Beiträge von McFee

    Mundburt wird zur Bewegungslosigkeit verdammt, und Gerlind hält endlich den Mund.


    Wir verließen den seltsamen Platz und erreichten bald einen noch seltsameren Ort, auf dem, dicht gedrängt, viele Leute in eine bestimmte Richtung starrten.

    Auf einem Podest stand ein grob gezimmerter, mit einem schwarzen Tuch bedeckter Altar, auf dem verschiedene Gegenstände lagen oder standen: Eine aufgeschlagene chaldäische Bibel neben einem silbernem Cruzifix; Puppen mit schwarzen Köpfen und fratzenhaften Gesichtern; Totenschädel von Menschen, Affen, Rindern; Hunden, Vögeln; getrocknete Schlangen, Kröten, Fledermäuse, aber auch Steine, Knochen, Vogelkrallen, Körbe mit Brot, Schüsseln mit Getreide, Getränke in bunten Glasflaschen, dazwischen qualmte aus einer Phiole dicker Rauch von Olibanum+. Davor kauerte ein Mann in einem weiten bunten Umhang, einen Federbusch auf dem Kopf und ein Amulett an einer Schnur um den Hals. Jetzt warf er die Hände hoch, versetzte seinen Körper in kreisende Bewegungen, wobei er unverständliche Worte stammelte. Die Zuschauer verfolgten in respektvollem Anstand und schweigend jede seiner Bewegungen.

    Links neben dem Altar stand ein Mann in einer weißen Galabija*, der von zwei ebenfalls bunt gekleideten Männern gestützt wurde; immer wieder knickte er mit den Beinen ein oder schlenkerte wild mit den Armen, dann wieder stammelte er, mit Schaum vor dem Mund, sinnloses Zeug. Auf der rechten Seite hielt eine Frau ein junges Mädchen in den Armen, das so mager war, dass es als Besenstiel hätte dienen können.

    „Was wird das?“, fragte ich Pygmalion.

    „Eine öffentliche Heilung. Der Tänzer ist ein Voodoo-Heiler oder-Priester, und die beiden bunten Vögel dort sind seine Helfer.“

    „Woran leidet der Mann denn?“

    „So wie es aussieht, leidet er unter Fallsucht.“

    „Na da bin ich aber gespannt“, meinte Gerlind, „der Kerl wird seine Künste nicht eher herauslassen, bevor er Geld sieht.“

    Auch ich war neugierig, wie der Mummenschanz ausgehen würde.

    Der Voodoo-Heiler sprang nun auf und tanzte ein paarmal um den Altar herum. Dann blieb er vor dem Fallsüchtigen stehen und redete mit dunkel-beschwörenden Worten auf ihn ein. Während er mit ihm sprach, richtete sich der Angeredete steif auf und stand ganz still. Plötzlich griff der Voodooo-Heiler unter seinen Umhang; ein langes Messer blitzte auf, und im Nu steckte die Schneide bis zum Heft in der Stirn des Kranken.

    Gerlind schrie auf, und auch die Menge stöhnte. Aber es waren keine Töne des Entsetzens, was ich da heraushörte, sondern viel mehr nervengekitzelte Bewunderung, als habe ein Stierkämpfer gerade durch einen kühnen Sprung sein Leben gerettet. Auch seltsam: Der Gestochene rührte sich nicht, er stand immer noch ruhig und still, mit leerem, aber keineswegs schmerzbetäubtem Blick, den Messergriff vor der Stirn. Jetzt begriff ich: Der Mann befand sich in Trance.

    Die beiden anderen Voodoosi begannen nun, ihn um das Podest mit dem Altar herumzuführen, wobei der Heiler wieder in verzückte Bewegungen verfiel. Neben mir begann jemand zu singen; es waren dumpfe, kehlige, misstönende Laute, die aus dem Munde des Sängers kamen; weitere Stimmen kamen dazu, bald war die Luft von einem unerhörten Singsang erfüllt, der mir in seiner elementaren Kraft Schauer der Ergriffenheit über den Rücken jagte. Deutlich spürte ich die Anwesenheit einer fremden, unfassbaren Macht, die diese Menschen ergriffen hatte.

    Nach der vierten Runde blieben die drei Männer vor dem tanzenden Heiler stehen, ihre Blicke tasteten erwartungsvoll sein Gesicht ab. Der richtete sich endlich auf und rief:


    „Geh hinaus, böser Geist, mit neun Teufeln,

    hinaus von dem Mark an die Knochen,

    von den Knochen an das Fleisch,

    hinaus vom Fleisch an die Haut,

    hinaus von der Haut in diesen Stahl!“,


    dann zog er blitzschnell das Messer aus der Stirn des Kranken und ließ es wieder unter seinem Umhang verschwinden. Ein Voodoosi verklebte die Wunde mit einer Paste. Inzwischen war der Gesang verstummt, alles starrte auf den Fallsüchtigen. Der Mann erwachte, der andere Helfer reichte ihm ein honigfarbenes Getränk, der Kranke trank, dann rief er: „Ogun& hat mich gerettet! Jetzt bin ich frei!“, und schritt mit ruhigen Bewegungen und offensichtlich geheilt durch die Menge, die ehrerbietig zurückwich, davon.

    „Und wer bezahlt?“, fragte Gerlind frech.

    „Der Geheilte“, raunte Pygmalion. „Er holt gerade das Opfertier.“

    Für einen ganz kurzen Augenblick schaute der Heiler in unsere Richtung, dann wandte er sich wieder seinen Beschäftigungen zu.

    Meine Neugier war aufs Höchste gespannt. Einen Menschen, der allem Anschein nach mit der Geisterwelt in Verbindung stand – denn wie anders sollte ich mir diese Heilung erklären – ganz aus der Nähe mitzuerleben, das war eine völlig neue Erfahrung. Natürlich gibt es auch bei uns, meine Lieben, eine Geisterwelt. Hatte nicht unser HERR und Heiland kurz vor seinem Tod verkündet, er werde den Menschen die heiligen Geister als die Künder der Wahrheit zukommen lassen? Und es gab viele, die sich im Besitz dieser Wahrheit gefielen. Aber es sind eben nur Wahrheiten, keine praktischen Fähigkeiten. Noch nie war mir jemand begegnet, der die Kunst einer wirklichen Wunderheilung verstand. Was den Leuten auf dem Marktplatz zu Ulm und anderswo angeboten wurde war nichts als Narretei und Mummenschanz.

    Ich hatte kaum Zeit, von meiner Verwunderung herunterzukommen, da trat die Frau mit dem Mädchen vor, das entsetzlich aussah. Seine Augen lagen weit aufgesperrt und starr in einem totenblassen Gesicht, die Lippen bebten in stillen Zuckungen, jedoch, ohne einen Laut auszustoßen. Im Gegensatz zu der ziemlich üppigen Matrone war das junge Ding bis auf die Knochen abgemagert und hatte Mühe, sich aufrecht zu halten.

    Der Voodoo-Heiler hockte wieder vor dem Altar; er schien zu meditieren.

    „Lass uns gehen!“, raunte mir Gerlind zu, „noch so einen Messerstich ertrage ich nicht.“

    Bevor ich antworten konnte, sagte der Edle zu Mausloch: „Keine Angst, Jungfer Knappe, Stahl ist in diesem Falle nicht hilfreich.“

    Jetzt kam Bewegung in den Voodoo-Priester. Mit einem Aufschrei warf er zwei Muschelketten kreuzweise in ein schwarzes, mit Kohlen auf den Boden gemaltes Dreieck und beugte sich darüber.

    „Was macht er jetzt?“, fragte ich flüsternd.

    „Er befragt das Fa-Orakel.“

    „Wozu das?“

    „Er ist sich noch nicht sicher, wie er das Mädchen heilen soll.“

    „Wieder ein Arzt, der im trüben fischt“, meinte Gerlind.

    „Nein. Er will kein Risiko eingehen. Er will ganz sicher sein, dass der Pfad, den er gewählt hat, der richtige ist.“

    „Und wenn er den falschen wählt?“

    „Dann stirbt sie.“

    „Mummenschanz!“, rief Gerlind aufgebracht, „er soll der Kleinen was zu essen geben! Wenn er´s nicht tut, tu ich es!“

    Pygmalion schüttelte energisch den Kopf. „Erstens nicht so laut, und zweitens wisst Ihr nicht, wovon Ihr redet. Dieses Mädchen verspürt schon lange keinen Hunger mehr, denn ihre Seele hat sie verlassen.“

    Der Voodoo-Priester blickte auf und sah zu uns herüber. Ich erschrak. Nie zuvor sah ich ein Gesicht von so wilder Fremdheit und gleichzeitig verlockendem Wohlwollen. Alle Leidenschaften schienen darin getobt und es wieder verlassen zu haben. Doch in diesem Blick erkannte ich keinen Zorn, höchstens die dringende Bitte, die Arbeit nicht zu stören.

    Wieder beugte sich der Heiler über das Kettenorakel und verharrte eine Weile regungslos. Dann richtete er sich auf und hielt eine kurze Ansprache, in der immer wieder die Wörter „moti minyoti“ vorkamen. Ich bückte mich zu Pygmalion hinunter und fragte leise: „Was sagt er?“

    „Er sagt“, kam es ebenso leise zurück, „dass das Mädchen unglücklich verliebt sei und nun nicht mehr leben wolle, und dass ihm das Orakel den Pfad der Heilung mitgeteilt hat.“

    „Woher weiß er denn, das es unglücklich verliebt ist? Hat er das aus den beiden Muschelketten herausgelesen?“

    „Die Mutter hat es ihm gesagt.“

    „Soso. Und auf welchen Pfad hat ihn das Orakel gewiesen?“

    „Den Pfad Moti minyoti, das heißt: Todeswunsch. Still jetzt!“

    Wieder blickte der Heiler in unsere Richtung; unsere Augen trafen sich, und auf einmal verspürte ich einen Druck auf der Kehle, sodass ich mich räuspern musste.

    Ich blickte verwundert zu Gerlind, die eigenartig schweigsam vor sich hin sah.

    Inzwischen hatten die Helfer einen schwarzen, kastenartigen Sarg mit aufgemaltem weißen Kreuz herbeigeschafft und auf einen Teppich aus rotem Atlas gestellt, der vor den Altar lag. Der Heiler nahm das Mädchen bei der Hand, legte es auf den Sarg und versetzte es in Trance. Dann bestreuten es die Voodoosi-Helfer mit Kräutern und wickelten es in Leinentücher ein. Anschließend hoben sie das Mädchen, das jetzt steif wie ein Brett war, auf und legten es in den Sarg.

    Wieder begann der eigenartige Singsang.

    Bisher hatte ich angenommen, dass der Sarg mit zu dem Spektakel gehörte, was Wunderheiler gerne veranstalten, um die Wirkung ihrer Darbietungen zu erhöhen. Das war auf dem Marktplatz zu Ulm so, warum sollte es hier anders sein. Doch jetzt fingen die Voodoo-Helfer an, neben dem Sarg eine Grube auszuschaufeln.

    Ich sah Gerlind, die anscheinend fasziniert und mit weiten Augen das Geschehen verfolgte, bestürzt an. Ich wollte etwas sagen, doch zu meinem Entsetzen brachte ich außer ein paar gurgelnden Lauten kein Wort hervor, mein Hals fühlte sich an, als sei er bis obenhin mit Nesseln gepeitscht. Jetzt fiel mir auch Gerlinds eigenartig starr-abwesender, wie hypnotisierter Blick auf, und ein eisiger Schreck durchfuhr mich. Ich versuchte sie zu packen und zu schütteln, doch ich brachte meine Arme nicht hoch; mehr noch, eine unwiderstehliche Kraft zwang mich, von Gerlind abzulassen und mich wieder dem Voodoo-Altar zuzuwenden. Obwohl ich mich nicht rühren konnte, sah und hörte ich doch alles klar und deutlich; wenn es nicht so gewesen wäre, meine Lieben Regenpfeifer, könnt ich es euch ja nicht erzählen.

    Das Grab war jetzt so weit ausgehoben, dass der Sarg darin hinabgelassen werden konnte. Während dies geschah, verstärkte sich der Gesang zu einer brausenden Klage; dann begannen die Helfer, das Grab wieder zuzuschütten. Als dies getan war, gingen der Voodoosi und seine Männer weg; auch die Versammlung löste sich auf.

    Das alles nahm ich mit völlig wachen Sinnen wahr; aber seltsam, ich verspürte weder Entsetzen, Angst oder Ekel. Wie oft hatten die Mägde an langen Winterabenden in der Spinnstube erzählt, dass jemand bei lebendigem Leib begraben worden war, wobei mir wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken jagten, besonders, wenn der vermeintlich Tote mit teuflischen Gelächter wieder aus dem Grab stieg. Aber hören oder selbst mit ansehen sind zwei ganz verschiedene Hüte. Nur wunderte ich mich, dass mich diese Barbarei jetzt völlig kalt ließ. Mir war es auch völlig gleichgültig, dass Gerlind und ich offensichtlich die Einzigen waren, die noch auf dem Platz standen, auch Pygmalion war nirgends zu sehen.

    Ich weiß nicht, wie lange wir so standen; es müssen mehrere Stunden gewesen sein, denn als der Heiler und seine Helfer wieder erschienen, war die Sonne bereits am untergehen. Der Platz füllte sich, und auch Pygmalion war auf einmal wieder da. Die Voodoosi holten den Sarg aus der Erde und weckten das Mädchen aus seiner Trance. Auch ihm wurde ein Getränk gereicht; nachdem es den Becher geleert hatte, rief es: „Ich habe den Tod gesehen – und jetzt will ich leben!“ und stürzte sich in die Arme seiner überglücklichen Mutter.

    Was gibt es noch zu berichten? Ach ja, natürlich! Als die Mutter ihr Kind in den Armen hielt, konnten wir uns wieder bewegen. Und auch mit meiner Stimme war wieder alles in Ordnung. Ich hätte gerne mit dem Wunderheiler ein ernstes Wörtchen geredet, doch Pygmalion riet entschieden ab. Sollte sich der Voodoo-Priester weiter erzürnen, meinte er, könnte er noch ganz andere Geschütze auffahren, zum Beispiel könnte er Oguns Pferde auf uns hetzten und uns den Verstand rauben.

    Tja, meine lieben Humpenschänder und Schweißfüßler, so hat es sich begeben. Wenn es nicht wahr wäre, würd ich es nicht erzählen.**

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    + Harz des Weihrauchs. * Ein traditionelles weißes Gewandt. & Ein Voodoo-Gott, dessen Insignien ein Säbel oder eine Machete ist. ** Möglicherweise ist diese Geschichte jetzt keine reine Prahlerei des Verf. Der Ethnologe Henning Christoph berichtet, wie sich während einer Voodoo-Ceance ein Mann ein großes Messer quer durch den Kopf stieß. Der Mann war in Trance: Ogun ritt auf ihm. Die anderen Voodoosi trugen ihn eine Stunde um ein Grab. Der ist tot, dachte Christoph. Dann zogen sie dem Mann das Messer aus dem Kopf. Die Wunden verklebten sie mit einer Paste. Der Mann erwachte, trank ein Bier und gab Christoph ein Interview. Er war gesund, konnte sich aber nicht daran erinnern, was kurz zuvor geschehen war. Auch die Heilung eines Mädchens in einem ähnlichen Fall ist bezeugt.


    Mundburt leert eine rare Flasche


    Das Erlebnis hatte mir einen gewaltigen Appetit beschert, und auch Gerlind knurrte der Magen.

    „Wir sollten einen guten Biss und eine guten Trunk einnehmen“, schlug ich vor, „mir hängt der Magen schon bis zu den Knien!“

    „Warum nicht?“, erwiderte Pygmalion, „es gibt nicht Wertvolleres als die Zeit, also lasst sie uns mit guten Werken füllen!“

    Der Edle zu Mausloch wusste ein Garküche unter Palmen, wir gingen hin und ließen auftischen, was das Land an Köstlichkeiten zu bieten hatte. Hier ein Auszug aus der Speisekarte:


    Eisbeeren,

    dicke Mandeln,

    Himbeeren

    Erdbeeren,

    Hühnereier

    Mönchseier

    Taubeneier

    Blaubeeren,

    Braunbeeren

    Eier-Pop-Eier

    Schlaubeeren

    Lügen in Gelee,

    Meineide in Aspik,

    dicke Lippe in Sauce,

    geschweintes Schlitzohr,

    geschlitzte Schweinschwänzchen,

    frische Buttermilch der frohen Denkart,

    Trichterbrust mit Weinschaumtunke à la Drago,

    Spitze Zungen in Schwiegermutterremoulade und Salat,

    Ochsenbacken-Ragout in Feine-Pinkel-Fondu im Nachttopf,

    schön kross gebratene Zeitungsenten mit Fakenew-Füllung,

    schwarz gegrilltes Angsthasenklein an geräuchertem Schnepfendreck,

    gedünstete Maulaffen mit Rahm von geschlagenen Obersten,

    Maulschellen al dente an gedünsteten Pissnelken-Gemüse

    gut pochierte Friedenstauben in voller Kriegsbemalung,

    kalte Hundeschnauze im heißen Kirschkernmantel,

    Fuchsteufelswild-Ragout mit Kraut und Rüben,

    geselchte Dumpfbacke in Schweißfuß-Sud

    Dazu Gröver Nacktarsch 1356er Eulenspiegel-Cabinet


    Ha, war das ein Schlecken, Schlürfen, Schlucken; ein Schmausen, Sausen, Schmatzen; ein Gabeln, Greifen, Grapschen; ein Löffeln, Lachen, Lupfen, ein – kurz, wir schmauseten so gewaltig, dass wir nicht wussten, ob wir gerade beim Morgenbiss oder beim Vesperbrot, beim Abendmahl oder an der Mittagstafel, am, über oder unterm Tisch saßen. Ja, meine lieben, mit den Mahlzeiten ist es wie mit den Sorgen: Je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr hat man; spart man aber, so ist es auch nicht recht.

    So aßen und tranken wir mit gutem Hunger, bis uns der Morgenruf des Muezzin daran erinnerte, dass der Zeitpunkt der Abfahrt nah war.

    Eh ich´s vergesse und jemand danach fragt: Trabto und der Zeisig waren auf Drängen Pygmalions in einem guten Stall untergekommen; die Hitze des Hochlandes, meinte er, würden die beiden nicht ertragen. Als der Wirt, ein pechschwarzer Nuba, hörte, dass sich Trabto von Wind ernähre und der Vogel das zweite Gesicht besäße, wollte er es zunächst nicht glauben; erst als Trabto einen gewaltigen Furz losließ, der die Datteln von einer ziemlich entfernt stehenden Palme schüttelte, war er überzeugt, dass ich die Wahrheit redete. Auch Schild und Harnisch ließ ich zurück; in einem Land, in dem nach Aussage Pygmalions nur friedliche Leute wohnen, wäre es nur hinderlich gewesen. Doch Schlagto nahm ich mit – für alle Fälle. Manchmal kommt es dümmer als man denkt.

    Forts. folgt

    Hallo Rumkeks,

    vielen Dank für deine freundliche Anteilnahme. Die Schachtelsätze sollen das unübersichtliche Treiben auf diesem Basar andeuten.

    "Männer in schmutzigen weißen Hosen, knielangen Umhängen MIT zerrissenen Sandalen an den Füßen ..."

    So hätten die Umhänge zerrissene Sandalen an den Füßen . . . Außerdem enthält der Satz schon 4mal "mit". Ich habe anfangs überlegt, ob ich überhaupt nur Kommas setzen soll, aber mE bringen die wiederholten "mit" die Mühsal des Schleppens besser zum Ausdruck.


    Der Kot, veraltet für Schlamm aus aufgeweichter Erde. "Staub" erschien mir zu schwach, "Dreck" kommt weiter unten vor.


    Natürlich kann man das eine oder andere ändern. Der Text enthält ja nicht die Zehn Gebote. Aber wichtig ist doch deine Begeisterung!

    Liebe Grüße, Mc Fee

    Weiterer Einzelheiten vom Volk der Almaten sowie über die Befindlichkeit der Flöhe.


    Da sie nur ein einziges Bein haben, das aus der Mitte ihres Körpers nach unten ragt, muss dieses die gesammelte Kraft der Sprünge entwickeln; dementsprechend kräftig ist es gebaut. Bei geübten Spielern ist das Oberbein breiter als der Körper und die Wade rund wie eine päpstliche Bulle*. Dementsprechend ist auch ihr Schönheitsideal. Während andere Völker schlanke glatte Glieder lieben, bevorzugen sie gedrungen-stämmige, von Flohstichen übersäte Arme und Beine, vor allem Beine. Immer wieder sah ich junge Männer vor einer Dame mit besonders elefantenhaft dickem Bein niedersinken und mit verliebtem Blick auf das ersehnte Glied einen Heiratsantrag stammeln.

    Das mit den Flohstichen hat folgenden Grund:

    Ihr heiliges Tier ist der Floh, dessen Sprungkraft sie bewundern. Ihm haben sie Tempel errichtet, ihm opfern und huldigen sie in vielfältiger Weise. Einmal im Jahr feiern sie das Stichfest, bei welcher Gelegenheit den Jüngsten die Freude des ersten Floh-Stiches zuteil wird. Dann erhalten sie auch ihre Rufnahmen; meisten Flohrine bei den Mädchen oder Flohrestan für die Knaben, was meistens auf den Kosenamen Floh hinausläuft. Nur der Gestochene ist ein vollwertiges Mitglied des Volkes, mit allen Rechten und Pflichten des Bürgers.

    Ihren König wählen sie folgendermaßen: Ähnlich wie das Volk von Rom zuzeiten den Krieger mit den meisten Narben zum Soldatenkaiser ausrief, wählen sie ihren König nach der Anzahl der Flohbisse. Der Kandidat wird, nur mit einem leichten Lendenschurz bekleidet, in einen Sack mit ausgehungerten Flöhen gesteckt und nach Verlauf einer Stunde wieder herausgeholt. Auf diese Weise wird ein Bewerber nach dem anderen der so genannten Stichprobe unterzogen. Dabei zählt ein unabhängiges Gremium unter großer Anteilnahme des Volkes die Einstiche. Derjenige Kandidat, welcher die meisten Stiche aufweist, ist der neue König. Allerdings, manchmal muss die Wahl schon nach wenigen Tagen wiederholt werden, weil der Glückliche wegen Blutverlustes das Zeitlich gesegnet hat.

    Wehe, wenn es jemand wagt, einen Floh in böser Absicht zu verletzen oder gar zu töten. Wird der Übeltäter dabei erwischt, ist ihm der Galgen sicher. Wer aus Versehen einen zertritt, muss für zwei neue sorgen und zehn notleidende ernähren. Begegnen sich zwei Almaten heißt es: „Wie geht es deinen Flöhen?“, und wer nicht mit „gut“, „ausgezeichnet“, „ganz hervorragend“ antwortet kommt sofort in den Verdacht, ein notorischer Nörgler und Miesmacher zu sein. Manchmal gibt es regelrechte Zuläufe; es bilden sich Trauben von Menschen, die sich gegenseitig beglückwünschen, in die Arme nehmen, sich die Augen wischen und andere Arten glücklicher Erregung zeigen. Dann hat eben jemand aus der Menge – wer, lässt sich meist nicht mehr feststellen – verkündet, sein Floh habe verwichene Nacht zahlreichen und gesunden Nachwuchs bekommen.

    Die Befindlichkeit der Flöhe ist überhaupt allgemeiner, unerschöpflicher Gesprächsstoff. Jedermann, jede Frau, jedes Kind im gehfähigen Alter kennt einen oder hat schon mal einem kranken Floh sein Blut geopfert. Die öffentliche Anerkennung, die ihnen zuteil wird, wächst mit der Zahl ihrer Blutspenden. Menschen mit glatter Haut werden mit Argwohn angesehen, man hält sie für Eigenbrötler und Sektierer. Die besten Aussichten, einen Meisterbrief zu erhalten, haben nicht die Gesellen mit der größten Kunstfertigkeit in ihrem Handwerk, sondern die mit den meisten Flohstichen im Gesicht.

    Flohzirkusse, wie bei uns auf Jahrmärkten oder Kirchweihfesten, sind bei ihnen verpönt. Sie sagen, es sei unter der Würde eines Flohs, winzige Wägen zu ziehen oder nutzlos Bälle zu schießen. Dafür lieben sie Floholympiaden; den Floh-Athleten mit dem weitesten Sprung feiern sie wie einen Nationalhelden.

    Vielleicht ist dies noch interessant. Ich machte die Bekanntschaft einer Jungfer (der einzigen Cousine des Edlen zu Mausloch), einer Flohristin mit Namen Flohrine von Flohto, die ihren Lieblings-Floh immer in einem Säckchen bei sich trug, nett gebettet in einem samtgefütterten Büchslein, einer winzigen königlichen Sänfte gleich, kunstvoll aus der Schale der Coquilla-Nuss geschnitzt und mit Duftstoffen präpariert. Sie kümmerte sich um ihn und setzte ihn alle Tage eine halbe Viertelstunde auf den Arm, daraus saugte der Floh etliche Tropfen Blut, ohne dass sie dasselbe als unangenehm empfand. Ich sah es selbst und kann es bezeugen.

    Ha! Die Glückliche! Ich denke, meine lieben Frauen und Jungfrauen, auch von euch trägt die eine oder andere vielleicht ein Kästchen mit Flöhen darin unterm Rock – aber dann ist es keine Erz-Sänfte, es besteht auch nur aus Fischbein und ist eine – – Flohfalle.

    Inzwischen habe ich erfahren, dass sich manche einen Floh ins Ohr setzen, bevor sie spazieren gehen; unterwegs, so heißt es, hören sie dann die neuesten Nachrichten.

    Die Bewohner dieses glücklichen Landes selbst sind bei all ihren menschlichen Schwächen keine verkehrten Leute. Ihre Philosophen schätzen sie so wenig wie jedes andere Volk auf der Welt; allerdings würden sie nie soweit gehen, einen von ihnen den Schierlingsbecher** zu reichen, auch wenn die Wahrheit, die er verkündet, noch so bitter ist. Sie haben ein Verfahren gewählt, ihn außer Landes zu treiben: Sie nennen ihn einen Narren und Spaßverderber und lachen ihn aus.

    Woher ich das alles weiß? Na woher wohl? Der Edle zu Mausloch hat´s mir erzählt, denn er stammt ja aus dieser Gegend.

    _____________

    * Von frz. Boule, Kugel, rundes Wachssiegel päpstlicher Schreiben. ** An dem Sokrates starb.



    Mundburt misstraut der kunstreichen Bewegtheit des Feuers.


    Da das nächste Reise-Käng´guruh zum Grab des Königs erst am anderen Morgen abstieß, blieb noch Zeit für einen Besuch des Bazars von Alma Mater, der, wie uns der Edle versicherte, das ganze Land auf engem Raum zusammenfasse. Schild und Schwert ließ ich in der Herberge, denn ich rechnete nicht damit, dass es etwas zu fechten gab.

    Nun zum Bazar.

    Dieser Bazar schlug mich sofort in seinen Bann. Ein dichter Strom hüpfender Menschen floss zwischen den Buden dahin, wie der Strom der Zeit, ohne Hast und Eile. Es schien, als sei alle Welt auf dem Bein und alle Häuser leer. Dazwischen immer wieder bipede° Gestalten aus allen Gegenden Africas: Männer bärtig oder glatt rasiert, gewalttätig-martialisch dreinblickend oder fromm-ergeben; Frauen mit schwer beladenen Körben auf dem Kopf, vor der Brust Tücher mit kleinen Kindern; Krieger aus dem Bergland mit Stangen, Speeren, Spießen, Schleudern; Kaufleute und Beamte; Muslime, Christen, Juden, an ihren Gewandungen kenntlich und mit unterschiedlichen Kopfbedeckungen. Dazwischen, wie Leuchttürme, groß gewachsene Nuba aus der Wüste in bunten Gewändern; Handwerker aus Meroe°° mit nackten glänzenden Oberkörpern, Hammer und Meißel am Gürtel; Beduinen aus dem Sahel, lange fallende wüstenfarbene Mäntel über den Schultern, auf dem Kopf den prächtigen Tarbusch, mit seidenen Quasten behängt. Frauen im Hijab oder im Tscharschaff, dem züchtigen Gewand der Muslimin. Dann, mitten im Menschenzug, schwer beladene Esel, die bedauernswerten Sklaven der Tierwelt; Kamele, hochnäsig, als wüssten sie den hundertsten Namen Allahs, von zerlumpten, schreienden Hütejungen geführt.

    Diese betörend bunte Welt, dieser Wirrwarr aus Männern, Frauen, Kindern, Kamelen, Eseln, Hunden, Hühnern, Affen, Papageien, diese Kakophonie der verschiedensten Laute, Rufe und Gesänge war zu einer unbeschreiblichen Einheit verschmolzen, die in Strom und Gegenstrom unterschiedlichen Zielen zustrebte, langsam, wiegend, wallend, wie in Trance. Darüber lag der Geruch gebratenen Hammelfleisches, siedenden Olivenöls und faulenden Obstes, das Geschrei der Höker und Händler, das „II-AHHH“ der Esel, das Gezeter streitender Marktweiber, das „Allah akbar“ des Muezzins. Und alles geschah unter freiem Himmel, im Glanz eines ewigen Frühlings.


    ***

    Wir kamen auf einen weiten, ungepflasterten Platz, der von einer staubigen Mauer umgeben war. Mitten drin plätscherte ein Brunnen. Männer in schmutzigen weißen Hosen, knielangen Umhängen, zerrissene Sandalen an den Füßen, schleppten sich mit Fellen und Häuten, mit Schläuchen voller Ziegenmilch, mit Trauben und Melonen, mit Holzkohlenbündeln und anderen ländlichen Waren ab.

    Ein kleines Mädchen kam auf uns zu und hielt die Hand auf. Gerlind berührte mich am Arm und blieb verdutzt stehen, und jetzt sah ich es auch. Das Kind besaß weder Mund noch Nase, das kleine Gesicht war, bis auf zwei winzige, kreisrunde Öffnung, ganz glatt. Pygmalion legte ihr einen Obolus in die Hand, und das Mädchen huschte zurück zu der bunten Gruppe am Brunnen.

    Ungläubig trat ich näher.

    Ja, es war keine Sinnestäuschung. Da saßen Leute ohne Nase und Mund, mit ganz glattem Gesicht; anderen fehlte die Oberlippe, wieder anderen die Unterlippe, manchen fehlte beides. Da waren welche mit zugewachsenen Mündern, sie tranken und aßen durch die Nase und atmeten offensichtlich durch die Ohren. Einige winkten sich gegenseitig zu, statt zu sprechen, oder machten mit den Gliedern Verrenkungen, die als Körpersprache gelten konnten, denn sie besaßen keine Zungen. Jetzt erblickte ich mehrere halbnackte Kinder ohne Ohren und Nasen, die im Kot des Platzes spielten. Das Kind von eben saß am Brunnenrand und saugte durch einen Trinkhalm Nahrung auf. Mir stockte der Atem ...

    Ich wusste, dass im Orient zuweilen die schrecklichsten Strafen verhängt werden; Dieben schneidet man die Ohren ab, korrupten Beamten die Nase; Söhnen, welche die Hand wider ihre Elten erheben, die Hand; Hochverrätern die Zunge. Aber bisher war es nur ein Hörensagen, das ich ohne innere Anteilnahme und Ergriffenheit vernahm. Doch jetzt, wo ich diese Menschen sah, mit ihren verstümmelten Gesichtern, ihren hilflosen Bewegungen, ihren stummen Gesten, manche schwarz vor Kummer, erfasste mich eine Welle des Mitleids. Diese Kinder ...

    Wohl, auch bei uns verhängt die Obrigkeit harte, zuweilen grausame Strafen. Aber es bleibt doch mehr oder weniger bei Einzelfällen. Spricht doch der HERR: Die Rache ist mein! Was mich auf diesem Platz besonders erschütterte waren nicht nur die Kinder, sondern ebenso die große Anzahl der Gezeichneten; nicht allein am Brunnen saßen sie, der weite Platz war mit diesen traurigen Gestalten und ihrem Anhang gefüllt; es müssen sicherlich weit über fünfhundert gewesen sein.

    Auch Gerlind empfand offenbar ähnlich; sie hatte die Hände vor´s Gesicht geschlagen und sich abgewendet, ihre Schultern zuckten.

    „Was haben diese Menschen verbrochen, dass ein grausamer Herrscher sie so straft!“, brachte ich mühsam hervor, „und dann auch noch die Kinder!“

    „Nichts haben sie verbrochen“, sagte Pygmalion, „sie sind auch keineswegs gestraft. Es ist ihre natürliche Gestalt. Die Götter haben sie so geschaffen.“

    Ich muss wohl ziemlich dumm dreingeschaut haben, denn seine Kleinigkeit lachte hell auf.

    „Macht die Augen auf, Herr Ritter, und schaut Euch die Leute an. Wirken sie wie grausam Gestrafte?“

    Jetzt fiel mir auf, dass die beiden Kleinen keineswegs einen verstörten Eindruck machten, sie wirkten durchaus gesund, denn sie zogen sich an den Haaren und bewarfen sich mit Dreck. Auch die Augen der Erwachsenen, soweit ich sehen konnte, sahen mir nicht wie Spiegel zerbrochener Seelen aus, vielmehr las ich in ihnen die scheue Art einsamer Bergvölker.

    „Alle diese Leute“, erklärte der Kleine, „stammen aus Königreichen im inneren Aethiopiens, die so hoch gelegen sind, dass die Sonne alles schwarz brennt. Dort gibt es Gebirge, die so rot aussehen wie glühende Kohlen und so heiß sind, als stünden sie in Brand. Da ist es kein Wunder, wenn die seltsamsten Tier- und Menschengestalten entstehen, denn die Bewegtheit des Feuers ist in der Bildung der Körper und Formierung der Gestalten sehr kunstreich.“

    „Ha!“, rief ich, „die kunstreiche Bewegtheit des Feuers! Das habt Ihr schön gesagt! Nur mag ich es nicht so recht glauben!“

    „Dann wartet noch ein Weilchen, lieber Herr“!, rief der Zwerg, „bis wir ins Tal der Könige reisen! Auf dem Weg dorthin werden wir noch weit wunderlichere Gestalten antreffen!“*

    ____________

    ° Zweibeinige. °° Pyramidenfeld im heutigen Sudan, z. Z. der Erzählung bereits 2T. Jahre alt. * Diese und ähnliche Gestalten sind keineswegs Fantasiegebilde des Verf. Plinius u. a. antike Historiker bzw. „Reiseschriftsteller“ bezeugen, sie in Aethiopien, das damals am Südrand der bewohnten Welt lag, gesehen zu haben.

    F.f

    Beschreibung Almatiens nebst gewisser Eigentümlichkeiten seiner Bewohner.


    Stellt euch ein unermessliches Land vor, meine Lieben, in dem die überraschendste Abwechselung von Bergen, Hügeln, Tälern, Wäldern und Wiesen das Auge erquickt; einen herrlichen Lustgarten unter der Herrschaft eines ewigen Frühlings mit den angenehmsten Temperaturen; in dem, wohin man auch blickt, die quellende Fülle blühender Landschaften leuchtet; alles ausgebaut und künstlich bewässert; überall sattes Grün und der verführerische Duft blühender Obstbäume, auch von Kutteln, Felgen, Persischen, Chinesischen und syrischen Kinkeln, Matronen, Zitronen, Patronen, Granaten, Garanten und den vielfältigsten bunten Blumen, alles ohne Pflege und frei vom Zwang des Gärtners gewachsen wie bei uns die Eicheln; stellt euch weiter ein Land vor mit Hainen, in denen Myrte und Jasmin, Amors und Cytheräens* Lieblingsblumen nicht in Töpfen oder Hecken, sondern auf Bäumen wachsen, voll erblüht wie die Lippen der Schaumgeborenen Aphrodite.

    Und diese herrlichen Wälder sind erfüllt vom lieblichen Gesang unzähliger Arten von Vögeln; belebt von tausend bunten Papa- und Mamageien sowie deren Kindern und Kindeskindern, Neffen und Nichten, die alle aufzuzählen zu weit führen würde; von Finken, Stinken und Hinken, deren bunt-schillerndes Gefieder im Glanz der Sonne erstrahlt; durchzogen von gewaltigen Herden wilder Tiere wie Antipoden, Lopopoden, Popopausen, Kletter-, Klammer- und Klemmleistenaffen und weiß Gott was noch alles; dann überall Bäche und Quellen vom reinsten Blau mit Auen voll von Orchideen, Hyazinthen, Orchizynthen, Lilideen, Zynthileen, Liliorchen und anderem exotischem Gewächs, zwischen dem der Reisige auf weichem Boden dahinschreitet wie Olympias selige Genien.

    Die Hauptstadt heißt Alma Mater, ihre Bewohner nennen sich die „Materialisten“, deren Fest-Hekatomben sich die Götter vorzüglich gefallen lassen. Dieses deutet doch wohl auf ein uraltes und im Wohlstand lebendes Kulturvolk hin. Ob es die Stammväter der jetzigen Araber und Aegyptier, ob diese mit ihnen verwandt sind, ist nicht zu ermitteln, namentlich macht die schwarze Farbe der Almaten Schwierigkeit, wenn wir sie arabischer Herkunft sein lassen wollen; auch spricht die Tatsache, dass sie nur ein Bein besitzen, sowie ihre Kleinheit dagegen. Was Herodot vom Tisch der Sonne erzählt, findet der Reisende hier bestätigt.

    Mit diesem Tisch hat es folgende Bewandtnis: Es gibt eine Wiese dicht vor der Stadt Alma Mater, voll gekochten Fleisches aller vierfüßigen Tiere auf silberne Tellern; bei Nacht legen nämlich immer diejenigen Bürger, an welchen die Reihe ist, sorgsam das Fleisch darauf, bei Tage aber geht hinzu, wer Lust hat, und isst, und die Leute des Landes sagen, das käme jedesmal aus der Erde selber hervor. Was Herodot ferner von ihnen erzählt, schildert sie als einfache, klein-kräftige und edel denkende Menschen, welche ihrer Nahrung und Lebensweise ein langes Leben, und einer Quelle mit äußerst mildem Wasser unerschütterliche Gesundheit verdankten. Astronomische und medizinische Kenntnisse sind bei ihnen heimisch, und wenn die Priesterkolonien, welche Aegyptien urbar machten, das Steigen und Fallen des Nils ordneten, das Volk entwilderten, auch wirklich, wie man zu vermuten Ursache hat, aus Indien nach Afrika gekommen sind, so kamen sie doch unstreitig zunächst über Almatien, so dass dieses Land und dieses Volk das früher gebildete war.

    Wegen ihrer geringen Körpergröße machen sie sich übrigens keine Sorgen. Sie verfallen nicht in den Fehler, sich mit hochgewachsenen Nachbarvölkern zu vergleichen und bemerken spöttelnd, es sei ein Irrtum, einen Flohsprung nach Menschen-, nicht nach Flohfüßen zu bemessen. So vergleichen sie sich mit den aethiopischen Pygmäen aus den Sumpfgebieten zwischen den Quellarmen des Nil, die von besonderer Kleinheit sind, und kommen sich dabei ganz groß vor.


    Dass Allererstaunlichste aber ist die Art, wie sie sich fortbewegen und ihre Lasten transportieren. Alles hüpft dort und springt, nichts rollt. Obwohl sie das Rad kennen, benutzen sie es nicht. Dazu passt folgende Sage: Einst war Andromeda, die wunderschöne Tochter Cepheus´, des Königs der Aegyptier, und seiner Gattin Cassiopeia, die durch ihre Schönheit den Neid der Götter erregte, auf einer Reise zum Sonnengott Helios; da gingen Pha-eton, Helios´ Sohn, der sie abholte, die Pferde durch; die Achsen des Sonnenwagens erglühten und fingen Feuer. Mit kühnem Sprung rettete sich Andromeda an den kühlen Nordhimmel. Von Zorn erfüllt verfluchte sie das Rad und bat ihren Vater, bei Zeus zu erwirken, dass er eine Menschen-Rasse erschaffe, die sich nie rollend, sondern immer nur springend fortbewege. Zeus kam dem Wunsch des mächtigen Königs nach und erschuf zunächst den Floh, dem er ungeheure Sprungkraft verlieh. Als er sah, wie hoch dieses kleine Tier springen konnte, fürchtete er, ein viel größerer und stärkerer Mensch mit zwei kräftigen Sprungbeinen könnte in den Himmel springen und die ewige Ruhe der Götter stören. So schuf er die Almaten mit nur einem Bein und auch kleiner als andere Völker. Zum Beweis für die Richtigkeit dieser heiligen Geschichte führen sie die Milchstraße an, die sie Rauchstraße nennen; es sollen Rauchschwaden sein des Brandes, dem sie ihren Ursprung verdanken, und die immer noch über den Nachthimmel ziehen.

    Diese hüpfende Art der Fortbewegung ist schon von antiken Globetrottern bewundert und der rollenden als überlegen geschildert worden; Banausos von Busento etwa schreibt: 'Für den Transport schwerer Lasten haben sie eigenartige Tiere, die sie Kän-guruhs nennen, mit einem Beutel oder Korb vor dem Bauch, in die eine Unmenge Zeug hineingeht. Sie haben die Größe eines starken Pferdes und sitzen, wenn sie nicht gerade unterwegs sind, auf ihrem Schwanz wie eine Kuhmagd auf dem Melkschemel. Dieses Getier ist so abgerichtet, dass es das Ziel ohne Führer finden, sie springen los und sind schon nach wenigen Sprüngen den Blicken entschwunden, mit einer Kraft und Schnelligkeit, dass es dem Betrachter den Atem verschlägt. Dementsprechend hoch ist auch ihre Geschwindigkeit. Die Strecke von hundertdreißig attischen Stadien, also eine gewöhnliche Tagesreise+, legen sie, da sie nicht mit schlechten Wegen zu kämpfen haben, je nach Beladung in weniger als drei Stunden zurück.'

    Soweit Banausos von Busento; was er schreibt ist wahr, denn ich habe es selbst gesehen und noch viel mehr.

    Auf Straßen und Wege können die Almaten deshalb weitgehend verzichten; in ihrer Hauptstadt gibt es nur eine einzige Straße, die jedoch nicht für den öffentlichen Verkehr bestimmt ist, sondern für Paraden zu Ehren ihres Königs. Dafür besitzt die Stadt viele Plätze; auf manchen wird Markt gehalten, auf anderen werden die Kän-guruhs be- und entladen. Kleinere Plätze, die für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind, dienen den Lasttieren als Sprungstellen. Der gemeine Mann, wenn er etwas transportieren will, bedient sich kleinerer Tiere von Hunde- oder Katzengröße, langschwänzige grün-beschuppte Wesen, die sie Dinos nennen°°, und die sich ebenfalls springend-hüpfend fortbewegen, solcherart, wie ich es auf der Welt nie wieder angetroffen habe. Auch gibt es im ganzen Land weder Brücken noch Stege; Hindernisse wie Flüsse, Bäche, Gräben, Sümpfe, Hügel, Fels- und Gaumenspalten, Mauern, Zäune, Herden von Tieren, Ansammlungen von Menschen, Mägden und Mäusen. Advokaten, Gerichtspräsidenten, Kurienkardinäle und andere hohe Tieren werden ohne weiteres Überlegen übersprungen. Auch habe ich nirgendwo Treppen, Leitern, Gerüste, Podeste oder dergleichen gesehen; will jemand in eine höher gelegene Wohnung, so springt er einfach zum Fenster hinein. Überhaupt ist das Springen eine ihrer beliebtesten Beschäftigungen; sie lassen keine Gelegenheit aus, auf etwas hinauf- oder von etwas hinunterzuspringen. Wenn sie sich ausruhen oder meditieren wollen, springen sie auf hohe Bäume oder auf eigens für diesen Zweck eingerichtete Stühle auf hohen Stangen, die überall in der Stadt verteilt sind; dort sitzen sie mit glücklichen Gesichtern, lassen sich leicht vom Wind schaukeln und gehen befreit von der Schwerkraft der Erde unbeschwert ihren Gedanken nach, als säßen sie auf dem Mond. Sehenswert sind auch ihre Etagenbetten, denen die untere Etage fehlt, und die schon die Kleinsten im Sprung nehmen.


    Ihr, meine lieben Ohrenkneifer und Nasenzieher, habt sicherlich noch den Edlen zu Mausloch vor Augen, wie er mit seinem einzigen Bein durch die Wüste hüpft und dabei versucht, ein Gespräch zu führen. Ja grinst nur; er sieht es nicht, der Gute, und ich verzeihe euch. Wie würdet ihr aber erst die Backen aufblasen, wenn ihr eine ganze volkreiche Stadt vor euch hättet, deren Bewohner sich auf eben diese Art fortbewegen und dabei auch noch die letzten Neuigkeiten zurufen! Ich sah es! Es war ein unbeschreiblich ergötzliches Bild, und ihr könnt mir glauben, meine Lachmuskulatur schlug Falten vor Vergnügen. Doch ich lachte nicht laut, sondern nur in mich hinein, denn es ist nicht schicklich, sich öffentlich über die Eigenarten fremder Völker zu moquiren. Außerdem hätte es vielen missfallen.

    Da ich an euren Mienen sehe, dass ihr noch mehr von diesem wunderlichen Volk hören wollt, fahre ich also fort.

    _____________

    * Lat. Name der Aphrodite. ° Bildhafte Felsgravuren. °° Vermutl. ein ausgestorbener Kleinsaurier. + Ca. 25 Km.

    F. f

    Mundburt sorgt für eine nötige Wiedervereinigung.


    „War nicht nett von Euch“, sagte der Edle zu Mausloch und blickte mich traurig an.

    „Was war nicht nett?“

    „Dass Ihr mich in einem Atemzug mit Kakerlaken nanntet.“

    „Ach du je! Daran hab ich überhaupt nicht gedacht! Außerdem meinte ich nicht Euch persönlich, sondern im Allgemeinen einen Un–“

    „Gleichwohl habt Ihr mein Volk beleidigt!“

    „Natürlich, ich seh´s ein. Lieber Herr, könnt Ihr mir noch einmal verzeihen?“

    „Verzeihung gewährt! Aber bitte in Zukunft –“

    Wir wurden unterbrochen, denn Herrn von Bocks andere Hälfte wandte sich ebenfalls zu Flucht. „Ihr bleibt!“, rief ich, „oder ich schlage Eurem Untersatz die Beine ab!“

    „Was wollt Ihr?“, rief Herr von Berg und hielt an.

    „Ich will, dass Ihr Euch mit Eurer anderen Hälfte wieder vertragt!“

    Inzwischen war auch Herr von Bock herangekommen; beide Hälften standen sich jetzt Aug´ in Aug´ gegenüber.

    „Mein Freund“, sagte Herr von Bock, „der Herr Ritter hat Recht. Komm, lass uns wieder gemeinsam durchs Leben gehen! So geht’s doch auch nicht! Mit halbem Herzen kann man auf die Dauer doch nicht leben!“

    „Aber mit halbem Arschloch kann man auf die Dauer prächtig scheißen!“, kam es böse zurück, „man muss nur weniger fressen.“

    "Ihr redet wie einer mit halbem Hirn so redet."

    „Und wie sieht´s mit der Liebe aus?“, mischte sich Gerlind ein, „mit halbem ... ähem und so?“

    „Wer ist denn die da?“

    „Eine, die anscheinend mehr von der Liebe versteht als Ihr!“, rief Gerlind.

    „Papperlapapp! Weibergeschwätz!“

    „Bruder!“, rief Herr von Bock, „nun nimm doch Vernunft an!“

    „Nenn mich nicht Bruder!“, fauchte Herr von Berg.

    „Doch, ich nenne dich Bruder, denn wir sind zumindest Halb-Brüder, durch gleiches Blut verbunden.“

    „Und nur zusammen habt Ihr einen ganzen Arsch!“, bestätigte Gerlind, die offensichtlich an dem Geplänkel Gefallen fand, „wie es sich für jeden anständigen Christenmenschen gehört.“

    Die Sache drohte ins Triviale abzugleiten. Deshalb flüsterte ich Herrn von Bock zu: „Reitet längsseits und verwickelt Eure andere Hälfte in ein Gespräch.“

    Der verstand. „Herr Halbbruder“, sagte er und ritt näher an seine andere Hälfte heran, „Ihr werdet es nicht glauben, aber irgendwie habt Ihr mir gefehlt. Euer Mut, Euer Einfallsreichtum, Euer Tatendrang hatte auch gute Seiten! Denkt doch nur –“

    „Ha, komm mir nicht so, du Schleimscheißer! Willst mich wohl mit guten Worten ködern! Nichts da! Verspüre nicht die geringste Sehnsucht nach dir!“

    „Na gut denn. Dann lass uns wenigstens, bevor wir uns für immer trennen, noch gemeinsam ein Stück Seit´ an Seit´ reiten, damit mir der Abschied nicht so sauer wird.“

    Sei es, dass auch ein Bösewicht mit halbem Hirn nicht mehr so schnell reagiert, sei es, dass Herr von Berg tatsächlich die Absicht hatte, auf die Bitte seiner besseren Hälfte einzugehen; wie dem auch sei, er ließ es zu, dass Herr von Bock ganz nahe längsseits kam. Auf diesen Augenblick hatte ich nur gewartet. Ich versetzte Herrn von Bergs halbem Pferd einen kräftigen Stoß, sodass es gegen seine andere Hälfte taumelte; gleichzeitig riss ich das wundertätige Vließ aus der Satteltasche und warf es den Ritterhälften über, worauf unverzüglich ein Verschmelzungsprozess in Gang kam. Schon wenige Herzschläge später waren beide Hälften soweit zusammengewachsen, dass eine Trennung nicht mehr möglich war, und noch etwas später waren sie wieder´n Kopp un´n Äß, wie meine Muhme immer zu sagen pflegte.

    Wenn ich nun geglaubt hätte, ich könnte wenigstens jetzt Dankbarkeit ernten, wäre meine Scheuer erneut leer geblieben. Als nämlich Herr Geilherr von Bocksberg merkte, dass er wieder ein ganzer Ritter und Mann war, mit allen guten und schlechten Eigenschaften, ließ er sein Pferd Nidhardt-Feuerherz steigen, rief: „Gehabt Euch wohl!“, wendete und ritt davon.

    Ach jetzt erwies sich wieder einmal: Undankbarkeit ist eben der Welten Lohn.

    Aber wenigstens Anerkennung wurde mir zuteil, und zwar von Gerlind, meiner wackeren Gefährtin. Strahlend lief sie auf mich zu, umhalste mich, küsste mich und rief begeistert: „Mundburt, o Mundburt, o du mein starker Held! Wie hast du das denn wieder geschafft?“

    Der Rest ist schnell erzählt. Aus einer Fischerhütte am Fluss besorgten wir uns etwas zu essen (Wasser war ja genug da), dann schifften wir uns nach Ähtiopien, zum Lande der Almaten ein, welches Ziel wir ohne nennenswerte Zwischenfälle erreichten.

    Ja, genau so war es, meine lieben Ohrwürmer und Wadenkneifer. Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt den wiederhergestellten Ritter, er wird es Euch bestätigen. Wenn ihr ihn trefft. –


    So, Herr Schreiber, das wär´s für heut. Habt Euch wacker geschlagen, zählte nur zweihundert Dintenkleckse, nicht schlecht bei so vielen Buchstaben. Übermorgen geht’s weiter. Und pflegt Eure Schreibhand gut!

    F.f


    Das nächste Kapitel. Eine seltene Art der Fortbewegung und eine verstörte Störchin.


    Nach Gerlinds Worten war folgendes geschehen: Kurz nachdem Pygmalion und ich hinuntergestiegen waren, legte der Sturm bei; eine kleine Weile war sogar Windstille und blanker Himmel. Dann kam der Sturm, wütender noch und zum Orkan gewachsen, zurück, allerdings aus der entgegengesetzten Richtung. Mit Staunen beobachteten sie, wie ein Sandberg nach dem anderen verschwand; schließlich kam der felsige Untergrund zutage, blankgefegt wie ein Deelenboden an Pfingsten. Pinkerton, mein guter Zeisig, sei immer unruhiger geworden und habe ständig in eine bestimmte Richtung gewiesen. Daraufhin habe sie ihre Nase zur Tür hinaus und in diese Richtung gehalten; da sie sah das grausame Gewölk wie abgeschnitten, dahinter strahlend blauer Himmel, in den sich eine Schar weißer Vögel schraubte.

    „Wir mussten nicht lange überlegen“, ergänzte Herr von Bock mit halber Stimme, „um die Botschaft des weisen Vogels zu erkennen. Kaum waren die Pferde gesattelt und wir aufgesessen, da ergriff uns eine starke Bö von hinten und trieb uns in einen Hohlweg, und, ohne dass ich genau sagen könnte, wie es geschah –“

    „– fanden wir uns“, nun wieder Gerlind, „am Fuße dieser Felswand wieder. Ich hörte deinen Ruf, blickte nach oben, und das sah ich dich.“ –


    Doch ich greife vor. Noch hockten wir oben im Gang, der Edle zu Mausloch und ich, vor uns die grausige Tiefe.

    Nun wollt Ihr natürlich wissen, meine lieben Zitronenfalter und Schwalbenschwänze, auf welchem Weg wir so schnell nach unten zu meinem Knappen und dem halbedlen Ritter fanden – –

    Ha, Ihr gingt zurück durch den schröcklichen Orkus, zur Tür hinaus und dann zu Fuß den Hohlweg entlang – Nein, Herr Bürgermeister, wir fanden einen bequemeren und kürzeren Weg. – Oha!, gab´s denn noch einen anderen? – Ja, Jungfer Liese, den gab es! – Ja, zum Kuckuck, welchen? Doch nicht etwa geradeaus? – Doch, Frau Meisterin, Ihr habt´s! Einfach geradeaus. – Wie? Was? Wieso steht Ihr dann noch vor uns? Da war doch der schreckliche Abgrund! – Ja, wieso . . . Wer´s errät, kriegt eine Schüssel fette Kuddeln umsonst – – – wie, was, ihr erratet es nicht? Na schön, dann muss ich wohl selbst mit der Sprache heraus und die Sache klären.


    Bevor ich zum zweiten Mal in die Unterwelt hinabstieg, hatte ich doch ganz selbstverständlich nach Schwert und Schild gegriffen, so wie man ganz selbstverständlich nach Messer und Gabel greift, wenn es was Küchenmäßiges auszufechten gilt. Wie ich also dasitze und den verwandelten Untoten zusehe, die sich höher und höher in den Himmel schrauben, fast ohne einen Flügel zu rühren, fragte ich mich, wie das sein kann, wo Dädalos, wie jeder weiß, doch abstürzte bei dem Versuch, es ihnen gleichzutun. Nach einigem Nachdenken kam ich auf des Rätsels Lösung. Sein Fehler war: Der Gute wollte, von Ikaros verführt, einfach zu hoch hinaus! Über die Wolken hin zur Sonne! Deshalb ließen die Götter das Wachs seiner Flügel schmelzen, und er stürzte ins Meer. Ich aber wollte nicht nach oben, sondern nach unten! Schlichtweg zurück auf die Erde! Welcher Gott dieses Landes sollte mir da zürnen? Spuckte mutig in die Hände und fragte: „Herr von Mausloch, haltet Ihr mich für einen ehrlichen Mann?“

    „Durchaus, Herr.“

    „Glaubt Ihr mir, wenn ich sage: Hier ist mein Schwert, dort mein Schild, obwohl Ihr keines von beiden seht?“

    „Die Wirkung Eures Schwertes kann ich an diesem Gitter ablesen. Doch bezüglich des Schildes . . .hmm, nun ja . . . ein kleiner Beweis könnte meinem Zweifel abhelfen.“

    Ich stieß Fangto so heftig auf den Boden, dass der Berg erzitterte.

    „Gut, gut, ich glaube es ja! Worauf wollt Ihr hinaus?“

    Kurz darauf ließ eine Adlerin Saladins*, die gerade auf einer hohen Palme ihr Junges fütterte, verstört den Fisch fallen, den sie im Schnabel hielt, denn der Anblick, der sich ihr bot, war einfach zu ungewöhnlich: Zwei Menschen, ein kleiner und ein großer, schwebten flügellos vom Himmel, wobei der Kleine, der nur ein Bein besaß, an den Beinen des Größeren hing; der hielt die Arme gestreckt, als klammere er sich an etwas über ihm fest. Daraufhin schüttelte die Adlerin so heftig den Kopf, dass ihr auch der nächste Fisch aus dem Kropf flog. Nachdem wir –

    – was, ihr lacht? Ihr glaubt mir schon wieder nicht? Ha! Affigo, wenn es nicht wahr wäre, würd ich es nicht erzählen!

    ___________

    * Adler Saladins = Wappenvogel Ägyptens.


    Mundburt schlägt eine zahlreiche Räuberbande in die Flucht.


    Äußerst zufrieden über die geglückte Rettung der Untoten vergaß ich doch nicht, Gerlind von Kynas´ Tod zu berichten. Die Nachricht nahm sie mit Bestürzung auf und begann, den „armen Hund“ in den höchsten Tönen zu loben. O wenn doch die Menschen schon zu Lebzeiten des Verblichenen die Güte hätten, seine Taten zu würdigen! Dann hätte er wenigstens noch was davon! Mitten in der Lobrede wurde sie jedoch von Pygmalion unterbrochen. „Ich glaube, wir bekommen Besuch“, raunte er und wies in Richtung Fluss. In diesem Moment sauste ein Pfeil an meinem rechten Ohr vorbei, unmittelbar danach an meinem linken, und eine raue Stimme rief: „He, ihr da, bleibt wo ihr seid und keine Bewegung, sonst ziele ich genauer!“

    Hinter einer dicken Palme trat eine zerlumpte Gestalt hervor, und im Nu waren wir von einem Dutzend oder mehr struppig-verwegener Gesichter und starrenden Lanzenspitzen umringt. Jetzt löste sich aus dem Schatten des Waldes ein schmale Gestalt auf einem schmalen Pferd und ritt auf uns zu. „Ich wusste es doch!“, rief Herr von Bock verzweifelt, „meine andere Hälfte! Also hat mich der Halunke doch verfolgt!“ Er blickte angestrengt hin. „Und da hängt auch die Satteltasche mit dem gestohlenen Vließ.“

    Auch die andere Hälfte hatte ihre fehlende Hälfte erkannt, denn der schmale Reiter rief: „Ha, meine bessere Hälfte! Zum Teufel, werde ich dich denn nie los?“

    Darauf Herr von Bock: „Das Gleiche kann ich von dir behaupten, mein Freund! Warum verfolgst du mich? Lass mich doch in Frieden leben und Gutes tun!“

    „Habt ihr das gehört, Männer?“, kam es knödelig zurück, „meine bessere Hälfte will Gutes tun! Ich bescheiß mich gleich vor lachen! Meine bessere Hälfte will wieder mal Gutes tun! Scher dich zum Teufel! Wie sah denn das Gute aus, he? Knüppel hast du mir zwischen die Beine geworfen, wenn es mit gutem Gewinn was zu hauen und zu stechen gab oder einem Kaufmann die Jacke auszustauben! Höre dich wieder schwatzen: Das darfst du nicht, äh bäh, das ist gegen Gottes Gebot, äh bäh, versündige dich nicht, äh bäh! Könnte kotzen, wenn ich daran denke! Warst immer der Liebe, der Brave, der Mustergültige, hast die Streicheleinheiten kassiert und mir die Arschprügel überlassen.“

    „Wenn du mehr auf mich gehört hättest, hätte der Vater dir auch nicht den Arsch so verbläut! Aber nein, du, Bursche, warst ja erst zufrieden, wenn eine Magd heulend in ihre Kammer lief, die Katze aufgespießt am Scheunentor hing oder der Hund ohne Schwanz jaulend durch den Zwinghof raste. Schandtat auf Schandtat hast du dir geleistet! Wenn ich nicht das Gröbste verhindert hätte, hätten uns die Knechte erschlagen!“

    „Dich vielleicht, aber nicht mich!“

    „Du vergisst, dass wir damals noch zusammen waren und aus einem Loch schissen.“

    „Hoho! Immer noch der alte Mönch! Nichts als Moralpredigten im Sinn! Schluss damit! Männer, dran und drauf!“

    Die Bande senkte die Piken und kam zähnefletschend näher.

    „He du da!“, rief ich dem mit der Armbrust zu, derselbe, der auf mich geschossen hatte, ein Mensch mit rotem, brutalem Gesicht und ein Hüne, ein Turm von Mann, „siehst du an mir irgendeine Waffe? Trotzdem nehm ich es mit dir stinkendem Großmaul auf! Komm nur, schieß nur, aber schieß genau, einen zweiten Schuss hast du nicht!“

    Ich brachte Fangto, mein gutes Schild, in Stellung und griff Schlagto, mein treues Schwert, fester.

    Zunächst herrschte offenmäulige, verblüffte Stille. Dann brüllte der Kerl los. „Hahaha, hohoho!Habt ihr das gehört, Leute? Der Milchbart rechnet darauf, dass er den ersten Schuss überlebt!“

    „Quatsch nicht soviel, schieß endlich!“, rief die böse Hälfte.

    Der Kerl spannte den Bogen. „Aber du hast Glück, Söhnchen! Der Räuber Vieting tötet keine unbewaffneten Männer, bei denen nichts zu holen ist, und Kinder erst recht nicht, denn er ist ein gottesfürchtiger Mann! Aber für das stinkendem Großmaul hast du Milchbart eine Abreibung verdient!“ Die Sehne schnellte vor, der Pfeil hätte sicherlich mein linkes Ohr durchbohrt, wenn ich nicht rechtzeitig den Schild hochgerissen hätte. Das Geschoss blieb federnd in der Luft stehen – zumindest musste es der Räuber so sehen – und fiel zu Boden. Seine Verblüffung nutzend sprang ich vor und hieb die Armbrust mitten durch. Dann zischte ich der guten Ritter-Hälfte zu: „Schnell, Euer Schwert!“, und drang, wild mit des halben Ritters Schwert um mich schlagend, gegen die Bande vor. Dabei schrie ich: „Ich zähle bis drei, wer dann noch hier steht, den haue ich mitten entzwei! Eins – zwei...“

    Doch zunächst rührte sich niemand. Die Bande starrte mich mit offenen Mündern an. Für sie musste der Eindruck entstanden sein, dass ich in der Lage war, einen Pfeil im Flug anzuhalten und ein Schwert aus der Luft zu zaubern.

    „Na, wird’s bald!“, rief ich, „oder muss ich euch erst Beine machen? Und was ist mit dir, stinkendes Großmaul, willst du hier Wurzeln schlagen?“

    Jetzt fiel der Kerl auch noch auf die Knie, die zerschlagene Waffe im Arm, und stammelte: „Oh, oh, hätte ich g-gewusst, dass Ihr ein Z-z-auberer seid, dann hätte … dann hätte ...“

    „Hätte hätte! Wenn du nicht sofort verschwindest, verzaubere ich dich in einen Zwerg und deine Genossen in Kakerlaken!“

    Das wirkte. Mit allen Anzeichen des Entsetzens sprangen die Burschen davon.

    F.f


    Mundburt opfert weitere Schwerthiebe.


    Mit vereinten Kräften gelang es dem Edlen und mir, zwei Gitterstäbe soweit auseinander zu ziehen, dass sich ein Mensch hindurchzwängen konnte. Als die Untoten begriffen, dass ein Weg aus der Höhlen-Hölle und dem lebendig Begrabensein möglich war, fingen sie an, sich durch die Stäbe zu winden und in den Gang zu kriechen, der nach oben in den Turm führte; sie meinten wohl, der Weg, der sie hereingeführt hatte, könnte sie auch wieder hinausführen.

    „Liebe Leute“, sagte ich, „das wird nicht gehen! Oben wütet ein fürchterlicher Sandsturm, das Land ist unter Sand vergraben, Ihr kämt nicht einmal zur Tür hinaus!“

    „Oh oh oh!“, rief ein hohlwangiger Greis, „o welch ein Unglück! Verfluchtes Schicksal! Sogar die Götter haben sich gegen uns verschworen! Bisher dacht ich, nur die Menschen!“

    Schon fingen die anderen wieder an zu jammern und zu greinen und ebenfalls ihr Schicksal zu verfluchen.

    „Hört auf zu jammern!“, rief ich, „die Götter lieben die Mutigen, nicht die Verzagten! Weiß vielleicht jemand, wohin dieser Entlüftungsgang dort führt?“

    Sie versicherten, dass sie noch nicht einmal geahnt hätten, dass es einen solchen Gang gab.

    „Herr von Wolkenstein“, sagte Pygmalion, „wenn ihr das Gitter aufbrecht, könnte ich mich einmal in dem Gang umsehen.“

    Ich gebot den Leuten, sich ruhig zu verhalten und auf ihre Götter zu vertrauen, dann ging ich zur Abzugsöffnung und blickte nach oben.

    Eines war mir sofort klar: Mit einem einzigen Hieb konnte ich das Gitter nicht brechen; ich benötigte mindestens zwei: Für jedes Schloss einen. Und noch etwas anderes zeigte sich: Das Gitter war zu hoch für mich, so eifrig ich mich auch mit erhobenem Schwert dehnte und streckte und auf den Zehenspitzen jonglierte wie ein Affe, der eine Kokosnuss von der Palme schlagen will.

    „Herr von Mausloch“, sagte ich, „jetzt brauche ich Euer Hilfe.“

    Ich fragte ihn, ob er sich kräftig genug fühle, mich auf den Schultern zu tragen.

    Der Edle kicherte vergnügt. „Aber ja doch! Für zwei von Eurer Statur, wenn´s sein muss!“

    Was ihm sein Schöpfer an Größe versagt hatte, gewährte er ihm an Breite. Auf Pygmalions kräftigen Schultern stehend schwang ich das Schwert; zwei kräftige Hiebe, Funken sprühten, es roch nach Pech und Schwefel, das Rost krachte, in seinen Angeln hängend, an die Wand.

    Der Gang war frei.

    Unverzüglich ging der Zwerg in sein Knie, sprang hoch und verschwand. Kurz darauf erschien sein Lockenkopf wieder in der Öffnung. „So wie es aussieht, geht der Stollen schnurstracks geradeaus. Sah in weiter Ferne einen schwachen Lichtpunkt.“ Er sprang herunter. „Habt Ihr schon eine Idee, wie Ihr die Leute in den Gang hinauf bekommt? Aus eigener Kraft werden sie es nicht schaffen. Sie können sich ja so schon kaum aufrecht halten.“

    „Aber mit Eurer und meiner Kraft. Da sie so gut wie nichts wiegen, denke ich, wird es ein leichtes sein, sie hochzuhieven. Ihr stemmt sie mit Euren starken Schultern hoch, und ich ziehe sie oben in den Gang hinein.“

    Ich erklärte den Untoten, was wir vorhatten, dann ließ ich mich in den Gang katapultieren. Es zeigte sich, dass etliche der armen Menschen zu schwach waren, um überhaupt aufrecht stehen zu können. Während sie ächzend und keuchend auf die Schulten des kleinen Athleten kletterten, mussten sie von den Kräftigeren gestützt werden. Pygmalion machte sich kurz und wieder lang, schon flog ein Körper hoch, ein Kind, eine Frau, ein Mann. Ich ergriff sie bei den Händen und zog sie in den Gang hinein, was nicht ohne Schrammen abging. Manches Beinkleid, das noch einigermaßen heil gewesen war, mancher Rock, der zuvor noch eine Blöße bedeckt hatte, hing jetzt in Fetzen. Doch die Aussicht, dem lebendig Begrabensein endlich zu entkommen, ließ jeden Klagelaut verstummen.

    Als alle oben waren, sprang auch Pygmalion hoch.

    Während wir uns hustend und keuchend durch Staub und Sand vorarbeiteten, dachte ich an Kynos. Der Arme lag jetzt da, unbegraben, den Ratten, Mäusen und Kakerlaken eine willkommene Beute. Ich nahm mir vor, für ein würdiges Grab zu sorgen, sowie die Befreiung erledigt war. Und noch andere unheilvolle Gedanken umnebelten meinen Geist. Wie würde es mit Schlagto weitergehen? Vier Hiebe hatte ich bereits getan, blieben nur noch drei. Vier Hiebe, nicht nach ritterlicher Art im Kampf gehauen, sondern ohne zwingende Not im Frieden vertan. Und ein Ende der Fahrt war noch nicht in Sicht.

    Es ging langsam voran, denn viele der Untoten waren jetzt am Ende ihrer Kräfte. Immer wieder brach einer schluchzend zusammen und musste mit vielen guten Worten zum Weiterkriechen überredet werden. Als wir endlich die Öffnung erreichten, erwies sich meine Befürchtung als richtig: Auch dieses Loch war vergittert. Wieder musste ich einen Schwerthieb opfern, denn auf Tränen zu hoffen war zwecklos.

    Vor uns lag ein breites, lichtdurchflutetes Tal, in dessen Mitte, von Palmenwäldern gesäumt, ein mächtiger Strom: Der Nil. Doch wie dahin gelangen? Wir befanden uns in luftiger Höhe, kirchturmhoch über dem Talgrund. Ich kroch weiter vor und blickte nach unten. Der Fels stürzte wie mit der Axt gehauen steil in die Tiefe.

    Enttäuscht zog ich mich zurück. Der Plan war fehlgeschlagen, der Gang eine Sackgasse.

    Unterdessen hatten die Untoten, geblendet von der starken Helligkeit, die Hände vor die Augen geschlagen. Einige schluchzten tränenlos. Ich schilderte dem weißhaarigen Greis in der schwarzen Robe, der mir von allen noch der Vernünftigste schien, was ich gesehen hatte. Er öffnete die Augen und blinzelte in die Helligkeit; doch statt einer Antwort kam aus seinem Munde ein leiser Singsang, der folgendermaßen lautete:


    „O welche Lust, in freier Luft zu atmen!

    O welche Freude bringt das warme Tageslicht!*

    Wir lebten nicht und waren auch nicht tot.

    O, Vater, hilf uns auf den Weg ins ew´ge Leben!“


    Eigenartiges geschah jetzt mit den Leuten. Sie nahmen die Hände vom Gesicht, blickten den Greis verzückt an und wiederholten mit dünnen, gebrechlichen Stimmen:


    „O welche Lust, in freier Luft zu atmen!

    O welche Freude bringt das warme Tageslicht!

    Wir lebten nicht und waren auch nicht tot.

    O, Vater, hilf uns auf den Weg ins ew´ge Leben!“


    In diesem Moment vernahm ich vom dunklen Tunnelende her ein Fauchen und Brausen als säße dort Drachenbrut; ein Windstoß fegte durch den Gang und blies mir Sand und Staub ins Gesicht; der Wind wurde zum Orkan. Schon wehten die ersten Untoten, leicht wie Federn, aus dem Entlüftungsgang hinaus in die Luft über dem Tal; ich schrie auf, denn ich sah sie schon mit zerschmetterten Gliedern am Boden; verzweifelt versuchte ich die wenigen noch Verbliebenen zurückzuhalten, doch sie entglitten meinen Händen. Als ich wieder hinausblickte, waren die Untoten verschwunden. Stattdessen sah ich eine Schar weißer Vögel, wie sie sich höher und höher in den makellos blauen Himmel schraubte.

    „O Ihr Untoten!“, rief ich, „ein kleines Dankeschön hätte auch nichts geschadet!“

    „Was beklagt Ihr Euch“, sagte der Edle, „so geht’s eben auf der Welt. Es ist traurig, aber wir haben keine bessere.“

    „Ihr habt Recht, was soll´s.“

    Jetzt ließ auch der Orkan nach; bald war es wieder ganz still.

    Während ich dem Wunder nachschaute, das allmählich meinen Blicken entschwand, war mir, als riefe jemand meinen Namen. Ich blickte verwundert in den Gang. Das war doch – eindeutig – – Gerlinds Stimme! Konnte es sein, dass Gerlind – wieder hörte ich: „Mundburt, hier sind wir, unten im Tal!“

    Ich schaute hinunter traute meinen Augen nicht. Unten standen mein Knappe und der halbe Ritter, heftig winkend, und die Pferde. Wie war das möglich, wo doch, als ich sie verließ, dort oben alles heillos verschüttet war?

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    *Dem einen oder der anderen werden diese Verse bekannt vorkommen (Beethovens Oper Fidelio). Wer hat hier von wem abgeschrieben?

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    Kynos´ Geschichte


    „Es gibt drei Sorten von Lebewesen“, sagte Kynos und setzte sich, am ganzen Leibe zitternd, „die Lebenden, die Toten und die, welche tot waren und wieder zum Leben erwachten.“

    Erneut fingen die Unglücklichen zu jammern und zu stöhnen an.

    „Wir alle hier gehören zur dritten Sorte“, fuhr er fort, nachdem bis auf leises Schluchzen einigermaßen Ruhe eingekehrt war. „Vor vielen Tagen – wie viele es sind, kann ich nicht sagen, denn wir existieren hier ohne Zeit – gab es eine schreckliche Choleraepidemie. Die Toten schaffte man zu dem Brandplatz am Fluss, dorthin, wo die Leprösen, die Aussätzigen, die Siechen, die keine Angehörigen haben, eingeäschert werden. Doch manche waren nicht ganz tot, sie waren nur scheintot, wie auch ich. Sie erwachten wieder – durch den Transport oder die frische Luft belebt, ich weiß es nicht. Denen, die nur ein wenig lebendig wurden, legte man nach altem Brauch Lehm auf Nase und Mund. Hilft das nicht, dann legte man ihnen weiter Lehm auf, bis sie sich nicht mehr rührten. Doch bei denen, die allzu lebendig erscheinen, lässt man das mit dem Lehm sein und bringt sie fort. Ich, zum Beispiel, wie die anderen hier, war allzu lebendig und erwachte, als mich das Feuer berührte. Als die Gesundheitswächter sahen, dass ich zum Verbrennen noch zu lebendig war, nahmen sie mich vom Scheiterhaufen und brachten mich hierher.“

    Wieder hörte ich die entsetzlichsten Laute, es schnatterte, stöhnte, winselte, schrie, keuchte, heulte.

    „Diese Höhle“, fuhr Kynos nach einer Weile fort, „ist das Asyl der Untoten, derer, die nicht richtig tot sind, aber auch nicht wirklich leben. Die Menschen haben Angst vor uns, denn sie glauben, der Teufel halte seine Hand über uns. Deshalb wagen sie es nicht, uns zu töten, dulden uns aber auch nicht in ihrer Mitte.“

    Kynos schwieg, und wieder durchdröhnte die Höhle das entsetzlichste Jammern und Heulen.

    „Lieber, was hat Euch denn auf den Scheiterhaufen gebracht?“, fragte ich, „wart Ihr etwa an der Cholera erkrankt?“

    „Ich war erkrankt“, sagte Kynos mit tieftrauriger Miene, „schwer sogar, sehr schwer! Allerdings nicht an Pest oder Cholera, sondern an der Liebe!“

    Was der gute Hund darauf berichtete, ist zu traurig, um es wortwörtlich wiederzugeben. Ich fasse also zusammen und beschränke mich dabei auf das Wesentliche.

    Nachdem Kynos sich in Prinzessin Kusskuss bis über beide Ohren verliebt hatte°, bewarb er sich, um immer in ihrer Nähe zu sein, auf ein Amt bei Hofe und erhielt eine Anstellung als Torwächter. Doch alle seine verliebten Blicke und schmachtenden Seufzer blieben unerhört. Eines Tages gefiel es der Prinzessin, sich von einem ägyptischen Prinzen heimführen zu lassen. Kynos, von unerwiderter Liebe rasend, folgte dem Paar unter allerlei Gefahren bis in den Königspalast von El Maßr**, der weißen Stadt in der Wüste. Dem Prinzen, ein misstrauischer und eifersüchtiger Mann, blieben Kynos´ Blicke nicht verborgen; als er beobachtete, wie Kynos der Prinzessin verstohlen einen Handkuss zuwarf, ließ er ihn von seinen Häschern fangen und prügeln, bis er wie tot liegenblieb. Den leblosen Körper warfen die Häscher auf den Brandplatz am Fluss. Dort wachte er, als die Flammen nach ihm griffen, wieder auf.

    Soweit, kurzgefasst, sein Bericht, den er nur stockend und unter Tränen hervorbrachte. – –


    Wieder griff ich durch das Gitter der eisernen Stäbe und streichelte ihn, ebenfalls mit Tränen in den Augen.

    „Gibt es denn keinen Weg, hier herauszukommen?“, rief ich.

    „Keinen. Als ich hierherkam, habe ich es oft versucht, und die anderen auch. Doch das eiserne Tor hat Hephaistos* persönlich geschmiedet, und die Höhle ist ohne Ausgang.“

    „Wer sorgt denn dafür, dass ihr nicht verhungert?“

    „In der Stadt Maßr gibt es einen tiefen Brunnen, in den die Leute allerlei Abfall und Unrat, auch tote Ratten, Katzen und Vögel hineinwerfen. Dieser Brunnen wird von demselben unterirdischen Bachlauf gespeist wie diese Quelle da.“

    Alles weitere lag offen auf der Hand. Es war grauenhaft.

    Mir fiel auf, dass die Luft in der Höhle trotz der qualmenden Feuer recht klar war. Also musste es einen Luftzug geben, der mit der Außenwelt in Verbindung stand. Doch, wohin ich auch blickte, ich fand keine Öffnung. Die Höhle besaß glatte, von Feuchtigkeit glänzende Wände, ohne die kleinste Scharte oder Rille.

    Nachdenklich beobachtete ich einen Rauchschwaden, der durch die Stäbe des eisernen Tores schwebte und in dem Stollen verschwand, durch den ich gekommen war. Doch ich konnte mich nicht erinnern, dort Ruß oder Rauch gerochen zu haben. Also musste der Rauch –

    Noch hatte ich den Gedanken nicht zuende gedacht, da stand ich wieder in dem Stollen und tastete die Decke ab. Und sieh da, ich fand eine quadratische Öffnung von etwa zwei Ellen im Geviert, durch die der Qualm abzog.

    Das war der Weg in die Freiheit.

    „Ich komme wieder!“, rief ich, „wenn mich nicht alles täuscht, werdet ihr bald frei sein!“

    _________

    * Schmied der griech. Unterwelt. ** Arab. Name für Kairo.


    Mundburt hat einen Plan


    Während ich mich erschüttert zurück nach oben tastete, gingen mir die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Nein, dachte ich, diese armen Wesen ihrem Schicksal zu überlassen kommt auf keinen Fall infrage, wo doch eine Möglichkeit zu ihrer Befreiung besteht! Die teuflischen Baumeister dieser unterirdischen Schreckenswelt hatten an alles gedacht, nicht aber an den verräterischen Luftzug. Der Weg in die Freiheit würde über den Entlüftungsschacht gehen. Dazu waren allerdings weitere Schwerthiebe nötig; aber konnte ich, um Schlagto zu schonen, auf diese Rettungstat verzichten? Es wäre allzu grausam gewesen, und, meine Lieben, glaubt mir, ich hätte es auch nicht übers Herz gebracht.

    Ich tastete mich gegen den Luftzug vor und erreichte bald den Schacht mit den eisernen Krampen. Hatte kaum den Kopf aus dem Loch, da rief Gerlind: „Da bist du ja endlich! Dachte schon, du seist mit dem Schatz durchgebrannt. Na, verlohnt es sich?“

    „Wie man´s nimmt“, murmelte ich und kletterte aus dem Schacht.

    „Sprich bitte lauter und nicht in Rätseln!“

    „WASSER GIBT ES. Und noch etwas anderes, das euch aber sicherlich keine Freude machen wird.“

    „Wie was? Keinen Schatz? Und ich hatte mich schon so – “

    „Herrgottnachmal!“, rief ich wütend, „Gerlind, halt doch endlich mal den Mund!“

    Der Kleine blickte hoch. „Gerlind? Höre ich da Gerlind? Ich dachte –“

    „Lasst das Denken und hört zu!“

    Ich berichtete.

    „Was?!“, rief Gerlind, als ich fertig war, „der gute Hund in ein stinkendes Loch eingesperrt, nur weil er geliebt hat? Verschmachten soll er wegen eines eifersüchtigen Tölpels von Prinz? Auf, Mundburt, auf! Hinunter, und das Tor gesprengt!“

    „Reg dich wieder ab. Hab schon einen Plan.“

    „Du willst unseren Kynos wirklich befreien?“

    „Werde ich wohl müssen. Und nicht nur unseren Kynos. Oder soll ich die Anderen da unten verrecken lassen? Außerdem hab ich es ihnen versprochen. “

    Plötzlich sprang Gerlind auf, umhalste und küsste mich. „O mein Mundburt, mein Held, mein Ein-und-alles!“, rief sie, „nichts anderes habe ich von dir erwartet! Wenn du auch kein echter Ritter bist, so bist du doch ein ganzer Kerl Und auf den Ritter pfeif ich!“

    „Danke!“

    „Wie stellt Ihr Euch das vor?“, fragte Herr von Bock von der Wand her mit halber Stimme, „da draußen ist doch jetzt kein Durchkommen mehr! Wir sitzen doch hier in der Falle.“

    Ich blickte durch den Türspalt. Überall Sand, Sand, Berge von Sand, die Tür selbst halbhoch zugeweht. Das Haus unter Bergen von Sand halb begraben, und der Sturm tobte mit unverminderter Kraft.

    „Mir schwebt ein anderer Weg vor“, sagte ich und erläuterte meinen Plan, den ich mir, als ich durch die Finsternis tastete, ausgedacht hatte.

    „Das ist ja alles schön und gut“, bemerkte Pygmalion, „habt Ihr aber auch an die Pferde gedacht?“

    „Habe ich. Die bleiben erst einmal hier, bis wir einen Weg gefunden haben, sie herauszuholen. Wasser ist genug da, und an Nahrung wird’s nicht scheitern. Herr von Mausloch, wir beide gehen jetzt hinunter und schauen uns den Gang an.“

    „Ich komme mit!“, rief Gerlind.

    „Nein, du kommst nicht mit! Du bleibst hier!“

    „Ach nee! Und warum darf dann dieser . . . der Zwerg?“

    „Dieser darf, weil ich dieses Zwergen Bein benötige.“

    Alle sahen mich verblüfft an.

    „Wie meint Ihr denn das nun wieder?“, fragte Pygmalion.

    „Herr von Mausloch, lasst Euch überraschen. Es tut bestimmt nicht weh. So, und jetzt Schluss der Debatte!“

    Mit dem Schwert des halben Ritters schlug ich einen Span aus der Tür, dann ergriff ich Schlagto; kurz darauf stiegen Pygmalion und ich in den Orkus hinab.

    ⊱ ꙳⋆✵♡✵⋆꙳ ⊰

    F.f

    Abstieg in die Unterwelt.


    Hör euch schon rufen, meine lieben Duckmäuser: Der Narr, der! Steigt ohne Licht und Lampe in einen unbekannten schwarzen Orkus hinunter!

    Recht habt ihr! Natürlich war das närrisch! In höchstem Maße sogar! Noch dazu wo es in der Hölle bekanntlich von Blindgängen, Truggewölben und Tapetentüren nur so wimmelt. Doch woher nehmen und nicht stehlen? Das Gold, meint ihr? Das Silber, das Ich-weiß-nicht-was? Pah! Nicht ums Verrecken wäre ich deshalb hinabgestiegen, denn was wir brauchten war weder Gold noch Silber. Und ich war auch hinter keinem Edelstein her, sondern hinter dem Wundertätigen Kristall vom Grab des Königs der Almaten.

    Nein. Was wir brauchten war Wasser. Ja, das war der Grund: Wasser. Ich hoffte dort unten einen geheimen Brunnen oder zumindest ein Gerinnsel zu finden, warum sonst hätte man den Eingang so verrammelt wie den Schoß einer Strohwittib*? Wasser, das war mir mittlerweile klar geworden, war in diesen Gegenden kostbarer als alles Edelmetall und Mondgestein. –

    Eine kleine Ewigkeit kletterte ich abwärts; endlich spürte ich festen Boden unter den Füßen. Das wenige Licht von oben reichte aus, um die Öffnung eines Stollens anzudeuten, der so hoch war, dass ich gebückter Haltung hindurch gehen konnte. Nach einiger Zeit stand ich vor einer Wand. Es war jetzt so dunkel, dass ich nicht die kleinste Einzelheit erkennen konnte. Mit vorgehaltenen Händen tastete ich die Wände ab und entdeckte eine Öffnung, durch die ich hindurchkroch. Richtete mich wieder auf, zog die Stirn kraus und dachte nach. Noch konnte ich umkehren. Doch wie sähe es aus, wenn ich mehrere dieser Blindgänge überwinden müsste? Eine Orientierung in dieser absoluten Finsternis war ausgeschlossen. Da ich nicht wusste, wie ausgedehnt dieses Labyrinth war, bestand die Gefahr, dass ich mich hoffnungslos verirren und nie wieder herausfinden könnte.

    Während ich unschlüssig hin und her überlegte, hörte ich ein eigenartiges Geräusch. Es klang wie das Jammern oder kindhafte Klagen rolliger Katzen. Ein Tier, das sich in dieser schwarze Hölle verirrt hatte? Um Gewissheit zu erlangen rief ich: „Hallo, ist dort jemand?“ Das Jammern und Klagen verstärkte sich. Deutlich hörte ich ein Kind greinen. Die Laute kamen genau aus der Richtung vor mir. Ohne weiter zu grübeln tastete ich mich voran. Bald gewahrte ich einen rötlich flackernden Lichtschein. Ich ging auf den Lichtschein zu und stand endlich vor einem starken eisernen Tor, fester und sorgfältiger geschmiedet als der Keuschheitsgürtel einer Srohwittib*. Und dahinter – ich hielt verblüfft den Atem an – –

    Schreiber, wie sieht´s mit Euren Nerven aus? Was ich jetzt zu erzählen habe, ist nichts für schwache Gemüter. Alles gut? Na dann weiter im Text!

    _____________

    *Wittib=Witwe.


    Im Reich der Untoten. Mundburt trifft einen alten Bekannten wieder.


    Hinter dem Tor lagen etwa zwanzig Gestalten auf dem harten Steinboden. Erst im Näherkommen erkannte ich Männer, Weiber, sogar zwei Kinder, die nicht älter als fünf Jahre sein konnten. Alle waren im erbarmungswürdigsten Zustand, spärlich bekleidet, manche fast nackt, mit wirren Haaren, abgemagert bis auf die Knochen – ein Anblick trostloser noch als der einer Rotte heruntergekommener Landfahrer. Auf dem Boden brannten kleine rauchende Flämmchen; dazwischen, wahllos zerstreut, haufenweise Unrat sowie die Überreste toter Tiere, offensichtlich die Nahrung der Bedauernswerten. Ein altes Weib mit dürren hängenden Brüsten hielt den blutigen Kadaver einer toten Ratte in Händen und riss mit bloßen Zähnen Fleischstücke heraus. Das abstoßende Äußere der Bande, ihre Schmutzigkeit, der Gestank nahmen mir fast den Atem. Ihr könnt mir glauben: Noch immer schaudert mir bei dem Gedanken an das Leben, zu dem die armen Leute verdammt waren.

    Im Hintergrund der jammervollen Höhle sprang ein Wasserstrahl aus der Wand und speiste ein Becken. Erleichtert atmete ich auf: Wasser!

    Jetzt kam Bewegung in die Nächstliegenden, sie hatten mich entdeckt. Mühsam richtete sich eine der Jammergestalten auf und stieß Laute aus, wie ich sie in meinem Leben nicht wieder hören möchte. Bald grunzte, schnatterte, stöhnte, winselte, schrie, keuchte, heulte es, einige lachten wie besessen oder stießen spitze Schreie aus. Andere warfen sich auf den Boden und wanden sich in Krämpfen. Ein Greis in schäbigem schwarzen Rock, mit schlohweißen Haaren und halb erloschenen Augen, vielleicht ein ehemaliger Priester oder Magier, griff durch die Eisenstäbe und versuchte, unverständliche Laute ausstoßend, meine Knie zu umklammern. Sein Gesicht, im unruhigen Fackellicht aufs Äußerste verzerrt, glich einer teuflischen Fratze.

    Starr vor Entsetzen schlug ich die Augen nieder. Ein räudiger Köter kroch auf das Tor zu und steckte seine Pfote durch das Gatter. Schon wollte ich mich erschüttert abwenden, da sagte das Tier mit rauer Stimme: „Herr Mundburt von Wolkenstein, erkennt Ihr mich denn nicht? Ich bin Kynos, der Hund!“

    Ich sah ihn an. Nie werde ich den Blick dieser Augen vergessen.

    Wie? Das war doch nicht möglich! Das war doch nicht unser guter Kynos! Doch, kein anderer konnte es sein, denn wer sonst aus dieser Bande konnte wissen, wer ich war!

    „Kynos!“, rief ich entsetzt, „was sucht Ihr denn hier in dieser Hölle?“ Ich beugte mich zu ihm herunter und kraulte im den Hals. Wieder fingen die Leute an, zu heulen und zu jammern.

    Der gute Hund war nicht wiederzuerkennen. Vor mir stand ein zerzaustes, verwittertes Gerippe, die einstmals kraftvolle Figur entsetzlich abgemagert und ausgehungert, die Ohren zerbissen, das Kleid blutverkrustet und verfilzt, der stolze Schwanz fast abgerissen, der kühne Blick stumpf – alle Hundeherrlichkeit dahin. Sein Zustand erinnerte mich an die Verse, die einst ein Bänkelsänger vortrug, als er das Los eines unglücklichen Ritters besang:


    Der du so gewaltig bist,

    so sag mer denn wovon ist

    dyn klydt von blute rot

    als ob du syst geslagen tod?


    Die Meute war jetzt ruhig und starrte uns mit offenen Mündern an; die Tatsache, das Kynos mit mir bekannt war, schien sie zu beruhigen.

    „Kynos, Lieber!“, rief ich, „Ihr seht ja entsetzlich aus! Was ist denn geschehen? Wer hat Euch so zugerichtet? Und was sind das für Leute hier?“

    F.f


    Mundburt überkommen erneut Zweifel am Sinn seiner Fahrt.


    Je weiter wir uns von der Küste entfernten, desto trockener und heißer wurde es – tagsüber. Nachts hingegen, besonders vor Sonnenaufgang, war es bitterkalt. Wir mussten uns in den heißen Sand eingraben, um nicht zu erfrieren. Unablässig wölbte sich ein wolkenloser Himmel über uns, entweder milchig weiß von wabernder Hitze oder sternenvoll mit dem Band der Milchstraße, so nah und klar, als könne man darin mit dem Kopf eintauchen.

    Was uns allerdings noch mehr zu schaffen machte als des Wettergottes Launen waren unsere Wasservorräte, die dem Ende zuneigten. Mit ausgetrockneten Kehlen blickten wir sehnsüchtig zu den schneebedeckten Gipfel des Gebirges auf, das in kristalliner Klarheit wie zum Greifen nah über dem dunstigen Horizont lag und in dem Maße zurückwich, in dem wir uns ihm näherten. Und ein Tag mehr ohne Wasser würde bei diese Hitze den Tod bedeuten.

    So werdet ihr euch bestimmt nicht wundern, meine lieben Krautköpfe und Salatwachteln, dass mir eines Morgens nach durchfrorener Nacht der Gedanke an Umkehr kam. Schüttelte mir den Sand aus den Schuhen und sagte zu Gerlind, die sich gerade die Flöhe aus den Haaren kämmte: „Hmm, ähem . . . tja . . . Ich meine . . . nun ja, ich denke, wir sollten umkehren, eh es zu spät ist. Hab keine Lust, zu verdursten, wegen eines Steins, den es möglicherweise überhaupt nicht gibt. Kann jetzt schon kaum noch pissen, wo soll´s denn auch herkommen. Noch ein, zwei Tage, und ich kann meine Blase wegwerfen. Das Schiff ist noch da und der Weg bekannt. Was zum Teufel zögern wir noch! Die Herrin kann mich mal!“

    Gerlind drehte sich so heftig um, dass mir die Flöhe aus ihren Haaren in die Augen flog.

    „Ha!“, rief sie, „elender Heuchler! Eher lässt du mich hier verrecken, als dass du deiner Herrin einen Befehl verweigerst! Du kannst mich mal!“

    „Gerlind, ich mein es ehrlich.“

    „Papperlapapp, du und ehrlich! Und was ist mit dem Zwerg und dem halben Dings-da? Willst du die einfach ihrem Schicksal überlassen?“

    „Nein. Den Ritter nehmen wir mit, viel Platz beansprucht er ja nicht ein, und Pygmalion kommt schon zurecht. Bei den großen Sprüngen, die er machen kann, hat er sicherlich bald einen Gletscher erreicht.“

    „Du redest schon wieder Unsinn! Mit ein wenig Grips im Hirn müsste dir klar sein, dass wir mittlerweile schon eine Woche in dieser verdammten Einöde unterwegs sind. Das heißt, für den Rückweg brauchst du mindestens die gleiche Zeit, also sieben Tage. Woher willst du denn da das Wasser nehmen, he?“ Gerlind kam ganz nahe an mich heran. „Oder wartest du wieder auf ein Mirakel?“, zischte sie. „Wenn ich der Herrgott wäre, hätte ich dir schon lange einen Tritt in den Hintern gegeben!“

    Ich habe immer Menschen bewundert, die unmittelbar nach dem Aufwachen schon im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind. Mir war´s nie vergönnt, so auch diesmal nicht, wie man sieht.

    Inzwischen hatte sich auch der Edle von Mausloch ausgegraben und kam näher.

    „Euer Knappe hat recht“, sagt er, „es ist besser, weiterzugehen als umzukehren. Der Nil kann nicht mehr weit sein. In spätestens vier, fünf Tagen müssten wir ihn erreicht haben, und so lange hält der Wasservorrat noch vor.“

    Also schlichen wir weiter, mehr tot als lebendig.


    Das nächste Kapitel. Eine niedliche Hose und eine fantastische Burg.


    Am zweiten Tag nach diesem denkwürdigen Morgen ritt Herr von Bock auf einmal nah an mich heran und fragte: „Seht Ihr die Gestalt dort auf der Düne?“

    „Nein. Wer soll das sein?“

    „Meine andere Hälfte, Herr von Berg. Schon seit einigen Tagen habe ich das Gefühl, dass er mich verfolgt. Er will mich töten.“

    „Unsinn. Da ist niemand.“

    Der halbe Ritter biss sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Weile fing er wieder an. „Heute Nacht wachte ich plötzlich auf, und da stand Herr von Berg vor mir. Er hatte schon das Schwert erhoben und holte zum Schlag aus. Als ich ihn ansprach und daran erinnerte –“

    „Welches Schwert denn, Herr? Oder hattet Ihr, als Ihr noch zusammen wart, in jeder Hand eines?“

    „Hmmm . . . natürlich nicht . . . Dann muss ich wohl geträumt haben.“

    „Sicher. Außerdem, welchen Grund sollte Eure andere Hälfte denn haben, Euch umzubringen? Dann nähme sie sich doch ohne Grund die einzige Möglichkeit, wieder ein ganzer Mann zu werden.“

    „Da habt Ihr natürlich Recht. Trotzdem . . . Wisst Ihr, ich verspüre so gar keinen Kampfgeist mehr in mir! Als wir noch zusammen waren, beim Henker, was haben wir da gehauen und gestochen! Doch jetzt? Könnte Lämmer hüten! Alle Wut ist bei ihm geblieben. Ich rechne mit dem Schlimmsten.“

    Um ihn zu beruhigen, sagte ich: „Na gut! Wenn Ihr Eure andere Hälfte wieder seht, gebt Bescheid. Ich reite hin und haue sie in Stücke!“

    Das war nun ganz falsch. Sofort fing Herr von Bock an zu zetern. „Herr!“, rief er, seid Ihr noch bei Trost? Dadurch vermehrt Ihr das Übel ja nur!“

    Es war hoffnungslos. Während wir weiterritten, blickte er sich immer wieder um.


    Und dann fing ein paar stunden später auch noch der Zwerg an zu radautieren an. Anscheinend war auch ihm die Hitze aufs Gehirn geschlagen.

    „Ach ach ach!“, rief er, „wir sind verloren! Oi oi oi, ich ersaufe, ich ertrinke, ich gehe unter! Ba ba ba, hätt ich doch beizeiten schwimmen gelernt, jetzt ist´s zu spät! Hu hu hu, Steuermann, die Brack fester, wo sind die Voleinen? Alle Segel aufgezogen und dwarß zum Wind! Dalli dalli – sapristi, wird’s bald?“ Am ganzen Körper zitternd lachte er schrill. „Ach hier soll ich umkommen, ah ah!, und die Häscher gehen leer aus! Bei Gott, der Spaß ist gut!“

    „Zum Teufel!“, rief ich, „was ist mit Euch? Habt Ihr den Verstand verloren?“ Schalt ihn ein Weichei und Hosenlatz.

    Pygmalion streckte den Arm aus und wies auf ein Wolkengebilde, das sich immer weiter über den Horizont schob. Es war gelbbraun, wie Schwefel, mit gezackten, grell weiß leuchtenden Rändern.

    „Da da da! Seht die Woge, die Welle, das Meer, das Sandmeer, der Samun, die Teufelsbrut! Ein Sandsturm naht! Schnell schnell, sonst sind wir verloren! Ei ei ei, gibt’s denn hier nirgendwo eine Höhle, eine Klause, ein Loch, einen Schlupf?“

    „Schnell schnell! Ja um Himmels Willen, wohin denn so schnell?“, tief ich. „Alles um uns ist flach, wüst, leer!“

    Schon hatte uns der erste Windstoß erreicht. Er kräuselte den Sand, und eine kleine, niedliche Windhose stieg auf.

    „Dahin!“, rief auf einmal Gerlind, „zu der Burg da!“

    Ich blickte in die angegebene Richtung – tatsächlich, in einer halben Meile Entfernung stand so etwas wie eine Burg, nach Landesart aus mächtigen Steinquadern gefügt. Ich hätte schwören können, dass sie eben noch nicht dagewesen war. Auch der Edle, der langsam wieder zu sich kam, blickte erstaunt auf.

    „Schnell!“, rief er, „den letzten Sandsturm habe ich nur knapp überlebt! Im Fließsand, bei meiner Größe bin ich verloren!“

    So schnell wir konnten, hielten wir auf die Burg zu. In der Ferne pfiff und heulte es. Doch je näher wir der vermeintlichen Burg kamen, desto niedriger und kümmerlicher wurde sie. Schließlich standen wir vor den Resten eines verfallenen Gehöfts, das schon vor Jahrzehnten von seinen Bewohnern aufgegeben worden war. Eine Burg war es nur in unserer Fantasie gewesen; das tagelange Wandern durch trostlose Einöden hatte unsere Sinne genarrt.

    Eine dieser Halb-Ruinen, ein fensterloser, gedrungener Turm, sah aus, als könne er uns Schutz bieten; jedoch, die massive, eisenbeschlagene Tür war durch eine schwere Kette gesichert, an der ein dickes Schloss hing. Ich wunderte mich darüber, denn wer zum Teufel hatte hier etwas zu verbergen?

    Tür und Schloss hielten stand, sooft wir auch dagegen anrannten. Auch der Versuch, das Schloss mit dem Schwert der halben Ritters aufzusprengen, schlug fehl. Eile war geboten, schon hüllten uns die ersten Sandwehen ein, und Pygmalion fing wieder an zu wiehern und zu zittern.

    „Jetzt ist dein Schwert gefragt!“, sagte Gerlind, „warum zögerst du? Ich steh schon bis zu den Knöcheln im Sand.“

    In der Tat, der Sturm warf immer mehr Sand auf uns, es heulte und pfiff wie aus der Orgel unserer Kapelle, wenn der Kantor darauf spielte. Bald würden uns die Sandwogen begraben. Es ließ sich wohl nicht vermeiden, der nächste Hieb war fällig. Dann hatte ich nur noch fünf, und Gott allein wusste, was uns noch alles bevorstand. Deshalb sagte ich: „Ich denke, wir sollten noch einmal mit vereinten Kräften –“

    „Blick mir in die Augen!“, rief Gerlind und stampfte mit dem Fuß auf.

    Ich blickte in ihre Augen und sah in zwei tiefe, unergründliche Brunnen, die vor Lebenslust schier überlaufen wollten. Sah aber auch Verzweiflung und Angst vor dem Tod.

    Seufzend hob ich Schlagto und schlug zu; die Kette rasselte kraftlos zu Boden.

    Mit vereinten Kräften zogen wir die Tür auf. Wir wollten gerade eintreten, da schlug Pinkerton aufgeregt mit den Flügeln, hüpfte hin und her, rief wiwit wiwit wiwit und wollte sich nicht beruhigen. In diesem Moment fing mein Herz an wie wild zu klopfen. Eine innere Stimme warnte mich vor einer tödlichen Gefahr. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor, da schrie der Zwerg: „Halt! Keinen Schritt weiter!“ Weil er näher am Boden war als jeder andere von uns, sah er es zuerst: Ein dünnes Seil, fast vollständig im Sand verborgen, der durch den Spalt unter der Tür hereingeweht war. Ich sprang sofort zurück. Dann berührte ich das Seil vorsichtig mit der flachen Klinge; sofort sauste unmittelbar vor meinen Füßen ein eisernes Rost nieder und schlug mit langen Eisendornen krachend auf dem Boden auf.

    Es brauchte eine Weile, bis wir uns aus unserer Erstarrung gelöst hatten. Das Eisenrost war ein teuflisches Mordwerkzeug, schon der nächste Schritt hätte einen grausamen Tod bedeutet. Und noch etwas war klar: Der gute Vogel wollte mich warnen, und der Edle zu Mausloch hatte mir das Leben gerettet.

    Doch jetzt war keine Zeit für Dankeshymnen. Draußen tobte der Sandsturm, pfiff, schabte, jaulte, heulte, toste und warf eine Woge nach der anderen auf den Turm. Schon standen die Pferde bis zu den Fersen im Sand. Mit Mühe und Not brachten wir sie über das Rost. Da der Raum, wie schon gesagt, kein Fenster besaß, ließen wir die Tür einen Spalt breit geöffnet; dann machten wir es uns so gut es ging bequem.

    „Das war haarscharf“, sagte ich zu Pygmalion, „ohne Euer waches Auge säße ich jetzt nicht hier. Dank Euch herzlich, Euer Ehren. Vielleicht kann ich mich ja irgendwann einmal erkenntlich zeigen.“

    „Daran denkt jetzt nicht“, war die bescheidene Antwort, „jeder andere hätte genauso gehandelt.“

    „Ich frage mich“, sagte Herr von Bock von der Wand her, an der er samt seinem Pferderest lehnte (es war mir ein Rätsel, warum er beim Reiten nicht umfiel), „wofür dieser martialische Aufwand? Hier sind keine Gefangenen, die bewacht werden müssen, hier liegen keine Schätze oder Waffen vergraben, hier ist keine Jungfrau eingesperrt – also, wofür?“

    Der Sturm hatte an Stärke noch zugenommen, der Lärm machte jede weitere Unterhaltung unmöglich. Während wir auf sein Ende warteten, fing Trabto auf einmal an, auf dem Boden zu scharren; warf den Kopf hin und her, schnaubte ängstlich. Wurde immer unruhiger, trat mehrmals heftig auf – und auf einmal klang es hohl. Verwundert ging ich zu der Stelle hin, wischte den Sand weg, zum Vorschein kam eine hölzerne Bodenklappe mit eisernem Ring.

    „Ha!“, rief ich in das Getöse hinein, „Herr halber Ritter, offensichtlich liegt Ihr ganz falsche! Wenn es auch keine Gefangenen oder Waffen sind, die wir hier unten finden werden, aber einen Schatz sicherlich, warum hat man sonst den Eingang so scharf gesichert!“

    „Ich hätte gerne einen Armreif mit Mondstein°, ein Haarkrönchen aus Gold und silberne Ohrgehänge“, rief Gerlind.

    „Wird gemacht! Aber zuvor hilf mir mal, die Klappe zu öffnen!“

    Trotz der Dunkelheit erkannte ich mehrere eiserne Krampen, die in die Wand eines viereckigen, gemauerten Schachtes eingelassen waren: Offenbar ein Abstieg.

    „Ich schaue mal nach, ob es sich dort unten verlohnt“, sagte ich und schwang mich auf die erste Krampe.

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    ° Ein milchig-weißer Edelstein.

    F.f

    Mundburt macht eine erstaunliche Bekanntschaft


    Jetzt bewegte sich die vermeintliche Planke und wandte uns ihre Breitseite zu – vor uns standen die Umrisse eines Pferdekörpers, darauf ein Mann, in der Faust ein Schwert. Trabto, von Entsetzen gepackt, stemmte jäh die Hufe in den Sand, um ein Haar hätte er uns abgeworfen. Ich beruhigte ihn, saß ab und ging vorsichtig auf die Erscheinung zu.

    „Wasser, Wasser!“, hörte ich eine dünne Stimme lispeln, „lieber Herr, gebt mit Wasser, ich verdurste!“

    Ich traute meinen Ohren nicht, noch weniger meinen Augen. Vor mir stand ein halber Ritter auf einem halben Pferd, beide wie durch einen kräftigen Hieb von der anderen Hälfte sauber abgeschnitten, mit einem Auge, einem Arm, einem Bein, einer halben Nase, einem halben Mund; die Kehle halbiert, ebenso Rüstung und Schild, dessen andere Hälfte auf dem Boden lag. Auch von dem Pferd, das mich einäugig anstarrte, war nur noch die eine Seite da; ein halber Kopf, zwei Beine fehlten, der Körper, der Sattel halbiert, das Gemächt halbiert, ebenso der ehemals herrliche Schwanz.

    Wieder fing der halbe Mensch zu jammern an: „Wasser, Wasser! Lieber Herr, gebt mir Wasser, ich verdurste!“

    Ich zog meine Wasserflasche. „Hier, nehmt!“, rief ich. Der halbe Ritter überreichte mir sein Schwert, nahm die Flasche und trank in großen Zügen, wobei ein Teil der Labung über seine Rüstung lief. „Habt Dank!“, lispelte er, als er getrunken hatte „das war Rettung in höchster Not! Kann mich nicht erinnern, jemals einen derartigen Durst verspürt zu haben!“

    „An Euer Pferd denkt Ihr wohl gar nicht“, sagte ich verärgert, denn ein rechter Ritter sorgt erst für sein Pferd, und dann für sich.

    „Doch, doch, lieber Herr, ich denke an mein Pferd. Nur, es verhält sich so: Nidfeuer trinkt den Morgentau und ist damit zufrieden. Doch für uns beide reicht das nicht. Deshalb wartete ich im Schatten dieses Baumes auf vorbeikommende Reisende, die mir Wasser geben könnten. Es hat lange gedauert, aber endlich wurde es wahr, und ich dank Euch nochmals herzlich. Doch ich sollte mich erst einmal vorstellen, bevor wir weiterreden. Mein Name ist Geil von Bock, Ritter des Argonauten-Ordens und Bewahrer des Goldenen Vlieses, und dies ist Nidfeuer, mein starkes Ross . . . äh . . . das, was davon übrig ist. Und wer seid Ihr, werter Herr?“

    Ich sagte es ihm.

    In diesem Moment wieherte das halbe Pferd, und ihr könnt mit glauben, meine lieben Pechvögel und Wadenkneifer, es klang so seltsam, so außergewöhnlich, so über alle Maßen erstaunlich, so herzerweichend traurig, dass ich mich nicht in der Lage sehe, es zu beschreiben. Also lass ich es und berichte einfach, was weiter geschah.

    Inzwischen waren Gerlind und der Zwerg nähergekommen und in zehn Schritt Entfernung stehen geblieben.

    „Und wer sind diese da?“; fragte Ritter Geil von Bock mit seiner halben Stimme.

    „Mein Knappe und eine Reisebekanntschaft.“

    „Aha! Warum kommen sie denn nicht näher?“

    „Ich vermute mal, sie fürchten sich vor Eurem Anblick.“

    „So? Bei Gott, sehe ich denn so fürchterlich aus?“

    „Von dieser Seite keineswegs, aber vielleicht von der anderen.“

    „Wie? Was?“ Er starrte mich einäugig an. „Ach so! Das meint Ihr! Nein, da könnt Ihr ganz beruhigt sein, zum Fürchten ist da nichts!“ Sprach´s und wendete sein Pferd. Gerlind schlug die Hände vor´s Gesicht, und auch ich kniff für einen Moment die Augen zusammen, auf den fürchterlichsten Anblick gefasst. Sah schon heraushängende Därme und Adern, blutiges, zerfetztes Fleisch, zersplitterte Knochen, ausgelaufenes Hirn, ein zuckendes Herz, Magen, Nieren, Blase blutig. Doch ein rechter Ritter muss den Anblick blutender, zerhauener Kämpfer ertragen können, also schlug ich die Augen wieder auf – und blickte auf gute, frische Haut mit einem leichten Haarflaum, der sich im Wind kräuselte.

    „Wie habt Ihr das denn hinbekommen!“, rief ich verdutzt, „das ist ja unglaublich!“

    „Ich weiß es nicht, denn da ich nur noch die rechte Gehirnhälfte besitze, ist meine Erinnerung an das, was nach dem Hieb geschah, mehr als lückenhaft. Ich vermute mal, es war die wunderbare Heilkraft des Vlieses, das sich in meiner Satteltasche befand. Jedenfalls, als ich wieder zur Besinnung kam, war meine andere Hälfte verschwunden.“

    „Eure andere Hälfte lebt also auch noch!“

    „Ja, ich vermute dank des Goldenen Vlieses, das sie gestohlen haben muss, denn als ich es suchte, war es verschwunden.“

    „Gestohlen! Das heißt, Ihr seid die bessere Hälfte.“

    „So sieht es aus. Das ist allerdings kein Grund zur Freude. Bisher habe ich als bessere Hälfte das Gröbste verhindern können. Nun befürchte ich, dass meine andere Hälfte ohne mich die größten Schandtaten begehen könnte. Ähnlich steht es mit dem Pferd. Diese Hälfte ist sanft wie ein Lamm und taugt nicht mehr zum Streitross, die andere dagegen – “

    „Nun malt nicht gleich so schwarz!“ Ich drehte mich um. „Ihr könnt ruhig näherkommen!“, rief ich Gerlind und dem Zwerg zu, „zum Fürchten gibt es nichts! Sieht aus wie bei einer frisch geschorenen Schafshaut!“


    Da die Sonne jetzt fast senkrecht vom Himmel schien, schlug ich vor, die Hitze des Tages im Schatten des Baumes abzuwarten. Der Vorschlag wurde angenommen. Wir setzten uns; auch der halbe Ritter saß ab und nahm, an den Baumstamm gelehnt, Platz. Während wir unser karges Mittagsmahl einnahmen, sagte Gerlind: „Hmpf, hab ich das eben richtig verstanden? Ihr nennt Euch Geil von Bock? Und was bedeutet Nidfeuer? Aus welcher Gegend kommt Ihr denn?“

    Die Antwort ließ auf sich warten, denn der Angeredete war gerade dabei, sich eine gebratene Kröte in den halben Mund zu schieben, was offenbar nicht einfach war. Schließlich fistelte er: „Ähem, schluck, puh... Wie? Ach so! Aus Arimaspien*, nicht weit von hier. Was den Namen anbetrifft . . . Nun ja, Herr Knappe, da denkt Ihr sicherlich falsch. Mein vollständiger Name ist Geilherr von Bocksberg, und mein Ross heißt Nidhardt Feuerherz. Hmm . . . ähem . . . hrch-hrch . . . nun . . . ähem, in Anbetracht der – wie soll ich sagen – ups – der Gegebenheiten – ups – passt ein vollständiger Name nicht so recht zu meiner Erscheinung, will mir – ups – scheinen. Ich nenne also nur noch jeweils die eine –“

    „Haha!“, lachte Pygmalion dazwischen, „dann heißt Eure andere Hälfte fortan Herr von Berg, und sein Pferd Hardt-Herz.

    Der Ritter des Argonauten-Ordens und Bewahrer des Goldenen Vlieses fasste sich an die Stirn, eine Bewegung, die ihn fast das Gleichgewicht gekostet hätte. „Potzblitz – ups – Ihr habt recht, lieber Herr. Hardt-Herz! Wie treffend! Daran hab ich noch überhaupt nicht gedacht! Nur – ups – Herr von Berg, das klingt auf jeden Fall zu harmlos.“

    „Wisst Ihr überhaupt, wo Eure andere Hälfte geblieben ist?“, wollte ich wissen.

    „Nein! Sie ist mit dem Vlies – ups – auf und davon. Seitdem fehlt von beiden jede Spur**.“

    „Herr halber Ritter“, sagte Gerlind, „mit Eurem Magen stimmt anscheinend etwas nicht.“

    „Ich bitte untertänigst um Vergebung! Aber, mein Gott! Herr Knappe – ups – ist das ein Wunder? Mit einem halben Magen –?“

    „Da habt Ihr auch wieder recht. Auf jeden Fall solltet Ihr keine gebratene Kröten mehr schlucken.“

    „Herr Ritter“, sagte ich, „jetzt würde ich mit Eurer freundlichen Erlaubnis doch gerne erfahren, wer Euch so zugerichtet hat, und bei welcher Gelegenheit. Ihr erwähntet vorhin ein Sarazenen-Schwert.“

    __________

    * Land eines sagenhaften, einäugigen Volkes. ** Tatsächlich ist das kostbare Widderfell seitdem nicht mehr

    auffindbar.



    Ein ganz besonderer Ritterschlag


    „Rückt näher“, sagte der ehemalige Herr von Bocksberg, „mit meiner halben Kehle kann ich nicht so laut sprechen.“

    Wir taten ihm den Gefallen.

    „Meine Mannen und ich waren auf dem Weg von Kolchis* nach Thessalien**, um König Pelias das Goldene – ups – Vlies zu überbringen, als uns ein furchtbarer Sturm an die Küste Libyens verschlug. In der Hoffnung, in Alexandria Seeleute zu finden, die uns nach Griechenland mitnehmen könnten, wandten wir uns gen Osten. Eines Abends hörten wir Trompetenschall, Waffengerassel und das wütende Wiehern von Streitrossen. Die Töne kamen aus einem Talkessel, der von unserer Seite nur durch einen Hohlweg erreichbar war. Neugierig geworden ritt ich hindurch und machte in sicherer Entfernung Halt; die anderen blieben zurück, um ein sicheres Nachtlager zu suchen.

    Was ich sah, war über die Maßen erstaunlich.

    Gerade begaben sich zwei Heere auf die Walstatt, die jeweils zur Hälfte in weiße und schwarze Felder aufgeteilt war. Auch die Kämpfer waren dementsprechend gekleidet; die einen trugen weiße Silberbrokat-Gewänder, die anderen schwarze. Ansonsten glichen sich die beiden Parteien wie ein Wachtelei dem anderen.

    Dieser Aufmarsch nun geschah nicht in Schildwall und Keil, wie es gewöhnlicher Kriegsbrauch ist, sondern in lockerer Ordnung nach Art eines Tanzes. Zunächst erschien das Fußvolk, jung, unbewaffnet, aber ungemein geübt im Treten und Beinstellen; danach kamen Wächter mit Piken, Ritter mit Schwert, Harnisch und Schild, ferner gepanzerte Bogenschützen. Als letzte erscheinen die Könige mit Ihren Damen, goldene Kronen auf den Häuptern und je nach Partei entweder in blendend weiße oder tiefschwarze Gewänder gehüllt. Außerdem hatte jede Partei ihre Musikbande, welche gleichfarbig gekleidet war, die eine in weißen, die andere in schwarzen Damast. Ihre Instrumente waren von der zierlichsten Erfindung, schön im Zusammenklang und wunderbar melodisch.

    Auf ein Trompetensignal hin nahmen alle Kämpfer ihre Positionen ein, die Weißen auf den schwarzen, die Schwarzen auf den weißen Feldern. Die Musiker spielten auf, der Strauß° begann.

    Zunächst ging einiges Fußvolk des ersten Gliedes auf den Gegner los, gemessenen Schrittes und ohne Hast, was mich sehr verwunderte angesichts der Gänge, Sprünge, Sätze, Traversen, des Trugspiels, der Hinterhalte und Überfälle, der verschiedenen Arten des Vorpreschens, des Ausweichens, des Zurücksetzens und aller möglicher Finten, die sich die gegnerischen Parteien lieferten. Doch alles geschah in größtem Bedacht; da war keine Hast, kein wütender Gesang, kein Geschrei, kein Hals-Über-Kopf-Fliehen; die Kämpfer sanken, vom tödlichen Hieb getroffen, lautlos in sich zusammen. Dennoch war es ein höchst grausamer . . .hä-errr . . . Kampf; bald war das Feld von gefallenen Kriegern übersät –“

    Der Berichterstatter griff sich an den Hals und bat um ein wenig Wasser. Nachdem er seine Kehle angefeuchtet hatte, fuhr er leise fort: „Ich stand staunend da, solch einen Kampf hatte ich noch nie gesehen. Besonders staunenswert war die Tatsache, dass Frauen an diesem Kampf teilnahmen, und ihr Einsatz war geradezu bewunderungs – äh-herr – würdig. Unermüdlich darauf bedacht, ihre Gatten zu schützen, stürmten sie wild über den Kampfplatz, von einer Ecke zur anderen, den Amazonen gleich, und schlugen manchen tapferen Recken. Doch jetzt geschah etwas Unwürdiges, Ungeheuerliches: Mehrere Pikeure der Schwarzen kreisten die weiße Dame ein und stachen sie nieder. In diesem Moment kochte mein Herz über vor Zorn. Welch entsetzliche, abscheuliche, unritterliche Tat! Kein ehrlicher Ritter sticht eine Dame nieder! Er führt sie, die Unterlegene, in galanter, höfischer Manier vom Feld! Wild entschlossen gab ich Nidhardt die Sporen und stürzte mich ins Getümmel, um die frechen Mordbuben zur Rechenschaft zu ziehen. Plötzlich verspürte ich einen ungeheuren Schlag auf den Kopf und verlor die Besinnung. Als ich wieder erwachte, war ich nur noch die Hälfte.“

    „Und wieso denkt Ihr, ein Sarazenen-Schwert habe Euch halbiert?“

    „Lieber Herr, welches Volk ist denn sonst noch in der Lage, einen solchen Hieb zu führen?“

    Ich dachte an mein Schwert, sagte aber nichts.°°

    _________

    * Antike Landschaft am Schwarzen Meer. **Antike Landschaft in Griechenland. ° Altes Wort für Kampf. °° Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass der Verf. hier ein Schachspiel beschreibt.

    F.f

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    Das nächste Kapitel. Ein unglücklicher Alter und ein tödliches Lachen.


    „Was war das?“, rief ich und sah den Edlen verblüfft an, „wach ich oder träum ich?“

    „Ihr träumt keineswegs.“

    Ich drehte mich um. Der Einsiedler stand hinter mir, auf einen Knüppel gestützt.

    „Es ist die Schlacht von Zama*, die Ihr gerade gehört habt“, flüsterte der Greis mit zerbrechlicher Stimme. „Sie fand im Jahr 202 vor gemeiner Zeitrechnung statt und war die größte Schlacht in Nordafrika während des Zweiten Punischen Krieges. Der Karthager Hannibal kämpfte gegen die Legionen des römischen Feldherren Cornelius Scipio, als sie bei –“

    „Wie?“, rief ich, „wollt Ihr behaupten, Herr, die Schlacht da eben fand vor tausendfünfhundert Jahren statt?“

    „Ich behaupte nicht, ich weiß es, denn schließlich war ich dabei!“

    Ich blickte den Greis verblüfft an. „Ihr wart dabei? Alter, redet keinen Unsinn! Wer seid Ihr überhaupt?“

    „Ich bin der Numidierfürst Massissina, der mit 4000 berittenen Kriegern für den Sieg der Römer über die Karthager sorgte. Ach, es war eine herrliche Schlacht! 20.000 schwere Infanterie, 14.000 leichte Infanterie, 2.700 römische Kavallerie, 6.000 numidische Kavallerie Scipios rannten gegen 50.000 fußläufige Kämpfer, 3.000 Berittene, 80 Kriegselefanten Hannibals an. Dank meiner Hilfe war der Sieg der Römer ein vollständiger. Dafür belohnte mich Victoria mit Unsterblichkeit.“

    „Hui! Damit gehört Ihr zu den wenigen Menschen, denen dieses Glück zuteil geworden ist“, bemerkte der Zwerg, „ich persönlich kenne niemanden.“

    Der Numidierfürst schüttelte den Kopf. „Was Ihr Glück nennt ist das größte Unglück, das mir widerfahren konnte!“, rief er. Seine Stimme klang jetzt wie das Rauschen der Sichel, die durch hartes Gras fährt, „schaut mich doch an! Sehe ich glücklich aus?“

    Während der Alte sein Leid klagte, wurde der Schlachtenlärm immer leiser und undeutlicher. Schließlich verstummte er ganz.

    „Nun ja“, sagte ich, „Glück erkennt man nicht unbedingt an Äußerlichkeiten. Es ist eher der Gleichklang von Seele und Herz.“

    „Wahr, wahr, lieber Herr! Doch mein Herz bedrückt ein fürchterlicher Bannspruch, und auf meiner Seele lastet Verrat. Wie kann ich da glücklich sein? Wäre da nicht Amor, der alles versteht, ich würde wie der Ewige Jude bis ans Ende der Zeiten durch die Welt irren.“

    „Also, was ist passiert?“

    Der ergraute Fürst dachte eine Weile nach, dann sagte er: „Ich war ein Freund Hannibals, was Ba´al hilft bedeutet, und wir waren ein Herz und eine Seele. Wenn es etwas zu fechten gab, half ich ihm, und er half mir. So war es meinem Einsatz zu verdanken, dass er nicht nur bei Zama siegte. Auch in der Schlacht von Cannae§ half ich ihm, dieser Ruhmestat, durch die er das Römische Reich an den Rand des Untergangs brachte. Eines Tages entbrannte ich in Liebe zur schönen Sophonisbe, einer Tochter seines Feldherrn Hasdrubal, und Hannibal versprach, ein Heiratsversprechen für mich zu erwirken. Doch dann erfuhr ich von der Verheiratung Sophonisbes mit seinem Rivalen Syphax, und aus Enttäuschung und Zorn wechselte ich die Seiten. Zwar belohnte mich Victoria mit Unsterblichkeit, doch Bellona°, erzürnt über mein schändliches Tun – denn Verrat ist im Krieg das schwerste aller Verbrechen – verfluchte mich. Seitdem ziehe ich von Höhle zu Höhle, nackt und bloß, in Kälte, Hitze, Hunger und Durst, ohne Haus und Herd, ohne Nahrung, ohne Freunde, ohne Freude. Und als besondere Strafe muss ich mir jeden Morgen auch noch den Lärm der Schlacht von Zama anhören, in der ich Hannibal verriet.“

    Der Greis schwieg, als lausche er. Dann fuhr er fort: „Doch ein kleiner Hoffnungsschimmer blieb mir. Amor erbarmte sich, denn der Verrat geschah aus enttäuschter Liebe, nicht aus schnöder Gewinnsucht. Zwar konnte er die Sprüche der Göttinnen nicht ungeschehen machen, doch es gelang ihm, sie abzumildern, und so entschieden die Erhabenen: Das heitere Lachen einer reinen Magd werde mein elendes Dasein beenden.“

    Jetzt begann der Alte, sich auf alberne Weise in den Hüften zu wiegen.

    „Nun warte ich schon seit Hunderten von Jahren auf solch eine heiter lachende Magd, doch wer zum Teufel verirrt sich schon in diese Gegend?“

    Jetzt geschah zweierlei, wovon das Eine durchaus natürlich, das Andere jedoch ein Wunder war, und, meine Lieben, hätt ich´s nicht selbst erlebt, bei Gott, ich wagte nicht, es euch zu erzählen. – Vom Eingang der Höhle her erklang Gerlinds heiteres Gelächter; in diesem Moment zerfiel der Fürst der Numidier zu einem Häufchen Staub, ein Windstoß kam auf – und weg war er.

    „Wo ist denn unser Alterchen geblieben?“, fragte Gerlind im Näherkommen.

    „Er hat sich in Wohlgefallen aufgelöst“, frotzelte Pygmalion.

    „Doch nicht etwa, weil ich über ihn gelacht habe?“

    „So sieht es aber aus.“ Ich erklärte Gerlind, was der Zerstäubte eben berichtet hatte.

    „Ha! Er hat also gehört, wie ich aus der Höhle kam, der Halunke, und deshalb albern mit dem Hintern gewackelt!“

    „Ach daher! Hab mich schon gewundert, warum er sich wie ein trächtige Hündin in den Hüften wiegte!“

    „Es sah auch zu komisch aus! Als ich den wackelnden Greisenarsch sah, musste ich einfach lachen! Der hatte doch nix drunter unter seiner rückwärtigen Haarmähne!“

    _______

    *Antike Stadt in in Tunesien. ° Röm. Kriegsgöttin. §216 v. Chr.


    Rätselraten über die wahre Natur der seltsamen Geräusche und einiges mehr.


    „Wie, was?“, rief der Edle zu Mausloch, „dann ist Euer Knappe in Wirklichkeit –“

    „Eine reine Magd“, vollendete Gerlind den Satz. „Ja. Wenn Ihr damit Schwierigkeiten habt, ist das Euer Problem, ich hab keine. Ein rechter Ritter benötigt eben einen Knappen, und da niemand sonst in der Nähe war, traf mich das Los. Außerdem –“

    „Warum sollte ich Schwierigkeiten haben? Am Hof des Königs, der mich jetzt verfolgen lässt, liefen viele Männer in Weiberkleidern herum. Nannten sich Popen und trugen lange Bärte. Nur, wie soll ich Euch anreden? Herr Knappe will mir jetzt nicht mehr über die Zunge, und Fräulein Knappe geht ja wohl schlecht.“

    Ich musste lachen. „Genau so wenig wie Jungfer Knappe oder Frau Ritter. Was meint Ihr, Knappe Gerlind, wie soll der Edle Euch anreden?“

    „Hmmm . . . lass mich nachdenken . . . Gerlind ist mir zu persönlich, und Jungfer passt zwar zu meiner Figur, aber nicht recht zu meinem Aussehen. Tja, das ist allerdings schwierig . . . Ha, ich hab´s! Herr von Mausloch, nennt mich doch einfach 'Euer Liebden', wenn es Euch recht ist.“

    Nachdem diese Frage geklärt war, ritten wir eine Weile schweigend dahin. Auf einmal sagte Pygmalion: „Würde auch zu gerne mal ein Ritter sein, nun ja, bin aber leider etwas zu klein. Aber ich kann große Sprünge machen!“, rief er plötzlich in drolligem Stolz. „Größe allein macht´s nicht. Hab schon viele ganz große Leute ganz klein werden sehen.“

    „Beim heiligen Schlendrian, da kann ich Euch nur beipflichten“, sagte ich, „die Maus wird noch satt, wenn die Katze schon verhungert ist.“

    „Ich habe übrigens den Schlachtenlärm auch gehört“, meinte Gerlind, „zunächst dachte ich an eine Sinnestäuschung. Aber wie kann das sein, Mundburt, dass man Töne und Geräusche hört, die vor Tausenden von Jahren erzeugt wurden?“

    „Oder Tausende von Meilen entfernt“, ergänzte ich. „Vielleicht waren es ja die Geräusche einer Schlacht, die gerade irgendwo tobt.“

    „Mit Kampfelefanten und Bogenschützen? Glaub ich keine Sekunde! Schließlich leben wir im vierzehnten Jahrhundert und nicht anno dunnemals.“

    „Dann frag mich was Leichteres.“

    „Vielleicht kann ich da – – – – weiterhelfen“, sagte der Zwerg. Da er nur sprach, wenn er sich auf Augenhöhe mit uns befand, wirkte seine Rede ziemlich abgehackt. „In dem Königreich, wo ich als – – – – Narr diente, gab es eine Gegend, welche – – – – die Leute 'Feld der gefrorenen Worte' – – – – nannten. Nebenbei gesagt, dieses Königreich ist ein riesiges – – – – kaltes Land, in dem es ständig regnet, friert – – – – und schneit. Brrrr, krieg jetzt noch eine – – – – Gänsehaut, wenn ich daran denke. Manche – – – – Gegenden tauen das ganze Jahr nicht auf.“ (Euch zuliebe, meine Guten, lasse ich die Pausen jetzt weg, denn ich denke, es reicht.) „Die Leute dort behaupten nun, dass Worte, die auf diesem Feld und in strenger Winterzeit gesprochen werden, in der eisigen Kälte erstarren und gefrieren und nun nicht mehr gehört werden können. Wie sich ein Katarrh auf die Kehle legt und das Sprechen verhindere, behaupten sie dort, so schlage sich der Frost auf die Laute und lasse sie als eine Art Schnee auf die Erde niedersinken. Wenn der Frühling die Erde erwärmt, tauen die Worte wieder auf und erfüllen die Luft mit ihrem Klang. Ob es stimmt weiß ich nicht, aber einiges spricht dafür, denn schon Anthiphanes berichtet von solch einem Ort.“

    „Dann wären ja“, wand Gerlind ein, „die Schlachtgeräusche tausendfünfhundertmal eingefroren und wieder aufgetaut. Da kann ich mir nicht vorstellen, dass sie dann noch so deutlich zu hören gewesen wären.“

    „Was die alten Götter beschlossen haben, entzieht sich oft der menschlichen Vernunft“, sagte ich.

    So ging es hin und her.

    Die Morgenkühle war mittlerweile verschwunden, Sols Herrschaft setzte sich immer mehr durch, seine Wärme machte uns träge und ließ uns schließlich verstummen. Es ging schon auf den Mittag zu, da rief Gerlind plötzlich: „Schaut mal, da vorne!“ Sie wies auf ein flaches Gebilde, das einsam im Schatten einer dieser langnadeligen Bäume stand. Ein Mensch konnte es unmöglich sein, dazu war es zu schmal; ein unbekanntes Tier wohl auch nicht, denn es hätte uns schön längst bemerkt und Reißaus genommen. Ich vermutete die Planke eines Karrens, die sich in den Sand gebohrt hatte. Doch je näher wir kamen, desto größer wurde unser Erstaunen.

    F. f

    Die Erzählung des Narren


    Das Land, das wir jetzt durchquerten, war überall rau, unfruchtbar, reizlos, und ein Ende war nicht abzusehen. Um nicht vor Langeweile einzugehen, fragte ich den Zwerg: „Herr von Mausloch, Ihr meintet neulich, den Grund, warum Ihr verfolgt werdet, wolltet Ihr später mitteilen. Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, denn diese Einöde will kein Ende nehmen, und mein Geist lechzt nach menschlichen Lauten. Erklärt Euch doch!“

    Da er schwieg, sagte ich: „Himmel! Habt Ihr etwa jemanden umgebracht?“

    „Ha! Dann könnte ich jetzt in Frieden leben!“

    „Habt Ihr geraubt, geplündert?“

    „Ei, dann hätten sie mich mit Orden behängt.“

    „Hmm … Habt Ihr gelogen?“

    „Kich! Dann wäre ich jetzt Staatsrat!“

    „Also?“

    Der Edle seufzte schwer. Dann begann er: „Ich war der Narr dieses Königs mit dem Recht der freien Rede. Konnte ihm Dinge sagen, die anderen den Kopf gekostet hätten. Tausendmal sagte er zu mir: Narr, rede, wie dir der Schnabel gewachsen ist, und für einen guten Einfall belohnte er mich fürstlich. Doch dann, eines Tages, nach einem ausgedehnten Trinkgelage, vergaß ich mich und sagte etwas, das die Mienen der Höflinge und Hofschranzen zu Eis erstarren ließ und mich zu schleunigster Flucht zwang.“

    „Verstehe! Ihr nanntet ihn einen schlechten König, der seine Macht nicht aus der Kraft seines Amtes, sondern aus Angst und Schwäche seiner Untertanen schöpft, wie so viele seinesgleichen. So etwas hören diese Herren nicht gerne.“

    „Papperlapapp!“ Der Zwerg sah mich mit großen, runden Augen an, in denen das Weiße wie Schnee leuchtete. „Auch das hätte er mir verziehen, denn ich sagte es in der Stunde meiner Redefreiheit. Ich sagte ihm etwas viel Gefährlicheres.“

    Der Edle schwieg bedrückt.

    „Was sagtet Ihr?“

    „Ich sagte … ich sagte: Majestät, ich an Eurer Stelle würde das Volk nicht so leiden lassen.“

    „Nun ja, das war stark! Da sollte man sich vorher genau überlegen, ob man solche Sachen ausspricht.“

    „Ihr irrt Euch, werter Herr! Es war nicht die Wahrheit, die er mir übelnahm. Die Wahrheit interessiert ihn nicht. Er lässt mich verfolgen aus Frucht, ich könnte ihn vom Thron stürzen und an seine Stelle treten.“ Der Narr ex officio schüttelte den Kopf. „Es ist doch immer das Gleiche. Der Elefant hat Angst vor der Mücke, wenn sie singt.“

    „Warum habt Ihr auch nicht den Mund gehalten!“

    „Herr! Ein Mann mit Grundsätzen hat manchmal keine andere Wahl! Ähem ... Nun Schluss damit.“


    Mundburt hört Gespenster reden


    Das Land stieg schon seit einiger Zeit gleichmäßig an. Auf einmal fuhr uns ein eisiger Windhauch entgegen, der Himmel verdüsterte sich, und bald waren wir von Schneegestöber umgeben. Woher dieser plötzliche Wetterwechsel kam, war unerklärlich. Da es schon dunkelte, suchten wir in einer Erdhöhle Schutz, nach den Spuren zu urteilen die Behausung irgendeines einsamen Gottessuchers. Als ich die Höhle betrat, erhob sich ein klapperdürrer Greis von seinem Lager und humpelte, krumm wie ein gebratener Aal, auf mich zu. Er war fast vollständig von Haaren bedeckt, mit einem Wildwuchs, wie ich ihn noch nie gesehen, und der einen Capillarier** sicherlich vor Neid erblassen ließe; seine Mähne reichte bis zu den Knien, sein Bart bis auf die Erde.

    „Vater“, sprach ich ihn an, „wir sind drei ehrliche Reisige und wurden von dem Unwetter überrascht. Wäret Ihr so nett, uns Unterschlupf –“

    „Ja, ja, kommt nur herein und bleibt so lange ihr wollt!“, sagte er so leise, dass ich ihn kaum verstand, „ich habe Euch schon erwartet!“ Während er sprach, sah ich, dass er nur noch einen Ober- und einen Unterzahn im Mund hatte. So, wie er mir vorkam, schätzte ich sein Alter auf mindestens hundert Jahre.

    Ich bedankte mich und winkte die Anderen herein. Der Alte kroch wieder auf sein Lager zurück und versank in Schweigen. Dabei starrte er Gerlind mit großen Augen an.

    Wir nahmen, zitternd vor Kälte, unseren Abendbiss ein. Dann krochen wir zusammen und wärmten uns gegenseitig, so gut es ging.

    Am anderen Morgen, nach kältedurchzittertem, unruhigem Schlaf, wurde ich von eigenartigen Geräuschen geweckt. Mir war, als hörte ich Leute in der Luft sprechen. Ich befreite mich sanft aus Gerlinds Armen, stand auf und ging steif wie ein Stockfisch nach draußen.

    Wieder hörte ich undeutliche Worte, doch ich sah niemanden.

    Zum Teufel, dachte ich, sollten hier Gespenster oder böse Geister am Werk sein?

    _________

    * Zur Erinnerung: Trabto ernährte sich von Wind . ** Sagenhaftes, vollständig behaartes Volk.


    Mundburt betätigt sich als Schlachtenbummler.


    Gerade ging die Sonne auf und goss ihr goldenes Füllhorn über die Ebene. Mit einem Mal kam es mir vor, als hörte ich Gefechtslärm; undeutlich vernahm ich den Klang gegeneinander schlagender Schwerter, das dumpfe Dröhnen anprallender Schilde, das Wiehern von Kampfrossen, das Trompeten von Elefanten; ferner entsetzliches Rufen, Schreien, Stöhnen, Keuchen, wie es kämpfende Männer von sich geben. Aber immer noch sah ich niemanden und hört doch Stimmen, die immer lauter wurden. „Stirb, Elender, stirb“, grölte einer, und ein anderer: „Ha, du Bösewicht, bei Mahom, in Stücke will ich dich hauen!“; jemand schrie mit schrecklicher Stimme nach Art der Lakedämonier, um Furcht zu erregen: „Hoiho, du Satansbraten, mach dein Testament, bevor du zur Hölle fährst!“ Nun vernahm ich starkes Hufgetrappel, sodass der Boden unter mir hätte vibrieren müssen, doch nichts rührte sich, alles blieb unbewegt.

    Und wieder ging es Schlag auf Schlag. Stahl traf auf Stahl, Blech traf auf Blech, Holz traf auf Holz; Holz traf auf Stahl, Stahl auf Holz, Blech auf Stahl. Hörte das Sirren von Sehnen, das Schwirren abgeschossener Pfeile, das Krachen lederner Riemen, hörte wüstes Hoihooo! und stolzes Hurrahhhh!, Trommel- und Trompetenschall. Ein schwerer Gegenstand schlug vor mir auf, dann noch einer. Männer schrien, Pferde wieherten, Krähen krächzten; jeden Moment rechnete ich damit, dass die Säulen des Herkules° einstürzen und alles, Kriegsvolk und -getier, Berg, Tal, Felsen, Stadt, Land, Aul mit sich reißen könnten. Und wieder Schreien, Jammern, Stöhnen, auch Siegesgeheul, doch ich sah weder Mann noch Maus.

    Je länger ich hinhörte, desto deutlicher vernahm ich die Geräusche, als ob ich mitten auf der Walstatt* stände, mitten in der brausenden Schlacht. Schon sah ich, als wäre es Wirklichkeit und keine fantastische Narretei, die Recken niederstürzen, sah ihre Gesichter; roch den Schweiß der in ihren Rüstungen Kochenden, oder ihre Wut, sah lärmende Siegestrunkenheit, sah Heere auf heillos-rasselnder Flucht, sah das Schlachtfeld von Leichen bedeckt, sah die im Todeskampf zuckenden Leiber von Mann und Pferd, hörte ihr Stöhnen, Heulen, Winseln, Jammern, und vernahm nie gehörte Verse:


    „Unter dem stampfenden Roßhuftritt erseufzet die Erde,

    und von der Schilde Geklirr erdröhnt der zagende Äther.

    Unermesslich schimmern der Lanzen eherne Wälder:

    Gleichwie im Frührotstrahl die Sonne, berührend die Meerflut,

    herrlich zugleich rückstrahlt von den äußersten Enden des Himmels.

    Schon durchschreitet der König den tiefen Strom des Flusses;

    plündernd strömen ins Land des Heeres gewaltige Wogen°°.“


    Welche Verse!

    Verwundert drehte ich mich um. Der Edle zu Mausloch stand neben mir; sein schwarzes Gesicht glühte im Morgenrot wie feurige Kohlen.

    „Könnt Ihr das Dichten eigentlich nie sein lassen?“, fragte ich.

    „Kaum! Schon gar nicht bei einem Sonnenaufgang wie diesem!“

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    * Altnordisch val=Leichenfeld. °Auf denen nach Meinung der Alten die Erdscheibe ruht. °° Aus: Waltharilied, um 950


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    F.f

    Mundburt trifft auf das Volk der Quetschnasen.


    Am vierten Tag endlich lichtete sich der Wald. Vor uns lag eine trostlose Ebene, ganz flach, zumindest schien es so, eine rohe, einsame Gegend, gleißend hell, über die ein unangenehmer Wind strich, der uns feine Sandkörner zwischen die Zähne trieb. Hier und da Bulte rauer Gräser, zähes struppiges Kraut; ab und zu ein halb verdursteter Baum mit seltsam langen Nadeln. Von Wild und Vögeln war nichts zu sehen. Doch wir hatten reichlich Proviant, der Wald war reich an Beeren, Früchten und Pilzen gewesen. Der Edle zu Mausloch erfreute sich eines eigenen Vorrats: Dicke fette Maden, die er genüsslich ausschlürfte.

    So trotteten wir dahin in der endlosen Stille; das Pferd in leichtem Galopp, der Zwerg in weiten Sprüngen; hätte Trabto nicht manchmal auf seine Art kräftig Luft abgelassen*, hatte man denken können, alles Geräusch sei aus der Welt verschwunden.

    Gegen Abend näherten wir uns einem Hügel, der überaus merkwürdig aussah. Seine Hänge waren mit fingerartigen Gebilden überzogen, die auf den ersten Blick wie seltsam geformte Hände aussahen. Der gute Plinkerton wurde immer unruhiger. Flatterte in seinem Käfig herum, sprang hierhin, dahin, dorthin; zwitscherte aufgeregt, als wolle er mir etwa mitteilen. Doch so angestrengt ich auch zuhörte, ich verstand nichts. Schließlich gelang es mir, ihn mit beruhigenden Worten zu besänftigen.

    Irgendetwas Unheimliches lag in der Luft.

    Gerade wollte ich den Edlen daraufhin ansprechen, da bewegten sich die Steinhände, zottige Arme kamen zum Vorschein, ein Dutzend zottiger Gestalten wuchsen aus dem Felsen, die in drohender Haltung auf uns zu kamen. Es waren völlig und dicht behaarte Wesen, mit einem Haarwuchs, wie ich ihn noch nie gesehen, mit Köpfen, unförmig wie missratene Kuddeln, die Beine dick, krumm, kurz wie Klosterwürste. Die dürren Arme reichten bis auf den Boden. Der Anführer, ein schrecklich missgestaltetes Monstrum, besaß drei Köpfe, einer schrecklicher anzusehen als der andere, mit Augen, Flammen sprühend wie Höllenrachen. Das Absonderlichste jedoch waren ihre Nasen. Sahen aus, als hätten sie ein gewaltiger Keulenschlag zurücknins Gesicht gedrückt.

    „Quetschnasenen oder Capillarier**“, raunte mir der Zwerg zu, „bin gespannt, was die Satansbrut von uns will.“

    „Bestimmt nicht die Novene° lesen, so wie die aussehen“, meinte Gerlind.

    Inzwischen hatten uns die Quetschnasen umringt und starrten uns aus böse funkelnden Augen an. Ich gab mir alle Mühe, keine Furcht zu zeigen, aber unwohl war mir doch. Denn um die Bande in die Flucht zu jagen hätte ich etliche Schwerthiebe opfern müssen, und ich hatte ja nur noch sechs, und wer konnte ahnen, was uns noch alles bevorstand.

    „Wer seid ihr!“, rief ich barsch, „und was wollt ihr?“

    „Honna nee, honna nee!“, donnerte der Anführer mit der Stimme eines hungrigen Löwen, „ich bnin Knachfarz, der Knönig der Knetschnasen, und befnehne: Kneinen Schnitt neiter!“

    Ich sah den Edlen verdutzt an. „Was meint er?“

    „Sie näseln stark, wegen der platten Nasen. König Krachfarz meint, wir sollen keinen Schritt weitergehen.“

    „Hihihi!“, kicherte Gerlind hinter mir, „Krachfarz! Wie passend!“

    „Ich denke nicht daran!“, rief ich, „ein freier Ritter des Heiligen Römischen Reiches Teutscher Nation lässt sich von niemandem aufhalten! Aus dem Weg!“ Schon nahm ich Trabto fester –

    „Haltet die Beine still und schaut mal dahin“, raunte mir der Zwerg zu und zeigte nach links.

    „Oha!“, rief ich überrascht, „woher kommt denn auf einmal diese Schlucht?“ Soweit das Auge reichte, zog sich ein tiefer breiter Graben mit steilen glatten Wänden durch das Land, auf den ersten Blick unüberwindlich für Ross und Reiter. Ich hätte schwören können, dass der Spalt eben noch nicht da gewesen war. Wie dem auch sei: Wollten wir unsere Fahrt fortsetzen, mussten wir an den Quetschnasen vorbei, die uns drohend ihre fürchterlichen Krallen entgegenstreckten und langsam näher kamen.

    „Wollt ihr Geld?“, rief ich. „Dann sind wir die Falschen für euch. Wir sind arm wie die Kirchenmäuse.“

    „Nein!“, rief der Zottelaffe mit den drei Köpfen, „wir wonnen kein Gend.“

    „Was wollt Ihr dann?“

    „Ihr sonnt dieses Näätzel nöösen!“

    ____________

    * Zur Erinnerung: Trabto ernährte sich von Wind. ** Sagenhaftes, vollständig behaartes Volk, von lat. capillum=Haar. ° Neuntägige katholische Andacht.


    Mundburt lehrt Trabto das Fliegen.


    Eine hutzelige Gestalt mit einer bunten Mütze auf dem Kopf – wohl der Hofnarr – trat vor. „Was nist das?


    Ein Nägdnein, schnarz und gnatt,

    gebar ein Knäbnein, wneiß und fein

    das durch die Seit´ der Nutter sich

    nach dnaußen fraß, wie nan von

    Vipern pfnegt zu sagen, dass sie

    der Nutter Neib zernagen.

    Dann stieg es in die Nüfte dneist,

    durch Täler fnog´s dahin und Aun,

    dass gar der Fneund der Weisheit

    steht vor Staunen stumm und neint

    es sei von andrer Welt verirrt.“


    „He, Kerl!“, rief ich, „hast auch nicht Kalliope* zur Mutter, so sprich deutlicher, soll ich das Rätsel lösen!“

    Und wieder fing die Quetschnase an zu nuscheln (nur lauter):


    „Ein Nägdnein, schnarz und gnatt,

    gebar ein Knäbnein, wneiß und fein ...“


    „He, Kerl!“, rief ich, „du versalzener Höllenbraten, wie soll ich denn, Kerl, bei deinem Genuschel, herausfinden, was das ist?“

    „Oho!“, schrie König Krachfarz, „wer nuschalt hier? Mein Narr spnicht knar und dneutlich! Also, zum netzten Nan. Narr!“


    „EIN NÄGDNEIN SCHNARZ UND GNATT ...“


    Es war hoffnungslos. Verstand immer nur Nutter und Nüfte.

    Ihr könnt euch denken, meine lieben Topfgucker und Suppenräuber, dass ich allmählich die Geduld verlor. Hatte keine Lust, den lieben langen Tag mit diesen Nuschelaffen zu verquatschen. Überlegte fieberhaft, wie ich uns aus dieser misslichen Lage befreien könnte, zumal Trabto unruhig mit den Hufen scharrte. Dabei entfuhr ihm achtern ein gewaltiger Wind.

    Und da hatte ich die zündende Idee. Hei, dachte ich, warum soll, was schon einmal half**, beim zweiten Versuch nicht gelingen? Beugte mich vor, tätschelte Trabto liebevoll den Hals und flüsterte ihm etwas ins Ohr – und Trabto verstand.

    „Herr von Mausloch“, raunte ich, „traut Ihr Euch zu, über den Höllenschlund dort zu springen?“

    „Was habt Ihr vor?“, raunte er zurück.

    „Fragt nicht. Traut Ihr Euch?“

    „Natürlich.“

    „Gut. Wenn ich „Hei!“ rufe, springt!“

    „Mundburt“, raunte jetzt auch Gerlind von hinten, „ich –“

    „Später!“

    Ich dachte, sie müsste mal in die Büsche.

    Während ich, um Zeit zu gewinnen, den Narren bat, das „Näätsel“ noch einmal schön langsam zu wiederholen, füllte sich Trabtos Körper mit Luft, bis er rund und prall war wie ein Blasebalg. Dann rief ich: „Gerlind, festhalten!“, und: „Hei!“. Kniff die Schenkel kräftig zusammen, Trabto machte einen Satz, und sein starker Wind katapultierte uns über den Abgrund auf die andere Seite, wo gerade der Edle glücklich landete.

    Eine Weile blieb alles ruhig, dann brach ein gewaltiges Lärmen los.

    „Oho!“, schrie Krachfarz mit zornentstellter, heiserer Stimme, „die Nesse ist noch nicht genesen! Denkt wohl, ihr kämt mit heiner Hnaut so davon! Das ist seit dneihundert Jahren nicht vorgekommen, dass einer noskommt, ohne das Näätsel genööst zu haben, das ich ihn aufnegeben! N – n – n! Want nur ab, Kerl, es wind noch anders kommen –“ Und so weiter, und so fort.

    Die anderen Quetschnasen sprangen wütend auf und ab, schrien Zeter und Mordio; einer vertrat sich und fiel laut kreischend in die Schlucht hinein.

    Ich tat so, als ginge mich das ganze Spektakel nichts an und ritt weiter. Der Zwerg hüpfte neben uns her.

    Nach einiger Zeit sagte Gerlind, mein holder Knappe im lockigen Haar: „Der ganze Aufwand mit Trabtos Wind wäre nicht nötig gewesen. Ich wusste schon vorhin die Lösung.“

    „Ach! Und warum sagst du das erst jetzt?“

    „Ich wollte ja. Aber du wolltest nicht hören.“

    „Und? Wie lautet sie?“

    „Nes nist nein Schnetterning, der hnaus den Konkon schnüpft!“

    „Wie?“

    „Es ist ein Schmetterling, der aus dem Kokon schlüpft!“ –

    Sagt selbst, meine lieben Haupthähne und -hennen, muss ich mich einen Dummkopf schelten, weil ich´s nicht erraten konnte? Hatte weiß Gott genug andere Sorgen im Kopf!

    ___________

    *Muse der schönen Rede. ** Als Trabtos Winde das Segel blähten und uns an Land trieben.


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    F. f

    Dieses Kapitel berichtet von allerlei Neid und Niedertracht sowie von zwei weinenden Nashörnern


    Nun, meine lieben Nasenbohrer, was sah ich? Ihr kommt nicht drauf? Nun gut, da die Geschichte weitergehen muss, sag ich´s euch. Ich sah, ich erblickte, ich gewahrte, ich bemerkte, ich erkannte, ich erspähte – hach, was sag ich? Ich sah, dass ihre Hörner aus heißen Seufzern bestanden, sah, dass die Panzerplatten Flügel der Fantasie waren; sah, dass ihre starken Beine aus Zuversicht geformt waren und dass ihre silbernen Füße den Boden nicht berührten. Da wurde mir ihre wahre Natur bewusst –

    „Lieber Freund!“, rief ich, „sind das Traumgebilde?“

    Der Edle zu Mausloch nickte. „Ja, es sind die Früchte meiner Verzweiflung. Denn ein Narr ist ein Narr und bleibt ein Narr, auch wenn er am Bette eines mächtigen Königs hockt und ihn in den Schlaf erzählen darf. Bin ich auch von Geburt edel, so geriet ich immer mehr zum Gespött der Höflinge. Denn in den Maße, wie die Zuneigung des Königs mir gegenüber wuchs, in dem Maße wuchs auch deren Neid, und sie ließen´s mich, wenn sie konnten, gnadenlos spüren. – Immer noch höre ihre schändlichen Reden. 'Ah –ah – hah – hah, seht ihn doch an, wie klein er ist, der Dreikäsehoch', zischelt einer, aber so laut, dass ich´s hören muss, 'ein normaler Nachttopf ist schon zu groß für ihn, hah – hah – hah! – 'Jesses, wie sieht er denn aus!', grunzt ein Anderer, 'allein diese Wangen, rund wie Trompeterbacken!' – 'Oi – oi – oi – und erst die Nase!', lästert ein Dritter, 'herrje, ein zerquetschter Pfirsich!' – 'Tä – tä – tä, und die Lippen' ruft ein Vierter, 'ha! Sehen aus, als hätte sie ein Hornissenschwarm gestochen!' – 'Hä – hä – hä? Ist er überhaupt ein Mensch?', lästert ein Fünfter, 'mit nur einem Bein?'

    Aber auch der König trieb mit mir seinen Scherz! So ließ er einen extra hohen Nachtstuhl bauen und befahl mir, mittels einer Leiter hinaufzuklettern. Dort musste ich dann zur Belustigung der Tafelrunde mein Geschäft verrichten, und der Spaß war umso größer, je lauter es dabei zuging.

    So wurde ich hundertmal am Tag zum Gespött der Höflinge, zum Opfer jener plumpen, langweiligen, bösartigen Witzeleien, die mir die abgründige Torheit dieser Menschen offenbarte. Anfangs verspürte ich nur den jähen, heftigen Groll der Jugend, die schmerzende Empfindlichkeit des verletzten Stolzes. Doch bald empfand ich Scham und Minderwertigkeit und beneidete die normal Gewachsenen um ihr glückliches Los. Gleichzeitig verfluchte ich die grausame, gefühllose Natur, die meinen stolzen, flammenden, erfinderischen Geist in solch eine groteske Behausung gesperrt hat.“

    Schon seit einiger Zeit ließen die beiden Nashörner eigenartige Geräusche hören. „Was ist mit den beiden?“, unterbrach ich den Kleinen, „geht es ihnen nicht gut?“

    „Sie weinen, denn jedes ist ein Stück von meinem Herzen, und wenn mein Herz weint, weinen auch sie.

    Alles ertrug ich tapfer“, fuhr der Zwerg fort, „denn ich hatte ja meine Träume. Nachts träumte ich davon, wieder ein Zwerg unter Zwergen zu sein, in einer Zwergenwelt zu leben, in der alles sein gewohntes Maß hat. Heiter erforschte ich den Tropendschungel einer Blumenwiese; ungeheure schreiende Vögel, dröhnende Bienen mit ihren Glasflügeln, taumelnde Falter, groß wie Drachen, schreckten mich nicht, denn da ich von Geburt nur sechs Zoll hoch bin, muss alles andere riesig sein. Heiteren Sinnes wanderte ich durch weite, dichte Wälder, mit Stämmen, stark und rund wie Schiffsmasten, und doch waren sie nichts anderes als das Gehälm eines Weizenfeldes, und ein Maulwurfshügel war schon ein hohes Gebirge. Das Gehen machte mich frei; dann wusste ich wieder, ich bin genauso ein Mensch wie ein Hochgewachsener, aus demselben Ton geformt; ich atme dieselbe Luft, hege dieselben Befürchtungen, hoffe dieselben Hoffnungen, sehne mich nach Liebe wie alle anderen Leute.

    Aber ein Zwerg zu sein unter großen Menschen, mit all der Schmach und Schwäche des klein Gewachsenen –“

    Der Edle zu Mausloch seufzte tief. „Lieber Herr, das ist bitter! Bitterer noch als Absinth und Cynar! Aber lassen wir das, ich will Euch nicht langweilen. Nur so viel: Sogar noch hier, im Exil, litt ich unter der Schmach, die mir eine widerwärtige Hofgesellschaft bereitet hatte, wieder fühlte ich mich entsetzlich schwach und minderwertig, und wieder suchte ich in Träumen Erlösung. Eines morgens wachte ich auf, und da standen Castor und Pollux in meiner Kammer. Ich wusste sofort, was das zu bedeuten hatte, denn das Nashorn gilt ja seit undenklichen Zeiten als Inbegriff von Kraft und Stärke. Mein Geist hatte sie erschaffen, mein wilder, mutiger, wütender, starker Geist, als Gegenpol zu meiner körperlichen Schwäche. Seitdem stehen sie mir zu Diensten, wenn ich sie brauche.“

    „Aber wenn es Traumgebilde sind“, warf ich ein, „wieso können sie dann ein schweres Schiff an Land ziehen?“

    „Sagtet Ihr nicht eben, der Riese warf einen Stein ins Wasser? Also ist euer Schiff genau so ein Traumgebilde wie meine beiden Nashörner.“

    Teufel auch, darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Dann war ja die ganze Aufregung, unterzugehen oder von der Erde zu fallen, unnötig gewesen. Ich beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken.

    „Lieber Freund“, sagte ich, „ich muss zurück zum Schiff, mein Knappe wartet. Aber ich komme wieder.“


    Ein Heiratsversprechen und eine Abfuhr.


    „Hast du ihn?“, rief Gerlind, als ich mich dem Schiff näherte.

    „Wen?“

    „Den Kristall!“

    „Wie kommst du denn darauf?“

    „Ich dachte! Weil du so lange unterwegs warst!“

    „Entschuldige! Aber es ging nicht schneller.“

    Zurück an Bord erzählte ich Gerlind von meinen Erlebnissen. Als sie hörte, dass der Zwerg von Geburt an nur ein Bein hatte, rief sie: „Ach geh! Veräppeln kann ich mich alleine!“

    „Ich veräppele dich nicht! Du wirst es ja selbst sehen. Er hat sich nämlich angeboten, mich zum Grab des Königs zu führen.“

    „Dich? Und ich bleibe hier und passe auf deinen Spatzen auf, oder wie?“

    „Natürlich nicht! Ihr beide kommt mit! Allerdings – und jetzt höre bitte erst zu, bevor du dich aufregst – ich brauche dringend einen Knappen, und was liegt da näher –“

    „Ohne mich, mein Haupthahn! Ich in Männerkleidern! Kommt nicht in Frage!“

    „Gerlind, hör zu! Du kannst dich unmöglich als Frau in dieses weite wilde Land wagen! Hier wimmelt es von Menschenfressern, und es ist ja bekannt, dass bei diesen Leuten hübsche Jungfern als besondere Leckerei gelten.“

    „So, das ist also bekannt.“

    „Ja. Und außerdem benötige ich einen Knappen. Ein Ritter ohne Knappen ist wie ein – ein –“

    „Spar dir deine Vergleiche! Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir den Steigbügel halte, deinen Harnisch öle und was sonst noch abwische! Pah! Mit mir nicht! Basta!“

    Die Frau möcht ich sehen, deren Basta, wenn man es richtig anstellt, das letzte Wort ist.

    Fiel auf die Knie und bedeckte ihre Beine mit Küssen. „Meine Teuerste, Liebste, Schönste, Holdeste, Frommste, tu es mir zuliebe!“, rief ich, „was ist denn schon dabei! Du kannst nähen wie der Teufel, hast eine Figur, wie sie passender nicht sein könnte, und die Haare wachsen wieder nach. Und von Steigbügel halten oder Harnisch ölen ist doch überhaupt nicht die Rede!“

    „Steh auf, ich mag nicht, wenn jemand vor mir kniet. Bin schließlich keine Heilige. Hmmm . . . Nehmen wir einmal an, ich täte es. Was bietest du als Gegenleistung?“

    Ohne viel zu überlegen antwortete ich: „Wenn mich die Herrin verstößt, heirate ich dich.“

    Das war nun ganz falsch.

    Gerlind stemmte die Fäuste in die Hüften. „Ach nee! Dann bin ich also nur zweite Wahl! Was Dümmeres konnte dir nicht einfallen!“

    „Gerlind, ich . . . ähh . . .“

    „Blödmann! Du gibst mir jetzt sofort einen Kuss, und dann hol Zwirn, Nadel und Schere!“

    Die Sonne war kaum vorgerückt, da stand der hübscheste Knappe vor mir, den ihr euch denken könnt: Schlank wie eine Gerte, biegsam in den Hüften, die Lippen rot, die Augen blau, die Haare blond-gelockt, so entzückend lieblich, so herzerfrischend jung, so ausnehmend gut anzusehen, dass ich nicht anders konnte. Nahm ihn in die Arme, meinen frisch gebackenen Knappen, und wir lacheten, koseten und fratzeten, als ob wir von sinnen seyen. Dann packten wir unsere sieben Sachen, schwangen uns aufs Pferd, ich maulwärts, mein Knappe schwanzwärts, und wenig später standen wir vor Pygmalions Hütte.

    Am anderen Morgen brachen wir ins Ungewisse auf.


    ⊱ ꙳⋆✵♡✵⋆꙳ ⊰


    Forts. folgt

    Bekanntschaft mit einem seltsamen Vogel


    Ich wendete das Pferd, um aufs Schiff zurückzukehren. Da erspähte ich wischen den Baumstämmen eine strohgedeckte Hütte, vor der eine seltsame Gestalt saß, die sich mit einem Palmwedel Kühlung zufächelte. Die Gestalt besaß den Körper eines Menschen, Kopf und Schultern hingegen glichen denen einer Harpyie*. Ich hielt auf die Hütte zu. Als mich der seltsame Vogel kommen sah, sprang er auf, lief in die Hütte und verriegelte die Tür. Dabei sah ich, wie klein er war.

    „Hei-ho!“, rief ich, „lieber Vogel, warum versteckt Ihr Euch? Bin gut Freund und will nur nach dem Weg fragen!“

    „Ha, das sagen sie alle!“, rief der Vogel mit der Stimme eines Kindes, „die Seeräuber, die Diebe, die Totschläger, die Mörder! Zwei meiner Söhne haben die Halunken schon erschlagen! Ich bitt Euch, Herr, reitet weiter!“

    „Das will ich ja! Aber ich weiß den Weg nicht.“

    „Wohin wollt Ihr denn?“

    „Nach Äthiopien!“

    „Nach Äthiopien? Auf diesem klapperdürren Pferd, allein und ohne Waffen? Euren Mut möcht ich haben!“

    „Nun ja, ganz allein bin nicht unterwegs, mein Knappe ist noch auf dem Schiff, und Waffen besitze ich auch. Und das Pferd, da macht Euch mal keine Sorgen – Ihr kennt es nicht, sonst würdet Ihr anders reden. Und außerdem: Den Mutigen lenkt das Schicksal, den Schwachen treibt es.“

    „Seid Ihr wirklich allein?“

    Ich saß ab, bückte mich und hob einen Stein auf. „Ja, bei Jupiter lapis**, ich schwöre!“

    Die Tür öffnete sich einen Spalt breit, der Vogelkopf lugte heraus. „Wer seid Ihr denn, werter Herr?“

    „Mein Name ist Mundburt zu Wolkenstein, Ritter vom Wind*, Ehrendoktor der Medizin, Knappe des Ritters zu Schwarzenraben, Liebhaber in Spe der Herrin dort. Und wer seid Ihr, seltsamer Vogel?“

    „Ach, bin nur ein armer Einsiedler, der aus dem Land, das seine liebe Heimat war, verschleppt wurde, und jetzt hier, in dieser Einöde, auf sein Ende wartet.


    Denn selig der Mann,

    der sich ohne Groll

    vor der Welt verschließt.“


    „Hmm, gut gesagt . . . Trotzdem, geht’s nicht etwas genauer? Wüsste gerne, wen ich vor mir habe.“

    „Kann ich Euch trauen? Wer sagt mir, dass Ihr kein Häscher seid?“

    „Ich! Seht Ihr irgendeine Waffe? Schaut mich an: Seh ich wie ein Häscher aus? Na also! Und wer sagt mir, dass nicht gleich sieben Eurer Söhne über mich herfallen?“

    „Meine Söhne haben die Räuber erschlagen.“

    „Oh, das tut mir leid! Aber warum verkleidet Ihr Euch als Vogel?“

    „Also gut. Vertrauen gegen Vertrauen.“ Der Zwerg nahm die Verkleidung ab. Er war tatsächlich ein Moor, schwarz wie eine mondlose Nacht, seine Augen zwei große, leuchtende Sterne. Aber ohne Knochen im Kraushaar.

    „Mein Name ist Pygmalion, Edler zu Mausloch, der Narren Ärmster“, sagte er. „Ich werde verfolgt, und zwar diesmal nicht von irgendwelchen Räubern oder Dieben, sondern vom König des größten Landes der Welt. Deshalb habe ich mich in diesen abgelegenen Winkel verkrochen und wage mich nur verkleidet vor die Tür. Nur, ich fürchte, auf die Dauer wird es nichts nützen. Die Schergen dieses Königs, der Teufel soll ihn holen, gehen über Leichen und lassen sich dabei weder durch reißende Flüsse, steile Gebirge, feurige Vulkane, wogende Meere noch sonst ein Hindernis aufhalten. Wen sie finden wollen, den finden sie, denn ihre Mittel sind unbegrenzt. Doch der König spielt den Unschuldigen. Pah, ein Lügner durch und durch ist er. Ich rechne stündlich damit, dass seine Mordbuben hier aufkreuzen und mich töten, denn ich habe das größte Verbrechen begangen, dass sein Land kennt.“

    „Das wäre?“

    Pygmalion ließ den Kopf hängen und seufzte schwer. „Ach, das ist eine traurige Geschichte. Vielleicht ein andermal. Nun zu Euch, Herr. Was, zum Teufel, wollt Ihr denn im Äthiopien?“

    „Ich suche diesen wunderbaren Kristall, diesen heilenden und besänftigen Diamant vom Grab des Königs der Almaten. Ein gelehrter Mann sagte mir, dieses Grab befinde sich bei einem Volk, das nur ein Bein mit auf die Welt bringt. Könnt Ihr mir da weiterhelfen?“

    „Ei freilich kann ich das!“

    Plötzlich sprang der Wicht hoch und durchmaß mit ellenlangen Sprüngen die Lichtung – und da sah ich, dass auch er nur ein Bein hatte, aber wegen des außerordentlich breiten und kräftigen Fußes bewegte er sich mit weiten Sprüngen so geschwind, dass ich ihn auch zu Pferd kaum eingeholt hätte.

    „Ich bin ein Almate!“, rief er, als er wieder bei mir stand, „und meine Heimat heißt Almatien.“

    „Almatien? Ich denke, das Grab liegt in Äthiopien.“

    „Almatien ist ein Teil Äthiopiens. Es liegt in einem Hochtal, umgeben von schroffen Felswänden, tiefen Schluchten, reißenden Flüssen, dichten Wäldern mit gefährlich Raubtieren und giftigen Schlangen. Noch nie ist es einem Fremden gelungen, bis an das Grab des Königs zu gelangen. Die Wege dorthin sind gesäumt mit den sonnengebleichten Skeletten der elendig Verreckten.“

    „Hmm . . . Klingt nicht sehr ermutigend, was Ihr da erzählt. Wenn das mal alles stimmt!“

    Der edle Moor richtete sich auf wie eine in die Enge getriebene Maus, die keinen Ausweg mehr sieht.

    „Herr, ich übertreibe nicht! Ich erzähle die Wahrheit! Zum Beweis sage ich Euch, dass noch nie jemand diesen Kristall in Händen gehalten hat! Oder kennt Ihr einen?“

    Ich musste zugeben, dass ich den Kristall nur vom Hörensagen kannte. Wenn es so war, wie Pygmalion sagte, dann hatte mir die Herrin eine unlösbare Aufgabe gestellt. Trieb sie mit mir ein grausames Spiel? Ein furchtbarer Gedanke durchfuhr mich kalt. Hatte sie etwa vor, mich zu verderben? Dieser Verdacht erschütterte mich so, dass ich eine Weile wie gelähmt war, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Hörte nur, wie der Zwerg anfing, von seinem Almatien zu schwärmen.

    _________

    *Ein antikes Frauenvolk, das alle Männer tötete und deshalb von Zeus in Vögel mit Frauenköpfen verwandelt wurde. ** Stein, bei dem geschworen wurde, indem man ihn in die Hand nahm.


    Dieses Kapitel berichtet von seltsamen Völkerschaften und einer zerhauenen Palme.


    Als er damit fertig war, sagte ich: „Wenn Euch so an Eurer Heimat liegt, warum seid Ihr nicht schon längst dorthin zurückgekehrt, anstatt darauf zu warten, dass Euch irgendwelche Mordbuben den Hals umdrehen?“

    Pygmalion wies auf ein Art Wolkenformation, die über den Wipfeln der Lichtung in blau schimmernder Ferne lag. „Was wie Wolken aussieht, lieber Herr, ist ein riesiges Gebirge, das die Küste von den inneren Teilen dieses Landes trennt. Dahinter liegt eine endlose Wüste –“

    „Wollt Ihr damit sagen“, unterbrach ich ihn, „dass man mit dem Schiff nicht nach Almatien kommt?“

    „Mit dem Schiff?“ Er lachte rau. „ Es sei denn, Euer Schiff könnte fliegen. Aber auch dann wäre ein Erfolg Eurer Reise ungewiss. Im Landesinneren wimmelt es von Menschenaffen, Drachen, Krokodile, Löwen und anderen Raubtieren, die einem Reisigen das Fürchten lehren und ihm den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Dann sind da unheimliche Völkerschaften, die dort leben. Man trifft auf Menschen mit Hunde- und Eselsköpfen, auf weiße Mooren und schwarze weiße Leute, auf Leute, die nur ein Auge über der Nase haben, auf andere, die ihre Nase auf der Stirn tragen; auf solche, die allzeit einen Hund zu ihrem König wählen und solche, die ein Leben lang wie die Krabbelkinder auf allen Vieren herumlaufen*. Sogar Menschenfresser soll es dort geben, die ihre Opfer in Palmwedel einwickeln, über kleinem Feuer dünsten und dann verzehren**. Glaubt Ihr, dass ein Zwerg wie ich auch nur die kleinste Möglichkeit hat, da mit heiler Haut durchzukommen? Wenn mich auch die wilden Tiere nicht fressen, denn so leicht holt mich auch der hungrigste Löwe nicht ein, so hab ich doch keine Lust, halbgar auf dem Mittagstisch einer Menschenfresser-Horde zu landen.“

    Der Kleine hüpfte aufgeregt auf seinem Bein herum, was ziemlich ulkig aussah, und schrie:


    „Ja wenn Ihr ein starker Ritter wärt,

    mit goldnem Schild und scharfem Schwert,


    dann könnten wir die Reise wagen. Aber so?“

    „Heiho!“, rief ich, „Ihr seid und bliebt ein Narr und glaubt nur was Ihr seht! Einen größeren Fehler kann ein Mensch nicht machen! Seht Ihr diese Palme dort? Dann passt einmal auf!“ Ich zog Schlagto aus der Scheide, lief zu der Palme und hieb den Stamm mitten durch.

    Der Zwerg stand starr vor Staunen.

    „S-seid Ihr ein Z-zauberer?“, stammelte er schließlich.

    „Nein. Ich bin ebenso wenig ein Zauberer wie Ihr oder dieser grüne Papagei dort auf dem Ast.“ Dann erklärte ich ihm, welche Bewandtnis es mit dem Schwert hatte, was ihr, meine lieben Topfgucker und Pfannenhelden, ja schon wisst. Ärgerte mich aber, dass ich, nur um den starken Mann zu spielen, einen Hieb nutzlos vergeben hatte. Nun waren es nur noch sechs, und ich nahm mir streng vor, in Zukunft sorgfältiger mit Schlagto umzugehen.

    „Und was ist mit Eurem Schild?“, fragte der Edle zu Mausloch jetzt.

    „Es heißt Fangto und besteht aus geschmiedetem Sturm. Wenn Ihr wollt, kann ich Euch eine Probe geben.“

    „Beim Zeus! Gerne! Was soll ich tun?“

    „Nehmt diesen Knüppel da und rennt gegen mich an!“

    Immer wütender rannte er auf seinem Bein hüpfend gegen mich an –

    „Fantastisch!“, rief er begeistert, „mein Zorn wächst und auch mein Mut!“

    Doch ich wich nicht um Fingers Breite von der Stelle. Schließlich gab er mit schweißbeperlter Stirn auf.

    „Ihr seid größer geworden“, stellte ich verblüfft fest, „wie geht das an?“ In der Tat, der Zwerg war mit jedem Stoß gewachsen – nicht sehr, aber immerhin auf drei Ellen.

    „Mut macht groß, Angst macht klein. Bis eben noch hatte ich meine Angstfigur, denn Kleinheit erregt leicht Mitleid. Doch jetzt, wo ich einen starken Ritter an meine Seite weiß, macht mich der Mut groß!“ Er streckte die geballte Haust in die Höhe und rief:


    „Ha! Wer nicht kühn gekämpft

    mit Drachen oder Schweifen°

    und wilde Feind´ gedämpft:

    der wird es nie begreifen!“


    „Seid Ihr eine Narr oder ein Dichter?“, fragte ich.

    „Beides. Ein närrischer Dichter.“

    Ich fragte: „Wäret Ihr bereit, mich zum Tempelgrab Eures Königs zu führen? Ihr kennt Euch anscheinend in diesem Lande gut aus, und jetzt, an der Seite eines starken Ritters –“

    „– und ich käme wieder in meine Heimat zurück und könnte am Grab meiner Ahnen endlich die Tränen vergießen, die ich all die Jahre in mich hinein geweint habe!“ Er machte einen gewaltigen Hüpfer. „Mit Freuden, Herr Ritter, mit Freuden! Sagt, wann es losgehen soll, und ich stehe bereit!“ Und wieder fing er an, von seinem Almatien zu schwärmen.

    „Gemach, gemach“, unterbrach ich ihn, „so schnell geht das nicht. Erst muss ich sehen, was ich mit meinem Schiff mache. Es ist das Geschenk eines guten Riesen, der einen Stein ins Meer warf, aus dem das Schiff wurde, und ich befürchte, dass es beim nächsten Sturm an den Klippen zerschellt oder von Seeräubern gekapert wird. Außerdem benötige ich es noch für die Rückreise.“

    „Da macht Euch mal keinen Hals! Ich lasse es an Land ziehen und übergebe es der Göttin Flora zur Pflege. Sie wird es in einen Blumengarten verwandeln und niemand käme auf die Idee, darunter ein Schiff zu vermuten.“ Pygmalion blickte versonnen ins Weite und murmelte:


    „Und während sie sprach, hauchte sie Frühlingsrosen aus ihrem Munde:

    Chloris war es, die sich Flora nannte.“


    „Habt Ihr denn Helfer?“, fragte ich verwundert, „ich denke, Ihr seid allein?“

    Der Almate steckte zwei Finger in den Mund und ließ einen scharfen Pfiff hören. Im Gebüsch krachte und knackte es; auf einmal brachen zwei riesige Nashörner hervor. Sie rannten im Schweinsgalopp auf uns zu. Unwillkürlich sprang ich zur Seite, Trabto bäumte sich verängstigt auf. Wieder ein Pfiff, schon standen sie.

    „Meine Ziehsöhne Castor und Pollux! Sie werden Euer Schiff an Land ziehen“, sagte der Moor nicht ohne Stolz. Es waren gewaltige Tiere, mit Beinen wie Baumstämme und einer Haut wie Panzerplatten.

    Allmählich wurde mir der Kerl unheimlich. „Zum Henker“, sagte ich, „was soll das? Eben sagtet Ihr noch, Ihr wärt alleine! Mann, wenn Euer Wort nichts gilt –“

    Der Edle zu Mausloch sah mich treuherzig an. „Beruhigt Euch, junger Herr, mein Wort gilt, denn ich bin ein Mann von Ehre!“ Er ging zu den Tieren und tätschelte ihnen die Hörner. „Kommt!“, rief er, „schaut sie näher an! Sie sind völlig harmlos!“

    Vorsichtig trat ich näher, und da sah ich –

    _______

    * Diese „Völkerschaften“ wollen antike „Reiseschriftsteller“ wie Plinius, Solinius u. a. tatsächlich in Äthiopien gesehen haben. ** Wird von ernsthaften Ethnologen aus Borneo berichtet. Durch das „Dünsten“ sollte der Geschmack des Opfers verbessert werden. ° Kometenschweife.

    F.f

    Ein seltsamer Heerzug und erneute Flucht.


    Ich war noch keine halbe Meile galoppiert, da verstellte mir eine endlose, weiße Schlange den Weg. Ihr unheimliches Zischen hielt mich davon ab, weiter zu reiten, denn Schlangenbiss und Tarantelstich waren das Letzte, was mir in dieser Einöde wünschte.

    Doch ob mein Schwert hier helfen konnte war ungewiss: Ich sah keinen Kopf, den ich hätte abschlagen können, die Schlange zog sich ohne Anfang und Ende dahin. Vorsichtig trat ich näher . . . Das war kein Riesentier . . . Es war ein endloser Zug großer, weißer Wesen, von der Sorte, zwischen die sich die Großmutter wegen ihrer Gicht legte und zerbeißen ließ. Das Zischen war das Geräusch von Millionen Füßen, die über den heißen Sand schlurften. Anscheinend kehrten sie von einem Kriegszug zurück, denn sie trugen hunderte von Gefangenen mit sich, deren Jammern und Wehklagen ich deutlich vernahm. Aus den überraschend großen Köpfen der Räuber in der Farbe Amberger Erde* ragten fürchterliche Waffen, mächtige Zangen, mit denen sie die Gefangenen festhielten. Jetzt hörte ich Vieh brüllen; auch das hatten sie geraubt, ebenso Fenster, Türen, Balken,T ruhen, Bütten, Grapen, Eggen, Forken, Spaten, Schaufeln. Anscheinend hatten sie ein Dorf überfallen und alles verschleppt, Lebendes und Totes, Mensch, Maus und Magd. Doch der Kampf hatte sie sichtlich geschwächt und erschöpft; ihre Körper waren durchsichtig wie Amorthit**, und ihre Hinterleiber arbeiteten und pulsten, als wären´s Blasebälge.

    Die Spitze des Heerwurms hielt auf eine Düne zu, hinter welcher der Zug allmählich vollständig verschwand. Vorsichtig ritt ich die Anhöhe hinauf und erblickte eine weite, rostbraune Ebene, aus der seltsame Kathedralen wuchsen; etliche waren vieltürmig, mit hohen Zinnen, Rippen und Graten, andere mehr breit und gedrungen, alle aus dem gleichen Material gebaut und offensichtlich ohne Fenster und Türen°.

    Die Soldaten bewegte sich nun auf den mächtigsten dieser Bauten zu und begann ihn zu umkreisen, wobei der Zug an Breite immer mehr zunahm. Schließlich war´s ein gewaltiger, sich unablässig dahin wälzender Strom, aus dem jetzt ein brausender Gesang erscholl:


    Heil dir, o Königin,

    unsere Gebärerin,

    Volkes Hüterin,

    der Gebräuche Wahrerin,

    dir nur zu dienen

    steht uns der Sinn.


    Aus geheimen Öffnungen dieser unheimlichen Kathedrale schnellten jetzt starke Arme hervor und rissen die Gefangenen, deren Geheul die Luft erbeben ließ, sowie das Raubgut an sich. Nun, da das räuberische Volk seine Beute abgeliefert hatte, machte es sich, von allen Lasten befreit, an den nächsten Raubzug; der breite Strom formierte sich neu. Das, was ich zunächst für Erschöpfung gehalten hatte, war nichts anderes als die gewöhnliche Art, mit der sich dieses Kriegsvolk fortbewegte. O, dachte ich, wenn doch der Kaiser solche Armeen hätte! Wie würden die Feinde des Heiligen Römischen Reiches erzittern!

    Während ich noch über das Los des armen Kaisers nachdachte, sah ich, wie sich der Zug mit steil aufgerichteten Waffen auf Trabto und mich zubewegte. Von Entsetzen gepackt gab ich Trabto die Sporen, ritt über Stock und Stein, sprang über dorniges Gestrüpp, setzte über tiefe Erdspalten, flog über verdorrte Grasfluren und erreiche endlich den Wald.

    Das ist also Afrika, dachte ich, ein einsames, fremdes, grausames Land.

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    * Ockerfarben. ** Ein zart milchiger Feldspat. °Termitenbauten.


    Dieses Kapitel berichtet von allerlei wunderlichen Hochzeiten


    Sofort umgab mich grün-dunkles Dämmerlicht. Baumstämme, den Säulen hoher Dome gleich, sich wieder und wieder verzweigend, ragten in die Höhe und verloren sich in einem Himmel aus unentwirrbar grünem Gewölk. Der Boden war bedeckt mit den seltsamsten Gewächsen; ich sah langhälsige Schlangenköpfe, die mir ihre Zungen lüstern entgegen streckten*; sah Früchte, so missgestaltet und stachlig wie Knurrhähne**; sah Schlinggewächs mit Blüten, die mir die Schamröte auf die Wangen trieben°; dann waren da welche, die ihre Samen bei Berührung gewaltsam ausschleuderten°°, sodass Trabto hell aufwiehernd hoch ging. Dazwischen große, bunt-schillernde Käfer, herumhastend, als seien sie auf heilloser Flucht. Und überall kopfloses, windendes, schleimiges Gewürm; Kakerlaken, Milchkrebse, Taranteln, Franzosen&, Nomaden und anderes ziehendes Volk; manche davon so durchsichtig, dass ich unter der Haut Fett, Fleisch, Sehnen, Knorpeln, Arterien, Venen und kotiges Gedärm sah – nur nach Herz und Hirn hielt ich vergeblich Ausschau. Das beweist, dass diejenigen Recht haben, die behaupten, dieses unselige Geziefer entstehe aus Dreck und Unrat.

    Wieder, unter anderen Bäumen, bemerkte ich unbekannte Arten von Kräutern, häufig musste ich zweimal hinschauen, ehe ich begriff, was ich sah. Da wuchsen Piken, Lanzen, Spieße, Hellebarden, Partisanen, Zinken, Besen, Bratpfannen, Grapen und Forken. Etliche von ihnen schienen Hochzeit zu halten; eine Partisane+ hielt einen Besen fest umschlungen (mit ihren Kindern wird man wahrscheinlich die Esse ausfegen können); ein Hellebardenschaft wuchs geradewegs in eine Bratpfanne hinein; eine Pike vermählte sich mit einem Kochtopf und könnte nun statt zum Stechen zum Pflaumenpflücken gebraucht werden.

    Dazu überall lärmende Vögel, die mich mit weit geöffneten Augen ansahen. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Alle hatten die Gesichter von Menschen, aber die Körper von Gefiederten. Ich sah Nyktimene in eine Nachteule verwandelt, Prokne in eine Schwalbe, Philomela in eine Nachtigall; entdeckte Tereus in Gestalt eines Wiedehopfs@, einsam hinter einem Gebüsch verborgen und von den anderen gemieden; sah Antigone als Storch und viele andere ehemalige Menschen. Auch ein Stein erregte meine Aufmerksamkeit, denn er weinte; es war Alkmene, die ihr grausames Schicksal beklagte.

    Nachdenklich, von dem Anblick wie betäubt, ritt ich weiter, doch die Absonderlichkeiten rissen nicht ab. Nach hundert Schritten flatterte eine Schar wilder Papageien auf mich zu, von denen etliche versuchten, mir die Mütze vom Kopf zu stehlen. „Hinweg, freches Gefieder!“, rief ich und hielt Fangto, meinen unsichtbaren Schild, hoch. Schon flogen einige dagegen und landeten mit gebrochenem Hals auf dem Boden. Verblüfft und laut schreiend schwirrten die übrigen davon und ließen sich auf den nahen Bäumen nieder, von wo aus sie mich aufmerksam beäugten. Manche mit zottigen Beinen und Krallen wie beim Vogel Greif, andere mit Bäuchen und Bürzeln, so groß wie die Hinterteile von Auerochsen. Das geschnäbelte Volk tat nichts, als dem lieben Gott die Zeit zu stehlen, sich gegenseitig zu behacken, alles abzufressen und den Boden zu besudeln.

    Damals kam mir diese räuberische Gesellschaft recht exotisch vor, doch heute weiß ich: Sie ist weltweit verbreitet, und sie ausrotten zu wollen hat nicht den geringsten Zweck; sowie einer dieser Schädlinge vom Ast fällt, rückt flugs ein anderer nach.

    Wenn ihr mir nicht glaubt, so lest doch bei Platon, Anaxagoras, Demokritos und anderen Philosophen nach; da findet ihr es schwarz auf weiß!

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    +Alte eiserne Stoßwaffe. * Arum hydrophyllum, ein Aaronstabgewächs. ** Afrikanische Horngurke, Cucumis metuliferus. ° Schmetterlingserbse, Clitoria termatea. °° Ein afrikanisches Springkraut, Impatiens. & Schaben (süddeutsch). @ Der Wiedehopf, auch Stinkhahn genannt, scheidet bei Erregung ein widerlich stinkendes Sekret aus.

    F.f

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    Mundburt begegnet zwei schrecklichen Ungeheuern


    „Bist du sicher, dass dies Afrika ist?“, fragte Gerlind.

    „Nein, wie sollte ich. Aber wenn wir die ersten Mooren mit Knochen im Haar und Pfeilen im Köcher treffen, bin ich´s!“

    Ich zäumte Trabto auf, legte den Harnisch an, nahm Schild und Schwert, und dann, hei, ritt ich in den blanken Morgen hinein.

    Trabto, gut gelaunt durch den herrlichen Seewind, den er mit weiten Nüstern genoss, schritt kräftig aus, sodass mir der Gischt um die Nase flog. Trotzdem war mir nicht ganz wohl in meiner Haut; so allein in diesem unbekannten Land, in dem sicherlich überall unbekannte Gefahren lauerten – konnte das gut gehen? Doch ich vertraute auf meine Stärke und mein Glück; da waren Schild und Schwert, die Wunderwaffen! Sie bestanden zwar nur aus geschmiedetem Wind, wie ihr euch sicherlich noch erinnern werdet, meine lieben Freunde, aber nichtsdestotrutz … Hatte ich doch mit einem einzigen Schwerthieb eine fette Sau und die Bank darunter in zwei Teile gehauen!

    Und dann, hoho!, war ich nicht auch ein Ritter? Wenn auch nur einer vom Wind, aber was machte das schon, Ritter ist Ritter! Wichtig ist der Mut, den einer hat! Und der war größer als der einer Bärin, die ihre Jungen verteidigt.

    Zumindest fühlte ich mich so.

    Doch ha! Wo war mein Knappe? Soll der Ritter eigenhändig sein Pferd striegeln, den Harnisch ölen, den Schild putzen, die Riemen binden, den Steigbügel halten? Unmöglich! Wäre auch des Ritters Mut himmelhoch, sein Ansehen wäre nicht größer als eine Maus. Doch wo einen Knappen finden in dieser Einöde?

    Da kam mir eine Idee.

    Doch zunächst galt es, die Küste ein wenig zu erkunden. Kurzerhand trieb ich Trabto eine Böschung hoch. Das Land dahinter war völlig mit dichtem Wald bewachsen, der wie eine undurchdringliche Mauer stand. Merkwürdige Laute erfüllten die Luft; es lachte, kreischte, zwitscherte, schrie, pumpte, trompetete.

    Während Trabto und ich noch mit spitzen Ohren lauschten, begann plötzlich der Sand unter uns zu rieseln, eine unbekannte Kraft zog uns abwärts. Gab Trabto die Sporen, doch obwohl er verzweifelt versuchte, dem Geriesel zu entkommen, versanken wir immer tiefer in den Sandfluten. Die Lage schien hoffnungslos. Verzweifelt empfahl ich meine Seele dem Herrn und bat ihn um ein mildes Urteil. Auf einmal hörte die Abwärtsbewegung auf, Trabto fühlte wieder festen Boden unter den Hufen.

    Verwirrt blickte ich mich um. Wir standen in einem Trichter von etwa zwanzig Fuß im Durchmesser, der nach einer Seite offen war.

    Ein Geräusch ließ mich herumfahren – und das Blut gefror mir in den Adern. Ich blickte in die gestielten Augen eines furchtbaren Ungeheuers, das halb verdeckt in einer Höhle lag, so schrecklich anzusehen, dass ich es unbedingt beschreiben muss, auch auf die Gefahr hin, weitschweifig zu erscheinen.

    Neben den hervorquellenden, böse funkelnden Augen ragten zwei dicke Keulen hervor. Der Kopf war gelb und mit schwarzen Flecken übersät, was aussah, als habe das Untier den Kupferausschlag°. Der schwarz-braune Körper war auf eine wüste Art gepanzert, wie ich sie noch bei keinem Ritter oder Knappen gesehen hatte. Jetzt bemerkte ich auch, dass das Ungeheuer Flügel hatte wie ein Drachen, aber was für Flügel waren das! Durchsichtig wie feinstes Pergament, mit Adern, in denen eine grünliche Flüssigkeit pulste! Die Beine waren spindeldürr ähnlich denen der Spinnen, und statt einer Kniebeuge zählte ich deren vier! Und die Füße erst! Herr im Himmel, die Füße! Lang, dünn, wie Dreschflegel, vielgliedrig, am Ende mit zangenartigen Krallen wie bei der teuflischsten Harpyie!

    Noch grauenhafter war der Anblick des Wesens, das jetzt unter dem Bauch des Ungeheuers hervorkroch. Angstvoll wiehernd ging Trabto hoch, hatte alle Mühe, ihn zu beruhigen. Dieses Höllengezücht war aufgedunsen wie ein verwesender Hund, über und über mit stachligen Runzeln bedeckt. Der Kopf – ein Albtraum! Zählte allein sieben Augen, eines scheußlicher als das andere. Der Anblick des riesigen Mauls nahm mir fast die Besinnung. Sah mächtige Kiefern, die oberen sichelförmig, die unteren wie Löffel geformt, Kiefern, ach was sage ich – Mordwerkzeuge sah ich, in denen noch die stinkenden Reste der letzten Mahlzeit hingen. Und überall lagen die traurigen Hinterlassenschaften der getöteten Opfer herum: Zerschlagene Schilde, zerborstene Beinschienen, verbeulte Harnische, halb aufgelöste Kettenhemden. Wie gut, dass Trabto die Nerven behielt, obwohl er wütend schnaubte; ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn er in seine mutigen Art Attacke gerannt wäre.

    Ihr könnt mir´ glauben: Affido*, der Teufel soll mir den Hintern blasen, wenn ich je einen schrecklicheren Anblick ertragen muss. Hob Schild und Schwert, nahm die Schenkel fester, da erklang eine glockenreine Stimme –

    __________

    ° Die Pest.* Ich schwöre.


    Mundburt befürchtet einen Heiratsantrag und nimmt Reißaus


    – und die sagte: „Lasst Euren Schild wieder sinken, Herr Ritter vom Wind, und steckt Euer Schwert getrost ein, wir tun Euch nichts. Schließlich seid Ihr keine Ameise.“

    Mir blieb die Spucke weg. Nicht nur wegen der Stimmen, sondern –

    „Woher kennt Ihr meinen Namen?“, rief ich verblüfft, „woher wisst Ihr, wer ich bin?“

    Das Ungeheuer lachte spitz und scharf, wobei mich sein stinkender Atem anwehte. „Hoho! Der König der Ameisen weiß alles, was auf der Welt geschieht, er kennt alle, die sich auf ihr bewegen, und er vernichtet alle, die seine Feinde sind! Denn das Heer meiner Soldaten ist unzählbar! Der einzige Ort, den mein Volk nicht erreicht, ist die Hölle!“

    „Wer seid Ihr?“, fragte ich, „und von welchem Volk sprecht Ihr?“

    „Ich bin Myrmecoleon, der König der Ameisen! Und dieses herzige Geschöpf unter mir ist meine Tochter Formicularia! Also, weg mit Schild und Schwert, sonst geschieht noch ein Unglück!“

    Doch ungeachtet der beruhigenden Worte des Ameisenkönigs hielt ich Schild und Schwert zur Abwehr bereit, denn nun kam die Tochter, das 'herzige Geschöpf', weiter aus ihrem Unterschlupf heraus, mit ihrem ganzen, unförmig dicken, widerwärtigen Körper. Sieben lüsterne Augen blickten mich an, aus dem Maul tropfte braun-grüner Saft.

    „Meine Verehrung“, säuselte ich vorsichtshalber und knickte kurz mit dem Oberkörper ein, „Euch beiden, Geliebte im Herrn, besonders Euch, Jungfer, deren Anblick selbst Juno in Erstaunen versetzten würde, meine Verehrung! Ich bin auf dem Weg zu meiner Gemahlin –“

    „Wie, Ihr findet mich schön wie Juno?“, fistelte das Vieh, „mein Vater behauptet, ich sei hässlich wie die Sünde!“

    „Keine Frau ist hässlich“, sagte ich, „zumindest nicht, wenn sie lächelt.“

    Das war ein Fehler, denn das Untier kam näher, und sieben Stielaugen versuchten, mich anzulächeln, was über die Maßen albern aussah. Dann spitzte es auch noch die grausigen Lippen ...

    „Euer Vater meint sicherlich die äußere, vergängliche Schönheit“, sagte ich und wich zwei Schritte zurück. „Wahre, echte – Eure Schönheit, mein Fräulein, kommt von innen. Ich bin auf dem Weg zu meiner Gemahlin –“

    „Ha, Vater!“, rief das unsägliche Geschöpf blasig, wobei sich ein scheußlicher, Brechreiz erregender Gestank verbreitete (das 'herzige Geschöpf' hatte vor Aufregung wohl gerade einen fahren lassen), „hast Ihr das gehört? Endlich jemand, der meine wahren Werte erkennt!“

    „Ich hab es vernommen, und mir scheint, Ihr, mein Herr Ritter, habt das Herz auf dem rechten Fleck. Deshalb frage ich Euch, und eine positive Antwort würde mich –“

    „Ich bin auf dem Weg zu meiner Gemahlin“, warf ich hastig ein.

    „ – unendlich glücklich machen! Wäret Ihr bereit, mein Töchterlein –“

    Jetzt war höchste Eile geboten; hurtig wendete ich Trabto und flog eilig dem Wald zu.*

    ___________

    *Diese Episode erscheint wenig glaubhaft. Abgesehen davon, dass Myrmecoleon formicularia, der Südliche Ameisenlöwe, nicht in Sandtrichtern seiner Beute auflauert, sondern auf ebener Erde jagt, ist dieser Räuber als König der Ameisen schwer vorstellbar. Oder will der Verf. damit Könige geißeln, die ihre Völker bis aufs Blut aussaugen und vernichten? Abwegig wäre es nicht, die Weltgeschichte ist voll von solchen Beispielen.


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    F.f

    Der Kristall des Almaten.

    Die affenteuerliche Landfahrt des Ritters vom Wind

    Mundburt von Wolkenstein zu den Mundlosen

    und anderen höchst wundersamen Völkerschaften.

    Aus nachgelassenen Schriften neu herausgegeben

    und mit Anmerkungen versehen

    von

    J. Schreyvogel, ordentlicher Narr

    und außerordentlicher Prof. an der +++- Universität zu ***



    Vorrede.


    Hrgbr. hat lange gezögert, diese Blätter einer kritischen Leserschaft vorzulegen. Zu unglaubwürdig sind die Abenteuer, die der Ritter Mundburt von Wolkenstein erlebt haben will. Da ist von einem Volk die Rede, das von Geburt an nur ein Bein besitzt; einem anderen wachsen die Beine aus den Schultern. Dann will er Leuten ohne Mund oder Nasen begegnet sein, ferner Eisen fressenden Vögeln; ein Heiler kuriert einen Fallsüchtigen, indem er ihm ein Messer in die Stirn rammt, und vieles Unglaubliche mehr. Das Fantastischste jedoch ist der halbe Ritter auf seinem halben Pferd.

    Haarsträubender Unsinn?

    Vorsicht!

    Wir meinen: Wenn vieles auch für uns Heutige schwer zu glauben ist, wer beweist denn, dass es auch unmöglich ist? Werden nicht immer wieder janusköpfige Rinder geboren, Menschen mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern oder einem Stummelschwanz, Babys mit Affenpelz oder wie Katzen gezeichnet?* Vielleicht sind die Gestalten des Ritters ja noch unter uns, nur wir sehen sie nicht! Abgesehen davon, dass vieles von dem, was uns der Ritter erzählt, von ehrenwerten Schriftstellern bezeugt ist. Möge die Leserschaft selbst entscheiden, was sie glauben will.


    ___________

    *Vergl. „Die Hexe von Roden auf dem Berge“, hier im Forum.


    Erstes Buch


    Mundburt von Wolkenstein...............Ritter vom Wind

    Gerlind........................................................sein Knappe

    Trabto.............................................................sein Pferd

    Schlagto.....................................................sein Schwert

    Pinkerton.......................................................sein Zeisig

    Pygmalion, Edler zu Mausloch.......................Verfolgter

    Castor und Pollux...........................................Nashörner

    Massissina....................................................Nubierfürst

    Geil von Bock.........................................ein halber Ritter

    Nid-Feuer.............................................sein halbes Pferd





    Mundburt erhält einen Brief und gerät in große Verlegenheit


    Ihr erinnert Euch sicherlich noch, meine lieben Haudegen und Eisenfresser, dass Liebto, mein treues Täubchen, einen Brief gebracht hatte, in dem mir mein Vater vom Tod der Mutter berichtete*. Bestürzt und traurig wollte ich gerade die Segel gegen den Wind setzen und zurück nach Schwaben fahren, das sagte der Magister: „Herr Ritter, da steht noch etwas.“

    „Lest!“


    Herr Knappe!

    Noch tobt mein Zorn ob Eurer Flucht!

    Doch fahrt ins Land der Almen Ihr und sucht

    vom heil´gen Grab des Königs diesen wundertät´gen Stein

    und bringt ihn mir: dann soll mein Zorn besänftigt sein!

    Mathilde.


    „Reichlich orakelhaft, deine Vrouwe“, meinte Gerlind, meine Gefährtin, spitz, „könnte sich ruhig etwas klarer ausdrücken.“

    Diese Zeilen stürzten mich in arge Verlegenheit. Wie gerne hätte ich am Grab meiner Mutter ein paar Tränen vergossen. Wenn sie sich auch nicht viel um mich gekümmert hatte, sie war doch meine Mutter gewesen! Andrerseits … Ein junger Ritter wird dem Tod noch oft genug begegnen! Warum also am Grabe einer Toten weinen, wenn die Liebe einer Lebenden winkt!

    Kurzentschlossen fragte ich: „Herr Magister, was sind Almen?“

    Der Magister holte tief Luft und sprudelte los: „Eure Herrin meint Menschen, die mit nur einem Bein auf die Welt kommen, sich aber wegen der außerordentliche Breite ihres Fußes äußerst geschwind fortbewegen, indem sie wie die Spatzen hüpfen. Solinius in seiner … ähem, nennt sie Almaten oder Almen, will heißen: die Hüpfenden, nach griechisch álma, hüpfen. Es sind Äthiopier, denen ja bekanntlich alle möglichen Abnormitäten nachgesagt werden. Ob es stimmt, weiß ich nicht, ich war noch nie vor Ort. So berichtet Plinius in seiner Historia naturalis, liber VI, von einem Volk –“

    „Und was meint die Herrin mit dem wundertätigen Stein?“

    „Die Königspyramide dieser Almaten soll nach alter Überlieferung aus anachitischem Diamant bestehen, dem heilende und calmierende Wirkung nachgesagt wird.“

    „Hmm ... Äthiopien ... Äthiopien ... Wisst Ihr, wo das liegt?“

    „Sicherlich! In Afrika.“

    „Und wie kommen wir dahin?“

    „Mit dem Schiff? Da bin ich überfragt. Allerdings, der Weg ist einfach. Ihr müsst immer nur gegen Sonnenaufgang segeln. Aber weit werdet Ihr mit eurem Schiff nicht kommen. Ihr müsst vorher ein riesiges Gebirge überwinden, und da hausen wilde Bergvölker, die sich von fahrenden Rittern ernähren. Da hat die Dame Euch aber eine verteufelte Aufgabe gestellt! Und dann: Es ist leichter, sich mit dem Goldenen Vließ die Stirn zu wischen als dieses Grab zu finden.“

    „Ha!“, rief ich, „keine Aufgabe ist mir zu schwer, kein Weg zu weit, keine Bürde zu groß, um die Gunst der Herrin zu erlangen!“

    „Blödmann!“, zischte Gerlind, „meine Gunst könntest du auch ohne Grabstein haben!“

    „Auf jeden Fall wünsch ich Euch viel Glück.“

    „Danke – – Wie, was, wieso Euch? Kommt Ihr nicht mit?“

    Der Magister antwortete ohne zu überlegen: „Nein, ich bleibe hier. Was soll ich in Afrika, wo sie sich, wie man hört, von Heuschrecken und Würmern ernähren, und wo sie weder Kuddeln, deutsches Bier noch französischen Wein kennen? Hier finde ich alles, was mein Herz begehrt.“

    „Schade, Euer Wissen wird mir fehlen. Na dann, gehabt Euch wohl! Auf nach Afrika!“

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    *Vergl. „Vrouwen Dienest“, 4. Haufen, letztes Kap.

    ⊱ ꙳⋆✵♡✵⋆꙳ ⊰


    F.f

    Das Zitat das Du vermutlich meinst ist Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. - ich wuerde allerdings davor warnen das als Kritik an Wissenschaft zu deuten, sondern es ist eher als Leitfaden fuer gute Wissenschaft gemeint - die ja ins unbekannte fuehren soll, wo das vorhandene Wissen nur begrenzt taugt.

    Ich hab´s nur einfacher ausgedrückt, und kritisiere auch keine Wissenschaft, dazu ist mein Fachwissen viel zu begrenzt. Ich finde, F&W sind zwei verschiedene Hüte, die sich zuweilen die Hand reichen (ha-ha). Angeblich sollen doch Planck (oder war´s Heisenberg?) die Grundzüge der Quantentheorie angesichts eines sich erwärmenden Ofens eingefallen sein, die er anschließend mittels eines Bleistiftstummels auf einen Notizblock gekritzelte. Woher ich das habe, weiß ich nicht mehr, trotzdem gehört diese Anekdote zu meinen liebsten. Auch die anderen Großkopferten hatten doch erst die Idee, dann kam die Rechnerei. Also hätten wir doch dann das Primat der Vorstellung über die Beweisführung. Einer entsprechenden Belehrung wäre ich nicht abgeneigt.



    Ich tippe hier mal auf einen Schreibfehler, sollte wohl "Munin" heißen.

    Ist schon verbessert. Ja, der Jahreswechsel hart am Glas . . . dazu kommt noch mein Silberblick . . .