Die dritte Ebene

  • William F. Chesterton überlebte 1933 einen, wie die Presse der damaligen Zeit es nannte "Unglücksfall". Aber es war kein Unglück. Es war eine Begegnung mit etwas Unaussprechlichen. Und dies ist der Bericht Chestertons über die Geschehnisse im Dunkel der Schächte und Gänge, der weder Eingang in die Presse noch in die Polizeiberichte gefunden hat. Aus verständlichen Gründen...

    Die dritte Ebene

    Jeder Blick in den Spiegel quält mich, ruft er mir doch nur allzu deutlich in Erinnerung zurück, daß nichts von dem Einbildung war, was ich vor kurzem erblickt habe.
    Der deutlichste Beweis sind die schlohweissen Haare, mit denen mein Spiegelbild mich ansieht. Vor wenigen Tagen noch waren sie dunkelbraun, aber der namenlose Schrecken, dem ich in den finsteren Gängen von London's Unterwelten in's Antlitz sah, nahm ihnen die Farbe.

    Fast möchte ich lachen über die Zeitungsberichte der letzten Tage, die sich den offiziellen Angaben über eine Explosion in einem verlassenen U-Bahnschacht anschliessen, bei der zwei Mitarbeiter getötet und der ein dritter, nämlich ich, gerade noch entgangen war. Aber ich weiß, was dort unten wirklich geschehen ist und jede Nacht bringt mir den Schrecken erneut zurück.
    Allerdings gab es dort unten eine Explosion, doch war es nicht wie geschrieben eine Gasverpuffung, ausgelöst durch die Unachtsamkeit meiner Kollegen. Denn zu dem Zeitpunkt als mich die Gewalt der Druckwelle in gnädige Ohnmacht versinken ließ, waren sie bereits tot oder befanden sich jedenfalls in einem Zustand, dem der Tod vorzuziehen ist.
    Ich selbst war es vielmehr, der in tiefster Verzweiflung diese Explosion auslöste und ich hoffe, auf ewig das vernichtet oder wenigstens begraben zu haben, was mir dort unten in den finsteren Kammern der Erde begegnete.
    Doch befürchte ich in meinem Innersten, in den Träumen, die mich seitdem jede Nacht heimsuchen, daß die Kraft eines einzelnen Menschen gänzlich unzulänglich ist für das, was die dunklen Schächte so lange verborgen haben und vielleicht immer noch verbergen...

    Es war im späten Oktober eines für Londoner Verhältnisse typisch grauen und nassen Tages, als ich wie jeden Morgen meinen Dienst als Gleiswächter der U-Bahn antrat. Neben mir bestand das Team, dem die Kontrolle der Gleise zwischen Notting Hill Gate und Chancery Lane im Osten oblag, aus unserem Vormann Henry Warrington und Mahsoud Lachal, einem jungen Mann, dessen Familie ursprünglich aus den britischen Kolonien in Afrika stammte.
    Henry war ein untersetzter Mann mit eisgrauen, raspelkurzen Haaren, der kurz vor seiner Pensionierung stand. Er war es, der mich in die geheimnisvolle unterirdische Welt der Bahnschächte eingeführt hatte.
    Und genauso gab ich dieses Wissen jetzt an Mahsud weiter, der sich als überaus lernbegierig erwiesen hatte. Darüber hinaus war Mahsoud fast immer gut gelaunt, was ich mittlerweile sehr zu schätzen wußte, da Henries bevorstehende Pensionierung dazu geführt hatte daß er begonnen hatte, sich immer mehr in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, was unsere Arbeit in der sinistren Einsamkeit der Bahnschächte nicht unbedingt angenehmer machte. Dieses einsiedlerische Gehabe, daß ihm noch vor einem Jahr völlig fremd gewesen war, hatte mittlerweile dazu geführt, daß wir morgens in unserer Dienstbaracke bestenfalls noch einen gemeinsamen Kaffee tranken und dabei die zu kontrollierenden Streckenabschnitte besprachen.
    Meistens erhob sich Henry dann schweigsam und brach alleine auf, um eine der Strecken abzulaufen, während Mahsoud und ich noch für einige Minuten zusammensassen.

    Auch heute traf ich nur noch den Jungen im Büro an - Henry war bereits auf der Strecke unterwegs. Dieses Mal versprach der Kontrollgang ungewöhnlich interessant zu werden, da er einen Teil des Schienennetzes einschloss, der zu den ältesten zählte und nur noch teilweise in Betrieb stand. Aber die Vorschriften verlangten, daß auch diejenigen Abschnitte von Zeit zu Zeit abgegangen werden mußten, auf denen der Betrieb ruhte.
    Der Eintrag des letzten Kontrollganges stammte von einem Mann namens C.S.Bradley und erregte meine Aufmerksamkeit: Als Datum der letzten Inspektion war der 18. März 1892 eingetragen.
    War das möglich?

    Demnäch wäre dieser Abschnitt vor über vierzig Jahren zuletzt überprüft worden.
    Es war mir unverständlich, weshalb in der Zwischenzeit nicht neuerliche Kontrollen stattgefunden haben sollten. Allerdings nahm ich eher an, daß es sich bei diesem Eintrag um einen Schreibfehler handeln mußte. Oder aber es war reiner Nachlässigkeit eines Bürokraten zu verdanken, daß dieser Streckenteil so lange nicht mehr abgelaufen worden war.
    Ich bedauerte sehr, daß Henry nicht auf mich gewartet hatte, denn es gab keinen Menschen, der mit dem Gewirr der unterirdischen Schächte besser vertraut war als er. Manche unserer Kollegen behaupteten sogar, man könne Henry Warrington ohne Licht und Karte an einer beliebigen Stelle des Netzes aussetzen. Trotzdem würde er an jedem ihm angewiesenen Ort wieder zum Vorschein kommen.
    Während Mahsoud und ich unseren Kaffee schlürften musterte ich ein ums andere Mal den Plan, um mich in Grundzügen mt den Verzweigungen des Systems vertraut zu machen.
    Mahsoud tippte auf eine Stelle im westlichen Teil des Terrains.
    „Henry hat gesagt, das hier sei die übelste Ecke von allen,“ sagte er und häufte sich noch eine Löffel Zucker in die Tasse.
    „Hat gesagt, da riecht es schlecht und er wartet da auf uns.“
    Überrascht sah ich den Jungen an.
    „Was meint er denn damit: Es riecht da schlecht?“
    Gut riechen tat es in den Schächten nämlich eigentlich nirgends, bestenfalls modrig. Dort, wo manche Abwasserkanäle für eine Weile parallel zu den Gleisen verliefen, hielt man an einigen Stellen lieber den Atem an. Es sah Henry gar nicht ähnlich, sich nach all den Jahren über die Gerüche hier unten zu beklagen.
    Mahsoud zog in einer Geste der Unwissenheit die Schultern in die Höhe.
    „Weiß nicht,“ sagte er unbestimmt. Erneut fuhr sein Finger über die Karte auf dem Tisch und stoppte schließlich bei einer Verzweigung der Schienen gleich neben dem bewußten Abschnitt.
    „Henry sagte, er geht da lang,“ erläuterte er in seiner knappen Art. „Und da...“ er tippte auf die Verzweigung, „Da will er auf uns warten. Er sagt, alleine ist ihm nicht geheuer da.“

    Jetzt war meine Überraschung so vollständig, daß ich unwillkürlich die Kaffeetasse absetzte.
    In meiner ganzen Zeit zusammen mit Henry hatte ich keinen Augenblick erlebt, in dem ihm die Finsternis der Gänge zu schaffen gemacht hätte. Vielmehr war es immer ich gewesen, der sich mehr als unbehaglich fühlte, wenn es darum ging tiefer in das Labyrinth der Schächte hinabzusteigen, auf die zweite Ebene etwa, wo einem häufig riesige Ratten über den Weg liefen und die Dunkelheit Geräusche zu verbergen schien, die der ohnehin schon entfachten Phantasie grausige Bilder vorzugaukeln instande waren, obwohl es keine rationalen Gründe dafür gab.
    Es war stets mein älterer Kollege gewesen, dessen selbstsichere, ruhige Art mir meine Ängste vertrieb - auch wenn er es sich ab und an nicht verkneifen konnte, von einer dritten Ebene zu erzählen, die es Gerüchten zufolge unter den befahrenen Ebenen geben sollte und die seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb sei.
    Dies mit Vorliebe an Streckenabschnitten die ausgezeichnet geeignet dazu waren, einem noch jungen Menschen kalte Schauder den Rücken hinabzujagen.
    Das also jetzt ausgerechnet Henry sich jetzt bei dem Gedanken unwohl fühlen sollte, einen zugegeben, sehr alten Abschnitt alleine zu kontrollieren wollte mir nicht recht in den Kopf. Aber ich beließ es dabei: In Kürze würde ich ihn ja selbst danach fragen können.
    Also überprüften wir wie an jedem Morgen unsere Ausrüstung auf Vollständigkeit, obwohl es nicht viel war, was wir in unseren Schultertaschen mit uns führten:
    Eine starke Stablampe mit Ersatzbatterien, einen verstellbaren Schraubenschlüssel sowie einige Werkzeuge, mit denen wir kleinere Reparaturen an Gleisen und Stromleitungen durchführen konnten. Dazu ein kleiner Schreibblock mit Vordrucken auf dem die Feststellung von Schäden festgehalten wurde, zu deren Behebung ein Arbeitsteam ausgeschickt werden mußte.
    Einer Regung folgend ergänzte ich das kleine Sortiment noch um einige Leuchtstäbe, die wie Streichhölzer entzündet wurden und dann für geraume Zeit ein starkes, rötliches Licht erzeugten.
    Ich steckte die Karte des heutigen Streckenabschnitts ein und machte mich dann mit Mahsoud auf den Weg hinab in die Schächte. Bald hatten wir die erste Ebene erreicht, auf der die meisten heutigen Linien verkehrten. Nichts an unserem Kontrollgang schien ungewöhnlich.
    Wir untersuchten Weichen auf eventuelle Beschädigungen, prüften ihre Funktionalität und ließen den Strahl unserer Lampen über die Wand- und Deckenleitungen schweifen, während wir uns über die täglichen Belanglosigkeiten unterhielten, mit denen sich überall Männer unterhielten, um nicht von der Monotonie ihrer Arbeit übermannt zu werden.
    In regelmäßigen Abständen wurden wir von Zügen passiert, die für kurze Zeit die abgestandene Luft in den Schächten in Bewegung versetzten, wenn sie an uns vorbeirasten.
    Zu Beginn meiner Zeit in den Tunneln hatte ich mich noch furchtsam umgesehen, wenn das Gedonnere der Triebwagen in den Röhren anschwoll, ehe endlich ein Lichtschimmer das herannahen des Zuges ankündigte. Damals hatte ich entsetzliche Furcht davor gehabt, von einem unbeleuchteten Zug überrascht zu werden, obgleich es nichts unlogischeres gab: Denn hatte ein Zug kein Licht, so hatte er auch keinen Strom. Und ohne Strom fuhr er nicht. Und selbst wenn hätte kein Zugführer sein Fahrzeug in völliger Blindheit in die schwarzen Schächte hineingesteuert.
    Trotzdem hatte es lange gebraucht, ehe ich mir Henries spielerische Eleganz zu eigen machen konnte, mit der er den heraneilenden Ungetümen auswich.
    Trotzdem war dabei immer Vorsicht geboten, denn Unterstellplätze fanden sich auf der ersten Ebene nur etwa alle zehn Meter. Auf der Zweiten sogar nur in Abständen von fünfundzwanzig Metern. Befand man sich also gerade zwischen zweien der Schlupflöcher, so blieb nichts anderes als sich mit dem Rücken fest gegen das feuchte Mauerwerk des Tunnels zu drücken und zu warten, bis der Sog des Fahrtwindes wieder abnahm, der einen mit sich zerren wollte. Denn man hätte nur die Hand ausstrecken brauchen um den vorbeirasenden Stahlkoloß zu berühren.

    Wir brachten unsere Route auf der oberen Ebene zuende und wandten uns dann in westlicher Richtung, wo wir nach etwa fünfzehn Minuten Marsch eine schmale Eisenstiege erreichten, die hinab auf die zweite Ebene führte. Aus dem Schacht schlug uns ein von Moder und Fäulnis getränkter Geruch entgegen und Tauchern gleich schöpften wir beide noch einige Male tief Atem, ehe wir hinabstiegen. Dumpf schlug das Geräusch unserer Stiefel auf der Treppe von den nassen Schachtwänden zurück, als würde die feuchte Luft den Klang in Watte hüllen.
    Unten angekommen besah ich mireinmal mehr unsere Karte im Licht meiner Lampe, denn es geschah nicht sehr häufig, daß wir auf die zweite Ebene hinabsteigen mussten, sodaß meine Ortskenntnisse hier bei weitem nicht so umfangreich waren wie die Henries, der sich alleine auf sein Gedächtnis verlassen konnte.
    Jetzt stellte ich fest, daß er unsere Routen hier unten so geplant hatte daß er, von unserem jetzigen Standort aus betrachtet erst ein kleines Stück in südlicher Richtung ging, dann ostwärts abbiegen und nach einigen hundert Metern auf dieser Strecke auf einen Abzweig treffen würde, der ihn in einem weiten Bogen wieder nach Westen führte.
    Unser Weg hingegen führte erst in nördlicher, dann nordöstlicher Richtung ehe wir auf die Strecke stiessen, auf der Henry uns entgegenkommen würde. Etwa in der Mitte sah ich die einzelne Weiche eingezeichnet, an der er auf uns warten wollte.
    Ich war jetzt schon auf seine Erklärung gespannt, was ihn davon abhielt das von der alten Hauptstrecke abzweigende Nebengleis alleine zu inspizieren. Denn es gab eine Eigenart der Streckenpläne, mit deren Hilfe wir uns hier unten orientierten, deren Sinn sich mir noch nie wirklich erschlossen hatte:
    Jede Karte erschloß dem Betrachter stets nur ein grosses Planquadrat des gesamten Streckennetzes. Auf allen vier Seiten des Plans befand sich der Nummerncode der folgenden Karte. Man brauchte also den Anschlußplan, um herauszufinden, wohin das Nebengleis führte, was Henry solches Unbehagen verursachte.

    Schweigend machten wir uns auf den Weg. Ich konnte mich eines unruhigen Gefühles nur schwer erwehren, denn die Finsternis und das drückende Schweigen hier unten legte sich mir auf's Gemüt. Auch Mahsoud schwieg. Ich ertappte uns dabei, daß wir die Kontrolle der alten Anlagen weitaus flüchtiger durchführten als auf der Ebene über uns, nur um unseren Rundgang schneller zuende zu bringen. Nur zweimal hatten wir bisher in der Ferne den Widerhall eines fahrenden Zuges vernehmen können. Und jedesmal schien daraufhin die uns umgebende Stille dichter zu werden, uns einzuweben in das Netz aus Schweigen und Dunkelheit. Hier unten schien finster eine Einsamkeit zu herrschen, aus der jede Fröhlichkeit verbannt war.
    Es wunderte mich nicht zu sehen daß Mahsoud des öfteren nervös mit seiner Lampe hinter sich leuchtete. Es ging mir ähnlich wie ihm.
    Die muffige Feuchtigkeit der Gänge, die wir durschschritten, das leise Plätschern und Glucksen mit dem kondensierende Wassertropfen von der Decke herab in die Dunkelheit schwarzglänzender Pfützen niederfielen, durch die wir stapften - all dies erzeugte in seiner Gesamtheit eine Atmosphäre der Bedrohung und versteckter Furcht, die einem jungen Menschen die abwegigsten Dinge vorzugaukeln vermochte.
    Und obwohl ich durch meine Wanderungen zusammen mit Henry in diesen Schächten sehr wohl um die verdrehten Possen der menschlichen Phantasie wußte, die Gespenster, die unser Hirn uns vorzugaukeln vermag, konnte ich es nicht vermeiden, daß ich, angesteckt von der Nervosität meines jungen Begleiters ebenfalls zu glauben begann, ab und an hinter uns ein leises Tappen zu vernehmen, begleitet von seltsam hohlen, rasselnden und doch fast unhörbaren Atemzügen, wie sie einem Asthmakranken eigentümlich sind.

    Je weiter wir in die alten Gänge vordrangen um so mehr wollte sich diese Vorstellung meiner bemächtigen: Daß da wirklich etwas oder jemand in der Dunkelheit hinter uns herschlich.

    Ich versuchte das Trugbild loszuwerden das mich überwältigen wollte, aber es half nicht viel. Denn immer, wenn Mahsoud und ich kurz innehielten und in die Finsternis hinter uns lauschten, verstummten auch die Geräusche hinter uns, die in unsren Ohren ohnehin nicht viel mehr als ein Hauch waren.
    Setzten wir uns dann wieder in Bewegung, vermeinten wir sie ebenfalls wieder zu vernehmen. Ich zwang mich dazu, in ihnen nichts anderes als leise Echos unserer eigenen Schritte zu sehen, trotzdem vermochte ich die schleichende Furcht in mir nicht wirklich abzuschütteln. Unwillkürlich beschleunigten der Junge und ich unsere Schritte, um den mit Henry vereinbarten Treffpunkt so rasch wie möglich zu erreichen.

    Heute jedoch, da ich diese Erinnerungen aufschreibe bin ich jedoch fest davon überzeugt, daß sich im Dunkeln des Tunnels tatsächlich etwas verborgen hielt, denn ich kann mich deutlich daran erinnern, daß die Geräusche in unserem Rücken verstummten, als wir auf das Gleis wechselten, das uns zu der einsamen Weiche führte, an der Henry auf uns warten wollte. Im Nachhinein kommt es mir vor, als habe sich der unsichtbare Verfolger nur vergewissern wollen, daß wir diesen Weg auch wirklich einschlagen würden. Nichts war mehr hinter uns in der Finsternis ausser das flackernde Licht unserer Stablampen, mit denen wir hinter uns nach etwas suchten, das dort nicht mehr war. Stattdessen ein leeres Gleisbett, überzogen gleich wie auch die Wände des Tunnels von einer grünlichen Schleimschicht verrottenden Schimmels. Und von der Decke über uns tropfendes Wasser von den fahlen Zähnen der ungezählten Stalaktiten, die wie das riesige Gebiss eines unnennbaren Schreckens über uns drohten, in dessen Schlund wir uns befanden. Der Tunnel wurde in unserer Phantasie zum einem Schlund, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

    Schweratmend erreichten wir die Weiche.

    Ein entsetzlich fauliger Gestank entquoll dem alten Schacht neben der Weiche. Jeder Schritt näher heran verstärkte den Brechreiz in meiner Kehle. Und Masoud ging es nicht besser als mir - ich hörte sein heftiges Atmen und das wiederholte Schlucken, als wir uns der Abzweigung näherten.
    Feuchtglänzender Boden im Licht unserer Lampen, immer stärker bedeckt von dem grünlichen, schleimigen Schimmel, der dem nachtschwarzen Loch des Stollens vor uns zu entweichen schien wie etwas lebendiges, gleichwohl schon seit langem Totes.
    Immer stärker und überwältigender wurde uns der modrige, faulige Odem, der uns den Atem nehmen wollte je näher wir dem Eingang zu diesem verfluchten Nebengleis kamen...und mehr und mehr verstand ich Henries Abneigung vor diesem Ort.
    Henry?
    Erst jetzt klärten sich meine Gedanken wieder ein wenig und mir wurde bewußt, daß ich nirgendwo einen Hinweis auf seine Anwesenheit finden konnte. Dabei mußte mein alter Kollege schon geraume Zeit vor uns hier eingetroffen sein. Aber da war nichts als die einsame, rostige Weiche, überzogen von Schleim und Moder und Gestank, von der zur Linken ein verlassenes Gleis hineinführte in einen Tunnel, dessen Schwärze allen Gesetzen zum Trotz noch dichter und finsterer schien als die uns bereits umgebende Dunkelheit.
    Großer Gott, was ging hier vor sich???
    Ich zerrte Mahsoud am Ärmel hinter mir her, weg von dem grausigen Maul des Stollens. Nur einige Meter hinter der Weiche war die Luft erträglicher, ließ uns Atem schöpfen.

    Ich hatte nur eine Erklärung dafür, daß Henry noch nicht hier war. Bei aller Erfahrung konnte er einen Unfall gehabt haben, ein Sturz auf schlüpfrigem Untergrund vielleicht oder ein sich lösendes Stück Mauerwerk aus den Rundbögen des Tunnels, welches ihn am Kopf getroffen hatte. Vielleicht lag er gerade jetzt irgendwo hilflos vor uns auf den alten Gleisen der Strecke? Oder vielleicht hatte ihn auch nur einfach die Reparatur eines Schaltelementes aufgehalten hier auf der zweiten Ebene, auf der fast kaum etwas noch einwandfrei funktionierte, weil es fast niemand mehr brauchte?
    Wir entschieden uns für die hoffnungsvollste aller Möglichkeiten, die einem Menschen in dunkler Nacht bleibt: Daß wir Henry entgegengehen und ihn irgendwo vor uns in Kürze treffen würden, unversehrt und damit beschäftigt irgend ein marodes Kabel zu flicken und dabei zu fluchen, wie es seine Gewohnheit war.

    Mahsoud und ich hatten uns noch keine zwanzig Schritte in dem Bahnschacht, aus dem Henry kommen mußte vorbewegt, als das Licht meiner Stablampe auf den Schlamm zwischen den Gleisen fiel. Und da waren sie - die Abdrücke von Henries Stiefeln - und sie kamen uns entgegen!
    Ein gurgelndes Geräusch entfuhr meiner Kehle, während ich den Schein der Lampe bald nach vorne, bald nach hinten richtete. Es gab keinen Zweifel...die Abdrücke waren frisch. Die vor uns noch fast scharfrandig anzusehen. Die hinter uns von uns selbst bis auf wenige Ausnahmen in den Schlamm gestampft...
    Mein Herz schlug wie rasend, konnten die Spuren doch nur bedeuten, daß Henry jenen sinistren Stollen in unserem Rücken bereits betreten hatte, während wir noch auf ihn warteten. Allem zuvor geäußerten Unbehagen zum Trotz mußte er in den Nebenstollen gegangen sein.
    Also kehrten auch wir wieder zurück, doch obwohl ich es im Stillen erhofft hatte - mit jedem Schritt nahmen Angst und Grauen vor diesem finsteren Schacht in meiner Seele wieder zu. Ich schäme mich nicht zu sagen, daß mir die Knie zitterten, als wir in die fahlglänzende Schwärze eintauchten. Unsere Lampen vermochten keine fünf Schritte vor uns mehr den Weg zu beleuchten...es war eine körperliche Dunkelheit, in der wir eingehüllt wurden.

    Ein Schrei entrang sich meiner Kehle, als ich nach wenigen, tastenden Schritten mit dem Fuß gegen einen Gegenstand stieß. Im Strahl meiner Lampe erkannte ich den Rest eines alten, ledernen Arbeitsstiefels. Und gleich daneben einen zweiten.
    Hatte mir eine entsetzliche Phantasmagorie noch gerade vorgegaukelt, dies seien Henrys Stiefel gewesen, fand ich mich umgehend mit einer anderen, gleichwohl nicht besseren wieder:
    Denn zweifellos waren diese Kleidungsstücke erheblich älter. Aber je weiter ich in den Gang vordrang, umso mehr von ihnen fand ich im Licht meiner Lampe. Geisterhaft und fahl im Lichte aufscheinende Fetzen von vermodernden und zerissene Hemden und Jacken, und immer wieder Stiefel oder die Reste davon. Alles und alle unter dem Einfluß jenes schaurigen grünen Schimmels, der dicker und dicker die Wände und den Boden ges Stollens bedeckte, in dem ich mich befand.
    Jeder meiner Schritte ekelte mich, denn ich hatte das Gefühl, daß ich unter meinen Schuhsohlen unzählige Schnecken zertrat.
    Aus dem dumpfen Grauen angesichts der mir unerklärlichen Funde erwuchs mir schleichend und unaufhaltsam namenlose Furcht?

    Aber...wo war Mahsoud? War er noch hinter mir?
    Ich drehte mich herum und konnte ihn nicht mehr sehen. Aber noch vor einer Sekunde war der Schein seiner Lampe doch noch an mir vorbeigehuscht, suchend, ausspähend!?!

    Mühsam tastet ich mich weiter voran in diesem unheimlichen Stollen, stolperte unerwartet über einen morschen Schaufelstiel, der unter dem Anprall meines Körpers zerbrach und stieß mir beim Sturz den Arm heftig an einem harten Gegenstand. Im Licht der Lampe gewahrte ich zu meiner Verwunderung eine massige, metallene Kiste. Mit Mühe löste ich die Riegel, hob den Deckel an und sah mehr als ein Dutzend länglicher, rot eingefärbter Stangen. Dynamit. Hatte man hier früher Sprengungen durchgeführt?

    Meine Gedanken, daß weiß ich heute, waren trübe im Tunnel jenes verfluchten Nebengleises. Keines Menschen Sinn kann klar bleiben in der Nähe dessen, dem ich mich gleich gegenübersehen sollte.
    Denn nun erscholl in meinem Rücken der entsetzlichste Schrei, den ich jemals in meinem Leben gehört habe. In Panik liess ich den schweren Deckel der Kiste zurückfallen und stürzte den Weg zurück, auf dem ich gekommen war.
    Aus den Augenwinkeln heraus sah ich eine schemenhafte Gestalt, die den reglosen Körper Masouds hinter sich herschleifte in eine Höhlung, die ich für einen der Stellplätze gehalten hatte. Ich weiß heute nicht mehr, was mich dazu brachte, die Stablampe in jenen versteckten Gang zu richten, aber was das Licht mir dort zeigte, schnürte mir in würgendem Entsetzen die Kehle zu. Nur kurz fiel das Licht auf das Gesicht des Jungen, gräßlich verzerrt und mit starren, toten Augen, die auf grauenhafte Weise ein Spiegel seiner Agonie waren...und dann war es verschwunden in der Dunkelheit.
    Das Wesen jedoch, was ihn fortschleppte, oh mein gütiger Gott. Wie soll ich es beschreiben?
    Eine gewisse Ähnlichkeit mit uns Menschen hatte es, seine Körperform betreffend. Jedoch seine Gliedmassen waren schrecklich verzerrt und mißgestaltet mit Armen, die fast an den Boden heranreichten. Den Körper bedeckt von eben jenem scheußlichen grünen Schimmel, der hier überall im Tunnel wucherte. Und dann das Haupt des Wesens...
    Die Stirne bald doppelt so breit wie hoch und darin - viel zu weit oben und viel zu weit auseinanderliegend jene totenbleichen, schwach leuchtenden Augen. Und darunter ein weit aufklaffender Mund, aus dem beständig eine Art zäher, gelblicher Speichel tropfte, der ohne jede Beachtung in Bächen auf die schorfige Brust des Wesens herabtroff. Auf schrecklich bekannte Weise hörte ich das Geschöpf rasselnd Atem holen, als es seine reglose Beute weiter hinein in die schwarze Finsternis schleppte, ohne von mir nur im geringsten Notiz zu nehmen.

    Bis jetzt und heute bin ich mir nicht sicher, welcher Wille mir an diesem Ort und zu jener Zeit das Bewußtsein erhielt, noch woher ich die Geistesgegenwart nahm, zu der Kiste mit dem Sprengstoff zurückzuhasten und mich mit ihrem Inhalt zu bewaffnen, ehe mich eine Mischung aus Wut und entsetzlicher Angst dazu trieb, mit vorgehaltener Lampe und doch völlig blindwütig jener schrecklichen Kreatur in die Finsternis des Tunnels hinterherzueilen.
    Ab diesem Zeitpunkt verschwimmen die Dinge in meiner Erinnerung, verschmelzen miteinander und ich kann mir nicht mehr sicher sein, was ich dort unten inmitten des schrecklichen Geruchs von Verwesung und Fäulnis tatsächlich erlebte und was pure Hirngespinste meiner überreizten Nervengewesen sind. Nach wenigen Schritten senkte sich der Tunnel stark und bog nach links ab.

    Und dann stand ich unvermittelt einem namenlosen Schrecken gegenüber.

    Vor mir öffnete sich der gerade noch finstere Gang in eine weite Höhle hinein, von irgendwoher in ein fahles, blasses Licht getaucht. Nicht hell genug, um genau erkennen zu können, was sich mir gegenüber erhob, wohl aber ausreichend, daß sich meiner Kehle ein Schrei tiefsten Entsetzens entrang, während ich gleichzeitig zurück in den Tunnel sprang.
    Etwas Unbestimmtes ragte dicht vor mir auf, hinauf in die Höhe der Grotte. Eine amorphe, sich auf schreckliche Art beständig hin und herwälzende Masse einer Monstrosität, die es nicht geben durfte.
    Und zwischen diesem schaurigen, weithochaufragendem Leib und mir lag der reglose Körper Mahsouds, umschlungen von riesigen Schlangen, die ihn in einem schauerlichen Ritual umfingen, ihn gleichsam zu liebkosen schienen, während sie über ihn hinwegglitten. Fast liebevoll zerrissen sie mit ihren schrecklichen Berührungen seine Kleider, entblößten ihn und umfingen ihn doch gleichzeitig mit ihren Körpern, bedeckten und entzogen ihn meinem Blick für kurze Zeit. Eine Erinnerung an jene modrigen Kleiderfetzen im Tunnel hinter mir blitzte in mir auf.
    War das, was sich hier meinem entsetzten Blick darbot, vielleicht schon früher einmal aus seiner Höhle gekrochen?

    Dann sah ich Mahsoud's Körper wieder auftauchen aus dem Gewimmel sich windender Greifarme. Denn nichts anderes sah ich tatsächlich vor mir als unzählige von Tentakeln, die aus dem riesenhaften Leib des Dings vor mir erwuchsen und in allen Richtungen hin und herzuckten. Suchend. Forschend. Tastend.
    Den Leichnam meines jungen Freundes langsam in die Höhe ziehend an dieser fleischgewordenen Blasphemie, dorthin, wo ich mehrere mannsgroße Ausbeulungen zu erkennen glaubte, die sich aus der schrecklichen Masse herauswölbten. Wider besseres Wissen richtete ich mit zitternder Hand das Licht meiner Lampe darauf und mußte mitansehen, wie just in diesem Augenblick einer jener lästerlichen Auswüchse aufplatzte wie eine Eiterbeule. Und was dort herauskam war ein Wesen gleich jenem, dem ich in diese unheilige Krypta gefolgt war.
    Und doch, nicht das war es, was an diesem Tag meine Haare ergrauen ließ.

    Es war der Anblick dessen, was ich im Aufflammen der Leuchtstäbe sah, die ich ohne jedes weitere Nachdenken entzündet und zwischen die gebündelten Dynamitstangen geschoben hatte:

    Jenes von einem namenlosen Entsetzen verzerrte Gesicht meines alten Kollegen Henry nämlich, daß ich nun für einen kurzen Moment direkt vor mir im rotflackernden Licht erblickte, wie es sich von innen gegen die schleimige, schmutzigbraune Lederhaut dieses unsagbaren Schreckens presste. Ich sah seine Hände, die, für mich unhörbar gegen diese durchscheinende Wand seines grauenhaftes Gefängnis trommelten, im vergeblichen Versuch zu entrinnen. Und ich sah, wie seine Lippen Worte bildeten, wie er versuchte, mir etwas zuzurufen...
    Und dann riß ihn irgend etwas mit entsetzlicher Kraft weiter hinein, fort vom letzten Licht der Hoffnung auf Rettung tief ins Innere dieser schrecklichen Wesenheit und er war verschwunden wie ein Trugbild im Nebel, das der Wind verweht.
    Die Erkenntnis, welches Schicksal in ereilen würde, wie es vor ihm die Gleisarbeiter ereilt haben mußte, deren entstellte und gräßlich veränderten Leiber nach Jahren unheiliger Reife im Inneren dieser Monstrosität blind in ewiger Finsterns umherzukriechen verdammt waren, wollte mir schier den Verstand rauben.

    So warf ich die Sprengladungen, eine nach der anderen und danach weiß ich nichts mehr.

    Weder, wie es mir gelang aus dem lästerlichen Pfuhl zu fliehen noch, ob die Detonationen stark genug waren, etwas zu töten, von dem ich nicht sicher bin ob es überhaupt etwas gewesen ist, daß Menschenhand vernichten kann.
    Man sagte mir später jedoch, daß der Stollen jener verfluchten Abzweigung vollständig verschüttet worden sei. Und ich wünsche mit aller Inbrunst, daß es sich wirklich so verhält. Daß es nichts mehr gibt, was sich aus dem Inneren der Erde einmal wieder einen Weg an's Tageslicht bahnen könnte.

    Aber selbst jetzt noch greift eine kalte Furcht nach meinem Herzen, denn wie Nachforschungen ergaben, scheint keine Karte zu existieren, die an den Code des Planes anknüpft, den ich an jenem Tage bei mir trug und die Auskunft geben könnte über das Gebiet, welches sich hinter der Grotte verbirgt.
    So bleibt mir nur die eine, schwache Hoffnung, daß es keine weiteren Zugänge zu jener dritten Ebene gibt, mit der mich Henry Warrington damals zum Scherz erschreckte und deren schreckliche Wahrhaftigkeit ihn letztlich verschlang.
    Denn selbst wenn ich jenes Grauen dort unten vernichtet haben sollte, so mag es doch sein, daß in der schwarzen und schweigenden Tiefe noch andere namenlose Dinge lauern, deren Dasein besser auf immer in der ewigen Finsternis der Unterwelten verborgen bleibt.

    William F. Chesterton, am 19. Oktober im Jahre des Herrn 1934