Beiträge von Thorsten

    Das Narrenschiff von Christoph Hein

    Ein Roman, der die Geschichte der DDR in verschiedenen Familienschicksalen beleuchten soll. Thematisch ist das durchaus interessant, mit der unpolitischen Yvonne Goretzka die erst ueber ihren politisch aktiven Mann in die Partei findet, dann aber Gefallen an den Machtspielchen da findet, Professor Benaja Kuckuck, der nach dem Exil in Grossbritannien kein Bein mehr in Deutschland auf den Boden bekommt, weil der fuer den Westen als Mitglied der kommunistischen Partei zu links ist, fuer Ostdeutschland aber als Exilant in Grossbritannien verdaechtig (warum nicht Russland?) und der dann auf einen Bullshit-Job bei der Filmaufsicht geschoben wird,...

    Nur: Muss man eigentlich schreiben koennen, wenn man Schriftsteller ist?

    Ich finde den Text handwerklich grottig. Die Erzaehlperspektive irrlichtert hin und her, mal wird innerer Monolog als er dachte 'ich muss etwas tun' erzaehlt, mal in indirekter Form er dachte er muesse etwas tun, generell wirkt es als wuerde der Autor der Maxime 'tell, don't under any circumstances show' folgen, der Aufbau ist wirr, Gedanken springen mal vor oder zurueck in der Zeit, etwa vor Yvonne's Hochzeit erfahren wir schon, dass ihr Ehemann drei Jahre spaeter keinen Sex mehr mit ihr haben wird, bevor es zurueck zur Hochzeit geht und sie heiraten darf - aergerlich ist das, wo selbst minimale Spannung noch unterminiert wird, etwa wo Yvonne entdeckt dass ihr Mann - gluehender Kommunist - vorher bei den Nazis aktiv war. Der Leser weiss das schon vorher, weil das mit der Kurzbiographie dieses Mannes kommt als er das Buch betritt - warum? Ich weiss es nicht.

    Ab und an hat man den Eindruck, Hein ist foermlich berauscht von seinen eigenen Ideen - etwas nennt die kleine Tochter von Yvonne aus der vorigen Ehe den neuen Ehemann 'unlustig' (weil er einen so ernsten Eindruck macht) - diese Wortpraegung findet Hein so toll, dass es noch 5x im Text kommt - jedesmal mit der Erklaerung dass die Tochter das so gesagt hatte Verdammt ich weiss es, Christoph - DAS HAST DU VORHER GESCHRIEBEN! bin ich irgendwann versucht zu bruellen. Als Kuckuck mal in der Schweiz nach einer Stelle vorfuehlt, fuehrt uns Hein vor dass er Schweizerdeutsch kann (komischerweise reden in Berlin und Sachsen alle Hochdeutsch, aber was soll's...) - nur kann der Leser das halt nicht unbedingt, so dass der Gespraechspartner zwar Schweizerdeutsch redet aber nach jedem Halbsatz erklaert was er eigentlich meint - was das Gespraech dann voellig bescheuert wirken laesst.

    Ich kann kein kuenstlerisches Konzept hinter dieser Textstruktur erkennen, es liest sich einfach schlecht und hoelzern - hatte der Mann nicht mal einen Lektor?

    Schade, nachdem das Thema eigentlich echt was hermacht.

    Alchemistien salaisuudet (Die Geheimnisse der Alchemisten)

    Ich weiss nicht, ob jemand schon mal (fuer eine Geschichte etwa) eine Recherche zu mittelalterlicher Alchemie hinter sich hat. Meine Erfahrung ist - es ist praktisch unmoeglich, an iirgend eine Info zu kommen die halbwegs belastbar ist und hilft, irgendwas einzuordnen.

    Irgendwie bewegt sich jede Einordnung zwischen den Polen 'Vorform der Chemie die aus naheliegenden Gruenden kein Gold produzieren konnte; und 'spiritueller Praxis die die ganzen Laborarbeiten nur als Metaphern sieht'.

    Auch nur ein geordnetes Symbolsystem in dem klar wird, was 'Schwefel', 'prima materia', 'Elixier', 'rubedo' oder 'lapis' denn nun eigentlich bedeuten oder in welcher Beziehung sie zueinander stehen? Schwierig...

    Das war jetzt das erste Buch, das diese ganze Thematik mal fuer mich sinnvoll eingeordnet hat - wer hat eigentluch was gemacht, was gibt's wirklich als Quelle, was wird nur immer wieder erwaehnt, wie sieht ein alchemistischer Text eigentlich aus,was haben die Aegypter wirklich damit zu tun, wie kam die hellenistische Philosophie rein - alles sehr klar und uebersichtlich dargestellt.

    Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, da jemals einen Einblick zu bekommen - aber - echt gutes Buch.

    Project Hail Mary von Andy Weir

    Es ist selten auf einen SciFi Schriftsteller zu stossen der sich Gedanken ueber die Frage macht, ob Aliens und Menschen in der gleichen Geschwindigkeit denken wuerden (und noch seltener, dass er dann auch noch auf eine plausible Antwort kommt). In diesem Werk passiert es.

    Die Sonne wird von einem interstellaren Parasiten befallen der seinen Energiebedarf durch Sonnenlicht deckt und damit das Licht, das auf die Erde faellt, reduziert - in weniger als 20 Jahren wird die Erde auskuehlen. Andere Sterne in der Umgebung zeigen die gleiche Verdunklung - nur Tau Ceti, 12 Lichtjahren entfernt, nicht. In aller Eile wird also eine interstellare Expedition vorbereitet, die dem Geheimnis auf den Grund gehen soll.

    Ryland Grace wacht desorientiert nach einem langen Koma auf - seine Erinnerung ist durcheinander, er ist desorientiert, langsam begreift er, dass er an Bord eines Raumschiffs ist und beginnt sich an die Vorgeschichte zu erinnern. Zwei seiner Crewkameraden haben den Flug nicht ueberstanden, er ist alleine - aber bevor er noch voellig wieder auf der Hoehe ist, muss er mit einem anderen Problem fertig werden - er ist nicht alleine, ein anderes Raumschiff ist neben seinem - offenbar ist die Erde nicht der einzige Planet, der auf Tau Ceti nach einer Loesung sucht, und Grace muss alleine einen Erstkontakt mit einer fremden Spezies durchfuehren.

    ***

    Liest sich gut, trotz einer guten Dosis Sci - Weir hat seine Literatur zu Xenobiologie gelesen und hat auch generell Ahnung was er schreibt - logische Fehler kommen vor, sind aber selten und ohne tiefere Kenntnisse und Nachrechnen eigentlich nicht zu merken - definitiv Topliga was die Recherche angeht.

    Fuer Fans von SciFi absolut zu empfehlen.

    Ich lass mich jetzt mal zum zweiten Abschnitt aus...

    Siilistisch faengt das etwas holprig an (siehe unten), erzaehltechnisch frage ich mich - warum wird uns Nika als eine unbekannte Blondine vorgestellt, obwohl sie die Freundin der Protagonistin und Ich-Erzaehlerin ist?

    Das ist ein eher krasser Bruch mit der Erzaehlperspektive - niemand denkt sich 'ah, da kommt ein dunkelhaariger gutaussehender Mann durch die Tuer' wenn der Ehemann durch die Tuer kommt - wir folgen bei der Szene also garantiert nicht den Gedanken der Erzaehlerin - warum nicht? Bleibt unklar. Du verwendest einen Trick der aus einer anderen Erzaehlperspektive kommt (Spannung durch kuenstliche Verknappung der Information) hier bei einem Ich-Erzaehler wo er keinen Sinn ergibt.

    Inhaltlich frage ich mich dann - was ist das Problem von Nika? Sie kommt rein, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich - und faengt dann an irgendwelche geheimen Dinge zu besprechen waehrend alle auf sie schauen? Und der Protagonistin kommt das nicht komisch vor?

    Die Privatsphaere in einer Bar und an einem Tresen ist ja meiner Erfahrung nach sehr ueberschaubar (aka, jeder kann alles mithoeren, oft muss man auch gegen den Hintergrund anschreien).

    ***

    Als endlich die Mehrheit der Gäste gegen halb eins den Weg aus der Tür und in ihr kuscheliges Bett fanden

    Hier finde ich den Kontrast zwischen dem tollen Treiben in der Bar und den kuscheligem Bett eigenartig.

    Jay machte sich daran unserem Chefkoch Sunny in der Küche zur Hand zu gehen und aufzuräumen. Während Lana Tanner, Jays Schwester und unsere Kellnerin, und Mandy Trannton, ebenfalls unsere Kellnerin, sich schon einmal daran machten die nunmehr leeren Tische abzuräumen und abzuwischen.

    Hier wiederholt sich einiges

    Zu so später Stunde kam selten noch neue Gäste herein. Deswegen überraschte es mich dann doch das eine junge Blondine herein kam.

    Hier auch.

    Typisch, meine beste Freundin.

    „Nika?“, fragte ich überrascht meine hexische beste Freundin hier zu sehen.

    Auch hier.

    Ich zuckte nur mit den Schultern. „Wenn du meinst“, erwiderte ich und trank den Cocktail dann selbst, bevor ich ihn wegschütten musste.

    Das klingt so als kippt sie den Cocktail einfach runter - in den naechsten Zeilen erfahren wir aber, dass sie genau das nicht tut.

    Während unseres Gespräches waren auch die letzten Gäste gegangen.

    Das ist etwas raetselhaft - warum? Eine tolle Blondine kommt rein, alle Maenner stoehnen lustvoll auf (ja, ich fand das auch ein bisschen Klischee...), sie ist das Zentrum der Aufmerksamkeit, alle lieben sie - und gehen dann einfach, Weil's schon eins ist.

    Hm... auch das kenne ich aus Bars eher anders.

    Es ist Fantasy, was du schreibst (und alle hier). Ob dieser eine Hund nun in irgendwelchen realen Quellen belegt ist oder nicht, spielt für mich als Leserin keine Rolle

    Also, da muss ich jetzt widersprechen. Es ist eine Geschichte die in die reale Welt eingebettet ist, wir lesen von der recht realen Stadt Boston etc.

    Wenn man sowas macht, spart man sich viele Dinge beschreiben zu muessen - der Leser kennt die Gesellschaft im Prinzip schon,er weiss etwa was ein Sheriff macht und wie man sich eine Bar vorzustellen hat (bei einer komplett erfundenen Fantasywelt weiss der Leser halt nicht unbedingt was eine Tugendwache tut oder wie man sich einen Abend im Wegehaus vorzustellen hat und der Autor muss das beschreiben). - aber davon dann einzelne Elemente ausnehmen ist heikel.

    Es kann effektvoll sein eine Welt zu beschreiben die in vielen Details grade neben unserer ist (etwa wenn die Protagonisten in Washington D.C. unterwegs sind und dann am Hexagon aussteigen) - das muss aber sehr gut gemanaged werden. Und ich hatte nicht den Eindruck dass das hier der Plan ist.

    Eine fremde Mythologie in ein Setting der fast realen USA zu erfinden - davon wuerde ich dringend abraten.

    Kisa - warum ist der Name des Hundes so wichtig? Ist der den Aerger wert dass er nicht einfach Kerberos heisst? (Ja, mich irritiert sowas auch kolossal...)

    Ich hätte gern ein bisschen Feedback zum Auftakt des dritten Teils um zu Hören, wie ihr das so findet :loveyou:

    Okay, ein paar kurze Eindruecke:

    * Die Szene finde ich fuer einen Einstieg gut gewaehlt, da kommt man ohne viel Erklaerungen in die Handlung rein und Du hast Gelegenheit, gleich mal zu zeigen was fuer Action bei Dir zu haben ist

    * Handwerklich finde ich ist Luft nach oben - zum Beispiel nennst Du Ramm im ganzen ersten Teil 'Schatten' und dann wechselst Du irgendwann auf seinen Namen ohne dass da ein erzaehlerischer Mehrwert erkennbar waere. Im Einstieg erfahre ich erst spaet und indirekt (aus der Tatsaeche dass der Handwerkerdistrikt offenbar schlaeft dass es Nacht ist. Also - ich beginne die Szene mit 'wolkenverhangenem Himmel', stelle mir das vor - und mache dann in meiner Vorstellung den Himmel wieder unsichtbar - irritiert.

    Komischer finde ich allerdings diese Kombo:

    Der Himmel war wolkenverhangen

    in das fahle Mondlicht

    wo kommt das Mondlicht so her wenn der Nachthimmel wolkenverhangen ist? Selbst wenn die Wolken ein bisschen durchscheinend sind, wirft ein Kamin da wohl kaum einen tiefen Schatten. Irgendwie geht die Szene nicht zusammen. Spaeter ist dann auch noch der Moind weg

    Gegen das fahle Licht der Sterne

    und da muss ich dann sagen, gegen das Licht der Sterne unter wolkenverhangenem Himmel sieht man - egal ob mit einem oder zwei Augen - gar nichts mehr.

    Was die Frage aufwirft - verwendet denn keiner in dieser Stadt Laternen oder Lampen? DAS muesste von den Daechern zu sehen sein, die Strassen gefuellt von Lichtpunkten...

    * Ein paar subtile Punkte fallen mir auch auf:

    Das vollmundige Peitschen der Sehne und die dumpfe Vibration die seine Schulter hinaufschnellte waren seine Belohnung.

    Leer zu feuern ist nicht nur eine gute Moeglichkeit, entdeckt zu werden (macht Laerm) sondern auch die Waffe vorzeitig zu ruinieren. Weder ein Bogen noch ein Armbrust sind gemacht um die Kraft beim Abfeuern einfach abzufedern - wenn die Energie des Wurfarms nicht in das Geschoss geht, dann muss sie komplett in die Wurfarme - und die reagieren alles andere als mild darauf. Mit einem Kinderbogen kann man das machen, aber schon mein 40 Pfund-Langbogen findet das gar nicht gut (und hat mit einer angerissenen Sehne reagiert als mir das mal schief gegangen ist.)

    Es wirkt hier unprofessionell.

    "Anlegen, Feuer!"

    'Feuer' ist ein Kommando aus der Zeit der Arkebusen wo man die Lunte anzuenden musste. Falls es keine Schiesspulverwaffen in Deiner Welt gibt, wuerde ich das hier nicht verwenden.

    * stoerend empfinde ich auch das Timing der Rueckblende - dieser lange Text

    Nachdem Korm in die Kammer des Abtes gerufen worden war, hatten Elban und er unten missmutig in den Katakomben gewartet. Stunden später war Korm in ihrer Zelle aufgetaucht, hatte beide Angewiesen ihre Sachen zu packen und war ohne ein Wort der Erklärung wieder verschwunden. Als sie später auf dem Luftschiff, dass sie zurück zur Festung bringen sollte, aufeinander trafen, offenbarte ihnen Korm den Auftrag, den er vom Abt persönlich erhalten hatte. Scheinbar hatte sich einer der Verfluchten, mit denen der Verräter zusammen den Einen befreit hatte, im Kloster von Kargeborn gemeldet. Als die Inquisitoren allerdings wenig später versucht hatten, den Verfluchten auf der Insel, die er als Heimat angegeben hatte zu fassen, wurden sie enttäuscht. Jemand der auf die Beschreibung des Verräters passte, war aufgetaucht und hatte die Insel gemeinsam mit dem Verfluchten verlassen. Der Abt hatte bereits verschiedene hochrangige Inquisitoren zu den größten Inseln geschickt um die Flüchtlinge ausfindig zu machen. Ihr Trupp war zurück zur Burg beordert worden, mit der Anweisung, alle ihre Kontakte im Königreich zu nutzen, um den Verräter, sollte er sich zeigen, zu stellen und den Verfluchten nach Welmor zu bringen. Dafür, so erzählte ihnen Korm, hatte der Eine ihn ein spezielles Geschenk gemacht.

    kommt mitten in einer Actionsequenz! Soll ich annehmen dass sich ein Assassine komplett in Erinnerungen verliert waehrend er sein Ziel verfolgen soll?

    Will ich das als Leser zu diesem Zeitpunkt lesen (nein. ich will wissen wie die Jagd weitergeht, warum sie stattfindet will uch spaeter).

    * das Level an explizitem Ekelfaktor am Ende ist Geschmacksfrage - mein Ding ist es hier nicht, aber das sehen andere Leser vermutlich anders.

    Nach ein wenig sacken lassen - ich find' das Experiment schon interessant.

    ***

    Einmal wuerde man die Software am ehesten dran erkennen, dass sie logische Brueche produziert - je weiter im Text entfernt, desto wahrscheinlicher.

    Zum Beispiel wird die Szenerie erst geschildert als

    In dieser Nacht fand er sich auf einer weiten, farnbewachsenen Hochebene wieder.

    aber spaeter ist sie ganz anders:

    aus dem Dickicht der Mammutbäume trat ein Wesen,

    Solche Fehler machen menschliche Autoren natuerlich auch - aber selten auf einer so kurzen Strecke.

    ***

    Dann sind viele der Metaphern und Bilder der Software ein bisschen schraeg, z.b. das 'Dickicht der Mammutbaeume' (wenn man sich mal einen Wald von Redwoods anschaut, dann ist der recht offen und hat eben kein Dickicht - die Redwoods brauchen viel Platz und stehen weit auseinander)

    Oder das 'als hätte jemand am Tuch des Universums gezogen' - es macht Sinn, den Nachthimmel als Flaeche zu betrachten und mit einer Tuchmetapher zu versehen- aber wenn man vom Universum redet, passt das eher nicht.

    Oder das 'Maul des Vulkans'...

    Die Vorliebe der Software korrelliert also nicht mit einem besonders gekonnten Einsatz.

    ***

    Ich glaube, was mir am meisten auffaellt, ist, dass die Geschichte keine Idee dahinter hat - es ist alles nur Oberflaeche.

    Formal wuerde ich keinen der beiden Texte als Kurzgeschichte auffassen - es sind kurze Geschichten, aber es fehlt irgendwie das zugespitzte Geschehen einer Kurzgeschichte - der Punkt warum die Geschichte erzaehlt wird.

    Aber 20thcenturyman - in Deinem Text schimmert eine Faszination fuer Tommy durch. Die Art wie er Zahlen zum Mond runterrasseln kann (die wohl aus einem Astronomiesachbuch kommen) und dann Sternbilder erfindet, ueber sein Smartphone nachdenkt - das faengt irgendwie einen Jungen in dem Alter ein. Ich nehme da einen Eindruck mit.

    Bei dem Text der Software ist das nicht so - das ist praktisch alles Huelle, teils glitzernd, teils geht der Lack ab - aber Inhalt ist nicht zu erkennen. Was ist der Punkt der Geschichte? Ich zucke etwas mit den Schultern, Tommy bleibt mir fern und fuegt sich nicht zu einem plausiblen Charakter, das Geschehen ist schon anschaulich erzaehlt, aber fuegt sich nicht zu einem Spannungsbogen - im Endeffekt ist es halt ein Text, keine Geschichte und ganz bestimmt keine Kurzgeschichte.

    Katzen und der Sinn des Lebens von John Gray

    Ein Streifzug durch philosophische Fragen - immer mit der Frage im Kopf 'was wuerde eigentlich eine Katze dazu denken?' Es geht um Fragen wie das Streben nach Glueck und einem guten Leben, Liebe, Ethik und Altruismus und auch die Rolle von Philosophie selbst.

    Gray ist Vertreter der These, dass rationale Systeme und Denkschulen komplett ungenuegend sind um tatsaechlich ein gutes Leben zu fuehren. Obwohl ich seine These im Prinzip teile, bin ich dann doch etwas schockiert wie schnell er die Stoiker und Epikureer, Marc Aurel oder Descartes einfach als 'offensichtlich falsch' zur Seite fegt.

    Naja - die Katze jedenfalls haelt wohl vieles von dem, was Menschen gemeinhin so machen, fuer sehr kurios. Statt einfach in der Sonne zu liegen und jetzt zufrieden zu sein, werden immer Plaene gemacht die dazu fuehren dass man irgendwann anders zufrieden sein soll - was dann in der Regel Probleme hat. Statt einfach ihrer Natur nach zu leben erfinden Menschen fuer sie komplett unnatuerliches Verhalten (keine Katze wuerde auf die Idee kommen, Artgenossen in ein Konzentrationslager zu sperren) - um was genau zu erreichen?

    Gray's These ist da, dass Denken oft hinderlich ist und das Leben eher ungluecklich machen kann - die Katze ist da pragmatischer und besser dran.

    Jeder, der (wie ich) die Katze schon lange fuer die ueberlegene Lebensform haelt, kann hier eine verwandte Seele lesen.

    Kann man daran KI-Texte erkennen?

    Die deutlichsten Anzeichen finde ich eigentlich inhaltlich und stilistisch.

    Anhand der Präzession und der ungewöhnlichen Dichte des Milchstrassenbandes kombinierte er messerscharf. Er musste sich in der späten Kreidezeit befinden, etwa vor 70 Millionen Jahren.

    Tommy kann messerscharf aus einem 26.000 Jahr-Zyklus (passen immerhin 2692.Praesessionszyklen in die 70 Millionen Jahre) und der mittleren stellaren Evolution der Milchstrasse die Zeit ermitteln in der er ist - ich gebe zu ich waere ueberfordert damit.

    Auf der anderen Seite lernt er grade das

    Während Herr Meyer über die Bruchrechnung dozierte,

    Hm... Ein Mathegenie sitzt kommentarlos in einer Klasse ueber Bruchrechnung.

    ***

    Fehler gibt's allerdings auch auf der anderen Seite

    In 100 Milliarden Jahren summierte sich das auf etwa 5000 Kilometer.

    Millionen, nicht Milliarden. so alt ist das Universum gar nicht...

    Die Idee aus der visuellen Groesse des Mondes (die ja ohne Hilsfmittel auch nicht so wahnsinnig toll zu messen ist) die Epoche zu bestimmen ist genauso zum Scheitern verurteilt wie die Idee, die Praezession der Erdachse zu Hilfe zu nehmen.

    Nur wird sie halt nicht wieder in der Schule aufgenommen...

    ***

    Im Tagtraum war er kein Beobachter; er war Beute. Die Unverwundbarkeit war der Preis für die Dunkelheit der Nacht.

    Der zweite Satz ist ein komplettes non-sequitur - die Unverwundbarkeit ist kein Preis den er zahlt...

    Er konnte die raue, warme Haut eines schlafenden Triceratops berühren oder seine Hand in das brodelnde Maul eines Vulkans stecken, ohne mehr als ein angenehmes Kribbeln zu spüren.

    Die beiden Beispiele in einem Satz zusammen machen keinen Sinn - einen schlafenden Triceratops zu beruehren ist nicht gefaehrlich - und ein Vulkan hat kein Maul sondern einen Krater, der ist ein gut Stueck groesser als eine Hand oder ein Maul, das Bild ist schraeg - aber Lava ist tatsaechlich gefaehrlich.

    Er suchte nach dem Kreuz des Südens und der Position des Polarsterns, aber das Firmament sah völlig fremd aus.

    Fuer jemanden der profunde Kenntnisse von Astronomie hat, ist 'und' hier recht deplatziert. Der Polarstern ist nahe dem noerdlichen Himmelspol, das Kreuz des Suedens nahe dem suedlichen - schwer gleichzeitig am Himmel zu sehen.

    'oder' waere das inhaltlich passende Wort.

    ***

    Sie hat einen blumigeren Stil als ich und einen Hang zum Pathos und zu Phrasen.

    Glaube ich nicht - die Software ahmt ja irgend einen menschlichen Schreiber nach, wenn Du einen bestimmten Stil verlangst, dann ahmt sie halt einen anderen nach - die logischen und stilistischen Fehler allerdings sind eingebaut wenn man Verstaendnis fuer eine Szene durch Statistik ersetzt.

    Ausserdem tut die Software tatsaechlich, was ihr aufgetragen wurde - Du nicht. Du haengst Dich weitgehend mit der Bewegung des Mondes auf (irgendwie hat Dich die Idee begeistert) und aus Deinem Text kommt nicht heraus dass Tagtraeume gefaehrlich sind.

    Die Figuren sind leider doch eher zweidimensional. Ich empfinde die ganze Clique (Robin, Ramy, Victoire und Letty) als ein tolles Gespann mit Chemie und Dynamik, und doch ... sind die Figuren auch mal über etwas anderes als ihre Herkunft und der Zerrissenheit daraus definiert?

    Ja, das war so genau mein Gedanke bei dem Buch - die erste Haelfte wo es um Uebersetzung ging fand ich toll und subtil - und dann, im zweiten Teil, kann man praktisch an der Hautfarbe ablesen wer gut und wer boese ist, Subtilitaet braucht es da nicht mehr wenn die politische Richtung stimmt.

    Da ist der Tenor in etwa, dass der große Punkt - der akademische Betrieb ist die Hölle - sehr früh gemacht wird und dass das Buch sonst wenig anderes zu bieten hat.

    Ich wuerde dazu sagen dass Kuang da intelligenter schreibt (mir scheint da persoenliche Erfahrung mitzuschwingen - und das resoniert natuerlich bei mir...)

    Mir scheint nicht dass sie auf den Punkt rauswill, dass der akademische Betreib die Hoelle ist - sondern eher, dass der Mensch sich seine Hoelle macht und der akademische Betrieb dazu einen guten Aufhaenger gibt.

    Wir lesen naemlich die ganze Zeit wie Alice rationalisiert was passiert, wie sie sich den Schuh anzieht dass das alles normal ist etc.- aber wir lesen auch als Kontrapunkt Elsbeth die auf die inhaerente Laecherlichkeit der Veranstaltung hinweist.

    Der Punkt ist - glaube ich - irgendwie dass niemand Alice jemals zwingt ueber jedes Stoeckchen zu springen und sich das Leben zur Hoelle zu machen - sondern sie will das so. Sie waehlt Konkurrenz mit den Mitdoktoranden statt Freundschaft, sie entscheidet sich fuer den schwierigen Betreuer weil sie glaubt dass sie es drauf hat die Herausforderung zu meistern,...

    (Und ich sehe da nicht nur die vor mit die das genau so gemacht haben, sondern ich kontrastiere das auch mit unserem Haufen von Doktoranden der ein hervorragendes Verhaeltnis miteinander hatte und sich gegenseitig unterstuetzt hat, mit Betreuern die uns ermoeglicht haben mit den Leuten zu reden die wir gebraucht haben - und frage mich - warum haben wir das anders gemacht? Warum war es nie - wirklich nie - ein Problem dass ich um 5 nach Hause gegangen bin und mir die Wochenenden frei gehalten hatte?)

    Als meine Freundin Katabasis gelesen hat, hat das jedenfalls mein Interesse geweckt, mal Dante zu lesen.

    Ich fand's in der englischen Uebersetzung (mein Italienisch ist da bei weitem nicht ausreichend :() eigentlich ganz lesenswert. Klar - es gehen viele Dinge unter, aber wenn Du nicht grade den politischen Kontext der Zeit hast, gehen auch ganz viele Anspielungen ins Leere...

    Katabasis von Rebecca F. Kuang

    Nach dem Tod ihres Betreuers in einem missglueckten magischen Experiment beschliesst die Doktorandin Alice, die Seele ihres Doktorvaters wieder aus der Hoelle zu holen - immerhin hat sie schon ein paar Jahre ihres Lebens in ihre akademische Karriere investiert und will nicht mit einem anderen Betreuer noch mal anfangen.

    Im letzten Moment begleitet ihr Mitdoktorand Peter sie auf dem Abstieg (das bedeutet der Titel) ins Jenseits.

    Denn... so ganz unschuldig sind beide nicht am Unfall.

    Klingt eher wie ein humoristischer Plot, das ist das Buch aber ganz und gar nicht. Denn Kuang weiss - die Hoelle ist, was die Menschen draus machen. In diesem Fall der akademische Betrieb.

    Kapitel die - fast wie bei Dante - die einzelnen Regionen der Hoelle beschreiben wechseln mit Erinnerungen von Alice und Peter an ihre Zeit in Cambridge vorher und Kuang ist subtil genug, den Leser selber die Zusammenhaenge finden zu lassen. Denn weder Alice noch Peter waren besonders gluecklich in ihrer Forschung. Wir lesen vom subtilen Ausspielen der Doktoranden gegeneinander, von uebermuedeten 20 Stunden-Tagen im Labor, von Forschungspreisen deren Gewinner schon von den wichtigen Seniorforschern benachrichtigt wird bevor noch die Bewerbungsfrist vorbei ist, von Arbeiten bei denen sich der Betreuer mal als Autor draufschreibt- oder den Doktoranden gar nicht erwaehnt, von einem Doktoranden der im Krankenhaus liegt und sich sagen lassen muss was fuer ein Versager er ist dass er es nicht ins Labor schafft und von einem Selbstmord.

    Und man kann dann puzzeln, was das alles mit 'Pride', 'Cruelty', 'Tyranny' und den anderen Kreisen der Hoelle zu tun haben mag.

    Angereichert ist das mit Kuangs drittem - schon wieder ganz verschiedenen - Konzept von Magie- diesmal sind es Paradoxien aus denen Magie entsteht, etwa das Haufen-Paradox ('ein Sandkorn entfernen macht keinen Unterschied zwischen einem Haufen und einem nicht-Haufen - aber wenn man es immer wieder tut ist das Ergebnis ein nicht-Haufen') erlaubt, Wasserflaschen zu bauen aus denen beliebig viel Wasser kommt, das Banach-Tarski Paradox erlaubt exakte Kopien von Gegenstaenden zu machen etc. - das ist recht witzig, weil das zu unterhaltsamen Gedankenspielen fuehrt - wer solche funkelnden Idee mag die in die Luft geworfen werden und da glitzern kommt auf seine Kosten, fuer das Verstaendnis der Geschichte ist es aber nicht wichtig.

    Im Kern ist es eine Geschichte des Bewusstwerdens - durch die Hoelle im Aussen wird Alice und Peter so allmaehlich klar, dass die eigentliche Hoelle wohl eher im Inneren zu finden war. Nur - ist es irgendwann nicht zu spaet fuer diese Erkenntnis?

    Ich wuerde gerne sagen dass Alice und Peter samt ihren Erfahrungen zugespitzt sind und die ganze Geschichte ueberdreht ist - aber ich kenne solche Leute in real. Uebermuedete 20 Stunden-Schichten im Labor, die Hoffnung dass wenn man jetzt noch die 5 Jahre durchaelt, das Hamsterrad endet (nee, tut es nicht), die Doktorandin die mit dem 30 Jahre aelteren Professor liiert ist (wie freiwillig auch immer), der Forschungspreis dessen Ergebnis vorher feststeht,...die Hoelle kann so nah sein:tired:

    Ein bisschen eine Schwaeche finde ich, dass Kuang ungern Stimmungen und Atmosphaere schildert, ich finde es alles sehr plotgetrieben erzaehlt, und manchmal haette ich mir (wie bei ihren anderen Buechern oft auch) mehr Beschreibung gewuenscht.

    Aber ansonsten - ihr bestes Buch bisher, die Hauptfiguren finde ich klasse eingefangen und stark erzaehlt, der Plot ist ueberzeugend und die Ideen um die sich das Buch rankt sind reichlich.

    Learn to Read Ancient Sumerian von Joshua Bowen und Megan Lewis

    Vor ein paar Jahren hab' ich schon mal versucht mir Sumerisch und Keilschrift beizubringen, damals kam mir eine Krise in die Quere - jetzt also wieder. Dieses Buch als Einstieg.

    Man kann... nicht waehlerisch sein wenn man Einfuehrungen in eine 4000 Jahre alte Sprache sucht. Das meiste Material ist akademisch und/oder recht alt.

    Trotzdem ist man damit wohl besser bedient. Ich hab' noch nie so einen schlecht gemachten Sprachkurs gesehen (und ich hab' schon viele gesehen und durchgearbeitet):(

    Gut gemeinte Vereinfachungen sind halt nicht immer gut gemacht.

    Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass Sumerisch eine ergative Sprache ist, die Autoren aber partout alles mit englischer Grammatik erklaeren wollen.

    Also - in einer ergativen Sprache beschreiben Verben - grob gesprochen - ein Geschehen, keine Taetigkeit wie auf Deutsch oder Englisch. Das Verb nimmt dann immer ein direktes Objekt, aber nicht immer ein handelndes Subjekt. Einfache Saetze koennen dann auf Deutsch impersonal, passiv oder intransitive Saetze darstellen. Also

    'es passiert Bauen fuer ein Haus' = ein Haus wird gebaut (passiv)
    'es passiert Sterben fuer einen Mann' = ein Mann stirbt (intransitiv)
    'es passiert Sterben fuer einen Mann durch einen Krieger' = der Krieger toetet einen Mann' (transitiv)
    'es passiert Sterben' = 'es wird gestorben' (impersonal, passiv)

    Wenn man das mal verinnerlicht hat (und das dauert eine halbe Stunde) ergibt die ganze Logik der Sprache inneren Sinn - man weiss sofort wo und warum Pronomen kommen muessen, warum Relativsaetze so funktionieren wie sie es tun, wie das Partizip uebersetzt werden muss,...

    Bowen und Lewis erklaeren aber alles in englischer Grammatik - und da ergibt halt nichts irgend einen Sinn sondern ist ein einziger Wust von Regeln die sich scheinbar willkuerlich aendern je nachdem ob das Verb im englischen hetzt transitiv ist. Schlimmer noch - weil die meisten Leser vermutlich englische Muttersprachler sind, muessen sie die englische Grammatik erklaeren (normalerweise kennen Leute die Grammatik der Muttersprache ja nicht explizit) - nun will aber niemand Englisch in Sumerisch uebersetzen, sondern das Ziel ist einen existierenden sumerischen Text zu lesen - und dazu waere eigentlich die sumerische Grammatik hilfreicher...:S

    Dann sind die Beispiele fuer die englische Grammatik leider aber auch oft falsch gewaehlt - 'to walk is an intransitive verb, you cannot walk 'something' - doch, kann ich, 'I can walk my dog'...

    Beim Durcharbeiten der Lektionen stellt sich dann raus - das Vokabular enthaelt Woerter die nicht in den Uebungstexten vorkommen, die enthalten dafuer Woerter die nicht im Vokabular vorkommen, oft nicht mal in der grossen Vokabelliste am Ende, man kann sie ja online nachschlagen,... man lernt Zeichen die man erst 5 Lektionen spaeter fuer Leseuebungen braucht (und bis dahin wieder vergessen hat, weil - man uebt sie ja nie), dann verwenden die Leseuebungen auch Zeichen die noch gar nicht eingefuehrt waeren (kann man ja raten?)

    Alles in allem ist die Frustschwelle bei den Uebungen so hoch, man weiss nie ob man's nicht kapiert hat, ob man was vergessen hat oder ob das Buch einfach wieder was erwartet was nicht erklaert war - probegelesen hat das Werk anscheinend niemand...

    Angeblich sind die beiden fuehrend darin, die Assyrologie der Oeffentlichkeit nahezubringen.

    Wenn dem Feld also demnaechst alle Forschungsgelder gestrichen werden - ich weiss warum...

    (Ich lerne inzwischen mit Introduction to Sumerian Grammar von Daniel Foxvog als Unterstuetzung - das ist eine akademische Referenzgrammatik, ein bisschen grosskalibrig fuer einen Anfaenger, aber mit einem Hintergrund als Hobbylinguist packt man das...)

    Snow Crash von Neal Stephenson

    Ein Cyberpunk-Roman von 1992 (!) - damals schon ziemlich spannend, inzwischen kann ich auch viele der Nebenstraenge besser schaetzen. Manches gewinnt auch aus der heutigen Sicht, zum Beispiel fuehrt Stephenson das Konzept des Meme ein (ohne diese Bezeichnung zu verwenden), es gibt eine Software namens Earth durch die alle geospezifischen Daten verlinkt sind, es gibt ein Metaverse in dem die Nutzer mit ihren Avataren unterwegs sind...

    Was mich damals schon ziemlich angefixt hatte - das Buch geht ueber die Thematik - inwieweit kann man das menschliche Gehirn mit einem Computer vergleichen - und wenn der Vergleich zutrifft, kann man das Gehirn 'hacken' wie man das Betriebssystem eines Computers hacken kann? Stephenson hat wahnsinnig Hintergrundwissen, es kommen Bezuege auf die sumerische Sprache, auf Religion, Linguistik - und ebenso beschreibt er tatsaechlich plausible Hacks in seinem Metaversum (was nicht jeder Cyberpunk-Autor tut...)

    Eingebettet ist das in eine auf ihre Art ziemlich witzige Dystopie - Hiro Protagonist beginnt die Geschichte als bewaffneter hochgeschwindigkeits-Pizzalieferfahrer fuer die Mafia (niemand liefert besser Pizza aus...), im Zuge einer missglueckenden Auslieferung rettet ihm Y.T. ('your's truly'), eine 15-jaehrige Skateboard-Kurierin den Arsch, durch Hiros Vergangenheit als Hacker stolpern beide aber in etwas das Hiros Ex-Freundin 'Infocalypse' genannt hat - naemlich dass ein Medienmogul versucht, tatsaechlich Hacking mit dem menschlichen Gehirn zu betreiben.

    Im Zuge der Geschichte lernen wir ein Amerika kennen das von verschiedenen Firmen in Parzellen die teilweise schon ihr eigener Staat sind aufgeteilt ist - so gibt es 'Mr. Lee's Greater Hong Kong', Narcolombia oder eben Nova Sicilia, man wohnt in ueberall identischen Enklaven wie 'The Mews at Windsor Heights', die nationale Sicherheit macht 'Admiral Jim's Global Security' und - nun ja, fuer Gerichtsurteile wendet man sich an 'Judge Bob's'.

    Zwischendrin liegen noch einzelne Parzellen Fedland.

    Und ein paar Individuen sind ihre eigene Atommacht...

    Das alles wirkt so herrlich absurd - aber verstanden habe ich es erst als ich dann in USA gewohnt habe und die gated communities und die Malls kennengelernt habe - total nach aussen abgeschlossene Themenparks in denen man wohnt oder Einkauft (Southpoint Mall war ein sehr schraeger Nachbau eines italienischen Stadtkerns...)

    Man kann das gar nicht richtig beschreiben, das Buch ist ein einziges Trommelfeuer an Ideen - Technologie, Gesellschaft, Plottwists- aus einem Zehntel dieses ganzen Materials koennte man schon einen guten Roman machen, Stephenson legt einfach nach und nach...

    Definitiv lesenswert.

    Das Buch Corum von... Michael Moorcock

    Corum ist, neben Elric, Erekose oder Dorian Falkenmond, eine andere Inkarkation des Ewigen Helden, angesiedelt in einer keltischen Mythologie (wo er auch das eine oder andere Mal als Elfenprinz bezeichnet wird).

    Die Geschichten zerfallen klar in zwei Teile - der erste ist ein (fuer Moorcock) klassischer Multiversumpart in der Corum fuer de Lords der Ordnung gegen die des Chaos zu Felde zieht und dabei munter Existenzebenen wechselt und auch in England landet, der zweite Teil bleibt strikt keltischer und geht in eine Irische Richtung indem er den Kampf der Mabden (Menschen) gegen die Fhoi Myore beschreibt, fuer den Corum in jedem Buch eine Quest nach legendaeren Artefakten vollbringen muss (aber nicht die Ebenen wechselt).

    Der zweite Teil gefaellt mir deutlich besser - die Stimmung des frostigen Landes das vom kalten Volk besetzt wird ist gut eingefangen und vor allem sind die Brueche in der Stimmung und Geschichte wenn schon wieder Existenzebene gewechselt wird da nicht drin.

    Trotzdem kommt Corum fuer mich bei weitem nicht an Elric ran - einmal ist er halt der Gute der gegen die klar Boesen ins Feld zieht, mit Ambivalenz ist wenig, und zum anderen sind seine inneren Konflikte ueberschaubar - noch der schlimmste ist im zweiten Teil on er sich neu verlieben kann, nachdem er seine Frau Rhalina beerdigt hat und ein Jahrtausend in die Zukunft gereist ist (er kann, der Konflikt dauert nur weniger Seiten).

    Ich raetsle immer wieder ueber Moorcock - mit einigen der Elric Geschichten ist ihm fuer meine Begriffe was ziemlich herausragendes gelungen, aber viele der anderen Geschichten bleiben unter ihren Moeglichkeiten.

    Der Seelendieb von Michael Moorcock

    Ich wuerde gerne hier diese Elric-Novelle vorstellen, weil sie fuer mich ganz gut zusammenfasst wie Moorcock at his best schreiben kann (und was ich da so faszinierend finde).

    An der Oberflaeche ist es eine Rachegeschichte - Elric hat die letzte Konfrontation mit dem Pan Tangischen Zauberer Theleb K'aarna (der schon in einigen Novellen vorher Gegenspieler war). Theleb K'aarna ist in den Diensten des reichen Kaufmanns Nikorn und Elric, sobald er davon erfaehrt, ist bereit in den Diensten von anderen Kaufleuten gegen Nikorn zu agieren.

    All das ist Teil des Dreiecks Elric - Theleb K'aarna - Yishana, die letztere ist Koenigin von Jharkor, in die Theleb K'aarna rettungslos verliebt ist, die ihrerseits Elric will, der sie aber als wenig mehr als einen Zeitvertreib betrachtet hat. Yishana hat einen Regenten ernannt und lebt bei Theleb K'aarna, aber nur weil sie Geruechte gehoert hat dass Elric in der Gegend ist.

    Zufaellig ist Elrics Jungenfreund Dyvim Tvar mit einer Einheit von melniboneischen Soldaten in der Gegend, die auf eigene Rechnung Kreig fuehren seit ihre Heimat Imrryr (von Elric, der eigentlich rechtmaessiger Herrscher ist) zerstoert wurde. Das Wiedersehen ist angespannt, aber Dyvim Tvar willigt ein, sich gegen einen gemeinsamen Feind zusammenzutun.

    Theleb K'aarna bekommt allerdings Wind von der Sache und beschwoert ein Wesen herauf gegen das Elric seine Magie einsetzen muss - und als Elric geschwaecht ist, schafft der Pan Tangier es, ihn gefangenzunehmen und ihm das Schwer Sturmbringer, ohne dessen Energien Elric koerperlich schwach und praktisch hilflos ist, abzunehmen. Theleb K'aarna paresentiert den hilflosen Elric Yishana, die sich von ihm abwendet.

    Nikorn, der ein anstaendiger Mensch ist, gibt Elric - der ihm zu dem Zeitpunkt ja nichts getan hat - frei gegen das Verpsrechen, nichts gegen ihn zu unternehmen.

    Elric auf der anderen Seite laesst seinen Freund Mondmatt nachts in Nikorns Zitadelle eindringen, Yishana kontaktieren und sie Sturmbringer stehlen lassen. Als Elric seine Waffe wieder hat, beschwoert er WIndgeister herauf, Theleb K'aarna kann nur Feuergeister zur Verteidigung aufbieten, die Melniboneer stuermen Nikorns Burg waehrend der magische Kampf tobt, Dyvim Tvar und Theleb K'aarna werden getoetet, der (zu Recht) wuetende Nikorn greift Elric an der ihn mit Sturmbringer erschlaegt und seine Seele raubt.

    Man folgt in der Geschichte Elric und versteht irgendwie seinen Drang, Rache zu nehmen und die Demuetigung zu ueberwinden - aber wenn man einen Schritt zuruecktritt, sieht man die ganze sinnlose Tragik. Theleb K'aarna ist vom Naturell her eigentlich eher ein Gelehrter als ein Krieger, nur seine unglueckliche Liebe zu Yishana bringt ihn dazu, die Konfrontation zu suchen. Eigentlich sind er und Elric keine Rivalen - Elric macht sich nichts aus Yishana, nur will sie das nicht wahrhaben.

    Der einzige der ehrenhaft agiert ist Nikorn - Theleb K'aarna hat eigentlich gewonnen, Elric kann die Situation nur dadurch drehen dass er sein Versprechen gegenueber Nikorn bricht und Yishana benutzt - der 'Held' der Geschichte handelt hier komplett unehrenhaft und unfair. Nikorn aber wird auf grausamte Weise fuer seinen Anstand bestraft waehrend die ganze Racheaktion sinnlos das Leben von Dyvim Tvar fordert.

    Ich finde hier sowohl das Anti-Helden Thema (Elric hat viele Grauzonen) als auch den Kontrast zwischen der emotionalen Wahrnehmung der Ereignisse aus Elrics Blickwinkel und der komplett anderen distanzierten Wahrnehmung was eigentlich passiert sehr reizvoll. Dazu kommt, dass ich die Magie in der Novelle sehr unaufdringlich und stimmungsvoll geschildert finde (und dass noch ein paar nette kleine Twists drin sind).

    Alles in allem ist die Geschichte gar nicht mal lang, aber sie liefert Spannung und Philosophie auf mehreren Ebenen, baut eine gute Atmosphaere auf und haelt sie durch und ist auch gut in den Rahmen der anderen Novellen eingebettet.

    Wenn Moorcock so erzaehlt, gefaellt mir das viel besser als seine wilden Trips durch's Multiversum wie sie Erekose erlebt oder in der Rache der Rose vorkommen...

    Ich denke, ich hatte mich zu dem Zeitpunkt, als ich bei diesem Buch ankam, daran gewöhnt, dass die "Romane" über Elric eigentlich Novellensammlungen sind.

    Yep - bis auf 'Elric von Melnibone' und 'Sturmbringer' (der erste und der letzte der sechs), die haengen inhaltlich zusammen und die lese ich als Romane.

    Moorcock scheint mir jedenfalls in diesem Novellenformat ganz stark zu sein.

    Stimme ich zu - die Novellenteile gefallen mir eigentlich am Besten an dem Zyklus.:)

    Revenge of the Rose (Die Rache der Rose) von Michael Moorcock

    Ich mochte den anderen späteren Band "Die Rache der Rose" deutlich lieber.

    Meh - nach 2/3 des Buches ist mein erster Eindruck - lieblos dahingeschrieben.

    Es geht los mit dem Ende einer epischen Schlacht die Elric geschlagen hat, die, genauso wie die Graefin Guye die da auf seiner Seite kaempfte, ist schon nach wenigen Seiten vergessen und unwichtig. Elric wird kurz in die Vergangenheit Melnibones entfuehrt, wir bekommen ein Kapitel interessante Infos ueber die Dracheninsel und die Drachen, der Geist seines Vaters gibt ihm einen Auftrag - und -zack - sind wir wieder in der Gegenwart, die ganze Info zu Melnibone und Drachen ist irrelevant und nichtmal die Suche nach der Rosenholzbox die die Seele von Sadric enthalten soll hat spaeter viel Raum.

    Statt dessen geht's irgendwie durchs Multiversum, wie in einer typischen Erekose-Geschichte treffen wir Menschen aus unserer Welt, Elric trifft 'The Rose', eine Kriegerin die er mal eben als Gefaehrtin akzeptiert, wir lernen die ewig rollende Gypsy-Nation kennen - es wird lang und breit die Philosophie dieser Staatsform diskutiert - bevor auch das Thema (buchstaeblich) schnell in der Versenkung verschwindet ('and now to something completely different').

    Spaeter sind Szenen die was hergeben wuerden, etwa die Fahrt durch die Riffs in das schwere Meer - aber die werden auch mal schnell runtererzehlt.

    Nach 2/3 des Textes vermisse ich einen Plot (worum, ausser dass Elric zufaellig von einer in die naechste Situation geworfen wird, geht's eigentlich hier?), eine Stimmung die den Text tragen kann (ich habe zur Probe 'Waehrend die Goetter lachen gegengelesen - Elric geht mit Shaarilla auf Suche nach dem Buch - die Geschichte bleibt bei ihren Themen, baut starke Stimmungen auf und leitet die sinnvoll ineinander ueber - finde ich dementsprechend stark).

    Vor allem finde ich Elric hier komplett austauschbar. Er tut eigentlich nichts ausser in die Richtung laufen in die irgendjemand ihn schickt, er handelt wie ein X-beliebiger Held und aergerlicherweise widerspricht sich Moorcock auch noch - die Praemisse war ja mal, dass Elric, solange er Sturmbringer hat, keine Drogen braucht um seine Kraefte zu regenerieren - scheint hier vergessen. Und wie kann er einen Drachen kennen, wenn die 100 Jahre schlafen nachdem sie einen Tag aktiv waren? Jeder Drache mit dem er in seiner Jugend trainiert haben kann, muesste noch gut ueber 80 Jahre Tiefschlaf vor sich haben...

    Nee, sorry Mr. Moorcock - ueberzeugt mich so gar nicht, das Buch...