hayes ausrutscht?“ Auf nassen Brettern verlor man fix den Halt, vor allem, wenn sie zu Gunsten der Langlebigkeit mit einer entsprechenden Lackierung und Versiegelung versehen wurden. Selbst im trocknen Zustand verwandelten sie sich in wahre Rutschfallen, sollte man den Fehler begehen, in Socken über sie hinweg zulaufen. Diesen Fakt hatte Moira zu mehreren Begebenheiten hinreichen an der Treppe in Abbys Elternhaus veranschaulicht.

    Offenbar wollte sich Gwen zu keinen Mutmaßungen hinreißen lassen. Sie reagiert lediglich mit: „Sag du es mir, Miss Fletcher.“

    „Die Pfützen irisieren“, dachte Abby laut. „Aber nicht wie Seifenblasen oder eine Benzinlache. Das hätte ich sowieso gerochen. Es schimmert viel, viel gleichmäßiger und überhaupt nicht... feucht. Es wirkt wie Samt.“ Ehrlich gesagt fand Abby diesen Effekt sogar echt schön. Ein Halstuch in dieser Optik sah mit Sicherheit fabelhaft aus.

    Gwen meinte: „Klingt für mich nach Feenstaub. Der ist bloß nicht flüssig.“

    Feenstaub? Mh. Auf welchem Wege sollte Feenstaub denn auf die Stufen zu Mr Hayes Wohnung gelangen? „Benutzt Mister Hayes welchen?“

    Daraufhin hob Gwen unwissend die Schultern. „Auch wenn ich die passende Kostümierung im Schrank hängen habe, bin ich nicht sein Kindermädchen. Keine Ahnung, ob er Feenstaub schluckt. Möglich wäre es. Du kannst das Zeug schließlich genauso zum Kuchenbacken benutzen, wie du damit deine Nägel lackieren oder deine tattrige Oma einschläfern kannst.“ Sie deutete auf den Türspalt. „Übrigens hat Hayes gerade den Pub betreten und sorgt nun für Ordnung. Beeil dich, bevor er uns beide hier drin erwischt. Ich bin nämlich nicht sonderlich scharf darauf, dass der Alte Ménage-à-trois-Phantasien entwickelt und ich mir seine Lebensenergie mit irgendeinem billigen Menschenweib teilen muss.”

    Okay! Feenstaub also. Entsprechend seiner Bezeichnung, verstand man darunter eine pulverartige Substanz, zu deren Herstellung einzig die Feen in der Lage waren. Abby hatte keine Ahnung, wie genau dieser Vorgang vonstattenging, jedoch musste es ganz klar mit ihren wesenseigenen Fähigkeiten zusammenhängen, da sie anderenfalls schwerlich ihr unanfechtbares Monopol aufrechterhalten konnten. Feenstaub bot eine ganze Vielzahl an Verwendungsmöglichkeiten. Aus diesem Grund erfreute er sich unter den Freaks jedweder Zugehörigkeit großer Beliebtheit. Unter Anderem funktionierte er ausgezeichnet als biologisch abbaubarer Ersatz für Glitzer aus der Schreibwarenabteilung und in ihrer Kindheit hatte Abby mit seiner Hilfe diversen Bastelprojekten eine persönliche Finesse verliehen - zum großen Missfallen ihrer Eltern, da bereits der Erwerb kleinster Portionen dieses Universalmittels einen tiefen Griff in den Geldbeutel verlangten.

    Gleichermaßen hartnäckig wie der künstlich hergestellte Glitzer verteilte sich auch Feenstaub allzu gern unkontrolliert über Tische, Hände, im Gesicht und auf wundersame Weise sogar auf lang verschollenen Puzzleteilen, die man bis dato immer vergeblich gesucht hatte und deswegen nie das niedliche Katzenmotiv vom Schachteldeckel fertigstellen konnte. Anders formuliert: man verwendete keinen Feenstaub, ohne dabei nicht ebenfalls die Umgebung in Mitleidenschaft zu ziehen. Dementsprechend suchte Abby den Fußboden gründlich nach weiteren Flecken ab und tatsächlich stieß sie auf eine Spur unscheinbarer Rückstände. Auf Händen und Füßen krabbelte die Wölfin über das Parkett, bemüht, die Fährte keinesfalls aus den Augen zu verlieren. Eine Lupe wäre gerade wirklich äußerst hilfreich!

    „Jetzt ist Ruhe. Hayes hat Scott und Ward auseinandergebracht“, unterrichtete Gwen Abby über die Entwicklungen außerhalb des Büros. „Es kommt jemand her.“

    Oh je! Dann aber flott! Die Spur führte Abby bis zum Schreibtisch. Hastig warf sie einen Blick darunter. „Da liegt irgendwas.“

    „Trödel nicht rum. Wir sind gleich nicht mehr allein hier drin.“

    Gesagt, getan! Abby streckte sich nach dem Gegenstand aus. Ihre Fingerspitzen berührten Glas. „Das ist ein Fläschchen.“ Und der Inhalt schimmerte exakt wie die Flecken auf den Stufen. Darin befand sich Feenstaub!

    Ein Schatten schob sich draußen vor den Türspalt. Nur noch ein winziges Stück, bis Abby die Flasche zugreifen bekam. Ein winzig kleines-... .

    Die Tür wurde geöffnet und in derselben Sekunde erwischte Abbys Hand endlich den Flakon. Geschafft! Schnell kroch sie unter dem Schreibtisch hervor – und prallte beinahe mit dem Gesicht gegen zwei Beine.

    Ertappt sah sie an dunklen Bluejeans hinauf.

    Oh-oh!



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    „Kolja ist nicht mein Freund“, stellte Abby unverzüglich Gwens Annahme über die Art ihres Verhältnisses zu dem Bärenpoly richtig, woraufhin der Sukkubus skeptisch eine Braue nach oben zog.

    „Bist du sicher?“

    Durch ein Nicken bejahte Abby geknickt und nutzte die Gelegenheit, sich einmal gründlich den Kummer von der Seele zu reden: „Ich wünschte, er wäre es. Bloß scheint Kolja kein Interesse an mir zu haben.“ Unweigerlich blickte sie zu ihm herüber. Imposanter Weise war es Scott in der Zwischenzeit gelungen, sich aus Koljas unnachgiebigen Bärengriff freizustrampeln und auf Ward zuzustürzen. So weit, dem Gespenst tatsächlich an die Gurgel zu gehen, kam er jedoch nie, denn Kolja hatte ihm rechtzeitig von hinten die Arme unter die Achseln geklemmt und hielt den tobenden Wolfsrüden trotz aller fluchenden Gegenwehr an Ort und Stelle fest. Erneut himmelte Abby Kolja stumm von Weitem an. Er sah einfach so unfassbar göttlich aus, wenn er Körpereinsatz zeigte! „Neulich habe ich ihm vorgeschwärmt, was für eine traumhafte Liebesbeziehung wir miteinander führen könnten. Darauf hat er überhaupt nicht reagiert. Das Ganze war mir am Ende so peinlich, dass ich zurückgerudert bin und so getan habe, als meinte ich das alles nur als theoretisch.“

    „Hm“, stieß Gwen einen kurzen Laut durch die Nase aus. „So was. Dabei hätte ich echt einen Wochenlohn daraufgesetzt, dass zwischen dir und Papabär eine dieser heimlichen Romanzen läuft, von der niemand etwas spitzkriegen soll.“ Mit einem Blick zu Scott ergänzte sie: „Was bei den Pappnasen, mit denen er sich umgibt, jetzt auch nicht unbedingt die größte Herausforderung darstellt. Ich meine, dass du ihn anschmachtest könnte nur noch dadurch offensichtlicher werden, indem dir herzchenförmige Blasen zu den Ohren hervorblubbern.“

    „Ob ihn das beeindrucken würde?“ Sehnsuchtsvoll stemmte Abby die Ellenbogen auf die Oberschenkel und stützte das Kinn auf den Fäusten ab. Wie konnte jemand, der sich im selben Raum wie sie befand, dermaßen unerreichbar bleiben, als trenne sie ein ganzer Kontinent? Das Ziel ihrer Andeutungen gegenüber Kolja hatte darin bestanden, seine Empfindungen hervorzulocken und ihm gleichzeitig ihre Bereitwilligkeit zu signalisieren, diese romantischen Gefühle mit größter Hingabe zu teilen. Ach, aber vielleicht gab es von seiner Seite aus auch einfach keine Zuneigung, die von Abby erwidert werden konnte. „Ich habe ihn sogar nonverbal aufgefordert, mich zu küssen. Meine Signale haben ihn aber völlig kalt gelassen.“

    „Das mit den Signalen ist Schwachsinn“, meinte Gwen trocken. „Dass man Männern Signale geben müsste, stammt von irgendwelchen Weibern ohne Selbstwertgefühl, die zu feige sind, sich die Blöße einer Abfuhr zu geben und deswegen ihre Kerle zum ersten Schritt provozieren wollen. Wenn du unseren Papabär in die Finger kriegen willst, musst du ihn schon direkt anpacken. Männer sind keine Hellseher.“

    Schon. Allerdings... „Ich habe ihm meine Liebe gestanden“, beichtete Abby ihr, ohne die Augen für eine einzige Sekunde von ihrem liebsten Kolja loszureißen. Noch direkter konnte sie wohl schwerlich werden.

    Da erlebte sie Gwen zum ersten Mal im Laufe ihrer erst kürzlich geschlossenen Bekanntschaft überrascht. „Oh“, war alles, was dem Sukkubus dazu einfiel. „Okay. Tja, keine Ahnung. Ich kann nur das beurteilen, was ich sehe und ich sehe einen Mann, der liebend gern seine Zunge so tief in dich hineinstecken würde, als wärst du ein halbleerer Honigtopf.“

    Abrupt richtete Abby sich auf. Was sagte Gwen da? Meinte sie das ernst? „Du denkst, er will mir einen Zungenkuss geben?“

    „Nein, Spätzchen. Keinen Zungenkuss.“ In Anbetracht der Ernsthaftigkeit des Themas und seiner Bedeutung für Abby, wechselte Gwen ihre Sitzposition. Angesicht zu Angesicht verriet sie: „Papabär verbirgt es ziemlich gut, aber ich bin ein Sukkubus. Mir kann er nichts vormachen. Sobald du den Pub betrittst, verändert sich seine Körperhaltung. Er beobachtet dich. Er behält dich im Auge, egal in welche Ecke des Gebäudes du spazierst. Wenn du redest, hängen seine Augen förmlich an deinem Mund und ich bezweifle stark, dass es noch eine sichtbare Kurve an deinem Körper gibt, die er nicht auswendig kennt. Der Mann könnte dich aus dem Kopf zeichnen. Übrigens scheint er echt auf deinen Hintern abzufahren.“

    Und plötzlich katapultierten Abbys Knie sie von ihrem Barhocker hoch, wie einen Springteufel aus seiner Schachtel. Die Enttäuschung, die ihr eben noch schwer auf den Schultern kauerte, verpuffte schlagartig und befreit von ihrer Last, schlug Abbys Innenleben ausgelassen Saltos. Kolja empfand etwas für sie! Oh, wie wundervoll! Abby war nicht nur bereit, Gwens Behauptungen Glauben zu schenken – ihr Herz und ihr Verstand hatten sie bereits im vollumfänglichen Einvernehmen als unumstößliche Wahrheit akzeptiert. Vor lauter purem, überschwänglichem Glück drohte Abbys Brust wie ein großer, roter, herzförmiger und mit Glitzer und rosa Konfetti gefüllter Luftballon zu platzen. Hach, am liebsten würde Abby vor Freude losträllern!

    Weil Abby derart unvermittelt von ihrem Sitz aufgesprungen war, musterte Gwen sie argwöhnisch. „Was ist denn jetzt?“, wollte sie wissen.

    „Ich gehe zu ihm und packe ihn an! So, wie du mir geraten hast.“ Schließlich hatte Abby schon viel zu lang eine viel zu große Distanz zu ihrem Kolja wahren müssen.

    „Damit habe ich nicht gemeint, dass du ihn an Ort und Stelle besteigen sollst. Ich halte das sogar für eine echt schlechte Idee“, stellte Gwen klar. Weshalb zeigten sich die Leute in Abbys Umfeld in letzter Zeit bloß so kritisch gegenüber ihren Plänen? Mit einem subtilen Nicken deutete der Sukkubus auf Colin und Scott und dabei fielen ein paar einzelne, schwarze Haarsträhnen über ihren Sidecut. „Die zwei Haudegen bei ihm sind deine Brüder, richtig? Das erklärt, weshalb dir etwas an der Fußballmannschaft liegt. Jedenfalls scheinen die beiden gerade ganz wild darauf zu sein, ihre Aggressionen an jemanden auszulassen. Was glaubst du, was sie mit deinem Kuschelbären anstellen, wenn sie denken, er würde sich an dir vergreifen?“

    Ach herrje! Die Gegenwart ihrer Brüder hatte Abby ja völlig verdrängt. Nach wie vor vertrat sie die unerschütterliche Ansicht, Scott würde die Verbindung zwischen ihr und seinem besten Freund befürworten, ja, sogar Freude über ihre Liebe zueinander empfinden. Allerdings neigte ihr großer Bruder dazu, Trugschlüsse zu ziehen und bei dem aufgebrachten Gemütszustand, an dem er in diesem Moment litt, gingen mit Scott schnell einmal die Reißzähne durch. Nein, er erfuhr besser zu einem späteren Zeitpunkt von Abbys und Koljas gemeinsamen Liebesglück.

    Gwens Frage diente offenbar als rhetorisches Mittel, denn ohne eine Sprechpause einzulegen, redete sie weiter: „Davon abgesehen will nicht jeder hier im Pub unbedingt euer Rumgekitsche miterleben müssen. Warte, bis ihr zwei allein seid und erfüll' Papabär dann seine Sexphantasien.“

    Sexphantasien? Ein zurückhaltender, ausgeglichener Mann wie Kolja sollte erotischen Tagträumen nachhängen? Unvorstellbar! Andererseits... ganz bestimmt schlummerte tief in ihm drin brennende Leidenschaft, die darauf wartete, hervorgelockt zu werden. Von Abby! Eigenmächtig malte ihre Vorstellungskraft farbenfrohe Bilder davon, wie Kolja keuchend und nackt über ihr lehnte. Sein blanker, starker Körper rieb sich lustvoll an ihrem; sein erregtes Stöhnen glitt geschmeidig in ihre Ohren und kitzelte ihr das Trommelfell. Puh! Auf einmal schien es, jemand hätte Abby glühende Kohlen in die Kleider geschmuggelt. Unter so viel Hitze schmolzen ihr die Kniekehlen weg und ermattet plumpste Abby auf den Sitz ihres Barhockers. Es gab da lediglich ein kleines Problem: „Wenn ich nur wüsste, wie seine Wünsche aussehen. Kolja ist viel zu wohlerzogen, um über Obszönitäten zu erzählen.“ Erst recht in Anwesenheit von Frauen. Aufs Neue begann Abby damit, den Bärenpoly anzuschmachten. Seine Manieren waren einfach formvollendet. Er öffnete für Abby Türen, ließ ihr bei jeder Gelegenheit den Vortritt, trug schwere Dinge für sie und wenn sie irgendwohin gingen, sorgte Kolja stets dafür, dass Moira und sie einen Sitzplatz bekamen, auch wenn er selbst dadurch stehen musste. Abby legte beide Hände auf ihre zartpochende Brust. Für sie war Kolja der strahlende Ritter in glänzender Rüstung.

    In Abbys Wissenslücke in Bezug auf Koljas sexuelle Sehnsüchte sah Gwen kein Hindernis. Kurzerhand schlug sie vor: „Dann leb' stattdessen deine eignen Phantasien aus“ und beugte sich Abby mit einem frivolen Schmunzeln im Gesicht entgegen. „Und versuch mir nicht weiszumachen, du hättest keine. Das kauf ich dir nämlich nie im Leben ab.“

    Was brachte es, es zu leugnen? „Um ehrlich zu sein, spukt mir da neuerdings tatsächlich etwas Konkretes durch den Kopf“, gestand Abby und wurde präzise: „Seit kurzem gibt mir Kolja Nachhilfeunterricht und ich stelle mir immer öfter vor, wie wir beisammensitzen, um uns herum liegen meine Unterlagen und die Aufgabenblätter verstreut und konzentriert betrachte ich die Gleichung auf dem Papier in meinen Händen. Kolja trägt seine Brille. Er sieht wirklich unglaublich gut mit seiner Brille aus, weißt du? Auf einmal nimmt er mir das Blatt aus den Fingern und legt es zur Seite. Er schaut mir tief in die Augen und dann lehnt er sich entschlossen über mich, drückt mich mit seinem Gewicht rücklings herab und küsst mich leidenschaftlich. Nach einiger Zeit genügen ihm meine Lippen nicht mehr, weshalb er mit ihnen meinen Hals und mein Schlüsselbein entlangwandert. Er würde gern noch mehr von mir erkunden, aber meine Kleidung ist ihm im Weg. Also entfernt er Kleidungsstück um Kleidungsstück, bis ich nackt vor ihm liege und wir dann inmitten unzähliger Matheaufgaben zusammen... .“

    „Wenn du mir gleich mit 'Liebe machen' ankommst, dann schwöre ich, gehe ich höchst persönlich zu Goofy und Pluto da drüben und stecke ihnen, aus wessen Astloch ihr Braunbärenkumpel seinen Sirup nuckeln will“, wurde Abby von Gwen unterbrochen. Todernst knallte der Sukkubus die harten Fakten auf den Tisch. „Du willst, dass Kolja es dir auf seinem sinnbildlichen Lehrerpult richtig besorgt.“

    Das war eine sehr unromantische Formulierung, doch im Großen und Ganzen konnte man das so ausdrücken, ja. Es traf unbestreitbar den Kern der Sache. Unschlüssig fragte Abby: „Ist das schräg?“

    „Nein Süße, das ist nicht schräg“, beruhigte Gwen sie. „In meiner Heimat hatte ich einen Klienten. Einen von deiner Sorte, einen Wolfpoly. Zu den Terminen mit ihm musste ich mich als Schaf verkleiden und ich meine damit keins dieser nuttigen Kostüme, in denen junge Mädels in den USA zu Halloween um die Häuser ziehen. Ich rede von dem vollen Programm mit Wollmantel, Stummelschwänzchen, falschen Schlappohren, Schleife, Glöckchen und Blök-Lauten. Das ist schräg. Was du dir zusammenphantasierst, ist niedlich. Und sehr detailreich. Wenn du jedoch deine Wunschträume Realität werden lassen willst, verlangt das nach einem Stellungswechsel.“ Auf Abbys fragende Mine hin, zwinkerte Gwen ihr zu. „Sei du diejenige mit der Leidenschaft, die ihn aufs Kreuz legt. Der Rest läuft von selbst. Das kann ich dir versprechen.“

    Okay. So sollte es sein! Bei der nächsten Gelegenheit würde Abby Kolja ihre Leidenschaft demonstrieren. Ah! Eventuell erübrigte Kolja ja heute spontan etwas Zeit für eine Nachhilfestunde? 'Nein', mahnte sich Abby selbst zur Geduld. Ihre erste gemeinsame Nacht mit Kolja sollte keinesfalls zwischen Tür und Angel stattfinden. Außerdem hatte sie ihn überhaupt erst unter einem Vorwand darum gebeten, die Nachhilfe heute ausfallen zu lassen. Sie benötigte schließlich die Zeit, um Gwen zu verhören. Apropos Verhör: „Kolja glaubt übrigens nicht daran, dass jemand die Fußballmannschaft sabotiert. Er tut alles als eine Pechsträhne ab.“

    Grüblerisch sah der Sukkubus Abby daraufhin an. „Ich weiß nicht“, meinte Gwen nach kurzer Bedenkzeit. „Es könnte beides der Fall sein. Regionalsport ist für manche eine ziemlich große Sache und ich habe Leute schon aus bescheuerteren Gründen durchdrehen sehen. Ich kann dir zeigen, wo Hayes gestürzt ist. Vielleicht bist du danach schlauer.“

    „Wäre das möglich?“ Den Tatort in Augenschein zu nehmen, würde Abby bei ihren Ermittlungen enorm weiterbringen. Aus ihrem Ausschnitt fummelte Gwen bereits den Büroschlüssel hervor.

    „Ich habe doch gesagt, ich besitze den Schlüssel zum Büro und Hayes ist derzeit sowieso nicht da.“ Hervorragend! Da bewies sich glatt wieder einmal, wie hilfreich der Kontakt zu den richtigen Personen sein konnte, egal wie gern Colin über Abbys umfangreichen Bekanntenkreis spotte. Ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich wusste, dass dir Mister Hayes' Wohl ein bisschen am Herzen liegt.“

    „So ein Quatsch. Der Winzling ist meine lukrativste Einnahmequelle und ich habe keine Lust auf finanzielle Einbußen, nur, weil jemand Koboldkegeln mit ihm spielt.“ Anmutig rutschte Gwen von ihrem Sitz herab. „Unabhängig davon mag ich deine Attitüde. Mit dir hänge ich ab jetzt öfter rum. Jetzt komm, solange niemand auf uns achtet.“



    nächster Teil

    Hallöchen ^^


    Naja. Zumindest hat Gwen ihr das nicht übel genommen. Sie scheinen sich ja auch zu versehen jetzt.

    Jap, Gwen ist zum Glück unkompliziert, hihi :D


    Ah. Ich glaube nicht, dass Gwen einer solchen Heldin ähnelt. Hoffe ich doch xD

    Schauen wir mal, ob in Gwen ein quietschsüßer Romantikkern mit Karamelfüllung steckt :rofl:


    Mit Kolja? Na, der wird sich bedanken

    Der weiß gar nicht, wie ihm geschiet, wenn Abby irgendwelche theatralischen Coverbilder nachspielen will xD


    Ach. Ich finde Abby süß. So richtig schön naiv

    Aus Interesse: Wie stehst du mittlerweile denn generell zu Abby? Ich weiß ja, dass du in Ep 1 nicht viel mit ihr anfangen konntest ^^

    Ertappte schnappte Abby nach Luft. „Was? Nein, ich wollte dir nicht unterstellen, dass du-...“ Das hieß... Doch. Eigentlich wollte sie das. Woher ahnte Gwen nur, worauf ihre Fragen abzielten?

    „Erspar' uns das Schauspiel bitte“, fiel diese ihr ins Wort. „Du bist nämlich nicht gerade ein Columbo und ich bin kein hirnloser Pferdehintern. Mir ist klar, was dein Verhör bezweckt und wenn du es genau wissen willst: An dem Tag, an dem Hayes gestürzt ist, war ich nicht mal im Pub. Ich war einkaufen. Möchtest du den Kassenzettel mit Datum und Uhrzeit sehen, Miss Marple?“

    Obwohl Gwen der Verlauf ihres Gesprächs sichtbar gegen den Strich ging, lag in ihrer Stimme weder Aggression, noch Frustration. Stattdessen reagierte sie mit nüchternem Sarkasmus. Oh je, wie unangenehm! Was musste der Sukkubus jetzt bloß über Abby denken? Dabei war sie sich so sicher gewesen, subtil vorzugehen. Nun gut. Für Abby gab es keinen Grund, am Wahrheitsgehalt von Gwens Alibi zu zweifeln. Eine Abigail Fitzpatrick stand zu ihren Fehlern und wenn sie jemanden zu Nahe trat, verlangte das nach einer Entschuldigung! „Tut mir leid, falls ich dich beleidigt habe“, bat sie sie um Verzeihung. „Ich musste herausfinden, ob du etwas mit dem Unfall zu tun haben könntest. Weißt du, ich bin mir hundertprozentig sicher, dass jemand Mister Hayes' Fußballmannschaft schaden will und sein Sturz ist Teil eines großen, heimtückischen Plans. Ich habe nichts gegen dich, ehrlich. Du hast bloß den engsten Kontakt zu Mister Hayes. Also hielt ich es für denkbar, du wärst dafür verantwortlich.“

    Der Sukkubus neigte den schwarzhaarigen Schopf und betrachtete die Wölfin nachdenklich. Danach beruhigte sie sie: „Schon gut. Um mich zu beleidigen, gehört etwas mehr dazu. Trotzdem bin ich neugierig. Aus welchem Grund sollte ich deiner Meinung nach denn Hayes oder seinen Männern etwas antun wollen?“

    Oh! Das wusste Abby prompt zu beantworten. „Aus Eifersucht natürlich!“

    Daraufhin presste Gwen ein kurzes, spottendes Lachen aus ihrer Kehle. „Eifersucht? Ich? Wegen wem? Wegen Hayes etwa?“ Als Abby überzeugt nickte, prustete der Sukkubus erneut los.

    „Was ist daran so lachhaft?“

    Gwen kicherte noch einmal auf wirklich erstaunlich anmutige Weise in ihre Faust, bekam sich allerdings rasch wieder ein. Sie erklärte: „Um seinetwegen eifersüchtig zu werden, müsste ich Hayes mögen. Und eine andere Frau müsste Interesse an ihm zeigen und das wird nie passieren.“

    Damit verwirrte sie Abby. „Aber du bist doch seine Freundin.“ Oder meinte Gwen, Mr Hayes nicht nur zu mögen, weil sie ihn ja sogar liebte?

    „Ach, Schätzchen“, klärte Gwen sie auf. „Hayes und ich sind kein Liebespaar. Er bezahlt mich für Sex. Das ist alles, was zwischen uns besteht. Ein Dienstleistungsvertrag.“

    ...Oh.

    Oh!

    Das...! Also das... . Oh. Darauf wollte Kolja also hinaus, als er gesagt hatte, Abby würde ihr Verhältnis missinterpretieren. Gwen arbeitete für Mr Hayes als Prostituierte! Uh, diese Bezeichnung klang ja schrecklich abwertend. Gab es denn keinen freundlicheren Begriff für ihre Berufsbezeichnung? „Da scheine ich wohl etwas falsch verstanden zu haben“, räumte Abby ein und hakte noch mehr nach: „Prostitution also. Darf ich fragen, wie es denn dazu kommen konnte?“ Hatte Gwen die Schule abgebrochen und stand nun ohne Abschluss da? Oder benötigte sie womöglich dringend Geld, welches sie auf keinem anderen Weg zu beschaffen wusste? Irgendetwas musste ihr widerfahren sein; anderenfalls hätte sie wohl kaum angefangen, ihren Körper zu verkaufen.

    Offenbar traf keine von Abbys Vermutungen ins Schwarze. „Tu nicht so, als wäre ich ein Sozialfall, ja?“, verlangte Gwen und runzelte verstimmt ihre ebenmäßige Stirn. „Ich bin ein Sukkubus. Ich bin von Sex abhängig. Nach dem Schulabschluss stand ich nicht vor der Wahl, Meeresbiologin oder Anwältin zu werden. Ich musste mich entscheiden, ob ich aus eigennütziger Wohltätigkeit die Beine für Männer breitmache oder finanziell davon profitieren will.“ Während sie sprach, verdeutlichte Gwen den monetären Aspekt ihrer Worte, indem sie den Zeigefinger gegen ihren Daumen rieb. Dann lächelte sie selbstüberzeugt. „Hat sich rausgestellt, dass in mir die geborene Geschäftsfrau steckt. Ich verdiene gut, erledige brav meine Steuererklärung und am Ende bleibt noch was für meine Altersvorsorge und eine Zahnversicherung übrig. Und für diese Schönheiten hier.“ Sodann hob Gwen ihr schlankes Bein, um Abby freie Sicht auf die Schuhe zu gewähren, die sie an diesem Tag trug und die selbstverständlich perfekt zu der Farbe ihres Kleides passten. Bei ihrem Anblick wurden Abbys Augen groß.

    „Sind das etwa echte Louis Vuittons?“

    „Nicht schlecht, was?“ Stolz begutachtete Gwen die Pumps und ließ ihre Füße im Anschluss wieder herab. „Das Beste ist, dass ich sie als Arbeitskleidung von der Steuer absetzen kann.“

    Wow! Für ein Paar dieser Schuhe bezahlte man mehr, als Abby in einem ganzen Jahr für neue Klamotten ausgab! Selbst die Auslaufmodelle aus der vergangenen Saison überstiegen das verschmerzbare Budget eines Normalverdieners. „Sie sehen super aus!“, bewunderte Abby sie voller Begeisterung. „Und du hast so herrlich schmale Füße. Dir steht sicher jeder Schuh fabelhaft.“ Da überkam sie ja beinahe kleiner Anflug von Neid. Bei Abbys hochgewachsenen Statur wurde es nämlich kompliziert, überhaupt schicke Damenschuhe in der passenden Größe zu finden. Sie schwärmte weiter: „Ich liebe Schuhe! Sobald ich von zuhause ausgezogen bin, werde ich mir eine Wohnung mit einem extra Zimmer nur für meine Schuhe und Klamotten mieten. Das wird mein eigener, begehbarer Kleiderschrank.“

    „So ein Zimmer habe ich“, prahlte Gwen mit einem Augenzwinkern. „Und es ist unglaublich toll. Eventuell lade ich dich bei Gelegenheit auf einen kleinen Rundgang durch meine Kleiderkammer ein. Dann kannst du Inspiration sammeln.“

    „Wirklich? Das fände ich großartig!“ Vor Vorfreude klatschte Abby vergnügt die Hände ineinander; anschließend reichte sie Gwen eine davon. „Ich bin übrigens Abby. Abby Fitzpatrick.“

    „Baobhan-Sith MacFarlane“, stellte sich der Sukkubus vor. Ähm, wie bitte? Teilweise machte es dieser gutturale Akzent wirklich schwer, aus Gwens Redefluss einzelne Silben herauszuhören. Konzentriert versuchte Abby, die Laute mit den Lippen nachzuformen.

    Bah-wenn-schi?“

    „Das war sogar ziemlich richtig.“ Gwen schmunzelte amüsiert. „Du kannst mich Gwen nennen. Das tun die meisten.“

    Ah, sehr gern! „Okay, Gweni!“ Doch kaum sprach Abby aus, gebot Gwen ihr bereits via einer eleganten, dennoch strengen Handbewegung zu schweigen.

    „Nein“, sagte sie bestimmend. „Es heißt Gwen. Nur Gwen. Das ist schon ein Spitzname. Den müssen wir nicht verniedlichen, okay?“

    Oh. Na gut. Dann blieb es eben bei Gwen. Für Abby stellte sich trotzdem die Frage: „Wie kommt man denn von Baobhan-Sith auf Gwen?“

    Der Sukkubus hob die Achseln. „Spitznamen ergeben nicht immer Sinn. Kennst du jemanden namens Richard?“

    Ja, das tat Abby tatsächlich. „Einer meiner Onkel heißt so.“

    „Wie ruft ihr ihn?“

    Was für eine Frage! Fröhlich flötete Abby los: „Na 'Onkel Dick'!“

    Unversehens wandten ein paar der Gäste ihr Augenmerk von dem improvisierten Kampfring der Kellner ab und richteten es stattdessen auf die junge Wölfin am Tresen. Vielleicht hatte sie den Kosenamen ihres Verwandten ein wenig zu enthusiastisch vorgebracht? „Siehst du, was ich meine? Kein sehr schmeichelhafter Name, wenn du mich fragst“, kommentierte Gwen die irritierten Gesichter der Freaks. „Besonders nicht, wenn man ihn in einer englischsprachigen Kneipe ohne jeglichen Kontext herumbrüllt.“

    Schnell verflog das Interesse der Gäste an den beiden Frauen und heftete sich dafür zurück an Scott und Ward. Abby gab zu, dass Gwen einen gewissen Standpunkt vertrat, was die Sinnhaftigkeit von Spitznamen anbelangte. Gwen. Gwen MacFarlane also. Augenblick! MacFarlane? „Du bist Schottin!“, sprudelte die Erkenntnis aus Abbys übereifrigen Mund hervor. Jetzt wusste sie auch Gwens Akzent einzuordnen. Diese tat ihrer neuen Bekanntschaft den Gefallen, ihrer schottischen Schnauze freien Lauf zu lassen und bestätigte grinsend: „Aye, Lassie. Gebürtig und in der Keine-Ahnung-wievielten Generation aus Inverness.“

    „Inverness!“ Euphorisch japste Abby. „Das liegt in den Highlands!“ Gwen war eine Highlanderin! Wie die tapferen und unheimlich klugen Heldinnen aus Abbys Lieblingsromanen! In diesen Geschichten siegte am Ende stets die Liebe der Protagonistin zu dem tapferen, starken und selbstverständlich umwerfend gutaussehenden Schotten ihres Herzens. In der Regel fanden die zwei Liebenden erst nach einigen steinigen Umwegen zueinander aber dafür gestaltete sich der Moment, in dem sie ihren Gefühlen endlich nachgaben, wie eine wunderbare Explosion ihrer Emotionen. Vor allem von den Sexszenen konnte Abby nie genug kriegen. Leise seufzte sie. Nach genau so einer Liebesgeschichte sehnte sie sich in ihrem Leben. Bis auf den Teil mit den Umwegen. Den durften die Autoren gern als Stilmittel ihres Genres behalten. „Was hat dich denn dazu getrieben, Schottland zu verlassen?“, zeigte Abby ihr ehrliches Interesse an Gwens Herkunft. Für sie war der Gedanke, ihre Familie und Freunde zurückzulassen, um in ein fremdes Land zu ziehen, absolut unvorstellbar. Ohne ihre Eltern und Geschwister würde Abby schneller eingehen, denn die Grünpflanze, die sie vor einigen Jahren Scotts Obhut überlassen hatte. Binnen weniger Tage!

    Gwens Antwort fiel gewohnt prosaisch aus: „Der Brexit. Ich mag ich das Konzept der Europäischen Union und Irland bleibt die einzige Option, solange man nicht gleich aufs Festland ziehen will. Und eigentlich lebt es sich hier ganz gut, zumindest nicht schlechter als in Schottland. Dein Freund wird sich ja bestimmt auch nicht grundlos ausgerechnet hier niedergelassen haben.“

    „Mein Freund?“ Welcher Freund? Derzeit führte Abby gar keine Beziehung. Entsprechend ratlos vollzog die Wölfin die imaginäre Linie nach, die sich zwischen Gwens richtungsweisender Fingerspitze und einem Punkt am Ende des Pubs spann. Und sie endete bei... Kolja?



    nächster Teil

    Guten morgen, Lady ^^

    Sie ist so süß, wie sie da Gwen befragt und die bekommt natürlich sofort mit, was da abläuft.

    Abby ist eben mein quietschsüßes, sahne- und naivitätgefülltes Schokoladeneclair mit Streußeln :rofl:

    Mich würde interessieren, warum die anderen kurz davor standen, sich auseinanderzunehmen bzw. warum Scott den Geist auseinander nehmen will xD

    Um mal Gwen zu zitieren: "Das wissen die zwei nicht mal selbst" :D

    Geil fand ich natürlich auch, wie Abbys Gedanken immer wieder zu Kolja geschwenkt sind ...

    Gut, dass das auffällt. Ich wollte gern erreichen, dass man mitbekommt, wie sie vor lauter Liebesduselei für ihn kaum einen Gedanken zuende spinnen kann, ohne dass Kolja darin eine Rolle spielt ^^

    In diesem Sinne ... Lady hatte ein unterhaltsames Frühstück

    Das freut mich :)

    Abigail


    „Du verdammter Wichser! Dich mach ich fertig!“, brüllte Scott wutentbrannt, holte aus und gerade im letzten Moment gelang es Kolja, sich unter seiner heranschnellenden Faust hinweg zu ducken. Der Bär verharrte nicht in der Defensive. Er nutzte die Gelegenheit, Scott am Arm zu packen, zerrte ihn mit einem kräftigen Ruck näher und rammte ihm dann unversehens die Schulter gegen die ungeschützte Brust. Durch die enorme Krafteinwirkung wurde Abbys Bruder rückwärts an die Wand gewuchtet; dort heftete Kolja den tobenden, zähnefletschenden Wolf fest. Mit Händen und Füßen setzte sich Scott gegen den unerbittlichen Griff seines Freundes zur Wehr, doch aus eigener Erfahrung wusste Abby, dass Widerstand keinerlei Wirkung angesichts Koljas übermenschlicher Stärke zeigte. „Pfoten weg, Bär!“, forderte Scott aus tiefer Kehle knurrend. „Dem Scheißkerl reiß ich den Arsch auf! Hast du das gehört, Ward?! Dir stopf' ich das Maul!“

    Diese und noch einige weitere, wirklich sehr unhöfliche Drohungen, spie Scott über Koljas breites Kreuz hinweg einem anderen Kellner entgegen und einzig der Bär hielt ihn wie ein Bollwerk davon ab, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Auf der anderen Seite des Schankraums zwang Colin den Adressaten der Beschimpfungen auf Abstand zu seinem Bruder, indem er sich einschüchternd nahe vor Scotts Arbeitskollegen aufbaute und zur Warnung die Zähne bleckte. Oh je, oh je! Kurzzeitig wägte Abby ab, schlichtend in die Situation einzugreifen. Allerdings sorgten Kolja und Colin bereits dafür, dass es zu keinen Handgreiflichkeiten kam und ehrlich gesagt wollte Abby lieber nicht zwischen einem austickenden Wolfsrüden und seiner Beute stehen. Bei aller geschwisterlicher Hingabe wurde sie von ihren Brüdern nämlich keineswegs mit Samthandschuhen angefasst. Ohnehin erwiderte Ward – so hatte Scott seinen Kollegen doch gerufen, richtig? - die ihm entgegengebrachten Aggressionen allerhöchstens geringfügig. Er wirkte auf Abby eher genervt? Zermürbt? Gefrustet? Irgendwie schaffte es seine Mimik, alle drei Emotionen simultan abzubilden. Jedenfalls schien ihn die angekündigte Gewalt kaum einzuschüchtern, obgleich das Gespenst in seinem gegenwärtig vollständig materialisierten Zustand durchaus physischen Schmerz spüren und fürchten sollte.

    Ein Gespenst also. Wie interessant! Man erahnte es an Wards leichenblassen Fingern und den farblosen Wangen. Kreislaufschwierigkeiten gehörten zu den typenspezifischen Problemen, mit denen sich Gespenster herumplagen mussten und deshalb floss das Ektoplasma oft zu unregelmäßig in die einzelnen Körperregionen, um einen kontinuierlichen, einigermaßen lebendig wirkenden Teint zu imitieren. Vermutlich strahlten Wards Ohren ähnlich weiß; der der obere Teil seiner Ohrmuscheln wurde jedoch von den blonden Spitzen seines pragmatischen, äußerst pflegeleichten Kurzhaarschnitts verdeckt. Die Frisur verfehlte Abbys persönlichen, höchsteigenen Geschmack aber sie unterstützte stilistisch hervorragend die ähnlich pragmatische Kleidung, in die Ward seine hagere Gestalt hüllte: Cargohosen in erdigen Farben, einfache Turnschuhe und dazu eines dieser schlichten, schmucklosen Baumwollshirts, die man unkompliziert überall im Multipack zu kaufen bekam. Uh! Wahrscheinlich konnte Ward seine Kleidung in ein und demselben Waschgang erledigen. Wie praktisch! Und... na ja, pragmatisch eben. Aber trotzdem praktisch! Abby opferte jedes Mal gefühlt Stunden dafür, ihre getragenen Klamotten nach heller Wäsche, bunter Wäsche, schwarzer Wäsche, Feinwäsche, Kochwäsche, Handwäsche oder Wolle zu sortieren und dann ratlos zu überlegen, auf welchen dieser Häufchen sie nun ihre schwarz-weiß-getupfte Bluse werfen sollte.

    Hoppla, worauf wollte Abby ursprünglich hinaus? Irgendwie war ihr der rote Faden abhandengekommen. Hatte es mit Kurzhaarschnitten zu tun...? Egal! Es sah sowieso niemand so umwerfend gut mit einem Kurzhaarschnitt aus, wie Kolja. Niemand! Kein einziger Mann auf der Welt.

    Abby schlängelte sich an den Tischen und den aufgescheuchten Fußballspielern aus Scotts Mannschaft vorbei. Sie erkannte die Männer von den Spielen wieder, bei denen Abby im Publikum gesessen und das Team kräftig angefeuert hatte. Doch Abby war nicht wegen der heutigen Mannschaftsbesprechung in den Pub gekommen.

    Der Grund ihrer Anwesenheit saß mit grazil überschlagenden Beinen und in einem wirklich knappen, hellblauen Kleid auf einem Barhocker am Tresen und beobachtete, sichtlich bestens davon unterhalten, das Spektakel zwischen Abbys Bruder und dessen Kollegen. Kolja mochte der Ansicht sein, die Fußballmannschaft litt lediglich unter einer Pechsträhne, aber Abby hielt an ihrer Überzeugung fest: Jemand spielte dem Team ihrer Brüder übel mit und sie würde schon herausfinden, wer und wieso! Mr Hayes Freundin erschien Abby dahingehend der ideale Startpunkt sein. Eifersucht war ein starkes Motiv und Abby wusste, wozu Verlustängste eine Frau anzutreiben vermochten. Ein kleiner Stoß und der untreue Freund stürzte in sein Verderben. Zudem der Sukkubus keinen Hehl daraus machte, wie sehr ihn der Zank der Männer erheiterte. Aus Genugtuung womöglich!

    Abby mimte Nonchalance, als sie auf dem freien Hocker neben Gwen Platz nahm und mit einem Wink zu Scott den Sukkubus ansprach: „Worüber streiten die zwei?“

    „Ich habe keine Ahnung“, antwortete Gwen, ohne ihre blauen Augen für eine einzige Sekunde von Wolf und Geist abzuwenden. Huch, sie sprach ja mit Akzent! „Und wie ich die beiden kenne, wissen sie es selbst nicht.“ Dann umspielte ein Lächeln ihre vollen Lippen. „Ist es nicht faszinierend? Rohe Gewaltbereitschaft unter Männern und voller Körpereinsatz. Ich würde Geld dafür bezahlen, so was jeden Tag ansehen zu dürfen.“

    „Findest du?“ Automatisch richtete Abby ihren Blick auf die besagten Streithähne weiter hinten im Schankraum. Was meinte Gwen? Abby entdeckte bloß ihre Brüder und die benahmen sich wie immer. Hach! Aber dafür war Kolja einfach unglaublich. Mit welcher Kraft er Scott daran hinderte, auf Ward loszugehen, obwohl sein Freund ihm bereits halb auf der Schulter hockte. In ihm steckte so viel Stärke, so viel Geduld, so viel Besonnenheit! Sein Anblick und die beeindruckende Demonstration seiner Muskeln ließen Abby dahinschmelzen.

    'Nicht jetzt!', rief sie sich selbst zur Räson und vertrieb mittels einiger sanfter Schläge die Wärme aus ihren Wangen. Sie wollte doch Gwen befragen, nicht Kolja gedanklich ausziehen! Ehe Abby also tatsächlich vor lauter Hitze zerfloss und von ihrem Barhocker auf das Parkett tropfte, lenkte sie ihre ganze Konzentration wieder auf den Sukkubus. Dieser schien insbesondere von Colins Erscheinung gefesselt zu sein.

    „Will Mister Hayes nicht dazwischen gehen?“, fragte Abby als nächstes. Was für ein schlauer Schachzug von ihr! Redeten sie einmal über den Kobold, konnte Abby ganz beiläufig auf seinen Sturz zu sprechen kommen und weitere Informationen herauskitzeln.

    Nach wie vor hielt Gwen es für unnötig, ihrer Gesprächspartnerin ihr Augenmerk zu schenken. „Kann er nicht. Er ist nicht hier.“

    „Wo steckt er denn?“

    Gwen winkte gleichgültig ab. „Keine Ahnung. Vielleicht ist er beim Arzt, um sein Bein untersuchen zulassen. Vielleicht auch nicht. Ehrlich gesagt ist es mir völlig egal, wo er sich herumtreibt.“ Aha! Diese Wortwahl kannte Abby von Scott, wenn er versuchte, seinen Trennungsschmerz zu überspielen. Nur klang er dabei wesentlich unglaubwürdiger. Oder andersherum ausgedrückt: Gwens Behauptung klang überzeugend. Nichtsdestotrotz brachte sie dadurch von selbst auf den Tisch, worauf Abby hinauswollte. „Oh ja. Mister Hayes' Bein“, griff sie es augenblicklich auf, bevor ihre Chance dazu noch von einer lapidar daher gesagten Bemerkung hinweggekehrt wurde. „Das ist wirklich schlimm. Man kann ihm nur gute Besserung wünschen.“

    „Wenn du das sagst.“

    „Wie ist das eigentlich passiert?“ Weil Gwen wenig Interesse daran zeigte, ein Gespräch über den Leprechaun zu führen, musste Abby ihr wohl oder übel aus der Nase ziehen, was sie erfahren wollte.

    Der Sukkubus erzählte gelangweilt: „Hayes ist die Treppe runtergestürzt, die von seiner Wohnung ins Büro führt. Das ist schon alles.“

    „Musste er lange warten, bis Hilfe gekommen ist?“

    „Nö“, gurrte Gwen. „Glen und Kelly, die zu der Zeit Schicht hatten, haben das Gepolter gehört und sofort einen Arzt gerufen.“

    Je mehr Gwen von sich gab, desto deutlicher nahm Abby ihre ungewohnte, harte Aussprache wahr. Okay. Ihren Ausführungen zufolge, stand dem potentiellen Täter kein Zeitfenster zur Verfügung, um unmittelbar nach seiner Tat zu fliehen, denn dann wäre er direkt in die beiden Kellner gerannt, die Hayes zur Hilfe geeilt sind. Seine einzige Möglichkeit bestand somit darin, sich bis zum passenden Moment im Obergeschoss versteckt zu halten und später durch den Schankraum das Tír na nÓg zu verlassen. Dieser wäre aber mit Sicherheit bis in die Morgenstunden voller Gäste und den Angestellten gewesen. Das bedeutete, man hätte denjenigen auf jeden Fall entdeckt und Fragen gestellt – außer, die Person ging regulär im Büro ein und aus. Ha! Wie ausgefuchst Abby doch sein konnte. Jetzt zahlte es sich aus, sämtliche Staffeln von Criminal Minds gesehen zu haben.

    Abby unternahm einen weiteren Versuch, den Dialog in eine informative Richtung zu stupsen. „Dann wird wohl niemand den Sturz beobachtet haben, oder?“

    „Unwahrscheinlich“, stimmte Gwen ihr zu. „Die Bürotür ist normalerweise abgeschlossen und außer Hayes haben bloß ein paar der Kellner einen Schlüssel.“ Ja, das ergab Sinn. An Stelle des Kobolds würde Abby den Zugang zum Büro genauso kontrollieren wollen, wenn man darüber ihre Privatwohnung erreichte. Hm. Als Mr Hayes' Freundin besaß Gwen doch bestimmt ebenso einen Schlüssel zu seinen Räumen, oder? Als hätte Gwen Abbys Gedanken gehört, fügte sie der Vollständigkeit halber hinzu: „Und selbstverständlich hat er mir einen gegeben.“

    „Oh, okay!“ Abby war nah dran - nah dran an einem Geständnis, das spürte sie! Vorsichtig, damit ihr sorgsam aufgestapeltes Kartenhaus auf keinen Fall zusammenfiel, stellte sie dem Sukkubus noch eine Frage: „Warst du denn in seiner Wohnung, als Mister Hayes gestürzt ist?“

    Da löste sich aus Gwens Brust ein genervtes Seufzen und zum ersten Mal seit Beginn ihrer Unterhaltung, schaute sie Abby direkt an. „Bist du langsam fertig mit den Detektivspielchen? Dein Frage-Antwort-Quiz wird nämlich wirklich langweilig. Kürzen wir das ganze ab, indem ich dir das Endergebnis verrate, okay? Ich habe Hayes nicht die Treppe runtergestoßen.“



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