Beiträge von N. Kalinina

    WARNUNG: P-16 / Ausführung (leichter) sexueller Handlungen, so wie die Erwähnung von Suizid. Mir ist es eine Herzensangelegenheit, dass Leser, die dies unter keinen Umständen lesen möchten oder dies aus persönlichen Gründen nicht ertragen können, irgendwie böse überrascht werden. Passt gut auf euch auf, da draußen. Wo auch immer ihr gerade vor dem Computer/Laptop/Smartphone hockt. Ihr seid wunderbar.

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    Licht. Einsamkeit. Ihr zwei.


    Du weißt nicht, wann du das letzte Mal so wütend warst. So müde, so genervt, so unglaublich von der Welt angekotzt. Niemand versteht dich, schon lange nicht mehr. Alle reden nur noch Scheiße. Jeder fühlt sich erleuchtet und so unfassbar geil. Das Leben ist eine einzige Party, auf der sich jeder hart selbst feiert. #gönnung.


    Du kannst es nicht mehr hören. Du kannst sie nicht mehr hören. Diese Selbstverliebtheit. Diese Egomanie. Manchmal weißt du nicht, ob es an der Welt liegt - oder an dir selbst. Bist vielleicht du das Problem? Sind nicht deine ganzen Mitmenschen Dummschwätzer, sondern du? Wobei, du sagst ja nie was. Und jemand, der seinen Mund hält, kann auch keine Scheiße quatschen. Einfache Faustregel.


    Besonders Ankes Neuer nervt dich. Redet den meisten Mist, macht aus jeder kleinen Nummer ein übertriebenes Spektakel und kennt jeden und alles. Er studiert Jura, was er auch jedem, der es wissen will, und vor allem auch jedem, der es nicht wissen will, mindestens dreimal am Abend brühwarm erzählt. Sein Studium ist ja ach so schwer. Nur die Besten der Besten und haste nicht gehört. Dabei hat der Typ nur ein paar lausige Stunden Uni am Tag und bekommt von Mama und Papa sein überteuertes WG-Zimmer bezahlt. Beste Lage, coole Mitbewohner. Ankes Neuer hat noch keinen Tag in seinem Leben gearbeitet, will dir aber ständig das Leben erklären. Nur er hat den Durchblick. Nur er kann dies, nur er kann das.


    Rhabarber-Rhabarber.


    Er trifft sich aus Prinzip nur mit Frauen, die im Berghain tanzen können. Sagt deiner Meinung nach schon alles. Der Kerl lebt in seiner eigenen Welt. Aber so einer passt zu Anke. Nicht, dass du eifersüchtig bist. Klar, du hattest mal eine Weile was mit ihr, aber ey. Das Leben geht weiter. Sie wollte zu viel - du zu wenig. Außerdem ist Anke auch gar nicht mehr dein Typ. Sie war mal witzig und spontan, jetzt hat sie eine Instagram-Karriere am Start und braucht für das perfekte Foto mindestens neunzig Versuche. Ein Selfie mit ihr ist anstrengender als ein verdammter Triathlon. Außerdem ignoriert sie dich meistens, da sie viel zu sehr damit beschäftigt ist ihrem neuen Jura-Macker mit seiner blöden Hipster-Brille am Hals rumzulutschen. Mal ernsthaft, wie alt sind die? Zwölf? Scheinbar hat ihnen noch niemand gesagt, dass Knutschflecke ab Mitte zwanzig lächerlich sind.


    Das ständige Geknutsche nervt dich, aber du sagst nichts. Du sagst nie was, denn Faustregeln sind nicht ohne Grund da. Wer nichts sagt, kann auch keine Scheiße reden. Du nippst gelangweilt an deinem Bier, als wäre es irgendein sauteurer Cocktail auf einer öden Strandparty. Die Bar ist wie immer voll und laut und die Musik kaum zu hören, so viel belangloses BLA-BLA-BLA hängt in der Luft. Alle reden. Niemand hört zu.


    Ankes Neuer ist müde. Endlich. Er verabschiedet sich dramatisch, weil er ja noch so viel für die Uni machen muss. Weil sein Studium ja ach so hart und würg und kotz ist. Du würdest diesem Kerl so verflucht gerne in seine neunmalkluge Fresse treten. Anke folgt ihrem Hipster-Freund nach einem kurzen Tschüss in die Runde und lässt dich mit einem Haufen Menschen zurück, von denen du die meisten nicht kennst. Nicht wirklich.


    Der alte Kreis ist längst zerbrochen und anstatt der einst mal vertrauten Gesichter aus dem Kiez sitzen hier jetzt Erasmus-Studenten aus England, Frankreich und aus anderen Ecken der Welt. Die Franzosen reden meist Französisch und ignorieren alle, der Engländer ist ganz witzig und hat coole Kartentricks auf Lager. Niemand kennt den jeweils anderen, aber für ein paar super coole Party-Fotos reicht es aus. Du starrst in die fremden Gesichter der Studenten. Anke hat sie angeschleppt und als Freunde von der Uni vorgestellt. Natürlich. Seit Anke studiert und diesem neuen Jura-Macker den Hals ableckt, hat sie auch einen Haufen neuer Freunde. Coole Freunde. Nur du bist noch übrig vom alten Kern. Den Pappenheimer vom Kiez. Du und Wojciech, denn der Esel nennt sich stets zuerst.


    Wojciech sitzt neben dir, wie jeden Abend belagert ihr zwei breitbeinig das Sofa. Manspreading in Bestform. Ihr zwei seid der Todfeind einer jeden Hardcore-Feministin. Wojciech schweigt, genau wie du. Er hält die Klappe, nippt am Bier und lässt die Studenten über ihr ach so stressiges Leben jammern. Wobei es ihm wirklich am Arsch vorbeigeht. Er ist cool mit sich selbst. Mit der Welt im Einklang. Du bist eifersüchtig. So unfassbar eifersüchtig.


    Du arbeitest sechs Tage die Woche, Einzelhandel. Wenn du nicht gerade von einem Kunden beleidigt oder angeschrien wirst, weil irgendein gekauftes Elektrogerät scheiße, kaputt oder der Kunde einfach nur blöd im Hirn ist, musst du müde lächeln und so tun, als würdest du nach zehn Stunden ohne Pause noch Bock haben. Du bist immer der Idiot. Du bist der, auf den Eltern mahnend zeigen und ihren Kindern eintrichtern, sich in der Schule bloß anzustrengen, weil sie sonst eines Tages so enden wie du. Niemand will im Verkauf arbeiten. Niemand will mehr in den Service. In die Pflege. Es gibt zu wenig Fachkräfte. Es fehlt an Bauarbeiter, Handwerker und Müllmänner. Es fehlt an allem, nur sicher nicht an Anwälten, Grafikdesigner und Influencer.

    Jeder studiert, aber niemand macht irgendwas. Du findest es zum Kotzen.


    Du brennst innerlich vor Eifersucht. Schau dir doch bloß diese coolen Studenten an. Waren alle erst kürzlich für ein paar Monate in Indien und Südamerika. Haben dies und das erreicht. Und du? Du hattest schon früh keinen Bock mehr. Selbst Schuld. Ohne Abitur läuft heute nichts. Du bist der Versager der Runde. Und alle wissen es.


    Wojciech reicht dir sein halbvolles Bier. Du hast gar nicht gemerkt, dass dein eigenes bereits leer ist. Du hast an Luft genippt, wie ein echter Idiot. Im roten Neonlicht der Bar sieht Wojciech irgendwie anders aus. Kantiger. Gewagter. Dabei hat er ein rundes und nettes Gesicht. Er ist der ewig entspannte Kumpel. Dieser eine Freund, der irgendwie immer da ist, nie irgendwelches Drama veranstaltet und alles gelassen sieht. Dem man schon seit Jahren zwanzig Euro schuldet, aber nie was deswegen sagt. Wojciech ist die Ruhe in Person. Warm und vertraut. Die Stille, die du so dringend brauchst. Er hält dir immer noch sein Bier unter die Nase. Du winkst ab, stellst deine leere Flasche auf den Tisch und stehst auf.


    «Muss mal pissen», brummst du niemand bestimmten zu und schlurfst zum Klo. Hinter dir brechen die Franzosen in Gelächter aus. Sogar das Gelächter klingt cool. Ein Kerl steht vor einem Urinal, der mit einer Hand lieblos zielt und mit der anderen in Blitzgeschwindigkeit Dating-Profile nach links und rechts wischt. Willkommen im 21. Jahrhundert. Du beziehst gut einen Meter weiter Aufstellung und pinkelst dir die Seele aus dem Leib. Zumindest fühlt es sich so an. Dabei starrst du leicht in Richtung Deckenbeleuchtung, die dich immer an die trüben Lichter eines UFOs erinnern und denkst über den Sinn und Unsinn des Lebens nach.


    «Alter, alles klar?»


    Du verziehst das Gesicht. Nicht, weil du etwas gegen Wojciech hast, nun wirklich nicht, sondern weil du es verabscheust, wenn dich irgendwer Alter nennt. Aber so wirkst du eben auf andere. Du bist der Kerl, den andere ALTER nennen - oder Bro. Mit dir kann man was trinken gehen, danach noch etwas im Park abhängen und Frauen schlecht von der Seite anmachen. Du bist der raue Kumpel, der ordentlich austeilen kann. Du bist der, den alle akzeptieren, aber niemand so wirklich mag. Mit dir redet kein Mensch über Gefühle. Dich berührt niemand vorsichtig. Du bist der, der kumpelhaft geboxt wird. Der seinen Mann steht.


    Aber scheiße, du stirbst fast, so viele Gefühle hast du in dir. So sehr sehnst du dich nach zarten Berührungen. Du spielst verzweifelt Tetris mit all der Wut, Eifersucht und Liebe und dennoch wird es langsam eng. Du hast sogar ein bisschen Angst. Ach was, ein bisschen? Du scheißt dich fast ein. Wojciech kommt langsam näher. Du hörst seine Schuhe. Das Rascheln seiner Kleidung.


    «Was?», fragst du monoton. «Bist du neuerdings ein Spanner?»


    Wojciech lacht. Er hat ein heiseres Lachen. «Rede keine Scheiße, Mann», sagt er. «Als gäbe es hier was zu sehen.»


    Er grinst von einem Ohr zum anderen, wobei das Grinsen schlagartig stirbt, kaum sieht er deinen Gesichtsausdruck.


    «Ich rede niemals Scheiße», sagst du. «Niemals.»


    Wojciech schweigt. Er weiß, dass du niemals Scheiße redest. Er weiß auch, dass du weißt, dass er sehr wohl ein Spanner ist. Irgendwie, zumindest. Er folgt dir die letzte Zeit verflucht oft auf die Toilette. Er spricht nie mit dir, aber wenn, dann grundsätzlich dann, wenn du mit offener Hose dastehst. Sicher machen sich die coolen Studenten gerade über euch lustig. Die zwei Loser, die zusammen auf Toilette gehen. Aber Wojciech macht sich Sorgen um dich. Er ahnt, was mit dir los ist. Zumindest heute, in dieser verdammten Nacht. Du hast schon länger das Gefühl, dass dir Wojciech folgt. Wie ein Schatten, der immer da ist. Immer neben dir sitzt. Du erkennst die Zeichen, denn du bist selbst ein Schatten. Nur, dass Wojciech dich im Auge behält, ohne dich wirklich wahrzunehmen. Du bewegst dich knapp unter seinem Radar.


    «Ich mache mir Sorgen um dich, Berlin.»


    Endlich. Dein Name. Kein Alter, kein Dude. Einfach nur dein Name. Klar, dein Name ist nicht sonderlich geil, denn mal ehrlich. Berlin? IN BERLIN? Das ist einfach zu viel des Guten. Eigentlich wollten deine Eltern dich ursprünglich Besim nennen, damals, als sie den Kosovo verließen, deine Mutter hochschwanger - und dein Vater vom besseren Leben in Deutschland überzeugt. Deine Mama geht seitdem jeden Tag ein bisschen mehr vor die Hunde, vor lauter Heimweh und Angst vor der Sprache, dein Erzeuger hingegen lässt es krachen. Mit anderen Frauen, mit Spielautomaten und Wetten, die er nie gewinnt. Er hat sich am ersten Tag in Berlin verliebt - in die Lichter und den Schein. Also wurdest du Berlin. Ein wandelnder Lacher. Wobei, eigentlich passt dein Name. Du fühlst dich wie diese verdammte Stadt. Alle erwarten Party und Skandale, aber unter all diesem Neonlicht bist du abgefeiert und grau.


    «Lass uns ne’ Runde um den Block drehen», schlägt Wojciech vor. Er weiß, dass du immer dann pinkeln gehst, wenn dir alles zu viel wird. Wenn du Ruhe brauchst. Bewegung, um den Kopf frei zu bekommen.


    Ihr verabschiedet euch nicht von den anderen. Wieso auch? Die Franzosen sind mit sich selbst beschäftigt und die anderen reden auf Englisch über Uni-Zeug, von dem du keine Ahnung hast. Draußen auf der Straße schweigt ihr. Eure Redseligkeit ist längst verflogen. Euer Bedürfnis nach Kommunikation ist in der Bar zurückgeblieben. Ihr geht im Gleichschritt, die Hände tief in die Taschen eurer Jacken vergraben. Du kennst jede Straße und jedes Haus. Das hier ist immerhin dein Kiez, dein Revier, auch wenn sich vieles verändert hat. Dort drüben war früher einmal ein Waschsalon. Jetzt ist dort eine Shisha Bar, in der fast nur 17jährige Mädels mit geglätteten Haaren und falschen Fingernägeln abhängen, die ständig «Ich schwör, ey!» sagen und sich für den besten Fick aller Zeiten halten. Ein paar Meter weiter ist der Spätkaufladen vom alten Said, der seine ganzen Einnahmen in Lottoscheine steckt und nie irgendwas gewinnt.


    Beim kleinen Polenladen an der Ecke herrscht Hochbetrieb. Nächtliche Anlieferung. Ein weißer Transporter steht halb auf dem Gehweg, halb auf der Straße und wird von zwei Männern in Lichtgeschwindigkeit ausgeladen. Wojciech nickt einem der Kerle zu, der ihm daraufhin etwas auf Polnisch zuruft. Wojciech lacht und zeigt dem Mann den Mittelfinger.


    «Mein Cousin», erklärt er dir. Du nickst und tust so, als wäre das völlig klar. Dabei sehen die zwei sich überhaupt nicht ähnlich. Wojciech ist eher groß und breit, gemütlich veranlagt mit einem netten Gesicht, während der Mann beim Lieferwagen irgendwie giftig wirkt. Hager, flink und mit einer Nase, die Augen ausstechen kann. Aber was weißt du schon von Genetik? Dein Bruder sieht aus wie die Wiedergeburt von James Dean, während du die finstere Visage von deinem Alten hast. Du hast einen Gesichtsausdruck, der Bände spricht. Bei dir drehen sich Frauen besorgt um, wenn du zu lange hinter ihnen gehst.


    Und du bist es Leid. So unfassbar Leid. Du bist müde und traurig und scheiße, verdammt, irgendwie ernsthaft depressiv. Alles fühlt sich nutzlos an. Unfertig. Du willst nichts mehr, als einfach mal zu heulen. Stundenlang. Dein Alter meint immer, du sollst dich zusammenreißen. Deinen Mann stehen. Aber du willst nicht deinen Mann stehen, sondern flennen wie ein Kleinkind. Du willst dich in deine Bettdecke einrollen, wie ein verdammter Burrito, und nie wieder irgendwas hören oder sehen. An Nächten wie diesen fühlst du dich zerbrechlich.


    Ihr landet beim alten Park. Dort, wo einmal Bäume standen, stehen jetzt Baukräne. Hier soll ein Wohnhaus entstehen. Angeblich. Im Endeffekt werden es immer billige Motels, die keiner haben will. Diese Stadt braucht keine Motels. Ebenso wenig wie tausend neue Anwälte und abertausende Jura-Studenten, die einem das Leben erklären. Dieser Ort hier braucht Wohnungen. Bezahlbare. Faire Arbeit. Leute, die nicht liken, sondern mal ernsthaft nachdenken. Etwas verändern. Wenn man nämlich erst einmal damit anfängt, diese ganze Scheiße zu durchschauen, dieses makabere Trauerspiel namens Alltag, dann kann man fast nicht anders als sich wie Marko vor einen Zug zu schmeißen. Marko. Der war so einer, ein Rebell. Ein Andersdenker, den die Welt gnadenlos überrollt hat.


    Wojciech folgt schweigend deinem Blick. Mustert die Baukräne. Den aufgerissenen Boden. Was sie wohl mit den ganzen Bäumen gemacht haben? Sicher nicht umgepflanzt. So funktioniert diese Welt einfach nicht. Hier geht es um Kostensparen und Ego. Der Kiez, so wie du ihn kennst, ist eigentlich schon lange tot. Genau wie die alte Clique. Vergessen ist die Zeit der ewigen Freundschaften. Einer ist schon tot, andere sind spurlos verschwunden - oder abgehauen. Weiß der Teufel, was Nastja und Ivo heute so treiben. Nach Markos Tod ging eh alles den Bach runter.


    «Ankes Neuer nervt ziemlich, huh?» Wojciech grinst dich schief an. Ihr wisst beide, dass das hier nur ein schwacher Versuch ist. Eigentlich geht ihm Ankes Neuer komplett am Arsch vorbei. Im Gegensatz zu dir ist Wojciech nicht verbittert. Oder zornig.


    Du schweigst.


    Wojciech schließt sich dir an. Ihr seid beide keine begabten Redner. Schweigen könnt ihr aber wie echte Profis. Kein Ton ist zu hören. Dafür sind deine Gedanken umso lauter. Sie brüllen und toben. Brennen sich von innen nach außen. Wojciech hängt seinen eigenen Gedanken nach. Er legt den Kopf in den Nacken und sucht nach Sternen, die nicht da sind. Der Himmel über euch ist schwarz und leer.


    «Heute ist Markos Geburtstag», sagt Wojciech plötzlich und schaut dich direkt an. Er weiß, dass du es weißt. Du denkst jedes Jahr daran und jedes Jahr bist du genau in dieser Nacht besonders unausstehlich. «Scheiße, er fehlt mir.»


    Dir fehlt er auch. Dein Freund aus der Schule und dem Kiez, der einfach nicht mehr mit der Welt klar kam. Der auf Demos ging und die Welt verändern wollte, letztendlich aber scheiterte. Markos Worte waren in dieser Stadt voller sinnlosem Gerede unerhört und unverstanden untergegangen. Du sagst immer noch nichts, als du die Baukräne anstarrst. Wojciech starrt mit dir, dicht neben dir stehend und die Klappe haltend.


    Vielleicht ist die Erwähnung von eurem toten Freund der Auslöser, vielleicht einfach nur deine Verzweiflung, aber im Endeffekt ist es auch egal. Es zählt nur, dass du Wojciech grob am Kragen seiner Jacke packst und deinen Mund auf seinen drückst. Es ist kein Kuss, nicht wirklich, eher ein wütender Versuch. Ein Versuch vor einem Trümmerfeld aus Erinnerungen und unfertiger Baugerüste. Wojciech drückt dich überrascht weg. Du versuchst es erneut, aber dieses Mal halten dich seine Hände auf, ehe dein Mund mit seinem kollidieren kann.


    «Was?», fragst du aggressiv. Die Abweisung brennt, schmerzt und bringt das Feuer in dir zum Lodern. Du fühlst es dicht unter deiner Haut. «Ich dachte, du stehst auf Schwänze?»


    Es ist kein Geheimnis, dass Wojciech Männer mag und verflucht nochmal, du bist einer. Egal, was dein Alter wegen deinen Weicheier-Gefühlen sagt. Wegen deinen Gedanken. Wegen deiner Angst vor diesem sonderbaren Leben. Aber du bist ganz eindeutig nicht die Art von Mann, die Wojciech bewusst wahrnimmt. Du siehst es in seinem Gesicht. In seinem runden, netten und völlig fassungslosem Gesicht. Er hat ganz eindeutig nicht mit so einem Scheiß gerechnet.


    «Berlin.» Wojciech klingt wie jemand, der gerade eine Fliege verschluckt hat, die sich unangenehm in seiner Speiseröhre bewegt. Mehr sagt er nicht. Einfach nur deinen beschissenen Namen.


    Du sagst überhaupt nichts, da du viel zu große Angst davor hast, hier und jetzt einen Haufen Scheiße von dir zu geben. Wojciech geht es scheinbar genauso, denn er starrt dich einfach nur an. Schließlich holt er tief Luft und klopft dir auf den Rücken. Wie ein Kumpel. Ganz unverfänglich und so, als hättest du ihm nicht gerade zweimal versucht die Zunge in den Hals zu stecken. Aber so ist Wojciech nun mal. Vergeben und vergessen. Kein böses Blut. Ziemlich sicher denkt er, dass du einfach nur besoffen bist. Neben der Spur. Immerhin hast du dich nie für Männer interessiert. Da waren immer nur Frauen gewesen. Frauen wie Anke, wobei selbst das nur ein liebloser Jugendfick war. Aber was spielt das überhaupt für eine Rolle? Mann. Frau. Nichts davon. Im Endeffekt ist es doch egal. Liebe ist Liebe. Aber wer hatte davon schon eine Ahnung?


    «Komm schon», sagt Wojciech und grinst schief. Du kannst sehen, wie er mehrmals schluckt. Als hätte er plötzlich zu viel Spucke im Mund. «Lass uns zurückgehen. Gleich fängt das Karaoke an.»


    Du hasst Karaoke, nickst aber. Du willst noch nicht nach Hause und weißt sonst nicht wohin mit dir. Schweigend geht ihr zurück. Am zerstörten Park vorbei in Richtung Polenladen, wo der weiße Lieferwagen so gut wie komplett ausgeräumt ist. Erneut ruft Wojciechs Cousin ihm etwas auf Polnisch zu. Erneut bekommt er den Mittelfinger gezeigt. Dieses Mal lacht niemand. Beim Spätkaufladen geht gerade das Gitter runter.


    Die Bar ist rappelvoll, aber euer alter Platz ist noch frei. Die Studenten sind immer noch da, wild auf Englisch am diskutieren und nicken euch kurz zu, als ihr euch wieder auf das Sofa fallen lasst. Breitbeinig, als wärt ihr nie weg gewesen. Als hättest du nie versucht deine Gefühle zu zeigen. Niemand hat euch vermisst. Ihr seid nichts weiter als zwei Gesichter im roten Neonlicht.


    Eigentlich spielt nichts und niemand eine Rolle, wird dir klar, als dir irgendwer ein Bier reicht. Lauwarm, aber drauf geschissen. Es kostet nichts. Wojciech sitzt dicht neben dir, eure Beine und Hände berühren sich immer wieder, aber keiner rückt vom anderen weg. Irgendwann streichen seine Finger über deine linke Hand. Über deinen Handrücken. Wojciech streichelt dich, langsam und vorsichtig und genau so, wie du es dringend brauchst, während sich eine Karaoke-Gruppe nach der anderen auf der Bühne zum Affen macht. Gelächter bricht um euch herum aus und Wojciech grinst dich im Neonlicht schief an.


    Seine Finger zittern. Er ist nervös, wird dir klar. Er hat dich da draußen abgewiesen, vor dem alten Park, aber hier im roten Licht mustert er dich aufmerksam. Vielleicht, nur vielleicht, erinnerst du ihn hier auf dem Sofa an Marko. Euer Freund hatte braunes Haar, deines ist rabenschwarz. Aber drauf geschissen, denn im roten Neonlicht wirken alle Farben gleich. Du hast deine Haare zudem etwas wachsen lassen, statt sie wie sonst bis auf wenige Millimeter abzurasieren. Sauber gegelt, genau wie es Marko immer trug. Es steht dir, sagen alle. Selbst dein Alter, dem du es sonst nie recht machen kannst.


    Ja, vielleicht liegt es nur am roten Neonlicht, am Glühen und Glimmen der Bar, dass Wojciech deine Nähe sucht. Du hast beim alten Park vielleicht eine Abfuhr kassiert, aber gleichzeitig auch etwas ins Rollen gebracht. Wojciech denkt über dich nach. Du siehst es in seinem Gesicht, welches im roten Neonlicht ebenfalls anders und fast schon fremd wirkt.


    Du bist es Leid zu warten und stellst dein Bier auf den Tisch. Du gehst ohne ein Wort zu irgendwem in Richtung Klo. Du musst dieses Mal nicht pissen, also wartest du einfach. Mit dem Rücken gegen eine der Kabinen gelehnt. Zum zweiten Mal in dieser Nacht folgt dir Wojciech. Niemand spricht, als er dein Gesicht in beide Hände nimmt und es so aufmerksam mustert, als würde er es tatsächlich zum ersten Mal sehen. Als würde er zum ersten Mal verstehen, dass auch ein Schatten einen Schatten haben kann. Ihr tanzt schon eine Weile umeinander herum, ohne euch jemals wirklich bewegt zu haben. Ihr beide wollt und braucht etwas, was niemand so wirklich in Worte fassen kann. Vor allem ihr zwei nicht, ihr elendigen Schweiger. Auf dem Klo gibt es kein rotes Neonlicht, dafür ein schwammiges und blasses Leuchten. Du hast Angst, dass der Zauber nachlässt, dass deine neue Frisur und die Ähnlichkeit mit Marko letztendlich doch nicht ausreicht, aber Wojciech lässt dein Gesicht nicht los. Im Gegenteil.


    Wojciechs Kuss ist anders als deiner. Weniger aggressiv. Es ist kein zorniger Versuch sich mitzuteilen, sondern ein gut gezielter Schuss. Seine Hände liegen immer noch an deinem Gesicht und schieben sich langsam über deine pochenden Schläfen in dein Haar. Es ist klebrig vor Gel, vielleicht steht dir Markos Frisur doch nicht so gut wie alle sagen, aber es scheint Wojciech nicht zu stören. Er küsst mit offenem Mund, während er dich fester gegen die Kabine drückt. Keiner sagt ein Wort. Deine eigenen Hände ruhen planlos auf seinem Rücken, während Wojciech deinen Hals küsst. Er saugt nicht, beißt nicht, sondern weiß, dass ein Knutschfleck ab Mitte zwanzig albern ist. Ihr seid euch so nah, dass ihr keine zwei Personen, sondern nur noch eine seid. Ein geteilter Herzschlag, irgendwo zwischen Karaoke-Musik und lautem Applaus.


    Du weißt, dass du nicht Marko bist. Du weißt, dass das auch Wojciech weiß. Du bist nicht euer strahlender Freund mit der lauten Lache, der sich in der Nacht zu seinem 21. Geburtstag umgebracht hat. Du bist nicht der schöne Marko, der euch beiden so viel bedeutet hat, nur um dann mit einem Knall zu gehen.


    Du bist Berlin Hoxha. Du bist zum ersten Mal verliebt und absolut planlos, was du mit deinen Händen machen sollst, also schiebst du sie Wojciech einfach in die Hose. Ein Kinderspiel, da er wie immer Jogginghose trägt. Du würdest eher sterben als mit Jogginghose aus dem Haus zu gehen, aber zu Wojciech passt es. Zu seiner warmen Gemütlichkeit. Dein Tun ist absolut richtig, denn Wojciech gibt ein lautes Schnaufen von sich und drückt sich deiner Hand entgegen. In Männerunterhosen kennst du dich aus, auch wenn es sonst nur deine eigenen sind. Du zeigst Wojciech stumm, was da schon länger in dir kocht und raucht und einfach nur raus-raus-RAUS will. Er kommt dir mit seiner eigenen Hand und seinem Mund entgegen. Ihr macht es langsam, ihr macht es schweigend. Ihr habt alle Zeit der Welt.


    Zumindest heute Nacht.

    Ich verleibe mir gerade "STORY" von Robert McKee ein. Wobei man hierzu wohl besser sagen sollte: STORY - Die Prinzpien des Drehbuchschreibens. Obwohl ich beim Anblick von den meisten "Ratgeber" das nackte Grauen empfinde, ist McKees Werk über das Drehbuchschreiben mehr als nur ein Ratgeber. Es ist eine Reise durch die Filmgeschichte, die menschliche Psychologie und eine wunderbar humorvoll aufgemachte Abhandlung über das Sehnen des Menschen nach Unterhaltung.


    Was ist Unterhaltung überhaupt? Wieso erzählen wir Menschen uns seit Anbeginn Geschichten? Wie funktioniert die Fantasie? Welche Impulse sind ausschlaggebend, dass wir Menschen gebannt auf die Leinwand schauen, dass wir gierig ein Buch umblättern und lesen und staunen. Die meisten Menschen haben durch Bücher und Filme Dinge gelernt, die ihnen kein anderer Mensch beibringen konnte - oder wollte. Wir Menschen fühlen Literatur, das Kino und das Theater. Unterhaltung prägt uns. Wir wollen durch fiktive Welten und Abenteuer lernen. Wir wollen, dass uns fiktive Charaktere, in die wir uns einfühlen können, die Welt und ihre sonderbaren Regeln erklären.


    Während dieses Ausflugs in die Welt der Drehbücher und den "WOW!"-Momenten auf der Leinwand (und in Romanen) bringt McKee keine "Tipps", sondern viel mehr Ideen und Anregungen, was ein Autor wissen und vor allem beherrschen muss, wenn er die Leser und Zuschauer begeistern, wenn er Emotionen auslösen und Erstaunen wecken will.


    McKee schreibt wunderbar anschaulich, wieso es so tragisch ist, dass die "Unterhaltung für die Masse" immer mehr abstumpft und auf laute Effekte und "große Namen" setzt, die die Stille der fehlenden Story ausgleichen sollen. Er analysiert die Kunst des Schreibens in einer klaren Sprache, die man gut und vor allem sehr gerne liest.

    Mein persönlicher Tipp für alle, die sich für Filme interessieren, das Drehbuchschreiben und die Kunst des Schreibens an sich. 8)

    Sei von Herzen gegrüßt, KillerPanda!


    Du bist hier genau richtig. Pen&Paper? Sehr schön, gehört meiner Meinung nach zum Leben dazu. Wo käme man denn da sonst hin? Bin gespannt, von dir zu lesen. Ich wünsche dir viel Durchhaltevermögen, Muse und vor allem Nerven für deinen Roman. (Und Kaffee. Ganz wichtig!)


    Zum Wohlikus,


    N.

    borgalti Na, da sieh mal einer an - (wir) Berliner sind einfach überall. Grüße an dich zurück, du kreativer Schreiberling. Nach einer längeren Zeit in Russland bin ich auch wieder auf Berliner Boden und was soll ich sagen - mit uns und dieser Stadt stimmt so einiges nicht, jedoch verkaufen wir es der Welt mit Stil (im Sommer aus Prinzip in schwarz) und geben die Hoffnung nicht auf, dass der Wedding nochmal kommt.


    Klingt spannend, was du da verkündest. Ich freu mich auf deine Beiträge und Geschichten. Wird ne' feine Sache. Ich hab das im Blut :grinstare:


    Stößchen

    AFG Ich habe nun Kapitel 1 gelesen - und duuuuude, ich bin und bleibe hier an Board :grinstare:


    Schweißgebadet brach Floh aus dem Schlaf. Schon wieder so ein seltsamer Traum. Erst vor fünf Tagen hatte er zuletzt vom Vulkanausbruch geträumt und wie seine ehemalige Heimatstadt zerstört wurde.

    Der Prolog war also ein Traum. Das erklärt das ein oder andere, auch wenn ich absolut kein Fan von Traumszenen als Start für die Geschichte bin. Generell mag ich keine Traumszenen in Büchern. Ich lese im Lektorat zu oft von Träumen. Klassisch ist auch das Aufwachen aus dem Traum als großer Starter. Bei dir passt der Einstieg dennoch, da es den Leser überrascht und auch etwas aus dem Konzept wirft.


    Erinnern konnte er sich an so gut wie nichts mehr.

    Floh war damals gerade mal drei gewesen und konnte sich daher an nur noch sehr wenig erinnern.

    Hier kommt das Wort "Erinnern" zu oft vor. Ich würde es daher mit einem Synonym ersetzen - oder ganz umschreiben. Vlt so: "Erinnern konnte er sich an so gut wie nichts mehr, da Floh damals gerade mal drei Jahre alt gewesen war..."


    Zu seinem Onkel Tusk Fando, welcher in der Nähe des Dorfes Bülm, an der Mündung des Simbur wohnte.

    Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, wie sehr ich deine Namensgebungen mag? Der Onkel Tusk - der Stoßzahn. Gefällt mir.


    Gerupften Berghuhn

    ... Wie war das mit den stilvollen Namen? Auch hier wieder ganz großes Kino. :thumbup:


    Eigentlich hätte Floh mit seinen 16 Jahren noch in die Schule gehen müssen. Auch wenn nur noch für das nächste halbe Jahr. Doch hatte er irgendwann keine Lust mehr gehabt in die Schule zu gehen, da ihm die Schule langweilte, ja gerade zu nervte.


    In diesem Abschnitt kommt das Wort "Schule" viel zu häufig vor. Ich würde diesen Abschnitt komplett umändern. Überlege dir, was du dem Leser sagen willst - und fasse es knapper zusammen.


    ,,Du schleimiger Krötenlaich, das zahl ich dir heim!" Brüllte er Jack's sowohl lachend wie verärgert an.

    Das nenne ich gerne den "Fanfiktion"-Stil. Man will dem Leser ein besonders klares Bild der Personen liefern, übertreibt es dabei aber etwas. Während ich die kreative Beleidigung absolut feier (... schleimiger Krötenlaich, gespeichert und geladen, wenn mir wieder irgendwer auf den Keks geht...), kommt der Satz bei mir als Leser nicht ganz so an. Kann jemand wirklich lachend und gleichzeitig verärgert brüllen? Also ich nicht. Wenn man mit seinen Kumpels am "bullshitten" ist, brüllt man selten. Selbst wenn, das Ausrufezeichen macht auch ohne das Wort "brüllen" klar, dass Jack hier seine Stimme erhebt. Man muss es nicht extra erwähnen. Der Leser wird hier sonst erschlagen von schwachen Verben. Brüllen. Lachen. Was denn nun? Wie wäre es mit: "Du schleimiger Krötenlaich, das zahl ich dir heim!" Jack schüttelte lachend die Faust..."


    So bleibt klar, dass Jack zwar schreit, seinen Worten aber durchaus eine gewisse "Scherzhaftigkeit" beiwohnt.


    Bin auf den Rest gespannt.


    Zum Wohlikus! :sekt:

    Charon Es geht weiter - und das auch knüppelhart.


    Was ein furchtbares Leben - harte Arbeit, Einsamkeit und anstatt Zuwendung regnet es Verachtung, Spott und Gewalt. Samuels Familie ist (vorsichtig ausgedrückt) ein Sauhaufen - und darf gerne zur Hölle fahren.


    „Ha! Glück gehabt!“, sprach Samuel sichtlich erleichtert, „Der Wagen hat zwar etwas gelitten, aber er sieht noch funktionstüchtig aus“.

    Samuel spricht sehr viel mit sich selbst. Ich fand das zuerst verwirrend, aber finde nun, dass es doch durchaus passend ist. Durch die ewigen Selbstgespräche wird Samuels Einsamkeit verdeutlicht. Er hat ja sonst niemanden - außer die Katze.


    „Na du, ist dir auch nichts passiert?“, ein lautes Miau beantwortete seine Frage.

    Hier wird genau diese einzige Freundschaft schmerzhaft deutlich. Schöne Szene, da hier die Verbitterung schön in Szene gesetzt wird. Ich würde aber den nachfolgenden Satz "Ein lautes Miau" groß schreiben. Der vorherige Satz, Samuels Frage, endet ja mit einem Fragezeichen ohne Beisatz - und ist in sich abgeschlossen.


    Samuel hatte immer das Gefühl, dass Ruku ihn verstehen konnte und umgekehrt.

    Auch hier wieder wird schön verdeutlicht, dass Samuel nur Ruku hat. Traurig, aber berührend.


    „Pass ja auch was du sagst. Vater hat es schon einmal versucht, wenn damals nicht diese komische Sache dabei passiert wäre, dann gäbe es dich jetzt mehr. Mach nur weiter so, dann überrede ich ihn dazu, es noch einmal zu versuchen. Und jetzt zisch ab!“

    Was ein widerlicher Burder. Den soll der Blitz doch beim Kacken treffen! Aber der Satz macht mir etwas Mühe. Könnte man ihn vielleicht etwas kürzen, so, dass der erwähnte Mord des Vaters am eigenen Sohn stärker zur Geltung kommt? Meine Idee: "Pass auf, was du sagst. Vater hat schon einmal versucht, dich loszuwerden. Ohne diese komische Sache gäbe es dich nicht mehr. Mach nur weiter so, dann versucht er es sicher erneut..."


    Ich als Leser will natürlich gleich wissen, was diese "komische Sache" ist.


    „Geh zur Seite“, schimpfte seine Mutter hinter ihm. „Was ist los, warum bist du so aufgebracht“, fragte der Vater. „Ach das Feld ist noch nicht fertig und vollkommen falsch angelegt, viel zu klein. Es muss doch morgen bestellt werden“

    Du verwendest sehr viel wörtliche Rede - und könntest da ruhig auch mal das ein oder andere "sagte" und "fragte" weglassen. "Geh zur Seite", schimpfte seine Mutter ist flüssig und passt hier auch wunderbar, aber "Was ist los, warum bist du so aufgebracht", fragte der Vater würde ich hier abändern. Nutze lieber ein Fragezeichen, um die Frage zu verdeutlichen - und streich das "fragte".


    Ich freu mich auf mehr. Vor allem, da ich hoffe, dass das Karma diese Familie einholt - und dieser furchtbare Vater seine Rechnung für alles bekommt.


    Herzliche Grüße :thumbup:

    Charon Ich habe mir jetzt mal den Einstieg gegönnt und muss sagen, diese Geschichte hier macht Lust auf mehr.

    Ein dumpfes Knacken ertönte, während die scharfe Axt ein Holzstück in zwei Teile zerlegte.

    Ich finde diesen Einstieg sehr gelungen. Eine stumpfe Arbeit an einem "stumpfen" Tag - in einem alles anderen als herrlichen Leben. Nicht immer muss es spannend sein, gerade der Beginn muss zur Geschichte passen und daher finde ich hier, dass es wunderbar den Schauplatz wiedergibt.


    Unser Samuel hat es ganz eindeutig nicht leicht. Drückende Hitze, eine undankbare Arbeit - und dann auch so ein, verzeih mir den Ausdruck, Ar***gesicht von Bruder. Meine Güte, Eldon ist ja mal die Pest. Die Mutter scheint ja auch nicht gerade die wärmste Seele zu sein.


    Mutter war nur ein leeres Wort, das lediglich für den Verwandtschaftsgrad stand, mehr auch nicht.

    Da liegt defintiv mehr im Argen, als nur ein unschönes Verhältnis zum Bruder. Ich muss zugeben, dass es hier rasch "zu viel" Leid und Elend sein kann. Wenn ein Leser das Gefühl hat, dass es zu dramatisch wird, verliert er den Glauben an die Geschichte - und du damit den Leser. Märchen kommen mit einer geballten Ladung an "böser Stiefmutter und bösen Stiefschwestern" durch, alle anderen Genre müssen sehr vorsichtig vorgehen. Was bei Harry Potter noch zog, weil es für Kinder geschrieben wurde, geht fast überall sonst ins Auge.


    Natürlich, die Hauptfigur muss leiden. WIr Leser wollen was zum Mitfühlen haben. Spannung. Wir wollen keine heile Welt, sondern es müssen dem Helden Steine in den Weg gelegt werden. Große Steine - die aber niemals zu einer Bergkette werden dürfen.


    „Solange die ganzen Narben und Verletzungen noch nicht verheilt sind, hab ich keine andere Wahl. Mutter will nicht, dass mich jemand aus der Stadt so sieht.“


    Show - don't tell. Ich weiß, ich weiß. Diese "Regel" hängt jedem Schreiberling zum Hals raus, aber ich hätte es spannender und berührender gefunden, wenn du die Verletzungen nicht so nebenbei erwähnt hättest in einem Gedankengang, sondern sie der Leser gesehen hätte. Sich seinen Teil dazu selbst hätte denken können. Es hätte einen größeren "WOW!"- Effekt - und würde einen mehr treffen. So nehme ich diese Aussage über die Wunden recht gleichgültig zur Kenntnis.


    Vielmehr war es die Sonne, die in ihrem Zenit stand und so dem Jungen besonders einheizte

    Diesen Satz habe ich mir zum Schluss aufgehoben, weil ich ihn so toll fand :)


    Schöne Sprache, die in einen wirklich wunderbaren Satz fließt. Es ist eine geschickte Mischung aus poetischer Sprache - mit einem Hauch fetziger Umgangsprache. Vor allem das "einheizte" macht klar, wie verdammt ätzend diese Arbeit unter der brennend heißen Sonne sein muss.


    Freu mich auf mehr. Sehr viel mehr :grinstare:


    Herzliche Grüße

    ---╔◈╗---

    KAPITEL 2

    ---╚◈╝---

    Absinthe Lefebvre schwitzte unter seinem zu engen Anzug.

    Der Stoff kratzte unangenehm und er fühlte sich wie ein Vogel in einem viel zu kleinen Käfig. Niemand hatte ihm gesagt, dass Polizisten neuerdings Anzüge tragen mussten. Detektive vielleicht, aber ganz sicher nicht die Laufburschen der Gendarmerie nationale. Männer wie Absinthe wurden dafür bezahlt, dass sie in schweren Stiefeln und einer klassischen Uniform für Recht und Ordnung sorgten, während die Bürger sorglos ihrem Alltag nachgingen. Niemand hatte ihm auch nur einen Hinweis gegeben, dass es neuerdings zur Ausbildung gehörte, dass man auf Veranstaltungen auftauchen und den direkten Kontakt mit der Oberschicht pflegen musste. Generell hatte Absinthe das Gefühl, dass er irgendwas verpasst hatte. In dem einen Moment war er noch ein einfacher Kadett auf dem Land gewesen und im nächsten Augenblick repräsentierte er die Polizei auf einer Pariser Gala, deren Säle voller magischer Minister und wichtigen Personen fast aus allen Nähten platzten. Seine Nerven lagen blank.

    »Hören Sie gefälligst auf sich am Sack zu kratzen, Lefebvre.«

    Die scharfe Zurechtweisung kam von links, dort, wo Absinthes direkter Vorgesetzter stand und die Besucher der Gala mürrisch musterte. Capitaine Hugo Martinez war ein Mann Anfang vierzig, mit Augenringen bis zum Kinn und einer No-Bullshit-Lebensphilosophie. Er war dafür berüchtigt erst zu schießen, dann zu fragen. Er passte ebenso wenig wie Absinthe hierher.

    »Es juckt«, verteidigte sich Absinthe und schob seine Hände in die Taschen seiner Anzughose, um sich vom Kratzen abzuhalten. Die Hose drückte im Schritt und der Hemdstoff scheuerte über seinen empfindlichen Rücken. »Kann ich nicht wenigstens das Hemd ausziehen? Meine Haut muss atmen, Capitaine.«

    Martinez sah ihn ausdruckslos an.

    »Schon gut, hab verstanden.« Absinthe trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Auch wenn der Empfangssaal nahezu majestätisch in seiner Größe war, machten ihn die festen Wände nervös. »Kein Striptease auf einer internationalen Gala. Verstanden.«

    Der Capitaine ignorierte ihn und schien jeden Gast bis auf die Knochen zu durchleuchten. »Das hier gefällt mir nicht«, knurrte er und sah auf seine Armbanduhr. Es war eine dieser verzauberten Modelle, die nicht nur die aktuelle Uhrzeit anzeigten, sondern auch die genaue Ankunft von verabredeten Personen - oder um wie viel Stunden sie sich verspäteten. Diese Dinger waren der letzte Schrei bei den Stadtleuten und hatten die berühmte "Pariser Unpünktlichkeit" in ganz neue Sphären katapultiert. »Die Bonnets hätten bereits vor einer Stunde hier eintreffen müssen.«

    »Vielleicht ist die Uhr kaputt?« Absinthe nutzte die kurze Unachtsamkeit von Capitaine Martinez und kratzte sich hysterisch im Schritt und am Rücken. Er verharrte in der Bewegung, als sein Chef den Blick von seiner Uhr nahm und ihn mürrisch anstarrte.

    »Diese Dinger gehen nicht einfach so kaputt, Lefebvre. Die Magie in diesem Uhrwerk reicht aus, um die halbe Stadt mit magischer Energie zu versorgen. Vier Monatslöhne hat mich dieser Spaß gekostet. Und nehmen Sie endlich die Finger vom Sack, verdammt nochmal!«

    Absinthe verzog das Gesicht. »Dieser Anzug macht mich fertig, Capitaine.«

    »Dann hätten Sie sich rechtzeitig um ein passenderes Modell kümmern sollen. Sie sehen aus wie ein Bräutigam, den man in seinen alten Sonntagsanzug gesteckt hat. Nehmen Sie Haltung an.«

    Die zu enge und kurze Hose war nicht einmal Absinthes Hauptproblem. Niemand achtete groß auf seine ungebügelte Stoffhose, in der er Hochwasser hatte. Die meisten Blicke der Gäste blieben auf seiner Brusthöhe hängen – oder viel mehr auf dem, was aus seinem Rücken wuchs.

    »Na endlich!«, donnerte Martinez und setzte sich in Bewegung. Er steuerte erhobenen Hauptes auf den Eingang zu, dort, wo gerade ein älteres Paar eintraf. Absinthe folgte seinem Capitaine, wobei er darauf achten musste, niemanden umzustoßen oder irgendwas umzuwerfen. Veranstaltungen waren kein guter Ort für seinesgleichen. Es gab in diesen Hallen einfach zu wenig Platz.

    »Sie sind zu spät, Bonnet«, begrüßte Martinez die zwei Magier, denen gerade von geübten Dienern die Mäntel und Stöcke abgenommen wurden, während bullige Leibwächter ihnen aufmerksam dabei zusahen. »Was ist passiert, Minister? Meine Uhr irrt sich sonst nie.«

    Monsieur Bonnet war ein korpulenter Mann mit einem ausladenden Schnauzer, während seine Frau farblos und mager mit dem Hintergrund verschmolz. Gerüchten zufolge lag ihre Unterernährung an einem Fluch, den niemand aufzuheben mochte. Absinthe jedoch war sich ziemlich sicher, dass Madame Bonnet an einer klassischen Essstörung litt. Die meisten Magier hatten einen Knacks weg.

    »Martinez, wie immer präzise zur Stelle.« Der Verteidigungsminister grinste breit. »Ah, und das muss der vielversprechende Flieger vom Land sein. Oder soll ich eher sagen unsere neue Luftwaffe?« Monsieur Bonnet lachte dröhnend über seinen eigenen Witz. »Aber genug gescherzt, meine Herrschaften. Kommen Sie, da wartet eine Gala auf meine Teilnahme. Reden wir unterwegs.«

    Monsieur Bonnet hatte einen erstaunlich schnellen Schritt für einen so voluminösen Mann. Seine Frau tippelte tapfer neben ihm her, den Blick dabei glasig auf Absinthes Rückenpartie gerichtet.

    »Sie reisen zu leichtfertig.« Capitaine Martinez war kein Mann, der schnell aufgab. Er sah sich aufmerksam um, während er dem Minister folgte. Für ihn war jeder Besucher ein potenzieller Attentäter. »Nur vier Leibwächter? Der Minister für Kunst und Kultur ist mit einer halben Leibgarde angereist.«

    »Ach, beruhigen Sie sich.« Monsieur Bonnet winkte ab und griff sich beim Vorbeigehen ein Glas Champagner von einem Tablett. Er zwinkerte Absinthe zu. »Ich mach diesen Job schon seit vielen Jahren. Ich habe mehr Schutzzauber auf mir, als das verdammte Louvre.«

    Sie stiegen die weitläufige Treppe zu dem Hauptsaal hinauf, wo sich bereits die meisten Magier eingefunden hatten. Absinthe entdeckte fast doppelt so viele Schutzpatronen, die in unterschiedlichen Gestalten herumwuselten. Die meisten hatten die Erscheinung eines Vogels oder einer Katze gewählt, andere hingegen bewiesen eigensinnigen Humor und präsentierten sich in den Körpern von historischen Figuren. Napoleon persönlich folgte einer hochgewachsenen Frau im roten Cocktailkleid, die Hand spöttisch unter den Mantel gesteckt und den Hut schief auf dem Kopf. Ein junger Magier hatte Marilyn Monroe auf dem Schoß sitzen, sichtlich mit sich und der Welt zufrieden.

    »Naiver Idiot«, knurrte Martinez, der die blonde Sexikone ebenfalls bemerkt hatte. »In dem Alter denken die meisten Magier mit dem Schwanz und wundern sich dann, wenn er ihnen abgebissen wird. Dieser Patron frisst ihn mit Haut und Haaren, wenn er nicht aufpasst.«

    Absinthe hatte Mühe sich auf die Worte seines Vorgesetzten zu konzentrieren, da er permanent Gästen ausweichen musste. Er blieb zudem mehrmals irgendwo hängen und warf fast einen herumhetzenden Kellner um.

    »Du bist ein Panzer auf zwei Beinen, was?« Monsieur Bonnet schlug Absinthe fest auf die linke Schulter. Er grinste breit. »Kein Wunder, bei diesen Dingern auf deinem Rücken. Martinez, wo her ist der Bursche nochmal?«

    »Bretagne«, sagte Martinez knapp und musterte aufmerksam den Saal. Er hatte ihn bereits mehrmals überprüft, aber er überließ nichts dem Zufall. »Winziges Dorf direkt an der Steinküste.«

    »Ach du meine Güte!« Monsieur Bonnet legte Absinthe einen Arm um den Hals, als wären sie alte Trinkkumpanen aus der Kaserne. »Vom Arsch der Welt nach Paris. Sicher eine spannende Geschichte, die du mir mal erzählen musst, Junge.«

    Aber ganz eindeutig nicht heute, denn der Verteidigungsminister wurde schlagartig ernst, kaum waren sie an ihrem zugewiesenen Tisch angekommen. Sämtliche Tischgenossen waren bereits da.

    »Monsieur Bonnet«, sagte ein schlanker und hochgewachsener Mann kühl. Er trug einen giftgrünen Hut und eine gelbe Fliege. »Na, was macht der Krieg?«

    »Monsieur Leroy«, giftete Bonnet zurück. »Was machen die Staatsschulden?«

    Leroy lächelte das Lächeln eines Mannes, der ohne zu zögern Gift unter das Essen seiner Kollegen mischte, sobald er die Gelegenheit dazu bekam. »Ach, die Schulden wachsen und gedeihen. Sie wissen ja, wie das ist. Da spart man wie verrückt – und prompt fangen die Kollegen mal wieder einen Krieg an. Neue U-Boote? Sie müssen sich Ihrer Sache ja ganz sicher sein.«

    Bonnets Schnurrbart zitterte vor Wut. »Es ist nicht 'meine' Sache, Leroy. Es ist Frankreichs Verteidigung gegen die Amerikaner.«

    Leroy legte den Kopf schief und blinzelte mehrmals. »Oh!«, sagte er gespielt überrascht. »Jetzt wird mir alles klar. Wir verteidigen uns, natürlich! Wieso haben Sie das nicht gleich gesagt? Kann ja so ein dummer Münzwächter wie ich nicht wissen. Jetzt machen diese ganzen Truppen in Zentralafrika auf einmal Sinn.«

    »Sparen Sie sich Ihre giftigen Kommentare. Es geht hier um die Verteidigung und Rettung des ältesten Boden der Welt, Sie Narr. Diese magische Energie ist die letzte Quelle auf diesem verdammten Planeten.«

    »Ach?« Leroy legte den Kopf schief. »Und ich dachte, hier sterben einfach nur sinnlos Lebewesen.«

    Entsetzte Stille herrschte am Tisch, die nur von einem Gong unterbrochen wurde.

    »Oh, hört nur!« Eine Magierin mit aufwendiger Hochsteckfrisur fächerte sich eifrig Luft zu. Sie klang hörbar erleichtert. »Die Ansprache beginnt.«

    In der Halle kehrte Ruhe ein, als sich sämtliche Gäste auf ihre Plätze verzogen, gut eingedeckt mit Champagner und Kaviar und in Richtung der prunkvollen Bühne schauten, wo unter tosendem Applaus die Gastgeberin ins Scheinwerferlicht trat. Absinthe ließ sich neben seinem Capitaine nieder, wobei er steif und unbequem dasaß. Im Gegensatz zu den anderen Gästen konnte er sich nicht lässig gegen den Stuhl lehnen. Die Rückenlehne war definitiv für Lebewesen kreiert worden, denen nichts aus dem Rücken wuchs. Trotz der unbequemen Lage starrte Absinthe krampfhaft nach vorne.

    Dort stand sie, in Fleisch und Blut. Bisher hatte er Mademoiselle Roux nur von Werbeplakaten und aus dem Fernsehen gekannt. Ihr Gesicht lächelte von unzähligen Verpackungen und Werbetafeln. Jeder kannten ihren Werbeslogan für das Militär. Zusammen. Gemeinsam. Stark.

    Obwohl Absinthe die Militärlaufbahn eingeschlagen hatte, hielt er nicht sonderlich viel von Propaganda. Scheiß auf Ehre und Stolz, pflegte sein Vater zu predigen. Magier haben vielleicht eine Karriere vor sich, aber wir anderen picken lediglich die Krume von dem auf, was sie bei ihren Festen unter'n Tisch fallen lassen. Patriotischer Blödsinn ist was für reiche Fettärsche, Kiddo.

    Der Applaus verstummte, als Mademoiselle Roux mehrmals in die Menge gewunken und in die Kameras gelächelt hatte. Das Mikro erwachte knackend zum Leben. »Meine Damen und Herren, welch eine Ehre, dass Sie heute Nacht so vielzählig erschienen sind.« Mademoiselle Roux strahlte in den Saal. Ihre Zähne leuchteten perlenweiß im hellen Scheinwerferlicht. Ihr Goldschmuck funkelte wie tausend Sonnen. »Ich weiß, dass die Zeiten hart sind, daher ist es eine Freude, dass so viele von uns unseren tapferen Frauen und Männern da draußen gedenken.«

    Applaus brach aus, wobei niemand wirklich zuhörte. Die meisten Magier schienen einfach nur zu klatschen, weil es irgendein anderer tat. Man hing mit dem Gesicht über vollbeladenen Tellern und kippte Rotwein wie Wasser. Nur die Presse hörte aufmerksam zu.

    »Wir alle waren erschüttert, als uns der Feind vor wenigen Tagen äußerst hart traf.« Mademoiselle Roux verzog theatralisch das Gesicht. »Aber umso schöner ist die Kunde, dass wir Kamerun weitgehend erobern und einen großen Teil des magischen Bodens vor dem Feind sichern konnten.«

    Erneut tosender Applaus. Eine Dame am Tisch gähnte hinter ihrem Fächer, ein älterer Mann war sichtlich eingenickt. Jemand berührte Absinthe leicht am Arm.

    »Tun sie weh?« Madame Bonnet schenkte der Ansprache auf der Bühne keine Beachtung. Sie hatte sich etwas zu Absinthe rübergebeugt und sprach so leise, dass er sie kaum hören konnte. »Die Flügel. Tun sie weh?«

    Absinthe schüttelte den Kopf. »Nein, Madame.«

    Madame Bonnets glasiger Blick war unangenehm. Ihre Gesichtshaut schien so dünn wie Papier, welches bis zum Zerreißen über zu breite Wangenknochen gespannt wurde. Absinthe hatte mit Untoten Kontakt gehabt, die gesünder ausgehen hatten.

    »Ich wollte schon immer mal an die Küste«, sagte Madame Bonnet. Ihr farbloser Blick glitt von Absinthe in unbekannte Ferne. »Stimmt es, dass dein Volk Häuser bis in den Himmel baut?«

    »Türme«, sagte Absinthe und rutschte nervös auf dem unbequemen Stuhl hin und her. Ihm lief kalter Schweiß die Wirbelsäule entlang. »Wir... äh... bauen Türme. Aus Stoff und Holz.«

    »Genug von diesem Weiberklatsch!«, zischte ihm Capitaine Martinez scharf zu. Er hatte natürlich jedes Wort mitgehört. Augen wie ein Adler, Ohren wie ein Luchs. »Konzentrieren Sie sich, Lefebvre.«

    Absinthe schenkte Madame Bonnet ein entschuldigendes Lächeln, jedoch beachtete ihn die magere Frau längst nicht mehr. Ihr Blick hing irgendwo in der Luft, der farblose Mund leicht geöffnet. Sie war mit den Gedanken in ihrer eigenen Welt. Auf der Bühne beendete Mademoiselle Roux ihre Rede damit, dass sie noch einmal die Tapferkeit all derer lobte, die bei dem hinterhältigen Anschlag des Feindes ums Leben gekommen waren. Eine genaue Zahl nannte sie nicht, aber Absinthe kannte dieses Spielchen. Sie nannten nie genaue Zahlen. Weder die Magier, noch die Zeitungen. Wenn auf den Titelblättern von tapferer Gegenwehr berichtet wurde, wusste jeder Kadett, dass die eigenen Leute abgeschlachtet worden waren. Wenn man von Heldentaten sprach, gab es mehr Verluste auf der Feindesseite, als auf der eigenen. Alles in allem war es ein Teufelskreis. Mademoiselle Roux stieg winkend von der Bühne, um geschmeidig durch die Reihen der Gäste zu schlendern, die nun eifrig Kellner herbeiwinkten, um Nachschlag an Essen und Alkohol zu verlangen.

    »Welch eine Rede!« Monsieur Bonnet schlug hart auf den Tisch, während er einem verdutzten Kellner das gesamte Tablett mit den gut gefüllten Champagnergläsern aus den Händen riss. Es ging glücklicherweise nichts zu Bruch. »Diese Frau weiß, wie man das Volk bei Laune hält.«

    Leroy verdrehte die Augen. »Ich bitte Sie, Bonnet. Wie lange glauben Sie, wird diese Masche noch ziehen? Das Volk wird unruhig. Es wurden in der letzten Nacht wie viele Demonstrationen zerschlagen? Zehn? Elf? Und das allein in den Vororten der Stadt.«

    »Die Gendarmerie hat alles im Griff.« Monsieur Bonnet leerte das erste Glas mit einem einzigen Zug. »Wir haben die besten Männer für diese Art von lästiger Lappalie.«

    »Lästiger Lappalie«, echote Leroy. Er musterte nun Capitaine Martinez aufmerksam. »Hören Sie das, Capitaine? Alles nur eine Lappalie. Wie viele Ihrer Frauen und Männer wurden letzte Nacht im Einsatz verletzt?«

    Martinez verzog keine Miene, als er tonlos antwortete. »Ich spreche nicht über interne Angelegenheiten der Polizei, Monsieur.«

    Leroy schnaubte. »Sie haben Ihre Männer gut im Griff, Bonnet. Sogar ne’n Flieger haben Sie in die Stadt geholt. Der erste geflügelte Polizist Paris. Vor siebzig Jahren haben wir sie noch wie Ausgestoßene an die Küstenregion verbannt, jetzt flehen wir sie auf Knien an erneut für uns zu fliegen. Wir haben die Hälfte der Flieger vor Jahren in Albanien verloren.«

    »Dieser Krieg war schrecklich«, klagte die Dame mit der Hochsteckfrisur. Sie deutete mit dem Fächer auf Absinthe. »Tapfere Flieger sind in diesem furchtbaren Land gestorben. Und für was? Für angespannte Abkommen und unzuverlässige Gastarbeiter.«

    »Jeder Krieg ist schrecklich«, sagte Leroy. »Reden Sie lieber über Dinge, von denen Sie eine Ahnung haben, Madame Garcia. Über die neuste Mode, oder so.«

    »Monsieur Leroy!« Bonnet schlug erneut auf den Tisch. »Zügeln Sie Ihre Zunge. Madame Garcia, verzeihen Sie dem Wächter der Münze. Er ist heute äußerst gestresst.«

    Leroy hob beide Augenbrauen. »Ich bin nicht gestresst«, sagte er. »Ich bin nur diese endlosen Kriege Leid. Wir haben kein Geld. Die Kassen sind leer. Das magische EU-Parlament gewährt uns keinen Cent mehr.«

    »Dann haben Sie einfach nur schlecht verhandelt«, knurrte Bonnet. »Dieser Krieg betrifft nicht nur uns, sondern ganz Europa. Diese Überseefatzken wollen uns den Weg zum magischen Urboden abschneiden. Das darf sich Europa nicht gefallen lassen!«

    »Und die Russen machen auch Druck«, mischte sich Madame Garcia ein. »Habe ich in der Zeitung gelesen. Jeder weiß, dass sie die besten Nekromanten haben. Sie würden uns mit einer Armee aus Toten überrennen.«

    Leroy sah aus, als würde er die Dame am liebsten hier und jetzt mit beiden Händen am Hals packen, jedoch wurde die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Neuankömmling gelenkt.

    »Oh, der Minister persönlich!« Mademoiselle Roux war nun an ihrem Tisch angekommen und verteilte eifrig Küsse auf die Wangen der Damen und ein strahlendes Lächeln an die Männer. »Und wen haben wir da? Das muss einer der neuen Flieger aus der Bretagne sein.«

    Absinthe schoss vom Stuhl hoch und salutierte zackig.

    »Meine Güte!« Mademoiselle Roux lachte. »Schaut euch den Burschen mal an. Ich wusste ja, dass diese Flieger groß sind, aber diese Kraft! Wie viel Kilo können Sie im Flug befördern?«

    Absinthe salutierte erneut. »Mein eigenes Körpergewicht, Mademoiselle. Plus zwanzig Kilo Rucksack, Munition und Verbandskasten.«

    Mademoiselle Roux pfiff langgezogen. »Unfassbar! Mit Männern wie Ihnen gewinnen wir diesen Krieg. Wie groß ist Ihre Flügelspannweite?«

    Absinthe schluckte nervös. Er hatte plötzlich zu viel Spucke im Mund. »Verzeihen Sie?«

    »Ihre Spannweite. Na los, seien Sie nicht schüchtern. Zeigen Sie uns, aus was unsere zukünftigen Nationalhelden gemacht sind.«

    Absinthe warf seinem Capitaine einen hektischen Blick zu. Martinez sah nicht sonderlich begeistert aus, was er zwar nie tat, aber dieser grimmige Blick verhieß nichts Gutes. Mürrisch nickte er. »Sie haben die Mademoiselle gehört, Lefebvre. Präsentieren Sie die Flügel.«

    Es war zwischen den Tischen nicht sonderlich viel Platz, aber das Theater am Tisch des Verteidigungsministers war den Gästen nicht entgangen. Eifrig wurde für den Flieger Platz gemacht.

    »Er soll fliegen!«, rief eine junge Frau in einem smaragdgrünen Anzug und frecher Kurzhaarfrisur. »Oh, lasst ihn fliegen!«

    »Hoch mit ihm!«, stimmte ein älterer Magier zu. »Ab in die Luft!«

    »Er soll einen Salto schlagen!«

    »Sturzflug! Ich will einen Sturzflug sehen!«

    »Er soll meiner gestörten Ex-Frau auf das Auto scheißen! Wie eine Taube!«

    Gelächter brach aus. Absinthe zögerte einen Moment, da die Blicke und der Lärm ihn nervös machten. Zuhause an der Küste war es nie so laut gewesen. Nicht einmal in der Kaserne, in der er die meiste Zeit seiner Ausbildung verbracht hatte, hatte ein solcher Krach geherrscht. Er stolperte etwas zurück.

    »Ruhig!«, donnerte Mademoiselle Roux. Sie schenkte Absinthe ihr strahlendes Lächeln. »Wir machen den jungen Flieger nervös.«

    Absinthe atmete tief ein, versicherte sich kurz, dass auch wirklich genug Platz war – und faltete langsam die möglichst eng angelegten Flügel auseinander.

    »Meine Güte!« Mademoiselle Roux strahlte wie ein Kind an Weihnachten. »Ein großer Bursche mit doppelt so großen Flügeln! Kommen Sie, kommen Sie! Presse, macht ein Foto!« Ehe sich Absinthe versah, wurde er von der Gastgeberin fest an sich gepresst, während ein Blitzlichtgewitter über ihn hereinbrach. »Unser Held von morgen!«, rief Mademoiselle Roux und schnappte sich wahllos ein Glas Champagner vom Tisch. Der eigentliche Besitzer, der gerade danach greifen wollte, verzog leidend das Gesicht. »Auf unseren Sieg!«

    Hunderte Stimmen wiederholten den Trinkspruch, dann brach Applaus aus.

    Absinthe bekam Kopfschmerzen.

    Der Wanderer Mensch, vielen Dank, du!


    Ein nachrichtenüberbringender Gargoyle mit Türsteherslang. Cool.

    Diese Idee kam mir an einem Samstagmorgen , als ich aus dem Küchenfenster einen Streit zwischen einem genervten Postboten und einem immer lauter werdenden Anwohner im Innenhof beobachten konnte. Der Empfänger lehnte mehrmals wütend ein Enschreiben ab, aber der Postbote hatte scheinbar einen echt miesen Tag - und ging hoch wie eine Wasserstoffbombe.


    "Alter, ey! Ich bringe jeden Tag für dich Einschreiben. Bekomme mal dein LEBEN geregelt, ey! Und jetzt nimm den Scheiß an, ich schwör!"


    Dazu beschäftigt mich schon länger die Frage - wie kommen unsere Postboten überhaupt in den Hausflur an die Briefkästen für das Vorderhaus? Und wie kommen sie in den Innenhof zu den Hinterhäusern? Klingeln sie sich durch? Unwahrscheinlich, hier macht nie irgendwer die Tür auf. Magie? Die einzig logische Erklärung für mich.

    "Spirit of Ecstasy" später im Volksmund als "Emily" bekannt, geniesst den weiblichen Artikel.

    Recht hast du. Ist mir untergegangen und wird umgehend korrigiert :thumbup:


    Danke dir für deine genialen Worte. War wie immer ein Vergnügen.


    Herzliche Grüße,


    Naduschka

    AFG Mensch, da stolper ich erst jetzt drüber? Schande über mein Haupt. Da ich mich hier erst reinlese, wundere dich nicht über mein "spätes" Kommentar zu deinem Auftakt.


    Hier also mal meine Eindrücke vom Prolog:


    Wow, du gibst direkt mal ordentlich Gas. Ein Vulkan bricht aus und scheint alles und jeden zu vernichten.


    Ein ungeheuerliches Beben ließ die Stadt Helmsfurt erzittern.

    Helmsfurt. Schöner Name. Könnte glatt ein Ort auf der Karte von Himmelsrand sein - und "natürlich" den Nordmännern gehören :)


    Der Vulkan Titur, im Norden der Stadt, brach mit ohrenbetäubenden Lärm aus und spuckte riesige Aschewolken und Felsen so gigantischen Ausmaßes das jede Beschreibung sie klein und nichtig aussehen lassen würde.

    Dieser Abschnitt bereitet mir Mühe. Einerseits gefällt mir die Idee, dass man das Ausmaß nicht beschreiben kann, jedoch wirft der zuvor staffindende Versuch, eben genau DIESES Desaster zu beschreibe, alles irgendwie aus dem Gleichgewicht. Ich würde den Satz kürzen. "Der Vulkan Titur, im Norden der Stadt, brach in einem so gigantischen Ausmaß aus, dass jede Beschreibung klein und nichtig aussehen würde".


    Helmsfurt wurde nämlich von einem mächtigen Fluss geteilt.

    Ich würde hier das "nämlich" entfernen. Es reißt einen aus dem Lesefluss und der düsteren Stimmung des Untergangs.


    Dabei hätten sie gar nicht in Panik verfallen müssen, da die Drachen es nicht auf die Menschen abgesehen hatten.

    Du hast hier die Grundidee für einen optimalen Cliffhanger, den du leider verschenkst. Jedes Kapitel, gerade der Prolog, braucht einen "Pageturner". Dein Leser muss nach mehr hungern, sonst verlierst du ihn. Hier würde ich die Tatsache, dass es die Drachen nicht auf Menschen abgesehen haben, gar nicht erwähnen. Ich würde die Drachen als düsteres Omen am Himmel über Helmsfurt auftauchen lassen - und den Leser damit zum Weiterlesen animieren.


    Der Leser kann ruhig erst später erfahren, dass er für die Drachen kein optimaler Snack ist.


    Und in diesem Sinne; Bruder, muss auch direkt schon wieder los. Ich lese nämlich mit Freuden weiter 8)


    Herzliche Grüße


    N.

    Etiam - Tausend Dank für deine glorreichen Worte :)


    Also was ich gut finde ist, es wurde recht schnell geklärt, dass die normale Welt von den Magiern weiß. Ich hab immer Probleme damit, wenn ich erst mal drei Kapitel sowas annehmen muss und nicht genau weiß, wie das in dieser Welt geregelt ist ^^;


    The struggle is real, man. Bei manchen Autoren ist es verzeihlich. Cornelia Funke, zum Beispiel. Die führt einen langsam, aber mit viel Liebe in ihre Welten ein. Hohlbein kratzt da schon eher mal an meinen Nerven. Gefühlt 1000 Seiten Prolog - aber man weiß immer noch nicht viel mehr. Dafür ist der Überraschungsmoment stets auf seiner Seite.


    Es heißt ja immer "show - don't tell", aber hin und wieder darf man auch mal auf's Gas treten.


    Die Magierin auf seiner Rückbank stattdessen hat mir gar nicht gefallen xD Aber ich denke mal, das ist so gewollt :P Trotzdem war ich glücklich, als sie weg war. Stand jetzt, hoffe ich aber nicht, dass sie ein großes wiederkehrendes Element ist :hmm: Aber vielleicht ändert sich das ja noch.


    Mir sind aus Prinzip gerade die "unsympathischen" Figuren irgendwie sympathisch. Die lieben und ständig lächelnden Nebenfiguren, die einfach nur da sind, um nett auszusehen, gehen mir gerade bei der YA Literatur auf den Geist. Es braucht auch das ein oder andere Ar***loch, meiner Meinung nach :D


    Liebe Grüße


    Naduschka

    Stadtnymphe Danke dir! Du bist ein Schatz. Du hast genau die Punkte erwähnt, die mich selbst in den leichten Wahnsinn getrieben haben - oder Fehler, die ich immer und immer wieder mache, egal, wie sehr ich sie analysiere und versuche zu verbessern.


    Hier verstehe ich nicht, was du meinst? Ist er ein Pilot?

    Öhem. Ja. Nein. Jaein? Indirekt. Wird (hoffentlich) klarer im nächsten Kapitel.


    Anmerken wollte ich nur noch, dass ich erst spät gepeilt habe, dass das Setting Paris ist. Da Bashkim Chauffeur ist, würde es sich, um mehr Realität reinzubringen, anbieten, ein paar Pariser Straßen, Arrondissements, Sehenswürdigkeiten oder anderes zu erwähnen, an denen er vorbeifährt. So bekommt auch der Leser schneller ein Gefühl, wo die Geschichte spielt. Außerdem macht es den Job deines Protagonisten realistischer.


    Ich liebe Straßennamen. Die Stimmung. Die Gegend. Man will sich gerade bei Urban Fantasy einfühlen. Ich selbst mag Paris witzigerweise gar nicht mal so sehr, aber die Geschichte hatte mich während einer Schulung dort irgendwie eingeholt. Bezüglich der Arrondissements - die tauchen noch auf. Keine Sorge. Und jaaa, sie werden alle etwas durch den Dreck gezogen *hust*. Aber wäre ja sonst langweilig.


    Danke dir nochmals für deine wunderbaren Gedanken und Hinweise :thumbup:


    Herzliche Grüße


    Naduschka


    Charon Vielen lieben Dank! Deine Anmerkungen waren fabelhaft und sehr hilfreich.


    Soll das so formatiert sein? Sieht etwas merkwürdig aus, aber naja in E-Mails ist es ja genauso.

    Tatsächlich - ja. Aber es sieht im Forum ehrlich gesagt sehr besch*** - hust - bescheiden aus. Ich schreibe und denke gerne rein im "Goldenen Schnitt" (anhaltender Schaden von meinem Job bei einem Verlag) und formatiere dementsprechend. Das Ergebnis ist wie hier leider für den Leser nicht optimal. Somit DANKE dir für den Anstoß. Wird geändert :)


    Okay, er ist aus Stein.


    Urgh, ich weiß. Frag mich nicht, wieso mir das auch nach der dritten Kontrolle nicht aufgefallen ist. Das hätte mich quasi fauchend anspringen müssen. Schande über mein Haupt O_O



    Ich finde das liest sich hier etwas unschön, warum nicht einfach "und sah in den Nachthimmel"?

    "in den Nachthimmel" ist für mich ungewohnt. Man kann ja nicht IN den Himmel schauen - sondern "gen". Also in die Richtung. Kenne ich vom Verlag ehrlich gesagt auch nur so. Schau mir das aber nochmals an, da ich verstehe, was du meinst. Der Satz ist generell nicht sehr glatt.


    Wenn das eine Abwertende Bezeichnung für Frauen ist, kann sie dann direkt übertragen werden und alle meinen, also auch Männer?

    Ja, Karen wird zwar gerne für "Frauen" verwendet, aber ist (meiner Meinung nach) absolut geschlechtsneutral. Es gibt auch sehr viele männliche "Karens" :D


    Hier würde ich die Situation auflockern und so Dinge einwerfen wie:

    - als Baskims in die Straße [hier Name einfügen] einbog

    - heute nahm er die Straße X, da um diese Zeit auf Y mit noch mehr Verkehr zu rechnen ist

    Irgendwie sowas, damit man es noch mehr merkt und Baskims eventuell auch seine Fähigkeiten als guter Fahrer besser ausspielen kann.


    Ohja, wir alle lieben die Erwähnung von Straßennamen (wobei es Stephen King gerne übertreibt...) und wollen Details der Stadt. Tatsächlich erwähne ich Straßen immer etwas später, nach dem Prolog, Vorspiel - nach dem leichten Gleiten in das wirkliche Geschehen.


    Ich danke dir von Herzen für deine inspirierenden Worte.


    Liebe Grüße


    Naduschka


    ---╔◈╗---

    KAPITEL 1

    ---╚◈╝---

    Bashkims Nacht war endgültig im Eimer, als ein Wasserspeier auf dem Dach der nagelneuen S-Klasse Limousine seines Arbeitgebers landete. Die Hydraulik des Mercedes ächzte leidend, als die nachtschwarze Karosserie wie eine leere Coladose zerdrückt wurde. Die Karre war innerhalb einer einzigen Sekunde komplett im Arsch.

    »Hey«, sagte Bashkim. »Mein Auto.«

    Wobei es nicht wirklich sein Auto war, von dieser Luxuskarosse könnte er sich nicht einmal einen Reifen leisten, aber sein Boss würde ihn persönlich für diese Katastrophe verantwortlich machen. Madame Bonfils war selbst für eine Magierin eine echte Bitch. Glas knirschte unter seinen sauber polierten Lederschuhen, als er sich dem demolierten Fahrzeug näherte. Die Windschutzscheibe und die getönten Fenster waren nur noch eine Erinnerung.

    »Is‘ nicht meine Schuld, Kumpel.« Der Wasserspeier landete schwerfällig auf der Straße. Kaum hatte er seinen Körper von der zerbeulten Karosserie runtergewuchtet, federte der Mercedes ächzend in die Höhe. »Wer von uns hat denn hier im Halteverbot geparkt, hä? Direkt vor ner Ausfahrt, wie der letzte Arsch? So etwas nenn‘ ich Karma, Kumpel. K-a-r-m-a

    Bashkim spürte, wie er langsam aber sicher Migräne bekam. Er tastete seine Anzugshose nach dem zerbeulten Zigarettenpäckchen ab, das er stets bei sich trug. Es war ein magisches Päckchen. Egal wie oft er sich daraus auch einen leicht zerdrückten Glimmstängel fischte, es wurde niemals leer. Die einzig wunderbare Sache in dieser magischen Scheißwelt.

    »Weißt du, wem die Karre gehört?«, fragte Bashkim, während er sich eine Zigarette anzündete. Er schrie den Wasserspeier nicht an, sondern klang wie ein Mann, der lediglich nach dem Weg fragte. Bashkim war kein Choleriker. Wenn er eine Sache als Chauffeur gelernt hatte, dann war es die Nerven zu behalten. Seine Wut runterzuschlucken, wie ein halb gelutschtes Bonbon. Zudem konnte er auch gar nicht schreien. Es war nur einer ihm wohlgesonnenen Hexe zu verdanken, dass er überhaupt noch eine Stimme hatte. »Sag schon, Steinfresse. Weißt du’s?«

    Die Hinterhufe des Wasserspeiers klickten laut über den Asphalt, als das Wesen einmal um das demolierte Auto herumwanderte. Die groteske Fratze zeigte keinerlei Regung, als der Steintroll rechthaberisch verkündete:

    »Mir doch egal. Du hast hier geparkt. Nicht ich.«

    Bashkim zog kräftig an seiner Zigarette. Er starrte den Wasserspeier ausdruckslos an. Das Geschöpf starrte zurück.

    »Außerdem«, sagte der Zerstörer der neusten S-Klasse langgezogen, »habe ich eine Nachricht für dich. Express.«

    »Wusste nicht, dass der Pariser Express neuerdings so reinkracht.«

    Der Wasserspeier bleckte zwei Reihen scharfer Zähne. Er war ganz eindeutig kein Freund von schlechten Witzen. »Bashkim Krasniqi?«, fragte er förmlich. »Bitte bestätigen.«

    Bashkim zog erneut an seiner Zigarette. Langsam stieß er den Qualm durch die Nasenlöcher wieder aus.

    »Was passiert, wenn ich jetzt einfach NEIN sage?«

    »Dann breche ich dir die Beine und frage nochmal.«

    »Verstehe.«

    Wieder starrten sich Mensch und Wasserspeier an.

    »Bestätige«, sagte Bashkim schließlich. Ein kaputter Neuwagen reichte. Da bedurfte es nicht auch noch an zertrümmerten Knochen. Zudem mochte Bashkim seine Knochen. Es waren gute Knochen. Gute Beine.

    Der Wasserspeier nickte, dann stieß er ein unschönes Würgen aus. Er erbrach eine kleine Papierrolle, fest verschnürt und mit einem Siegelwachs verschlossen. »Nachricht überbracht«, sagte er und hob die Post nicht auf, sondern streckte eine steinerne Klaue aus. Bashkim musste gegen den Drang ankämpfen, seine Zigarette darauf auszudrücken.

    »Fahr zur Hölle«, sagte Bashkim tonlos und riss sich ein Haar aus seiner linken Augenbraue aus. Diesen Teil hasste er besonders bei der Postzustellung. Die meisten Menschen verwendeten ihr Kopfhaar, wobei es bestimmt genug Komiker gab, die sich an kreativeren Stellen bedienten, jedoch trug Bashkim die Haare seit Jahren auf wenige Millimeter kurzrasiert.

    »Und sag dem Absender, er soll aufhören mich zu nerven. Ich habe bald keine Augenbrauen mehr.«

    Der Wasserspeier öffnete seinen riesigen Mund und Bashkim ließ das Haar in den dunklen und steinernen Schlund fallen. Das Steinwesen schluckte. »Zustellung erfolgreich. Der Rest ist jetzt dein Problem, Kumpel. Schöne Nacht noch.«

    Mit klackenden Hufen entfernte sich der Bote und machte sich daran, die nächstgelegene Hauswand hinaufzuklettern, wobei er es sich nicht nehmen ließ, auf einem kleinen Balkon ein paar Blumentöpfe mit vertrockneten Pflanzen zu fressen. Bashkims Blick wanderte zwischen der auf dem Boden liegenden Nachricht und der zerstörten Limousine hin und her.

    Er bezweifelte stark, dass es eine schöne Nacht werden würde.


    ---


    Madame Bonfiles war wie zu erwarten nicht sonderlich begeistert.

    Wobei es unmöglich war, unter den Tonnen von Make-up irgendeine Regung zu erkennen. Generell war kaum auzumachen, was von Madame Bonfiles mehr ins Auge stach. Ihre kreischend bunte Kleidung – oder ihr verstörend buntes Gesicht. Sein Boss erinnerte Bashkim immer ein wenig an einen dieser Schmink- und Frisurköpfe, an den sich kleine und bösartige Mädchen abreagiert hatten.

    »Ein Ersatzwagen«, klagte Madame Bonfiles, kaum hatte sie ihren Hintern auf die Rückbank des vom Service zur Verfügung gestellten Leihwagen gepflanzt. »Da geht man einmal auf Spendengalas und was ist der Dank? Steinerne Faschisten, die einem den geliebten Neuwagen zerstören. Es gibt einfach zu viele Wasserspeier in dieser Stadt.«

    Bashkim sagte nichts. Ein guter Chauffeur hielt stets den Mund und wurde hinter dem Lenkrad unsichtbar.

    »Furchtbare Zeiten.« Madame Bonfiles nahm ihren Kopfschmuck ab, der beinahe an die Decke des Leihwagens stieß. Seit einigen Monaten waren ausgefallene Hüte wieder bei der Damenwelt modern. Je spitzer und ausgefallener, umso besser. »Und dann immer diese Unruhen. Alle jammern nach mehr Geld, aber keiner will mehr arbeiten. Wir haben Steinkreaturen und Goblins in der Postzustellung. Als wäre Paris nicht schon voll genug von Verrückten.«

    Bashkim fuhr ohne hinzusehen. Waren die Straßen Paris für die meisten Menschen ein einziger Alptraum, waren sie ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen. Zudem hatte der Notfall-Autoservice sorgsam darauf geachtet, einen Leihwagen mit einer entsprechenden Kennzeichnung zur Verfügung zu stellen. Madame Bonfiles hätte sie vermutlich alle auf der Stelle verklagt, wenn sie einen Ersatzwagen ohne ein magisches Nummernschild bekommen hätte.

    In das klapprige Auto eines Normalverdieners krachte der durchschnittliche Franzose gnadenlos rein, aber in das Auto eines Magiers? Niemals. Magier waren nicht nur magisch, sondern in der Regel besser versichert, hatten an jedem Finger zehn Anwälte und genug Zeit und Energie, sich über alles und jeden zu beschweren. Kurzum: Magier waren allesamt verfluchte Karens*.

    »Sagen Sie mal, schlafen Sie hinter dem Lenkrad? Ich muss in zehn Minuten auf der nächsten Gala sein.« Madame Bonfiles tippte kurz auf ihrem Smartphone herum. Das klickende Geräusch ihrer langen Fingernägel kribbelte unangenehm in Bashkims Nacken. An das magische Nummernschild hatte die Männer vom Service gedacht, aber leider nicht an eine hochfahrbare Trennwand. Bashkim vermisste die ausgebaute S-Klasse jetzt schon.

    Madame Bonfiles seufzte. »Meine Güte, wie sich der Verteidigungsminister wieder aufspielt. Überall sein hässliches Gesicht in den Medien. Und dieser Schnauzer. Wo nimmt er nur diese Dreistigkeit her?«

    Bashkim setzte den Blinker, etwas, was die meisten Franzosen nicht taten und überholte einen vor ihm herfahrenden BMW. Es klingelte hinter ihm und da Telefongespräche im Auto nicht schon ätzend genug waren, stellte Madame Bonfiles ihre Anrufe aus Prinzip immer auf Lautsprecher.

    »Schatz. Darling«, seufzte Madame Bonfiles, während sie einen Lippenstift und einen kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche zauberte. »Wieso bist noch wach? Hat dich das Fräulein etwa noch nicht ins Bett gebracht?«

    Es knackte und raschelte in der Leitung.

    »Ich habe keine Zeit zum Schlafen«, sagte eine trotzige Kinderstimme. »Muss jagen. Vampire brauchen Blut.«

    Madame Bonfiles seufzte das Seufzen einer Mutter, die jeden Tag aufs Neue feststellen musste, dass Kinder ernsthaft nerven konnten. Sie redeten Unsinn, machten Dreck und waren laut. Zudem fingen sie an, ihren eigenen und meist sehr trotzigen Willen zu entwickeln. Ganz zu schweigen von ihrer verrückten Fantasie ...

    »Antoine, mein Schatz. Du bist kein Vampir.«

    Ein lautes Fauchen erklang. Dann ein Kreischen.

    »Mach das Licht aus, du fette Hure! Ich verbrenne!«

    Im Hintergrund war eine müde Frauenstimme zu hören, die verzweifelt versuchte den schreienden Jungen zu beruhigen. Die Frau fluchte mehrmals.

    »Antoine«, sagte Madame Bonfiles, während sie ihren Lippenstift sorgsam über die Lippen gleiten ließ. »Beißt du das Fräulein etwa wieder?«

    »Madame Bonfiles«, erklang nun die atemlose Frauenstimme laut und klar. Das Zuknallen einer Tür war zu hören. »Bitte verzeihen Sie die Störung. Antoine ist heute wieder besonders unruhig.«

    »Ich bin nicht taub, du dummes Ding. Ich habe seine Hysterie gehört. Gib ihm ein Glas Rotwein. Das beruhigt ihn.«

    Stille.

    »Madame-«

    »Nichts da. Steck einen bunten Strohhalm rein und sag ihm, dass es Blut ist. Dann trinkt er das Zeug schneller als meine verfluchte Mutter ihren Beruhigungstrank.«

    »Madame, Sie scherzen, nicht wahr?«

    »Klinge ich, als würde ich scherzen? Ich habe noch eine sehr lange Nacht vor mir und wenn ich nach Hause komme, will ich meine Ruhe haben. Im Notfall gib ihm noch ein zweites Glas. Das sollte ihn bis morgen Mittag außer Gefecht setzen.«

    »Madame, so etwas kann ich wirklich nicht -«

    Mit einem Mal verstummte die Stimme des verstörten Kindermädchens. Madame Bonfiles hatte aufgelegt.

    »Dummes Ding«, sagte sie. »Selbst keine Kinder, aber will mir ständig bei der Erziehung reinreden. So ein Neuling vom Lande. Ich hätte mir lieber jemand aus der Stadt suchen sollen. Die wissen wenigsten, wie man – meine Güte, Fahrer!«

    Bashkim hatte ruckartig bremsen müssen, als ein Peugeot ohne Vorwarnung ausgeschert und ihn knapp geschnitten hatte.

    »Mein Kindermädchen hat keine Ahnung von Kindern und mein Fahrer kann nicht fahren.« Madame Bonfiles schlug wütend ihren Spiegel zu. »Einmal mit Profis arbeiten. Nur einmal.«

    Bashkim erwiderte darauf nichts. Er vermied generell jede Unterhaltung mit seinem Boss. Der Ersatzwagen rollte mit etwas Verspätung auf den Vorplatz des prunkvollen Gebäudes, in dem Gala Nr. 2 stattfand. Trotz dieser Unpünktlichkeit, die dem Verkehr zu verschulden war, war Madame Bonfiles nicht die Einzige, die jetzt erst ankam. Aus einer weißen Limousine vor ihnen stieg ein Magier mittleren Alters aus, der von den Organisatoren überschwänglich in Empfang genommen wurden. Es folgte eine Rolls Royce, aus der ein uralter Mann und eine junge Frau stiegen. Bashkim bremste hinter der Rolls Royce, stieg aus und ging einmal um den Wagen herum, um Madame Bonfiles die Tür zu öffnen. Kaum hatte er die Hintertür geöffnet, stürmte die Magierin ungeduldig heraus.

    »Holen Sie mich in genau drei Stunden wieder ab!«, bellte Sie Bashkim zu, während sie den anderen Ankömmlingen giftige Blicke zuwarf. »Oh, und passen Sie dieses Mal besser auf das Auto auf. Wenn ich heute Nacht mit einem weiteren Ersatzwagen irgendwo vorfahren muss, verwandel ich Sie in eine Kröte.«

    Dann rauschte sie mit klackenden Absätzen davon.

    »Yo, Bashkim«, sagte der dunkelhäutige Fahrer der weißen Limousine, kaum waren die Magier im Gebäude verschwunden. »Lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s, Kumpel?«

    »Wie immer«, antwortete Bashkim und lehnte sich leicht gegen den Leihwagen. »Du fährst wieder für den Grafen? Ich dachte, er wäre ein rassistischer Idiot?«

    Der Fahrer, Henri, lachte kurz.

    »Ist er auch, aber ein rassistischer und zugekokster Idiot. Manchmal ist er so verballert, dass er mich zweimal bezahlt. Wer bin ich denn, um zu einer doppelten Entlohnung nein sagen zu können?«

    »Gefährlich«, sagte George, ein weiterer Fahrer, der langsam näher kam. Er lockerte seine schwarze Krawatte. »Wenn der Graf kapiert, dass du ihn verarschst, dann sind deine Stunden gezählt. Es heißt, er hat seine Ex-Frau in Säure aufgelöst.«

    »Nicht so laut!«, zischte der unbekannte Fahrer, der zu der Rolls Royce gehörte. Schien wohl so, dass man den alten Ronnie ersetzt hatte. Der Neue sah aus, als hätte er erst gestern seinen Führerschein gemacht. »Diese Autos sind verzaubert. Die hören, was wir sagen.«

    »Sieh mal einer an.« Henri grinste breit. »Frischfleisch.«

    »Wo is’n Ronnie?« George musterte den Jungen mürrisch. »Krank, oder gekickt? «

    Der Junge sah aus, als würde er sich gleich übergeben. »Ich... kenne keinen Ronnie, Sir.«

    »Sir«, äffte ihn George nach. Er verschränkte die Arme vor seiner voluminösen Brust. »Hört ihn euch an. Hast du überhaupt schon Haare am Sack?«

    »Keine Sorge, Neuer.« Henri machte eine abwinkende Handbewegung. »Du gewöhnst dich schon noch an Georges liebreizende Art. Wie heißt du?«

    »Julie.«

    Die Männer sahen sich vielsagend an.

    »Ju-lie.« George machte ein Gesicht, als würde er sich den Namen wie einen viel zu trockenen Rotwein auf der Zunge zergehen lassen. »Was’n Kackname.«

    Julie sah aus, als würde er gleich weinen.

    »Ärgert ihr Deppen etwa schon wieder einen Neuen?« Eine kleine Gestalt schob sich grob zwischen Bashkim und George. Dominique war vielleicht eine kleine Frau, aber sie kompensierte ihre fehlende Größe mit jeder Menge Wut. Bashkim mochte sie.

    »Dom, ewig ist es her.« Henri verbeugte sich albern. »Männer, Anstand. Wir haben eine Lady unter uns.«

    »Ich ramme dir gleich meine Faust ladylike in den Arsch, Henri. Und du, Neuer. Hör auf zu wimmern. Fährst also den alten Dekan durch die Gegend, huh?«

    Julie nickte. »Ja, Madame. Ist heute mein erster Tag. Professor Morel ist ganz nett.«

    »Ganz nett«, schnaubte Dominique. »Pass bei dem Greis auf, Junge. Unser Ronnie hatte es nicht immer leicht mit ihm. Diese Magier glauben alle, ihre Scheiße würde nicht stinken.«

    Julie fummelte nervös an den Knöpfen seines Anzugs herum. »Ich denke, ich werde mit ihm auskommen«, sagte er. »Ich kann mir meine Pausen selbst einteilen und habe jeden zweiten Sonntag frei. Er riecht etwas streng, aber ich finde es cool, dass er mit seiner Enkelin zu einer Spendengala geht. Mein Opa hat nie irgendwas mit mir unternommen.«

    Kurz herrschte Stille.

    »Junge«, sagte Henri langsam. »Das ist nicht seine Enkelin.«

    Auf Julies Gesicht brachen gleich mehrere Welten und Dynastien zusammen. »Aber...«, der junge Mann suchte fassungslos nach Worten. »Er ist so... und sie ist so...«

    »Was beschwerst du dich?«, fragte George. »Wenn’s gut für dich läuft, legst du die Kleine in null Komma nichts hinten auf der Rückbank flach. So junge Frauen langweilen sich schnell mit ihren alten Säcken.«

    Julie wurde knallrot.

    »Armes Baby.« Dominique warf dem Jungen einen Flachmann zu. »Trink. Bis die da drin fertig sind, bist du längst wieder nüchtern.«

    Bashkim rauchte schweigend, während sich die anderen Chauffeure über ihren Alltag unterhielten und sah gen Nachthimmel. Es hieß, nirgendwo würden die Sterne so hell leuchten wie über Paris. Absoluter Bullshit, da der Himmel über dieser Stadt ebenso trostlos war wie der ganze Rest. Paris war ein von Menschen erschaffenes Monster.

    »Ich schlaf eine Runde«, verabschiedete er sich knapp bei den anderen Fahrern. »Man sieht sich.«

    »Don’t be a stranger«, sagte Henri. »Machs gut, Kumpel.«

    Die Lichter im Auto gingen an, kaum hatte Bashkim die Tür geöffnet und sich auf den Fahrersitz fallen lassen. Er kramte kurz im Handschuhfach, dann zog er die Papierrolle heraus. Mürrisch betrachtete er das Siegel.

    Wieso kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen?

    Das Siegel brach wie das Rückgrat einer unglücklichen Fee. Bashkim kannte die ausladende und hektische Handschrift nur zu gut. Die Nachricht war kurz und in Albanisch verfasst.


    Junge,

    komm schnell. Wir haben nicht viel Zeit. Die Spuren sind frisch.

    K.


    Bashkim rollte die Nachricht wieder zusammen und schob sie in die Tasche seines Sakkos. Seine Finger trommelten eine unruhige Melodie auf das Lenkrad. Normalerweise ignorierte Bashkim diese Form von Post, aber die Worte klangen dringend. Zudem war es der zwölfte Brief innerhalb von einem Monat. Dieser alte Spinner war vielleicht einsam und verrückt, aber seine Hartnäckigkeit hatte ein völlig neues Level erreicht. Was, wenn der Alte tatsächlich eine Spur hatte? Wenn sich nach all den Jahren tatsächlich etwas regte?

    Bashkim atmete tief ein und aus, wobei er den obersten Knopf seines Hemds öffnete und über die darunterliegende Haut rieb. Die Narbe war kaum zu fühlen, was er allein der Hexe in Dragash zu verdanken hatte. Was, wenn plötzlich alles, was Bashkim jemals haben wollte, wieder in greifbare Nähe rückte?

    Blödsinn, dachte der vom Leben abgestumpfte Teil in ihm. Du bist inzwischen 36, Mann. Hast weder Familie, noch eine eigene Wohnung. Du haust in einer Pension mit Tagesmiete. Lass es sein. Scheiß drauf. Passiert ist passiert. Vorbei ist vorbei.

    Doch der jugendliche Teil in ihm regte sich. Zorn und Wut vermischten sich zu einer unfassbaren Energie. Auf was wartest du?, drängte die nervige Stimme. Auf ein beschissenes Wunder? Der Alte ist vielleicht nicht ganz klar im Kopf, aber er ist ein Magier. Einer, der echt noch was drauf hat. Ohne ihn wärst du damals verreckt.

    Bashkim schaltete die Innenbeleuchtung im Wagen aus und saß einige Momente reglos in der Dunkelheit. Er sah durch die Windschutzscheibe zu der Gruppe Fahrer, die sich gegen die weiße Limousine gelehnt immer noch unterhielten. Der Neue kippte hektisch den Flachmann. Vermutlich war George wieder auf den Krieg zu sprechen gekommen. Er hatte eigentlich kein anderes Thema mehr, seit sein jüngerer Bruder eingezogen worden und irgendwo in Zentralafrika verschwunden war.

    Na los, drängte die Stimme. Starte den Motor und drücke auf’s Gas. Du könntest in knapp vierzig Minuten bei ihm sein. Wenn du es kurz hältst, bist du pünktlich wieder hier um Madame Kotzbrocken abzuholen. Die anderen Fahrer werden schon ihren Mund halten. Eine Hand wäscht die andere.

    »Halte den Mund«, sagte Bashkim leise zu sich selbst. »Halte einfach deine Scheißfresse.«

    Doch die Stimme wurde immer drängender. Immer lauter. Schließlich hielt es Bashkim nicht mehr aus.

    Er startete den Motor.


    ---------


    Anmerkungen:

    *"Karen/s": Ein von der englischen Meme-Kultur geprägter (abwertender) Begriff für eine Frau, die meist als Kundin im Service- oder Einzelhandelbereich auf Vergütungen und Rechte beharrt, die in den meisten Fällen das übliche oder angemessene Maß weit übersteigen. "Karens" werden häufig mit der "can-I-speak-to-your-manager"-Frisur in Verbindung gebracht und drohen gerne damit, irgendwen zu verklagen.

    Nun, DAS nenne ich mal kurz :)


    Dennoch fand ich den ersten Satz einfach knallig.


    Dieser Mann war sensationell

    Das ist so ein "WOW!"-Moment für den Leser. Man bekommt Fakten an den Kopf geknallt, ohne langes Hin- und her. Kein ewiger Prolog. Der Mann ist der Knaller, Punkt. Eine Kunst für sich. Es ist eine Behauptung, durchaus gewagt, aber es passt. Die Begründung für diese Stellungsnahme und diesen frechen Einstieg folgt für den Leser sogleich.


    Erste Sätze sind wichtig. Entscheiden über lesen - oder nicht lesen. Und dieser erste Satz gefällt mir :)


    Wohlig schnurrend


    Diese Stelle wiederrum empfand ich etwas merkwürdig. Ich arbeite für einen Verlag und wir vermeiden dort generell "flache" Beschreibungen. "wohlig schnurrend" ist eine Überschwappung in die sehr ausgeprägte Bildsprache, die den Lesefluss, der nach deinen kurzen und knackigen Sätzen eher auf kräftige Worte ausgelegt ist, irgendwie aus der Stimmung reißt. Menschen schnurren nicht. Natürlich, man könnte es als Verdeutlichung sehen - aber ich persönlich finde, hier hätte eher "seufzt" gepasst. "Wohlig seufzend".


    Ist aber meine persönliche Meinung. Ich streiche auch eiskalt "kichern" und "schmunzeln" aus den Manuskripten und Werken, die auf meinem Schreibtisch landen.


    Gefällt mir bis jetzt gut. Ich freu mich auf mehr.


    Ganz herzliche Grüße


    Naduschka

    Tariq, ich habe mich hier mit Genuss reingelesen. Der Einstieg war ein kurzes Vergnügen, aber nicht immer muss es lang sein - oder in guter alter "Hohlbein-Manier" locker, flockig mal eben 10.000 Wörter allein im Prolog präsentieren. In der Kürze liegt die Würze, oder so. Eine Gabe, die ich immer wieder sauber verfehle.


    Draußen tobt der Sturm, schüttelt die Baumkronen und lässt Blätter in wildem Tanz taumelnd über den Asphalt wirbeln. In der Ferne grummelt der Donner.


    Klar, der "Wetter"-Einstieg ist nicht gerade neu, aber es passt zur Szene. Ehrlich gesagt würdest du mich hier als Leser aber eventuell verlieren, wenn ich dein Werk als Buch aufschlagen würde. Ich persönlich mag schnelle Einstiege. Ein "KRACH! BUMM! PENG!" - keine langatmigen Beschreibungen. Aber du formst diesen Einstieg wie Knete mit den folgenden Sätzen. Du steigerst die Ahnung, dass irgendwas nicht stimmt.


    Genießerisch schließe ich die Augen und atme tief ein. Ich liebe es, einem nächtlichen Gewitter zu lauschen. Es ist so herrlich bequem, dabei im Bett zu liegen und sich in Sicherheit zu wissen.
    Einen kurzen Gedanken nur habe ich übrig für die, die bei dem Wetter noch zu Fuß unterwegs sind, denn noch regnet es ja nicht.

    Jeder kennt dieses sonderbare Gefühl. Warm und sicher liegt man im eigenen Bett - und draußen herrscht gefühlt der Untergang. Diese tobende Gewalt hat etwas unfassbar furchteinflößendes und dennoch beruhigendes an sich. Regen rieselt auf die Sinne - Donner streut Furcht. Gefällt mir. Vor allem die Betonung darauf, dass man keinen Gedanken an die verschwendet, die da draußen sind. Im Dunkeln. Im Donner. In dem sich nahenden Schauer.


    Es ist still.
    Es ist wirklich vollkommen still.


    Hier würde ich das "wirklich vollkommen" streichen. Show don't tell - und so wenig "schwache" Steigerungen wie möglich. "Wirklich vollkommen" würde ich persönlich mit "mucksmäuschen still" ersetzen. Oder sogar kurz und knackig als "Es ist still. Vollkommen still" umformulieren. Mach aus der Wiederholung ein rhetorisches Stilmittel. Steigere die Stille. Das Unwohlsein. Das drückende NICHTS, was plötzlich für den Leser herrscht.


    Danke dafür. Ich bin gespannt auf mehr.


    Herzliche Grüße


    Naduschka

    Ich muss mich leider für ein paar Wochen abmelden. Ich komme wieder, keine Frage, leider habe ich zur Zeit kein Internet auf Grund eines Umzugs - und generell läuft es gerade im Leben so gar nicht. Aber was wäre das auch für ein langweilliges Dasein, wenn mal nichts schiefgehen würde? Wo käme man da hin...


    Meine Offline-Zeit wird von mir genutzt, indem ich Projekte umsetze, die schon länger auf der To-Do-Liste stehen. Wenn nicht jetzt, wann dann? (Das ist mit Plänen wie Geschirrspülen. Macht man es nicht direkt, macht man es nie. Hust. Yeah. Hab mein Leben im Griff - und so.)


    Freu mich auf den neuen Lesestoff von euch und bis dahin :wein:


    Grüße aus St. Petersburg

    Thorsten Vielen Dank für dein Kommentar. Ich hab leider gerade etwas Ärger mit dem Internet, daher kommt mein dankbares Kommentar erst jetzt. Du sprichst genau die Dinge an, die mich schon länger beschäftigen. Zum Beispiel habe ich unglaublich Mühe, „Spannung“ und „Erklärung“ zu trennen. Ich vermeide gezielt die Trennung von Szene mit Fakten über die Welt – und Szenen mit Spannung. Ich greife hier gerne auf Tim Butcher‘s „Die dunklen Fälle des Harry Dresden“ zurück, der stark zwischen Spannung und Erklärung der Welt getrennt hat. Ich hab mich bei den reinen „Erklärungstexten“ zu Tode gelangweilt und nicht wirklich gelesen, sondern weitergeblättert. Seine Charaktere hatten mitten in einer Crime-Szene plötzlich sechs Seiten lange Dialoge über magische Fakten. Das kam mir sehr suspekt vor. Irgendwie nicht richtig. Daher griff ich auf einen direkten Stil zurück. Im Verlag wurde mir ebenfalls eingebläut, reine „Faktenszenen“ zu streichen. Es soll wie ein Gedanke wirken. Wie eine Nebeninfo. "Erklärungen" waren hier ein No-Go, da der Leser abschaltet.


    Du stimulierst genau den Zweifel, der sich schon länger in mir regt. Danke dir für deine Worte. Ich schaue mir den Text nochmals genau an und wiege ab, wie ich was umsetze. :thumbup:


    Grüße aus St. Petersburg


    Stadtnymphe Na, da sieh mal einer an! Und schon sieht man sich wieder. Und es ist mir eine Ehre :thumbup:

    Ich habe leider gerade etwas Ärger mit dem Internet und komme nur "immer mal wieder" ins Netz. Daher verzeih mein Übersehen deines wunderbaren Kommentars. Ich habe dich ja bereits begrüßt - daher zum Eingemachten.


    Ist ja im Prinzip dasselbe

    Tatsächlich habe ich hier im Verlag und der Literaturwissenschaft gelernt, dass gerade eine Anhäufung von Synonymen die Situation oder die Aussage verstärkt. Daher greife ich sehr gerne auf diese Methode zurück. Ich werde mir diese Szene aber nochmals zur Brust nehmen, da du Recht hast. Im Enddefekt ist es die gleiche Aussage. Vielleicht klingt es für mich als Autor schön - aber für den Leser ist es unnötig. Wird somit geprüft :D


    Deine restlichen Anmerkungen habe ich mir mal Privat im Schreibprogramm markiert, da du hier gezielt Dinge aufzählst, die im Deutschen enorm ins Auge stechen. Da das "Original" der Geschichte tatsächlich in Russisch entstanden ist, merke ich viele Stilfehler nicht wirklich. Daher vielen Dank. Deine Hinweise sind sehr hilfreich und bedeuten mir viel. Gerade weil man als Autor für seine eigene Geschichte blind ist. Dein Auge ist das von einer Person, die viel liest - und Ahnung von der Materie hat. Wie gesagt, ich freue mich enorm auf deine Geschichten.


    Herzliche Grüße aus St. Petersburg.


    Man liest sich :thumbup:



    Kapitel 3


    Gierige Zwerge


    «Das Besondere an einem Ball der Vampire ist, dass alle in Jeans kommen. Wäre sonst Schade um den guten Anzug.»



    Dmitrij war müde und abgekämpft, als er mit einem recht schäbigen Blumenstrauß bewaffnet endlich an seinem Ziel ankam. Zwei ganze Stunden hatte er gebraucht, um vom verdammten Revier hierher zu gelangen. Dmitrij atmete einmal tief durch, richtete seine komplett zerfetzte und blutige Sportjacke, dann klingelte er. Er setzte sein schönstes Lächeln auf. Frauen liebten sein Lächeln. Zumindest redete er sich das gerne ein. Es dauerte einen Moment, ehe die Tür entriegelt und geöffnet wurde. Zwei helle Augen hinter riesigen und dreieckigen Brillengläser starrten ihn vorwurfsvoll an.


    «Du bist zu spät, Jungchen.» Die kleine und alte Frau musste den Kopf weit in den Nacken legen, um die Ausmaße ihres Besuchers erfassen zu können. «Und lass diese elendige Grinserei. Du weißt, dass ich diese Gesichtsfratzen hasse.»


    Dmitrij lächelte noch etwas breiter, noch ein wenig charmanter, und reichte seiner Gastgeberin den Blumenstrauß, den er, Schande über sein Haupt, auf dem Weg hierher gestohlen hatte. Nun, er hätte ihn ja gerne gekauft, nur leider hatten diese Ärsche von der Sonderpolizei sein Smartphone, seine Geldbörse und seine Fake-Rolex einkassiert. Extreme Situationen erforderten nun mal extreme Maßnahmen.


    «Für dich, Radost», sagte er überflüssig. «Ein einfacher Strauß für eine nicht ganz so einfache Frau.»


    «Vorsicht, Junge. Ich muss sonst kotzen.» Radost nahm ihre riesige Brille ab, polierte übertrieben sorgfältig die Gläser und setzte sie anschließend wieder auf ihre knollige Nase. «Was soll das überhaupt sein? Unkraut? Pah. Dieses Zeug kommt mir nicht in die Wohnung. Und du, Junge. Schuhe aus. Reinkommen.»


    Dmitrij kannte Radost lange genug um zu wissen, dass es niemals klug war, ihr in irgendeiner Art und Weise zu widersprechen. Radost war vielleicht ein alter Zwerg, aber ihr steinharter Kopf befand sich in unangenehmer Höhe mit Dmitrijs äußerst empfindlichen Schritt. Er hatte nach der letzten Kopfnuss von Radost über eine ganze Woche lang nicht mehr richtig pinkeln, geschweige denn gehen können. Radost Wohnung war wie die meisten Altbauten in dieser Stadt hoch geschnitten, jedoch waren sämtliche Möbel und Einrichtungsgegenstände für sehr, sehr kleine Menschen ausgelegt. Dmitrij kam sich bei jedem seiner Besuche wie Alice im Wunderland vor, nachdem sie den Iss-Mich-Kuchen verdrückt hatte und rapide in die Höhe geschossen war. Die Wohnung war übersät mit hölzernen Trittleitern, da Radost sonst nicht an die Fenster herankam. Dmitrij folgte der Zwergin brav durch den Flur in das Wohnzimmer, wobei er sorgsam auf das für ihn winzig wirkende Mobiliar achtete.


    «Wirf endlich dieses hässliche Gestrüpp weg», brummte Radost und winkte verächtlich in Richtung der Blumen. «Wenn du mir das nächste Mal eine Freude machen willst, Junge, dann bewege gefälligst deinen Arsch pünktlich hierher.»


    Dmitrij legte die Blumen achtlos auf einen kleinen und niedrigen Tisch und setzte sich etwas unbeholfen auf den Boden. Der Fernseher prahlte mit normaler Größe, aber sämtliche Sitzmöbel, Schränke und Ablagen waren speziell für Zwerge gemacht. In die Sessel hätte sich vielleicht noch ein kleines Kind setzen können, aber ganz sicher kein erwachsener Mann. Besonders kein Werwolf.


    «Ich wurde aufgehalten.» Dmitrij zog den Reißverschluss seiner Sportjacke auf und streifte den mit Blut verschmierten Stoff vorsichtig ab. «Ich habe ein paar echt miese Stunden hinter mir.»


    «Hör auf zu jammern, Junge.» Die alte Frau öffnete einen kleinen Schrank und wühlte kurz ungeduldig darin herum. Sie wurde schließlich fündig und zog mit einem zufriedenen Brummen einen sichtlich mitgenommen Verbandskasten hervor, der in ihren kleinen Händen unglaublich riesig wirkte. «Wir alle haben miese Stunden. Miese Tage. Miese Wochen. Das Leben ist quasi nichts weiter als eine Aneinanderreihung von miesen Ereignissen. Und jetzt halte still. Das könnte wehtun.»


    Dmitrij stöhnte gequält, als ihm Radost etwas auf die offene Wunde kippte. Das Zeug brannte und zischte.


    «Silberbolzen», murmelte die Alte. «Na, da wurdest du aber sauber aufgemischt. Irgendwann bringen dich diese verdammten Halbmondlinge noch um.»


    «Du kannst mir glauben, Radost. Spaß hat der Scheiß ganz sicher nicht gemacht. Hätte Graf nicht eine seiner irren Nummern durchgezogen, würde ich jetzt immer noch in einer Folterkammer abhängen.»


    Radost schnaubte verächtlich, während sie die tiefen Wunden abtupfte. Das verfluchte Silber hatte ganze Arbeit geleistet.


    «Dummer Junge. Ein Wunder, dass du überhaupt noch lebst. Du vertraust diesem Blutsauger zu viel. Vampire sind böse Omen. Ärger auf zwei Beinen. Irgendwann liefert er dich ans Messer. Es sei denn, ich bin schneller und drehe dir noch vorher deinen unzuverlässigen Hals um. Wo zum Teufel hast du gesteckt?»


    «Ich wurde geschlagen und mit Silber beschossen. Also verzeihe mir meine kleine Verspätung.»


    «Kleine Verspätung? Pah! Du hättest gestern Abend hier sein sollen.»


    «Scheiße, Radost. Hast du mir nicht zugehört? Ich hatte Ärger.»


    «Du hast doch immer Ärger, Junge. Nicht mehr lange und du endest in Stücke gerissen in einer Mülltonne. Aber vielleicht ist es das Beste für alle, wenn so ein Trottel wie du früh geht, anstatt ewig zu leben und alt zu werden. Ich hasse alte Wesen.»


    Dmitrij wusste, dass es jetzt gerade kein guter Zeitpunkt war, Radost auf ihren bald anstehenden 93. Geburtstag hinzuweisen, wenn sie mit einer scharfen Nadel dabei war, seine Schulter wieder zusammenzunähen. Manche Sprüche waren einfach dazu verdonnert, elendig auf der Zunge zu verenden und unausgesprochen wieder geschluckt zu werden.


    «Ich muss für eine Weile abtauchen», sagte Dmitrij. Er atmete bemüht gleichmäßig, während die spitze Nadel immer wieder durch sein Fleisch stach. «Du weißt schon. Von der Bildfläche verschwinden.»


    «Verstehe.» Radost beendete ihr Werk und betrachtete sichtlich zufrieden die frische Naht. «Du schuldest mir aber noch etwas für das letzte Mal, Jungchen. Es hat mich einige Gefallen gekostet, dich nach der Romanow-Sache abtauchen zu lassen.»


    «Ich weiß, aber es ist wirklich dringend.»


    «Und du weißt, dass ich keinen Kredit gewähre. Also entweder du zahlst für dein Verschwinden, oder du musst alleine schauen, wie du aus der Stadt kommst. Kein Geld, kein Abtauchen.»


    «Du gieriges Miststück.»


    «Die Gier ist mit den Armen, Jungchen. Wir alle müssen unser Brot verdienen. Ich habe dich vielleicht aufgezogen, als es deine Eltern nicht konnten, aber ich bin nicht für dein Leben zuständig. Und jetzt sei so gut und lasse deine dreckigen Finger von der Naht. Das entzündet sich sonst wieder und du jammerst mir ewig und drei Tage lang die Ohren voll.»


    Dmitrij wusste, dass er verloren hatte. Radost hingegen war nun so richtig in Fahrt und noch lange nicht mit ihm fertig.


    «Ich hätte dich gestern Abend gebraucht.» Radost starrte Dmitrij in Grund und Boden. «Die Kunden waren am Boden zerstört, als sie hier ankamen und ich ihnen leider mitteilen musste, dass meine Spürnase nicht wie vereinbart aufgetaucht ist. Ihr Sohn ist verschwunden. Du weißt, was mit Kindern in dieser Stadt passiert, die zu lange allein auf der Straße unterwegs sind. Die armen Eltern sind krank vor Sorge.»


    «Komme mir jetzt nicht so», knurrte Dmitrij, während er seine zerfetzte Sportjacke wieder anzog. «Dir sind diese ganzen Kids doch scheißegal. Dir geht es doch bloß um's Geld. Hast du nicht selbst gesagt, dass Kinder niemals ohne Grund weglaufen?»


    Radost nickte. «Natürlich hat es immer einen Grund. Die Eltern des entlaufenen Burschen sind religiöse Fanatiker und ihr ach so frommer Junge ist vermutlich so schwul, dass ihm das verdammte Glitzer schon aus den Ohren tropft. Der Jüngling ist abgehauen, weil er sich die Hörner abstoßen will. Weit weg von den fanatischen Eltern und vor allem weit weg von Mütterchen Homophobia. Aber uns sind eine Menge leicht verdienter Rubel durch die Lappen gegangen. Mama und Papa sind nämlich abgesprungen, nachdem du gestern nicht da warst. Sie lassen ihren Sprössling jetzt von einer kirchlichen Organisation im Großaufgebot suchen. Mit freiwilligen Helfern.»


    «Nutzlos.» Dmitrij bewegte vorsichtig seinen Arm mit der frisch genähten Schulter. Es zog und zwickte unangenehm. «Der Junge hat sich längst einen reichen und magischen Gönner angelacht. Jung und verzweifelt. Darauf stehen die.»


    «Natürlich ist der Bursche längst das Bückstück für einen magischen Sugardaddy. Wir hätten dennoch ordentlich Profit abgreifen können, Jungchen. Verzweifelte Eltern zahlen verzweifelte Summen. Freiwillige Helfer. Pah! Wenn ich diesen Mist nur schon höre.»


    Radost zündete sich eine ihrer stinkenden Zigarren an. Sie wusste ganz genau, dass der widerliche Geruch Dmitrij fürchterliche Kopfschmerzen bereitete. Sie rauchte immer, wenn sie ihn bestrafen wollte. Wie einen ungezogenen kleinen Jungen. Manchmal, so wie heute, nahm sich Dmitrij fest vor, sich beim nächsten Vollmond nicht einzusperren, sondern seiner Pflegemutter einen kleinen Besuch abzustatten. Dann jedoch zeigte Radost ihre weiche Seite. Die Seite, die nicht jeden Kopeken zweimal umdrehte. Es war der kleine, weiche Teil von Radost, der sie vor gut zwanzig Jahren dazu bewegt hatte, den Sohn ihrer ehemaligen Angestellten aufzunehmen, als die Scheiße so richtig am dampfen gewesen war. Natürlich hatte Radost Dmitrij und seine empfindliche Nase für ihre Arbeit ausgenutzt. Sie hatte ihn ziemlich sicher nur deswegen überhaupt erst aufgenommen, aber sie hatte ihm Essen gegeben. Ein warmes Bett. Sich um ihn gekümmert, während alle anderen ihn zurückgelassen hatten. Es war Radost gewesen, diese kleine und alte Zwergin, die ihn bei seinen ersten Verwandlungen nach Einsetzen der Pubertät an Vollmond hinter einer schweren Eisentür weggesperrt hatte. Sie hatte Dmitrij an den schweren Tagen danach versorgt, ihn schlafen lassen und ihn wie ein kleines Kind gefüttert, weil er selbst zu müde gewesen war, auch nur eine Gabel in die Hand zu nehmen.


    «Wie lange musst du untertauchen?» Radost musterte Dmitrij skeptisch. Jetzt hieß es schnell sein, denn das Herz der alten Zwergin war nie besonders lange weich. «Ein paar Tage? Wochen? Monate?»


    «Ein paar Monate, denke ich.»


    «So schlimm?»


    «Quatsch, alles locker. Ich habe mich ja nur mit der Sonderpolizei angelegt. Keine große Sache. Diese Kerle sind ja für ihr leichtes Vergeben und Vergessen bekannt. In ein paar Tagen lachen wir alle über die ganze Sache und trinken feierlich auf Brüderschaft. Was glaubst du denn, verdammt? Natürlich ist es schlimm.»


    «Na schön.» Radost seufzte schwer. «Du hast eine Stunde, dann bist du von hier verschwunden, klar? Ich werde ein paar Bekannte kontaktieren und schauen, was ich so schnell für dich tun kann. Du kennst die Regeln. Ich will keine Details von deinem Ärger wissen. Keine Namen. Sollte die Polizei bei mir auftauchen, sage ich ihnen was nötig ist, um meinen eigenen Hals zu retten.»


    Dmitrij verzog leicht das Gesicht, nickte aber. So war Radost nun einmal. Sie würde ihn für die richtige Summe dem Teufel persönlich verkaufen. Aber immerhin gab sie es offen zu. «Ich kann nicht nach Hause. Meine Wohnung und meine Agentur werden überwacht.»


    «Eine Stunde», blieb Radost hart. «Nicht länger. Ich bin kein Hotel. Auf welchem Weg bist du zu mir gekommen?»


    «Ich bin von der Metro auf Trolleybus umgestiegen und danach per Anhalter weiter. Die Halbmondlinge haben keinen Werwolf, der meine Fährte aufnehmen könnte. Außerdem weiß ich, wie man seine Spuren verwischt. Ich bin kein verfluchter Anfänger, Radost. Also bleib cool, okay?»


    «Ich bin nie cool, wenn du mal wieder abtauchen musst. Du bist ein nutzloser Idiot, Junge. Diese ganze Detektiv-Sache bringt einen Haufen Scheiße und kostet ein Vermögen. Mal ganz zu Schweigen von deinem Bullen-Dracula. Glaubst du ernsthaft, du kannst einfach so für ein paar Monate verschwinden, ohne, dass dieser irre Vampir nach dir sucht? Hat er dir nach der Romanow-Sache nicht fast die Kehle zerfleischt? Wie lange warst du damals weg, mmh? Zwei Wochen? Drei? Was glaubst du passiert, wenn du einen Abhängigen für Monate verlässt? Ich habe dich von Anfang an gewarnt. Lass dich nicht zu oft von einem Vampir beißen. Und was machst du? Du wirst zum Luxus-Snack für so einen elendigen Blutsauger, damit er dir billige Infos zuschiebt.»


    Dmitrij wusste, dass Radost recht hatte. Scheiße, natürlich hatte sie recht. Ein abhängiger Vampir war ein gefährlicher Vampir, wenn man ihm plötzlich die Versorgung abschnitt. Dmitrij wusste noch nicht, was er wegen Graf unternehmen sollte. Er wusste nur, dass sein Magen knurrte. Er würde die einstündige Gnadenfrist ohne jeden Zweifel nutzen, um eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen und das ein oder andere Telefonat zu führen. Er musste seine Mutter erreichen, irgendwie. Sie vor der Sonderpolizei warnen. Falls sie nicht schon längst bei ihr aufgetaucht sind, flüsterte der kleine Teil in Dmitrij, der sich gerne selbst quälte. Es waren die Qualen eines schuldbewussten Sohnes, der sich seit Ewigkeiten nicht mehr bei seiner Mutter gemeldet hatte.


    Wieso aber auch? Olga war verrückt. Sie war mehr Bestie als Mensch. Sie jagte ihr Essen und verspeiste es in der Regel roh und mit einer Gier, die Dmitrij an ausgehungerte Wölfe denken ließ. Und nichts anderes war seine Mutter. Ein hungriger Wolf in Menschengestalt. Sie würde der Sonderpolizei ordentlich wehtun, so viel war klar. Niemand betrat ungestraft ihren Grund und Boden. Ihre Datscha war ihr Heiligtum. Ihr Revier. Aber auch Olga Sorokina war nicht unverwundbar und hatte den ein oder anderen schlechten Tag. Dmitrij musste sie warnen. Ein abenteuerliches Unterfangen, da seine Mutter zwar Strom und sogar ein funktionierendes Telefon in ihrer Datscha besaß, aber selten bis niemals abhob. Frauen wie Olga verabscheuten Telefonate. Sie riefen höchstens an, wenn es um eine ganz konkrete Sache ging und das ganze Gespräch mit Begrüßung und Verabschiedung nicht länger als eine Minute dauerte.


    Nun, wenigstens war Graf dafür recht einfach zu kontaktieren. Nach Jahren der heimlichen Zusammenarbeit hatten beide Männer ein gewisses System entwickelt. Es gab einen ganz bestimmten Ort, an dem man sich immer wieder traf, wenn Dinge hässlich wurden. Und das heute im Revier war quasi ein ganz neues Level an Hässlichkeit. Radost hatte Recht, auch wenn es Dmitrij mächtig gegen den Strich ging. Er musste mit Graf reden, bevor er abtauchte. Natürlich würde sein Abgang dem anderen Mann nicht gefallen, aber es war weit gesünder, den Vampir zu informieren, als ohne ein Wort von der Bildfläche zu verschwinden. Dmitrijs Blut war wie eine Droge für Graf und beide Seiten hatten absolut keine Interesse an einem eiskalten Entzug. So etwas endete immer mit einem Massaker. Ein Massaker, welches Dmitrij gerne vermeiden würde.


    «Das wären dann schon zwei Verschwinden, die du mir schuldig bist!», rief ihm Radost nach, als Dmitrij in der kleinen und viel zu engen Küche verschwand. Er verfluchte Radost leise, wagte es jedoch nicht ihr in irgendeiner Form zu widersprechen. Diese gierige Alte war eine Person, die man lieber auf seiner Seite wusste. Zumindest solange, wie man sie für ihre Treue bezahlen konnte. «Wehe, da kommt nicht bald mal endlich etwas Geld!»


    Dmitrij setzte in der Küche Wasser zum Kochen auf. Er ignorierte Radost, zumindest so weit wie man die keifende Alte ignorieren konnte, und machte sich an die Arbeit.

    Kyelia Wow, welch schmeichelhafte Worte! Dank dir, da werde ich hier ja fast rot. (Ich bin käseweiß, just saying...)

    Verzeih mir meine späte Rückmeldung. Ich habe wegen eines Umzugs gerade Probleme mit dem Internet. Obwohl das Netz hier in Russland um einiges besser ist als in Deutschland (hust) - sitze ich hier gerade ohne. Also "hello" modernes Smartphone mit Internetzugang und hallo vermisstes Forum der Fantasten.


    Es freut mich, dass ich deinen Humor getroffen habe. Noch mehr freue ich mich über deine Worte des Lobs. Ich höre oft, gerade von einem deutschen Lektor, dass ich "zu russisch" schreibe. Dass der Humor beim Leser nicht ankommt, aber du beweist das Gegenteil. Danke! Auch vielen lieben Dank für deine Anmerkung wegen der Länge. Ich hatte wegen der Länge echt viel hin und herüberlegt. Da ich kein "unfertiges" Kapitel online stellen wollte, wurde es halt die Originallänge. Beim Durchlesen im Forum war ich dann selbst erschlagen von der Länge. Ich werde mich dann wohl in Kürzung üben. Danke für die Anregung. :thumbup:


    Grüße aus St. Petersburg

    Kiddel Fee Vielen lieben Dank für deine Worte. Mensch, dieses "ER" ist mir selbst nach dem dritten Durchlauf nicht aufgefallen. Ich versuche zwanghaft Wortwiederholungen zu vermeiden. Gerade am Satzanfang ist das ein absoluter Todfeind. Aber ich Blindling übersehe glatt diese enorme Ansammlung an "Er's" - einfach weil. Somit tausend Dank für den Hinweis :thumbup:
    Wird umgehend korrigiert.

    hier fehlt ein "i"


    Tatsächlich nicht. "DMITRIJ" ist so richtig - und wird so auch im ganzen Roman geschrieben. Die Deutschen lesen und sagen zwar gerne DImitrij, mit einem zusätzlichen I, aber im Original wird es eben Dmitrij geschrieben - ohne I. Weder geschrieben, noch gesprochen. Ich bekam bereits von einem befreundeten Lektor angeraten, die Namen anzupassen, da scheinbar gerade russische Namen oft verwirren. Ich hänge aber oft an Namen und ändere diese nur ungern ab.


    Grüße aus St. Petersburg


    :D

    Hey-Ho, let's go, du Mit-Fantast!

    Sehr sympathische Vorstellung. Bin auch noch recht "frisch" hier unterwegs und kann dir versichern, dass die Leute hier super dufte und hilfsbereit sind. Hab mich hier direkt wohlgefühlt. Der direkte Austausch hilft enorm - und macht Bock.


    Du schreibst und liest Urban-Fantasy? Sehr schön. Dann werden wir zwei sicher noch öfters miteinander die Ehre haben.


    Freu mich schon auf deine Werke.


    Grüße aus St. Petersburg


    8)