Beiträge von McFee

    Mundburt und seine Leute geraten in Seenot.


    „Nun habt Ihr den Grund für meine Flucht erfahren, meine lieben Retter“, schloss Kynos seinen Bericht, „und ich bitt Euch, setzt mich an der nächsten Insel auf Land, denn nach allem, was man hört, regiert dort ein weiser König, der jeden nach seiner Art leben lässt und auf den Rat vernünftiger Leute hört. Dort will ich mein Glück versuchen, denn ich denke, dort schätzt man den Rat eines weisen Mannes.“

    „Auch ein Weiser kann Verwirrung stiften“, stichelte Wurst.

    „Hoffentlich gibt es da unverseuchte Lebensmittel“, sagte Kopf, „lange halte ich dieses Zwangsfasten nicht mehr aus. Mag Fasten auch gottgefällig sein, verhungern und verdursten sind es mit Sicherheit nicht.“

    Ich betrachtete besorgt eine schwarze Wolkenwand, die über dem Horizont lag und immer weiter in den Himmel wuchs. Plötzlich fuhr ein kalter Windstoß über das Schiff und blähte das Segel. Im nächsten Moment bäumte sich das Meer auf, der Wind schwoll zum Sturm an, mächtige Wogen stiegen aus den Tiefen auf, von Poseidons wütendem Atem zu Gebirgen aus Wasser und Gischt aufgepeitscht. Die Luft, eben noch hell und klar, war jetzt finster und aller Durchsichtigkeit beraubt, Schleier aus Wasser und Hagel verdeckten die Sicht. Ich sprang auf, wurde jedoch sofort von einer Sturmboe wieder auf die Bretter gezwungen.

    „Ho!“, schrie ich, „Zeisinge los, holt Segel ein, aber dalli! Hände ans Gangspill, schnell, schnell! Anker eingeholt und aufgesetzt! Halsen, halsen, was das Zeug hält! Leeseite Helmstock los und beigelegt! Backbord in die Stengen, streicht, streicht“, alles so, wie ich es bei den Schiffern vom Bodensee gehört hatte. Doch meine Kommandos blieben erfolglos, nicht nur, weil das Pfeifen, Heulen, Donnern, Krachen meine Schreie verschluckte, sondern weil sich Kopf, Wurst und Hund unters Achterkastell verkrochen hatten. Nur Gerlind, meine gute Fee, war noch an meiner Seite; verzweifelt versuchten wir, das Segel zu reffen, doch eine rasende Boe riss uns die Schoten aus den Händen, und schon hing die Leinwand in Fetzten.

    „O ihr nichtswürdigen Wassermemmen!“, schrie ich wütend in den tosenden Lärm hinein, „kotz auf Haupt und Reliquien! Ihr Scheißkerle verkriecht euch wie feige Waschweiber, dieweil uns der Sturm in Stücke reißt! Hab euch Freunde genannt, doch was seid ihr? Elende Verräter!“ Eine Wasserhose verschloss mir den Mund, denn der Aufruhr der Elemente nahm noch zu. Rundum alles zerrissen, alles in Unordnung, alles in Bewegung; überall Blitze, Donner, Wasser, Hagel; es schien, als bekämpften sich die Elemente gegenseitig, alles vollkommen undurchsichtig, grau, schwarz, kein Licht mehr außer Wetterleuchten, flammender Wolkenrisse und Gewitterschein – unser Schiff, ein Spielzeug aufgepeitschter Wogen.

    In das entsetzliche Getöse hinein erscholl jetzt Kopfs Stimme, der, auf Knien rutschend und mit erhobenen Fäusten, herangekrochen kam. „Hu, hu, hu“, rief er, „dreifach, ach, ach, vierfach gesegnet sind die, welche da ihren Kohl pflanzen oder den Acker abfischen! Wäre ich doch bloß Ackerschollen-Fischer geblieben, anstatt mein Heil auf dieser verfluchten See zu suchen, denn da war festes Land! Warum musste ich unbedingt meinen eigenen Kopf haben! Ach, ach, ach, es ist alles frilore*, bi Gott – hilfe, ich ertrinke!“ Eine Woge überschüttete ihn mit einem Schwall Wasser, prustend lamentierte er weiter: „Ha, gibt es eine größere Köstlichkeit als einen guten festen Schweinestall – –“

    Eine riesige Woge, schaumgekrönt, rollte heran, hob das Schiff in schwindelnde Höhe – laut rief ich den Himmel um Beistand an – der Sturm schüttete fassweise Gischt über Bord, sodass ich befürchtete, wir würden absaufen. Doch der HERR erbarmte sich; wir soffen nicht ab, sondern das Wasser stand mir nur bis zu den Knien. Doch es war nur allzu klar: Noch so eine Woge würde das Ende bedeuten. „Alle Mann an Deck“, schrie ich verzweifelt, „die Pütze raus, und lenzen, lenzen!“ Doch da fiel mir ein, dass wir nur einen Eimer hatten, nämlich den aus der Küche, ein Nichts gegen die anrollenden Wassermassen, aber immerhin mehr als die bloßen Hände. „Gerlind!“, rief ich, „den Eimer, schnell“, doch die lag keuchend über der Reling und fütterte die Fische.

    Kopf, der immer noch auf den Knien lag, lamentierte weiter. „Buh buh hu hu Herrgott hilf, wir gehen unter!“ Jetzt blickte er mich verstört an. „Liebster Freund, Väterchen, Schwager, Onkel“, kreischte er, „habt Ihr nicht etwas Gebratenes da, denn zu saufen werden wir genug haben!“ Dann krächzte er mit irr verzerrter Stimme:


    „Reichlich saufen, wenig fressen

    und die Welt herum vergessen

    wird demnächst mein Wahlspruch heißen!“


    Wieder rollte eine Woge auf uns zu, und Kopf schrie: „Hilf, Bruder, hilf! Feder und Dinte her, will mein Testament machen – ach, ach, ach, nur ein kleiners Testamentchen, bäh, bäh, bäh, ich ertrinke, ich ersaufe... nur ein klitzekleines Testamentchen...!“ Anscheinend war der Querkopf vor Angst wahnsinnig geworden.

    Gerlind, grün im Gesicht, taumelte, sich an der Reling festhaltend, auf mich zu. „Den Eimer, rasch!“, rief ich, „sonst saufen wir bei der nächsten Riesenwelle ab!“

    „Den gibt es nicht mehr“, stammelte sie.

    „Wie, was sagst du da, den gibt es nicht mehr? Ich scheiß in die Taljen, und warum nicht?“

    „Hab ihn als Nachttopf benutzt, und beim Ausspülen ist er mir aus der Hand gerutscht und untergegangen.“

    Ich merkte, wie mir die Milz schwoll und schickte einen gotteslästerlichen Fluch los, denn Fluchen tut dem Eingeweide gut.

    Wieder rollte eine dieser Furcht erregenden Riesenwogen auf uns zu. „Dann bete!“, rief ich, „bete!“

    Gerlind betete, und ich rief alle Heiligen beiderlei Geschlechts an, deren Namen ich kannte, und auch die, deren Namen ich nicht kannte. Die Riesenwoge kam, hob uns hoch, hoch, hoch –

    – auf einmal schwebte ich über einer endlosen schneeweißen Fläche, und eine strahlende Helligkeit umgab mich. Sie ging von einer Gestalt auf einem goldenen Thron aus, deren Antlitz so gleißend hell war, dass ich den Anblick nicht ertragen konnte und den Blick senkte. Um den Thron herum schwebten Engel mit silbernen Flügeln, die auf gläsernen Posaunen bliesen, und eine liebliche Musik erfüllte den Äther. Zur Rechten des Göttersitzes saß eine heitere Gestalt, in ein köstliches Gewand gehüllt, deren liebevoller Blick mich traf und mein Herz vor Freude erbeben ließ. Zur Linken erkannte ich deutlich eine Frauengestalt, umgeben von einer Gloriole aus flammenden Strahlen, eine Mondsichel war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt°.“ Davor kniete eine unzählbare Schar von Heiligen, Märtyrern und Gerechten, in immerwährende Anbetung versunken.

    Ein anderes Zeichen erschien jetzt am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben feuerspeienden Rachen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf jedem seiner sieben Köpfe. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab°°. Jetzt verdunkelte sich der Himmel, Blitze zuckten, Donner krachten –

    – und schon ging es mit atemberaubender Geschwindigkeit wieder abwärts, hinein ins Wellental, das Bugspriet tauchte die Nase ins Wasser, der Kiel schnappte frische Luft, ich rief: „Gerlind, Gerlind, wenn ich dich auch nicht minnen kann, so schätze ich dich doch über alles in der Welt!“ – denn ich war fest davon überzeugt, jeden Augenblick ins Paradies, das ich eben erblickt hatte, hinüberzuwechseln, allerdings aus dem schrecklichsten aller Gräber heraus, wie schon Homer sagt, aus dem Seemannsgrab, denn wer auf See


    hätt´ sein Schicksal so in Händen doch,

    dass er könnt sagen: Morgen leb´ ich noch?


    Doch nichts dergleichen geschah; die Woge rauschte davon, der Sturm ließ nach, die Luft wurde klarer, die Wolkendecke riss auf und gab den Blick auf strahlend blauen Himmel frei. Ich fiel auf die Knie, um Gott zu danken und fand mich bis zum Bauchnabel im Wasser.

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    * Verloren. ° Eine Mondsichelmadonna, eine im MA beliebte Mariendarstellung. °° Nach Offb, 12, 1-5. So ungebildet, wie der Verf. seinen Lesern weiß machen will, ist er anscheinend nicht. Zumindest kennt er sich in der hl. Schrift aus.


    Mundburt hält eine Strafpredigt. Wursts Ende.


    Bald beruhigte sich das Meer, und unser Schiff, in leichtem Seegang rollend, trieb friedlich dahin. Schon sah ich, wie sich im Norden die Wolken zerteilten und spürte einen milden Südost.

    „Ihr Jammerlappen könnt herauskommen“, rief ich nach achtern, „die Gefahr ist vorbei!“

    Kynos, mit Wurst auf dem Rücken (denn auf eigenen Füßen wäre der bei seiner geringen Größe ersoffen), watete heran. „Lieber Herr Ritter, mein Wohltäter und Seelenarzt“, fing er an, „versteht doch! Wir Hunde –“

    „Tatata“, unterbrach ich ihn, „redet keinen Unsinn und nennt mich nicht Ritter! Wenn ich einer wäre, würde ich jetzt anders handeln, aber nicht zu Eurem Vergnügen! Ihr habt das Maul eines Wolfs, aber das Herz eins Waschbären! Tausend Teufel über Euch! Ich dachte, ich hätte Freunde – doch was hab ich?“

    „Eh du dich weiter echauffierst und unnütze Tiraden vom Stapel lässt“, unterbrach mich Gerlind scharf, „fänd ich es besser, du würdest überlegen, wie wir das Wasser wieder aus dem Kahn kriegen. Denn wie ich die Herren einschätze, sind sie erpicht darauf, endlich mit Hand anzulegen, um die Scharte wieder auszuwetzen, die ihnen ihre Verzagtheit eingebrockt hat. Kopf, Ihr versteht Euch doch sonst auf allerlei Kunststückchen. Habt Ihr keine Idee?“

    „Natürlich hab ich eine!“, rief Kopf und fuchtelte mit den Armen, „nur die Eimer hergereicht! Nur wacker her damit, liebe Freunde... Nein, ich fühle kein Quäntchen Furcht mehr, alles wie weggeblasen... Auch das allerschrecklichste Unglück könnte mich nicht mehr erschüttern... Sogar der Anblick von Skylla und Charybdis ließ mich jetzt völlig kalt.“ Er sah mich blöde an. „Aber muss es denn sofort sein, lieber Freund, das Lenzen, das Pumpen, das Schütten, hat das nicht bis morgen Zeit? Fühle mich momentan sauwohl.“

    „Wie?“, rief ich verblüfft, „Ihr kniet bis über die Hüften im kalten Wasser und fühlt Euch sauwohl?“

    „Ja, es ist wegen meiner Hämorrhoiden. Das viele fehlgeleitete Lachen hat die Säfte nach unten gedrückt und mir ein feuriges Arschloch beschert... Doch jetzt, im kühlen Wasser –“

    Es war klar: Mit dem Magister war vorerst nicht zu rechnen. Er hatte wieder den Kopf verloren, und wie es schien, endgültig.

    Nun war guter Rat gefragt. Mit dem Grapen* und den Trinkbechern Wasser zu lenzen, das kübelweise hereingeschwappt war, würde eine Ewigkeit dauern. Kynos, dem die Scham in den Augen stand, machte, vom Drang beseelt, sich nützlich zu erweisen, den Vorschlag, rechts und links ein Loch in die Planken zu schlagen; dann könne das Wasser bei jeder Neigung des Schiffes abfließen, und der Rest ließe sich dann leicht ausschöpfen.

    „Tod und Teufel!“, rief ich, „Mensch, Hund, seid Ihr wahnsinnig? Auf eine solche hirnstutzige Idee die kann auch nur ein eingefleischter Passgänger wie Ihr kommen! Kein echter Seemann schlägt ein Loch in sein Schiff, eher geht er mit ihm ehrenvoll unter!“

    Kopf schlug Abwarten vor; vielleicht, meinte er, würde uns ja irgendwann, wie einstens Odysseus, eine hohe Woge an Land setzen, und eine Königstochter, die gerade am Strand spazieren ginge, „denn nach Ansicht vieler antiker Autoren sei ein Spaziergang am Strand unter warmer Sonne der höchste aller Genüsse –“

    „Land, Land!“, rief da plötzlich Wurst aus (der immer noch auf Kynos´ Rücken ritt), „Land! Kinder, Mut gefasst, wir sind gerettet! Seht Ihr dort den Hafen? Da, da! Der Leuchtturm! Hei, ich sehe den Hafendamm, ich sehe eine Menge Leute, die uns zuwinken! Ahoi, ahoi, ahoi! O ihr Engel, ihr Nothelfer, ihr hilfreichen Brüder und Schwestern, ich komme!“

    Was jetzt geschah, spielte sich so überraschend ab, dass jede Warnung zu spät kommen musste. In seinem Überschwang richtete sich Wurst auf; in diesem Moment kränkte das Schiff stark nach Backbord, denn da wir manövrierunfähig waren, hatte es sich parallel zur Dünung gelegt. Ich schrie noch: „Wurst, zurück, zurück!“, denn genau vor ihm tauchte ein riesiges Maul mit fürchterlichen Zahnreihen auf, doch es war bereits zu spät. Wurst verlor den Halt und fiel genau in diesen Schlund hinein, das Maul klappte zu und verschwand.

    Gerlind, Kopf, Hund, ich – wir alle waren starr vor Schrecken. Das Ungeheuer hatte uns unbemerkt beobachtet, den günstigen Moment genutzt, und wartete jetzt auf die nächste Gelegenheit. Als Erste fasste sich Gerlind. „Der arme Wurst“, meinte sie trocken, „jetzt wird er nie erfahren, ob man vom Baden in Milch satt wird.“

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    * eiserner Kochtopf


    Mundburt und seine Leute werden wie Könige empfangen und verköstigt.


    Doch der arme Wurst hatte richtig gesehen, die guten Leute von der Insel schickten uns Hilfe. Hunderte von Booten, Kähnen, Barken, Dschunken, Galeeren, Koggen hielten direkt auf uns zu, alles herrliche Schiffe mit blendend weißen und voll aufgetrimmten Segeln, was mich allerdings sehr verwunderte, denn bei uns herrschte wieder einmal absolute Windstille. Ein Zweimaster drehte bei, machte fest, ich traute meinen Augen nicht: Statt des Besansegels hing dort ein Sack oder riesiger Beutel, aus dem es zischte und fauchte. Unter viel Ahoi!, Hoho! und rauem Gelächter ging es ab in den Hafen, wo wir von einer jubelnden Menge empfangen wurden.

    Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass es sich hauptsächlich um Weibervolk handelte; kaum ein Mann war zu sehen. Und noch etwas anderes verwirrte mich: Über dem Gejohle und Gejauchze lag ein Geräusch, das ich nicht deuten konnte, obgleich es mir bekannt vorkam.

    „Womit, um Himmels Willen, haben wir diesen Empfang verdient?“, sagte ich zu Gerlind, „sogar der Kaiser wäre damit wohl zufrieden.“

    Auf dem Hafendamm erschien ein Mann in einer mit viel Gold und Silber beladenen Amtstracht, vor der Brust ein schweres Medaillon mit dem Stadtwappen. Er stellte sich als Willibold von Lerchenhorst, Bürgermeister, vor und bat uns, doch an Land zu kommen; er wolle uns aufs Rathaus führen, wo wir trockene Kleider empfangen und uns restaurieren könnten.

    Doch ich weigerte mich, die Mole zu verlassen, bevor nicht für unser Schiff gesorgt sei, denn jetzt sah ich erst, wie jämmerlich unsere Schnigge zugerichtet war: Das Großsegel hing in Fetzen, Großschot, Niederholer und etliches Tauwerk abgerissen; der Bugkorb eingedrückt und noch einiges Andere – kurz, mit diesem Fahrzeug war kein sicheres Fortkommen mehr.

    „Lieber Herr“, sagte der Bürgermeister, „ich verspreche Euch bei meiner Ehre, dass Euer Schiff wieder in tüchtigen Stand gesetzt wird. Die Bewohner dieser Insel sind vortreffliche Handwerker und Zimmerleute, wie man sie sogar in Venedig nicht besser findet. Sie tun es gerne und ohne einen Heller zu verlangen.“ Ich wollte den Grund für diese Freundlichkeit erfahren, doch der Amtsträger schüttelte den Kogf. „Nicht jetzt, Herr“, sagte er, „später ist noch genug Zeit für Erklärungen.“

    Nachdem wir in trockenen Kleidern waren, führte uns der Bürgermeister in einen festlich erleuchteten Saal und sprach: „So, meine lieben Herren, und auch Ihr, ehrbare Jungfer, lasst es Euch schmecken!“

    Noch waren diese Worte nicht verhallt, da eilten Tafeldiener und schlugen Ess- und Trinktische auf und bedeckten sie mit duftenden Linnen, Tellern, Servietten, Schüsseln; trugen große Krüge, Flaschen, Schalen, Humpen, Becher auf und bestreuten Tische und Boden mit Rosenblüten. Ein dicker schwitzender Küchenmeister erschien, einen ganzen Schweif von Haushofmeistern, Oberhofmeistern, Mondhofmeistern, Haupt-, Neben-, Über-, Unter-Brotmeistern, Mundschenken, Maulschenken, Stadtschenken, Dorfschenken, Seeschenken, Vorlegern, Nachlegern, Übers-Knie-Legern, Kellnern, Löfflern, Gablern und Dienern hinter sich. Sie schleppten, gefolgt von drei keuchenden Küchenjungen, vier mächtige Fleischplatten heran, so groß, dass sie mich an den Zwinghof von Burg Wolkenstein erinnerten. Der Oberhofmeister klatschte in die Hände; sofort sprangen Diener herbei und schoben uns Stühle unter.

    Du lieber Gott, wie wir das schmausten, zechten, jubilierten, denn wir waren ausgehungert wie Kirchenmäuse in der Fastenzeit. Ihr könnt es mir glauben: Zu essen war da genug, und zu trinken noch viel mehr. Die Tische bogen sich unter den erlesensten Köstlichkeiten. Immer wieder forderten uns bunt betresste Lakaien mit den anmutigsten Verbeugungen zum Essen und Trinken auf; sogar dem Kaiser von China, von dem berichtet wird, dass ihm die gebackenen Tauben ins Maul flögen und der Wein durch die Nasenlöcher, dürfte kein üppigeres Mahl bereitet worden sein. Mich störte auch nicht, dass uns der Tross mit gierigen Augen beim Essen zusah. Allerdings fiel mir bei dieser Mahlzeit auf, dass alles Fleisch, das auf den Platten lag, von Ziegen, Kapaunen, Tauben, Kaninchen, Hasen, Putern, wenn man es zerschnitt, Luft abließ. Uns störte es nicht, denn was die Masse vermissen ließ, machte die Menge wett.

    Indem wir beim Nachtisch saßen, öffnete sich eine Seitentür, und eine Schar hübscher Mädchen tänzelte herein, alle ohne Ausnahme mannbare Jungfrauen, schöne, appetitliche, blonde, schlanke, pausbäckige, rosigwangige, anmutige Gestalten, die uns schmachtende Blicke zuwarfen. Ich flunkere nicht, so wahr ich lebe! Sie trugen lange wallende Gewänder mit doppeltem Gürtel, die Haare mit goldseidenen Streifen und Bändern durchflochten und allerlei duftende Blumen und Kräuter darin, wie Rosen, Nelken, Salbei, Majoran, Dill und so weiter. Jetzt nahmen sich die Jungfern bei den Händen und tanzten um unseren Tisch herum, wobei sie mit glockenreinen Stimmen sangen:


    „Was aus der Traube quoll

    ist Wahrheit voll!

    Orakelspruch, so wundervoll!

    Der Mund, wie liebestoll,

    erschlürft das Trinkersoll!“


    Meine Gerlind, nicht faul, hielt dagegen:


    „Auf der Stirne Pickel,

    in den Socken Spickel°,

    auf dem Kopfe Wickel -

    mich schert´s keinen Nickel!“


    Der Magister, der gerade den dritten oder vierten Becher Wein vertilgte, schielte die Blumen-Jungfern mit gesenktem Blick an wie ein Hund, der eine Wurst gestohlen hat, und ließ einen entsetzlichen Rülpser vom Stapel. „Pardon“, sagte er mit einem Seitenblick auf Gerlind, „wollte nicht aus dem Hintern lärmen... Zum Henker, weiß nicht, was mit mir los ist! Fühle mich, als hätte mir der Teufel ins Hirn geblasen.“

    Aber auch in meinen Eingeweiden rumorte es; mein Magen blähte wie ein Dudelsack auf einem Ritterturnier. Doch ich bezwang mich und ließ den Druck nach unten ab. Irgendetwas mit dem Essen schien nicht zu stimmen, denn auch Gerlind und Kynos sahen bedrückt drein; doch es schmeckte vorzüglich, und wir griffen weiter zu.

    Nachdem auch der Nachtisch erledigt war, trat der Bürgermeister vor und rief uns vergnügt und lustig zu: „Liebe Freunde, ich heiße Euch von ganzem Herzen auf der Insel der Windesser willkommen! Ganz besonders freut es mich, dass Ihr gesund und munter dem entsetzlichen Unglück entkommen seid! Darauf lasst uns trinken!“ Sofort reichte ihm ein Mundschenk einen extravagant verzierten Becher und goss aus einer ebenso kostbar wirkenden Kanne ein – und zwar nichts, jedenfalls konnte ich nicht den kleinsten Tropfen irgendeiner Flüssigkeit erkennen. Doch zum Wundern war jetzt keine Zeit; schon hielt der Bürgermeister seinen Becher hoch und rief: „Trinken wir also auf unser aller Gesundheit und besonders auf Eure, liebe Gäste!“ Auch das Begleitpersonal ergriff jetzt die Becher, wir tranken – und was jetzt geschah, spottet jeder Beschreibung, aber ich wag´s trotzdem – ein gewaltiges Lärmen aus Mund und Hintern begann, sogar die Jungfern machten eifrig mit.

    Wieder, meine lieben Kuddelesser und Branntweintrinker, beschleicht mich das Gefühl, dass ihr mir nicht glaubt. Doch ich schwöre bei allem was mir heilig ist: Es war so, kein Buchstabe ist gelogen! Alles, was ich aus diesem allerliebsten Wirtshaus und von dieser allerverwunderlichsten Insel berichte, hat sich so zugetragen, Wort für Wort!

    Nun weiter.

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    ° Dreiecke der Sockenferse.

    Forts. folgt

    Kynos berichtet von den Verhältnissen auf der Insel der Sarkophagen.


    Keine Tageszeit ist weniger geeignet zum Anhören von Geschichten als die vor dem Morgenbiss, besonders wenn die Nacht schlecht war, der Kopf dick und der Magen leer. Dessen ungeachtet fing Kynos, während Gerlind die letzte Blutwurst und verdünnten Wein auftischte, schon an, seine Geschichte zu erzählen.

    „Hey, Herr Hund“, unterbrach sie ihn nach den ersten Worten, „wollt Ihr, bevor Ihr loslegt, nicht wenigstens einen Happen essen? Ihm müsst doch hungrig sein!“

    Kynos verbeugte sich leicht. „Das ist sehr freundlich, Jungfer, aber ich bin nicht hungrig, und wenn Ihr meine Geschichte gehört habt, werdet Ihr verstehen, warum ich keinen Appetit auf Fleisch habe und auf Blutwurst erst recht nicht.“

    „Na dann schießt mal los!“

    Der Gestank hatte sich fast vollkommen verflüchtigt, also waren wir wieder eine gehörige Strecke weiter getrieben, was meine Laune nicht gerade steigerte.

    Wir frühstückten. Kynos fing an: „Das Licht der Welt erblickte ich im Schlachthaus vor dem Fleischertore zu Sarkosia. Meine Eltern waren zwei Bullenbeißer, von der Sorte, die Ochsen anfallen und bei den Ohren packen, und auch ich wurde in dieser Kunst unterrichtet. Doch bald zeigte es sich, dass ich als Diener eines Meisters des Blutvergießens, Metztger genannt, nicht taugte, und man jagte mich davon. – Was würdet Ihr wohl, meine lieben Retter, zu all den Streichen sagen, die ich da sah, von den Bubenstücken, die dort getrieben wurden! Die Menschen, die dort arbeiten, vom kleinsten bis zum größten, vom jüngsten bis zum ältesten, sind Leute mit einem weiten Gewissen und ohne Gefühl, scheren sich einen Dreck um die Gesetze. An jedem Schlachttag wimmelt es von Mägden und Dienern, alles Verwandte der Fleischer, die dort die besten Stücke abholen, natürlich ohne zu bezahlen. Aber noch viel abscheulicher ist der Umgang der Metzger untereinander. Um nichts und wieder nichts jagen sie sich im Blutrausch das Schlachtmesser in den Wanst, als wenn sie ein Kalb abstächen. Es ist ein Wunder, wenn mal ein Tag vergeht ohne Balgerei, Zank und Totschlag. Jeder hält sich für einen Tyrannen, der nach gut Dünken über Kalbskeulen, Ochsenzungen, Schweinenacken, Rinderfilets und dergleichen verfügen kann. Kurz, ich hörte jüngst von einem vernünftigen Menschen den Ausspruch, auf unserer Insel gäbe es drei Orte, an denen sogar der König nichts zu sagen habe: Im Kloster Sta. Maria, in der Straße de la Casa, und im Schlachthaus.

    Nachdem ich drei Nächte unter freiem Himmel geschlafen hatte, kam ich bei einem Herrn unter, der mich lehrte, einen Korb im Mund zu tragen, damit zum Schlachthof zu rennen und für ihn Fleisch zu holen. Einmal – es war noch in der Morgendämmerung – rief mich eine zarte Frauenstimme bei meinem Namen. Ich blickte zu dem Fenster hoch, aus dem die Stimme gekommen war und erblickte ein feines schönes Mädchen, das mir zuwinkte. Die Haustür öffnete sich, ich lief hoch; und siehe da, sie nahm das Fleisch aus dem Korb und warf dafür einen alten Pantoffel hinein. Dann gab sie mir einen Fußtritt, und ich kollerte die Treppe hinunter. Das Fleisch ist weg, dachte ich und schlich mit schmerzenden Knochen betrübt davon, und die Prügel kommen! Ich täuschte mich nicht. Als mein Herr den Pantoffel sah, zog er seinen Degen und tat einen solchen Stoß nach mir, dass Ihr meine Lebensgeschichte jetzt nicht hören würdet, wäre ich nicht hurtig zur Seite gesprungen, so sehr hatte ihn der Verlust des Fleisches erzürnt. Denn es vergeht kein Tag, wo er und seine Leute nicht mindestens zehn Schock Blutwürste, zwanzig Paar Ochsenbacken, sechs Kalbskeulen und drei Spanferkel in sich hineinschlagen, und dabei gilt diese Familie noch als zurückhaltend im Fleischverzehr. Da der Schlachthof diesen riesigen Fleischbedarf nicht liefern kann, schlachten viele Leute privat; fast jeder Mann, der einen Hof besitzt, hat darin eine kleine Metzgerei mit einem Verkaufsstand. Geschlachtet wird alles, was vier Beine hat, fliegt, schwimmt, kackt, pisst, bläht; es ist schon vorgekommen, dass kleine Kinder, die auf dem Boden krabbelten, abgestochen wurden. Alles wird verwertet, nichts weggeworfen. Was sich nicht direkt zum Verzehr eignet, kommt kleingehackt in die Wurst –“

    „Hoho“, rief Wurst, „wollt Ihr behaupten, ich –“

    „Herr Kynos will überhaupt nichts behaupten!“, fuhr ich dazwischen, „er will nur seine Geschichte erzählen! Also seid gefälligst still und hört zu! Bitte, Herr, fahrt fort!“

    „Die Ausdünstungen und Ausscheidungen des Schlachtviehs verpesten die Luft; das Gebrüll und das Quietschen der Fleischwölfe lässt empfindsame Menschen nachts nicht schlafen. Oh, oh, oh, was ist aus diesem herrlichen Land geworden! Wo sind die anmutigen Fluren, die sonnendurchfluteten Haine, die heiligen Hügel und dunklen Wälder, die bezaubernden Gärten, heiteren Bäche, kristallklaren Seen, munteren Quellen? Wo fände man noch ein Überbleibsel des glücklichen Lebens, wo die ebenso keusch wie zärtlich ausgedrückten Leidenschaften hier einen Schäfer schmachten, dort eine Schäferin seufzen ließen, wo eine liebliche Schalmei dem verlockenden Klang der Panflöte antwortet? Alles der Viehwirtschaft geopfert! Nicht zärtliche Liebe regiert die Menschen, sondern die Gier nach Fleisch, Fleisch, Fleisch... Und immer wieder Fleisch... Besonders gerne gegessen wird halbgar gegrilltes Ochsenfilet sowie durch den Wolf gedrehtes Schweinefleisch. Und um den Wahnsinn auf die Spitze zu treiben, heizen gewissenlose Werber die Gier noch an, indem sie an allen Ecken und Enden des Landes stark übertriebene Bilder von rohem, blutigen Fleisch aufstellen.“

    Kynos schwieg.

    „Ihr hättet ein Dichter werden sollen“, meinte Gerlind lächelnd.

    „Ein großer Dichter des Altertums behauptete“, sagte Kopf, „es sei für einen Schriftsteller oder Erzähler schwer bis unmöglich, sich der Satire zu enthalten.“

    „Dies war keine Satire“, erwiderte Kynos, „das ist unsere Wirklichkeit!“

    „Jetzt verstehe ich“, sagte Wurst, „warum Ihr keinen gesteigerten Wert auf Fleischnahrung legt, und ich vertraue Euch. Demnach seid Ihr geflohen, weil Ihr diese Verhältnisse nicht mehr ertragen konntet?“

    „Oh, oh, wenn ich´s doch wäre!“, rief Kynos und rang die Pfoten, „mir wären viele Prügel erspart geblieben!“

    „Und warum tatet Ihr´s nicht?“

    „Weil ich... weil ich...“

    „Nur heraus damit!“

    „Weil ich zu gerne Wu... wu...“

    „Nun sagt es schon!“, rief Wurst, „weil Ihr zu gerne Wurst gegessen habt! Wenn es nicht gerade Cervelatwürste waren, verzeihe ich Euch.“

    „Ich danke Euch, lieber Herr, und schwöre, nie in meinem Leben würde ich noch eine Cervelatwurst anrühren, schon garnicht, seit ich Euch kennengelernt habe. Außerdem waren es nie ganze Würste, die man mir zuwarf, sondern immer nur Zipfel und Reste.“

    „Wie ging´s nun weiter?“, fragte ich. „Wenn es nicht das Übermaß an Fleisch war, was trieb Euch dann zur Flucht?“

    „Wenn Ihr meine ganze Geschichte hören wollt, ist das nicht so schnell erzählt.“

    „Gut erzählt ist besser als schlecht gesungen.“

    „Weiter demnach. Ähem. Ich nahm Reißaus, flüchtete in die Felder, ging, wohin mich das Schicksal führte und verbrachte wieder eine unruhige Nacht unter freiem Himmel. Anderntags führte mich das Schicksal zu einer Herde Schafe. Da glaubte ich, endlich meine wahre Berufung gefunden zu haben; denn nichts schien mir für einen Hund ein edleres Geschäft, als dass man die Demütigen und Schwachen gegen die Mächtigen und Stolzen verteidigt. Als mich einer der Hirten bemerkte, lockte er mich zu sich, und ich ging hin. Er streichelte mir den Rücken, blickte mir in die Augen, betrachtete meine Zähne, sah wie jung und gut gebaut ich bin und rief den anderen Hirten zu: „Hey, der hat alle Merkmale eines vortrefflichen Wachhundes! Den behalten wir!“ Ich senkte den Kopf und wedelte Einverständnis. Der Hirte schüttete mir in einem einen tüchtigen Napf Milchbrei vor, gab mir zu trinken; dann legte er mir ein stacheliges Halsband um. Zum Dank hütete ich die Herde mit Fleiß und Sorgfalt und verließ sie nur am Nachmittag, um im Schatten eines Baumes oder am kühlen Bachgrund auszuruhen. Dort dachte ich über mein verflossenes Leben nach, aber damit Ihr mich nicht für einen Schwätzer haltet, schweig´ ich davon.

    Ich hatte mir eingebildet, in der Schäferidylle ein geruhsames Leben führen zu können, doch nur zu schnell lernte ich, dass Idyllen nur für den idyllisch sind, der sie nicht kennt. Wenn ich auch tagsüber etwas Müßiggang pflegen konnte, so kam doch nachts oft kein Schlaf in meine Augen, weil uns die Wölfe keine Ruhe ließen. Wie oft musste ich mitten in der Nacht die Stimme der Schäfer hören: „Auf, Manuel (so nannten sie mich), der Wolf!“ Lief dann, den anderen Hunden voran, in die Richtung, in die sie zeigten. Dann ging es über Berg und Tal, durch Feld und Wald, über Dornsträucher, Hecken, Hohlwege und Heerstraßen, bis ich des Morgens, ohne auch nur die Spur eines Wolfes erschnüffelt zu haben, atemlos, matt und müde zurückkam, und wieder hatte der Wolf ein Schaf oder einen Widder zerrissen und halb aufgefressen. Ich wollte rasend darüber werden, dass mein Eifer und meine Wachsamkeit so wenig fruchteten. Wenn dann der Herr kam, so gingen ihm die Schäfer mit dem Fell des gerissenen Tieres entgegen. Er schalt dann ihre Nachlässigkeit und befahl, die Hunde wegen ihrer Faulheit zu prügeln. Nachdem ich dreimal unschuldig bestraft worden war, entschloss ich mich, meinen Plan zu ändern und nicht wie bisher hinter dem Wolf herzuhetzen, sondern ihm aufzulauern, denn dass es kein gewöhnlicher Wolf sein konnte war mir schon seit einiger Zeit klar.

    Normalerweise liegt wollige Wolfslosung um den Mordplatz, ganze Schüsseln voll; sein ewig gleiches Siegel. Mit unerfindlicher Hast verschlingt er die Bissen und verbrennt sie im Magen; während er vorne noch frisst, gibt er das erste hinten wieder von sich. Doch nichts dergleichen konnte ich entdecken.

    Wieder ging der Lärm in einer sehr dunklen Nacht los, und da entdeckte ich Wölfe, vor denen man keine Herde der Welt schützen kann: Zwei Schäferknechte griffen einen der fettesten Widder und töteten ihn auf solche Art, dass es aussah, als habe ihn ein Wolf gerissen. Ich war außer mir, als ich sah, dass die Hüter der Herde die Wölfe waren, die in ihrer Gier nach Fleisch unschuldige Wesen töteten und andere grundlos des Mordes beschuldigten, und dass ich mir umsonst die Pfoten wund gelaufen hatte. Hilf Himmel, dacht´ ich, welch freche Büberei, wenn der Verteidiger angreift, die Schildwache beiseite blickt, der Vertraute zum Dieb wird, der Hüter mordet!“

    „Weiter!“, drängte Gerhild, „haltet Euch nicht mit unnützen Betrachtungen auf! Die Welt ist nun mal so und wird auch noch in tausend Jahren so sein.“

    „Nun ja“, meinte Kopf, „aber unglücklicherweise kann man in dieser Welt ohne ein Mindestmaß an gegenseitigem Zutrauen nicht leben. Aber ich will jetzt keine Moralpredigten halten. Erzählt nur weiter.“

    „Gerne. Ich überlegte hin und her, wie ich dem Herrn klarmachen könnte, wer hier die Wölfe waren, aber die Erfahrung hatte mir gezeigt, dass er seinen Knechten mehr glaubte als seinen Hunden. – Als der Besitzer der Herde am anderen Morgen kam, zeigten sie ihm das Fell mit den Fleischresten, die besten Stücke hatten sie in einer Grube versteckt. Ich brannte vor Begierde, die wahre Ursache ans Tageslicht zu bringen, erhob anklagend meine Stimmer, lief zu der Grube und begann zu graben. Kaum hatten die Schäfer begriffen, was ich vorhatte, gingen sie mit Knüppeln auf mich los. Ich rettete mich in eine unübersichtliche Schlucht und verbrachte dort in trüber Stimmung zwei Tage und zwei Nächte.“

    „Und dort fasstet Ihr den Entschluss zu fliehen“, sagte Gerlind.

    „Oh nein, noch nicht, liebe Jungfer, denn immer noch hoffte ich, auf der Insel ein ehrenhaftes und auskömmliches Dasein fristen zu können. – Aber bevor ich weitererzähle, würde ich gerne einen Schluck Wasser trinken, meine Kehle ist ausgedörrt und rau wie ein Schabeisen.“


    Kynos legt den wahren Grund für seine Flucht dar.


    Während sich Kynos erfrischte, betrachtete ich ihn. Ein Bullenbeißer, dachte ich, aber seine Augen sind gut. – Manche Menschen behaupten, ein Hund habe keine Möglichkeit, sein Herz wirklich zu offenbaren, weil er kein Mienenspiel habe. Dann schau deinem Hund doch in die Augen, Mensch, und du wirst seine Seele erkennen! –

    „Euer Liebden“, fragte ich, „wieso sprecht Ihr unsere Sprache?“

    „Das ist schnell erklärt“, sagte Kynos, „ich bin der Sohn einer Menschenmutter. Durch einen Zauber gebar meine Mutter zwei Hundewelpen, die sie aufzog und das Sprechen lehrte. Aber das ist eine andere Geschichte.“

    „Trotzdem finde ich es ziemlich erstaunlich“, beharrte ich, „Ihr redet wie ein Mensch, aber Ihr seid immerhin noch ein Tier.“

    „Darüber habe ich mich auch schon gewundert“, sagte Kopf, „und wenn ich es nicht mit eigenen Ohren hörte, würde ich´s nicht glauben, wo doch die Vernunft den Menschen vor dem Tier auszeichnet.“

    „Ha, was redet Ihr da, Kopf!“, rief Gerlind, „der Mensch, das vernunftbegabte Tier, da kann ich nur lachen! Gut, einige Philosophen und Weise ausgenommen, aber die Menge ist doch nicht vernünftig, eher das Gegenteil ist der Fall! Und nach alldem, was Herr Hund bisher berichtet hat, scheint es mir wenig wahrscheinlich, dass sich daran jemals etwas ändern wird!“

    „Ich fürchte, die Jungfer hat Recht“, sagte Kynos, „denn was ich jetzt erzähle, passt genau in diese Kerbe! Ähem!

    Am dritten Tag machte ich mich, von Hunger und Durst getrieben, wieder auf den Weg. Lange lief ich durch kahle, bis auf den Grund abgeweidete Felder, auf denen kein Halm mehr wuchs, kein Strauch, der nicht bis auf den Stumpf abgefressen war. Bald nahmen Hunger und Durst so zu, dass ich mich entschloss – denn Apollon schützt die Mutigen – mein Glück in der Stadt zu suchen, deren Türme gerade vor mir in den Himmel wuchsen. Dort traf ich auf einen Mann, der Almosen sammelte, ein braver, frommer Kavalier, und ich fragte ihn, warum er das tue, denn die hohen Mauern, festen Türme, prächtigen Kirchen, die stattlichen Bürgerhäuser erweckten bei mir nicht den Eindruck der Bedürftigkeit. 'Ach, lieber Herr', jammerte er, 'in dieser Stadt ist eine fürchterliche Seuche ausgebrochen, eine schädliche Pest, gegen die schleunige und wirksame Mittel erforderlich sind. Die Spitäler sind überfüllt, die Kranken liegen auf Gängen und Fluren, viele sind schon gestorben, über und über beschmutzt, denn sie können nicht mehr an sich halten.' Als ich nach der Ursache fragte, gab er zur Antwort: 'Keiner weiß, woher die Seuche kommt. Manche Ärzte nehmen verdorbenes Wasser an, andere schlechte Luft, die Pfaffen gar eine Strafe Gottes. Zu allem Übel steht die Stadt mittlerweile auch noch vor dem Bankrott, denn da keine Kaufleute mehr durchziehen und kaum jemand noch arbeitet, hat sie auch keine Einnahmen. Ach, es ist ein großes Unglück!', lamentierte er weiter, 'eine furchtbare Geißel hat uns getroffen, mit der der HERR uns für unsere Sünden strafen will.' Ich fragte: 'Werden denn alle krank, auch kleine Kinder?' Er gab zurück: 'Nein, die unschuldigen Kleinen bleiben verschont. Die Geistlichkeit sagt, das sei überhaupt der Beweis für die Gottesstrafe, denn sie sind noch frei von Sünde.' – 'Wie sieht es den bei den Hilfreichen Vätern und Mildtätigen Schwester aus? Werden auch die verschont?' Der Kavalier wandte mir ein überaus bekümmertes Gesicht zu. 'Das ist etwas, lieber Herr, das mir zusätzlich starken Kummer bereitet. Auch die werden krank... Anscheinend ist kein erwachsener Mensch von Sünden frei, auch der frömmste nicht!' Und wieder fing er an, jämmerlich über das Schicksal der Stadt zu klagen.

    Unsere Wege trennten sich. Überall sah ich kümmerliche Gestalten, die in ihrer Dürftigkeit vermutlich nicht einmal der Großtürke von Konstantinopel als Sklaven annehmen würde. Zum Teufel, dachte ich, was soll mir eine Stadt, in der man nicht das liebe Brot verdienen kann! Schon wollte ich diesen traurigen Ort wieder verlassen, da kam mir eine Idee. Du warst Bullenbeißer, Laufbursche, Hirtenhund, dachte ich, ha, warum verdienst du deinen Brei nicht mal als Berater?“

    Der Erzähler trank einen Schluck Wasser. Nachdem er sich das Maul geleckt hatte, fuhr er fort: „Ich bin ein Tier und besitze keine Vernunft – ob ich diesen Umstand beklagen soll, weiß ich nicht. Jedenfalls kann ich bis heute nicht glauben, dass diese Seuche eine Strafe des Menschengottes war, denn was wäre das für ein Gott, der Ungerechte und Gerechte gleichermaßen züchtigt? Auf einmal wurde mir klar, warum sich die diebischen Hirten alle Augenblicke die Hosen heruntergezogen über den Graben gehockt hatten: Irgendetwas in dem Fleisch hatte ihre Verdauung ruiniert, eine Substanz, deren Natur und Herkunft niemand kannte. Die Kinder blieben verschont, nicht, weil sie frei von Sünde waren, sondern weil sie noch kaum Fleisch gegessen hatten. Für mich war die Ursache der Seuche klar: Der zweifelhafte Genuss verdorbenen Fleisches.“

    Wurst sprang auf und drehte sich ein paarmal um seine eigene Achse. „Wie schön!“, rief er dabei, „dann bin ich ja in Zukunft vor Nachstellungen sicher!“

    „Vorsicht, Wurst“, grinste Gerlind, „roh und halbgar ist etwas anderes als gesalzen und geräuchert!“

    „Auf dem Weg zum Rathaus“, fuhr Kynos fort, „überlegte ich mir einen Vortrag, in dem ich darlegte, wie die Seuche und die Finanzkrise beendet werden könnten, und ließ mich beim Bürgermeister melden. Nachdem man mich eine gehörige Weile warten ließ, bat man mich hinein. Anwesend waren der Bürgermeister, ein stattlicher Herr mit einem großen, roten Kopf, ferner der Stadtkämmerer, ein kleines, mageres Männchen, das ständig grinste, sowie der Leiter des städtischen Spitals, ein noch junger Mann mit übernächtigten Augen und schlohweißen Haaren. 'Meine Herren', fing ich an, 'ich habe das Unglück, welches Eure Stadt getroffen hat, mit Erschütterung gesehen, ein Unglück, so groß und einzigartig, dass man nirgends seinesgleichen findet. Zwar besitze ich nicht den Stein der Weisen, kenne auch den unteilbaren Punkt nicht, nach dem die Mathematiker der ganzen Welt seit Jahrhunderten forschen, und die Quadratur des Zirkels ist mir ein Buch mit –“

    „Wie kommt es, Herr“, unterbrach Magister Kopf Kynos´ Wortschwall, „dass man Euch bei dieser Rede nicht sofort wieder hinauswarf? Denn diese hohen Herren lieben zwar ihr eigenes Geschwätz, dem anderer Leute jedoch hören sie ungern zu.“

    „Weil ich zwei Tugenden besitze, mit denen man als Hund immer punkten kann: Demut im Blick und Bescheidenheit im Auftreten, denn


    dem Hunde, wenn er wohl gezogen,

    ist selbst ein weiser Mann gewogen*.


    Bei meinem Eintritt hechelte ich freundlich, wedelte eifrig und blickte treuherzig in die Runde, Verrichtungen, die uns die Herzen der Menschen öffnen und alle Hindernisse beseitigen. – Ähem, nun weiter. 'So sprecht, aber fasst Euch kurz', sagte der Bürgermeister, nachdem ich meine Vorrede beendet hatte, 'was schlagt Ihr vor?' – 'Euer Ehren', sprach ich und wedelte heftig, 'primo schlage ich vor, den Verzehr rohen und halbgaren Fleisches zu verbieten und stattdessen Gemüse, Obst und Salat zu empfehlen, denn ich glaube nicht an eine Strafe Gottes, sondern an eine natürliche Krankheit, die aus dem Fleisch kommt.' Die Herren blickten mich erstaunt an, ihren Blicken entnahm ich, dass sie mich für einen ausgemachten Narren hielten. „Und wie stellt Ihr Euch die Wiederherstellung der Finanzen vor?', meckerte der Kämmerer grinsend. 'Auch darüber habe ich nachgedacht, lieber Herr', sagte ich und führte aus: Man solle dem Rat vorschlagen, dass jeder Bürger dieser Stadt von vierzehn bis sechzig Jahren monatlich einen Tag bei Wasser und Brot faste, und der Betrag dessen, den er sonst für Fleisch, Wein, Obst und Gemüse ausgeben würde, soll auf Eid und Gewissen ohne einen Heller Unterschleif in die Stadtkasse bezahlt werden; so stünde ich dafür, dass die Stadt in zwanzig Jahren schuldenfrei sei. Und die Fastenden würden mehr Vorteil als Nachteil davon haben, denn sie würden Gott gefallen und zudem ihrer Gesundheit dienen. – Während ich sprach, verfinsterten sich die Mienen der drei Herren immer mehr. „Was!“, schrie der Bürgermeister, „wir sollen auf Fleisch verzichten und wie das blöde Vieh Kraut fressen? Seid Ihr noch bei Trost?“ Er zog an einer Schnur; eine Glocke ertönte, eine Tapetentür öffnete sich, zwei mit Piken bewaffnete Stadtknechte sprangen heraus und drangen auf mich ein. Ich rannte sofort weg und fand wie durch ein Wunder zur Stadt hinaus, doch die Schergen verfolgten mich. Endlich gelang es mir, sie abzuschütteln und mich in eine Höhle über dem Strand zu verbergen. Doch meine Vorschläge hatten den Bürgermeister derart erzürnt, dass er weiter nach mir suchen ließ. Schließlich sah ich Euer Licht und entschloss mich, die Gelegenheit zu nutzen und zu fliehen.“

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    * Goethe

    Forts. folgt

    Mundburt sucht einen König und kehrt mit Schnecken zurück.


    Sogleich eilte ich auf die Steintreppe zu und sprang sie hoch, denn es galt, keine Zeit zu verlieren; schon schnallte Orion seinen Gürtel um°. Ich überwand den glitzernden Bachgrund und stand bald darauf am Fuß der Wanderdüne, doch die rührte sich nicht. Bald erreichte ich den Kamm der Düne. Über mir wölbte sich der Himmel wie polierter Stahl, mit tausend Lichtpunkten übersät. Vor mir die Senke, in der wogende Nebelschwaden ein fantastisches Spiel trieben, und wieder war das Jammern der armen Unken zu hören, die den Verlust ihrer Freiheit beklagten.

    Mich überkam eine große Niedergeschlagenheit. Dieses Königreich erschien mir so fremd, so unheimlich, so abartig, so kalt und abweisend, dass es mich grauste. Doch konnte ich schon wieder wortbrüchig werden und jetzt auch noch Gerlinds gesteigerten Zorn auf mich ziehen? Schließlich saßen wir für unbestimmte Zeit im selben Boot, und ich hatte keine Lust, mich wochenlang anmaulen zu lassen. Dann doch lieber Krötenkönig werden!

    Verzweifelt blickte ich nach oben, in den gestirnten Himmel. „Gnädiger Gott!“, rief ich, „hilf! Sende mir ein Zeichen! Du, der die Macht und die Herrlichkeit –“ Mir blieb das Stoßgebet auf der Zungenspitze liegen. Was hatte ich da gerade gesagt? „...die Macht und die Herrlichkeit...“ Das war die Lösung. Gott hatte die Macht und die Herrlichkeit, nicht der Mensch! Auch ein König ist nicht Inhaber, sondern nur Verwalter der Macht, die ihm Gott verliehen hat. Wenn aber ein König keine Beziehung zu Gott hat, weil er ein Tier ist, wie der König der Unken dort, dann kommt seine Macht nicht von Gott, sondern aus unheimlichen Quellen. „Niemand, noch nicht einmal Gerlind“, rief ich in die Nebelschwaden hinein, „kann mich zwingen, eine Macht anzunehmen, die nicht von Gott kommt!“ Hob den Zahn, hieb mit dem Schwert wild durch die Luft, stach mit der Pike nach den Sternen. „Sei ein Mann und zeig ihr, wer die Segel setzt, auch wenn´s nicht einfach wird!“

    Fest entschlossen drehte ich mich auf dem Absatz um und lief so schnell ich konnte die schlafende Düne hinunter. Als ich mich der Beke näherte, hörte ich ein eigenartiges Geräusch, ein leises Schleifen und Kratzen, ein verhaltenes Ächzen und Flüstern, das mich entfernt an die Töne erinnerte, die nachts in der Wand meiner Kammer auf Burg Schwarzenraben zu hören gewesen waren. Sie stammten von den Kakerlaken, die dort Hochzeit hielten. Es war jetzt so dunkel, dass ich keine Einzelheiten erkennen konnte, sosehr ich auch versuchte, die Finsternis zu durchdringen. Erst als ich über den Bach sprang, entdeckte ich die Ursache dieser Geräusche: Schnecken, Tausende, ach, was sag ich, Millionen von Schnecken, die das Bachbett entlangzogen, und deren glänzender Schleim den Boden überzog.

    Spontan warf ich mich auf die Knie und dankte Gott. Wieder hatte er in seiner großen Güte ein Wunder gewirkt, und wieder eines, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Zog meinen Harnisch aus (der in Wirklichkeit ein Hafersack war), und füllte ihn randvoll. Denn Schnecken, über Holzkohle gebacken und mit Wein übergossen, sind eine Köstlichkeit, die ich oft mit meinem Vater genossen hatte. „Wie weise bist du doch, Herr!“, rief ich in den gestirnten Himmel, „denn was soll mir ein Königreich, wenn ich darin verhungern müsste!“ Jetzt galt es nur noch, Gerlind davon zu überzeugen, dass ein Sack Schnecken in unserer Lage mehr wert war als die schönste Königswürde, für die man sich nichts kaufen kann.

    ___________

    ° Um der untergehenden Sonne nachzujagen.


    Mundburt besteht ein Wortgefecht, und Wurst erzählt eine Geschichte.


    Auf dem Schiff hatte sich inzwischen Katerstimmung breit gemacht, denn der Hunger, nach dem Römer Plautus die einzig zuverlässige Zeitanzeige, wütete. Als ich an Bord kletterte, hörte ich deutlich das Knurren und Kollern leerer Mägen und das Knistern ausgedörrter Eingeweide. Doch ehe ich die frohe Botschaft des unverhofften Segens verkünden konnte, nahm mich Gerlind in den Arm, drückte mir einen Kuss auf und säuselte: „Muh, mein Dickerchen, dein Täubchen war wohl ein wenig zu spröde vorhin... ´tschuldige! Hab mir folgendes überlegt...“

    „Ich übrigens auch!“, sagte ich.

    „Was meinst du?“

    „Was meinst du?“

    „Sag du zuerst.“

    „Nein, sag du zuerst.“

    „Nein, sag du zuerst.“

    „Ich?“

    „Ja du.“

    „Warum gerade ich?“

    „Einer muss ja mal anfangen, sonst stehen wir morgen früh noch an der gleichen Stelle.“

    „Na schön, der Klügere gibt nach. Hab mir überlegt, dass die Macht –“

    „Genau das hab ich auch.“

    „Na was?“

    „Du warst dran.“

    „Hab mir überlegt, dass die Macht, so sie nicht von Gott kommt –“

    „Genau das hab ich mir auch überlegt.“

    „Ach ja?“

    „Was ach ja?“

    „Du denkst doch sonst nicht über solche Dinge nach!“

    „Woher willst du denn das wissen? Oder kannst du in meinen Hirnkasten hineinschauen?“

    „Nein, aber ich höre, was herauskommt!“

    „Alte Unke!“

    „Alter Bock!“

    „Den Bock verbitte ich mir!“

    „Geschenkt. Du hast dir überlegt, dass die Macht, so sie nicht von Gott kommt –“

    „Na? Nun weiter!“

    „Was weiter?“

    „Ich hab mir überlegt, dass die Macht, so sie nicht von Gott kommt – du bist dran.“

    „Woher soll ich das wissen? Sind schließlich deine Gedanken.“

    „Gib zu, Gerlind, dass du nicht mehr weiter weißt.“

    „Ich geb gar nichts zu.“

    „He, ihr beiden Streithammel!“, rief Kopf, „unser Abendbiss läuft weg!“

    In der Tat, einige Schnecken waren aus den Sack, den ich hinter die Reling gestellt hatte, heraus gekrochen und schickten sich gerade an, über Bord zu springen. „Na dann!“, rief ich, „hurtig Feuer geschlagen und den Wein kredenzt! – Wurst, Ihr könnt herauskommen! Es gibt Schnecken in Rotweintunke!“

    Während Kopf die Glut hochschürte und glühende Augen in die Kohlen blies, sagte ich: „Oben auf der Düne ist mir klar geworden, dass die Macht, die dieser König zu vergeben hat, nicht von Gott kommt, weil Tiere nicht an Gott glauben, auch wenn sie sich wie Menschen benehmen. Also kann diese Macht nicht hilfreich sein.“

    „Und das Königtum, das darauf gründet, ein Mummenschanz“, fügte der Magister hinzu.

    „So ähnlich dachte ich auch“, gestand Gerlind.

    „Na dann sind wir uns ja wieder mal einig“, schloss ich.


    Endlich kam Leben in unsere hohlen Wangen; die Schnecken mundeten ausgezeichnet, und der Wein tat ein übriges, um die Stimmung zu heben. Wurst, der keinen Hunger hatte, weil er, wie er sagte, immer noch bis obenhin voll war, meinte: „Ich hätte da eine nette Geschichte.“

    „Hmmpf... mampf... schmatz... schlürf... nur zu!“, kam es von allen Seiten.

    „Als die Tiere noch reden konnten“, begann Wurst, „ging ein alter Löwe im Wald spazieren und betete so vor sich hin, als er auf einen Kohlenbrenner traf, der sich Äste abhieb. Sobald der Nichtsnutz den Löwen sah, warf er seine Axt nach ihm und verwundete ihn schwer am Schenkel. Hinkend lief der Löwe davon, um Hilfe zu suchen. Schließlich traf er auf einen Mann, der mitleidig die Wunde so gut es ging untersuchte, reinigte und Moos hineinstopfte; dann befahl er dem Löwen, ja die Fliegen abzuwehren, damit sie ihren Schmeiß nicht hineinlegten; er wolle unterdessen Wundkraut holen. Der Löwe, von Schmerzen getrieben, spazierte weiter im Wald umher, als ihm eine alte Kräuterhexe entgegenkam. Kaum, dass sie den Löwen sah, so fiel sie vor Schrecken hintenüber und blieb wie tot liegen. Der Wind blies ihr Kleid, Unterrock und Hemd bis über die Schultern vom Leib weg.

    Mitleidig trat der Löwe näher, um zu sehen, ob sie nicht Schaden genommen habe, und als er ihre... äh... hmm...nun ja... wie soll ich sagen... sah, rief er: 'Ach, du arme Frau, wer hat dich so blessiert!' Er winkte einem Fuchs, der zufällig des Weges kam, und rief ihm zu: 'Herbei, Gevatter, schnell, hier ist Hilfe nötig!' Als der Fuchs herbei war, sagte er zu ihm: 'Lieber Freund und Gevatter, jemand hat diese Frau hier auf schändliche Weise verletzt, es ist ein schrecklicher Spalt. Das muss dieser Kohlenbrenner gewesen sein, der mit der Axt nach mir geworfen hat. Oh oh oh, die arme Frau!' Der Fuchs schnupperte. 'Ich glaub, die Wunde ist nicht mehr ganz frisch', sagte er, 'ich werde sie bewedeln, damit keine Fliegen hinein krabbeln.' – 'Ja, tu das, lieber Freund!', rief der Löwe, 'du hast einen schönen langen Wedel, also wedele nur, Gevatter, wedele! Ich gehe indes Moos holen, um es hineinzustopfen. Und immer gewedelt, Gevatterchen, tüchtig, tüchtig, wie sich´s gehört.' – Damit ging er fort, um Moos zu holen. Der arme Fuchs wedelte, so gut er konnte, hierhin, dahin, dorthin, inwendig, auswendig, oben, unten.“

    Wurst schwieg.

    „Warum erzählt Ihr nicht weiter?“, fragte ich und ließ einen herrschaftlichen Rülpser ab.

    „Hmm... ich weiß nicht...“

    „Was wisst Ihr nicht?“

    „Ich weiß nicht, ob ich wirklich weitererzählen soll, schließlich esst Ihr gerade, und dann haben wir eine Dame unter uns.“

    „Ha!“, rief Gerlind, „Dame? Meint Ihr mich? Da macht Euch mal keinen Hals! Ich denke mal: Der Fuchs entdeckt ihr Arschloch. Na und?“

    Wurst, verblüfft: „Ihr kennt die Geschichte?“

    „Nein, aber ich kenne Euch, hab Euch schließlich unters Hemd geschaut. Also wacker weiter erzählt! Was man angefangen hat, sollte man auch zuende bringen.“

    „Na gut denn. Ä-hem. Inzwischen war die Frau erwacht und ließ einem nach dem anderen fahren, sodass es ganz erbärmlich zu stinken anfing. Dem Fuchs wurde gar übel zu Mute, er wusste zuletzt nicht mehr, wohin er sich kehren und wenden sollte. Da sah er, dass sie hinten noch ein anderes Loch hatte, aus dem der gräuliche Stinkewind hinausblies.

    Endlich kam der Löwe mit dem Moos zurück, von dem er wohl etliche Fuder in den Armen trug, und machte sich daran, das Moos in die vermeintliche Wunde zu stopfen, worauf die Alte anfing, wie eine läufige Katze zu schnurren. 'Ach, Gevatter!', rief der Fuchs, 'ich bitte dich, stopft nicht alles da hinein, da unten ist noch ein anderes Loch, aus dem es entsetzlich stinkt.' Nachdem die Frau versorgt war, gingen sie weiter. Bald kamen sie an eine Stadt, um die gerade neue Mauern errichtet wurde. 'Diese neuen Mauern taugen nichts', sagte der Fuchs, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte, 'bei meinem Wedel, für eine Stadt wie diese sind sie doch gar zu erbärmlich; sechs Stadttürme davon bläst doch ein einziger Kuhfurz um. Es ist immer gut für eine Stadt, etwas Solides um sich zu haben, sei´s auch nur, um Stapelgeld kassieren.' – 'Aber lieber Freund, wollte man sie in der Art wie Straßburg, Rom oder Ferrara befestigen, so würde das schon wegen der ungeheuren Kosten unmöglich sein.' – 'Was diese Kosten betrifft, um die du dich sorgst, Gevatter, so wollte ich dem Stadtrat gegen ein angemessenes Weindeputat eine ganz neue, kostengünstige Art angeben, wie man sie bauen könnte.' – 'Und auf welche Weise?' – 'Halte nur reinen Mund, dann will ich´s dir sagen. Statt gemauerter Wände sollen sie Holzgerüste mit sieben Etagen bauen; darein sollen sie im Ernstfall ihre Frauen und Mägde mit hochgezogenen Röcken legen, mit den Hintern stadtauswärts, und zwar in schönster, architektonischer Ordnung; die ganz großen unten, die mittelgroßen in die Mitte und die kleinen oben. Wer könnte einer solchen Mauer etwas anhaben? Es wäre ein unüberwindliches Bollwerk, nicht nur der abschreckenden Winde wegen, sondern weil weder Stein noch Eisen solche Stöße aushielte wie dieser Schutzschild aus nackten Weiberärschen.' – 'Donnerwetter!', rief der Löwe, 'darauf muss erst mal einer kommen! Nur, was ist mit den Fliegen? Würden die nicht scharenweise angezogen und das schöne Bauwerk beschmutzen?' – 'Das lass mal meine Sorge sein, Gevatter! Da würd ich tüchtig ausfegen! Bei Gott! Ich würde die Mauer nach allen Regeln der Kunst bewedeln, und du hast gesehen, welch prächtigen Wedel ich habe!' – 'Gut, gehen wir in die Stadt, eine Kanne Wein könnte jetzt nichts schaden.'

    Auf dem Weg zum Rathaus begegnete ihnen ein Mann, der zwei kleine Mädchen in einem Quersack über den Schultern trug, das eine vorn, das andere hinten. 'Sagt doch, guter Mann', redete ihn der Fuchs an, 'warum tragt Ihr die Kleinen im Sack über der Schulter? Dem Aussehen nach dürften sie in einem Alter sein, in dem Kinder schon laufen können!' – 'Das ist wohl wahr', erwiderte der, 'laufen können die beiden.' – 'Und warum tragt Ihr sie trotzdem mit Euch herum?' – 'Das ist deshalb, weil es in dieser Stadt siebenmalsiebenmalsieben Tricks und Kniffe gibt, junge Mädchen zu verführen. Und weil ich will, dass meine beiden unbeschädigt in die Ehe gehen, trage ich sie mit mir herum.' – 'Wie lange tut Ihr das schon, lieber Mann?' – 'An die fünf Jahre.' – 'Oha! Nun denn, hat es was genutzt?' – 'Was die da vorne betrifft, die ich immer unter Augen habe, so glaube ich allerdings, dass sie noch Jungfer ist, doch beschwören möcht ich´s nicht; was aber die dahinten angeht, von der kann ich wirklich nichts sagen.'“

    „Wahrhaftig!“, rief Gerlind, da Wurst schwieg, „Ihr seid ein lustiger Geselle! Solltet eine Narrenkappe aufsetzen und Euch am Hofe eines Fürsten als Alleinunterhalter verdingen! Wo habt Ihr nur diese Geschichten her?“

    „Von meiner Großmutter! Sie war Wurststopferin bei König Farcimen und hat so manches gehört, was sich die Wurstmacher während der Arbeit – “ Das Ende des Satzes ging in allgemeinem Gelächter unter.


    Mundburt nimmt einen Flüchtling von der Insel der Fleischfresser auf.


    Das Gelächter schwoll immer mehr an; Kopfs Hinterkastell donnerte wie eine Steinlawine. Dies und unser gewaltiges Schenkelklopfen setzten das Boot in Bewegung, es rutschte von der Sandbank, und bald erreichten wir die offene See. Gerlind, Kopf und ich begaben sich zur Ruhe und versuchten, den harten Bootsplanken etwas Schlaf abzutrotzen; Wurst, der versicherte, er könne doch nicht schlafen, übernahm die Bordwache und setzte eine Buglaterne auf.

    Gegen Mitternacht weckte mich leises Plätschern, denn der Schlaf eines Seemanns gleicht einer Sternschnuppe: Er kommt aus heiterem Himmel, ist leicht und erlischt schnell. „Hört Ihr nichts“, rief ich Kopf zu. „Himmel, was riecht hier so?“ In der Luft lag ein entsetzlicher Gestank.

    „Ich wollte Euch gerade wecken. Irgendetwas nähert sich dem Boot!“

    Angestrengt späte ich in die Richtung, aus der das Geräusch kam; allmählich zeichnete sich undeutlich ein dunkler Gegenstand ab, der genau auf uns zukam; schließlich erkannte ich zwei spitze Ohren und eine kugelförmigen Nase, die eine gute Spanne vor den Ohren im Wasser trieb und offensichtlich einem Hund gehörte.

    „Um Himmels Willen!“, rief der Hund prustend, „liebe Leute, lasst mich an Bord, die Menschen sind hinter mir her!“

    Was soll´s, dachte ich, wo vier Leute Platz haben, kommt auch noch ein Fünfter unter; außerdem ist es die Christenpflicht eines Kapitäns, jedermann aus Seenot zu retten, egal, ob ihn Haut, Fell, Federn, Warzen, Schuppen oder sonstwas bedecken. „Ahoi, steigt nur ein!“, rief ich, „hurtig, hurtig, für Euch ist noch allemal Platz!“

    Inzwischen waren die anderen aufgewacht und betrachteten neugierig den Schwimmer, der mit Anzeichen schwerer Erschöpfung über die Reling kletterte. „Puhhh...birrr... Danke, liebe Leute, heißen Dank“, keuchte der Hund mit rauer Stimme und schüttelte sich das Wasser aus dem Fell, sodass wir Deckung nehmen mussten, „beim Maul meiner Großmutter, das war knapp!“

    Von Backbord, von der Seite, aus welcher der Zugestiegene gekommen war, hörte man Hundegebell und Männerstimmen. „Bitte, Herr Kapitän“, sagte der Flüchtling, „löscht die Laterne, das Licht ist meilenweit zu sehen!“

    „Wie heißt die Insel, von der Ihr gekommen seid?“, wollte Kopf wissen, „und warum stinkt es hier so?“

    „Die Insel heißt Sarkophagos, ihre Bewohner nennen sich Sarkophagen*. Der Gestank kommt von den Schlachthöfen.“

    „Und was sind das für Leute auf dieser Stinke-Insel?“

    „Nichts als Paternosterhelden, Credoheuchler, Rosenkranzdiebe, Kuttenkacker, Bettpisser und Säulenheilige, alles arme Leute, die sich von dem ernähren, was ihnen Wurst ist. Die übrigen sind Metzger. Allen gemein ist der wahnsinnige Hunger auf Fleisch. Geht da bloß nicht hin, das rat ich Euch!“

    Vom Hinterschiff erscholl Geklapper; Wurst, dieser Angsthase, hatte wieder einmal das Weite gesucht.

    „Warum ist der Herr weggelaufen?“, fragte der Flüchtling.

    „Habt Ihr ihn nicht gesehen? Ihr seid ein Hund, er ist eine Wurst.“

    „Ach so! – Lieber Freund, kommt zurück!“, rief der Hund, „ich tue Euch nichts! Ich bin ein zivilisierter Hund und weiß mich zu beherrschen. Außerdem würde ich nie jemanden verspeisen, der mir Asyl bietet!“

    „Ihr seid eine Zierde Eurer Rasse“, sagte Gerlind. „Doch warum musstet Ihr fliehen?“

    „Hat das nicht Zeit bis morgen? Bin hundemüde!“

    „Verstehe. Nur eine Frage noch, bitte. Wir waren doch gerade noch bei der Unkeninsel! Sind wir denn in der kurzen Zeit so weit abgetrieben!“

    „Das ist wohl möglich! Wir liegen hier schon verteufelt nahe am Rande der Welt. Musste ziemlich hart gegen diese verdammte Strömung ankämpfen, um auf Kurs zu bleiben. Ich rate dringend, die nächste Insel oder ein Festland anzusteuern, sonst laufen wir Gefahr, herunterzufallen.“

    Herrje, dachte ich. Dergleichen hatte ich schon befürchtet; wie sonst war diese Meeresströmung zu erklären, die uns immer schneller vorantrieb, wenn nicht das Wasser über den Rand der Erdscheibe ablief? Für einen Moment blieb mir das Herz stehen. Wenn weder Insel noch Festland kämen und wir bereits hart auf den Rand der bekannten Welt zutrieben? Ohne Ruderpinne und Wind vorm Segel, um den Kurs zu ändern?

    „Lieber Freund“, sprach ich, „gibt es denn überhaupt noch eine Insel oder ein Festland hier in der Nähe?“

    „O ja, doch, die Affeninsel! Wenn wir dort an Land gehen, sind wir gerettet!“

    „Viel wichtiger als die Affeninsel“, sagte Gerlind, „ist jetzt eine Mütze Schlaf für jeden. Unser neuer Gast ist ja völlig erschöpft! Wie heißt Ihr denn, lieber Mann?“

    „Mein erster Herr rief mich Kynos**.“

    „Schon wieder so ein Fremdwort! Ich werde Euch Hund nennen. Übrigens, seid Ihr auch Magister?“

    „Nein.“

    „Na endlich ein normaler Mann!“, rief Gerlind, wobei ihr Blick nachdenklich auf Hunds Rute ruhte.


    Ich konnte nicht mehr einschlafen. Wegen des Gestanks und der Befürchtung, demnächst irgendwo zwischen der Säulen der Unterwelt zu enden, drückte ich kein Auge zu. Auch Kopf lag mit offenen Augen und zugeklemmter Nase da und starrte in den Himmel.

    „Herr Magister, schlaft Ihr?“, flüsterte ich.

    „Nein.“

    „Dürfte ich Euch etwas fragen?“

    „Ja.“

    „Ihr seid ein gelehrter Mann, haltet Ihr es für möglich, dass wir tatsächlich auf den Rand der Welt zutreiben und in die Unterwelt abrutschen könnten, wie manche behaupten?“

    „Es ist möglich, aber auch wieder nicht.“

    „Wie meint Ihr das?“

    „Manche Schiffe versinken hinter dem Horizont und kommen nicht wieder, andere kommen zurück.“

    „Hmmm... Und von der Besatzung derer, die zurück kommen, hat da schon mal jemand den Rand der Welt gesehen?“

    „Manche behaupten sie hätten, andere wiederum nicht.“

    „Hmmm... Das heißt, nichts genaues weiß man nicht... Was meint Ihr persönlich?“

    „Ich persönlich? Hmm, nun ja... Dass wir in die Unterwelt abrutschen könnte halte ich für eher unwahrscheinlich. Ich glaube nicht an eine flache Scheibe, ich glaube, die Erde hat die Form einer Schüssel mit hohen Rändern, in der das Meer hin- und herschwappt.“

    Das wusste ich besser. „Würdet Ihr es auf einen Versuch ankommen lassen und bis zum Ende der Welt segeln?“

    „Lieber Herr, darüber habe ich mir noch nicht den Kopf zerbrochen. Außerdem besitze ich kein Schiff.“

    „Und wenn Ihr denn eines hättet?“

    „Hmm... nun ja... man müsste sehen...“

    „Was redet Ihr da für einen Unsinn, Kopf!“, rief Wurst, der unbemerkt herangeschlichen war. „Der Grieche Anaximander hat schon vor tausendfünfhundert Jahren den Umfang der Erde zu zweitausend Stadien berechnet und behauptet, sie habe die Form einer Kugel. Demnach müssten wir, wenn wir lange genug segeln, am anderen Ende der Welt wieder hochkommen.“

    Der Magister fuhr auf. „Hoho, wollt Ihr behaupten, Wurst, ich lüge?“

    „Haha, hört sich aber, Kopf, so an!“

    „Ihr seid ein –“

    „Und Ihr ein –“

    „Schluss jetzt!“, rief ich, „noch ein Wort, und ihr geht beide über Bord!“

    ______________________

    * gr. = Fleischfresser, ** gr. = Hund


    Forts. folgt

    Ich schwöre bei Gott und stifte freiwillig dro dusend Bündel Kirchenheu, wenn mich jemand bei dem, was ich jetzt berichte, mit einer Übertreibung erwischt. – Noch nie hatte ich solch sonderbar gekleidete Wesen gesehen. Das eine, gerade mal so hoch wie ein Nachttopf, trug ein halblanges knallgelbes Oberkleid mit knotigen Fransen, einen Wams mit Alltagsaufschlägen, wie sie im letzten Jahrhundert üblich waren. Das Bauchtuch war nach alter Weise geknöpft und in der Weiche gegürtet, hingegen hing das Unterkleid von der Farbe frischer Zwiebelsoße an verschiedenen Stellen in Fetzen. Zwei gamsfarbene hautenge Beinkleider, so alt wie löchrig, dass man die dünnen Waden sehen konnte, bedeckten die säbelkrummen Beine. Die Füße dieses Wesens waren groß und geformt wie Leiern und steckten in Bastsandalen.

    Der andere Zwerg sah möglicherweise noch bizarrer aus.

    Auf dem Kopf, rund und breitmäulig war wie eine Türkenbund-Melone, saß eine Haube von der Art, die man heute nicht mehr trägt und die zum Lachen reizt, am Hals eine Halskrause wie ein Mühlstein so groß. Die Augen, hart wie Krebsaugen, schienen außerhalb des Kopfes zu sitzen. Das bodenlange Oberkleid in der Farbe des Granatapfels bestand aus lauter Flickwerk, von dem ein Unzahl Bänder abhing wie Arme an einem Kraken. Vom Unterkleid, ehemals sicherlich schilfgrün, jetzt straßengrau, waren nur die Ärmel zu sehen, die einen Bogen schlugen, denn Arme und Beine des Wesens waren krumm wie Schießbogen und dem Körper zugewandt. Auch diese Füße waren von abnormer Größe und steckten in Schuhen, die mich an die Jagdtaschen meines Vaters erinnerten. Für einen Moment schien es mir, als seien die beiden gerade aus des Teufels Tiergarten herübergeweht.

    „Wer seid ihr?“, fragte ich.

    „Ich bin die Traudel“, sagte das breitmäulige Wesen mit weinerlicher Stimme, „und das ist meine Freundin Margarete. Wir sind zwei arme Unken –“

    Unken! Na klar! Jetzt fiel´s mir wie Schuppen von den Augen: Das Gejammer stammt von Unken! Noch nie hatte ich Unkenrufe, die ja bekanntlich von Unheil künden, gehört, deshalb war ich nicht darauf gekommen. Vielleicht lag´s aber auch an der Lautstärke, mit der diese Biester schrien.

    „ – und wer seid ihr, liebe Herren?“

    Ich sagte es ihr, und noch einiges mehr.

    Die Unke Traudel legte die niedrige Stirn in Falten. „Deutschland... Deutschland...“, überlegte sie laut, „ist das nicht das Land, wo Milch und Honig –“

    Ich hatte keine Lust, mich auf einen Diskurs über das Land, 'wo Milch und Honig fließt', einzulassen, und fragte barsch: „Wer sind diese beiden da?“

    „Zwei Assassinen. Wir nennen sie Braunhemd und Knotenstock, aber in Wirklichkeit sind es Mörder und Frauenschänder. Sind sie tot?“

    „Zumindest der mit dem Knüppel. Ein Ritter in spe macht keine halben Sachen.“ In der Tat, Knotenstock rührte sich nicht, während Braunhemd anfing, mit den Beinen zu strampeln. Kopf versetzte ihm ein paar kräftige Hiebe auf den Schädel, dann was Ruhe.

    „Ha!“, rief die andere Unke mit dünnem Stimmchen, „geschieht ihm recht, diesem Sauhund, war der Schrecken aller ehrbaren Frauen im Reich!“

    „Hört mal, Ihr beiden Hübschen“, sagte der Magister, „gibt es auf dieser Insel hier außer Wasser noch was anderes zu trinken? Hab einen Höllendurst!“

    „Oh oh oh“, jammerte die Traudel, „oh oh oh! Leider nein, lieber Herr! Das einzige Getränk, das uns diese verdammten Assassinen gönnen, ist Wasser. Sie selber saufen kannenweise Met und Wein, diese Mistkäfer, können nicht ohne –“

    Die Unke hatte diesen Satz noch nicht beendet, da beugte sich der Magister über Braunhemd und öffnete seinen Harnisch. „Ich ahnte es!“, rief er und zog eine Feldflasche hervor, „sonst hätte ich ihn gründlicher zusammengehauen!“ Er öffnete die Flasche, schnupperte, kostete. „Fantastisch! Ein herber Burgunder! Genau nach meinem Gusto!“ Ich trat zu Knotenstock und prallte zurück; der Anblick war überaus scheußlich. Die blutverschmierte Rüstung war übersät mit hässlichen Warzen, aus denen ätzender Schleim austrat; das Gesicht, mit wässernden Geschwüren bedeckt, starrte mich mit glasig-toten Augen an. Gottseidank musste ich nicht lange suchen, die Flasche lugte unter seiner Rüstung hervor, und ich konnte sie ohne Mühe abziehen. Somit war für unseren Durst für´s erste gesorgt.

    „Hier können wir nicht bleiben“, sagte ich, „über kurz oder lang wird man uns entdecken. Gibt es irgendwo ein stilles Plätzchen, wo wir ungestört den Wein schlürfen können?“

    „Ja gibt es“, jammerte Margarete, „seht Ihr dort die grüne Insel? Das ist unser Thinkplatz, dort sind wir sicher.“

    „Hahaha“, machte Kopf, den der erste Schluck wohl schon leicht benebelt hatte, „ein Trinkplatz – hätt ich nicht gedacht!“

    Ich gab ihm einen kräftigen Rippenstoß. „Und wie kommen wir dort hinüber? Doch nicht etwas durch den Sumpf?“

    „Doch, durch den Sumpf –“

    „Wie? Was? Wo schon ein einziger falscher Schritt –“

    „Keine Angst, Herr Ritter, es gibt dort sichere Wege, die aber nur wir Unken kennen... Schließlich ist es unser Land.“

    Ich weiß nicht, was mich mehr entzückte: Die Aussicht auf einen ordentlichen Schluck oder die Anrede 'Herr Ritter'! Stand kurz davor, die alte Unke zu umarmen und zu knuddeln.

    Auf einem schmalen Pfad stiegen wir den Abhang hinunter. Bevor wir das Moor betraten, drehte sich Margarete um und sagte: „Und immer hübsch der Reihe nach, Ihr Herren! Bleibt genau hinter uns! Ihr habt Recht, Herr Ritter: Ein unbedachter Schritt, und die Moorgeister ziehen Euch hinab in ihr Reich. Viele unserer Verfolger sind auf diese Weise schon umgekommen, hihihi!“

    Herrgott, war das ein Weg! Indem ich wieder daran denke, überzieht mich eine Gänsehaut! Es gluckerte, schlürfte, schwappte, schmatzte. Hörte sich an, als liefe den Moorgeistern schon das Wasser im Munde zusammen. Hunderte von Augenpaaren starrten uns an. Ein paarmal dachte ich, jetzt ist es aus, denn der Boden schwankte bedrohlich, drohte zur Seite zu kippen. Doch irgendwie erreichten wir glücklich die Insel, in deren Mitte sich wie der Rücken eines Walfischs ein riesiger runder Felsen wölbte. Drumherum standen in regelmäßigen Abständen hohe behauene Steine, offensichtlich einen Versammlungsplatz urzeitlicher Riesen. Doch irgendetwas stimmte nicht. Wenn hier Riesen gesessen hatten, überlegte ich, wieso können dann mickerige Unken und Frösche hier Platz nehmen?

    Jetzt erst bemerkte ich eine grüne Gestalt mit einer goldenen Krone auf dem Kopf, die auf uns zukam und sich gemessen verbeugte. Sie war in einen schlichten grünen Rock mit Goldknöpfen gekleidet. Auch sie war nicht viel größer als unsere Führerinnen. Dahinter hüpfte ein weiterer Grünling, allerdings ohne Krone.

    „König Bufo-Bufo* VIII., Herrscher der Unken und Frösche, grüßt Euch, Ihr Herren!“, rief der Grünling mit piepsiger Stimme, „nehmt Platz und erfrischt Euch!“

    „Wir danken Euch, Majestät“, erwiderte ich und verneigte mich tief, „wir nehmen Euer Angebot gerne an, denn der Weg zu Euch war beschwerlich.“ Zwei Unken sprangen herbei und reichten uns Wasser.

    „Nippt wenigstens“, zischte ich dem Magister zu, der die klare Flüssigkeit angewidert anstarrte, „das Geschenk eines Königs weist man nicht zurück!“

    Da hatte ich was gesagt! Schon kurze Zeit später sollte ich meinem eigenen Grundsatz untreu werden...

    _____________

    * Bufo, lat.=Unke


    Mundburt bekommt ein Königreich geschenkt und nimmt es nicht an.


    Der König setzte sich in eine Nische, die in dem großen Stein ausgehauen war, und wir nahmen ihm gegenüber Platz.

    Zunächst herrschte majestätisches Schweigen. Dann sagte ich: „Dürfte ich Eure Majestät etwas fragen?“

    „Gerne, mein wackerer Held!“, sagte seine Majestät mit einer Stimme wie ein Gong.

    „Majestät, warum jammert Euer Volk, dass es Steine erweichen könnte? Und was ist das für ein Reich, von dem die Traudel vorhin sprach?“

    „Ach, lieber Herr, das Reich des Bösen ist über uns gekommen! Dieses Land war einst frei und reich an Gütern, jetzt aber sind wir arm, unglücklich und den Eindringlingen untertänig. Das ist so zugegangen: Eines Tages kamen Fremde und verlangten, dass wir ihren Gott anbeten und nach ihren Regeln leben. Viele tapfere Männer weigerten sich und sind geköpft, gepfählt, gevierteilt oder sonst wie grausam zu Tode gefoltert worden°. Besonders einer, der sich Osama nannte, watete im Blut der Erschlagenen. Die Willfährigen wurden in die Sklaverei entführt, das Weibervolk in diesen Sumpf getrieben. Aber auch hier lassen sie uns nicht in Ruhe. Immer wieder entführen sie meine Untertanen, auch auf die Gefahr hin, mit ihrer Beute im Morast zu versinken, denn sie kennen die sicheren Wege nicht.“

    Bei diesen Worten schwoll das Gejammer, das hier und da schon vereinzelt aufgestiegen war, zu einem entsetzlichen Getöse an. Der König wartete einen Moment, dann ließ er seinen Gong erschallen, und der Lärm verstummte.

    Inzwischen hatte ich Kopf etwas aus den Augen verloren. Der war gerade dabei, der Unke Margarete, die das Treiben sichtlich genoss, den Hof zu machen. Anscheinend war der 'herbe Burgunder' eine Nummer zu groß für ihn. „Herr Magister!“, rief ich, „bezähmt Euch! Wir sind als Gäste, nicht als Eroberer hier!“

    „Besonders diese Kröte Knotenstock“, fuhr der Herrscher über Unken und Frösche mit allen Anzeichen der Bekümmernis fort, „war der reinste Teufel in Tiergestalt – seine Seele sei verdammt in alle Ewigkeit. Dieses Untier...!“ Eine zierliche Unke hüpfte heran und wischte dem König die Stirn. „Vor vierzehn Tagen sollte die Heirat meiner Tochter Bufonella gar feierlich und prächtig begangen werden, wie es bei uns im Lande Sitte war. Nach dem Abendessen gab es verschiedene Belustigungen für das Volk, Scherze, Possen, Tänze, Maskenzüge, Mummereien. Unter den Gauklern befand sich auch dieses Untier, im grünen Kleid eines Grasfroschs. Als das Toben und Wälzen seinen Höhepunkt erreichte, warf er den grünen Mantel ab und versprühte aus seinen Geschwüren einen giftigen Schleim, an dem viele Gäste starben.“ Der König griff sich an die Augen; es schien, als weine er. „Auch Prizessin Bufonella war unter den Toten.“ Wieder erklang Gejammer, schwoll gewaltig an, das Totenglöckchen bimmelte wie wahnsinnig. Auf ein Handzeichen des Königs verstummte der Lärm.

    „Ja um Himmels Willen!“, rief ich und sprang auf, „Majestät, habt Ihr denn niemanden, den Ihr zu Hilfe holen könntet? Es gibt doch genug gerechte Fürsten auf der Welt.“

    „Von welcher Welt redet Ihr, Herr? Oder meintet Ihr selbstgerechte?“ Der König schwieg bedrückt, endlich fuhr er fort: „Nun ja, wir wandten uns an einen, der auf der Affeninsel lebt. Dieser König, der sich selbst 'Der Fantastische' nennt und sich vieler großartiger Erfolge rühmt, schickte ein paar Krieger, doch die kehrten schnell wieder um, weil sie nicht wussten, gegen wen sie kämpfen sollten.“

    „Wie das?“

    „Obwohl unsere Unterdrücker alle an denselben Gott glauben, sind sie sich doch untereinander nicht grün. Die Assassinen trauen den Assassiden nicht über den Weg, diese wiederum den Assaliden nicht, und die Assawiden sind mit allen verfeindet. Jede Partei hat einen anderen mächtigen König als Beschützer erkoren, und die Assassinen, unsere Unterdrücker, haben dazu den 'Fantastischen' gewählt, sodass seine Soldaten Kämpfer eines Landes angreifen müssten, dem er Schutz gelobt hat.“

    „Wo liegt denn diese Affeninsel?“, wollte Kopf wissen, der gerade die Unke Margarete, die auf seinem Schoß saß, abknutschte, „königliche Affen haben mich schon immer interessiert.“

    „Wir reden, fühlen, denken zwar wie Menschen“, setzte der König sein Klagelied unbeirrt fort, „trotzdem sind wir Tiere und glauben an keinen Gott. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, aber wir lebten Jahrtausende friedlich zusammen, dann kamen diese Leute, die sich als die wahren Gläubigen bezeichnen, und alles versinkt im Chaos.“

    Wieder schwieg der König; er wirkte müde und abgezehrt. „Ich bin meines Amtes müde“, sagte er nach einer Weile, „und habe, seit Prinzessin Bufonella das Zeitliche segnete, keinen Nachfolger.“ Er sah erst mich, dann den Magister an. „Wenn Ihr wollt, Ihr Herren, könnt Ihr mein Königreich haben. Ich schenke es Euch.“

    Ich sprang auf, legte die Hand aufs Herz, verbeugte mich und sprach: „Euer Majestät, ich fühle mich tief geehrt; allein, ich bin in die Welt gezogen, um ein Ritter zu werden, dem Kaiser zur Ehre und meiner Gebieterin zu Gefallen; halten zu Gnaden, aber ich fürchte, ein Königreich wäre dabei nur hinderlich.“

    Der König der Unken und Frösche seufzte. „Da habt Ihr natürlich Recht, lieber Herr, aber man kann ja mal fragen. Gehabt Euch wohl! Traudel bringt euch wieder zurück.“ Der König stand auf, verbeugte sich knapp und watschelte mit schweren Schritten davon.

    „Wo liegt denn diese Insel?“, fragte der Magister, als wir uns auf dem schwankenden Rückweg befanden. „Abgesehen von den Affen, diesen König Fantastisch hätte ich mir gerne mal angesehen.“

    „Ach, Herr, weit weit weg von hier, so weit, dass es mir manchmal vorkommt, als liege diese Insel in einem noch unbekannten Winkel der Welt.“


    „Bei meiner Seel´“, rief ich, nachdem uns die Traudel wieder zurück an die Steilkante gebracht hatte, „was ist das für eine Drecksreise! Gibt es denn in dieser Welt auch nur Krieg und Verderben? Kreuzdonnerwetternochmal! Ich bin ausgezogen, um Heldentaten zu vollbringen, und nicht, um mir das Gejammer von irgendwelchen Leuten anzuhören! Das ist meine Art nicht! Fehlt noch, dass irgend ein König von mir verlangt, ich solle ihm wie ein gemeiner Mönch eine Messe lesen und die Beichte abhören! Pah und wieder pah! Wenn ich nicht bald ein paar Heldentaten vollbringe, stütze ich mich kopfüber ins Meer!“

    Der Magister knurrte irgendetwas.

    „Ich bin mir fast sicher, dass dieser Sumpf betörende Dünste ausdampft“, sagte er nach einer Weile, „anders kann ich mir mein Benehmen vorhin nicht erklären. Käme bei klarem Verstand doch nie auf die Idee, eine Kröte zu küssen –“

    „Unken sind keine Kröten.“

    „Unke oder Kröte – einerlei, alles glibbriges, kaltes Volk. Allerdings: Küssen konnte die Dame! Schmeckten nicht mal schlecht, die Schmatzer... Wie eine Mischung aus Bohnenkraut und Petersilie.“

    „Wo Ihr das sagt... Auch mir kam es so vor, als hätten sich meine Sinne verwirrt. Hab mich die ganze Zeit gefragt, wieso dieser Winzling von König auf dieser Riesensteinbank Platz nehmen konnte. Passte irgendwie nicht zusammen. Und dann, vorhin schien es mir, als bestehe Traudels Kleid nicht aus Tuch und Zwirn, wie ich zunächst annahm, sondern aus Blütenblättern, Algenfäden, Entengrütze und Schnüren von Froschlaich. Und noch etwas. Ich wundere mich, woher diese vielen Unken kommen, die da überall herumsitzen und jammern, wo doch alle nur weiblich sind.“

    „Es sind Windsbräute. Sie empfangen aus der Luft. Bei einem starken Wind gebären sie Söhne, bei einem schwachen Töchter. Da seit seit etwa sechs Wochen nur schwache Winde gehen, dürfte das die Erklärung sein.

    Ich sah den Magister von der Seite an. „Manchmal weiß man nicht, was man glauben soll.“

    „Das weiß man nie.“

    „Es sei denn, es handelt sich um die Lehren unserer heiligen Mutter Kirche.“

    „Viel bedenklicher scheint mir die Tatsache“, sagte Kopf, „dass wir wieder einmal bis auf ein paar Pinten Wein keinen Proviant fassen konnten.“

    Unter dergleichem angenehmen Geplauder erreichten wir den Strand.


    Mundburt erfährt eine Standpauke und kehrt wieder um.


    Schon auf den ersten Blick sah ich, dass die Schnigge immer noch festsaß, und dass Wurst verschwunden war. „Wo ist denn Wurst hin?“, fragte ich, als wir wieder an Bord waren.

    „Als er den leeren Proviantkorb sah, hat er sich verkrochen“, sagte Gerlind. „Und, was habt ihr zu vermelden?“

    Ich berichtete.

    Plötzlich sprang Gerlind auf. „Was?“, schrie sie und stemmte die Arme wie eine alte Xanthippe in die Hüften, „höre ich recht? Du hast ein Königreich abgelehnt? Du Idiot! Ta ta ta, so dumm kann auch nur einer sein, der Mundburt heißt!“

    „Beruhige dich doch, mein Lämmchen! Was soll ich mit einem Königreich, in dem Krieg und Elend herrschen und in dem es nichts zu holen gibt? Ich bin in die Welt gezogen –“

    Gerlind stampfte so heftig mit dem Fuß auf, dass das Wasser in der Bilge hin und her schwappte.„Halunke!“, schrie sie, „noch ein Wort, und ich erwürge dich mit meinen eigenen Händen! Dein Rittertum geht mir mittlerweile vollkommen am Arsch vorbei! Herr im Himmel! Der Kerl verschenkt ein Königreich, ich fasse es nicht!“

    „Ähem“, machte Kopf, „wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Mamsell... Hat Mundburt nicht Recht? Was soll er mit einem wertlosen Königreich anfangen, wo er über Kröten, Unken und Frösche herrscht?“

    „Papperlapapp, Ihr haltet Euch jetzt mal schön zurück!“, fauchte Gerlind, „worüber ein König herrscht, ist doch scheißegal, und seien es Regenwürmer oder Kakerlaken, oder kennt Ihr ein Königreich, wo die Untertanen alle Philosophen sind ? Na seht Ihr! Pressen doch alle nur ihre Völker bis auf´s Blut aus, diese Herrschaften, und wenn ein Volk nicht mehr liefern kann, ziehen sie in den Krieg und nehmen sich das nächste vor! Doch darum geht es hier nicht. Er hätte sich König nennen können, der Trottel, versteht Ihr? KÖNIG! Mit einer Krone auf dem Kopf und den Insignien der Macht auf dem Nachthemd! Um das Recht, seinen Nachttopf auszuschütten, hätten sich die Hofschranzen blutige Nasen geschlagen! Mancher Minister oder Dompfaff hat ein Vermögen für sein Amt hingegeben, das weniger wert ist, und er kriegt ein Königreich geschenkt und lehnt es ab!“ Gerlinds Augen funkelten mich böse an. „Was meinst du wohl, du Affenschwanz, was würde wohl deine... deine Hä-hä-härrin, hä, sagen, wenn sie erführe, dass sie durch deine Dummheit nicht die Geliebte eines Königs werden kann? Verdammt nochmal, glaubst wohl, ein dummer Ritter ist mehr wert als ein armer König!“ Tränen traten in ihre Augen. „Und wir müssten nicht länger auf diesem beschissenen Kahn und diesem endlosen Meer herumschippern!“

    Aua! Der Hieb saß! Für einen Augenblick sah ich meine Hand mit dem königlichen Siegelring, vor dem die Herrin das Knie beugt und haucht: „Majestät, stehe ganz zu Euren Diensten!“ Doch so schnell wollte ich nicht klein bei geben. „Und du glaubst wirklich!“, rief ich, „die Herrin würde sich zu mir auf diese Kröteninsel begeben? Da kann ich nur lachen!“

    Auf einmal wurde Gerlind ganz leise, gefährlich leise. „Du bist und bleibst ein hoffnungsloser Fall“, zischte sie. „Hat man den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Teutscher Nation schon jemals in Rom gesehen? Nein! Er reist überall in der Welt herum*, ist so arm wie dein Froschkönig, und das Volk liegt ihm trotzdem zu Füßen! Und weißt du auch warum, du Schwachkopf? Weil er etwas hat, was du nicht hast: Macht und Einfluss!“

    Oha, dachte ich, bei allen Furien, das kann ja heiter werden! Die Jungfer hat Haare auf den Zähnen wie ein Waschbar am Schwanz! Doch innerlich musste ich ihr Recht geben. Da hatte ich wohl einen Riesenbock geschossen und die Gelegenheit des Jahrhunderts verpasst. Ehrlich gesagt, die Macht reizte mich nicht, denn Macht führt nur zu schlaflosen Nächten, und auch die Tatsache, dass meine Gebieterin nun nicht Mätresse eines Königs werden konnte, bekümmerte mich nicht sonderlich, doch die Aussicht, dass mir Gerlind mein angebliches Versagen bei jeder Gelegenheit wieder auftischen würde, bewog mich zum Handeln.

    „Also gut!“, rief ich, „ehe du noch ein Loch in den Schiffsboden trittst, ich gehe zurück und nehme das Königreich an!“ Ergriff mein Schwert und meinen Halben Zahn und sprang von Bord.

    _______

    * Damals gab es die sog. Reisekaiser, die in Ermangelung anderer Möglichkeiten in den Ländern des Reiches herumreisten, um ihre Existenz zu beweisen. ° Wie es einige Jahrzehnte zuvor die Truppen des Kaisers nach der Schlacht um Sizilien mit gefangenen arabischen Söldnern taten.


    Forts. folgt

    Mundburt erfährt Neues von der Insel der Kopflosen.


    Ich beobachtete Kopf, wie er eine dicke Fleischwurst in Scheiben schnitt, hastig aß und den letzten Becher Rotwein hinunterstürzte. „Wie viele Geschwister hattet Ihr eigentlich?“, fragte ich, als er kurz Luft holte, „Ihr wirkt auf mich, als wäret Ihr immer der Letzte am Fressnapf gewesen.“

    Er sah mich irritiert an. „Ach so, das meint Ihr! Nein, daran liegt´s nicht. Ihr glaubt ja gar nicht, welche Wohltat es ist, mit dem Mund essen zu können und sich die Nahrung nicht durch einen Trichter in den Hals stopfen zu müssen! Außerdem schmecke ich jetzt, was ich zu mir nehme, und es schmeckt köstlich!“

    „Wo wir gerade bei diesem Thema sind“, sagte Gerlind, „wovon habt Ihr Euch eigentlich ernährt, als Ihr den Kopf noch unter dem Arm trugt? Durch so einen Trichter... hmnja... Rotwein geht, aber wie sah es mit Brot und Gebratenem aus?“

    Kopf schüttelte denselben. „Auf unserer Insel ernähren sich die anständigen Leute von Haferbrei und klarem Wasser, wie es die Regierung vorschreibt, die Verbrecher allerdings leben in Saus und Braus.“

    „Von Haferbrei und Wasser kann man doch nicht auf Dauer leben“, behauptete Wurst.

    „O doch, Herr! Ihr glaubt ja nicht, mit wie wenig Nahrung ein menschlicher Organismus auskommt! Eine Schütte Hafer, eine Kanne Milch, ein halber Eimer Wasser reichen für den Tag, und man bleibt auch noch gesund dabei. Während die –“

    „Ah, jetzt begreif ich!“, rief Gerlind, „die Verbrecher werden damit gestraft, dass sie sich zu Tode fressen! Pervers, aber irgendwie doch folgerichtig.“

    „Zumindest die mit lebenslänglich, ja. Viele von denen sterben tatsächlich am Schlagfluss, weil sie ihrem Gott Gaster* zu sehr gefrönt haben. Den anderen wird der Kopf nach Verbüßung der Strafe ja wieder abgetrennt, und dann ernähren sie sich wieder gesund.“

    „Hmm... Was mich noch interessiert, lieber Freund“, sagte ich, „wie Ihr Euren Körper ernährt habt, wissen wir jetzt. Aber wie sah´s mit Eurem Kopf aus? Auch Köpfe brauchen Nahrung, sonst hätte unser Herrgott ja nicht den Mund erschaffen, sondern bestimmt, dass man sich die Kuddeln hinten reinschiebt. Ich denke, wenn Ihr versucht habt, Nahrung herunterzuschluckten, ist sie Euch doch bestimmt wieder aus dem Hals gefallen, oder seh ich das falsch?“

    „Das seht Ihr goldrichtig, mein Herr“, antwortete Kopf nach einem kräftigen Rülpser, „deshalb werden die Köpfe auf der Insel einmal am Tag für eine Stunde mit dem Halsstumpf nach unten in eine Schüssel mit warmer Liebfrauen-Milch gelegt, und ob Ihr es glaubt oder nicht, man fühlte sich danach gesättigt und erfrischt.“

    „Erzählt keine Ammenmärchen!“, polterte Wurst, „wie soll das denn gehen, hä? Hab noch nie gehört, dass eine Frau, die in Milch badet, davon satt wird!“

    „Ich werde es bei passender Gelegenheit mal ausprobieren“, grinste Gerlind, „muss sowieso mehr für meine Haut tun. Lasst mir Eure Adresse da, Wurst, dann geb ich Euch Nachricht.“

    ____________

    Lat.=Magen


    Mundburt befreit Wurst von einer gefräßigen Ratte und badet ihn.


    Ein unheimliches Wimmern und Jammern, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, unterbrach die Diskussion. Es kam von einer Insel, auf die wir geradewegs zutrieben.


    Oh! Wie das in den Ohren gellte!

    Oh! Wie das die Haare zu Berge stellte!


    Ich schwöre bei Gott, solch schreckliche Töne hatte ich noch nie vernommen. Auch Kopf und Wurst, die sich wieder mal stritten, verstummten.

    Je näher wir der Insel kamen, desto lauter wurde der Lärm.

    „Hört sich an, als beweinten dort hunderttausend kleine Kinder den Tod ihrer Eltern“, meinte Gerlind, „lasst uns weiterfahren! Hab keinen Bock, schon wieder ein Schlachtfeld zu besichtigen und über Leichen zu springen. Diesmal sind´s bestimmt keine Würste.“

    „Hohoho!“, rief Wurst, „sind Würste weniger wert als Kinder?“

    „Ei was, lasst uns landen!“, rief ich, „gerade weil´s Kinder sind! Die Ehre eines Ritters gebietet, gerade den Schwächsten zu helfen! Also vorwärts, frisch drauf, hei, wir hauen die Feinde zusammen! Was zögert ihr noch?“ Endlich bot sich die Gelegenheit für einen Kampf Mann gegen Mann, und nicht wie bisher Mann gegen lebende Steine oder Mann gegen alberne Würste.

    „Nicht mit mir!“, rief Gerlind, „wenn du den Teufel im Leib hast, ist das dein Problem!“ Sie wandte sich verärgert an Kopf. „Dieser verdammte Kerl mit seinem Rittertum geht mir langsam auf den Geist! Das ist kein Edelmut, was er da vorhat, sondern Waghalsigkeit, wie sie die ganze Hölle zusammengenommen nicht kennt! Herr Magister, sagt Ihr doch auch mal was!“

    Der Magister trat von einem Bein aufs andere. „Hmm... nun ja... bei Licht gesehen...“

    „Fahrt zur Hölle!“, schrie ihn Gerlind an und wandte sich Wurst zu, „was meint Ihr, Herr Magister der Wurschtologie? Wollt Ihr auch anlegen?“

    „Hmm... nun ja... ich fühle ein tiefes Widerstreben...“

    „Geh zu allen Teufeln, du stinkendes Affenschwein!“

    In der Tat, jetzt war noch etwas anderes zu riechen als Brackwasser und Meeresluft. Ich trat näher an Wurst heran und bemerkte eine braune Stelle auf seinem ansonsten fleckenlos-schimmelgrauen Hemd, etwa in der Höhe, wo sich bei anderen Leuten die Hinterpforte befindet. Es bestand kein Zweifel: Wurst hatte sich ins Hemd geschissen. Er stand da, zitternd, starr vor Schreck, besudelt, außer sich mit allen Anzeichen höchster Angst.

    „Um alles in der Welt!“, rief ich, „Wurst, wovor hast du Angst?“

    „Davor, dass er nicht mehr frisch ist!“, höhnte Gerlind. „Auch Geräuchertes muss irgendwann einmal gegessen werden, sonst fängt es an zu stinken.“

    Mit einem Satz sprang Wurst auf und lief wie ein wild gewordener Bock ins Hinterschiff, wo er sich zwischen leeren Weinkannen und Stapeln von Brennholz versteckte.

    „Was hast du uns da nur ins Boot geholt“, giftete mich Gerlind an, „der verdammte Narr ist so feig und dabei so sensibel, dass er sich alle Augenblicke bescheißt, wenn man mal ein starkes Wort redet! Auf solche Leute kann ich verzichten.“

    Plötzlich erklang vom Hinterschiff her wildes Geschrei. „Hiii, Ahhh, Ohhh!“ tönte es; es war eindeutig Wursts Stimme. Da erschien er, eine Ratte hatte sich an ihm festgebissen; schon hing ein Gutteil seines Hemdes in Fetzen. Ich besann mich nicht lange; während Wurst wie von der Tarantel gestochen herumsprang und weiterhin „Hiii, Ahhh, Ohhh!“ schrie, nahm ich das Wurstmesser und warf es so geschickt, dass es die Ratte, ein halb verhungertes Tier, in der Mitte durchtrennte; die vordere Hälfte ließ von Wurst ab und verschwand in der Bilge, die hintere Hälfte lief ein paarmal kopflos hin und her und stürzte sich ins Meer.

    Es war Kopf, der als erster bemerkte, dass dieses entsetzliche Jammern und Klagen auf der Insel verstummt war. Es war nichts mehr zu hören als der sanfte Schlag der Dünung gegen die Planken der Schnigge. Wir atmeten erleichtert auf. Kopf äußerte die Vermutung, dass wir möglicherweise einer Sinnestäuschung erlegen waren; zwar wolle er die Geräusche nicht wegdiskutieren, aber von See her höre sich manches anders an als an Land. Vielleicht liege ja auf der Insel eine große Stadt, und das Jammern sei in Wirklichkeit das Läuten vieler Glocken, wie sie in Moskau an hohen Festtagen zu hören seien, großer, mittlerer, kleiner Klöppelschwinger, allerdings durch große Entfernung verzerrt. Obwohl diese Erklärung ziemlich hypothetisch klang, glaubte ich ihm gerne; Wursts Anblick dämpfte meinen Tatendrang erheblich.

    Der arme Kerl war aber auch in einer erbärmlichen Verfassung. Nicht nur dass sein Hemd in Fetzen hing und seine Innereien an verschiedenen Stellen zu Tage traten, er hatte sich auch noch weiter besudelt. Ich nahm eine leere Weinkanne und füllte sie randvoll mit Meerwasser. Dann hielt ich mir die Nase zu, ergriff Wurst mit der anderen Hand, stopfte den Stinker in die Kanne, schüttelte kräftig und goss den Sud über Bord. Das tat ich solange, bis das Wasser in der Kanne klar blieb.

    Gerlind, unter deren rauer Kehle ein empfindsames Herz pochte, hatte bereits Garn und Nadel besorgt und befahl: „Ausziehen!“ Doch der Magister der Wurschtologie ließ sich nicht dazu bewegen, das Hemd auszuziehen, er drehte und wendete sich, verschränkte die Hände und hielt sie sich vorne vor, machte „ach nee“ und „muss das denn sein?“, benahm sich wie eine Jungfer, welcher der Sturm unter die Röcke fährt, gerade so, als verstoße eine unbekleidete Cervelatwurst gegen die guten Sitten. Dabei passieren auf Burg Schwarzenraben noch ganz andere Sachen; etwa, wenn die Knaben mit steifem Ackermann über die Burgmauer spazieren und dabei Dinge tun, die ich lieber nicht beschreibe. Es blieb Gerlind nichts anderes übrig, als das Hemd an Wursts Körper zu flicken.

    Während sie an dem Magister herumstichelte, fragte ich: „Was war es denn nun, Herr Magister, wovor Ihr solche Angst hattet, dass Ihr Euch das Hemd besudel musstet?“

    „Ach, lieber Herr, da kam einiges zusammen! Zunächst das Jammern und Heulen, das mich entsetzlich aufregte, dann sah ich das Wurstmesser auf dem Tisch, dazu die abfällige Bemerkung Eurer Marketenderin, dann der ewig hungrige Herr Kopf – da dacht ich, jetzt ist es aus mit dir.“

    „Nana, was mich betrifft, Herr Kollege, da könnt Ihr beruhigt sein“, sagte Kopf, „bei Kollegen habe ich eine ausgeprägte Beißhemmung. Kollegen fresse ich nicht, Kollegen übersehe ich einfach.“


    Mundburt erfährt ein Mittel gegen Verstopfung und eins gegen Durchfall.


    Inzwischen hatten wir uns der Insel weiter genähert; plötzlich gab es einen Stoß, es knirschte – wir waren auf Grund gelaufen. Somit war die Frage, ob ankern oder weiterfahren, entschieden. Gerlind und Wurst blieben an Bord, Kopf, mit dem leeren Proviantkorb unterm Arm und ich, geharnischt und mit Pike und Schwert, soll heißen mit Messer und Zahn, sprangen ab und wateten zum Strand.

    Die Küste war steil, und wir suchten lange nach einem Aufstieg. Schließlich fanden wir in einer Felsnische eine künstliche Treppe, allerdings mit Stufen, die so hoch waren, dass wir uns auf jede einzelne hochwinden mussten. Schließlich standen wir auf einer Hochfläche, die bis zum Horizont reichte; ganz in der Ferne schimmerten die Mauern einer Stadt mit hohen Türmen. Es war unheimlich still; nur das Knirschen des Gerölls unter unseren Schuhen war zu hören.

    „Ein Oheim von mir“, fing Kopf auf einmal an, „ist ähnliches passiert wie dem guten Wurst eben. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.“

    „Wie meint Ihr das?“

    „Es ist aber eine längere Geschichte.“

    „Nur zu! Wir sind noch lange nicht am Ziel!“

    „Nun gut. Mein Oheim litt schwer unter Verstopfung, er saß sein Leben lang öfter auf dem Örtchen als in seinem Wohnzimmer. Auch der langstielige Apotheker*, den ihm seine Frau des öfteren angedeihen ließ, half da wenig; an einem Einlauf mit scharfem Senf, einer Mischung aus Pottasche und Schnepfendreck wäre er fast gestorben. Eines Tages, es ging schon auf Mitternacht zu – der Oheim saß bereits seit dem Vesperläuten auf dem Stuhl – hörte er vom Hof her Lärm; kurz darauf gellten Schreie durchs Haus, seine Frau schrie: „Hilfe! Diebe! Mörder!“, eine raue Stimme rief: „Geld her, oder wir fackeln die Hütte ab!“, und wüste Schritte näherten sich dem stillen Örtchen. Da tat mein Oheim einen Schiss, wie ihn zehn Prälaten und zwanzig Gerichtspräsidenten zusammen nicht fertig gebracht hätten – der Schreck hatte seine Darmträgheit in Höchstleistung versetzt. Als einer der Räuber die Tür zum Kabinett auftrat, wischte sich mein Oheim gerade den Hintern und rief: „Lieber Mann, Ihr habt mir viele Kosten erspart“ – nämlich für die teuren Abführmittel – „ich danke Euch!“, lachte aus vollem Hals und lud die Räuber ein, spätestens in drei Tagen wiederzukommen. Die kamen nicht, denn nach altem Glauben sind Irre die Kinder Gottes und bedürfen der Schonung. Der Oheim schwärmte noch tagelang von dem Überfall, sodass seine Frau schon fürchtete, er habe seinen Verstand mit ausgeschissen.“

    Wir mussten ein trockenes Bachbett überspringen, dessen Grund mit einer hauchdünnen, glitzernden Schicht überzogen war.

    „Ihr kennt meinen Neffen Gerbold nicht“, fuhr Kopf nach kurzer Atempause fort, „ein rechter Tausendsassa und Katzenschreck, dabei herzensgut bis in die Zehenspitzen, der immer noch denselben Kopf unterm Arm trägt, den er sich als Vierjähriger gegriffen hat, und er denkt nicht daran, ihn gegen einen anderen zu tauschen, denn dieser Kopf steckt voller Lausbubenstreiche und wunderlicher Einfälle. Wenn Ihr ihn also kennen würdet, lieber Herr, kämt ihr keine Sekunde auf die Idee, dass sich alles nicht genau so abgespielt hätte, wie ich es berichte. Gerbold, dem die immer wiederkehrenden Qualen seines Vaters stark an die Nieren gingen und erpicht darauf, dessen Beschwerden zu lindern, machte meiner Muhme** den Vorschlag, Burschen aus der Nachbarschaft zu dingen, die alle drei oder vier Tage, wenn der Vater wieder stöhnend und ächzend auf dem Nachtstuhl saß, einen Raubüberfall vortäuschen sollten. 'Scheiß doch aufs Geld!', rief er, 'wir kommen ohne Geld auf die Welt, aber mit einer guten Verdauung, also ist dem Herrgott die Verdauung wichtiger als das Geld. Ihr habt es doch am eigenen Leibe erfahren, Mutter: Schlecht geschissen ist halb gestorben!', womit er zweifellos Recht hat.

    'Ei', sagte meine Muhme, 'wir können´s nicht besser machen! Lauf ins Dorf und besorg ein paar handfeste Burschen, die sich nicht den Schneid abkaufen lassen, denn mit dem Teufel im Leib kann Vater ziemlich grantig werden!' Der Vorschlag wurde also in die Tat gesetzt. Doch die menschliche Natur ist so eingerichtet, dass regelmäßig wiederkehrende Ereignisse ihr Wirkung verlieren, und bald half auch räuberisches Getöse nichts mehr. Eines Nachts, als es wieder soweit war, drangen zwei finstere Gesellen mit Mistgabeln auf den Oheim ein, machten einige Luftstöße, als ob sie es wirklich auf ihn abgesehen hätten, und schrien Zeter und Mordio. Mein Oheim aber sagte: 'Liebe Leute, wenn ihr nichts anderes macht, so hilft es nichts. Ihr müsst schon stärker zustoßen!' Da versetzte ihm einer der Männer mit der Mistgabel eins zwischen Hals und Halskrause, worauf mein Oheim die Beine in den Himmel streckte und sich donnernd entleerte. Er lachte laut und rief: 'Potz Blitz, das nenn ich einen Schiss!'“

    Wir waren am Fuße einer riesigen Wanderdüne angelangt und beschlossen, den Gipfel dieses Gebirges aus Sand und Gras zu besteigen, um uns einen Überblick über die Gegend zu verschaffen. Kaum hatten wir die Düne betreten, da setzte sich sich in Bewegung, und wir kamen unverhofft zügig voran.

    „Bei meinen Studien zum Königshaus Furzimen“, fuhr Kopf schwitzend fort, während wir hochstiegen, „bin ich auf Dinge gestoßen, die in keinem Geschichtsbuch verzeichnet sind. Ich lasse mal das Problem der Darmentleerung bei wogender Schlacht und in voller Rüstung weg, eine überaus unappetitliche Angelegenheit. So berichtet Herodot, die Heerstraße, auf der Alexander nach Osten zog, habe gestunken wie eine offene Abortgrube. Vor hundert Jahren nun gab es einen König in Frankreich, genannt Malfarz, dem das Gegenteil von dem beschieden war, unter dem mein Oheim litt, und zwar aufgrund einer missglückten Hämorrhoiden-Operation, bei der ihm der Arzt den Schließmuskel filetierte. Zeitzeugen berichten, der König habe sich daraufhin immer wieder spontan entleeren müssen, egal, wo er sich gerade aufhielt, auf dem Burghof, in den Gängen des Schlosses, in der Friedhofskapelle, im Theater°. Damit nicht genug: Auch seine Minister und Mätressen taten dies; denn der König war in allen Lebensbereichen leuchtendes Vorbild; sein Tun und Lassen Maß aller Dinge. Schließlich stank nicht nur die Residenz erbärmlich zum Himmel, sondern auch das Land. Wollte jemand frische Luft atmen, musste er in den Schweinestall gehen.

    Da kam des Königs Narr auf folgende Idee. Er ließ sich ein möglichst genaues Bild des Königs von England, Knallfarz I., Malfarzens Erzfeind, anfertigen, und hielt es dem König, als er wieder einmal dabei war, sich in einem Winkel des Prunksaals die Hosen aufzuknöpfen, vor die Nase. Der König kniff die Hinterbacken so fest zusammen, dass ein Pfennig die Prägung verloren hätte und lief weg; zu bitter war noch die Erinnerung an die verlorene Schlacht, die ihm sein Erzfeind bereitet hatte, nur weil er, Malfarz, für kurze Zeit neben dem Schlachtfeld gekauert und daraufhin die Übersicht verloren hatte. Durch geschicktes Drehen und Wenden des Bildes erreichte es der Narr, den König dahin zu bugsieren, wohin er ihn haben wollte: Auf eine der zweihundertfünfzig offiziellen Latrinen des Schlosses.“

    Kopf schwieg.

    „Hmmm...“, sagte ich, „kaum zu glauben, dass ein lumpiger Narr einen König wie einen Affen, der sich vor seinem Spiegelbild fürchtet, durch die Gänge des Schlosses treibt.“

    „Ha, von wegen lumpiger Narr! Dieser Narr war kein gewöhnlicher Narr. Monsieur de Clamart war gleichzeitig sein Erster Ratgeber.“

    „Soso... na dann... Mal was anderes, Missjö. Ich frage mich: Als Ihr noch den Kopf unterm Arm trugt, lieber Magister, wie war´s da beim Toilettengang? Blieb Euer Kopf draußen, oder nahmt Ihr ihn mit hinein?“

    Kopf lachte. „O nein, Herr Knappe, wo denkt Ihr hin? Auf dem Stuhl war gerade mal für meinen Hintern Platz! Gut, ich hätte ihn auf den Schoß nehmen können, aber bei heruntergelassenen Hosen und der Dinge, die sich weiter hinten abspielten, wohl eine ungehörige Zumutung, denn mein Kopf ist sehr feinfühlig, hat feine Ohren und eine empfindliche Nase. Ich setzte ihn auf eine Bank in die offene Tür, sodass ich mich bei der Verrichtung beobachten konnte. Ha, ich versichere Euch, lieber Herr, es war ein überaus amüsanter Anblick! Habt Ihr schon einmal jemandem zugesehen, der an hartem Stuhl leidet – übrigens eine Familienkrankheit –, wie er verzweifelt die Hände ringt, drückt und schiebt und schiebt und drückt, dass ihm die Halsadern schwellen, wie er mit der Faust auf den Stuhl und mit den Füßen auf den Boden trommelt, den Körper nach rechts und links wendet, hin und her schwankt wie ein betrunkener Matrose, und wenn er´s dann endlich geschafft hat und die steinharten Kötel in die Schüssel rasseln, die geballte Faust erlöst in den Himmel stößt und mit der anderen Hand sieghaft den Arschlappen schwenkt wie ein junger Fähnrich die Regiments-Standarte?“

    ____________________

    * Klistiergerät, ** Tante, ° Wird so ähnlich von Ludwig XIV berichtet.


    Mundburt und Kopf töten zwei gefährliche Mörder und Frauenschänder.


    Vermutlich hätte der Magister noch eine Weile von seinen Abort-Erlebnissen berichtet, doch auf einmal war der Lärm wieder da, lauter und unheimlicher als zuvor, und an eine Unterhaltung zwischen zwei vernünftigen Menschen war nicht mehr zu denken. Jetzt waren ganz deutlich noch andere Töne zu hören; in das Jammern und Jaulen hinein erklang zuweilen ein elfenreines Ding-Ding-Ding, das an den Klang von Totenglöckchen erinnerte; dann wieder, und öfter, ein dämonisches Dong-Dong-Dong und ein breites Quork-Quork-Quork.

    „Es sind Frösche“, rief ich erleichtert, „allerdings in einer Lautstärke, wie ich sie noch nie gehört habe. Geradezu urweltlich. Wahrscheinlich liegt dort vor uns eine Stadt oder ein Kloster mit Fischteichen. Nur dieses Jammern ist mir ein Rätsel. Es kann auf keinen Fall von gewöhnlichen Fröschen stammen. So quakt kein normaler Frosch.“

    „Was meint Ihr mit Forsch?“

    Es stellte sich heraus, dass es auf Kopfs Insel keine Frösche gab, und ich erklärte es ihm so gut es bei dem Lärm ging.

    Wir erreichten den Kamm der Wanderdüne und blieben überrascht stehen – obwohl das Getöse immer lauter wurde, war weit und breit weder Stadt noch Burg noch Kloster zu sehen. Wir blickten auf eine weites, grünes Sumpfgelände mit Bulten von Binsen und Seeroseninseln, auf denen sich schillernde Libellen sonnten. Dazwischen blinkte schwarzes Wasser. Das, was ich für eine Stadt gehalten hatte, erwies sich als ein zerstörtes Dorf jenseits des Sumpfes. Auch die Düne war stehen geblieben.

    „Das wär´s dann“, rief ich, „wenn wir nicht riskieren wollen, in dem teuflischen Morast da zu versinken, sollten wir umkehren.“

    Der Magister machte ein verdrießliches Gesicht. Die Aussicht, eine Weile ohne Wein auskommen zu müssen, behagte ihm überhaupt nicht. „Thales von Milet behauptet zwar, das Wasser sei der Ursprung aller Dinge“, stöhnte er; „aber von trinken hat er nichts gesagt.“ Kaum war der letzte Laut verklungen, da tauchten vor uns zwei Gestalten auf, von denen ich in diesem Moment nicht hätte sagen können,


    waren´s Weibsen oder Mannzen,

    waren´s Schaben oder Schwaben,

    oder waren´s sogar Franzen*

    oder etwa Feuerwanzen?,


    denn sie krochen mehr über den Grund als dass sie gingen, aber es mussten Tiere sein, denn nach Aristoteles ist das sicherste Zeichen für ein Tier dessen Bewegung. Diese sonderbaren Wesen waren mit erdbraunen Harnischen bedeckt, die sie vollkommen einhüllten, und mit Knüppeln bewaffnet. Ungewöhnlich waren auch die kurzen Beine mit lächerlich großen Füßen und die Eigentümlichkeit, dass jeder Zeh in einem eigenen Schuhschnabel steckte.

    „Guten Tag, Ihr Herren“, rief uns eines der Wesen mit unangenehm kratziger Stimme an, „wohin des Weges?“

    Inzwischen hatte das Jammern und Klagen ein geradezu infernalisches Ausmaß angenommen, sodass wir schreien musste, um uns verständlich zu machen.

    „WIR WOLLNEN PROVIANT EINHOLEN“, brüllte der Magister und machte eine höfliche Verbeugung, „Wein, Brot, Fleisch und allerlei Dinge, die auf einer Seefahrt nötig sind. Gibt es hier irgendwo eine Stadt oder ein Kloster –“

    „NICHTS DA!“, schrie der andere Knüppelant mit hochrotem Kopf und nahm Drohhaltung an, „keinen Schritt weiter! Das Landesinnere ist für Fremde gesperrt! Am besten, Ihr kehrt sofort um, sonst nehmen wir euch gefangen und schlagen euch die Köpfe ab!“

    „Es wäre wirklich das beste“, echote sein Kumpan, „ohne Kopf ist das Leben nur noch halb so schön!“

    „Hahaha!“, lachte der Magister, „das schreckt mich nicht! Dann näht ihn Gerlind wieder an!“

    Doch die beiden Dragoner waren nicht zu Späßen aufgelegt. Plötzlich schwangen sie ihre knotigen Knüppel und drangen gegen uns vor.

    Wieder zögerte ich keinen Augenblick. „Auf und drauf!“ schrie ich dem Magister zu, „nehmt dies hier!“ und drückte ihm das Messer in die Hand. „Und jetzt kräftig das Schwert geschwungen und nicht mit Hieben gespart!“ Ich selbst brachte die Pieke in Stellung und stach dem Roten ein Loch in die Robe, worauf der versuchte, mir die Waffe zu zerschlagen. Doch da kannte er mich schlecht; schließlich hatte ich schon mehr als ein Dutzend Knappen vom Pferd gestochen. „Hei!“, rief ich, „komm nur, hässlicher Wicht, glaubst wohl, du Schisser, du könntest einen Ritter in spe bezwingen!“, getreu dem Grundsatz, dass man die Wirkung der Waffen mit Worten steigern kann. Der Schisser, knallrot vor Wut und mit irr funkelnden Augen, richtete sich hoch auf und holte zum Querschlag aus; ich nutzte die Gelegenheit seiner ungeschützten Flanke und stach zu. Mit einem widerlichen Laut sank er zu Boden und rührte sich nicht mehr.

    Auch der Magister hatte inzwischen für klare Verhältnisse gesorgt; sein Gegner lag mit zerhauenem Harnisch auf dem Rücken und streckte alle Viere von sich.

    Ein energisches „Dong, Dong, Dong“ erklang, und das Froschkonzert verstummte.

    Was ich schon vermutet hatte, wurde jetzt, als wir die Gefallenen betrachteten, Gewissheit: Die braunen Leichen waren hässliche Erdkröten aus dem Geschlecht der Schleimgeister. Während ich es Kopf erklärte, gewahrte ich zwei Gestalten, die in gehörigem Abstand zu uns herübersahen. Da die beiden unbewaffnet schienen und einen eher verschüchterten Eindruck machten, winkte ich, und sie sprangen in langen Sätzen heran. –

    _________

    * Schaben, Schwaben, Franzosen = landschaftliche Synonyme für Kakerlaken.


    Forts. folgt

    Mundburt schlichtet einen Streit zwischen Wurst und Kopf


    Auf einmal fing Kopf an, die Arme zu werfen und wie wild mit den Beinen zu strampeln. Sein Mund war weit aufgerissen, sein Atem ging stoßweise, gleichzeitig donnerte es aus seinem Hintern, dass man meinte, Wotan persönlich hause darin. Doch seltsam: Kopfs Augen lachten. Als der Anfall vorüber war und er wieder ruhig sitzen konnte, sagte er: „Entschuldigt vielmals, Ihr Lieben, ich wollte lachen, aber es ging nicht. Das Lachen blieb mir im Halse stecken, und statt die Luft nach oben auszustoßen, stieß ich sie nach unten aus.“

    Da hatten wir es! Offensichtlich hatte Gerlind Kopfs Haupt doch nicht vollkommen passgerecht aufgenäht. Ein Nervenstrang, der für das Lachen zuständig war, war wohl auf einen Verdauungsnerven geraten. Doch nun war es zu spät, eine erneute Operation kam nicht infrage; und bei Licht gesehen hätte es schlimmer kommen können, etwa, dass er weinen wollte und sich bepisste, oder dass er beim na ihr wisst schon in die Laken schiss.

    „Worüber hättet Ihr denn gerne gelacht, lieber Mann, wenn Ihr gekonnt hättet?“, fragte Gerlind.

    „Mich lächerte wegen Wursts Erzählung!“

    „Drückt Euch bitte genauer aus“, grunzte Wurst.

    „König Farcimen der Erste besaß keine Tochter, sondern zehn Söhne.“

    „Woher wollt Ihr das wissen?“

    „Ich weiß es eben.“

    „Unschinn!“, rief Wurst, „ich bin Magischter der Wurschtologie, Fachbereich Leberwurscht, und habe ein Traktat über das Königshaus Farschimen verfasst, das sogar der Bapscht gelesen hat. Dort wird eine Tochter mehrfach erwähnt.“

    „Und ich bin Magischter der Tautologie!°“, ereiferte sich Kopf, „und habe ein Buch über das Königshaus Furzimen geschrieben, das sogar der Bapscht nicht gelesen hat. Ihr habt nicht gründlich genug geforzt... äh... geforscht! In den Dokumenten der Leberwurscht-Universität zu Heparis wird nie eine Tochter erwähnt.“ – „Vielleicht eine andere, nicht diese.“ – „Doch, diese.“ – „Zum Teufel, wollt Ihr behaupten, ich lüge?“– „Beim Henker! Wollt Ihr behaupten, ich erzähle das Blaue vom Himmel?“ – „So sieht´s doch aus!“ – „Herr, ich verbitte mir das!“ – „Das ist mir Wurscht!“ – „Ihr seid ein arger Schnepfendreck!“ – „Ihr seid ein versalzenes Luder! “ – „Ihr ein stinkender Arschlappen!“ – „Und Ihr ein Pissbogen!“ – „Ihr seid ein –“ – „Ihr seid ein – “ –

    „Meine Herren!“, rief ich, „Schluss jetzt! Könnt Ihr Euch nicht wie normale Menschen benehmen? Wozu dieser unnötige Streit? Sind nicht die Schriften der Alten voll von Widersprüchen? So behauptet Aristoteles, Frauen hätten keine Seele, Plato hingegen meint, sie hätten Vogelseelen. Ein anderer Schriftsteller – ich glaub, es war Ariost, berichtete von Schafen mit Schwänzen wie Bratpfannen*. Man schlug den Schwanz über das Schaf, drehte es um und legte es auf den Bratrost. Man glaubt´s, oder man glaubt´s nicht. Demzufolge hatte Farcimen eine Tochter, oder er hatte keine. Wo ist da ein Problem?“

    „Hmmm... ist auch wieder wahr“, sagte Kopf.

    „Hol der Teufel den Teufel“, sagte Wurst, „so gesehen...“

    „Na seht Ihr“, lachte Gerlind, „es geht doch!“

    „Apropos Wurst“, sagte Kopf, „gibt´s nicht bald was zu essen? Hab einen Kohldampf wie eine ägyptische Heuschreckenplage.“

    Gerlind schlachtete ein paar Gefangene, ich köpfte eine Flasche Roten, und wir ließen es uns schmecken.

    „Sag mal, Wurst, du bist Magister? Hätt ich nicht gedacht!“, sagte ich.

    „Ha! Wohl weil ich eine Wurst bin? Solltet Euch nicht so sehr ans Äußere halten, Herr! Mancher aufgeblasene Lackel ist nichts anderes als ein armes Würstchen, und ein anderer, der ziemlich wurstig daherkommt, von Herzen doch ein ehrlicher Kerl.“

    „Dann muss ich dich ja mit Euch anreden.“

    „Schaden tät´s nicht. Ehre, wem Ehre gebührt.“

    Eine Insel kam in Sicht. „Ist das diese Insel, Magister Wurst, von deren Besuch Ihr uns dringend abratet?“, fragte ich.

    „Genau das ist sie! Gebt mir noch etwas Bedenkzeit, dann erzähl ich euch auch, warum ich davon abrate.“

    „Ich frage mich schon seit einiger Zeit“, sagte Gerlind, „wo die Vögel geblieben sind. Wenn wir weiter so langsam vorankommen, bin ich Oma, aber du immer noch kein Ritter.“

    „Soll das ein Heiratsantrag sein?“, fragte ich vergnügt, nicht nur, weil mir der Wein allmählich in den Kopf stieg.

    „Werd nicht albern! Ich möchte eine Antwort, kein Geschwätz!“

    „Wie du willst, mein Schnuckelchen. Das mit den Vögeln war ein Wunder, aber Wunder wiederholen sich nicht. Oder hat unser Herr Jesus irgendwann ein Wunder zweimal gewirkt? Nein! Er hat einmal den Lahmen gehend und den Blinden sehend gemacht, er ist einmal über den See Genezareth geschritten, er hat einmal Wasser in Wein verwandelt. Nie zweimal.“

    „Du redest Unsinn, mein Lieber. Wieso wiederholt sich dann das Wunder des Sonnenaufgangs jeden Tag aufs Neue, he?“

    „Das ist kein Wunder, mein Täubchen, sondern ein Werk der Dämonen, welche die Sonne um die Erde bewegen.“

    „Apropos Wein“, bemerkte Kopf und fuhr das letzte Brühwürstchen ein, „wenn ich das richtig sehe, Jungfer Marketenderin, gehen unsere Weinvorräte dem Ende entgegen.“

    „Und die Brühwürstchen auch“, ergänzte Wurst, der um sein Leben fürchtete, spitz.

    „Dann wird es Zeit, dass wir endlich eine Insel finden, in der wir uns restaurieren können“, meinte Gerlind.

    ___________

    ° Etwa: Des unnützen Wissens.* Fettschwanzschafe, eine heute noch in Asien verbreitete Rasse.


    Mundburt, Gerhild und Kopf vertreiben auf außergewöhnliche Weise die Piraten der Diebsinsel.


    Inzwischen waren wir der Insel so nahe gekommen, dass ich Einzelheiten erkennen konnte. Dem Augenschein nach handelte es sich um ein gebirgiges, aber völlig karges Land, in dem kein Baum, kein Strauch, kein Haus, weder Windmühle noch Kirchturm, noch irgend ein anderer Hinweis einer Besiedlung zu entdecken war.

    „Die Diebsinsel“, sagte Wurst angewidert, „es wimmelt dort von Steuerhinterziehern, korrupten Verwaltern, betrügerischen Bankleuten, Falschgeldwechslern, geldgierigen Prälaten, findigen Bankrotteuren, Taschendieben, Spitzbuben aller Art, kurz, dem Bodensatz der Gesellschaft, getrieben von Gier, Neid und Missgunst. Die kleinen Kinder dort schreckt man nicht mit dem Schwarzen Mann, sondern mit dem Ehrlichen Mann.“

    „Und warum sehe ich keine Burg, kein Dorf, keine Stadt?“

    „Alles gestohlen! Sie nehmen alles, was sich fortschleppen lässt, sogar Steine. Seht Ihr den Berg dort hinten mit der Doppelspitze? Er ist über zehntausend Ellen hoch, doch wo ist sein Schnee? Gestohlen! Obwohl ihnen der Schnee beim Abstieg unter den Händen zerrinnt, stehlen sie ihn, nur weil sie ihm dem Nachbarn nicht gönnen. Ein Wunder, dass die Bergspitzen noch da sind. Wege und Straßen? Gibt es nicht mehr! Wege nehmen sie weg, Straßen schlagen sie ein und rennen mit den Bruchstücken davon. Besonders gerne nehmen sie ein Bad – “

    „Ich kannte mal einen“, unterbrach Kopf, „der behauptete, die Sonne sei nur zum Schein da und nicht wirklich, denn schließlich spricht man von Sonnenschein. Vielleicht haben sie die ja auch –“

    Wurst ließ sich nicht unterbrechen. „Sie riskieren Leib und Leben, wenn sie versuchen, die Wolken einzufangen, nur damit der Regen auf ihren Acker und nicht auf den des Nachbarn fällt. Früher gab es dort viele Nachtigallen, heute nicht mehr eine einzige. Keiner gönnt dem anderen ihren Gesang. Wenn sie könnten, würden auch noch die Luft stehlen.“ Wurst betupfte sich die Stirn. „Es ist ein Jammer! Noch bis vor wenigen Jahren war diese Insel eine blühende Landschaft, ein wahres Paradies mit grünen Wäldern, rauschenden Flüssen, ertragreichen Äckern. Jetzt, Ihr seht es ja, ist es eine teuflische Einöde.“

    „Wovon leben sie?“, wollte Gerlind wissen.

    „Von Raubrittertum und Piraterie. Sie nehmen sich die gestohlenen Sachen gegenseitig wieder ab.“

    „Und wo wohnen sie, wenn sie ihre Behausungen zerstört und die Trümmer verschleppt haben?“

    „Sie wohnen in Berghöhlen, deren Eingänge sie mit großen Steinen verschließen, aus Angst, die Höhlen könnten bestohlen werden. Deshalb rate ich dringend davon ab, die Insel zu besuchen. Wo es Diebe und Spitzbuben gibt, sollte man niemals ankern. Es sind verdammte Seelen, an denen noch nicht einmal der Teufel interessiert ist. Sowie sie uns entdeckt hätten, würden sie uns bis auf die Haut ausplündern.“

    „Wir sind schon entdeckt!“, rief Kopf aufgeregt, „schaut mal! Da!“

    Aus einer Bucht, die unseren Blicken bisher durch eine Felsnase verborgen geblieben war, erschienen Boote, die in rascher Fahrt direkt auf uns zukamen. „Verdammt, auch das noch!“, rief Wurst entsetzt, „Piraten der Diebsinsel, der Schrecken des Meeres! Jetzt heißt es, kühlen Kopf bewahren, sonst sind wir verloren!“

    „Was schlagt Ihr vor?“, rief ich, „bei unserer gegenwärtigen Geschwindigkeit haben sie uns in Nullkommanichts eingeholt, und unsere Bewaffnung besteht nur aus einem Wurstmesser und einer Zahnspitze!“

    Wir überlegten hin und her, von Zeitnot gedrängt. Plötzlich kam mir eine Idee. „In solchen Situationen helfen nur außergewöhnliche Mittel, mit denen niemand rechnet“, sagte ich. Alle blickten mich erstaunt an.

    „Als da wären?“

    „Ich höre überdeutlich“, sagte ich, „wie es in unseren Eingeweiden kollert und rumort, denn wir haben bis auf Wurst alle sehr gut gegessen und getrunken, und der Zeitpunkt der Entleerung ist nicht mehr fern. Warum also nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und statt später damit gleich jetzt zu beginnen? Mit etwas Druck müsste es gehen. Diese Art der Verteidigung habe ich schon einmal mit durchschlagendem Erfolg angewandt.“ Ich erklärte in knappen Worten, bei welcher Gelegenheit, und was zu machen sei.

    Die Piraten kamen immer näher; ihr martialischer Anblick verhinderte weitere Diskussionen. Kurzentschlossen zogen Kopf und ich die Hosen runter und Gerlind ihren Rock hoch; legten uns mit angewinkelten Beinen rücklings auf die Bänke, die blanken Hintern in Richtung Piraten. Wurst gab das Kommando; daraufhin schossen wir lärmend die Breitseite ab und hörten, wie die Ladungen ins Wasser klatschten.

    Der Erfolg übertraf meine kühnsten Erwartungen.

    Die Piraten sprangen ins Wasser und balgten sich um die Beute. „Das ist meine!“, schrie einer und versetzte seinem Kontrahenten einen brutalen Faustschlag mitten ins Gesicht, worauf der, nicht faul, dem Schläger ein Auge ausstach; „He, du Laus!“, grölte ein anderer, „wirscht woll deine dreckichten Finger davon lassen?“ Er erhielt einen saftigen Hieb über den Schädel, sodass ihm die Kopfschwarte in Fetzen hing. „Scheißkerl!“, grölte ein dritter, „gönnscht auch keinem was!“ usw. usf.

    „Manchmal reden sogar Schurken die Wahrheit“, meinte Gerlind, während wir uns wieder< zuknöpften.


    Mundburt erhält einen Brief von seinem Vater und antwortet mit dessen eigenen Worten.


    Wir setzten lachend unsere Reise fort, ohne auf etwas Nennenswertes zu stoßen. Es war bohrend langweilig, weder auf See noch am Himmel zeigte sich die geringste Veränderung, alles war blank, glatt, bewegungslos, still. Die Zeit floss dahin wie zäher Schleim. Kopf schlug vor, Gedichte zu erfinden, wobei jedes Gedicht die Fortsetzung des vorherigen sein sollte. Tatsächlich brachte die Poeterei etwas Abwechslung, wenn auch nur kurz.

    Einige dieser 'Erzeugnisse' habe ich noch im Gedächtnis und gebe sie hiermit zum besten:


    ein ritter hatte sinen lip

    gewaget dur eine schoene wip,

    bei der er slief vil tougen.


    Diu naht diu duhte ir nit ze lanc,

    er war ir in den ougen

    und in dem herzen nit ein dorn.


    Seht an der Zinne blies ins horn

    der wahter, da von si erschrac

    an liebes arme: si waehnte, es waere tac.


    Einen kleinen Lacher erntete Wurst, der folgende Strophe erfand:


    Ich weiz niht, frouwe, was minne sinnt:

    mich lat diu liebe sere engelten,

    daz ich der jahre bin ein kint.*


    Und so weiter und so fort. Aber auch das Verse-Erfinden konnte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeit nutzlos verrann, und schließlich starrten wir schicksalsergeben und mit trüben Sinnen ins Weite.


    Am dritten Tag hörte ich plötzlich über mir Flügelschlag; eh ich mich´s versah, saß meine Taube Liebto auf meiner Schulter und zwackte mich ins Ohr.

    „Oh!“, rief ich verblüfft, „Liebto, mein Täubchen! Wie hast du mich gefunden, du treues Tier?“ Schließlich bildete ich mir ein, in einer anderen Welt unterwegs zu sein. Doch eine Brieftaube, scheint´s, findet überall hin. Jetzt bemerkte ich die Hülse, und ein angenehmer Schreck durchfuhr mich. „Hei, eine Nachricht von der Herrin!“, rief ich entzückt, „sie hat mich also noch nicht vergessen!“ Erwartungsvoll öffnete ich die Kapsel und zog einen Brief heraus.

    „Na, was schreibt deine Herrin?“, fragte Gerlind spitz, „hat sie dich wirklich noch nicht vergessen?“

    Wenn ich ihn auch nicht lesen konnte, so erkannte ich doch sofort die Handschrift unseres Schreibers auf Burg Wolkenstein. Die Schriftzeichen waren eng auf ein hauchdünnes Stück Pergament gekritzelt. Ein Brief meines Vaters, auch gut.

    „Herr Magister“, bat ich Kopf, „könnt Ihr mir diesen Brief vorlesen?“


    Vielgeliebter Söhnrich“, schrieb mein Vater, „die Zärtlichkeit, welche ein Vater schon von Natur aus einem geliebten Sohn entgegenbringt, ist in Anbetracht und Erwägung der besonderen Vorzüge, womit die göttliche Gnade dich gesegnet, dermaßen in mir gewachsen, dass ich, seitdem du von mir geschieden, keinen anderen Gedanken mehr fassen kann als an dein Wohlergehen. Mein Herz seufzt unter schwerer Besorgnis, besonders anbetracht der Nachrichten, die ich von Burg Schwarzenraben empfange. Möge deine Reise unter einem guten Stern stehen und von keinem Unheil oder Missgeschick betroffen sein, denn wahre Liebe ist nie frei von Furcht, auch wenn die Furcht noch so unbegründet ist. Um meinen Geist von solcher Angst zu befreien, habe ich Liebto ausgesandt, um über dein Wohlbefinden Gewissheit zu erlangen. Denn ist der Anfang einer Reise glücklich, so kann man danach leicht auf den Fortgang schließen und das Weitere voraussehen und bemessen. Stecke also, mein Sohn, etwas in die Hülse, woran ich erkennen kann wie es dir geht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie mich die Nachricht, du habest Burg Schwarzenraben verlassen, betrübt, von dem schönen Geld, das nun zum Teufel ist, ganz zu schweigen. Aber du bist alt genug, um zu wissen, was du tust, ich mache dir keinen Vorwurf. Gottes Friede sei mit dir. (Gruß auch von Mutter, die in letzter Zeit arg kränkelt).“

    Dein dich liebender Vater.

    Geg, im Jahre des Herrn... den... zu Burg Wolkenstein


    Während Kopf las, wurde mir das Herz schwer. Der gute Papa. Wenn auch nur die Hälfte von dem, was er da schrieb, ernst gemeint war (bis auf die Sache mit dem Geld), dann hat selten ein Vater einen Sohn so geliebt wie er.

    Gerlind riss mich aus meinen trüben Gedanken. „Na, nu, vielgeliebter Söhnrich“, höhnte sie, „was stecken wir denn dem lieben Papa in die Hülse, he?“

    „Tja, wenn ich´s nur wüsste.“

    „Wenn´s meiner wär, wüsst ich´s schon.“

    „Und?“

    „Am liebsten ein Stück Scheiße!“

    „Wenn ich dich so höre, du Hexe!“, rief ich aufgebracht, „wär´s doch wohl besser gewesen, ich wär allein losgezogen.“

    „Nanana, wer wird denn gleich...´tschuldige, war nicht so gemeint. Mein Vater ist ein Dreckskerl, ich erinnerte mich wieder an die eine oder andere Sauerei und bekam Sodbrennen.“

    „Schon gut. Nur, was stecke ich ihm denn nun in die Hülse? Was meinst du?“

    „Hmnja, dazu müsste ich erst mal wissen, wie du dich fühlst.“

    „Nicht besonders. Fahre seit Tagen in einer Nussschale übers Meer und bin meinem Ziel, ein Ritter zu werden, keinen Deut nähergekommen. Weiß auch nicht, wo die Reise endet. Vielleicht treiben wir ja direkt auf den Orkus zu.“

    „Hmm... klingt nicht gerade hoffnungsvoll. Wüsste auch nicht, was du ihm unter diesen Umständen in die Hülse stecken könntest, ohne ihn noch weiter zu beunruhigen.“

    „Sehe ich genauso, und ihn belügen will ich nicht.“

    „Ähem“, machte Kopf, „ich hätte da eine Idee, wie Ihr Euren Herrn Vater nicht belügt und trotzdem eine gute Nachricht schickt.“

    „Wie soll das denn ohne Lüge gehen?“, rief ich ärgerlich, „Herr, was redet Ihr da!“

    „Wer redet denn von lügen... Ihr sollt ihn mit seinen eigenen Worten beruhigen. Wo wäre da eine Lüge?“

    „Wie soll das denn gehen?“

    „Indem Ihr ihm schreibt. Gebt Eurem Vater einfach zu verstehen, dass es Euch gut geht und die Reise erwartungsgemäß verläuft. Das wird ihm die Last von der Seele nehmen.“

    „Aber das wäre doch gelogen, mir geht´s doch nicht gut. Außerdem kann ich nicht schreiben.“

    „Müsst Ihr auch nicht. Und lügen braucht Ihr auch nicht.“

    „Was denn nun?“, schnauzte Gerlind. „Mensch, Kopf, seid Ihr besoffen?“

    „Selten weniger als jetzt.“

    „Habt Ihr denn Feder und Dinte?“

    „Nein, aber Ihr habt ein Wurstmesser.“

    Wir mussten wohl ziemlich dämlich aus der Wäsche geschaut haben, denn Kopf lärmte wieder mordsmäßig aus dem Hintern. Nachdem sich der Wind gelegt hatte, sagte er: „`tschuldigung, aber ihr wisst ja... Meine Idee ist die: Ihr kratzt alle überflüssigen Worte aus dem Brief heraus, was stehenbleibt, ist die Botschaft in Eures Vaters eigenen Worten.“

    „Ha, raffiniert!“, rief Wurst und machte einen Luftsprung, „Ihr wollt ein Palimpsest erstellen!“

    „Richtig“, bestätigte der Magister, „diese Art des Schriftwechsels wird in vielen Kanzleien geübt, einfach deshalb, weil Pergament zum Wegwerfen zu kostbar ist. Und weil es des Vaters eigene Worte sind, kann es auch nicht gelogen sein. Gebt her, ich mach das. Aber lasst mich erst zuende essen.“

    Als er endlich fertig war, nahm Kopf das Messer und schabte das Pergament ab, wobei er bestimmte Worte stehen ließ. Dann reichte er mir das Schriftstück und zitierte aus dem Gedächtnis:


    Vielgeliebter Vater... die Zärtlichkeit................................. ist in Anbetracht und Erwägung der besonderen Vorzüge, womit die göttliche Gnade dich gesegnet, dermaßen in mir gewachsen, dass ich, seitdem du von mir geschieden, keinen anderen Gedanken mehr fassen kann als an dein Wohlergehen.................................................................................................................................................................................................................................................................................................................M....eine Reise unter einem guten Stern und von keinem Unheil oder Missgeschick betroffen..................................................................................................................................................

    ................................................................................................................................................................

    ...................................................................... ist...................glücklich...................................................

    .....................................................................................................................Gottes Friede sei mit dir....


    „Fantastisch!“, rief ich, „Herr Magister, Ihr seid ein Tausendsassa! Das 'du' wird mir Vater bestimmt verzeihen, und das Geschabsel als Mangel an Material erklären.“

    „Darf ich mal sehen?“, fragte Wurst. Er überflog das Palimpsest und sagte: „Ich bin zwar nur eine einfache Cervelatwurst, aber dennoch kann ich die Wahrheit von einer Lüge unterscheiden. Dies hier jedenfalls ist nicht die Wahrheit, denn die Botschaft stimmt nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen überein.“

    Kopf fuhr hoch. „Wollt Ihr schon wieder –“

    „Was regt Ihr Euch denn auf?“, rief Wurst unwillig, „kann man mit Euch denn kein vernünftiges Wort reden? Ich will nur darauf hinweisen, dass hier zwar die eigenen Worte des Vaters stehen, denen aber ein anderer Sachverhalt untergeschoben wird, den er nicht erkennen kann. Das ist für mein Rechtsempfinden nicht nur verlogen, sondern ziemlich hinterhältig. Irgendwo steht: Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen! Und Ihr habt aus sauer süß gemacht, nur mal so am Rande festgestellt.“

    „Meine Herren!“, sagte ich, bevor der Streit wieder eskalierte, „bitte! Das ist doch wohl meine Sache, was ich meinem Vater schreibe! Sogar die Heilige Schrift erlaubt Notlügen, wenn damit ein höherer Zweck verfolgt wird!“

    „Und außerdem was ist, wenn sich unsere Situation schon Morgen bessert?“, rief Gerlind, die wie immer praktisch dachte, aus der Kombüse heraus, wo sie gerade Zwiebeln schnitt. „Dann stimmt´s doch!“

    Ohne mich weiter um die Streithähne zu kümmern, rollte ich das Pergament ein und steckte es in die Hülse. Wehmütig blickte ich dem Täubchen nach, wie es sich in den Himmel schraubte und Kurs auf meine Vaterburg nahm.

    __________________

    *Minnesang, 14. Jahrh.

    Forts. folgt

    Hallo Stadtnymphe@,

    vielen Dank für deine offenen Worte.

    Aus diesem Grund habe ich beispielsweise auch Kafka (obwohl der bei Weitem nicht so humorvoll ist wie du)

    Ha, ich und Kafka in einem Satz! Welche Ehre! Doch Hand aufs Herz, zuviel der Ehre! K. thront im Literaturhimmel mindestens zwei Wolkenschichten über mir.


    Grad der Absurdität, fast schon des Surrealismus erreicht,

    Absurd ja, surreal ja, aber nicht abstrus, denn dann wäre es ohne innere Logik. Irgendeiner, ich glaube es war Sartre, sagte einmal, das Absurde sei nur eine übersteigerte Form des Alltäglichen, und auch in surreal steckt immer noch real. Was ich meine ist dies: Vor einiger Zeit spielte sich in dieser Stadt folgendes ab: Ein Haufen Coronaleugner war im Stadtpark mit Mikrofon und Musik zu einer Demo zusammengekommen, gleichzeitig hatten Mitglieder der Antifa-Szene in Baumwipfeln Bass-Lautsprecher installiert. Beide Seiten begannen nun, sich dröhnend zu beschallen. Mein erster Gedanke war: Das ist Krieg mit akustischen Mitteln, mein zweiter: Die armen Würstchen haben immer noch nicht den Ernst der Lage begriffen. Das ist der reale Hintergrund zu diesem absurden Kapitel.

    Dass ich der Realität wohl manchmal weit voraus bin zeigt dieses schöne Beispiel: Man wird sich vielleicht erinnern, dass Mundburts Vater sein "richtiges Geld" an einer intimen Stelle versteckt hielt. Ich erfand das vor etwa einem halben Jahr. Neulich stand in der Zeitung, der Zoll habe an der Grenze zur Schweiz einen Mann aufgegriffen, der 100T Euro "freischwingend in der Unterhose" mit sich führte. Ob der wohl meine Erzählung kannte?


    Hier haben wir ein sehr schönes Beispiel für den unzuverlässigen Erzähler

    Ich gebe höflich zu bedenken, wer denn hier überhaupt erzählt? Mundburt doch nicht wirklich, denn was der vorträgt ist doch die Version des "Herausgebers" Schreyvogel, der nach seinen eigenen Worten ein Narr von Gottes Gnaden ist, und der berichtet nun wiederum, was sich der Verfasser dieses, nämlich icke, in seinem närrischen Kopf hat einfallen lassen. Bleibt zu fragen, wer von den dreien der größere Narr ist...

    , komme ich als Leserin und großer Fan von festgesteckten Atmosphären, nicht mehr mit

    An dem Sujet interessierte mich nicht nur das Burghaft-Beschauliche, sodern auch das Mittelalterlich-Närrische, das sich manchmal bis ins Absurde steigert, wie etwa bei dem Ritter, der gegen Windmühlenflügel kämpft oder dem, der auf einem Schachbrett Krieg führt. Außerdem kehrt Mundburt, einer neuen Herrin ergeben, nach langer Reise wieder nach Burg Wolkensten zurück. Es juckte mich in der Feder, in etliche deftig-absurde Abenteuer eine Satire auf das Menschlich-Allzumenschliche hineinzuschummeln ohne allzu deutlich zu werden, und ich verspreche,


    dass meine Narretei nie ganz frei von tieferer Bedeutung sei.


    LG, McFee


    Mundburt verhindert ein Unglück, und Gerlind näht Acephalos den Kopf an.


    Ich erspare Euch, Schreiber, die Dankeshymnen, die Acephalos meiner wackeren Gefährtin Gerlinden und mir sang, und wende mich sofort dem weiteren Geschehen zu. –

    Wie ich es befürchtet hatte, hätte unser neuer Mitfahrer beim Sprung in die Schnigge beinahe den Kopf verloren, denn als er versuchte, auf dem schwankenden Schiff das Gleichgewicht zu halten, lockerte er den Griff, und der Kopf rutschte ihm aus dem Arm. Nur meiner Geistesgegenwart war es zu verdanken, dass er nicht ins Wasser fiel. Ich riet ihm deshalb dringlich, sich vorsichtshalber den Kopf annähen zu lassen, auf See müsse man mit allem rechnen, auch damit, dass das Boot mal kentere, und schließlich habe er dann auch beide Hände frei. Dabei pries ich Gerlinds Nähkünste. Tatsächlich hatte sie jüngst einem Jagdhund, dem ein Wolfsrüde beide Hinterbeine abgebissen hatte, diese – allerdings stark verkürzt – so kunstfertig angenäht, dass das Tier wieder laufen konnte, dabei aber zu sitzen schien, was die Hasen derart verblüffte, dass sie das Hakenschlagen vergaßen und zur leichten Beute wurden.

    Nach einigem hin und her erklärte sich Acephalos grundsätzlich bereit, die Operation durchführen zu lassen; allerdings war er noch unschlüssig, ob als Querkopf oder Hochkopf. Ich für meinen Teil tendierte zum Hochkopf, denn das Zusammenleben mit einem Querkopf, der sich auch noch als Quatschkopf erwies – und dann noch auf engstem Raum – stellte ich mir ziemlich problematisch vor. Acephalos hingegen wäre natürlich, wo er jetzt von jeglicher Bedrohung frei war, gerne weiterhin als Querkopf durch die Welt gelaufen; Gerlind äußerte keine Meinung. Wir kamen überein, zunächst das locus operandi zu besichtigen. Acephalos setzte sich achtern auf eine Bank, seinen Kopf, Hals nach oben, im Schoß. Während mich seine beiden Augen von unter herauf anstarrten, löste ich die Schutzschicht, zog sie vorsichtig ab und gewahrte ein Gewirr von Knochen, Sehnen, Schläuchen und Muskeln; den gleichen Anblick bot das Gegenstück, nachdem ich auch dieses freigelegt hatte.

    „Himmel!“, rief ich, „wie soll das gehen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles so zusammengefügt werden kann, wie es zusammengehört. Das sieht ja vertrackter aus als das Labyrinth von Knossos!“

    Doch da hatte ich Gerlinds Findigkeit unterschätzt. „Man kann“, sagte sie und löste zwei große dicke Gewandnadeln aus ihrem Oberkleid, „man muss nur höllisch Acht geben, das alles richtig aufeinander sitzt.“ Die eine Nadel steckte sie in die Luft-, die andere in die Speiseröhre des Patienten, dann setze sie den Kopf passgerecht darauf. „Nicht wackeln“, sagte sie, zog Nadel und Zwirn aus ihrem Beutel, und hast du nicht gesehen, war der Kopf angenäht. Dann forderte sie den Patienten auf, den Mund zu öffnen, griff hinein und zog die beiden Nadeln wieder heraus.

    Acephalos, der die Prozedur mit stoischer Ruhe ertragen hatte, drehte den Kopf nach rechts – nach links – beugte ihn vor – warf ihn in den Nacken – der Kopf saß tadellos.

    „Ein Meisterstück!“, lobte er mit einem Blick voller Bewunderung. Auch ich war hingerissen, nahm Gerlind in den Arm und küsste sie. „Ha! Nun werde ich mich noch mutiger in den Kampf stürzen!“, rief ich begeistert, „sollte ich ein Glied oder sogar den Kopf verlieren – du, mein Täubchen, wirst sie mir wieder annähen!“

    Allerdings sollte es sich bald herausstellen, dass die Operation doch nicht so tadellos gelungen war, wie es zunächst schien.


    Landung auf Heparitanien. Der Krieg der Würste.


    Die schwarzen Vögel waren verschwunden, dafür driftete uns eine schwache Strömung auf eine Insel zu, die eine handbreit steuerbord auf dem Wasser lag. In einer unbewohnten Bucht, unweit eines Wäldchens mit schönen hohen Bäumen, gingen wir vor Anker. Vom Wäldchen her floss ein reizender Bach mit silbernem, süßem Wasser dem Meer zu. Unter dem Blätterdach richteten wir die bescheidene Küche ein und knauserten nicht mit dem Feuerholz. Zwei Planken, die als Treibgut am Strand lagen, dienten über zwei große Steine gelegt als Tisch.

    Während Gerlind auftrug, fragte ich: „Acephlos, wie sollen wir Euch nennen, jetzt, wo Euer Kopf auf dem Hals sitzt?“

    „Nennt mich doch einfach Cephalos.“

    „Ach was!“, sagte Gerlind, „ewig diese Fremdwörter! Ich weder Euch Kopf nennen!“ Und dabei blieb es.

    Mitten im fröhlichen Tafeln erscholl hinter uns plötzlich Kriegslärm, der allmählich näher kam. Alarmiert kletterte ich auf einen hohen Baum, von wo ich einen Blick ins Innere der Insel werfen konnte. Was ich da sah, war über alle Maßen merkwürdig. –

    Wie gerne würde ich jetzt, meine lieben Wurstesser und Biertrinker, ein Schauermärchen erzählen, damit mir wenigstens der eine oder andere von euch Glauben schenkt, denn was ich jetzt berichte, ist schier unglaublich, aber die reine Wahrheit. Wer mir trotzdem nicht glaubt – ich trag´s ihm nicht nach, denn schließlich ist die Wahrheit manchmal unwahrscheinlicher als die offen vorgebrachte Lüge. –

    Was ich sah, war dies: Es schien, als sei Mars mit seinen Kriegsheeren gekommen, um die Insel zu verwüsten. Von rechts, von einem staubigen Hügel etwa eine viertel Meile entfernt, warf sich ein unüberschaubarer Kriegshaufen unter dem Schall von Dudelsäcken, Querpfeifen, Zinken und Trompeten in voller Wucht gegen einen anderen Haufen, der, ebenfalls von Kriegsmusik angestachelt, von einem kahlen Hügel zu meiner Linken herabstürmte. Die blanken Rüstungen glänzten in der Sonne, ebenso die Kämpfer, die wie die Truppen Alexanders aus aller Herren Länder zusammengewürfelt schienen; ihre Anzahl schätzte ich auf zweihundertfünfzig Tausend. Manche Gesichter waren hell wie bei den Friesen, andere braun wie die der Söhne Arabiens, und ein ganzes Schwadron schien aus Nubien, dem Land der Mooren, zu stammen. Angeführt wurden die Parteien jeweils durch mehrere große, kräftige Krieger in rötlich schimmerndem Harnisch, die seltsame Mütze auf dem Kopf trugen+. Ich sah eine Unzahl Feldzeichen, Fahnen, Wimpeln, Wappen, Piken – allerdings weder Scharfschützen noch Pferde. Deshalb nahm ich an, dass es auf einen Kampf Mann gegen Mann hinauslaufen würde. Die Wucht des Angriffs, die stolze, aufrechte Haltung der Kämpfer, der selbstbewusste Ausdruck ihrer Mienen überzeugten mich, dass hier keine Milchbärte am Werk waren, sondern kampferprobte Veteranen.

    Wenn ich ehrlich bin, und ich bin es, und, zum Henker, dabei soll´s auch bleiben (denn ein Erzähler kann leicht die Gunst des Publikums verspielen, wenn er beim Flunkern erwischt wird), – wenn ich ehrlich bin, irgendwie freute ich mich sogar auf den Kampf, denn das Hauen und Stechen in voller Rüstung und mit heruntergelassenem Visier, diese ganze anonyme Kriegsmaschinerie, dieses mauernzerfetzende Antwerk* gegen einen Feind, den man nicht sieht, und der einen mit kochendem Pech begießt, all das ist eigentlich nicht mein Fall. Ich möchte das Weiße im Auge des Rivalen sehen, der es gewagt hat, meiner Herrin einen Handkuss zuzuwerfen, möchte mich mit ihm messen, ihn meine Stärke spüren lassen, möchte seine Angst riechen, seine Wut schmecken, möchte frei entscheiden, ob ich ihn töte oder schone. Auf den Punkt gebracht: Ich bin Ritter der Minne, nicht des Krieges.

    Die verfeindeten Heere waren jetzt vielleicht noch hundert Schritte voneinander entfernt, da tauchte zunächst auf der Kuppe des rechten Hügels eine Kriegsmaschine auf, ein Katapult oder Blide, der Großen Sau ähnlich, die im Jahre 1280 bei der Belagerung von Wien eingesetzt wurde, und unmittelbar danach auf der gegnerischen Seite ein Flammenwerfer von einer Größe, die mich in Erstaunen versetzte. Die Blide wurde geladen und abgeschossen; eine gelbbraune Masse ergoss sich über die Feinde, die von der Wucht des Angriffs zu Boden gerissen wurden. Nun kam auch der Flammenwerfer zum Einsatz, eine riesige Stichflamme schoss in die gegnerischen Linien, deren verzweifeltes Gebrüll die Luft erschütterte.

    Mittlerweile war das Kampfgeschehen näher an das Wäldchen herangerückt, und ich konnte Einzelheiten erkennen. Aber zunächst roch ich Unvermutetes, nämlich süßen Senf und den Duft von gebratenen Würsten. Dann erkannte ich zu meinem großen Erstaunen, dass die Kämpfer Würste unterschiedlicher Zubereitung waren; links standen die Leberwürste mit ihren Mannen, rechts die Blutwürste (die ich irrtümlich für Mooren gehalten hatte) und ihre Barone; die Knappen waren Brühwürstchen, und die Generäle dicke fette Fleischwürste.

    Hand aufs Herz, hättet ihr das gedacht, meine Lieben? Ich auch nicht. Aber schon liefen einige Krieger auf das Wäldchen zu, denn die linke Flanke der Leberwürste begann sich aufzulösen. Ich konnte genau erkennen, dass es Leberwürste auf kopfloser Flucht waren. Gerade ging eine Blutwurst vorbei, die eine gefangene Leberwurst mit sich führte.

    Ich sprang vom Baum und erstattete Bericht.

    In das ungläubige Schweigen hinein raschelte es; zwei Leberwürste, ganz mit Senf beschmiert, sprangen aus dem Gebüsch, kurz darauf ihre Verfolger, zwei Fettwürste, wilde verwegener Burschen von kräftiger Gestalt. Als sie uns sahen, stutzten sie; Cephalos-Kopf besaß die Geistesgegenwart, die beiden Leberwürste zu ergreifen und in die Proviantkiste zu sperren; die Fettwürste wollten Reißaus nehmen. Der einen stellte ich ein Bein, die andere entkam. Jetzt torkelte ein schwerverletztes Brühwürstchen heran, drehte sich einmal um seine Achse und fiel um; es war von oben bis unten klaffend aufgeplatzt. Gleich darauf erschien eine Blutwurst mit einem Schaschlikspieß im Leib; auch dieses arme Würstchen wurde eingesackt. Weitere Kriegswürste rannten vorbei, anscheinend bereit, sich eher ins Meer zu stürzen als in Gefangenschaft zu gehen und ihr Wurstdasein auf dem Grillrost auszuhauchen. Wir, die günstige Gelegenheit nutzend, konnten einfangen: Drei Blutwürste mit schweren Brandwunden, eine schon etwas ältere Cervelatwurst, drei geräucherte Mettwürste (die „Söhne Arabiens“), zwei Schinkenwürste, ferner fünf gekochte Zwiebelwürste, drei Frankfurter, zwei Wiener, eine Mortadella, eine Lyoner Fleischwurst nebst vier Weißwürsten; dann kamen noch eine Chorizo, zwei Landjäger, eine Salami und etliche Walliser Trockenwürste hinzu. Nachdem der Kriegsgott so großartig für unsere Verpflegung gesorgt hatte, packten wir alles zügig zusammen und stachen wieder in See.

    Ich hätte gerne noch eine dieser fetten Generalswürste eingefangen, um sie gehörig auszukochen, doch man kann eben nicht alles haben.

    ______________

    + die Wurstzipfel. * Belagerungsmaschinen. ** Gefolgsleute


    Mundburt schlichtet einen Streit unter den Gefangenen. Die Erzählung der Cervelatwurst.


    Ich nahm die gefangene Fettwurst, brach sie übers Knie und aß die eine Hälfte, die andere überreichte ich Gerlind; Kopf nahm eine vom Flammenwerfer gegrillte Fleischwurst. Wir hatten die Mahlzeit kaum beendet, da begann die Kiste mit den Gefangenen heftig zu wackeln und zu stoßen; aus ihren Inneren war lautes Getöse zu hören. Ich sprang hinzu und öffnete den Deckel: Eine Blutwurst hielt eine Leberwurst beim Hals und versuchte offensichtlich, sie zu erwürgen. Die anderen Würste standen oder lagen drumherum und feuerten die Streithähne an.

    „Beim Henker!“, rief ich, „könnt ihr noch nicht einmal kurz vor eurem Ende aufhören, euch zu streiten?“ – „Die Blutwurst hat angefangen“, keuchte die Leberwurst, „ich habe friedlich dagelegen und in mich hineingehorcht, da drückte mir diese stinkende Furie –“ – „Ha, selber Furie!“, giftete die Blutwurst zurück, „friedlich nennst du das? Du hast mich mit diesem ekelhaften Senf bekleckert, wo ich doch Senf aus tiefstem Herzen verabscheue.“ – „Und du, alte Kräuterhexe? Zerkratzt mir mit deinem Brandschorf die Pelle!“ – „Selbst in Schuld!“, rief ein dickes Weißwürstchen, das aussah, als könne es jeden Moment platzen, „warum machst du dich auch an sie heran? Blutwürste sind immer heimtückisch, auch wenn sie ganz harmlos aussehen, man darf ihnen nicht trauen!“ – „Pah!! Und Leberwürste sind Feiglinge!“ – „Arschfiedel!“ – „Mein ist die Rache, spricht die Blutwurst.“ – „Sausack!“ – „Hinterfotziges Miststück!“

    „Schluss jetzt!“, rief ich und zog mein Schwert, „noch ein Mucks, und ich schicke euch Hauptmann Wurstmesser!“

    Das wirkte, sofort war Ruhe. Ich angelte die greise Cervelatwurst aus der Kiste, die bereits von einer grau-weißen Schimmelschicht überzogen war, schlug den Deckel wieder zu zog das Messer.

    „Lieber Herr!“, jammerte die Cervelatwurst, „schont mich! Ich kann Euch unzerteilt mehr dienen als in Scheiben geschnitten.“

    „Gut, was hast du zu bieten!“

    „Ich könnte Euch einiges über die Wurstinsel erzählen, und warum Ihr die Nachbarinsel nicht betreten solltet.“

    „Na schön“, sagte ich, „du bist gut geräuchert und lange haltbar, also hat es mit dir keine Eile. Wie soll ich dich nennen?“

    „Nennt mich einfach Wurst.“

    Wir gingen zu den anderen und setzten uns. „Also“, sagte ich, „Wurst, was hast du zu berichten?“

    „Haben wir Zeit?“, fragte Wurst.

    Ich blickte aufs Segel. Es hing schlaff herab, von keinem Lüftchen bewegt.

    „So wie es aussieht, reichlich.“


    Die Erzählung der Cervelatwurst.


    „Dann fange ich von vorne an. Ähem... Nach allem, was die alten Geschichtsschreiber und Sänger über unsere glorreichen und ehrenhaften Väter und Vorfahren berichten, lebten Leber- und Blutwürste einst friedlich nebeneinander, jeder in seinem Lande und nach seiner Art; die Blutwürste in Sangritanien*, die Leberwürste in Heparitanien**. Es war Brauch und Sitte, das Nachbarvolk dadurch zu ehren, dass einmal im Jahr eine mit Geschenken beladene Abordnung in die befreundete Hauptstadt fuhr, wo sie mit militärischem Waffengepränge und Trompetenschall empfangen wurde; wie der König von Frankreich, wenn er zum ersten Mal nach seiner Krönung eine Stadt besucht.

    Als beim ersten Freundschaftsbesuch der Anführer der Leberwurst-Delegation vor dem König der Blutwürste, Benevolens I°°, auf die Knie fiel, um ihm die Füße zu küssen, litt es dieser nicht, hob ihn auf, nannte sich einen Unwürdigen, dem nicht zukomme, dass ihm jemand die Füße küsse, umarmte und küsste den Gast. Ein halbes Jahr später, zu Johannis, erfolgte der Gegenbesuch; König Farcimen I, genannt Liberalis maximus#, ließ es sich nicht nehmen, den königlichen Freund mit noch köstlicheren Geschenken zu beglücken. So versuchte jede Partei die andere an Großzügigkeit zu übertreffen. Bald barsten die Wagen fast vor Gold, Silber, Edelsteinen, Gewürzen; nicht genug damit, auch das Volk ließ sich nicht lumpen; freiwillig brachten die Menschen kostbare Ringe, goldene Nadeln, Pantoffeln mit erlesenen Stickereien, Hühner, Schweine, Enten, Hasen, Papageien, Pelikane, Stachelschweine und anderes Getier, das ihnen die freien Stunden versüßte. Da war keines braven Hauses Kind, das nicht hingegeben hätte, woran sein Herz hing.

    Als alle bewegliche Habe einschließlich der Mägde, Knechte und Findelkinder verschenkt war, machte man sich an den Immobilienbesitz. Schlösser, Burgen, Wehrtürme, Herrenhäuser, Badhäuser, Lusthäuser, Kartenhäuser, Wolkenkuckucksheime, geheime Staatsräte; Gutshöfe samt Wiesen, Weiden, Wäldern; Almen, Ammen, Matten, Hochbeete, Tiefbeete, Rotebeete – alles wurde lächelnd hingegeben, als wär´s ein Apfel und ein Ei.

    Dann kamen die Pfründen, Ämter, Sporteln, Tantiemen an die Reihe: Fiskulen%, Salzpfannen, Steinbrüche, Tongruben, Schlangengruben, Schrangen+, Marktbuden, Brodtbänke, Kniebänke, Fußbänke, Sandbänke – alles wurde heiteren Herzens verschenkt. Der Abt wurde zum Bettelmönch, der Bettelmönch gab lächelnd seinen Bettel hin; der Dompfaff verschenkte sein Kirchenamt und verdiente sich sein Brot mit Singen; der Brauer verschenkte sein Braurecht und trank hinfort seine Tränen, der Fiskulenbesitzer gab seine Fiskule her und fing hinfort keine Fisch, sondern Spatzen.

    So ging es mehrere Jahre hin und her, und eines Tages verkündeten die Wirtschaftsweisen das Ende des Geschenkwahnsinns, denn so könne es nicht weitergehen, die Vorräte seinen erschöpft, die Barbaren bis aufs Hemd ausgeplündert. Doch anstatt auf sie zu hören und Vernunft anzunehmen wurden sie verhöhnt und verlacht; man nannte sie Spaßverderber und notorische Schwarzseher. Die Kämmerer und Marranen$ schrien, sie sollten sich scheren, in ihre Klosterzellen zurückkriechen und dort bei Dünnbier und Schwarzbrot die Kakerlaken belehren.

    Und siehe: Es ging noch weiter, allen Unkenrufen der Fachleute zum Trotz.

    König Farcimen, der Große Geber, erklärte sich seinem mildtätigen Freund aus freien Stücken und auf ewige Zeiten tributpflichtig; die erste Zahlung von einer Million Talern erfolgte in vierundachtzigkarätigem Gold; Benevolens antwortete mit zwei Millionen; König Blutwurst mit drei Millionen, der Mildtätige mit vier Millionen. Allerdings schummelten beide Seiten; aus Gelbgold wurde Graugold, dann Rotgold und Grüngold, schließlich Weißgold, dann wurde Blei untergemischt, schließlich Eisen – es kümmerte niemanden, denn zu kaufen gab es längst nichts mehr, die Menschen lebten von dem, was ihnen Hund und Katz übrig ließen.

    Als alle Goldvorräte aufgebraucht waren, rief der Große Geber – der jetzt wieder am Zuge war – seine Barone und die Vertreter der Stände zusammen und legte ihnen eine Zessionsurkunde vor, in der er sein gesamtes Königreich mit allen In- und Exklaven an seinen königlichen Freund abtrat, was von allen Beratern entschieden begrüßt wurde. Als König Benevolens davon erfuhr, brach er in salzige Tränen aus; unverzüglich eilten Diener mit Eimern herbei und fingen die Tränen auf, denn Salz war mittlerweile wertvoller als Gold. Dann trommelte er seine Hofjuristen zusammen, die ein Dokument erarbeiten mussten (soweit sie noch die Kraft besaßen, einen Federkiel in ein Dintenfass zu tauchen und wieder herauszuziehen), in der er sein gesamtes Königreich mit allen In- und Exklaven an seinen Freund abtrat, was von allen Beteiligten entschieden begrüßt wurde.

    Wer nun denkt, das Wettschenken sei an einem Punkt angelangt, wo es nicht mehr weiterging, der irrt schon wieder. Zu groß war der Drang der edlen Könige, sich als der Schenkfreudigere zu erweisen.

    So erreichte denn, wiederum kurz vor Johannis, König Farcimen die Botschaft, König Benevolens habe die Absicht, seine Tochter, sein Ein und Alles, seiner 'Augen Stern und Weide', wie ein Hofpoet schmalzte, die erhabene, schöne, tugendsame, verständige, gebärfreudige (und so weiter) Prinzessin Farciminis sandwico++, ihm, seinem Bruder, dem erhabenen, weisen, mildtätigen, sieghaften, volkreichen (und so weiter) König als Mätresse zu geben.

    Als der König der Leberwürste davon erfuhr, brach er über die Gutherzigkeit des Königs der Blutwürste in helles Schluchzen aus. Sofort ließ er ein Dokument verfertigen, in welchem er dem Freund und Bruder nicht nur seine Tochter, sein Ein und Alles, seiner Augen Stern und Weide, die erhabene, schöne, tugendsame, verständige, gebärfreudige (und so weiter) Prinzessin Peragitatio caseum+* – nein, nicht nur diese, sondern – – Schreiber, kommt Ihr mit? Gut denn, also weiter – darüber hinaus auch noch seine Frau nebst Hauptbuhlin anbot (die er gerne losgeworden wäre, denn alle drei waren die reinsten Hauskreuze und überdies so hässlich wie Pavianärsche).

    Benevolens brach in noch hellere Tränen aus als Farcimen und brachte in wohlgesetzten Worten und schöner Rede die unendliche Dankbarkeit zum Ausdruck, die er seinem Bruder gegenüber empfinde, allein, ein solch gewaltiges Geschenk könne er nicht annehmen (was sollte er auch mit drei weiteren Furien beginnen, seine eigene reichte ihm schon), denn alles, was er bisher getan, versicherte er hoch und heilig, sei nicht der Rede wert; wenn er sich ehrenhaft gegen seinen königlichen Freund betragen hätte, so habe er damit nicht mehr als seine Schuldigkeit getan und erwarte keinen Dank.

    Dieses Palimpsest wurde auf der Gegenseite mit tiefer Bestürzung zur Kenntnis genommen, die allmählich in Wut und Zorn überging. „Was?“, schrie König Farcimen und stürzte die letzte Kanne Wein seines Königreichs hinunter, „dieser königliche Flegel wagt es, mein königliches Geschenk zurückzuweisen? Hofmarschall! Ihr reitet sofort hinüber zu Benevolens und stellt ein Ultimatum! Schreiber, fix ans Werk!“

    Doch das Ultimatum wurde nicht angenommen und der Hofmarschall unter Beschimpfungen vom Hof gejagt.

    Sofort holte der König der Blutwürste, aufs Äußerste gereizt, zum Gegenschlag aus. Unter dem Vorwand, den Streit ausräumen zu wollen und eine Normalisierung der gestörten Beziehungen zwischen ihren Ländern zu erreichen, lud er die Gegenseite zu einem Versöhnungsbankett ein. Ein Überläufer berichtete jedoch, dass dies bei Bier und Leberwurstbroten geschehen solle. Diese Indiskretion führte schließlich zum Krieg. Seitdem werden jedes Jahr zu Johannis Waffengänge durchgeführt, im Wechsel auf Heparitanien oder auf Sangritanien. Öfter geht nicht, denn beide Parteien sind mittlerweile zu Tode erschöpft, die Völker ausgeblutet.“

    Der Erzähler schwieg.

    „Bist du dir sicher, Wurst, dass du die Könige nicht manchmal verwechselt hast?“, fragte Kopf, „ging ziemlich heftig hin und her.“

    „Ganz sicher bin ich nicht, aber was soll´s. Sind doch alle der eine wie der andere.“

    „Na dann stärk dich erst einmal“, sagte Gerlind, ganz Hausfrau, „das Erzählen hat dich bestimmt hungrig und durstig gemacht. Hier, trink!“

    „Dank, Jungfer! Ist aber nicht nötig! Bin voll bis obenhin, und mein Erzeuger hat mir genug Wasser beigemischt, dass es bis ans Ende meiner Tage reicht!“

    ____________

    * Von sanguis, lat. Blut, ** von lat. hepar, Leber, °° der Mildtätige, # König Wurst, der größte Geber aller Zeiten, $ jüdische Finanzaufseher, % Fischereirechte, + Verkaufsstände, ++ Neulatein: Wurstbrot, +* Käseschnitte.


    Forts. folgt

    Hallo Stadtnymphe@,

    es ist mir immer wieder ein Vergnügen, deine Komm. zu lesen...

    Wenn Mundburt diese Probleme schon auf der Burg so brennend interessiert haben, warum tauchen sie dann hier zum ersten Mal auf? Ich entsinne mich nicht, darüber vorher schon mal was gelesen zu haben.

    Ich schlage Folgendes vor: Weil er zum ersten Mal auf See ist und die Flaute zum Anlass nimmt, über dieses Problem nachzudenken.

    Interessant. Das schreibt der Graf also im Prinzip nicht mit, es ist also nicht medial schriftlich. Dass es trotzdem da steht, ist eigentlich fast schon einer linguistischen Analyse würdig.

    Hier tritt der Erzähler aus der Geschichte heraus. Wie der Komödiant, der die Bühne verlässt und sich unter die Leute mischt. Ich dachte, ob es wohl jemandem auffällt? Dir ist es aufgefallen. Bravo.

    Noch mehr köstliche Namen!!

    Nicht nur das, meine Liebe.... Erdo-Ghan = berüchtigter Möchtegern-König in einem mit der EU assoz. Morgenland; Hohenegg = Honecker, ehem. Staatsratsvorsitzender der DDR; Kim-Junkim, Xi-Pnigpink = die leicht verfremdeten Namen der Parteichefs von Nordkorea bzw. China; allesamt berüchtigte Querkopfjäger...


    Hmmm. Im Mittelalter hat man es doch schwerlich schon als "Deutschland" bezeichnet.

    Die Bezeichnung Deutschland wird seit dem 15. Jahrhundert verwendet, ist in einzelnen Schriftstücken aber schon früher bezeugt; in der Frankfurter Übersetzung der Goldenen Bulle (um 1365) heißt es Dutschelant.

    Was die Schreibfehler betrifft bitte ich weitenhin um Nachsicht.
    LG

    McFee

    Wenn man den Kopf schüttelt sollte man sich erst vergewissern, dass man einen hat.

    Truman Capote

    Mundburt erfleht ein Wunder und wird auf höchst seltsame Weise erhört.


    Boreas´ Atem blies uns voll ins Segel, und wir kamen bei leicht bewegter See zügig voran. Gerlind hatte es sich auf dem Hinterkastell bequem gemacht und kämpfte mit dem Schlaf. Scherte sich keinen Deut darum, dass wir nicht wussten, wohin die Reise ging und wir ins Blaue segelten. Ich brach eine Wurst übers Knie und biss hinein, denn das Gebrüll hatte mich mächtig hungrig gemacht. Während ich aß, hing ich meinen Gedanken nach.

    Endlich hatte ich Klarheit über zwei Probleme, die mich brennend interessiert hatten, die mir aber auf Burg Schwarzenraben niemand beantworten konnte oder wollte, noch nicht einmal der Monsignore. Vor einiger Zeit war ein Friese auf der Burg eingekehrt, ein fußläufiger Rompilger, der beim Wein seltsame Dinge erzählte. Unter anderem behauptete dieser Saufaus, das Meer, an dem er lebte, verschwinde zweimal am Tag bis auf den blanken schwarzen Boden und käme zweimal am Tag wieder zurück; dann weiter, dass das Wasser dieses Meeres salzig schmecke. Ich war noch nie am Meer gewesen, kannte es nur vom Hörensagen und wollte mehr erfahren. Als ich ihn fragte, wo das Meer denn bliebe und woher das Salz käme, zuckte der Spinner mit den Schultern und wechselte die Weinsorte. Ich hielt die Erzählung lange Zeit für eine Ausgeburt des Alkohols, bis ein Salzfahrer aus der Bretagne Ähnliches erzählte. Als ich ihn ausfragte, woher er das Salz bekäme, schwadronierte dieser Wachtelfänger unverständliches Zeug, in dem immer wieder Meerwasser, der Mond und irgendwelche „Gezeiten“ vorkamen; ich schalt ihn einen Schnarchhals und ließ ihn sitzen. Jetzt endlich wusste ich es! Wusste, woher der Wachtelfänger das Salz herbekam, und was es mit diesen Gezeiten auf sich hatte: Wenn der Riese Boreas genug pisste, füllte er das Meer wieder auf, das ja bekanntlich über den Rand der Erdscheibe abläuft, und Urin ist nun mal salzig.

    Neugierig beugte ich mich über die Reling, steckte den Finger ins Wasser und kostete; tatsächlich, es schmeckte salzig. Das Wasser war so klar, dass ich bis auf den tiefsten Grund sehen konnte. Da sah ich Triton, der auf einer großen Seemuschel blies, Glaucos, Proteus, auch Nereus in seinen Fesseln und noch viele andere Meergötter und Ungeheuer; ferner eine Menge Fische und Meeresgetier verschiedenster Art, silberne Blitze, vielarmige Kraken, plumpe Quappen. Und alles tanzte, flitzte, sprang, hüpfte; atmete Blasen aus, sprühte, schleimte, jagte oder scharmützelte; legte sich in Hinterhalt und schoss wie ein Pfeil hervor, erklärte Krieg und schloss Frieden. Ich war so hingerissen von diesem Anblick, dass ich erst nach einer Weile bemerkte, dass der Wind aufgehört hatte zu blasen. Erstaunt blickte ich zurück – vom Riesen und seinem Anhang war nichts mehr zu sehen, nur der Berg mit den schwarzen Strahlen und lebloses Land. Die See glänzte glatt wie ein Spiegel, kein Lüftchen wehte, das Segel hing schlaff und leblos herab. Es war so ruhig, dass mir Gerlinds regelmäßig-tierhafte Atemzüge wie das Rauschen von Windmühlenflügeln vorkamen. Um zu prüfen, ob noch Bewegung in dem Kahn war, spuckte ich ins Wasser – Schiff und Spucke blieben auf gleicher Höhe. Peilte einen dieser fernen Felsen an – nichts bewegte sich, das Schiff stand.

    Also, Mundburt, sprach ich zu mir, spanne deine Muskeln an, leg dich ins Zeug und rudere. Schließlich bist du ausgezogen, um die Welt kennenzulernen, und nicht, um untätig herumzusitzen und auf den nächsten Wind zu warten. Doch wo waren die Riemen, in die ich mich hätte legen können? Noch nicht einmal ein Brett, das Ersatz gebildet hätte, war da, geschweige denn ein einziger Riemen. Jetzt entdeckte ich auch, dass das Schiff weder Pinne noch Ruder besaß. Schweißperlen traten mir auf die Stirn. Sollte dieser Erzschelm von Riese... Zerbiss, um Gerlind nicht zu wecken, einen jämmerlichen Fluch und fing an zu suchen. Suchte an Backbord, Steuerbord, Dollbord – nichts; suchte auf/unter den Sitzen – verdammt nochmal, nichts. Hob die Klappe zur Bilge hoch – nichts. Schob Gerlinds Schlafbeine nach links/rechts – wieder nichts. Guckte unter ihren Hintern – zum Teufel, alles Mögliche, nur kein Riemen. Drehte sie auf die andere Seite – –

    „Wer klopft da an meine Hinterpforte und begehrt Einlass? Seid Ihr es, junger Ritter in Spe?“

    Schon hatte sie mich umhalst und mir einen Kuss aufgedrückt, und ihre schlanken Finger nestelten an meinem Hemd.

    „Später, mein Herz!“, wehrte ich ab, „erst muss ein kleines Problem gelöst werden.“

    „Das wäre?“

    „Es geht kein Wind.“

    „Dann mach einen!“

    „Ha-ha! Das Schiff steht, es bewegt sich weder vorwärts noch rückwärts. Wenn das so weiter geht, verhungern und verdursten wir.“

    „Dann rudern wir eben!“

    „Ei, mein Schnuckelchen, dann gib doch mal die Riemen her!“

    „Riemen?“

    Voller Verzweiflung blickte ich zum Himmel, bereit, den HERRN um ein Wunder anzuflehen, ein klitzekleines Wunder nur, denn jetzt konnte nur noch ein Wunder helfen. Wenn unser HERR und Heiland auf dem See Genezareth dem Sturm Einhalt gebieten konnte, dachte ich in meiner wenig heiligen Einfalt, dann könnte er umgekehrt auch einem Wind befehlen, zu wehen. Wie pflegte doch der Monsignore zu sagen? Wer aus bescheidenem Herzen fleht, dessen Bitten werden erhört. Also warf ich mich auf die Knie, streckte die Arme himmelwärts wie die heilige Dorothea auf dem Altarbild in der Burgkapelle und erflehte aus bescheidenem Herzen ein Wunder. Doch nichts dergleichen geschah; kein Wind kam auf, nicht der kleinste Luftzug regte sich.

    Dafür geschah etwas viel Seltsameres.

    Die schwarze Sonne dehnte sich aus, zerplatzte in tausend Stücke zu einem durchsichtigen Schleier, der den Himmel verdunkelte; der Schleier machte hoch in der Luft einen weiten Schwenk hinter das Schiff, verdichtete sich zu einem breiten Keil, der sich herabsenkte – und ein kräftiger Wind kam achtern auf, verursacht vom Flügelschlag einer unüberschaubaren Zahl schwarzer Vögel.

    Das Wunder war geschehen, doch auf eine Art, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. –

    ***

    Während mein Graf gerade seine Feder spitzt, staune ich über meine damalige Naivität. Wie konnte ich annehmen, dass der HERR genau das tat, was ich von ihm verlangte? Bildete ich mir doch tatsächlich ein, ich könnte einen GOTT dazu bewegen, seine Naturgesetze, die er doch in Seiner Erhabenen Weisheit selbst geschaffen hat, zu verraten!! O grausame Überheblichkeit! Gut, der Mensch steht mit GOTT auf du und du. Aber was heißt das schon. Auch der Großfürst von Kiew lässt sich von seinen Untertanen mit du anreden, trotzdem tut er nicht, was irgendein hergelaufener Wicht von ihm verlangt, höchstens, er gibt Befehl, den Jammerlappen wegen dieser Frechheit die Knute zu geben. Und von unserem Herrgott verlangen die Leute alle möglichen und unmöglichen Wohltaten, mich eingeschlossen... Heute denke ich, die Welt ist voller Wunder, die man nicht erflehen muss, doch man sieht sie nicht, weil man falsche Erwartungen hat.

    Doch nun zurück zum Geschehen.

    Voller Freude dankte ich Gott für seine Güte und verzehrte, zusammen mit Gerlind, die andere Hälfte der Wurst.


    Mundburt und Gerlind bewahren einen Geköpften davor, seinen Kopf zu verlieren und gewähren ihm Asyl.


    Der Wind blähte von achtern her das Segel, und wir nahmen wieder Fahrt auf. Durch mehrmaliges Schwenken der Flugrichtung erreichten es die Vögel, uns auf Kurs zu halten. Erquickt durch die Wurst und beruhigt durch die glückliche Fügung, ließen wir den lieben Gott einen guten Mann sein und vertrieben uns die Zeit mit allerlei neckischen Spielchen. Als ich einmal meinen Hintern über die Reeling hing, um mich zu erleichtern und anschließend die Fische beobachtete, die sich auf meine Hinterlassenschaft stürzten, schien es mir, als schwömmen sie mit dem Bauch nach oben. Ach schien es mir, dass Medea ihre Schlangenhaare nicht auf dem Kopf, sondern am Hintern trug. Doch ich hielt es für eine Sinnestäuschung und dachte nicht weiter drüber nach. Gegen Mittag erreichten wir eine Insel, und wir gingen an Land, um Vorräte einzukaufen.

    Schon nach wenigen hundert Schritten fiel mir auf, dass auf diesem Eiland einiges anders war als auf der Welt, die ich kannte. Während einer Romfahrt mit dem Herrn hatte ich die Alpen gesehen; ihre grünen Matten und die schneebedeckten Gipfel. Hier war es genau umgekehrt: Die Gipfel waren grün, und die Matten schneebedeckt. Wir kamen an einem kleinen Gehölz vorbei, dessen Anblick Gerlind in heiteres Lachen versetzte; es sah auch zu ulkig aus. Aus dem Boden wuchsen fass-dicke, runde, mannshohe Stämme mit einer Art Flaschenhals, aus dem ein wurzelähnliches Gewirr kurzer blattloser Zweige heraushing. Anscheinend steckten die Bäume mit den Wipfeln in der Erde* und streckten ihre Wurzeln in die Höhe.

    Die nächste Überraschung bot ein Feld, übersät mit ovalen, glitzernden Gebilden. Ich trat näher und beugte mich über den Acker. Die Gebilde waren wie Fische mit Schuppen bedeckt; hunderte Augen starrten mich mit kaltem Blick an, hier und da klappte ein Maul auf und zu, als schnappe es nach Luft.

    „Es sind Fische!“, rief ich Gerlind zu, die auf dem Weg stehengeblieben war, „Acker-Schollen, die vermutlich auf Regen warten!“ In der Tat entdeckte ich weiter hinten Fischernetze, über Pfosten gespannt.

    Ob die Enten mit den Bäuchen nach oben flogen und die Hasen auf den Ohren liefen, entzieht sich meiner Kenntnis. Allerdings lege ich meine Hand dafür ins Feuer, dass die hiesigen Fischer die Heringe schon gesalzen aus dem Meer zogen.

    Wir hatten allerdings keine Gelegenheit, solche Abnormitäten zu beobachten, denn unsere ganze Aufmerksamkeit wurde schon wenig später von einer Gestalt in Anspruch genommen, die, mit dem Rücken an einen Heuballen gelehnt, am Boden saß. Im Näherkommen sah ich, dass der Gestalt – der Kleidung nach ein Mann – der Kopf fehlte, zumindest an der Stelle, wo ihn jeder anständige Christ zu tragen pflegt, nämlich auf dem Hals; die Mörder hatten ihm den abgeschlagenen Kopf quer unter den Arm geklemmt.

    Entsetzt prallte ich zurück.

    „Gerlind!“, rief ich, „lass uns schnell umkehren! Vielleicht treiben sich die Mörder ja hier noch herum, und wir sind die nächsten Opfer!“

    „Hör auf zu lamentieren “, sagte Gerlind erstaunlich gefasst, „siehst du hier irgendwo Blut?“

    Ich blickte mich um. Nein, Blut war nirgends zu sehen. Ehe ich mich wundern konnte fragte Gerlind: „Hörst du nichts?“

    „Mein Gott, was soll ich denn hören? Hier ist doch –“

    „Herrgottnochmal! Sei mal einen Augenblick still.“

    Ich schwieg – tatsächlich, jetzt hörte ich es deutlich. Jemand schnarchte entsetzlich.

    „Ha!“, rief Gerlind, „das übertrifft alles, was wir bisher auf dieser Insel gesehen haben! Würde mich nicht wundern, wenn sie hier auf der Kirchturmspitze baden und sich die Füße im Dorfteich trocknen. Möglicherweise laufen sie hier alle mit dem Kopf unter dem Arm herum, und Kopflosigkeit ist Normalität.“

    „Gerlind-Schatz, was meinst du denn? Ich... ich verstehe nichts!“

    Das Schnarchen verstummte, der Kopf schlug die Augen auf, starrte erst mich, dann Gerlind, dann wieder mich an, und plötzlich erfüllte namenlose Angst seinen Blick. Der Acephale** sprang mit dem Kopf unter dem Arm auf, wühlte mit der freien Hand in einer Tasche seines Rocks herum und warf ein paar Münzen vor uns in den Staub.

    „Erbarmen, liebe Leute“, jammerte er mit allen Anzeichen des Entsetzens, „bei meiner Ehre, das ist alles, was ich habe! Bitte, tut mir nichts! Hab eine Frau und sechs unmündige Kinder! Muss außerdem eine alumna° – “

    Er stutzte, seine Hände packten den Kopf, hoben ihn erst vor meinen Hals, dann vor Gerlinds. „Gott sei Dank, Ihr seid nicht von hier“, sagte er, beziehungsweise sein Kopf, ruhiger, geradezu erleichtert, „woher kommt ihr, Fremdlinge, und wohin wollt ihr, wenn die Frage erlaubt ist?“

    „Sie ist es“, antwortete ich, „ein Wind hat uns an Eure Insel verschlagen. Wir sind auf der Durchreise und kommen aus Deutschland, unserem lieben Vaterlande.“ Dann haspelte ich mein Verslein vom Knappen ab, der auszog – na, ihr wisst schon.

    „Wenn es möglich ist, würden wir gerne unseren Proviant auffüllen“, ergänzte Gerlind.

    Der Kopf legte die Stirn in Falten. „Deutschland... Deutschland“, murmelte er, „irgendwie kommt mir der Name bekannt vor...“ Der Mann schnippte mit dem Finger. „Hei, jetzt bab ich´s! Ist das dieses Land, wo allen Fremden herrschaftliche Quartiere bereitet und köstliche Speisen vorgesetzt werden? Wo diejenigen, die nicht arbeiten, mit gebratenen Tauben gefütt –“

    „Nicht ganz“, unterbrach ich ihn kühl; ich mag Leute mit Vorurteilen nicht, erst recht nicht, wenn sie auch noch maßlos übertreiben. „Mal was anderes, guter Mann! Warum hattet Ihr Angst, als Ihr uns erblicktet, und was erschien Euch an unseren Hälsen so interessant, dass Ihr sie angestarrt habt wie ein Dieb das Tafelsilber?“

    „Das verhält sich so“, sagte der Kopflose und klemmte den Kopf wieder unter den Arm, und zwar quer, „uns werden kurz nach der Geburt von beamteten Halsabschneidern die Köpfe abgeschnitten, die Schnittstellen werden mit einer Wundsalbe bestrichen, und wenn die Körper im lauffähigen Alter sind, klemmt sich jeder seinen Kopf unter den Arm und zieht davon. Sollte sich jedoch jemand in seinem späteren Leben als Mörder oder Verbrecher erweisen, wird ihm der Kopf wieder aufgenäht, damit man ihn schon von Weitem erkennt und rechtzeitig Reißaus nehmen kann. Deshalb hielt ich Euch zunächst für Räuber –“

    „Ah, verstehe!“, sagte ich, „dann saht Ihr, dass unsere Hälse kein Naht aufweisen und erkanntet, dass wir ehrliche Fremde sind, und damit habt Ihr, bei Gott, durchaus Recht. Nur eines verstehe ich nicht. Wozu überhaupt dieses Kopfabschneiden? Das ist doch... hmm... nun ja... für meinen Geschmack ziemlich verkehrt herum.“

    „Und für meinen erst!“, rief Gerlind aufgebracht, „das ist doch nichts als ein teuflischer, widerwärtiger Hokuspokus.“

    Er darauf: „Seht es mal so, schönes Frauken, diese Daseinsform bietet große Vorteile. Bevor uns unser Großer Wohltäter, König Erdo-Ghan I., diese Möglichkeit schenkte, waren viele Leute mit ihren eigenen Köpfen unglücklich. Und da dem Großen Wohltäter das Glück seines Volkes am Herzen liegt, befahl er: Kopf ab, und zwar sofort nach der Geburt, ehe sich die Leute mit dem falschen Kopf abgefunden haben. Wer später feststellt, dass er den falschen Kopf hat, kann ihn jetzt unschwer gegen einen anderen tauschen.“

    „Ist das Kopfabschneiden nicht gefährlich?“, wollte mein schönes Frauken wissen. „Ich könnte mir vorstellen –“

    „Mitnichten. Zuvor wurden gründlich die Magier und Medizinmänner befragt, und die versicherten, das Risiko, beim Kopfabschneiden zu sterben, sei bei kunstgerechter Operation geringer als bei einem Ritterturnier.“

    „Beim heiligen Pankraz!“, rief ich, „wie kann denn jemand mit seinem Kopf unglücklich sein! Ich für meinen Teil könnte mir keinen besseren wünschen!“

    „O ja, lieber Herr, sogar sehr! Früher, da war viel Unzufriedenheit im Volk. Einer mit einem Dummkopf hätte gerne einen Schlaukopf gehabt; ein Schwachkopf lieber einen Schafskopf; ein Sturkopf einen Starrkopf oder umgekehrt; ein Flachkopf einen Dickkopf; ein Zylinderkopf einen Mützenkopf; ein Brückenkopf einen Gelenkkopf; ein slawischer Rundkopf einen ägyptischen Langkopf; ein Kleinkopf –“

    „– einen Quatschkopf!“, rief ich, doch der Querkopf redete unverdrossen weiter.

    „ – einen Großkopf; ein Kurzkopf einen Stutzkopf; ein Pilzkopf einen Kohlkopf. Und dann ist da noch das leidige Nasenproblem, denn es gibt keinen Kopf ohne Nase! Einer mit ner Hakennase hätte gerne ein Stubsnase; da hat einer eine Nase wie eine Stocklaterne und hätte gerne eine Fitznase, einer mit einer Bovist-Nase wünscht sich eine Felsnase; ein anderer will eine Dachnase, ein vierter ein Fühlnase –“

    „Hey!“, rief Gerlind, „wenn man sich hier die Körperteile aussuchen kann, dann hätt ich gerne einen Meerbusen!“

    Doch ohne auf diese Albernheit zu reagieren fuhr der Mann – beziehungsweise sein Kopf – unverdrossen fort: „ – dieser wünscht sich eine, die gut riechen kann, jener eine, die nach gar nichts riecht; ein sechster eine Hornnase, ein siebter eine Askenase –“

    „Guter Freund, bitte –“

    „ – ein achter –“

    „Ich glaub´s ja!“, rief ich händeringend und mit Schweißperlen auf der Stirn, „aber Ihr habt die Querköpfe vergessen, wie Ihr anscheinend einen habt! Was ist mit denen?“

    Der Mann legte den Finger an die Lippen, was ziemlich ulkig aussah. „Pssst, nicht so laut!“, tuschelte er. Bildete ich es mir ein, oder zuckte der Mann zusammen? Auf jeden Fall senkte er beträchtlich die Stimme, blickte sich ängstlich um, als habe er tatsächlich das Tafelsilber gestohlen, und hielt seinen Kopf nah an mein Ohr.

    „Euch kann ich es ja sagen“, flüsterte der Mund, „Ihr seid fremd, werdet mich schwerlich verraten. Unserem König geht es gar nicht um das Wohl des Volkes, wie seine Leute Tag und Nacht trommeln, sondern um das seiner Sippschaft. Sämtliche wichtigen Staatsämter sind mittlerweile mit hörigen Schwachköpfen besetzt, die nichts anderes im Kopf haben, als sich die Taschen zu füllen. Hingegen die Querköpfe – ach, ach, es ist ein Trauespiel! Wenn die königlichen Querkopfjäger einen finden, nehmen sie ihn sofort weg, obwohl der eine oder andere Querkopf unserem Volk vermutlich gut tun würden... Aber kein Wort zu jemandem, ich bitt Euch! Kritik am Großen Wohltäter ist ein schweres Verbrechen und wird mit Kopfannähen bestraft. Und da werden natürlich Köpfe verwendet, die einem wie mir das Leben zur Hölle machen, zum Beispiel die von notorischen Weltverbesserern oder faulen Beamten.“

    „Guter Gott!“, rief ich, „das ist ja furchtbar! Und wie ich sehe, habt Ihr einen dieser Querköpfe!“

    „Einen der letzten! Keiner darf es wissen, sonst bin ich ihn los, und sie geben mir stattdessen einen königlichen Schwachkopf.“

    In einiger Entfernung war ein Mann stehengeblieben, eine dürre Gestalt auf Spindelbeinen, den Kopf mit einer bemerkenswert flachen Stirn unterm Arm und einem großen Strohhut auf dem Hals. Als der Acephale ihn bemerkte, brachte er seinen Kopf sofort in die Senkrechte, und der Mund flüsterte: „Pssst... Ein Spitzel vom Sicherheitsdienst des Königs.“ Laut rief er: „Kommt nur heran, Meister Hohenegg, „dies sind Fremde und ehrliche Leute!“

    Meister Hohenegg kam heran und hielt seinen Kopf mir und Gerlind sofort auf den Hals. „Potztausend!“, rief der Kopf, „feine Arbeit! Bei allen hakennasigen Querköpfen, in welcher Werkstatt hat man Euch Eure Köpfe wieder aufgenäht?“

    „In keiner“, erwiderte ich, „denn sie waren nie ab, unsere Köpfe, und sie werden, so Gott will, auch immer auf unseren Hälsen bleiben!“

    „Aus welchem Land seid ihr denn?“

    Gerlind sagte es ihm und noch einiges mehr.

    „Hmmm... seltsames Land, dieses Vaterland...“, brummte der Meister, „wo die Verbrecher geköpft werden und sich die ehrlichen Leute hinter hohen Mauern°° einschließen.“ Er wandte sich seinem Landsmann zu. „Freundchen, sah ich da eben nicht einen Querkopf, he?“

    „Aber nicht doch, Meister! Da müsst Ihr Euch verguckt haben.“

    „Ich hab auch keinen gesehen“, log ich.

    „Na schön! Aber lasst Euch nicht erwischen!“ Der Meister lüftete kurz seinen Strohhut und ging davon.

    „Puh, das war knapp“, keuchte der Kopf. Sein Herr zog ein Tuch und wischte ihm die Stirn. „Dieser Hohenegg ist ein scharfer Hund, dabei sieht er aus wie der gute Nachbar! Lange halte ich diese ewige Bespitzelung nicht mehr aus! Wenn man sie wenigstens erkennen könnte, diese Schleimscheißer! Aber diese Leute tragen ihren Kopf genau so unterm Arm wie jeder anständige Mensch in diesem Lande auch.“ Er, beziehungsweise sein Querkopf, sah erst mich, dann Gerlind, dann wieder mich an, und im selben Moment wusste ich, was jetzt kam. „Ihr fahrt übers Meer. Würdet ihr mich mitnehmen?“

    Mit so etwas Ähnlichem hatte ich schon gerechnet und mir ein paar Ausflüchte zurecht gelegt. „Hmm, nun mal nachgedacht, lieber Mann, unser Boot ist nicht mehr als eine klitzekleine Nussschale und alles andere als hochseetauglich. Kaum für uns beide groß genug. Und außerdem... Was ist, wenn Eurer Kopf über Bord rollt und von den Haien gefressen wird, na? Wollt Ihr in der Fremde kopflos herumlaufen? Denkt doch –“

    Ich wurde unterbrochen. „Schaut mal wer da kommt“, raunte Gerlind und zeigte in die Richtung, in welcher der Spitzel verschwunden war. Der kam zurück, jetzt in Begleitung zweier Männer, alle drei mit dem Kopf im Arm, und zwar senkrecht.

    Der Acephale begann zu zittern.

    „Hohenegg, Kim-Junkim, Xi-Pnigpink!“, rief er entsetzt, „die schlimmsten Querkopfjäger des Landes! Lieber Herr, ich bitt Euch –“

    Jetzt galt es, keine Zeit zu verlieren. „Kommt, schnell!“, rief ich, klemmte meinen Zahnspieß unter den Arm und rannte los.

    „Wie heißt Ihr eigentlich?“ fragte ich im Laufen.

    „Nennt mich Acephalos. Und wie lauten Eure werten Namen?“

    „Mundburt und Gerlind!“

    Wir sprangen ins Boot; ich bohrte den Zahn in den Grund und stieß kräftig ab, gerade noch rechtzeitig, bevor die Schergen den Strand erreichten.

    _____________

    ** Der Schädellose. * Hier irrt der Verf. Es handelt sich um Baobabs in der Trockenstarre, eine tropische Baumart.

    ° Pflegekind. °° Klostermauern


    Forts. folgt

    Hallo Stadtnymphe,

    vielen Dank für dein Feedbäck!

    Ich hatte mich gerade so schön an die Burgatmosphäre gewöhnt

    Der originale "Vrowen dienest" handelt von einem Ritter namens Ulrich von Lichtenstein, der 1222 den Ritterschlag erhielt und, um seiner Vrowe zu gefallen, allerlei Torheiten beginnt. Unter anderem lässt er sich einen Finger abhacken, woraufhin sie ihn auslacht. Enttäuscht zieht er in die Welt und unternimmt dabei höchst seltsame Abenteuer. Als er nach 13 Jahren feststellen muss, dass er seiner Herrin gedient hat, "ohne Habdank" zu erhalten, sucht er sich eine neue, weil man nicht "ohne Herrin und Minne sein soll." Wieder zieht er hinaus, jetzt als König Artus, der gerade aus dem Paradies gekommen ist.

    Von dieser Geschichte, die mir nur als grobe Inhaltsangane vorliegt, ließ ich mich zu einer möglicherweise noch fantastischeren animieren, allerdings ohne Motive des Vrowen dienstes zu verwenden (Kolportage liegt mir nicht). Ich wollte daraus eine antikisierende Abenteuergeschichte mit gesellschaflichem Zeitbezug machen, und so ist manche Szene zur Satire geraten. Eine so genaue Leserin wie du wird sicherlich die eine oder andere bekannte Figur wiedererkennen.

    Ist es ein Paralleluniversum? Und ist die Welt im Mund des Riesen dann ein untergeordnetes Paralleluniversum?

    Ja, und noch mehr. Es gibt ernsthafte mathematisch untermauerte Spekulationen, dass nicht nur ein, zwei, vier, zehn, sondern eine unendliche Zahl von Parallelwelten möglich sind, die gleichzeitig neben meiner oder deiner existieren. Gewinnt man nicht überhaupt manchmal den Eindruck, dass jeder Mensch in einer anderen Welt lebt? Und so habe ich jede der Inseln, auf die M & G demnächst verschlagen werden, als eigenes Universum gebildet.

    Hier kommt mir die Argumentation nicht schlüssig vor, wird doch - aus Mundburts Sicht - vorher eindrücklich geschildert, wie unangenehm des Riesen Ausdünstungen sind.

    Da muss ich dir Recht geben. Diese Szene ist eingeschoben und dramaturgisch gesehen fehl am Platz, denn sie unterbricht das Geschehen. Ich lasse sie trotzdem stehen, nehme aber den Mundgeruch heraus (auch wenn der nicht vom Riesen selbst stammt).

    Momentchen, ist Boreas nicht aus der griechischen Mythologie? Woher kennt der Wotan?

    Da hast du mich - - knirsch! - - bei einer unverzeihlichen Nachlässigkeit ertappt! Wird verbessert!

    Lg

    McFee


    Zweites Buch: Mundburts fantastische Reise durch die Welt

    Der dritte Haufen



    Boreas.....................................................................Riese

    Kopf, Hund, Wurst.........................................Flüchtlinge

    Traudel, Margarete...............................................Unken

    Bufonis.........................................................deren König

    Willibold v. Lerchenhorst.........................Bürgermeister

    Neidhardt Mühlenknecht..................................Beamter

    Schlagtot, Kotzinschuh, Pissdiewandan..............Räuber


    Zum Geleit


    Wie? Was? Im Ernst? Ho, ha + hi!

    Solche Gestalten saht ihr noch nie!

    Da ist ein Mensch gleich ohne Kopf

    und noch dazu ein armer Tropf;

    Da = die Mutter gleich der Schwester -

    hab´s selbst gesehn, mein Allerbester -

    Windbräute, die nur Winde essen

    + Würste, die sich selber fressen!

    Ei! Seht dies Büchlein doch mal an,

    dann wisst ihr, ob man´s glauben kann!


    – Herr Graf*, seid Ihr bereit?

    – Gut denn! Also schreibt und lasst nichts aus!

    ______________

    * Schreiber


    Mundburt besteht seine erste Bewährungsprobe und gewinnt einen Riesen als Freund.


    Das Land vor uns glich einer arabischen Steinwüste. Statt auf liebliche Hügel mit Wäldern und Wiesen blickten wir auf ein Trümmerfeld, auf ein heilloses Chaos aus Steinen und Felsen, die wie von Zyklopenhand wahllos dahin geschleudert schienen. Und überall Staub, Staub, Staub.

    „Wo sind wir denn hier gelandet?“, rief Gerlind überrascht.

    „Ich fürchte, auf dem Mond!“

    Doch einige dieser Felsen sahen wie zu Stein gewordene Lebewesen aus: Ich sah Castor und Pollux, erstarrt in ewig-felsenfester Treue, erkannte den Hund des Heros Makedon; sah Romulus und Remus, bewegungslos in ihrer Zitzenseligkeit; erkannte sogar Meeresgetier, das über den kargen, staubigen Boden sich windend erstarrt war. Und über dieser seltsamen Einöde wölbte sich ein blendend weißer Himmel; woher die Helligkeit kam, war nicht genau zu erkennen. Sie schien hinter einem Berg hervorzuquellen, der sich am Horizont in nebulöse Höhe erhob.

    Das Sonderbarste aber war diese schwarze Scheibe, die hoch am Himmel hing, und von der schwarze Strahlen wie Medusenhaare ausgingen.

    „Das ist ja eigenartig“, staunte Gerlind, „der Stollen war nach meinem Gefühl gar nicht so lang, und doch sind wir auf dem Mond gelandet! Und diese schwarze Sonne... seltsam. Ich glaub, ich träume! Kneif mich mal!“

    Ich kniff sie.

    „Autsch! Doch nicht so stark, du Flegel!“

    „Jedenfalls träumst du nicht“, lachte ich. „Hätte auch nicht gedacht, dass gleich hinter unserem Berg eine völlig andere Welt liegt. Aber so ist das mit den Geheimgängen. Man weiß nie, wohin sie einen führen.“

    „Spar dir deine Gemeinplätze, du Ritter ohne Pferd und Adel! Auf geht´s!“

    „Ha! Wohl ohne Pferd, aber mit Adel! Schließlich bin ich ein von!“

    „Den Adel meine ich nicht! Ich meine den, der vom Herzen kommt und nicht vom Taufschein!“

    Ich biss mir auf die Lippen. „Das wird sich bald ändern, verlass dich drauf!“

    Unter dergleichen angenehmen Geplauder kamen wir zunächst zügig voran; Gerlind, auf Schusters Rappen, trug den Proviant; meine Wenigkeit ritt auf besagtem Stecken, mit einem Hafersack als Rüstung und einem Kochtopf als Helm; zum Schwert diente mir ein altes Küchenmesser – zugegeben, eine ziemlich dürftige Montur, aber immer noch besser als gar keine.

    Allmählich wurde der Weg schwieriger; Dornsträucher und hartes Gras machte uns das Gehen zur Qual. Schon seit einiger Zeit lag ein seltsames Geräusch in der Luft, ein eigenartiges Rasseln und Pfeifen; es erinnerte mich an meinen Vater, wenn er seinen Rausch ausschlief, nur war es jetzt viel lauter. Das Rasseln und Pfeifen verstärkte sich noch, je mehr wir uns dem Berg näherten.

    Plötzlich schrie Gerlind auf und tanzte auf einem Bein herum. „Verdammt!“, schimpfte sie, „das hier ist doch die reinste Hölle! Beim Henker, konntest du nicht einen anderen Weg nehmen?“ Sie hatte sich einen Dorn in den Fuß getreten.

    „Du bist lustig! Wie konnte ich wissen, wo der Gang endet? Schließlich ist er geheim.“

    „Wenn das so weitergeht, kehre ich um!“

    „Das kannst du gerne tun, mein Täubchen, ich halte dich nicht! Nur zur Erinnerung: Wer wollte denn unbedingt mit?“

    „Bäh!“

    „Außerdem fürchte ich, du wirst den Weg zurück zur Burg nicht mehr finden, denn ein Geheimgang ist an beiden Enden geheim.“

    „Rede keinen Unsinn! Du wirst doch wohl den Gang finden! Wir sind noch keine viertel Meile gegangen!“

    „Nichts da! Ich bin nicht ausgezogen, um gleich wieder umzukehren!“

    „Du mit deinem blöden Rittertum! Lern was Anständiges –“

    Ich machte die Ohren zu, kniete nieder, um ihr den Dorn auszuziehen – da bebte die Erde, und eine Donnerstimme rief: „Beim stiernackigen Zeus, wer wagt es, meine Ruhe zu stören?“ Ich drehte mich um und traute meinen Augen nicht, der Berg – oder was ich dafür gehalten hatte – richtete sich auf, Geröll rieselte herab, Staub hüllte uns ein und nahm uns die Sicht. Als die Luft wieder einigermaßen klar war, standen vor uns zwei mächtigen Säulen, auf denen eine himmelhohe Gestalt schwankte. Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte in die Höhe. Gegen den weißen Himmel hoben sich zwei ovale Schatten ab, darüber schwebte ein Kranz schwarzer Streifen. Was ich anfangs für Strahlen der schwarzen Sonne gehalten hatte, war die Haare des Riesen, und die beiden dunklen Ovale seine Nasenlöcher.

    „Schau mal“, sagte Gerlind und wies nach rückwärts, „wir kriegen Besuch!“ Ich blickte mich um – und mir wurden die Knie weich. Der steinerne Hund, ein riesiges zottiges Vieh, rannte mit sabbernden Lefzen und lüsternen Blicken auf uns zu. Jetzt waren auch die anderen Felsen zum Leben erwacht; Romulus und Remus sprangen herum und hetzten den Köter weiter auf, stachlige Kugeln rollten über den Boden, Nattern- und Otterngezücht zischte mich an – es war entsetzlich.

    Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel und besann mich nicht lange. Zog mutig mein Schwert und drang gegen die Bestien vor; rief: „Hinweg, Ungeheuer!“; machte einen Ausfall und stach zu; schrie: „Nimm das, du Satansbraten!“, vollzog einen Kreuzschritt vorwärts, drehte mich auf dem linken Fuß um die eigene Achse, machte einen Schritt rückwärts, dann eine Finte, stach hier hin, da hin, dort hin; hieb nach oben, nach unten, nach rechts, links, wieder rechts, wieder links; wirbelte Staub auf, machte einen Salto vorwärts, drehte mich auf dem rechten Fuß, stach zu, brüllte: „Ha, nimm das und stirb!“; machte einen Salto rückwärts, fuhr den Bestien in die Parade, retirierte, avancierte, parierte, filetierte, tranchierte, säbulierte, schnabulierte, quinquilierte – machte alles, was ich nicht gelernt hatte und doch konnte, schrie „Bingo!“; wurde endlich gewahr, das es nichts mehr zu fechten gab, denn Hund, Kinder, Viehzeug lagen friedlich im Halbkreis vor mir und starrten mich mit offenen Augen an. Da kam Gerlind angehumpelt, warf sich in meine Arme, rief: „Mundburt, o Mundburt, du mein starker starker Held! Du bist der tapferste Ritter, dem ich jemals begegnet bin!“ und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Doch ehe ich den Kuss erwidern konnte, bebte die Erde erneut, und ein gewaltiges Brausen erfüllte die Luft. Wieder rieselten Staub und Geröll herab: Der Riese schlug sich lachend auf die Schenkel. „Hohoho!“, tönte es wüst von oben, „das nenn ich verdammt tapfer! Eine Maus mit dem Mut eines Löwen!“

    „Löwen sind nicht mutig!“, rief ich zurück, „sie sind nur groß und stark; der Mut ist die Stärke der Schwachen!“

    „Was flüsterst du? Ich verstehe dich nicht!“, kam es dröhnend zurück, „steigt in meine Hand, ihr beiden Winzlinge, damit ich euch hochheben und besser hören und sehen kann!“

    Der Koloss beugte sich vor und hielt uns seine offene Hand hin. Doch ohne Leiter war es unmöglich, die Handfläche zu erklimmen. Doch schon sprangen Romulus und Remus herbei und schoben uns hoch. Der Riese richtete sich wieder auf und hielt sich die Pranke vors Gesicht. –

    Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Ein Wald wie aus abgestorbenen Eichbäumen umgab Kinn und Mund des Titanen, knorriges Gestrüpp wucherte ihm aus Nase und Ohren, die Gesichtshaut war mit Runzeln und Rinnen bedeckt wie der Rücken einer Echse, die Augenbrauen glichen Wallhecken, wie man sie bei den Friesen findet. Die Nase – ha, ein schwarzblau angelaufener, knolliger, ungeheurer Fleischberg, von Kratern übersät, aus denen Grasbüschel wuchsen. Und dann diese Augen! –

    Kennt Ihr, meine Lieben, den Bergsee beim Laacher Kloster? Manche behaupten, dort sei einmal ein Komet eingeschlagen und der Krater habe sich mit Wasser gefüllt; andere wiederum meinen, die Erde habe sich feuerspeiend aufgetan und ein heidnischer Gott habe den Brand mit Wolkenbrüchen gelöscht. Wie dem auch sei, der See ist tiefblau und unergründlich, und um ihn zu umrunden benötigt ein Reisiger mehr als eine Stunde. So ähnlich waren die Augen des Riesen: Tiefblau, unergründlich und weit, von Wimpern wie Igelstacheln besäumt.

    Der Gigant öffnete den Mund – und ein feucht-warmer Wind wehte uns an. Der Anblick war furchterregend. Vor uns lag eine Art Tropfsteinhöhle, der Eingag so groß wie zehn Scheunentore; die Zähne zwei Reihen weißer und spitz zulaufender Säulen, herabhängend sowie aufsteigend, dahinter wölbte sich die Zunge wie eine riesige fette warzige Feuerkröte.


    Mundburt betätigt sich als Höhlenforscher und erlebt seltsame Dinge.

    Ich aber, der ich euch diese wahre Geschichte erzähle, sagte zu Gerlind: „Bin gleich wieder zurück“, lief ins Maul des Riesen, denn Höhlen hatten mich schon immer fasziniert. Kletterte auf seine Zunge und sah mich um. Bei allen guten Göttern, was sah ich da! Möge mich Thalia mit Ruten peitschen, wenn ich auch nur ein einziges Wort lüge! Ich ging da umher wie im Dom zu Ulm und sah in mystischer Dämmerung hohe Säulen und weite Hallen. Irgendwo tief unten, in einem finster-fernen Schlund, gurgelte und rauschte es. Im Weitergehen sah ich Wiesen, Felder und große Wälder, feste Städte und hohe Kastelle, die gewiss nicht kleiner waren als Ulm und meine Vaterburg.

    Nachdem ich etwa eine halbe Meilen gegangen war, stieß ich auf einen Mann, einen braven Alten, der einen Acker mit Jauche begoss. Erstaunt fragte ich: „Muss das sein? Das stinkt ja drei Meilen gegen den Wind“ – „Ich dünge mein Feld, damit die Prügel gut wachsen“, war die Antwort. – „Und warum pflanzt Ihr Prügel?“, fragte ich verblüfft. – „Ei, lieber Herr“, gab er zurück, „bin nicht mit gefütterte Hosen geboren worden. Die Prügel sind mein Broterwerb, ich verkaufe sie in der Stadt, die Ihr dort hinten liegen seht.“ – „Herrje“, sagte ich, „ist denn hier eine ganz andere Welt? Eine, in der Prügel statt Ähren auf den Äckern wachsen?“ – „Was sagt ihr da? Eine andere Welt?“ – „Ja, eine ohne Sonne, Mond, einer Unzahl an Sternen und allerlei geheimnisvollen Dingen.“ – „Ich habe in meinem Leben noch nie Sonne, Mond und Sterne gesehen, kenne nur diese Welt und vermisse keine andere.“ – „Wie heißt denn die Stadt, in der Ihr Eure Prügel verkauft?“ – „Bastonia.“

    Ich grüßte den Alten und ging weiter. Unterwegs begegnete ich einer Gestalt in einem weißen Gewand und mit dem Kopf eines langschnäbligen Vogels, die ein Schmetterlingsnetz in die Luft warf. „Was macht Ihr da“, sprach ich die Gestalt an, „warum werft Ihr das Schmetterlingsnetz in die Luft, in der kein einziger Schmetterling fliegt?“ – „Ich fange Schreie ein“, antwortete er, „seht Ihr? Da war gerade wieder einer!“ – „Ich höre keine Schreie“, erwiderte ich.“ – „Dann seid ruhig und hört genau hin!“ – Tatsächlich, von irgendwoher erklang leise, aber deutlich vernehmbar, vielfältiges Geschrei. – „Wozu fangt Ihr denn Schreie?“, fragte ich verwundert.“ – „Schreie sind mein Broterwerb. Wenn ich ein Schock voll habe, gehe ich in die Stadt und verkaufe sie auf dem Markt.“ – „Wie heißt denn die Stadt, in der Ihr Eure Schreie verkauft?“ – „Bastonia.“

    Nachdenklich ging ich weiter. „Was für eine seltsame Stadt muss das sein, dieses Bastonia“, murmelte ich, „in der Prügel und Schreie auf dem Markt angeboten werden.“

    Nach einiger Zeit gelangte ich an einen See, auf dem ein Fischer seine Netze auswarf. „Was fischt Ihr da, lieber Mann?“, rief ich ihm zu. Der Mann drehte mir sein Gesicht zu. Es war über und über mit Tränensäcken bedeckt. „Ich fische geweinte Tränen!“, rief er zurück, „in der Stadt herrscht ein Mangel an frischen Tränen! Sie werden zu Tausenden vergossen, aber niemand fängt sie auf. Wenn meine Netze voll sind –“

    „– bietet Ihr sie auf dem Markt an!“, rief ich und ging weiter.

    Bald gelangte ich an die Mauern der Stadt Bastonia, die wohlbefestigt und reich betürmt war; als ich aber hineingehen wollte, senkte der Torwächter seine Pike und rief: „Heda, junger Freund, erst muss ich Euren Gesundheitspass sehen!“ – „Herrscht denn hier die Pest?“, fragte ich erstaunt. Er: „Nein. Aber ich darf weder Lahme noch Kranke einlassen.“ Während ich noch über diese Antwort staunte, erschollen hinter der Stadtmauer dumpfe Schläge und starkes Gebrüll; es hörte sich an, als werde dort jemand heftig geprügelt. Auf meine Frage hin sagte der Wächter: „In anderen Städten leben viele Leute vom Giftmischen, Betrügen und Töten; die Bastonier aber davon, dass sie sich prügeln lassen, sodass sie mit Frau und Kindern verhungern müssten, wenn sie längere Zeit ungeprügelt blieben. Viele Männer können ihren Freudenlümmel nicht anders aufrichten, als wenn man sie gehörig stäupt und federt. Beim heiligen Priaps, wollte man mich so peitschen wie den da, das würde mich, hol´s der Teufel, gehörig in Form bringen.“ Der Torwächter machte eine Bewegung, als wolle er es jedem Moment wahr machen.

    „Lasst das“, sagte ich schnell, „so wie Ihr mir vorkommt, glaub ich´s Euch aufs Wort.“

    „Die Sache ist die“, fuhr der Wächter fort, „wenn ein Wucherer, ein korrupter Ratsherr oder ein geldgieriger Advokat aus einer anderen Stadt einem Edelmann etwas Schlechtes antun oder ihn finanziell ruinieren will, so dingt er einen Bastonier, der den Mann aufs Gröbste misshandelt, beleidigt, beschimpft, ihn auf jede nur denkbare Weise schikaniert, wie es ihm sein Auftraggeber befohlen hat, bis der Edelmann, wenn er nicht ganz stumpfsinnig ist, sich gezwungen sieht, den Bastonier von seinen Knechten gründlich verprügeln zu lassen, ihm mit dem Degen über den Kopf zu hauen, dass die Schwarte platzt, oder ihn aus dem Fenster zu werfen, dass er sich den Hals bricht. Daran hat der Bastonier dann genug, um mindestens sechs Monate davon zu leben; für ihn sind Prügel oder gebrochene Knochen die beste Ernte. Denn der geschundene Bastonier erhält nicht nur von seinen Auftraggebern Geld, sondern auch noch von Gericht wegen vom Edelmann eine satte Entschädigung, manchmal derart üppig, dass dieser dabei sein gesamtes Vermögen verliert und noch froh sein kann, wenn er nicht im Gefängnis verfaulen muss. Versteht Ihr nun?“

    „Ah, ich verstehe sehr gut!“, sagte ich, „weil das tagtäglich passiert, gehen den Leuten langsam Prügel und Schreie aus!“

    „Die Tränen auch. Diese Stadt ist nichts für Waschlappen.“

    „Und die Gerichte machen diesen Unfug mit?“, wand ich ein.

    „Hoho!“, rief der Wächter drohend und senkte seine Pike, „hütet Eure Zunge, Mann! Wagt nicht, das Gerichtswesen dieser Stadt zu beleidigen? Ihr seid ein –“

    Der Wächter fing an, mich mit der Pike zu kitzeln und aufs Übelste zu beschimpfen. Inzwischen war Volk herbeigelaufen, viele mit Knüppeln und Stangen bewaffnet. Oha, dachte ich, wenn das mal gutgeht. Doch wider Erwarten blickten mich die Leute nicht feindselig an; im Gegenteil, einer bot mir seinen Knüppel an und rief: „Lasst Euch das nicht gefallen, haut ihn, der Sauhund hat Prügel verdient!“ – Andere nahmen dem Wächter die Pike ab und hielten sie mir hin. Da erkannte ich die Falle und lief weg.


    Der Wind hatte gewechselt; kam er bisher von achtern, so kam er jetzt von vorn. Allmählich stieg das Gelände an, und ich gelangte an einen Abhang mit schönen Bäumen und weißen Landhäusern. Dahinter gähnte ein tiefer schwarzer Schlund, aus dem es gurgelte, zischte und pfiff. Über dem Schlund hingen zwei riesige eiförmige Gebilde°, die sich leicht im Wind bewegten. Ich nahm einen Stecken und berührte vorsichtig eines dieser Rieseneier. Augenblicklich erscholl ein gewaltiges Brausen und Dröhnen, aus dem Wind wurde ein Orkan, ich wurde hochgehoben, sauste durch die Luft, und eh ich mich´s versah, fand ich mich neben Gerlind wieder.

    „Ich dachte, du kommst nicht mehr zurück“, meckerte sie, „was gab´s denn da so Interessantes?“

    „Ach, das erzähl ich dir später mal.“

    ___________

    ° Seine Mandeln


    Mundburt und Gerlind entgehen knapp einer Katastrophe.


    Nachdem sich der Riese ausgehustet hatte, brüllte er: „Was sagtest du eben?“

    „Ich sagte: Löwen sind nicht mutig, sie sind nur groß und stark; Mut ist die Stärke der Schwachen!“

    „Sprich lauter, ich verstehe dich immer noch nicht!“

    „ICH SAGTE: EIN LÖWE IST NICHT MUTIG; MUT IST DIE STÄRKE DER SCHWACHEN.“

    Eine Träne von der Größe eines Straußeneis klatschte mir vor die Füße. Ich blickte hoch: tatsächlich, der Riese weinte.

    „WARUM WEINST DU, RIESE?“

    „Ich weine, weil ich weinen muss!“, brüllte es aus der Höhle, so laut, dass ich es kaum verstehen konnte und sich Gerlind genervt die Ohren zuhielt, „die Götter haben mich zum Weinen verdammt, und das schon seit Anbeginn der Welt! Nur im Schlaf finde ich Ruhe.“

    „UND WARUM DAS? HAST DU ETWAS VERBROCHEN?“

    „Ja, das schlimmste aller Verbrechen! Ich habe die Götter beleidigt.“

    „KÖNNTEST DU ETWAS LEISER SPRECHEN?“, schrie ich, „BIN SCHON GANZ TAUB!“

    „Ich spreche doch leise! Wenn ich laut rede, fallen tausendjährige Eichen um wie Gras, das Meer erhebt sich und zerschlägt die Schiffe der Seefahrer!“

    Schon vor einiger Zeit hatte es zu Nieseln begonnen, obwohl sich am Himmel kein Wölkchen zeigte. Ich wartete, und tatsächlich fuhr der Riese fort: „Meine Gemahlin Atlantis ertrank vor undenklichen Zeiten im nördlichen Meer, daraufhin verfluchte ich die Götter! Zur Strafe verwandeln sie mich, meine Kinder und meinen Hund zweimal am Tag in Felsen, und in der restlichen Zeit muss ich weinen. Gegen der Beschluss der Götter kann man nichts machen.“

    „UND WIE HEISST DU, RIESE?“

    „Mein Name ist Boreas*.“

    „BOREAS!“, fragte ich, so laut ich konnte. „WO SIND WIR HIER?“

    „Wenn du es genau wiss– ha – HA –“

    „Hinwerfen!“, schrie ich und riss mich und Gerlind blitzschnell nieder. Kaum lagen wir, da explodierte ein gewaltiges – TSCHIIHH; ein eisiger Wind, mit Regentropfen und Hagelkörnern vermischt, fegte über uns hinweg. Jetzt wusste ich auch, woher der Nieselregen gekommen war: Der Riese hatte eine feuchte Aussprache.

    „Entschuldigung“, sagte Boreas, „dieser verdammte Staub ist mir in die Nase gestiegen. Nun mal zu euch, Kinder. Woher kommt ihr, und wo wollt ihr hin, he?“

    „HEY, ALTER!“, protestierte ich lautstark, „WIR SIND KEINE KINDER! ICH BIN SECHSZEHN EINHALB UND DIE HIER WIRD NÄCHSTEN MONAT SIEBZEHN!“

    „Aber, aber... War nicht abschätzig gemeint, du Hitzkopf! Es liegt daran, dass ich von dem verfluchten Weinen nicht mehr klar sehe.“

    „ACH SO... WIR KOMMEN VON BURG SCHWARZENRABEN, UND ICH WILL IN DIE WELT ZIEHEN UND EIN RITTER WERDEN. DIESE JUNGFER HIER IST MEINE MARKETENDERIN.“

    „Soso, in die Welt willst du ziehen und ein Ritter werden. Nur ich fürchte, so einfach wird das nicht gehen. Blick dich doch mal um!“

    Ich blickte mich um, und was ich von hoher Warte sah, war in der Tat nicht sehr ermutigend. Überall Steine, Geröll und Staub, so weit das Auge reichte, eine Landschaft wie Lunas Wohnung**. Dort, wo der Riese gelegen hatte, begann ein tiefe Schlucht, ein Abgrund, so tief und schwarz, dass es mir grauste. Darüber, in weiter, weiter Ferne, erhoben sich schwarz schimmernde Berge mit wolkenverhangenen Gipfeln. So, wie es aussah, war an ein Weiterkommen nicht zu denken.

    „Hei ho!“, rief der Riese, als er meine Enttäuschung sah, „nun lass den Kopf nicht hängen, junger Mann! Siehst aus wie ein Affe, der aus Versehen in eine Zitrone gebissen hat! Denk daran: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Beim stiernackigen Zeus! Dass du das Zeug zum Ritter hast, hab´s eben mit Vergnügen gesehen. An Mut fehlt es dir nicht, mein Freund. Was dir gewaltig fehlt ist eine ordentliche Ausrüstung: Ein Pferd, ein Harnisch, ein ordentliches Schwert! Doch damit kann ich leider nicht dienen, leider, nimm dafür dies hier.“ Mit der anderen Hand griff sich der Riese ins Maul, es krachte, und er hielt mir einen langen, spitzen Stab hin – das Ende einer seiner Zähne. „Nimm ruhig“, sagte er, als ich zögerte, „in tausend Jahren ist der Zahn wieder nachgewachsen, und bis dahin komme ich ohne ihn aus. Für dich ist er nützlicher als für mich. In meinem Alter lebt man sowieso von dem, was man nicht isst. Damit kannst du dich besser verteidigen als mit dem albernen Küchenmesser. So, und jetzt werd ich für euer Fortkommen sorgen.“

    Boreas beugte sich herab und legte die Hand auf den Boden; sofort sprangen seine Rangen hinzu und halfen uns hinab. Dann trat er an den Rand des Abgrunds, öffnete seinen Hosenlatz – und ein gewaltiger Strahl ergoss sich rauschend in die Schlucht.

    Ich blickte unsicher zu Gerlind, denn pinkelnde Männer, noch dazu, wenn sie dabei stehen, sind für Frauen kein angenehmer Anblick. Dachte ich – doch die grinste nur.

    „Mann, Mundburt, was guckst du so entsetzt?“, rief sie, „glaubst du im Ernst, ich hätte noch nie einen pinkelnden Mann gesehen? Die Knaben pissen von der Burgmauer, wer am weitesten kommt, hat gewonnen. Doch, Himmel, solch einen Strahl wie den da hab ich allerdings noch nie gesehen.“

    Inzwischen war die Senke zu einem weiten, schäumendem Meer geworden. Die erstarrten Meerestiere erwachten und schlängelten ins Wasser. Der Riese bückte sich, nahm einen großen Stein auf und warf ihn in die Fluten; sowie der Stein die Wasseroberfläche berührte, verwandelte er sich in eine winzige Schnigge mit einem weißen, viereckigen Segel, die gerade zwei Personen Platz nebst Gepäck bot.

    „So, nun Abfahrt!“, röhrte der Riese, „potz Blitz ahoi und gute Fahrt! Besonders Euch, Jungfer Marketenderin, alles Gute! Und, verdammt nochmal, passt gut auf Euren Ritter in spe auf! Will euch noch aufs offene Meer blasen, bevor ich wieder zu Stein erstarre!“

    Ich wollte ein Dankeswort rufen, doch mir versagte die Stimme. Das ständige Brüllen hatte mir die Kehle ruiniert.

    ____________________

    * Nordwind. ** wie auf dem Mond


    Forts. folgt

    Hallo, @Stadnymphe,

    vielen Dank für deine Anmerkungen. Ein Auslug ist süddeutsch für Ausguck, also dem Fenster des Turmwächters. Das mit der Marketenderin ergänze ich im Text.

    LG

    McFee


    Mundburt hört, wie der Teufel aus Hildegardis fährt.


    Die übrige Nacht und den nächsten Tag kamen die Krämpfe nicht wieder, und man nahm aufatmend an, dass Hildegardis auf dem Wege der Besserung sei. Der Doktor äußerte die Vermutung, das Geschrei habe den Teufel ausgetrieben, was noch lächerlicher war als das, was er bisher gesagt hatte; der Vater, dem es gelungen war, die Magd mit einem Silbergroschen zu besänftigen, schwieg; ich, der ich die wahre Ursache der Krankheit kannte, sagte nichts, denn ich war gespannt, wie die Komödie ausgehen würde.

    Am nächsten Tag jedoch kamen die Anfälle wieder, schlimmer als zuvor. Hildegardis schrie, biss wütend um sich, warf ihr volles Nachtgeschirr an die Wand, redete wirres Zeug, spie der Magd, die ihr das Bett machen wollte, ins Gesicht, lästerte das Vaterunser, verdrehte das Ave Maria, behauptete, die Hostie sei nicht der Leib Jesu, sondern nur ein Stück gebackenes Mehl.

    Diese Lästerung, die sie leicht hätte auf den Scheiterhaufen bringen können, gab den Ausschlag. Nun zweifelte niemand mehr daran, dass sie wirklich vom Teufel besessen sei, denn nur der Teufel konnte so verwegen sein, solche Lästerungen auszustoßen, und, was fast noch schlimmer war, einen Kapuziner zu beleidigen.

    Man bestellte einen Exorzisten.

    Als Hildegardis den Teufelsaustreiber sah, der ein sehr hässlicher Mann mit einer blauen Knollennase und einem gewaltigen Zausbart war, brach sie in wüstes Gelächter aus und schleuderte ihm die gröbsten Beschimpfungen ins Gesicht. Sie verstörte alle Anwesenden, mich eingeschlossen; nannte ihn einen Dummkopf, ein stinkendes Vieh, ein ungewaschenes Subjekt, einen verlogenen Heuchler. Der Geistliche, erbost über so viel Frechheit, nahm sein großes Kruzifix und schlug sie damit, wobei er schrie: „Fahre aus, Satanas, fahre aus!“ (Hinterher behauptete, er habe nicht die Besessene, sondern den Teufel geschlagen.) Er hörte erst auf, als Hildegardis ihm laut lachend den blanken Hintern entgegenstreckte.

    Anscheinend hatten beide den Verstand verloren.

    Der Doktor flüsterte dem Vater zu, es sähe so aus, als habe sich der Teufel im Gehirn seiner Tochter eingenistet, worauf der gute Mann helle Tränen vergoss. Mit kam es eher vor, als säße der Teufel in ihrem Hintern.

    Der Kapuziner fing nun an, mit vorgehaltenem Kruzifix und lauter Stimme die fürchterlichsten Beschwörungsformeln zu rufen, dabei vermied er es, die Besessene anzublicken. Danach forderte er den bösen Geist auf, ihm seinen Namen zu nennen.

    „Ich heiße Hildegardis.“

    „Nein, das ist der Name eines getauften Mädchens.“

    „Wenn du es besser weißt, warum fragst du dann?“

    „Antworte, Satanas!“, brüllte der Mönch.

    „Na gut. Aber sage mir erst, wie du heißt.“

    „Ich heiße Ezechiel.“

    „Und ich heiße Gabriel und bin ein gefallener Engel!“

    „Gut, Gabriel, dann versprich mir, die Wahrheit zu sagen.“

    „Gut, Ezechiel, ich verspreche es, wenn du das Gleiche tust.“

    „Ich verspreche es.“

    „Gut, dann sage mir: Liebst du deinen Bart?“

    Der Exorzist blickte sich verzweifelt um. Dieser Teufel war anscheinend stärker als seine Wissenschaft. Ich staunte über die Kaltblütigkeit, mit der Hildegardis den Kapuziner an der Nase herumführte.

    Der Doktor flüsterte dem Exorzisten zu: „Weiter, Hochwürden, weiter! Gebt nicht auf! Gleich habt Ihr ihn!“

    „Ja, ich liebe meinen Bart“, schrie der Mönch außer sich vor Wut, „und jetzt fahre aus! Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, fahre aus! Satanas, hörst du mich? “

    „Na gut, ich fahre aus! Aber zuvor schneidest du dir den Bart ab!“

    Nach diesen Worten brach Hildegard in ein solches Gelächter aus, dass es mir grauste. Dabei ließ sie einen gewaltigen Furz ab –

    „Er ist ausgefahren!“, rief der Doktor begeistert, „jetzt ist er ausgefahren! Euer Andacht, das war gute Arbeit!“


    Mundburt bittet den Monsignore um Rat und Absolution.


    Wer jetzt meint, die Geschichte sei zuende, der irrt sich. Das bittere Ende kommt erst noch.

    Am Abend wurde Hildegardis von einem heftigen Fieberfrost geschüttelt, und vier Tage später kamen die Blattern zu Ausbruch. Die Bedauernswerte wurde von dieser Pest so überzogen, das der Arzt am sechsten Tag an ihrem ganzen Körper nicht eine einzige Stelle finden konnte, die verschont geblieben war. Sie lag mit geschlossenen Augen da, und als man entdeckte, dass auch Mund und Kehle ganz mit Blattern überzogen waren, fürchtete man um ihr Leben. Nur mit Mühe flößte ihr die Hebamme einige Tropfen Honig ein. Hildegardis lag bewegungslos da, nur ihre Brust hob und senkte sich leicht. Die junge Schönheit war etwas Abscheu Erregendes geworden, und ihr Anblick entsetzlich! Doch trotzdem zog es mich mehrmals am Tag an ihr Lager, wo ich mit Tränen in den Augen ihr aufgedunsenes Gesicht betrachtete. Ihr Kopf hatte sich um ein Drittel vergrößert, die Nase war kaum mehr zu sehen; der Doktor fürchtete um ihre Augen, auch wenn sie dem Tod entrinnen sollte. Das Lästigste jedoch war der säuerliche Pestgestank, den ich dennoch tapfer aushielt.

    Am neunten Tag schickte man nach dem Priester, der ihr die Absolution erteilen und die Letzte Ölung geben sollte.

    Mich überkam eine große Niedergeschlagenheit. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich allein an ihrem Zustand schuldig war; ich bildete mir ein, wenn ich rechtzeitig den Grund ihrer Krankheit offenbart hätte, wäre diese ganze Farce der Teufelsaustreibung nicht nötig gewesen, und dann hätte Hildegardis auch Gott nicht gelästert. Ich war fest davon überzeugt, dass die Blattern die Strafe dafür waren, dass sie die heilige Hostie verhöhnt hatte. Mir schnürte sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, dass sie durch meine Schuld sterben könnte. In meiner Not wandte ich mich an den Monsignore, als er die Kammer der Kranken verließ.

    „Ehrwürdiger Vater“, sagte ich, „kann ich Euch einen Moment sprechen?“

    „Natürlich, mein Sohn! Worum geht es denn?“

    „Ich habe schwere Schuld auf mich geladen“, sagte ich gemäß der Formel, die er mir selbst beigebracht hatte, „und bitte um Euren Rat und Absolution.“

    „Hier nicht, mein Sohn, gehen wir in die Kapelle.“

    Im Beichtstuhl erklärte ich ihm, was mich bedrückte.

    „Dass du geschwiegen hast, Mundburt“, sagte er, als ich mit meinem Vortrag fertig war, „das war nicht recht, denn es hat dazu geführt, dass sich die Jungfer vergaß und den Leib Christi lästerte, Gott möge ihr verzeihen. Ich war nicht dabei, sonst hätte ich den Vorfall dem Heiligen Officium melden müssen, was für sie übel hätte ausgehen können –“

    „Aber die Lästerung haben doch alle gehört!“, unterbrach ich ihn verzweifelt.

    „War sie da nicht schon besessen? Also waren es nicht ihre, sondern des Teufels Worte. Nun zu den Blattern... Da sei ganz beruhigt. Der Herr will das Leben, nicht den Tod des Sünders, den will nur der Teufel. Wenn auch einige meinen, Krankheiten seien Geißeln Gottes, dann stelle ich die Frage: Was hat das junge Ding gesündigt, dass es den Tod verdient?, und ich antworte: Nichts! Die Blattern hat weder Gott noch der Teufel geschickt, die Kranke hat, ohne es zu wissen, verdorbenes Wasser getrunken oder schlechte Luft eingeatmet. Also sei beruhigt mein Sohn, hier trifft dich keine Schuld. Als Buße für dein Schweigen gebe ich dir drei Vaterunser und sechs Ave Maria auf, die du für Hildegards Genesung betest, denn noch besteht Hoffnung, dass sie wieder gesund wird. “

    „Danke, Vater! Segnet mich!“

    „Ich segne dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Gott schütze dich!“

    Ich war kaum aus dem Beichtstuhl, da rief er mir noch nach: „Und vergiss das Beten nicht!“

    Ha, dachte ich, das braucht Ihr mir nicht zu sagen! Fiel, wild entschlossen, für Hildegardis´ Genesung nicht nur drei Vaterunser und sechs Aves, sondern deren zehn und zwanzig zu beten, vor dem Altar auf die Knie und schickte die Gebete in einer Geschwindigkeit ab, die selbst den versiertesten Diakon verblüfft hätte. Und, meine Lieben, ihr werdet es nicht glauben, der Herr nahm meine Gebete an!

    Das Fieber legte sich, sie begann lebhafter zu werden, aber die Qualen waren noch nicht vorbei. Jetzt erfasste sie ein entsetzlicher Juckreiz; man band ihr die Hände Fest, sonst hätte sie sich das Gesicht blutig gekratzt, und sie wäre so hässlich geworden, dass sie niemand mehr ansehen mochte.

    Als sie wieder gesund war, verließ sie die Burg, denn als Kammerzofe war sie, so wie sie jetzt aussah, nicht mehr geeignet. Ihr Vater verheiratete sie an einen Schuhmacher in der Stadt, ein schweigsamer, finsterer Geselle, der genau so schwer von den Blattern gezeichnet war wie sie.

    Was aus ihr weiter geworden ist, weiß ich nicht.


    Mundburt wird von einer Taube ins Ohr gepickt und schöpft wieder Mut.


    Hildegardis´ Schicksal vergrößerte noch meine Niedergeschlagenheit, denn immer noch ging die Herrin mit kaltem Blick an mir vorüber.

    Betrübt blickte ich zu dem Käfig mit der Taube, der von der Decke der Kammer herunterhing. Mein Vater hatte ihn dagelassen mit der ausdrücklichen Weisung, das Tier loszuschicken, wenn mir ein Unglück widerfahren sei und ich Hilfe brauchte. Er werde sofort kommen und nach dem rechten sehen. Ich solle vorher nur der Taube einen schwarzen Wollfaden ums Bein binden. „Nichts fliegt schneller und findet sicherer den Weg zurück“, versicherte er, „als eine Taube, die ihre Jungen verlassen musste.“

    Ich stand auf, öffnete den Käfig und nahm das Tier heraus; es schmiegte sich an und zwackte mich sanft ins Ohr, als wollte es mich auf etwas hinweisen, das ich hören sollte, aber nicht hörte – – doch, jetzt hörte ich es! Diesmal war es die Stimme meines Vaters, die ich vernahm, und er sagte:


    Dass du die Rose hast, das merkst du an den Dornen!


    Und ein andermal:

    Ein´ schöne Frau war immer rar,

    die nicht auch widerspenstig war.


    Hei!, rief ich und machte einen Luftsprung. Also das war´s! Ich hatte sie, die Rose, ich hatte sie, nur war ich auf die Dornen nicht gefasst gewesen. Wie konnte ich nur auf die hirnrissige Idee kommen, die Herrin habe mich verstoßen! Sie wollte mir nur ihre Dornen zeigen! Schwirr, die Taube landete im Käfig, die Klappe schlug zu. Fröhlich sang ich:


    „Gott meine Seele,

    dem Kaiser mein Leben!

    Mein Herz den Damen!

    Für mich die Ehre! Amen!“


    Jetzt wusste ich, was zu tun war! Ich musste hinaus in die Welt und mich als Ritter beweisen. Dann würde ich den Falken bezwingen!

    Die Tür sprang auf. Gerlind.

    „Alles in Ordnung?“

    „O ja! Es ist wieder alles in Ordnung! Mein Entschluss steht fest.“

    „Welcher Entschluss?“

    „Ich werde Burg Schwarzenraben verlassen.“

    „Was willst du?“, rief sie überrascht, „die Burg verlassen? Und wie willst du das anstellen, Mann? Du hast kein Geld, kein Pferd, keinen Harnisch, kein Schwert, und auch wenn du das alles hättest, kämst du ohne Erlaubnis nicht am Torwächter vorbei.“

    „Das mit dem Torwächter lass mal meine Sorge sein, alles andere wird sich finden. Ich muss hinaus in die Welt und mich als Ritter beweisen. Dann werde ich den Falken bezwingen!“

    „Welchen Falken?“ Gerlind sah mich betrübt an, so wie man einen Kranken ansieht. „Mundburt, tu´s nicht! Draußen wimmelt´s von Räubern und wilden Tieren!“

    „Das schreckt mich nicht! Schließlich will ich ein Ritter werden und kein Advokat!“

    Plötzlich fiel mir Gerlind um den Hals. „Mundburt, o Mundburt!“, rief sie, „liebst du mich denn nicht? Wenigsten ein ganz klein wenig?“

    Nicht nur, dass mir diese Frage irgendwie bekannt vorkam, ich hatte sie schon lange erwartet und – gefürchtet. Nichtsdestotrotz musste sie jetzt ehrlich und ohne wenn und aber beantwortet werden. „Nein, Gerlind“, sagte ich, „du bist mir eine liebe Freundin und ich schätze dich sehr, aber lieben kann ich dich nicht! Meine ganze Liebe gilt der Herrin!“

    Gerlind trat mit dem Fuß so heftig auf den Boden, dass es den Leibhaftigen aus dem Schlaf geschreckt hätte. „Elender Lügner!“, schrie sie, „von wegen Herrin! Beim Deichert!° Diese kleine pockennarbige Schlampe hast du geliebt! Glaubst wohl, euer Treiben ist mir verborgen geblieben? Ha! Wenn das die Herrin erfährt, ist es aus mit dir! Und dass sie es erfährt, darauf kannst du Gift nehmen!“

    „Sie wird nichts erfahren, weil es nichts zu erfahren gibt“, sagte ich kalt, „und jetzt hör auf hier herumzuschreien, sonst werf ich dich raus!“

    „Die Mühe kannst du dir sparen. Ich gehe freiwillig.“

    Ich griff nach ihr, doch sie entwand sich. „Gerlind, versteh doch! Zwischen Hildegardis und mir war nie etwas Ernsthaftes. Ich habe von Anfang an gemerkt, dass ihr der Teufel im Leib steckte und sie nicht angerührt. Ehrlich.“

    „Pa! Jetzt auch noch kneifen!“

    „Ich kneif nicht!“

    „Dann schwör´s!“

    „Ich schwör´s, bei allem, was mir – “

    „Schwör´s auf die Bibel!“ Sie nahm die Bibel von meinem Nachttisch und hielt sie mir hin. Ich legte drei Finger drauf und tat den Schwur.

    Sichtlich beruhigt fragte sie: „Wie kommst du aus der Burg?“

    „Über einen geheimen Gang, den ich entdeckte, als ich den Marschall auf den Auslug führte.“

    „Du bist also fest entschlossen?“

    „Ja.“

    „Gut, ich komme mit! Ich werde deine Marketenderin$ sein! Keine Widerrede, sonst lass ich dich in Ketten legen!“

    ***

    Was sagt Ihr, Schreiber? Keine Dinte mehr im Fässchen? Dann hurtig auf und nachgefüllt! Das Beste kommt noch!

    _________

    ° Teufel. § Eine Händlerin, die eine Armee begleitet. In diesem Fall besteht die Armee aus einer einzigen Person.


    Forts. folgt

    Hallo Stadtnympfe#,


    So viel Charakter hätte ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut,

    Ich auch nicht, es ist auch nicht Char., was ihn davon abhält, sondern die Angst, dass die Herrin davon erfährt und ihn endgültig verstößt. In dieses Fettnäpfchen will er partout nicht treten. Außerdem hat er die Freuden der Liebe ja schon mit Gerlind genossen. Und als womanizer mag ich ihn nicht darstellen.


    Ich freue mich wieder über deine Kommentare (auch schon zum letzten Post). Danke.<3



    Gibt es schließlich eine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?

    Charles Dickens


    LG, McFee

    Mundburt lernt die Macht der Liebe kennen.


    Ich bewohnte jetzt im Erdgeschoss des Burgfrieds eine geräumige Kammer, die nach dem Zwinghof hinausging, denn als Knappe hatte ich Anspruch auf eine bessere Wohnung und einen Diener. Eines Morgens, ich war kaum aufgewacht, wurden meine Augen durch den Anblick eines reizenden Wesens entzückt, das mir meinen Morgentrunk servierte. Es war ein junger Page von vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahren, rang und schlang und biegsam wie eine Weidengerte. Mit seiner marmorweißen Haut, seinen feurigen, unschuldigen Augen, seinem in lieblicher Unordnung um den Kopf wallendem Haar, erschien er mir wie das Idealbild knabenhafter Schönheit.

    „Seid Ihr mit Eurem Bett zufrieden, Herr Knappe?“, sprach er mich an.

    „Sehr zufrieden sogar! Doch, doch... Gewiss hast du es gemacht. Wie heißt du, schöner Knabe?“

    „Hildegardus.“

    „Und weiter?“

    „Nichts weiter.“

    „Mein Lieber, jeder Mensch hat doch einen Nachnamen.“

    „Nicht jeder. Nur der Mensch von Adel. Ich bin einfach Hildegardus. Basta.“ Zwei scharfe Falten umspielten seine schönen Lippen, was ihn daran hinderte, in diesem Moment eine vollkommene Schönheit zu sein.

    Da ich schwieg, fuhr er fort: „Soviel ich weiß, habt Ihr keinen Diener; ich werde Euch deshalb bedienen, und denke, Ihr werdet mit mir zufrieden sein.“

    „Wer hat dich geschickt?“

    „Die Burgherrin.“

    Heureka!, dachte ich, sie hat mich also doch noch nicht vergessen!

    Hildegardus erledigte seine Aufgabe mit so viel Aufmerksamkeit und Anmut, dass ich schon fürchtete, ich könnte mich in ihn verlieben. Mir war nicht entgangen, dass Amor unter den Knechten und Mägden der Burg ein munteres Spiel trieb. Doch ich wusste vom Monsignore, dass solche Liebe nicht gottgefällig ist.

    Ich setzte ich mich auf, und er half mir, mein Untergewand anzuziehen, wobei er züchtig die Augen schloss* und von hundert Sachen schwatzte, wirres Zeug, von dem ich nichts verstand. Bevor er ging, warf er mir ein zartes Lächeln zu, das mich erröten ließ.

    Ich beging den Fehler, mich nicht über diesen Pagen zu erkundigen. Ehrlich gesagt, ich hätte auch nicht gewusst, bei wem, denn der Burgherr weilte gerade auf einem Turnier, tja, und die Herrin zu fragen getraute ich mich nicht.

    Am nächsten Morgen zur gleichen Zeit erschien er wieder, munter wie ein Fink, in einen weißen, weiten Umhang gehüllt, wohlriechend frisiert und mit zierlicher Fußbekleidung. Ich forderte ihn auf, sich wieder an mein Bett zu setzen.

    „Bist du schon lange auf der Burg? Ich habe dich noch nie gesehen“, fragte ich.

    „Nicht lange.“

    „Leben deine Eltern noch?“

    „Mein Vater.“

    „Und die Mutter?“

    „Gestorben“, war die kurze Antwort.

    Ich fragte ihn noch dies und das, doch er antwortete widerwillig, und ich stellte keine weiteren Fragen.

    Tags darauf setzte er zu einem neuen Angriff an. Er fragte mich, ob er nicht zu mir kommen, sich neben mich legen könne, ihm sei kalt, und er habe schon gemerkt, ich hätte Hitze genug. Tatsächlich tobte draußen ein Unwetter und blies feuchtkalte Luft durch das undichte Fenster.

    Diese Bitte, in aller Unschuld vorgetragen, konnte ich unmöglich abschlagen. In dem Drang, geistreich zu erscheinen, sagte ich: „Gerne! Aber gib Acht, dass du dich nicht verbrennst!“

    Er lachte. „Seid Ihr denn ein Teufel?“

    „Und wenn ich einer wäre?“

    „Dann wäre ich Samuel!“

    „Ach du, du siehst aber nicht aus wie ein gefallener Engel!“

    Er lachte. „Wäre dieser Engel Euch dann lästig?“

    „Tatata! Und wenn, dann wärst du die angenehmste Last, die ich mir ausdenken kann! Aber verriegele vorher die Tür. Wenn jemand hereinkäme, er könnte Gott weiß was denken.“

    Er verriegelte die Tür, dann kroch er ohne Umstände an meine Seite.

    Ich muss mit Blindheit geschlagen gewesen sein, dass ich immer noch nichts merkte.

    Obwohl mir seine Nähe nicht unangenehm war, ergriff mich eine innere Unruhe, die ich mir nicht erklären konnte. Dumpf fühlte ich, dass mit diesem Pagen etwas nicht stimmte. So blauäugig, wie er tat, war doch auf dieser Burg, wo hinter allen Ecken und Enden die Unzucht lauerte, kein Zwölfjähriger mehr!

    Plötzlich verließ er seinen Platz und ging.

    Nach zehn oder zwölf Tagen durchtriebener Tändelei – oft waren seine rosigen Wangen nur zwei Finger breit von meinem Mund entfernt – rollte mein Blut vor Verlangen, sie mit Küssen zu bedecken – doch eine innere Stimme befahl mir, davon Abstand zu nehmen. Ich hatte das bestimmte Gefühl, dass diese Küsse mir Unglück bringen würden. Also entschloss ich mich, ihn am nächsten Morgen zu bitten, nicht mehr zu mir zu kommen.

    Nach einer Nacht, die sich schwer beschreiben lässt, verfolgt von seinem Bild und dem Gedanken, dass er am Morgen zum letzten Mal an meinem Bett sitzen würde, erschien er, kaum war der Tag angebrochen, freudestrahlend, heiter wie ein Sonnenstrahl an einem Maimorgen. Sein schöner Mund lächelte, sein üppiges Haar war wieder in der reizendsten Unordnung. Mit offenen Armen eilte er auf mein Bett zu.

    Plötzlich blieb er stehen und rief: „Herr Knappe, was ist mit Euch? Seid Ihr krank?“

    „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.“

    „Ach! Und weshalb nicht?“

    „Weil ich mich entschlossen habe, dir etwas mitzuteilen, das für mich sehr traurig ist, das mir gleichwohl deine Achtung zutragen wird.“

    „Ei, ei, ei, wie Ihr redet... Entweder seid Ihr wirklich krank oder verrückt, was aufs Gleiche hinausliefe! Was ist mit Euch? Wartet, ich werde Euch einen Beruhigungstee holen, und dann sagt Ihr mir, worum es geht.“

    Er ging und kehrte mit dem Tee zurück; indem ich trank, bemühte er sich, mich aufzuheitern, und es gelang ihm, mich zum Lachen zu bringen. Nachdem er etwas Ordnung gemacht hatte, schloss er die Tür, denn der Wind wehte heftig; dann forderte er mich auf, etwas beiseite zu rücken, ich tat es, und er setzte sich zu mir.

    „Nun, Herr Knappe, worum geht es?“

    Seine Blicke raubten mir fast den Verstand.

    Trotzdem fand ich die Kraft, ihm meinen Zustand zu erklären, in den er mich versetzte, ihm all die Leiden und Qualen zu schildern, die mir mein Verlangen bereiteten, was zudem nicht gottgefällig sei; stellte ihm vor, dass ich dieses Leben nicht länger ertragen könne und dass ich schon einer Herrin versprochen sei und dass der Minnedienst eine heiteres Gemüt und eine keusche Seele erfordere und weiß Gott noch was alles für einen Unsinn.

    Er hörte mich mit unbewegtem Gesicht an.

    Endlich bat, nein, beschwor ich ihn, nicht mehr in dieser Kammer zu erscheinen.

    Plötzlich sprang er auf, warf sein Gewand ab – vor mir stand eine Venus, schöner noch als die Venus von Milo, weil mit weniger Muskeln und Speck beladen. Doch nach gewissen Anzeichen zu urteilen war diese Venus erheblich älter als der Page von eben.

    Mir verschlug´s den Atem, und vor Verblüffung fehlten mir die Worte. Schließlich stammelte ich: „Zieht Euch wieder an, Ihr werdet Euch erkälten.“ Dann, als ich mich wieder im Griff hatte: „Was soll die Verstellung? Wie kann ich überhaupt sicher sein, dass Ihr eine Jungfer seid und nicht eine Chimäre? Oder sogar der Teufel? Denn Ihr habt mich wie Beelzebub in Versuchung geführt! Verlasst auf der Stelle dieses Zimmer!“

    Nun brach sie in Tränen aus, und ihre Tränen rührten mich. Ich beugte mich vor, um sie ihr zu trocknen, ohne zu bedenken, dass ich dabei in ihren offenen Busen blicken musste, dessen Reize auch einen erfahrenen Seemann hätten Schiffbruch erleiden zu lassen.

    „Wie kommt Ihr überhaupt dazu, Euch als Knabe auszugeben?“, sagte ich, milder gestimmt, „warum wähltet Ihr nicht den direkten Weg?“

    Die falsche Venus sah mich mit verweinten Augen an. „Hättet Ihr mich dann als Pagen angenommen? Wo Ihr Euch doch der ritterlichen Minne verschrieben habt?“

    „Da habt Ihr allerdings Recht. Der Minnedienst erfordert eine heiteres Gemüt und eine keusche Seele.“

    „Das sagtet Ihr schon.“

    Ein fürchterlicher Gedanke stieg in mir auf. „Ha! Sagt mir, hat Euch die Herrin geschickt, um meinen ehrlichen Sinn zu prüfen? Ja oder nein!“

    „Wie kommt Ihr denn darauf? Nein, mit der Herrin habe ich nichts zu tun. Ich bin Kammerjungfer bei der Frau des Truchsess, einer dummen Person, die mich den ganzen Tag herumkommandiert. Ich bin gekommen, weil ich Euch liebe.“

    „Weiß die dumme Person davon?“

    „Nein.“

    „Wie heißt Ihr denn überhaupt?“

    „Na wie wohl? Hildegardis.“

    Es entstand eine kleine Pause.

    „Soso“, sagte ich nach einer Weile, „Ihr liebt mich also. Aber ich kann Euch nicht lieben.“

    „Nun, wenn Ihr mich auch nicht liebt, so kann das doch kein Grund sein, mich gleich zu verstoßen! Wir können doch Freunde werden! Und, was mich besonders betrübt ist, dass der Gedanke an mich Euch krank gemacht hat. Hab auch die halbe Nacht wach gelegen, jawohl, aber nicht aus Kummer, sondern weil ich Euer Bild vor Augen sah, und immer, wenn mich der Schlaf übermannte, wachte ich wieder auf, um mich zu überzeugen, dass es noch da war, Euer Bild. Hatte ich nicht daher allen Grund, heute morgen lustig zu sein?“

    Nach diesen Worten fing sie wieder an zu weinen und rief von Zeit zu Zeit: „Ach, ich Unglückselige! Ach, ich Unglückselige!“

    Dieser Gefühlsausbruch war mir peinlich, und gerne hätte ich die Situation beendet, doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

    Mit einem Mal beugte sie sich noch weiter zu mir herüber, und ich roch ihren frischen Atem. „Mundburt, liebst du mich denn gar kein bisschen? Ein klitzekleines bisschen würde mir schon reichen!“ Sie sah mich mit ihren schönen Augen starr an. „Ich würde alles tun“, gurrte sie, „was du mir befiehlt, damit du wieder gesund wirst. Wenn Ihr aber, um wieder gesund zu werden, meinen Anblick nicht mehr ertragen könnt, dann ist es mir auch recht.“

    Sie schlug die Augen nieder, und wieder ließ sie ihren Tränen und Seufzern freien Lauf. Auch ich war ergriffen, doch obwohl ich mit den Tränen der Frauen noch keine Erfahrung besaß, fühlte ich, dass all das, was sie hier sagte und tat, nicht glaubwürdig war, eine Komödie, und es flößte mir Angst ein. In meiner Not beging ich die Dummheit, sie zu fragen: „Hildegardis, wenn es noch etwas gibt, was ich für Euch tun kann, dann sagt es!“

    Mir einem Mal war aller Kummer aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie stand auf, gab mir eine Ohrfeige und rief: „Du dummer Junge!“

    Dann rannte sie aus der Kammer.

    Ich war am Ende meiner Kräfte.

    _________

    * Zu der Zeit schlief man häufig unbekleidet.


    Mundburt dankt Gott, kein Teufel gewesen zu sein.


    Um wieder zu Kräften zu kommen ging ich hinunter in den Zwinghof, zu den Hühnerställen, und schlürfte die noch warmen, gerade erst gelegten Eier, damals eine meiner Lieblingsspeisen, und mindestens ein Dutzend.

    So verging eine Woche, es vergingen zwei Woche, ohne dass ich Hildegardis wiedersah. Auf einer so großen Burg mit über hundert Menschen und ständig ein- und ausfahrendem Volk ist es nicht schwierig, sich aus dem Weg zu gehen. Bald war ich überzeugt, dass sie mich vergessen habe, und auch ihr Bild in meinem Kopf verblasste allmählich.

    Doch, meine lieben Zechbrüder und Kegelschieber, ihr ahnt es schon: Das Drama war noch nicht zuende

    Eines Abends trat eine Küchenmagd an mich heran und flüsterte: „Hildegardis liegt krank in ihrer Kammer und wünscht Euch zu sprechen.“

    Auf einmal war die Erinnerung an all die Wirrnisse, die das durchtriebene Frauken über mich gebracht hatte, taufrisch wieder da; ich war nahe daran, den Ritter an den Nagel zu hängen, die Burg zu verlassen und Priester zu werden. Doch eine geheime Macht zog mich zu ihr hin.

    Die Tür der Kammer war nur angelehnt, ich fand Hildegardis in ihrem Bett, die Decke bis zum Hals hochgezogen, mit hochrotem Gesicht, anscheinend fiebernd. Sowie sie mich sah, warf sie die Bettdecke ab, ihr nur halb bekleideter Körper bäumte sich wie in furchtbaren Krämpfen auf und ließ mehr sehen als schicklich war, sie warf sich nach rechts, nach links, teilte Fußtritte und Faustschläge aus und schrie wilde Verwünschungen.

    Ich kannte weder die List der Frauen und die Tücke ihrer Enttäuschungen, noch wusste ich, was ich denken sollte. Ich wunderte mich nur, dass mich der Anblick kalt ließ.

    Ein Herr, der sich gleich darauf als ihr Vater vorstellte, und der Doktor traten ein. Der Doktor sagte, die Krämpfe kämen von einem Teufel, der in sie gefahren sei, doch der Vater wollte nichts davon wissen und verlangte kalte und heiße Wechselbäder sowie die Behandlung mit heilkräftigen Kräutern. Ich musste über beide lächeln, denn ich ahnte, woher die Krankheit kam: Von einem Teufel, der in dieser Kemenate stand, und der alles andere als in sie gefahren war.

    Allmählich beruhigte sie sich, und kurz darauf war sie eingeschlafen.

    Der Vater, dem der Kummer das Gesicht zeichnete, sagte zu mir: „Herr Mundburt, bitte bleibt noch, sie hat nach Euch verlangt.“ Dann verließen er und der Arzt den Raum.

    Sowie die Tür ins Schloss fiel, schlug Hildegardis die Augen auf und blickte mich starr an. „Da seht Ihr, was Ihr angerichtet habt“, sagte sie, als wäre nichts gewesen. „Wenn Ihr Euch weiter weigert, werde ich sterben.“

    Verblüfft über so viel freche Unverfrorenheit erwiderte ich: „So schnell stirbt sich nicht, und Ihr allemal nicht. Was soll diese lächerliche Komödie?“

    „Was steht Ihr da bei der Tür? Kommt doch näher! Oder habt Ihr etwa Angst vor mir?“

    „Keinen Schritt!“, rief ich, „ja, ich habe Angst, aber nicht vor Euch, sondern vor dem Teufel, der in Euch steckt!“

    Sie ließ ein wüstes Gelächter hören. „Ihr seid genau so ein Dummkopf wie dieser Doktor Eisenbart! Nur Ihr steckt voller Saft, während der ausgetrocknet ist wie eine Strohpuppe.“

    „Eure Anzüglichkeiten stoßen mich ab. Ich gehe.“

    „Oh, bitte geht noch nicht“, jammerte sie in verändertem Tonfall und streckte mir eine Hand hin. „Wenn Ihr kein Unmensch seid, gebt Ihr mir wenigstens einen Kuss auf die Hand.“

    Obwohl ich ahnte, dass es ein Hinterhalt war, wurde ich weich. Indem ich mich über ihre Hand beugte, zischte sie mir zu: „Ich lasse dich nicht, und sollte ich dabei zur Hölle fahren!“

    Mich durchfuhr ein heißer Schrecken. Wenn sie tatsächlich vom Teufel besessen war, worauf einiges hindeutete, und ich hätte mich näher mit ihr eingelassen – unausdenkbar! Ich dankte Gott, dass er mir die Stimme gesandt hatte, um mich zu warnen.

    Entsetzt ließ ich ihre Hand los und stürzte aus der Kammer.


    Mundburt erfährt die Wirkung gekreuzter Besen.


    Den restlichen Tag und den Abend hörte man nichts mehr von ihr. Dann, gegen Mitternacht, ertönte plötzlich wieder ihr Geschrei, alle Welt lief in ihre Kammer, ich ausgenommen, denn ich blieb ruhig liegen und versuchte trotz des Lärms weiterzuschlafen. Zum Teufel, dachte ich, lass sie schreien, irgendwann wird sie sich schon beruhigen. Doch sie beruhigte sich nicht. Es schien, als habe sie es sich in den Kopf gesetzt, mich auch noch aus der Ferne zu martern. Nach einer Stunde unruhigen Hin- und Herwälzens stand ich auf und kleidete mich an. Dann ging ich zu ihrer Kammer und spähte durch den Türspalt, um zu sehen, was da los war.

    Außer der vermeintlich Kranken befanden sich in der Kammer drei weitere Personen: Ihr Vater, der Doktor und die Burg-Hebamme, die ihr in die Welt geholfen hatte, und die auch ihre Taufpatin war. Diese Frau erklärte ohne Umschweife, dass sie die Ursache der Krankheit entdeckt habe: Eine Hexe habe ihr Mündel verzaubert, und sie wisse auch, wer die Hexe sei.

    Ich trat ein.

    Hildegardis lag ruhig in ihrem Bett und starrte mich mit glasigen Augen an. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, als grinse sie.

    „Das kann durchaus sein“, sagte der Doktor, der bekanntlich derselben Ansicht war, „aber man darf keine voreiligen Schüsse ziehen. – Wer ist die Hexe?“

    „Es ist die alte Küchenmagd, ich habe mich am Abend davon überzeugt.“

    „Das ist doch Unsinn!“, rief der Vater, „wie kommt Ihr darauf?“

    „Ich habe die Tür zu meiner Kammer mit zwei gekreuzten Besenstielen versperrt, die sie entkreuzen musste, um hereinzukommen. Aber sie ist zurückgewichen und durch eine andere Tür gegangen. Also ist sie eine Hexe, sonst hätte sie die Besen entkreuzt.“

    Bei diesen Worten ergriff mich eine heftige Abneigung gegen diese Frau, doch ich sagte nichts.

    „Holt die Magd her!“, befahl der Vater, dem eine Welle des Zorns das Gesicht rötete.

    Man brachte die Frau herbei, der noch das Stroh ihres Nachtlagers in den wirren Haaren steckte.

    „Weshalb seid Ihr am Abend nicht durch die gewöhnliche Tür dieser Frau eingetreten?“, fragte der Vater streng.

    Die Magd blickte ihn einäugig an, das andere Auge war blind. „Ich weiß nicht, was Ihr meint, Herr.“

    „Habt Ihr nicht an der Tür das Andreaskreuz gesehen?“

    „Welches Andreaskreuz?“

    „Die gekreuzten Besenstiele.“

    „Gekreuzte Besenstiele? Nein, ich hab nichts dergleichen gesehen.“

    „Wisst Ihr genau“, fragte der Vater die Hebamme, „dass es diese Magd war und keine andere?“

    „Aber sicher doch! Hab doch Augen im Kopf!“

    „Also, gute Frau“, setzte der Vater, an die Magd gerichtet, das Verhör fort, „habt Ihr nun das Andreaskreuz gesehen? Ja oder nein!“

    „Wie oft soll ich das denn noch sagen? Ich hab nichts gesehen!“

    „Spiel hier nicht die Unschuld vom Lande!“, zischte die Hebamme, wütend über die ungeschickte Fragerei, „wo hast du letzte Nacht geschlafen?“

    „Bei meiner Nichte, die in die Wochen gekommen ist.“

    „Du lügst!“, schrie die Hebamme außer sich, „ich will dir sagen, wo du warst! Zum Sabbat warst du, denn du bist eine Hexe und hast mein Mündel verhext!“

    Die arme Magd blickte die Hebamme fassungslos an, dann spuckte sie ihr ins Gesicht. „Was sagt Ihr da?“, schrie sie, „ich eine Hexe? Ihr... Ihr seid selber eine!“

    „Na warte, ich werde dich prügeln!“, schrie jetzt die Hebamme und machte Anstalten, sich auf die Magd zu stürzen. Die floh aus der Stube, die Hebamme hinterher.

    „Schluss jetzt!“, schrie der Vater und lief ebenfalls hinterher. Da fast alle schrien, achtete niemand auf die Geräusche, die jetzt von der Kranken ausgingen. Es war ein eigenartiges Keuchen und Glucksen, so, als wollte jemand lachen, dem der Hals zugeschnürt wird. Aber als ich an ihr Bett trat, lag sie apathisch da und blickte mich grinsend an.

    „Lasst diese Komödie“, zischte ich ihr zu, „warum wollt Ihr die Menschen, die Euch lieben, gegen Euch aufbringen? Es gibt noch andere hübsche Knaben auf der Welt!“

    Sie wendete den Kopf zur anderen Seite, ohne mich weiter zu beachten.


    Forts. folgt

    Mundburt verweigert den Hunden ein Wettrennen.


    Als ich auf die Herrin zutrat, blickte sie durch mich hindurch, als sei ich Luft. Ergeben beugte ich das Knie, zog mein Barett vom Kopf und wartete. Ihre beiden Zofen, geputzt und geschniegelt wie Maibäume, betrachteten mich, als wär´ ich ein Haufen Dreck – jedenfalls kam es mir so vor.

    „Bedeckt Euch und steht auf,“ befahl die Herrin endlich, „und setzt Euch neben mich, aber nicht zu nah.“

    Gehorsam setze ich mich halbärschig auf den Brunnenrand.

    „Herr Mundburt von Wolkenstein“, fuhr sie ziemlich kreischig fort, „was soll ich von einem Pagen halten, der die Hof-Etikette nicht beherrscht!“

    Ich merkte, wie mir kalte Schweißperlen auf die Stirn traten.

    „Allergnädigste Herrin... ich... ich bitte vielmals um Verzeihung“, stotterte ich, „welche Hof-Etikette meint Ihr?“

    „Schweig, böser Knabe!“, zischte sie, „und mach den Fehler durch alberne Entschuldigungen nicht noch peinlicher!“

    Ich schwieg gehorsam.

    „Gottseidank ist der Herzog diesem Hause dank der Erfolge meines Gemahls sehr gewogen, und so konnte ich Schlimmeres verhüten. Du jedenfalls hast Glück im Unglück. Ich konnte erreichen, dass der Herzog deine Bestrafung in meine Hände legte.“

    „O Herrin –“

    „Nimm zunächst dies!“ Blitzschnell versetzte sie mir eine Ohrfeige, allerdings eine ziemlich zahme ohne Saft und Kraft. Ich empfand es mehr als einen halb-freundschaftlichen Backenstreich.

    „Auf die andere Wange auch noch eine!“, rief ich ohne zu überlegen.

    „Bube! Was erlaubst du dir? Anscheinend verkennst du deine Situation! Dies ich kein Mummenschanz! Für jemanden, der den Herzog beleidigt hat, solltest du mehr Zerknirschung an den Tag legen!“

    „Ich hätte den Herzog beleidigt?“

    Das alberne Lachen der beiden Zofen brachte mich völlig aus der Fassung. „Ich wüsste nicht – – O je!“ Jetzt ging mir ein Licht auf! Beschämt klatschte ich mir mit der Hand vor die Stirn, dass die Spatzen von der Linde stoben. Das war´s! Ich Hornochse hatte vergessen, den Herzog vor der Ballade persönlich mit 'Euer Erlaucht und gnädigster Herr Herzog' anzureden, wie es die Etikette vorschrieb! Hatte ich in der Aufregung total vergessen. Und dieser Blödmann von Mönch hatte mich nicht darauf hingewiesen. Um das Tächtelmächtel ging es also gar nicht! Mir fiel ein Stein vom Herzen.

    „Weißt du, dass der Herr auf Wolken-Kuckucksheim einen Domestiken, dem ein ähnlicher Lapsus widerfuhr, halb tot geprügelt hat?“

    „Ja, Herrin, ich hab davon gehört“, bestätigte ich kleinlaut. War ja wochenlang Gesprächsthema Nummer eins gewesen.

    „Prügeln lasse ich dich nicht, Bursche, schließlich bist du einer der Unsrigen, wenn auch ein Unwürdiger, und auf der Burg gibt es genug Prügelknaben*. Für dich habe ich mir etwas anderes ausgedacht.“

    Begeistert sprang ich vom Brunnenrand und fiel auf die Knie. „Herrin!“, rief ich, „betraft mich! Bestraft mich hart! Eine Strafe von Eurer Hand, wie auch immer sie ausfallen sollte, ist keine Strafe, sondern eine Köstlichkeit!“

    In meiner Liebestollheit deutete ich das Aufblitzen in ihren Augen als geheime Bewunderung meines Mutes.

    „Eine Köstlichkeit, sagst du? Nun gut, Bursche, die sollst du haben! Steh gefälligst auf!“

    Sie winkte dem Jagdmeister, der schon seit einiger Zeit wartend in der Nähe stand. „Herr Walther“, sagte sie, als der Mann bei uns stand, „hüllt diesen Knaben in ein Wolfsfell, und dann kommt mit ihm zurück.“

    Herr Walther führte mich in eine Remise, in der die Attrappen für den Fang von Wölfen, Bären und Hirschen aufbewahrt wurden, stülpte mir ein Fell über und band es gehörig fest. Noch ahnte ich nichts Böses; wahrscheinlich, so dachte ich, sollst du auf allen Vieren kriechen und wie ein Wolf jaulen, zusammen mit einem brummenden Bären und einem röhrenden Hirschen, mit allerlei Kunststückchen zwischendurch; ein beliebtes Spektakel, das die Zuschauer reihenweise in Lachkrämpfe versetzte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie grausam diese Frau sein konnte, auch wenn sie wie ein Engel daherkam. Und ich wusste auch nicht, dass mich jede ihrer Grausamkeiten fester an sie band.

    „Lauft auf allen Vieren und heult wie ein Wolf!“, rief die Herrin, als wir zurück waren. Sie nahm einen Stecken und trieb mich damit an. Zu spät bemerkte ich die Teufelei. Erst als das Fallgitter hinter mir herunter krachte, ahnte ich, was sie mit mit vorhatte, doch nun war es zu spät. Ich befand mich im Zwinger, jenem Raum zwischen der Wehrmauer und den Wirtschaftsgebäuden, in dem bei hohem Besuch tatsächlich ab und zu lebende Raubtiere gegeneinander gehetzt wurden.

    Ich blickte hoch. Auf der Bastion standen dicht gedrängt die Zuschauer und ließen es an blöden Bemerkungen nicht fehlen.

    „Ha!“, rief ein Arschlappen, „wo ist der Schneider, der sein Fell wieder zusammenflickt?“ – Ein anderer: „Warum? Ist doch nicht sein Fell!“ – „Ach was Schneider!“, grölte ein Hirntölpel, „einen Arzt braucht er, einen Chirurgen!“ – „Hoho, sagtet Ihr Arzt? Einen Abdecker braucht er, einen Abdecker!“ – „Arzt oder Abdecker! Kommt doch eh aufs Selbe hinaus!“, ein Fünfter. Ein ganz kesser Witzbold schrie: „Meint Ihr den hiesigen Knochendreher?


    Ha! Der ist Arzt für sich und seinen Beutel! Indessen

    streben die Patienten, von Geschwüren zerfressen!“


    Rohes Gelächter belohnte diesen schlechten Scherz.

    Ehe ich einen Plan fassen konnte, rief die Herrin: „Nun spute dich, Page, die Hunde sind los!“

    Wütendes Gekläff erscholl, und schon stürzten Castor und Pollux, zwei Jagdhunde aus der Meute des Herren, auf den vermeintlichen Wolf zu. Die Tiere wurden stets sehr knapp gefüttert, um sie für die Jagd scharf zu halten, und dementsprechend zausten sie das Fell. Ihr stinkender Atem raubte mir fast die Besinnung. Wenn es auch nicht mein Fell war, so war ich doch nahe daran, meine Seele dem Allmächtigen zu empfehlen. Immer wieder sprangen mich die Bestien an; hatte alle Mühe, zu verhindern, dass sie mir nicht auch noch mein eigenes Fell zerbissen. Doch auf einmal, wie durch Zauberhand bewirkt, ließen sie ab; setzten sich hin, begannen, friedlich mit dem Schwanz zu wedeln. Geistesgegenwärtig erkannte ich meine Chance: Sie hatten den Menschen gewittert! Für einen Hund ist der Mensch so etwas wie der Kaiser für seine Untertanen, ein unbegreiflich hohes Wesen, dessen Worte man kaum versteht, denen man aber trotzdem Folge leisten muss. Jetzt galt es, mich als der erkennen zu geben, der ich war, nämlich Mundburt, ihr Treiber, dem sie das Gesicht leckten. Doch so heftig ich auch zog, zerrte und fluchte, es gelang mir nicht, das vermaledeite Wolfsfell zu lockern, geschweige denn abzuwerfen; der Hurensohn von Jagdmeister hatte mich fest eingebunden wie einen Rollbraten im Bratnetz. Schon machten die Köter knurrend Anstalten, sich wieder auf mich, oder besser: Auf den vermeintlichen Wolf zu werfen, offenbar durch dessen heftigen Bewegungen und den Geruch des Fells gereizt.

    Auf der Bastion war es still geworden, gespannt harrte man der Dinge, die da kommen würden. Normalerweise wurden bei solchen Verlustierungen Wetten abgeschlossen; ich selbst hätte in diesem Moment keinen abgenagten Hühnerflügel auf mich gesetzt. Verzweifelt suchte ich nach einem Ausweg... Ich wusste, die Leute wollten Blut sehen, hatte es ja selbst oft so gehalten... Zum Henker, was mach ich bloß!, dachte ich. Die verdammten Hunde erkannten mich nicht, denn ich roch ihnen zu stark nach Wolf, und nicht nach Mundburt, da halfen auch keine beruhigenden Worte! Zu allem Überfluss bekam ich wieder Leibschmerzen; die Aufregung war mir auf den Darm geschlagen.

    Da kam mir die zündende Idee. Ha, triumphierte ich, ihr lausigen Hasenschwänze da oben auf der Galerie! Diese Suppe versalz ich euch, und zwar gründlich!

    Noch heute, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, wo ich dies meinem Schreiber in den Gänsekiel diktiere, bin ich wieder erstaunt, wie durchschlagend meine Idee war. Gut, sie war ziemlich abartig, mehr noch, es war eine arge Schweinerei. Doch, Herr im Himmel, Schweinerei hin, Schweinerei her, wer denkt schon an saubere Füße, wenn er im Morast versinkt. Zog mir die Hose runter, legte mich auf den Rücken, winkelte die Beine an und präsentierte meine Hinterpforte. Die Köter kamen und schnupperten nach alter Hundeart; jetzt drückte ich kräftig meine Eingeweide zusammen und spie ihnen donnernd eine Tracht klumpigen Darmsaft auf die Nasen. Der Erfolg hätte nicht besser ausfallen können. Castor und Pollux machten kehrt und liefen prustend und jaulend davon.

    ________

    *Nicht adelige Knaben, die statt der adeligen bestraft wurden.


    Mundburt hadert mit seinem Schicksal.


    Manche hielten diesen Streich für genial, andere für die Ausgeburt eines kranken Hirns. Einig waren sich allerdings alle: Die Art und Weise, wie ich den Feind in die Flucht geschlagen hatte, war einzigartig. Wenn auch kein Blut geflossen war, so hatte ich anscheinend trotzdem etlichen hartgesottenen Humpenrittern und Tellerausleckern ein Erzvergnügen bereitet. Es gibt ja immer und überall Leute, die über den gröbsten Unsinn lachen. Doch die Meinung der Leute interessierte mich einen kalten Kehricht. Wichtig war: Was sagte die Herrin dazu? Ja länger ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, dass ihr das nicht gefallen haben konnte, denn ich hatte mich der Menge in der unwürdigsten Pose gezeigt, in der sich ein Ritter in spe normalerweise nur als unmündiges Wickelkind präsentiert. Andererseits: Hatte ich nicht hohe Geistesgegenwart besessen, eine Tugend, die ein Ritter unbedingt braucht?

    Um Gewissheit zu erlangen, zu welcher Seite ihre Ansicht neigte, bat ich um eine Unterredung, doch eine dieser albernen Kammerzofen teilte mir schmallippig und ziemlich von oben herab mit, die Herrin sei für mich nicht zu sprechen.

    Da lag ich nun in meiner Kammer und leckte mir die Wunden, denn einige Bisse und Kratzer hatte ich doch abbekommen. Aber es waren nicht nur fleischliche Wunden, die ich zu lecken hatte... Jetzt war Gewissheit: Frau Mathilde, Herrin auf Burg Schwarzenraben, der ich zum


    vrouwen dienest


    bestimmt war, der Traum meiner einsamen Nächte, dieses holde Wesen hatte mich verstoßen!

    Eine tiefe Traurigkeit überkam mich. Ach, was soll nun werden?, dachte ich. Was ist ein Ritter ohne Dame? Noch viel weniger als einer ohne Pferd! Ein neues Pferd bekommt man schnell, hingegen eine neue Dame? Ha! Ein Ritter ohne Fehl und Tadel wollte ich werden, wie mein großes spanisches Vorbild, und stattdessen, was war ich? Ein Knabe ohne Pferd und Adel! Da war es auch kein Trost, dass ich als ausgelernter Knappe demnächst die zweifelhafte Ehre haben würde, den Herrn auf Turniere zu begleiten, sein Pferd zu striegeln, ihm die Stiefel zu putzen, sein Schwert zu fetten, den Harnisch zu ölen.

    Ach was, Ehre! Wie sagte doch mein Vater oft? Ehre, sagte er, ist, wenn man sonst nichts davon hat!

    Doch dann traten Ereignisse ein, das mich für einige Zeit auf andere Gedanken brachten.

    Zunächst: Acht Tage nach diesem Streich wurde ich sechzehn Jahre alt und einen Tag darauf feierlich zum Knappen ernannt. Womit ich diese Ehre verdiente, weiß ich nicht; vielleicht empfand die Herrin ja Gewissensbisse und das Bedürfnis nach Wiedergutmachung.

    Wie gesagt, ich weiß es nicht.

    Aber eines weiß ich: Die Frage, warum mich jetzt gerade eine Mücke sticht, mich, Mundburt zu Wolkenstein, und nicht meinen Bruder Lofhar; warum nicht Schwester, Oheim, Vater, Vatersvater usw., Mutter, Muhme, Muhmesmuhme, Magd, Mamsell, und auch nicht irgendeine, sondern just diese eine, bestimmte Mücke, und nicht etwa anno 1346, auch nicht am 13. Augusto in der siebten Stunde, sondern genau in diesem Augenblick, und auch nicht ins Gesicht, nicht in den Nacken, Ellenbogen, Hals, nicht in die Hand, in die Nase, in den Hintern und so weiter, sondern genau zwei Daumen unterhalb der Kniekehle, wo doch noch viele andere mögliche Stichstellen ungenutzt blieben – diese Frage, klatsch!, ist leichter zu erklären als die Launen einer Frau.

    Nun gut. Die Höflichkeit des Sängers verlangt, dass er sich kurz fasse, denn


    ein kurzes Wort dringt auf zum Himmel eh´r,

    ein langer Zug macht nur die Kanne leer.


    Da ist nämlich noch die ach so traurige Geschichte meiner Kammerzofe, der vom Teufel besessenen Hildegardis, die ich Euch unbedingt erzählen muss.


    Forts. folgt

    Mundburt kneift es im Leib, woraufhin ihn blähungsbedingte Visionen plagen.


    Teufel auch, das war knapp! In meinen Eingeweiden rumorte es wie in einem Dachsbau, in den die Hunde eindringen. Trotzdem wusste ich nicht, was ich mehr begrüßen sollte: Die Aussicht auf Erleichterung, oder die Ruhe hier oben auf dem Aborterker! Dieser Narr war einfach unmöglich! Schwatzt, schwatzt und schwatzt, und was für einen Unsinn! Und dann diese Leute, die über diesen hirnrissigen Quatsch auch noch lachen! Allerdings, die Herrin hatte nicht gelacht, mit saurer Miene hatte sie neben dem Herzog gesessen und mit dem Gähnen gekämpft.

    Während mein Hintern über dem Burggraben hing und darauf wartete, dass der heilige Faecal endlich sein Werk verrichte, blickte ich über die sanften Hügel hinweg in die Ferne, wo gerade ein heftiges Gewitter seine Fracht ablud. Obwohl ich mich für Politik herzlich wenig interessierte, war mir nicht entgangen, dass dieses edle Land gedieh und triumphierte, so dass viele fremde Völker zu ihm wanderten. Es gab Feste und Lustbarkeiten aller Art, und jeder hatte sein Vergnügen daran. Fisch, Bier, Met, Most, Wein gab es im Überfluss. Und ein Fleisch gab´s, ein Fleisch! Wie anderswo für Könige und Fürsten, so zart, so saftig, so appetitlich – der reinste Gaumen-Balsam! Von Schweinen, die nur das Beste fraßen und bei Lautenmusik geschlachtet wurden, wo die Säue, wenn sie in die Wochen kamen, mit Rosenblüten gefüttert wurden. Bei den Friesen grünen Kohl und gelbe Rüben; grauen Hafer und goldenen Weizen im Schwabenlande; Hopfen, so groß wie Schweinsblasen, in Bayern; in Thüringen regnete es Wachteleier, in Franken konnte man die Karbonaden wie Rebhühner mit Pfeil und Bogen aus der Luft schießen, in Sachsen kamen die Hasen schon fertig gewürzt zur Welt. Einer schnäuzt sich – aus seiner Nase kriechen gesalzene Aale, ein anderer weint, und eine gebackene Ente fliegt ihm aus dem rechten Auge, genau in die Terrine mit Zwiebelsoße hinein, ein Nieser versprüht süßen Senf mit Rahm; da, einer hustet, und schon springen ihm die Austern aus dem Mund. Zerspringt irgendwo ein Krug, dann ist der Wein zu schwer, platzt jemandem der Bauch, dann ist der Gürtel zu schwach, kann einer nicht kacken, dann nur, weil er zu wenig gegessen hat – es war ein Schlemmen, Schlürfen, Fressen, Saufen, Prassen – –

    Ein Krampf zog meine Eingeweide zusammen. „Heiliger Faecal erbarme dich, und zwar möglichst bald!“, stöhnte ich. Doch er erbarmte sich nicht...

    Weiter galoppierten meine Gedanken wie trunkene Gäule. Was hatte der Narr gefragt? Wie es mit Deutschland, unserem lieben Vaterlande, weitergeht? Schon zogen vor meinem inneren Auge dunkle Nebelbänke auf. Ein Wolken-Fenster öffnete sich, und ich sah deutlich das Allersonderbarste: Wer nicht arbeitet, hat trotzdem zu essen, wer aber arbeitet, lebt von der Hand in den Mund. Jene, die nicht schlafen können, liegen starr auf hölzernen Matten und kauen an ihren Gedanken; die aber, die schlafen, tun es mit offenen Augen, aus Angst, die Krähe des Nachbarn könnten ihnen eines aushacken. Die Worte der Priester klingen wie das Geklapper trockener Erbsen im Sieb, die des Kaisers wie das Meckern einer fetten Ziege. Der Papst, statt auf hohem Ross zu reiten, geht zu Fuß, und seine Kardinäle verweigern ihm die Gefolgschaft. Eine ungeheure, nie da gewesene Lebensart ist über die Menschen gekommen: Viele wachen im Überfluss auf und gehen doch am Ende des Tages hungrig zu Bett. Die Reichen schreien nach noch mehr Geld und baden im Schweiß ihrer Sklaven, die Sklaven baden im Schweiße ihres Angesichts. Eine große Hitze liegt über dem Land wie in einem überheizten Backofen. Sogar die Glocken schweigen, denn sie knistern vor Trockenheit wie dürres Laub. Die Schnecken verlassen ihre Häuser und ergreifen den Wanderstab. Kühlung ist nicht zu erwarten, denn die Sonne bläht sich immer mehr auf und verschlingt die Erde. Falsche Propheten stehen auf, und die Menschen beißen freudig in den grün-sauren Apfel ihrer Versprechungen. Das Land wimmelt von Beutelschneidern, Schwarzsehern, Weißsehern, Endzeitverkündern, Neuzeitverkündern, Eiszeitverkündern. Ha! Zinsschneider, kreative Buchhalter, Grapengießer haben Hochkonjunktur, Gott nimmt Reißaus und überlässt die Welt dem Teufel – –

    Oh, oh, oh! Ein neuer Krampf! Doch nein... ahhh... ohhh... Ja... AAA! Es ist geschafft! Heiliger Faecal, Dank, Dank, Dank!

    Endlich konnte ich wieder einen klaren Gedanken fassen. Doch schon hämmerte jemand an die Tür und rief: „Hey, Page, bist du festgewachsen? Die Herrschaft wünscht deine Ballade zu hören!“


    Mundburt trägt eine Ballade vor erleidet erneut Schiffbruch.


    Mit einem Haufen Daunenfedern wischte ich mir den Hintern und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Dann machte ich mich mit zitternden Knien auf den Weg zurück in den Saal. Durch die geöffnete Tür wehte mir starkes Gelächter entgegen; als ich eintrat, war der Zwerg gerade dabei, sein Abschiedsverslein zu krähen, das etwa so lautete:


    Heda! Ihr Knappen!

    Bringt mir meinen Rappen!

    Will jetzt turnieren,

    will wacker bohurdieren*,

    will nicht nur prosten

    sondern auch tjosten**!

    Und als Herrin wähle ich – –“


    Er blickte in die Runde, dann kugelte er auf eine würdige Matrone aus der Begleitung des Herzogs zu und rief:


    „wähle ich Euch, schöne Dame,

    gesalzen sei Euer Name!“


    Dabei legte er einen Kratzfuß vor, dass ihm die Sohle qualmte. Wäre ich nicht so nervös gewesen, hätte mich die Szene wahrscheinlich genau so amüsiert wie die anderen, die sich vor Lachen bogen. Es sah auch zu komisch aus! Stellt euch vor, ein Gugelhupf von der Größe eines Nachttopfes, bunt wie ein Papagei, einen stricknadellangen Degen in der Hand und mit kindisch-drolligen Bewegungen, macht einer hoch getürmten Dame schöne Augen, die vor ihm so gewaltig und ausladend wirkt wie die ägyptische Sphinx vor einer Maus.

    Ein Trompetenstoß kündigte den zweiten Teil des Festtags-Amüsements an; die Stunde der Spielleute und Sänger war gekommen. Bedrückt schlich ich auf das Podest, wo der Lautenist bereits sein Instrument stimmte. Ich gab mich keinen Illusionen hin. Nach dem, was der Narr geboten hatte, standen mein Chancen denkbar schlecht. Eher fliegen die Löcher aus dem Käse, dachte ich, als dass dir noch jemand zuhört. Wer will nach gutem Wein noch sauren trinken! Doch, ha!, kam´s mir im nächsten Moment zu Bewusstsein, warum gleich jämmerlich verzagen? Die Herrin will dich hören! Darauf kommt es an! Auch wenn kein anderer zuhört, die Zeit ist nicht vertan!

    Stellte mich also hin und wartete, bis es einigermaßen ruhig war. Dann rief ich mit heller Stimme in den Saal hinein:


    „Gnädigster Herr Herr und allerverehrungswürdigste Frau Herrin! Verehrtes publico! Hört

    und genießt die Ballade vom vertauschten Brief!“


    Ich gab den Lautenspieler ein Zeichen; der schlug ein paar Akkorde aus seinem Instrument, und ich begann:


    „Frau Marte saß im hohen Saal

    und schrieb an ihren Herrn Gemahl.

    Mein Herr, das ist es was sie schrieb,

    ich habe Euch von Herzen lieb!

    Der Brief sei Euch ein Unterpfand

    für meine Treu im fernen Land.“


    Zu Henker, dachte ich, irgendetwas stimmte nicht. Im Saal war es plötzlich mucksmäuschenstill geworden. Das konnte unmöglich an meinem Vortrag liegen, denn der war alles andere als souverän.


    „Sie rief nach ihrem Mareschall.

    'Mein lieber Herr von Überall!

    Ich brauche jetzt das beste Pferd

    und einen Knappen, schildbewehrt,

    um diesen Brief von meiner Hand

    zu bringen schnell ins Feindesland!'


    Da stand der junge Mareschalk,

    die Haare fast so weiß wie Kalk,

    die Wangen rot, die Augen blau,

    und schaute auf die schöne Frau.

    Die wandte keusch die... Augen weg

    und blickte auf ...´nen... Dintenfleck.'“


    Was war das? Der Herzog, der Herr und die Herrin verließen den Saal, ohne mich eines Blickes zu würdigen! Hatte ich etwas Falsches gesagt, etwas Ehrenrühriges, Beleidigendes? Für die Länge eines Herzschlags – also sehr kurz, denn mein Herz begann wie wild zu pochen – schoss es mir in den Kopf: Der vermaledeite Mönch hat dich hereingelegt! Irgendetwas hat er in das Gedicht gestopft, was nicht statthaft ist! Na warte Bruder!, dachte ich, bald bin ich der Geliebte der Herrin, und dann –

    Der Lautenschläger sah mich wartend an, und ich fuhr tapfer fort:


    „'Frau Marte!' rief er, 'kühn zum Kuss –'

    und beugte schon das Haupt zum Muss.

    Sie sah in seiner Augen Schimmer

    und rief entsetzt: 'Herr Marschall! Immer!"

    Verwirrt nahm sie das Kästchen fein,

    verziert mit Kreuz und... äh... Edelstein.


    Sie rollte ein den ähh...Herzensfuß

    und kratzt´ zum Abschied mit dem Gruß. –

    Im Hof der Knappe stark und wild,

    darauf der Rapp´ mit Schwert und Schild,

    das Kästchen klein... äh... fein mit fester Hand

    zu bringen hin ins Morgenland.“


    Zum Henker! Ich war total verwirrt und brachte alles durcheinander. Hämisches Gelächter drang an mein Ohr, ein abgenagtes Gänsebein flog haarscharf an meiner Nasenspitze vorbei. Ha! Auf einmal wusste ich, woran es lag: Ich hatte die Herrin beleidigt, indem ich ihr ein Tächtelmächtel mit dem Marschall des Herzogs, einem rohen und gemeinen Stallknecht, unterstellte! Oh oh oh, da hatte ich mich ja schön in die Nesseln gesetzt. Wenn es auch nur im Gedicht war, solche Unterstellungen nahm man schnell übel, wohl weniger, weil man dergleichen Seitensprünge sehr tragisch nahm, sondern weil man Gedichte ernst nahm. Die Hände schützend vors Gesicht haltend, versuchte ich, die letzte Strophe auch noch abzuliefern, schließlich hatte ich sie teuer bezahlt.


    „Der Knappe drückt die – äh – Schenkel an,

    das Ross – autsch! – saust los mit Schild und Mann.

    Frau Marte wendet ab den Blick (ich wehrte einen faulen Apfel ab)

    und geht an ihren Tisch zurück.

    Ein Ach ein Schrei ein großer Schreck:

    da liegt der Brief, der Federkiel ist –“


    Irgendein Dreckskerl schüttete mir von hinten einen Krug Bier über den Kopf. So schnell ich konnte lief ich hinaus und schloss mich auf meinem Zimmer ein.

    _______________

    * Bohurd=Mannschaftskampf zu Pferd mit Schwert, Pike und Streitaxt. ** Tjost=Lanzenrennen zu Pferd


    Mundburt nimmt sich vor, lesen und schreiben zu lernen, und verirrt sich in fremden Gefilden.


    Zunächst einmal wechselte ich meine Kleider, denn ich stank nach Bier wie zehn volle Klosterhumpen. Rieb Gesicht und Hände mit mit dem Extrakt würziger Kräuter ein, denn die Herrin legte wert auf einen angenehmen Geruch; darunter Salbei, Fenchel, Anis, Pfefferminze, Bingelkraut und Beinwell. Dann warf ich mich aufs Bett und dachte nach. Oh! Dieser Satansbraten von Mönch! Es bestand kein Zweifel, der Hurensohn hatte mich hereingelegt, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Monsignore in seinem christlichen Glauben solche zweideutigen Verse verzapft haben könnte. Verdammt, dachte ich, vielleicht solltest du doch lesen und schreiben lernen, damit dir solch ein unheiliges Debakel nicht noch einmal passiert, obwohl´s dir sauer werden würde. Auf jeden Fall war der Mönch reif für einen Einlauf. Ich spielte mehrere Szenarien durch. Ein paar kräftige Kopfnüsse, Rippenstöße, Nasenstüber. Hmmm... Nein, zu harmlos, dazu was der Scherz zu hinterhältig. Eine gehörige Arschpauke. Ja, schon besser, denn sein fettes Hinterkastell bot reichlich Fläche. Ha! Das war´s: Ihm den Beizhandschuh in den Rachen dreschen, damit er endlich sein kabbalistisches Maul hält. Mnja... Dazu war die Schelmerei nun wieder nicht stark genug.

    Draußen erscholl der Trompeten Ruf und der Pauken Donnerhall: Das Signal zum Tanz.

    Es klopfte. Die Stimme von vorhin: „Die Herrin will dich spreche!“ – „Wo?“ – „Im Ehrenhof!“ – „Geht´s auch etwas genauer?“ – „Nein.“


    Als ich nach draußen, in den hellen Sonnenschein, trat, musste ich die Augen schließen, und ich schwankte leicht. Gerade stimmte der Vorsänger das Eröffnungslied an; jeder Tänzer fasste eine Dame bei der Hand; dann, mit schleichenden Schritten und unter dem Gedröhn der Instrumente, ging es ab auf den Rasenplatz im Ehrenhof.

    Ich öffnete die Augen und blickte mich um.

    Inzwischen waren weitere Gäste eingetroffen, die beim Tanz mitmachen wollten. Sie alle aufzuzählen würde euch sicherlich ermüden, meine lieben Leser, deshalb biete ich hier nur einen Auszug aus der Gästeliste nebst einiger kurzgefasster Erläuterungen:


    Baron von Lauch-Weißkäß (der besonderen Wert auf den Titel „Erlaucht“ legte),

    die Herren Morgenpiss und Abendschiss (zwei aborterprobte Zwillinge),

    Mme. Schmalzlock-Krautkopf nebst Gemahl,

    die Gerichtsassessoren Speck, Kinkel und Rothkohl,

    Hpm. Faber-Trocken,

    Fürst Schmetternich,

    Dr. Haardtkakg, Arzt, nebst Gattin, einer geb. Weichbrodt,

    Frl. Niedergesäß,

    die Hrn. Hochnäß, Mundlos und Eierlos, Notare,

    Sn. Andacht, Msgn. Laupichler,

    Fürst Mistislaw-Popowisch

    Mstr. Kochbeutel (der sehr unter aufsteigender Hitze litt),

    Frau von Westernkotten-Katzenküttel,

    Kleinlich, Beinlich, Reinlich, Peinlich (vier Halbbrüder, die meist getrennt auftraten),

    Hr. Schweinrich, Bgmstr. von Dungstätt,

    Jgf. Überbein,

    Hr. v. Drauf und Drüber (Besitzer der Schenke „Zu den mildtätigen Frouwen“),

    Hw. Jeremias Blähbauch, gen. Saftarsch,

    Edler zu Meineid und Kopfab, Raubritter,

    Hr. Gröver-Nacktarsch, Weinhändler,

    die Schwestern Busendorff


    sowie viele andere seltsame Mauerblümchen, Vögel und bunte Schmetterlinge. Für die weniger bzw. gar nicht er-, durch-, verlauchten Herrschaften waren Schüsseln mit Schnittlauch zu gefälligen Bedienung aufgestellt.


    Allein, die Herrin war nirgends zu sehen. Da nahm jemand meine Hand und drückte sie. „Nanu, Page“, säuselte mir eine bekannte Stimme ins Ohr, „warum so schüchtern? Du lässt doch sonst nichts anbrennen!“

    Gerlind.

    „Die Herrin will mich sprechen“, sagte ich, „nach tanzen ist mir jetzt nicht zumute. Hab ´nen Riesenmist gebaut.“

    „Hab schon gehört.“

    Ich fuhr auf. „Gerlind! Was hast du gehört?“

    „Komm, komm, jetzt wird getanzt! Zwei Runden, eher geb ich dich nicht frei!“

    „Ich kann nicht!“

    „Ach was! Wer´s eine tut, hat auch zum andern Mut!“

    „Ach geh...“

    „Ich gehe nicht! Ich will tanzen! Und zwar mit dir, o du mein Held!“

    „Hat sich was mit Held.“

    „Auch ein Held ist nicht immer stark!“

    „Aber ein Held tanzen nicht noch, nachdem er –“

    „Du schon!“

    „Na schön, weil du es bist, mein Täubchen!“

    Doch ich war so in meinen Gedanken befangen, dass ich nicht aufpasste und mich wie ein Bauerntölpel benahm. Trat Gerlind auf die Füße, stieß gegen andere Tänzer, und dann passierte mir die nächste Peinlichkeit: Plötzlich lag meine rechte Hand unter dem Mieder einer fremden Dame. Weiß der Teufel, wie sie dort hingekommen war. Wie froh war ich, als ein Ritter, der bereits eine andere Dame führte, mich abklatschte.

    Vom Rande der Tanzfläche her erklang das Huchhei! und Helau! der Gaukler und Komödianten. Ich vernahm es kaum, denn mein Herz seufzte unter der Besorgnis, die Herrin könne mich wegen der misslungenen Ballade verstoßen. Herrgottnochmal! Wie gern hätte ich von ihr Gewissheit erlangt, doch wohin ich auch sah und spähte, sie war nirgends zu finden. Heute weiß ich, wie grausam sie sein konnte, und ich weiß auch, dass sie mich absichtlich warten ließ, um meine Qual zu erhöhen.

    Zu aller Not begann jetzt der Springtanz, ein Gliederverrenken, das allmählich in immer wilderes Gewoge und Getobe ausartete. Schon lagen etliche Tänzerinnen am Boden, ihre Begleiter obenauf; es war nicht zu erkennen, ob aufgrund wirklicher oder absichtlich herbeigeführter Stürze. Das unzüchtige Drehen, Greifen und Maullecken sprach für letzteres. Hier nun kam es zu einem Zwischenfall, mit dem jeder gerechnet hatte: Der Monsignore fühlte sich veranlasst, von Amts wegen einzugreifen. Er stieg auf einen Tisch und rief mit wehender Sutane und erhobenem Kruzifix über die tobende Menge hinweg:

    „Behüt euch Gott, alle frummen Gesellen und solche Jungfrouwen, die da Lußt zu den Tänzen haben und sich da gerne umbdrehen, unzüchtig küssen und begreiffen lassen; fallt übereinander her wie ein Rudel hungriger Schnecken über ein Erdbeerfeld! Ha! Blinzelt mit den Augen, als wären´s Waffeln und Plinsen, verzieht die Mäuler wie nach Bergen von Zucker! Muss freylich nichts Guts an euch sein, da reißet* nur eins das ander zur Unzucht und fiddert dem Teufel seine Bölze! Habt ein Gewissen zäh wie braunes Kuhleder und behandelt eure Seelen, als wär´s vorjähriger Schnee!“ Der Gottesmann mäßigte sich und fuhr beschwörend fort, dabei klang seine Stimme wie das Gemecker einer fetten Ziege: „Besinnt euch und kehret um, ihr Christen, sonst fällt ihr der ewigen Verdammnis anheim! Gott erbarm sich über euch Sünder!“

    Doch genau das Gegenteil von dem, was der Schwarzfrack bezweckte geschah: Fröhliches Gelächter erklang; einige Burschen liefen zum Tisch, hoben ihn hoch und trugen ihn mitsamt dem zeternden Pfaffen davon; der, mit einer Gewandtheit, die ihm niemand zugetraut hätte, sprang ab, dabei fiel ein blecherner Gegenstand in Form eines Breviers heraus, der die Heiterkeit noch weiter steigerte: Eine Schnapsflasche, als Gebetbuch getarnt.

    Ich fand keinen Gefallen an der Posse; verdammt noch mal, wo war die Herrin? Die Ungewissheit machte mich rasend! Schon wollte ich mich aus Verzweiflung wieder in den Tanz stürzen, da rief mir jemand zu: „Da seid Ihr ja, Page! Die Herrin wartet!“ Frau Marte, die Gemahlin des Burgvogts, kam auf mich zu, mit Hüften wie eine Egge. Ich mochte diese aufgeblasene Aufpasserin nicht, überall steckte sie ihre Nase hinein, überall kommandierte sie herum, und ansehen konnte sie einen, dass einem grauste... Das linken Auge glotzte starr, das rechte grinste höhnisch – eine Augenkrankheit, gewiss, trotzdem unheimlich. – „Ja wo ist sie denn?“, rief ich erleichtert, „ich suche sie schon händeringend!“ – „Beim Brunnen im Zwinghof! Und jetzt aber dalli!“


    Forts. folgt


    Mundburt beobachtet, wie ein Narr reich wird und verliert allmählich die Geduld.


    … und ein kleines putziges Wesen sprang heraus. Es war in einen Flickenteppich von Kleid gehüllt, auf dem riesigen Kopf trug es einen bunten Dreispitz, an den Füßen winzige Stiefel. Der Zwerg – ein Geschenk des Kaisers an den Fürsten als Dank für geleistete Kriegsdienste, wie ich später erfuhr – rutschte auf dem Hintersteven vom Tisch, lief auf die Herrschaften zu, machte eine drollige Verbeugung und krähte munter, wobei er sich wie ein Aal in der heißen Pfanne drehte und wendete:

    „Hohe und allerhöchste Herrschaften! Bon-dies, Ihr Herren, et vobis, verehrte Frauen, meinen untertänigsten Gruß! Mein allerwertester Name ist Franziskus Asinus, Francesco Asino, Français Cul, Frantsuzskiy Sadnitza, French Ass – auf deutsch: Franz Arsch!“ Der Narr bückte sich, zog sich die Hosen herunter und drehte sich einmal um seine Achse, dabei rief er: „Ja wo ist er denn, wo ist denn der Bettscheißer, der Furztopf, der Blasebalg, der Hosenklemmer, ich seh ihn nicht, ich seh ihn nicht! Heute morgen war er noch da!“ Jetzt blieb er stehen, steckte sich wie ein kleines Kind den Finger in den Mund und tat so, als dächte er nach. „Hat er mich verlassen? Ist er mir untreu geworden? Musste er zu viel arbeiten? Dabei kann er sich doch über zu viel Arbeit nicht beklagen!


    Zehn Würstchen kack ich nur im ganzen Jahr,

    zerbrech und reib ich mit der Hand sie klein,

    so bleibt mein Finger sauber ganz und gar,

    denn sie sind hart wie Bohnen und wie –“


    „He, Bruder Fastnacht!“, rief jemand, „das wird´s sein! Du scheißt zu hart und solltest mehr trinken! Hier, nimm meinen Becher und sauf aus!“

    „Eh, domine, allerbesten Dank, werter Herr, komm später gern darauf zurück! Geb Euch trotzdem diesen Rat:


    Wischt Euch gut den Hintern,

    sonst kann es durch die Hose sintern!


    – – Was wollt ich noch gleich sagen... Beim heiligen Arschlappen! Jaja, das Gedächtnis leidet, wenn man die Strümpfe verkehrt herum anzieht... Ach ja, jetzt fällt´s mir wieder ein! Von meiner Magd wollte ich erzählen! Wollt ihr es hören, liebe Leute?“

    „Jaaaaaaaaaaa!!!“

    „Na dann! Einst schickte ich die Magd zum Heupferdmark nach Sausenhosen, um ein paar Dinge für mich einzukaufen, nämlich: Zehn Stangen Zucker, fünfzehn Paar aufgeblasene Windbeutel, zwanzig Schock Hosen, dreihundert Eimer Brennholz, fünfundzwanzig Rudel Wein, ein Bett mit doppeltem Federpfuhl und einen großen Hut zum Hineinpissen – alles Dinge, die ein Mann in meinem Alter, cogito, nicht entbehren sollte. Weil es kalt war, hatte ich sie von Kopf bis Fuß mit Kissen beklebt und ihr zehn elysische Wärmflaschen unter den Busen gebunden.

    Bald kam sie in ein Dorf und daselbst an einer Kirche vorbei, wo gerade der Turmbläser, ein arger Possenreißer und Lügenbaron, sub omnibus glockibus sein Wasser abschlug. Meine Magd, von Natur aus sparsam wie ein Klosterkämmerer, rief:


    Nach einem schönen warmen Regen,

    gibt es oft den größten Segen!,


    leerte flugs die Wärmflaschen aus und fing den warmen Regen ein. Nun hatte es im Jahr davor zu wenig geregnet, ergo herrschte ein Mangel an Narrenfutter, so dass es sehr wenig Narrenpossen gab, dafür ein Überangebot an Rotkehlchen und Schweizern. Daraufhin kam es im Würzburgischen zu ersten Zusammenrottungen, denn was ist eine Welt ohne Possen! Verbrecherische Troglodyten hatten die restlichen Possen aufgekauft und versuchten sie jetzt zu überhöhten Preisen loszuschlagen. Boten und reitende Diener wurden ausgesandt, mit dem Auftrag, diese Höhlenbrüter aufzuspüren und zur Strafe solange mit Hafermus zu füttern, bis sie platzten.“

    „He, Spaßvogel, das flunkerst du!“, rief eine spitze Frauenstimme, „der Hafer macht nicht das Mus, sondern den Brei!“

    Der Zwerg richtete sich steil auf und blickte scharf in die Richtung, aus der die Worte herbeigeflogen waren. Dann zog er einen winzigen Degen und fuchtelte damit in der Luft herum, worauf allgemeine Heiterkeit ausbrach.

    „Potzblitz und Schwerenot!“, rief er in das Gelächter, „wer behauptet da, ich lüge? Beim gehörnten Jupiter! Wenn Ihr keine Dame wäret, würde ich jetzt Satisfaktion fordern! Ha! Ego mentitus? Warum sollte ich? Hab ich nicht nötig," Er warf sich in die Brust. " Messi – eurs et Me – dames! Bin ein ehrlicher Narr und erzähl die Sache Punkt für Punkt der Wahrheit gemäß! Denn, bei Gott, ich bin der aufrichtigste, klügste, weiseste, gelehrteste, beschlagenste, berühmteste Narr von der Welt! Sackarro sackandis: Einer, der von alledem mehr hätte als ich, der müsste noch geboren werden!“

    „Weiter!“, riefen mehrere, „Mus – Brei, ist doch so unwichtig wie ein Mönchsei!“

    „Gut, also weiter! Meine Magd kam gegen Abend in eine Stadt mit Namen Sauhunden, wo die heilige Sauhild Platz-Patronin ist, und wo die Schneider aus Stoffresten Trinkhalme machten. Denen kaufte sie etliche Dutzend davon ab und mietete auf dem Marktplatz eine Bude, in der sie selbstgebraute Narrenpossen anbot. Bald verbreitete sich die Kunde, da sei eine, bei der man Possen mit außergewöhnlichem Geschmack kaufen könne, und schwuppdiewupp war der Inhalt ihrer zehn Wärmflaschen ausverkauft. Die Leute wollen eben gerne mal was Neues. Nun besaß sie genug Geld, um ihren Auftrag erledigen zu können, und sie machte sich auf den Weg nach Sausenhosen.“

    Der Zwerg unterbrach seine Rede und legte die Hand ans Ohr. „Gut gesprochen, Herr, nur, könntet Ihr es wiederholen, Ihr spracht so leise – – wie, ihr traut Euch nicht! Aber, bei allen guten Geistern, warum denn? Sogar der Papst erlaubt jedem zu furzen, sooft er will, solange nur die Hosen rein bleiben. Et vir sapiens non abhorrebit –“

    Der Rest des Küchenlateins* ging im Applaus unter; man begann, den Narren mit Geldstücken zu bewerfen. Der dankte artig nach allen Seiten und krähte:


    „So wird Franz Arsch zum reichen Mann,

    die Narrenzunft fängt zu blühen an,

    Mammon macht der Fantasie den Hof,

    es dankt Euch der kleine Philosoph!“ – –


    „Bei meiner Seele“, raunte mir Bruder Johannes zu und klatschte sich vergnügt auf den Oberschenkel, „der ist ein Narr wie man ihn nicht besser wünschen kann!“

    Ich: „Er wird ein gutes Einkommen haben und mit dem was er hat sicherlich auskommen, aber mit seinem Fortkommen steht es nicht zum besten, denn er hat Beine wie ein Dachshund.“

    Er: „Gleichwohl! Ein Narr ist er, durch und durch. Er redet, wie ein Narr reden muss: Närrisches Zeug. Und er kann die Worte nicht halten wie ein Greis das Wasser nicht.“

    Ich: „Der hätte das allerprofundeste Zeug für einen Ratsvorsitzenden.“

    Er, indem er sich ein halbes Dutzend Wachteleier zum Nachbiss in den Mund schob: „Oder – hmpf – für den Präsidenten des Kammergerichts.“

    Ich: „Da sagt Ihr was! Der Narren und der Kinder Mund tut Weisheit kund.“

    Er: „Von Narrenweisheit gehen zehn Fuder auf ein Lot.“

    Ich: „Täuscht Euch nicht!“

    Er: „Wieso?“

    Ich: „Der da ist Magister in prähistorischer Rhetorik und katarrhalischer Philosophie. Dazu besitzt er ein Patent für antiveganisches Schmalzgebä – bä – bä –“

    Johannes fuhr hoch. „Fängst du jetzt auch schon an? Bist du betrunken, Kerl?“

    Ich: „Ich? Dass mich der Leu kost! Nicht im Geringsten! Bin nüchtern wie ein gewässerter Karpfen! Aber ich wünschte, ich hätte Finger wie ein Esel Ohren.“

    Er: „Was sagst du?“

    Ich: „Wegen der Ballade, die ich vortragen soll, und die Ihr mir eingehämmert habt! Dann könnte ich mich hinter meinen Händen verstecken!“


    „... in die Hasennegertwiete**“, zwitscherte der quecksilbrige Zwerg unterdessen munter weiter, „ging zu einem Hosennäher und sagte: 'Meister, fix aufgemerkt! Mein Herr wünscht zwei Paar Beinkleider der besonderen Art, und zwar nach der neuesten Mode.' – 'Hoho, Frau!', versetzte der, 'meine Nadel hat scho der großen Glock von St. Blasien ein Kaputtzen genäht, da werd ich doch wohl ein paar lumpiche Hosen schneidern können!' – 'Wohlan denn', sie wieder, 'dann holt Tafel und Kreide und schreibt, dass Ihr´s auch ja nichts vergesst: Hinten, wegen des leichteren Verrichtens unaufschiebbarer Bedürfnisse, eine Arschklappe nach alt-gälischem Vorbild; an den Seiten Pluderbeutel wie ein Pfauenschweif, weil zu enge Hosen die Nieren einpressen; die Vorderhose mit Hasenschwanzschnitt und Zwerchgürtel nach deutscher Art, damit sich der Bauch nicht echauffiert; der Hosenlatz zwei Ellen breit und auf Zuwachs geschneidert, denn mein Herr ist von der Art des Porrees, der zwar einen weißen Kopf, aber einen festen Stängel hat. Habt Ihr das?' – Der Hutmacher zwirbelte nervös seinen Schnurrbart. 'Jawoll, Frau, hab ich!' – 'Und als Hosenträger ein Paar solide, übers Knie gebrochene Keuschheitsgürtel, aber bitte aus dem Haar einer schwangeren Nonne. Habt Ihr das?' – 'Jawoll, Frau, hab ich!' – 'Wann könnt Ihr liefern?' – 'Nicht vor Mittwoch, aber ich denke, näschsten lunae° wird´s scho geh´n.'

    Weiter ging meine Magd, wegen des Brennholzes, ein lustig Lied auf den Lippen. Bald kam sie an eine alte Eiche – –“

    „Das Lied, das Lied!“, riefen mehrere.

    Der Zwerg kniff die Beine zusammen wie eine Jungfer, die das Wasser nicht mehr halten kann. „Ha, ich würd´s euch ja gerne singen, aber ich trau mich nicht! Wegen der hohen Herrschaften im Saal!“

    „Hoho, Monsieur Arsch!“, dröhnte der gewaltige Bass des Herzogs, „da macht Euch mal keinen Hals! Wenn´s witzig ist, ist´s gut, wie auch immer!“

    Der Narr machte eine tiefe Verbeugung und rief: „Euer Gnaden untertänigster Diener! Meine Magd sang also:


    'Furunkel im Nacken,

    Beulen am Hacken,

    Pimpeln an den Backen,

    in den Beinen Gliederzwacken,

    im Hals das Kracken,

    in den Fingern das Kna – a – a – acken –

    Gottlob, ich kann noch kacken.'“


    Nachdem sich der wüste Beifall gelegt hatte, fuhr der Spaßmacher fort: „Kam also an eine alte Eiche, meine Magd, unter der eine alte Vettel saß, eine bunt schillernde Glaskugel auf den Knien. Oben auf der Kugel saßen drei Paar birnenförmige Perlen wie schimmernde Tränen, die durch eine goldene Spirale verbunden waren. Ganz oben, auf der Spitze der Kugel, blitzte ein silbernes Kreuz. So war die Sieben voll, eine Zahl, die Wahrsager lieben. – ' Was sind das für herrliche Perlen!' rief meine Magd schon von Weitem, denn sie ist an allem interessiert, wofür man keinen halben Pfennig kriegt. – 'Das erste Perlenpaar trug die ägyptische Königin Kleopatra im Ohrgeschmeide', erklärte die Alte, 'das zweite zierte einst das Kleid der Pompeja Pomposa, die wegen ihrer Prachtentfaltung sogar das Volk von Rom in Erstaunen setzte, das letzte besteht aus zwei der vielen Tränen, welche die Gottesmutter vor dem Gekreuzigten vergoss.' – 'Ach, gute Frau, sagt doch, wie wird es mit Deutschland, unserem lieben Vaterland, weitergehen?' – 'Was zahlt Ihr?', fragte die Alte.“

    Der Zwerg unterbrach sein Narrengespinst und blickte in die Runde.

    „Hohes Publikum!“, rief er mit lächerlichem Pathos, „ihr kennt meine Magd nicht! Wenn´s an´s Bezahlen geht, ist sie pfiffiger als Odysseus bei den Sirenen. – 'Hoho!' rief sie, 'erst die Ware, dann das Geld!' – 'Nichts da!', keifte die Alte, 'ohne Geld keine Ware!' – 'Gut, zeigt mir die Ware, damit ich sehe, ob sie ihr Geld auch wert ist' – 'So weit kommt´s noch', kreischte die Alte, ohne Geld keine Ware!' – Meine Magd fing an, wie wild zu Tanzen; dabei rief sie: 'Hört Ihr, wie es klingt und klimpert, hört Ihr, wie es klingt und klimpert?' – Es waren aber nur die Stäbe ihres Korsetts, die gegeneinander schlugen. Das Geld hatte sie sicher versteckt, an einem Ort, an dem eigentlich nur Amors Ackermann ein- und ausgeht – –“

    Diese platte Anspielung wurde mit dröhnendem Beifall belohnt, wieder regnete es Heller und Pfennige.

    „Die Wahrfrau, vom vermeintlichen Klang des Geldes erregt, schnalzte mit der Zunge und strich über die Perlen, worauf eine wunderbare, elfenreine Musik erklang. Gleichzeitig erschien in der Kugel das rosigfrische Gesicht eines bärtigen Mannes mit grauem Krauskopf, aus dem zwei Hörner ragten, und eine ferne Stimme rief wie Donnerhall: 'Wer ruft da?' – 'Ich, die erechtäische Sphinx', krähte die Alte. – 'Warum rufst du mich? Warum forderst du den Weltgeist auf, aus dem Nichts ins Dasein zu treten?' – 'Die Magd da will wissen, wie es mit Deutschland, unserem lieben Vaterland, weitergeht!' – Eine Weile war Stille, dann erscholl ein knisterndes Brausen, wie Meeresbrandung, die mit den Knochen Ertrunkener spielt. Da hinein rief die Donnerstimme: 'Ho! Habe sämtliche Reviere des Himmels und der Erde durchstöbert, habe in den Geheimarchiven des Vatikans herumgeschnüffelt, habe mit dem Teufel konferiert und mit dem Kaiser gespeist, habe auf dem Mond geforscht und unter der Erde, habe dann alles in hundert Kapiteln zusammengefasst und auf der Zunge zergehen lassen. Hier ist das Ergebnis!' Der Weltgeist öffnete den Mund und streckte die Zunge heraus, die allmählich größer wurde und schließlich einem großen roten Teppich glich. Meine Magd beugte sich darüber und kniff die Augen zusammen, aber außer seltsam verschnörkelten Zeichen konnte sie nichts erkennen. – 'Ich kann nichts erkennen!', rief sie. – 'Natürlich nicht!', feixte die Wahrfrau, 'erst müsst Ihr bezahlen!' – Da machte es über ihr 'Onk'; ein Rabe, der auf einem Ast hoch oben in der Eiche das unwürdige Gefeilsche beobachtete, öffnete seinen Hinterausgang und ließ den halb verdauten Rest eines Auges, das er vormittags einem anderen Raben ausgehackt hatte (bekanntlich hacken ja nur Krähen einander keine Augen aus), auf den Teppich fallen, worauf sich Teppich, Kugel und Wahrsagerin in Luft auflösten. Stattdessen hockte da eine kleines Mädchen, das Regenwürmer in einen Becher sammelte. Meine Magd, froh, ums Bezahlen herumgekommen zu sein, kicherte: 'Hihi, hab genug erfahren, hihi! Wie das klapperte und knackte, wie das klapperte und knackte, wie das –'“


    Allmählich wurde mir unten herum immer unheimlicher zumute. Entweder waren die Kuddeln nicht mehr frisch, oder das Lampenfieber war mir vom Kopf ins Gekröse gerutscht. Beim heiligen Brimborium! Dieser vermaledeite Possenreißer fand einfach kein Ende, und das Erstaunlichste: Nicht nur die Leute, sondern auch der Herzog und seine Mätressen amüsierten sich köstlich. Eine dieser Damen, Frau von Vogelweid, eine korpulente Matrone mit Pimpeln um die Nase, hatte schon zum zweiten Mal einen ganzen Beutel Kleingeld auf den Narren geworfen.

    Obwohl es unten bereits gluckerte und knurrte und Bruder Johannes irritiert seine hochgewölbte Nase rümpfte, beschloss ich, solange wie eben möglich auszuharren. Denn mir war nicht entgangen, dass mich die Herrin scharf beobachtete.

    ________

    *Er wollte sagen: Ein weiser Mann wird so was nicht verschmähen. **Hosennähergasse. ° Montag.


    Mundburt hält es nicht mehr aus und rennt aus dem Saal.


    Der Zwerg war mit unglaublicher Behändigkeit auf den Tisch gesprungen und gestikulierte von dort aus weiter. „Hochverehrtes Publikum!“, schrie er, „jetzt kommt die Geschichte, in der meine Magd erst angeklagt wird und sich dann selber freispricht. Vos habetis, et nihil costabit vobis!* Wisst ihr noch, wozu der Hut gedacht war?“

    Die Reaktion der Zuhörer ließ an Eindeutigkeit keine Wünsche übrig. Mann lachte, schrie aus vollem Halse, kletterte auf Bänke und Tische, warf die Arme hoch und Kannen um; einige verwegene Gesellen begannen, ihren Hosen aufzuknöpfen; nur mit Mühe konnten sie davon abgehalten werden, ernst zu machen. Nachdem sich der Tumult gelegt hatte, fuhr der Zwerg mit erhobener Stimme fort:

    Bene, ihr wisst es also noch. Hatte es auch nicht anders erwartet, denn innocens credit omni verbo**. Item, als der Hut nun fertig war, sagte meine Magd: 'Ein schönes Stück bat Ihr da gefertigt, Meister, fürwahr, aber ist er auch dicht? Denn nur ein Narr trägt Wasser im Sieb! Ich bitt Euch, macht die Probe, jetzt und hier vor meinen Augen, damit ich sicher sein kann, dass der Hut auch dicht ist!' – 'Nein', erwiderte der Hutnäher, 'entweder hinterm Haus und alleine, oder gar nicht!' – 'Doch!', schrie meinen Magd, 'ich bestehe darauf!' – 'Nein!', giftete der Hutmacher zurück, 'ich tu´s nicht!' – 'Nun gut, Mann, dann behaltet ihn! Ich hatte einen Hut bestellt, der sie Pisse hält, und kein Spatzennest.' – Der Hutmensch war nicht auf den Mund gefallen. 'Ha, ho, hei', rief er, 'dann macht die Probe doch selbst, hier vor meinen Augen!' – Ihr kennt meine Magd nicht, liebe Leute, aber ich! Sie ist nicht nur mit allen Wassern gewaschen, sondern auch mit dem dem Fett von fünf Bettelmönchen gesalbt. – 'Warum denn nicht?', flötete sie, 'eine Wasserprobe ist so gut wie die andere!', hob ihre Röcke hoch, ging in die Knie und machte Miene, die Probe coram publico auszuführen.

    Bei dem Lärm war das Volk von allen Seiten zusammengelaufen. Unter den Gaffern befanden sich auch der Advokat Magister Schlupfloch sowie der Gerichtsrat Dr. Schluckespecht, von dem die lokalen Spottdrosseln folgendes sangen:


    Ist der Beutel fest und prall,

    ist der Bauch nur dick und drall,

    hast im Kopf nur Weib und Wein,

    liebst des Legaten° Töchterlein -

    dann ist der Doktorhut schon dein!


    Schluckespecht nun rief angewidert: 'Ha, Frau, was macht Ihr da! Öffentliches Uri... ähem... Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses! Ihr seid festgenommen!' Auf seinen Wink sprangen zwei Büttel hinzu, nahmen meine Magd in die Mitte und führten sie arschbeinig – – Na, was meint ihr, wohin führten die beiden stiernackigen Justiz-Ochsen meine zarte Pissnelke, hä?“

    Das Publikum sprang sofort begeistert an, sogar der Herzog grinste. „Ins Gefängnis!“ brüllte eine Frauenstimme, „in den Turm!“ ein Mann. – „Zur Abortgrube, um ihr das Gesicht zu salben!“ – „In den nächsten Gasthof, um die Suppe zu salzen!“

    Brüllendes Gelächter.

    Der Zwerg machte einen gewagten Handstand – beinahe wäre er vom Tisch gefallen. „Hahaha!“, rief er kopfunten, „hahaha! Du hast´s erfasst, Freund Lampe! Genau das taten sie!“ Er kam wieder auf die Füße. „Zum 'Schmierigen Löffel', einem Gasthaus, das für seine fetten Kuddeln berühmt war, dort gingen sie hin, aber nicht um die Suppe zu salzen, sondern weil die ehrenwerten Herren Schluckespecht und Schlupfloch noch nicht zu Mittag gespeist hatten! Setzen sich also zu Tisch und lassen kräftig auffahren, meine Magd ebenso. Als nun die Gans und die Knödel verzehrt sind und die Kannen zur Hälfte geleert, lässt Schluckespecht einen gewaltigen Rülpser vom Stapel und sagt: „Ich schlage vor, wir fällen den Spruch gleich hier. Draußen donnert´s und stürmt´s, und das Gerichtsgebäude ist dreißig Ellen entfernt, also für dieses Wetter viel zu weit weg. Und die Schultheißen& kriegen wir eh nicht aus dem Bett. Die Anklage lautet: Öffentliche Erregung öffentlichen Ärgernisses wegen öffentlichen Urinierens seitens einer öffentlichen Magd in einen öffentlichen Hut.' – Meine Magd darauf: 'Einspruch, Euer Ehren! Der Hut war nicht öffentlich, der Hut ist privat!' – 'Wie? Was? So? Ähem... Ach was, der Spruch wird gefällt! Herr Magister, die Würfel auf den Tisch!' – 'Wie, wollt Ihr jetzt würfeln, hä?', ruft meine Magd verdutzt, 'ich denk, Ihr wollt den Spruch fällen!' – 'Eben drum, hä', erwidert Schlupfloch fettmäulig und stellt den Würfelbecher hin, 'es sind Urteilswürfel, alea judiciorum, wie sie auch, hä, bei allerhöchsten Gerichten verwendet werden.' – 'Und das klappt, hä?', fragt meine Magd einfältig. – 'Aber sicher doch, gute Frau!', ruft Dr. Schluckespecht, 'sehr gut sogar! Schaut, hä, eine Drei ist immer eine Drei, eine Fünf bleibt immer eine Fünf, eine Zehn immer eine Zehn, egal ob´s Katzen regnet oder Bratwürste schneit; ein Richter, hä, hingegen ist morgens, wenn er noch nüchtern ist, ein anderer Mensch als am Mittag, wenn er gut gegessen hat, hä, und am Abend, äh... Dementsprechend unterschiedlich fallen seine Urteile aus. Da aber nach allgemeiner Rechtsauffassung, hä, dargelegt unter anderem in liber consultationis et regularis juris des Canonicus Alfonso Blasebalgius commentarius, et alii expertes obscures titulorum, puh, he, was wollte ich sagen... ach ja... hach allgem - hicks - Rechtsauffassung... ähhh... natürliche Unvollkommenheiten niemals ein Urteil beeinflussen dürfen, ist das Würfel-Los ein vorzügliches, untadeliges und notwendiges Mittel der Rechtsprechung, hä, was auch Musco Musculorm in seinem tractatio contra fratres juris perver –' – 'Verstehe', unterbricht meine Magd, 'bin ja nicht von gestern und jetzt auf Euer Urteil gespannt!'“ –

    Wieder wandte sich der Zwerg an sein Publikum. „He', rief er, 'wie wird der Spruch ausgehen? Na, was meint ihr? Seid doch selbst alle kleine Rechtsverdreher, wenn es darum geht, dem Nachbarn eine Nase zu ziehen!“

    Es wurden verschiedene Vorschläge geschrien, von steupen, teeren und federn, aufknüpfen, den Wetterhahn blank putzen, dem dicksten Bullen im Dorf die Eier kraulen – bis zum tödlichen Strafessen von Kuddeln des Hauses war alles dabei.

    „Falsch!“, kreischte der Dreikäsehoch, „alles falsch! Darauf kommt keiner, und wenn ihr euch den Finger hinten rein steckt und dreimal herumdreht! Aber bevor ich weiterrede, brauch ich erst mal ´nen Schluck, und zwar ´nen anständigen! Meine Kehle fühlt sich so rau und trocken an wie der Hintern der Hundertjährigen Syba – – danke ergebenst, werter Herr – ah, oh, tut das gut, schluck, schleck – also weiter. Der Gerichtspräsident Schluckespecht guckt in den Würfelbecher und – 'Oha!', ruft er, 'das sind die richtigen Würfel nicht! Ich brauch die großen, nicht diese kleinen! Die kleinen sind für die leichteren Vergehen wie Suppe versalzen, Zeit totschlagen, einen Brand in der Kehle nicht löschen, den Papst einen Ketzer nennen! Aber das Urinieren im öffentlichen Raum –' – 'Und wo´s doch beim Versuch blieb!', ergänzt meine Magd – 'Das macht den Fall noch schwieriger! Das öffentlich versuchte öffentliche Urinieren im öffentlichen – Herr Magister, nun sagt doch auch mal was!' – 'Ich? Äh... oh... ha... Da fällt mir ein... im commentarius des Mausolos Maximus zu Garnelius, vol, III §§ 3 et 4 nihil dodo ff. aleatorum authent. fidibus fidejus et extra prae – äh, soll ich nicht doch den Becher mit den großen Würfeln holen?' – 'Nein, lasst das, der Wein wird warm.' – 'Nur was machen wir mit der Beschuldigten? Laut § 5a cap. 2 secundus –' – 'Kruzitürkennochmal! Könnt Ihr nicht mal Euer giftkrötiges Schandmaul halten und mich die Jause zuende essen lassen?' – 'Ich hätte da mal einen Vorschlag', lässt sich jetzt meine Magd vernehmen. – 'Ei, nur heraus damit!' – 'Aber es ist Latein.' – 'Oha! Dann wird´s schwierig!' – 'Ich versuch´s trotzdem. Schließlich geht´s um meinen Arsch.' – 'Da habt Ihr auch wieder Recht! Also, was wollt Ihr vorschlagen?' – 'Ich schlage vor: In dubio pro rea!'°° – –

    _ _ _

    Es ging nicht mehr. Ich fühlte deutlich, dass sich in meinen unteren Regionen etwas Fürchterliches zusammenbraute, obwohl ich mordsmäßig dagegen anging. Es kniff und zwackte, zwackte und kniff. Ohne viel zu überlegen stand ich auf, kniff die Arschbacken zusammen und rannte nach draußen.

    ____________

    * Hier habt ihr sie, und sie kostet euch nichts. ** Der Einfältige glaubt jedes Wort. °Legat = päpstlicher Oberaufseher über die Universität. & Schöffen. °°Im Zweifel für die Angeklagte.


    Forts. folgt

    Hallo, liebe @Teichrose,


    ich freue mich immer wieder auf/über deine Bemerkungen.

    Umso mehr schade, dass du den Rest der durch- und erlauchten Herrschaften dann wieder abgekürzt hast:

    Ich dachte es als optische Auflockerung eines ansonsten ziemlich eintönigen Schriftbildes, und auch daran, dass viele Schriftzeichen ein jämmerliches Schattendasein führen, das sie von Statur und Aussehen her nicht verdient haben. Und was die Herrschaften betrifft, da wird es bestimmt noch Überraschungen geben.

    Ich frage mich immer, wie du auf diese Ideen kommst

    Nicht ich komme, es kommt. Sie sind plötzlich da, diese Ideen, und wenn ich nicht sofort zufasse, sind sie wieder weg. Es geschieht meist in einem völlig unterschätzten Teil des Tages, nämlich kurz nach dem Aufwachen, wenn die Traum-Trunkenheit noch nicht volldtändig von den Mächten der Tag-Welt besiegt ist und die Gedanken wie bunte Vögel um den Baum der Fantasie schwirren...


    LG, McFee