Das Geheimnis des gefrorenen Meeres

  • In der Eiswüste lauert etwas Uraltes, das sich von der Gier der Menschen nährt...

    Das Geheimnis des gefrorenen Meeres


    Dunkelheit, Kälte, Schweigen.

    Er saß regungslos und wartete geduldig, wie er es immer tat, seit er hier war. Wie er hergekommen war und aus welchem Grund wußte er nicht zu sagen. Aber darüber dachte er nicht nach. Die Frage nach dem „Warum?“ spielte für ihn keine Rolle. Genau so wenig wie die nach dem „Wie lange?“.

    Er hatte alle Zeit. Und kommen würde, was kommen mußte. Oder kommen wollte.

    Und etwas kam, näherte sich ihm. Er spürte die feinen Veränderungen der Schwingungen im Gefüge um sich herum.

    So, wie ein leichter Windstoß daß Licht einer Kerze zum Flackern bringt...


    'Flapp, flapp. Flapflapp'.


    Decker erwachte von diesem Geräusch und schlug die Augen auf, was er sofort bereute. Das grelle Sonnenlicht, daß durch den geöffneten Zelteingang hereinfiel, bohrte sich schmerzhaft direkt in seinen Kopf.

    Schneeflocken wirbelten herein. Decker hörte das leise Pfeifen des Windes.

    Er stöhnte und streifte sich die fellbesetzte Kapuze seines Anoraks hastig über das Gesicht. Das war entschieden besser, auch wenn sein Kopf explodieren wollte von dem Schmerz, der im Takt seines Herzschlags darin pochte. Die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen, versuchte er es erneut.

    Er schielte nach links hinüber.

    Hallströms Platz war leer. Völlig leer. Kein Hallström. Kein Schlafsack.

    Decker schloß die Augen wieder, während er versuchte, alles in einen Zusammenhang zu bringen wie ein Kind, das seine Bauklötze zu einem Turm aufstapelt.

    Kein Schlafsack...? Dann konnte Hallström ja nicht draußen sein, weil er mal eben pinkeln mußte...

    Deckers Hirn hatte seine Bauklötze zuende aufgestapelt.

    Mit einem wütenden Brüllen fuhr er hoch, ignorierte das grelle Sonnenlicht und seine Schmerzen und steckte den Kopf aus dem Zelt.

    Und kein Gespann!

    Hallström und der Hundeschlitten waren weg.

    Dieser dreimal verfluchte Dreckskerl!!!

    Er sank im Zelteingang auf die Knie und stützte den Kopf in seine Hände.

    'Vielleicht hätte ich auf den Alten hören sollen,' dachte er einen verzweifelten Augenblick lang.


    Aber Hallströms Köder war zu verlockend gewesen:

    Die alte Karte, die er ihm in der Kneipe raschelnd auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

    Hallströms Erläuterungen dazu.

    Dort, und dabei war sein Finger auf einige wellenförmige Linien auf dem Pergament herabgesaust, dort im gefrorenen Meer, wie dieser Teil der Eiswüste genannt wurde gäbe es eine Höhle. Und in der Höhle ein uraltes Totem, Hinterlassenschaft und Heiligtum eines längst vergangenen Volkes. Und zu dessen Füßen ein Schatz, Opfergaben, die über Jahrhunderte dort abgelegt wurden.


    Er, Hallström, habe bereits drei Expeditionen dorthin gewagt, aus verschiedenen Umständen aber jedes Mal sein Ziel nicht erreichen können, obwohl er ihm stets ein Stück näher gekommen sei und nun sogar wisse, wo sich der Eingang zu dieser Höhle befände.


    Ob er, Decker, ihn vielleicht begleiten wolle? hatte er gefragt und eine neue Runde Schnaps für beide bestellt. Die fünfte oder sechste?

    Das hatte Decker irgendwann nicht mehr gezählt. Vielmehr war er froh gewesen, daß sich jemand für ihn interessiert hatte fünf Tage nach seiner Ankunft in diesem trostlosen Nest am Rande der Eiswüste.

    In dem nichts zu geschehen schien und er feststellen mußte, daß er dort genau so wenig Möglichkeiten hatte sein Glück zu machen wie an dem Ort, von dem er gekommen war. Und so hatte er zugestimmt.

    Sein anfängliches Mißtrauen, warum Hallström ausgerechnet ihn dabei haben wollte, hatte dieser rasch zerstreut.

    „Niemand wagt sich alleine in die Eiswüste hinaus,“ hatte er auf seine Nachfrage geantwortet. „Ein verstauchter Knöchel durch eine Spalte im Eis und ohne Hilfe ist man verloren. Nur gemeinsam kann man das schaffen, aber dazu braucht es Mut.“

    Eine weitausholende Geste war gefolgt.

    „Aber an diesem Ort findet man keine Männer mit Mut.“

    Und tatsächlich: Decker hatte nur gebeugte Rücken gesehen, vor ihrer Zeit faltig gewordene Gesichter mit müden Augen, die trübe in ihre Bierkrüge starrten.

    „Ich mußte jedesmal darauf warten, daß jemand wie Du vorbeikam. Zum Wohle!“

    Damit hatten sie das nächste Glas hinuntergestürzt.

    Und kurz darauf ihren Pakt mit Handschlag besiegelt:

    Aufbruch im Morgengrauen des nächsten Tages. 70% des Schatzes für Hallström als Inhaber der Karte und Ausrüster ihrer Expedition, der Rest für ihn, Decker.

    Klang gut für ihn nach den Pechsträhnen der letzten Wochen.

    Als er am Ende schwankend die Kneipe verlassen wollte, zog ihn jemand am Ärmel. Decker blieb stehen und sah in das von tiefen Falten zerfurchte Gesicht des Alten, der alleine am Tisch saß.

    Hellblaue Augen bohrten sich in die seinen.

    „Ich bin kein mutiger Mann, das stimmt wohl“ sagte der Alte nuschelnd. „Aber im Gegensatz zu den mutigen Männern lebe ich noch.“

    Der Alte stieß ein meckerndes Lachen aus und ließ seinen Ärmel los.

    „Ich lebe noch!“


    Decker trat aus dem Zelt.

    Das Pochen in seinen Schläfen ließ langsam nach, der Schmerz wich. Er konnte wieder denken.

    Zurück konnte er nicht. Sie waren fast drei Tage mit dem Schlitten von der Siedlung entfernt.

    Aber nach vorne, das würde gehen.

    Hatte Hallström ihn auch hier zurückgelassen, um nicht teilen zu müssen, seinen Rucksack, der ihm als Kopfkissen gedient hatte, hatte er noch.

    Und damit auch die Schneeschuhe, die daran befestigt waren. Und den Revolver, der sich darin befand, genauso wie die Essensrationen.

    Er spähte durch den beständig herabrieselnden Schnee nach Nordwesten. Dieser graue, zackige Streifen am Horizont, der sich gegen den Himmel abhob - das mußten die Spitzen der Berge des gefrorenen Meeres sein. Fünf, vielleicht sechs Stunden Fußmarsch.

    'Ich bringe diesen Mistkerl um!' dachte Decker, als er sich die Schneeschuhe anschnallte. Dann stapfte er los, darauf hoffend, Hallström bei der Suche nach der Höhle im gefrorenen Meer noch anzutreffen. Das war seine einzige Chance, hier heil wieder herauszukommen

    Es war zu schaffen.


    Ein kleiner, schwarzer Punkt wurde in der schier endlosen Weite der Eiswüste rasch größer, wie Hallström befriedigt feststellte, auf einem der Gipfel des gefrorenen Meeres stehend.

    Er hatte sich also nicht getäuscht in diesem Abenteurer...wie hieß er noch gleich?

    Richtig: Decker.

    Irgendwie waren sie alle gleich.

    Zuerst wurden sie von Gier angetrieben. Dann vom Haß. Und vom Wunsch nach Rache. Und damit verfielen sie letztlich der Dunkelheit.

    Während die Dämmerung langsam herabsank, legte Hallström die letzten Spuren, damit der Herannahende seinen Weg fand.


    Decker blieb schweratmend stehen und sah sich um. Anders als von ihm erwartet war das gefrorene Meer kein Eismassiv. Vielmehr stand er vor einer Ansammlung von einzelnen gezackten Hügeln, manche an den Spitzen wild zerklüftet, andere rund und weich im Umriß.

    Decker blickte in den Himmel. Der Wind nahm wieder zu, der Schneefall wurde kräftiger. Und die Dunkelheit. Vielleicht noch eine halbe Stunde hatte er, um entweder einen windgeschützten Schlafplatz für die Nacht oder Hallström zu finden.


    Er betrat die Hügel des gefrorenen Meeres. Etwas glitzerte vor ihm im Schnee. Decker bückte sich.

    Es war eine Goldmünze. Die Gravur fast unleserlich, das Datum jedoch noch gut erkennbar: 1634.

    Ihm stockte der Atem. Das konnte nicht sein.

    Vor dreihundert Jahren war diese Landschaft unbesiedelt gewesen. Wie kam also diese Münze hierher?

    Ein erneutes Glitzern zu seiner Rechten.

    Eingerahmt von den Spuren eines Schlittens, der zwischen den Hügeln hindurchgefahren war. Und die Spuren der Schlittenkufen waren noch scharfkantig, also frisch!

    Decker grinste.

    Hallström war fällig!

    Er folgte der Schlittenspur in der hereinbrechenden Dunkelheit. Zwischen den Kufenspuren hier und da ein Glitzern. Er beachtete es nicht.

    Er begann zu laufen, den Spuren hinterher, die Erschöpfung des Marsches ignorierend, um drei, vier, fünf Hügel herum. Dann stand er vor dem Eingang der Höhle, von der Hallström in der Kneipe geredet hatte.

    Die Spuren der Schlittenkufen führten direkt in den schrägen Spalt hinein, aus dem ein irisierendes grünes Licht in regelmäßigen Abständen strömte, pulsierend wie der Schlag eines Herzens.


    Decker zog den Revolver aus dem Rucksack und entsicherte die Waffe.

    Die weisse Wolke seines Atems wich ein letztes Mal in die klare, kalte Nachtluft hinaus, illuminiert vom Mondlicht.

    Dann trat er ein.


    „Bist du gierig, Decker!?!“ fragte Hallström, in der Mitte der Höhle stehend. Auf einem riesigen Haufen Goldmünzen, wie Decker mit einem Blick feststellte.

    Links von Hallström konnte er einen seltsam geformten Baumstumpf erkennen, schrumpelig und verformt. Dunkle Äste mit dünnen Verzweigungen ragten daraus hervor wie nach Hilfe suchende Armen mit flehenden Fingern, nichts greifen könnend.

    Der Baumstumpf und Hallström wurden von dem grünen Licht umpulst, als wären beide im Inneren einer riesenhaften Lunge, einatmend, ausatmend.


    „Du hasst mich, habe ich recht, Decker?“ schrie Hallström, auf dem Goldhaufen tanzend. „Ich hab' Dich zurückgelassen. Deshalb bist Du hier: Um Rache zu nehmen! Stimmt das oder stimmt das nicht???“

    Er breitete die Arme einladend aus.

    „Drück nur ab und alles hier kann dir gehören! Laß deinem Hass freien Lauf! Nimm Rache! Schiess!!!“


    Und Decker schoss.


    Der Knall war ohrenbetäubend.

    Aber Hallström fiel nicht. Mit Entsetzen sah Decker, wie sich das grüne Leuchten verdichtete. Dort, in Höhe des Herzens intensivierte es sich, strahlte hell und heller, als es die Kugel kurz vor Hallström stoppte.

    Und er sah zu seinem Entsetzen, wie sich die Äste des Baumstumpfes zu bewegen begannen, sich in seine Richtung hin ausstreckten. Knorrige Finge tasteten nach ihm.

    Hallström stieß ein irres Lachen aus.

    „Wut ist Kraft! Rache ist Stärke! Und der Hass ist reine Energie!!!“ kreischte er.

    Deckers Augen weiteten sich, als das grüne Leuchten vor Hallströms Herzen noch an Helligkeit und Intensität zuzunehmen schien.

    Dann raste es direkt auf seinen Kopf zu.

    Und dann nur noch Schwärze...

    *

    „Aber an diesem Ort findet man keine Männer mit Mut,“ sagte Hallström und bestellte eine neue Runde Schnaps.

    Roderick nickte beipflichtend, während sein Blick über die müden Gestalten glitt, welche die Kneipe bevölkerten.

    Dann blieben seine Augen wieder an der alten Karte hängen, die vor Hallström auf dem Tisch lag und ein befriedigtes Lächeln erschien kurz auf seinem Gesicht.

    '30 Prozent,' dachte er. 'Ein gutes Geschäft.'

    Hallström reichte ihm das Glas herüber.

    „Dann auf unser Wohl! Und auf den Erfolg unserer kleinen Expedition.“

    Sie stürzten den Schnaps herunter.


    Dunkelheit, Kälte, Schweigen.

    Er saß regungslos und wartete geduldig, wie er es immer tat, seit er hier war. Kommen würde, was kommen mußte.

    Oder kommen wollte...