Beiträge von LadyK

    Während Nelli weißt Gott was anstellte, entschied Esther, dass sie Rumsitzen für sie nicht in Frage kam. Auch die Männer nutzten die Zeit für Sinnvolles und erleichterten das Schiff um ihre nunmehr nutzlose Fracht.

    Esther schnappte sich einen Bündel Kleidung und trat den Weg zur Quelle an.

    Zwar hatte sie keine Ahnung, ob sie ihnen passen würde, aber es war allemal besser als die dreckige und teils blutbeschmierte Kleidung, die sie alle im Moment trugen.

    Mehr stolpernd als wirklich gehend erreichte sie die Quelle. Wie auch schon die letzten Tage ließ sie der purer Anblick dieses Ortes entspannter werden.

    Sie warf den Stapel Wäsche auf den Boden neben einem großen Felsen und erleichterte sich um ihren Gürtel samt Tasche. Dabei fiel der Dolch mit einem dumpfen Geräusch auf die Erde.

    Den habe ich ganz vergessen …

    Sie hob ihn auf, legte ihn auf den Stein und sah sich um.

    Dann machte sie sich daran, einige Schlingpflanzen von den Baumstämmen zu reißen. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich schnell herausstellte. Die Pflanzen hingen so fest, sodass sie mit aller Kraft daran ziehen musste. Nach einiger Zeit hackte sie sogar mit dem Dolch darauf herum und dachte kurzzeitig darüber nach, einen der Männer zu holen.

    Trevor schafft das bestimmt trotz gebrochener Rippe und Schusswunde!

    Aber sie schaffte es schließlich aus eigener Kraft, genug zusammenzugetragen. Nachdem sie die Blätter entfernt hatte, verknotete sie die Enden jeweils an Ästen fest, sodass sie später die gewaschene Wäsche zum Trocknen rüber legen konnte.

    Völlig außer Atem entledigte sie sich ihrer Korsage, warf sie zu ihrem Gürtel und dem Dolch und besah sich ihre schmerzenden Hände. Sie waren dreckig und einige rote Stellen zeichneten sich ab. Außerdem war ihr Verband an der Rechten verrutscht, weshalb sie ihn schließlich löste. Die Verletzung durch den geborstenen Magiestein war bisher gut verheilt. Aber es ließ sich erkennen, dass kleine Narben blieben.

    Ein Schandfleck, der ihren Wert in den Augen der Angehörigen ihrer Gesellschaftsschicht minderte. Energisch ballte sie die Hand zu einer Faust.

    Finde dich mit diesem Makel ab! Es gibt Schlimmeres!

    Sie krempelte sich die Ärmel hoch und machte sich daran, die Wäsche nacheinander zu waschen. Während sie leise ein Lied vor sich hin summte, fragte sie sich, ob sie das überhaupt richtig machte. Das war für sie immerhin das erste Mal, dass sie ihre Kleidung alleine reinigte und es war anstrengender als gedacht. Bereits nach drei Teilen stand ihr ob der Hitze abermals der Schweiß auf der Stirn und ihre ohnehin schmerzenden Finger fühlten sich taub an. Hartnäckig wusch sie weiter bis zum letzten Stück. Sie vermochte nicht zu sagen, wie lange sie gebraucht hatte. Keuchend rang sie eine Hose aus, die von der Länge her Trevor passen müsste, und hängte sie über ihre provisorische Wäscheleine.

    Mit schief gelegtem Kopf besah sie sich ihre Arbeit und stellte fest, das ihr Plan aufgegangen war.

    Die aufgehängte Wäsche stellte gleichzeitig einen Schichtschutz für sie während des Badens dar, der sie zumindest aus einer Richtung vor neugierigen Blicken bewahrte. Sie wusste zwar, dass sie sich bei den Anderen in dieser Hinsicht keine Gedanken machen musste – Trevor und Edmund besaßen genug Anstand, während sie aus erster Hand wusste, dass Nelli von ihrem Körper bereits nahezu alles gesehen hatte – aber Vorsicht war besser als Nachsicht.

    Ohne zu wissen, worauf sie eigentlich wartete, ließ sie ihren Blick durch die Umgebung gleiten. Dann schälte sie sich aus ihrer restlichen Kleidung. Nacheinander landete alles auf dem Boden.

    Vorsichtig streckte sie den Zeh ins Wasser. Es war recht kühl, weshalb sie einige Anläufe brauchte, um schlussendlich bis zur Hüfte in der Quelle zu stehen. Dann ging sie mit einem Ruck in die Hocke und holte tief Luft.

    Bei den Silbererzen! Das ist kalt!

    Aber es tat auch gut, den Dreck der letzten Tage abzuwaschen.

    Sie stieß sich vom Boden ab und einige Schwimmzüge später tauchte sie mit dem Kopf unter und genoss das Gefühl, den Sand aus den Haaren zu spülen.

    Einige Zeit verbrachte sie im Wasser, schwamm umher und ließ sowohl ihren Körper als auch ihre Gedanken zur Ruhe kommen. Es war, als würde in diesem Moment eine Last von ihr abfallen, zusammen mit dem Schmutz der letzten Tage, und sie um einiges leichter werden lassen.

    Mit einem besseren Gefühl im Gemüt, stieg sie aus dem Wasser, rang die Haare aus und rieb ihren Körper mit einem Stoffstück trocken, welches sie dann ebenfalls über die Leine legte.

    Sehnsüchtig blickte sie auf ihre Robe hinab, entschied sich aber schnell dagegen, sie wieder anzuziehen. Einerseits war sie bereits an viel Stellen dreckig und roch vermutlich genauso schrecklich wie sie aussah, anderseits schien es ihr in Anbetracht der geplanten Reparatur besser, auf Funktionalität umzusteigen.

    Ihre Robe war nicht nur zu dick für körperliche Arbeit, sondern auch viel zu unpraktisch.

    Fröstelnd pflückte sie sich ein Hemd von der Leine und zog es sich über. Sie stellte zufrieden fest, dass es passte. Ob es mal einem Schiffsjungen gehört hatte?

    Schnell verwarf sie den Gedanken, schlüpfte in eine dunkle Hose und steckte das Hemd hinein. Erstaunlicherweise schien ihr diese ebenfalls wie an den Leib geschneidert. Die Kleidung war noch ziemlich klamm, aber sie war sich sicher, dass es bei der Wärme schnell trocknen würde.

    Sie seufzte, als sie sich in ihre eigenen Stiefel quälte. Vermutlich machte sie in diesem Aufzug keinen sonderlich gräflichen Eindruck und sie konnte womöglich froh sein, wenn die Anderen nicht hinter vorgehaltener Hand über sie lachten. Aber was soll´s - für falschen Stolz war in ihrer aller Lage kein Platz.

    Sie stand auf und zog ihre Korsage über. Während ihrer Zeit in der Gilde hatte sie schnell gelernt, wie man dieses Kleidungsstück selber schnürte.

    Dann legte sie den Gürtel mitsamt Zauberstab wieder an. Zum Schluss verband sie ihre Hand wieder sorgsam, sodass Nelli nichts zu meckern hatte.

    Probeweise schloss und öffnete sie die Hand einige Male. Es schmerzte nicht mehr und sie war sich sicher, dass sie den Verband bald weglassen konnte. Aber dahingehend würde sie Nelli einmal um eine Meinung fragen.

    Dann hob sie nachdenklich Francis Dolch vom Boden auf und war für einen Moment versucht, ihn einfach ins Wasser zu werfen. Dann steckte sie ihn ebenfalls in ihren Gürtel. Sie hatte sich vorgenommen, die Waffe Trevor zu geben und das würde sie auch tun.

    Das Haar musste sie notgedrungener Maßen zunächst trocknen lassen, bevor sie es zusammen binden konnte.

    Sie seufzte und sammelte ihre Kleidungsstücke ein. Vermutlich sah sie nunmehr selber aus wie eine Deckshelferin und sie kannte nicht einmal Deckshelferinnern. Gab es so etwas überhaupt?

    Mein Vater würde mich lynchen …

    Sie musste zugeben, dass es mehr als ungewohnt war, in einfacher Kleidung zu stecken. Zwar konnte sie den gewaltigen Ballkleidern noch nie sonderlich viel abgewinnen, das hieß aber nicht, dass sie nicht auf ihr Äußeres achtete.

    Sie warf einen letzten Blick auf die restliche Wäsche, die sie zum Trocknen einfach hier lassen würde. So konnte sich außerdem jeder das nehmen, was er wollte. Dann trat sie den Rückweg an und wenig später erreichte sie das Lager. Hoffentlich waren die Anderen dezent genug um sich nicht anmerken zu lassen, wie sie sich über sie lustig machten.

    Sie versuchte, sich so leise wie möglich zu nähern. Warum genau sie das machte, wusste sie nicht – sich zu verstecken machte keinen Sinn.

    Augenblick drehten Edmund und Trevor, die bisher in einem Gespräch miteinander vertieft waren, die Köpfe herum. Während der Händlersohn sie mit erhobener Braue von Kopf bis Fuß musterte, wirkte der Formwandler auf eine gewisse Weise amüsiert.

    Sie stockte ob der Blicke ihrer männlichen Begleiter kurz im Schritt und sah an sich hinunter. „Stimmt … etwas nicht?“, fragte sie zögerlich.

    Trevor fasste sich zuerst. „Keine Sorge“, meinte er schnell. „Ich habe bereits Frauen in Hosen gesehen. Der Unterschied ist nur … Du würdest vermutlich selbst der Kleidung eines Bettlers Anmut verleihen.“

    Sie blinzelte, besah sich abermals ihre Gestalt und spürte, wie ihr Gesicht erhitzte.

    In feiner Gesellschaft hätte sie nichts weiter tun müssen, als zu Lächeln und sich für das Kompliment höflich zu bedanken. Andererseits hätte es in ihren Kreisen nicht einmal wie ein Kompliment gewirkt, sondern eher wie eine Herabsetzung ihrer Person. Allerdings war Trevor niemand aus ihrem Stand. Er konnte gar nicht wissen, wie die Männer in ihrer Gesellschaftsschicht Frauen Komplimente machten. Und der Unterschied war auch, dass Trevors Worte echt waren und nicht nur eine Farce. So hoffte sie es zumindest.

    Ehrlich lächelnd sah sie ihn an. „Danke Trevor, dass ist lieb von dir“, meinte sie. Auf keinen Fall wollte sie dem Wandler das Gefühl vermitteln, etwas Falsches gesagt zu haben. Denn das hatte er nicht. Seine Worte nahmen ihr ein wenig das Unwohlsein. Sie legte ihre alte Kleidung auf ihrem Lager an. „Ich dachte, es wäre vielleicht besser, funktionale Kleidung anzuziehen statt der Robe … in Anbetracht der geplanten Reparatur des Schiffes“, setzte sie nach, richtete sich auf und sah die Männer an.

    „Ein Kleid eignet sich nur bedingt dafür“, stimmte Trevor zu. „Der Saum könnte irgendwo hängen bleiben und du dadurch stürzen. Die Hose macht durchaus mehr Sinn.“

    „Ihr wollt bei der Reparatur helfen?“, warf Edmund ein. Noch immer blickte er sie mit erhobener Augenbraue an.

    Trevor warf dem Händlersohn einen Blick zu. „Wenn wir auf der Insel nicht alt und grau werden wollen, sollten wir alle anpacken“, trat er Esther bei. „Und schlechter mit Werkzeug umgehen als du ist kaum möglich“, fügte er murmelnd hinzu.

    Esther sah zu Edmund und bemühte sich, ihn nicht anzugrinsen. Was wohl in ihrer Abwesenheit geschehen war, was Trevors letzte Aussage bekräftigte?

    Edmund verschränkte die Arme vor seinem Oberkörper. „Oh entschuldige bitte, dass auf einer einsamen Insel ein Wrack zu reparieren nicht zum Privatunterricht gehörte und du deshalb mit einer Unkenntnis gestraft bist!“

    Esthers aufkeimendes Lächeln erstarb und besorgt glitt ihr Blick zu Trevor hinüber.

    Wieder wollte sie etwas sagen, aber der Formwandler kam ihr zuvor.

    „Es geht nicht um Unwissenheit, sondern darum, dass wir unser Bestmögliches versuchen“, meinte er. „Egal, ob Frau oder Mann … wir wollen alle von der Insel herunter.“

    Esther entschied, dass diese Unterhaltung in eine falsche Richtung ging. Sie wandte sich an den Händlersohn. „Um Eure Frage zu beantworten, Edmund“, sagte sie schnell und lächelte ihn versöhnlich an. Sie wollte keine weitere Diskussion vom Zaun brechen, so etwas konnten sie in ihrer derzeitigen Lage beim besten Willen nicht gebrauchen. „Ja. Ich werde bei der Reparatur helfen.“ Letzteres sagte sie nur, um ihren Standpunkt noch einmal klarzustellen.

    Edmund zuckte lediglich die Schultern. „Hab nichts dagegen“, erklärte er, nicht aber, ohne Trevor böse anzufunkeln.

    Der Formwandler grinste lediglich.

    Esther war froh, an einer Auseinandersetzung vorbeigeschlittert zu sein

    Sie ließ ihren Blick über das Lager gleiten. „Wo ist Nelli? Ist sie noch nicht wieder hier?“, wollte sie von den Männern wissen, woraufhin diese einen schnellen Blick tauschten.

    „Ist sie nicht bei Euch?“, fragte Edmund. Sie meinte, einen Hauch Besorgnis in seiner Stimme zu hören.

    Sie beantwortete seine Frage mit einem Kopfschütteln und sah in den Himmel hinauf. Es war bereits merklich dunkler geworden. Obwohl Esther fest davon überzeugt war, dass die Hexe wusste, was sie tat, so konnte sie eine gewisse Unruhe in ihrem Inneren spüren.

    Eine ganze Weile gingen Edmund und sie schweigend nebeneinander her. Mittlerweile war die Nacht hereingebrochen und Esther hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich so weit von den Anderen entfernt hatten.

    Sie warf einen Seitenblick auf Edmund, der seine Hände weiterhin in seinen Taschen vergrub. Er schien mit den Gedanken weit entfernt zu sein.

    Sie wollte etwas sagen, aber ihr fiel nichts ein, worüber sie hätten sprechen können. Es war alles gesagt worden … obwohl …

    „Was hat die Eleftheria eigentlich geladen“, fragte sie und durchbrach damit die Stille. „Es muss ziemlich wertvoll sein, wenn Armod sich darum so reißt.“

    Sie wusste, dass es sie rein gar nichts anging, was Edmund transportierte, aber vielleicht verriet er es dennoch. Wenn nicht, dann war es für sie auch in Ordnung.

    Edmund wandte den Kopf zu ihr um und musterte sie. Ein fragender Ausdruck glitt über seine Züge. Im fahlen Licht der Sterne wirkte sein Gesicht beinahe noch ebenmäßiger als am Tag. Zu perfekt hatte Nelli gesagt.

    Er schien ernsthaft darüber nachzudenken, ob er antwortete oder nicht. „Vater hat mir eingeschärft, niemanden davon zu erzählen“, meinte er schließlich und zuckte die Schultern. „Aber der ist eh nicht hier.“

    Sie runzelte ob der Bemerkung bezüglich seines Vaters die Stirn. Offenbar schien es gewisse Reibungspunkte zwischen Edmund uns seinem Vater zu geben. Doch bevor sie entscheiden konnte, ob sie ihn darauf ansprach, redete Edmund bereits weiter.

    „Die Ladung bestand über die Kisten im Lagerraum hinaus aus einem magischen Fernrohr. Vater hat mit irgendeinem Kerl in Samira einen Handel abgeschlossen.“

    Esther stockte kurz im Schritt. Ein Windzug erfasste die Jacke. Eilig griff sie danach und zog sie etwas enger um ihre Schultern. Ein magisches Fernrohr? Das konnte doch nicht wirklich das sein, woran sie gerade dachte?

    „Was für ein Fernrohr?“ Sie schaffte es nicht, die Panik aus ihrer Stimme zu verbannen, weshalb Edmund sie wieder verwundert ansah.

    „Angeblich kann man damit Magie über sehr große Distanzen erkennen und aufspüren“, erklärte er unsicher und sah nach vorn. „Auch kleine Mengen, die in magischen Wesen stecken … Formwandler oder Nymphen zum Beispiel. Damit ist es nicht notwendig, dass ein Magier bezahlt werden muss, um Formwandler aufzuspüren.“

    Das Fernrohr von Chresvol …

    Esther sah in den Sternenhimmel hinauf. Kaum zu glauben, dass ein solches Relikt in Edmunds Hände gekommen war. Oder vielmehr in den Besitz der Familie von Stein. Sie fragte sich unweigerlich, wie das passiert sein könnte und nahm sich vor, Edmund bei Gelegenheit danach zu fragen.

    „Wenn das stimmt und Ihr wirklich dieses Fernrohr besitzt … müssen wir es wiederholen“, sagte sie drängend. „Es gehört zu den mächtigsten Artefakten des Magiertums und darf auf keinen Fall in die falschen Hände geraten. Und Armod scheint mir genauso jemand zu sein.“

    Daraufhin sah Edmund sie an, als hätte sie ihm ins Gesicht gespuckt. Natürlich. Er wusste selber, dass Armod ein Kerl war, der vermutlich seine eigene Mutter verkauft hatte.

    „Wohin genau sollte ihr das Fernrohr bringen?“, wollte sie wissen. Das Reiseziel kannte sie – Samira. Aber mit keiner Silbe hatte Edmund verraten, an wen das gute Stück gehen sollte.

    „Nach Samira“, lautete Edmunds schlichte Antwort und sie rollte die Augen.

    Mit erhobener Augenbraue sah sie Edmund an. „Ich wollte eher wissen, mit wem Eurer Vater den Handel eingegangen ist.“

    Wieder schien er zu überlegen, ob er die Information preisgeben wollte … oder durfte? „Ich versuche nur zu helfen“, setzte sie deshalb nach.

    „Mit einem Magier“, eröffnete er schließlich, machte aber nicht den Eindruck, als würde er mehr verraten wollen.

    Zunächst genügte ihr diese Information. Zwar ging es sie nichts an, an wen Edmunds Vater das Fernrohr verkaufte, aber sie würde sich besser fühlen, wenn ein solches Artefakt nicht in irgendwelche Hände geriete.

    Sie kannte die Magier aus Samira nicht und hoffte daher, dass der Handelspartner das Fernrohr sicher verwahren würde.

    Vorausgesetzt, sie bekamen es, bevor die Piraten es auf der Eleftheria entdeckten.

    „Wenn Armod beschließt, das Fernrohr von Chresvol an jemanden zu verkaufen, der … Böses … im Sinn hat …“, begann sie, sprach aber nicht weiter, weil sie bemerkte, dass sie die korrekte Bezeichnung des Gegenstandes benutzt und damit mehr preisgegeben hatte, als sie eigentlich wollte.

    Glücklicherweise schien Edmund dieser Umstand nicht zu verwirren. „Dann haben wir ein Problem … ich weiß“, setzte er ihren Satz fort. „Deshalb durfte auch keiner davon wissen. Hoffen wir, dass Armod so dumm ist, wie ich glaube …“

    „Das hoffe ich auch“, warf Esther zustimmend ein.

    „Dann dürfte er das Ding nicht einmal finden.“

    Forschend sah sie den Händlersohn an. Wo er das Fernrohr wohl versteckt hielt? Sie ahnte allerdings, dass Armod und seine verbliebenden Männer ihre Mühe haben werden, diesen Gegenstand zu finden. Was auch gut so war! Solange sie nicht wussten, dass das Fernrohr sich auf der Eleftheria befand, konnte nichts passieren und Esther zweifelte daran, dass Armod das Artefakt überhaupt als solches erkannte.

    Sie selbst wusste, dass das Fernrohr von Chresvol eines von mehreren magisch berührten Artefakten war. Brachte man alle Relikte zusammen, so hieß es, konnte man wahrhaftige Allmacht erreichen – selbst als Nichtmagier. Außerdem erzählte man sich hinter hervorgehaltener Hand, dass sich die Macht nur demjenigen zeigt, der sie zu führen verstand. An alle Gegenstände konnte Esther sich nicht erinnern – da war irgendetwas mit einer Hand oder doch ein Fuß? Auch, wie viele sie insgesamt zählten, wusste sie nicht genau. Da gingen die Meinungen der ihr bekannten Chroniken ebenfalls weit auseinander. Auch über den Verbleib der Relikte wusste man nichts, außer, dass sie über alle Kontinente verstreut waren – so sagte man jedenfalls. Deshalb fiel es ihr so schwer zu glauben, das eine Händlerfamilie an das Fernrohr von Chresvol geraten sein könnte.

    Aber sie beschloss, Edmund zu vertrauen und ihm dabei zu helfen, das Artefakt an einen geeigneten Ort zu bringen. Dass es sich bei dem Käufer um einen Magier handelte, schien ihr zumindest ein gutes Zeichen zu sein.

    Sie runzelte die Stirn, als ihr etwas an Edmunds Worten auffiel. Er hatte Wert darauf gelegt, dass niemand von dem Fernrohr wusste. „Wir sollten die anderen einweihen“, schlug sie vor. Sie fand, dass Trevor und Nelli ein Recht darauf hatten, zu wissen, womit sie es zu tun hatten – immerhin war jeder von ihnen auf eine andere Art und Weise durch die Magie berührt worden.

    Edmund schien das anders zu sehen. „Nein! Sie dürfen es nicht wissen!“

    Esther spürte, wie sich ihr Stirnrunzeln vertiefte. „Warum nicht?“

    „Weil …“ Edmund druckste herum und legte den Kopf in den Nacken, bevor er sie schließlich ansah. „Ich überlege es mir.“

    „Von mir erfährt niemand etwas“, versicherte sie ihm, auch wenn sie die Entscheidung nicht gänzlich nachvollziehen konnte.

    Er nickte daraufhin nur knapp.

    Sie glaubte, in seinen Augen so etwas wie Erleichterung zu erkennen. Sicher war sie sich aber nicht.

    Während er nach vorne sah, musterte sie ihn mit einem Seitenblick.

    Edmund zeigte, seit sie ihn auf dem Stein entdeckt hatte, so viele Gefühle wie in ihrer gesamten gemeinsamen Reise zusammen – oder besser gesagt, nicht gezeigt hatte.

    Es schien ihr fast unwirklich, dass Edmund zu so etwas wie Trauer oder gar Mitgefühl imstande war. Aber er hatte es bewiesen.

    Schnell wandte sie ihren Blick wieder ab. Sie wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass sie ihn anstarrte.

    Gerade als die Stille erneut über sie hereinbrechen wollte, gewahrte sie zwei schattenhafte Gestalten unter den Palmen sitzen.

    Esther beschleunigte ihre Schritte. Nicht, weil sie von Edmund weg wollte, sondern weil ihr langsam die Beine schmerzten. Sowohl vom Laufen als auch wegen der nassen Kleidung. Sie fror entsetzlich, aber sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Die Jacke half nur bedingt dagegen, aber sie war froh, dass Edmund sie ihr überlassen hatte.

    Sie sah kurz über Schulter. Edmund folgte ihr etwas gelassener oder war es eher Unsicherheit, die er nur überspielen wollte?

    Wenigstens lief er nicht zum Stein zurück.

    Sie gesellte sich zu den Anderen, setzte sich neben Trevor in den Sand und bemerkte, wie Edmund aufschloss und die Beteiligten von oben herab ansah.

    Esther vermied es, Trevor anzusehen.

    Wie sollte sie dem Wandler auch erklären, dass der Händlersohn sich seit ihrer Strandung verkrochen und sie seitdem nicht ein einziges Mal nach ihm geschaut hatte, sondern an Trevors Seite geblieben war.

    Sie wusste, dass das falsch gewesen war und das schlechte Gewissen nagte an ihr. Doch Nelli hatte ihr mehrmals gesagt, dass Edmund noch Zeit brauchte.

    Aber wie viel? Noch mehr Tage? Wochen oder gar Monate?

    Sie sah in die Richtung, wo Edmund sich seit einer geraumen Weile alleine aufhielt.

    So lange konnten sie nicht warten, denn sie mussten von dieser Insel runter und Edmund wusste das mit Sicherheit genauso gut wie sie selbst.

    Esther hatte Verständnis für ihn, aber jeder trug in der derzeitigen Situation sein Päckchen und nicht nur Edmund.

    Sie schnaufte hörbar und stand auf.

    Er hatte genug Zeit gehabt, um über die Geschehnisse nachzudenken. Jetzt mussten sie nach vorne blicken – sie alle.

    Sie vergewisserte sich schnell bei Nelli und Trevor, dass diese zurechtkamen und ging zu Edmunds … Versteck. Währenddessen überlegte sie sich sorgsam, was sie ihm an den Kopf werfen wollte und wie sie ihn dazu bringen konnte, seinen Hintern hochzukriegen. Sie legte ihren Frust und teilweise auch Wut in ihre Worte.

    Dann entdeckte sie ihn im Schatten einer Palme auf einem Stein hocken, die Beine angezogen und das Kinn auf den Knien gebettet. Mit leerem Blick starrte er auf das Meer hinaus, beinahe teilnahmslos … und ihre Worte verflogen mit dem leichten Strandsand im Wind.

    Vorsichtig näherte sie sich ihm und verschränkte die Arme vor ihrem Körper. „Edmund?“, fragte sie zögerlich.

    Er ignorierte sie.

    Natürlich ignoriert er dich. Was hast du gedacht? Dass er dich in eine herzliche Umarmung schließt?!

    Sie scharrte mit der Schuhspitze im Sand herum und biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht sollte sie einfach gehen und ihn weiter schmollen lassen. Möglicherweise war es für sie alle besser, wenn er hier weiter in der Sonne verbrannte.

    Sie stieß die Luft zwischen den Zähnen aus. Nein, sie konnte und wollte ihn hier nicht sitzen lassen! Niemand sollte alleine sein, auch Edmund nicht. Gerade er nicht.

    Entschlossen ging sie zu ihm und stellte sich unmittelbar vor ihn. Für einen kurzen Moment verspürte sie üble Lust, ihn mit Nellis Stock auf die Stirn zu schlagen und war froh darüber, dass dieser nicht in greifbarer Nähe war.

    Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Kommt“, forderte sie ihn so wortkarg auf, wie er sie immer abspeiste.

    Er sah gar nicht zu ihr auf. „Nein“, kam es von ihm.

    Sie spürte erneut, wie Frust und Wut sie durchfluten wollten. Das konnte doch nicht wahr sein! Wollte er ewig hier herumsitzen?

    Schön. Sollte ihr recht sein!

    Sie wollte gehen, aber sie blieb.

    „Vielleicht interessiert es Euch, dass Trevor wieder wach ist“, hörte sie sich sagen und ließ den Arm sinken.

    „Wie? Was?“ Verwirrt blickte er ihr schließlich in die Augen. „Wirklich?“

    In diesem Moment wurde Esther bewusst, dass Edmund an Trevors Überleben gezweifelt hatte. Sie nickte zur Bestätigung. „Er ist noch schwach, aber er wird wieder. Aber Ihr nicht, wenn Ihr weiter hier rumsitzt und Löcher in die Luft starrt.“

    Er warf einen kurzen Blick in die Richtung, wo die anderen saßen. „Ich komme trotzdem nicht mit!“

    So langsam verlor sie die Geduld. Wovor auch immer er Angst hatte – diese Angst war unbegründet. Sie vergaß ihren gesellschaftlichen Stand – wobei dieser in den letzten Tagen nicht mehr existent gewesen war, immerhin hatte sie eben noch Trevors Wunden gesäubert – ignorierte die Kluft, die sich noch zwischen Edmund ihr befand und ergriff mit beiden Händen sein rechtes Handgelenk. „Wir gehen nicht zu den Anderen“, erklärte sie ihm. „Aber ich für meinen Teil habe zu lange gesessen und Ihr auch!“

    Ein verwunderte Gesichtsausdruck machte sich auf Edmunds Gesicht breit. „Was soll das werden, wenn es fertig ist?“

    Fassungslos starrte sie ihn an. War das sein verfluchter Ernst? Offenbar schien es ihm egal zu sein, was mit Trevor war und auch ihre derzeitige Lage ging ihm wohl sonst wo vorbei.

    Sie wollte nicht glauben, dass ihn das alles nicht berührte. Oder ging es ihm doch nahe?

    Resigniert ließ sie seinen Arm wieder los und trat einige Schritte zurück. Er folgte ihr mit seinem Blick.

    „Was stimmt nicht mit Euch?“, entfuhr es ihr zu ihrer eigenen Überraschung. „Ihr sitzt hier, siecht vor Euch hin, obwohl wir stattdessen überlegen müssten, wie es weiter geht!“ Wieder verschränkte sie die Arme vor der Brust und sah ihn abwartend an, rechnete aber kaum mit einer Antwort, mit der man arbeiten konnte.

    „Was mit mir nicht stimmt? Was stimmt mit Euch nicht?“, konterte er. „Ich will nicht reden und dennoch fragt ihr immer wieder nach! Ich versuche ja schon eine Lösung zu finden! Aber wir sitzen nun mal auf einer verfluchten Insel fest!“

    Sie wusste selbst, dass sie festsaßen. Das musste er ihr nicht noch sagen!

    „Ihr wisst aber, dass Ihr nicht alleine nach einer Lösung suchen müsst“, stellte sie fest. „Trevor, Nelli und ich werden Euch helfen. Aber das können wir nicht, wenn Ihr hier auf dem Stein hockt …“ Wie festgetrockneter Vogelmist. Sie ließ den Rest des Satzes unbeendet und besann sich im letzten Moment auf ihre Erziehung.

    „Jaja, Sorgen, Freunde, blabla“ Er winkte ab. „Das hat die Hexe schon versucht.“

    Das hatte gesessen. Tiefer als sie zugeben wollte.

    Sie spürte, wie ein Engegefühl sich um ihren Hals legen wollte. Der letzte Rest Mitleid, den sie bis eben für ihn aufbringen konnte, verflüchtigte sich. „Was seid Ihr eigentlich für ein emotionaler … Klotz?!“ Mittlerweile war es ihr egal, ob er zuhörte oder nicht, was er über sie dachte oder ob die Kluft zwischen ihnen noch größer wurde. Jeder von ihnen hatte eigene Sorgen, aber niemand außer Edmund steckte den Kopf in den Sand. „Ihr wollt nicht, dass man sich Sorgen um Euch macht? Das könnt Ihr aber nicht verhindern. Ihr braucht keine Freunde? Dann findet Euch damit ab, dass Ihr irgendwann alleine dasteht! Ihr wollt nicht reden? Dann lasst zu, dass Euch Eure Schuldgefühle auffressen!“ Sie wusste, dass sie eine Grenze überschritten hatte. Aber ihre Worte konnte sie nicht mehr länger zurückhalten. Doch kaum, dass sie das ausgesprochen hatte, bereute sie es schon wieder. Fahrig fuhr sie sich über die Stirn. „Es tut mir leid, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“

    Offenbar hast du auch zu lange in der Sonne gesessen! So wirst du ihn jedenfalls nicht dazu bringen, aus seinem Loch gekrochen zu kommen.

    Edmund starrte sie eine ziemlich lange Weile einfach stumm an.

    Hast du super hinbekommen, Esther! Ganz fabelhaft!

    „Ihr habt Recht“, sagte er plötzlich wie aus dem Nichts und sie glaubte fast, sie hätte sich verhört.

    Sie blinzelte verwirrt. „Was … genau meint Ihr?“

    „Mit allem“, stieß er aus und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. „Ich ... kann nicht mit zurück ... Trevor wurde wegen mir verletzt. Ich dachte, er stirbt. Er ist bestimmt wütend. Ich ... schätze, sowas machen Freunde nicht, das Leben des anderen riskieren. Nelli meint, das mit der Meuterei ist nicht meine Schuld, aber es fühlt sich so an...“ Er stockte und schluckte schwer. „Und Manfred ...“ Wieder schwieg er und Esther wartete geduldig, ob darauf noch etwas folgte. Mit jedem Wort, das er sagte, verflog ihre Wut immer ein Stückchen mehr.

    „Tut ... mir leid. Ich will Euch nicht damit belasten“, meinte er dann, stand auf und wandte sich zum Gehen um.

    „Edmund!“ Esther holte ihn schnell ein, ergriff ihn abermals am Arm und bevor sie sich zurückhalten konnte, legte sie ihm ihre freie Hand auf die Wange. „Nichts davon ist Eure Schuld. Redet Euch das bitte nicht ein. Trevor macht sich ebenso Sorgen um Euch wie Nelli und ich. Und … Manfred hat sein Schicksal gewählt als er sich gegen Euch wandte.“

    Edmund wich ihrer Berührung aus, weshalb sie die Hand schließlich sinken ließ. „Doch! Es ist meine Schuld!“, beharrte er. „Egal was Ihr oder die Hexe behaupten. Ich hätte alles besser im Auge behalten müssen. Das war allein mein Fehler.“

    Innerlich schüttelte sie den Kopf. Wie konnte jemand so stur sein? „Niemand ist ohne Fehler“, sagte sie. „Und wenn, dann trifft mich ebenfalls Schuld. Ich bin dazugekommen, um Euch und die Anderen vor genau solchen Gefahren zu beschützen … und habe versagt.“

    „In der Regel fordern Fehler aber keine Menschenleben.“ Er wich ihrem Blick aus, so als würde er sich in diesem Moment an seinen Kampf erinnern. „Und Ihr habt nicht versagt. Der Sturm hat Euch geschwächt. Das wäre jedem so gegangen. Ihr habt Euer Bestes gegeben.“

    Sie sah betreten auf ihre Hand, die immer noch seinen Arm umklammert hielt. Eigentlich hatte sie bereits loslassen wollen, aber sie fürchtete, dass er wieder davon laufen könnte. Außerdem spürte sie, wie ein seltsames Gefühl von ihr Besitz ergriff. Etwas, das sie kaum benennen konnte. „Da habt ihr recht“, gestand sie. „Und die Last, ein Menschenleben genommen zu haben, kann ich auch nicht mildern. Ich weiß auch nicht, wie es ist, jemanden …“ Sie brach ab, als ihr die richtigen Worte nicht einfallen wollten. „Aber Ihr habt es getan, um uns zu schützen.“ Da fiel ihr ein, dass sie sich für seinen Einsatz noch gar nicht bedankt hatte. „Ich danke Euch, Edmund.“ Seine letzte Bemerkung überging sie. Letztendlich hatte nicht der Sturm sie niedergezwungen, sondern der Magiestein. Aber sie wollte weder Edmund noch die Anderen beunruhigen. Und auch wenn jeder behauptete, dass sie rein gar nichts gegen die Meuterei hätte unternehmen können, so linderte dies keineswegs ihre Schuldgefühle. Bis zu einem gewissen Grad verstand sie Edmunds Gedanken daher und sie spürte, dass ihm die ganze Situation zu schaffen machte. Sie war froh, dass er sich letztendlich geöffnet hatte. Seine Fassade bröckelte weiter …

    „Und ich danke Euch für Eure Hilfe während des Sturms“, sagte er, nachdem sie abermals eine Weile geschwiegen hatten.

    Sie nickte leicht. „Ich habe nur getan, wofür Ihr mich mitgenommen habt“, erklärte sie. „Und ich verspreche, dass ich Euch dabei helfen werde, die Eleftheria zurückzubekommen.“

    „Ich weiß überhaupt nicht, ob ich die Eleftheria zurück will“, erklärte er und schaute auf ihre Hand auf seinem Arm. „Und könntet Ihr mich loslassen? Ich kann auch allein stehen.“

    Esther sah ihn kurz mit verengten Augen an und löste ihren Griff schließlich. Das Gefühl von eben verflog. Sie machte eine Kopfbewegung hinter sich, in die entgegengesetzte Richtung von Trevor und Nelli. „Gehen wir ein Stück?“

    Edmund folgte ihrer Geste mit seinem Blick. „Wozu soll das gut sein?“

    Sie lächelte ehrlich. „Ich weiß es nicht“, gestand sie ihm. „Findet es heraus.“ Damit wandte sie sich ab und sah über die Schulter zu ihm zurück.

    Sie sah, wie Edmund die Arme vor seinem Körper verschränkte und sie musterte. Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, seufzte er schwer und folgte ihr schließlich. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht viel von ihrer Idee hielt und es hatte sie überrascht, dass er sich dazu durchrang.

    „Was meintet Ihr damit, dass Ihr nicht wisst, ob Ihr das Schiff zurückhaben wollt?“, fragte sie, nachdem sie einige Schritte schweigend nebeneinander hergelaufen waren.

    Edmund sah sich unruhig um. Er schien mit sich und der Frage zu ringen. „Ich bin offenbar nicht für Verantwortung gemacht.“

    Esther sah ihn prüfend von der Seite an und strich sich einige Haarsträhnen zurück. Seine Antworten auf ihre Fragen erwiesen sich wie immer als wenig aussagekräftig. Aber sollte sie nachbohren? Wollte er lieber in Ruhe gelassen werden? Aber warum hatte er sie begleitet? Sicherlich nicht, um sich anzuschweigen. Oder?

    „Wie meint Ihr das?“, fragte sie schließlich zögerlich.

    „Dass mein Vater Recht hatte. Mehr nicht.“

    Sie spürte, dass er das Thema lieber mied. Offenbar war da einiges im Argen, worüber er nicht sprechen wollte. Esther respektierte das und beschloss, es dabei zu belassen. „Wenn Ihr irgendwann einmal reden wollt“, schob sie vorsichtig hinterher, „ich würde Euch zuhören.“

    Sie sah aus dem Augenwinkel, wie er zustimmend nickte.

    Das muss vorerst reichen.

    Sie hatte mehr erreicht, als sie glaubte. Immerhin war er aufgestanden und ging nun mit ihr am Strand entlang.

    Wenn sie nicht in einer solch misslichen Lage stecken würden und Edmund in besserer Verfassung gewesen wäre, hätte sie an dem Spaziergang sogar Gefallen gefunden. Jetzt aber schien es ihr, als würde sie es nur machen, um auf angenehmere Gedanken zu kommen. Noch immer verfolgten sie die Bilder der Meuterei. Als Trevor erwachte, war ihr eine schwere Last von der Schulter gefallen, aber dennoch sah sie seine Taten nach wie vor klar vor ihrem inneren Auge. Einerseits war er während des Kusses so vorsichtig und zart gewesen und andererseits, als er gekämpft hatte, so brutal und rücksichtlos. Eigentlich hätte sie Angst vor Trevor verspüren müssen, aber das war nicht der Fall gewesen. Vorhin hatte sie gespürt, dass es ihm unangenehm war, mit ihr über die Ereignisse zu sprechen. Sie hoffte nur, dass er …

    Sie schloss kurz die Augen, verschränkte die Arme vor dem Körper und seufzte.

    „Und was bedrückt Euch?“, hörte sie Edmunds Stimme und überrascht sah sie zu ihm auf. Hatte er sie wirklich gehört? Er musterte sie eingehend.

    Wollte sie mit ihm über ihre Gedanken reden?

    Sie zuckte die Schultern. „Nichts“, meinte sie ausweichend. „Ich bin nur noch etwas erschöpft und ein wenig durcheinander.“

    Genauso wie er wollte auch sie nicht direkt mit ihren Gefühlen hausieren gehen.

    Aus Edmunds eingehender Musterung wurde ein skeptischer Blick. „Aha.“

    Augenblicklich fühlte sie sich schlecht. Vorher hatte sie ihn beinahe gezwungen mit ihr zu reden, jetzt war sie es, die ihn auflaufen ließ. Aber was sollte sie auch sagen? Bisher hatte sie mit niemanden gesprochen, selbst mit Nelli nicht. Doch wieso sollte sie ausgerechnet Edmund erzählen, was sie bewegte?

    „Falls Ihr dennoch darüber reden wollt“, meinte er dann zögerlich, „ich renne nicht weg.“

    Sie überlegte und holte bereits Luft, um vor ihm ihre Sorgen auszubreiten.

    Dann nickte sie aber nur knapp. „Danke“, schob sie hinterher, weil sie nicht wusste, ob er ihre Geste gesehen hatte. „Das weiß ich zu schätzen.“

    Chance vertan …

    Eine ganze Weile gingen sie noch schweigend am Strand entlang und die Sonne begann bereits vom Himmel hinabzugleiten.

    Edmund hatte seinen Blick auf den Wald gerichtet und da gewahrte Esther etwas in einiger Entfernung.

    Sie kniff die Augen zusammen. „Edmund!“, rief sie und ergriff ihn am Ärmel, zog und zerrte beinahe daran, so aufgeregt war sie. Mit ihrer freien Hand deutete sie nach vorn, wo sich einige Schritte weit im Wasser ein auf Grund gelaufenes Schiff befand.

    Schnell stellte sie allerdings fest, dass die Begeisterung für ihre Entdeckung eher einseitig war.

    „Ja, toll, noch ein Idiot, der hier gestrandet ist. Klasse!“, maulte Edmund.

    Esther allerdings beschleunigte ihre Schritte und zerrte den Händlersohn einige Meter mit, bevor sie ihn los ließ. „Versteht Ihr nicht?“, rief sie. „Wenn es noch segeltauglich ist, könnten wir damit von der Insel verschwinden!“

    „Ja klar, die sind vermutlich nur versehentlich hier gestrandet. Die warten nur darauf, uns mitzunehmen!“

    Esther warf einen Blick hinter sich, wo Edmund seine Kleidung zurechtrückte, ihr aber weiterhin folgte.

    An der Wasserkante blieb sie stehen und wartete, bis Edmund zu ihr aufgeschlossen war.

    „Meint Ihr, es gibt noch eine Besatzung zu dem Schiff?“, fragte sie zweifelnd. „Wenn ja, dann hätten sie sich doch bestimmt schon aus dem Staub gemacht, oder etwa nicht?“ Sie legte den Kopf schief. Ihr Wissen, was Schiffe betraf, war nicht groß. Aber sie sah, dass die Segel schon bessere Tage erlebt hatten.

    Edmund sah sich kurz um und heftete den Blick dann auf das Schiff.

    „Es liegt hier schon eine ganze Weile. Ich denke nicht, dass tatsächlich noch jemand da ist.“ Er schaute über die Schulter in den Wald. „Das hätten wir sicherlich bereits gemerkt.“

    Esther nickte zustimmend und grinste ihn dann an. „Dann stört es wohl auch niemanden, wenn wir es uns … ausleihen.“ Sie ging ins Wasser und watete auf das Schiff zu.

    „Ähm ... ich halte das für keine gute Idee“, hörte sie Edmund sagen.

    Sie achtete nicht darauf, sondern setzte ihren Weg fort, bis sie etwa bis zur Hüfte im Wasser und genau vor dem Schiff stand. Prüfend legte sie ihre Hände auf das Holz, aber auch hier hatte sie keine Ahnung, ob der Zustand in Ordnung war. Sie watete um den Bug herum und suchte nach einem Weg, um hinaufsteigen zu können.

    „Esther ... wenn das Schiff irgendwie ins Rutschen kommt oder Planken morsch oder kaputt sind, verletzt Ihr Euch vielleicht.“ Seine Stimme klang sowohl genervt als auch besorgt, aber da entdeckte sie bereits die klapprige Leiter aus Seilen und Holzsprossen.

    Entschlossen griff sie danach und setzte den Fuß auf die erste Sprosse, die sie sah.

    Ganz blöde Idee, Esther …

    Vielleicht hätte sie sich hinlegen sollen, aber Esther wusste, dass sie keine Ruhe fand. Die Ereignisse lagen noch schwer auf ihr und sie schaffte es nicht, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.

    Während sie den Strand entlang ging, tauchten immer wieder die Bilder der Meuterei vor ihrem inneren Auge auf. Sanft rollten die Wellen über den weißen Sand und die Palmen raschelten im Wind. Sie ließ ihren Blick über die exotischen Pflanzen wandern, sah noch einmal kurz über die Schulter zurück zu den Anderen, und verschwand kurz darauf im Wald.

    Nachdem sie einige Schritte gegangen war, setzte sie sich an einen Baum und zog die Knie an. Es dauerte nicht lange, bis ihr wie von selbst die Tränen über die Wangen rannen. So sehr sie diese vorhin noch zurückgehalten hatte, so schnell kehrten sie zurück und das mit aller Macht, als begriff ihr Körper erst in diesem Moment, was geschehen war.

    Ihr Vater hatte es vorausgesehen und sie musste sich eingestehen, dass sie einer solchen Reise nicht gewachsen war. Hätte Edmund einen männlichen Magier anstelle ihrer Person mitgenommen, wäre es nie so weit gekommen.

    Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen, als der leblose Körper des Kochs in ihren Gedanken auftauchte.

    Er starb, weil er sie geschützt hatte.

    Übelkeit stieg in ihr auf und sie presste sich die Hand auf den Mund. Schwer schluckte sie den sauren Kloß hinunter.

    Bilder des zertrümmerten Schädels und des aufgeschlitzten Bauches wurden wieder präsenter, die Geräusche aufeinanderprallenden Waffen lauter.

    Esther stemmte sich in die Höhe, Schwindel übermannte sie und flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.

    Sie sah Francis abgetrennten Kopf, die Leiche des Steuermanns, die über Bord ging, hörte die zwei Schüsse.

    Alles drehte sich um sie herum. Haltsuchend lehnte sie sich mit einer Hand gegen die Palme und erzitterte als sich ihr Mageninhalt vor ihren Stiefeln ergoss.

    Stiev, der Koch, der Steuermann und die anderen Männer würden vermutlich noch leben, wenn sie nicht gewesen wäre. Oder Nelli …

    Trevor und Edmund hätten niemanden töten müssen.

    Andererseits hätte der Händlersohn nur verraten müssen, was für eine wertvolle Ware er an Bord hatte.

    Sie ließ die Hände sinken und richtete sich vorsichtig auf.

    Hör auf! Niemand trägt die Schuld an dieser Situation.

    Wütend und schniefend wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und den sauren Speichel aus den Mundwinkeln. Sie war froh, dass weder Edmund noch Nelli sie so sahen.

    Und es hilft niemanden, wenn du jetzt hier sitzt und heulst!

    Sie atmete einige Male tief durch, zupfte ihren Zauberstab unter ihrem Ärmel hervor.

    Mit der anderen Hand zog sie zögerlich den Dolch aus ihrem Gürtel. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie damit auf jemanden eingestochen hatte. Obwohl sie dafür da war, die Menschen zu beschützen, hatte sie einen der Männer verletzt.

    Sie verdrängte den Gedanken und drehte sich unschlüssig einmal im Kreis. Dann schlug sie unbeholfen eine Kerbe in den Baum, an dem sie gesessen hatte.

    Sie würde Trevor fragen, wie man mit dem Dolch vernünftig umging, sobald er wieder wach war. Oder sie gab ihm dieses Ding einfach zurück, was vermutlich besser war. In ihren Händen hatte diese Waffe keinen Zweck.

    Falls er wieder aufwacht …

    Bevor sie weiter über Trevors Zustand nachdachte, setzte sie sich in Bewegung.

    Sie wusste, dass er überleben würde. Er musste es einfach schaffen …

    Esther verbot es sich, eine andere Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen.

    Schließlich wagte sie sich weiter in den Wald hinein. In regelmäßigen Abständen machte sie Kerben in die Bäume, damit sie später den Weg wieder zurück fand.

    Wonach genau sie suchte, wusste sie nicht, aber es lenkte sie ab und gab ihr das Gefühl, nicht nutzlos in der Ecke zu sitzen, wo sie ohnehin keine Ruhe fand.

    Sie hielt darin inne, die Rinde zu malträtieren und überlegte, ob Edmund seit dem Sturm überhaupt geschlafen hatte, während sie sich in ihrem Zimmer ausgeruht hatte. Sicherlich war er damit beschäftigt gewesen, die Aufräumarbeiten zu überwachen. Sie dachte an das, was Trevor über den Händlersohn gesagt hatte. Das er besorgt um sie war. So kühl und übellaunig wie er immer wirkte, konnte sie sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Anderseits hatte sie seine zitternde Stimme auf dem Beiboot gehört, als er sich nach Trevors Zustand erkundigte.

    Konnte es sein, dass Edmund den kühlen und berechnenden Händler nur mimte, um nicht schwach zu wirken? War dies eine Fassade? Eine Fassade, die langsam zu bröckeln begann?

    Nachdenklich ließ sie den Dolch sinken und fuhr mit den Fingern über die Kerbe, die sie auf Augenhöhe in den Baum geritzt hatte.

    Hoffentlich nehme ich das später überhaupt noch wahr …

    Sie sah unsicher über ihre Schulter und fragte sich, ob es vielleicht besser wäre, zurück zu den Anderen zu gehen.

    Bevor sie den Gedanken zu Ende spinnen konnte, ging sie weiter.

    Drei Kerben später gab plötzlich der Boden unter ihren Füßen ein wenig nach. Überrascht stockte sie und sah hinab, hockte sich hin und befühlte die Erde.

    Sie war feuchter als vor ein paar Schritten noch.

    Esther hob den Blick und versuchte durch die dichte Blätterwand etwas zu erkennen. Doch sie sah nicht, was sich dahinter verbarg.

    Sie erhob sich und folgte dem immer nasser werdenden Pfad, wobei sie auch hier die Bäume kennzeichnete, obwohl sie immer unruhiger wurde. Aber es brachte nichts, wenn sie losstürmte und den Weg nicht markierte.

    Mit dem Dolch kämpfte sie sich stolpernd durch die Büsche. Blätter peitschten ihr ins Gesicht und je weiter sie kam, desto besser hörte sie das Rauschen.

    Und dann tat sich vor ihr wahrhaftig ein Paradies auf.

    Zu ihren Füßen breitete sich eine Quelle aus, die sie auf vielleicht fünfzig Fuß schätzte. Sie könnte aber auch kleiner oder sogar größer sein. Schätzen war nicht ihre Stärke. Ein schmaler Wasserfall brauste rauschend hinein und verbreitete eine angenehme Kühle.

    Esther steckte den Dolch in den Gürtel und verstaute ihren Stab in der Schnalle. Dann stieg sie vorsichtig die Böschung hinab. Am Ufer fiel sie auf die Knie und tauchte die Hände ins kalte Wasser. Das eingetrocknete Blut – Trevors Blut - löste sich von ihren Fingern und sie schrubbte so lange, bis davon nichts mehr zu sehen war. Zögerlich starrte sie auf das Wasser, dass sie sich in die hohle Hand geschöpft hatte und probierte es schließlich.

    Es ist Süßwasser!

    Erleichterung machte sich in ihr breit. Ohne Wasser hätten sie hier kaum überleben können. Damit war zumindest ein Problem gelöst.

    Nachdem sie das Bild kurz auf sich hatte wirken lassen, erhob sie sich und nahm den gleichen Weg wieder zurück.

    Als sie wieder am Strand ankam, suchte sie sich einige Steine und legte sie auf einen Haufen. Anschließend steckte sie einen Ast hinein. Das würde als Wegweiser dienen, damit sie die Quelle wiederfanden.

    Zu Schade, dass sie nichts hatte, um das Wasser zu transportieren. Sie würde sich besser fühlen, wenn sie Nelli, Edmund und Trevor etwas davon hätte mitbringen können.

    Sie sah in den dunkler werdenden Himmel hinauf. Es erschien ihr ratsam, wieder zurück zu den Anderen zu gehen, bevor die Nacht vollständig hereinbrach.

    Etliche Schritte später entdeckte Esther die Hexe neben Trevor an einer Palme lehnend.

    „Ich habe eine Süßwasserquelle gefunden“, sagte sie leise, woraufhin Nelli sich zu ihr umwandte. Esther sah sich besorgt um und noch bevor die Heilerin etwas erwidern konnte, fragte Esther: „Wo ist Edmund?“

    Etliche Augenblicke vergingen, in denen Esther einfach mit offenem Mund geschockt auf Trevor hinabstarrte. Dann zerrte sie den Formwandler mit Nellis Hilfe auf den Rücken, ließ sich von der Bank gleiten und landete mit den Knien auf dem Boden des Beibootes. Dabei ignorierte sie, dass ihre Kleidung nass und mit dem Blut getränkt wurde. Sacht bettete sie Trevors Kopf auf ihren Oberschenkeln und strich ihm über die Wange. „Trevor“, flüsterte sie.

    Er reagierte nicht.

    „Trevor!“, rief sie lauter.

    „Lebt er noch?“, wollte Edmund hinter ihr wissen. Sie glaubte, die Andeutungen von Sorge in seiner Stimme zu hören, die sie teilte. Das Boot kam ins Straucheln als auch Edmund näher kam. „Ihr bekommt ihn doch wieder hin, oder?“

    Wen er damit meinte, konnte Esther nicht sagen. Aus ihr unerklärlichen Gründen brannten Tränen in ihren Augen. Woher sollte sie wissen, ob er noch lebte? Ihre Hände zitterten und ihre Sicht wurde unscharf.

    Trevors Wunde am Kopf war aufgegangen, bemerkte sie. Aber das erklärte seinen Zustand nicht. Urplötzlich musste sie an die Schüsse denken und daran, wie man auf ihn eingestochen hatte.

    „Er atmet noch“, meinte Nelli plötzlich. „Aber nur sehr schwach.“

    Esther meinte ein erleichtertes Seufzen hinter sich zu hören.

    Kurzerhand griff die Hexe nach dem Dolch, der in Esthers Gürtel steckte, und schnitt die Oberbekleidung des Formwandlers einmal der Länge nach auf.

    Was Esther dann sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie wandte den Blick ab und hielt blinzelnd die Tränen zurück. Erst als Nelli ihre Hand packte und diese auf das Stoffstück presste, das auf Trevors Schlüsselbein lag, zwang Esther sich, wieder hinzusehen.

    „Wir müssen die Blutung stoppen“, meinte Nelli und sah sie eindringlich aber auch verständnisvoll und mitleidig an.

    Esther nickte nur benommen, während Nelli die Wunde an Trevors Bauch mehr schlecht als recht versorgte.

    Mit den Mitteln, die ihnen hier zur Verfügung standen, konnten sie kaum etwas ausrichten.

    Wie von selbst legte sich auch ihre zweite Hand auf die Wunde.

    Halte durch Trevor …

    Eine Welle verschiedenster Gefühle rollte über sie hinweg. Einerseits war es die Fassungslosigkeit über diese feige Meuterei. Dann die Sorge um Trevor und das er den Kampf gegen seine Wunden vielleicht verlor. Und die Wut auf sich selbst, weil sie wieder nicht verhindern konnte, dass er sich verletzte.

    Sie wusste, dass sie sich an seinem Zustand keine Schuld geben sollte. Trevor würde das vermutlich nicht wollen. Außerdem hatte sie gar keine Möglichkeit gehabt, ihn irgendwie zu beschützen.

    Weil du schwach bist, schoss es ihr durch den Kopf. Eine bejammernswerte Magierin, die nicht einmal ihre Freunde beschützen kann …

    Plötzlich reichte Nelli eines der Ruder an Esther vorbei hinüber zu Edmund.

    „Hier“, wies die Hexe an. „Da müsste Ihr wohl jetzt rudern.“

    Esther hörte nicht zu, als die beiden begannen, zu diskutieren.

    Stumm sah sie auf Trevor herab und versuchte, Ordnung in ihr gedankliches Chaos zu bringen, was ihr nur bedingt gelang. Immer wieder quälte sie die Frage, wie es nur zu dieser Situation kommen konnte.

    Es kam ihr so vor, als hätten die Meuterei beinahe auf einen Moment der Schwäche gewartete und dann zugeschlagen.

    Sie haben gewartet, bist du geschwächt warst.

    „Seht Ihr hier jemanden, der sonst noch rudern kann?“, fragte Nelli mit einem säuerlichen Unterton in der Stimme und reichte Edmund auch das zweite Ruder. „Entweder Ihr rudert oder wir können gleich alle schwimmen.“

    Esther sah über ihre Schulter zu dem Händlersohn. Wie er stur auf das Meer starrte, während er ruderte, wirkte er auf eine unbestimmte Weise verbissen, aber erweckte auch den Anschein eines eingesperrten und drangsalierten Tieres. In sich gekehrt, als würde er in diesem Moment jedes einzelne Detail der letzten Momente im Kopf noch einmal durchgehen.

    Sie konnte sich nur vorstellen, wie er sich fühlte. Binnen weniger Augenblicke hatte er beinahe alles verloren.

    Esther öffnete den Mund, um ihm ein paar tröstende Worte zu spenden, aber ihr fiel nichts ein, was dieser Situation hätte gerecht werden können. Selbst sich für seinen Schutz bei ihm zu bedanken, brachte sie nicht über sich.

    Vermutlich würde er darauf ohnehin nicht eingehen. Verständlicherweise, musste sie gestehen. Wer hörte schon gerne aufbauende Worte, wenn man vor dem Nichts stand.

    Plötzlich drehte er sich herum und sie sahen sich an.

    Sie rang mit sich, doch nicht einziges Wort wollte ihre Lippen verlassen. Er musste ihren besorgten Gesichtsausdruck einfach sehen, denn sie schaffte es nicht, diesen zu verbannen.

    „Das wird schon“, sagte er zwischen zwei Ruderschlägen. „Er ist zäh.“

    Esther war sich nicht sicher, ob er die Worte wirklich an sie richtete oder sich damit nur selber Mut machen wollte.

    Zäh war Trevor wirklich.

    Und genau genommen traf das auch auf Edmund zu. Sie hatte in dem Durcheinander auf der Eleftheria gesehen, wie er sich gegen den Piraten behauptet und schließlich getötet hatte.

    Ob er das erste Mal getötet hatte?

    Esther hoffte, dass sie ein solches Bild wie auf der Eleftheria nicht so schnell noch einmal sehen würde. Sicherlich träumte sie die nächsten Nächte davon, wie Trevor dem Steuermann das Gesicht zertrümmert oder Edmund seinen Degen aus dem Körper des Piraten gezogen hatte …

    Edmund und Trevor riskierten ihre Leben für sie und Nelli.

    Bei Edmund würde sie sich bedanken, sobald sie ein wenig zur Ruhe gekommen waren.

    Ihr Blick glitt zu Trevor. Sie hoffte, dass sie in seinem Fall überhaupt noch Gelegenheit dazu bekam.

    Wie gelähmt ließ sie sich von den Männern wegbringen.

    Schock, Wut und Verwirrung wechselten sich in ihrem Inneren ab und das sorgte dafür, dass ihre Gedankenwelt wie von einem Sturm durchgerüttelt wurde.

    Mühselig stieg sie über die Reling und setzte einen Fuß in das Beiboot, dankbar dafür, dass sie von ihrem Kleid noch zur Robe gewechselt war. Umständlich zog sie das andere Bein nach und kam kurz ins Wanken, als das Beiboote schaukelte. Sorgsam achtete sie darauf, dass ihre Haare den Dolch in ihrem Rücken nach wie vor verdeckten.

    Glücklicherweise hatten die Matrosen sie nicht durchsucht, weshalb die Magiesteine und das Auge von Zydderfon sowie ein wenig Geld in ihrer kleinen Gürteltasche verstaut blieben. Ihr Zauberstab verbarg sich unter ihrem eng anliegenden Ärmel. Hätte sie ihn in der Schnalle am Rücken getragen, wäre ihr dieser mit Sicherheit abgenommen worden. Ungeachtet dessen, dass ihre magischen Fähigkeiten noch zertrampelt auf dem Boden lagen.

    Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich von den Meuterern herumschubsen zu lassen wie ein kleines Kind.

    Haben die überhaupt eine Ahnung, mit wem sie sich gerade anlegen?

    Sie wussten es, aber es war denen mehr als egal.

    Wenn ich meine Magie benutzen könnte, hätten diese … Piraten … nichts zu lachen!

    Die ganze Situation schien ihr wie ein schlechter Scherz.

    Vor gefühlten wenigen Augenblicken hatte sie gesamte Besatzung vor dem Tod bewahrt und nun wurde sie deswegen von Bord geworfen, weil Einzelne an die Lügen alter Märchen glaubten?

    Ihre Gedanken überschlugen sich, als sie auf das schmale Brett in dem Beiboot niedergestoßen wurde. „Geht das auch weniger grob?“, entfuhr es ihr gereizt und sie sah den Mann grimmig an, während sie sich sein Gesicht einprägte. Sie erntete von dem Kerl jedoch nur einen amüsierten Blick.

    Sie vermied es, an ihren Handfesseln zu rütteln, wobei ihr Blick sich schließlich auf Trevor heftete.

    Ein undeutbares Kribbeln fuhr durch ihren Körper. Für einen kurzen, unendlich schrecklichen Augenblick hatte sie ihm seinen Verrat geglaubt. Aber als er dann vor ihr gestanden hatte und …

    Im ersten Moment war sie versucht gewesen, ihn einfach wegzustoßen und ihm eine Ohrfeige zu verpassen.

    Wie konnte er es wagen …

    Im Nachhinein wusste sie selbst nicht genau, warum sie zugelassen hatte, dass Trevor sie küsste.

    Sie spürte den Druck des Messers in ihrem Rücken und riss ihr Augenmerk von der Gestalt des Wandlers los. Sein Blick hatte gezeigt, dass er sich sofort Vorwürfe machte.

    Ihre Gedanken sagten ihr, dass sie wütend auf ihn sein sollte – sie war es aber nicht.

    Auch wenn der Kuss nur dem Zweck gedient hatte, ihnen die Flucht zu erleichtern, so lag noch immer ein wärmendes Gefühl auf ihrer Haut. Und so sehr sie sich auch bemühte, es wollte nicht weichen.

    Verunsichert sah sie sich um und ließ ihren Blick über die umherstehenden Männer wandern. Offensichtlich hatte niemand bemerkt, was Trevor wirklich getan hatte, außer ihr einen Kuss aufzuzwingen.

    Aber was sollte sie jetzt tun? Ohne ihre Magie hatte sie den Bewaffneten nichts entgegen zu setzen.

    Ihre Gedanken glitten zu dem Dolch, den sie noch immer in ihrem Rücken trug.

    Und was mache ich jetzt damit? Jemanden abstechen? Auf keinen Fall!

    Trevor musste etwas anderes geplant haben …

    Sie verfolgte das Gespräch zwischen Armod und Trevor aufmerksam. Irgendwann kam der Moment, in dem der Formwandler eine Entscheidung treffen musste. Und das tat er, als er sich neben Edmund stellte.

    „Es ist deine Entscheidung, was du tun wirst, aber ich bin an deiner Seite“, hörte sie Trevor sagen.

    Sie schloss erleichtert die Augen.

    Ihr ganzer Körper war zum Zerreißen angespannt und egal, was nun geschah – sie würde nicht einfach fliehen und die anderen zurücklassen. Niemals.

    Esther wurde von Kopfschmerzen geweckt und als sie die Augen aufschlug, drehte sich die gesamte Umgebung. Blinzelnd richtete sie sich auf und legte keuchend die Hand an ihre Stirn. Sie wartete, bis der Schwindel vorüberging und ließ den Arm wieder sinken.

    „Ich hatte schon befürchtet, dass du gar nicht mehr erwachst, Mädchen.“

    Esther zuckte bei Nellis Stimme zusammen und wandte sich zu der Hexe um. Diese saß auf einem der gemütlichen Sessel, ihr Stock lehnte an der Seite, und sah sie forschend an.

    „Wie lange war ich weggetreten?“, wollte Esther von ihr wissen.

    Die Heilerin wiegte den Kopf. „So, wie du aussiehst, nicht lange genug.“

    Also zu lange …

    Umständlich schlug Esther die Decke zurück und starrte einen Moment betreten auf ihre Gestalt herab. Das hatte sie zuletzt nicht angehabt …

    Auch der Verband an ihrer linken Hand war beim letzten Mal noch nicht dagewesen.

    Bilder von dem entsetzlichen Sturm zeigten sich vor ihrem inneren Auge und siedend heiß fiel ihr ein, wie sie in diesen Zustand geraten war.

    Vorsichtig schwang sie die Beine über die Bettkante und kämpfte gegen einen erneuten Schwindelanfall an.

    Bei allen Silbererzen! Sie fühlte sich, als hätte ein Pferdekarren sie überfahren.

    Nachdem sie aufgestanden war und einen Blick in den Spiegel geworfen hatte, kam sie zu der Einsicht, dass sie auch genauso aussah. Ihr Gesicht war aschfahl und ihre Lippen beinahe farblos, die Augen glanzlos und gerötet. Sie erschrak, als sie sich selbst sah.

    Kein Wunder, dachte sie, du hast dich auch noch nie so sehr verausgabt.

    Nelli beobachtete sie, während sie sich umzog und ihre Haare umständlich verknotete. „Was soll das werden?“, fragte die Hexe.

    Verwundert blickte Esther die Ältere an, während sie einige geflochtene Haarsträhnen mit einer Nadel feststeckte. Wonach sollte das aussehen?

    „Ich brauche frische Luft“, meinte sie und strich das schmale, leichte Kleid glatt.

    Außerdem will ich mir nicht die Blöße geben und mich in meinem Zimmer verkriechen.

    Die komplette Besatzung dachte bestimmt auch so schon, dass sie schwach wäre. Immerhin war sie umgekippt wie ein gefällter Baum.

    Dieser Gedanke brachte plötzlich ganz andere Fragen zutage. Wieso war sie überhaupt noch hier? Müsste sie nicht auf dem Meeresboden liegen? Sie wusste noch, dass sie über die Reling gekippt und ihr der Zauberstab aus der Hand geglitten war.

    Mein Stab …

    Sie schloss kurz die Augen und drängte die Tränen zurück. Ohne ihren Stab war sie nutzlos. Keine vollwertige Magierin.

    „Kindchen?“, hörte sie Nellis Stimme wie in weiter Ferne. Die Hexe ergriff ihre Hand und drückte sie sanft.

    Esther holte tief Luft. Sie wollte Nelli nicht wieder mit ihren Gedanken auf die Nerven gehen. „Danke für deine Pflege“, brachte sie deshalb schnell zustande und lächelte gequält. Dann wandte sie sich kurzerhand ab und taumelte hinaus.

    Ob die Heilerin ihr folgte, überprüfte sie nicht, zu sehr war sie darauf konzentriert, halbwegs vernünftig zu laufen.

    So würdevoll wie irgendwie möglich, betrat sie das Oberdeck und blinzelte gegen das Licht. Von dem Sturm war nichts mehr zu sehen, außer den zahlreichen kleinen Schadstellen auf dem Schiff, die von einigen Matrosen repariert wurden.

    Als die Besatzungsmitglieder sich ihrer Anwesenheit bewusst wurden, hielten sie einen Moment in ihrer Arbeit inne.

    Warum starren die denn so?

    „Gräfin Esther?“, rief eine bekannte Stimme, weshalb sie sich eine Spur zu schnell herumdrehte und ins Wanken geriet.

    Edmund reagierte schnell und legte einen Arm um sie. Wie von selbst ergriff sie seine freie Hand und ließ sich von ihm stützen.

    Schwärze breitete sich vor ihren Augen aus und sie schluckte den dicken Kloß herunter, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte.

    Werde jetzt nur nicht wieder ohnmächtig!

    Sie schaffte es, im Hier und Jetzt zu bleiben. Mühsam rang sie sich zu einem dankbaren Lächeln durch.

    Sanft aber bestimmt führte der Händlersohn sie bis zur Reling, wo sie sich festhalten konnte. „Geht es Euch gut?“, fragte er und ein sichtlich besorgter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Solltet Ihr nicht noch im Bett liegen, anstatt hier herumzulaufen?“

    Sie überlegte einen Augenblick, vermutlich zu lange, um Edmund wirklich zu beruhigen. Flüchtig sah sie ihm in die Augen und wurde sich seiner Aura nur allzu bewusst. Sie spürte, dass seine Nähe ihr keineswegs unangenehm war und sie sich auf eine unbestimmte Art und Weise sogar wohl fühlte. Ungeachtet dessen, wie er sich manchmal aufführte.

    Aber was sollte sie sagen? Lügen? Antworten, dass ihr bestens ging?

    „Es ging mir schon besser, aber ich bin mir sicher, dass ich in ein oder zwei Tagen wieder ganz auf den Beinen bin.“

    Wie sie bereits geahnt hatte, stellte Edmund ihre Antwort nicht zufrieden. Aber er schien es dabei belassen zu wollen. „Dann setzt Euch wenigstens, statt herumzulaufen“, meinte er. „Es nützt niemanden etwas, wenn Ihr im Weg herumsteht, oder stürzt.“

    Esther zog eine Augenbrauen hoch. Noch deutlicher ging es ihrer Meinung nach nicht. Ihr Inneres kämpfte plötzlich gegen das angenehme Gefühl an, das sie in seiner Nähe verspürte. Sie brachte einen halben Schritt Abstand zwischen ihnen. „Ich fürchte, Ihr müsst Euch daran gewöhnen, dass ich von nun an im Weg herumstehen werde“, gab sie säuerlich zurück. „Ich meine mich erinnern zu können, dass mein Stab während des Sturms über Bord gegangen ist.“

    Edmund seufzte. „Ist er nicht. Ich habe ihn Euch abgenommen, als Ihr ohnmächtig geworden seid.“ Er griff hinter seinen Rücken und zog ihren Zauberstab hervor.

    Sie schaffte es nicht, das Zittern in ihrer Hand zu verbannen, als sie danach griff. Mit großen Augen starrte sie den Händlersohn an und prüfte den Stab auf Beschädigungen. Dann sah sie wieder Edmund an. „Danke“, hauchte sie zaghaft und kurz überfiel sie der Drang, Edmund zu umarmen, weshalb sie bereits einen Schritt auf ihn zumachten. Im letzten Moment hielt sie sich aber zurück und starrte auf den Boden.

    Sag etwas, bevor die Situation peinlich wird. „Wie geht es Euch?“, fragte sie schließlich und hob den Blick wieder.

    Er schien mit sich zu ringen. „Gut“, antwortete er dann, was Esther nicht im Geringsten befriedigte. Vielleicht war ihm auch einfach nicht nach einem Gespräch.

    Ein wenig kränkte sie es schon, dass er sie so abspeiste. Aber sie verspürte weder die Lust noch die Kraft, ihn weiter auszuquetschen. Außerdem – wer war sie schon, dass sie sich eine solche Unverschämtheit anmaßen durfte …

    „Und der Besatzung … geht es auch gut?“, wollte sie wissen.

    „Ich denke schon“, meinte er. „Mehr oder weniger.“

    Sie schluckte schwer. Wenn sie sich mehr Mühe gegeben hätte … dann wäre vermutlich niemand zu Schaden gekommen.

    Plötzlich stockte Esther der Atem. „Und Trevor?!“

    Deutlich sah sie das Bild vor sich, wie der Formwandler von der Kiste zerquetscht worden war. Sie hatte es nicht geschafft, rechtzeitig einen Schild zu errichten. Allein deshalb hatte er sich verletzt.

    „Der sitzt da drüben und trinkt seinen Tee“, gab Edmund zurück und zeigte auf eine Stelle hinter Esther.

    Mit klopfendem Herzen wandte sie den Kopf herum und sah in die entsprechende Richtung. Tatsächlich hockte der Formwandler dort auf der Treppe und schlürfte aus einem Becher.

    „Entschuldigt mich“, sagte sie zu Edmund und ging auf Trevor zu.

    Kurz vor ihm blieb sie stehen. Als er sie bemerkte, wollte er sich umständlich erheben. Sie winkte schnell ab und sah auf ihn herab. Er wirkte noch ziemlich mitgenommen. „Bitte bleibt sitzen!“, sagte sie schnell und deutete auf den freien Platz neben Trevor. „Darf ich mich neben Euch setzen?“

    „Sicher. Ich wollte mich ohnehin bei Euch bedanken.“

    Sie nahm neben ihm Platz, ihre Finger spielten mit dem Zauberstab. „Da gibt es nichts, wofür Ihr Euch bedanken müsstet. Meine Aufgabe wäre es gewesen, dafür zu sorgen, dass die Kiste Euch eben nicht zerquetscht.“

    Am liebsten hätte sie bei Edmunds Frage laut aufgelacht. Jeder Blinde dürfte sehen, dass ihre Schilde kaum mehr Kraft besaßen. Und bei dem, was vor ihnen lag, brauchte sie davon eigentlich noch jede Menge.

    Ein neuerlicher Wellenschlang rüttelte das Schiff durch. Esther taumelte und auch Edmund neben ihr suchte nach Halt.

    Er schien erstaunlich standfest zu sein. Auf seinem Gesicht lag ein grimmiger Ausdruck, aber auch Angst glänzte in seinen Augen. Angst, die auch sie verspürte.

    Sie schob dieses erdrückende Gefühl in den Hintergrund und konzentrierte sich auf das Chaos vor sich. Viel zu schwerfällig änderte die Eleftheria ihre Fahrtrichtung.

    Sie wollten an dem Strudel vorbeisegeln.

    Esther überlegte.

    Es musste dafür Sorge getragen werden, dass der Mannschaft dieses Manöver gelang.

    Doch bevor sie ihren Zauber umlenken konnte, schlug ein Blitz krachend auf ihren Schild ein. Sengender Schmerz jagte durch ihren Körper und lähmte sie für einen Augenblick. Tränen schossen ihr in die Augen und sie schrie auf.

    Grollend lachte Donner sie aus und erneut traf ein Blitz ihre Barriere.

    Sie spürte ihre Magie unter der Last bröckeln.

    Verdammt! Lange kann ich es nicht mehr halten!

    Von Schwindel gepackt, sackte sie zusammen und kauerte sich auf den nassen Brettern zusammen.

    Edmund ergriff ihre Schulter. „Esther?!“

    Als sie zu ihm aufblickte, sah sie echte Sorge in seinen Augen.

    Ob dieses Gefühl ihr galt oder einfach der Gesamtsituation geschuldet war, konnte sie nicht sagen. Sie wusste nur, dass sie etwas tun musste.

    Noch immer trieb das Schiff auf den massiven Strom zu.

    Für die Strömung schien die Eleftheria zu leicht zu sein, was bedeutete, dass sie hoffnungslos hineingezogen werden würden.

    Wie von selbst griff sie in ihre Gürteltasche und holte einen der Magiesteine hervor.

    Für irgendwas müssen die Dinger ja gut sein!

    Ein weiterer Blitzeinschlag ließ ihren Schild endgültig verschwinden und brachte den brutalen Wind zurück.

    Während Edmund einen Schritt zurückwich, erhob sie sich. Die Schlinge rutschte ihr von der Hüfte und sie blinzelte gegen den starken Regen an. Sie hörte zwar das Geräusch der wütenden See, die Donnerschläge und die panischen Rufe der Mannschaft, konzentrierte sich aber nur auf ihre Aufgabe.

    Nun ließ sie auch das Tau los und um einen festen Stand bemüht, reckte sie dem Strom aus Wasser und Wind den Stab entgegen. Mit der anderen Hand umklammerte sie diesen – dreimal verfluchten – Magiestein.

    Ob ihre Augen wegen des Regens brannten oder weil sie tatsächlich weinte, konnte sie nicht sagen. Wie in Trance murmelte sie ihren Spruch. Nichts geschah.

    Ich habe mich verausgabt, gestand sie sich selbst ein.

    Sie wiederholte den Spruch. Einmal, dann ein zweites und drittes Mal.

    Gerade als Verzweiflung sie unbarmherzig packte, spürte sie eine ungewohnte, pulsierende Kraft in sich, die von dem Magiestein über den Arm in ihren Körper floss. Wärme fing sie ein.

    Komm schon! Konzentriere dich!

    Abermals sagte sie ihren Spruch auf.

    Ganz langsam breitete sich unmittelbar vor ihr ein Silber leuchtender Schild aus. Geformt wie die Linse eines Fernrohrs wuchs er stetig an und pulsierte dabei, als würde er ihren eigenen Herzschlag imitieren.

    Plötzlich rauschte eine Welle der Energie durch sie hindurch. Sie schloss kurz die Augen, atmete tief ein und während sie die Luft wieder ausstieß, breitete sich der Schild rasend schnell aus und umwölbte einen Lidschlag später die gesamte Eleftheria. Feine Fäden, die wie filigrane Zweige aussahen, wanderten über ihre Barriere und ließen die Umgebung aufleuchten.

    Sie wusste sofort, dass sie das kaum würde halten können. Aber das bewahrte sie im Moment alle vor dem sicheren Tod. Und wenn sie sich beeilte, schaffte sie es vielleicht, das Schiff vor dem gefährlichen Sog zu retten.

    Entschlossen machte sie einen Schritt vor und presste ihren Schild gegen den Wirbel.

    „Lasst das … Steuerrad … los“, befahl sie, bemerkte aber, dass ihre Stimme viel zu leise war. Edmund jedoch hatte sie gehört und brüllte über das Deck hinweg. Sie hörte, wie der Befehl von einem zum anderen getragen wurde und hoffte, dass er sein Ziel schlussendlich erreichte.

    Dann änderte sie ihren Zauber. Zusätzlich zu ihrem großen Schild, formte sich eine zweite, kugelartige Barriere. Damit begann sie, das Schiff langsam von dem Strudel wegzudrücken. Kurz schien die Eleftheria deshalb in Stillstand zu geraten, dann aber bewegte sie sich von dem reißenden Strom weg.

    Ein Brennen in ihrer Handfläche ließ Esther zusammenzucken, was sie zunächst ausblendete und sich weiter auf ihre Magie konzentrierte .

    Sie wankte, als das Schiff sich aufbäumte und gleich darauf auf einer Welle hinabsauste. Das krachende Geräusch war ohrenbetäubend.

    Esther stolperte einige Schritte vor, kam direkt an der Reling zum Stehen und starrte geradewegs in den schwarzen Abgrund hinein.

    Sie hätte die Schlaufe behalten sollen …

    Das Zittern in den Knien ignorierend, verkrampfte sich die schmerzende Hand um den Stein. Sie lenkte all ihre Aufmerksamkeit dorthin.

    Ein Blitz traf ihren Schild und ließ ihn erzittern, ein Keuchen entrang sich ihrer Kehle.

    Dann spürte sie Wärme in ihrer Hand und Energie, die erneut ihren Körper flutete. Diesmal fühlte es sich allerdings … falsch an.

    Ein silbernes Leuchten durchzog das Holz ihres Zauberstabes.

    Immer mehr Energie schoss durch ihren Körper, viel zu schnell als das sie diese sorgsam bündeln konnte. Die anfängliche Wärme wandelte sich in gleißende Hitze um und lähmte ihre Sinne. Plötzlicher Kopfschmerz plagte sie und vor ihren Augen tanzten Sterne.

    Die Energie, die sie freigelassen hatte, jagte zurück in ihren Körper. Schmerz ließ sie aufschreien und zwang sie zum Rückzug.

    Ihr Schild krachte buchstäblich zusammen.

    Als das Schiff erneut in er abrupten Bewegung die Richtung änderte, kippte sie haltlos nach vorne und konnte sich wieder nur im letzten Moment an der Reling abstützen. Auch Edmund stürzte und rutschte einige Schritte über das nasse Deck.

    Haarscharf schrammte das Heck der Eleftheria an dem Strudel vorbei.

    Hatte sie es geschafft?

    Ihre Hand schmerzte mittlerweile so stark, als hätte ihr jemand einen Dolch hineingejagt. Prüfend betrachtete sie ihre Handfläche, von der die Überreste des Magiesteins wie ein zerbröselter Keks zerfielen und wie Asche vom Wind fortgetragen wurden. Blut troff von ihren Fingern auf die Holzbohlen und vermischte sich dort mit dem Wasser.

    Sie schluckte den sauren Speichel einfach herunter und versuchte, sich aufzurichten. Zitternd hob sie den Arm, um einen neuen Schild zu errichten, aber jedes Gefühl in ihrem Körper erstarb augenblicklich. Schwärze breitete sich vor ihren Augen aus. Das Schiff bäumte sich auf, jemand schrie ihren Namen – Edmund?

    Ihr Handgelenk wurde gepackt und der Zauberstab entrissen.

    Noch bevor die Welle gegen den Bug des Schiffes schlug, umfasste sie einer mit beiden Armen und zerrte sie zurück.

    Sie spürte, wie ihr Bewusstsein nun endgültig in die Dunkelheit glitt.

    Moin vinni

    Ich hatte ja schon bei deinem ersten Start versucht, deiner Geschichte zu folgen und bin kläglich gescheitert (was aber nicht an dir liegt, sondern allein an mir xD).


    Den Prolog finde ich nach wie vor sehr gut, auch wenn ich es immer noch schade finde, dass wir hier auch Blars Perspektive folgen - aber vermutlich ist das Geschmackssache und hey - es ist immerhin dein Text :)


    Mangels Zeit heute früh, bin ich erstmal nur bis 1.1 gekommen und hab mir ein Lesezeichen gesetzt :)


    Ein paar kleine Sachen, die mir gerade noch ins Auge gestochen sind:



    So. Bis hierin erstmal.

    Zum Inhalt sage ich etwas, wenn ich 1.2 und 1.3 auch noch gelesen habe. Nicht, dass du denkst, ich will hier nur rummeckern ... aber ich muss mangels Zeit erstmal Schluss machen :)


    LG :)


    Edit:


    Moin vinni


    Ich habe gestern aufgeholt und wollte dir ja noch einen Kommentar zum Inhalt etc. schreiben. Tja. Hier kommt er:


    Erstmal ist mir noch etliches an Rechtschreibung und Grammatik aufgefallen. Aber es ist schon viel besser als dein erster Prolog-Versuch. Ich habe allerdings mal darauf verzichtet, dir die Sachen herauszusuchen.


    An sich gefällt mir der Text recht gut, macht auf jeden Fall neugierig auf mehr und liest sich wie eine klassische Heldenreise-Geschichte. Die beiden Geschwister hast du schon mal gut charakterisiert. Der rote Faden der Geschichte ist auch bereits klar gezeichnet. Ich frage mich allerdings, ob man dem Leser bereits am Anfang die ganze Legende um Ryah und den Sinn der Sucher so direkt unter die Nase reiben muss. Für meinen Geschmack könnte man damit ruhig warten bsp. bis zu diesem besagten Wettkampf.


    Dann haben sich bei mir noch einige Fragen aufgetan (müssen natürlich nicht sofort beantwortet werden)

    1. Ich frage mich wirklich, wie alt die beiden Geschwister eigentlich sind. Vom Verhalten her würde ich auf 14/15 tippen (tollen über den Rasen, jagen sich und werden zur Gartenstrafarbeit verdonnert). Aber die kämpfen ja beinahe schon wie Profis, was bedeuten würde, dass die bereits 6 ein Schwert in die Hand gedrückt bekamen oder die zwei sind älter :thinking:

    Da komme ich direkt zu meiner zweiten Anmerkung: Ist es echt notwendig, dass die beiden mit ECHTEN Waffen kämpfen? Übungswaffen dürften den Zweck doch auch erfüllen und es kann niemand ernsthaft verletzt werden.

    Außerdem frage ich mich, wie Lea es schafft, ihre Harke so zu malträtieren, dass sie damit ihrem Bruder Dreck ins Gesicht schmeiße. So lange wie ich solche Geräte schon in der Hand hatte - ich hab das nie geschafft, nicht mal, wenn ich es aktiv versucht habe xD Und wieso konnte das Gerät überhaupt kaputt gehen? Sind die Geräte aus Holz? Aber selbst dann müsste die Harke schon irgendwie morsch oder so sein ... :hmm:


    2. Ich gehe mit Tindaya konform:

    Wo genau bringt diese Information die Geschichte voran? ich für meinen Teil brauche die Größe der Brüste des Charakters nicht zu wissen, um ihn mir vorstellen zu können. da wäre für mich eher interessant, ob sie eher athletisch gebaut ist oder eher knabenhaft, was zu ihrem Auftreten passen würde.


    3.

    „Na dann werd ich mich mal um meine rebellische Tochter kümmern.“, meinte Bryn und schritt aus dem Saal.

    Autsch. Das gleicht schon fast einem Zugeständnis dafür, dass er seine Tochter nicht in Griff hat. Es wäre schlauer, wenn er sich entschuldigt, um nach der Ursache des Geräusches zu sehen. Und selbst wenn der Rest des Rates weiß, dass es sich um Lea handelt, weil die das schon öfter gemacht hat ... hätte man nicht Vorkehrungen treffen müssen, damit sie diese Unterhaltung nicht belauschen kann? Zumindest wäre das meine Handlung als König, wenn ich ständig von einem aufmüpfigen Mädchen bespitzelt werde oder ich hätte mal ein paar Worte mit meinem General gesprochen xD


    4.

    „Also dann meine Freunde für Heute ist die Versammlung beendet. Morgen werden wir uns dann um die Taktiken gegen die Seeschlangen beraten.“

    Neeee. Ich glaube, die Leute sind es gewohnt, bis in der Nacht zu sitzen und sich irgendwelche Pläne zu überlegen. Irgendwie kaufe ich es dem König nicht ab, dass er es dabei belassen will - es sei denn natürlich, er will Lea höchstselbst maßregeln (aber auch das könnte er einfach auf morgen verschieben). Es scheint mir, als lägen die Prioritäten des gesamten Führungsstabes irgendwo anders :hmm: Dabei sollte ihr Augenmerk auf der drohenden Gefahr liegen. Zumindest sollte man schnell Vorkehrungen treffen - nur für den Fall der Fälle. Aber das der König einen Tag vergeudet, weil ... keine Ahnung, kommt nicht wirklich glaubwürdig rüber.


    Ohhh - jetzt habe ich aber wirklich viel gemeckert :doofy:

    Das soll natürlich nicht bedeuten, dass mir der Text nicht gefällt - ich lese gerne weiter :)


    LG

    Guten Morgen ihr Lieben :)

    * weiß auch nicht, warum sie in letzter Zeit so faul ist *

    Ehrlicherweise muss ich auch gestehen, dass ich mir das Neuschreiben der Geschichte irgendwie einfacher vorgestellt habe xD

    Naja. Ich schaffe das schon :ugly:


    Zunächst die obligatorische



    So. Auch wenn der vorige Abschnitt nicht so ganz hingehauen hat (und ich zum Posten eigentlich noch nicht bereit bin), mache ich schon mal weiter und wünsche euch trotzdem viel Spaß beim Lesen :)


    Kapitel 6 - Evan (2/3)


    Sein Assistent setzte zu einem Widerspruch an, den Evan ihm nicht verdenken konnte. Einige geschriebene Zeilen oder ein Bote hätten die Sache genauso geregelt, aber er musste selbst in die Akademie. Außerdem konnte er so gleich mit Meister Rüstan sprechen. Andererseits, dachte er, wäre es besser, wenn er zunächst zu Lukras ging. „Marthin, jetzt!“

    Der junge Mann deutete eine Verbeugung an und floh angesichts des harschen Befehls regelrecht aus dem Arbeitszimmer.

    „Und Eure Leute achten darauf, dass sich wirklich niemand Graf Lynhart nähert?“, fragte Evan den Gardisten.

    „Da bin ich mir sicher, Euer Durchlaucht.“

    Die Antwort war nicht annähernd so überzeugend gekommen, wie Evan es sich wünschte. Trotzdem setzte er sich nickend in Bewegung und pflückte beiläufig die Zeichnung vom Tisch.

    Er ließ den Brief in der Innentasche seines Mantels verschwinden und bat Aren Iras mit einer Geste hinaus.

    Sie liefen keine drei Schritte, als sich zwei Männer der Königswache an ihre Fersen hefteten. Ein Stadtgardist, der offenbar seinen Vorgesetzten begleitete, bildete das Schlusslicht.

    „Seid Ihr durch den Haupteingang gekommen?“, wandte Evan sich an Karaums Stellvertreter, der sofort nickte.

    „Es sind viele Bittsteller vor Ort.“

    Das konnte Evan sich gut vorstellen. Der Herbst klopfte bereits an die Pforten der Stadt und der darauf folgende Winter bedeutete für die meisten Bewohner eine unsichere und harte Zeit, in der die Hauptsorge war, den nächsten Tag zu überleben.

    Schon durch die massive Flügeltür hindurch vernahm Evan gedämpfte Gespräche, Ausrufe und Befehle und kurz erwog er, durch einen anderen Ausgang zu verschwinden. Stattdessen schritt er weiter mit durchgedrücktem Rücken auf die Tür zu und die Gardisten, die davor Wache hielten, öffneten die wuchtigen Türen. Ein Rumpeln hinter Evan verriet, dass diese sich sofort wieder verschloss. Auch hier achteten Wachmänner darauf, dass sich niemand unbefugt Zutritt verschaffte.

    Im Vorraum der Regentschaft bot sich nahezu jeden Tag das gleiche Bild: Einwohner, die sich dort versammelten und ihre Sorgen darlegten.

    Auch heute tummelten sich Bauern, Gassenbewohner und Händler vor dem massiven Tisch, hinter dem Vertreter der Regierung saßen und sich die Anliegen der Bewohner anhörten.

    Evan und Aren, flankiert von den Wachmännern, eilten an der Menge vorbei und steuerten auf den Eingang zu.

    Aus dem Augenwinkel sah Evan, dass vereinzelt Menschen die Köpfe zusammensteckten und ein Mann in seine Richtung deutete.

    „Wir müssen uns beeilen!“, zischte Evan, wobei die Wachmänner dichter aufrückten. Auch der Gardemeister erweckte den Eindruck, wesentlich angespannter zu sein.

    Dass man Evan just in diesem Moment erkannte, wunderte ihn nicht. Tatsächlich löste sich eine Gruppe aus der Menge heraus und kam direkt auf ihn und seine Begleiter zu.

    Die Wachmänner erfassten die Lage sofort, denn bevor die kleinere Ansammlung sie erreichte, hielten die Uniformierten sie mit ausgestreckten Armen auf Abstand.

    “Tretet zurück!”, rief einer der Königsgardisten. “Lasst den Berater durch!”

    Mehrmals wiesen die Gardisten die Catrellakaner an, sich zurück in die Reihe zu stellen. Doch aufhalten ließen sich die Bittsteller dadurch nicht.

    Obwohl es nicht viele Menschen waren, so sorgte ihr Schubsen und Drängeln dafür, dass die Gardisten alle Mühe hatten, voranzukommen, und unweigerlich stoppte ihr Trupp.

    Eine junge Frau durchbrach Evans lebenden Schutzschild, wobei sie durch ihren eigenen Schwung stürzte. Haltsuchend krallte sie sich an seinem Mantel fest, weshalb er nun selbst ins Wanken geriet.

    Er starrte das verschmutzte Gesicht der Gestürzten an. Die verschlissene Kleidung hing wie ein Lappen an ihrem Körper herunter.

    „Bitte verzeiht”, wimmerte sie, während sie vor ihm auf dem Boden kauerte und seinen Mantel weiterhin fest in ihren rissigen Händen hielt.

    Ob sie sich dafür entschuldigte, ihn gestoßen zu haben, vermochte er nicht zu sagen.

    „Verschwinde!”, herrschte ein Gardist die Frau an und packte sie grob an der Schulter.

    „Bitte”, setzte sie erneut an, als Evan sich abwandte, und versuchte sich aus ihrem Griff zu lösen.

    Der Wachmann nahm ihm diese Aufgabe nur zu gerne ab, indem er ihr mit der gepanzerten Hand drohte, sie jedoch nicht schlug. Sie ließ von Evan ab und krümmte sich auf dem Boden zusammen, wo sie schützend die Arme über den Kopf legte.

    Plötzlich schien alles gleichzeitig abzulaufen.

    Die kleinere Gruppe musste gesehen haben, dass der Wachmann die Hand gegen diese Frau erhoben hatte.

    Sie nutzten die kurze Ablenkung der Wache und warfen sich wie ein Mann auf die Schutztruppe, woraufhin Evan zwei Schritte nach hinten stolperte.

    Seine Begleiter hatten nun alle Mühe, die Meute zurückzuhalten. Die Unruhe stieg weiter an und Evan hörte, wie die Menschen sich gegenseitig überschrien, sodass es für ihn unmöglich war, genaue Wortlaute auszumachen. Erneut gelang es einem, ihn an dem Ärmel zu packen und zu versuchen ihn so aus dem geschützten Kreis herauszuzerren. Einer der Gardisten schlug die Hand desjenigen mit einem wuchtigen Fausthieb beiseite und zog sein Schwert.

    Unbeeindruckt von der unverhohlenen Drohung der Wachmänner versuchten einige Bewohner nach wie vor, an Evan heranzukommen, um ihre Anliegen vortragen zu können. Er war derjenige, der im direkten Kontakt mit dem Regenten stand. Ob sich die Menschen durch eine Unterredung mit dem ersten Berater eine schnellere Erledigung ihrer Bitte erhofften, wusste Evan nicht.

    Gefühle wie Angst oder Bedrängnis vernahm er seit geraumer Zeit nicht mehr. Dafür tat er seine Arbeit schon zu lange.

    Den Bürgern brachte er sogar Verständnis entgegen, denn der Winter würde bald kommen. Er selbst und der Rest des Adels verschwendeten keine Gedanken daran.

    Nachdem zwei weitere Gardisten ihre Waffen gezogen hatten und somit die Menge fernhielten, ebbte der Ansturm ab, doch ein allgemeines Drängeln blieb.

    Der Weg bis zum Ausgang passierten sie weitestgehend ungehindert, zumindest ohne zu Boden gerissen zu werden. Dass es hier härter zuging als bei seinen restlichen Tätigkeitsfeldern, hatte Evan früh erkannt und hingenommen. Die Besorgnis der Bewohner ließ sich mit Worten nicht milden, es zählten allein Resultate der gemachten Versprechungen. Wenn sie keine Veränderungen sahen, dann würden sie wieder hier auftauchen. Evan konnte daran nichts ändern, denn seine Entscheidungsgewalt darüber, was die Austeilung des Holzes oder die Instandsetzung der Hütten anbelangte, war begrenzt. Das letzte Wort hatte der Regent und wenn von dort eine Ablehnung kam, würden auch Evans Beschwichtigungsversuche nichts bringen.

    Draußen schlug ihm frischer Wind ins Gesicht, die Sonne suchte sich noch ihren Weg den Himmel hinauf. Doch die Kälte, die jeden Tag immer ein bisschen länger blieb, kroch durch seine Kleidung.

    Eine Gruppe von Gardisten bildete ein Spalier, damit Evan den Weg die Treppe hinunter und zur Kutsche ungehindert passieren konnte. Flinken Schrittes stieg er die fünf Stufen hinab.

    Unten hielten sie, wo Gardemeister Aren Iras sich entschuldigte und zwischen den Bürgern der Stadt verschwand.

    Evan huschte in Kutsche, deren Tür von einem seiner Wachen geöffnet wurde. Zwei von ihnen nahmen auf dem Bock Platz.

    Polternd setzte sich das Gefährt in Bewegung, kaum dass jemand es verschlossen hatte.

    Die Fahrt zur Akademie verlief ereignislos und recht schnell, wenn man bedachte, dass heute Markttag war und viele Menschen ihren Weg kreuzten.

    Am Haupttor stand bereits das gewaltige Flügeltor offen, um das Gefährt des Beraters passieren zu lassen. Ein Fähnchen, das am Dach seiner Kutsche angebracht waren, trug das Wappen der Regentschaft. Ein Weiteres zeigte sein eigenes Familienwappen - den Kopf eines Löwen.

    Die Fahrt an den Häusern der Magier vorbei verging zügig und schon bald ragte das imposante Gebäude der Akademie vor ihm auf.

    Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, hier wäre der Sitz der Regentschaft. Ordentlich geschnittene Hecken säumten die verschlungenen Wege des Vorhofs. Polternd fuhr die Kutsche an dem Rondell vorbei, auf dem eine alte Trauerweide stand, deren Äste bis zum Boden runter reichten und sich sanft im Wind bewegten.

    Die weißen Steine der Fassade erstrahlten im Licht der Sonne und blendeten fast. Säulen so groß wie Bäume trugen das Vordach, auf dem sich ein ausladender Balkon befand. Zahlreiche Nebengebäude gabelten sich von dem Haupthaus ab, das wie ein standhafter Soldat in die Höhe ragte. Und dieser Kämpfer hatte selbst den Magier-Krieg überstanden, während andere Gebäude in der Stadt wie Asche zerfallen waren.

    Hey Tariq :)


    Vermutlich hast du anhand meiner Likes schon bemerkt, dass ich aufgeholt habe :)


    Ich habe Mal wieder mit großer Freude gelesen und die kleinen Geschichten um Hannche und ihre Freunde zaubern mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Die Geschichte mit Erwin war natürlich nicht so schön, aber mit Sicherheit hat Hannche daraus gelernt :)

    Besonders süß fand ich den kleinen Exkurs zum Blauregen xD Meiner ist nämlich auch nie was geworden und kümmert seit jeher vor sich hin, während meine Nachbarin einen wahren Urwald züchtet xD


    Der Pfleger Karl ist mir sofort symphatisch. Wie er sich um seine Damen kümmert, ganz reizend :blush:


    Die Gedanken, die sich Hannche macht, sind aus meiner Sicht sehr gut nachvollziehbar. Man kann richtig mit ihr mitfühlen (mag vielleicht auch meiner persönlichen Erfahrung liegen).


    Und auch wenn ich die Geschichte bis zu einem gewissen Teil bereits kenne, freue ich mich schon auf den nächsten Part :)


    LG :)

    Das nächste Mal hörte Esther lieber gleich auf Nelli.

    Statt sich auszuruhen, wie von der Hexe vorgeschlagen, hatte sie mal wieder über die Magiesteine nachgedacht, in ihren Büchern gelesen oder einfach die Zeit totgestarrt. Nach und nach war ihr der veränderte Seegang aufgefallen. Das Schiff schlingerte immer heftiger und schließlich veranlasste sie weit entferntes Donnergrollen dazu, ihre Lektüre zu beenden. Noch während sie sich komplett anzog und die Haare notdürftig zusammensteckte, schien es, als bräche das Unheil höchstselbst über die Eleftheria hinein.

    Sicherheitshalber steckte sie die Magiesteine und das Auge von Zydderfon ein. Sie konnte zwar beides nicht benutzen, aber es erschien ihr sicherer, sie mitzunehmen. Sie befürchtete, dass die Steine wegen des Seeganges wegrollen könnten.

    Mehr taumelnd als gehend hechtete Esther durch das Unterdeck, wobei sie sich mehrere Male irgendwo stieß, gegen die Wand schlug oder einfach stolperte. In der einen Hand hielt sie bereits ihren Zauberstab, die andere krallte sich überall fest, wo nur möglich. Bereits in ihrer Kabine war ihr die Lautstärke des Sturms aufgefallen, doch je näher sie dem Ausgang kam, desto heftiger wurde es. Sie hörte, wie sich die Männer über den tosenden Wind Befehle und Anweisungen zubrüllten.

    Ob Edmund und Trevor auch draußen sind?

    Nelli hockte mit Sicherheit in ihrer Kabine und saß das Unwetter aus.

    Ohne, dass sie genau wusste warum, erweckte der Gedanke daran, dass die beiden Männer sich dem Sturm stellten, eine gewisse Besorgnis in ihr. Automatisch beschleunigte sie ihre Schritte. Sie wollte nicht, dass sich irgendjemand von den beiden verletzte, weil sie nicht rechtzeitig kam.

    Du hättest schon längst oben sein müssen!

    Auf dem Oberdeck peitschte ihr heftiger Regen und starke Böen entgegen. Sofort war ihre Kleidung klitschnass. Blinzelnd versuchte sie die Situation zu überblicken, erschuf dann schnell einen Schild um sich, der sie vor dem wütenden Wetter schützte. Dunkle, tief hängende Wolken rollten über sie hinweg und schienen die Eleftheria mit sich ziehen zu wollen.

    Verzweifelt versuchten die Männer die Segel einzuholen und umherfliegende Gegenstände zu sichern. Offenbar waren sie alle von dem Unwetter überrascht worden.

    Immer wieder gerieten die Besatzungsmitglieder ins Schleudern, weil das Schiff sich auf die Seite warf oder eine Welle über das Deck rollte. Gerade als die Männer eines der Segel bändigen konnten, blähte der Wind es wieder auf.

    Sie dachte nicht länger nach.

    Während alle um sie herum um einen sicheren Stand bemüht waren, rannte sie fast leichtfüßig über das nasse und rutschige Holz, geschützt durch ihren Schild. Sie musste weit nach vorne, wo sie ihre Magie besser kontrollieren und lenken konnte. Außerdem würde sie niemandem im Weg stehen. Zwar konnte sie nicht verhindern, dass die Männer der Eleftheria ordentlich durchgeschüttelt werden, aber sie konnte den Schaden begrenzen und dafür sorgen, dass keiner ums Leben kam.

    Am Bug angekommen, packte sie eines der Taue, um sich daran festzuhalten, und sammelte ihre Kräfte. Der Regen hatte ihre Kleidung hoffnungslos durchnässt und Haarsträhnen klebten ihr im Gesicht.

    Ein Blitz erhellte für einen Lidschlag die dunkle Umgebung und ließ furchterregende Schatten am Himmel tanzen. Donner grollte über sie hinweg, drohend und laut.

    Esther schloss kurz die Augen, konzentrierte sich und noch bevor ein neuerlicher Blitz die Eleftheria treffen konnte, streckte sie ihren Stab in die Höhe.

    Augenblicklich sperrte ihr Schild aus reiner, leuchtender Energie den heftigen Wind und den Regen aus, nur das Schaukeln des Schiffes blieb. Dies konnte sie jedoch nicht beeinflussen. Sie wusste auch, dass diese Art der Barriere nicht lange halten würden, aber der Mannschaft genügend Zeit verschaffte.

    Während sie noch immer ihren Stab erhoben hielt, drehte sie sich um und blickte auf die Besatzung herab. Unter ihnen entdeckte sie auch Trevor, deren Kleidung ebenfalls nass an ihm herabhing. Edmund sah sie nicht. Sofort stieg unerklärliche Panik in ihr auf und ihr Herz klopfte heftig. Sie hoffte, dass niemand ihre aufsteigende Unsicherheit bemerkte. Esther ließ ihren Blick über die Männer schweifen, die sie anstarrten, als wäre sie ein Ungeheuer.

    „Macht schon!“, schrie sie über das Donnergrollen hinweg und wandte sich wieder der unbarmherzigen Schwärze der See zu.

    Esther wusste, dass sie alle sterben würden, wenn sie jetzt versagte, doch sie spürte, wie ihr bereits jetzt schon erhebliche Energie entzogen wurde.

    Wacker hielt sie sich an der Bugleine fest und streckte den Zauberstab in die Höhe. Das Wasser knallte erbarmungslos gegen ihren Schutzschild, der mittlerweile die gesamte Eleftheria umrundete.

    Doch wenn der Sturm nicht langsam abflaute oder die Männer nicht langsam fertig wurden, würde sie ihre Barriere nicht mehr lange halten können. Bei jeder Welle, die gegen das Schiff brach, spürte sie ein Vibrieren in ihrem Inneren. Jeder Blitzeinschlag riss weitere bedenkliche Löcher in ihren Schutzschild.

    Sie musste nur durchhalten, bis die Männer die Ladung gesichert hatten.

    Ein Schrei ließ sie herumfahren, ohne aber ihre Barriere aus dem Augenmerk zu verlieren. Die Eleftheria geriet erneut in Schräglage, weshalb Esther sich schnell am Tau festkrallte, um nicht selber über Bord zu gehen. Gerade rechtzeitig schnellte ihr Zauberstab vor und errichtete einen kleineren Schild, der Stiev davor bewahrte von umherfliegenden Fässern erschlagen zu werden. Zwei der Geschosse fanden ihren Weg über die Schiffswand, das Dritte zerschmetterte an der Reling, knapp neben Stiev. Der kauerte sich auf dem Boden zusammen, die Arme schützend über den Kopf erhoben.

    Esther bemerkte, wie ein weiterer Teil ihrer Energie wich und ihr Schild schwächer wurde. Dann schaffte es der peitschende Regen durch ihre Barriere und begann, das Deck zu fluten. Wieder wurde das Schiff zur anderen Seite geworfen und für einen Moment fühlte es sich für Esther an, als hätte die Eleftheria den Kampf verloren. Torkelnd verloren die Männer ihren Halt und schlitterten über das Oberdeck. Einige retteten sich, indem sie sich irgendwo festhielten. Einem anderen Mann blieb dieses Glück nicht vergönnt, denn er rollte bis zur Reling und drohte hinüberzufallen.

    Wieder gelang es Esther nur um Haaresbreite, einen Schutzschild zu errichten, der den Mann zurück auf die Eleftheria beförderte.

    Der stetige Entzug ihrer körpereigenen Energie sorgte dafür, dass ihre Beine zitterten und ihr Blick verschwamm. Trotzdem sie auf ein Knie sank, straffte sie sich und legte erneut Kraft in ihren Schild.

    Wenn mich der Sturm nicht umbringt, wird es meine eigene Magie mit Sicherheit tun.

    Hey Etiam :)

    Ich bin auch mal wieder etwas spät dran, nicht wahr xD


    Mir hat der letzte Part auch sehr gut gefallen. Wie Frod da mit sich ringt, an Flucht denkt und die Erleichterung, als plötzlich Tjelvar auftaucht. Ich finde, das hast du gut gelöst!


    Dazu kam ein pulsierender Schmerz am Hinterkopf, der ebenfalls bestätigte, dass er weiterhin am Leben war.

    Würde ich streichen, bläht den Satz unnötig auf :)

    Er wurde entführt.

    hmmmm. Vom Gefühl her würde ich das ins Plusquamperfekt setzen, weil die Entführung ja schon erledigt ist - Er war entführt worden.

    Dann ist mir das etwas zu schnell und durcheinander gegangen. Tjelvar betoniert die zwei Entführer sofort nieder und stürzt sich dann schon fast auf Birk (sogar über eine Axt wird nachgedacht), aber dann ist die Aktion scheinbar mit der nächsten Zeile vergessen. Dann wird geschaut und geredet und dann ist es vorbei. :hmm:

    Ja - sowas in der Art habe ich mir auch gedacht.

    Ich fand es etwas merkwürdig, dass Tjelvar sich offenbar so schnell abreagiert hat. Vielleicht hat er das aber auch nicht und reißt sich äußerlich nur zusammen. Aber das dürfte doch zumindest Frod in irgendeiner Art und Weise auffallen :hmm:

    (Vielleicht denke ich jetzt aber zu viel darüber nach xD)


    Aber alles zusammen gefällt mir sehr gut :)


    LG

    Nachdenklich stand Esther an der Reling und sah auf die schimmernden Wellen hinab. Die Hitze drückte ihnen allen auf das Gemüt und sogar ihr stand der Schweiß auf der Stirn, dabei herrschte auch in Silberberg stetig warmes Wetter. Sie verfluchte sich innerlich dafür, dass sie sich in ihre Korsage gezwängt hatte.

    Für wen ziehe ich das Teil eigentlich an?

    Seufzend lehnte sie sich mit den Unterarmen auf die Reling.

    Schleppend waren die letzten beiden Tage vorübergezogen. Für sie gab es bisher nichts zu tun und das sorgte, dass Esther sich immer wieder in düsteren Gedanken vergrub.

    Seit der Spielrunde und Nellis Frage war es, als hinge ein grauer Schleier über ihre Laune.

    Plötzlich stieß etwas gegen ihren Hinterkopf, woraufhin sie sich verwundert umdrehte und in Nellis Gesicht blickte. Diese verlor aber keine Zeit mit Begrüßungen, sondern klopfte ihr erneut mit ihrem Stock gegen die Stirn.

    „Aua!“, empörte Esther sich. „Was soll das?“

    Die Hexe zuckte die Schultern. „Ich wollte nur sichergehen, dass ihr noch lebt.“

    Das war ja wohl …

    Sie rieb sich die schmerzende Stelle und sah die alte Frau grimmig an, drehte sich wieder um und sah auf die offene See hinaus.

    Eine Weile geschah nichts, dann stellte Nelli sich aber neben sie und schnaufte hörbar. „Welche Gedanken quälen Euch?“, fragte sie geradeheraus. „Ich habe bemerkt, dass Ihr seit meiner Frage während des Würfelspiels bedrückt seid.“

    Esther warf einen verwunderten Blick auf die Hexe. Stand es ihr so offensichtlich auf der Stirn geschrieben? Und selbst wenn. Sollte sie Nelli wirklich erzählen, was mit ihr los war? Einerseits ging es die Alte nun wirklich nichts an, andererseits hatte Esther hier nicht wirklich jemand anderen, mit dem sie darüber sprechen konnte.

    Sie sah kurz über ihre Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand sonst sie hören konnte. Auf keinen Fall wollte sie, dass Edmund oder Trevor das mitbekamen. Und schon gar nicht einer der anderen Matrosen.

    „Als ich in der Gilde war, um die Magie zu erlernen“, begann sie leise, „hatte ich bereits eine … Erfahrung … mit einem Mann gesammelt. Keine Schöne, um ehrlich zu sein.“ Sie erzählte kurz, aber ziemlich eindeutig, wie der Kerl sie angefasst hatte und wie sie dem schließlich mit einem magischen Schild ein Ende gesetzt hatte.

    Während Esther die Tränen in den Augen brannten, spürte sie eine sanfte Berührung an ihrem Oberarm. Als sie sich herumwandte, konnte sie eine Mischung aus Schock, Mitleid und Wut in den Augen der Hexe erkennen. „Es tut mir so leid, dass du so etwas erleben musstest, Mädchen.“

    Esther sagte darauf nichts. Was sollte sie auch antworten?

    „Wenn Ihr wollt“, meinte Nelli dann, „könnte ich diesem … Ihr wisst schon … einen netten Fluch aufbinden.“

    Ungewollt musste Esther lächeln, obwohl ihr nicht danach zumute war. Sie schüttelte den Kopf. „Das ist lieb gemeint, aber er hat durch meinen Schild bereits drei Finger verloren.“

    An Nellis Gesichtsausdruck erkannte sie, dass der Hexe das nicht Bestrafung genug war. Plötzlich schloss die Ältere sie in eine Umarmung, der Esther kaum entkommen konnte – und sie musste zugeben, dass sie das gebraucht hatte. Außerdem tat es gut, also ließ sie es einfach zu. Sie spürte, wie etwas von dem schweren Gefühl auf ihrer Seele schwand und sachte lösten sich die beiden Frauen voneinander.

    Esther starrte kurz auf den Boden. „Danke, dass Ihr mir zugehört habt.“ Sie brachte ein zaghaftes Lächeln zustande, woraufhin auch Nelli zufrieden wirkte.

    Auf eine Art, die Esther nicht erklären konnte, fühlte sie sich der Hexe verbunden. Und auch wenn Nelli offenbar den Schalk im Nacken sitzen hatte, spürte Esther etwas wie großmütterliche Liebe.

    „Jederzeit, Liebchen. Und sollte Euch jemand zu nahe kommen, sagt einfach Bescheid. Ich habe meine Mittel und Wege...“, antwortete die Hexe und ein schelmischer Ausdruck huschte über ihre Züge

    Schweigend standen sie nebeneinander an der Reling, ließen sich die Sonne auf das Gesicht scheinen und hingen ihren Gedanken nach.

    „Nelli?“, durchschnitt Esther die Stille und sie lächelte, als die Hexe sie ansah. „Ich möchte nicht mehr, dass Ihr mich förmlich anredet.“

    Die Heilerin lächelte breit. „Ganz wie du möchtest, Kind.“ Sie nickte ihr zufrieden zu, das ganze Gesicht ein einziges zufriedenes Grinsen. Esther erwiderte das.

    Esther zögerte. Sollte sie die erste Frage an Trevor stellen. Unsicher blickte sie sich um. Niemand schien das Wort ergreifen zu wollen. Sie sah den Wandler nachdenklich an.

    Gab es etwas, was sie über ihn wissen wollte? Tatsächlich schossen ihr direkt einige Fragen durch den Kopf, die sie aber sofort wieder verwarf, weil sie entweder absolut banal oder einfach unverschämt waren. Sie wusste, dass sie für diese Runde einen Zwischenweg finden musste, ohne Trevor irgendwie in Verlegenheit zu bringen. Genau aus diesem Grund hatte sie solche gesellschaftliche Treffen bisher gemieden. Außerdem ziemte es sich für eine Gräfin nicht, an so etwas wie Glückspiele überhaupt zu denken. Dennoch fand sie Gefallen daran.

    Sie zwang sich, ihre Gedanken wieder auf das Wesentliche zu lenken.

    Abermals glitt ihr Blick zu Trevor. Es war seltsam, denn immer wenn sie ihn ansah, schossen ihr die Bilder der Schlägerei durch den Kopf.

    Sie holte Luft. „Wenn niemand anderes eine Frage stellen möchte…“, sagte sie zaghaft. „Wo habt Ihr gelernt, so zu kämpfen, wie neulich auf dem Deck?“

    Für den Anfang schien es ihr eine gute Frage zu sein. Es war für jeden offensichtlich gewesen, dass er anders kämpfte als die restlichen Besatzungsmitglieder.

    Trevor lächelte dünn und spielte kurz mit den Würfeln, bevor er diese an Esther weiterreichte. „Mir wurde es von Silberaugen Johnny beigebracht. Meinem Kapitän. Von Anfang an drückte er mir eine Waffe in die Hand und lehrte mich, wie ich mich mit oder ohne verteidigen kann. Oder angreifen. Mit sechzehn musste ich dann beim Entern mitmachen. Und entweder man überlebt oder nicht.“

    Silberaugen Johnny … Entern. Das alles klang merkwürdig in ihren Ohren. Unentschlossen warf sie die Würfel in den Becher und setzt zum Wurf an. Dann hielt sie allerdings inne und wandte sich erneut an Trevor. „Warum seid Ihr nicht mehr bei Eurem Kapitän?“ Obwohl sie wusste, dass eine zweite Frage laut der Spielregeln nicht gestattet war, versuchte sie es trotzdem. Überraschenderweise begehrten weder Nelli noch Edmund auf, sondern sahen Trevor erwartungsvoll an.

    Der Formwandler schien unsicher, ob er auf die Frage reagieren wollte. Er tat es trotzdem. "Weil er tot ist. Wir wurden von vier Schiffen der Marine eingekreist. Sie nahmen ihn gefangen und ließen ihn hängen."

    Esther sah ihn eine Weile stumm an. In ihrem Kopf rotierte es. Warum sollte man einen Seefahrer …

    Wieder haderte sie mit sich. Sie biss sich auf die Unterlippe und gab sich schließlich einen Ruck. „Seid Ihr ein Pirat?“

    "Das war oder bin ich ... irgendwie." Er lächelte verlegen und obwohl Esther spürte, dass sie die Grenze erreichte, war ihre Neugier endgültig geweckt.

    „Wenn Euer Schiff von der Marine entdeckt worden ist und Ihr Pirat seid … warum lebt Ihr noch?“, wollte sie wissen. Um herauszufinden, ob irgendjemand Einwände gegen ihre Fragerei erhob, blickte sie in die Runde. Doch es herrschte allgemeines Schweigen. Edmund spielte mit seinem Glas und Nelli schien die Tischplatte interessanter zu finden, als das Gespräch.

    Ob sie nur aus Respekt den Mund hielten und sie deshalb nicht auf den Regelverstoß hinwiesen?

    "Mein Kapitän zog mir eins über und warf mich über Bord. Da wir uns in Küstennähe befanden, wachte ich irgendwann am Strand auf ... Alleine." Trevors Stimme klang leiser als zuvor.

    Ob es ihm unangenehm war, darüber zu sprechen? Viele Fragen gingen ihr noch durch den Kopf. Was hatte Trevor nach seiner Strandung gemacht? Wie war er an Edmund geraten? Standen er und Silberaugen Johnny sich nahe?

    Sie sollte jetzt einfach würfeln, damit das Spiel weitergehen konnte. „Was habt Ihr dann gemacht?“, hörte sie sich zu ihrer Überraschung fragen. „Nachdem Ihr am Strand aufgewacht seit?“

    "Auf einem anderen Schiff angeheuert. Aber als sie ein Reiseschiff mit einem Handelsschiff verwechselt haben, habe ich sie wohl verärgert. Sie wollten im Nachhinein eine junge Frau dort als Geisel mitnehmen. Ich nahm ihren Platz ein und endete in einer Kiste." Er lachte kurz auf.

    Verdutzt stellte sie den Würfelbecher auf den Tisch und ergriff stattdessen ihr Trinkglas, leerte es und füllte es direkt wieder auf. Ihr Vater hätte sie bei der Menge mittlerweile maßgenommen, aber da er nicht hier war …

    „Wie seid Ihr aus der Kiste wieder rausgekommen?“

    Die Antwort kam dieses Mal ohne Lachen und ohne Zögern. „Edmund hat mich freigekauft“, antwortete Trevor. „Daher stehe ich in seinen Diensten.“

    Verwundert ging ihr Blick hinüber zu dem Händlersohn. Der reagierte allerdings nicht darauf, sondern kippte nun selbst seinen Schnaps hinunter. Esther tat es ihm gleich und sie spürte bereits, wie ihr der Alkohol zu Kopf stieg. Sie sollte aufpassen, dass so etwas nicht zur Gewohnheit wurde – noch einmal von Edmund ins Zimmer gebracht zu werden, wollte sie nicht. Zumindest nicht in nächster Zeit.

    Bisher hatte sie keine Runde verloren. Sie war gut darin, den Menschen etwas vorzumachen. So etwas hatte sie als Gräfin früh lernen müssen – immer schön lächeln, Haltung bewahren und noch mehr lächeln.

    Sie schüttelte die Würfel und sah noch einmal Trevor vor ihrem Wurf an. „Tut mir leid mit Eurem Kapitän. Er hat Euch gerettet und das macht ihn zu einem guten Mann“, sagte sie und spähte unter den Becher.

    "Nicht alle Piraten sind ohne Ehrgefühl und ... Danke." Da war es wieder – dieses Lächeln.

    Dem konnte sie nur zustimmen. Trevor schien ihr nicht wie jemand ohne Ehrgefühl zu sein. Immerhin hatte er sie während der Schlägerei beschützt und ihr geholfen, obwohl er damit Edmund hintergangen hatte.

    Innerlich stöhnte sie auf. Eigentlich sollte es nicht notwendig sein, dass sie von jemanden gerettet werden musste. Genau aus diesem Grund war sie doch Magierin geworden – um Menschen zu beschützen.

    Es störte sie noch immer, dass sie nicht hatte verhindern können, dass die Besatzung aufeinander losgegangen war.

    Ob sie Trevor fragen sollte, wie sie sich in einer solchen Situation wehren konnte? Ob er es ihr beibringen konnte?

    Mach dich nicht lächerlich – du hast deine Magie!

    Während die anderen würfelten, trank sie ihr Glas erneut aus.

    Die Spielrunde endete ohne einen Verlierer.

    Und irgendwann, als sie genug von dem Alkohol getrunken hatte, flog sie auf.

    Sie seufzte und eröffnete den anderen ihrer tatsächliche Würfelzahl, nachdem Edmund ihre Lüge enttarnt hatte.

    „Ihr habt Euch gut gehalten, Mädchen“, säuselte Nelli. „Aber jede Glückssträhne endet irgendwann.“

    Bei dem Anblick, der sich ihr in der Kombüse bot, zog sie die Augenbrauen hoch. Esther schossen direkt mehrere Fragen durch den Kopf.

    Zuallererst verwirrte sie, dass Edmund in der Küche war und dazu auch noch die Hälfte seiner Kleidungsstücke fehlte. Dann fiel ihr Blick auf die junge, brünette Frau, die quer über den Tisch langte und an Trevors Hemd herumfummelte.

    „Stell dich nicht so an, Bursche!“, fuhr die Brünette den Wandler an.

    Warte – Bursche?

    Sie betrachtete die Situation noch einen Moment fragend, bevor sie die Tür hinter sich schloss, woraufhin alle kurz zu ihr aufsahen.

    „Ah! Kommt rein, Mädchen“, säuselte die junge Frau und deutete auf Edmund. „Er hat für uns gekocht.“

    Edmund? Gekocht?

    Dann beschlich sie ein komisches Gefühl, als die Stimme der Frau in ihrem Kopf nachhallte. „Nelli?“, fragte sie ungläubig und erntete von der vermeintlich jungen Frau einen aufreizenden Augenaufschlag.

    Kopfschüttelnd und grinsend setzte Esther sich auf einen freien Stuhl. Dabei musterte sie Edmund und sah schließlich Nelli an. Zu gern würde sie erfahren, wie Edmund dazu kam, selber den Kochlöffel in die Hand zu nehmen. „Lohnt es sich zu fragen?“, wollte sie daher wissen.

    „Nein!“, riefen beide Männer wie aus einem Mund.

    Esther warf Nelli einen Blick zu. Das amüsierte Funkeln in den Augen der Heilerin war kaum zu übersehen. Edmund und Trevor stocherten verlegen im Essen herum.

    Bis auf einige kurze Bemerkungen, aßen sie schweigend und Esther wartete geduldig, bis alle fertig waren

    Obwohl sie wusste, was sie zu tun hatte, zögerte sie.

    „Edmund“, begann sie schließlich, woraufhin der Angesprochene den Kopf in ihre Richtung drehte. „Ich würde gerne mit Euch sprechen“, meinte sie und blickte in die Runde. „Allein.“

    Er nickte und deutete mit dem Kinn in Richtung Tür.

    Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend folgte Esther dem Händlersohn bis zu seiner Kabine. Er stieß die Tür auf und ließ sie zuerst eintreten, führte sie zu einer Sitzgruppe und zog einen Sessel zurück. „Setzt Euch.“

    Dankbar, aber zögerlich nahm sie Platz. Während er sich ebenfalls setzte, bereitete sie sich ihre Worte vor.

    „Also“, ergriff er das Wort. „Was gibt es?“

    Sie knetete fahrig ihre Finger. Warum es ihr in Edmunds Gegenwart so schwer fiel, ihre Gedanken in Worte zu fassen, wusste sie nicht. Sie erkannte nur, dass sie sich jedes Mal unbehaglich fühlte.

    Schließlich legte sie die Hände in den Schoß. „Ich … möchte mich bei Euch entschuldigen.“, brachte sie hervor. „Mein Verhalten war nicht in Ordnung und ich hätte Euch gegenüber aufrichtig sein müssen. Ich versichere, dass so etwas nicht mehr passieren wird.“

    Edmund sah sie einen Moment eindringlich an und trommelte mit dem Zeigefinger auf der Stuhllehne herum. „Warum habt Ihr nicht von Anfang an gesagt, was los ist?“

    Wieder ließ sie sich Zeit mit ihrer Antwort. Warum musste es auch so verdammt schwer sein, sich für etwas zu rechtfertigen! „Ich hatte Sorge, wie Ihr darauf reagiert.“

    Er sah sie forschend an. „Ihr habt alle in Gefahr gebracht, ist Euch das klar?“

    Innerlich rollte sie mit den Augen. Als ob sie das selbst nicht wüsste! Was wollte er denn noch hören? Sie hatte sich bereits entschuldigt und klargemacht, dass sie niemanden mehr gefährden würde!

    Gerade als die Stille zwischen ihnen unangenehm wurde, nickte sie leicht. „Das ist mir bewusst“, gestand sie schließlich und hoffte, dass Edmund die Sache auf sich beruhen lassen würde. „Ihr habt mein Wort darauf, dass dergleichen nicht mehr passieren wird. Ich bin hier, um für die Sicherheit dieses Schiffes zu sorgen und dieser Aufgabe werde ich von nun an nachgehen.“ Ihr Wort dürfte zwar im Moment nicht viel Gewicht bei Edmund haben, aber sie wollte nur eine Möglichkeit bekommen, zu beweisen, dass sie auch mehr konnte, als die Eleftheria ins Verderben zu stürzen.

    Edmund lächelte, was für Esther ein wenig zu aufgesetzt wirkte, und seufzte. „Ich verlasse mich auf Euch.“

    Erleichtert atmete Esther aus. Das reichte ihr zunächst, denn viel mehr hatte sie sich nicht erhofft. Dafür, dass er ihr – erneut – Vertrauen entgegenbringen wollte, sollte sie sich eigentlich bedanken. Nach kurzer Zeit erhob sie sich. „Das könnt Ihr“, sagte sie mit fester Stimme.

    Mit klopfendem Herzen verließ sie die Kabine und betrat das Oberdeck.

    Es war drückend heiß, weshalb bereits zu früher Stunde die meisten Matrosen ohne ihre Oberbekleidung arbeiteten.

    Was wollen die machen, wenn es noch heißer wird? Nackt arbeiten?

    Sie trat an die Reling heran und beobachtete, wie einige Männer Kisten von Bord schafften und in das Beiboot ihres Vaters verbrachten.

    Dann bin ich gerade rechtzeitig gekommen, dachte sie.

    „Ich hatte mich schon gefragt, ob du nie aufstehen willst“, hörte sie die Stimme ihres Vaters hinter sich und sie drehte sich zu ihm um. Sie sah noch, wie ein Matrose ins Unterdeck verschwand. Vielleicht, um Edmund zu holen.

    Der Graf gesellte sich an ihre Seite und eine Weile schwiegen sie sich an.

    Sie spürte genau das gleiche Gefühl wie damals, als sie zur Gilde aufgebrochen war und der Grafschaft Silberberg damit für einen längere Zeit den Rücken gekehrt hatte.

    „Sei vorsichtig, Esther“, meinte ihr Vater plötzlich aus dem Nichts. „Und halte dich von dem jungen von Stein fern.“

    Beinahe hätte sie sich an ihrer eigenen Spucke verschluckt. „Wie bitte?“ Wie sollte sie sich von jemanden fernhalten, mit dem sie zusammen auf einem Schiff eingepfercht war und den sie insgeheim schützen musste?

    Der Graf warf ihr einen Seitenblick zu. „Ich bin mit seinem Vater bereits einige Geschäfte eingegangen. Und weil ich mich vorher über alle meine Geschäftspartner erkundige, weiß ich, dass die Familie von Stein Nymphenblut in sich trägt.“

    Fühlte sie sich deshalb immer wie benommen in Edmunds Gegenwart? Verstehend nickte sie ihrem Vater zu.

    Als hätte er gehört, dass man über ihn spricht, betrat in diesem Moment Edmund das Oberdeck. Er wirkte noch ein wenig mitgenommen, aber immerhin war er nun gewohnt gekleidet, auch die Haare hatte er in Ordnung gebracht.

    „Guten Morgen Graf Leonhard“, grüßte der Händlersohn, als er zu ihnen aufgeschlossen war. „Ich hoffe, mit der Umlagerung lief es gut?“

    Ihr Vater nickte schnell. „Alles bestens“, antwortete er. „Ich bin nur noch einmal an Bord gekommen, um mich von meiner Tochter zu verabschieden und euch allen eine gute Reise zu wünschen.“ Der Graf und Edmund reichten sich, wie am Vorabend, die Hände.

    Bevor Edmund sich versah, zog ihr Vater den Händlersohn dichter an sich heran. „Sollte meiner Tochter etwas passieren, mache ich Euch persönlich dafür verantwortlich“, murmelte Leonhard, doch der drohende Unterton in seiner Stimme konnte nicht überhört werden.

    Edmunds Blick war schwer zu deuten und Esther tat so, als hätte sie die Worte ihres Vaters nicht gehört.

    Leonhard löste den Händedruck, legte den Arm um sie und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.

    Sie wollte noch etwas sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Also beließ es dabei, ihrem Vater hinterherzuschauen, während er die Eleftheria verließ und in sein Beiboot stieg.

    „Klarmachen zum Ablegen!“, hörte sie den Steuermann rufen.

    Als Esther sich umwandte, war Edmund bereits verschwunden. Sie selbst blieb an der Reling stehen und sah den Männern bei ihrem Tun zu, genoss die Sonne und die frische Luft.

    Bald schon verließen sie Scalimars Hafen und während die Galeone ihres Vaters gen Silberberg segelte, nahmen sie Kurs auf Sarima.

    Esther sah zuerst den Stein in Trevors Hand und dann im Wechsel Edmund, Nelli und den Formwandler an.

    Was passierte hier gerade?

    „Dassis das Auge … von … Zydder … fon“, stammelte Trevor und streckte ihr seine Hand entgegen, mit dem er den Stein festhielt. Wegen des Schwungs drohte der Gegenstand ihm zu entgleiten, doch irgendwie schaffte der Formwandler es, ihn in der Hand zu behalten.

    Edmund gackerte und stolperte einen Schritt zur Seite. Dabei stieß er gegen Trevor, der daraufhin ebenfalls ins Wanken kam. Nur mit Mühe hielten sich die Männer auf den Beinen und der Geruch von Bier schlug ihr entgegen.

    „Ähm … Danke“, brachte sie hervor und nahm Trevor das Geschenk ab. Tatsächlich rührte sie diese Geste, auch wenn sie nicht wusste, was Trevor damit sagen wollte. Was sollte das sein? Das Auge von Zydderfon? „Seid ihr betrunken?“, fragte sie trocken.

    Trevor schlug die Hand vor den Mund und kicherte, während er sich bei Edmund abstützte.

    Esther blinzelte, als dieser Moment dafür sorgte, dass sie sich an etwas anderes erinnerte. Sie streifte den Händlersohn mit ihrem Blick und ihr fiel ein, dass sie sich vor einigen Tagen genauso von Edmund hatte stützen lassen. Und er hatte sie in ihr Zimmer gebracht und dafür gesorgt, dass sie auch in ihrem Bett ankam. Zugedeckt hatte er sie auch.

    Sie unterdrückte den Drang, sich die Hand gegen ihre eigene Stirn zu schlagen und verfluchte wieder einmal Nellis Gesöff.

    „Entschuldigt“, erklang eine Stimme und Esther erspähte den Steuermann, der nervös in der Tür stand. „Hier ist ein Herr, der Euch sprechen möchte, Gräfin. Er sagt, er sei Graf Leonhard Melchior von Silberberg.“

    Esther spürte, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich.

    Edmund holte tief Luft. „Isch regl … dasch schon!“, eröffnete er und befreite sich von Trevor.

    Schnell versperrte Esther ihn den Weg, woraufhin er sie angrinste und nach einer ihrer Haarsträhnen griff. Bestimmt schob Esther ihn hinüber zu Nelli „Könntet Ihr den beiden etwas geben, damit sie … etwas mehr bei der Sache sind?“

    Nelli wiegte den Kopf. „Kann ich schon“, meinte sie und in ihren Augen blitzte es schelmisch auf. „Der Kater wird ihnen aber bleiben.“

    Esther war es gleich, ob die Männer am Morgen mit Kopfschmerzen erwachten. Wenn Edmund ihrem Vater so unter die Augen trat, könnte der Händlersohn sich auch gleich selbst ersäufen.

    Sie strich sich die Haarsträhne zurück hinters Ohr, warf den Stein auf ihre Pritsche und trat hinaus auf das Oberdeck. Der Steuermann trollte sich schnell, als er ihren entschlossenen Blick sah.

    Draußen erwartete sie ihr Vater, flankiert von vier Männern, und zu ihrer Verwunderung bedachte er sie mit einem besorgten Gesichtsausdruck. Er kam ihr auf halbem Weg entgegen und obwohl die Sonne mittlerweile fast untergegangen war und die vereinzelten Öllampen kaum Licht spendeten, sah ihr Vater sofort die Verletzung an ihrer Wange.

    „Hat dieser Mistkerl dir das angetan?“, fragte er leise und berührte sie sanft an der Stelle.

    Sie schloss kurz die Augen und schüttelte dann den Kopf. „Ich … ich …“, begann sie stotternd. „Edmund hat mich nicht geraubt, Vater“, gestand sie dann. Am besten ging sie wie bei Edmund vor – die Wahrheit herausziehen wie einen Splitter. Dann sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus und sie erzählte, warum sie mitgegangen war und wie ihre Reise bisher verlaufen war. Den Teil mit Nellis Medizin sparte sie lieber aus. Auch das Besäufnis der Männer am heutigen Tag behielt sie für sich.

    Während sie sprach, bildete sich eine steile Falte zwischen den Augenbrauen des Grafen. Eine Weile schwiegen sie, bis ihr Vater ihre Hände nahm und seufzte. „Esther“, meinte er, was hast du dir dabei gedacht?“

    Nichts vermutlich, dachte sie.

    „Hast du eigentlich eine Ahnung, was geschehen wäre, wenn du nicht rausgekommen wärst?“, fragte der Graf und musterte sie kritisch. „Du weißt, dass ich deine Magie immer unterstütze, aber es gibt einen Grund, warum ich nicht wollte, dass du mitreist. Der Seeweg nach Sarima ist … gefährlich und nicht einmal Magier können die Seeleute beschützen.“

    Esther starrte ihren Vater an. „Du … du bist schon einmal dorthin gereist?“

    Er nickte. „Ich habe dabei drei meiner Schiffe samt Mannschaft verloren.“

    Sie schwieg betroffen. Seine Sorge rührte sie, aber dennoch wollte sie, dass er aufhörte, sie ständig beschützen zu müssen. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, ergriff er wieder das Wort.

    „Wo ist der Hänfling?“, wollte ihr Vater wissen. „Ich will mit ihm reden.“

    Esther fluchte im Stillen und sah hinter sich. Sie hoffte, dass Nelli zumindest Edmund hingekriegt hatte.

    Erleichtert atmete sie auf, als der Händlersohn in diesem Moment das Oberdeck betrat. Sein Gang zeigte nichts mehr von der vorigen Trunkenheit, der Blick verriet allerdings offenkundige Verwirrtheit.

    „Edmund Wendel Vinzenz von Stein!“ Die dunkle Stimme des Grafen hallte über das Deck, woraufhin Edmund leicht zusammen zuckte.

    „Graf … Leonhard Melchior von Silberberg“, brachte der Händlersohn hervor und überwand die letzten Schritte, bis er neben Esther stand. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Trevor in der Tür auftauchte und zu ihnen rüber linste.

    „Für die Mitreise meiner Tochter waren fünf Kisten mit Waffen vereinbart“, meinte der Graf und blickte Edmund finster an. „In meinem Anwesen befand sie lediglich eine Kiste.“

    Esther hob die Augenbrauen. Was hatte er vor?

    Auch Edmund schien überrumpelt zu sein. Konnte es sein, dass ihm doch noch etwas von dem Alkohol in den Knochen steckte?

    „Offensichtlich … sind die … falschen Kisten abgeladen worden“, sagte Edmund dann. „Ich werde veranlassen, dass Euch die Ware übergeben wird.“

    „Meine Männer werden Euren zur Hand gehen, falls es Euch genehm ist.“

    Edmund nickte. „Natürlich.“

    Esther sah sofort, dass ihr Vater die Lüge erkannte. Aber aus irgendeinem Grund schien er es dabei belassen zu wollen. Er streckte Edmund die Hand entgegen, woraufhin dieser einschlug.

    „Wegen der Größe meines Schiffes, kann es hier nicht anlegen“, erklärte Leonhard. „Wir werden die Umlagerung der Kisten also morgen über ein Beiboot erledigen.“

    Die Männer verabschiedeten sich voneinander.

    Leonhard legte ihr einen Arm um ihren Oberkörper und schob sie sanft in Richtung Bug von den anderen weg. „Und jetzt zu dir“, sprach er leise. „Komm lebendig zurück.“

    Sie kämpfte mit den Tränen. „Warum hast du deine Meinung geändert?“

    „Ich hoffe, dass die Reise dich etwas … reifer werden lässt.“

    Eine Weile sahen sie einander stumm an, bevor sie sich in eine kurze Umarmung schlossen. Dann verließ der Graf mit seinen Männern die Eleftheria. Vermutlich kehrten sie über Nacht in eines der Gasthäuser ein, um nicht zurück zu ihrem Schiff rudern zu müssen.

    Als Esther ihren Vater nicht mehr sehen konnte, wandte sie sich zu den Männern um. Mittlerweile hatte Nelli sich dazu gesellt und untersuchte etwas an Trevors Hals.

    „Was ist los?“, fragte Esther die Heilerin, doch etwas in Edmunds Gesicht ließ sie im Schritt stocken.

    Bevor sie sich besinnen konnte, ergriff sie das Kinn des Händlersohns und drehte sein Gesicht dem Licht der Öllampe entgegen. „Was zum …“, keuchte sie und strich mit dem Daumen über die fingernagelgroße Beule, die sich auf Edmunds Wange gebildet hatte. Auch auf der Stirn, die Schläfe hinab bis zum Hals zeigten sich zahlreiche dieser Gebilde. Mal etwas größer, mal kleiner.

    „Hm“, ließ Nelli von sich hören. „Schätze, der Trank hat sich mit dem Alkohol nicht vertragen.“

    Esther schluckte trocken. Offenbar war da etwas gewaltig schief gegangen.