Beiträge von McFee



    Frau Marte saß im hohen Saal
    und schrieb an ihren Herrn Gemahl.
    "Mein Freund", das ist es, was sie schrieb:
    "Ich habe Euch so schrecklich lieb!
    Der Ring sei Euch ein Unterpfand
    für meine Treu im Ehestand."

    Sie rief nach ihrem Mareschall.
    "Mein lieber Herr von Überall!
    Besorgt mir jetzt das beste Pferd
    und einen Knappen, schildbewehrt,
    um Ring und Brief von meiner Hand
    zu bringen schnell ins Morgenland!"

    Da stand der junge Mareschalk,
    Perücke fast so weiß wie Kalk,
    die Wangen rot, die Augen blau,
    und schaute auf die schöne Frau.
    Die wandte keusch die Augen weg
    und blickte auf ´nen Tintenfleck.

    "Frau Marte!" rief er kühn, "ich muss –"
    und spitzte schon den Mund zum Kuss.
    Dann fiel er vor ihr auf die Knie –
    sie rief entsetzt: "Herr Marschall! Nie!"
    Verwirrt nahm sie das Kästchen fein,
    verziert mit Gold und Edelstein.

    Im Hof der Rappe stark und wild,
    darauf der Knapp´ mit Schwert und Schild,
    das Kästchen in der festen Hand
    zu bringen es in Feindesland.
    Sie winkte ihm den Abschiedsgruß
    und kratzte lächelnd mit dem Fuß. –

    Der Knappe drückt die Schenkel an,
    das Ross saust los mit Schild und Mann.
    Frau Marte wendet ab den Blick
    und geht in ihren Saal zurück.
    Ein Ach ein Schrei ein großer Schreck:
    da liegt der Ring, das Tintenfass ist weg.

    3

    „Mir macht die Antimaterie Sorgen“, sagte die Colonella. „Bist du sicher, Eric, dass da nichts passieren kann? Vor einiger Zeit las ich einen Artikel über die ersten Experimente mit Antimaterie am CERN in Genf im Jahre neunzehnhundert . . . äh. Auf jeden Fall im Jahre anno tobak. Obwohl die Versuche erwartungsgemäß verliefen, brach man sie ab, weil man befürchtete, der Large Hadron Kollider könnte sich plötzlich in Nichts auflösen.“

    „Nicht nur der“, sagte Eric. „Man befürchtete, dass nicht nur der LHD weg gewesen wäre, sondern möglicherweise auch die halbe Schweiz.“

    Betty fuhr auf. „Ach nee! Und das erzählst du jetzt einfach so bei Kaffee und Kuchen? Oh! Du bist doch . . . Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich anders entschieden. Nicht auszudenken!“ Das war es also! Der Verdacht, dass man ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte, war also doch nicht unbegründet.

    „Da kannst du ganz beruhigt sein, Betty“, wiegelte der Professor ab. „Erstens befinden wir uns nicht mehr im Jahre anno tobak, und zweitens wird in den Positronen-Generatoren des Antriebsmoduls nach Erreichen der Reisegeschwindigkeit nur so viel Antimaterie hergestellt, wie akut benötigt wird, und drittens wird das Positronenplasma durch Magnetfelder zusammengehalten. Es kommt mit den Wänden der Behälter überhaupt nicht in Berührung.“

    „Und wenn doch?“, wand die Colonella ein.

    Eric verkniff das Gesicht. „Mensch Samanthara, du kannst manchmal ganz schön nerven! Sollten wider Erwarten ein Magnetfeld kollabieren, käme es höchstens zu einer lokalen Verpuffung.“

    Auf der glatten Stirn der Colonella zeigten sich zwei scharfe Falten. „Ich nerve, Eric, weil ich das Raumschiff sicher an seinen Zielort bringen soll! Und da hat mich jede Kleinigkeit zu interessieren.“ Ihr Mund bestand nur noch aus zwei blassroten Strichen.

    Eric biss sich auf die Lippen.

    Ein schneeweißer Tennisball schwebte auf die Mondbasis zu: Das Zentrale Transportmodul von ESA 5.

    „Ihr könnt hochfahren“, sagte de Gaulle.

    „Und du?“, fragte die Colonella, „kommst du nicht mit?“

    „Nein. Was soll ich da? Ich fahre übermorgen zurück zur Erde. Zur Goldenen Hochzeit meiner Eltern.“ Er stand auf und gab der Colonella, Giesekind, Lowbottom und den beiden Praktikantinnen die Hand. „Bleibt gesund und gute Reise“, sagte er. Dann drehte er sich brüsk um und verließ mit weiten Schritten den Raum. Um seine Mundwinkeln zuckte es.

    4

    Professor Giesekind betrachtete sein Spiegelbild in der spiegelglatten Wand des Transportmoduls und nickte zufrieden. Sakko und Hose saßen perfekt, ebenso das Hemd.

    „Darf ich?“, fragte Betty. Ohne eine Antwort abzuwarten strich sie mit zwei Fingern über den Sakko. „Seltsamer Stoff“, sagte sie, „fühlt sich irgendwie . . . äh, irgendwie außerirdisch an. Hat der Stoff auch einen Namen?“

    Der Professor schmunzelte. „Protolin. Leicht, luftig und doch extrem widerstandsfähig.“

    „Protolin? Nie gehört.“

    „Das Material ist vor etwa zwanzig Jahren von einem albanischen Wissenschaftler per Zufall entdeckt worden und besteht im Wesentlichen aus gegrilltem Hühnereiweiß.“

    Jetzt musste sogar die Colonalla lachen. Bettys Gesicht sah auch zu ulkig aus.

    „Der Mann“, fuhr Giesekind fort, „hatte sich ein Spiegelei in seinem Mikrowellengerät machen wollen. Zunächst sah er, dass das Weißei gerann, das Eidotter aber auch nach fünf Minuten unverändert klar blieb. Auch wollte sich kein brauner Rand bilden. Er nahm das Ei aus dem Herd und stellte beim Anschneiden fest, dass dass es von einer überraschend festen und glasklaren Schicht überzogen war, die sich auch in heißem Wasser nicht auflöste und sich als extrem hitzebeständig erwies.“

    Florine sah Giesekind ungläubig an. „Herr Professor –“

    „Doch doch, es war so. Hühnereiweiß. Kein Witz. Diese Entdeckung führte zu einer Revolution in der Textil- und Baustoffindustrie. Seitdem haben Beton und Stahl an Bedeutung verloren. Mit Kohlenstofffasern verstärkt und mit bestimmten Substanzen legiert, kann dem Material jede gewünschte technische Eigenschaft verliehen werden.“

    Der Professor klopfte leicht an die Kapselwand. Es klang trocken-dumpf, keineswegs metallisch.

    „Sogar dieses Raumschiff besteht zu neunzig Prozent aus dem neuartigen Eiweißprodukt unter dem Patentnamen Protolinum.“

    „Und mittlerweile sind weltweit Milliarden Hühner Tag und Nacht damit beschäftigt, für die erforderlichen Mengen an Eiern zu sorgen“, flaxte die Colonella.

    „So in etwa“, sagte der Professor und grinste. „Nur sind die Hühner keine Vögel mehr sondern riesige Retorten.“


    Endlich öffnete sich die Tür. Vor ihnen lag ein langgestreckter, leicht gekrümmter Gang mit spiegelglattem Boden, vollkommen fugenlosen Wänden und glatter, gewölbter Decke, durch die gedämpftes Licht fiel.

    „Oh“, rief Florine, „sieht aus wie gebohnert und gewachst. Gibt es hier keine Türen?“

    Lowbottom zog eine Fernbedienung aus der Jackentasche und drückte auf einen Knopf. Auf der Wand erschien eine Dose.

    „Ich habe gerade den Code 103 – 483 – 008 – K eingegeben. K wie Küche. Und schon erscheint das Gewünschte. Diese Fernbedienung hier enthält die elektronischen Schlüssel für sämtliche Türen, Notausgänge, Sicherheitsschleusen und dergleichen sowie die Anforderungscodes für die Logistik.“

    „Und solche Zahlen soll ich mir merken?“, sagte Florine.

    „Natürlich nicht! Dafür ist dein elektronischer Assistent zuständig.“

    „Und was ist das da?“

    „Erbsensuppen-Trocken-Masse.“ Eric grinste. „Muss nur noch mit Wasser –“

    Der Professor unterbrach ihn. „Da wir uns die meiste Zeit mit Bordmitteln ernähren werden, haben wir nur für den Notfall vorgesorgt. Dann findet sich in diesem Depot reichlich Astronautenkost. Ich denke, für die Zeit, die wir aller Wahrscheinlichkeit nach unterwegs sein werdet, wird´s reichen.“

    „Ich würde gerne noch einen Blick hinter diesen Teil der Wand hier werfen?“, sagte die Colonella.

    An der Wand erschien ein Display, auf dem verschieden Gegenstände zu sehen waren.

    „Bettwäsche?“, riefen Betty und Florine erstaunt.

    „Hier befinden sich Hygieneartikel, Bettwäsche, Handtücher und dergleichen“, erklärte Lowbottom. „Da wir noch nicht wissen, ob die Zeitdehnung auch für Textilien gilt, gehen wir vorsichtshalber davon aus, dass sie genau so schnell verschleißen wie auf der Erde. Der Vorrat hier dürfte bei sparsamen Gebrauch für zweihundert Erdenjahre reichen.“ Der Stapel Bettwäsche verschwand wieder. „Übrigens alles Dinge, über die ihr euch nicht den Kopf zerbrechen müsst. Zuständig sind die Kammerhominiden.“

    „Hm, Kammerhominiden. Wie vornehm“, murmelte Florine.

    „Erinnere ich das richtig, wir nehmen auch Geschenke mit?“, fragte Betty.

    „Du erinnerst dich richtig.“ Auf einer Wand erschienen Abbildungen von Kinderspielzeug.

    „Mein alter Teddy!“, rief Florine mit gespielter Überraschung und klatschte in die Hände. „Wo habt ihr den denn her?“

    Der Professor belegte sie mit einem tadelnden Blick. „Bitte, meine Damen, bleibt ernst!“

    „Ihr seht: Vom Teddybär bis zum Dreirad ist alles da“, verkündete Eric stolz.

    „Ich bin jetzt ganz ernst: Teddybären für die Bewohner von VHP N 2?“, meinte Florine.

    „Nun ja, klingt zunächst etwas seltsam“, sagte der Professor. „Sieh es doch mal so: Sollte dieser Planet von intelligenten Lebewesen bewohnt sein, könnten ein paar nette Mitbringsel nicht schaden. Da die Naturgesetze überall im Universum in gleicher Weise gelten, dürften sich auch die Umgangsformen überall zumindest gleichen. Und die kleinen Kinder dort, dachten wir uns, werden ähnlich ticken wie die auf Terra.“

    „Und was habt ihr für die Größeren vorgesehen?“

    „Da sind die E-Scooter, Spielkonsolen und entsprechende Software.“

    „Okay. Und was habt ihr euch für die Erwachsenen einfallen lassen?“

    „Darüber haben wir lange nachgedacht“, sagte Lowbottom. „Die technische Entwicklungshöhe unserer Zivilisation können die Aliens am Raumschiff erkennen, wenn sie es besuchen. Es sollte etwas sein, das beispielhaft unsere Kultur und Geselligkeit dokumentiert und nicht zu viel Platz einnimmt.“

    „Lass mich raten!“ Betty zog die Stirn kraus und tat nachdenklich. „Kleider von Dior für die Damen und für die Herren Rollex-Uhren oder Großmutters Kochbuch für die Damen und einen Leitfaden für Bastelfreunde für –“

    „Nein.“

    „Hundertjährigen Irish Whisky für die Herren und Kölnisch Wasser für die Damen, jeweils zweihundert Flaschen, alle sicher in Kisten verpackt.“

    „Auch nicht.“

    „Da bin ich aber gespannt.“

    „Bachs Wohltemperiertes Klavier, Shakespeares King Lear und ein Schachspiel.“

    „Das ist doch nicht dein Ernst!“ Wer Florines IQ nicht kannte konnte sie leicht für ein Dummchen halten.

    Der Professor räusperte sich scharf. „Können wir jetzt den Rundgang fortsetzen? Ich würde noch gerne einen Blick in den Sanitätsbereich werfen.“

    forts. f.

    Die Frage stellt sich, ob du dein Projekt einstellst, weil du dich diesem nicht gewachsen fühlst, oder ob du dich von den Kommentaren eingeschüchtert fühlst.

    Lieber Sensenbach und Thorsten,

    natürlich hat mich die Tatsache, dass ich beim wissenschaftlichen Hinfergrund so daneben lag, stark beeindruckt. Eine Geschichte dieses Genres zu schreiben hatte ich mir einfacher vorgestellt. Und als ich dann noch die Erde von der Rückseite des Mondes gesehen aufgehen ließ, hatte ich die Nase voll. Da hatte ich mich auf einen Holzweg begeben und war dabei, denn Karren ohne Grund in den Graben zu fahren, anstatt einen anderen Weg zu suchen. Mich faszinierte die fantastische Welt eines Raumschiffs, eine abgeschlossene Welt mit besonderen Bedingungen und unterschiedlichsten Akteuren, angefangen mit echten Menschen, Ki-gesteuerten Kunstmenschen, Robotern, Automaten bis hin zu einer offenbar geisteskranke Kommandantin. Diese Verhältnisse regten meine Fantasie an; herausgekommen ist z. B. ein KI-gesteuerter Kunstmensch, der auf alles eine Antwort weiß, aber auf Bettys Frage, ob er schon mal Sex gehabt hat, einen Kurzschluss erleidet. Solche und ähnliche bizarre Szenen zu erfinden macht mir Spaß, und ich gestehe ohne zu erröten, mehr als eine akribische Recherche. Mir schwebt also als neuer Weg ein fabtastischer Roman vor der in einem Raumschiff spielt vor galaktischem Hintergrund, und in dem auch Humor nicht zu kurz kommt. (Frage an die Experten: Gibt es schon humorige Weltraumromane, und wenn ja, wie werden sie aufgenommen?) Nur dann gehört dieser Versuch sicherlich nich in dieses Subforum.

    Intermezzo auf dem Mond

    1

    Professor Giesekind blickte versonnen aus dem Bullauge, hinter dem die Mondsichel wie ein riesiger Fingernagel langsam auf ihn zu schwebte. Um seine Lippen spielte ein beglücktes Lächeln. Er war ein schlanker, braungebrannter Mann von etwa fünfunddreißig Jahren mit allen Attributen des Alphatiers: Energisches Kinn, schmale Lippen, stahlblaue Augen, kurzgeschnittenes Haar. Er trug einen dunkelblauen Anzug erster Qualität sowie ein weißes Hemd ohne Krawatte. Doch das Alphatier hinderte ihn nicht daran, ab und zu seinen Träumereien nachzugehen.

    „Ich war acht Jahre alt“, räsonnierte er laut, „als McFee und seine Crew ihre Füße auf den Mars setzten. Für mich drehte sich von da ab alles nur um die Raumfahrt und das All. Das Gutenacht-Lied: 'Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem hohen Himmelszelt', das mir meine Mutter abends am Bett vorsang, bekam jetzt eine ganz andere Bedeutung. Es war jetzt nicht mehr Traum, sondern Wirklichkeit. Ich bildete mir ein, man könnte wirklich alle Sternlein am hohen Himmelszelt abzählen. Inzwischen bin ich das etwas realistischer geworden. Das All scheint wirklich zu expandieren. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass, je weiter wir blicken, immer neue Sternhaufen und Galaxien auftauchen.“

    Allmählich füllte die Mondoberfläche das gesamte Sichtfeld aus, auch LUNA war schon als Stecknadelkopf großer weißer Punkt neben anderen weißen Punkten zu erkennen.

    „Bei mir war es ähnlich“, sagte die Colonella, eine kleine, drahtige Frau, deren eisgrauer Blick Ehrgeiz und Beharrungsvermögen signalisierte. „Ich habe mir ausgemalt, wie es ist, auf dem Mars zu leben und vor da aus weiter in den Weltraum zu reisen. Nachts träumte ich davon, ein großes Raumschiff zu führen und irgendwo in den Tiefen des Alls auf unbekannte Zivilisationen zu treffen. Da wusste ich noch nicht, dass so etwas mit den Triebwerken, die uns damals zur Verfügung standen, ein Hirngespinst bleiben musste. Trotzdem hat mich die Begeisterung für die Raumfahrt nie losgelassen.“

    „Sonst hättest du es auch nie bis zur Kommandantin von ESA 5 gebracht, meine Liebe“, sagte Giesekind. „Ohne den Stachel der Begeisterung nützt der beste Ehrgeiz nichts.“

    „So, da wären wir“, sagte der Professor und schälte sich aus dem Sicherheitssitz. „Obwohl ich die Reise nun schon zum zehnten Mal mitmache, ist sie immer wieder mit Kribbeln im Bauch verbunden. Da hat sich seit meinem ersten Weltraumeinsatz noch nicht viel geändert.“

    Außer dem Professor und der Angeredeten erhoben sich noch weitere zehn Personen aus ihren Sitzen. Es waren Damen und Herren gesetzteren Alters auf dem Weg zur Seniorenresidenz 'LUNA HEAVEN', wo sie ihren Lebensabend verbringen wollten.

    „Dabei ist die Chance, bei einer Fahrt zum Mond tödlich zu verunglücken –“ Colonella Samanthara Christofori versuchte angestrengt, einen verklemmten Gurt zu lösen – „hundertmal geringer als bei einem Formel-1-Rennen auf der Erde.“

    „Nun ja . . . Niemand ist gezwungen, das eine oder das andere mitzumachen“, erwiderte der Professor. „Wer den Tod fürchtet, sollte früh sterben. Zumindest sollte er als Berufswunsch nicht Astronaut angeben. Ich meine etwas anderes. Ich meine diese unbändige Lust am Abenteuer, die mich immer noch überfällt, wenn ich in einen Shuttle steige.“

    Die hermetische Schleuse öffnete sich, und eine Damen und drei Herren traten ein. Sie waren unterschiedlich gekleidet, zwei Herren leger in Jeans und Hemden mit offenem Kragen, eine Dame und ein Herr uniformiert, mit der Aufschrift

    SENIOR RESIDENCE LUNA HEAVEN

    auf der Jacke. Auffällig an allen war der mächtige, fast zylindrische Brustkasten, eine Anpassungserscheinung an den geringen Luftdruck in den Gebäuden, der nur etwas mehr als zwei Drittel des atmosphärischen Drucks auf der Erde entsprach.

    „Willkommen auf dem Mond!“, rief einer der Männer in Jeans und offenem Hemdkragen freundlich grinsend. „Obwohl ich schon so lange auf dem Mond lebe, kommt mir dieser Gruß immer noch etwas lächerlich vor.“

    Der Professor ging auf den Scherz ein. „An sich müsste es heißen: Willkommen hinter dem Mond“, sagte er, „denn wir befinden uns ja auf seiner Rückseite – von der Erde aus gesehen.“

    Die Senioren lachten beifällig. Die Angestellten der Seniorenresidenz traten auf sie zu geleiteten sie unter angenehmen Empfangs-Geplauder aus dem Raumfahrzeug hinaus in die große Halle des Weltraumbahnhofs.

    „Mon dieu, Samanthara, wie machst du das eigentlich“, flachste der andere Herr in Jeans, „du wirst von mal zu Mal jünger!“

    Man schüttelten sich die Hände.

    „Das liegt daran, dass ich mich häufig sehr schnell bewege, währen du dich hier auf dem Mond kaum von der Stelle rührst“, kam es zurück.

    „Das wird es wohl sein! Wenn ich mich beim Rasieren im Spiegel sehe, wird mir manchmal Himmelangst.“

    „Dann rasier´ dich dich doch einfach nicht, Auguste!“, kam es schnippisch zurück.

    Auguste de Gaulle, der Generalbevollmächtigte der ESA auf dem Mond, ein kräftiger Mann mit silbergrauen Haarwellen und rundem Kinn, lachte unbeschwert. „Würde ich ja gerne, meine Teuerste, würde ich ja gerne, aber meine Frau besteht auf glatten Wangen.“

    Unter dergleichen heiterem Geplauder gelangte man in die Cafeteria.

    Der Professor blickte sich um. „Das ist ja noch schöner als bei meinem letzten Besuch“, rief er begeistert, „ich komme mir vor wie im Tropenhaus in Dahlem. Nein, das hier ist noch üppiger.“

    Das war keineswegs übertrieben.

    Der Galaktische Airport LUNA glich eher einem Tropischen Gewächshaus als einem Flughafen. Besucher staunten immer wieder über die Fülle und Vielfalt an grünen Gewächsen und bunten Vögeln, die sie empfingen – und über die angenehmen Temperaturen, die konstant bei fünfundzwanzig Grad Celsius lagen.

    Die Temperaturregulation hatte die Erbauer der Halle vor große Herausforderungen gestellt. Obwohl man sie in einen Krater des Meeres der Heiterkeit, das ziemlich weit nördlich liegt, hineingebaut hatte, erhitzte sich das Hallendach im Mond-Tag auf über hundertdreißig Grad und kühlte in der Mondnacht bis auf minus hundertsechzig Grad ab. Da die Mond-Nacht etwa vierzehn Erdentage andauert und Pflanzen Licht und Wärme benötigen, bestand das gesamte Hallendach aus Fotovoltaik-Zellen, wie man es viele Jahre zuvor schon beim Berliner Hauptbahnhof gemacht hatte. Die Energie des langen Mond-Tages wurde gespeichert und stand dann in der Mond-Nacht zur Verfügung.

    Da hier nur wenige Passagiere abgefertigt wurden – hauptsächlich Marsbesucher und Mondbewohner, die zur Erde wollten oder von dort zurückkehrten – konnte man die technischen Vorrichtungen auf ein Minimum beschränken. Es gab zwei Terminals und eine Andockstelle für Raumkapseln. Sicherheitseinrichtungen fehlten, denn die Reisenden waren auf der Erde bereits mehrmals überprüft worden oder dem Flughafenpersonal bekannt. So war eine kleiner Garten Eden entstanden, in dem sich Menschen, Tiere und Pflanzen wohlfühlten.

    Die Besucher betraten eine gepflasterten Weg zwischen grünen Rasenflächen und verschiedenen Arten von blühenden Blumen und Bäumen, zwischen denen kleine Teiche blitzten. Vogelgesang lag in der Luft, hoch oben unter der Kuppel tummelten sich bunte Papageien. Uniformierte Gärtner gingen herum und sorgten für Ordnung und Sauberkeit. Es ging eine leichter, erfrischender Luftzug.

    Der Weg führte auf einen runden Platz, der von etlichen kleinen offenen Häusern im Fachwerkstil umgeben war: Ein winziges Rundlingsdorf. An einem dieser Häuschen, weinlaubumrankt, prangte ein Holzschild: CAFETERIA. In einem anderen mit der Aufschrift LOUVENIRS – eine Zusammenziehung von LUNA und SOUVENIRS – konnten mondtypische Geschenke gekauft werden, um die zurückgebliebenen Lieben auf der Erde zu verblüffen, etwa einen kleinen Meteoriten, etwas Mondstaub im Glasröhrchen, „Wimpern vom Mann im Mond“ (feine, zarte Kristallbildungen), oder ähnliche Nichtigkeiten. Für die meisten Ohh- und Ahh-Effekte sorgten jedoch üppige Blumen-Buquetts aus den lunaren Treibhäusern.

    Ein Schild mit der Aufschrift REZEPTION verwies darauf, dass man im Flughafenhotel das eine oder andere Zehntel Mond-Tag verbringen konnte, etwa um in sicheren Mondmobilen von der lebensfeindlichen Außenwelt geschützt, die bizarre Landschaft des Meeres der Heiterkeit oder des Tals der Tränen gründlich zu erkunden. Allerdings hatte der Mondtourismus, seit die Marskolonisation Fahrt aufnahm und der Flug zum Mars dank optimierter Antriebstechniken in knapp fünf Monaten zurückgelegt werden konnte, stark abgenommen.

    So oder so ähnlich wie dieser Flughafen sahen alle Siedlungen auf dem Mond aus, riesige Gewächshäuser unter mattweißen Kuppeln. Es waren abgeschlossene Ökosysteme, in denen eine begrenzte Anzahl von Menschen jahrelang und ohne Hilfe von außen leben konnten. Nur standen dort statt der Palmen Obstbäume, in den Beeten wuchsen keine bunten Blumen sondern Kartoffeln und Salat, und von den Zweigen erscholl nicht Vogelgezwitscher, sondern das Gegacker der Hühner. Und niemand musste Angst vor einer Seuche haben.

    *

    Das Lokal war wie eine Veroneser Espressobar möbliert: Quadratische Tische mit bestürzend grazilen, leicht gespreizten Beinen, Stühle mit papierdünner Polsterung, so zart und luftig konstruiert, dass der Gedanke, man könne darauf sitzen, ziemlich abwegig erschien; üppige Palmen in Kübeln, Töpfe mit bunten Blumen. Wegen der geringen Anziehungskraft der Mondes konnten Komfort und Stabilität der Sitzmöbel auf ein Minimum beschränkt werden – auch korpulente Gäste saßen ohne dicke Polster und festem Gestänge immer weich und sicher. Außergewöhnlich war die Deckenhöhe des Raumes, und zwar aus folgendem Grund: Wenn jemand nach alter Gewohnheit plötzlich aufsprang oder zu eilige Schritte machte, konnte es passieren, dass er sich mehrere Meter in die Höhe erhob.

    „Wie geht es eigentlich meinen beiden Mädels?“, fragte Giesekind.

    „Prächtig! Haben sich mittlerweile hervorragend eingelebt. Sie müssten jede Minute hier sein“, antwortete de Gaulle. Mit leichter Hand schob er zwei Tische und ein paar Stühle zusammen. „Ich denke, ehe wir hochfahren, haben wir noch Zeit für ein Käffchen.“

    Ein Mann schwebte auf sie zu. Sein Gesicht war völlig nackt, auch die Augenbrauen fehlten. Um so mehr fielen seine wunderbaren blauen Augen auf.

    „Hallo Eric, altes Haus!“ flötete die Colonella, „noch gestern Nacht hebe ich von dir geträumt. Wie geht´s denn so?“

    „Wie´s einem frisch gebackenen Vater so geht . . . besser als gut!“

    Eric Lowbottom gab der Bedienung hinter dem Tresen ein Zeichen.

    „Wie? Habe ich das richtig gehört, Eric? Ihr habt Nachwuchs bekommen?“

    „Ja. Ein Mädchen.“

    „Gratuliere! Und grüß Gisela von mir. Wann fliegst du wieder zurück?“

    „Mit dem nächsten regulären Shuttle.“

    Die Colonnella blickte den Kahlkopf herausfordernd an. „Sag mal, Eric, bevor wir uns möglicherweise für immer aus den Augen verlieren . . . Warum bist du eigentlich nie in eine Raumkapsel gestiegen?“

    „Willst du das wirklich wissen?“

    „Sonst hätte ich ja nicht gefragt.“

    Eric grinste auf seine Art, und alle, die ihn kannten, wussten, dass jetzt wieder irgendein Unsinn kam.

    „Na ja, der Grund ist folgender . . . Ich esse Erbsensuppen für mein Leben gern. Hier auf dem Mond kann ich sie sich gerade noch im Teller behalten, aber in einer Raumkapsel in Schwerelosigkeit? Und dann die Blähungen . . .“

    Allgemeines Gelächter.

    „Und der wirkliche Grund ist welcher?“

    „Ich bin bei zwei Beschleunigungstests durchgefallen.“

    Giesekind räusperte sich. „Und wer übernimmt jetzt deinen Posten als Chef der Raumschiff-Schmiede?“

    „Ha! Schmiede ist gut! Ein Schotte, McNamara. Toller Mann! Hat sich gegen hundert Mitbewerber durchgesetzt.“

    „Puh! Die Zeiten haben sich doch gewaltig geändert“, sagte de Gaulle. „Ich musste nur fünfzig Leichen im Keller begraben.“

    „Ja wann war das denn! In der Steinzeit!“, flaxte die Colonella wenig galant.

    De Gaulle lächelte charmant. „Samanthara, nun mach mich bitte nicht älter als ich sowieso schon bin! Es reicht schon, dass ich hier mein Gnadenbrot verzehren muss.“

    Der Kaffee kam.

    Der Professor blickte aus dem Fenster. „Dieser fantastische Anblick stimmt mich immer wieder nachdenklich“, sagte er.

    Die übrigen schwiegen, anscheinend nicht weniger beeindruckt. Über der strahlend hell erleuchteten Mondlandschaft ging am fast nachtschwarzen Himmel unmerklich langsam die Erde auf.

    „An diesen Anblick kann man sich einfach nicht gewöhnen. Er wird nie langweilig und ist jedes mal wieder faszinierend. Und er stimmt mich traurig. Wir erobern den Weltraum und verlieren den blauen Planeten. Ich glaube nicht, dass VHP N 2 ein solches Schauspiel bietet.“

    „Vielleicht täuschst du dich ja, Gregor“, meinte Eric. „Andere Mütter haben auch hübsche Töchter.“

    Der Professor betrachtete das Foto einer toskanischen Landschaft an der Wand hinter der Theke.„Möglich. In hundertzwanzig terrestrischen Jahren wissen wir mehr.“

    „'Wir' ist gut. Meinst du, dass wir mit dieser Zeit überhaupt auskommen?“, fragte Frau Christophori.

    „Wenn ihr nicht zu sehr trödelt und gleichmäßig beschleunigt, müsste es reichen.“

    Frau Christophori seufzte. „Hundertzwanzig Jahre! Eine lange Zeit!“

    „Erdenjahre, meine Liebe, Erdenjahre“, sagte Eric, „in eurem leckeren Raumschiff wird es dir wie ein Kurztrip vorkommen.“

    „Du hast gut reden! Und wenn sich Einstein mit seiner Zeitdilatation geirrt hat?“

    „Bis jetzt deutet nichts darauf hin.“

    „Auch wenn er sich nicht geirrt hat, dann werde ich mindestens fünfundfünfzig sein.“

    „Aber noch wie fünfundzwanzig aussehen“, flötete Eric.

    „Was sagt denn die galaktische Wettervorhersage?“, fragte der Professor und sah den Kahlkopf fragend an.

    „In den nächsten Tagen wird ein gigantischer coronaler Massenauswurf erwartet. Die geoeffektive Front wird in etwa acht Erdentagen erwartet. Betrifft euch nicht, ihr segelt ja nicht vor dem Sonnenwind." Lowbottom grinste. "Der Fernsehempfang an Bord könnte allerdings etwas gestört sein.“

    „Und sonst rechts und links des Weges?“

    „Nichts, was euch beunruhigen könnte. Alles pico – bello.“

    Forts. f.

    Hallo Thorsten,

    vielen Dank, dass du noch nicht "raus" bist und offensichtlich vor hast, mich noch eine Weile zu begleiten. Zunächst hat mich deine Kritik etwas aus dem Sattel geworfen, hatte ich mir doch eingebildet, ich könnte auch auf dem Sci-Gebiet punkten. Da dem offenbar nicht so ist, werde ich deinen Rat und den von Sensenbach befolgen und mich a) in dieser Hinsicht kürzer fassen und b) die "größten Schnitzer" wieder ändern oder ganz herausnehmen. Wie Amafiori richtig festgestellt hat, ist das Bisherige nur ein Vorspiel; die eigentliche Geschichte spielt im Weltraum und wird aus der Perspektive zweier junger Praktikantinnen erzählt, und da spielen andere Dinge eine größere Rolle.

    Forschungsfunkstation . . . ich meinte, sie empfängt Fungsignale

    #Sensenbach:

    Nach jedem Sprecherwechsel ein Zeilenumbruch.

    Wie soll das bei diesem Zeilenabstand gehen? Damit wird doch das Schriftbild unnötig gedehnt. Oder übersehe ich die Möglichkeit einer Standart-Formatierung?

    Du führst Leute mit Namen ein. Spielen die noch eine Rolle, oder sind sie nur Beiwerk?

    Alle diese Leute treten demnächst auf.

    Vielen Dank an alle, die mir geschrieben haben.

    Ich habe nie behauptet, dass das Teleskop etwas sendet, und das 1g in Dresden bezieht sich auf den senkrechten Fall, meins auf eine rotierende Zentrifuge.

    Ja, das ist eine Erzählung mit sehr viel Fi- und sogar Fi-losofie, die technischen Details bilden nur den Hintergrund, sozusagen die Bühne, auf der sich das Geschehen abspielt, und wenn da mal irgendetwas schief steht, ist´s auch nicht schlimm, das Drama läuft trotzdem weiter. Natürlich breche ich mir keinen Zacken aus der Krone zuzugeben, dass mein Wissen in Sachen Physik nur angelesen, also sehr lückenhaft ist. Doch schließlich ist dies kein Wissenschafts-, sondern ein Fantasy-Forum, mit betonung auf Fantasie. Ich will eine spannende Abenteuer-Geschichte mit Witz und Humor in einem exotischen Umfeld anbieten, bei der die Lesenden das, was sich gerade auf der Erde abspielt, für einen Moment vergessen können. Und vielleicht ist ja der "Andere Planet" ein glücklicherer Stern. Ich akzeptiere Leute, die so etwas - weil zu wenig Sci - nicht lesen wollen. Des ungeachtet bin ich für jede Aufbauende Kritik dankbar.

    McFee

    VHP N 2 – Der andere Plane - Eine Expedition ins Ungewisse

    Teilnehmer der Expedition:

    Samanthara Christophori: Kommandantin der Raumfähre ESA 5

    Tom Yilmaz: Ihr Stellvertreter

    Vladimir Prinz: Erster Offizier

    Nick Eisenhower: Zweiter Offizier

    Karl Giesekind: Wissenschaftlicher Leiter der Mission

    Col o´Beorth: Chef der Sicherheitsabteilung

    Mark Wilson: Chef der Werkstätten

    Amadeo Avogadro: Musiker und Leiter der landwirtschaftlichen Sektion

    Karola Lauterbach: Chefin der medizinischen Sektion

    Mario Berlustconi: Werkstattleiter

    Teresa Drinkwater, Sprecherin der Echten Menschen

    Mari Stadlmeier, Ken McKeene, Bogdan Swoboda, Adalbert Schröder: Sektionschefs

    Betty Demaisier, Florine O´Conner: Studentinnen der Weltraumbiologie.

    Ferner: Lasefünfpedrei, Hosezweidevier, Gaseeinsbeeins: Hominiden

    sowie weitere Künstliche Menschen, Arbeits-, Kampf-, Reparatur-Roboter

    Vorspiel auf der Erde

    18. Januar 1989, Radioteleskop Effelsberg, Deutschland.

    Es ist ein Uhr dreißig MEZ. Draußen, über dem großen Dome, glitzern Millionen kleiner und größerer Lichtpunkte vom klaren Nachthimmel. Darunter, in der Forschungsstation, starren zwei Radioastronomen gebannt auf einen Bildschirm.„Wann hast du es entdeckt?“, fragt der eine, ein hagerer junger Mann mit strohblonden Haaren und randloser Brille. „Gestern Abend um zehn.“ Sein Kollege ist erheblich älterer und ziemlich aufgeregt. Er schreibt gerade seine Doktorarbeit über das Thema: Die Wahrscheinlichkeit habilitabler Zonen für Hauptreihensterne der Spektralklassen F-M. Seine Augen strahlen. „Sören, das wäre die Sensation des Jahrhunderts!“, ruft er und klatscht sich begeistert auf die mageren Schenkel. Sören unterdrückt ein Lächeln. „Nicht so schnell, mein Lieber! Noch sind wir nicht sicher! Vielleicht ist es ja nur ein schnell rotierender Weißer Zwerg mit einer extrem starken Strahlenquelle.“ Karl schüttelt heftig den Kopf. „Nein, nein, Lieber! Das hier sind keine Rotationsintervalle. Ich schalte mal den Ton ein.“ Neben allerlei Knackgeräuschen waren leise, doch deutlich morseähnliche Zeichen zu vernehmen:

    – . – – . – – – – – . – . – – . – – – – . – . – – . – . – . – – . – – . – – – – – – – – – – – . – . – – . – – – – . – . – – . – . – . – – . – – – – – . . .

    „Du hast recht. Für ein schnell rotierendes Objekt sind die Signale zu unregelmäßig.“ „Ja! Und ich bin mir fast sicher: Da will uns jemand eine Botschaft senden. Möglicherweise ist es sogar ein galaktischer Hilferuf.“ „Oder eine Einladung, doch mal vorbei zu schauen.“ „Nun übertreibe mal nicht gleich. Hilferuf! Einladung! . . . Dergleichen halte ich für ziemlich unwahrscheinlich . . . Wo liegt das Objekt überhaupt?“ „Bei Gliese 181c in der Waage.“ „Entfernung?“ „Etwa 20,4 Lichtjahre.“ „Puh! Dann käme sowieso jede Hilfe zu spät, und der Sekt wäre sicherlich verschalt“, witzelte Sören. Karl berührt seinen Kollegen kameradschaftlich am Arm. „Wie dem auch sei, für deine Doktorarbeit ist diese Entdeckung allemal nützlich.“ Sören blickt eine Weile nachdenklich vor sich hin. Dann sagt er: „Ich würde weiß Gott was dafür geben, könnte diesem Planeten einen kleinen Besuch abstatten.“ Er seufzt. „Aber dafür bin ich wohl mindestens hundert Jahre zu früh auf die Welt gekommen.

    . . . Tagblatt, vom 22. April 1998, Rubrik „Aus der Wissenschaft“

    Nach fast zehnjähriger intensiver Forschungsarbeit ist es einem Expertenteam der Forschungsfunkstation Effelsberg gelungen, das galaktische Objekt VHP N 2 im Sternbild Waage als einen wahrscheinlich von einer technisch hochstehenden Zivilisation bewohnten Planeten zu identifizieren. VHP N 2 sendet seit etwa zehn Jahren Signale aus, die eine Botschaft enthalten und möglicherweise ein außerirdischer Hilferuf sein könnten. Die Untersuchungen haben ergeben, dass VHP N 2 zu den so genannten VH-Planeten gehört, deren Bewohnbarkeit und Ressourcenlage erheblich besser eingeschätzt wird als die auf der Erde. So ist N 2 fast doppelt so groß, er besitzt weniger Wasser – ein Umstand, der auf eine erheblich größere Landfläche hindeutet – und seine Atmosphäre enthält bis zu fünfzig Prozent Sauerstoff. Solche Himmelskörper bezeichnen die Astronomen als Very Habilitable Planets, im Kürzel VHP. Leider wird es in absehbarer Zeit nicht möglich sein, diesem freundlichen großen Bruder der Erde einen Besuch abzustatten. Das Sternbild Schwertfisch befindet sich rund zwanzig Lichtjahre entfernt auf einem Seitenast unserer Milchstraße.

    *

    Flugmedizinisches Institut der Europäischen Union, Dresden, 16. Juli 2099

    Noch bevor sich die Klappe schloss, wusste sie, dass es ein Fehler war, an dieser Mission teilzunehmen. Es war nicht die Beengtheit der mit Elektronik vollgestopften Kapsel, die sie ins Grübeln brachte. Unter Platzangst hatte sie nie gelitten. Schon als Kind war sie gerne in dunkle Schränke oder Besenkammern gekrochen, wenn sie mit ihrem Bruder Such-Mich-Doch gespielt hatte. Es war auch keine richtige Angst. Es war vielmehr ein undefinierbares Unbehagen, das tief unten in ihren Eingeweiden hauste. Es war das durch nichts zu begründende Gefühl, dass man ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte. Doch jetzt war es zu spät. Alle Dokumente waren unterschrieben, ein Zurück gab es nicht mehr. Niemand würde sie verstehen, und ihre Karriere als Weltraumbiologin wäre beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Und vielleicht war ja alles auch nur Einbildung.

    „Hörst du mich, Betty? Hast du verstanden, was ich meine?“, knödelte der Lautsprecher. Die junge Frau schreckte hoch. „Was muss ich tun?“ „Du musst schauen, wie hoch du kommst und wie lange du es aushältst.“ „Wann habe ich bestanden?“ „Das wird die medizinische Untersuchung ergeben.“ „Okay! Also dann Mike, wirf die Schleuder an!“

    Mike Adams überzeugte sich, dass die Tür der Kapsel fest verriegelt war und gab den beiden Raumfahrtmedizinern an den Monitoren mit den Vitalparametern, Dr. Harald Hausen und Dr. Joseph D. Jackson, das Zeichen, dass alles zur Abfahrt bereit war. Langsam setzte sich die 'Schleuder', die große Humanzentrifuge, in Bewegung.

    Aber auch Bettys Gedankenkarussel begann zu kreisen. Wieder hörte sie die Stimme des MH, die sie gestern auf diesen Test vorbereitet hatte . . . Da muss jeder Astronaut durch, der sich auf einen Planeten begeben will, der erheblich massereicher ist als die Erde . . . Es hilft nichts, Betty – Verdammt, nenn mich nicht Betty, du Arschloch!, hatte sie ihn angebrüllt, doch der elektronische Ratgeber redete einfach weiter . . . Sie müssen Ihren Körper diesen Beschleunigungs-Kräften aussetzten, und nicht nur für die paar Minuten, wie es bisher üblich war, sondern mindestens eine halbe Stunde. Wir müssen wissen, wo Ihr Limit liegt. . ."

    "Alles okay, Betty?“, fragte die Stimme im Lautsprecher. „Wie? Was? Aber ja doch, alles okay!“

    Und wieder diese entsetzliche Kunststimme des Medizinischen Hominiden . . . Die negative Beschleunigung ist mindestens genau so hoch wie die positive, wenn nicht höher, denn manchmal muss es schnell gehen. Und wenn die Triebwerke auf vollen Gegenschub feuern, da denken Sie, Ihr letztes Stündlein hat geschlagen . . . hä . . . krr . . . krch. . . Der Kunstmensch hatte versucht zu lachen, doch dafür fehlte ihm offensichtlich die spezielle Software. Und weiter ging´s . . . Das ist keine Spazierfahrt, die Sie sich da vorgenommen haben, meine äch . . . äch . . .

    Was hatte dieses Monstrum sagen wollen? Etwa „meine Liebe?“ . . . Und wieder hatte sie das Gefühl, dass ihr der Kerl etwas verschwieg. Zum Beispiel, warum diese Tortur auf dieser entsetzlichen Schleuder überhaupt nötig war. Wurde denn das Raumschiff wie eine Rakete ins All geschossen? Soweit sie wusste, war es doch eher ein behäbides Riesenrad, das langsam Fahrt aufnahm . . . Doch bevor sie dazu kam, sich weitere Gedanken zu machen, wurde ihr schwarz vor den Augen.

    „Pressatmung“, vermeldete Dr. Hausen.

    „Sofort runter auf 1,5 g und Druckluft geben!“, rief Dr. Hausen. „Blutmangel im Gehirn, Herzschlag unregelmäßig, Atmung krampfartig!“
    „Okay!“ Die große Schleuder verlor an Schwung, und nach einer halben Minute konnte Dr. Jackson Entwarnung geben. „Zustand angespannt, aber nicht prekär.“


    Forts. folgt

    Er redet über Liebe,

    doch ohne alle Triebe.

    Auch Küsschen gibt er keines,

    denn sowas ist nicht seines.

    Versucht sich dann in Briefen,

    die meist von Pathos triefen.

    Doch ohne Emotionen,

    die einen Blick verlohnen.

    Er hat so viele Worte

    für Liebe, Tod und Torte

    und kann so viel erklären,

    doch niemals Lust gewähren.

    Er wirkt wie eingemauert,

    von mir doch nicht betrauert.

    Denn das kann er vermeiden:

    An Liebeskummer leiden.


    Salomé

    Nackt und unter leichten Betten,
    Salomé, in dumpfen Träumen,
    sieht den Täufer schwer in Ketten,
    und den Burgweg Wächter säumen.

    Wieder spürt sie Peitschenhiebe,
    und ihr Herz gewaltig pochen,
    diesen Schmerz verschmähter Liebe.
    Und das geht so schon seit Wochen.

    Auf springt sie, in Morgenkühle,
    an die Luft, gefüllt mit Düften.
    Widerlich ist Bettenschwüle –
    und Johannes liegt in Grüften.

    Doch jetzt sieht sie andre Bilder:
    Wie der Täufer sie gestoßen,
    und ihr Herz schlägt schneller, wilder,
    sie, die Nichte eines Großen!

    Wie sie liegt auf Kerkersteinen,
    wüst beschimpft wie eine Dirne!
    Und der Zorn, er lässt sie weinen.
    Hass umnebelt ihre Stirne. –

    Wieder, zum Geburtstagsfeste
    hat Herodes eingeladen.
    Galiläas edle Gäste
    solln in Wein und Wollust baden.

    Der Tetrarch, schon schwer betrunken,
    in der Mitte seiner Schranzen,
    tief in seinen Thron gesunken,
    ruft jetzt: „Salomé, sollst tanzen!

    Geb dir Gold und Edelsteine,
    wenn du fallen lässt die Hüllen
    und wirfst hoch die schlanken Beine!
    Werd dir jeden Wunsch erfüllen!“

    Paukenschlag und Harfenklänge,
    hoher Flötentöne schrillen,
    monotone Sklavensänge,
    ganz nach des Tetrarchen Willen.

    Salomé im Kos´schem Kleide,
    mehr ein Schleier als Bedeckung,
    hauchdünn und aus feinster Seide,
    geiler Lüsternheit Erweckung.

    Leidenschaft erfasst die Glieder,
    schlangengleich rührt sie die Hüften,
    Beine fliegen auf und nieder,
    Paukenwirbel in den Lüften –

    und schon fällt die letzte Hülle,
    dieser schmale, goldne Flitter.
    Nackt ist jetzt des Körpers Fülle,
    ohne dieses Keuschheitsgitter.

    Schamlos zeigt sie ihrer Reize,
    macht von Tisch zu Tisch die Runde,
    so, als wär es Falkenbeize.
    Tanzt jetzt schon die volle Stunde.

    Stärker wird der Pauken Dröhnen,
    lauter auch die Sklavenlieder –
    Salomé, mit leisem Stöhnen,
    sinkt erschöpft zu Boden nieder,

    gleich vor des Tetrarchen Sessel.
    Der, jetzt schon in schwerem Rausche
    fern von aller Sitte Fessel,
    sieht so aus, als ob er lausche.

    Taumelt hoch jetzt die Prinzessin,
    in den Augen noch Extase,
    Sklaven reichen ihr das Kleid hin,
    manche Edle rümpft die Nase –

    „Vierfürst!“, ruft sie, „deine Stunde!
    Ein Versprechen edlen Mannes
    hörte ich aus deinem Munde!
    Gib den Kopf mir des Johannes!

    Will sein Haupt in goldner Schüssel“
    Alle schaudern vor Entsetzen.
    „Gib dem Henker deine Schlüssel!
    Soll er schnell das Richtschwert wetzen!“

    Still ist jetzt die Hofkapelle,
    auch die meisten Gäste schweigen.
    Salomé, an ruh´ger Stelle,
    ist jetzt nicht nach Liebesreigen.

    Tritt ein Mann jetzt durch die Pforte,
    plump und kräftig wie ein Bauer.
    Ist kein Mann der vielen Worte,
    ist der Festung Knochenhauer.

    Sein Gesicht ist grob und bieder,
    um den Hals den Henkersschlüssel.
    Kniet jetzt vor Herodes nieder,
    bietet ihm die goldne Schüssel

    mit dem Haupte des Johannes,
    Augen nur noch blinde Stücke,
    einst die Zier des stolzen Mannes.
    Der Tetrarch weicht jäh zurücke,

    „Ich!“, ruft er mit klammen Mute,
    wagt nicht auf den Kopf zu schauen,
    „bin nicht schuld an seinem Blute!
    Schwör bei Zeus, es sind die Frauen!“

    Salomé blickt in die Augen,
    scheint sich darin festzusaugen,
    Dann – ein Schrei, dass Gott erbarme –
    sinkt sie in Herodias Arme.

    ENDE
    (vorerst)

    Johannes


    Fackeln, fast wie Höllenfeuer,

    rußverkrustet feuchte Wände,

    kaltes, dumpfes Gruftgemäuer,

    Ketten über Bein und Hände.


    Grause Nächte, gramverhangen,

    Grause Träume, schwarz wie Kohlen,

    angefüllt mit Todesbangen,

    denn die Fürstin hat´s befohlen. –


    Auf den Stufen hallen Schritte:

    Kerkerwächter. Schwerter blitzen.

    Salomé in ihrer Mitte.

    In die Ecken Ratten flitzen.


    „Lasst mich jetzt mit ihm alleine“,

    sagt des Vierfürsts junge Nichte.

    Findet ihn auf kaltem Steine,

    tief gebeugt in trübem Lichte.


    Salomé spürt heißes Grauen,

    lässt die Sklavin Kühlung fächeln.

    Kaum kann sie das Elend schauen.

    Doch der Täufer spricht mit Lächeln:


    „Salomé, sei mir willkommen,

    trägst du auch das Kleid der Sünde“,

    sagt er wie in Trance benommen,

    „höre, was ich dir verkünde!


    Du bist nicht Herodes´ Same,

    sondern Tochter einer Hure,

    ist Herodias doch ihr Name,

    einer mistgefüllten Fuhre.


    Trug ein Kind schon unterm Bande,

    nahm Herodes dann zum Gatten,

    der vermählt im Berberlande.

    Ehebruch wirft seinen Schatten


    auch auf dich. Für unsre Väter

    welche oftmals Sorge hatten,

    dass die Frau wird zum Verräter

    eines anvertrauten Gatten –


    Ehebruch war schwerste Bürde,

    allergrößte Sündennöte,

    Jahwes Gnade eine Hürde,

    sollt er wenden Höllenröte.“


    „Jeder Mensch fehlt mal im Leben.

    Warum urteilst du mit Härte?“,

    Salomé mit leichten Beben,

    „wie Herodes mit dem Schwerte?


    Schienst mir eben noch so milde,

    voll von göttlichem Verzeihen,

    Menschlichkeit auf deinem Schilde,

    Kraft, vom Hasse zu befreien.“


    „Haben auch noch andre Makel,

    deine Eltern, o Prinzessin!

    Oben dröhnt das Festspektakel

    Draußen – höre endlich hin –


    schreit das Volk und knirscht mit Zähnen!

    Hungersnot und Leid der Armen,

    Straßenstaub, der nass von Tränen.

    Doch den Fürsten fehlt´s Erbarmen!“


    Die Prinzessin, starr vor Staunen,

    von der Kühnheit hingerissen.

    Das ist nicht der Priester Raunen!

    Der hier spricht, ist Weltgewissen!


    Nicht wie Königs geile Schranzen,

    die ihm seinen Speichel Lecken

    und sich frech an Pfründe wanzen

    und den Hals nach mehr noch recken.


    Sieht des Täufers bleiche Wangen,

    seinen Augen voll von Güte,

    seine Glieder, glatt wie Schlangen.

    Wirrnis schießt in ihr Gemüte.


    „Sieh den Ring an meinem Finger,

    ließ ich machen dir zu Ehren,

    meiner Liebe Notbezwinger

    der den Drachen Zweifel wehre.“


    Nimmt das Haupt des edlen Mannes –

    einen Kuss auf seine Lippen –

    „Ach, ich liebe dich, Johannes!

    Lass an deiner Kraft mich nippen!“ –


    Ruft er unter Kettenklirren:

    „Was soll mir jetzt Frauenliebe?

    Mehrt doch nur die Kerkerwirren,

    weckt des Leibes finstre Triebe!“


    Stößt sie weg mit starken Armen –

    „Weib!“, ruft er, „berauscht vom Weine!“

    Findet diesmal kein Erbarmen,

    stößt sie auf die harten Steine –


    „Wollust ist dein wahres Wesen,

    und Versuchung deine Mutter!

    Fand mich schon vom Hass genesen,

    doch du gibst ihm neues Futter!“


    Forts. folgt

    Hallo, Ihr!

    Dies ist die Fortsetzung meines Gedichts „Salomé“. Es erzählt die Geschichte des Johannes des Täufers, der ähnlich wie Jesus Christus taufend und predigend durch das Land zog, allerdings etliche Jahrzehnte zuvor, und der deshalb als dessen Vorläufer gilt. Passt also gut zur Vorweihnachtszeit. Außerdem ist es eine tragische Liebesgeschichte, bei der er nicht nur buchstäblich den Kopf verliert.

    Wünsche (hoffentlich) viel Vergnügen.

    Der Tanz um den Kopf – eine vorweihnachtliche Liebesgeschichte


    Herodias


    Schroffe Felsen, spitze Zinnen,

    oft umtobt von Sturmgebrause,

    dicken Wände, draußen, drinnen:

    Des Herodes feste Klause.


    Vierfürst er, von Galiäa,

    ein Tetrarch von Kaisers Gnaden,

    Weit versippt mit Neff und Schwäher,

    handelt nie zum eignen Schaden. –


    Liegen jetzt beim Mittagsmahle –

    lecker duftet krosse Speise,

    Ölfrucht und gebratne Aale,

    Musikanten flöten leise –


    Salomé, Herodes´ Nichte,

    liebestoll, doch nicht Vestalin,

    dann der Vierfürst der Geschichte;

    und Herodias, die Gemahlin.


    Da! ein lautes Hörnerschallen

    bis hinein zur letzten Kammer.

    Rege wird’s in weiten Hallen.

    „Feinde nahn! O welch ein Jammer!“


    Kriegslärm an der Feste Mauern,

    Wutgeheul und Waffenklirren!

    Weg die Speisen, mit Bedauern,

    schon hört man die Pfeile schwirren.


    Atemlos erscheint ein Hüne,

    bärtig bis an beide Ohren.

    „Herr!“, stöhnt er, der wenig kühne,

    „Flieht! Bald ist die Burg verloren!


    Unten wälzt sich eine Menge,

    Tausend sind es, und nicht minder,

    brüllen wüste Hassgesänge,

    Männer, Weiber und auch Kinder.


    Werfen Steine, schwingen Knüppel,

    weiter wächst der Zorn der Menge,

    kampfbereit der letzte Krüppel,

    allerorten schwer Gedränge.


    Nennen dich, Herr, Ehebrecher!

    (gäbe viel, wenn´s nicht so wäre)

    Höhnen auch dich, Frau, noch frecher.

    Hört ich doch das Wort Hetäre!


    „Hauptmann!“, ruft die „o ihr Memmen!

    Lasst euch von dem Pöbel zwacken?

    Soll ich selbst das Schwert noch stemmen?

    Ließ dir gern den Kopf abhacken.“


    „Edle Fürstin, walte Gnade!“,

    sagt der Hühne mit Erbleichen,

    „hörst du nicht ihr Schreien gerade?

    Gilt dem Täufer, ihresgleichen,


    der sie taucht in Jordanwässern,

    will den Frieden ohne Waffen,

    will ihr trübes Los verbessern

    als ein Meister unter Affen.


    Spricht vom Himmel schon auf Erden,

    wenn das Volk im Jordan badet,

    Seligkeit soll allen werden.

    Hält sich wohl für gottbegnadet.


    Gäb ein übles Blutvergießen,

    sorgte nur für mehr Entsetzen,

    wenn wir sie mit Lanzen stießen

    und die Hunde auf sie hetzen.“


    Sagt darauf des Vierfürst Gattin:

    „Dumm Gefasel, falsch Versprechen,

    Volksverhetzer, Wahnsinn hat ihn!

    Nicht dein Kopf, sein Kopf soll rächen!


    Werft ihn in den tiefsten Kerker,

    diesen Held der Visionen.

    Will doch wissen, wer ist stärker?

    Der da? Romas Legionen?“


    Doch die Knechte knien nieder,

    manche Rüstung fällt zu Boden,

    höh´re Macht bezwingt die Glieder,

    fangen an, den Held zu loben,


    diesen Menschenfreund Johannes,

    ganz von Heiligkeit umwittert,

    Künder eines höh´ren Mannes,

    vor dem selbst der Kaiser zittert.


    Doch die Fürstin schreit jetzt heiser

    „Soll ich Rebellion belohnen?

    Scharlatan ist er, kein Weiser!

    Ab mit ihm, wo Teufel wohnen!“


    Und schon rasseln schwere Ketten,

    legen sich um Fuß und Hände

    Keiner will mehr Gnade wetten.

    Eisern naht des Täufers Ende.


    Forts. folgt

    8

    „Bravo!“, ließ sich Elektryon, der jetzt wieder vor ihm stand, vernehmen, „auch diese Prüfung hast du im großen Ganzen bestanden. Leicht ist es dir nicht gefallen. Sogar von unserem Platz aus konnten wir deine Seelenkämpfe erkennen.“

    „Was heißt im großen Ganzen?“, fragte Avro verblüfft. „Hab ich bestanden oder nicht? Was fehlt denn noch?“

    „Ein klein wenig mehr Aufrichtigkeit hätte deinen Reuebekundungen mehr Glaubwürdigkeit verliehen. Und ganz aus freien Stücken waren sie auch nicht. Schließlich hattest du Angst, vom nächsten Bergsturz verschüttet zu werden. Aber sei´s drum. Du hast dich wenigstens bemüht, und nur das soll zählen. Schreiten wir nun zur letzten Prüfung.“

    Elektryon schwieg ein wenig, wie um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, dann fuhr er fort (was allerdings nur Avro wahrnehmen konnte): „Da du in deinem Leben nur dich selbst geliebt hast –“

    „Das ist doch wohl maßlos übertrieben!“, stieß Avro hervor, „in meiner Jugend habe ich viel geküsst und geliebt, und an manche heiße Nacht kann ich mich –“

    „Äußere dich nicht zu Dingen, von denen du nichts verstehst! Ich meine die reine Liebe, wie man sie etwa zu seinen Kindern oder zu anderen Menschen empfindet, die einem am Herzen liegen, ohne daraus einen Gewinn zu schlagen. Natürlich hast du geliebt. Den Sex, das Geld, allerlei Nichtigkeiten. Aber diese Liebeleien sind für dein Seelenheil eher hinderlich.“

    Elektryon gab dem Rappen die Sporen, worauf der mit funkensprühenden Hufen ein paarmal um Avro herumtrabte.

    „Aber Herr des Himmels“, Avro jetzt hilfesuchend, „kann man die reine Liebe denn lernen?“

    „Versuch es, Avro, versuch es!“

    Der Rappen mit den feurigen Hufen erhob sich in die Luft und war kurze Zeit später verschwunden.


    Avro befand sich immer noch am Rand des Abgrunds, in dem es jetzt unerwartet ruhig geworden war. Keine Feuergarbe, kein heißer Qualm, kein Schrei. Nur ein leichter Schwefelgeruch deutete darauf hin, dass sich hier eben noch ein Inferno abgespielt hatte. Dafür begannen die Felswände zu schimmern; Avro hatte den Eindruck, als befinde sich in der Tiefe eine starke Lichtquelle.

    Eine Gestalt im Sternenkleid kam auf ihn zu, er erkannte sie sofort: Es war die Himmelsjungfrau, der er vor dem Schwarzen Loch nicht geholfen hatte. Sie trat, übersät mit glitzernden Sternen, an ihn heran.

    „Avro“, vernahm er, „dort unten, in der Tiefe des Abgrunds, befindet sich der Anfang eines kosmischen Wurmlochs. Solch ein Wurmloch ist der einzige Weg, diesem höllischen Planeten zu entkommen und in unser gewohntes Universum zurückzukehren. Warum das möglich ist, kann ich dir nicht erklären, aber es ist so. Ich habe mich entschlossen, auf meinen Platz am Himmel des Universums, das mir die Alten Männer zugewiesen haben, zurückzukehren. Mir fehlen die Liebe des Wassermanns und das Funkeln von Millionen und Milliarden braver Seelen, die mich dort umgeben. Dieses Universum hier ist mir doch zu düster, und die Einsamkeit zehrt an meiner Strahlkraft.“

    Avros vierte Hülle machte einen Sprung. „Himmelsjungfrau“, ließ er vernehmen, „du kommst wie gerufen! Nimm mich mit! Ich befürchte nämlich, dass ich die letzte Prüfung nicht bestehen werde. Ich soll die reine Liebe zeigen. Wie denn? Wo denn? Bei wem denn? Hier ist niemand, den ich lieben könnte, schon gar nicht rein.“

    Inzwischen hatte die Helligkeit weiter zugenommen. Die Wände der Schlucht strahlten jetzt in blendend reinem Weiß.

    „Doch! Du könntest mir einen Liebesdienst erweisen, den ich nicht erwidern könnte, der mir aber von großem Nutzen sein würde. Diese Wurmlöcher nämlich haben Astrophysiker errechnet; es sind mathematisch belegte Fantasie-Gebilde, die nur solange bestehen, bis ein anderer kommt und eine neue Theorie entwickelt, die die alte über den Haufen wirft. So jedenfalls hat es mir Einsteins Astralleib zu verstehen gegeben. Es kann also sein, dass dieses Wurmloch schnell wieder verschwunden ist. Außerdem haben sie den Nachteil, dass nur einer hindurch passt.“

    In der Höhe rauschte Flügelschlag auf. Elektryon auf seinem Rappen, neben sich die Himmelsprinzessin, schöner den je, beide umtanzt von einem Kranz weißer Wolken.

    Avros Astralleib erzitterte, denn er ahnte, was jetzt kommen würde. Die Jungfrau würde ihn bitten, das Wurmloch benutzen zu dürfen; er, indes, solle zurückbleiben und auf das nächste Wurmloch warten. Natürlich! Sie gab ihm Gelegenheit, sein Versagen von damals wieder wett zu machen.

    Aber ich liebe sie doch gar nicht, dachte er, und sie liebt mich nicht, wo kann denn da reine Liebe sein?

    „Es gibt viele Arten der reinen Liebe“, tönte es von oben, begleitet von fernen Glockenklängen. „Selbstlose Hilfsbereitschaft ist eine davon!“

    Die Helligkeit war jetzt so stark, dass sie alles überstrahlte. Nur verschwommen nahm Avro die Himmelsgestalten und die Jungfrau wahr. Er wollte antworten – –


    9

    Das Gewitter hatte sich verzogen. Eine klare helle Abendsonne brachte das Gesicht des alten Mannes zum Leuchten.

    Die Schwester sagte: „Jetzt ist es aber genug, Herr Prät! Sie werden sich noch erkälten.“ Energisch zog sie den Rollstuhl ins Zimmer zurück, mit dem festen Vorsatz, nicht mehr auf Einwände zu reagieren. „Es wird Zeit. In einer halben Stunde –“

    Die junge Frau stutzte. Auf Zehenspitzen schlich sie um den Stuhl herum. Der Patient saß wie erstarrt da, die Augen weit geöffnet, die Brust unbewegt. Sein Mund war so geformt, als wollte er etwas sagen. Mit einem leisen „Herrje“ schloss sie die Balkontür und klingelte nach dem Hausarzt. Der prüfte mit weichen Fingern den Puls des Dasitzenden und leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe in seine Augen.

    „Kein Puls, kein Pupillarreflex“, murmelte er und richtete sich wieder auf. „Herr Prät ist tot.“


    ENDE

    7

    „Wohin führst du mich Amenophis, mein Freund?“, fragte Avro in banger Erwartung.

    Schweigen.

    „He, du komischer Vogel, warum antwortest du nicht? Hast doch genug Münder.“

    Schweigen. Dann: „Nenn mich nicht Freund!“, sagten alle Köpfe gleichzeitig.

    „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“

    „Weil Freundschaft auf Wesensverwandtschaft beruht. Wie kann denn ein Vogel mit dem Astralleib eines Menschen wesensverwandt sein?“

    „Weil auch du einen Astralleib besitzt“, antwortete Avro knapp.


    Avro spiegelte den Himmel mit seinen Millionen Lichtpunkten in sein inneres Erleben und erkannte die Jungfrau im Zenit, genau über ihm. Sie lag dort an der Seite eines ihm unbekannten Sternbildes. Es schien ihm, als betrachte sie ihn und blinzele ihm sogar zu. Jetzt bewegte sie sich sogar, ein wenig nur, doch deutlich wahrnehmbar. Doch die Bewegung war nur eine listig-luftige Täuschung, eine atmosphärische Narretei, verursacht durch die Hitze der Berge. Er wusste: Sie würde ihm nie beispringen, so wie er ihr nicht beigesprungen war. Und dieser Amenophis würde ihm erst recht nicht helfen.

    Die Verlassenheit schlug über Avro zusammen wie ein gewaltiger Tsunami.

    Zwei seltsame Astralgestalten flatterten heran, und Avro musste grinsen. Sie glichen übergroßen Spiegeleiern, nur war ihr Dotter nicht gelb, sondern dunkelrot, und das Eiklar drumherum nicht weiß, sondern durchsichtig wie Medusenschleier, die sich im Wasser bewegten. Die Gestalten ließen sich auf einem vor Hitze dampfenden Felsen nieder und hüpften wie Tanzbären darauf herum. Dabei blitzte es in ihrem Inneren immer wieder auf.

    Avro gebot „Halt“ und sah den mseltsamen Gestalten eine Weile zu. Dann fragte er: „Hey, ihr beiden! Wenn euch der Fels zu heiß ist, warum nehmt ihr nicht einen andere? Es gibt doch genug abgekühlte Plätze in dieser Gegend.“

    „Wir wollen dich aus der Nähe betrachten“, sagte die größere der beiden Erscheinungen, „einen Besucher aus der alten Welt haben wir lange nicht mehr gesehen.“ Avro kam es vor, als sei sie von einer wirren Mähne umgeben. „Der letzte Besucher war vor mehr als Zweitausend Jahren hier. War irgendein Religionsgründer, der nach seiner Wiederauferstehung versehentlich in das Schwarze Loch geraten war, dasselbe, das auch dich hierher gebracht hat.“

    „Und wo ist er jetzt?“

    „Keine Ahnung! Sah sich nur kurz um und war wieder weg. Und wie kommst du hierher?“

    „Ich bin ein Freund der Himmelsprinzessin Gorgophone, der Tochter der Andromeda. Ich soll hier nachschauen, ob die physikalischen Gesetze, die ein gewisser Einstein erfunden hat, auch in diesem Universum –“

    „– physikalische Gesetze erfindet man nicht, man findet sie –“

    „– auch in dieser Welt zutreffen, insbesondere, ob ein Astralleib, wenn er von einem Schwarzen Loch verschlungen worden ist, überlebt und wieder in seine gewohnte Welt zurückkehren kann.“

    „Die erste Frage kann ich dir beantworten!“, rief das haarige Spiegelei und blitzte stark, „sie gelten auch hier. Ich habe beschlossen, dass sie zutreffen und die entsprechenden Berechnungen angestellt. Die zweite Frage. . . nun ja.“ Das haarige Ei schüttelte sich, sodass tausend silberne Funken aufflogen – „Das möchte ich auch gerne wissen. Aber auch wenn ich einen Weg zurück wüsste, ich wollte gar nicht zurück.“

    „Darf man wissen, warum?“

    „Auf der Erde gibt es für mich nichts Neues mehr. Hier ist vieles überraschend und unbekannt und noch ohne die passende Theorie. Also existiert es nicht wirklich.“

    „Verstehe ich nicht. Das alles hier, auch wenn es noch so unheimlich ist, soll nicht existieren? Ich empfinde es doch!“

    „Eben! Es ist Einbildung! Solange ich es nicht durch die entsprechenden Berechnungen zur Theorie erhoben habe und somit die Möglichkeit der Realität besteht, bleibt es nicht wirklicher als ein Traum.“

    Avros zweite Hülle verblasste einen Moment verblüfft. „Wer bist du?“

    Das haarige Ei wurde sichtlich größer. „Ich bin Albert Einstein, der Erfinder der Relativitätstheorie. Das größte physikalische Genie, das die Welt je gesehen hat.“

    „Warum blitzt du denn so stark?“

    „Weil ich erregt bin und vor Geistesblitzen nur so sprühe. Deshalb tanze ich auch. Nicht wegen der Hitze.“

    „Na, na, Albert“, ließ sich jetzt das zweite Ei vernehmen, „nun übertreib mal nicht.“ Es war rundlicher und hatte früher wohl einen Schnurrbart getragen. „Du hast zwar die Relativitätstheorie, die Gravitationstheorie und noch einiges mehr gefunden, gut und schön, aber ich, der ich in meinem Leben Karl Schwarzschild hieß, habe das Schwarze Loch und die kosmischen Wurmlöcher erfunden. Wenn ich nicht wäre, wären wir nicht hier.“

    Und ich auch nicht, dachte Avro betrübt.

    „Aber ich habe mit meiner Theorie die Voraussetzungen geschaffen“, protestierte Einstein, „ohne die wärst du gar nicht auf die Idee gekommen, dass es so etwas wie Schwarze Löcher überhaupt geben könnte.“

    „Papperlapapp! Du behauptest, ein schwarzes Loch käme dadurch zustande, dass in ihm die Gravitation unendlich groß und die Raumzeit unendlich stark gekrümmt sei. Halten zu Gnaden: Diese mathematische Singularität besitzt physikalisch gesehen jedoch keine Aussagekraft. Erst durch meine Entdeckung –“

    „Herr!“, rief das Ei mit der Mähne, „Sie wagen es –“

    „Herr!“, rief das Ei mit dem Bartschatten, „Ja, ich wage es –“

    Die Astralgestalten machten Anstalten, sich wie zwei kämpfende Amselmännchen aufeinander zu stürzen. Avro schüttelte den Kopf und befahl: „Weiterfahren!“

    Allmählich nahm sein Seelenfahrzeug Fahrt auf; der komische Vogel Amenophis trieb zur Eile an; unter den Kufen knirschte der Sand. Er hielt genau auf die feuerspeienden Berge am Horizont zu, ihre Flammen röteten den Himmel. Der Weg wurde schwieriger; je höher sie kamen, desto mehr Geröll in ausgefahrenen Rinnen beschwerte die Fahrt – ein Zeichen, dass Avro nicht der einzige Prüfling war. Rechts und links stiegen eigenartig geformte Felsen auf, die an urzeitliche, roh behauene Statuen mit gewaltigen Köpfen und mächtigen Leibern erinnerten; es waren Laternen, in ihren Augenhöhlen lag glühende Lava. Der Weg verengte sich zu einem schmalen Grat zwischen zwei Schluchten, aus denen Töne wie grässliche Sinfonien aufstiegen; Dissonanzen warfen sich wie Kampfhähne gegeneinander; ein Heulen und Jammern erfüllte die heiße Luft.

    Jetzt, wo keine Beschwernis eines irdischen Leibes auf ihm lag, war Avro in der Lage, Unsichtbares zu erkennen, Geheimes, Verborgenes, Unausgesprochenes, auch nur Gedachtes; das, was seit Urzeiten durch´s Weltall kreiste: Unerfüllte Wünsche; die Gier der Nimmersatten, geheime Sehnsüchte; unanständige Tagträume; die gehauchten Worte heimlichen Liebesgeflüsters und dergleichen mehr. In seiner dritten Hülle steckten immer noch Fähigkeiten, die ihr der Herr des Alten Mondes mitgegeben hat; die jeder Mensch mehr oder weniger besitzt, aber nur selten nutzt.

    Das Getümmel und Gestöhn verstärkte sich. Jetzt vernahm er auch Kriegslärm und Kettenrasseln; die Schreie Verwundeter oder Gefolterter; das Greinen frierender Kinder; die Verzweiflung ihrer Mütter und viel weiteres Elendsstöhnen.

    Urplötzlich zügelte Amenophis die Zugtiere. Das Gefährt blieb abrupt stehen und riss Avros Astralleib nicht nur aus den Gedanken, sondern auch aus dem Wagen. Er rollte bis hart an die Kante des tiefen Abgrunds, in dem es brauste und brodelte; Flammen stiegen auf; dicker, stinkender Qualm fuhr ihn an. Der bunte Vogel Amenophis kroch auf ihn zu, riss seine drei Schnäbel auf und machte Anstalten, Avros Astralleib in den Abgrund zu stürzen. Obwohl solch ein Körper weder Lust- noch Schmerzwahrnehmungen aufweist und auch nicht versengt werden kann, war Avro doch so erschrocken, dass er auf seine Art laut aufschrie; die alte Angst vor dem Verbrennen steckt tief in der Kreatur. Amenophis, von dem Schrei offenbar selbst erschrocken, flatterte kreischend davon und nistete sich als Sternbild irgendwo am Himmel ein.

    Wieder brandete der Höllenlärm auf, eine rechte Teufelssinfonie. Avro unterschied jetzt einzelne Stimmen, manche kamen ihm sogar bekannt vor. Er blickte hinunter, in lodernde Flammen unter schwarzem Qualm. Doch dank seiner Fähigkeit, durch alles hindurch zu sehen und zu gehen, ohne Schaden zu nehmen, auf Widerstand zu stoßen oder sonst wie aufgehalten zu werden, sah er sich auf einmal von alten Bekannten umgeben, die wie ein Schwarm aufgeregter Fledermäuse um ihn herum flatterten. Er erschrak, denn er erkannte: Das waren alles Verstorbene, denen er zu Lebzeiten übel mitgespielt hatte. Eine dieser Schreckgestalten flog ganz dicht an ihn heran, setzte sich auf eine verkrüppelte Baumwurzel, deren Schuppenhaut wie rotes Gold glänzte, und flüsterte. „Avro, erkennst du mich?“

    Natürlich erkannte er die Gestalt. Sogar nach so vielen Jahren, sogar unter diesen widrigen Umständen. Es war Erika, seine erste Frau, ein gutgläubiges, sanftes Geschöpf. Sie hatte ihm, unerfahren mit den Abgründen des männlichen Charakters und im Vertrauen auf seine Ehrlichkeit, ihre Erbschaft und einen Haufen Bargeld überlassen auf das lose Versprechen hin, bei blühenden Geschäften alles, zumindest aber das Erbe ihrer Mutter, zurück fordern zu können. Aber nach einigen Jahren unbeschwerten Wohllebens war nichts mehr da, was sie hätte zurückfordern können. Das Fahren teurer Motorräder hatte Avro mehr behagt als das Führen seines Betriebs mit zehn Angestellten. Wieder sah er die traurigen alten Augen der jungen Frau auf sich gerichtet, während er ihr mitteilte, er werde Konkurs anmelden müssen, gerade in dem Augenblick, als sie ihm sagen wollte, dass sie schwanger sei.

    „Schwanger?“, schrie er, „auch das noch!“ Tags darauf war er verschwunden.

    Erneut brach ein Sturzbach von Jammern, Klagen und Verwünschungen los, ein grauenhaftes Heulen und Zähneknirschen. Flammen loderten auf: eine Feuergarbe tanzte wie ein glühender Mückenschwarm über dem Abgrund. Deutlich fühlte er die heißen Schwingen vogelähnlicher Gestalten an seinem Leib. Es waren die Seelen von Menschen, die er als Freischärler in irgendeinem Regionalkrieg gegen Geld getötet hatte, in einem Konflikt, der ihn nichts anging. Nach seiner Pleite war er, um den Gläubigern zu entkommen, einer ausländischen Privatarmee beigetreten. Dort lernte er auch seine zweite Frau kennen, Violetta, und baute, als der Krieg vorbei war, mit ihr fern der alten Heimat eine neue Existenz auf. Aber auch diese Beziehung war nicht von Dauer . . .

    Violetta warf brennende Rosensträuße auf ihn, und sofort war die Erinnerung wieder wach . . . Zum x-ten Mal hatte er ihren Hochzeitstag vergessen; in aller Eile, denn es war schon nach Geschäftsschluss, lief er zur Blumenbude im Bahnhof und erwarb eine Handvoll halb verwelkter roter Rosen, die er seiner Frau, in einer Vase zurecht gerückt, überreichte. Auf einmal sah er sich von drei Bouquets der Sorte „Siegerin von Mühlhausen“ umgeben – so hieß diese Rosensorte – eines stand in der Vase auf dem Tisch, herbstsonnenbeschienen und mit verblassender Farbkraft, die beiden anderen spiegelten sich in den schwarzen Pupillen seiner Frau, die ihn katzenhaft ansah und die unmissverständlich signalisierten: Du oder ich. Er verließ wortlos den Raum. Es kam zu keinem Rosenkrieg – was nahe gelegen hätte – man trennte sich in gegenseitigem Einvernehmen; sie verband sich später mit einem Menschen aus der IT-Branche, er kaufte sich eine Eigentumswohnung (die er zunächst vermietete) in dieser teuren Seniorenresidenz, einem denkmalgeschützten Backsteinbau aus dem sechzehnten Jahrhundert. Dann zog er selber ein.

    Seitdem waren ihm rote Rosen und überhaupt alles Rote ein Greul (man kann sich gut vorstellen, welches Unbehagen ihm gerade dieser feurige Planet einflößte).

    Das Geschrei verstärke sich noch weiter, überlagert von den grausen Klängen nie gehörter urzeitlicher Instrumente. Eine eklige Gestalt flog auf ihn zu, krallte sich in seiner Hülle fest und rief mit stinkendem Atem: „Avro, hast du uns nichts zu sagen?“

    Avros Empfindungsleib erbebte. Obwohl ihn die Krallen nicht schmerzten, spürte er sie doch als unangenehme Eindringlinge in seine inneren Bezirke. Am liebsten hätte er sich wieder in seinen alten Ernährungsleib verkrochen oder das Spektakel ins Reich der Träume verschoben. Doch schon rief ein vielstimmiger Chor: „Avro, hast du uns nichts zu sagen? Avro, hast du uns nichts zu sagen?“

    Die Aufforderung war eindeutig. Er sollte etwas tun, wozu er in seinem ganzen irdischen Leben nicht fähig gewesen war. Er versuchte, das eine oder andere Wort hervor zu würgen; doch der Ton blieb ihm unterwegs stecken.

    Plötzlich was atemlos Stille.

    Von einem Hang löste ich ein riesiger Bergsturz; glühende Felsbrocken stürzten donnernd zu Tal und gaben den Blick auf zwei hohe helle Gestalten im Inneren des Berges frei. Avro erkannte sie sofort: Es war die Himmelsprinzessin, neben ihr der schimmernde Reiter; offensichtlich warteten sie. Doch es war abzusehen, lange würden sie nicht mehr warten, denn das Pferd mit den feurigen Hufen flatterte ungeduldig mit den Flügeln.

    „Ich . . . ich . . . bitte euch um . . . Entschuldigung“, brachte er mühsam hervor, doch allmählich wurde seine Beichte klarer. „Ich weiß, dass viele unter mir gelitten haben, und es tut mir aufrichtig Leid. Ich kann nicht behaupten, dass ich euch alle geliebt habe, aber ich habe auch niemanden gehasst. Was ich getan habe hielt ich für alternativlos –“

    Wieder krachte ein Berghang zu Tal, jetzt in unmittelbarer Nähe. Schwarzer, funkensprühender Qualm stieg auf, und eine hohle Stimme rief: „Die Wahrheit Avro, die Wahrheit! Es gibt immer eine Alternative!“

    „Ja . . . doch . . . ich weiß, es gibt immer eine Alternative“, stammelte Avro, denn der nächste Bergsturz kündigte sich an, „alles, was ich euch angetan habe, geschah aus eitler Selbstsucht und Gedankenlosigkeit.“

    Er redete noch eine Weile; dann geschah etwas mit seiner dritten Hülle, was seine erste nie fertiggebracht hatte: Sie weinte unsichtbare Tränen der Reue.

    Sein Astralleib strahlte jetzt in einem ganz hellen Grün.

    Forts. folgt