Beiträge von Tariq


    Kapitel 13

    (1/1)


    Zusammen mit den anderen fünf Axiomen stand Ares in einer Reihe in der Kommandozentrale der Garde. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen warteten sie auf die Commandantin. Frida Busch hatte alle zusammengerufen, noch vor Dienstbeginn der Tagschicht.

    Jetzt glitt die Doppeltür auseinander und sie trat ein. Ihr gemurmeltes „Guten Morgen“ wurde aus sechs Männerkehlen beantwortet.

    „Der Commandant des Marinestützpunktes Pitcairn ist uns zugeschaltet“, verkündete sie und strich sich mit der Hand über das heute in einem straffen Knoten gebändigte rote Haar. Nervös, dachte Ares, sie ist nervös! Vater hat Wort gehalten und ihre Vorgesetzten informiert.

    „Der General hat eine Ankündigung zu machen.“ Frida ließ den großen Holo-Schirm an der Wand aufleuchten.

    Ein Mann mit finsterem Blick und scharf geschnittenen Gesichtszügen wurde sichtbar. Die Axiome nahmen Haltung an. Überrascht sah Ares, dass sich der Bildschirm teilte und in der linken Hälfte das Gesicht seines Vaters erschien. Er hat sich anders entschieden, dachte er erleichtert, er will es nicht mehr vertuschen.

    Nach der gegenseitigen Begrüßung ergriff Metros das Wort. „General, ich habe Sie informiert, weil es zu einem Vorfall gekommen ist, der die Hierarchieebene der Axiome betrifft und deshalb erfordert, dass Sie davon Kenntnis erhalten. Die betreffende Kameraaufzeichnung habe ich Ihnen bereits im Vorfeld übersandt. Die Commandantin kennt sie ebenfalls, aber ich bestehe darauf, dass auch die Axiome der Emerald-Garde sie sich ansehen.“

    Die beiden Männer verschwanden vom Schirm und stattdessen wurde die Szene abgespielt, die Etienne ihm gezeigt hatte. Da er sie bereits kannte, nahm er die Gelegenheit wahr, die anderen zu betrachten. Fridas Miene zeigte keine Regung, obwohl sie pflichtschuldig ihren Blick auf den Bildschirm gerichtet hielt. Doch die Gesichter der Axiome spiegelten erst Entsetzen und dann Abscheu wider.

    Als sein Vater und der General wieder zu sehen waren, fühlte er die Anspannung im Raum. Frida und Dwayne standen wie eingefroren.

    „Wie wurden diese Männer bestraft, Commandantin?“, verlangte der General zu wissen. Sein Blick verhieß nichts Gutes.

    „Die Ypir-Gardisten erhielten eine Woche Arrest, General“, antwortete Frida.

    „Und der verantwortliche Axiom?“

    Ein winziges Zögern verriet ihre innere Unruhe. „Axiom Coholt wurde nicht bestraft. In einem Gespräch versicherte er, dass dergleichen nicht mehr vorkommen wird.“

    Beinahe hätte Ares gelacht. In einem Gespräch! Die Ypirs bekamen Haft und Dwayne? Er säuselte ein ‚kommt nicht mehr vor, Liebling‘ ins Ohr seiner Bettgefährtin und alles war wieder gut?

    Innerlich straffte er sich, denn die Miene von Fridas Vorgesetztem verdüsterte sich noch mehr.

    „Sie haben ihn nach diesem Vorfall im Dienst belassen?!“

    „Er wird sich bewähren, General. Bislang hatte ich keinen Grund, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln.“

    Merkt sie nicht, wie albern das klingt, fragte sich Ares. Hier geht es nicht um Fähigkeiten.

    Der General war offenbar seiner Meinung. „Daran zweifle ich auch nicht, Commandantin, sondern an seiner Moral! Coholt, vortreten!“, donnerte er und nicht nur Dwayne zuckte zusammen.

    Der Axiom befolgte den Befehl. Drei Schritte vom Bildschirm entfernt blieb er stehen und starrte trotzig in das Auge der Kamera darüber.

    „Dwayne Coholt, Sie werden degradiert und verlieren mit dem heutigen Tag den Rang eines Axioms. Ab sofort haben Sie den Status eines Ypir-Gardisten!“

    Dwayne wurde blass und Ares sah, dass er seine Hände auf dem Rücken zu Fäusten ballte, so fest, dass die Nägel sich ins Fleisch graben mussten.

    Doch der General war noch nicht fertig. „Frida Busch, ich enthebe Sie Ihres Postens als Commandantin der Emerald-Garde. Ihr Versagen werte ich als das Schlimmere. Sie hatten dafür Sorge zu tragen, dass Ontas gemäß den Regeln bestraft werden. Indem Sie den Verantwortlichen für diese Prügelattacke ungestraft ließen, sind Sie als Führungsperson nicht mehr tragbar. Ab sofort haben deshalb auch Sie den Status eines Ypir-Gardisten. Sie werden ersetzt durch den Axiom Ares Daktyl. Commandant Daktyl!“

    Ares benötigte einen Augenblick, bis er begriff: Der General erwartete, dass er vortrat. „Wählen Sie einen zuverlässigen Ypir-Gardisten aus und übergeben Sie ihm Ihre Gruppe. Und ich meine einen wirklich zuverlässigen!“

    „Das werde ich, General“, beeilte sich Ares zu versichern und bemerkte das zufriedene Lächeln seines Vaters auf der anderen Bildschirmhälfte.

    „Die Insignien Ihres neuen Ranges erhalten Sie und der neue Axiom bei meinem nächsten Besuch im Ring. Ihren Wochenrapport erwarte ich immer am Freitagabend. Sie übernehmen das Büro und das Quartier der ehemaligen Commandantin, die Sie unverzüglich in Ihre Aufgaben einweisen wird. Dann wäre das alles. Guten Tag.“

    „General.“ Ares neigte knapp den Kopf. Als er wieder aufsah, war die rechte Bildschirmhälfte schwarz.

    Dwayne drehte sich um und starrte ihn an. Sein Gesicht hatte sich in eine hassverzerrte Fratze verwandelt. Frida hingegen stierte mit leerem Blick auf den Boden.

    „Wegtreten bis auf die Gardisten Busch und Coholt“, wies Ares an.

    Dwayne wurde von den anderen vier Axiomen zur Seite gedrängt, die ihrem neuen Commandanten die Hand schütteln und ihn beglückwünschen wollten.

    Keiner hat einen Blick für Frida übrig, realisierte Ares, sie ist bereits aus ihren Köpfen verschwunden.

    Als alle Axiome die Zentrale verlassen hatten, fixierte er Dwayne. „Gardist Coholt, Sie sind ab sofort der vierten Enheit unter Axiom Benedict zugeteilt.“

    Der Blick, der ihn traf, war mörderisch. „Jawohl, Commandant“, hörte er die zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresste Antwort. Er nickte knapp und sah dem Davongehenden nach, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Dann wandte er sich Frida zu.

    „Gardist Busch, ich erwarte die Einweisung in meine neue Tätigkeit. Danach melden Sie sich bei Axiom Krell. Wie Sie wissen, fehlt in der zweiten Einheit ein Gardist. Sie werden die freie Stelle besetzen. “

    „Commandant.“ Frida erwiderte nur das eine Wort, doch er ließ es durchgehen. Es musste ihr unsagbar schwerfallen, ihn so anzusprechen. Das, was sie wohl so lange befürchtet hatte, war eingetreten. Sie drehte sich um und marschierte mit steifen Schritten in ihr ehemaliges Büro.

    „Meinen Glückwunsch, Ares“, erklang die Stimme seines Vaters in seinem Rücken.

    Er hatte Frida folgen wollen, doch nun wandte er sich noch einmal zum Bildschirm um. „Du hast also deine Verbindungen genutzt und ein paar Strippen gezogen. Ich weiß nicht, ob ich dir dankbar sein kann. Mir wäre es lieber, ein anderer hätte Fridas Posten erhalten.“

    „Ich habe nicht umsonst an dieser Aktion teilgenommen. Alle werden denken, dass der General auf meine Veranlassung hin die Videokonferenz verlangt hat.“

    „Alle außer Frida. Und mit Sicherheit hat sie Coholt schon erzählt, dass ich von dem Vorfall weiß. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass das Ganze noch nicht ausgestanden ist. Aber zumindest hat Coholt keine Entscheidungsbefugnis mehr. Deshalb also – danke, Vater.“

    „Es ist mein Ring, Ares, hier geschieht, was ich will. Vergiss das nicht.“ Metros hob die Hand zum Gruß, dann erlosch der Bildschirm.

    Nein, Vater, dachte Ares bitter, hier geschieht nicht nur das, was du willst.

    Er zog sein Datenpad hervor. „Lass uns heute Abend zusammen was trinken“, schlug er vor, als Etienne sich meldete.

    „Gern. Gibt es einen Grund?“

    „Den gibt es.“ Ares seufzte unterdrückt. „Ich weiß aber noch nicht, ob es ein Grund zum Feiern ist oder zum Davonlaufen.“

    Da wird bei manchen Sätzen, wo es wörtliche Rede und danach einen Begleitsatz gibt, das Komma manchmal nicht gesetzt.

    Ich kenne keine Regel, die das Weglassen des Kommas gestattet. Folgt ein Begleitsatz, steht nach der wörtlichen Rede in der Regel das Komma, egal welches Satzzeichen am Ende der wörtlichen Rede steht. Ich denke nicht, dass damit die Pause eliminiert werden soll und halte es schlichtweg für einen Fehler.

    Ist aber nur meine Meinung. :pardon:

    Aber heute muss ich sagen, dass mir darin alle Ereignisse ziemlich willkürlich und unzusammenhängend vorkommen. Das könnte man anderen Ghibli-Filmen vielleicht auch vorwerfen, aber ein Film vom Format von "Chihiros Reise ins Zauberland" wirkt eben nicht unzusammenhängend und man kann die Handlung trotz aller Skurrilitäten auch verstehen. In "Das wandelnde Schloss" ist mir überhaupt nicht klar, warum manchmal welche Dinge passieren, die den Plot voranbringen. Das geht über das Gefühl des Wunderbaren hinaus und wirkt eben wirklich willkürlich und eben nicht gut komponiert auf mich.

    Ich finde den Film auch sehr verwirrend und hab ihn nach mehrmaligem Ansehen immer noch nicht ganz durchschaut. Deshalb dachte ich, dass ich vielleicht endlich dahintersteige, wenn ich das Buch lese. Und was soll ich sagen?

    Jetzt ist es noch schlimmer. :S Das toppt den Film noch um Längen. Leseempfehlung für die, die über ihren Lesestoff echt grübeln möchten. Keine Ahnung, wie da fünf Sterne zusammenkommen.

    Kapitel 12

    (2/2)


    „Es fing bei meinem ersten Besuch bei BuyVis an“, flüsterte Tevor, senkte den Blick und stierte auf seine verkrampften Hände. Nach und nach beschrieb er alles, was er erlebt hatte, und wie sehr es ihm Angst machte. Er wurde sicherer beim Sprechen, es schien fast, als wäre er erleichtert, endlich darüber reden zu können. Die Schmerzen, die Bilder, die er nicht einordnen konnte, und die Nächte, in denen er Dinge fühlte, die ihm fremd waren. Die Müdigkeit aufgrund des Schlafmangels und die ständige Angst, aufzufallen, die Sehnsucht, sich jemandem anvertrauen zu können und die Freude, in der BuyVis-Angestellten eine mitfühlende Seele gefunden zu haben. Am Schluss angekommen, bat er inständig darum, Thilia aus der Sache herauszuhalten.

    „Sie hat mich immer gebeten zu gehen“, versicherte er. „Und sie hat mich auf die Regeln hingewiesen. Wenn sich einer falsch verhalten hat, dann ich ganz allein.“

    Er schwieg und starrte weiterhin auf seine Hände. Offensichtlich wagte er nicht, jemanden direkt anzusehen.

    Dr. van Witten war es, der das Schweigen brach. Er dankte Tevor, stand auf und trat an das Bedienpad neben der Tür. „Ein Servicer bitte zum Raum sechzehn“, befahl er dem Computer und erneut erblasste Tevor. „Keine Sorge“, beruhigte der Klinikleiter. „Du wirst nur hinausbegleitet.“

    Die Tür öffnete sich zischend. Davor stand ein Mann im schneeweißen Overall der Klinik-Mitarbeiter. Die breiten, roten Streifen auf den Ärmeln wies ihn als Servicer aus.

    „Bringen Sie den Onta zum Ausgang“, bat der Arzt und nickte Tevor noch einmal zu.

    Der erhob sich zögernd, als könne er nicht fassen, dass er gehen durfte. Erst bewegte er sich langsam rückwärts, dann drehte er sich um und verließ den Raum beinahe fluchtartig. Zischend schloss sich die Tür hinter ihm.

    „Was halten Sie davon, Doktor van Witten“, fragte Ares mit gerunzelter Stirn.

    „Julian“, verbesserte der Klinikleiter. „Lassen wir die Förmlichkeiten weg, denn nach dem, was wir eben gehört haben, werden wir in Zukunft wohl öfter miteinander zu tun haben.“

    Der Axiom nickte. „Dann bin ich Ares und das ist Etienne.“

    „Gut. Zu Ihrer Frage – ich habe keine Erklärung.“ Der Arzt hob in einer ratlosen Geste die Hände. „So etwas ist bisher nie vorgekommen. Und ich halte es für sehr bedenklich.“

    Ein bitteres Lächeln spielte um Ares‘ Lippen. „Ich habe eine Theorie“, begann er, „aber ich muss mich darauf verlassen können, dass meine Worte in diesem Raum bleiben.“

    Julian nickte mit ernster Miene. „Wenn Sie das so wünschen – selbstverständlich“, versicherte er.

    „Moment.“ Etienne stand auf und schaltete die Kamera wieder aus. Dann nickte er seinem Freund zu.

    „Gut.“ Ares presste kurz die Lippen zusammen. „Ich vermute, dass die Bilder, die Tevor sieht, einschießende Erinnerungen sind“, verkündete er dann. „Erinnerungen, die den Ontas vorher genommen wurden.“

    Julian runzelte verwirrt die Stirn. „Wieso sollte jemand so etwas tun? Ist es nicht Sinn der Rehabilitierung von Sträflingen, dass sie sich ihres Vergehens und der daraus resultierenden Folgen für sie ständig bewusst sind?“

    Auch Etienne musterte Ares stirnrunzelnd. Er fragte sich, wie sein Freund zu dieser Vermutung kam. Außerdem – musste dann nicht der Klinikchef davon wissen?

    „Ontas sind keine Sträflinge“, korrigierte Ares den Arzt. „Es sind normale Menschen, die entführt und hierher gebracht wurden. Ihr früheres Leben ist ausradiert in ihren Köpfen.“

    Etienne hörte den unterdrückten Zorn in Ares‘ Stimme. Trotzdem konnte er nicht glauben, was der Freund da eben erklärt hatte. „Woher willst du das wissen?“, forschte er zweifelnd.

    Ares schnaubte. „Mein Vater hat es mir letzte Woche erzählt. Bis dahin hatte ich keine Ahnung und war wie jeder andere der Meinung, dass die Ontas Sträflinge sind. So erklärte sich für mich auch der reibungslose Nachschub, wenn einer ersetzt werden musste. Ich selbst habe mich nie dafür interessiert, was sie auf dem Kerbholz hatten und ob einer von ihnen ein Mörder war oder nur ein Dieb.“

    Etienne nickte. „Genau wie ich. Obwohl ich in der Datenbank jederzeit auf diese Daten zugreifen kann, habe ich nie nachgeschaut. Nur bei Tevor. Bei ihm wollte ich nicht nur wissen, wie er heißt, sondern auch, was er ausgefressen hat. Also habe ich sein Profil aufgerufen und – nichts gefunden. Auch bei anderen nicht. Nicht nur über die begangene Straftat. Es gibt gar keine Daten über das Leben der Ontas, bevor sie in den Ring kamen. Zumindest nicht in der Datenbank, auf dich ich Zugriff habe. Und da ich Chef der Sicherheitszentrale bin, steht über mir nur noch Metros Daktyl persönlich. Keine Ahnung, ob das eingeschränkte Kompetenzen für mich sind oder ob da wirklich einfach nichts existiert.“

    „Letzteres“, knurrte Ares. „Keiner der Ontas hat sich etwas zuschulden kommen lassen.“

    „Wenn das stimmt, dann ist dein Vater ein Krimineller“, verkündete Etienne.

    „Und das mit dem Segen von ganz oben“, ergänzte Ares und es klang grimmig. „Er sagte, der Ring wurde im Auftrag der Regierung gebaut, die ihm auch seine Arbeiter liefert. Trotzdem - das darf nicht so weitergehen.“

    „Äh ... Moment.“ Julian hob eine Hand. „Bevor wir jetzt vielleicht kühne Umsturzpläne schmieden, müssen wir sicher sein, dass das alles stimmt. Eine Erinnerungslöschung ist keine so einfache Sache. Man müsste herausfinden, ob es hier im Ring geschieht oder vorher.“

    Ares zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, brummte er. „Wenn die neuen Sträflinge mit dem Gleiter ankommen, werden sie als Erstes in die Klinik gebracht. Was passiert hier mit ihnen?“

    „Sie kommen in einen Warteraum. Danach durchlaufen sie einzeln den Aufnahme-Medi-Check, bei dem sie ihren Datenchip implantiert bekommen. Auch und die Einweisung für den Ring mit den darin geltenden Regeln und für die Arbeit, die sie künftig verrichten werden, erhalten sie dabei.“ Julian nickte. „Und wenn ich daran denke, fällt mir eine Möglichkeit ein, dieses Löschen der Erinnerung hier im Ring durchzuführen“, erklärte er. „Allerdings ist es nur eine Vermutung von mir. Das Ganze wird ihnen mithilfe eines Helms vermittelt, während sie in einem Liegesessel sitzen. Keine Ahnung, wie so ein Ding funktioniert, aber so erübrigt sich das mühsame Anlernen eines jeden Einzelnen. Wahrscheinlich ist es ein Informationsvideo.“

    „Ein Helm?“, hakte Ares nach. „So einer, wie man ihn bei BuyVis trägt?“

    Etienne starrte ihn verblüfft an. Ihm war derselbe Gedanke gekommen.

    „Ich war nie bei BuyVis.“ Julian hob die Hände.

    Etienne rief das Bild eines dieser Helme auf seinem Datenpad auf und ließ es den Klinikleiter sehen.

    Der nickte. „So ein Helm“, bestätigte er.

    „Dann ist es mit Sicherheit kein Video.“ Ares betrachtete das Pad mit gerunzelter Stirn. „Ich denke, den neuen Ontas werden Aufbau des Ringes, Regeln und Arbeitsaufgabe genauso vermittelt, wie es mit den Visionen bei BuyVis geschieht. Nur anscheinend dauerhaft, während die BuyVis-Erlebnisse wieder verblassen.“ Angespannt strich er sich über das kurze Haar.

    „Das wäre schwierig zu realisieren“, wandte Julian ein. „Falls diese Vision auch noch nach Ende der Übertragung als real empfunden wird, bedeutet das, dass sie im Gehirn ... ähm ... verankert sein müsste, was einen Eingriff an demselben erfordern würde. Aber wenn Sie recht haben und wir hier gedanklich noch einen Schritt weitergehen – es wäre sicher möglich, dass man dem Hirn auf diesem Wege nicht nur neue Informationen ‚hinzufügt‘, sondern auch vorhandene löscht.“

    Er schwieg, als müsse er die Tragweite seiner Worte selbst erst realisieren.

    Etienne starrte ihn an. Der Arzt hatte gerade eingeräumt, dass es möglich war, den Ontas während der Aufnahmeuntersuchung ihr Oberstübchen leerzuräumen, und bisher nichts davon gewusst, es nicht einmal geahnt. Aber es war eine logische Erklärung! Ein BuyVis-Helm vermittelte Visionen, die verschwanden, sobald man ihn absetzte. Was hinderte die Helm-Konstrukteure daran, einen von diesen weiterzuentwickeln, sodass die Vision sich im Hirn festhakte und damit ... zur Wirklichkeit wurde? Die Saugnäpfe fielen ihm ein und er hatte plötzlich ein Gefühl, als hätte er einen schweren Stein im Magen.

    „Und das alles mit dem Wissen meines Vaters.“ Der Zorn in Ares‘ Stimme war verschwunden. Fassungslosigkeit stand in seinem Blick, als er Julian ansah. „Wie können wir herausfinden, ob Sie recht haben mit ihrer Theorie?“

    „Wir reden noch einmal mit dem Onta“, schlug der Klinikleiter vor.

    Etienne nickte beipflichtend. Tevor TwoFive-O hatte dieses Prozedere bei seiner Ankunft hier durchlebt. Sie mussten ihn fragen, woher er sein Wissen über den Ring und seine Arbeitsaufgabe hatte. Und sie mussten ihn fragen, ob er wusste, wie lange er schon hier war.

    Hallo McFee

    Die Stelle, die dich durch den Perspektivwechsel rausgebracht hat, habe ich mir nochmal angesehen. Hier wird ja sozusagen eine neue Figur eingeführt und eine Dialogsituation initiiert. Den gesamten Prolog bis zum Ende in Kaa-jas Perspektive zu bleiben, hätte ich hier schwierig gefunden, da ich ja auch die Empfindungen von Juu-ka rüber bringen will. Da stellt sich mir dann die Frage, an welcher Stelle ich den ersten Perspektivwechsel einsetze, sodass es den Leser weniger rausbringt.

    Das Problem kenne ich gut aus meinen Anfangszeiten. :whistling:

    Inzwischen habe ich aber immer wieder versucht, meine Infos subtiler rüberzubringen. Ich hatte dir das Beispiel für Juu-kas Haarfarbe genannt. Oder auch für Kaa-jas Mantel. Wenn du es schaffst, die Infos so unauffällig einzubasteln, dass der Leser gar nicht merkt, dass ihm eine Info untergejubelt wurde, diese sich aber trotzdem in seinem Kopf verankert hat, dann - mission completed! :thumbup:

    Ich hatte die Befürchtung, der Leser bekommt eine völlig andere Vorstellung von den Figuren als ich sie mir gedacht habe, weil ihm zu viele Informationen darüber fehlen, wie sie aussiehen und wie sie agieren.

    Ich bin selbst auch ein großer Fan von Dialogen, aber ich bemühe mich trotzdem, jedem Char einen Abschnitt zu gönnen, in dem der Leser ganz bei ihm bleiben und seine Gefühle und Gedanken kennenlernen darf. Aber ich kenne auch das Problem, dass man dem Leser genauso gern mitteilen möchte, was den zweiten Char bewegt. Manchmal habe ich das so gelöst, indem ich in einem späteren Part, der dem zweiten Char gehört, diesen nochmal in Gedanken zu diesem Dialog zurückkehren ließ und ihn dann seine Gedanken und Gefühle von damals nochmal in Erinnerung kommen lasse. Auch hier halte ich aber eine sorgfältige Balance zwischen "Was muss der Leser wirklich wissen" und " was will ich dem Leser lediglich mitteilen" für wichtig. Außerdem erfordert so ein gedanklicher Rückblick i.d.R. das Plusquamperfekt und über eine längere Zeit die Wörter "hatte" und "war" zu verwenden, ist strapaziös.

    Ich (und ich betone: ICH) würde innerhalb einer Szene, die einem Char gehört, nicht zu einem anderen wechseln. Dann schon lieber die Perspektive des auktorialen Erzählers wählen, der ja problemlos in jeden Char hineinsehen und dem Leser darüber mitteilen kann.

    Hallo Juu-Ka ,

    Hallo Juu-Ka ,

    ein kleiner Tipp: Vielleicht kannst du deinen Prolog ja in zwei Teilen posten? 2700 Wörter sind in etwa das Doppelte von dem, was ich selber posten würde, und da sind 1300 Wörter schon viel für meinen Geschmack.

    Ich traue mich an so einen Mega-Block nicht ran, sorry. Zumal du keinerlei Absätze drin hast, die mir das Lesen erleichtern würden.

    Das ist jetzt nur, was ich darüber denke, ohne den Text selbst gelesen zu haben. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich mit dieser Meinung nicht allein bin.

    Natürlich musst du das nicht tun. Aber mir würde es helfen. Überleg's dir einfach. :)


    Kapitel 12

    (1/2)


    Tevor TwoFive-O

    Der Computer hatte ihm den Namen ausgespuckt, der zu dem eben gescannten Chip gehörte. Sonst interessierte sich Etienne nicht dafür, wie auffällige Ontas hießen. Hier hatte er es sich aus einer Laune heraus anzeigen lassen.

    Der Mann war das, was man durchschnittlich nannte. Schmächtig, etwa so groß wie er selbst, das militärisch kurz geschnittene Haar dunkel, die Ohren ein wenig abstehend und das Lächeln freundlich. Er wirkte vollkommen harmlos.

    „Mit was hast du dir bloß das Absitzen deiner Strafe im Ring eingehandelt?“, knurrte Etienne verwundert und zoomte näher heran. „Mir wurde gesagt, du bist eine tickende Zeitbombe. Dabei benimmst du dich eher wie der nette Typ von nebenan.“

    Es kam öfter vor, dass er mit der Person sprach, die er auf dem Bildschirm sah. Eine Angewohnheit.

    Seit drei Tagen verfolgte er den Onta mit Hilfe der Kameras. Der Mann war als Sicherheitsrisiko eingestuft worden und der Klinikleiter hatte deshalb einen Tracker für ihn angefordert. Solche Aufträge hatte Etienne früher oft erledigt. Er tat es auch jetzt noch, als Chef der Sicherheitszentrale, obwohl das ungewöhnlich war. Aber er fand die Aufgabe sehr reizvoll. Sein Stellvertreter war während dieses Zeitraumes genauso gut wie er in der Lage, die Ordnung im Ring aufrechtzuerhalten.

    Es gab immer zwei Tracker, die für eine Woche Zwölfstundenschichten schoben. Das war kräftezehrend, aber effektiv. Er hatte die Tagschichten übernommen, sein Kollege die Nächte. Gestern hatte dieser erzählt, dass der observierte Onta unter Alpträumen litt, die ihn schreiend aus dem Schlaf aufschrecken ließen.

    Jetzt gerade stand Tevor lächelnd vor der Isolierkabine von BuyVis und sprach mit der Onta darin. Sie war blond, recht füllig und hatte ein Durchschnittsgesicht.

    Was Etienne wunderte, war, dass die beiden länger miteinander redeten, obwohl das nicht der erste Besuch dieses Tevor bei BuyVis war. Er brauchte keine langwierige Einweisung mehr. Sein Chip war bereits mehrfach dort gescannt worden, und einmal sogar an dem Tag, an dem der Onta kurz vorher seine zweite medizinische Untersuchung in der Klinik hatte. Zufall?

    Etienne konnte sich keinen Reim darauf machen. Der Mann verhielt sich auffällig. Normalerweise nahmen Ontas keinen Kontakt zu ihresgleichen auf. Viele hatten schon gesehen, was geschah, wenn einer das Warn-Brennen ignorierte, und die Angst vor den Schmerzen war zu groß.

    Dieser hier hatte bereits mehrfach mit einer Onta gesprochen, und immer mit derselben: mit der, die bei BuyVis arbeitete. War das lediglich Interesse aneinander? Liebe durch die Isolierkabine? Eine solche bot die einzige Möglichkeit für die zwei, sich zu sehen, ohne den Abstand einhalten zu müssen. Oder war hier etwas im Gange, das geeignet war, die Struktur und die Abläufe im Ring zu gefährden?

    Heute Morgen hatte der Onta Tevor erneut ein seltsames Verhalten gezeigt. Er war am Arbeitsplatz erst zusammengezuckt und hatte danach minutenlang die Tischplatte angestarrt. Doch da war nichts zu sehen gewesen. Dieses versunkene Starren hatte Etienne misstrauisch gemacht. Ontas riskierten Bestrafung, wenn er ungenehmigte Pausen einlegten.

    Ein plötzliches Zucken von Tevor TwoFive-O’s rechter Hand gefolgt von hastigem Schütteln hatten Etienne gezeigt, dass das warnende Brennen Tevor aus seiner Versunkenheit gerissen haben musste. Wie aus einem Traum erwacht, hatte sich der Onta offensichtlich erst um Orientierung bemüht, bevor er sich nach dem fallengelassenen Datenpad gebückt hatte und mit seiner Arbeit fortgefahren war.

    Etienne kratzte sich am Bart. Er notierte - wie schon vorher jedes Mal – die Zeit des BuyVis-Besuches und die Dauer der Unterhaltung zwischen den beiden Ontas und beobachtete weiter.


    Vier Tage später hatte er alle Ergebnisse sorgfältig dokumentiert. In wenigen Minuten würde er den Klinikleiter treffen, um sie zu übergeben. Etienne schluckte nervös. Heute Abend entschied sich Tevors Schicksal.

    Als er in der ersten Unterebene aus dem Lift stieg und sich in Richtung Klinik-Sektor wandte, begegnete ihm Ares, der eben seine Schicht beendet hatte.

    „Willst du in die Klinik?“, fragte der Freund verwundert. „Bist du krank?“

    Mit wenigen Worten erklärte Etienne, was er vorhatte und Ares pfiff leise durch die Zähne. „Stimmt, du hattest mir erzählt, dass du mal wieder einen Tracking-Job hast“, meinte er. „Hab ich vergessen. Kann ich mitkommen?“

    Etienne grinste. „Neugierig? Frag Dr. van Witten.“ Er setzte seinen Weg fort.

    Ares folgte ihm. „Ist der oder die betreffende Onta dabei?“

    Etienne schüttelte den Kopf. „Er soll später eventuell dazugeholt werden. Der Klinikchef möchte erst mal hören, was bei der Observation rausgekommen ist“, antwortete er, während sie nebeneinander herliefen. „Wie es weitergeht, entscheidet er danach.“

    Drei Ontas, die ihnen in gebührendem Abstand zueinander entgegenkamen, wichen seitwärts aus, als sie den Axiom sahen. Der Anblick eines smaragdgrünen Overalls löste Unbehagen und die Kombination mit silbernen Schulterstücken sogar Angst in ihnen aus, das wusste jeder Gardist und jeder Servicer. Tevor würde es nicht anders ergehen, wenn er tatsächlich dazugeholt wurde und Ares im Zimmer sah. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, dem Freund das Mitkommen zu erlauben. Etienne merkte, wie seine Hände feucht wurden und sein Herz klopfte. Was ist los mit dir, fragte eine Stimme in seinem Kopf. Es geht um einen Onta, nicht um dich.

    Der Onta könnte gelöscht werden, entgegnete eine zweite Stimme.

    Gelöscht, dieses Wort hatte er schon oft gesehen, wenn er einen bestimmten Namen oder Chip-Code in der Datenbank aufgerufen hatte. Er hatte sich nie gefragt, was es genau bedeutete, und angenommen, dass derjenige seine Strafe abgesessen hatte und sich wieder auf dem Festland befand. Vielleicht war er aber auch gestorben. Jedenfalls war er nicht mehr im Ring.

    Die Doppeltür zum Klinik-Sektor glitt zischend auseinander, nachdem Etienne seinen Chip hatte scannen lassen. „Raum sechzehn!“, verkündete er nach dem Eintreten.

    „Folgen Sie Blau“, antwortete die sanfte Computerstimme.

    Zwischen den unzähligen farbigen Linien im Boden leuchtete eine tiefblau auf , die sie zu dem Zimmer führte, in dem Etienne Dr. van Witten treffen wollte. An der Tür hielt er erneut seinen Handrücken an den Scanner und sie öffnete sich.

    Raum sechzehn war ein winziger Besprechungsraum, der gerade genug Platz für einen runden Tisch mit fünf Stühlen bot. Er hatte ihn selbst ausgewählt, weil er wusste, dass er nur über eine einzige Kamera verfügte, die keinen Ton aufzeichnete. Sie für eine Stunde lahmzulegen, würde niemandem auffallen. Aus irgendeinem Grund wollte er nicht, dass das Gespräch mit dem Doc aufgezeichnet wurde. Wenn Tevor dann dazukam, würde er sie wieder einschalten. Den Onta mit den Ergebnissen der Überwachung und den daraus resultierenden Folgen für ihn zu konfrontieren, konnte unter Umständen gefährlich werden. Vielleicht war es doch gut, dass mit Ares ein Axiom anwesend sein würde.

    Die Tür hatte sich gerade erst hinter ihnen geschlossen, als sie sich erneut öffnete und Dr. van Witten einließ. Sein Blick fiel auf Ares und er hob verwundert die Augenbrauen. „Sind die Ergebnisse so besorgniserregend, dass die Garde anwesend sein muss?“, fragte er.

    „Ich bin aus reiner Neugier hier“, gab Ares zurück. „Einfach um einmal bei der Auswertung eines Trackings dabei zu sein. Natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben.“

    Julian nickte. „Kein Problem. Falls die Ergebnisse ein Gespräch mit dem Onta erfordern, hätte ich sowieso einen Gardisten hinzugezogen.“ Er setzte sich und schaute Etienne erwartungsvoll an. „Also“, meinte er. „Dann lassen Sie mal hören.“

    Etienne legte sein Datenpad auf den Tisch und räusperte sich kurz. „Der Onta Tevor TwoFive-O zeigte während der vergangenen Woche wiederholt nicht nachvollziehbares Verhalten, sowohl tagsüber als auch in der Nacht. Die Kameraaufzeichnungen aus der Zeit vor der Observierung habe ich wie gewünscht geprüft und sie haben ähnliche Vorfälle dokumentiert.“ Er nannte nacheinander jedes auffällige Ereignis, das vor und während der Tracking-Phase bei Tevor beobachtet worden war. Auch die häufigen Besuche bei BuyVis und die Gespräche mit der dort arbeitenden Onta verschwieg er nicht.

    Nachdem er fertig war, herrschte eine Weile Schweigen. Etienne musterte das Gesicht des Arztes und versuchte daraus zu lesen, was für Gedanken diesen beschäftigten. Welche Folgen würde sein Bericht für Tevor haben?

    „Ich möchte wissen, was der Onta selbst dazu zu sagen hat. Würden Sie ihn herrufen?“ Dr. van Witten hob den Kopf und schaute ihn fragend an.

    Er nickte. Über sein ComPad beauftragte er den diensthabenden Servicer in der Sicherheitszentrale, Tevor TwoFive-O in die Klinik zu bestellen.

    Fünf Minuten später war er da. Ein Medi-Servicer schob ihn in den Raum und zischend schloss sich die Tür hinter ihm.

    Der Onta prallte vor Schreck förmlich zurück und wurde weiß wie eine Wand, als er Ares entdeckte. Einen winzigen Moment lang sah es aus, als würde er entweder ohnmächtig werden oder die Flucht ergreifen.

    „Setz dich.“ Der Klinikleiter deutete auf einen der freien Stühle und wartete, bis Tevor saß. „Wir haben ein paar Fragen an dich.“ Mit kurzen Worten fasste er Etiennes Oberservierungsergebnisse zusammen. „Wie erklärst du diese Dinge, Tevor TwoFive-O?“, fragte er danach ruhig.

    Der Onta öffnete den Mund, brachte aber kein Wort hervor.

    „Wir möchten nur wissen, was mit dir los ist“, versicherte Dr. van Witten. „Also erzähl einfach.“

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    Kapitel 11

    (3/3)


    Ares wusste, die Aussicht aus diesem angedeuteten Fenster zeigte Athen, die Heimatstadt seines Vaters. Plötzlich fühlte er Mitleid mit ihm.

    „Ich habe mich nie für derlei Probleme interessiert“, fuhr dieser fort. „Verstehst du: Ich war Wissenschaftler und verbrachte vierzehn Stunden des Tages im Institut, manchmal kam ich über Nacht auch gar nicht nach Hause. Ich wollte forschen. Etwas Großartiges entdecken. Deine Mutter ist deswegen gegangen und du hast mich in deiner Kindheit und Jugend kaum zu Gesicht bekommen.“

    Ares nickte. Seine Mutter ... Eines Tages hatte sie ihm gesagt, dass sie gehen würde. Ein anderer Mann würde um sie werben und ihr zeigen, dass sie noch lebte. Etwas, was ihr an der Seite ihres Mannes verlorengegangen war. Er erinnerte sich, dass er genickt und ihr alles Gute gewünscht hatte. Sie zu begleiten war nicht in Frage gekommen, obwohl ...

    „Die Welt da draußen war mir egal.“ Sein Vater hatte weitergesprochen und seine Erinnerungen beiseite gefegt. „Ich habe für meine Forschung gelebt. Keine Ahnung, ob du das verstehst, aber es ging mir nicht um den Ruhm. Ich wollte auf etwas stolz sein. Aber als dieser Mann vor mir stand, realisierte ich mit einem Schlag, dass meine Erfindung dafür keinen Grund bot. Nutzlos war. Wer brauchte in diesen Zeiten Lebensverlängerung? Ich hatte meine Zeit verschwendet und war ein Idiot.“ Er stieß ein bitteres Lachen aus. „Eigentlich war diese Nachricht geeignet, mich in ein tiefes Loch stürzen zu lassen, dieser Konsulsmitarbeiter verkündete, dass die Regierung einen Auftrag für mich habe. Er nannte mir einen Tag, an dem ich im Colossum in Humania zu erscheinen hatte, verabschiedete sich und verschwand. Ich blieb zurück mit dem Kopf voller Fragen. Was hatte man mit mir vor? Was, wenn ich nicht hingehen wollte? Doch er hatte mir weder seinen Namen noch seinen Kontaktcode genannt, ich konnte gar nicht absagen! Und ich traute mich auch nicht. Es war schließlich die Regierung der Vereinigten Kontinente.“

    Ares bemerkte, wie sein Vater ihn verständnisheischend anschaute. Doch er blieb stumm. In seinem Kopf kreisten tausend Fragen. Wer waren die Ontas? Was hatte man hier jahrelang von ihnen herstellen lassen? Und warum hatte Metros solche Angst?

    „Ich reiste also nach Humania und fand mich im Colossum ein. Der Konsulsmitarbeiter wartete bereits am Empfang und brachte mich zu seinem Vorgesetzten. Erst dachte ich: ‚ein typischer Politiker‘, als ich vor dem Konsul stand. Doch der Mann hatte seinen Posten nicht umsonst. Er war genau über mich im Bilde. Und er musste die Enttäuschung und den maßlosen Ehrgeiz in mir erkannt haben. Ich hatte fast den Eindruck, dass er mir in die Seele schauen konnte. Er sparte nicht mit Lob und schmeichelte meiner Eitelkeit, als er mir erklärte, das ich mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten der Einzige sei, der die Welt vor dem Kollaps retten könne. Mit wenigen Worten fasste er dann zusammen, was man von mir erwartete. Ich erhielt Bedenkzeit und stand nach einer Viertelstunde wieder auf der Straße mit der Auflage, mich spätestens nach zwei Tagen bei meinem Kontaktmann zu melden. Diesmal hatte ich Namen und Code von ihm erhalten. Es war keine Frage für mich: Dieses Angebot musste ich annehmen! Ich verstand das Dilemma der Regierung und deren krampfhafte Suche nach einer Lösung. Unser Planet marschierte schnurstracks auf sein Ende zu und ich war der, der das aufhalten sollte. Das machte mich unsagbar stolz. Auf dem Nachhauseweg wälzte ich bereits Formeln im Kopf. Noch vor Ablauf der beiden Tage hatte ich eine grobe Idee und nahm Kontakt zu dem Mann auf. Doch ich hörte nur eine Sprachnachricht, in der mir eine Nummer mitgeteilt wurde, bei der ich mich melden sollte. Als ich das tat, wurde mir ein neuer Kontaktmann genannt. Warum, erfuhr ich nicht.“

    Wieder nahm sein Vater einen Schluck Wasser und diesmal wischte er sich über die schweißnasse Stirn.

    „Geht es dir nicht gut?“, fragte Ares besorgt.

    Metros winkte ab. „Lass. Ich will das zu Ende bringen.“ Ein neuer Schluck und das Glas wurde abgesetzt. „Man war begeistert von meiner Idee. In der Woche darauf begann die Planung des Rings. Zu allem wurde meine Meinung erfragt. Die gesamte fünfte Unterebene habe ich selbst entworfen: ein neues Labor für mich und zwei vollautomatisierte Produktionsstraßen für die verschiedenen Chips.“

    „Onta- und Servicer-Chips, ich weiß.“ Ares nickte verstehend, obwohl die Neuigkeiten wie ein Sturzbach auf ihn herab prasselten. „Jeder Neuankömmling im Ring erhält bei der medizinischen Aufnahmeuntersuchung einen der beiden.“

    „Richtig. Die der Ontas reagieren mit dem Warn-Brennen und später mit Schmerz, wenn sie länger als fünf Sekunden in zu geringer Entfernung bleiben, die anderen nicht.“

    „Das ist alles nicht neu. Erzähl mir, was ich noch nicht weiß!“

    „Lass mich ausreden! Ja, das sind die zwei Chip-Varianten, die die Ontas da unten herstellen. Aber es gibt noch eine dritte.“

    Ungeduldig wartete Ares. Jetzt wurde es interessant. Aufmerksam sah er seinen Vater an und verbot sich, seine eigenen Gedanken weiterzuspinnen. Gedanken, von denen er hoffte, dass sie nicht die Realität waren. Als ihm das Schweigen zu lange dauerte, räusperte er sich. „Vater“, begann er vorsichtig, „was für Chips bauen die Ontas da unten noch?“

    „Einen dritten Chip, der ein von mir entwickeltes Gift in sich trägt.“

    Er prallte zurück und weil die Rückenlehne es nicht zuließ, sprang er auf und brachte Abstand zwischen sich und den Mann vor ihm, der ihm mit einem Male wie ein Fremder vorkam.

    „Gift?“, krächzte er heiser. „Was ... wie -“

    „Setz dich wieder. Ich will nicht zu dir aufschauen müssen.“

    Metros wartete, bis er erneut saß.

    „Für wen sind die?“, wollte Ares wissen.

    „Für Säuglinge. Es sind die Datenchips, die seit dem Edikt der Regierung vor dreißig Jahren jedem Menschen auf der Erde bei der ersten Untersuchung nach seiner Geburt auf dem linken Handrücken implantiert werden. Seit drei Jahren werden sie im Ring hergestellt. Deshalb hat die Regierung so viel in die mobilen Hebammenteams investiert. Sie sind inzwischen überall auf der Welt unterwegs. Millionen Kinder tragen diese Chips bereits in sich.“

    „Überall auf der Welt ...“, ächzte Ares. „Was ... was bewirkt der Chip?“

    „Er löst sich nach fünfundsechzig Jahren auf, plus minus vier bis acht Jahre, damit kein Muster erkennbar wird. Dabei wird das in ihm enthaltene Gift freigesetzt. Die winzige Menge tötet schmerzlos, innerhalb von Tagen und ist nicht nachweisbar.“

    „Du bist ein Massenmörder!“, entfuhr es Ares.

    Metros schüttelte den Kopf. „Ich ahnte, dass du es so siehst. Und in gewisser Hinsicht hast du sogar Recht. Doch die Menschen verhungern, wenn man nicht etwas gegen die wachsende Bevölkerung unternimmt. Der Hungertod ist qualvoll. Mein Gift ist schmerzlos. Deshalb betrachte ich mich als denjenigen, der das Hungerproblem auf dieser Erde wirksam bekämpft. Und dass es bekämpft werden muss, dürfte sogar dir klar sein.“

    Ares ignorierte die sarkastische Bemerkung. „Glaubst du wirklich, diese armselige Ausrede kann meinen Vorwurf entkräften? Du hast ein Gift entwickelt und tötest damit unzählige Menschen! Du, ein begnadeter Wissenschaftler, der vorher sein Können in deren Dienst gestellt hat, bringst sie jetzt um!“ Erneut hielt es Ares nicht auf seinem Platz. Ein paar Mal lief er im Raum auf und ab, doch es half ihm nicht, sich zu beruhigen.

    „Du bist jetzt empört und das verstehe ich. Aber denk in Ruhe nach, Ares. Ich bin sicher, du wirst zu demselben Schluss kommen. Sterben müssen wir alle irgendwann. Es wird mit dem Chip nur etwas ... vorverlegt. Diese Lösung ist human und leicht umzusetzen. Niemand leidet und in absehbarer Zeit muss niemand mehr verhungern, weil die Erde ihn nicht ernähren kann.“ Metros sah ihn ernst an und Ares erkannte, dass sein Vater es vollkommen ernst meinte.

    „Human?! Das sagst du als Mediziner?“ Er schnaubte angewidert. „Die Menschen verhungern nicht aus diesem Grund, sondern weil die Regierung es nicht auf die Reihe bekommt, alle Bewohner der Erde zu versorgen! Solange Goldeinheiten und Korruption das Sagen haben, wird das auch nie geschehen!“ Er hatte Mühe, den Aufruhr, der in ihm tobte, zu bezwingen. „Ich muss hier raus“, stieß er hervor. „Entschuldige mich.“

    An der Tür stoppte er noch einmal. „Die Ontas“, meinte er und drehte sich zu seinem Vater um. „Wenn sie keine Sträflinge sind – was sind sie dann?“

    Metros hob den Kopf. „Darauf hatte ich keinen Einfluss, das musst du mir glauben“, gab er tonlos zurück. „Und es wurde durchgesetzt trotz meines energischen Protestes: Die Ontas sind entführte Menschen, deren Gedächtnis gelöscht wurde.“

    Ares Finger umklammerten haltsuchend den Türrahmen. Ein erstickter Laut entkam seiner Kehle, als er stumm aus dem Quartier des Kyrios floh.

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    Kapitel 11

    (2/3)


    „Um so schlimmer!“, grollte sein Vater. „Dann war es Mord! Sieh zu, dass das keiner erfährt, ja? Ich regele das selbst.“

    „Warum soll das keiner erfahren?“ Ares schüttelte verwundert den Kopf. „Die Bestrafung eines Axioms erfolgt im Beisein der anderen! Steht im Reglement. Jeder soll wissen, was Dwayne sich geleistet hat!“

    „Nein! Dass ein Axiom bestraft wird, ist noch nie vorgekommen, und ich will nicht, dass sich das herumspricht und Ontas davon Wind bekommen. Das darf nicht passieren.“

    „Es ist schon einmal vorgekommen und nichts hat sich danach geändert. Ich begreife deine Angst nicht, Vater! Herumsprechen? Was denn?“

    „Dass Gardisten auch bestraft werden! Ich will, dass die Ontas sie für unantastbar halten und Angst vor ihnen haben!“

    „Das haben sie auch so schon genug. Und wie sollten Ontas sich unterhalten? Sie haben doch kaum die Möglichkeit dazu!“

    „Man findet immer einen Weg, wenn man nur lange genug sucht! Denkst du wirklich, das Überwachungssystem ist perfekt? Wach auf! Es wurde von Menschen entwickelt und Menschen werden es auch schaffen, es zu umgehen.“ Sein Vater blieb stehen und sah ihn aufgebracht an. „Und ich weiß nicht, wie und wann.“

    „Und wenn schon!“ Auch in Ares stieg Ärger hoch. Diese Paranoia war lächerlich. „Hast du immer noch Angst vor einem Aufstand? Oder befürchtest du, sie könnten Fluchtpläne schmieden? Das wäre Irrsinn! Wir sind auf einer winzigen Insel mitten im Südpazifik! Außer dem Ring und dem Regenwald gibt es hier nichts. Keine Tiere, kein Wasser. Kein Schiff kann an der Küste anlegen und die Gleiter, die hier landen, gehören ausschließlich zum Militär, seit Pitcairn ein Marinestützpunkt geworden ist.“ Er verschränkte die Arme vor der breiten Brust. „Und ich habe es dir schon einmal gesagt: Selbst wenn ein paar von ihnen beim Fluchtversuch draufgehen – deine Leute von der Regierung besorgen dir doch problemlos Nachschub. Sträflinge sind billig und es gibt sie immer und überall!“

    Prüfend musterte er seinen Vater. Hatte der den bitteren Unterton gehört?

    „So einfach, wie du denkst, geht das nicht!“

    „Warum? Erklär es mir!“

    „Weil es keine Sträflinge sind!“

    Ares riss die Augen auf. „Was?“, fragte er überrumpelt, obwohl er die Worte genau verstanden hatte und das Begreifen nach und nach in sein Hirn sickerte.

    Sein Vater setzte sich wieder und stützte die Ellenbogen auf die Knie. Er sank förmlich in sich zusammen und wirkte mit einem Mal zehn Jahre älter.

    „Lass uns gemeinsam zu Abend essen“, hörte Ares ihn leise sagen. „Ich muss dir ein paar Dinge erklären.“

    Er antwortete nicht sofort. Das Zittern der schlanken Wissenschaftler-Hände erschreckte ihn. Und diese veränderte Haltung, der Blick, der um Verständnis bettelte.

    Zögernd nickte er. „Bleib sitzen. Ich bestelle uns was.“

    Während sie warteten, wechselten sie nur wenige Worte. Metros fragte ein paar belanglose Dinge und Ares antwortete einsilbig. Eine richtige Unterhaltung kam nicht in Gang und als zehn Minuten später der melodische Gong am Versorgungsschacht die Ankunft ihres Abendessens verkündete, atmete Ares auf. Stumm nahm er die angeforderten Gerichte heraus und brachte sie an den großen Tisch. Sein Vater stand auf, kam herüber und setzte sich ihm gegenüber.

    Eine Weile war nur das Klappern der Bestecke zu hören. Ares wartete. Er würde keine Fragen stellen. Er war nicht einmal mehr sicher, dass er wissen wollte, was sein Vater ihm gleich berichten würde. Die Ungeheuerlichkeit von dessen Offenbarung lastete wie ein Berg auf ihm.

    Keine Sträflinge ...

    Was dann? Freiwillige? Wohl kaum. Die hielt man nicht mit derart drakonischen Mitteln im Zaum.

    „In Ordnung“, beendete Metros das lastende Schweigen und schob den halbvollen Teller zurück. „Was ich dir jetzt sage, weiß niemand außer mir und einigen Leuten bei der Regierung. Und das muss so bleiben!“

    Ares hob den Blick und sah ihn stirnrunzelnd an. Sein Vater hatte das ‚muss‘ so inbrünstig hervorgestoßen, als hinge sein Leben davon ab. Die Geste, mit der er dabei die ins Gesicht fallenden grauen Haare hinters Ohr gestrichen hatte, war fahrig und nicht souverän wie sonst gewesen. Schweißtropfen glänzten über den dichten Brauen. War sein Vater krank?

    „Eigentlich wollte ich es dir jetzt noch nicht erzählen“, fuhr Metros fort. „Ich hatte Sorge, ob du die richtige ... Einstellung hast. Deshalb habe ich dich in der letzten Zeit auch immer zu den Besprechungen geholt, um dich besser kennenzulernen. Wir haben nicht gerade das, was man eine gute Vater-Sohn-Beziehung nennt.“

    Ares schwieg. Er erinnerte sich mit Bitterkeit an seine Teenager-Zeit, in der sich zunehmend entfremdet hatten.

    „Ich muss weit zurückgehen, damit du verstehst“, begann sein Vater erneut, bevor das Schweigen belastend wurde. „Viele Jahre.“

    Ares verkniff sich die Bemerkung, dass er Zeit hatte, und nickte knapp.

    „Du weißt, ich war früher Wissenschaftler auf den Gebieten der Molekularbiologie und der Medizin. Aber ich habe dir nie erzählt, dass das Institut, in dem ich arbeitete, mir gehörte. Eines Tages machte ich eine bahnbrechende Entdeckung und ging mit der erforderlichen Anzahl erfolgreich absolvierter Tests damit an die Öffentlichkeit. Meine Aufzeichnungen und eine Präsentation schlugen ein wie eine Bombe. Es war mir gelungen, durch kontinuierliche Freisetzung von in den menschlichen Körper implantierten Stoffen die Zellalterung extrem zu verlangsamen. Die Menschen würden mit sechzig, siebzig Jahren noch vital und gesund sein und länger leben.“

    Das darauffolgende hilflose Lachen kannte Ares nicht von seinem Vater. Es verunsicherte ihn. Er lernte gerade eine völlig neue Seite von ihm kennen.

    „Bis zu diesem Tag war ich nur einer von unzähligen Wissenschaftlern gewesen. Und plötzlich stand ich im Fokus des Interesses von Konzernriesen. Die Kosmetikindustrie riss sich um mich. Ihre Angebote sprengten jegliche Vorstellung. Es war unglaublich und ich lebte in dieser Zeit wie in einem Traum, einem Rausch. Alles war mir möglich. Du warst gerade zur Marine gegangen und hast davon nichts mitbekommen.“

    Ares sah auf und erkannte Bedauern im Gesicht seines Vaters. Er war nie auf die Idee gekommen, dass seine Flucht aus dem Zuhause kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag den Vater getroffen hatte. Die Differenzen mit ihm waren für ein weiteres Zusammenleben unerträglich geworden. Damals war es ihm gleich gewesen, dass er der Einzige war, den Metros als Familie bezeichnete. Doch jetzt erkannte er, dass der Mann vor ihm jahrelang unendlich allein gewesen sein musste.

    „Bis mich ein Vertreter der Regierung aufsuchte“, fuhr dieser in dem Moment fort und unterbrach seine Gedanken, bevor sie in eine Richtung drifteten, die ihm nicht behagte. Schuldgefühle konnte er momentan überhaupt nicht gebrauchen.

    „Regierung?“, hakte er nach und das ungute Gefühl verstärkte sich.

    Sein Vater nickte. „Der Handlanger irgendeines Konsuls. Er erklärte mir mit wenigen Worten, dass genau diese nicht begeistert war von künstlicher Lebensverlängerung. Im Gegenteil. Die Bevölkerungsexpansion drohte die Menschheit in den Abgrund zu stürzen. Wir steuerten auf die Zehn-Milliarden-Grenze zu und schon damals gab es gravierende Unterschiede in den Lebensumständen. Während einerseits Menschen im Geld schwammen, verhungerten und verdursteten anderswo die Bewohner ganzer Landstriche. Das Leben derer, die in den Slums der großen Städte hausten, konnte man nicht mehr als solches bezeichnen. Dort regierte die Anarchie und es tobte ein Kampf ums Überleben. Und diese Slums wuchsen, während sich die reichen Stadtgebiete abschotteten wie riesige, unbezwingbare Festungen. Wirklich schlimm.“

    Metros nahm einen Schluck Wasser. Als er das Glas absetzte, glitt sein Blick zu einem der Bilder an der Wand hinüber, das wie ein Fenster gestaltet war. Die eben noch zitternden Hände krampften sich ineinander.

    Ares wusste, die Aussicht aus diesem angedeuteten Fenster zeigte Athen, die Heimatstadt seines Vaters. Plötzlich fühlte er Mitleid mit ihm.

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