Beiträge von Amafiori

    So viele Ideen... Aber du musst sie ja nicht alle in eine Romanserie packen. Den Begriff und die Person eines Messias würde ich ganz rauslassen. Da würden sich vielleicht doch viele christliche Lesende auf den Schlips getreten fühlen. Lass das Kind, das da gezeugt werden soll, besser etwas anderes, jemand anderes sein.

    Hallo Mephistoria ,

    du bist ja zurzeit mächtig kreativ! Klasse!

    Wenn dieser Text der Anfang eines Romans sein soll, finde ich die vielen Personen, die wir Lesenden auf wenigen Seiten auf einmal kennenlernen, verwirrend. Ebenso die Familienverhältnisse zwischen ihnen und auch erwähnten nicht anwesenden Personen. Vielleicht wäre es geschickter, sie alle nach und nach mit ein paar Worten der Erklärung einzuführen. Es könnte sein, dass du das Wissen aus deinen vorherigen Texten bei den Lesenden voraussetzt. Es kennen aber nicht alle Leserinnen und Leser alle deine Geschichten und somit nicht die Vorgeschichten und die früheren Erlebnisse deiner Protagonisten.

    Was mich im Prolog Teil 1 ein wenig gestört hat: Das sechsjährige Kind spricht noch wie ein Kleinkind. Du darfst den Jungen ruhig "normal" reden lassen.

    K. T. Argento: Die Forensoftware macht aus Zeilenumbrüchen immer einen neuen Absatz. Das ist also vermutlich keine Absicht der Autorin. Und eine eigene Zeile für das Gesagte jeder Person finde ich völlig in Ordnung.

    Gerne und Danke.

    Meinst du, meint ihr, es wäre stimmiger, wenn es Derda wäre, der die Überlegungen im letzten Absatz anstellt? Über die bunten Eier und die Namen und Fähigkeiten der gemeinsamen Kinder? Allerdings würde ich Dieda dadurch zu einer Nebenfigur degradieren, die nur die eine Entscheidung trifft, Derda zu folgen. Ich fand es ganz schön, dass sie davon abrückt, andere dunkle Drachen finden zu wollen und stattdessen mit Derda eine bunte Familie gründen möchte, und dass sie es ist, die das beschließt, weil sie ihre eigene Vorstellung von dieser Zukunft gut findet.

    Und wieder ein unglücklicher Pazifist. Viel Blut fließt in dieser Geschichte, und wir erfahren mehr über das Prisma Kron. Was mag es, und das Wissen darum, was es kann, wohl aus Mendor machen? Die Lesenden kennen es allerdings nur aus deiner anderen Geschichte (ein alter Mann). In dieser hier wird die ihm innewohnende Macht nur angedeutet. Weiß Mendor, was es tatsächlich bewirken kann? Sollten die Lesenden, die seine Macht nicht aus anderen Texten kennen, es auch wissen?

    Ich möchte den Text nicht im Einzelnen auseinandernehmen, dazu besteht auch nicht wirklich Anlass, nur an einer Stelle fiel mir eine Dopplung auf:

    Zwei oder drei Musikanten begleiteten den Troß und sorgten für die musikalische Begleitung.

    Da könntest du statt "Musikanten" beispielsweise "Spielleute" schreiben.

    Zwei Anmerkungen von mir:

    Ich finde es in Geschichten, Romanen und Filmen immer wieder faszinierend, wenn Personen, die aus einer früheren Zeit stammen (Zeitreise) oder uralt sind (Hexen, Vampire) auf unsere moderne Welt und die Personen in ihr treffen. Da kannst du viele Konflikte, aber auch lustige Situationen erfinden, da deine Vampire recht alt sind. Diese sind aber auch gut an unser Heute angepasst, wie mir scheint.

    "Das Schlimme" musst du ja nicht gleich durch das Wort "Vergewaltigung" ersetzen. Es gibt ja noch Begriffe dazwischen, wie zum Beispiel "jemandem Gewalt antun" oder "jemandes Grenzen überschreiten", "jemandem zu nahe treten", "jemanden zum Geschlechtsverkehr zwingen" und sicher noch mehr.

    Es gibt LeserInnen, die mögen solche Szenen lesen und andere, die möchten es nicht. Daher ist es immer gut, es irgendwo zu erwähnen, wo die an deinen Geschichten Interessierten es finden, bevor sie zu lesen beginnen. Wenn du deine LeserInnen auf diese Art vorher "sortierst", sollte Kritik an düsteren Themen und deren Umsetzung ausbleiben.

    Was Szenen mit Gewalt angeht, habe ich beim Lesen die Erfahrung gemacht, dass meine eigene Phantasie oft mehr hergibt als die gruseligste Beschreibung, wenn das Böse nur angedeutet wird und dann - Cut und Cliffhanger. Geschickt aufgebaut erzeugt eine solche Szene oder ein solches Szenenende ausreichend Grauen und erspart es AutorInnen, sich die Einzelheiten auszudenken und sie treffend, plausibel und wirkungsvoll zu beschreiben.

    Danke für eure Kommentare. Was die "fremden" Eier angeht, finde ich, es spielt überhaupt keine Rolle, wie es dazu kam. Am Anfang schwört die Mutter von Derda ihrem Gefährten, dass sie mit keinem anderen Drachen "geflogen" ist. Das dürfen wir ihr glauben. Evolution, wie Zarkaras Jade vorgeschlagen hat, trifft es wohl am ehesten.

    Hallo markus66 ,

    vielen Dank für deine kleine Erzählung. Sie gefällt mir echt gut, vor allem dein Schreibstil, der gut und flüssig zu lesen ist, und auch die "Moral". Ja, und auch das etwas frustrierende Ende, das zeigt, dass immer wieder neue, unbelehrbare Generationen heranwachsen, die vom Kämpfen und vom Krieg fasziniert sind und sich selbst dabei hervortun wollen, entgegen aller Warnungen von Leuten, die es besser wissen müssen.

    Wenn die Geschichte für sich allein stehen und verständlich sein soll, könntest du eigentlich Begriffe wie "Prisma Kron" und die Prophezeiung weglassen. Was der alte Mann zu erzählen hat, das Grauen einer Schlacht, wirkt schon für sich allein und würde sogar dann wirken, wenn die Gegner nicht auf solch magische Weise übermächtig gewesen wären, sondern wenn der junge Thamas einfach nur die unheroische Seite einer Schlacht kennenlernt: Schreie, Angst, Blut, Tod, knapp mit dem Leben davonkommen. Bilder, die er nie vergisst und doch nicht abschreckend genug für die Knaben sind.

    Und hier der Schluss:


    5

    Der Flug über den Gebirgskamm hatte Derda ermüdet, und so segelte er, nachdem er es geschafft hatte, im Gleitflug abwärts und suchte sich einen Ruheplatz. Während er so dahin glitt, entdeckte er mehrere Eingänge zu Höhlen in den Bergen dort unten und frohlockte. Hier würde es ganz bestimmt Drachen geben, und möglicherweise sogar eine freie Wohnhöhle für ihn. Aber noch blieb er auf Abstand zu den Bergen, die sein neues Zuhause werden sollten und hielt Ausschau nach einem Platz zum Rasten. Er entdeckte eine einladende Hochebene, landete und suchte sich ein Plätzchen im Windschatten, wo er sich, versteckt zwischen einigen Felsbrocken, niederließ, die Flügel zusammenfaltete und sich anschickte, ein Nickerchen zu machen.

    Gerade waren ihm die Augen zugefallen, als er meinte, in der Nähe ein leises Wimmern zu hören. Er hob den Kopf und lauschte, und tatsächlich: Da weinte jemand. Beunruhigt verließ Derda sein Versteck, legte den Kopf schief und wartete, bis das Jammern erneut zu vernehmen war, um die Richtung zu erkunden, aus der es kam. Da er bei einer solchen Geräuschkulisse ohnehin nicht einschlafen können würde, gedachte er, nachzusehen, wer da weinte und in Erfahrung zu bringen, aus welchem Grund.

    Er nahm kurz Anlauf und war sogleich wieder in der Luft, stieg auf und folgte den Tönen, bis er in ein Seitental gelangte, an dessen Grund er eine kleine, pechschwarze Drachin erkannte, deren Flanken jedes Mal bebten, wenn sie wieder einen Schluchzer von sich gab. Sanft glitt er hinab und landete in einiger Entfernung von ihr. Noch hatte sie ihn gar nicht bemerkt. Sie schien ganz und gar mit sich selbst und ihrem Unglück beschäftigt.

    Derda räusperte sich leise, um auf sich aufmerksam zu machen.

    Sie schrak zusammen, blickte auf und erstarrte angesichts des Fremden.

    "Sei gegrüßt", sagte Derda scheu.

    Sie benötigte ein Weilchen, um sich zu fassen, schluckte verlegen und erwiderte endlich seinen Gruß. "Kann es sein, dass ich dich nicht kenne?", fügte sie hinzu.

    "Gut möglich", entgegnete Derda grinsend und stellte sich vor. "Mein Name ist Derda und ich komme vom Festland jenseits des Großen Wassers."

    "Derda?" Sie kicherte. "Ich heiße Dieda."

    Derdas Herz tat einen Hüpfer vor Freude. Hier wurde er nicht nur freundlich willkommen geheißen, nein, hier erregte noch nicht einmal sein Name Aufmerksamkeit. "Welch einen schönen Namen du trägst", sagte er bewundernd.

    Da verzog sich Diedas Miene, als ob sie gleich wieder in Tränen ausbrechen wollte. "Schön?", fauchte sie, und ihren Nüstern entwichen ein paar Funken. "Willst du mich verspotten? Drachen heißen beispielsweise Lichtflügel, oder Regenmacher, oder Silberschuppe!"

    "Nein, keineswegs", erwiderte Derda. "Ich finde ihn schön. Klingt er doch ganz ähnlich wie mein eigener."

    "Ach", murmelte sie nachdenklich. "Derda. Ich wusste nicht, dass Drachen anderswo so heißen."

    "Eigentlich heißen sie auch nicht so", gab Derda zu. "Dort, wo ich herkomme, haben die meisten andere Namen. Grauschuppe zum Beispiel, oder Dunkelflügel oder Feueratem."

    "Feueratem?" Dieda blickte erstaunt. "Im Ernst?"

    "Gewiss", beteuerte Derda aufrichtig. "Weshalb sollte ich dich belügen?"

    "Aber weshalb heißt Feueratem so, wie er heißt? Kann er etwa...?"

    "Feuer speien?", fragte Derda.

    Sie nickte.

    "Aber natürlich. Alle Drachen bei mir zu Hause können Feuer speien. Fast alle", fügte er leise hinzu und errötete. "Alle außer mir." Den letzten Satz hatte er nur noch geflüstert.

    "Da will ich hin!", rief Dieda aus. "Kannst du mich dorthin bringen?"

    Derda schüttelte den Kopf. "Wenn du wirklich unbedingt dorthin fliegen willst, kann ich dir den Weg beschreiben", sagte er. "Aber ich werde nicht wieder dorthin gehen. Um keinen Preis der Welt."

    "Darf man fragen, wieso?", wollte Dieda wissen.

    Derda errötete noch stärker und war mittlerweile schon nahezu lilafarben angelaufen. "Die Drachen dort... Sie haben mich verbannt", brachte er stockend hervor.

    "Du Ärmster!", entfuhr es Dieda. "Aber aus welchem Grund haben sie das getan?"

    Derdas Verlegenheit wuchs ins Unermessliche, und doch fasste er Mut, denn Dieda hatte ihn bisher kein einziges Mal schief angeblickt, die Stirn ob seiner Färbung gerunzelt oder einen Laut des Missfallens von sich gegeben. "Wegen meiner Farbe", gestand er also. "Und weil ich kein Feuer speien kann."

    "Dies ist in der Tat eigenartig", meinte Dieda. "Das verstehe ich nicht. Wo doch die meisten Drachen kein Feuer speien. Außer mir, natürlich."

    "Ach?" Nun war es an Derda, sein Gegenüber staunend und ein wenig verwirrt zu mustern.

    Dieda achtete nicht darauf. "Und was hat es mit deiner Farbe auf sich?", fragte sie neugierig weiter. "Deine Farbe ist doch ganz normal. Schau mich an! Ich bin hässlich mit meinen schwarzen Schuppen - so sagen sie zumindest."

    Derda lachte laut auf. "Du bist doch der normalste Drache auf der ganzen Welt", prustete er, dann berichtigte er sich. "Vielleicht aber doch ein kleines bisschen besonders. Um das tiefe Schwarz deiner Schuppen würden dich meine Schwestern und alle Drachinnen bei mir zu Hause glühend beneiden."

    "Wirklich?" Dieda konnte kaum glauben, was sie hörte.

    "Wirklich", bestätigte Derda ernsthaft.

    Dieda seufzte vernehmlich und wischte sich mit der Flügelspitze die Tränen ab. "So will ich nicht länger traurig und unglücklich sein. Ich muss dir danken, Derda. Was du sagst, erfüllt mich mit Hoffnung und Sehnsucht."

    Derda nickte zerstreut. Was war an dieser Feuerspeierei so Besonderes, dass sich alle Drachen darüber aufregten, wenn es ein anderer nicht beherrschte oder eben beherrschte? Und warum bezeichneten Diedas Landsleute sie als hässlich? Wer oder was hatte sie so unglücklich gemacht, dass sie sich zum Weinen zurückgezogen hatte und sich nach einem fremden Land sehnte? Was hatte Dieda vorhin noch mal zu ihm gesagt? "Deine Farbe ist doch ganz normal." Bedeutete dies etwa, dass es hier helle Drachen, vielleicht sogar rosafarbene Drachen gab? Er nahm all seinen Mut zusammen und bat Dieda: "Kannst du mir bitte einmal beschreiben, wie die anderen Drachen hier so aussehen und was sie auszeichnet, so wie dich dein Schuppenkleid und die Gabe des Feuers?"

    Dieda fühlte sich geschmeichelt, daher antwortete sie sogleich. "Ihre Schuppen sind allesamt hell, in zarten Farben gehalten, himmelblassblau, frühlingslindgrün, schlüsselblumenzartgelb oder eben rosa wie deine. Wobei ich zugeben muss, so helle Schuppen wie deine habe ich noch nie gesehen. Allein unsere Erzdrachin ist schneeweiß. Mit Feuer will kein Drache hier auch nur das Geringste zu tun haben. Sie können Wolken speien oder es aus ihren Nüstern regnen lassen, denn damit bewässern sie die Pflanzen, die sie fressen." Sie verzog angewidert das Gesicht. "Wäh, Pflanzen schmecken mir überhaupt nicht! Ich mag Fleisch. Am liebsten frisch. Hast du jemals selbst gejagt, Derda? Weißt du, wie lecker ein frisch erlegtes Tier schmeckt?"

    Derda seufzte. Dieses Drachenmädchen war auch nicht anders als die Drachen, die er im heimatlichen Tal zurückgelassen hatte. Und er hatte schon gedacht, eine Seelenverwandte und Freundin gefunden zu haben, nachdem sie ihn nicht angeblickt hatte, als habe sie ein Monstrum gesehen. "Ich jage nicht", sagte er kurz angebunden. Pflanzen zu essen hatte er allerdings noch nie probiert. Ob Pflanzen schmeckten? Ob man sie alle essen konnte, oder nur bestimmte? Er wollte, ja, er musste die anderen Drachen hier im Gebirge unbedingt kennen lernen!

    "Wäre ja auch zu schön gewesen", murmelte Dieda enttäuscht. Ihr erging es ähnlich wie Derda, als ihr allmählich klar wurde, dass der junge Fremde genau so war wie ihre Familie und ihre Nachbarn. Mit einem entscheidenden Unterschied allerdings: Er hatte sich ihr ganz und gar unbefangen genähert und sie nicht spüren lassen, dass sie Abschaum war, so wie es die Drachen hier ständig taten.

    "Möchtest du mich deiner Sippe vielleicht vorstellen?", unterbrach Derda ihr Grübeln.

    Energisch schüttelte sie den Kopf. "Du musst dich schon alleine zu ihnen bequemen", sagte sie schroff und fügte verlegen hinzu: "Ich wurde nämlich ebenfalls verbannt. Ich tauge nicht zu einem richtigen Drachen, sagen sie."

    "Oh", machte Derda betroffen. Er hätte zu gerne die Drachen, die vermeintlich wie er waren, kennen gelernt. Aber er wollte auch Dieda nicht allein lassen, wusste er doch aus eigener Erfahrung, wie kalt und grausam sich die Einsamkeit anfühlte. Wollte er, so fragte er sich, wirklich Drachen begegnen, die so waren wie die in seinem Tal, Drachen, die andersartige verspotteten, auf sie herabsahen, nichts mit ihnen zu tun haben wollten, selbst wenn sie enge Verwandte waren und sie fortschickten, ohne sich darum zu scheren, was ihnen in der weiten Welt draußen zustoßen würde? "Gleich welche Farbe oder welche Fähigkeit sie haben, sie sind und verhalten sich doch ganz genau so wie die Drachen in meiner alten Heimat", stellte er fest.

    "Was meinst du mit 'genau so'?", wollte Dieda verwirrt wissen.

    "Unfreundlich, unwissend, intolerant, borniert?", schlug Derda vor. Er wagte nicht, Wörter wie "böse" oder "gemein" zu gebrauchen, handelte es sich doch immerhin um Diedas Verwandtschaft.

    "Hm", machte Dieda und zog ihre Stirn in Falten. "Da könntest du allemal Recht haben. Dennoch glaube ich, dass sie dich freundlich empfangen und in ihrer Mitte aufnehmen würden."

    "Gewiss würden sie das", bestätigte Derda. "Genau so würde meine Sippe ebenfalls handeln, wenn ein Drache wie du sie aufsuchen würde. Aber ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich für mein Teil das wirklich will."

    "Warum denn nicht? Es wäre doch so schön, einer oder eine von vielen zu sein und zu einer Gruppe zu gehören", wandte Dieda ein.

    "Möglich", stimmte Derda zu. "Aber nun, wo ich weiß, dass sie eben nicht jeden Gast so freundlich behandeln würden, sondern nur ihresgleichen, da möchte ich eigentlich nicht zu ihnen gehören, denn ich weiß, dass ich anders bin, anders denke und anders handle als sie."

    "Du würdest eine wie mich willkommen heißen, weil du solche wie mich kennst", sagte Dieda mit Überzeugung. "Was aber würdest du tun, wenn andere Wesen sich dir nähern? Tiere mit Fell, oder die nackten Zweibeiner, die sich in bunte Stoffe, Tierhäute oder Metall kleiden?"

    "Ich habe kein Problem damit, mich mit Tieren mit Fell oder Federn zu unterhalten", sagte Derda eingedenk seiner Erlebnisse mit den Geiern und den Steinböcken. "Ich habe sogar Freunde unter ihnen." Dass er keine Erfahrungen mit Zweibeinern hatte, verschwieg er lieber an dieser Stelle, um sich vor der hübschen Drachin nicht womöglich zu blamieren. Zu peinlich, wenn sie ihn womöglich für weltfremd hielte!

    "Im Ernst?", rief Dieda ungläubig aus. "Du kennst Fell- und Federtiere?"

    "Natürlich." Derda reckte sich und ließ seine Antwort möglichst gleichgültig klingen. "Aber nur, weil ich sie niemals jagen würde, vertrauen sie mir. Ich bin mir nicht sicher, ob sie dich nicht zu sehr fürchten würden, um sich mit dir abzugeben."

    "Was denkst du von mir?", ereiferte sich Dieda. "Ich kann mich beherrschen. Ich musste mich fast mein ganzes bisheriges Leben lang beherrschen und Pflanzen essen." Sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein schwacher, würgender Laut entfuhr. "Würdest du mir deine Freunde eventuell einmal vorstellen?"

    Derda dachte nach. Die schwarze Drachin seinen Freunden vorzustellen, würde bedeuten, mit ihr dieses Gebirge, und sogar dieses Land zu verlassen. Er stellte sich vor, wie er mit ihr gemeinsam flog und wie sie zusammen die Welt entdecken würden. "Oh ja!", sagte er darauf mit voller Überzeugung. "Lass und zusammen fliegen. Jetzt und für immer, wenn du willst."

    Nun war es an Dieda, zu überlegen. Wenn sie mit Derda flog, würde sie gewiss nicht die dunklen Drachen in seiner Heimat kennen lernen können. Aber sie ahnte, dass sie gar keine Lust dazu haben würde, wenn sie ihrer eigenen Sippe so sehr ähnelten. Viel verheißungsvoller erschien es ihr, gemeinsam mit Derda eine neue Sippe zu gründen, eine Sippe, in der ein Drache aussehen durfte, wie er eben aussah und sich ernähren durfte, wie er es wünschte. Sie lachte leise in sich hinein, als sie sich die Eier in dem Nest vorstellte, das sie vielleicht mit Derda gemeinsam errichten würde. Womöglich wären sie getupft oder gestreift, und ebenso das Schuppenkleid der Kinder, die daraus schlüpfen würden. Sie würden ihnen lustige Namen geben, wie sie noch kein Drache getragen hatte, vielleicht Zebra, Leopard, Elster oder Papagei? Und das schönste von allen Kindern würden sie vielleicht Dasda nennen. Sie kicherte, als sie daran dachte, und an die Fähigkeiten, die diese Drachen womöglich haben würden. Vielleicht könnte einer von ihnen Regenbogen oder Sternschnuppen aus seinen Nüstern entstehen lassen? Sie hob den Kopf und sah Derda, der sie hoffnungsvoll anblickte. "Ja", sagte sie entschieden. "Ja, lass uns genau das tun." Ohne Derdas Reaktion abzuwarten, nahm sie Anlauf, hob ab und flog auf, ohne sich noch einmal nach den Bergen ihrer Heimat umzublicken.

    Derda folgte ihr zufrieden in Richtung des Meeres. Seite an Seite verließen sie das Land ihrer Herkunft. Er war ein kleines bisschen traurig, aber vor allem war er glücklich und voller Zuversicht. Die Welt war voller Wunder und riesengroß. Groß genug, damit er und die Mutter seiner zukünftigen Kinder irgendwo einen Platz finden konnten, an dem sie friedlich leben und lauter glückliche, freie und großzügig denkende Drachen großziehen konnten und von dem kein Drachenjunges mehr verbannt werden würde, ganz gleich, welche Eigenschaften es aus dem Ei mitbrachte.

    Und weiter geht's:


    3

    Der rosarote Drache flog in dieser Nacht nicht mehr weit, sondern verbrachte die Zeit bis zur Morgendämmerung in der verlassenen Höhle eines Bären. Nun, wo er allein und bereits ein gutes Stück von seiner Familie und dem heimatlichen Gebirgstal weilte, wurde er sehr traurig. Mit sehnsuchtsvollen Gedanken an Vater und Mutter schlief er ein.

    Bei Sonnenaufgang erwachte er und fühlte sich trotz des Heimwehs, das ihn quälte, ein wenig besser. Mit frischem Mut stieg er erneut in die Lüfte und flog in großer Höhe, so dass man ihn von der Erde kaum sehen und schon gar nicht erkennen konnte, hinaus aus dem Gebirge. Er überquerte zunächst ein trostloses Moor, gelangte dann zu einer bewaldeten Hochebene, die in eine Flusslangschaft überging, drehte ein paar Kreise hoch über einer schmucken, befestigten Stadt und wandte sich gen Süden, bis er das Meer erreichte. Er flog, ohne zu ermüden und hätte ewig so weiter dahin gleiten können, doch irgendwann bemerkte er, dass er Hunger hatte.

    So ließ er sich im Gleitflug bis zu einem Archipel tragen, auf dessen größter Insel er am Rande einer sandigen Ebene niederging und geschickt landete. "Ob es hier wohl andere Drachen gibt?", fragte er sich, während er sich auf den Weg machte, um etwas Essbares zu finden. Wenn dem so war, so zeigten sie sich allerdings nicht. Dafür wurden zwei Lämmergeier auf ihn aufmerksam und kamen heran, um das außergewöhnlich gefärbte Wesen in Augenschein zu nehmen.

    "Bist du ein Drache oder ein fliegendes Einhorn?", spottete der erste.

    "Ich bin ein Drache", erwiderte der rosarote Drache ernsthaft.

    "Einen wie dich habe ich noch nie gesehen", bemerkte der zweite.

    "Dann kannst du dich ja freuen, denn heute ist das erste Mal", versetzte der Drache.

    Darüber geriet der erste Geier so ins Lachen, dass er beinahe abgestürzt wäre und vorsichtshalber neben dem Rosaroten landete. "Woher kommst du?", wollte er wissen, "und sehen dort alle Drachen so aus wie du?"

    "Weit aus dem Norden", erwiderte der Rosarote. "Und nein. Auch dort bin ich einzigartig. Und das ist nicht immer schön", setzte er bekümmert hinzu.

    Der Geier hörte auf zu lachen. "Wie heißt du?", fragte er, um etwas Freundliches zu sagen, doch da wurde der Rosarote noch trauriger. Schließlich war er vor der Zeremonie der Namensgebung fortgeschickt worden. Eine Anrede allerdings gab es, sie er des öfteren gehört hatte, und so nannte er zum ersten Mal im Leben seinen Namen.

    "Derda heiße ich."

    "Derda? Ein ungewöhnlicher Name", kommentierte der Vogel.

    "Ungewöhnlich wie meine Farbe", erwiderte der rosarote Drache mit einem Anflug von neuem Selbstbewusstsein. Für gewöhnlich hießen die Drachen im heimatlichen Tal beispielsweise Grauschuppe, Schwarzflügel oder Feuerzunge. Er musste leise kichern, als er an seine Vorführung vor dem Alten Erzdrachen zurückdachte. Womöglich hätte man ihn Wolkenspeier genannt, wenn er hätte bleiben dürfen.

    "Gut gekontert", bemerkte der andere Geier, der inzwischen auch gelandet war. Ich bin Knochenbrecher und das ist mein Weibchen Scharfschnabel.

    "Ich bin erfreut, eure Bekanntschaft zu machen", sagte Derda höflich.

    "Was führt dich hierher, Derda?", wollte Scharfschnabel wissen.

    "In erster Linie Hunger", gestand der Drache. "Gibt es hier irgendwo etwas zu essen für mich?"

    Verblüfft legte Knochenbrecher den Kopf schief. "Aber gewiss! Du musst nur in diese Berge dort fliegen. Dort leben Bergziegen, wilde Schafe und allerhand schmackhafte Lebewesen für einen wie dich."

    Derda errötete, indem das blasse Rosarot seines Schuppenkleides einen kräftigen Pinkton annahm. "Wie soll ich es sagen? Wisst ihr, ich töte nicht."

    Erstaunt blickten Scharfschnabel und Knochenbrecher sich an. "Du jagst nicht? Ich habe noch nie von einem Drachen gehört, der nicht jagt." Scharfschnabel schüttelte sich.

    "So ungewöhnlich ist das nicht", wandte Knochenbrecher ein. "Wir Geier jagen unser Essen schließlich auch nicht. Wir finden es und dann verspeisen wir es. Weißt du was, Derda? Sei heute einfach unser Gast."

    "Sehr gerne."

    Die Geier hoben ab und flogen voraus in Richtung der nahen Berge, und der Rosarote tat es ihnen nach. Er folgte seinen neuen Freunden tief in die Berge hinein, dorthin, wo sie ihren Horst hatten. Natürlich war er zu groß, um im Nest Platz zu nehmen, doch er ließ sich auf einem Felsen in der Nähe nieder, wo er dankbar aß, was sie ihm überließen und ihren Erklärungen lauschte, wo man solcherlei Futter am besten finden konnte. Als er satt war, bedankte er sich artig für die Gastfreundschaft und wollte sich verabschieden.

    "Und wo willst du jetzt hin?", begehrte Scharfschnabel zu wissen.

    "Irgendwohin, wo es andere Drachen wie mich gibt", erwiderte Derda.

    "Die Welt ist groß", bemerkte Knochenbrecher weise. "So wünsche ich dir viel Glück bei deiner Suche."

    "Habt Dank", sagte der rosarote Drache noch einmal, dann spannte er seine Flügel, hob ab und flog tiefer ins Gebirge hinein.

    Dank der Geier musste er nun keinen Hunger mehr leiden, doch andere Drachen fand er hier nicht, keine rosaroten, und noch nicht einmal Drachen, die wie die in seiner Heimat aussahen. So verließ er die Insel wieder und flog weiter, immer weiter übers Meer, bis er ein Land erreichte, das von schroffen Bergen durchzogen war. Hier sieht es viel versprechend aus, dachte er sich und beschloss, zu landen und sich die Gegend einmal näher anzusehen.

    Es tat gut, die Flügel einmal auszuruhen, und da die Sonne ohnehin gerade unterging, drang er in ein kleines Wäldchen ein und suchte sich einen Schlafplatz.

    4

    Derda erwachte gleichzeitig mit der Sonne, gönnte sich zum Frühstück die Überreste einer Wolfsmahlzeit und stieg wieder auf. Zielstrebig hielt er auf den Gebirgszug zu, der ihn an seine ehemalige Heimat erinnerte, die ihm schon Ewigkeiten weit weg schien, obwohl er sie doch erst vor zwei Tagen verlassen hatte. Die schroffen Berge gefielen ihm ausnehmend gut, und er beschloss, nach einer geeigneten Wohnhöhle Ausschau zu halten, denn irgendwo musste er sich schließlich früher oder später niederlassen.

    Als er tiefer ging, schreckte er eine Steinbockfamilie auf, die eilends vor ihm die Flucht ergriff. Geschickt sprangen und kletterten sie über die Felsen, doch ihr jüngstes Kind war wohl noch zu schwach oder zu ungeschickt, jedenfalls fiel es hinter seinen Geschwistern zurück und versuchte verzweifelt, sie wieder einzuholen.

    Derda drehte ab, um zu zeigen, dass er keine Jagd auf die Steinböcke machte, beobachtete die Familie aber weiterhin. Und so wurde er Zeuge, wie der kleine Nachzügler auf einmal zu kurz sprang, ins Straucheln geriet, ein paar Kiesel los trat und auf diesen ins Rutschen geriet. Immer schneller, tief und tiefer glitt die Steinlawine, und das hilflose Tier mit ihnen, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Die kleine Herde hatte innegehalten und blickte in stummem Entsetzen auf ihr jüngstes Mitglied, das hilflos abwärts gerissen wurde.

    Schon kullerten die ersten Steine über eine Kante, hinter der es senkrecht steil nach unten ging, da machte der Drache kehrt und flog so schnell er konnte auf den kleinen Steinbock zu. Dieser hörte die Felsen abwärts poltern und sah den Drachen kommen und glaubte, sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Ergeben schloss er die Augen und gab den Kampf auf. Nur noch wenige Sekunden trennten ihn von dem Sturz in die Tiefe oder von den Klauen des Drachen, da fühlte er sich in der Tat gepackt und nach oben gerissen.

    Mutter Steinbock schrie auf und wandte den Blick ab. Sie wollte nicht mit ansehen müssen, wie der Drache ihr Kleines forttrug, zerriss und verspeiste. "Kommt weg hier", sagte sie tonlos zu ihren verbliebenen Kindern, doch der Vater blieb stehen und rief erstaunt: "Seht doch nur!"

    Seine Familie gehorchte, und so wurden sie allesamt Zeugen eines ungeheuerlichen, noch nie da gewesenen Geschehens. Der Drache segelte heran, wurde langsamer und ging tiefer, bis er schließlich nur wenige Steinbocklängen entfernt von den Eltern und Geschwistern seines Opfers herab kam und kurz bevor er den Boden berührte, das jüngste Tier sanft absetzte. Mit einigen kräftigen Flügelschlägen gewann er wieder an Höhe und brachte ein wenig mehr Entfernung zwischen sich und die Familie, bevor er endlich landete.

    Da gab es kein Halten mehr. Vater, Mutter und Geschwister rannten zu dem Jüngsten hin, umringten es, berührten es, als könnten sie nicht glauben, dass es dasselbe Tier war, das mit ihnen vor dem Drachen geflohen war und tauschten beglückt Zärtlichkeiten aus, als sie erkannten, dass es unversehrt war.

    Derda sah zufrieden zu ihnen hin, selig über den glücklichen Ausgang des Beinaheabsturzes, den er versehentlich verursacht hatte. "Geht es ihm gut?", rief er nach einiger Zeit hinüber.

    Vater Steinbock wandte sich zum Retter seines Kindes um. "Es geht ihm gut", gab er Auskunft. "Hab Dank für deine edle Tat. Wir dachten schon, du würdest ihn..." Verlegen brach er ab.

    "Fressen?", fragte Derda. "Nein, ich esse keine lebenden Tiere. Ihr könnt unbesorgt sein."

    Erleichtert kam der Steinbock ein paar Schritte näher. "Das ist erstaunlich", sagte er. "Wir haben von unseren Ahnen und Urahnen gelernt, Drachen zu fürchten."

    "Daran tut ihr gut", bestätigte Derda. "Die meisten Drachen sind nicht wie ich." Er schauderte ein wenig, weil er soeben dasselbe ausgesprochen hatte wie der Alte Erzdrache, und weil diese Erkenntnis noch immer ein wenig schmerzte. "Gibt es denn andere Drachen in diesen Bergen?"

    "Ich habe noch keinen gesehen", gab der Steinbock zu, "aber es heißt, dass jenseits der höchsten Gipfel Drachen leben. Verständlicherweise halten wir uns von dort fern."

    "Das solltet ihr auch weiterhin. Ich aber werde fliegen und sie suchen. Hab Dank für die Auskunft."

    "Das ist das Mindeste nach allem, was du für uns getan hast", erwiderte Vater Steinbock. "Ich wünsche dir einen guten Flug."

    "Danke, und lebt wohl", rief Derda und war schon wieder in der Luft. Das Wissen, dass es Drachen in diesem Gebirge gab, verlieh ihm die Kraft, höher und höher in die dünne Luft aufzusteigen. Voller Vorfreude und zugleich voller Sorge, auch diese Drachen würden ihn womöglich ausstoßen, weil er nicht war wie sie, überquerte er die hohen Gipfel.

    Die Steinböcke blickten ihm sinnend hinterher, bevor sie, sehr, sehr vorsichtig dieses Mal, in tiefere Gefilde hinab kletterten.

    Diese Geschichte vom anders Sein habe ich eigentlich für Kinder geschrieben, aber ich hoffe, ihr habt auch Freude daran. Hier kommt der erste Teil.


    1

    "Das da", der alte Drache deutete mit zusammengekniffenen Augen auf ein hell schimmerndes Ei im Gelege, und seine Stimme klang verärgert, "das da ist nicht von unserer Art."

    "Oh doch." Die Drachenmutter seufzte. Sie wusste selbst am besten, dass sie mit keinem anderen Drachen als ihrem langjährigen Gefährten geflogen war, bevor sie dieses Nest gebaut und die Eier gelegt hatte. "Ich schwöre es bei der Goldenen Schuppe: Dies sind alles unsere Kinder."

    Das Drachenmännchen brummte unwillig. Bei der Goldenen Schuppe schwor ein Drache niemals leichtfertig, und wer sich auf die Goldene Schuppe berief und dabei log, beschwor sieben Generationen lang Unglück auf seine Sippe herab. Nie und nimmer würde seine Gefährtin sich, ihm und ihren Kindern und Kindeskindern so etwas antun. Aber noch nie zuvor war in einem ihrer Gelege ein solches Ei vorgekommen. Zwischen zwei schwarzen, einem dunkelgrauen und einem dunkelgrünen Ei lag eines, das wie gleißend heller Perlmutt schimmerte und die Augen der Eltern blendete. Noch nie zuvor hatte der Drachenvater ein solches Ei gesehen, und er war in großer Sorge, was die Farbe der Eierschale für das künftige Schuppenkleid des Drachenkindes, das daraus schlüpfen sollte, zu bedeuten hatte. Würde er sich etwa für einen seiner Nachkommen schämen müssen?

    "Lass es mich fortbringen", bat er.

    "Wohin? Und warum?" Die Drachin blickte ihren Gefährten verstört an.

    "In den Rajekakrater", erwiderte er. "Denn dieses Ei muss verflucht sein. Anders kann ich mir diese Farbe und dieses Leuchten nicht erklären."

    "Niemals", rief die Mutter empört. "Und dies ist mein letztes Wort in dieser Angelegenheit."

    "Wie du meinst", gab er nach. Kein Lebewesen, auch kein anderer Drache, legte sich jemals mit einer erzürnten Drachenmutter an.

    Sie enthob ihn dem Anblick des Geleges, indem sie sich wieder darauf niederließ, um ihr Brutgeschäft fortzuführen. Erleichtert wandte sich der Vater ab. So lange er das Ei nicht sehen musste, schaffte er es, das Wissen darum zu verdrängen und zu hoffen, dass aus ihm ein Drachenbaby wie alle anderen schlüpfen würde: Gefährlich finster, bedrohlich dunkel und schön.

    Doch nicht immer gehen Drachenwünsche in Erfüllung. Als die Kleinen schlüpften, war der Drachenvater auf der Jagd und weit fort. Allein hieß die Mutter ein Kind nach dem anderen willkommen, nachdem sie die Eierschale gesprengt und sich daraus befreit hatten. Zwei schwarze, ein dunkelgraues, ein dunkelgrünes und zuletzt - ein hell schimmerndes Drachenkind von einem zarten Rosarot, wie man es hierzulande noch niemals zuvor in einer Drachenhöhle gesehen hatte. Sie erschrak selbst ein wenig bei seinem Anblick, doch schnell erlag sie seinem Liebreiz, denn in seinem Blick aus bernsteingelben Augen lag so viel Zuneigung, dass sie förmlich dahinschmolz und augenblicklich wusste: Sie würde dieses Junge, genau wie die anderen, oder noch mehr als die anderen, mit Zähnen und Klauen gegen alle Unbill verteidigen, wenn nötig sogar gegen seinen leiblichen Vater.

    Als dieser von seiner Jagd heimkehrte, erwartete sie ihn draußen vor der Höhle. Erfreut und aufgeregt, da er sofort erfasste, dass seine Kinder geschlüpft sein mussten, ging er in den Sturzflug über und landete etwas ungeschickt neben ihr. "Sind sie da?", fragte er, noch etwas außer Atem.

    "Ja. Fünf gesunde Kinder. Zwei Mädchen und drei kleine Jungen."

    "Wie schön!" Dankbar berührte er sein Weib mit den Nüstern, ehe er die unvermeidliche Frage stellte. "Und wie sehen sie aus?"

    "Wie sollen sie schon aussehen?", erwiderte sie etwas ungehalten. "Wie Drachenbabys eben so aussehen. Geschuppt und geflügelt und winzig klein."

    "Du weißt genau, was ich meine. Nun erzähl schon."

    Die Mutter seufzte tief. "Nun ja", setzte sie an, doch da wusste der Vater bereits Bescheid.

    "Sag nichts", fiel er ihr ins Wort. Und nach einer langen Denkpause: "Und was tun wir jetzt?"

    "Was meinst du?", fragte sie indigniert. "Wir tun, was wir immer getan haben. Wir ziehen unsere Kinder groß. Wir füttern sie und wir lehren sie fliegen und jagen. Was sonst?"

    Er schien nicht überzeugt. "Ich will es sehen", brummte er.

    "Natürlich sollst du sie alle sehen", sagte sie besänftigend und wandte sich zum Eingang der Höhle. "Habe ich dir jemals den Zutritt verwehrt? So komm."

    Verzagt und mit bis zum Hals klopfendem Herzen folgte der Drache seiner Gefährtin bis zum Nest, aus dem sie die Eierschalen bereits entfernt hatte.

    Eng aneinander gekuschelt schliefen vier der kleinen Drachen, der fünfte jedoch, der rosarote, lag etwas abseits von ihnen allein und hob beim Eintreten der Eltern den Kopf, um ihnen aufmerksam entgegen zu blicken. Er gab einen verhaltenen Begrüßungslaut von sich.

    "Potztausend!", entfuhr es dem Drachenvater, dessen schlimmster Alptraum wahr geworden war. Am liebsten hätte er auf der Stelle kehrt gemacht, um der Höhle mitsamt seiner Familie für immer den Rücken zu kehren, doch sein Ausruf hatte die vier anderen Babys geweckt, die nun ihrerseits die Köpfe reckten und ihren Vater neugierig in Augenschein nahmen.

    "Sind sie nicht wunderschön?", fragte ihre Mutter stolz.

    "Ja. Nein!" Der Drache wusste nicht, wie ihm geschah. Natürlich waren die vier dunkel geschuppten Kinder wunderschön. Das helle jedoch... nun ja, wie sollte er sagen, das helle war... eben hell! Und hell war hässlich. Noch dazu hell mit diesem scheußlichen Hauch von Rosa. Eine Farbe, die allenfalls einem Einhorn anstehen würde, aber doch nicht einem Drachen! Und doch, als dieses rosafarbene Wesen ihn so anblickte, da wurde ihm warm ums Herz, und er vermochte nicht mehr, es zu verurteilen. "Doch", flüsterte er. "Sie sind wunderschön."

    Die Drachin lächelte zufrieden.


    2

    Vater Drache hatte Leibschmerzen, und das nicht zu knapp. Denn es nahte der Tag, an dem er und seine Gefährtin ihren Nachwuchs erstmals aus der Höhle herausführen und der Gemeinschaft vorstellen würden, und je näher dieses Ereignis rückte, desto nervöser wurde er. Was würden all die anderen Drachen zu seinem besonderen Kind sagen? Würden sie reagieren wie dessen Geschwister, die offenbar einvernehmlich beschlossen hatten, dass der rosarote Bruder nicht zu ihnen gehörte? Weder ließen sie ihn in ihrer Nähe schlafen, noch teilten sie jemals ihr Essen mit ihm, noch ließen sie ihn mitspielen, wenn sie einander jagten und spielerisch anfauchten. Stets sah man den kleinen Außenseiter allein, doch wundersamerweise schien er nicht darunter zu leiden. Er wirkte zufrieden mit sich und der Welt, war freundlich und friedlich, und während die Geschwister miteinander tobten, tappte er in der Höhle umher und betrachtete für sich allein die Pflanzen und die wenigen kleinen Tiere, die darin lebten.

    Als es an den Flugunterricht ging, tat er sich hervor und erwies sich als geschickter, wendiger und mutiger als die vier anderen, doch das Feuer Speien wollte ihm um alles in der Welt nicht gelingen. Noch nicht einmal das kleinste Fünkchen vermochte er hervorzubringen, während die Dunklen bereits mit ansehnlichen Feuerzungen glänzten. Den Spott seiner Brüder und Schwestern ertrug er gutmütig, so wie auch ihr offen zur Schau getragener Neid auf seine Flugkünste an ihm abprallte.

    Vater Drache sah dies alles mit Sorge, doch seine Gefährtin beruhigte ihn und versicherte ihm, der kleine Rosarote würde dennoch eines Tages sein Glück machen, und es gebe schließlich andere Qualitäten, die einen Drachen auszeichneten.

    "Aber wie soll er sich seiner Haut wehren?", wandte der Vater ein.

    "Er kommt schon zurecht", meinte die Mutter tröstend.

    "Na hoffentlich", knurrte der Vater, der sich insgeheim für seinen unfähigen Sohn schämte.

    Wenige Tage später war es soweit. In der Abenddämmerung würden alle Drachen des Tals zusammentreffen und jede Familie würde der Gemeinschaft ihre Kinder vorstellen. Vater Drache verließ die Höhle als erster. Er wollte, bevor die Mutter ihre Kinder hinausführen würde, zunächst einen Blick in die Runde werfen. Vielleicht, so hoffte er, vielleicht gab es ja in diesem Jahr noch mehr Drachenkinder von ungewöhnlicher Farbe. Unauffällig mischte er sich unter die Drachen, die sich am Talboden versammelt hatten und blickte um sich. Er wurde enttäuscht. Überall sah man nur dunkle Drachenkinder. Alle Farben waren vertreten, von Schwarz über Grau, Braun, Blau, Dunkelgrün bis hin zu einem schwach leuchtenden Tiefrot, aber kein einziges Drachenkind hatte so auffallend helle Schuppen wie sein rosaroter Sohn. Traurig kehrte er zur Höhle zurück und wies seine Frau und die Kinder an, bis nach Einbruch der Dunkelheit zu warten. Vielleicht würde die helle Haut dann weniger auffallen.

    Doch das erwies sich als keine gute Idee. Denn als die Familie endlich die Höhle verließ, um sich zu den anderen Drachen zu gesellen, war der volle Mond bereits aufgegangen. Die Drachenkinder schwangen sich in die Lüfte und segelten langsam herab. Als letzter flog der rosarote, und seine Schuppen reflektierten das Mondlicht so hell, so dass er wie eine überirdische Erscheinung wirkte und die Blicke aller Anwesenden unweigerlich auf sich zog.

    Vater Drache wäre am liebsten im Erdboden versunken, als sich im Tal ein Raunen erhob, in das sich vereinzelt laute "Ahs" und "Ohs" mischten.

    Kaum waren die Kinder gelandet, wurden sie von den anderen Drachen umringt, und der rosarote sah sich von neugierigen Augen angestarrt, die teils bewundernd, aber zum weitaus größeren Teil argwöhnisch und sogar feindselig zu ihm hin schauten.

    Den Geschwistern des rosaroten war dies überaus peinlich. Sie standen eng beisammen, hielten die Köpfe gesenkt und schämten sich für ihren auffälligen Bruder. Diesem jedoch blieb nichts anderes übrig, als die Blicke auszuhalten. Er stand allein, abseits von seinen Geschwistern, aufrecht da und lächelte verlegen in die Runde.

    Mutter Drache hätte am liebsten schützend ihre Schwinge über ihn gelegt, doch sie wusste, das hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Ihr, wie auch ihrem Gefährten und ihren Kindern blieb nur, die Situation zu ertragen und zu hoffen, dass sich die Sensationsgier, die sie geweckt hatten, schnell wieder legen würde. Doch dieser Wunsch blieb ihr versagt. Stattdessen öffnete sich plötzlich eine Gasse in der glotzenden Menge, durch die der Alte Erzdrache heran stapfte, der Erste und Oberste, der hier im Tal das Sagen hatte und dessen Wollen und Wünschen sich alle unterwarfen.

    "Wessen Junges ist der da?", polterte er, kaum dass er vor dem Rosaroten zum Stillstand gekommen war.

    "Meins", brachte Vater Drache hervor.

    "Bist du sicher?", wollte der Alte Erzdrache wissen. Vernehmliches Aufstöhnen aus der Menge und vereinzeltes unterdrücktes Glucksen begleitete diese Frage.

    "Ganz sicher. So sicher wie ein Drache nur sein kann", erwiderte Vater Drache.

    Der Alte Erzdrache wiegte zweifelnd den Kopf. "Der da ist nicht wie wir", urteilte er endlich.

    Die Dracheneltern schwiegen. Was hätte man hierauf auch antworten sollen? Schließlich sprach der Alte Erzdrache die Wahrheit.

    Nun wandte dieser sich an den Rosaroten. "Kannst du fliegen?", fragte er mit donnernder Stimme.

    Die dunklen Geschwister zogen eingeschüchtert die Köpfe ein, doch der Gefragte entgegnete: "Gewiss kann ich fliegen."

    "So, so. Dann lass einmal sehen." Er trat zurück und machte dem Rosaroten Platz, um abzuheben.

    Der Jungdrache nahm ein paar Schritte Anlauf, hob ab und stieg auf in den nächtlichen Himmel, wo er zunächst einige Kreise drehte, dann jedoch begann, die gewagtesten und kühnsten Flugmanöver zu vollführen, wie zuvor hell im Mondlicht leuchtend, sodass sich jeder anwesende Drache von seinen Flugkünsten überzeugen konnte, bevor er sich wieder herabsinken ließ und punktgenau zwischen seiner Familie und dem Alten Erzdrachen landete.

    Der Alte Erzdrache gab sich unbeeindruckt. "Nett", sagte er und nickte mit dem Kopf. "Nun lass mich sehen, wie du Feuer speist."

    Die Geschwister des Rosaroten stießen sich gegenseitig an und kicherten, die Mutter jedoch wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, hätte der Vater sie nicht gestützt.

    "Das kann ich nicht", gab der Rosarote zu und blickte den Alten Erzdrachen treuherzig an.

    Dieser starrte den Rosaroten verblüfft an. "Wie, das kannst du nicht?", wollte er wissen.

    "Es geht nicht."

    "Versuch es einmal."

    Gehorsam holte der Rosarote Luft, konzentrierte sich und stieß sie wieder aus. Außer einem winzigen, rosafarbenen kleinen Wölkchen, das seinen Nüstern entwich, war nichts zu sehen.

    Die Geschwister brachen in lautes Johlen aus. Dieses "Kunststück" hatte ihr Bruder noch nie zuvor gezeigt. Peinlich berührt brachte der Vater seine Kinder zum Schweigen, während der Mutter die Tränen in die Augen stiegen.

    "Wenn du kein Feuer speien kannst, bist du kein Drache", sagte er Alte Erzdrache bestimmt. Er war erleichtert, dass er die ausgefallene Farbe dieses Drachenkindes nicht eigens erwähnen musste, um diese Tatsache zu unterstreichen. Seine Eltern waren immerhin angesehene Drachen, die sich bis jetzt noch nichts hatten zuschulden kommen lassen. Er wollte ihnen nicht unnötig weh tun, denn was er als nächstes verkünden würde, wäre auch so schmerzhaft genug für die Familie.

    "Oh, ganz gewiss wird er es noch lernen", beeilte der Vater sich zu sagen.

    "Schweig", donnerte der Alte Erzdrache.

    Eingeschüchtert verstummte der Vater und neigte sein Haupt vor dem mächtigen Anführer, der sich nun wieder dem Rosaroten zuwandte.

    "Da du offenbar kein echter Drache bist, wirst du dieses Tal verlassen", bestimmte er. "Und zwar noch ehe die Sonne wieder aufgeht. Du gehörst nicht zu uns."

    "Nein!" In den Aufschrei der Drachenmutter mischten sich die erregten Stimmen der Umstehenden, die teils mitleidig, teils befriedigt denen, die neben ihnen standen, ihre Meinung kund taten.

    "Schweig!", brüllte der Alte Erzdrache ein zweites Mal, woraufhin alle verstummten. "Er geht. Und ihr lasst euch nicht einfallen, mit ihm zu gehen. Ihr gehört in dieses Tal und untersteht meinem Befehl, und ich verlange, dass ihr hier bleibt und den da", er wies verächtlich auf den Rosaroten", ziehen lasst."

    Die Mutter wollte aufbegehren, doch der Vater hielt sie mit einem energischen "Sei still, Weib" zurück. Es war gewiss für alle Beteiligten am besten so. Der Alte Erzdrache hatte mit seinem Urteil die gewohnte Ordnung wieder hergestellt. Er und seine Gefährtin würden ihre vier normalen Kinder aufziehen, und der Außergewöhnliche, dessen Ei er ohnehin beinahe in den Rajekakrater geworfen hätte, würde außerhalb des Tales zurechtkommen müssen. Sie würden ihn vergessen und hinfort das gewöhnliche Leben einer gewöhnlichen Drachenfamilie führen. Die Mutter jedoch brach in Tränen aus und weinte lauthals um ihr besonderes Kind, das viel zu früh das Nest verlassen würde.

    "Weine nicht, Mutter." Der Rosarote war zu ihr gekommen und umarmte sie ungeschickt mit seinen Stummelflügelchen. "Macht euch keine Sorgen meinetwegen. Ich werde das Tal verlassen und die Welt da draußen erforschen. Und ich werde so weit fliegen, bis ich Drachen finde, die sind wie ich, und bei ihnen werde ich bleiben."

    "Aber wovon willst du leben?", fragte die Mutter verzagt. "Du hast noch nicht gelernt, Beute zu schlagen und zu töten."

    "Das brauche ich nicht zu können", versicherte der Rosarote. "Es gibt genügend andere Nahrung. Ich werde ganz bestimmt nicht verhungern."

    "Woher willst du wissen, wovon du dich ernähren kannst?", fragte nun auch der Vater zweifelnd.

    "Von den Tieren, mit denen ich gesprochen habe", erwiderte der Rosarote ohne Zögern. Er strahlte eine solche Sicherheit und Zuversicht aus, dass die Eltern sich etwas beruhigten. Der Rosarote nutzte diese Stimmung, um sich endgültig zu verabschieden. Noch einmal umarmte er Vater und Mutter, winkte den Geschwistern zu und schickte sich an, loszufliegen.

    Da stellte sich ihm der Alte Erzdrache in den Weg. "Du sprichst mit Tieren?", wollte er wissen. Für gewöhnlich taten Drachen so etwas nicht, denn sie konnten die Tiere und auch die seltsamen Zweibeiner, die außerhalb des Tales lebten, nicht verstehen. Einen unter sich zu haben, der mit ihnen kommunizieren konnte, könnte seiner Gemeinschaft gewiss von Nutzen sein, so dachte er.

    "Ja, das tue ich", erwiderte der Rosarote.

    "Und sie sprechen auch zu dir? Und du verstehst sie?", forschte der Alte Erzdrache weiter.

    "Ja, auch das."

    "Nun", der Alte Erzdrache räusperte sich. "Wenn du für mich mit ihnen sprichst, würde ich dir erlauben, im Tal zu bleiben. Wärst du dazu bereit?"

    Der Rosarote dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. Er ahnte, dass eine weitere Eigenschaft, die ihn vom Rest der Talbewohner unterschied, seine Stellung und sein Ansehen unter ihnen ganz gewiss nicht verbessern würde. Man würde ihn nur für noch seltsamer halten. Das Beispiel seiner Geschwister hatte ihm zur Genüge gezeigt, wie es einem Außenseiter in dieser Drachengemeinschaft erging. Ein solches Leben wollte er nicht führen. "Nein", sagte er daher. "Ich gehe auf Reisen. Für dich, ehrwürdiger Erzdrache, und für alle Drachen, die Feuer speien können, ist es nicht vonnöten, mit den kleinen Tieren zu sprechen. Zudem fürchten sie euch. Lebt also wohl." Er wandte sich ab und wollte Anlauf nehmen zum Abheben, doch der Alte Erzdrache kam hinter ihm her.

    "Bleib!", donnerte er. "Ich befehle dir, zu bleiben und mir zu Diensten zu sein."

    Doch der Rosarote war schon in der Luft und gewann schnell an Höhe.

    "Verfolgt ihn! Bringt ihn zurück!", befahl der Alte Erzdrache, und sofort erhob sich seine Leibwache in die Lüfte und machte sich an die Verfolgung des Rosaroten.

    Doch der war ihnen im Fliegen weit überlegen, gewann rasend schnell an Höhe und Geschwindigkeit, und bald sahen die Verfolger nur noch in der Ferne sein hell schimmerndes Schuppenkleid leuchten. Dieser Lichtpunkt am Himmel wurde immer kleiner und kleiner, so dass sie ihn bald nicht mehr von den Sternen am Himmel unterscheiden konnten und die Jagd aufgaben, um kleinlaut zu ihrem Herrn zurückzukehren.

    "Ach wie schade", seufzte indessen enttäuscht die Drachenmutter. "Warum ist er denn nicht geblieben? Er hätte ein angesehener Diener des Alten Erzdrachen sein können und hätte immer uns, seine Familie in der Nähe gehabt."

    "Er hat recht daran getan", sagte der Vater nachdenklich. "Ich wünsche ihm, dass er dort draußen findet, was er sucht."

    "Was meinst du? Nahrung?", fragte die Mutter bang.

    "Auch das. Aber ich denke an etwas anderes. Daran, wovon er vorhin gesprochen hat. Seinesgleichen. Anerkennung. Gemeinschaft. Freiheit. Freundschaft. Und Liebe."

    Fortsetzung folgt

    Vielen Dank für euer Lob und eure Stimmen.


    Ein paar kurze Bemerkungen zu den Geschichten:

    Was übrig bleibt

    Hier hat mir der Erzählstil sehr gut gefallen, und auch die bedrohliche Stimmung, die von Anfang an erzeugt wird. Und die Tragik von Joren, der betrogen und dadurch zugleich von seinem Leidern, der Gefangenschaft und seiner Angst erlöst wird.


    Die kleinen Tode des Bruders Simon

    Hier gefällt mir, dass die andere Bedeutng des „kleinen Todes“, nämlich der Höhepunkt im Liebesspiel, zu Wort kommt.


    Den letzten beißt der Hund

    Hier hatte ich auch den Autor erraten. Schön, dass das Thema Angst auch mit Humor erzählt werden kann. Aber leider habe ich den Insider-Einschub mit Binky nicht verstanden.


    Sieh hin

    Diese Geschichte hat mir gut gefallen. Die Motive der Prota, ihre Reue, die Umkehr, das kann ich alles gut nachvollziehen, und ich mag das Ende, als sie sich für das Kind entscheidet. Nur halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass ein Neugeborenes so lange überlebt. Nun ja, sie hatte es den Göttern übergeben, deren Handeln müssen wir nicht begreifen.


    Déjà vu

    Die Pandora-Geschichte modern erzählt. Eine schöne Idee, aber ich hätte mir im Text mehr Kontinuität gewünscht.

    Fortsetzung und Schluss


    Mein Vater sah dies alles mit Missfallen, doch ich schaffte es immer wieder, seinen Argwohn zu zerstreuen, indem ich Eleas hin und wieder öffentlich bestrafen ließ. Dass er sich anschließend regelmäßig mit seinen Tränken wieder heilte, brauchte Vater nicht zu erfahren, so dachte ich. Oh, wie ich mich geirrt hatte!

    Eines Tages ließ er mich zu sich rufen. Ich eilte zu ihm - meinen Vater ließ man nicht warten - und wurde von einem Lakaien in seinen Salon geführt, wo eine festliche Tafel opulent gedeckt war. Staunend begrüßte ich meinen Vater und nahm auf sein Geheiß hin gegenüber von ihm Platz.

    „Weißt du, welcher Tag heute ist?“, begann er, nachdem wir einander mit Guljakweißwein zugetrunken hatten. Noch nie zuvor hatte mir mein Vater ein alkoholisches Getränk zugestanden!

    „Nein?“

    „Es ist der 17. Jahrestag deiner Geburt. Der Tag, an dem der Sohn eines Wüstenfürsten erstmals die Chance erhält, seinen Vorgänger vom Thron zu stoßen.“

    Ich erschrak. Was Vater sagte, war richtig. Und es bestätigte, was ich schon seit einiger Zeit zu wissen glaubte: Vater ging es nicht gut. Doch eine solche Tatsache durfte niemals ausgesprochen werden. „Das mag sein, mein Vater“, sagte ich daher ehrerbietig und log: „Doch Ihr seid gesund und kräftig. Ich sehe dafür keine Notwendigkeit.“

    „Wirklich nicht?“ Vater lächelte wissend. „Lass uns speisen. Wir unterhalten uns anschließend weiter.“

    Während des Mahls rasten meine Gedanken unaufhörlich. Also stimmte es, was ich schon seit einigen Wochen beobachtet hatte: Vater war krank. Und er musste seine Nachfolge regeln, so lange er noch dazu imstande war. Er bot mir die Möglichkeit, Sultan der Wüste zu werden. Die Möglichkeit, endlich frei von Bevormundung meine Entscheidungen zu treffen. Endlich den Krieg gegen die Orks zu führen, vor dem mein Vater immer gewarnt hatte, es würde zu nichts Gutem führen. Den Handel mit den Wüstenkristallen zu kontrollieren und den Elteranern das Sammeln zu verbieten. All die Pläne zu verwirklichen, die ich entwickelt hatte. Und nicht zuletzt Vaters Harem zu übernehmen. Je länger wir zu Tisch saßen, desto besser gefiel mir der Gedanke, meinen Vater abzulösen. Und so kam es, dass ich nach dem Nachtisch, als er sein Anerbieten wiederholte, nickte und fragte: „Was muss ich tun? Werden wir gegeneinander kämpfen müssen?“

    „Oh nein, Sohn“, rief er aus. „Wir Männer eines Clans kämpfen nicht gegeneinander. Du erhältst das Amt aus meinen Händen, wenn du mir bewiesen hast, dass du seiner würdig bist.“

    „Und das bedeutet?“, fragte ich gespannt.

    „Das bedeutet, du zeigst mir, dass du, wenn es darauf ankommt, allein die Interessen deines Volkes vertrittst und dass du ohne Schwäche und falsche Rücksichtnahme für dein Volk tust, was zu tun ist. Selbst dann, wenn es dir möglicherweise widerstrebt. Traust du dir das zu?“

    Natürlich traute ich mir das zu! Ich war der Sohn des Sultans und würde selbst Sultan sein. Ich war in dem Bewusstsein aufgewachsen, die Wüstenkrieger eines Tages anzuführen und ich glaubte zu wissen, wie ich mein Volk voranbringen und schützen konnte. „Gewiss“, sagte ich daher mit fester Stimme.

    Vater nickte anerkennend. „So höre, was von dir erwartet wird. Die Krieger werden dir folgen, wenn du endlich diese Jungfrau aus Elteran zur Frau nimmst und deinen Sklaven, diesen Magier, der vielen in unserem Clan Angst macht, aus dem Weg schaffst.“

    Mir verschlug es die Sprache. Ich sollte eigenhändig meinen Freund - und zu einem solchen war Eleas mir inzwischen geworden - töten? Wie konnte Vater das von mir verlangen? Warum schickte er mich nicht auf einen gefährlichen Beutezug? Warum ließ er mich nicht kämpfen?

    „Ich sehe dich zögern“, bemerkte Vater spöttisch. „Möglicherweise bist du noch nicht reif für die Übernahme des Throns. Lass es uns in sieben Jahren erneut angehen. Wir werden die Angelegenheit nicht weiter erwähnen, einverstanden?“

    „Wartet!“, keuchte ich erregt.

    „Das werde ich“, sagte Vater freundlich. „Bis zum morgigen Sonnenuntergang. Dann wirst du entweder Sultan der Wüste sein oder weitere sieben Jahre auf deine nächste Chance warten. Und nun gehab dich wohl.“

    Mit diesen Worten war ich entlassen. Ich stand auf, verneigte mich vor meinem Vater und suchte meine Gemächer auf, um in Ruhe nachzudenken. Von Ruhe allerdings konnte keine Rede sein. Nicht einmal draußen in der Wüste fand ich den inneren Frieden, den mir der Aufenthalt dort sonst stets schenkte, und ich gelangte zu keinem Entschluss. Der Verzicht auf meinen vielseitigen Sklaven wollte mir ebenso schwer fallen wie der Verzicht auf die Macht, obwohl ich diese noch gar nicht gekostet hatte. Allein die Vorstellung davon war berauschend! Und weitere sieben Jahre darauf warten zu müssen, eine Zumutung. Außerdem ahnte ich, dass mein Vater keine sieben Jahre mehr leben würde.

    Gegen Abend befahl ich Eleas zu mir, um mir aufzuwarten. Nachdem ich gegessen und er die Reste wieder abgetragen hatte, zog ich die Tamoakarten hervor und bedeutete ihm, sich zu setzen. Wir spielten, doch ich war derart unkonzentriert, dass ich eine Partie nach der anderen verlor.

    „Was ist?“, fragte Eleas leise – und unaufgefordert, doch ich war zu zerstreut, ihn darob zu tadeln.

    Da kam mir eine Idee. „Gib Acht, Eleas. Ich habe eine Aufgabe für dich, eine Art Rätsel, und du sollst es für mich lösen. Willst du?“

    „Ich höre.“ Er legte seinen Kartenstapel beiseite und hob den Kopf, ohne mich anzublicken.

    „Stell dir einen Prinzen in einem fernen Land vor“, begann ich. „Dieser Prinz soll bald zum König gekrönt werden. Er hat einen Berater, den er überaus schätzt. Doch sein Hofstaat und seine Untertanen und nicht zuletzt der alte König fürchten diesen Berater und begegnen ihm mit Ablehnung und Misstrauen. Und so steht der Prinz also vor der Wahl, entweder diesen Berater zu liquidieren oder auf sein Amt zu verzichten. Da es die Pflicht des Beraters ist, dem Prinzen immer und unter allen Umständen klug beizustehen, fragt ihn der Prinz, was er tun soll. Was glaubst du, Eleas, was wird der Berater dem Prinzen antworten?“

    Eleas erbleichte, denn er hatte sehr wohl verstanden. „Der Prinz könnte den Berater einfach fortschicken. Ein derart gewandter Mann wird anderswo eine Anstellung finden“, schlug er vor.

    „Das genügt nicht“, murmelte ich. „Sie wollen ganz sicher gehen, dass der Mann, den sie fürchten, niemals wiederkehrt.“

    „Warum habe ich mir das bloß gedacht?“, flüsterte Eleas. Plötzlich hob er den Kopf und blickte mir geradewegs in die Augen. „Wenn wir Freunde sind, verzichte auf deinen Anspruch“, bat er. „Wenn du jedoch nur einen Sklaven in mir siehst, oder wenn es dir wichtiger ist, deinen Vater abzulösen, musst du das Erforderliche tun.“

    Wieder maßregelte ich ihn nicht. Stattdessen fing ich an, mich stammelnd zu rechtfertigen. „Mein Vater ist alt und krank. Seit Monaten leidet er schreckliche Schmerzen. Er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen und glaubt, dass keiner es weiß, aber wer ihn näher kennt, weiß Bescheid. Er und ich wissen, dass es an der Zeit für ihn ist, mir die Macht zu übertragen. Wenn wir die Gelegenheit verstreichen lassen und er stirbt, wird es Kämpfe unter den Kriegern geben und unser Volk wird sich entzweien und in alle Winde zerstreuen. Mich als seinen rechtmäßigen Nachfolger jedoch würden die Krieger anerkennen.“

    „Du wärst der Sultan der Wüste.“

    „Ja.“

    „Und ich bin dir dabei im Weg?“

    Ich schwieg betreten.

    „Dir ist klar, dass es für die Magier in Elteran günstiger und sicherer wäre, wenn du dein Amt nicht antrittst. Mit meiner Unterstützung darfst du also nicht rechnen. Aber falls dir das weiterhilft: Du hast deine Entscheidung bereits getroffen. Also tu, was getan werden muss. Ich bitte dich nur um eine letzte Gunst.“

    „Um welche?“

    „Gewähre mir einen letzten Kampf. Lass mich als Magier sterben und keinen ehrlosen Tod als Sklave. Auch dir bringt es keinen Ruhm, einen wehrlosen Mann zu töten.“

    „Ich soll dir deinen Stab geben? Und damit die Möglichkeit, mich zu verletzen oder gar zu besiegen? Hast du den Verstand verloren?“

    „Nein. Zum einen bin ich noch lange nicht mächtig genug, gegen einen Sultan der Wüste zu bestehen. Und zum anderen fehlt mir jegliche Rüstung. Du hast doch gelernt, dass wir den Großteil unserer Kraft aus unserer Bekleidung ziehen. Ihr habt mir all mein Eigentum genommen. Ich laufe barfuß und trage einen Kaftan. Der Schmuck, den ich trug, gehört dir. Du brauchst mich wahrhaftig nicht zu fürchten. Doch ein Kampf, selbst wenn ich weiß, dass ich unterliegen werde, gibt mir die Gewissheit, als Magier zu sterben. Ich habe dir treu gedient, Kholkh’an-Thar, und ich habe es gerne getan. Nun ist die Gelegenheit für dich gekommen, mir meine Ergebenheit zu vergelten.“

    „Nichts verpflichtet mich dazu, Sklave!“, stieß ich hervor.

    „Das ist richtig“, sagte Eleas ruhig und senkte endlich wieder den Blick. „Du schuldest deinem Sklaven nichts. Mein Ansinnen war fehl am Platz.“

    „Ich werde darüber nachdenken“, versprach ich gegen alle Vernunft. „Geh mir aus den Augen!“

    Eleas gehorchte wortlos und ließ mich allein.

    _____________

    Im Wüstensand war ein kreisrunder Kampfplatz abgesteckt worden. Eleas und ich standen uns gegenüber. Er trug einen hölzernen Stab, denselben, mit dem er mir einst seine Macht demonstriert hatte, doch darüber hinaus weder Waffen noch Rüstung. Ich war gekleidet wie die Krieger meines Volkes und führte meinen mächtigen Säbel. Alle unsere Krieger waren zugegen und umstanden die kleine Arena. Mitten unter ihnen befand sich mein Vater. An seiner bekümmerten Miene erkannte ich, dass er von diesem Zweikampf nicht begeistert war. Er traute Eleas nicht über den Weg. Auch ich war nicht ohne gewisse Bedenken in diesen Kampf gegangen, hatte ich doch mit eigenen Augen gesehen, wie der Magier die Kaktuswachen besiegt hatte. Für den Fall jedoch, dass er mich belogen haben sollte, als er behauptete, er wäre einem Sultan der Wüste auf keinen Fall überlegen, hatte ich ihm in Aussicht gestellt, nach dem Sieg über mich dabei zusehen zu dürfen, wie unsere Krieger sich mit dem Mädchen, an dem ihm so viel zu liegen schien, amüsierten. Entkommen würde er auf keinen Fall. Sollte er mich überwinden, standen unsere Bogenschützen bereit, ihn auf ein Zeichen meines Vaters aus sicherer Ferne kampfunfähig zu machen. Das alles war ihm bewusst, ebenso wie mir bewusst war, dass ich ihn nicht wirklich gut genug kannte um einschätzen zu können, ob der das Risiko eingehen würde, nur um mich zu besiegen. Ich glaubte es nicht, doch ich war mir auch nicht ganz sicher.

    Wir standen einander lauernd gegenüber und warteten, bis sich das unruhige Gemurmel unter den Männern gelegt hatte. Wir traten nebeneinander vor meinen Vater und verneigten uns. Ich hob grüßend meine Waffe, und Eleas tat dasselbe mit seinem Stab, und auf ein Nicken von Vater stürmten wir aufeinander los. Während ich bemüht war, den wechselnden Salven aus Feuer, Eis, Steinen oder Blitzen auszuweichen und meinen Gegner gleichzeitig mit dem Säbel zu treffen, vergaß ich Zeit und Raum. So entgingen mir zunächst das anfängliche Raunen, die lauter werdenden Rufe und das Keuchen unter meinen Männern, oder ich hielt all das zumindest für Reaktionen auf unsere Kampfmanöver.

    Bis Eleas zurückwich, seinen Stab senkte und mir bedeutete, mich umzuwenden. Argwöhnisch trat ich einige Schritte zurück. Stellte er mir eine Falle? Offenbar nicht, denn endlich vernahm ich die Rufe der Krieger, die meinen Namen brüllten und zu dem Platz hin deuteten, wo zuvor noch mein Vater unseren Gruß entgegengenommen hatte. Wo war er? Die Krieger winkten mich heran, traten beiseite und öffneten eine Gasse, an deren Ende mein Vater reglos am Boden lag. Tot. Schockiert ging ich zu ihm hin und kniete neben ihm im Sand nieder.

    „Er ist einfach zusammengebrochen“, brachte einer der Männer hervor.

    „Es ging blitzschnell“, ergänzte ein anderer. „Er war auf der Stelle tot und hat nicht leiden müssen.“

    Verwirrt starrte ich auf meinen Vater hernieder. Ich hatte gewusst, dass er krank war. Aber dass es ihm so schlecht ging, hatte ich nicht geahnt. Oder hatte da etwa jemand nachgeholfen? Ich sprang auf die Füße und fuhr herum.

    Eleas stand noch immer, wie ich ihn zurückgelassen hatte. Ruhig erwartete er meine Rückkehr und blickte mir erwartungsvoll entgegen. Nur den Stab hatte er neben sich auf die Erde gelegt wie um mir seine Harmlosigkeit zu demonstrieren. Konnte es möglich sein…? Mit dem blanken Säbel in der Hand schritt ich auf ihn zu. Er neigte den Kopf, kniete nieder und sprach laut und für alle vernehmlich: „Ehre, Ruhm und ein langes Leben Kholkh’an-Thar, dem Sultan der Wüste.“

    Als hätten alle Anwesenden nur darauf gewartet, wiederholten sie die Worte und skandierten sie im Chor, jedoch nicht kniend, sondern jubelnd und winkend. Ich stand wie im Traum in der Mitte des abgesteckten Kampfplatzes und nahm ihre Huldigungen entgegen. Ich, Kholkh’an-Thar, war Sultan der Wüste. Ohne gewonnenen Kampf, ohne Prüfung, ohne Bedingung. Mein war nun die Macht. Die Macht, den Orks den Krieg zu erklären, die Macht, künftig den Handel mit Wüstenkristallen zu kontrollieren, die Macht eine Jungfrau zur Frau zu nehmen oder sie einem meiner Getreuen zu überlassen, und die Macht, einen Magier aus Elteran meinen Berater zu nennen. „Steh auf“, raunte ich Eleas zu und reichte ihm die Hand.

    Unsicher nahm er sie. „Kämpfen wir zu Ende?“, fragte er, ohne mich anzublicken.

    „Nein“, entgegnete ich. „Du und ich werden niemals mehr gegeneinander kämpfen.“

    „Gut zu wissen.“ Lächelnd erhob er sich.

    „Nimm deinen Stab“, befahl ich ihm. „Komm mit. Es gibt viel zu tun.“

    Er bückte sich und hob ihn auf. „Hab Dank“, sagte er. „Im Grunde benötige ich ihn nicht mehr. Aber es hängen interessante Erinnerungen daran.“

    Es ist gerade so hochsommerlich heiß - Zeit für eine Geschichte aus der Wüste Tarun. Wie immer sind Begriffe aus Arthoria kursiv geschrieben. Ihre Bedeutung ergibt sich aus dem Zusammenhnang. Viel Spaß!

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    Das Gesetz der Wüste


    „Wirst du mich wohl nicht so unverschämt anstarren!“, herrschte ich den Jungen an, den zwei unserer Männer zwischen sich herangeführt und vor mir auf die Knie gezwungen hatten.

    Ich bin Kholkh’an-Thar, der älteste Sohn des Sultans und sein designierter Nachfolger. Mich hat man ebenso wenig anzustarren wie meinen Vater. Meine Bediensteten wissen das, und dieser nichtswürdige neue Sklave würde es ebenfalls bald begriffen haben.

    Offenbar verstand er unsere Sprache, denn er senkte umgehend den Kopf.

    Schade eigentlich. Ich hätte liebend gerne meine neue Peitsche an ihm ausprobiert. Aber die Gelegenheit dazu würde sicherlich noch kommen.

    Vater lächelte zufrieden und nickte mir wohlwollend zu. Es gefällt ihm, wenn ich mich durchzusetzen weiß.

    Ich trat einen Schritt auf den Gefangenen zu. „Wie heißt du?“

    „Mein Name ist Eleas.“ Er hob den Kopf, als er die Worte aussprach. Wieder traf mich sein Blick aus diesen ungewöhnlichen, grauen Augen.

    Ohne Vorwarnung schlug ich ihm ins Gesicht. Hoppla. Mein Siegelring hinterließ einen blutenden Riss in seiner Wange.

    Eleas zuckte zusammen, gab jedoch keinen Laut von sich.

    „Weißt du, wofür das war?“, fragte ich ihn. Meine Stimme hörte sich kalt, ruhig und freundlich an.

    Er schüttelte den Kopf.

    „Antworte gefälligst, wenn ich dich etwas frage!“, brüllte ich.

    Eleas hob den Kopf und blickte mich erneut an. „Nein, ich weiß es nicht.“

    Was ihm die nächste Ohrfeige eintrug. „Weißt du es jetzt?“

    „Ich beginne, es zu ahnen“, murmelte er, dieses Mal mit gesenktem Blick.

    „Kluges Kerlchen“, sagte ich in einem Tonfall als würde ich einen Hund loben und bedeutete den beiden Männern, die ihn zwischen sich hielten: „Schafft ihn fort und legt ihn in Ketten.“

    Vater wartete, bis wir allein miteinander waren, bevor er mir anerkennend auf die Schulter klopfte. „Gut gemacht, Sohn.“

    „Danke, Vater“, sagte ich aufrichtig. „Ihr habt mir mit diesem Geschenk eine große Freude bereitet.“

    „Ebendies war meine Absicht“, erwiderte er. „Aber nimm dich vor ihm in Acht. Wir haben ihn am südlichen Rand von Tarun aufgegriffen, und er hatte einen merkwürdigen Stab und einen Beutel voller Wüstenkristalle bei sich. Es könnte sein, dass er einer von diesen Magiern ist.“

    „Er ist nicht viel älter als ich“, wandte ich ein.

    „Du musst noch viel lernen“, seufzte Vater. „Lass dich niemals vom Äußeren eines Feindes täuschen. Es stimmt, er ist sehr jung und wirkt überaus harmlos. Auch hat er keinerlei Widerstand geleistet, als wir ihn überwältigt haben. Doch das muss nichts heißen. Deine Aufgabe wird es sein, herauszufinden, ob er magiebegabt ist oder nicht. Wie, das überlasse ich dir.“ Damit ließ er mich stehen, wandte sich ab und schritt auf das prunkvolle Zelt zu, welches er bewohnte, so lange wir außerhalb unserer Festung auf Beutezug waren.

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    Eleas war in der Tat magiebegabt. Das herauszufinden stellte keinerlei Schwierigkeit dar. Ich ging in das Zelt, wo er angekettet an eine Zeltstange und bewacht von einem unserer Krieger erschöpft eingeschlafen war, weckte ihn mit einem groben Fußtritt und fragte geradeheraus: „Bist du ein Zauberer?“

    Ich hatte noch nie jemanden so blitzschnell erwachen und Kampfhaltung einnehmen sehen, zumindest versuchte er es, bevor ihn seine Ketten von den Füßen rissen und er vor mir im Staub lag. Beschämt hob er den Blick, erkannte mich und erinnerte sich rechtzeitig daran, dass er mich nicht anstarren sollte. Daher antwortete er, während er sich wieder aufsetzte, mit abgewandtem Gesicht. „Ja. Und ändert das irgendetwas an meiner Situation?“

    „Die Fragen hier stelle ich“, wies ich ihn energisch zurecht. „Sag mir, was du kannst.“

    „Ich beeinflusse die Elemente“, gab er Auskunft. „Ich kann, wenn ich will, Steine auf dich regnen lassen oder dich mit Feuer verbrennen oder dir Schmerzen zufügen.“

    Ich war derart verblüfft ob dieser Antwort, dass ich vergaß, ihn für das respekt- und distanzslose „du“ zu bestrafen. Hielt er mich zum Narren oder beherrschte er solche Zauber wirklich? Wenn er die Wahrheit sprach, weshalb hatte er dann nicht schon längst seine Zauber gewirkt, um freizukommen? „Das will ich sehen“, sagte ich. „Das mit den Steinen. Auf ihn hier.“ Ich wies auf seinen Wächter, welcher erbleichte, aber nicht zu protestieren wagte.

    Eleas jedoch schüttelte den Kopf. „Das werde ich aus zweierlei Gründen nicht tun“, sagte er ruhig und bestimmt. „Zum einen widerstrebt es mir zutiefst, jemandem grundlos Schmerzen zuzufügen. Zum anderen bin ich ohne meinen Stab nicht in der Lage, meine Macht zu kanalisieren.“

    Der Krieger atmete hörbar auf, und zum zweiten Mal war ich vollkommen perplex. Jetzt spätestens hätte ich Eleas meine Peitsche spüren lassen und ihn daran erinnern müssen, wen er vor sich hatte: Den zukünftigen Sultan der Wüste! Doch ich war schlichtweg sprachlos. „Dein Stab?“, wiederholte ich dümmlich.

    „Ja. Ein Feuerstab. Etwa mannshoch, und er sieht aus, als bestünde er aus flüssigem Feuer. Bedauerlich, dass eure Krieger ihn nicht zu berühren wagten, als sie mich überwältigt haben. Nun liegt er irgendwo da draußen im Sand und ich kann nur hoffen, dass wenigstens ein anderer Magier ihn findet.“ Er lachte leise. „Ein einfacher Stab aus Holz würde mir allerdings auch genügen.“

    Nun war ich so schlau wie zuvor. Falls er die Wahrheit sprach, riskierte ich mein Leben, indem ich ihm einen Stab in die Hand gab. Ließe ich es jedoch bleiben, würde ich nie erfahren, ob mein neuer Sklave ein Magier war oder ein Hochstapler. Ich beschloss, das Wagnis zunächst nicht einzugehen. Mit den Worten „Das könnte dir so passen“ verließ ich verdrossen das Zelt und lief in die Wüste hinaus.

    Wie stets übte die gleichförmige Landschaft aus den endlos scheinenden Sanddünen unter der gleißenden Sonne ihre beruhigende Wirkung auf mich aus. Die Hitze, unter der viele Menschen hier litten, machte mir nichts aus. Ich war ein Sohn dieser Wüste und eines Tages würde ich ihr Herrscher sein. Allerdings nur, wenn ich die Prüfung, die mein Vater mir auferlegt hatte, eine von vielen, die ich bereits hinter mir hatte und die mir noch bevorstanden, bewältigte. Es galt herauszufinden, ob dieser Eleas ein Magier war oder nicht, und zwar, ohne dass er sich, sollte er einer sein, befreite. Ich ließ mich im Sand nieder und begann zu meditieren.

    Als ich kurz darauf wieder unserem Lager zustrebte, wusste ich, wie ich ihn prüfen würde.

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    „War das nötig?“ Vater blickte mich grimmig an. „Deinetwegen haben wir zwei Kaktuswachen verloren.“

    „Dafür wissen wir jetzt, dass mein Sklave ein Zauberer ist“, konterte ich. „Du hattest mir aufgetragen, es herauszufinden.“

    Vater seufzte. „Allerdings. Und er ist weitaus mächtiger als er sein dürfte in seinem Alter.“

    Das entsprach der Wahrheit. Eleas hatte, obwohl angekettet und lediglich mit einem Holzstab ausgerüstet, nacheinander zwei unserer besten Krieger getötet. Allerdings hatte er auch einige Verletzungen einstecken müssen und lag im Augenblick bewusstlos in einem Verlies der Festung, in die wir mittlerweile wieder heimgekehrt waren. Dabei hatte er sich zunächst geweigert, gegen die Streiter zu kämpfen, die ich für ihn bestimmt hatte. Er sei noch nicht so weit fortgeschritten in seiner Ausbildung, hatte er behauptet, gegen Gegner aus der Festung der Wüstenräuber – so nannten sie uns in Elteran – anzutreten. Doch dazu hatte er sich schnell bereitgefunden, nachdem ich ihm das Mädchen präsentiert hatte, das unsere Krieger in meinem Auftrag entführt hatten. „Du hast die Wahl“, hatte ich gesagt. „Entweder du demonstrierst mir deine Zaubermacht und sie lebt, oder…“ Mehr hatte ich nicht sagen müssen. Er hatte sich erhoben und ergeben den Holzstab entgegengenommen, den mein Agent in Elteran bei einem Händler erstanden hatte. „Lässt du sie frei?“, hatte er wissen wollen, doch ich hatte ihn ausgelacht. „Sei nicht unverschämt! Ich sagte, sie wird am Leben bleiben, wenn du tust, was ich verlange. Wo und wie, darüber hast du nicht zu befinden. Doch du kannst dich darauf verlassen, dass ich mein Wort halte, so lange du dich an meine Spielregeln hältst.“ Also hatte er sich unseren Kriegern gestellt. Und ich hatte seine Zauber gesehen! Er konnte weitaus mehr als Steine fliegen zu lassen und Feuer auf den Gegner zu werfen oder diesen unheimlichen Fluch der Schmerzen, der seine Gegner mehr und mehr schwächte, so lange der Kampf währte. Er hatte sich gezwungen gesehen, alles was er beherrschte auch zur Anwendung zu bringen, wenn er überleben wollte, und das wollte er ganz offenbar.

    „Wie willst du ihn in Zukunft kontrollieren?“, unterbrach mein Vater meine Gedanken.

    „Das lass meine Sorge sein“, beschied ich ihm. Ich hatte das Mädchen meinem Harem einverleibt. Noch war sie unberührt. Ob und wie lange sie es blieb, lag in den Händen des Magiers. So wie ich ihn einschätzte, würde er ausgesprochen fügsam sein.

    „Wie du meinst.“ Vater seufzte und murmelte leise: „Ich glaube, es war ein Fehler, ihn hierher zu bringen.“

    Noch ahnte keiner von uns, dass er damit Recht behalten würde.

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    Eleas genas schnell, nachdem er mich um die Heiltränke gebeten hatte, die sich in seinem Gepäck befunden hatten. Ich gewährte sie ihm unter der Bedingung, dass er mir die Rezeptur verriet. Jorugawurzeln und Guljakbeeren wuchsen zwar nicht in der Wüste, doch ich würde mir schon ausreichende Vorräte davon zu beschaffen wissen. Später würde ich feststellen müssen, dass sie bei Nichtmagiern nicht wirkten, doch zu dem Zeitpunkt ahnte ich davon noch nichts, denn Eleas erwähnte dies natürlich mit keinem Wort. Also sandte ich unsere Krieger aus, die Zutaten zu finden und zu sammeln und hieß meinen Sklaven, diese Heiltränke daraus herzustellen.

    In diesen ersten Tagen in der Festung gab der junge Magier sich erstaunlich fügsam und kooperativ. Er verlangte lediglich einmal am Tag das Mädchen zu sehen und drohte mir, wenn er feststellen müsse, dass es ihr nicht gut ginge, würde ich es büßen. Für diese Frechheit ließ ich ihn auspeitschen, doch letztendlich gab ich nach. Er war mir nützlicher, wenn er meine Befehle bereitwillig befolgte. Und ich muss sagen, er erledigte sämtliche Arbeiten, die ich ihm auftrug, auch die unangenehmsten und erniedrigendsten, willig, geduldig und sorgfältig. Dafür, dass ich das Mädchen in Ruhe ließ, versuchte er niemals, irgendeinen Zauber zu wirken.

    Mit der Zeit begann ich, Eleas‘ Nähe, seine unerschütterliche Ausgeglichenheit und seine freundliche, offene Art zu schätzen. Zudem verstand er es, mir Respekt entgegenzubringen, ohne unterwürfig aufzutreten. Anstatt ihn nach getaner Arbeit wegzuschicken, behielt ich ihn immer öfter bei mir und ließ ihn mir von seiner Ausbildung und seinen Reisen durch Arthoria erzählen. Es faszinierte mich, wenn er von Landstrichen sprach, die ich noch nie gesehen hatte und von deren Bewohnern, gegen die er bereits gekämpft hatte. Vor meinen inneren Augen ließ er Sümpfe, ausgedehnte Wälder, verlassene Bergwerke und Höhlen sowie hohe Berge entstehen, Seen, Flusslandschaften und das Meer. Schier ungeheuerlich waren die Wesen, welche diese Welten bevölkerten, und Eleas hatte sie alle bekämpft und besiegt. Als es nichts Neues mehr zu erzählen gab, brachte er mir ein Kartenspiel namens Tamoa bei, und wir spielten viele spannende Partien gegeneinander.

    Mein Vater sah dies alles mit Missfallen, doch ich schaffte es immer wieder, seinen Argwohn zu zerstreuen, indem ich Eleas hin und wieder öffentlich bestrafen ließ. Dass er sich anschließend regelmäßig mit seinen Tränken wieder heilte, brauchte Vater nicht zu erfahren, so dachte ich. Oh, wie ich mich geirrt hatte!


    Fortsetzung folgt

    Ein bisschen Senf möchte ich hier auch dazu geben.

    Geschichten um Mensch-Roboter oder Mensch-KI-Beziehungen lese ich gerne. Dieser Anfang lässt mich auch neugierig darauf zurück, wie es weitergeht. Ich bin aber trotzdem ein wenig verwirrt. Ist es eine humorige Story? Manche Sätze lassen darauf schließen. Oder wird es spannend? Ich bin mir nicht so ganz sicher, mit welchem Genre ich es zu tun habe.

    Zweierlei hat mich irritiert. Erstens der Anfang. Der Satz

    Eine Kaskade flammender Abendsonnenstrahlen schoss unter dumpf brodelnden Gewitterwolkenbäuchen hervor und verwandelte das Ziegelwerk des alten Wasserturms in ein loderndes Fanal

    passt irgendwie nicht zum Rest der Geschichte. Für mich scheint er eher der Anfang eines Thrillers zu sein. Das Ziegelwerk, ein Lost Place, dort könnte ein Überfall stattfinden oder ein Monster erscheinen. Das bevorstehende Unwetter schafft eine bedrohliche Atmosphäre. Stattdessen begegnet der Ich-Erzähler einem Bekannten, der mit einer Frau unterwegs ist und ihn zu sich nach Hause einlädt. Oder wird diese Begegnung womöglich zu einer Bedrohung für den "Ich"? In dem Fall wäre das natürlich schlau konstruiert.

    Zweitens die Aussage

    Das ist übrigens der Grund, warum ich bisher keine Frau in meiner Wohnung haben wollte. Wenn du einer Frau das Staubwischen verbietest, wischt sie heimlich.

    zusammen mit dieser Aussage

    Bei Erika besteht diese Gefahr nicht, denn in ihrem Programm kommt Staubwischen nicht vor

    welche einer weiteren Aussage

    „Erika räumt es wieder weg.“

    in meinen Augen widerspricht. Entweder ist Erika ordnungsliebend und räumt auf, aber dann würde sie auch Staub wischen, oder sie ist es nicht, oder sie handelt nur auf ganz eindeutige Anweisungen hin, aber das sollte halt gesagt werden.

    Außerdem finde ich die Aussage fragwürdig, dass Frauen grundsätzlich Putzteufelinnen sind.

    Nun, schauen wir mal, wie es mit Erika, ihrem Erfinder weitergeht. Ich freue mich auf die Fortsetzung.