Beiträge von Arathorn


    Gömlülü erwachte spät und mit Rückenschmerzen.
    Die lange Reise nach Bruchbuden und die steinharte Matratze hatten einen Zollverein gegründet und forderten nun gemeinsam Tribut, wobei sie bei der Kostenaufstellung Addition und Quadratur verwechselten. Die Zwergin streckte sich zaghaft. Vielleicht hätte sie die Köter gestern nicht abschlachten und den Kobold sterben lassen sollen. Es hieß nicht umsonst, dass man nur ausgeruht und mit vollem Magen kämpfen solle.
    Allein ihr weiches Herz hatte sie daran gehindert. Sie konnte keinem Tier etwas antun, das nicht zu mindestens 87,54% aus Boshaftigkeit bestand, und mit Personen, egal welcher Rasse, verhielt es sich ebenso. Der Kobold kam der Prozenthürde zwar gefährlich nahe, doch bei ihm war die Boshaftigkeit eher eine Form von Verzweiflung und Notwendigkeit. Er hatte tagelang versucht, ihr Gold zu stehlen, aber was sollte ein armer Kerl wie er schon anderes tun? Jeder halbwegs gerade gewachsene Spargel hätte einen besseren Krieger, Bauern, Handwerker oder Verwaltungsangestellten abgegeben.
    Gömlülü hoffte, dass ihn über die Nacht niemand getötet oder zu einem Teller Gemischtem Salat eingeladen hatte. Oder was auch immer die Bruchbudener darunter verstanden. Im „Zu rybnigen Guthra“ enthielt diese ihre Lieblingsspeise drei verwelkte Blatt Löwenzahn, der irgendwo zwischen den Pflastersteinen der nächstbesten Gasse geerntet worden sein musste, und eine kleingeschnittene Mohrrübe. Die Mohrrübe erfreute sich sogar einer gewissen Genießbarkeit, sie konnte noch nicht länger als fünf Jahre im Keller gelegen haben.
    Die Zwergin setzte sich auf.
    Überrascht stellte sie fest, dass die Türe noch vorhanden und ihr Rucksack nicht gestohlen war. Man hatte ihr die schaurigsten Geschichten über Bruchbudener Brauchtümer erzählt.
    Sie öffnete den Rucksack, nahm die (sehr kleine) Schicht Ersatzwäsche heraus und legte sie auf einen wackeligen Stuhl, der traurig in der Ecke stand und seine Freunde vermisste. Gömlülü hätte ihn gerne getröstet, wusste aber nicht, wie sie die Sprachbarriere am besten überwinden sollte. Um Barrieren kümmerte sie sich meist mit der Axt, aber hier erschien ihr dieses Vorgehen weder angemessen noch zielführend.
    Zwischen den Goldklumpen wühlte sie die eingerahmte Kohlezeichnung ihres Mannes hervor. Nach kurzer Überlegung platzierte sie das Bild neben dem Bett. So machte man das wohl für gewöhnlich.
    Gömlülü wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Frithjof Kindsgrab, ihr Ehegatte, war vor drei Wochen von einer Orkhorde entführt worden, was nicht gerade auf pure Verstörung beim Rest des Zwergenclans gestoßen war.
    Auf die Lösegeldforderung der Orks hatte der Älteste nur erwidert: „Es ist eure Schuld, dass ihr jetzt das Problem habt. Viel Spaß damit.“
    Sie seufzte. Die Orks hatten Frithjofs Gehässigkeit und ständige Wutausbrüche wahrlich nicht verdient, aber wenigstens standen die Chance nicht schlecht, dass er vom Gefangenen rasch zum Freund aufsteigen würde. Er gab bestimmt einen guten Ork ab.
    Außerdem eröffnete ihr die Entführung ungeahnte Möglichkeiten der selbstbestimmten Zukunftsgestaltung: Sie konnte bei den sagenhaften Meistern der Großstadt in die Lehre gehen, um ihre Schmiedekunst zu verbessern.
    Es war Zeit für das Frühstück. Oder das Mittagessen; sie konnte die Tageszeit nur ungefähr abschätzen. Der Ausblick über die Dächer der wunderschönen Stadt war so vereinnahmend, dass er nur wenig anderes neben sich duldete, beispielsweise an Licht, das ins Zimmer einfallen wollte. Wobei man genau genommen nur ein Dach bewundern konnte. Von innen. Zumindest das rustikale Ambiente ließ sich nicht leugnen.
    Gömlülü drehte den Schlüssel, öffnete die Türe … und taumelte drei Schritte zurück.
    Mit zitternden Fingern stopfte sie sich die Enden ihres Schnurrbarts ins kartoffelförmige Riechorgan und holte keuchend Luft. Der Gestank war überwältigend, zumindest für eine hochsensible Zwergennase.
    Doch selbst einer dieser menschlichen Geruchslegastheniker hätte den aufdringlichen Verwesungshauch unmöglich NICHT wahrnehmen können. Im Rausch des Dunkelbiers mochte es ihr nicht aufgefallen sein, doch entweder lagerte der Wirt sein Fleisch hier oben, oder es gingen seltsame Dinge in diesem Gasthaus vor …
    Gömlülü überwand den Drang, möglichst schnell möglichst weit wegzulaufen, und befreite zaghaft sogar eines ihrer Nasenlöcher vom haarigen Stöpsel. Dann schloss sie die Augen und schnüffelte, auf die Gefahr hin, die Bodendielen mit einem halbverdauten Gemischten Salat in Dunkelbiersoße zu füttern.
    Die Zwergin nahm Witterung auf und ging los.
    Ihr Weg führte sie den Gang bis ans andere Ende entlang zu einer weiteren Treppe, die ihr nachts gar nicht aufgefallen war. Das verstörende Aroma kam eindeutig von oben. Gömlülü zögerte kurz, bevor sie den ersten Fuß auf eine knarrende Stufe setzte.
    Diese Treppe war schmaler als die anderen und schien nur selten genutzt zu werden.
    Sie fröstelte, als sie vor einer schmalen Türe stehenblieb, hinter der ein Schlachthof mit integrierter Müllkippe für den Eigenbedarf liegen musste. Würde sie gleich das Heim eines Kannibalen betreten? Ausgeblutete Leichenteile, bleich und schaurig an der Decke aufgehängt? Oder nur die mehr schlecht als recht hinter dem Bett versteckte, zerstückelte Leiche der Ehefrau?
    Sie hätte ihre Axt mitnehmen sollen, nur für alle Fälle.
    Gömlülü holte tief Luft und drückte die Klinke herunter. Es war nicht abgesperrt.
    Drei Minuten später stampfte sie lauter als eine Elefantenherde mit zornesrotem Kopf und geballten Fäusten wieder heraus.
    „Barbarische Tierschänder!“, knurrte sie und stürmte die Treppe hinab.

    @Alopex Lagopus Es ist nicht die gleiche Geschichte, spielt nur in derselben Welt und hat damit teilweise auch die gleichen Charaktere ^^
    ___________
    Ich habs endlich mal geschafft, mit dem Figurenzeichnen zu beginnen. Fulbert darf ich hiermit präsentieren, ich hoffe, es folgen demnächst auch die anderen ^^



    :hi1:

    Das Residenzgebäude des Bundes hätte der unbedarfte Betrachter auf den ersten Blick als Tempel identifiziert, und zwar als den des Hauptgottes einer der unzähligen und einander so gleichen Religionen. Oder zumindest seines Stellvertreters.
    Die gemauerte Kuppel thronte mehrere Meter über den umliegenden Häusern, ein mit Reliefs aus der Tierwelt verziertes Vordach in spitz zulaufender Form wurde von zwei Reihen weißer Marmorsäulen getragen, hinter denen ein bronzenes Tor auf den willkommenen Gast wartete.
    Man erreichte dieses imposante Bauwerk über einen Weg aus hellen Kieselsteinen, zu dessen beiden Seiten eine parkähnliche Anlage installiert war. Ein von Menschenhand angelegter Wald mitten im steinernen Herzen Bruchbudens. Hier konnte man die frische Luft einsaugen, ohne um seine Gesundheit bangen zu müssen.
    Vögel und Eichhörnchen tummelten sich in den Bäumen, Katzen lagen faul in der Sonne, Schmetterlinge färbten die Luft über den Grasflächen kunterbunt. Am Springbrunnen säuberte eine Waschbärenfamilie ihr Mittagsmahl.
    Benty sog den Duft des unbeschwerten, glücklichen Lebens ein, während sie schnellen Schrittes auf die Säulenreihen zuhielt. An der äußeren Ummauerung hatte kein Wächter sie aufgehalten, lediglich ein Schild mit der Aufschrift „Bleib' fort, wenn du kein Tierfreund bist“ sollte unwillkommene Besucher abwehren, und auch das bronzene Tor war unbemannt. Einer der Flügel stand so weit offen, dass eine Elfe problemlos hindurchschlupfen konnte. Falls das Vorstellungsgespräch positiv verlief, musste sie als erstes einige Verbesserungsvorschläge zum Sicherheitskonzept anbringen.
    Sie stieg die fünf Marmorstufen hinauf. Unter dem Vordach war es angenehm kühl im Vergleich zur drückenden Hitze der Stadt. Es roch nach kaltem Stein, auf dem gelegentlich Wasser entlangfloss, nach einem klaren Bergbach im Frühling …
    Sobald sie durch das Tor trat, wich die Entspannung. Die Nervosität meldete sich zurück.
    Benty stand in einer großen Eingangshalle, deren Wände keinen unbemalten Quadratzentimeter aufwiesen. Die Motive hätte sie problemlos auch ohne Licht erraten, doch die riesigen Buntglasfenster vereinfachten die Sache.
    Unzählige Statuen bevölkerten den Raum. Ihre Größe reichte von verschiedenen Käfern, die auf samten gepolsterten Sockeln ruhten, um nicht übersehen zu werden, bis zu einem monströsen Elefanten in der hinteren Ecke. Die Elfe konnte sich nicht vorstellen, wie man ihn durch das Tor geschafft hatte.
    Beinahe wäre sie über den Wolf am Eingang gestolpert. Sie sprang über den zottigen grauen Rücken und entfernte sich rasch einige Schritte. Der Bildhauer hatte das Tier sehr realistisch im Schlaf eingefangen – und man konnte ja nie wissen, vor allem nicht, wenn man in seiner Kindheit bestimmte Geschichten gehört hatte …
    Die Rezeption machte neben all den kunstvollen Tieren einen seltsam deplatzierten Eindruck: Es handelte sich um einen schlichten hölzernen Kasten. Das Logo des Tierschutzbundes – Benty warf ihm nur einen kurzen Blick zu, erkannte aber auf Anhieb, dass der Designer Legastheniker und nicht mit den größten anatomischen Kenntnissen gesegnet war – prangte in verblassenden Farben auf der Vorderseite, hinter dem simplen Möbelstück wartete ein unbequem anmutender Stuhl auf einen wärmenden Hintern.
    Benty näherte sich unsicher. Für gewöhnlich war es der Zweck solcher Tresen, dass jemand hinter ihnen saß und dem völlig desorientierten Besucher Hilfestellungen fragwürdigen Kompetenzgrades leistete. Hier allerdings schien man sich in allen Belangen möglichst weit vom Bruchbudener Mainstream distanzieren zu wollen.
    Die Elfe spähte zwischen die unzähligen Tierstatuen. Dort hätte sich mit Leichtigkeit eine Kompanie Oger verbergen können, um aus dem Hinterhalt anzugreifen, aber nichts regte sich. Missmutig nahm sie die verstaubte Messingglocke vom Tresen und schüttelte sie ein paarmal.
    Das dünne Bimmeln war etwa fünf Meter weit zu hören.
    Beinahe hätte sie einen Fluch ausgestoßen, aber die elfischen Gene taten alles in ihrer Macht Stehende, um das zu verhindern. Sie überlegte, ob sie etwas rufen sollte, wusste aber nicht, was. Weder ein minimalistisches „Hallo, ist hier jemand?“ noch eine kraftvolle Parole wie „Tiere Haben Auch Gefühle!“ erschien ihr passend. Die logische Alternative bestand darin, sich resignierend auf den Tresen zu setzen und darauf zu hoffen, dass die Glocke irgendeinen magischen Mechanismus in Gang gesetzt hatte.
    Nach zehn Minuten sprang sie auf und wanderte zwischen den Statuen umher, legte hier eine Hand auf den Elefantenrüssel und pustete dort den Staub vom Rücken eines Hochlandschafs; als sie glaubte, alle gesehen zu haben, ließ sie sich zur Betrachtung des Wappens herab, so sehr ihr elfischer Sinn für Ästhetik sich auch dagegen sträubte.
    Es handelte sich um eine grüne Mischung aus Ei und Kreis mit einem orangefarbenen Rand. Im Inneren saß unter dem Schriftzug „Tirschudsbunnt i.V.“ eine Ratte auf einer Hand. Es war nicht gerade das Motiv, das Benty für einen solchen Verein gewählt hätte – was ihr jedoch die größeren Probleme bereitete: Der Hand (ihr Besitzer musste unter besonders schwerer Gelbsucht leiden) fehlte ein Finger und war offenbar der Ratte nach dem Verzehr als fünftes Bein nachgewachsen. Zudem besaß keine der abgebildeten Extremitäten weniger als fünf Gelenke, deren Funktion munter ausgereizt wurde.
    Benty konnte sich nicht daran erinnern, je ein hässlicheres Wappen gesehen zu haben, und das mochte in Anbetracht des stilistischen Geschmacks der meisten Lords von Bruchbuden einiges zu bedeuten. Man brauchte nur an einen braunen Schnauzer auf weißem Grund denken, den man erst bei genauerem Hinsehen als solchen und nicht als privates Zufallsprodukt erkannte.
    Die Eingangshalle besaß sechs Fenster. Sie reichten von einem Meter Höhe bis kurz unter die Decke, wo sie bogenförmig zuliefen. Sie waren von gemeißelten Ranken umrahmt. Sie bestanden aus insgesamt achthundertdreiund…
    „Guten … äh … guten Tag, werte Lady“, wurde Benty von einer verwirrten Stimme aus ihren architektonischen Studien gerissen. „Wenn die Frage … wenn sie sozusagen gestattet ist, wer seid Ihr und was verschafft uns die Ehre – ja, man könnte es wohl Ehre nennen – die Ehre Eures Besuches?“


    2
    Benty tänzelte mit einem mulmigen Gefühl durch die Menschenmenge.
    Eigentlich war sie so vorbereitet, wie man nur sein konnte, aber der nagende Gedanke, dass sie irgendetwas vergessen oder falsch gemacht haben könnte, ließ sich nicht vertreiben. Ein in weiten Kreisen der Bevölkerung verbreitetes Syndrom, und doch kaum bekämpfbar.
    Sie hatte den Großteil des gestohlenen Schmuckes reinvestiert, trug die schönsten Teile jedoch am Leib. Ringe, Halsketten, Armreife – nur vor den Ohrringen war sie zurückgeschreckt. Hochgeborene Ladies spießten sich Tonnen von Metall durch die Ohrläppchen, bis diese ihnen zu den Schultern hingen und ein Oger mühelos durch das entstandene Loch klettern konnte.
    Was daran schön sein sollte, hatte sie nie verstanden. Vielleicht waren große Ohren unter Menschen ein Zeichen großer Attraktivität. Das hätte zumindest die hohe Vergewaltigungsrate weiblicher Elfen in Bruchbuden erklärt – selbst, wenn man stets peinlich genau eine Armlänge Abstand hielt, war man nicht sicher. Auch Benty hatte sich schon einiger plumper Annäherungsversuche erwehren müssen und bei diesen Gelegenheiten sichergestellt, dass der betreffende Mann nicht zum Wiederholungstäter wurde.
    Die Elfe sah an sich herab, zog den Mund schief und schob einen rubinbesetzten Fingerring von der rechten auf die linke Hand. Der Stein funkelte im Sonnenlicht so stark, dass sie die gierigen Blicke vom Straßenrand physisch spüren konnte. Auch ein Rudel von Verfolgern hatte sich bereits gebildet, doch für den Fall hatte sie vorgesorgt. Sie gestattete sich ein schmales Lächeln.
    Benty hatte alle Vorschläge ihrer Mitbewohner umgesetzt: Gekämmtes Haar, angemessene neue Kleidung, keine Dolche oder Wurfmesser im Stiefel. Sogar ein Badehaus hatte sie besucht, obwohl sie öffentliche Orte, von denen sie aufgrund offensichtlicher Umstände nicht in wenigen Sekunden verschwinden konnte, für gewöhnlich mied. Die Krone ihrer Bemühungen allerdings war das Fläschchen mit Parfüm, das sie widerwillig um teures Gold erworben hatte.
    Es roch nach allerlei sommerlichen Blüten. „Elfische Blumenwiese“ lautete die Bezeichnung der Sorte, was ihr nicht gänzlich unpassend erschienen war. Allerdings mussten die Blumen tatsächlich aus einem der weit entfernten Elfenreiche importiert worden sein – und der zuständige Spediteur seinem Beruf entsprechend „die Klingel nicht gefunden“ haben. Um menschliche Nasen zu beeindrucken, sollte es immerhin reichen.
    Trotz alldem war Benty unsicher, was die richtige Taktik bei einem Vorstellungsgespräch anging. Womöglich hing es damit zusammen, dass sie noch nie eines geführt hatte.
    „Auf eine bestimmte Art lächeln – du weißt, wie ich meine – und dich im geeigneten Moment ein wenig tiefer über den Tisch beugen“, hatte ihr ein Mitbewohner geraten. Sie war noch nicht überzeugt, ob sie damit auch die gewünschte Wirkung erzielen oder als Langzeitfolge zweiten Grades nur die Zahl potentieller Vergewaltiger verringern würde.
    Erst einmal, rief sie sich in Erinnerung, sollte jedoch eine Person anwesend sein, mit der sie das Gespräch führen konnte. Sie war nicht angemeldet.
    Der Verkehr lichtete sich allmählich und der Straßenrand war spärlicher mit Verkaufsbuden besetzt, dafür zierte deutlich mehr Dreck das Bruchbudener Steinlabyrinth. Die Mitarbeiter der Stadtreinigung beschränkten ihre Tätigkeit auf die wichtigsten Marktflecken und von hohen Lords genutzten Hauptstraßen.
    In diesem Moment war Benty zum ersten Mal glücklich darüber. Sie ging langsamer, damit ihre Verfolger sie nicht aus den Augen verloren, und schloss die Hand um die einzige Waffe, die sie trotz aller Warnungen mitgenommen hatte. Eine Gänsehaut überzog ihren Arm und sie schüttelte sich, ließ jedoch nicht los. Eisern festhalten, schärfte sie sich ein.
    Bald tauchte rechterhand eine geeignete Gasse auf. Sie blieb vor dem Abbiegen kurz in der Mitte der Straße stehen, winkte mit der freien Hand fast schon anzüglich über die Schulter und ließ dabei das Gold an den Fingern seine maximale Anziehungskraft entfalten. Dann tauchte sie ins Halbdunkel ein.
    Sofort starrten gelbliche Augenpaare sie auf Hüfthöhe an, furchterregendes Knurren entstieg ausgehungerten Mäulern und schmutzige Pfoten schabten über Pflastersteine. Sie schritt erhobenen Hauptes weiter wie jemand, der im Schützengraben seine Zeit damit verbringt, Singvögel zu beobachten. Allerdings war sie keine der Personen, die sich bei einer solchen Gelegenheit ein hübsches Loch in den Kopf stanzen lassen.
    Benty blieb abrupt stehen und drehte sich um.
    Sie wurde von zwei Rudeln verfolgt. Die Köter kauerten sprungbereit an den Seiten der schmalen Gasse, um von den Hauswänden Rückendeckung zu erhalten. Die Möchtegernplünderer standen offen in der Mitte des Weges, um sich den Fluchtweg freizuhalten. Sie hielten Knüppel und Dolche in den Händen, hässliche schartige Klingen, die irgendjemand weggeworfen haben musste.
    Unschlüssig standen die vier Männer da, traten von einem Bein aufs andere und wollten sich (schließlich war jeder Bruchbudener noch ein echter Gentleman der alten Schule) alle gegenseitig den Vortritt lassen. Daraus ergab sich eine unglückliche Pattsituation, die das Straßenköterrudel zu nutzen wusste: Bereits nach wenigen Sekunden lauerten auch hinter den Banditen vierbeinige Schatten mit erschreckend gepflegten Zähnen.
    Der allgemeine Geräuschpegel nahm zu. Köter kläfften oder schnappten wütend in der Luft, noch nicht mutig genug, den ersten Vorstoß zu wagen. Der mit der größten Auffassungsgabe gesegnete Räuber nuschelte: „Ich glaube … äh … wir sollten uns zurückziehen“, worauf ein anderer entgegnete: „Der Teppich hinter uns sieht nicht besonders weich aus, und … ähm … ihr wisst schon, meine Füße sind nicht mehr die Jüngsten.“ Dann lachten alle vier nervös und rückten enger zusammen.
    Benty hielt den Moment für gekommen.
    Sie zog die Hand aus der Tasche und warf einem der Männer die Wurst entgegen. Verdutzt packte er zu und fing sie geschickt auf, nicht bedenkend, dass Grobmotorikern in solchen Situationen größere Überlebenschancen eingeräumt werden. „Ähm … vielen Dank“, sagte er verwirrt. „Nur waren wir eigentlich … äh … aus einem anderen Grund hier. Gold und Edelsteine und das ganze übliche Zeugs halt, Ihr wisst schon, Mylady …“
    „FASS!“, rief die Elfe und wandte sich um.
    Die Köter mochten (abgesehen von der Stiefelspitze) noch nie mit einem Menschen in Kontakt getreten geschweige denn abgerichtet worden sein, doch dieses Wort verstanden sie alle. Gemessenen Schrittes ließ Benty verzweifelte Schmerzensschreie und tosendes Bellen, Fauchen und Knurren aus über hundert Mäulern hinter sich. Wer auch immer den Kampf für sich entschied (wobei sie ihr Geld eher auf die mit mehr Zähnen und Krallen ausgestattete Partei gesetzt hätte) – sobald er vorüber war, hatte die Stadt einige Probleme weniger.
    Und wenn sie die richtigen Worte wählte, konnte sie diese Geschichte sogar beim Vorstellungsgespräch als Beweis ihrer beruflichen Eignung vortragen.


    Ich nehme mal an, Vaine ist das Wesen, das Pollock und die anderen beschworen haben. Warum er erst Nisha aus der Zelle befreit und dann verstummt, löst der nächste Teil hoffentlich auf :hmm: Bevor Vaines Stimme auftaucht, zieht sich Nishas Text ein wenig, weil sie eben nichts anderes tun kann, als in der Dunkelheit umherzuirren und gegen diesen und jenen Stein zu drücken. Die Szene mit der Schabe macht ihr Elend dagegen sehr anschaulich :thumbup:
    Die Teile von Gembries/Alastair haben mir aber insgesamt wieder besser gefallen, zum einen ist es interessant, mehr über die Lebensweise und den Handel der Leute zu erfahren, zum anderen beschreibst du sehr gut Alastairs harmonische Ausstrahlung und die rätselhafte Wirkung auf die Leute. Die Alte am Anfang mit dem kaputten Kessel war natürlich auch super ^^


    :hi1:


    „Wie sich diejenigen unter Euch mit zumindest einem gewissen Maß an Fantasie schon gedacht haben mögen“, sprach Kackebart, „möchte ich auch heute vor dieser ehrenwerten Versammlung angesehener Lords hochoffiziell auf eine Änderung meines so fehlinterpretierten und missverstandenen Familiennamens plädieren. Ich …“
    „Die strahlende Kugel spricht?“, rief einer erschrocken aus. „Ist es am Ende gar nicht der Vollmond? Ich muss wohl schon wieder Wein und Traubensaft verwechselt haben!“
    Allgemeines Gelächter erhob sich. Kackebart prägte sich die Gesichtszüge des Witzboldes ein. Für später.
    „Dieser Scherz wird jedes Mal noch amüsanter“, spottete er dann, als sich das Gelächter wieder gelegt hatte. „Trotz all meiner Bewunderung für Eure Kreativität und Gewitztheit möchte ich – mit Eurer Erlaubnis, versteht sich – nun trotzdem mit ernsthaften Themen fortfahren. Entschuldigt meine Humorlosigkeit. Vielen Dank. Wie ich bereits zu sagen versuchte …“
    „… und wie Ihr bereits das letzte und vorletzte und auch das Mal davor und eigentlich bei jeder erdenklichen Gelegenheit gesagt habt …“
    „… beantrage ich hiermit die Änderung meines altehrwürdigen Familiennamens von Kackebart zu Backenbart, was letztendlich nichts weiter als einer legitimen Rekonstruktion gleichkommen würde. Der Name Kackebart ist ein schwerwiegender historischer Irrtum …“
    „… nicht halb so schwerwiegend wie Ihr …“
    „… ein fataler historischer Irrtum, den ich einwandfrei beweisen kann.“ Lord Wilhelm streckte die Hand nach hinten aus. Sofort legte ein Diener das vorbereitete Pergament hinein, und Kackebart entrollte es triumphierend.
    „Eine Menge Buchstaben und ein zerbröselndes Siegel“, kommentierte jemand. „Und was soll es uns sagen?“
    „Dem geneigten Analphabeten erschließt es sich wohl nicht auf den ersten Blick“, entgegnete Wilhelm süffisant, „doch handelt es sich um ein historisches Dokument, das ich aus der Bibliothek meiner Vorfahren zu ex-tra-hie-ren geruhte. Darin ist die Rede von Lord Eduard von Backenbart, dem siebten seines Namens. Wer der hohen Kunst des Lesens und Denkens mächtig ist, wird darin an mehreren Stellen den untadeligen Beweis finden, dass noch vor einhundertundachtundneunzig Jahren mein Geschlecht unter dem Namen Backenbart bekannt war.“
    „Dass Euer Geschlecht bekannt sein soll, ist mir neu!“, krähte ein besonders lustiger Spaßvogel und erntete brüllendes Lachen von allen Seiten.
    Lord Wilhelm von Kackebart ballte die Hände zu Fäusten und biss die Zähne aufeinander. Er würde sich nicht von diesen ungebildeten Hirnlosen provozieren lassen. Er war die Ruhe in Person. Keiner von ihnen war seinen kognitiven und rhetorischen Fähigkeiten auch nur annähernd gewachsen, um von Vermögen und militärischer Macht gar nicht erst zu sprechen.
    „Bei der Namensbildung Kackebart handelt es sich also nicht nur um eine bedauerliche Verdrehung unzweifelhafter historischer Tatsachen“, fuhr Kackebart potentiell tiefenentspannt fort, „sondern nach meinem Dafürhalten gar um eine bösartige, hinterhältige Ruf- und Ehrschädigung, als deren Motiv sich ungezügelter Neid auf … ungezügelter Neid im Allgemeinen anführen ließe.“
    „Auf Euren Adoniskörper, das ungewaschene Fell auf den Wangen und das bisschen Matsch einige Zentimeter weiter innen verspüre zumindest ich keinen allzu überwältigenden Neid“, gab ein Lord gefährlich ruhig zurück und erstickte das erneut aufbrandende Gelächter, indem er weitersprach: „Allerdings könnte es sein, dass zumindest Teile Eurer Geschichte einen gewissen Wahrheitsgehalt vorweisen können, wenngleich das Eure Forderungen nicht im Geringsten legitimiert. Soweit ich weiß, hießen Eure bemitleidenswerten Ahnen tatsächlich bis zu einem gewissen Mann namens Wilhelm dem Ersten die Lords von Backenbart, doch dieser Euer Namensvorfahr besaß eine weitaus üppigere Gesichtsbehaarung. Sie reichte – je nachdem, welcher Überlieferung man Glauben schenken möchte – entweder bis zu den Kniekehlen oder den Knöcheln, darin sind sich die ehrwürdigen Historiker uneins. Jedenfalls war dieser Mann sehr kreativ, was die unzähligen Nutzungsmöglichkeiten eines solchen Bartes anging. Somit entspricht Euer Name, werter Lord von Kackebart, eindeutig den historischen Tatsachen und stellt alles andere als eine auch nur im Ansatz bösartige Verleumdung dar. Ich fordere Euch daher auf, all diese unsäglichen Anschuldigungen umgehend zurückzunehmen und Euch bei allen Anwesenden dafür zu entschuldigen.“
    Die Luft knisterte wie vor einem aufziehenden Gewitter. Vereinzeltes Lachen derer ertönte, die von Natur aus etwas langsamer dachten und nun eine sehr grobschlächtige Pointe begriffen, während die meisten Lords unruhig auf ihren Stühlen herumrutschten und bereit waren, sich vor den Blitzen zu ducken.
    Lord Wilhelm von Kackebart schob den Unterkiefer vor und verengte die Augen so weit, dass er sie mit einem Stück Zahnseide hätte verbinden können. Unter seinem eleganten Anzug fielen so gewaltige Muskelberge der Kontinentalplattenverschiebung seines Körpers zum Opfer, dass er ein Reißen des Stoffes befürchten musste. Schweiß brach ihm an allen möglichen Stellen aus. Er würde sich nicht von diesen erbärmlichen Gestalten provozieren lassen, und erst recht nicht mit erlogenen Geschichten auf dem geistigen Niveau eines Zweijährigen. Er würde …
    „WAS WAGT IHR NICHTSWÜRDIGEN BASTARDE ES, MICH, MICH, DER ICH EUCH ALLE MIT EINEM EINZIGEN ATEMZUG HINWEGFEGEN KÖNNTE, AUF DERART ZURÜCKGEBLIEBENE ART UND WEISE ZU BELEIDIGEN?“, brüllte Kackebart mit hochrotem Kopf. Dass er dabei auf den Tisch sprang und über die Speisen trampelte, merkte er nicht einmal. „WER KANN ES WAGEN, MIR INS GESICHT ZU SAGEN, MEINE ERHWÜRDIGEN AHNEN HÄTTEN SICH IHRE EIGENE SCHEISSE IN DEN BART GESCHMIERT? WER VON EUCH HURENSÖHNEN KANN DAS WAGEN, DAS FRAGE ICH EUCH!“
    „Danke für den Hinweis, ohne Eure durchlauchte Gnade auch den geistig Minderbemittelten gegenüber hätte ich gar nicht registriert, dass Ihr eine Frage stellt, o ehrenwerter Lord Wilhelm“, ließ sich wieder der Erzähler dieser unsagbaren Geschichte vernehmen. „Meine Antwort jedenfalls lautet: Ich mache das. Wegen des Atems würde ich Euch übrigens Mundwasser empfehlen, vornehmlich mit Minzgeschmack, wobei Wildbeeren auch erträglich sind. Von exotischen Früchten würde ich persönlich eher abraten. Und zu guter Letzt muss ich dem bösartigen Gerücht widersprechen, dass meine hochwohlgeborene Mutter …“
    Lord Wilhelm von Kackebarts Verstand legte endgültig eine Pause ein und überließ der blinden Raserei die Kontrolle. Er trat Schüsseln voll Kartoffelbrei und Platten mit Häppchen nach den Lords, brüllte ihnen zu, dass sie nichts weiter seien als erbärmliche Parasiten, die nur von seiner Gnade lebten, und sprang wie ein Besessener auf dem Tisch herum, bis seine eigenen Leibwächter den Mut fanden, ihn zu ergreifen und aus dem Turm zu zerren.
    Als er wenig später in der metallenen Kutsche saß und die Fähigkeit des Denkens wiedererlangte, ärgerte ihn noch mehr als sein Berserker-Anfall die Tatsache, dass er keine Vorkehrungen getroffen hatte, dieses widerwärtige, lebensunwürdige Pack auf der Stelle mit Stumpf und Stiel auszurotten.


    Damit wären wir beim zweiten Akt angelangt. Das folgende Kapitel halte ich selbst für das bisher gelungenste der Geschichte; leider muss ich es aber in zwei Teile aufspalten, wodurch dieser Post eher eine Hinleitung zum eigentlichen Geschehen des Kapitels ist :/

    Zweiter Akt


    1

    Die streng geheime Geheimversammlung fand um Mitternacht in der Ruine eines alten Wachturms statt. Das verfallene Gemäuer thronte auf einem Hügel mitten im Wogenden Wald, an dessen Hänge sich verkrüppelte Kiefern klammerten.
    Efeu überwucherte den Großteil der Steine, und aus den Rillen krochen Ranken hervor wie die Arme gefangener Geister, die sich verzweifelt der Freiheit entgegenreckten.
    Ein wenig Schaden nahm die Geheimhaltung dadurch, dass jeder anwesende Lord eine prunkvolle Kutsche und ein Leibwachenkontingent zwischen acht und zweiundvierzig Mann mitgebracht hatte, wodurch sich praktisch eine mittelgroße Armee um den Hügel versammelte. Die meisten verstanden sich nicht besonders gut darauf, in höchst geheimen Situationen den Mund zu halten, sondern würfelten und zechten nach Belieben. Vier ganz bestimmte Ritter rollten eifrig Kügelchen aus Gras und stopften sie in ein goldbeschlagenes Horn, während ihr Kollege sich als wahrhaftiger Förderer des Pflanzenwachstums etablierte.
    Ihre Lords bekamen es nicht mit – sie saßen im sorgfältig restaurierten Erdgeschoss des Turms an der großen Rundtafel und genossen einen erlesenen Gang nach dem anderen in Kombination mit weitaus mehr Wein, als einer Versammlung von politischer Brisanz bekam. Und als brisant lässt sich das Ränkeschmieden zum Zwecke eines Systemumsturzes für gewöhnlich durchaus charakterisieren.
    Es war nicht die erste Konferenz dieser Art, bei der sich die meisten mehr oder weniger bedeutenden Lords aus Bruchbuden und der Umgebung trafen, ohne auch nur den Ansatz eines gemeinsamen Planes zu erarbeiten, und so wusste jeder, wie es abzulaufen hatte: Die erste Stunde +X war der Nahrungsaufnahme vorbehalten.
    Lord Wilhelm von Kackebart, der heute anstatt der Jahresproduktion einer Seidenmanufaktur einen modernen Anzug aus strahlend weißem Stoff mit violetter Fliege gewählt hatte, ging dabei besonders eloquent zu Werke. Keine Speise und erst recht nicht die Krüge mit Honigwein waren vor ihm sicher, aber er verstand sein Handwerk so gut, dass kein einziger Fleck seine optische Reinheit zerstörte.
    Den Backenbart hatte er sich heute aus Gründen besonders kunstfertig zurechtmachen lassen: Mit viel Fett war er zu glänzenden Löckchen geformt worden, die sich ihm fluffig wie ein Pudelwelpe über die Wangen ringelten und bei jeder Kopfbewegung einen anmutigen Tanz aufführten.
    Als zweieinhalb Stunden vorüber waren, erhob sich der Vorsitzende der heutigen Konferenz, ein unwichtiger Lord, an dessen Namen Kackebart sich nicht erinnern konnte und wollte. Wilhelm schob sich ein letztes Scheibchen Baguette mit Lachs, Dillspitzen und Meerrettichcreme in den Mund und lehnte sich in die Polster seines Stuhls zurück.
    „Meine fehr geehrten Herren, Lordf def … chchm … hochherrfaftlichen Widerftandef … chchchchm … ich begrüfe Euch alle recht … chm … herflich fu unferer … chchm … heutigen Verfammlung.“ Es handelte sich um einen verwelkten Mann, der sein Verfallsdatum bereits um einige Jahrzehnte überschritten hatte und klang, als habe er vor ein paar Wochen sein Gebiss verschluckt und bisher vergeblich versucht, es wieder hochzuwürgen. Er redete so bedächtig, dass er für diese Begrüßungsrede geschlagene drei Minuten brauchte.
    Die ersten Lords schliefen ein, und selbst Wilhelm von Kackebart verging trotz der reich gedeckten Tafel der Appetit. Wenn das so weiterging, würde die Konferenz wieder bis zum nächsten Mittag andauern und mühevoll den Beschluss hervorbringen, in nächster Zeit eine weitere abzuhalten.
    Kackebart rümpfte die Nase. Das geschah mit der Politik, wenn man versuchte, Entscheidungsbefugnisse auf mehrere Schultern zu verteilen: Wenig bis gar nichts. Meist lag es an bloßer Inkompetenz und daran, dass die Falschen das Geld hatten, um sich Titel und Ämter zu kaufen. Was in seinem Fall selbstverständlich nicht zutraf, er war die berühmte Ausnahme von der Regel, der einzige Lord, der es voll und ganz verdiente, diesen Titel zu tragen. Alleine. Und nicht nur diesen.
    Wilhelm erhob sich und strich drei Falten aus dem ansonsten makellos glatten Stoff. „Dürfte ich ein Wort an die Versammlung richten?“, rief er in seinem imposantesten Brustton. Köpfe ruckten zu ihm herum. Manche Mienen zeigten Missbilligung, andere Interesse oder Belustigung. Jeder wusste, dass er keine Frage gestellt hatte.
    „Chchchm …“, räusperte sich der Vorsitzende und kratzte sich verlegen an seinem riesigen Ohr, aus dem graue Borsten sprossen. „Ich weif nicht, ob … chm … daf Protokoll eine folche …“
    „Vielen Dank für die Worterteilung“, sagte Kackebart und stieg lächelnd auf seinen Stuhl, um von allen gesehen zu werden. Man machte weniger Eindruck, wenn man trotz Absätzen an den Schuhen nur einen Meter fünfundfünfzig über den Boden hinausragte.
    Einige seufzten entnervt und ließen sich rasch neuen Wein bringen, um das Folgende besser ertragen zu können, aber davon ließ sich der Lord von Kackebart nicht aus der Ruhe bringen. Es war jedes Mal dasselbe Spiel, aber für Lord Wilhelm war ein Spiel für gewöhnlich dann vorbei, wenn er gewonnen hatte.


    wenn du eine wörtliche Rede beendest und danach ein Komma setzt, darf kein Punkt vor dem Abführungszeichen stehen.
    [...]<<, [...]
    [...].<<, [...]


    Der Dialog am Anfang, in der Rückblende, wirkt ein bisschen gestellt.
    Dass Bahlan und sein Bodyguard heimlich (?) zusammen sind, kommt sehr überraschend - wie du wohl geplant hast :thumbup: Eine Erklärung, wie und wann es dazu gekommen ist, sollte allerdings in den nächsten Teilen wenigstens ansatzweise folgen, ansonsten macht es den Eindruck, als hättest du das jetzt einfach so entschieden und fertig. Jedenfalls müssen sie ziemlich gut drin sein, ihre Beziehung zu verheimlichen, wenn es in den ganzen vier Jahren niemand - und vor allem der König nicht - gemerkt hat ^^


    :hi1:


    8

    Zum Glück schlief der Oger vor der Türe (auf Zwerge war seine Spezies noch nie besonders gut zu sprechen gewesen), wenngleich er nicht den Eindruck erweckte, als würde er einen besonders anspruchsvollen Gegner abgeben. Seine Nase war von altem Blut verkrustet und sah nicht aus, als sei sie zum ersten Mal gebrochen. Außerdem hatte ihm irgendein besonders Mutiger/Betrunkener/lebensmüder Vollidiot mit roter Kreide ein obszön angeschwollenes männliches Geschlechtsorgan auf den rechten Oberschenkel geschmiert. Das Nickerchen schien also schon eine ganze Weile anzudauern.
    Gömlülü stieß die recht mitgenommen wirkende Tür (unter anderem war sie nur mit einem Stück Draht am Rahmen befestigt, anstatt in den vorgesehenen Angeln zu hängen) zu dem Gasthaus auf, über der ein Schild mit einer hässlichen Ziege und der Aufschrift „Zu rybnigen Guthra“ angebracht war – einige Buchstaben schienen zu fehlen. Vielleicht war es auch ein ihr unbekannter Dialekt.
    Die Lokalität machte zwar nicht den gehobensten aller möglichen Eindrücke, aber auf einen tierlieben Besucher wirkte sie doch eine gewisse Anziehungskraft aus; zudem vermutete in einem derart schäbigen Gebäude niemand eine nach Zwergenmaßstäben gefüllte Geldbörse. Genau genommen handelte es sich um einen Rucksack aus besonders abgewetztem Leder, der eher „Ich beherberge dreieinhalb stinkende Socken, die zu einem Großteil aus Löchern aller Art bestehen, und einen steinharten Laib Brot aus dem letzten Jahrhundert!“ als „Ich bin bis zum Rand mit hühnereigroßen Goldklumpen gefüllt!“ rief.
    Ein Paar Zwergenaugen zuckte kurz durch den Schankraum, dann marschierte deren Besitzer auf den Tresen im hinteren Teil des Zimmers zu und räusperte sich vernehmlich, da die Oberkante der Bar auf Nasenspitzenhöhe lag.
    Der kahlköpfige alte Mann legte die Stirn in Falten und brauchte einige Sekunden, bis er den neuen Gast entdeckte.
    „Oh, Meister Zwerg“, sagte er dann eifrig und setzte sein Erstkundenlächeln auf, das schon bessere Zeiten erlebt hatte. „Alfons, zu Euren Diensten. Was darf ich Euch anbieten? Ganz traditionell einige Krüge bestes Bruchbudener Bier – wir haben auch Dunkles im Keller, speziell für Gäste wie Euch – und einen saftigen Braten vom Schwein?“
    „Ich bin eine Frau“, stellte Gömlülü finster klar, „und Vegetarierin.“
    „Oh.“ Der Mann schluckte nervös und warf einen Blick auf die Streitaxt, auf deren Blatt das Blut noch nicht ganz trocken war. „Ihr wisst schon, der Bart … er hängt Euch im ganzen Gesicht und – mit Verlaub – in der Nase, wenn ich das so sagen darf. Das muss doch furchtbar kitzeln!“ Alfons Zu Euren Diensten versuchte, die angespannte Atmosphäre durch ein freundschaftliches Kichern aufzulockern. Es klang wie das Todesröcheln einer dreiundsiebzigjährigen Sumpfratte und erzielte auch eine dementsprechende Wirkung.
    Gömlülüs wenige Quadratzentimeter freier Gesichtshaut erröteten leicht, was aber für gewöhnlich nicht auffiel. Sie zog sich den Bart aus der Nase, zupfte einige Rotzklumpen heraus und sagte dann: „Ich hätte gern ein Zimmer im Keller, einen gemischten Salat mit Joghurt-Gartenkräuter-Dressing und einen Humpen von dem Dunklen, das Ihr erwähnt habt.“
    Alfons Zu Euren Diensten hüstelte verlegen. „Wir haben keine Zimmer im Keller, dort bewahren wir nur Fässer und Vorräte auf“, erklärte er. „Das einzige freie Zimmer liegt im obersten Stock, so Leid es mir auch tut, Meis... Lady Zwerg. Es bietet dafür ein rustikales Ambiente und … äh … den Blick auf die Dächer unserer wunderschönen Stadt.“ Der letzte Teil klang sehr auswendig gelernt.
    „Das ist Rassismus der übelsten Sorte!“, empörte sich Gömlülü und stemmte ihre Pranken in die Hüfte. „JEDER weiß, dass ein Zwerg unter der Erde am besten schläft, und in einer multikulturellen Stadt wie Bruchbuden sollte man ja wohl erwarten können, dass …“
    Wütendes Gemurmel und erste gezogene Waffen an den Tischen ließen die Zwergin verstummen. Sie hatte wohl eine Schenke ausgewählt, deren Kundschaft tendenziell eher dem erzkonservativen Spektrum zuzuordnen war. Wörter wie „multikulturell“ (zumindest in befürwortendem Kontext) und „Rassismus“ (zumindest in abwertendem Zusammenhang) sollte sie in Zukunft lieber vermeiden.
    „Was ich damit ausdrücken wollte“, sagte sie kleinlaut, „ist … ähm … das Zimmer im obersten Stockwerk klingt hervorragend, wirklich. Einen Blick auf die Dächer unserer wunderschönen Stadt habe ich mir schon seit meiner Kindheit gewünscht, und fürs rustikale Ambiente schwärme ich sowieso!“ Sie war sich nicht ganz sicher, ob ihr Lächeln echt wirkte.
    Gömlülü seufzte erleichtert, als das Gemurmel leiser wurde und Waffen in ihre Scheiden zurückglitten.
    „Hervorragend“, lächelte Alfons Zu Euren Diensten und schob einen Schlüssel über den Tresen. „Drei Treppen nach oben, die zweite Türe auf der rechten Seite des rechten Ganges.“
    Die Zwergin streckte sich und nahm den Schlüssel in ihre schwieligen Finger, während Alfons Zu Euren Diensten ein Buch aufklappte und eine Feder ins Tintenfass tauchte.
    „Bevor Ihr den Aufenthalt antretet, bräuchte ich noch Euren Namen, Lady Zwerg“, erklärte er und blätterte auf die richtige Seite. „Vor- und Zunamen bitte, aus … äh … Verwaltungsgründen, Ihr wisst schon. Meine Frau könnte Euch das bestimmt genauer erklären, falls es Euch interessiert.“
    Gömlülü errötete zum zweiten Male an diesem Abend. „Cerbehart“, nuschelte sie so leise wie möglich in ihren Bart. „Gömlülü Cerbehart.“
    „Verzeiht“, sagte Alfons Zu Euren Diensten, „darauf hätte ich auch selbst kommen können, passt schließlich wie – ich will nicht unhöflich klingen – passt wie Arsch auf Eimer, wenn Ihr versteht. Ich wünsche Euch einen angenehmen Aufenthalt, Lady Sehr Behaart.“


    Die Beschreibung der Landschaft und die Geschichten über die Alten während der Reise fand ich sehr gelungen, du hast das Schaurige der Gegend (vor allem durch deine Wortwahl beim Nebel, der über den Sümpfen liegt) sehr gut rübergebracht und gleich mit ein wenig Hintergrundinfo verknüpft :thumbup: Nur dass Menschen ausgerechnet Gnome geheiratet haben sollen, die ich mir als ihnen am unähnlichsten vorgestellt habe, hat mich etwas überrascht :whistling: Die von den Zwergen versiegelten Minen hingegen klingen sehr interessant, das dürfte den technischen Fortschritt ja stark einschränken :hmm:
    Bei Nisha passiert ja praktisch nichts, sie denkt nur nach ... die Gedanken, dass sie die Welt retten könnte und eigentlich keine Lust darauf hat, hast du ja selbst schon eher ironisch dargestellt, ich würde das aber ganz rausnehmen. Eine einfache Bedienstete, die irgendwo in einem komplett schwarzen Loch sitzt, wird sich zwar fürchten, wenn sie an das belauschte Gespräch denkt, aber sich eher nicht für eine Auserwählte oder etwas dergleichen halten, auch wenn sie diese Rolle abwälzen will.
    Mal sehen, was in dem Dorf noch passiert - falls sich nichts Besonderes ereignet, ist es immer noch eine gute Gelegenheit, das Alltagsleben in deiner Welt besser kennenzulernen :thumbup:


    :hi1:

    Was die Lichtverhältnisse angeht, wüsste ich auch gern noch die Meinung von euch anderen.

    Es passt nicht ganz zusammen, wie du es geschrieben hast ... mir ist es aber beim Lesen nicht großartig aufgefallen, sondern lediglich, dass er erst Umrisse erkennt und DANN die Augen des Fuchses in der Dunkelheit aufblitzen, obwohl er ja an den Umrissen dessen Position erkennen müsste :/ War in meinen Augen aber nicht erwähnenswert. Jetzt, nach nochmaligem Lesen allerdings - wenn das Licht nur durch einen Spalt unter der Tür reinkommt, dürfte er eigentlich keine Umrisse erkennen können, denn er befindet sich im Kerker, und da ist es auch auf den Gängen sehr düster, es hängt vlt eine Fackel im Gang, mehr aber auch nicht. Also sind die Umrisse fragwürdig, das Aufblitzen des Goldenen in den Augen aber nicht unbedingt, das ist ja nur eine kleine Reflexion. Außerdem klang das irgendwie gut :D


    Ich finde es allgemein ja merkwürdig, dass der Schattenfuchs in einer komplett finsteren Zelle hockt (kann ja seine Gründe haben), die anscheinend auch keine Fenster hat. Ist an sich nicht schlimm, auch wenn mir persönlich da noch die Erklärung fehlt - wenn sie noch kommt, will ich nichts gesagt haben.

    Ich fänd es im Gegenteil sehr merkwürdig, wenn er Licht oder ein Fenster hätte :P Fenster -> Ausbruchsmöglichkeit. Und warum eine Fackel verschwenden, die er zudem noch als Waffe gegen die Gefängniswärter benutzen könnte? :huh: Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Mittelalter, an welches das Setting hier ja stark angelehnt ist, irgendein Attentäter eine Fackel in der Zelle bekommen haben sollte, der sowieso nur auf seine Hinrichtung gewartet hat. Bei einem hochgeborenen Adeligen hätte es vielleicht der Anstand geboten, aber bei irgendeinem unwichtigen Kerl, der den König töten wollte ... :/

    7
    Die Elfe ließ ihre Tasche mit einem verhaltenen Klimpern zu Boden gleiten und musterte Sharts Besucher, der seinen Spaß daran gehabt hatte, sie hinzuhalten.
    Er war ein kleiner Mann in den Vierzigern, kahlköpfig und mit einem spitzen Kinn. Seine Kleidung wies ihn zwar als wohlhabend aus, war aber schlicht anstatt auffällig verziert. Kein besonders imposantes Erscheinungsbild, und doch umgab ihn eine Aura des Besonderen, ein schwarzes Knistern, das Benty ein Schaudern über die Haut jagte.
    Magie, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Die Gerüchte waren also mehr als bloße Erfindungen.
    Unwohl rutschte sie in ihrem Sessel hin und her und schielte auf die Schnapsflasche mit dem kunstvoll gestalteten Etikett, das neben verschnörkelter Schrift einen brüllenden Löwen zeigte. Am liebsten hätte sie das Ding gepackt und aus dem Fenster geworfen.
    Schade, dass es sich nicht öffnen lässt, was?
    Obwohl sie alles andere als glücklich mit ihren akuten Lebensumständen war, musste sie grinsen.
    „Welch betörendes Lächeln!“, verteilte der geheimnisvolle Besucher nun Komplimente statt blutiger Drohungen. „Eure Zähne strahlen heller als die Sonne selbst, und das Grün in Euren Augen blitzt hervor, als wären tausend Smaragde darin versenkt und nicht ein glühen...“
    „Bleiben wir doch bei den angenehmen Seiten des Lebens“, brummte Lord Shart nicht unfreundlich. Sein hintergründiges Lächeln übertönte die Narbe zwischen Nase und Mund, die er entgegen Bentys Erwartungen und dem gesellschaftlichen Konsens nicht mit Puder oder anderen Mitteln zu verdecken suchte. „Beispielsweise bei Euch, meine elfische Freundin. Ich erspare uns die Frage nach dem Grund unseres Besuches, wir alle wissen schließlich von Eurem Faible für erlesene Goldschmiedekunst und Elfenbeinschnitzerei. Vielmehr will ich mich bei Euch bedanken.“
    „Wofür bedanken?“ Benty kniff misstrauisch die Augen zusammen und schielte zur Türe. Ihr Sessel stand dem Ausgang am nächsten, außerdem war sie schneller und gewandter als die beiden Männer und hatte das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Wenn sie aufsprang und …
    Von einem Feuerball geröstet zu werden, ist vermutlich nicht die angenehmste Art, zu sterben.
    „Es gibt angenehmere Todesarten, als von einem Feuerball geröstet zu werden“, säuselte Lord Shart mit einer Freundlichkeit, die in beinahe schon widerwärtigem Gegensatz zu seinen Worten stand. „Ich bin durchaus in der Lage, Euren Blicken zu folgen, Teuerste, und was sich hinter Eurer verzückenden Stirn abspielt, bleibt mir auch nur selten verborgen.“
    Benty schnitt eine Grimasse und verschränkte die Arme. Wenn sie schon nicht fliehen konnte, würde sie sich immerhin keine Angst einjagen lassen, nicht von diesen beiden Allegorien der magischen Arroganz.
    Stille senkte sich über die Sesselgruppe.
    „Was wollt ihr von mir?“, platzte es nach gefühlt einigen Stunden scharf aus der Elfe heraus. „Ich habe heute noch Wichtigeres vor, als mir von euren Blicken die Kleider vom Leib reißen zu lassen!“
    Shart lachte dröhnend. „An Temperament und Umgangsformen könnte man nicht erkennen, dass Ihr dem edlen Elfengeschlecht entstammt“, stellte er fest. „Was steht denn alles in Eurem Terminkalender, Euer Hochwürden? Weitere Vitrinen meines Anwesens, oder wolltet Ihr Euch mit dem Inhalt dieser einen begnügen?“
    Instinktiv zog Benty die Tasche näher heran und verschränkte die Füße davor.
    „Oh, keine Angst“, brummte Shart mit der Stimme des großzügigen Onkels. „Den glitzernden Kram dürft Ihr ruhig mitnehmen, er steht Euch sowieso besser als mir. Um auf Eure freundliche Frage zurückzukommen …“
    „... muss zuerst einmal festgestellt werden, dass Ihr eine Elfe seid“, mischte sich die schneidende Stimme des Besuchers wieder ein. Er hatte auf (eine sehr positive Art) überraschend lange geschwiegen. Benty Éra verzog den Mundwinkel.
    „Eine scharfsinnige Feststellung“, erwiderte sie. „Kann ich jetzt gehen?“
    Der Magier mit der knisternden Aura ignorierte die Provokation geflissentlich. „Elfen sind, wie alle von uns wissen dürfen, magische Wesen. Da Ihr, Teuerste, nun eine solche seid, liegt die Vermutung nahe …“ Er grinste selbstzufrieden und vollführte eine undefinierbare Handbewegung. Manche Leute tanzten nach dem siebten Bier in etwa genauso.
    „Was mein Freund andeuten will“, ergriff wieder Lord Shart das Wort, „ist, dass Ihr ein Geschenk des Himmels seid, meine Liebe. Der Götter. Der Göttin, wie Ihr wohl sagen würdet, aber lassen wir diese Spitzfindigkeiten einmal außer Acht – vor nicht allzu langer Zeit jedenfalls haben mein geschätzter … Freund hier und ich die gewagte These aufgestellt, dass sich die Fähigkeit, Magie zu wirken, von einem Subjekt auf ein anderes übertragen lässt. Erste Versuche haben erstaunlich bestätigende Resultate geliefert, weshalb …“
    Die Fähigkeit übertragen ist der falsche Ausdruck, mein Freund, oder zumindest kein gänzlich korrekter“, schränkte die Stimme ein, die verdächtig an einen auf Stein kratzenden Laubrechen erinnerte. „Ohne ein gewisses Grundpotential des empfangenden Subjekts dürfte eine Übertragung nicht möglich sein. Gewissermaßen lässt sich festhalten, dass eine Elfe ein durchaus geeignetes Subjekt wäre.“
    Das Grinsen thronte diabolisch über dem spitzen Kinn, nur die Reißzähne fehlten, um es perfekt werden zu lassen.
    Benty bekam langsam eine Ahnung davon, was diese Männer mit ihr vorhatten, und es wollte ihr trotz aller Verlockungen nicht gefallen.
    „Ihr wollt eine Hexe aus mir machen?“, brachte sie das verwaschene Gelaber mit zusammengekniffenen Augen auf den Punkt.
    „Ich bevorzuge den Begriff Maga oder meinetwegen noch Zauberin“, widersprach Shart. „Hexe ist seit jeher ein ausgesprochen negativ konnotiertes Wort. Außerdem seid Ihr in gewisser Weise schon ein magisches Wesen, Euch fehlt nur … der letzte Schliff, könnte man sagen. An der Energie dürfte es Euch gewiss nicht mangeln. Habt Ihr denn bereits magische Begabungen über die Grundlagen des Elfenblutes hinaus?“
    „Ich bin gut darin, den falschen Leuten gegenüber zu schweigen.“
    „Interessant. Einer meiner Fähigkeiten ist der Euren gar nicht so unähnlich – ich verstehe mich ausgezeichnet darauf, Personen zum Reden zu bewegen, auf die eine oder andere Art.“
    Benty starrte ihn grimmig an.
    „Hach, das Funkeln von Smaragden hat mir schon immer das Herz schmelzen lassen“, seufzte Shart und faltete zwei riesige Hände verträumt unter dem Kinn. „Zwingt mich nur nicht, sie aus den Augen herauszuholen, das würde allen Beteiligten nicht leichtfallen.“
    „Ihr wollt mir also diesen Schliff verpassen?“, knurrte Benty ausgesprochen unelfenhaft, als sie einsehen musste, dass sie den Wert von Smaragden ebenso gut kannte wie Hassan Shart.
    „Die Hauptrolle in unserem gemeinsamen Plan spielt selbstverständlich Ihr selbst, o Strahlende.“
    „Unser gemeinsamer Plan?“, wiederholte Benty scharf.
    Der Muskelberg im anderen Sessel nickte eifrig, ohne während des Gesprächs ein einziges Mal sein freundliches Lächeln abgelegt zu haben. „Wir sind Geschäftspartner im Dienste der Wissenschaft. Malt Euch nur aus, was für Möglichkeiten sich für uns alle eröffnen würden, brächtet Ihr Euren Teil des Vertrages auf positive Weise zum Abschluss!“
    Nachdem er ihr die Einzelheiten erläutert hatte, erschien es Benty angemessener, sehr ausführlich von seinen Möglichkeiten zu sprechen und vielleicht ganz am Rande die ihren kurz zu erwähnen. In einem Nebensatz vielleicht.


    Der Teil fasst Gembries' Lebensgeschichte recht knapp zusammen und macht die Welt ein bisschen lebendiger, indem neue Orte zumindest angesprochen werden und man über zB das Ausbildungssystem zum Schmied informiert wird :thumbup: Gut, dass die beiden zusammenbleiben - und dass Nisha nicht tot ist. Wenn Gembries und Alastair die Hohe Feste erreichen und nicht anderweitig aufgehalten werden, treffen sie dort wohl zusammen.


    :hi1:

    @kalkwiese du liest doch Pratchett, wenn ich das richtig im Kopf habe ... nimm "Einfach göttlich" zur Hand und schau da auf den ersten ~50 Seiten, wie die Sprünge in der Perspektive gemacht sind. Ich hab das Buch angefangen, nachdem ich deine Geschichte gelesen hatte, deswegen hab ich ein bisschen genauer darauf geschaut - dort ist es meiner Meinung nach gut gelöst ^^ Wie du es auch beschrieben hast, wird dort ganz langsam über einen allgemeineren Part, der keinem Charakter eindeutig zugeordnet werden kann (meist ein Gespräch, das keine Gedanken, sondern nur Dialogteile enthält) übergeleitet, sodass ein sehr weicher/fließender Eindruck entsteht, der einen als Leser nicht aus dem Text reißt und zum nochmaligen Lesen zwingt. Vielleicht hilft dir das Buch ja als Vorlage ein bisdchen weiter.


    :hi1:


    EDIT @kalkwiese wenn dus nicht hast, schau einfach nach einer Leseprobe im Netz. Entweder 'Blick ins Buch' auf amazon oder eine pdf-Datei sollte sicherlich zu finden sein. Ich nehme mal an, diese grandiose Idee hattest du auch selbst schon :sack:

    Leider bin ich gezwungen, vor dem nächsten Teil mit Benty noch eine neue Figur einzuführen :( Eigentlich sogar mehrere, aber die meisten ... lest selbst.
    _________________________________________
    6
    Die Straßen von Bruchbuden waren in Schatten getaucht, während sich die Umrisse der Häuser scharf gegen den golden glühenden Horizont abzeichneten.
    Eine bärtige kleine Gestalt schritt gemächlich in eine Sackgasse hinein, gefolgt von einer ebenso kleinen Gestalt ohne Bart, die ihren dürren Körper gegen Hauswände presste und vorsichtig um jede Ecke spähte, bevor sie weiterging. Dieser Gestalt mit den spitzen grünen Ohren wiederum schlichen mehrere vierbeinige Gestalten hinterher, die Nasen schnüffelnd auf den Boden gepresst und das zerfetzte Fell gesträubt.
    Der Kobold kniff seine gelb schimmernden Augen zusammen, als er vor dem Eingang in die Sackgasse stehenblieb und hineinstarrte, ohne etwas zu erkennen. Unschlüssig trat er von einem Beinchen aufs andere und drehte den Kopf hierhin und dorthin.
    Das hungrige Knurren aus vielen Kehlen ließ ihn erstarren. Betont langsam wandte er sich um, die rechte Hand am Griff seines alten Messers, und sah sich mindestens einem Dutzend verlauster Bestien gegenüber, die nur aus Knochen, darübergespanntem altem Leder mit ein paar hässlichen Borsten und erschreckend spitzen Reißzähnen zu bestehen schienen.
    Seine Hand verkrampfte sich um die Waffe.
    Man hatte ihn vor den wilden Rudeln der Stadt gewarnt, aber er hatte gehofft, sie würden ihn unbehelligt lassen, solange er den Zwerg verfolgte.
    Ein besonders großes Exemplar, das dem Kobold mindestens bis zu den Schultern reichte, schob sich vor. Es hielt den Kopf gesenkt und besaß nur noch ein halbes Ohr; auch der restliche Körper machte den Eindruck, als sei er regelmäßig in Stücke gerissen und wieder zusammengeflickt worden. Nur wenige schwarze Büschel wuchsen auf der vernarbten Haut.
    Geifer troff aus dem Maul. Das Knurren wurde lauter.
    Der Kobold stieß einen erstickten Schrei aus und fuchtelte mit seinem Messer durch die Luft. Nicht einmal der Anflug eines Zögerns zeigte sich in den blutunterlaufenen Augen des Köters.


    Gömlülü blieb stehen und löste die Axt vom Rücken, als das wütende Grollen erklang. Es war an der Zeit.
    Noch während die Augen des Kobolds am Eingang zur Sackgasse aufleuchteten und sich das Knurren zu einem facettenreichen und sehr hungrigen Bellen entwickelte, wanderten rasch zusammengeknüllte Strähnen des roten Bartes zu Filterzwecken in die zwergische Knollennase. In dieser Gasse stank es noch viel schlimmer als im Rest der Stadt. Vermutlich handelte es sich um eine Art öffentliche Toilette für die wenigen Straßenköter, die zu eitel waren, ihr Geschäft vor den Augen ganz Bruchbudens zu verrichten – mit integriertem Friedhof für alles, was in den Gassen der Stadt starb und sich kein Begräbnis leisten konnte. Dazu zählten auch Küchenabfälle, vor allem in Fischgrätenkreisen schien sich dieser Ort großer Beliebtheit zu erfreuen.
    Die Hunde holten auf. Bestimmt hatten sie seit Monaten kein frisches Fleisch mehr gefressen. Ohne sich vom herzzerreißenden Kreischen des Kobolds beirren zu lassen, verringerte der Leitstraßenköter den Abstand auf eine Armlänge. Hätten sie das grüne Kerlchen nur vergewaltigen und nicht fressen wollen – doch was nützen solche Gedankenspiele.
    Mit heraushängenden Zungen und schwerem Keuchen schlossen die dürren Virenschleudern zu ihrem Anführer auf. Gier leuchtete in ihren Augen.
    Der erste Köter wollte gerade zuschnappen, als die Axt unter des Rudel fuhr. Glänzendes Metall surrte durch die Luft und versprühte einen schaurigen Regen aus Blut und Gedärmen. Ein Hund verbiss sich in Gömlülüs Schulter, doch eine Zwergenfaust traf ihn zwischen die Augen und löschte die Glühbirne darin.
    Es dauerte nur wenige Sekunden, bis fünf der Angreifer tot oder sterbend in den Exkrementen ihrer Artgenossen lagen und die restlichen winselnd den Schwanz zwischen den Hinterbeinen einkniffen. Eine drohend in die Luft gestoßene Axt trieb sie in die Flucht.
    Gömlülü schob den Bart wieder ins Nasenloch (auf der linken Seite war er im Eifer des Gefechts hinausgerutscht) und wandte sich dann dem nervtötenden Verfolger zu, der seit geschlagenen zwei Wochen einem zwergischen Geldbeutel hinterherschlich. Der Kobold war so leicht, dass er sich problemlos am Kragen packen und gegen die nächstbeste Wand pressen ließ.
    „Lass dich mit deinen diebischen Krallen noch einmal in meiner Nähe blicken, und dir passiert dasselbe wie denen hier!“, zischte Gömlülü dem zitternden Kobold aus wenigen Zentimetern Entfernung ins Gesicht und wies mit der Axt auf die zerfetzten Straßenköter. „Hätte ich nicht so ein gutmütiges Herz, wärst du schon seit zwei Wochen tot und lägest verfaulend irgendwo im Straßengraben! Hast du mich verstanden?“
    Das grüne Wesen nickte noch mit flehentlich leuchtenden Augen, als es achtlos fallengelassen wurde und mit dem Lendenschurzboden in drei Hundehaufen und den Überresten einer Flunder landete.
    Gömlülü warf ihm zum Abschied einen strengen Blick unter buschigen Augenbrauen hervor zu und verschwand dann aus der furchtbaren Gasse.


    ER scheint ja eine sehr furchteinflößende Gestalt zu sein, dass er den Bann zwischen der neuen und alten Welt zerstören kann :hmm: Nicht das geeignetste Gespräch, das man im Kleiderschrank belauschen kann.
    Dass Nisha doch nicht unbemerkt geblieben ist, kam nicht ganz unerwartet X/ Hoffentlich wird sie nicht gleich um die Ecke gebracht oder Schlimmeres
    Beim dritten gelesenen Teil hab ich auch gedacht, was für tiefsinnige Gespräche das doch sind ^^ Aber Gembries hat mich mit seiner Gabe zur Selbstreflexion dieses Kommentars beraubt X/ Die beiden passen gut zusammen; Alastair wirkt insgesamt viel zu feingeistig, intelligent und vor Fehlern, die er machen könnte, verängstigt, um richtig in die von dir erschaffene Welt zu passen :hmm:
    Gembries hat hier ja seinen Wagen mit der Aufschrift Kesselflicker in Kombination mit seinem Namen und verarbeitet mühelos neun Banditen zu Kleinholz, durch die Anfangsszene des ersten Kapitels und das, was er Alastair über seine Vergangenheit erzählt, wirkt es aber eher so, als habe er bis gestern bei seinem Onkel gewohnt und sei noch nicht in der Welt herumgekommen :hmm: Das scheint an diesem Punkt noch nicht zusammenzupassen, klärt sich aber mit Sicherheit noch auf ^^


    :hi1:


    1. keine Kommata bei Vergleichen mit als und wie, zB "größer als" und "so groß wie"
    2. Komma vor Infinitivsätzen (mit zu), Relativsätzen (Der/die/das X, der/... Y sagte/machte/...) und welchen, die mit wenn, ob, als (falls es kein Vergleich ist), nachdem etc.
    3. Anreden "Ihr" und damit einhergehend "Euer", "Euch" groß schreiben, ist das "Fantasy-Äquivalent" zum heute gebräuchlichen "Sie", "Ihr". Keine Ahnung, ob das jemals tatsächlich gebraucht wurde, aber es hat sich halt in der Literatur so eingebürgert ^^
    4. Komma nach der wörtlichen Rede, auch bei [...]!", und [...]?",
    5. Doppelpunkt und kein Komma vor Beginn einer wörtlichen Rede: [...], und danach sagte XY: >>[...]<<


    Ein paar Wiederholungen sind auch drin, aber obwohl alles sehr rot aussieht, hat es mir vom rein subjektiven Eindruck schreibtechnisch her besser gefallen als der vorherige Teil :thumbup: Es liest sich irgendwie, als wäre es mit mehr Bedacht formuliert. Du hast ja geschrieben, dass du viel dran rumgearbeitet hast - das hat sich gelohnt ^^ Jetzt noch die ganzen formalen Fehler bereinigen, dann ist es ein gutes Stück Text :thumbsup:


    Nochmal neue Charaktere - Ein geheimnisvoller Attentäter und ein Prinz, der kein König werden will. Und zumindest eine kurze Szene bei einem Turnier 8o Lässt sich interessant an und hat wohl viel Potential für einen sehr actionreichen Handlungsstrang :thumbup: Die Art und Weise, wie der Schattenfuchs (ich will aus Reflex immer Schattenwolf schreiben X/ ) spricht, schafft etwas Mysteriöses um ihn. Mal sehen, wie da die Verbindung zum Prolog ist.


    Allerdings passt in meinen Augen auch logisch nicht alles zusammen.
    Warum sollte Bahlan kein Prinz sein wollen? Es gibt dafür bestimmt eine Erklärung, die solltest du aber (zumindest in Ansätzen, falls du sie später ausführlich darlegen wolltest) gleich anführen, sonst wirkt es sehr willkürlich und nur vom Autor eingestreut, um die Handlung einfacher in eine gewünschte Richtung zu lenken.
    Warum sind keine Wachen beim König, wenn er jedoch welche hat und sie dann auch holt? Auch spricht der Schattenfuchs von den Wachen. Deren Aufgabe sollte es sein, den König Tag und Nacht zu beschützen. Du könntest sie ja vom anderen Attentäter niedergemetzelt worden lassen sein, aber so ganz fehlend passt es nicht.
    Bahlan kann den Tod des Schattenfuchses sehr simpel verschieben, aber das ist nicht allzu schlimm, falls es sich nicht anders lösen lässt.


    Lass dir mit dem nächsten Teil nicht ganz so viel Zeit :P


    :hi1:

    Für den Fall, dass Lord Kackebart lediglich seiner Nichte einen Brief aus dem Urlaub geschrieben hatte, musste er jedenfalls schnell wieder verschwinden, sobald das Ding verkauft war. Nicht auszudenken, was der Gewürzhändler, den er sich nun ausgesucht hatte (ein stämmiges Exemplar mit öligem schwarzem Haar und dem breitesten Lächeln, das er je gesehen hatte), sonst mit ihm anstellen würde.
    Fulbert zögerte noch kurz, da er bisher wenig Erfahrung im Verkaufen staatstragender Geheimnisse hatte, dann schritt er möglichst selbstbewusst los, reckte die Brust nach draußen, den Kopf nach oben und ließ die Arme locker schwingen, um dabei nicht zu verkrampft zu wirken. Ein paar Umstehende sahen ihn seltsam an, aber daran störte Fulbert sich nicht.
    Außer ihm verlustierten sich noch zwei junge Frauen an dem Stand und begutachteten die vielfarbigen Gewürze, die einen angenehm süßlich-scharfen Duft verströmten, während der korpulente Händler in der gelben Toga sie beriet. Traurig überlegte Fulbert, ob er je eine Mahlzeit zu sich genommen hatte, die mit etwas anderem als Salz und Kräutern vom Straßenrand gewürzt worden war. Ihm fiel keine ein.
    Der Leibwächter der beiden Damen, ein gutaussehender junger Kerl in hellblauem Hemd, unter dem verdächtig etwas Kettenhemdartiges schimmerte, legte drohend die Hand an den Schwertknauf und zog die blitzende Klinge einen Fingerbreit hervor. Fulbert hob beschwichtigend die Hände und wich einen Schritt zurück. Der Leibwächter lächelte und zwinkerte ihm auf eine Art und Weise zu, dass Fulbert kalter Schweiß auf der Stirn ausbrach, obwohl es ein außerordentlich heißer Tag war.
    Er vertiefte sich ins Studium von Paprikapulver, verschiedenen Pfeffersorten und strahlend gelbem Curry.
    „Was willst du hier?“, knurrte eine tiefe Stimme nach einer Weile.
    Fulbert zuckte zusammen und riss den Kopf hoch. Die beiden Frauen und ihr seltsamer Wächter waren verschwunden, und nun stand der Gewürzhändler direkt vor ihm und taxierte ihn über seine Auslage hinweg. Der Mann hatte dunkelbraune, fast schwarze Augen. Grausame, bösartige Augen. Alle Freundlichkeit war aus seinem Gesicht geflohen und hatte selbst die Lachgrübchen neben seinen voluminösen Lippen mitgenommen. „Hast du genug Geld, um etwas zu kaufen? Wenn nicht, verschwinde schleunigst, dreckiges Pack!“
    Fulbert zitterte. Sollte er der Aufforderung nachkommen und es dem Händler heimzahlen, indem er an einen anderen verkaufte? Er entschied, dass jeder eine zweite Chance verdient hatte, selbst wenn er eine derart affige Frisur zur Schau trug.
    „Ähm … nein, eher nicht“, entgegnete er daher diplomatisch. „Also beides nicht, weder verschwinden noch Geld.“
    Die Augen seines Gegenübers wurden zu Schlitzen.
    „Dafür … dafür habe ich aber Euch etwas zu verkaufen“, beeilte er sich zu sagen und lächelte dabei unsicher. „Etwas sehr Wertvolles, ein geheimes Schreiben, das Euch große Macht in die Hände …“
    „Verschwinde!“, donnerte der Gewürzhändler. „Mit Pennern und Halsabschneidern wie dir kenne ich mich aus, also verschwende nicht meine wertvolle Zeit oder verscheuche mir die Kunden! Weg mit dir, oder ich lasse deine verlogene Zunge herausschneiden!“
    Plötzlich stand ein Mann in eiserner Rüstung und mit einem Schwert in der Hand neben Fulbert und packte ihn an der Schulter, wollte ihn wegschieben.
    „Aber seht doch, es trägt das Siegel Lord Kackebarts persönlich“, rief Fulbert verzweifelt und reckte dem Kerl mit der schmierigen Frisur den Brief entgegen, „und der Inhalt …“
    „Ich wiederhole mich ungern. Sorg dafür, dass er verschwindet. Und falls er nochmal auftaucht, bring mir seine Zunge und seinen Schwanz“, wandte der Händler sich an seinen Gefolgsmann.
    Der Kerl steckte das Schwert weg, nur um Fulbert im nächsten Moment mit voller Wucht in den Dreck zu schubsen. Ein paar adelige Damen kreischten entsetzt und sprangen aus dem Weg, indes der Gewürzhändler zufrieden nickte und sich abwandte.
    Fulbert landete auf dem Rücken. Der Aufprall trieb ihm Tränen in die Augen und ein Stechen durch den Rücken, als hätte er sich auf sein Bett fallen lassen. Als wäre das nicht genug, wurde ihm der Brief aus der Hand geschleudert.
    Sofort sprang er auf die Knie und sah sich gehetzt in alle Richtungen um. Nicht auszudenken, dass ihm jemand völlig ungehindert den Grundstein seines Reichtums und seiner Karriere stehlen konnte! Seine Finger fuhren über rauen Pflasterstein und Schmutz. Es war ein kleiner Trost, dass der Schmutz hier nicht besonders schmutzig war.
    „Nein!“, wimmerte er niedergeschlagen. „Lasst es nicht geschehen sein!“
    Schuhe trampelten zu allen Seiten über das Pflaster. Lederstiefel, hübsche Sandalen, leichte Sommerschuhe und welche mit eisernen Schuppen, die beim Gehen rasselten. Niemand achtete auf ihn oder darauf, was er alles zunichtetrampelte.
    Fulbert wollte schon resigniert aufgeben und sich mit der erneuten Perspektivlosigkeit seines traurigen Lebens als Besenführer abfinden, als die Götter Einsicht mit ihm zeigten. Seine tastenden Finger fanden die Rolle im Spalt zwischen zwei Pflastersteinen, bis auf ein wenig Staub von der Straße unversehrt, und auch das Siegel hatte kaum einen Kratzer abbekommen.
    Behutsam, als hätte er einen Säugling in der Hand, säuberte er das Papier und schloss es dann fest in seine Faust. Im Stillen sandte er ein Dankgebet in den strahlend blauen Himmel über Bruchbuden, schniefte noch einmal und erhob sich dann mit einem breiten Lächeln und neuem Mut.
    Es gab tausende Händler in dieser Stadt.


    5


    Fulbert ging am frühen Morgen los.
    Ihm blieben nur wenige Stunden des Vormittags, bis er wieder die Fußböden sämtlicher Schenken Bruchbudens fegen durfte, und diese Zeit gedachte er sinnvoll zu nutzen. Schon auf dem Weg die Treppe hinab fielen ihm alle paar Schritte die Augen zu. Kein Wunder, hatte er doch kaum Schlaf gefunden.
    Am letzten Abend war irgendein schwachköpfiges grünes Ungeheuer gegen die Wand des Gasthauses gelaufen und hatte sie dadurch zum Einsturz gebracht. Und als sei das nicht genug, hatte das Biest auch noch gefordert, man solle ihm eine Ziege braten! Der alte Gunthram mit seinen drei Beinen war zwar manchmal nervig, wenn er den Gästen das Essen vom Teller fraß, Pfützen unter den Tischen hinterließ oder an Fulberts Füßen knabberte, aber Alfons und Waltraud hatten ihr Lokal nach dem zahmen Ziegenbock benannt, und somit gehörte er fest zum Inventar.
    Bis spät in die Nacht hinein waren sie damit beschäftigt gewesen, Steine und Bretter wieder an Ort und Stelle zu bringen und die Wand mit zusätzlichen Balken zu stabilisieren, damit ein derartiger Vorfall sich nicht wiederholte.
    Auf Zehenspitzen schlich Fulbert durch die Türe und an dem Oger vorbei, der mit donnerndem Schnarchen draußen vor der Türe lag und sich erst bei genauerem Hinsehen als Lebewesen entpuppte. Aus dem Augenwinkel konnte man ihn mit einem schleimigen grünen Müllhaufen verwechseln.
    Fulbert erschauderte und nahm die Beine in die Hand, als das Monstrum ein kleines Auge öffnete und ihn mit seinem schwarzen Blick auffraß. Das Wesen hatte sich Alfons als Warthog vorgestellt. Es war ein furchteinflößender Name, der ihn an Blut, die Schreie Verwundeter und Sterbender, das Klirren von Stahl auf Stahl und das Bersten von Knochen erinnerte, obwohl Fulbert das meiste davon noch nie gehört hatte.
    Der Name einer Bestie, die man auf schnellstem Wege wieder aus der Stadt jagen sollte. Er konnte nur nicht sagen, wie man jemanden zum Gehen überredete, der in seinem früheren Leben einmal eine Abrissbirne gewesen sein musste. Er kicherte bei der Vorstellung, wie Warthog an einer enormen Kette durch die Luft geschwungen und gegen Wände geschmettert wurde (wahlweise auch nackt und dabei unerträgliche Lieder trällernd), doch nach wenigen Sekunden war er wieder ernst.
    Mit einem bangen Griff überzeugte sich Fulbert davon, dass das Papierröllchen an Ort und Stelle war. Sobald er um die erste Straßenecke bog, entschleunigte er seine Schritte, um nicht verschwitzt auf dem Markt anzukommen.
    Zwar kennzeichnete sich Bruchbuden in erster Linie durch die ausgemergelten Straßenköter mit dem dreckigen Struppelfell, die zu Hunderten durch die Gassen schlichen und die Bewohner belästigten, sowie ihre Hinterlassenschaften, derentwegen auf manchen Straßen „Achtung, Rutschgefahr!“-Schilder aufgestellt werden mussten. Das hieß aber noch lange nicht, dass Fulbert für seine Ware mehr Geld bekommen würde, nur weil er sich dem allgemeinen Geruchs- und Erscheinungsbild anpasste.
    Er hatte einmal gehört, dass man seine Verkaufschancen deutlich steigerte, wenn man sich von der Menge abhob, und das gedachte er zu tun.
    Der Oger Warthog hingegen hatte sich in den wenigen Stunden seiner Anwesenheit bereits vorbildlich integriert und gleichzeitig eines der schlimmsten Besorgtbürgervorurteile erfüllt: Zusätzlich zu seinem Gestank und der Tatsache, dass er ein paar Brocken der Sprache mächtig war, hatte er tatsächlich einem aufrechten Bruchbudener Bürger den Arbeitsplatz geklaut – Alfons hatte ihn auf unbestimmte Zeit als unbezahlten Türsteher eingestellt, um die Schäden am Gasthaus abzuarbeiten.
    Fulbert traute der Sache nicht. Am Ende fraß der Oger sie bei Nacht und Nebel alle auf und schlich sich dann davon, man hörte ja nicht selten Gerüchte, aber einfach kündigen wollte er auch nicht. Zumindest so lange, bis er sich das eigene Haus und die restlichen Wünsche kaufen konnte. Also bis heute Abend.
    Den Markt der Gewürzhändler erreichte er, ohne bestohlen, erdolcht oder von hungrigen Straßenkötern zerfetzt zu werden. Es gab unzählige Märkte in Bruchbuden, zum Beispiel den Fischmarkt, auf dem es im Vergleich zu manchen Gassen geradezu himmlisch duftete, doch die Märkte der Gewürz-, Schmuck-, Wein- und Tuchhändler waren die vornehmsten und teuersten.
    Hier wurden die Köter (und teilweise auch Leute wie Fulbert) von muskelbepackten Söldnern mit grimmigem Blick verscheucht. Die Besucher stammten aus der reichen Oberschicht. Sie trugen kunstvoll bestickte Gewänder aus buntem Samt und Seide nach der neuesten Mode, rochen nach lieblichen Duftwässern und ließen sich von noch mehr muskelbepackten Söldnern eskortieren. Es war einer der wenigen Orte in Bruchbuden, an denen Gekläff und derbes Geschrei Gelächter wichen und man sich nur geringe Sorgen um sein Leben machen musste.
    Die Händler an ihren Ständen unter Markisen aus bunt gestreiftem Stoff trugen ein ebenso breites wie unterwürfig falsches Lächeln zur Schau, anstatt sich gegenseitig in Grund und Boden zu schreien oder gar mit den Fäusten auszutragen, wer den Kunden seine Waren verkaufen durfte (unter Ignorierung der Tatsache, dass sowohl Kunden als auch Waren nach Ende der Prügelei für gewöhnlich verschwunden waren).
    Fulbert passte nicht in diese Menge.
    Die Söldner warfen ihm böse Blicke zu, und er hatte es wohl nur seiner unauffälligen Statur zu verdanken, dass sie ihn nicht ergriffen und schmerzhafte Dinge mit ihm anstellen. Wann immer er an einer hübschen jungen oder hässlichen alten oder auch nur irgendeiner hochgeborenen Lady vorbeikam, rümpfte sie die Nase und wandte sich ab. Man ging ihm aus dem Weg, versuchte tunlichst, nicht mit seiner schmutzigen Kleidung, den ungewaschenen Händen oder dem fettigen Haar in Kontakt zu kommen, aber Fulbert war das nur recht. So kam er ungehindert voran und musste sich nicht zwischen all den Leuten hindurchquetschen.
    Außerdem würde er bald ebenso vornehm gekleidet sein und nach Lavendel und Zimt duften anstatt nach saurem Schweiß, verschüttetem Bier und all dem, worin er auf dem Hinweg getreten war. Er grinste verschlagen. Sollten sie ihn nur mit Verachtung strafen, am Ende war doch er es, der das Schicksal Bruchbudens in seiner Brusttasche trug.
    Er blieb stehen und sah sich nach einem besonders machtdurstig anmutenden Händler um, während er das Papier hervorkramte und überlegte, was er am besten über den Inhalt des Schreibens erzählen sollte. Direkt von einem bevorstehenden Krieg? Von einer bösartigen Verschwörung Lord Kackebarts gegen andere Lords von Bruchbuden? Oder doch nur allgemein von brisanten Militärgeheimnissen?



    Somit wäre ich da angekommen, wo ich schonmal war.
    Alastairs Gedanken und Sicht auf die Welt sind super, ich hoffe, seine Parts bleiben so verträumt und damit unfreiwillig (aus seiner Sicht) komisch :thumbup: Dann bin ich mal gespannt, was jetzt so passiert; an der Stelle geht die Geschichte dann ja so richtig los, wie es aussieht.


    :hi1: