Beiträge von BlueRosesInMyHeart

    So, da ich grade bei meiner Geschichte "Die Kinder des Jenseits" so ein bisschen eine Schreibblockade habe, habe ich mal mit einer anderen Idee von mir angefangen, diese in die Tat umzusetzen.

    Provisorisch heißt die Geschichte zur Idee jetzt erstmal "Hüter der Weltenkugel", so als Arbeitstitel.

    Ja, ich stelle einfach mal das rein, was ich zum ersten Kapitel schon habe, und freue mich dann natürlich über Gedanken, Anregungen und auch eventueller Kritik dazu :)



    Teil Eins vom nächsten Kapitel:


    Müde öffnete Naldan die Augen, als die Holztür zu ihrem Gefängnis knarzend aufging. Eine vermummte Gestalt warf einen Laib Brot in den Schlamm vor seinen Füßen. Sein Rücken schmerzte dort, wo die Stangen des hölzernen Käfigs in seine Haut gedrückt hatten, als er sich nach dem Brot bückte. Er wischte es an seinem Rock, der ohnehin schon schmutzig war, ab, damit der gröbste Dreck herunterging. Dann riss er ein Stück von dem Laib ab und biss angewidert hinein. Erstens, weil er eigentlich kein Essen von diesen Menschen annehmen wollte und zweitens, weil sich in seinem Mund jetzt der widerliche Geschmack von kaltem, stinkendem Schlamm mit dem des Brotes mischte. Er würgte, zwang sich aber, die Nahrung im Mund zu behalten. Würde sein Magen nicht so vor Hunger knurren, hätte er es wieder ausgespuckt.

    „Was ist das?“ Neben ihm setzte sich Lord Aeris auf, dessen Magen in diesem Moment auch ein bedrohliches Knurren von sich gab. Stumm reichte ihm der Prinz das Brot und Aeris rümpfte angewidert die Nase, als er den durchtränkten Laib anfasste. „Na wunderbar.“ Der Lord nahm sich ebenfalls ein Stück von dem ekelhaft anmutenden Nahrungsmittel und gab es weiter an die Wache, die ein Stück entfernt von ihnen an das Gitter gelehnt saß. Die griff danach und biss herzhaft hinein. Nur, um Sekunden später die zerkaute Masse wieder auszuspucken. Die Wache würgte und übergab sich. Prinz Naldan musste den Blick abwenden, um es ihr nicht gleichzutun.

    Der Anfall der Wache hatte die Aufmerksamkeit ihrer Bewacher auf sich gezogen und kurze Zeit später baute sich der Anführer der Bande vor dem Käfig auf, in dem sie wie Tiere zusammengekauert saßen. Er sagte etwas in einer fremden Sprache und schlug gegen das Gitter. Sowohl Naldan als auch Aeris zuckten mit den Schultern und warfen sich fragende, aber auch panische Blicke zu. In Aeris´ Augen spiegelte sich die blanke Furcht. Keiner von ihnen verstand, was er sagte.

    „Na gut“, knurrte der Anführer plötzlich auf sabarisch. „Wer seid ihr?“ Er winkte mit einer Hand und ein paar seiner Schergen kamen herbeigelaufen. „Holt sie da raus“, befahl der Anführer ihnen. Die Tür zu ihrem Gefängnis wurde weit aufgerissen und die Schergen strömten herein. Jeder von ihnen wurde von zwei Soldaten gepackt und aus dem Käfig geschleift. So wurden sie vor den Obersten gezerrt. Die Wache, deren Rüstung schief an ihrem Körper hing, die linke Schulterplatte war schon abgerissen, beachtete er gar nicht. Er nickte nur mit dem Kopf und die Schergen, die ihn unter den Armen gepackt hatten, schleiften den Wachmann, der erfolglos versuchte, sich zu wehren, davon. Der Mann in der wuchtigen Rüstung unterdes ging zu ihm hinüber. „Euch kenne ich“, murmelte er. Er schritt ein paar Mal vor dem Prinzen hin und her, während er überlegte, woher er ihn kennen könnte. Jetzt bekam Naldan Panik. Er spürte, wie sich der Schweiß auf seiner Stirn sammelte. Oh nein, dachte er, er ahnt es. Plötzlich landete die Pranke des Anführers auf seiner Brust und er wurde am Kragen seines Hemdes gepackt. „Jetzt weiß ich es!“, brüllte er ihm ins Gesicht. „Ihr seid Prinz Naldan! Der Sohn des Königs! Ja, der seid Ihr!“ Sein Gebrüll wandelte sich in höhnisches, erfreutes Lachen um und der Anführer ließ von ihm ab. „Man wird mich reich belohnen, wenn ich Euch zum dunklen König bringe!“

    Dann trat der Anführer vor Lord Aeris, der sich nicht traute, ihn anzusehen. Naldan sah, dass seine Unterlippe zitterte. Er hatte Angst und das konnte er verstehen. Der Anführer packte das Kinn seines Freundes mit seinen groben Fingern und zwang ihn, ihn anzusehen. „Und wer seid ihr? Seid ihr so wichtig, dass ich Euch am Leben lassen muss? Oder ist der Prinz meine einzige wertvolle Beute?“ Aeris schnappte nach Luft, weil die Hand des Mannes seine Kehle zudrückte.

    „Er ist wichtig!“, rief Naldan panisch. „Er ist meines Vaters zweiter Sohn!“ Sofort ließ der Mann Aeris los und trat wieder vor den Prinzen.

    „Er ist euer Bruder, sagt ihr? Der König hat nur einen Sohn. Ihr lügt!“ Naldan spürte, wie auch er zu zittern begann. Der Mann hatte recht, es war eine Lüge. Aber er durfte jetzt nicht nachgeben.

    „Nein“, sagte er mit einem leichten Zittern in der Stimme. „Mein Bruder hat sich nie in der Öffentlichkeit gezeigt. Das Studium alter Schriften war stets seine Leidenschaft.“

    „Hm.“ Der Anführer trat einen Schritt zurück. „Also habe ich jetzt gleich zwei Söhne in meiner Gewalt.“ Er machte eine kurze Pause, dann sagte er: „Der dunkle König wird erfreut sein, das zu hören.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging weg, in Richtung eines großen Zeltes, größer als alle anderen.

    Aeris und er wurden wieder in den Holzkäfig gesperrt. Sein Freund kam sofort zu ihm hinübergerobbt, als die Schergen verschwunden waren.

    „Danke, dass Ihr für mich gelogen habt, mein Prinz! Ich dachte schon, mein Leben wäre verwirkt gewesen ...“

    „Ihr seid mein Freund, Lord Aeris. Euch sterben zu sehen wäre unerträglich für mich gewesen.“ Er warf seinem Freund einen sanften Blick zu und lächelte, als dieser wegen seiner Worte stutzte.

    Ihr Blickaustausch wurde unterbrochen von einem leisen Stöhnen. Sowohl Naldans als auch Aeris´ Kopf drehten sich nach rechts, wo die andere Wache immer noch auf dem Boden lag. Jetzt aber hob sie den Kopf und ihre Augen wurden groß, als sie sah, wo sie war. Sie wollte sich aufrappeln, aber ein leiser Pfiff von Naldan, der wild mit den Händen fuchtelte, ließ sie innehalten. Der Prinz krabbelte nah an das Gatter heran und flüsterte der Wache zu: „Nicht bewegen. Sonst töten sie Euch.“ Die Wache nickte kaum sichtbar und schloss die Augen wieder. Aber ihre Hände zitterten, als sie sich in den Schlamm krallten. „Wartet einen günstigen Moment ab, dann flieht!“, fuhr der Prinz fort. „Geht zur Burg und sagt meinem Vater, dass wir gefangen genommen wurden! Sagt ihm, dass die Männer des dunklen Königs in unser Reich ...“ Er verstummte, als einer der übel gelaunten Schergen an ihnen vorbeilief. Der vermummte Mann spuckte auf den Boden, würdigte ihn aber keines Blickes. „... eingedrungen sind. Man will uns an den Hof des dunklen Königs bringen. Ihr müsst Euch beeilen!“ Aufmerksam sah er sich um. Gerade war keine Wache in der Nähe. Einen besseren Zeitpunkt würde es wohl nicht geben. „Los! Geht! Die Luft ist rein!“

    Die Wache rappelte sich vom Boden auf und schlug sich zwischen die Zelte. Naldan beobachtete weiterhin die Umgebung, niemand schien das Verschwinden der Wache bemerkt zu haben. Er sah, wie sie hinter einem der Zelte über einen Hügel verschwand, dann verlor er sie aus den Augen.

    Etwas erleichtert lehnte er sich an die Gitterstäbe zurück. Er hatte gedacht, der Wachmann wäre tot. Aber jetzt witterte er eine Chance, dass vielleicht rechtzeitig Hilfe kommen würde.

    Auf der anderen Seite des Lagers erhob sich jetzt ein lautes Gebrüll. Aeris hob den Kopf und stand auf. Er ging an die andere Seite des Käfigs hinüber und umklammerte mit seinen Händen die Stäbe, an denen er sich ein Stück hochzog, um sehen zu können, was los war.

    „Was geschieht dort?“, fragte Naldan. Sein Freund, der jetzt komplett weiß im Gesicht geworden war, drehte sich zu ihm.

    „Die Wache, die sie weggebracht haben ... Sie haben sie hingerichtet. Und jetzt kämpfen die wie Wilde um ihre Rüstung.“ Naldan schluckte. „Wird uns auch so ein Schicksal erwarten?“ Aeris sah ihn mit großen, weit aufgerissenen Augen an, in denen die Furcht stand. Naldan wollte etwas antworten, aber dann trat einer der Schergen an den Käfig heran und baute sich vor der Tür auf. Der Anführer will jetzt, wo er weiß, wen seine Leute da eingefangen haben, kein Risiko mehr eingehen, dachte sich Naldan. Das hieß aber auch, dass sie nicht mehr reden konnten, ohne dass er davon erfahren würde. Er zuckte nur mit den Schultern und Aeris schaute betrübt drein. So saßen sie da, starrten auf den krummen Rücken ihrer Wache und schwiegen. Die Wache trug die Armschoner des Mannes, den sie eben ermordet hatten. Sie musste sie im Kampf gewonnen haben. Das glänzende Silber passte überhaupt nicht zum Rest ihrer eher schäbigen Ausrüstung. Die Schulterplatten ihrer zerschlissenen Lederrüstung hingen schlaff an ihren Armen hinunter, die Enden des Hemdes, das sie darunter trug, waren eingerissen und verdreckt. Außerdem stank die Wache nach etwas Ätzendem – Urin oder etwas Ähnliches musste es sein. Der Wachmann musste gespürt haben, dass sie ihn ansahen, denn jetzt drehte er sich zu ihnen um und präsentierte seine schiefen gelben Zähne, als er sie höhnisch angrinste.

    „Welch ein Glück, dass wir euch eingefangen haben“, krächzte er. „Wir werden dafür reich belohnt werden ... Vielleicht schenkt uns der dunkle König dafür sogar eure Schwester, wenn er eure Sippe ausgelöscht hat. Es wäre ein großes Vergnügen, sich an ihrem Körper zu erfreuen ...“ Naldan sprang auf und schlug mit einer Hand durch die Gitterstäbe. Er verfehlte die Nase des Wachmannes nur knapp, weil dieser zurücksprang. „Ihr werdet meine Schwester nicht anrühren! Ich bringe euch höchstpersönlich um, wenn ihr euch ihr nähert!“, schrie er und rüttelte an den Stäben. Die Wache lachte wieder ihr krächzendes Lachen und drehte ihm den Rücken zu. „Ich bin sicher, er lässt Euch zusehen. Wenn er sie sich nimmt und sie dann tötet, genau wie alle, die Euch lieb sind.“

    „Was meint ihr?“ Naldan wurde kreidebleich, als er die Worte des Mannes vernahm.

    „Der dunkle König wird sich zurückholen, was ihm gehört. Er ...“ Ein lauter Ruf unterbrach den Schergen und er entfernte sich vom Käfig.

    Nächstes Kapitel:



    Er trieb sein Pferd zu einem langsamen Galopp an und ritt die Anhöhe hinauf. Von dort oben hoffte er, Wild erspähen zu können. Der Kopf von Lord Aeris Pferd gelangte schnell auf Höhe dessen seines Tieres und er lachte. „Ihr konntet einfach nicht dort unten warten, oder?“

    „Nein, mein Freund!“ Der junge Mann klopfte ihm mit seiner Linken, die in einem hellen Lederhandschuh steckte, auf die rechte Schulter. „Ihr kennt mich lange genug. Ihr wisst, dass ich nicht warte, bis das Glück zu mir kommt. Auch nicht, wenn euer Hoheit es mir befiehlt!“

    „Seht Ihr das?“ Der Prinz deutete mit einem Finger gen Westen, hinüber zu dem Rand des großen Waldes, der sich vor ihnen erstreckte. Lord Aeris holte sein Fernglas hervor und folgte seinem Finger.

    „Wahrlich, ein prächtiger Hirsch, mein Prinz. Ihr habt ein gutes Auge.“ Aeris zwinkerte seinem Freund zu. „Wenn wir den erlegen, ist Euch das Glück für den Ball heute Abend sicher!“ Ein leiser Pfiff drang aus dem Mund des Lords und die Wachen schlossen mit den Hunden zu ihnen auf. Einer der Hunde sprang aufgeregt an Prinz Naldans Pferd hoch und stützte sich mit den Pfoten an seiner Flanke ab. Der Hengst blieb ruhig stehen, wie ein Fels in der Brandung. Er war es gewohnt, von Hunden umgeben zu sein. Naldan streichelte dem braunen Fellknäuel über den Kopf und sagte mit einem leichten zornigen Unterton in der Stimme: „Der Ball ist nur ein Vorwand meines Vaters, um Geschäfte zu machen. Mich interessieren all diese Ladys in ihren schicken Kleidern nicht, denn es ist noch nicht an der Zeit, eine Frau zu wählen. Mein Vater lebt noch. Ich werde noch lange nicht König sein und solange brauche ich auch keine Frau an meiner Seite.“

    „Wie Ihr meint.“ Der Lord legte die Hand über die Augen und schaute hinüber zu dem Hirschen, der immer noch am Waldrand graste. „Was denkt ihr? Kann die Jagd losgehen?“

    Der Prinz nickte und gab mit einer Handbewegung den Befehl, die Hunde loszuschicken. Ein wildes Gebell ertönte, als die Hundemeute losstürmte und über die Wiese auf den ahnungslosen Hirsch zu rannte. Sie folgten den Hunden in einem schnellen Galopp und Naldan genoss den scharfen Wind, der ihm beim Reiten über das Gesicht fuhr. Ihm war an einem solch heißen Tag jede Art der Abkühlung recht, denn die Sonne stach senkrecht auf sie herunter. Der Hirsch hob den Kopf, mittlerweile war der Lärm der Jagd an seine Ohren gedrungen. Panisch blickte sich das Tier um und sprang davon, als es die Hundepfoten spürte, die auf es zu donnerten. Die Hunde folgten ihm in den Wald hinein, einer schaffte es, sich in einem Hinterbein des fliehenden Tieres festzubeißen. Ein paar Sprünge wurde der Hund hinter dem Hirsch hergezogen, dann wurde er weggeschleudert. Dabei blieb etwas Fleisch aus dem Bein seines Opfers zwischen seinen Zähnen hängen. Der Hund landete im Gras, aber er rappelte sich schnell wieder auf und nahm die Jagd nach seiner Beute wieder auf. Die Wachen und die beiden Adligen folgten der wilden Hatz in einem kleinen Abstand. Sie wollten warten, bis die Hunde das Tier gestürzt hatten, um es dann erlegen zu können.

    Der Schrei des Hirsches, als er stürzte, war so schrill, dass er die Ohren des Prinzen für einen Moment betäubte. Als sie an der Stelle ankamen, wo die Hunde das verzweifelte Tier umringt und zu Boden geworfen hatten, hielten sie ihre Pferde an und stiegen ab. Der Prinz reichte einer der Wachen die Zügel seines Hengstes und band die Armbrust von seinem Sattel los. Er spannte einen Pfeil ein und ging langsam auf den Hirsch zu. Die Hunde wichen vor seinen Füßen zurück, sodass er direkt vor seiner Beute stehen konnte. Naldan kniff ein Auge zusammen und zielte auf den Kopf des Hirsches. Es sirrte, als der Pfeil lossauste und sich in das Auge des Tieres bohrte. Er konnte deutlich sehen, wie die behaarte Brust einsank, als es seinen letzten Atemzug tat. Naldan zog den Pfeil heraus und drehte sich um, den Pfeil triumphierend in die Höhe haltend.

    Lord Aeris streckte bestätigend einen Daumen in die Höhe und grinste. Das Grinsen wurde ihm jedoch schnell aus dem Gesicht gestrichen, als sein Pferd einen nervösen Satz zur Seite machte. Beinahe wurden ihm die Zügel aus der Hand gerissen, so heftig riss das Tier den Kopf hoch. Auch die anderen Pferde tänzelten und die Wachen hatten Mühe, sie zu halten. Prinz Naldan ging zu seinem Rappen und strich ihm beruhigend über die Nüstern. „Ruhig, mein Junge“, redete er auf das Pferd ein und sah sich um. Er konnte nichts entdecken, was ihnen hätte Angst machen können. Plötzlich stieg der Hengst und seine Hufe sausten knapp an seinem Gesicht vorbei. Instinktiv duckte sich der Prinz und hörte nur, wie etwas knackte. Dann das kratzende Geräusch von Schwertern, die aus ihrer Scheide gezogen wurden. Und dann das Gebrüll, mit dem dreizehn bewaffnete Krieger aus dem Wald auf sie zu stürmten. Wie erstarrt drehte der Prinz sich um und schaute auf einen Mann hinunter, der mit eingedrückter Brust auf dem Boden lag und sich nicht mehr bewegte. Die schwarze Maske war von seinem Gesicht gerutscht und er erkannte die Male auf seiner Haut. Dieser Mann war ein Anhänger er dunklen Religion, er war ein Scherge des dunklen Königs.

    Die Angreifer waren schnell bei ihnen angelangt und Naldan konnte seine Armbrust gerade so noch hochreißen, um damit den Schwerthieb eines von ihnen abzuwehren. Dabei brach das Holz seiner Waffe inmitten auseinander und er betrachtete sie einen ganz kurzen Moment fassungslos. Dann warf er sie zu Boden und legte die Hand an seine Hüfte, um sein Schwert zu ziehen. Aber es war nicht da. Panisch tastete er den Gürtel um seine Hüften ab, bis er rechts neben dem Hengst etwas auf dem Boden schimmern sah. Verdammt, dachte er. Der Scherge, der ihn als seinen Gegner auserkoren hatte, grinste siegessicher und holte zu einem erneuten Schlag aus. Naldan duckte sich und rollte sich unter dem Bauch des Pferdes hindurch. Dabei löste sich die Brosche mit dem Wappen seines Hauses darauf von seinem Jagdrock. Sie landete im Schlamm, aber er kümmerte sich nicht darum. Er musste an sein Schwert kommen, sonst hätte er schlechte Chancen gegen seinen Gegner. Er tastete mit den Fingern nach dem Griff der Waffe, während der Scherge langsam auf ihn zukam. Dieser hielt sein Schwert hoch, um auf ihn einzustechen, als Naldan endlich den Griff zu fassen bekam. Er riss das Schwert nach oben und seine Schneide bohrte sich in die Brust des Angreifers. Dieser stöhnte und spuckte Blut. Seine Beine sackten unter ihm weg und Naldan schubste ihn von sich herunter. Hastig rappelte er sich auf und drückte den Stahl tiefer in die Brust seines Feindes, um sicherzugehen, dass er auch wirklich tot war. Blut spritzte auf seine Rüstung, als er das Schwert wieder herauszog, um seinen Freunden zu Hilfe zu eilen. Auch die Haut des Hengstes war mit roten Blutflecken überzogen, er schnaubte und wich zurück, als Naldan nach seinen Zügeln greifen wollte. Als ein weiterer Angreifer auf ihn zu kam, wieherte der Hengst angsterfüllt und ergriff die Flucht. Unter der Wucht, mit der der Angreifer auf ihn prallte, taumelte Naldan ein paar Schritte zurück. Doch der schwere Körper wurde von ihm weggerissen und er erkannte seinen Freund Aeris, dessen Gesicht übersät von Blut war. Dieser bohrte dem Schergen einen Dolch in den Hals und ließ ihn fallen. Dann brüllte er über den Lärm des Kampfes hinweg: „Wir müssen fliehen!“ Aber für eine Flucht war es jetzt schon zu spät.

    Eine der Wachen schrie, als sie von einem Schwert durchbohrt wurde. Die restlichen zwei scharrten sich um die beiden Adligen, aber sie waren in der Unterzahl. Fünf der Angreifer hatten sie getötet, aber die andere Hälfte umkreiste sie jetzt. Die Wachen hielten ihre Schwerter vor sich, Naldan sah, dass sie allesamt zitterten vor Angst. Ein leises Bellen drang an sein Ohr. Die Hunde! Wo waren sie? Sie mussten geflohen sein, als der Kampf begonnen hatte. Er blickte hinüber zu dem Leichnam des Hirsches und sah den braunen Köter, der ihn freudig angesprungen hatte. Er stieß einen leisen Pfiff aus und der Hund bellte. Jetzt tauchten auch in den Schatten der Bäume die Augen der anderen Hunde auf und Naldan bekam wieder ein klein wenig Hoffnung. Er pfiff erneut und die Hundemeute sprang aus den Schatten der Bäume heraus auf sie zu. Ihr Bellen war aggressiv und die, die sie umzingelten, wandten sich von ihnen ab. Sein Ablenkungsmanöver hatte funktioniert. Er stieß sein Schwert in den Rücken eines Gegners, während die Hunde sich auf einen anderen stürzten. Ihre scharfen Zähne zerfleischten sein Gesicht und er schrie. Zwei Hunde tötete er, aber dann konnte er sich ihrer Übermacht nicht mehr erwehren. Sein Geschrei wurde leiser, je mehr die Hunde sich in ihn verbissen und irgendwann lag er regungslos da.

    „Prinz Naldan!“ Die Stimme seines Freundes drang an sein Ohr und er fuhr herum. Die Klinge eines Schwertes lag an Aeris Kehle und er erstarrte. Eine Wache wurde von zwei Angreifern überwältigt und zu Boden gedrückt. Die andere floh. Plötzlich traf ihn ein harter Schlag auf den Hinterkopf und schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen. Sein Schwert fiel ihm aus der Hand, dann wurde er ohnmächtig.


    Naldan blinzelte, das Bild vor seinen Augen war unscharf. Graue Schatten bewegten sich vor seinen Augen und er schmeckte Blut. Er wollte sich an die Stirn fassen, aber er konnte seine Hände nicht richtig bewegen. Als seine Sinne wieder klar wurden, schüttelte er den Kopf. Dabei fiel ihm der graue Leinensack, der seine Sicht getrübt hatte, vom Kopf. Er sah nach unten auf seine Hände, sie waren gefesselt. Verwirrt schaute er nach links, wo der Hals seines schwarzen Hengstes beim Gehen auf und ab wippte. Er selbst lag quer über dem Rücken seines Pferdes. Als der Hengst den Kopf nach links neigte, konnte er an dessen Hals vorbeischauen. Vor ihnen ritten ein paar vermummte Männer auf Pferden, die mit roter Farbe bemalt waren. Mit einem Mal kam ihm wieder in den Sinn, was passiert war. Sie waren überfallen worden, als sie einen Hirsch erlegt hatten! Panisch strampelte er mit den Füßen und versuchte, vom Rücken des Hengstes zu rutschen. Er hörte einen lauten Schrei in einer fremden Sprache, als er es endlich geschafft hatte und auf seinen Füßen landete. Schnell machte er einen Satz nach hinten und versuchte, in den Wald zu laufen. Er schlug sich zwischen den Bäumen hindurch, während er hektisch versuchte, seine Fesseln zu lösen. Da hörte er schon das Donnern von Hufen hinter sich, er wurde gejagt. Bald konnte er die Köpfe seiner Jäger zwischen den Bäumen aufblitzen sehen, sie kamen unaufhaltsam näher. Wenn er nicht bald einen Weg fand, sie loszuwerden, wäre sein Fluchtversuch umsonst gewesen. Er versteckte sich hinter einem dicken Baum und hielt die Luft an. Seine Brust hob und senkte sich energisch unter dem Sauerstoffmangel und es brannte höllisch, aber er wagte nicht, zu atmen. Vielleicht würden sie einfach vorbeireiten, wenn sie ihn nicht mehr sahen. Das war seine einzige Chance. Er spürte, wie ihm der Schweiß von der Stirn in die Augen tropfte und kniff sie zusammen. Mit den zusammengebundenen Händen wischte er sich über die Lider, um wieder etwas sehen zu können. Es war jetzt so still, nicht einmal ein Pferd konnte er schnauben hören. Hatten sie die Suche nach ihm aufgegeben?

    Vorsichtig lugte er hinter dem Baum hervor. Er konnte niemanden entdecken. Erleichtert atmete er aus und ließ so die ausgezehrte Luft aus seinen Lungen fließen. Mit geschlossenen Augen lehnte er sich an den Stamm und versuchte, zu verarbeiten, was geschehen war. Gerade, als er zur Ruhe gekommen war, knackte vor ihm, irgendwo im Unterholz, ein Zweig. Naldans Augen verengten sich zu Schlitzen, während er versuchte, irgendetwas zu erspähen. Aber er konnte nichts erkennen. Nirgends vor ihm bewegte sich ein Busch oder ein Strauch, der ihm einen Hinweis darauf hätte geben können, was sich ihm da näherte. Plötzlich spürte er das kalte Metall eines Dolches an seinem Hals. Der, dessen rechte Hand die Waffe hielt, stand hinter ihm.

    „Netter Versuch“, lachte sein Jäger. „Aber eure Atmung und euer Angstschweiß haben Euch verraten. Ich konnte Euch meterweit riechen.“ Mit einem Stoß in den Rücken forderte ihn der Dunkle auf, vor ihm herzulaufen. Er trieb Naldan zurück auf den Waldpfad, wo er seinen Fluchtversuch begonnen hatte. Die anderen Schergen warteten mit seinen gefesselten Freunden dort, wo sie angehalten hatten. Ihre ausdruckslosen Gesichter folgten ihm, während der Jäger ihn zu seinem Hengst schubste. Jemand von ihnen musste das Tier eingefangen haben, als es davongelaufen war. „Hoch mit Euch.“ Die Spitze des Dolches wanderte von seinem Hals zu seinem Rücken, wo sie in der Hand seines Peinigers bedrohlich über ihm hing. „Steigt auf“, knurrte dieser nur und stieß ihn noch näher an den Rappen heran. Naldan hob die gefesselten Hände und schaute den Schergen fragend an. Wie sollte er denn mit gefesselten Händen auf sein Pferd steigen? Ungeduldig verdrehte der vermummte Mann die Augen und packte eines seiner Beine. Naldan kam ziemlich unsanft im Sattel auf und fiel nach vorne. Alle Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst, als der Sattelknauf hart zwischen seine Beine schlug. Er japste und blieb – vor Schmerzen unfähig, sich zu bewegen – auf dem Hals des Pferdes liegen. Er konnte fühlen, wie das Blut mit stechenden Impulsen durch sein Glied floss, und atmete schwer, um die Schmerzen zu lindern. So spürte er auch nicht, wie der Mann, der ihn wieder eingefangen hatte, seine Füße unter dem Bauch des Pferdes entlang mit einem Strick zusammenband. Ein Ruck an den Zügeln jagte einen erneuten Schmerz durch Naldans Körper und jeder Schritt des Hengstes stach zwischen seinen Schenkeln. Es fühlte sich an wie Stunden, bis der Schmerz endlich nachließ und er musste sich anstrengen, um nicht wieder ohnmächtig zu werden. Sterne tanzten vor seinen Augen, als er sich vorsichtig wieder aufrichtete und sein Schädel brummte. Er versuchte, das Fell auf seinem Sattel, das nach hinten gerutscht war, mit den gefesselten Händen nach vorne zu ziehen, um ein Polster zwischen Sattelknauf und seinen Genitalien zu schaffen. Dazu musste er sich allerdings aufrichten und da seine Beine ebenfalls gefesselt waren, hatte er damit keinen allzu großen Erfolg. Wenigstens schaffte er es, das Fell ein kleines Stück nach vorne zu ziehen, sodass er nicht mehr auf dem blanken Leder saß. Das machte seine Situation ein klein wenig angenehmer.

    Vorne rief ein Scherge einem anderen etwas zu, er konnte nicht verstehen, was sie sagten. Sie bogen um eine Kurve herum, die der Weg machte, und eine kleine Lichtung tat sich vor ihnen auf. Dort waren vereinzelt ein paar Zelte aufgebaut. Sie waren im Lager ihrer Entführer angekommen. Als sie die Pferde hörten, traten ein paar andere aus den grauen Zelten. Einer von ihnen trug eine Rüstung, die für seinen Körper viel zu groß sein schien. Die wuchtigen Schulterplatten ragten über seine Arme weit hinaus und unten stand sie so weit von seinen Hüften ab, dass man eine Hand darunter hätte schieben können. Der Mann mit den wilden, schwarzen Haaren und der übergroßen schien der Anführer der Bande zu sein, denn als er in ihre Mitte trat, neigten alle ehrfürchtig den Kopf, auch ihre Entführer. Der Anführer rief etwas in der Sprache, in der sich die beiden vorderen Reiter auf dem Weg schon unterhalten hatten. Ein Grinsen auf seinem Gesicht, als der Linke der beiden antwortete, sagte ihm, dass dem Wilden gefiel, was er hörte. Der Wilde marschierte an den beiden Reitern vorbei und blieb vor dem Pferd seines Freundes Aeris stehen. Er packte den Sack über dessen Kopf und zog ihn herunter. Das Gleiche machte er mit den Wachen, die mit gefesselten Händen quer über einem Pferd lagen. Er packte eine bei den Haaren und betrachtete ihr Gesicht genauer. Dann warf er sie von dem Reittier und die bewusstlose Wache landete im Dreck. Aus dem blutverschmierten Gesicht starrten ihre leeren, abwesend wirkenden Augen in den Himmel. Dann kam der Anführer zu ihm hinüber. Er strich über den Hals seines Pferdes und schmunzelte, als er den feinen Stoff von Naldans Jagdrock zwischen seinen schmutzigen Fingern hin und her rieb. Der Prinz schluckte und spürte, wie Hitze in ihm aufstieg. Der Anführer ließ von ihm ab und sagte etwas zu einem seiner Untergebenen. Sein tiefes, grausames Lachen drang an Naldans Ohren. Ob der Mann wusste, wen er vor sich hatte? Naldan hoffte, dass er es nicht tat.

    Auf eine Handbewegung des Untergebenen, vermutlich diente er dem Anführer, traten ein paar Schergen an ihre Pferde heran und zogen sie unsanft herunter. Naldan stöhnte, als das harte Leder über sein wundes Glied strich, und humpelte, als die Schergen ihn hinter sich her zogen. Der Hengst wieherte, als er ihn davongehen sah, und schlug nervös mit dem Schweif. Naldan sah sich zu ihm um, gerade, als der Anführer ihrer Entführer die Zügel des Rappen ergriff. Er zog daran und der Hengst stieg. Mit einer Hand schlug der Mann so kräftig auf den Hals des Tieres, dass es klatschte. Das Pferd erschrak und stand vor Schreck still. Naldan versuchte, sich gegen den festen Griff der beiden Schergen zu wehren, als der Mann einen Fuß in den Steigbügel stellte und sich auf den Rücken des Hengstes schwang. Aber er wurde weitergezogen. Er konnte das Weiße in den Augen des Pferdes sehen, als es versuchte, sich gegen den ungewohnten Reiter auf seinem Rücken zu wehren. Stumm entschuldigte er sich bei ihm, dass er ihm nicht helfen konnte. Blutiger Schaum quoll aus dem Maul des eleganten Tieres, während der grobe Reiter immer wieder an den Zügeln riss. Ein Stoß in den Rücken lenkte ihn von der grausamen Szene ab. Er wurde in einen Käfig aus Holz gesperrt, gemeinsam mit den beiden Wachen und Lord Aeris. Mit aller Wucht warf er sich gegen die Holzstäbe, wollte verhindern, dass die Schergen das Schloss schließen konnten. Aber alles Erwehren brachte nichts. Die hölzerne Zellentür fiel zu und sie waren gefangen. Verzweifelt ließ er sich an den Stäben hinunter auf den kalten Erdboden sinken und schaute durch das Gitter nach draußen, wo der Hengst immer noch versuchte, sich zu wehren. Aber seine Sprünge wurden schwächer und immer, wenn er wieherte, schwang der Ton eines leidvollen Schmerzes mit. Naldan ließ den Kopf auf die angewinkelten Beine sinken und schloss die Augen. Eine Träne der Verzweiflung rann seine Wange hinab und tropfte auf den schlammigen Boden, sie war sofort nicht mehr von der Feuchtigkeit des Bodens zu unterscheiden. Sofort wischte er die feuchte Spur aus seinem Gesicht. Er durfte keine Schwäche zeigen. Aber was sollte er jetzt bloß tun?


    Neben ihm setzte sich jetzt sein Freund Aeris auf und griff sich benommen an den Kopf. „Was ist geschehen?“, fragte er und rückte näher zu ihm heran. Naldan nickte nur mit dem Kopf und sagte: „Seht selbst.“ Er folgte dem Blick seines Freundes, in dem sich jetzt Verwirrtheit in Schrecken wandelte. Zwischen den dunklen Zelten schlichen wie Schatten die Soldaten des dunklen Königs herum, ihre für seine Ohren verschwommenen Stimmen tuschelten über sie. Sie waren zu weit weg, um verstehen zu können, was sie sagten. Wie konnten sie überhaupt unbemerkt nach Sabarien kommen?, fragte er sich. Weiter links hatten die Soldaten einen großen Haufen voller verschiedener Sachen aufgeschüttet. Naldan konnte Rüstungsteile, Geschirr, ja sogar eine kleine Puppe, zwischen all den Dingen ausmachen. Sie müssen die Dörfer und kleinen Städte an der Grenze überfallen haben. Aber wieso haben uns keine Berichte von dort erreicht? Vermutlich hatten die Schergen des dunklen Königs niemanden am Leben gelassen, der ihnen von den Überfällen hätte berichten können. Er strich sich mit zwei Fingern die Stirn glatt, über die sich unbewusst eine große Sorgenfalte gelegt hatte. „Wir hätten niemals auf die Jagd gehen sollen“, sagte er und seufzte entmutigt. „Jetzt sitzen wir hier, wissen nicht, wo wir sind und das ist alles meine Schuld.“

    Lord Aeris legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte sie tröstend. „Sagt so etwas nicht! Ihr konntet genauso wenig wie ich wissen, dass diese Barbaren uns dort aufgelauert haben!“ Der Lord machte eine kurze Pause und sah hinauf in den Himmel, der langsamer dunkel wurde. „Sie dürfen nur nicht herausfinden, wer wir sind.“

    „Ich glaube, das wissen sie schon. Seht Euch unsere Kleider an. Es ist eindeutig, dass wir keine Bauern sind. Und wenn es erst einmal morgen ist und ihr Anführer mein Gesicht sieht, wird er sofort wissen, wen er vor sich hat.“ Lord Aeris verzog betrübt das Gesicht, er wusste, dass er recht hatte. Sie wussten nicht, wo sie waren. Zumindest hatte er sich den Weg nicht einprägen können. Er war zu sehr mit den Schmerzen beschäftigt gewesen, die jetzt dankenswerterweise nicht mehr mehr als ein unangenehmes Pochen waren. Es würde auffallen, wenn sie heute Abend bis zum Ball nicht zurück waren, aber wer sollte sie suchen? Hier würde sie niemand finden.

    Das hier passiert eigentlich vor Kapitel Fünf, aber da ich es jetzt erst geschrieben habe, poste ich es an dieser Stelle, damit es nicht verwirrt:


    Er drehte sich noch einmal um und schaute zurück, bevor er in die Gasse einbog, um sicherzugehen, dass ihm niemand folgte. Er sah den Schimmel vorbeitrotten, auf dem dieser Handlanger von Lady Sanaha saß, und lächelte, während in seinen Augen ein grausamer Schimmer funkelte. Dann zwängte er sich in das Gedränge, um unterzutauchen. Er war schon fast am Fuß der Berge angekommen, aber er musste aufpassen, dass niemand ihm folgte und so den geheimen Pfad hinauf zum alten Tempel fand. Von allen Seiten wurde er von denen angerempelt, die auf die Hauptstraße wollten, schließlich war heute Markttag und es waren mehr Stände auf dem großen Platz als gewöhnlich. Einmal rutschte ihm die Kapuze vom Kopf und er beeilte sich, sie schnell wieder aufzusetzen. Aber ein kleines Mädchen, sie durfte nicht älter als ein paar Jahre sein, hatte sein Gesicht schon gesehen. Sie fing an zu schreien und Jedan hastete schnell weiter.

    Bald war er endlich an dem Zugang zum Pfad angekommen und kontrollierte vorsichtshalber noch einmal die Umgebung, bevor er in den Schatten verschwand. Die Stadtwache kannte schon den Hauptweg zum Sitz seiner Gemeinschaft, diesen hier wollte er um jeden Preis vor ihnen geheim halten. Der Weg hinauf auf die Spitze des Berges war lang, länger, als wenn er den normalen Weg genommen hätte. Aber dafür hätte er durch die ganze Stadt gemusst und dann hätte man ihn sofort verdächtigt für das, was bald geschehen würde. Er keuchte, während er sich den schlammigen, von rauen Steinen gesäumten Weg hinauf plagte. Es gab keine Stufen, also drohten ihm immer wieder die Füße unter dem Körper wegzurutschen. Vor allem sein linker Fuß, der seit einem Unfall unterhalb des Knöchels taub war. Mehrmals musste er in die scharfkantigen Felswände greifen, um Halt zu finden. Daher war seine Haut übersät von vielen kleinen Schnitten und Dreck, als er endlich oben ankam. Als er ins Tageslicht trat, musste er die Augen zusammenkneifen. Auf dem Weg durch den Berg war es so dunkel gewesen, dass seine Augen die Helligkeit nicht mehr gewohnt waren. Kein Wunder, denn er hatte mindestens eine Stunde bis ganz nach oben gebraucht.

    Als er endlich wieder seine Umgebung richtig wahrnehmen konnte, sah er sich auf der großen Wiese vor dem alten Tempel um. Bei den Bruchstücken des verfallenen Turmes links von ihm spielten ein paar Kinder und weiter rechts, am Brunnen, unterhielt sich sein Schriftwahrer mit einem anderen Mitglied der Gemeinschaft. Der Wald hinter dem Tempel wirkte heute gruseliger als sonst, die große Dunkelheit in ihm schien ihn anzustarren. Aber er fürchtete sie nicht, denn sie standen auf derselben Seite. Sie waren die, die man als die dunkle Bedrohung fürchtete. Das wusste er. Aber im Grunde waren sie nicht anders als die Hohepriesterin, die ihren Glauben und ihr Leben der Göttin Iara verschrieben hatte. Sie dienten dem einen, an das sie glaubten. Als er an Sanaha dachte, wurde sein Gesichtsausdruck ernst und auf seiner Stirn bildete sich eine Zornesfalte. Sein Besuch bei ihr war nicht so verlaufen, wie er es sich vorgestellt hatte.

    „Hohepriester!“ Der Schriftwahrer kam auf ihn zu, seine grüne Kutte flatterte dabei in der zugigen Bergluft. „Eurem Gesichtsausdruck nach zu urteilen habt ihr nichts erreichen können.“ Er zögerte, aber dann sprach er dennoch weiter. „Aber ich möchte in einer anderen Angelegenheit mit Euch sprechen. Der letzte Teil der Schriftrolle mit den Versen für …“

    „Haltet ein“, unterbrach Jedan ihn. „Das ist nichts, was wir hier besprechen sollten. Er ging über die Wiese in Richtung des alten Tempels und der Schriftwahrer folgte ihm.

    Jedan stieß die schweren, eisengegossenen Tore des Tempels auf und klopfte sich den Staub zusammen mit einigen Holzstückchen von den Händen. Die Tore und das Gebäude waren nach all den Jahren ihrer Existenz schon ziemlich marode. Das machte die düstere Atmosphäre im Inneren noch eindrucksvoller. Die Türen zu den Gebetsräumen an den Seiten der großen Haupthalle waren alle weit geöffnet und die auf vertryrisch gesprochenen Gebete drangen laut daraus hervor. Aus einem davon erreichte der hohe Gesang einer Anhängerin die Ohren des Hohepriesters. Er machte ein paar Schritte in den Raum hinein und legte seine Hände auf die Schultern der Sängerin. Sie hatte ihre Kapuze abgenommen und ihr langes braunes Haar fiel geschmeidig über ihre Schultern nach unten. Der Schriftwahrer, der ihm gefolgt war, beobachtete das Szenario von außerhalb des Raumes. Sie unterbrach ihren Gesang, als sie die Berührung spürte.

    „Hohepriester“, wisperte die junge Frau und wandte sich zu ihm um.

    „Elena. Verzeiht, dass ich Euch in eurem Gebet störe.“ Er winkte mit der Hand und der Schriftwahrer betrat den von dichten Weihrauchschwaden durchzogenen Raum. „Ich möchte Euch jemanden vorstellen. Das ist Schriftwahrer Ilorian.“ Die Frau, Elena, erhob sich und neigte den Kopf zur Begrüßung. Ihre schwarze Kutte fiel weit über den schlanken Körper, der sich darunter befand. Fast war sie ihr zu groß. Auch der Schriftwahrer verbeugte sich zur Begrüßung vor ihr. „Elena wird bald eine Stufe aufsteigen“, fuhr Jedan fort. „Sie hat sich von einem einfachen Mitglied zu einer wahren Vertrauten für mich entwickelt. Deswegen möchte ich sie in dieser Sache bei mir haben.“ Er reichte Elena die Hand, die sie zögerlich ergriff. „Begleitet mich in meine Gemächer, Lady Elena. Eine wichtige Angelegenheit bedarf unserer Aufmerksamkeit.“ Diese nickte stumm und ließ sich von ihm aus dem Gebetsraum hinausführen. Ihr Gesangsbuch blieb offen dort liegen und ein zusammengefaltetes Pergament flatterte heraus, als die Tür ins Schloss fiel. Es wurde unter den Türspalt geweht und ein winziges Eck davon spähte darunter hervor.

    „Nun.“ Die Tür zu seinen Gemächern schloss sich und Jedan lehnte sich an die Kante seines Schreibtisches, während Lady Elena auf einem Stuhl Platz nahm. Er deutete auf den Schriftwahrer und fragte: „Worum geht es?“

    „Nun, der letzte Teil der Schriftrolle, mein Herr … Er fehlt.“

    „Er fehlt?“ Erbost sprang Jedan auf. „Wie kann das sein?“

    „Ich weiß es nicht, Hohepriester. Als ich gestern Abend die Bestände kontrollierte, war noch alles da.“ Seine Stimme stockte kurz, dann sagte er: „Jemand muss ihn gestohlen haben.“

    „Ja.“ Der Priester schlug mit der Faust vor Wut so fest auf den Tisch, dass ein Zittern durch das Holz ging. „Wir haben einen Feind in unseren Reihen. Findet ihn.“ Ehrfürchtig nickte der Schriftwahrer und schickte sich an, die Gemächer zu verlassen. Aber er wurde noch einmal durch die rohe Stimme des Höhergestellten aufgehalten. „Wagt es ja nicht, zu versagen, Schriftwahrer. Unsere Mission darf nicht scheitern.“ Der Mann schluckte, dann trat er über die Schwelle und die Tür ging mit einem lauten Knarzen hinter ihm zu.

    Elena strich sich das lange Haar, dessen Strähnen beim Laufen nach vorne gefallen waren, wieder hinter die Schultern zurück und sagte: „Wenn Ihr mich nicht mehr braucht, Hohepriester … Ich würde gern mein Gebet fortsetzen.“ Sie griff zur Türklinke und wollte sie herunterdrücken, um ebenfalls zu gehen, aber Jedan eilte zu ihr und zog ihre Hand weg.

    „Ihr bleibt.“ Erschrocken ließ die junge Frau die Hand sinken, während ihr Schweißperlen auf die Stirn traten. Sie beobachtete, wie der Hohepriester sich vor den Spiegel stellte, der in der linken Ecke des Raumes stand, direkt neben einem schmalen Durchgang in ein Nebenzimmer. Er legte die Kutte ab und stand nun nur noch in einer einfachen Leinenhose vor der Glasscheibe. Elena riss vor Schreck die Augen auf, als sie die Narben auf seinem Körper sah. Jedan spürte wohl ihren entsetzten Blick auf sich und drehte sich um. Er machte ein paar Schritte auf sie zu, bis er direkt vor ihr stand.

    „All diese Narben fügte mir Lady Sanaha vor langer Zeit zu. Als …“ Für einen kurzen Moment wurde sein Blick traurig, dann schluckte er die Gedanken daran hinunter. „Als unsere Wege sich trennten.“ Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust. Ihre Finger zitterten, als sie die Unebenheiten auf seinem Körper fühlte.

    „Solch grausame Dinge hat sie Euch angetan?“

    „Ja …“, flüsterte Jedan und trat noch näher an sie heran. „Aber ich hoffe, dass Ihr euch daran nicht stört.“ Er strich mit einem Finger über ihre Wange und sie wollte zurückweichen, aber er legte einen Arm um ihre Hüfte und hinderte sie daran. „Wollt Ihr euch mir verweigern, Lady Elena?“ Dann machte er ein paar Schritte von ihr weg. „Ihr werdet nicht aufsteigen, wenn Ihr euch mir verweigert.“ Er hörte, wie sie schluckte. Jedan streckte seine Hand aus und wartete, bis sie sie ergriff. Sie zitterte am ganzen Körper, aber sie nahm seine Hand. Ein verschmitztes Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes, als er sie erneut an sich zog. Er begann, die Kordeln ihrer Kutte zu lösen, und warf das Band, das sie um ihre Hüften hielt, zu Boden. Elena wagte nicht, sich zu bewegen, während er ihr die Kutte über den Kopf streifte, sodass sie nur noch das Unterkleid trug. Dieses schimmerte durchsichtig und Jedan biss sich gierig auf die Unterlippe. Die Knospen ihrer kleinen Brüste drückten sich durch den weichen Stoff und er spürte, wie sich in ihm etwas regte. Er raffte den Stoff des Unterkleides, um ihre nackte Haut berühren zu können – um ihren Körper spüren zu können. Dann nahm er ihre Hände und führte sie in das kleine Nebenzimmer, in dem sich sein Schlafgemach befand.

    Lady Elena sah sich furchterregt zu der Tür um, die ihr die Flucht aus dieser schrecklichen Situation möglich gemacht hätte. Aber dann fiel auch schon die Tür zu dem Nebenzimmer zu und sie war gefangen.


    Jedan schreckte auf, als es klopfte. Schnell sprang er auf und streifte sich die Leinenhose über die Hüften. Er drückte die Tür auf, die von seinem Schlafgemach in den Hauptraum seiner Gemächer führte, und zog die Kutte, die er achtlos auf den Boden geworfen hatte, wieder an. Dann öffnete er die Tür. Davor stand eines der Ratsmitglieder, mit einem Haufen Schriftrollen unter dem Arm.

    „Verzeiht, Hohepriester. Ihr hattet mich heute Morgen gebeten, Euch diese Pergamente hier zu bringen.“

    „Danke.“ Er nahm die Schriftrollen entgegen.

    Das Ratsmitglied schaute an ihm vorbei hinein in seine Gemächer. Sein Blick schweifte über verstaubte Regale, alte Bücher, deren Einbände schon zerfleddert waren, und das Kleid, das, zu einem Haufen zusammengefallen, auf dem Holzboden lag. Skeptisch zog es eine Augenbraue hoch. Die Sonne, die sich schon bald dem Ende neigen würde, funkelte durch das gläserne Mosaikfenster mit dem Zeichen der dunklen Macht herein. Das Bild des schwarzen Reiters auf seinem Drachen erstrahlte in einem hellen Licht.

    „Ist sonst noch etwas?“, fragte Jedan forsch. Er hatte wohl den skeptischen Blick des Ratsmitgliedes bemerkt.

    „Verzeiht“, stotterte der Mann. „Ich wusste nicht, dass Ihr Besuch habt.“ Mit einem Kopfnicken und den Worten „Er ist unser Streben“ verschwand er wieder. Jedan murmelte: „Er ist immer da“ und schlug die Tür fest hinter dem Mann zu. Das waren die Verse, die sie zu Ehren ihres höchsten Gottes immer sagten, wenn sie sich verabschiedeten.

    Jedan ging zu dem schmalen Schreibtisch vor dem Mosaikfenster und legte die Schriftrollen darauf. Er hatte sie verlangt, weil er einen Raben schicken und danach etwas darin nachlesen wollte. Das hatte er eigentlich gleich tun wollen, als er zum Tempel zurückgekommen war. Aber er hatte nicht ahnen können, dass der Schriftwahrer schlechte Kunde für ihn hatte. Jetzt, wo er wieder daran dachte, stieg die Wut in ihm wieder hoch. Erst stahl ihm ein Bruderschaftler die Botschaft, auf die er so lange gewartet hatte, und jetzt war auch noch der letzte Teil der Schriftrolle, die so wichtig für seine Mission war, verloren gegangen. Und das Schlimme war, es musste jemand aus dem Orden gewesen sein. Sonst hatte niemand zu der Bibliothek, oder überhaupt zum Tempel, Zutritt. Jemand aus seinen eigenen Reihen hatte ihn verraten. Er nahm ein kleines Tongefäß, das auf dem Schreibtisch stand, und warf es mit der ihm größtmöglichen Wucht an die Wand. Dabei brüllte er vor Wut. Er ging ein paar Mal in den Gemächern auf und ab, bis er sich beruhigt hatte. Seine Atmung beruhigte sich wieder und langsam spürte er, wie die Hitze aus seinem Körper verschwand.

    Dann setzte er sich an den Schreibtisch und nahm einen kleinen Streifen Pergament zur Hand. Die Feder kratzte über das Papier, als er schrieb:


    Wir haben Feinde. Die Botschaft wurde abgefangen und die Hohepriesterin weiß, dass etwas vor sich geht. Man wird mich beobachten.

    Der letzte Teil der 7. Schriftrolle wurde gestohlen.

    Es ist an Euch, etwas zu unternehmen.


    Er lehnte sich zurück und las noch einmal den Text, den er geschrieben hatte. Er hatte ihn auf vertryrisch geschrieben, damit niemand lesen konnte, was da stand, wenn auch diese Botschaft abgefangen werden sollte. Der Einzige außer ihm, der sie lesen konnte, war der, an den sie gerichtet war. Dann rollte er das Blatt zusammen und drückte sein Siegel in heißem Wachs darauf. Als er den Stempel wegnahm, schmückte der Kopf einer Wysem mit seinem Wappen darunter die Botschaft. Er nahm die kleine Rolle und machte sich damit auf den Weg zum Rabenturm. Der Aufstieg in den Turm war alles andere als leicht. Denn obwohl es Stufen gab, musste er seinen linken Fuß immer mit Vorsicht aufsetzen. Als er irgendwann oben angekommen war, betäubte das Kreischen der vielen Raben beinahe seine Ohren. Er nahm einen Großen, der in seiner Nähe auf einer Stange saß, und band die Botschaft an eines seiner dünnen Beine. Dann trug er ihn zu einem der schmalen Fenster, die es im Turm gab und warf ihn hinaus. Das Tier sackte erst ein wenig nach unten, aber dann fing es an, mit den Flügeln zu schlagen, und krächzte freudig, als der Wind durch seine Federn streifte. Jedan lehnte sich an das dünne Fenster und schaute ihm hinterher, bis der Rabe nur noch ein kleiner Punkt am Horizont war.



    Elena:

    Sie blinzelte und setzte sich auf, als der Hohepriester neben ihr aufstand und das Bett verließ. Nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, atmete sie erleichtert aus. Endlich musste sie seine Gesellschaft nicht länger ertragen. Es war schon widerlich genug gewesen, dass sie sich von ihm hatte anfassen lassen müssen. Schnell schwang sie ihre Beine aus dem schmalen Bett und stand auf. Sie streifte sich das Unterkleid über den Kopf, als ihr der unangenehme Geruch von Schweiß in die Nase stieg und rümpfte diese angewidert. Mit zwei Fingern zog sie ein langes, fettiges Haar von ihrer Brust und schüttelte es hastig ab. Ein ekelerregtes Würgen konnte sie gerade noch so unterdrücken. Sie würde ein langes Bad nehmen müssen, um diesen Gestank loszuwerden. Was man nicht alles tat, um zu erreichen, was man wollte …

    Sie erschrak, als sie aus dem anderen Zimmer ein Knallen hörte. Jemand war dort, er war dort. Das bedeutete, dass sie nicht einfach verschwinden konnte. Sie würde einen Weg finden müssen, um an ihm vorbei zu huschen, ohne dass er sie bemerkte. Sollte sie einfach hinausgehen und so tun, als wäre nichts? Ihre Finger zitterten leicht. Was, wenn sie einfach gehen würde und er enttäuscht von ihr wäre? Dann würde sie nicht das bekommen, worauf sie schon so lange hingearbeitet hatte. Sie legte zögerlich eine Hand auf die Klinke der Tür und wollte sie gerade herunterdrücken, aber sie zog sie zurück. Nein, sie durfte es nicht riskieren. Sie würde einfach hier warten, oder? Doch die Entscheidung wurde ihr abgenommen. Sie hörte, wie ein Stuhl über den Holzboden kratzte und dann, wie die Tür zufiel. Schnell öffnete sie die Tür und lugte durch einen Spalt hinaus in den Hauptraum. Er war leer. Sie eilte durch die Tür und sammelte schnell ihr Kleid vom Boden auf. Hastig streifte sie es sich über den Kopf und schnürte es nur bedürftig vorne zu. Dann beeilte sie sich, die Gemächer des Hohepriesters zu verlassen.

    Ihre Schritte führten sie zu dem Gebetsraum, in dem sie ihr Buch hatte liegen lassen. Sie musste es unbedingt holen. Als sie dort ankam, stand die Tür sperrangelweit offen. Ihr Herz schlug schneller, während sie den Raum betrat. Hatte jemand es gefunden und mitgenommen? Ihr Blick wanderte zu der Gebetsbank. Es lag noch unversehrt dort. Erleichtert atmete sie auf und schlug hastig die letzte Seite auf, dort wo der Umschlag eingebettet war. Nichts, sie war leer. Panisch riss sie die Augen weit auf und suchte den Boden nach dem Zettel ab, den sie darin versteckt hatte. Wo war er? Sie hob das Polster der Gebetsbank hoch, nichts. Auch unter den schmalen Hocker war er nicht gefallen. Ihr Herz schlug jetzt vor Panik noch schneller, als sie auf dem Boden dahin kroch, um den verlorenen Zettel zu finden. Sie hatte bald alles abgesucht und sackte auf dem Boden in sich zusammen. Alle Hoffnung, das Pergament zu finden, schien schon verloren, als sie es plötzlich entdeckte. Es war unter der Tür eingeklemmt worden. Sie zog es vorsichtig darunter hervor, um es nicht zu zerreißen. Das Äußere des zusammengefalteten Papiers hatte ein paar schwarze Schlieren von der Tür abbekommen, aber sonst war es heil. Erleichtert drückte sie es an ihre Brust und stand auf. Sie griff nach ihrem verschlissenen Gebetsbuch und steckte das Papier in den Umschlag zurück.

    Dann trat sie aus den großen Toren des Tempels, zu deren Ende sie durch den Nebel, der jetzt sehr tief über den Bergen hing, nicht ganz hinaufsehen konnte. Sie legte den Kopf in den Nacken und atmete die frische Luft, die der Nebel mit sich brachte.

    Ondine Oh wow, das ist ja mal n krasser Text.

    Ich habe die ganze Zeit über schon irgendwie geahnt beim Lesen, dass der sagt "so, jetzt kommt das Kind weg". Der Beamte oder wer das war war mir überhaupt nicht sympathisch mit seiner notorischen Ungeduld.

    Auf jeden Fall war der Text ziemlich mitreißend geschrieben und auch schön bildlich. Das Setting mit dem Visi - Pad und der ungemütlichen Situation gefällt mir gut, auch die Gefühle von Sam kommen super rüber.

    Weiter so :thumbsup:

    Hi BlueRosesInMyHeart
    Ich habe ganz vercheckt, dass es hier weitergeht ^^; Ich war aber eh nicht aktuell :P Würde aber gerne wieder einsteigen. Leider habe ich wegen der langen Pause keine Ahnugn mehr worum es ging :sack:Zumindest nur noch sehr sehr Bruchstückhaft. Ich habe gerade nachgeschaut, wo ich war und zwar Post #115


    Könntest du mir eine kurze Zusammenfassung geben, was bis dahin geschehen ist? Dann würde ich ab da weiterlesen ^^

    Hey Etiam lies am besten ab Post 160.


    Und Ondine du am besten auch ab Post 160, weil ich neu angefangen hab und alles vorher keine Rolle mehr spielt.

    Der Rest von Kapitel Fünf:


    In dieser Nacht schlief sie nicht gut.


    „Nein … Nein!“ Sie warf sich im Bett auf die andere Seite und strampelte die Bettdecke weg. „Tut das nicht! Tut das nicht ... NEIN!“ Schweißgebadet wachte sie auf und rappelte sich hektisch hoch. Ihr Atem ging so schnell, als wäre sie stundenlang gerannt. Sie sah sich panisch um und erkannte, dass sie in ihren Gemächern war. Verwirrt strich sie sich die losen Haare aus dem Gesicht. Hatte sie das etwa alles nur geträumt? Erleichtert ließ sie die Schultern sinken und schwang die Beine aus dem Bett. Sie stützte die Hände auf die Bettkanten und wartete, bis sich ihre Atmung wieder normalisiert hatte. Dann stand sie auf und betrachtete sich in dem milchigen kleinen Spiegel, der neben dem Bücherregal an der Wand hing. Ihre Haare waren total zerzaust und ihre Augen so klein, als hätte sie nächtelang nicht geschlafen. Sie nahm einen Kamm und fuhr mit ein paar kräftigen Strichen ein paar Mal hindurch, sodass es wieder glatt über ihre Schultern fiel. Dann verfing sie sich in dem müden Blick ihres Gegenübers im Spiegel und der Albtraum holte sie wieder ein. Sie hatte geträumt, dass sie mit ansehen hatte müssen, wie Lord Raylan angegriffen wurde, wie er in ihren Armen gestorben war. So etwas hatte sie schon einmal geträumt und zwar, als … Plötzlich packte sie die Hektik. Sie warf den Kamm so fest in das Bücherregal, dass es krachte, und riss die Türen zum Kleiderschrank auf. Hastig zog sie ein weißes Ordensgewand heraus und zog es sich über den Kopf. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihre langen Haare aus dem Kragen herauszuziehen und band den Gürtel nur provisorisch um ihre Hüften fest. Dann riss sie die Tür zu ihren Gemächern so fest auf, dass diese gegen das kleine Tischchen krachte und die Karaffe mit dem Wasser fast herunterfiel. Ihre Füße trugen sie schnell den schmalen Gang hinunter, vorbei am Garten und der Bibliothek nach draußen auf den Innenhof des Tempels. „Bringt mir mein Pferd! Schnell!“, rief sie und schon kurze Zeit später führte ein Stallbursche ihren schwarzen Hengst am Zügel herbei, während ein anderer Bursche im Laufen den Sattel auf seinem Rücken zu befestigen versuchte. Sie stellte einen Fuß in den Steigbügel und schwang sich auf den Rücken des Tieres. Kaum, dass sie saß, trieb sie es schon zu einem schnellen Galopp an. Der Hengst schnaubte, denn das schnelle Tempo kostete ihn in seinem fortgeschrittenen Alter mehr Kraft als ein junges, schlankes Pferd, aber seine Hufe trommelten unaufhaltsam weiter über die staubige Straße. Das Holz der Zugbrücke vor der Stadt erzitterte, als das Pferd darüber raste und die Wachen husteten, so viel Staub wirbelte es auf. Erst, als sie kurz vor dem Lager der Bruderschaft waren, zügelte Sanaha ihren Hengst. In dem Lager herrschte schon ein reges Treiben, aber sie konnte in der Morgendämmerung nirgends die Silhouette des Lords erkennen. Das beruhigte sie nicht gerade. Sollte sie recht behalten und er …? Nein, das durfte sie nicht denken. Sie schnalzte mit der Zunge und ihr Pferd trottete langsam los. Seine Brust hob und senkte sich noch heftig von dem langen Sprint hierher und der Schweiß rann seinen Hals hinab. Er trug seine Reiterin mit gesenktem Kopf und erschöpftem Schnauben zwischen den ersten Zelten hindurch in das Lager der Bruderschaft.

    „Lady Sanaha!“ Ein junger, schmal gebauter Mann – sie schätze ihn um die 25 – trat an die Flanke ihres Pferdes und tätschelte seinen Hals. Er wischte sich die Hand an der geflickten Hose ab und lachte: „Den habt Ihr aber ganz schön gehetzt? Was führt Euch zu uns?“ Er reichte ihr die Hand, um ihr vom Pferd zu helfen, und nahm ihr die Zügel aus der Hand. Da erst erkannte sie ihn. „Lord Merys! Ihr hier?“

    „Normalerweise nicht. Aber auch ich habe mir ein paar arbeitsfreie Tage verdient.“ Er wickelte die Zügel ihres Hengstes um eine Stange vor einem Zelt, an dem schon ein anderes Pferd angebunden stand. „Aber jetzt sprecht … Was führt solch hohen Besuch in unser bescheidenes Lager?“ Sie wurde rot und sagte: „Ich wollte zu Lord Raylan. Ich wollte wissen, wie es ihm geht.“

    „Er schläft noch“, sagte plötzlich eine Frau hinter ihr. Sie drehte sich um und erkannte Lady Kaynalá, die mit einem Korb an der Hüfte auf sie zukam. Darin waren weiße Leinenstreifen, Verbandszeug. „Ich wollte gerade nach ihm sehen.“

    „Darf ich das übernehmen?“, fragte Sanaha zögerlich, aber die Lady nickte.

    „Natürlich. Mir ist in letzter Zeit sowieso immer übel. Ich glaube nicht, dass ich den Anblick einer solchen Wunde jetzt ertragen könnte.“ Sanaha nahm den Korb von ihr entgegen und schlüpfte durch den schmalen Eingang in das Zelt. Der süßliche Gestank entzündeten oder verrottenden Fleisches stach ihr gleich in der Nase und sie rümpfte sie angewidert. Dennoch schlich sie geduckt auf den schlafenden Raylan zu, achtsam, sich nicht den Kopf an den herunterhängenden Körben und Töpfen zu stoßen. Sie stellte den Korb neben der schmalen Pritsche ab, auf der er schlief, und ging neben ihm in die Knie. Er sah friedlich aus und seine Brust hob und senkte sich ruhig. Erleichtert atmete sie tief aus. Ihre Vermutung, besser gesagt ihr Traum, hatte sich nicht bewahrheitet. Er war am Leben. Sie nahm sich eine dünne Decke, setzte sich auf den klammen Erdboden, der so früh morgens noch kalt war, und stützte ihr Kinn mit den Knien. Ihre Arme verschlang sie vor den Beinen. So starrte sie ihn eine Weile an, bis er sagte: „Wenn Ihr fertig seid damit, mich anzustarren – Sagt Ihr mir dann, wieso Ihr hier seid?“ Sie zuckte vor Schreck zusammen und piekte ihm mit dem Finger in die Seite.

    „Ihr seid wach!“ Peinlich berührt lief sie erneut rot an und wandte den Blick ab. Raylan schlug die Augen auf und lachte.

    „Wieso seid Ihr hier, Lady Sanaha?“

    „Ich wollte nach Euch sehen“, gab sie zu. „Eure Mutter gab mir frisches Verbandszeug für eure Wunde. Sie meinte, sie könne das nicht tun, weil sie in anderen Umständen sei. Also bot ich mich an.“

    „In anderen Umständen?“ Raylan rappelte sich auf und stützte sich auf die Ellenbogen ab. Aber als ein stechender Schmerz durch seine Schulter ging, fiel er gleich zurück auf die Pritsche und sog scharf die Luft ein.

    „Schont Euch lieber“, riet Sanaha ihm und fing an, den blutigen Verband von seinem Oberkörper zu lösen. Sie half ihm, sich aufzusetzen und wickelte den Mull um ihn herum, bis die Wunde zum Vorschein kam. Das Gewebe um die verletzte Stelle herum war etwas gerötet, aber es sah nicht entzündet aus. Vielleicht stammte dieser süßliche Geruch gar nicht von ihm. Sie holte den Topf mit dampfendem Wasser, den sie schon beim Hereinkommen gesehen hatte, vom Feuer und tauchte eines der Leinentücher darin ein. Vorsichtig tupfte sie damit um die Wunde herum und entfernte das eingetrocknete Blut von seiner Haut.

    „Ihr müsst das nicht tun“, sagte Raylan und griff nach ihrer Hand. „Ich kann selbst …“

    „Nein“, unterbrach sie ihn. „Es ist meine Schuld, dass Ihr verletzt seid. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“ Sie entzog ihre Hand seinem festen Griff und tauchte das Tuch erneut in das heiße Wasser. Sein Blick folgte ihr, während sie das restliche Blut wegwischte und die Haut um die Wunde herum trocken tupfte.

    „Ihr macht das gut“, flüsterte er und legte einen Finger unter ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. Sein Gesicht näherte sich ihrem und der Blick in seinen grauen Augen war so intensiv, dass er sie ganz in seinen Bann zog. Sie öffnete leicht die Lippen und spürte schon seinen Atem an ihrem Hals. „Lord Raylan …“, hauchte sie.

    „Ja?“, fragte er mit verführerischer Stimme. Sie hob ihr Kinn und der Druck seines Fingers verschwand. Sanft drückte sie ihn von sich weg. Das war nicht richtig.

    „Ihr seid wohl in einem Delirium, weil Ihr so viel Blut verloren habt. Lasst mich euren Verband fertig anlegen. Dann solltet Ihr euch wieder schlafen legen.“ Ein Funke der Enttäuschung blitzte in seinen Augen auf und er lehnte sich zurück. Während sie die frischen Leinentücher um seinen Oberkörper wickelte, sagte er kein einziges Wort.

    „So, fertig.“ Sie klopfte ihm auf den Oberarm und warf die schmutzigen Verbände in den leeren Korb. Dann wurde ihr Blick traurig. „Es tut mir leid, dass Ihr meinetwegen verletzt seid. Das wollte ich nicht.“ Eine Träne kullerte über ihre Wange, aber Raylan fing sie auf, bevor sie auf ihr Kleid tropfen konnte. Ein Kribbeln breitete sich dort aus, wo er sie berührt hatte.

    „Grämt Euch deswegen nicht. Es ist nicht eure Schuld.“

    „Ihr seid für mich zum König – durch die Stadt – geritten. Wer, wenn nicht ich, ist schuld daran, dass Euch das zugestoßen ist?“

    Raylan sah sie verständnislos an. „Ich würde es wieder tun. Für Euch würde ich alles tun.“ Sanahas Augen wurden groß, aber sie schluckte eine Antwort, besser gesagt ihre Versuchung, hinunter und stand auf.

    „Ihr solltet Euch jetzt ausruhen.“, stotterte sie und verließ das Zelt. Als die schwere Matte über den Eingang hinter ihr fiel, atmete sie tief aus. Beinahe hätte sie sich zu etwas verleiten lassen, dass sie später nur bereut hätte.

    „Lady Sanaha, so wartet doch!“ Sie ignorierte seinen Ruf nach ihr und hastete weiter.

    Kaum, dass sie sie entdeckt hatte, kam Lady Kaynalá auf sie zugeeilt. „Geht es ihm gut?“, fragte sie besorgt.

    „Ja.“ Sanaha nickte und gab ihr den Korb mit den blutigen Verbänden. „Er wird wieder.“ Dann ging sie an ihr vorbei zu ihrem Pferd. Sie wollte jetzt nur noch schnell weg von hier. Sie band ihren Rappen los und schwang sich auf seinen Rücken. Er trug sie in einem flotten Trab den Weg hinunter in Richtung der Stadt.

    Lady Kaynalá sah ihr verwirrt hinterher. Wieso hatte die Hohepriesterin es auf einmal so eilig, von hier wegzukommen?

    Gleich darauf stolperte ihr Sohn aus dem Zelt, die Hand auf die Brust gedrückt. Er keuchte heftig und sah sich hektisch um. „Wo ist sie?“

    „Wer?“, fragte sie. „Die Hohepriesterin? Die ist schon weg.“ Enttäuscht sackten die Schultern des stämmigen Mannes nach unten. Er hatte gehofft, sie noch zu erwischen.

    „Ich muss in die Stadt.“ Er schnappte sich die Zügel seines Pferdes, das immer noch neben dem Zelt angebunden war, und hatte schon einen Fuß im Steigbügel, als er zurückgerissen wurde. Wütend drehte er sich um und blickte in das Gesicht eines der älteren Mitglieder der Bruderschaft.

    „So könnt Ihr nicht reiten!“, rief dieser und deutete auf Raylans verbundene Schulter.

    „Ihr wagt es, mich aufzuhalten?“, fragte Raylan zornig.

    „Ja“, antwortete der ältere Mann hocherhobenen Hauptes. „Ihr seid zwar unser Anführer, Lord Raylan, aber die Weisheit, die wir Euch gelehrt haben, verlässt Euch manchmal. Geht hinein und kuriert Euch aus.“ Der, dessen Haar schon grau wurde, trat in die stickige Hitze des Zeltes ein. Missmutig folgte Raylan ihm. Der Greis hatte sich schon auf einer der Bänke um das Feuer herum niedergelassen, als er an ihn herantrat. Er malte mit einem Stock seltsame Zeichen in den erdigen Boden vor seinen Füßen. „Ihr werdet später noch viel Zeit haben, die Gunst von Lady Sanaha zu gewinnen, Lord Raylan. Doch vorerst denkt an eure eigene Gesundheit. Ihr habt euer Leben schon einmal für sie aufs Spiel gesetzt. Lasst nicht zu, dass sie wegen eures Übermutes eines Tages um Euch trauern muss.“ Der Alte stand auf, klopfte ihm mit einer von der vielen Arbeit schwieligen Hand auf die gesunde Schulter und sagte: „Sie wird Euch noch brauchen.“ Dann verließ er das Zelt und der schwere Stoff fiel hinter ihm über den Eingang, sodass nur Raylan und die Schatten zurückblieben, die an den Wänden des Zeltes tanzten.

    Fortsetzung Kapitel Fünf:


    Dann schritt sie über den weitläufigen Hof, vorbei an dem großen Baum mit den blauen Blättern, und verschwand in den Schatten des Säulenganges. Ihr Weg führte sie vorbei an den zahlreichen Zimmern der Priesterinnen, den Gebetsräumen und der Bibliothek. Gegenüber dieser befand sich der Garten des Tempels, in dem sie normalerweise die meiste Zeit des Tages verbrachte. Nur heute hatte sie ihn noch gar nicht besucht. Sie legte die Schuhe ab und betrat den Garten. Sie spürte die weiche Erde zwischen ihren Zehen und vergrub diese darin. Genüsslich schloss sie die Augen und saugte den Duft der vielen Blumen in sich auf, bevor sie ausatmete und alle Anspannung, die sie in sich trug, ablegte. Sie wanderte an den Feuerblumen vorbei und ließ sich auf der schmalen steinernen Bank nieder, die inmitten des Blütenmeeres stand. Jetzt, wo alle Pflanzen sprossen und in den herrlichsten Farben blühten, war die schönste Zeit, um den Garten zu besuchen. Normalerweise trug sie immer ein Buch bei sich, aber heute ließ sie einfach nur die Schönheit ihrer Umgebung auf sich wirken. Sie verschränkte die Beine auf der Bank und legte den Kopf in den Nacken. Über ihr verbanden sich die Feuerblumen mit den Eisblumen zu einem Bogen. Ein Blütenblatt rieselte herunter und fiel ihr in den Schoß. Sie hob es auf und betrachtete es genauer. An seinem Grund war es blau, aber an seiner Spitze rot gefärbt. Es schien, als würden sich die beiden Arten zu einer verbinden. So fasziniert von der Einzigartigkeit des Blattes merkte sie nicht, wie sich ihr jemand von hinten näherte.

    „Hohepriesterin“, sagte eine weibliche Stimme und sie drehte sich abrupt um.

    „Naheya!“, rief Sanaha. „Was gibt es?“

    „Verzeiht, Ich wollte Euch nicht stören. Aber heute Nachmittag, als Ihr fort wart, fanden wir etwas vor den Toren des Tempels. Wir wollten warten, bis Ihr hier seid.“

    Jetzt wurde sie hellhörig. „Was habt ihr gefunden?“

    Schweigend drehte sich Naheya um und lief voraus. Sanaha folgte ihr dicht auf den Fersen. Was es wohl war, das ihre Schwestern vor den Toren des Tempels gefunden hatten?

    Als sie in der großen Halle ankamen, standen alle Priesterinnen der Iara versammelt um die Statue der Göttin und hielten die Köpfe gesenkt. Ein leises Flüstern drang an Sanahas Ohr, sie beteten. Als sie jedoch die Schritte vernahmen, die sich näherten, verstummten ihre Stimmen und sie wandten sich ihr zu. Die zwei Priesterinnen, die mittig vor der Statue standen, wichen zurück und machten einen Durchgang frei. Sanaha konnte nur einen Tisch erkennen, der jetzt davor aufgestellt war. Vorsichtig machte sie ein paar Schritte auf ihre Tempeldienerinnen zu und blieb in ihrer Mitte stehen. Ihr Mund klappte vor Staunen weit auf, als sie erkannte, was dort auf dem Tisch in einer Wiege lag.

    „Ein Kind?“, fragte sie überrascht und drehte sich um, sodass sie in die Gesichter ihrer Schwestern blicken konnte. „Woher stammt es?“

    „Wir wissen es nicht, Hohepriesterin“, antwortete Naheya leise. „Es lag vor den Toren des Tempels. Allein. Wir bemerkten es erst, als es anfing, fürchterlich zu schreien.“

    Sanaha fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und strich sich die langen schwarzen Haare zurück. „Welche Überraschungen mag der heutige Tag noch bringen?“

    „Was meint ihr, Hohepriesterin?“, fragte eine der anderen. Sanaha lächelte müde und sagte: „Kommt. Ich erzähle es euch beim Abendessen.“

    Gemeinsam mit ihren Schwestern nahm sie im Speisesaal an einem langen Tisch Platz. Eine von ihnen nahm das Kind zu sich und fütterte es mit der lauwarmen Milch einer Ziege, etwas anderes hatten sie nicht. Nachdem sie gegessen hatten und alle satt waren – auch das Kind – erhob sich Sanaha und räusperte sich, um die Aufmerksamkeit ihrer Schwestern zu bekommen. „Ich möchte mit euch über das sprechen, was heute geschehen ist. Euch allen ist sicher nicht entgangen, dass Hohepriester Jedan mich heute aufgesucht hat. Einige von euch haben mein Gespräch mit ihm gehört. Ich will ehrlich zu euch sein. Der Grund, warum er hier war, dieser …“ Sie unterdrückte, was sie sagen wollte, und schluckte es hinunter. „Er war hier, weil ich etwas habe, was er braucht. Lord Raylan von Akemaris, der Anführer der Bruderschaft, brachte mir heute Morgen dies hier.“ Sie hielt die Schriftrolle mit der Botschaft hoch, dass alle sie sehen konnten. „Es ist eine Botschaft an Hohepriester Jedan, geschrieben vom dunklen König.“ Als sie den Namen des dunklen Königs aussprach, ging ein entsetztes Raunen durch die Reihen ihrer Schwestern. „Ein Bruderschaftler hat einen Raben abgeschossen, der sie bei sich trug, und Lord Raylan gab sie mir. Zu diesem Zeitpunkt, als er sie mir gab, wusste Hohepriester Jedan bereits, dass ich sie hatte. Er wartete auf mich und gleich, nachdem Lord Raylan gegangen war, machte er mir seine Aufwartung. Er drohte mir, dass, wenn ich ihm die Botschaft nicht zurückgeben würde, schlimme Dinge geschehen würden. Er sagte, es gäbe Dinge, die ich nicht aufhalten könnte.“ Sie seufzte. „Ich weiß nicht, was er gemeint hat. Aber seine Anhänger haben in der Stadt schon auf Lord Raylan gewartet. Sie haben ihn angegriffen und schwer verletzt. Was auch immer Hohepriester Jedan vorhat, er wird alles tun, um es zu erreichen.“ Sie setzte sich und strich die Tischdecke sorgfältig glatt. Als sie wieder in die Runde blickte, waren ihre Augen voller Tränen und sie flüsterte: „Niemand darf etwas davon erfahren. Hört ihr?“

    Ihre Schwestern nickten stumm, in ihren Gesichtern lag ein erschrockener Ausdruck. Sie hatten Angst. Und sie konnte es ihnen nicht verübeln. Sie selbst hatte es den ganzen Tag lang verdrängt, aber jetzt holte die Angst auch sie ein. Aber sie versuchte, sie hinunterzuschlucken. Sie durfte keine Angst haben, sie musste stark sein, um gegen ihren Feind bestehen zu können.


    Aber als sie in ihre Gemächer ging, zitterten ihre Hände doch. Sie griff nach der Karaffe, die auf dem kleinen Tischchen in der Ecke stand, und goss sich ein Glas Wasser ein. Sie trank es in langsamen Schlucken, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Ereignisse des heutigen Tages überschlugen sich in ihrem Kopf. Jedan, der ihr drohte – der Streit mit ihrem Vater – und am schlimmsten: Dass Lord Raylan, der ein guter alter Freund von ihr war, ihretwegen verletzt worden war. Sie stützte sich mit einer Hand auf ihrem Schreibtisch ab und zog den marmornen Hocker darunter hervor. Müde setzte sie sich darauf und schlug ihr den Rock ihres weißes Kleides, dessen Saum braun vom Schmutz der Stadt war, zwischen ihre Knie. Mit den Fingern, die immer noch zitterten, holte sie die Schriftrolle mit der Botschaft aus dem Ledertäschchen an ihrem Gürtel und rollte sie auf. An einer Stelle war das Pergament schon eingerissen.


    Die Zeit ist gekommen. Unsere Macht wurde lange genug unterdrückt. Ich werde Euch bei eurem Vorhaben helfen.


    Sie flüsterte den Text leise vor sich hin. Wofür war die Zeit gekommen? Und von welchem Vorhaben sprach der dunkle König? Was plante Hohepriester Jedan?

    Es klopfte an der Tür und sie erschrak. Kurz darauf steckte das Mädchen, das sie vor ein paar Jahren in die Gemeinschaft des Tempels aufgenommen hatte, ihren Kopf durch die Tür. Sanaha lächelte. „Nayla. Komm rein, Liebes.“ Sie rutschte ein Stück nach rechts und klopfte neben sich auf den Hocker. „Setz dich zu mir.“ Das junge Mädchen hüpfte zu ihr und plumpste auf die Bank.

    „Du, Naha?“ Sanaha musste schmunzeln. Als Nayla zu ihnen gekommen war, hatte sie gerade einmal gelernt, zu sprechen, und es nie geschafft, ihren Namen richtig zu sagen. Seitdem nannte sie sie nicht Sanaha, sondern Naha. Aber es störte sie nicht im Geringsten, es gab ihr ein Gefühl der Vertrautheit zu dem Kind.

    „Ja, Liebes?“ Nayla verschränkte betreten die Arme zwischen ihren Beinen und wagte nicht, sie anzusehen.

    „Dieser Mann …“, wisperte das Kind mit seiner hohen Stimme, „Er hat mich gesehen. Er macht mir Angst.“ Sie schlang ihre Arme um Sanaha und verbarg ihr Gesicht in dem weichen Stoff des Kleides. „Er … Er sieht aus wie ein Todesengel.“ Sanaha runzelte besorgt die Stirn. Ein Todesengel? Tränen drangen in die Augen des Mädchens, als sie zu ihr hochblickte. „Bringt er uns den Tod?“, schluchzte sie.

    „Nein, Liebes.“ Sie strich beruhigend über das seidige Haar des Mädchens, aber ihr Blick war starr. Was, wenn Nayla recht hatte und Jedan ihnen den Tod bringen würde? Sie las noch einmal die zwei Zeilen der Botschaft, die nicht verschlüsselt waren. Macht. Dieses Wort brannte sich in ihre Gedanken. Meinte er …? Nein, das konnte nicht sein. Sie verdrängte den Gedanken schnell wieder.

    „Nayla?“, flüsterte sie, aber sie bekam keine Antwort. Sie neigte den Kopf und sah, dass das Mädchen eingeschlafen war. Sanft wischte sie ihr eine Träne, die ihrem Auge entflohen war, von der Wange und drückte sie an sich. Mit dem Kind im Arm erhob sie sich vorsichtig, um es nicht zu wecken, und trug es hinüber zu ihrem Bett, wo sie es behutsam auf die schmale Matratze bettete. Sie deckte es zu und strich ihm noch einmal über sein Haar. Dann ging sie hinüber zu ihrem Schreibtisch und schloss die Botschaft im obersten Schub ein. Dort war sie gut verwahrt. Sie drehte den Schlüssel vorsichtshalber zweimal herum und versteckte ihn im Bücherregal, an einer Stelle, die nur sie kannte. Das war eine Kerbe in dem maroden Holz, die sich mit dessen Alter dort gebildet hatte. Dann löste sie den Gürtel mitsamt dem Lederbeutel von ihrer Hüfte und breitete ihn auf der Sitzbank aus. Ihr Kleid streifte sie sich über den Kopf und faltete es sorgfältig, bevor sie es danebenlegte. Sie würde es morgen früh einer ihrer Schwestern mitgeben, damit sie es wusch. Nun schlüpfte sie noch in ihr schlichtes blaues Nachtgewand und zog die Vorhänge zum Fenster hin zu. Leise kletterte sie in das Bett, um das Mädchen nicht zu wecken, und schloss die Augen.

    Kapitel Fünf, Teil Eins:


    „Hohepriesterin.“ Sanaha drehte sich überrascht um, als sie die Stimme eines alten Bekannten hörte. Vor ihr stand der äußerst beleibte Münzenbewahrer ihres Vaters, wie immer mit einem Kelch Wein in der Hand. Sie lächelte bei seinem Anblick, obgleich sie in Wahrheit sehr betrübt war. Sie hatte heute einen guten Freund in große Gefahr gebracht, das würde sie sich lange nicht verzeihen.


    „Welch eine Freude Euch zu sehen, Lord Vaeneys. Das letzte Mal ist lange her.“


    „Wahrlich. Ihr wart ja noch ein Kind, als Ihr dem Tempel eure Treue schwort. Doch jetzt seid Ihr eine wahrhaft stattliche junge Dame, Prinzessin Sanaha.“


    „Euer Lob ehrt mich, Lord Vaeneys. Doch ich fürchte, ich muss jetzt gehen.“ Ihr Blick wanderte erneut über den großen Hof der Burg unterhalb der Treppen, auf dem sich nicht mehr viel regte. Nur ein Stallknecht huschte noch wie ein Schatten über den Hof. Das war kein Wunder, denn die Dunkelheit legte sich schon über das Land.


    „Ihr geht?“, fragte der Lord verwundert. „Die Stadt ist nachts kein sicherer Ort. Ihr solltet nicht allein durch die halbe Stadt zu eurem Tempel reiten, Mylady.“


    „Sie ist nicht allein, Lord Vaeneys.“ Ein in grüne Seide gehüllter Mann trat aus dem Schatten einer Säule an sie heran.


    „Lord Thelion.“ Etwas genervt verdrehte der Münzenbewahrer die Augen und machte ein paar Schritte weg von ihm. Der junge Mann ignorierte die Abneigung gegen sich und verbeugte sich tief vor der Hohepriesterin. Er hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken und sagte: „Es wäre mir eine Ehre, Euch nach Hause zu geleiten, Lady Sanaha.“ Er reichte ihr seine von einem braunen Lederhandschuh bedeckte Hand und führte sie die Stufen hinunter, bis auf den Burghof. Mit einer Handbewegung rief er einen Stallburschen herbei, der ihnen sofort ihre Pferde brachte. Sanahas schwarzer Hengst schnaubte, es war sein Willkommensgruß an sie. Sanft tätschelte Sanaha dem Hengst den Hals und griff nach den Zügeln. Sie ließ sich von Lord Thelion in den Sattel helfen. Dessen Hände lagen ziemlich tief auf ihren Hüften, als er sie hineinhob. Das Leder seines eigenen Sattels knarzte, als er aufstieg und sein Pferd neben ihres trieb. Sein Hengst schnaubte aufgeregt und auch ihrer wieherte, er war andere Hengste in seiner Nähe nicht gewohnt.


    „Sagt mir, Lady Sanaha – Wieso arbeitet Ihr mit einem Bruderschaftler zusammen? Seid Ihr nicht zu alt, um gegen den Willen eures Vaters zu rebellieren?“


    „Seid Ihr nicht zu fremd, um so anmaßend mit mir zu sprechen?“, erwiderte sie kühl und trieb ihr Pferd zum Schritt an. „Ihr wolltet mich begleiten, aber ich bedarf eurer Lehren nicht.“


    „Weshalb kamt Ihr, um euren Vater zu sehen?“


    „Darf eine Tochter ihren Vater nicht sehen?“ Sie sah ihn mit forschendem Blick an. Dieser Lord war zu neugierig.


    „Ihr seid nicht ohne Grund in die Burg gekommen, ebenso wenig wie dieser Bruderschaftler ohne Grund dort gewesen ist. Er kam in eurem Auftrag, das sagte er. Worum ging es bei diesem Auftrag?“


    „Ihr seid neugieriger, als es gesund für Euch ist, Mylord. Zügelt Euch. Reitet zurück zur Burg, ich bedarf eurer Dienste nicht länger.“ Mit diesen Worten trieb sie den Rappen zu einem langsamen Galopp an und ließ den Lord ziemlich enttäuscht hinter sich zurück. Zum Tempel war es ohnehin nicht weit von der Burg aus und auf die Gesellschaft eines penedranten Adligen wie diesem konnte sie getrost verzichten. Verärgert zog sie zu hart an den Zügeln und der Hengst schlug mit dem Kopf. Sie kannte Lord Thelion von ein paar Festen, die in der Burg stattgefunden hatten, und eigentlich hatte sie ihn immer gemocht. Aber heute war ihr seine neugierige Art einfach zu viel geworden. Außerdem wusste sie nicht, ob sie ihm vollends vertrauen konnte.


    Schon bald breitete sich das Tempelgelände wie eine Feuerschlange vor ihr aus. Am Tor, das in den Hof des heiligen Hauses führte, waren bereits die Feuerschalen entzündet worden, deren heller Schein sich an dem weißen Marmor der Mauern widerspiegelte. Auch an den Mauern rund um das Tempelgelände waren die Feuer wie jede Nacht zu Ehren ihrer Göttin entzündet worden. Die große Kuppel des Tempels selbst erschien in all diesem rötlich gelben Licht wie das Zentrum des Universums. Denn das war sie, für sie war der Tempel mit der großen Statue das Zentrum ihres Lebens. Als sie durch das Tor geritten kam, fand sie den Platz komplett leer vor. Natürlich, denn ihre Schwestern waren zu diesem Zeitpunkt in der großen Halle, um zu beten. Sie ließ sich von ihrem Pferd gleiten und reichte einem Stallburschen seine Zügel.

    Ja ... Kapitel Vier hatte noch kein gutes Ende, wie ich finde, also habe ich die Idee gehabt, ein Lied wär doch ganz gut. WARUM AUCH IMMER. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es so gut ist, wohl eher nicht ... (gleich noch zur Info, ich hab nicht auf Metrik und sonstige Sachen geachtet)

    Aber hier ist das Ende von Kapitel Vier:





    Raylan lenkte sein Pferd aus der Stadt hinaus. Es war Zeit für ihn, zum Lager der Bruderschaft zurückzukehren, denn die Nacht hielt allmählich ihren Einzug über das Land. Der Pfad zum Lager war steinig und jeder unregelmäßige Schritt der Stute stach wie ein erneuter Dolchstoß in seiner Schulter. Das Vorderbein des Pferdes knickte bei jeder noch so kleinen Unebenheit weg und die Stute schnaubte qualvoll. „Oh, mein Mädchen“, seufzte Raylan und schwang sich von ihrem Rücken. „Was für ein trauriges Bild wir doch heute abgeben, nicht wahr?“ Er fuhr mit der Hand durch ihre seidig weiche Mähne und lehnte seine Stirn an ihre. Ihr warmer Atem drang in sein Hemd und gab ihm ein Gefühl der Geborgenheit an diesem seltsamen Tag. Für einen Moment hielt er so inne, dann führte er sie am Zügel weiter in Richtung des Lagers. Es war nicht mehr weit. Sie humpelte und er hielt seinen Arm schonend an seine Brust gedrückt.


    Schon bald breiteten sich vor ihm die Zelte aus, in denen seine Sippe lebte. Er führte die Stute zwischen zweien davon hindurch und band sie mit dem gesunden Arm an eine Stange vor dem rechten Zelt, in dem er lebte. Kaum hatte er sie festgebunden, streckte auch schon eine Frau ihren brünetten Schopf aus dem Eingang des Zeltes. Seine Mutter.

    „Raylan, mein Sohn!“, rief sie erleichtert. „Ich dachte schon, Ihr …“ Dann entdeckte sie, dass er seinen Arm komisch angewinkelt hielt und setzte sofort ein besorgtes Gesicht auf. Sie packte den Kragen seines Hemdes und zog es zur Seite, sodass der weiße Verband deutlich zum Vorschein kam. „Was ist passiert?“, fragte sie schockiert.

    „Lasst uns hinein gehen, dann erzähle ich Euch alles.“ Er schob seine Mutter mit der gesunden Hand in das Zelt und folgte ihr. Die schwere Vorlage fiel auf den rechteckigen Eingangsbereich und schirmte die Dämmerung draußen ab. Aber im Inneren der Behausung war es bis auf den Schein des Feuers auch nicht anders. Raylan setzte sich auf eine der schmalen hölzernen Bänke am Feuer und nahm einen Schluck von dem Gebräu, das auf dem Rost über den Flammen stand. Er seufzte wohlig, als die warme Flüssigkeit seine Kehle hinunter rann und seinen Bauch mit einer angenehmen Hitze erfüllte. Seine Mutter, Kaynalá war ihr Name, schob die andere Bank ein wenig zurück, bevor sie sich breitbeinig daraufsetzte. Mit einer Hand rückte sie einen Eimer, der übel roch, zu sich heran. Raylan rümpfte angewidert die Nase. „Mutter?“

    „Verzeiht, mein Sohn. Mir ist heute den ganzen Tag schon so übel.“ Sie machte eine kurze Pause und schluckte. „Aber was ist mit Euch? Was ist da passiert?“ Sie deutete auf den blutigen Fleck auf seiner Schulter.

    Raylan zögerte. Wie viel konnte – sollte er ihr erzählen? „Es … Ich wurde in der Stadt angegriffen. Mutter …“ Nein, er würde ihr nicht erzählen, dass er seinen Bruder getötet hatte. Seine Mutter wartete immer noch darauf, dass ihr ältester Sohn nach Hause zurückkehrte. Das konnte er ihr nicht antun. „Mutter, ich werde mich hinlegen. Es war ein langer Tag.“ Er stand auf und hauchte seiner Mutter einen Kuss auf die Stirn. „Schlaft gut.“

    Er spürte den besorgten Blick seiner Mutter auf sich, als er sich von ihr abwandte. Mit einer Hand streifte er sich das blutige Hemd über den Kopf und warf es in eine Ecke des Zeltes. Das einfache Bettgestell krachte, als er sich darauf fallen ließ. Er starrte noch eine Weile an den Himmel des Zeltes und hörte, wie seine Mutter weinte. Er hörte, wie sie aufstand und durch das Zelt schlurfte. Er drehte den Kopf nach links und sah, wie sie sein zerrissenes Hemd aufhob. Sie wanderte damit zurück zum Feuer und warf es hinein. Kurz loderten die Flammen auf, während sie sich durch den dünnen Stoff fraßen, und seine Mutter begann, zu singen. Raylan schloss die Augen und genoss die herrliche Stimme der Frau, die ihn großgezogen hatte. Das Lied, das sie sang, war traurig. Es war das Lied des schwarzen Drachen. Aber dennoch liebte er das Lied, denn sie hatte es ihm schon immer vorgesungen, als er noch ein kleines Kind gewesen war. Er hatte sich wahnsinnig gefürchtet dabei, aber er hatte gewusst, bei seiner Mutter konnte ihm nichts passieren.



    „Hm hm hm hmmmm…

    Hm hm hm hmmmm…


    Der schwarze Drache

    Er kommt über das Meer

    Sein Feueratem

    Vernichtet jedes Heer.


    Hm hm hm hm hmmmm …

    Hm hm hm hm hmmmm …


    Geritten von ihm

    Dem schwarzen Prinzen

    Entkommt ihm niemand

    In diesem Land.


    Hm hm hm hm hmmmm …

    Hm hm hm hm hmmmm …


    Wenn er dich findet,

    deine Seele entschwindet

    Wie ein Licht,

    das die Dunkelheit nicht durchbricht.


    Hm hm hm hm hmmmm …

    Hm hm hm hm hmmmm …


    Und wenn er kommt

    Sich zu holen,

    was ihm wurd´ gestohlen


    Hm hm hm hm hmmm …

    Hm hm hm hm hmmm …


    Wird sein Feuer uns alle richten

    So wie es geschrieben steht

    In den alten Geschichten


    Hm hm hm hm hmmm …

    Hm hm hm hm hmmm …


    Tod wird er bringen

    Wenn er kommt über das Meer

    Und seine Ahnen singen

    Wenn er vernichtet jedes Heer.


    Hm hm hm hm hmmm …

    Hm hm hm hm hmmm …



    Wie seine Mutter den Refrain des Liedes noch einmal sang, hörte er nicht mehr. Er war längst in die Welt der Träume hinüber gewandert.

    In dieser Nacht träumte er davon, dass der dunkle Prinz über das Land hereinfiel und ein Krieg ausbrach, den sie nicht gewinnen konnten.

    Fortsetzung Kapitel Vier: (ein längeres Kapitel, ich weiß)

    -> bei dem Teil bitte ich um eure ehrliche Meinung, weil ich echt nicht sicher bin, ob ich das so lassen kann oder ob es unlogisch ist!



    „Nun?“

    Mit einem lauten Knarzen öffneten sich die Tore zum Thronsaal und der Heiler stolperte herein. Verwirrt – und gleichzeitig erleichtert, weil er so für einen Moment um eine Antwort herumkam – drehte Raylan sich um. Mit einer Hand hielt der alte Mann seine Kutte hochgerafft und mit der anderen schleppte er die schwarze Rüstung, die Raylan gehörte.

    „Ihr habt eure Rüstung vergessen, mein Herr!“ Raylan marschierte ihm entgegen und bückte sich, um nach dem Leder zu greifen, das auf dem Boden dahin schliff. Dabei rutschte die Kette aus seinem Hemd und der Anhänger baumelte in der Luft. Das entging dem König nicht. Dessen Augen verzogen sich zu Schlitzen, als er den Anhänger erkannte.

    „Ihr … Ihr seid von der BRUDERSCHAFT!“, brüllte der König und raste die Treppen hinunter auf ihn zu – wie ein Wirbelwind, voller Zorn. Er packte Raylan am Kragen und drückte ihn gegen eine der Säulen des Thronsaales. „Euresgleichen sind in meinen heiligen Hallen nicht willkommen! Ihr seid ein Verräter!“ Fetzen von Spucke wurden in Raylans Gesicht geschleudert, als der König ihn anschrie. „Wachen! Nehmt diesen Verräter fest!“ Männer in silbernen Rüstungen eilten herbei und packten ihn, hielten seine Arme hinter seinem Rücken fest, dass es schmerzte. Vor allem in seiner verletzten Schulter brannten höllisch die Schmerzen und er atmete schwer. Er konnte spüren, wie es unter dem verletzten Fleisch pochte und roch das Blut, das den Mullverband wieder rot färbte. Er wurde auf die Knie gezwungen und fühlte, wie sich eiserne Ringe um seine Handgelenke legten. Mutlos senkte er den Kopf. Es war ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Er hätte lieber an seiner Verletzung sterben sollen. Denn der Dank für seine Treue war jetzt Gefangenschaft.

    „Vater!“ Erneut schwangen die Tore in einem großen Bogen auf und die Hohepriesterin schwebte in ihrem weißen Kleid herein. Ein Schimmer der Hoffnung huschte über Raylans Gesicht, als er sie sah. Sanaha blieb abrupt stehen, als sie ihren Gefährten gefesselt in der Ecke knien sah. Auf ihrer Stirn bildete sich eine große Zornesfalte. „Was hat das zu bedeuten?“

    Der König sah seine Tochter voller Unverständnis an. „Wie könnt Ihr es wagen, mit diesem Verräter zusammenzuarbeiten?“, schrie er und baute sich vor der Hohepriesterin auf. Aber trotz der Tatsache, dass ihr Vater zwei Köpfe größer als sie war, ließ sich die Priesterin nicht von seiner ungestümen Art einschüchtern.

    „Verräter?“, sagte sie nur. „Ist es Verrat, eine Botschaft zu überbringen? Eine Botschaft, die vom dunklen König an Jedan Evayherys gerichtet ist! Das, Vater, ist kein Verrat. Es ist Treue, die Ihr offensichtlich nicht verdient habt!“ Der König keuchte entsetzt und stemmte erbost die Arme in die Seiten.

    „Ihr wagt es, mir zu sagen, was ich verdient habe?“

    Jetzt brüllte auch Sanaha. „Jawohl! Denn scheinbar könnt Ihr nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden! Dieser Mann dort“, sie deutete auf den Anhänger der Sekte, der auf dem Boden kniete, „ist euer Feind! Aber nicht dieser! Lord Raylan von Akemaris war Euch selbst treu, als ihr ihn verstoßen habt, genau wie seine Familie und seinen Orden! Seid Ihr wirklich so verblendet?“ Sie schlug vor Wut mit der Faust, in der sie die Botschaft hielt, gegen die Brust ihres Vaters, sodass dieser vor Schreck ein paar Schritte zurücktaumelte und sich die schmerzende Stelle rieb. Die kleine Schriftrolle fiel zu Boden und rollte in eine der Fugen zwischen den marmornen Fliesen. „Lasst ihn frei oder Ihr könnt euch meiner Unterstützung nicht mehr sicher sein!“ Sanaha eilte zu dem knieenden Raylan hinüber und wog sein Gesicht in ihren Händen. Der Blick in seinen Augen war getrübt, er wagte nicht, sie anzusehen.

    „Ich habe versagt, Hohepriesterin. Bitte vergebt mir.“

    Sanaha lächelte kurz unsicher, dann wurde ihr Blick wieder ernst. „Ihr habt nicht versagt. Ihr kamt für mich hierher, obwohl Ihr wusstet, wie gefährlich es für Euch war. Ihr wurdet verletzt. All das meinetwegen. Diese Schuld kann ich nicht begleichen.“ Sie erhob sich und wandte sich an ihren Vater. Aber jetzt sprach sie ruhig, beinahe flehend. „Lasst ihn frei.“

    Missmutig winkte der König mit den Händen und die Wachen lösten seine Fesseln. In seinem Gesicht spiegelte sich die Verärgerung darüber, von seiner eigenen Tochter so vor seinen Wachen behandelt worden zu sein. Aber er sagte nichts, er bedachte sie nur mit einem verächtlichen Blick. Raylan kämpfte sich mühselig zurück auf die Beine und versuchte, seine verletzte Schulter dabei so wenig wie möglich zu belasten.

    „Danke“, sagte Sanaha kurz angebunden und bückte sich nach der Schriftrolle. Sie streckte das Papier ihrem Vater hin, welcher es mit grimmigem Blick entgegennahm. Als er es genauer betrachtete, stellte er fest, dass das Siegel das der Familie von Dathenór war. Diese Botschaft stammte also wirklich vom dunklen König selbst.

    „Ihr sagt, sie war an Jedan Evayherys gerichtet? Eine Zusammenarbeit mit dem dunklen König wäre Hochverrat.“

    „Er ist ein Verräter, Vater“, knurrte die Hohepriesterin beinahe. „Es ist eure Entscheidung, was in dieser Sache zu tun ist. Ich jedoch werde weiter versuchen, die letzten Zeilen der Botschaft zu übersetzen. Sie enthalten eine Information, die wir nicht kennen sollen. Aber ich werde herausfinden, welche es ist.“

    „Tut das.“ Der König gab ihr die Schriftrolle zurück. „Und verzeiht, dass ich so harsch mit Euch sprach.“

    „Nein. Ich verzeihe Euch nicht. Ihr solltet darüber nachdenken, wer Eure wahren Feinde sind. Sonst habt Ihr bald niemanden mehr, der Euch unterstützt.“ Mit diesen Worten marschierte sie zielstrebig auf die Tore des Thronsaals zu - ja, stürmte in ihrer Wut beinahe aus dem Saal - und Raylan beeilte sich, hinterherzukommen.







    Was mich hier eben interessieren würde:

    - Ist das ok, dass der Heiler ihm da seine Rüstung bringt oder wirkt das zu gekünstelt?

    - Ist es legitim, dass Sanaha und der König da so streiten? Ich bin mir da nicht sicher, weil König vs. Priesterin

    bzw. Ist es zu übertrieben, dass Sanaha dem König ihre Unterstützung versagt, wenn er Raylan nicht freilässt? Und, dass der König so schnell nachgibt? Er hat ja einen ziemlichen Hass auf die Bruderschaft, ich dachte auch daran, dass er ihn vielleicht einsperrt.

    Fortsetzung Kapitel Vier:


    Er griff nach seinem Hemd und gerade als er es sich überstreifen wollte, wurde die Tür zu den Gemächern des Heilers aufgestoßen und eine Wache trat ein.

    „Heiler Maelech.“ Die silbern bemantelte Wache nickte mit dem Kopf zur Begrüßung. Sie wollte weitersprechen, aber dann erblickte sie Raylan und verstummte. Der Wachmann drehte sich um und wollte aus der Tür treten, aber Raylan sagte: „Bleibt. Ich wollte ohnehin gerade gehen.“ Mit diesen Worten marschierte er an der Wache vorbei hinaus aus den Gemächern des Heilers. Nachdem die eisenbeschlagene Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, zog er sich das Leinenhemd über den Kopf und sah sich um. Der Gang, in dem er stand, führte nur in eine Richtung – nach links. Also gut, dann da lang, dachte er sich und fing an, den schmalen Weg hinunterzulaufen. Als sich der Gang teilte, entschied er sich, nach rechts zu gehen. Er wich ein paar elegant gekleideten jungen Frauen aus, die ihn neugierig musterten und hinter vorgehaltener Hand tuschelten. Er aber ignorierte sie, denn jeden Schritt, den er machte, stach es in seiner Schulter und er war konzentriert, die Schmerzen auszuhalten. Von weiter vorne drang der laute Schall eines hitzigen Gespräches an seine Ohren und er ging instinktiv schneller. Vor ihm erstreckte sich plötzlich eine große freie Fläche, über deren marmornen Boden die Sonnenstrahlen in einem wilden Reigen tanzten. Abrupt blieb er stehen, überwältigt von der Schönheit des Platzes. Der Platz war von hohen Säulen umgeben, um die sich Efeu rankte. Auf der linken Seite des Platzes jedoch waren keine Säulen, dort schlossen sie an ein großes Tor an, das in den Thronsaal führte. Davor stand der König, der heftig mit einer anderen Person – Raylan schätzte, dass es ein Berater war – diskutierte. Zumindest schien der Mann von adligem Stand zu sein. Das verriet seine edel bestickte Kleidung.

    Er räusperte sich. „Verzeiht, mein König. Ich muss …“

    „Ah, Ihr seid aufgewacht.“ Mit einer Handbewegung schickte der König den Berater weg und sagte: „Der Hauptmann der Stadtwache hat mir von dem Überfall auf Euch berichtet. Wieso hatte man es auf Euch abgesehen?“

    „Ich komme im Auftrag eurer Tochter, mein König. Eine Botschaft wurde abgefangen, sie war an den Anführer der Kinder des Jenseits gerichtet. Die Hohepriesterin ist äußerst beunruhigt und denkt, dass er etwas plant.“

    „Meine Tochter? Sanaha?“ Erstaunt runzelte der König die Stirn. „Wieso kam sie nicht selbst zu mir?“

    „Sie wollte versuchen, die Botschaft zu entschlüsseln, Hoheit. Ein Teil davon ist in einer fremden Sprache verfasst.“

    Der bärtige Mann in den königlichen Gewändern griff beinahe instinktiv an den Anhänger um seinen Hals. Seine Finger schlossen sich so fest darum, dass die Knöchel weiß hervortraten. Und sein Blick war abwesend, als wäre er in einer anderen Welt. Er murmelte ein paar Worte in einer anderen Sprache, aber Raylan konnte nicht verstehen, was er sagte. Dann schüttelte er mit einem Mal den Kopf und sagte: „Folgt mir. Ich lasse meine Tochter zu mir rufen.“ Die Wachen öffneten die Tore zum Thronsaal, als der König ihnen zunickte und diese gingen mit einem bedrohlichen Knarzen nach innen auf. Vorsichtig setzte Raylan einen Fuß auf den Boden des Saals und flüsterte: „Der heilige Saal“. Diesen Namen trug der Thronsaal nicht umsonst – in ihm war der erste große König von Sabarien ernannt worden. Er, der die dunklen Götter einst verbannt und ihre Seelen tief unter dem Thronsaal in Gräbern eingesperrt hatte. Fasziniert schaute Raylan sich um – es war so lange her gewesen, dass er das letzte Mal einen Fuß in diesen Saal gesetzt hatte. Aber alles war noch wie immer. Während er dem König folgte, schossen zahlreiche Erinnerungen durch seinen Kopf. Er sah an eine Säule gelehnt seinen Vater, der sich angeregt mit dem Hauptmann der königlichen Wache unterhielt und dabei lachte. Und sich selbst als kleinen Jungen, der am Rock seines Vaters hing, um nichts zu verpassen. Seine Mutter unterhielt sich mit einer der Damen des Hofes über feine Stoffe und edle Düfte. Der neueste Tratsch wechselte die Besitzer und verbreitete sich. Es war, als wäre er wieder jung, ein Bursche von 10 Jahren, unschuldig und nichtsahnend. Raylan schüttelte den Kopf und die Erinnerungen verschwanden. So würde es nie wieder sein. Denn sein Vater war im letzten Krieg gegen das dunkle Königreich gefallen, als er versucht hatte, den letzten König zu beschützen. Als dann nach dem Krieg Edain von Noth König geworden war, hatte man ihn und seine Mutter verstoßen, zusammen mit allen anderen Mitgliedern der Bruderschaft. Man hatte sie aus der Stadt geworfen wie Gesindel – als hätten sie nie jahrhundertelang ihr Leben für den Schutz des Amuletts riskiert und gegeben, so wie sein Vater. Im Gegenteil. Man hatte ihnen die Schuld am Tod des Königs gegeben. Und daran, dass das Amulett fast in falsche Hände geraten war.

    Und jetzt stand er hier, im Auftrag der Hohepriesterin, um dem zu dienen, der seine Sippe verbannt hatte. Welch Ironie des Schicksals. Wieso tue ich das eigentlich? Er blieb stehen und seufzte. Obwohl sie verbannt worden waren, hatten sich die Ältesten seiner Bruderschaft immer noch der Königstreue verschworen. Seine Treue zum Königshaus hatte er wohl von ihnen übernommen, obwohl er manchmal großen Hass auf König Edain verspürte, das konnte er nicht leugnen. Aber Hass und Unmut waren der Ehre eines Mannes nicht zuträglich. Er unterdrückte die aufkommende Wut.

    „Kommt ihr?“, rief der König, der mittlerweile auf seinem Thron Platz genommen hatte. Er sah wahrlich imposant aus auf dem mit Blättern und Rosen verzierten Thron. Eine Wache, die hinter ihm stand, verschwand nun die Stufen hinunter und verließ den Saal. Und vor den Stufen, die zu dem großen Stuhl hinaufführten, kniete ein Mann in einer schwarzen, verdreckten Kutte. Raylan erkannte ihn sofort wieder. Es war der Mann, der ihn als erstes attackiert hatte. Der, dem seine Stute die Rippen gebrochen hatte. Stumm blieb er ein paar Schritte von ihm entfernt stehen und schaute hoch zum König. „Dieser Mann ist der Einzige, der den Angriff auf Euch überlebt hat. Seine Rippen sind gebrochen. Der Heilungsprozess wird schmerzhaft werden, wenn er überhaupt so lange lebt. Aber …“ Der König erhob sich. „Ich frage mich … Wie konntet Ihr einen Kampf gegen eine Überzahl von drei Männern gewinnen?“

    „Glück, mein König?“

    „Nein“, dieser schüttelte den Kopf, „Das glaube ich Euch nicht. Ihr habt einen der Männer mit bloßen Händen getötet. Dies gelingt keinem einfachen Mann. Wer seid Ihr?“ Raylan stockte. Wenn der König herausfand, dass er ein Mitglied der Bruderschaft war, stünden seine Chancen schlecht. Was sollte er sagen? Er spürte, dass ihm warm wurde und er anfing, zu schwitzen.

    As I am restarting every story I write ... Hab ich auch mit der neu angefangen. Ich weiß nicht, wieso ich das immer tu, ehrlich.


    Da frühere Kapitel Eins ist jetzt der Prolog:


    Die Tore des Saals sprangen schwungvoll in einem weiten Bogen auf und wehten einen Windstoß durch die Reihen der Anwesenden, als die Vorsitzende der Erde in ihre Mitte trat. Sie nahm ihren Platz hinter dem graugolden verzierten Podium ein und ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Menschen, in viele bunte Farben gekleidet, saßen unterhalb der fünf Stufen, die in die Weite des Raumes hinab führten. Ihre Augen waren auf sie gerichtet. Sie warteten gespannt auf ihre Rede.
    In einem Spiegel am anderen Ende des Saales, grob zweihundert Meter von ihr entfernt, reflektierte sich ihr schon etwas faltiges Gesicht mit den müden blauen Augen und sie fragte sich, was die Zukunft wohl für sie alle bringen würde.
    Dann fing sie an, vorzulesen, was sie auf das zerknitterte Papier geschrieben hatte. Ihre Hände zitterten dabei. Die Ansprache, die sie zu halten hatte, war eine sehr Persönliche und Unerfreuliche. Und was die Forscher herausgefunden hatten, war sehr schockierend. Für sie und die Erde gleichermaßen.


    „Mein liebes Volk,


    Dieser heutige Tag verlangt mir -und ihnen- Einiges ab.
    Ich könnte ihnen jetzt erzählen, dass alles nicht so schlimm ist, aber das wäre schlichtweg eine Lüge. Ich will ehrlich mit ihnen allen sein.
    Sicher haben sie gemerkt, dass es immer heißer wird auf unserem Planeten, mit jedem Tag. Renommierte Wissenschaftler haben diese Tatsache erforscht und, nun ja, ...“, sie hustete, „wir stehen buchstäblich am beginnenden Ende unserer Existenz. Die Ozonschicht, die unsere Erde vor Strahlung aus dem Weltall schützt, hat in den letzten Wochen drastisch abgenommen. Wir glauben, dass in wenigen Monaten die Ozonschicht ganz verschwunden sein wird.
    Daher haben wir begonnen, mit den uns bekannten Technologien auf einem entfernten Planeten im Sonnensystem Kythauriel, der die gleiche Atmosphäre besitzt wie die Erde, Einrichtungen zu bauen, um dort die Menschheit neu anzusiedeln. Der Planet ist innerhalb weniger Reisetage zu erreichen. In ein paar Wochen wird dort alles für unsere Ankunft bereit sein.
    Daher ordne ich hiermit offiziell an, was die Regierung der Erde im Jahre 2364 in ihrer Sitzung beschlossen hat.
    Alle Bewohner der Erde haben sich speziellen DNA- Tests zu unterziehen, um ihre Eignung für das Leben auf dem Planeten Cyneric festzustellen- und natürlich, um die Menschen mit den besten Genen herauszufiltern, um einen Fortbestand der Menschheit auch in Zukunft zu sichern. Nur, wer diese beiden Eigenschaften erfüllt, wird in eines unserer Raumschiffe steigen.
    In den Großstädten öffnen zu diesem Zeitpunkt bereits die Anlaufstellen, bei denen sie sich für diese Untersuchungen eintragen lassen können.
    Dieser Beschluss tritt ab sofort in Kraft.“


    Durch die winzigen Poren des Mikrofons verhallten ihre Worte in der Weite des Saales, als sie verstummte. Das Entsetzen war ihren Zuhörern deutlich anzusehen.
    Ihre Schuhe klapperten über die marmornen Fliesen und Blitze und laute Rufe schwallten um sie herum auf, doch sie kehrte den Reportern im Raum den Rücken zu und marschierte durch eine kleinere Tür an der Seite des Podiums hinaus.
    Nachdem sie sich hinter ihr geschlossen hatte, empfing sie die wohltuende Stille. Ihre Minister sahen sie fragend an. Sie räusperte sich und sprach.
    „Meine Herren, die Sitzung ist geschlossen. Notfallplan W ist in Kraft getreten.“
    Das Ratschen der Stühle über den gefliesten Boden schmerzte in ihren Ohren, als sich die Amtsträger erhoben und ihr einer nach dem anderen zunickten, während sie an ihr vorbeigingen. Dann war sie allein.
    Nun war es offiziell- die Menschheit hatte mit der bevorstehenden Auslöschung des Lebens auf der Erde zu kämpfen. Und es war an ihr gewesen, das der ganzen Bevölkerung zu verkünden. Sie wünschte sich, dass diese Last nicht auf ihr ruhen würde.
    Sie hatte mit ihren Worten fast 13 Milliarden Menschen zum Tod verurteilt.
    Zum Tod durch die sengenden Strahlen der Sonne.







    Kapitel Eins:


    Kaya schaute von ihrem Tablet auf, als die Türen zur Forschungsabteilung sich mit einem lauten Zischen öffneten, und legte es sofort weg, als die Vorsitzende eintrat. Auch die anderen, die hier angestellt waren, hörten sofort auf, ihrer Arbeit nachzugehen, und fokussierten ihre Chefin. Die ältere Frau sah mit den schlichten weißen Klamotten, die ihren schlanken Körper betonten, äußerst beeindruckend aus. Kaya beneidete sie um ihren makellosen Körper. Die Vorsitzende verschränkte ihre Hände und sprach: „Meine lieben Mitarbeiter. Bestimmt haben Sie meine Rede am heutigen Morgen gehört. Was ich verkünden musste, war eine ziemlich schwerwiegende und drastische Maßnahme. Ich möchte ihnen allen nur sagen, dass … Wir haben so lange Vorbereitungen getroffen, um alle Menschen in der Hauptstadt testen zu können. Ich bitte Sie, bei den Testvorgängen äußerste Diskretion zu bewahren. Werden Sie nicht sentimental, sondern machen Sie einfach ihre Arbeit. Ich weiß, dass ich von ihnen allen verlange, dass Sie Menschen sagen, dass sie für ein Leben auf dem Planeten Cyneric nicht geeignet sind. Dass sie hierbleiben müssen, wo sie dem sicheren Tod ausgesetzt sind. Das tut mir leid, aber es ist eine Bürde, die Sie heute und in den folgenden Tagen tragen müssen. Aber ich danke Ihnen dafür, dass Sie mich in dieser Angelegenheit unterstützen.“ Und an Kaya gewandt sagte sie: „Sie sind die Forschungsleiterin. Sie werden die Tests überwachen und diejenigen aussuchen, die geeignet sind. Ich vertraue ihrer Kompetenz.“ Kaya nickte untertänig und wandte sich wieder ihrem Tablet zu. Jetzt lag es also in ihren Händen, die Testergebnisse zu analysieren. Sie hätte es sich denken können.

    „Okay, Leute“, sagte sie an alle gerichtet, „Wir werden jetzt mit den Tests starten. Sendet bitte all eure Testergebnisse an mein Tablet, damit ich sie auswerten kann.“ Sie warf noch einmal einen Blick hoch zur Vorsitzenden und diese nickte ihr ermutigend zu. Dann drehte sie sich um und verließ die Forschungsabteilung. Kaya seufzte und machte eine auffordernde Handbewegung. „Los geht´s.“ Das grelle Licht blendete ihre Augen, als die Tore, die die Forschungsabteilung von der Außenwelt trennten, sich öffneten. Es dauerte ein paar Momente, bis sie wieder etwas erkennen konnte. Aber als sie wieder scharf sehen konnte, konnte sie fünf Schlangen von wartenden Menschen ausmachen, die bis an den Rand des Vorplatzes anstanden. Sie seufzte erneut. Heute würde ein arbeitsreicher Tag werden.

    Die Wachen, die an den Toren postiert worden waren, ließen die ersten paar Menschen herein. Sie wurden von ihren Mitarbeitern empfangen und zu den Stationen geführt, wo man sie testen würde. Die Tests dauerten nicht lange und das Ergebnis ließ sich auch relativ schnell feststellen. Sie selbst hatte die Methode entwickelt, die sie zur Testung verwendeten. Eine Mischung aus Chromosomen – Kartierung und DNA – Sequenzierung bot ein Ergebnis, das zu 99% genau war. Die Kartierung deutete auf etwaige schwerwiegende Krankheiten hin, die eine Eignung ausschließen würden. Ihr Tablet blinkte, als das erste Ergebnis darauf eintraf. Sie tippte auf den kleinen Button, der auf dem Touchscreen erschienen war, und sah sich das Ergebnis an. Die Kartierung wies keine Auffälligkeiten auf, aber die Stärke der Sequenz… Der Wert, der herausgekommen war, lag bei 65%. Eine Eignung für das Leben auf Cyneric war damit leider auszuschließen. Sie wischte den Button mit den Daten in einen Ordner auf ihrem Tablet und wandte sich den drei Bildschirmen zu, die an ihrem Arbeitsplatz aufgebaut waren. Dort war noch der virtuelle Ordner mit den Dateien zur Sequenzierung geöffnet. Die Technik, die sie verwendeten, war die sogenannte Porenmembran. Innerhalb dieser Membran gab es Porenkanäle, die ständig geöffnet waren. Die Blutproben der Getesteten wurden in eine solche Membran integriert und der Durchstrom der DNA- Moleküle durch die Poren der Membran gemessen. Die neutralen Botenstoffe, die in die Membran eingebaut waren, zerlegten die DNA im Blut so, dass die einzelnen Stücke durch die Poren gelangen konnten. Die DNA- Sequenzen, die die Poren passiert hatten, wurden dann in der Membranhaut gespeichert. Je schneller die DNA durch die Botenstoffe geteilt wurde, desto geringer war der Prozentwert, der am Ende auf ihrem Tablet angezeigt wurde. Ein geringer Prozentwert ging damit einher, dass das Testergebnis der jeweiligen Person leider negativ war. Ein Wert von mindestens 85% und eine einwandfreie Kartierung waren Voraussetzung dafür, nach Cyneric geschickt zu werden. Nur dann hatte die Person die Genqualität, die die Vorsitzende sich wünschte. Ihr Tablet piepte, als das nächste Testergebnis eintrudelte. Sie sah sich die Daten an und staunte. Aufgeregt übertrug sie die Ergebnisse auf ihre Bildschirme und studierte sie genauer. Die Kartierung war absolut unauffällig und die Sequenzierung lag bei 90 Prozent. Sie hatten den ersten Menschen gefunden, der nach Cyneric fliegen würde. Ein leises Juchzen entfloh ihrem Mund und sie drückte sich hastig eine Hand auf die Lippen. Ihre Methode funktionierte!

    Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, notierte sie sich sorgfältig den Namen des Getesteten und die Daten und schickte dann eine positive Bestätigung an die Teststation zurück, von der sie das Ergebnis erhalten hatte. Ein lautes Juchzen ein paar Sekunden später verriet ihr, dass derjenige die gute Nachricht erhalten hatte. Während sie auf die nächsten Testergebnisse wartete, fing sie wieder an, sich die Baupläne für Cyneric anzusehen. Nachdem sie herausgefunden hatte, dass ein Leben auf Cyneric unter den gleichen Bedingungen wie hier auf der Erde möglich war, weil der Planet die gleiche Atmosphäre besaß, hatte die Vorsitzende sie mit der Aufgabe betraut, die Baumaßnahmen dort zu überwachen. Da der Bauleiter selbst hochgeflogen war, brauchte es schließlich jemanden, der von hier aus alles im Blick hatte. Das meinte zumindest die Vorsitzende. Und ihr hatte es einen Haufen Überstunden beschafft, da sie neben ihrer Arbeit an der Erforschung der Lebensbedingungen auf dem Planeten nun auch noch den Aufseher für Bauarbeiten spielen durfte. Das überstieg ihre Arbeitszeiten nicht nur, es verdoppelte sie beinahe. Stunden später fuhr sie sich müde mit der Hand über die Augen und sah auf die Uhr. Es war nun beinahe 18 Uhr und sie hatte heute an die 2000 Testergebnisse durchgesehen. Nur drei der Ergebnisse waren positiv gewesen. Sie erschrak, als die Vorsitzende von hinten an sie herantrat und fragte: „Waren Sie erfolgreich?“ Schnell strich sich Kaya die zerzausten Haare wieder glatt und tippte etwas auf ihrem Tablet. Die Ergebnisse der drei Ausgewählten erschienen auf den Monitoren, die auf ihrem Schreibtisch standen.

    „Wir hatten heute eine Testkapazität von 2000. Drei der getesteten Personen hatten das gewünschte Testergebnis. Wie Sie sehen,“, sie deutete auf den linken Bildschirm, „weist Testperson 2 eine einwandfreie Kartierung und eine Sequenzgeschwindigkeit von 90 Prozent auf, was einer eindeutigen Eignung entspricht. Testperson 1541 liegt bei 87 Prozent und Person 1899 weist sogar eine 99- prozentige Eignung auf. Hier“, sie reichte der Vorsitzenden ihr Tablet, „Ich habe mir die Daten der positiv Getesteten aufgeschrieben. Soll ich sie an Sie weiterleiten?“

    „Nein“, sagte die ältere Frau, „Es reicht, wenn Sie einen Überblick über alle haben, die geeignet sind. Legen Sie mir, sobald alle Tests abgeschlossen sind, eine Akte mit allen in Frage kommenden Personen auf den Schreibtisch. Ich werde sie dann durchsehen und entscheiden.“

    „Okay.“ Kaya nickte.

    „Und wie kommen Sie mit der Erforschung des Planeten voran?“

    Kaya zuckte mit den Schultern. „Ich habe einige neue Dinge herausgefunden.“

    „Sehr gut. Präsentieren Sie uns diese morgen während der Ratssitzung?“

    „Natürlich.“ Wenn sie die Ergebnisse ihrer Forschung morgen präsentieren sollte, würde das bedeuten, dass sie heute eine Nachtschicht einlegen musste. Caleb würde gar nicht begeistert sein, wenn er davon erfuhr. Bei dem Gedanken sanken ihre Schultern etwas entmutigt nach unten.

    „Gut. Machen Sie Schluss für heute. Ich erwarte Sie morgen um 13 Uhr im Sitzungssaal.“ Mit diesen Worten war ihr Gespräch mit der Vorsitzenden beendet. Ihre Vorgesetzte entfernte sich und das Klappern ihrer Absätze hallte durch den ganzen Raum. Erleichtert atmete Kaya durch und packte das Tablet sowie all ihre anderen Sachen, die sie für die Vorbereitung auf das Meeting morgen brauchen würde, zusammen. Wenn sie zuhause war, würde sie auf jeden Fall erst einmal einen starken Kaffee brauchen. Nein, lieber einen doppelten Espresso.