Beiträge von Tariq

    Kapitel 6

    (1/2)


    Frida Busch!

    Erstaunt beugte Etienne sich ein wenig näher zum Bildschirm und betrachtete die Commandantin der Emerald-Garde, die durch einen der durchsichtigen Tunnel im Innenbereich des Rings lief. Man sah sie nicht oft in den öffentlichen Arealen. Frida war eine Frau, die einen Mann ordentlich in Wallung bringen konnte. Aber nur einen, der noch nie mit ihr zu tun hatte. Wer sie einmal kannte, ging ihr aus dem Weg. In dem atemberaubenden Körper, der in dem smaragdgrünen Overall mit dem silberfarbenen Oberteil überhaupt nicht zur Geltung kam, steckte eine eiskalte, berechnende Despotin. Und man war besonders als Onta gut beraten, ihre schulterlange, kastanienrote Mähne als Warnsignal zu betrachten und einen anderen Weg zu nehmen, sobald sie ins Sichtfeld geriet.

    Ares hatte ihm eine Menge Anekdoten erzählt, die sein Urteil über die Deutsche nur noch gefestigt hatten. Er bedauerte den Freund aufrichtig, dessen Vorgesetzte sie war, denn er wusste, dass sich die beiden nicht ausstehen konnten. Einen Grund dafür hatte Ares ihm bisher nicht nennen können. Vielleicht glaubte die Commandantin, dass er auf ihren Posten scharf war oder der Kyrios sie durch seinen Sohn ersetzen würde.

    Die rote Mähne verschwand im Ostkorridor. Etienne wollte sich schon wieder aufrichten, als er auf einem der Bildschirme, welche die fünfte Unterebene überwachten, drei Gardisten sah. Mit raschen Schritten marschierten sie einen Korridor entlang. Das geschlossene Visier verhinderte einen Blick auf das Gesicht des Vorausgehenden, aber die silbernen Schulterstücke verrieten einen Axiom. Ihm folgten zwei Ypirs, ebenfalls mit geschlossenem Visier. Sie flankierten einen Mann, den die weißen Ärmelstreifen am grauen Overall als Reinigungs-Onta kennzeichneten.

    Etienne nahm die Füße vom Tisch und setzte sich aufrecht, beugte sich vor und kniff die Lider ein wenig zusammen. Normalerweise bespitzelte er die Mitglieder der Emerald-Garde nicht, aber normalerweise hielten sich da unten auch keine Axiome auf. Und abgeführte Ontas brachte man in der Regel zum Lift und nicht weg von ihm. Der genau sollte aber eigentlich das Ziel sein, denn hier unten befanden sich weder der Zellentrakt noch der Garde-Sektor. Ein Blick auf den betreffenden Monitor verriet, dass sich in den letzten Minuten kein Onta regelwidrig verhalten hatte. Also was hatten die drei mit diesem hier vor? Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass hier etwas faul war.

    Etienne drehte seinen Stuhl zum großen Monitor. Eine Handbewegung ließ das Bild der Korridorkamera dort erscheinen. Er rief den Code des Ontas auf. Er leuchtete in beruhigendem Grün und der Name sagte ihm nichts. Als Nächstes prüfte er, wo der Onta zuletzt gearbeitet hatte.

    Emerald-Cantina ...

    Die Kantine der Garde. Das flaue Gefühl in seinem Magen bestärkte sich. Er gab den Code des Ontas in das Tracker-Programm ein. Die Kameras wechselten nun selbständig und zeigten die Aufnahme des Ortes, an dem er zuletzt erfasst wurde.

    Misstrauisch verfolgte er ihren Weg. Wohin wurde der Onta gebracht? Etienne kannte die neun Etagen des Rings und hier unten waren lediglich Entsorgung, Lager und Verpackung untergebracht. Ein Bereich, in dem nichts Auffälliges geschah.

    Vor der Tür eines der Lagerräume blieb der Axiom stehen. Er winkte die beiden Gardisten mit dem Onta zuerst hinein und folgte dann. Die Tür, die anstelle eines Scan-Feldes nur eine Klinke hatte, schloss sich hinter ihnen.

    Das System schaltete zur Kamera in diesem Raum, doch es gab kein Bild. Nur Schwärze.

    Etienne fluchte leise. Sein Blick zuckte zum Display, das mit beruhigenden, grünen Leuchtfeldern den Status der Kameras anzeigen sollte. Da, ein Gelb! Fünfte Unterebene, Nordkorridor. Also war sie abgeschaltet worden. Direkt am Gerät. Ihm entschlüpfte ein neuer Fluch, als er sich erinnerte, es heute bei Schichtbeginn im Protokoll gelesen zu haben. Eine abgeschaltete Kamera war keine Seltenheit. Meist geschah dies aus Wartungs- oder Reparaturgründen. Traf das hier zu?

    Er rief sich das Protokoll erneut auf den Monitor. Seine Ahnung bestätigte sich. Die Abschaltung hatte keine Begründung. Ein Defekt war es nicht, sonst würde sie rot leuchten und er hätte eine Fehler- oder Reparaturmeldung von einem Technik- oder Sicherheits-Servicer erhalten, und ein Onta-Chip besaß für das Abschalten keine Freigabe. Blieb also nur ein Axiom, denn außer den Servicern war es nur noch diesen möglich. Aber warum hätte ein Axiom so etwas tun sollen?

    Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Er schaltete zurück auf die Korridor-Kamera und wartete. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die Tür wieder öffnete. Axiom und Gardisten traten auf den Gang. Der Onta fehlte. Misstrauisch zog Etienne eine Braue hoch. Was lief da unten?

    Die drei verschwanden aus dem Sichtfeld der Korridorkamera, doch Etienne ließ sie ziehen. Er wartete. Noch immer kam der Onta nicht aus dem Raum. Ein erneuter Versuch mit der Kamera darin endete wie der vorige: Das Bild blieb schwarz.

    Jetzt schrillten die Alarmglocken bei Etienne. Irgendwas war hier nicht in Ordnung. Er nahm sein ComPad und piepte Ares an.

    „Hab nicht lange Zeit“, kam es zurück. „Was ist los?“

    „Da ist eine seltsame Sache, die du überprüfen solltest.“

    „Kann das nicht ein Ypir machen?“

    „Das ... wäre keine gute Idee. Ich hab da einen ganz schlimmen Verdacht, dass einer deiner ...“

    „Schon gut“, unterbrach Ares ihn seufzend. „Wo muss ich hin?“

    „Entsorgungsebene, nördlicher Außenkorridor, Raum dreiundzwanzig. Ich lotse dich“, gab er knapp zurück. Unruhe hatte ihn ergriffen. Noch immer hatte sich der Onta nicht gezeigt.

    Während er darauf wartete, dass der Freund im Nordkorridor ankam, gingen ihm die unterschiedlichsten Fragen durch den Kopf. Vielleicht bist du einer Verschwörung auf der Spur, spekulierte eine Stimme in seinem Hirn. Unsinn, widersprach eine zweite, die haben etwas versteckt in dem Raum. Die dritte, und er wusste, dass es die Stimme der Vernunft war, machte sich die allergrößten Sorgen um den zurückgelassenen Onta.

    Da war Ares!

    Auf dem Bildschirm beobachtete Etienne, wie sein Freund - das ComPad in der Hand – in der untersten Ebene auftauchte und sich dem Nordkorridor zuwandte.

    „Die fünfte Tür auf der rechten Seite“, wies er ihn an. „da ist ein Onta drin.“

    „Was treibt der Kerl dort? Hier sind Lagerräume! Macht er ein Schläfchen? Und was ist mit der Kamera da drinnen?“ Ares hatte während der Fragen den Raum erreicht und öffnete die Tür. „Verflucht!“, hörte Etienne gleich darauf, dann einen dumpfen Laut. „Ruf ein Medi-Team! Und die sollen sich ja beeilen!“

    Die Verbindung brach ab.

    Etiennes Finger presste sich auf den Knopf zur Alarmierung einer medizinischen Rettungseinheit und tippte „05N23“ auf das Touchpad. Der Code für den Ort, an dem der Notfall war. Fünfte Ebene, Nordkorridor, Raum dreiundzwanzig.

    Eine solche Alarmierung war nichts Besonderes für ihn und die Medi-Servicer in der Klinik. Doch wenn diese benötigt wurden, nachdem sich drei Gardisten mit einem einzelnen Onta befasst hatten, sah die Sache anders aus.

    Er beobachtete die Ankunft der Mediziner, die mit einem Gravi-Board den Korridor entlanggehastet kamen. Ares erwartete sie in der offenen Tür und trat beiseite, um sie hineinzulassen. Etienne sah, dass er mit ihnen sprach und sich dann entfernte. An den Schritten, mit denen sein Freund davon stampfte, erkannt er, dass Ares ungeheuer zornig war. Mit Sicherheit würde er gleich hier auftauchen.

    Das Gravi-Board wurde aus dem Zimmer geschoben. Etienne erhaschte einen Blick auf ein blutbesudeltes, blasses Gesicht, dann war die in weiße Overalls gekleidete Einheit mitsamt dem Onta verschwunden.

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    Ich lese gerade den "Prinz der Rache" von Torsten Fink (einer meiner Lieblingsautoren).


    Wer wissen will, um was es geht - der Klappentext von Amazon erklärt das ganz gut. Was mich am Roman begeistert, ist Finks Fähigkeit, die Charaktere zu zeichnen. Und ihre Verwandlung glaubwürdig rüberzubringen. Sein roter Faden zieht sich konsequent durch und trotz bislang dreier Handlungsstränge kann ich ihm sehr gut folgen. Nach einem etwas langwierigen Einstieg ist es jetzt durchgehend spannend, zumindest habe ich bis jetzt keine "Hänger" mehr gefunden.

    Also - wer etwas Fesselndes zum Lesen für den Sommer im Garten (und dann abends auf dem Sofa) braucht, der sollte es mit diesem Roman versuchen. :thumbup:


    ("Der Prinz der Rache" ist - obwohl später geschrieben und mit ähnlichem Namen - keine Fortsetzung der Schattenprinz-Trilogie.)

    Nette Idee mit der Gedichtform. :thumbup:

    Nun denn, werter jonglierender Musikfreund - der hoffentlich nicht seine Häkelsachen und Briefmarken durch die Luft wirbelt :panik: - sei willkommen hier. Mögest du wachsen und gedeihen in unserer Runde, zu welcher Uhrzeit auch immer. Sei gegrüßt!

    Kapitel 5

    (1/1)


    Tevor hatte die Kabine vier erreicht und sah den Helm davor. Er nahm ihn hoch und legte ihn gleich wieder zurück. Schuhe aus, mahnte er sich, ich wollte doch barfuß laufen. Er schob die flachen Slipper unter die Ablage, griff sich den Helm erneut und öffnete die Tür.

    Die Größe des Raumes ließ sich schwer schätzen, weil Boden, Wände und Decke dieselbe Farbe aufwiesen. Er war leer und schien quadratisch zu sein. Einhundert Quadratmeter, erinnerte sich Tevor, also vermutlich zehn mal zehn Meter.

    Er trat ein, stieg vorsichtig auf die eine Handbreit über dem Boden schwebende Plattform und stülpte sich den leichten, schwarzen Helm über. Die Blonde hatte recht gehabt, diese Saugnäpfe waren unangenehm. Ein blickdichtes Visier schob sich vor seine Augen und nahm ihm die Sicht.

    „Genießen Sie Ihren Aufenthalt bei BuyVis, Onta Tevor TwoFive-O.“

    Er wunderte sich nicht, dass ihn die Computerstimme beim Namen genannt hatte. Schließlich war sein Chip gescannt worden. Gespannt wartete er.

    Wispernd, kaum wahrnehmbar, drang Rauschen an sein Ohr. Es nahm zu. Erstaunt hob er den Kopf, denn das Geräusch war über ihm. In dem Moment fluteten Gerüche seine Wahrnehmung. Ein würziger Duft. Den kannte er. So roch es, wenn er bei Regen und geöffneter Energiewand an der Brüstung seiner Wohneinheit stand. Und dann mischte sich ein süßliches Aroma darunter, das er noch nie wahrgenommen hatte. Neue Laute waren zu hören, ein Piepsen und Zwitschern. Es klang das Jubeln von kleinen Tieren ...

    Jetzt durchdrang Licht die Schwärze vor seinen Augen. Und Grün, eine überwältigende Vielfalt von Grün, immer wieder unterbrochen von blendend hellen Sonnenstrahlen, die über seinem Kopf durch das Blattwerk drangen.

    Tevor schnappte nach Luft. Es war einfach vollkommen. Ein lauer Wind streichelte sein Gesicht und über sich hörte er das Rauschen in den Pflanzenriesen. Ehrfürchtig legte er seine Hand auf die raue Schale eines dieser Giganten neben sich und ließ forschend seine Finger über die Oberfläche tasten. Tränen traten in seine Augen. So intensiv hatte er es sich nicht vorgestellt. Geh ein paar Schritte, befahl er sich, du wolltest spüren, wie es ist, ohne Schuhe auf diesem Boden zu laufen. Er sah hinab. Trockene Blätter unter seinen Füßen, kein einziger Grashalm. Vielleicht da hinten? Dort war es heller ...

    Er tappte durch das Laub vorwärts, war versucht, die Hände nach vorn zu strecken, um nicht gegen die Wand zu stoßen. Nur langsam entspannte er sich, lächelte und lief gemächlich weiter, wobei seine Hände Zweige voller weicher, grüner Blätter streiften. Kleine Tiere huschten durch die Pflanzen über seinem Kopf. Sie konnten fliegen und blinzelnd beobachtete er staunend, wie sie sich hoch die Luft schwangen und irgendwo zwischen den Pflanzenriesen verschwanden. Mit einem tiefen Atemzug sog er den würzigen und ungewohnten Duft ein. Der hellgrüne Fleck entpuppte sich als winzige, sonnenlichtüberflutete Fläche. Und hier war Gras. Genug, um die Füße hindurchstreichen zu lassen. Lauschend hob er den Kopf, denn jetzt hörte er ein Gluckern und Plätschern. Irgendwo war Wasser. Er wandte sich nach links, um die Quelle des Geräusches zu finden. Nach zehn Schritten glitzerte es zwischen den Pflanzenriesen. Ein munter dahinfließendes Rinnsal, das sich durch Steinen hindurchzwängte. Atemlos lauschte er. Nie hatte er so einen Laut gehört. Langsam tauchte er die Hände hinein und beobachtete, wie die klare Flüssigkeit um sie herum floss und um seine Finger strudelte. Das Wasser war eiskalt, aber er lachte glücklich.

    Weiter vorn war eine Konstruktion, auf der man das Rinnsal überqueren konnte. Gezimmert aus armstarken Ästen. So dick wurden die der Gewächse im Innenbereich nie. Auch das Geländer bestand daraus.

    Er lief darauf zu und betrat sie. Seine Füße spürten die raue Oberfläche, während seine Fäuste die obere Geländerstange umschlossen.

    Da fiel sein Blick auf etwas. Es war ein Symbol, genau zwischen seinen Händen. Jemand hatte es ein wenig schief in das Geländer geritzt. Und es enthielt zwei Buchstaben. S und L ...

    Ein jäher Schmerz schien seinen Schädel spalten zu wollen. Er ächzte gequält, ließ das Geländer los und umklammerte mit beiden Händen den Helm. Sein Mund öffnete sich zu einem Schrei – doch er blieb stumm. So plötzlich, wie die Pein ihn überfallen hatte, war sie verschwunden. Der Schreck ließ Tevor reglos verharren. Was war das gewesen? Hatte er etwas falsch gemacht? Irgendeine Regel verletzt? Ängstlich lauschte er, ob die Computerstimme ihn gleich rauswerfen würde. Ares Daktyl, der Sohn des allmächtigen Metros Daktyl, fiel ihm ein. Der Axiom war im Tunnel vor ihm hergelaufen und hatte mit seinem Begleiter BuyVis eher betreten als er. Sie mussten noch hier sein! Vielleicht polterte der Axiom jeden Moment mit zwei Gardisten herein, um ihn hinauszuschleifen.

    Nichts geschah. Der Wald verschwand nicht. Langsam beruhigte sich sein rasender Herzschlag. Von dem heftigen Schmerz war nichts mehr zu spüren. Was hatte ihn verursacht?

    Vielleicht wurde er krank und es hing gar nicht mit der Vision zusammen? Seine Beine fühlten sich an wie Pudding.

    Er kehrte um und versuchte, die sonnenüberflutete Fläche wiederzufinden. Dort würde er sich ins Gras setzen, dem Zwitschern der kleinen, fliegenden Wesen zuhören und die Sonne auf dem Gesicht genießen.

    Doch er kam nicht mehr dazu. Beim ersten Schritt spürte er ein Ziepen an Stirn und Schläfen. Mit einem kaum hörbaren Schmatzen lösten sich die Saugnäpfe. Der Wald verdunkelte sich bis hin zu völligem Schwarz. Die Geräusche wurden leiser, bis ihn schließlich Stille einhüllte.

    „BuyVis bedankt sich für Ihren Besuch“, verkündete der Computer. Das schwarze Helmvisier wurde geöffnet und er fand sich in dem grauen Raum wieder.

    Die Rückkehr in die Realität war - wie im Visodrom – dem Erwachen aus einem schönen Traum ähnlich, aber intensiver und ihm schwindelte leicht. Mit steifen Bewegungen nahm er den Helm ab, tappte zur Tür und öffnete sie. Er fühlte sich beraubt und war traurig, aber auch überglücklich. Schon während er den Helm ablegte und in seine Schuhe schlüpfte, beschloss er, diesen Besuch so bald wie möglich zu wiederholen. Nur die Erinnerung an diesen Schmerz im Kopf trübte das Erlebnis. Vielleicht war es an der Zeit, sich für einen Medi-Check anzumelden.

    Die Blondine in der Isolierkabine lächelte zaghaft, als er an ihr vorbei zum Ausgang ging, und – für ihn selbst überraschend – erwiderte er das Lächeln und hob die Hand zum Gruß.

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    Kapitel 4

    (Teil 2/2)


    „Es ist nichts, was dich oder deine Vorgesetzten beunruhigen müsste“, meinte er beschwichtigend.

    „Nichts?! Ein Onta stürzt sich vom Balkon in den Tod, innerhalb einer Woche verletzen drei die Abstandsregeln und in der Cantina wird ein Gardist angegriffen! Neulingen gestehe ich die Regelverletzung zu. Das kommt in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft öfter vor. Aber Angriffe auf Gardisten? Selbstmorde? Das ist nicht hinnehmbar!“

    Er hat Mühe, seine Beherrschung zu wahren, erkannte Ares irritiert. Wieso? Was ist daran so schlimm?

    „Haben die Ontas irgendwelche Gemeinsamkeiten, Commandantin?“, fragte sein Vater und die vorhin so erregte Stimme klang wieder beherrschter. „Sie haben die Vorfälle doch sicher näher untersucht.“

    „Keine, Kyrios.“ Frida trat an den runden Tisch in der Mitte des Konferenzraumes. Mit einer Handbewegung ließ sie ein Hologramm des Rings entstehen. Träge rotierend schwebte es eine Handbreit über der Tischplatte. Mit dem linken Zeigefinger hob die Commandantin es höher, sodass man nicht nur die vier oberirdischen Etagen des Ringes, sondern auch die fünf Unterebenen sehen konnte. Fridas Rechte huschte kurz über das Bedienpad auf dem Tisch und die Wände des Gebäudes wurden durchsichtig.

    „Die Wohneinheiten der betreffenden Ontas liegen in verschiedenen Blöcken und Ebenen. Hier, hier, hier und hier.“ Ihr Finger tippte auf die Stellen im Ring, die daraufhin kurz aufleuchteten. „Keiner von ihnen hat sich in einem fremden Wohnblock aufgehalten. Sie arbeiten nicht am selben Platz und ihre Schichten folgten nicht aufeinander. Die Chips haben keine Abstandsunterschreitung erfasst, bei denen zwei von ihnen betroffen waren. Der Selbstmörder ist vorher nicht bei einem Medi-Check gewesen. Er hat seine Schicht ohne besondere Vorkommnisse beendet und sich ohne Zwischenaufenthalt in seine Wohnung begeben. Die Kameras haben keine Auffälligkeiten aufgezeichnet. Er ging hinein, öffnete die Energiewand, trat ans Geländer und sprang über die Brüstung.“

    Ihre Hand vergrößerte die erste Unterebene. „In der Onta-Cantina hielten sich fünfzehn Ontas auf, als der Vorfall geschah. Er wurde von drei Kameras erfasst. Diese hier“, ihre Handbewegung ließ einen Holo-Schirm neben der rotierenden Ringgrafik aufleuchten, „hatte den besten Winkel.“

    Sie gab den beiden Männern Zeit, die Szene zu verfolgen. Nachdem die Ypir-Gardisten die sich heftig wehrende und brüllende Onta hinausgeschleift hatten, beendete Frida die Wiedergabe.

    Ares räusperte sich. Er hatte das Ganze schon einmal gesehen, als er das Strafmaß für den Gardisten, der zu seiner Einheit gehörte, festlegen musste. Der Mann hatte der Onta unnötig hart das Knie ins Kreuz gerammt, um ihre Hände auf den Rücken zu zwingen, damit der zweite sie fesseln konnte. Unbehaglich verlagerte er sein Gewicht auf das andere Bein. Morgen früh war ihre Strafe abgesessen. Er nahm sich vor, dabei zu sein, wenn sie aus dem Loch geholt wurde.

    Sein Vater warf ihm einen undeutbaren Blick zu. „Deine Männer waren schnell da“, gab er zu.

    Ares erkannte das Versöhnungsangebot. „Sie sind gut ausgebildet“, bestätigte er. „Ich habe keine Schwierigkeiten.“

    „Gut.“ Der Kyrios stützte sich mit den Händen auf die Tischplatte und betrachtete das sich gemächlich drehende Hologramm.

    Ungeduldig wartete Ares. Was war der Grund gewesen für diese Besprechung? Wirklich nur die Frage, warum er ihm nichts von den Vorfällen erzählt hatte?

    „Das muss aufhören“, murmelte Metros in dem Moment und Ares erkannte erneut, dass sein Vater ernsthaft besorgt war.

    „Es ist bedeutungslos“, entgegnete er. „Das sind immer nur Einzelfälle. Es gibt keinen Zusammenhang.“

    „Heute vielleicht. Aber morgen kann das anders sein. Einige Ontas waren in der Computerindustrie und in der Forschung tätig, bevor sie hierher kamen. Was, wenn sie eine Möglichkeit finden, das Kontaktverbot zu umgehen? Was folgt als Nächstes? Legen sie die Kameras lahm? Manipulieren sie sie, damit wir nur das sehen, was wir sollen?“

    Ares verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Ein Aufstand hätte keine Chance. Ein Notruf vom Ring und in einer Dreiviertelstunde ist ein Großbataillon hier. Der Marine-Stützpunkt auf Pitcairn kann sofort reagieren. Die dort stationierten Spezialeinheiten machen kurzen Prozess mit aufmüpfigen Ontas! Und selbst wenn ein paar von denen dabei ins Gras beißen – es sind Sträflinge! Du kannst sie doch in absehbarer Zeit ersetzen. Das hat doch die letzten beiden Male ganz wunderbar funktioniert, oder?!“ Er hatte sich bemüht, den Zorn in seiner Stimme nicht durchklingen zu lassen, doch in seinen Augen hätte sein Vater die Wut mühelos erkennen können. Wenn er ihn angesehen hätte.

    Doch das tat Metros nicht. Er schwieg, obwohl Ares den Eindruck hatte, dass ihm eine heftige Entgegnung auf der Zunge lag. Ihn beschlich das seltsame Gefühl, dass sein Vater ihm etwas verschwieg. Warum hatte er Angst davor, dass die Ontas miteinander redeten? Denn nichts anderes bedeuteten dieses Kontaktverbot, die lückenlose Überwachung und die Abstandsregeln. Und deshalb auch die strengen Strafen für deren Übertretung. Er konnte doch unmöglich wirklich einen Aufstand fürchten! Und wieso spielte es eine Rolle, was die Ontas beruflich getan hatten, bevor sie straffällig geworden waren?

    Ein Blick zu Frida zeigte, dass sie offenbar keine derartigen Gedanken hegte. Sie stand mit auf den Rücken gelegten Händen und sah ihren Vorgesetzten ausdruckslos an. Vermutlich fragt sie sich ebenfalls, warum sie hier ist, dachtes Ares säuerlich.

    „Ich will, dass das aufhört“, wiederholte Metros mit Nachdruck und richtete sich auf. Sein Gesicht hatte einen harten Zug angenommen. „Besonders die Verletzung der Abstandsregel. Sie dürfen nicht miteinander reden!“ Er atmete einmal tief durch. „Sie haben alle Befugnisse, um das zu erreichen, Commandantin. Das war es für heute. In Zukunft möchte ich deinen Rapport unaufgefordert erhalten, Axiom.“

    Kalt und mitleidlos, dachte Ares beklommen. Wann ist er so geworden?

    Frida ließ Grafik und Bedienpad verschwinden, nickte ihrem Kyrios zu und stolzierte an ihm vorbei zur Tür. Auch er neigte grüßend den Kopf vor seinem Vater und verließ nach ihr den Konferenzraum.

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    Kapitel 4

    (Teil 1/2)


    Im sechsten Teil des Konzertes wurde die Musik plötzlich leiser und verstummte dann. Ares seufzte. Er kannte das. Sein erholsamer Abend war eben beendet worden. Das Lösen der Saugnäpfe bestätigte es.

    „Axiom Ares Daktyl, Ihre Anwesenheit ist im Konferenzraum drei erforderlich.“

    So sanft die Frauenstimme des Computers auch war, er hasste sie. Schon oft hatte sie ihn gestört, egal, ob er gelesen, geschlafen, die Infos vom Tag oder Musik gehört hatte. Und der Grund war jedes Mal der Gleiche: Sein Vater hatte ihn über den Chip aufspüren und durch den Computer wissen lassen, dass er nach ihm verlangte. Das ComPad benutzte er nie. Ares wusste nicht einmal, ob sein Vater eines besaß.

    „Ende!“

    Er wartete, bis er den Helm absetzen konnte und richtete sich aus dem bequemen Liegesessel auf. Missmutig sah er zu Etienne hinüber. Der hatte natürlich die Stimme nicht hören können und schwelgte weiter in den Klängen von Smetanas „Moldau“.

    Etwas Unfreundliches brummend stand Ares auf und ging zur Tür. Draußen legte er den Helm ab und wandte sich zum Ausgang. Die blonde Onta am Empfang sah ihn erstaunt an.

    „Sagen Sie meinem Begleiter, ich wurde weggerufen.“

    Sie nickte verstehend und er verließ den Kuppelbau. Ärgerlich stampfte er durch die transparenten Tunnelröhren des Innenbereichs zu den Liften. Wann würde sein Vater endlich aufhören, ihn herumzukommandieren wie ein Kind? Ist erforderlich, hatte die Computerstimme gesagt. ,Wird befohlen‘, würde es wohl eher treffen, dachte er verärgert. Er war nur ein Axiom! Musste er bei jeder Besprechung dabei sein? Für die wichtigen Sachen hatte der allmächtige Metros doch Frida Busch.

    Die Chefin der Emerald-Garde war Deutsche und der skrupelloseste Mensch, den Ares kannte. Sie fraß seinem Vater aus der Hand, zeigte jedoch anderen gegenüber eine erbarmungslose Härte. Ihre bevorzugten Opfer waren Ontas. Sie bestrafte die kleinsten Vergehen mit nicht nachvollziehbarer Grausamkeit.

    Der Vorfall in der Cantina, den Etienne auf dem Weg zu BuyVis angesprochen hatte, fiel ihm ein. Ob die Onta sich so verhalten hätte, wenn ihr klar gewesen wäre, was ihr blühte? Nicht jedes Vergehen wurde so hart bestraft, aber sie hatte einen Gardisten angegriffen. Das Loch, in dem sie drei Tage verbringen musste, war geeignet, einen Menschen um den Verstand zu bringen: licht- und schallisoliert und ohne sanitäre Einrichtungen. Kein Kontakt mit anderen Menschen während des Arrestes. Weder Nahrung noch Wasser. Keine Möglichkeit, zu schlafen, weil permanent ein hochfrequenter Ton ausgesendet wurde, der verhindern sollte, dass der Häftling einschlief.

    Am Morgen des vierten Tages fanden die Ypir-Gardisten anstelle des eingesperrten Ontas ein zuckendes, wimmerndes Bündel, das nackt in seinen Exkrementen lag und mit ausgetrockneten Lippen um Wasser flehte. Wer diese drei Tage mit gesundem Geist überstand, würde nie wieder gegen die Regeln verstoßen. Wer nicht, war danach gebrochen. Solche Überbleibsel, wie Frida sie einmal genannt hatte, arbeiteten als Pflanzenpfleger, in der Reinigung oder Entsorgung. Und kein Onta konnte einen anderen warnen vor dem, was einem bevorstand, wenn man sich falsch verhielt.

    Die Lifte tauchten vor ihm auf. Eine weibliche Onta, die gerade in die isolierte Kabine einsteigen wollte, wich hastig zurück. Er verkniff sich ein Nicken. Sein Status als Axiom musste gewahrt bleiben. Als solcher bedankte man sich nicht bei Ontas.

    Vier Stockwerke sank die Kabine in der durchsichtigen Röhre hinab, vorbei an den Versorgungseinheiten mit den drei Cantinas, der Klinik und der Anlieferzone. Es folgten die Quartiere von Servicern und Axiomen in der zweiten Unterebene und dann die Lager und Entsorgungseinrichtungen in der dritten. In der vierten verließ er den Lift und trat an die Glaswand, hinter der sich der Boden des runden Lichtschachtes befand. Sein Blick glitt an den darin hängenden Grünpflanzen und Flechten nach oben. Dank der besonderen Konstruktion der Licht-Säule, wie der oberirdische Teil genannt wurde, fiel tagsüber helles Licht vier Stockwerke tief bis hier herunter und spendete der kleinen Grünlage hinter dem Glas üppiges Leben. Die Säule selbst konnte er von hier unten nicht sehen. Doch er wusste, dass man nachts von der ersten und zweiten Unterebene aus durch sie den Sternenhimmel bewundern konnte.

    Unter ihm lag nur noch die Produktionsebene: dreihundert isolierte oder ausreichend voneinander entfernte Arbeitsplätze sowie der Verpackungs-, Logistik- und Entsorgungsbereich.

    Erneut seufzte Ares. Er hatte sich genug Zeit gelassen. Es brachte nichts, seinen Vater zu verärgern. Er sah schon Fridas hochmütiges Gesicht vor sich, das die Freude über den unvermeidlichen Anschiss kaum verbergen konnte. Sie hasste ihn. Und er sie.

    Er ging am Sicherheitssektor vorbei und weiter zu dem der Garde. Der Konferenzraum lag direkt am Lichtschacht. Eine seiner Wände war verglast und erlaubte einen Blick auf das Grün dahinter.

    Hier unten gab es keine Abstandsregeln. Weder Gardisten noch Servicer mussten Distanz wahren und die Reinigungs-Ontas achteten auf sich selbst. Trotzdem ging einer der Produktionsadministratoren zur Seite, als er ihm im Korridor begegnete.

    Das grimmige Lächeln lag noch auf Ares‘ Lippen, nachdem die Türen des Konferenzraumes mit leisem Zischen auseinander geglitten waren und ihn eintreten ließen. „Vater, Commandantin.“ Er nickte Metros zu. Für Frida hatte er nur ein kaum wahrnehmbares Neigen des Kopfes.

    „Du bist spät, Ares.“

    „Ich habe Freizeit.“

    „Das ist mir egal. Wenn ich dich rufen lasse, hast du zu kommen. Unverzüglich.“

    Er zog es vor, nichts darauf zu entgegenen. Alles würde wie eine Ausrede klingen und den Vater weiter reizen. „Was gibt es?“, fragte er stattdessen.

    „Die Vorfälle“, blaffte sein Vater. „Wann hattest du vor, mir davon zu erzählen?“

    „Für die tägliche Berichterstattung ist die Commandantin zuständig. Ich bin nur ein Axiom.“

    „Du bist mehr als nur ein Axiom!“

    Er ging nicht darauf ein. „Hat dir die Commandantin etwas verschwiegen?“, forschte er. Es war eine ungeheure Unterstellung, aber er wollte unbedingt Fridas Gesicht sehen bei diesen Worten, auch wenn sie völlig aus der Luft gegriffen waren.

    Wie erwartet verengten sich ihre Augen, als sie ihn zornig anstarrte. „Ich habe Kyrios Metros über jeden einzelnen informiert“, gab sie eisig zurück.

    Kyrios, dachte Ares, das griechische Wort für Herr. So ließ sich sein Vater, der an seinen ethnischen Wurzeln eisern festhielt, anreden, obwohl er den Ring weder erbaut hatte noch der Eigentümer war. Er arbeitete im Auftrag der Regierung der Vereinigten Kontinente in dieser Vorzeige-Haftanstalt. So wie sie es alle taten.

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    Kapitel 3

    (1/1)


    Der Gong verkündete Thilia FourFour-D, dass ein anderer Onta vor der Eingangstür von BuyVis stand. Ohne Eile begab sie sich in ihre Isolierkabine. Sie wusste, die Tür würde sich erst auf ihren Knopfdruck hin öffnen.

    Unter den Kunden von BuyVis gab es nur wenige Ontas. Ihnen fehlten die Credits. Sich Visionen zu kaufen, war nicht billig und sie besuchten eher das Visodrom. Trotzdem kam ab und an einer. Und wer einmal da war, tauchte immer wieder auf. Das, was sie sahen, wenn der Helm auf ihrem Kopf saß und die Saugnäpfe der Elektroden den Kontakt hergestellt hatten, schien sie zu verändern. Es entwickelte sich zu etwas, was der Besucher nicht steuern konnte, zu einer Gier, die ihn zwang, mehr und mehr Credits zu verdienen.

    Der Summer der Tür ertönte in ihrer Kabine. Eine letzte Warnung für sie, den isolierten Raum nicht mehr zu verlassen. Er ermöglichte ihr, mit dem Onta-Kunde zu sprechen, ohne dass der Schmerz sie zu Boden warf.

    Ihr Finger fand den Knopf für die Öffnung der Tür blind. Als das Metall zur Seite glitt, fiel ihr Blick zuerst auf das Gesicht des Mannes. Ein Neuling. Durchschnittliche Statur und die Haare so kurz, wie es alle Ontas trugen. Er war klein, aber immer noch größer als sie, und seine Ohren standen etwas ab.

    „Was möchtest du?“, fragte sie und versuchte, den gelangweilten Ton aus ihrer Stimme herauszuhalten. Neukunden bedeuteten Credits, wenn sie wiederkamen. Und sie brauchte welche für eine Massage. Schon allein deshalb würde sie sich bemühen.

    Er wirkte verunsichert, was nicht ungewöhnlich war. Jeder, der zum ersten Mal ihr Reich betrat, hatte keine Vorstellung, was ihn erwartete. Sein Blick glitt über die Bilder, die an den Wänden entstanden und wieder verblassten, um zu wechseln und eine neue Ansicht zu bieten. Eben flutete grünes Licht den Vorraum und an der großen Fläche neben der Tür zu den Kabinen wurde dichter Laubwald sichtbar.

    „Das!“, entfuhr es ihm und sein Finger wies auf das sonnenlichtdurchflutete Grün. Gleich darauf wandte er sich ihr zu. „Tut mir leid“, meinte er und lächelte zaghaft. „Das kam gerade im passenden Moment.“

    „Kein Problem.“ Unbewusst straffte sie ihre Haltung und strich sich über das raspelkurze Blondhaar. „Also Wald. Wie viele Credits möchtest du ausgeben?“

    „Ich ... was bekomme ich für fünf?“

    „Eine Viertelstunde in einhundert Quadratmetern bei Tageslicht und Sonne.“

    „Und wenn ich Regen möchte?“

    „Das wäre ein Extra und kostet zwei weitere Credits. Wegen des Wassers und der Ganzkörper- und Kabinentrocknung danach. Hast du einen Wechseloverall dabei?“

    „Nein.“ Ein trauriger Zug entstand um seinen Mund.

    „Im Versorgungsmodul kannst du dir über deinen Chip einen bestellen.“

    Seltsamerweise freute sie sich, als sie sah, dass er ihr geschäftsmäßiges Lächeln erwiderte.

    „Danke. Ich nehme heute erstmal nur den Wald. Ohne Regen.“

    Sie nickte. „Dort ist der Scanner.“ Ihre Hand wies auf die Scan-Einheit außen an der isolierten Scheibe, deren Lesefläche blau aufleuchtete.

    Der Onta hielt seinen Chip daran. Es piepte. „Fünf Credits abgebucht“, verkündete die Computerstimme.

    „Du hast Kabine vier.“ Thilia zeigte dem Neuling den Durchgang zu den Kabinen. „Geh hinein, schließe die Tür, stell dich auf die schwebende Plattform in der Mitte des Raumes und setze den Helm auf, der vor der Tür auf dem Board liegt. Erschrick nicht, seine Saugnäpfe heften sich automatisch an deine Stirn und Schläfen. Das ist etwas unangenehm, aber du wirst es ein paar Sekunden später nicht mehr spüren. Du kannst laufen, so weit und wohin du willst, aber nicht springen, damit du nicht von der Plattform stürzt. Du wärst nicht der Erste, der hier mit blutender Nase wieder rausgeht.“

    Der Onta lachte und obwohl sie diese Warnung schon unzählige Male ausgesprochen und keine Miene dabei verzogen hatte, lächelte auch sie.

    „Wenn die Viertelstunde um ist, lösen sich die Saugnäpfe. Ein leichtes Schwindelgefühl ist normal. Öffne die Augen und bleib ruhig stehen. Wenn alles in Ordnung ist, setz den Helm ab. Steige erst danach von der Plattform, verlass die Kabine und leg ihn wieder auf die Ablage. Alles ganz einfach. Sollten irgendwelche Probleme auftauchen, dann sage deutlich Ende und deine Vision wird abgebrochen. Du kannst den Raum nicht vorher verlassen, denn du wirst die Tür nicht finden. Bei Abbruch werden keine Credits erstattet. Hast du Fragen?“

    Er schüttelte den Kopf. „Kabine vier, eine Viertelstunde“, wiederholte er. „Vielen Dank.“

    Sie nickte und sah ihm nach, bis er im Durchgang zu den Kabinen verschwunden war.

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    Kapitel 2


    Die Tür wurde geöffnet und Licht fiel in das Dunkel der Überwachungszentrale, die sonst nur vom Schein der Monitore erhellt wurde.

    Etienne wandte den Kopf nicht. Er wusste, wer gekommen war.

    „Und?“, drang die Stimme seines Freundes an sein Ohr. „Alles ruhig?“

    Er lachte leise. „Das fragst du jedes Mal, wenn du hier in meiner Höhle auftauchst. Ja, alles ruhig, keine Sorge.“ Ächzend dehnte er die verspannten Schultern und neigte den Kopf ein paar Male hin und her. „Du bist früh dran.“

    „Meine Ablösung war eher da. Ich konnte verschwinden.“

    Etienne hörte, wie Ares eine Taste am Versorgungsschacht tippte. Dann war ein leises Schaben zu hören. Der Freund hatte sein Helmvisier geöffnet.

    Jetzt drehte Etienne sich doch um. Sein Blick glitt über Ares‘ Silhouette, die sich vor dem hellen Rechteck der Tür abzeichnete und verriet, dass der Freund die superleichte Carbonrüstung über dem Overall trug. Ein seltener Anblick.

    „Licht!“, befahl er und musterte Ares im Schein der aufgeflammten Deckenbeleuchtung besorgt. „Was war los?“, fragte er. „Hattet ihr heute schon wieder Probleme?“

    Ares winkte ab. „Das Übliche“, gab er zurück. „Zwei Ontas, die meinten, das Kontaktverbot gilt nicht für sie. Die Ypirs forderten Verstärkung und Gewalt-Erlaubnis an.“ Ein melodisches Signal ertönte und die Abdeckung des Versorgungsschachtes glitt geräuschlos zurück.

    Ares setzte den Helm mit dem eingezogenen Voll-Visier ab und legte ihn mit den Handschuhen neben dem Etiennes Bedienpads auf den Tisch. Mit beiden Händen fuhr er sich über das Gesicht und durch die kurzen, schwarzen Haare. Erst dann nahm er die bestellte Wasserpackung heraus, öffnete sie und trank.

    Etienne musterte ihn noch immer. Ares‘ smaragdgrüner Overall, dem die Emerald-Garde ihren Namen verdankte, unterschied sich von denen der Ypir-Gardisten nur durch die silberfarbenen Schulterpartien. Sie wiesen seinen Freund als Axiom aus. Jetzt war das dunkle Grün überdeckt von Brust- und Rückenpanzer, Beinschienen und Waffenholster, aus dem der Griff von Ares‘ Impulsor herauslugte.

    Sein Freund sah erschöpft aus. Die Probleme mit der Verletzung der Abstandsregel und dem Ignorieren des Kontaktverbotes machten einen Großteil seiner Arbeit aus.

    „Hast du den Eindruck, dass die Vorfälle häufiger auftreten?“, forschte Etienne.

    Ares kratzte sich am Dreitagebart. „Nein“, gab er zurück. „Aber das herauszufinden fällt ja wohl eher in deinen Aufgabenbereich.“

    Wieder lachte Etienne. „Wir forschen nur bei Auffälligkeiten und mir wurde nichts dergleichen angezeigt.“

    „Erzähl mir nicht, dass ihr Tracker den ganzen Tag nichts anderes tut, als auf einen Auftrag zur Observierung eines Ontas zu warten!“ Ares klang müde.

    Etienne grinste und schwieg. Die Bezeichnung Tracker verletzte ihn nicht, obwohl er seit einem halben Jahr keiner mehr war. Man hatte ihn zum Nachfolger des erkrankten Chefs der Sicherheitszentrale ernannt. „Du hast ja recht. Wir sehen alles. Auch eure Einsätze“, fügte er mit hochgezogener Augenbraue hinzu. „Das gestern in der Onta-Cantina – war das nicht ein bisschen zu ... hart?“

    Ares Lippen wurden zu einem dünnen Strich und er starrte auf den Boden. „Der Ypir wurde von mir bereits verwarnt. Außerdem dürfte dir bekannt sein, dass das nicht der erste Regelverstoß dieser Onta war und dass sie diesmal sogar Gegenstände als Waffe benutzt hat.“

    „Was geschieht jetzt mir ihr?“

    „Arrest. Verschärfter. Sie hat einen Gardisten angegriffen.“

    „Verschärfter?“ Unbehaglich zog Etienne die Schultern hoch. „Ist das gerechtfertigt? Ich ...“

    „Es ist besser, du mischst dich da nicht ein.“ Ares warf die Wasserpackung in den Recyclingschacht und griff nach Helm und Handschuhen. „Feierabend für den aufmerksamsten Tracker des Ringes“, verkündete er übergangslos. „Deine Ablösung wartet schon auf dem Korridor. Ich verstehe sowieso nicht, wieso du immer noch diese Arbeit hier machst. Aber das Thema hatten wir ja schon. Wohin gehen wir heute Abend?“

    Etienne erhob sich und überlegte. „Zu BuyVis? Ein Konzert?“ Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Freund nach diesem Tag noch etwas unternehmen wollte. Doch wahrscheinlich benötigte er ein bisschen Ablenkung. Er war weicher, als er wirkte. Ein Mann, der keine Freude daran hatte, Menschen zu bestrafen, auch wenn es Ontas waren. Ares hatte eindeutig den falschen Job. Doch etwas anderes als Axiom und später vielleicht sogar Chef der Emerald-Garde zu sein, kam wohl für den Sohn von Metros Daktyl nicht in Frage.


    Eine halbe Stunde später stand Etienne mit Ares bei BuyVis im Vorraum und wartete. Der diensthabende Onta schien sich Zeit zu lassen. Ares hielt sich die winzigen Lautsprecher der Musikdatenbank ans Ohr und wählte das Programm für heute Abend aus. Seinem versunkenen Nicken nach würden sie etwas Ruhigeres hören.

    Jetzt erschien eine Blondine und murmelte eine Entschuldigung, als sie sah, wer da wartete. Sie war klein und kräftig, der graue Overall mit den blauen Streifen am Ärmel zeigte deutlich ihre üppigen Kurven und schien am Busen das dünne Material sprengen zu wollen.

    Ärgerlich über sich selbst schüttelte Etienne den Kopf, als er merkte, wohin sich seine Augen und gleich darauf seine Gedanken verirrten, und zwang den Blick wieder hoch zu ihrem Gesicht. „Er wählt noch“, meinte er mit belegter Stimme, wobei er mit dem Kinn in Ares’ Richtung deutete. „Wir nehmen eine Doppelkabine.“ Dann streckte er sein Handgelenk vor.

    Die Blondine nickte und wies auf den Scanner für den Chip. „Sie können schon in die Zwei gehen“, erklärte sie nach dem Piepton.

    „Ich warte.“ Etienne stellte sich vor das überdimensionale Touchpad neben der Eingangstür, auf dem man auswählte, was man für seine Credits erleben wollte. Beim letzten Konzert, das er mit Ares gebucht hatte, hatten sie Musik gehört, die man vor rund achtzig Jahren als Metal bezeichnete. Nicht sein Geschmack, aber sein Freund hatte sich abreagieren müssen. Es war der Tag gewesen, an dem sich ein Onta vom Balkon der obersten Etage seines Blocks auf die schroffen Uferfelsen gestürzt hatte.

    Etienne dachte mit Unbehagen daran zurück. Das war bis dahin nie vorgekommen, zumindest nicht, seit er selbst den Ring sein Zuhause nannte. Marseille fiel ihm ein. Er hatte in der schmutzigen, lauten Hafenstadt gelebt. Dort war es öfter zu Selbsttötungen gekommen. Hunger und Gewalt hatten das Leben der verzweifelten Menschen bestimmt. Für Geld oder Lebensmittel-Chips musste man kämpfen. Wer schwach war, verhungerte. Viele Männer, denen dieses Schicksal drohte, brachten zuerst ihre Familie um, um ihr diesen Tod zu ersparen, und töteten sich dann selbst. Mit Vorliebe direkt vor dem Stadtregierungsgebäude.

    Er atmete tief durch und versuchte, die Gedanken zu vertreiben. Sein Vater hatte sich bei einem dieser Überfälle gewehrt und eine schwere Verletzung davongetragen. Sie hatte aus ihm einen Krüppel und aus der Mutter eine Prostituierte gemacht, für Frauen damals oft der einzige Ausweg, wenn der Mann die Familie nicht versorgen konnte. Trotzdem hatte Etienne Hunger kennengelernt. Erst als er zu Hause ausgezogen und in einer WG untergekommen war, zeichnete sich ein Lichtstreif am Horizont ab. Schon während seiner Ausbildung konnte er den Lebensstandard der Familie etwas heben. Und in den Jahren danach als Polizist in New York City war es noch besser geworden. Die Mutter konnte wieder ...

    „Träumst du?“

    Ares‘ Stimme riss Etienne aus der Vergangenheit. Ruckartig drehte er sich um und winkte mit einem schiefen Lächeln ab. „Ich dachte gerade an dieses Metalkonzert“, gab er zurück und ärgerte sich sofort. Das hatte er nichts sagen wollen. Es war nicht klug, den Freund an das Ereignis zu erinnern, das dem gemeinsamen Abend damals vorausgegangen war.

    Ares‘ Gesicht verfinsterte sich erwartungsgemäß. „Keine Sorge, heute gibt’s Klassik. Auf geht’s! “

    Etienne lächelte der Blonden kläglich zu, doch sie senkte den Blick. „Kabine zwei“, murmelte sie.

    Ares packte ihn an der Schulter und schob ihn vorwärts, ohne seinen Chip scannen zu lassen. Die Onta sah ihnen nach. Etienne wusste: Sie kannte seinen Freund. Es gab nur sechs Axiome und man war sowohl als Onta als auch als Servicer gut beraten, sich ihre Gesichter zu merken. Ein Axiom war faktisch immer im Dienst. Und er erhielt keine Credits. Alle Freizeiteinrichtungen des Rings standen ihm kostenlos zur Verfügung, so oft und so lange er wollte.

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    Hier gehts weiter mit Kapitel 3

    Das war ein Feuerwerk der genialen Einfälle! Ich hab das Grinsen gar nicht mehr aus den Mundwinkeln bekommen^^

    Sehr gut! :thumbsup:

    Hallo Eegon2

    So, dann mal noch den Rest von Kapitel 1:

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    Manchmal wünschte er sich, im Außenbereich des Ringes zu wohnen. Von seiner Wohneinheit im dritten Stock sah man auf den Innenbereich mit den Kuppelgebäuden der Freizeiteinrichtungen und den transparenten Lauftunneln, die sie verbanden. Deshalb stieg er auch heute wieder in der zweiten Etage des O-Blockes aus dem Lift und nahm für das letzte Stück die Treppe. Die Außenwand des Treppenhauses war durchsichtig und bot einen atemberaubenden Blick auf das Meer, über dem sich ein ebenso wolkenloser Himmel spannte wie gestern. Weit und breit nichts als Wasser.


    Wie gewohnt war er auf halber Treppe stehen geblieben, legte die Hand auf das kühle Material der Ringhülle und starrte ein paar Minuten hinaus auf die endlose, blaue Wasserfläche. Schon oft hatte er überlegt, ob man von dem Treppenhaus eines Nachbarblocks etwas anderes erblickte. Berge vielleicht, oder Wald. Beides hatte er im Visodrom gesehen.

    Während er die Stufen weiter hinaufstieg, dachte er an den Besuch dort zurück. Der bequeme Sessel in der winzigen Kabine war noch dabei gewesen, sich seiner Körperform anzupassen, da hatte er schon Wald auf dem Touchpad angetippt. Die Kabinenwände hatten sich grün gefärbt und eine 3D-Grafik entstand um ihn herum. Nie gesehene Pflanzen tauchten auf, höher als die vier Wohn-Etagen des Rings. Ein schmales Lächeln spielte um seine Lippen, als er sich erinnerte, wie er – verblüfft von der vollkommenen Illusion – fast vergessen hatte zu atmen. Überwältigt lag er in den Polstern, starrte hinauf zu den künstlichen Sonnenstrahlen, die durch die hohen Pflanzen auf sein Gesicht fielen, und lauschte den unbekannten Lauten, die eingespielt wurden.

    Als die zehn Minuten verstrichen waren und der Gong ertönte, war ihm gewesen, als hätte man ihn aus einem Traum gerissen. Eine tiefe, nie gekannte Sehnsucht hatte ihn gepackt. So oft es sein Vorrat an Credits zuließ, war er wieder ins Visodrom gegangen. Inzwischen hatte er auch Berge und Strand und anderes probiert. Doch keines war wie der Wald.

    Immer wenn die Erinnerung an das Visodrom auftauchte, nahm er sich vor, seine Credits zu sparen, um endlich BuyVis aufsuchen zu können. Anstelle des Betrachtens von Grafiken wurde einem da das Kaufen von Visionen ermöglicht. Bei einem der wesentlich teuereren Besuche dort konnte man sich bewegen und saß nicht im Liegesessel. Und er träumte davon, einmal durch einen Wald zu laufen. Barfuß, das würde er vorher als Wunsch angeben. Zwischen den Lauftunneln und Freizeitgebäuden im Innenbereich wuchs nur sorgfältig beschnittenes Grün. Unerreichbar, wenn man kein Pflanzenpflege-Onta war. Und außerhalb des Ringes gab es gar nichts. Nur Wasser. Zumindest sah er nichts anderes. Er wollte diese Pflanzenriesen berühren, ihre rissige Oberfläche unter seinen Fingern fühlen, das zarte Grün an ihnen anfassen und mit der Hand durch das streifen, was den Boden bedeckte. Je mehr Credits man zu zahlen bereit war, desto länger dauerte die Vision und desto größer war der Bereich, den man dabei erkunden konnte.

    Er war vor seiner Tür angekommen. Die Zwei und die Fünf, die genau wie der Block-Buchstabe Teil seines Namens waren, leuchteten kurz auf, als er seinen Chip über das blaue Scan-Feld zog. Mit einem dezenten Klack glitt die Tür auf.

    „Computer, ein gekühltes Wasser. Und Wand auflösen“, befahl er, während er die flachen Schuhe abstreifte. Ein leises Knistern verriet, dass der Energieschild, der eine der vier Seiten des Raumes bildete, zusammenbrach. Tief sog er die frische Luft ein, die sofort in den großzügigen Wohnbereich drang. Ein sanfter Ton am Lieferschacht verkündete, dass sein bestelltes Wasser bereitstand. Er entnahm es, öffnete die Verpackung und trat an das hüfthohe Geländer. Automatisch starrte er hinüber zur BuyVis-Kuppel. Diesmal würde er es durchziehen! Kein Visodrom mehr! Ab jetzt wurden alle Credits gespart.

    Er drehte sich um und während er zur Nasszelle marschierte, schob er die Finger in den Ring am Halsausschnitt seines hautengen, grauen Tages-Overalls. Mit einem leisen Ratschen gab dieser nach und die Nähte lösten sich auf.

    Zischend öffnete sich die Tür der Nasszelle. Er trat ein und warf den Ring, an dem die Reste des Kleidungsstückes hingen, in den Müllschacht. „Dusche, heiß“, befahl er der Service-Einheit und während das Wasser auf ihn herab prasselte, versuchte er sich vorzustellen, wie sich Regen auf der Haut anfühlte.

    Barfuß und Regen im Wald, nahm er sich vor, ich will beides erleben.

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    Hallo Stadtnymphe und Thorsten ,

    herzlichen Dank für euer Interesse und eure hilfreichen Tipps. Ich freu mich sehr darüber, denn ich sagte ja schon, dass ich mir hier viel unsicherer bin als bei allem, was ich vorher so geschrieben habe.