Beiträge von N. Kalinina

    Kanzu Moin, sag ich da nur.


    Lande gut, fühle dich hier wohl und lebe dich gemütlich ein.


    Die Leute hier sind echte Perlen, so viel weiß ich. Behandel sie daher bitte mit Respekt - und du wirst viele neue Schreiberlinge finden, die dir mit Freuden bei schwierigen Textstellen helfen. Generell findet man sich hier immer, irgendwie.


    Stößchen aus Berlin,


    N.

    Panda


    Zitat

    Mina war nicht gut drauf.

    Eigentlich war sie nie gut drauf.


    Ja, du. Da bin ich ja auch direkt schon wieder Feuer und Flamme. Sympathisch.


    Ne, jetzt mal ernsthaft. Es heißt ja immer, der erste Satz soll den Leser bereits begeistern. Also ich fand den super. Weil; wieso IST Mina mies drauf? Okay, yeah, sie scheint jetzt nicht gerade ein Kind der Sonne zu sein, aber ich als Leser bin direkt angestachelt. Gefällt mir.


    Dann jedoch lässt es etwas nach.


    Zitat

    Besonders dann nicht, wenn sie zur Schule musste. Dann begann der Tag schon übel. Immer dieses Ärgernis mit dem Aufstehen, das verfluchte duschen und dann natürlich die Odysee des Ankleidens.

    Sie hasste das alles.

    Das Mädchen hatte bereits vor einiger Zeit damit begonnen, zwei Stunden früher aufzustehen, damit sie zum Einen ihrem kleinen Nervzwerg von Bruder, und zum Anderen dem allmorgendlichen Geschmachte zwischen ihrer Mutter und deren neuen Freund entging.


    Ich arbeite für einen Verlag und du glaubst nicht, wie oft man am Tag eine "Aufwach-Szene" zu lesen bekommt. Oder eine "Hallo, mein Name ist XY und ich bin 16 Jahre alt." I'm feed up with this. Wobei man hier sagen muss, dass ein gewisser trockener Humor durchschwingt. Aber wie genau bringt dieser Start-in-den-Tag-Beginn den Leser weiter?


    Das hat vielleicht bei "The Hunger Games" funktioniert, weil die Hauptperson ihren Tag an einem ganz bestimmten TAG beginnt. Man bekommt die Welt kurz und knackig erklärt - und dann ändert sich alles. Dann kommt der Wandel. Der Einstieg sorgt dafür, dass man sich um die noch recht neuen Charaktere sorgt und um sie kümmert.


    Hier verhält es sich jedoch etwas anders. Ich bin als Leser recht schnell raus, nahzu angeödet.


    Zitat

    "Aber wenn du nicht kannst, kein Thema."


    Das ist ja was, was ich absolut "feiere". Ich mag es ja generell nicht, wie man die "Jugendsprache" als etwas (nur halb so schlimmes) wie die Pest darstellt. Weil, hallo - die Jugend bewegt. Die Jugendlichen sind verdammt kreativ. Ich bin jetzt 30 Jahre alt und breche bei manchen Worten aus dem "Jugend-Slang" heute noch vor Begeisterung weg. Allein "wegbrechen" ist verdammt on point. Junge Sprache ist fetzige Sprache - eine neue Kunst mit eigenen Regeln.


    Ich mage es, wie die Charaktere hier ihrem Alter entsprechend reden. "Yo.", "Kein Stress", " - und so...."


    Sehr gut. Das steigert das Gefühl des realen Seins.

    Zitat

    "Wirklich? Schon wieder?" fauchte sie enttäuscht. "Evelyn, wenn du dich nicht bald zusammen reißt, kommst du nie auf einen Grünen Zweig, wirst keinen Abschluss haben und auch keinen guten Job! Das liegt doch alles nur an diesem Jack-Typen!"


    Kann man enttäuscht fauchen? Also ich kann das nicht. Ich kann nicht mal wirklich "Fauchen", wenn wir ehrlich sind. Ich bin keine Katze. Hier würde ich die übertriebene Übersteigerung weglassen. Ich hätte hier eher "Seufzte" oder "Zischte" verwendet. Aber auch das kann man gerne weglassen. Nicht jeder Satz muss von einem Verb in Szene gesetzt werden.


    Hier ein Beispiel, was ich meine:


    "Alter." Boris nippte an seinem Bier. Sein linkes Knie wippte auf und ab. Es herrschte ein kurzes Schweigen. "Uncool. Echt jetzt."


    Oder:


    "Sie halten sich wahrlich für amüsant, nicht wahr?" Viktoria verzog keine Miene. "Zu Ihrem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie eher ermüdend, als unterhaltsam sind."


    You see what I did there? Kein einziges Mal wird "sagte", "fauchte", etc. erwähnt. Leser lieben Dialoge, denn wir Menschen unterhalten uns nun einmal im realen Leben. Trau deinen Lesern zu, dass sie die Stimmung wie Frust und Zorn auch ohne überflüssige Verben oder Satzzeichen erkennen.


    Zitat

    *Natürlich haben Mina und Jack aufgepasst. Ich als Autor kann doch nicht zulassen, dass meinen Helden etwas passiert. Anm. d. Autors*


    Das hat mich etwas irritiert. Weil dah - ich als Autor bring verdammt oft Charaktere um, beziehungsweise lasse sie sterben. Ihnen passiert etwas - da keine Heldenreise ohne etwas Leid glaubwürdig ist. Roman mit Happy-End? Okay, cool. Aber etwas Wandel, Bewegung und Verlust gehört zur menschlichen Entwicklung dazu. Wobei ich hier ja auch wieder sehr trockenen Humor erahne, aber selbst dann ist dieses plötzliche Auftauchen des Autors als auktorialer Erzähler etwas verwirrend. Es passt einfach nicht.


    Aber hey, es geht weiter - und vieles klärt sich im Verlauf einer Geschichte.


    Das sind jetzt erstmal meine ersten Gedanken dazu.


    Freu mich auch mehr,


    N.

    @Katharina Wow! Vielen herzlichen Dank für deine tollen Eindrücke und Hinweise. Dein Text hat mir sehr geholfen. Ich wohne ja selbst in Berlin und daher bin ich etwas "blind" für die Eindrücke der Leser, die die Stadt nicht so kennen. Auch deine Anmerkungen bezüglich des Prologs wurden sehr zu Herzen genommen.


    Der Name "Mücahit" spielt eine große Rolle, daher wurde er (leider) etwas mehr als nötig erwähnt. Dieser Mangel wird aber umgehend behoben. Malikas Teil wird sich (vorerst) aber nicht ändern. Ich arbeite selbst freiberuflich für eine Orga für Street-Kids und da fielen mir genau diese Gedanken auf. Diese Menschen kümmern sich um nichts, nehmen vieles einfach an - aber fühlen sich um so mehr selbst im Stich gelassen. Das wollte ich irgendwie vermitteln.


    Ganz ist es der Sache noch nicht würdig. Daher nochmals DANKE für deine Zeit und deine hilfreichen Anmerkungen.


    Ich wünsche einen zauberhaften Sonntag.


    N.


    :fox:


    @ Der Wanderer Mensch, was würde ich nur ohne dich machen? Nicht viel, denke ich. Herzlichen Dank für deine Anregung. Der (peinliche) Fehler wurde umgehend behoben. Nochmals ein herzliches DANKE dafür.


    Es ist unglaublich, wie dieses Forum einem hilft und es bleibt eine Ehre hier sein zu dürfen.


    Nochmals DANKE für deine Umsicht, dein kritisches Auge und deine Meinung, die mir sehr viel bedeutet.


    Herzliche Grüße aus Berlin,


    N.

    K A P I T E L

    - 1 -



    ☙•❧

    »Wendy knew that she must grow up. You always know after you are two. Two is the beginning of the end«

    (Peter Pan)

    Original von James Matthew Barrie

    1860-1937

    ☙•❧




    Mücahits ohnehin schon beschissene Nacht wurde noch ein ganzes Stück beschissener, als sein Chef den Mund aufmachte. Eine äußerst lästige Angewohnheit.


    »Ehrlich, Junge. So geht das nicht. Das ist das dritte Mal in dieser Woche, dass sich Kunden über dich beschweren. Willst du mich ruinieren?«


    »Er war ein Arschloch.«


    »Na und? Das ist jeder, der nach Mitternacht in den Laden gestolpert kommt. Aber siehst du mich die Nerven verlieren? Nein. Ich habe meine Emotionen im Griff. Diese Arschlöcher bezahlen nämlich unseren Lohn. Geld. Money. Cash. Verstehst du das? Keine Arschlöcher, keine Kröten.«


    Ein heftiges Pochen direkt hinter Mücahits Stirn kündigte eine ausgemachte Migräne an. Normalerweise kündigten sich diese Anfälle schon Tage vorher an, alles schmeckte irgendwie bitter und jedes noch so gedimmte Licht stach in den Augen, aber diese Migräne war eine von der spontanen Sorte. Kurzfristig, aber nicht weniger bösartig.


    »Hast du das verstanden, Junge?« Pawełeks Worte randalierte in Mücahits Schädel wie eine Gruppe betrunkener Hooligans, die nach einem verlorenen Spiel auf Fans des gegnerischen Fußballteams trafen. »Junge, hörst du mir zu?«


    »Ja, verdammt nochmal.« Mücahit rieb sich konzentriert die pochenden Schläfen. Er atmete tief ein und langsam wieder aus. Jede Faser in seinem Körper konzentrierte sich mit nahezu manischer Entschlossenheit darauf, jetzt bloß nicht auszurasten. »Ich bin nicht dein beschissener Junge, Paw.«


    Pawełek verschränkte mürrisch die extrem behaarten Arme vor der Brust. Sie erinnerten Mücahit irgendwie an kleine Babyaffen, die verzweifelt irgendwo Halt suchten. »Du bist von 17.00 bis 03.00 Uhr verdammt nochmal Molly Ringwald, wenn ich dir das sage, Junge. Ich bezahle deinen Arsch, also habe gefälligst Respekt vor mir und meinem Lebenswerk.«


    Einen kleinen Spätkaufladen am Kotti als Lebenswerk zu bezeichnen war entweder verflucht traurig, oder verdammt minimalistisch. Aber so war Pawełek nun einmal. In den Händen des Polen wurde selbst Scheiße zu Gold. Zumindest seiner Meinung nach. Für den Rest der Welt blieb Scheiße nun mal eben Scheiße.


    »Wir haben außerdem eine weitere schlechte Bewertung im Netz. Du hast einer Kundin das Smartphone aus der Hand gerissen und es aus dem Laden geworfen? Willst du mich ruinieren, Junge? Reiß dich zusammen. Du bist ein junger Mann. Flirte mit den Ladies. Sei der Kumpel von den Kerlen. Von mir aus auch umgekehrt, juckt mich nicht, aber bekomme deine verdammten Wutanfälle in den Griff. So eine Kacke kannst du echt nicht bringen.«


    Zu Mücahits Verteidigung musste man dazu sagen, dass die Smartphone-Lady echt gestresst hatte. Sie hatte die ganze Zeit lautstark telefoniert, alles zweimal angefasst und war immer und immer lauter geworden. Die Dame hatte einen Rauswurf provoziert.


    »Sie hat telefoniert, Paw.« Mücahit nahm die Hände von den immer noch pochenden Schläfen und ballte sie zu Fäusten. Er atmete tief ein. Langsam wieder aus. »Ich hasse es, wenn Leute laut telefonieren. Wieso telefoniert eigentlich jeder Arsch so viel? So viel wie die Alte gequatscht hat, kann niemand zu erzählen haben. Und ihre Stimme. Du hättest ihre Stimme hören sollen. Messer auf Tafel, sag ich dir.«


    Pawełek seufzte schwerfällig und rieb sich müde über das Gesicht, während er polnische Verwünschungen in seine Hände murmelte. Er war unrasiert und trug das gleiche Hemd wie gestern. Zudem gab es keine Spur des schmucklosen Eherings, den er sonst immer trug. Mücahit sprach, bevor er genauer darüber nachdenken konnte. Ein echter Klassiker.


    »Heute Nacht wieder auf dem Sofa gepennt, Boss?«


    »Das geht dich einen Scheiß an.« Pawełek war ein Mann, der seinen privaten Frust in sich hineinfraß. So ein einsamer Trinker, der in Unterwäsche müde auf dem Sofa hockte, während sich seine zukünftige Ex-Frau wütend im ehemals gemeinsamen Schlafzimmer verriegelte als wäre es Fort Knox.


    Mücahit war dieses Drama Leid. Seit vier Monaten herrschte im Hause Zieliński eisernes Schweigen, abgelöst von kurzen und heftigen Vorwürfen, Beleidigungen und cholerisches Gekeife. Zwölf Jahre Ehe hin oder her, seiner Meinung nach war Pawełek ein Schlappschwanz, Mathilda eine herzlose Schlampe und die Ehe ohnehin etwas, was viele Menschen in den falschen Hals bekamen. Aber wie so oft scherte sich niemand um Mücahits glorreiche Meinungen. Eine echte Schande, seiner Meinung nach.


    Pawełek knurrte etwas auf Polnisch, dann stampfte er ohne ein weiteres Wort davon, wobei er es sich nicht nehmen ließ gegen eines der Regale auf dem Weg zur Tür zu treten. Osteuropäische Süßigkeiten stürzten wie selbstmörderische Lemminge vom Regal in die Tiefe und blieben unbeachtet auf dem Boden liegen. Die Ladentür knallte so laut hinter Pawełek zu, dass Mücahit fast der Schädel explodierte.


    »Arschloch«, knurrte er und zeigte der alten Holztür beide Mittelfinger.


    Mücahit ließ sich Zeit mit dem Aufsammeln der suizidalen Süßigkeiten. Er hasste Süßkram. Genau wie Kaugummi und Zigaretten. Es war wie mit allen Dingen, von denen man irgendwann im Leben zu viel gehabt hatte. Es hing einem zum Hals raus. Auch wenn sich Mücahit nicht direkt daran erinnern konnte, jemals viel von diesen Dingen konsumiert zu haben. Er wusste es einfach, tief in seinem Inneren. Es war das gleiche Wissen, welches einen als Erwachsener davon abhielt herzhaft in ein Stück Seife reinzubeißen, das nach Vanille roch und geformt war wie ein Stück weiße Schokolade. Man wusste einfach, dass man als Kind diesen Fehler gemacht und daraus gelernt hatte, auch wenn es keine Erinnerung daran gab. Es war der Lauf der Zeit. Es gehörte zum Heranwachsen Omas teure und gut riechende Deko-Seife zu futtern. Wobei sich Mücahit nicht einmal an seine Großmutter erinnern konnte. Wie immer, wenn er versuchte einen klaren Gedanken in diese Richtung zu spinnen und zu verfolgen, wurde das Pochen hinter seiner Stirn nahezu unerträglich und er ließ den Gedanken los, ehe der Schmerz zu heftig wurde.


    Mücahit war gerade dabei die Zeitschriften zu sortieren - ein wortloses Friedensangebot für Pawełek, bevor ihn der Alte im Scheidungswahn tatsächlich noch rauswarf-, als er sich beim gedankenlosen Summen erwischte. Es war eine nichtssagende Melodie und Mücahit hielt mitten in der Bewegung inne, dabei die neuste Ausgabe einer geschmacklosen Klatsch-Zeitschrift in der Hand, die das Papier und die gefällten Bäume nicht wert war. Zwei Euro für sich ewig wiederholenden Klatsch und Gewinnspiele, wo sicher nie irgendwer was gewann. Mücahit stopfte die Boulevard-Zeitung brutal in die Vorrichtung des Verkaufsständers und zog verärgert die Augenbrauen zusammen.


    Er summte nie.


    Niemals.


    Jede Form von Musik beunruhigte Mücahit. Ganz egal, ob es akustische Töne oder leiser Gesang war. Ein gedankenverlorenes Summen. Ein unvorsichtiges Pfeifen. Sobald eine Melodie erklang, sei sie noch so stümperhaft, krampfte sich in Mücahit alles zusammen. Seine Organe schienen sich dann jedes Mal brutal gegenseitig aus dem Weg drängen zu wollen, ohne eine Ahnung davon zu haben, in welche Richtung sie wollten. Manchmal bildete sich Mücahit ein, beim Erklingen von Musik den Gestank von abgestandener Luft, Schweiß und Pfeffer in der Nase zu haben. In den wirklich schlimmen Nächten roch Mücahit nicht nur das Elend, er träumte auch von einem viel zu kleinen Stoffzelt, einem sonderbaren Leuchten und Kinderstimmen, die mit ihm sprachen. Er träumte von Reißzähnen in der Finsternis und einem unheimlichen Donnern in der Ferne.


    Ratter-Ratter-Peng-Ratter-Ratter-Peng ...


    Ein lautes Krachen erklang.


    Mücahit stolperte fluchend gegen den Zeitungsständer und legte einen halb komischen, halb halsbrecherischen Tanz aufs Parkett, während er verzweifelt nach Halt suchte, ohne dabei den Ständer umzuwerfen.


    »Was soll der Scheiß?«, blaffte er in Richtung Eingang, kaum hatte er sich und den Ständer gefangen. Der Neuankömmling war der korpulente Nachtlieferant, irgendein Cousin von Pawełek. Der Kerl nickte immer, egal was man zu ihm sagte und hatte das nervöse Grinsen eines Mannes schief im Gesicht kleben, der die meiste Zeit seines Lebens nicht verstand, was zur Hölle nochmal die Welt eigentlich von ihm wollte. »Ich schwöre, ich hänge diese verdammte Tür heute noch aus.«


    Der Cousin nickte, lächelte neutral und nickte noch etwas mehr.


    »Man kann diese Tür ganz normal öffnen. Normal. Verstehst du? Kein Knallen. Kein BUMM-BANG!«


    Wieder Nicken. Wieder Lächeln.


    »Leck mich, Alter. Du verstehst kein verdammtes Wort von dem was ich sage, stimmt’s?«


    Nicken. Lächeln.


    Der Cousin schlurfte an Mücahit vorbei, trug ein paar leere Kisten aus dem Vorratsraum zum im Halteverbot parkenden Lieferwagen und ein paar volle Kisten vom Lieferwagen in den Vorratsraum - und so weiter. Er schien Mücahit in seinem emsigen Hin- und Her längst wieder vergessen zu haben. Musik drang aus den kleinen In-Ear-Kopfhörern, von denen der Fahrer einen im linken Ohr hatte, den anderen lässig nach unten baumelnd um den Hals trug.


    »Yo!«, rief Mücahit nach einer Weile. »Wo ist der Lieferschein?«


    Der Cousin zuckelte achtlos an ihm vorbei und machte mit seiner Arbeit weiter. Er ignorierte Mücahit mit einer Ausdauer, die fast schon bewundernswert war. Vermutlich könnte die Welt untergehen und der Kerl würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dieser Mistkerl war die Ruhe in Person. Volle Kisten wurden hereingetragen, leere Kisten verladen und Mücahit war so kurz davor zu explodieren.


    »Alter«, sagte er langsam. »Ich habe gerade eine echt beschissene Nacht. Also versuche wenigstens mich zu verstehen. Do you speak english?«


    Lächeln. Dann ein kurzes Winken zum Abschied.


    »Du verfluchter - «


    Die Tür knallte lärmend ins Schloss. Nicht weniger schwungvoll wie bei Pawełeks Abgang. War vermutlich so ein verdammtes Familiending; Türknallen und wortlos abzischen. Gereizt massierte sich Mücahit die Stirn, die inzwischen nicht weniger als seine Schläfen pochte. Ein unangenehmes Ziehen im Kiefer machte klar, dass sein Schädel wieder in Mörderlaune war. Diese Migräne würde böse werden, da hatte er keinen Zweifel. Spätestens in zwei oder drei Stunden würde Mücahit wie ein Häufchen Elend hinter der Kasse des Spätkaufladens hängen und wünschen, er wäre nie geboren worden.


    Was eine elendige Scheißnacht.



    ☙❧



    Irgendetwas stimmte nicht.


    Da war sich Malika ganz sicher. Sie konnte sich auf nichts und niemanden in dieser Welt verlassen, aber ihr Bauchgefühl hatte immer Recht. Es war dumm, nicht auf sein Bauchgefühl zu hören und Dumme wurden auf der Straße nur selten alt.


    Malika beobachtete misstrauisch die Passanten in der U-Bahnstation, während sie mit ihrer Flöte spielte und überlegte, ob es sich überhaupt lohnte, hier ihre Musik zum Besten zu geben. U-Bahnhöfe waren schlecht für das Geschäft, denn es blieb nur selten irgendwer stehen. Die Menschen strömten in die Bahnen ein und aus, jeder mit sich selbst beschäftigt und die Blicke in Richtung Ausgang. Termine, Termine, Termine ...


    Malika mochte keine U-Bahnhöfe. Sie verbrachte die Tage und Abende lieber in den Parks der Stadt, aber es schüttete schon seit Stunden wie aus Eimern. In den unterirdischen Bahnhöfen stank es zwar immer nach Pisse, aber wenigstens war es trocken. Zudem kam sie von hier aus direkt mit der U9 zur Unterkunft, wo sie ab 22 Uhr etwas zu Essen bekam und ein Bett zum Schlafen. Die Damen dort waren ganz nett und es wurde kaum etwas gestohlen.


    Aktuell war es kurz nach acht und Malika musste sich somit noch etwas die Zeit vertreiben, ehe sie in die trockene Wärme der Unterkunft fliehen konnte. Es war einer der wenigen Orte in dieser Stadt, an denen überhaupt an Schlaf zu denken war. Die trockenen Plätze unter den Brücken waren unbrauchbar, seit die Stadt sie mit einem Minenfeld aus Asphaltspitzen geschmückt hatte. Beschissene Taubenabwehr – nur für Obdachlose. Ein Jammer, dass Menschen im Gegensatz zu Vögeln nicht einfach davonfliegen konnten. Irgendwo in Richtung Süden.


    Malika gab ein paar Melodien zum Besten, die niemanden interessierten. Die Menschen stampften an ihr vorbei, als würde sie dort gar nicht sitzen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und einen Becher zu ihren Füßen. Doch wie immer folgte Ärger der Ignoranz dicht auf.


    »Yo, Fotze!« Zwei Halbstarke kamen auf sie zu. Gang bemüht lässig. Die Hände tief in den Taschen der Trainingshosen. »Bock, mal auf unseren Flöten zu spielen?«


    Die Jungs grinsten blöd.


    »Schon mal eine Flöte im Arsch gehabt?«, fragte Malika tonlos. Sie schob ihren gefütterten Parka zur Seite, damit diese zwei Arschgeigen ihr Messer sehen konnten. »Geht brav weiter, bevor mir noch was wirklich spitzes ausrutscht.«


    Die Jungs zeigten ihr den Mittelfinger, aber Malika ignorierte sie. Diese zwei Halbstarken waren nicht der Rede wert. Große Klappe, nichts dahinter. Kein Grund zur Sorge. Malika kannte ihre Pappenheimer. Es gab die Halbstarken, die Besoffenen, die Junkies und die wirklich üblen Typen. An jeder Ecke lauerte Gefahr, wenn man zur falschen Zeit den falschen Arschlöchern im Weg saß. Auf der anderen Seite fuhr lärmend eine U-Bahn ein. Menschen stiegen aus, Menschen stiegen ein. Ein kleiner Hund kam freudig auf Malika zu, doch ehe sie die Hand nach ihm ausstrecken und ihn streicheln konnte, wurde er brutal an seiner Leine zurückgerissen.


    »Böser Hund!«, blaffte ihn seine alte und faltige Besitzerin an. »Böser, böser, böser Hund! Pfui!«


    Malika reinigte gerade ihre Flöte, wenig hygienisch mit Spucke und Puste, als eine Kinderstimme neben ihrem linken Ohr erklang.

    »Diese verfickten Hexen lassen einen nie ihre Hunde streicheln.«


    Malika bekam fast einen Herzinfarkt.


    »Was zum - «


    Ein kleiner Junge hockte neben ihr, höchstens sechs oder sieben Jahre alt. Der Bursche war blass, nahezu gespenstisch bleich und hatte die Augen leicht zusammengekniffen. Sein zorniger Blick galt der Alten, die ungeduldig ihren Hund zum Ausgang des U-Bahnhofs schleifte. Malika hatte keinen Dunst, wo her der kleine Scheißer plötzlich herkam.


    »Ich kann sie für dich abstechen«, sagte der Junge im Plauderton und schenkte Malika ein zahnlückiges Grinsen. Er hatte Locken, die ihm am Schädel klebten. Der Kleine schien geradewegs aus dem Regen in der Traufe gelandet zu sein. »Kostet dich nur was.«


    Malika sah sich verstört nach Erwachsenen um, die zu dem Kleinen gehörten, doch niemand schien sich für den Jungen zu interessieren. Instinktiv reinigten ihre Finger weiter die Flöte, während Malikas Verstand Amok lief. Ihre Alarmglocken schrillten.


    »Keine Musik«, sagte der Junge ernst und deutete auf Malikas Flöte. »Nicht hier. Niemals unter der Erde. Sie hören dich sonst.«


    »Wer?« Malika sah sich erneut nach einem Erwachsenen um. Einem genervten Vater, einer hysterischen Mutter, aber niemand kam auf sie zugeeilt, um das Kind von der Obdachlosen wegzuzerren.


    »Na, die Lauscher.« Der Junge tippte sich gegen die Nasenspitze. »Bist du irgendwie dumm, Lady?«


    »Wo sind deine Eltern?«, fragte Malika misstrauisch.


    Der Junge starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren.


    »Meine was?«


    »Deine Eltern. Mama und Papa.« Und weil Malika ein sehr offener Mensch war, fügte sie rasch hinzu; »Oder hast du Mamas? Papas? Man kann ja mehrere haben.«


    Der Junge zuckte nur mit den Schultern und kaute auf Fingernägeln herum, die fast noch schmutziger waren als Malikas. Die Hände des Jungen sahen aus, als hätte er erst kürzlich im Dreck gewühlt. Generell schien das Outfit des Jungen aus einem „Mode für den jungen Ausreißer“- Katalog aus den 80ern zu stammen. Ausgeleierte Schlafanzughose, zwei verschiedenfarbige Gummistiefel und ein kleiner Rucksack mit dem Aufdruck der Ninja Turtles, der gut gefüllt war. Irgendwas daraus tropfte zu Boden. Es war kein Regenwasser, dafür war die Flüssigkeit zu dunkel. Sie erinnerte Malika irgendwie an Blut.


    »Sag mal, Kleiner. Bist du von zu Hause weggelaufen?«


    »Wen juckt’s.« Der Junge kniff die Augen zusammen. »Bist du’s?«


    »Klar. Schon vor Jahren.«


    Der Junge nickte und betrachtete eingehend Malikas Becher mit Kleingeld. »Gute Wahl«, sagte er altklug. »Erwachsene machen nur Ärger. Alles Quatsch mit Soße.«


    »Verstehe«, sagte Malika und verstand überhaupt nichts. Sie schraubte ihre Flöte wieder zusammen und wollte sie gerade an ihre Lippen setzen, als der Junge zornig kreischte. Ehe Malika reagieren konnte, wurde ihr wütend die Flöte aus den Händen gerissen. Der Junge flitzte in Blitzgeschwindigkeit über die Plattform und sprang achtlos geradewegs ins Gleisbett.


    Malika hatte sich gerade einmal fluchend auf die Beine gerafft, als der kleine Dieb bereits im dunklen U-Bahn-Tunnel verschwunden war. Niemand der Anwesenden schien etwas bemerkt zu haben, denn kein besorgter Erwachsener lief ihm nach, niemand rief verstört nach Bahnhofspersonal. Die elektronische Anzeige verkündete, dass in einer Minute die nächste U-Bahn einfuhr. Der Junge würde gnadenlos überrollt werden. Vorausgesetzt, er bekam nicht vorher schon einen elektrischen Schlag. Waren U-Bahngleise überhaupt elektrisch geladen? Oder war das nur eine dieser tausend Lügen, die man im Laufe des Lebens erzählt bekam – und niemals vergaß? Malika war drauf und dran laut um Hilfe zu rufen, als ihr Blick auf den Boden fiel. Es dauerte einen Moment bis sie verstand, was sie an der kahlen Stelle zu ihren Füßen störte.


    Dieser kleine Dreckskerl hatte nicht nur ihre Flöte, sondern auch ihren Münzbecher geklaut.


    P R O L O G



    ☙•❧

    »To die would be an awfully big adventure«

    (Peter Pan)

    Original von James Matthew Barrie

    1860-1937

    ☙•❧




    Er war kein Angsthase.


    Ganz egal, was diese Blödmänner auch sagten. Fero fürchtete sich nicht. Niemals, wirklich nie, aber diese verfluchte Stadt machte ihn nervös. Berlin war groß, fremd und so endlos grau. Selbst die bunten Lichter, mit denen sich die unzähligen Bars wie männliche Pfauen aufplusterten und präsentierten, vertrieben nie ganz diese Leere, die wie Nebel über dem Asphalt hing. Fero hasste die Oberwelt.


    Er bevorzugte die alten Tunnel unter der Stadt, dort, wo der Himmel endlich war und Erwachsene keinen Zutritt hatten. Dort, wo es keine Großen gab. Keine Regeln. Keine Verbote, die scheinbar nur für Kinder galten. Die Hände tief in den Tachen seiner ausgeblichenen Jeans vergraben, summte Fero eine zusammenhangslose Melodie. Er summte immer, wenn er unter freiem Himmel war. Das war die einzige gute Sache an der verdammten Oberwelt. Hier stiegen die Melodien gen Himmel empor und verteilten sich, vom Wind getragen bis ans andere Ende der Welt. Musik wurde hier vergessen. Wie die meisten Geräusche erzeugten die gesummten Melodien kein Echo, sondern wurde einfach weggeweht. Unten in den Tunneln war Musik gefährlich, die Dunkelheit hatte Augen und vor allem Ohren und man wusste nie, wer einem gerade zuhörte.


    Zwischen Asphaltboden und schwarzer Unendlichkeit summte Fero seine Einsamkeit hinweg. Einsamkeit war in Ordnung. Einsam und verloren fühlte sich jeder mal und es hatte nichts mit Angst zu tun. Mit Einsamkeit kannte sich Fero aus. Wenn er eine Sache in den Tunneln gelernt hatte, neben dem Umgang mit dem Messer und die Tatsache, dass jedes Geräusch einen umbringen konnte, dann war es, dass man sich sogar in einer eng zusammengerauften Bande alleine fühlte.


    Nur noch zwei Straßen, dachte er. Er summte noch ein wenig lauter. Ein wenig schneller. Nur noch zwei Straßen, dann bin ich weg von diesem beschissenen Himmel ohne Ende.


    Man konnte dem Himmel nicht trauen. Von dort kam nur Ärger, ganz egal, ob es Regen oder Bomben waren. Fero hasste beides. Die eine Kacksache machte ihn permanent krank, ließ die Welt nass und feucht und die Knochen kalt werden, und die andere Kacksache hatte seine Heimat zerstört. Fero hörte auf zu summen, als er sich mit zitternden Fingern eine selbstgebaute Zigarette anzündete. Es war eine schöne Zigarette. Nicht so ein armseliges und schiefes Ding, wie sie Pips immer rauchte. Fero war ein echter Zauberer, was den Umgang mit Tabak und Papier anging. Er war ein geschickter Junge mit geschickten Fingern. Manchmal, wenn er in der Nacht an seiner üblichen Wand lehnte und auf Kundschaft wartete, baute Fero kleine Frösche und Kraniche aus altem Kaugummipapier. Es waren schöne Tiere, sauber gefaltet und glattgezogen und könnte man von Origami leben, wäre Fero der reichste Junge auf der Welt. Er würde nie wieder andere Menschen anfassen müssen. Die Zigarette glühte wie ein kleines Leuchtfeuer in der Dunkelheit, als er kräftig an ihr zog.


    Nur noch zwei Straßen ...


    Das Summen setzte wieder ein. Nur kam die Melodie nicht aus Feros Mund, sondern strich unangenehm über seinen Nacken. Er fluchte, als er sich vor Schreck an der Zigarette verbrannte und wirbelte in einer einzigen Bewegung herum, die Zigarette in der einen Hand, in der anderen sein hektisch gezücktes Springmesser. Da war niemand. Die Straße war leer, weit und breit kein Lebewesen in Sicht. Und dennoch spürte er, dass er nicht alleine war. Etwas war hier, ganz in seiner Nähe.


    »Komm raus, du Arschloch!«


    Fero stocherte mit dem Messer in die Luft. Beine gespreizt. Brust aufgeplustert. Angriff war die beste Verteidigung und ein verlorener Junge kannte keine Angst. Wer hat Angst vor den Schatten der Nacht? NIEMAND! Und wenn sie kommen? DANN KÄMPFEN WIR! Feros Herzschlag hämmerte hart gegen seinen Brustkorb. Seine Finger waren schwitzig und glitten ohne wirklichen Halt über das abgegriffene Messer. Er lauschte angestrengt, während er sich umsah.


    Das Summen setzte wieder ein. Leise und beruhigend. Der eben noch bis an die Haarspitzen angespannte Junge ließ schlaff das Messer sinken. Ein Gefühl von Geborgenheit durchströmte ihn. Von Liebe. Diese Stimme. Diese Melodie. Fero kannte diese Melodie, auch wenn er nicht wusste woher. Aber was spielte es schon für eine Rolle? Die Hauptsache war, dass er ihr vertrauen konnte. Dieser Melodie konnte man folgen. Sie beschützte einen, wie ein Regenmantel den Körper vor der herabstürzenden Nässe. Alles würde gut werden, das spürte Fero ganz genau. Jeder Nerv seines Körpers vibrierte wie die Saiten einer Harfe, die sanft angezupft wurden.


    Die Melodie war so unfassbar vertraut, so zart, so schön und Fero hatte das Gefühl vor Freude zu sterben. So klang pures Glück. Hoffnung. Ein Happy End. Er musste nie wieder hungern. Nie wieder Männer mit leeren Augen anfassen und sich auch nie wieder für ein paar lausige Scheine anfassen lassen. Niemand konnte ihm je wieder etwas anhaben. Keine Erwachsenen. Keine Schatten und Lauscher in den Tunneln. Kein endloser Himmel. All das versprach ihm die Melodie und Fero bewegte sich wie in Trance.


    Er lachte, glücklich und so laut, wie er schon seit Jahren nicht mehr gelacht hatte. Er streckte beide Hände nach dem Summen aus. Nach all dieser Liebe.


    Die Melodie verstummte.





    K A P I T E L

    - 4 -


    «Vampire sind wie dieser unangenehme Cousin mit einem Alkoholproblem, den niemand einlädt, der aber dennoch auf jeder Familienfeier auftaucht, schlechte Witze reißt und irgendwem "aus Versehen" an den Arsch fasst.»



    «Noch ne’n Kaffee, Kumpel?»


    Dmitrij nickte, ohne dabei den Blick von der verschmierten Glastür der kleinen Bar zu nehmen. Das Lokal befand sich wie viele seiner Art im Keller eines alten Wohnhauses und war nur über eine schmale und brüchige Steintreppe von der Straße aus zu erreichen. Orte wie dieser wirkten selbst an hellen und sonnigen Tagen irgendwie düster. Es drang so gut wie niemals Tageslicht in die ranzige Absteige. Jetzt, weit nach Mitternacht, konnten menschliche Augen trotz der Lichtröhren kaum etwas erkennen. Ein Ort wie dieser lockte die Nachtaktiven, Schlaflosen und Schichtarbeiter an, die sich ihre verhassten Chefs aus dem Gedächtnis saufen wollten. Der Ort war auch bei Straßenkindern recht beliebt, da keiner der Angestellten jemals nach einem Ausweis fragte. Die Bar servierte treu nach dem Motto: Hast du Geld - bekommst du alles.


    «Wir haben heute Oreschki im Angebot», verkündete der Zwerg stolz, der gerade Dmitrijs Tasse bis zum Rand mit kochend heißem Kaffee füllte. Zwerge machten niemals halbe Sachen. «Du siehst aus, als würdest du etwas herzhaftes Gebäck vertragen können, Kumpel. Oder eine halbe Flasche Petersburger Zwergenbräu


    Dmitrij schüttelte den Kopf. Seine Augen klebten immer noch auf der Tür. Wo zum Teufel blieb Graf? Er hockte hier schon seit einer geschlagenen Stunde. Langsam aber sicher wurde er unruhig.


    «Wir haben auch noch Watruschki. Halber Preis, weil von gestern und so.» Der Kellner schien klare Vorstellungen davon zu haben, was und vor allem wie viel Gäste während seiner Schicht zu konsumieren hatten. «Sind echt lecker. Die besten Watruschki der Stadt. Dazu noch ein kaltes Bier. Himmel auf Erden, Kumpel.»


    «Nenne mich noch einmal Kumpel», knurrte Dmitrij, den Blick immer noch starr auf die Tür gerichtet, « - und ich schwöre dir, ich reiße dir deinen verdammten Kopf ab und scheiße dir in den Hals.»


    Der Kellner zog endlich ab, nicht ohne Verwünschungen vor sich hinzumurmeln, die Werwölfe und Kunden allgemein betrafen. Dmitrij nahm einen Schluck der kochend heißen Brühe zu sich, während er angespannt wartete. Der Kaffee war stark genug um bei Normalsterblichen einen sofortigen Herzinfarkt auszulösen. Dmitrij hatte keine Ahnung, was genau man in den Kaffee hier mischte, aber er wollte es auch gar nicht wissen. Wichtig war nur, dass sein Körper wach blieb. Schlaf war nämlich ein Luxus, den er sich im Moment nicht leisten konnte.


    Eine Gestalt tauchte verschwommen hinter der dreckigen und schwach beleuchteten Glastür auf. Sie verweilte dort für einen Moment, ehe sie mit spürbarer Wut die Tür öffnete. Es war ein Mann Anfang dreißig. Mürrische Visage. Braunes, kurzgeschorenes Haar, welches einen Tick heller war als seine Augenbrauen. Augen, komplett schwarz. Zähne so scharf und spitz, dass sie Holz wie Butter durchbohrten. Graf schaffte es, selbst in verwaschenen Jeans und alten Sneakers wie der humorlose Marinesoldat auszusehen, der er vor Jahren einmal gewesen war, ehe man ihn unehrenhaft entlassen und zur MSP versetzt hatte. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass Dmitrij den Vampir ohne seine schwarze Polizei-Uniform sah, war der Anblick immer wieder aufs Neue höchst irritierend. Männer wie Graf lebten in ihrer Uniform. Sie schliefen vermutlich sogar in dem Teil. Graf in privater Kleidung war in etwa so verstörend, wie die Königin von England in einem gewagten Bikini. Es war für alle ein Schock. God save the Queen - und die Grenzen des guten Geschmacks. Graf war mit wenigen Schritten am Tisch angelangt, wo er sich ausgiebig Zimtkaugummi kauend auf den freien Stuhl niederließ. Er starrte Dmitrij einen kurzen Moment lang einfach nur an, dann öffnete er den Mund. Grafs ewiges Manko.


    «Du bist wie ein Fluch, den man einfach nicht los wird. Ein ausgesprochen dummer Fluch noch dazu.» Der Vampir beugte sich drohend über den Tisch. Wie immer ganz der Charmeur, der er war. Graf war unter all diesen Schichten aus psychopathischen Verhaltensmuster eine waschechte Diva. «Ich habe dir gesagt, lass die Finger von der Akte. Ich habe dir gesagt, dass diese ganze Sache schlimmer stinkt als dein nutzloser Arsch, wenn sie dir nach Vollmond mal wieder wegen nicht bezahlten Rechnungen das Wasser abgedreht haben. Aber nein, du mischst dich natürlich ein. Herzlichen Glückwunsch, Wölfchen. Jetzt sind wir beide gefickt.»


    «Alter.» Dmitrij verzog leicht das Gesicht. «Holst du irgendwann auch mal Luft?»


    Graf schnaubte gereizt. «Ich weiß, du bist nicht gerade mit Verstand gesegnet, aber ich erwarte, dass du illegale Kopien von Akten nicht einfach offen in deiner beschissenen Dreckswohnung herumliegen hast. Schon mal etwas von einem Versteck gehört? Mal ganz unter uns. So von Mann zu Mann. Ich verstecke meine Pornos besser als du geheime Unterlagen.»


    «Ganz ruhig, Graf Zahn.» Dmitrij nahm erneut einen Schluck von seinem Kaffee. «Die Kopien lagen nicht offen herum. Sie waren versteckt.»


    «Unter Pizzaschachteln.»


    «Versteckt ist versteckt.»


    «Unter. Pizzaschachteln.»


    «Mein Gott. Kann sich halt nicht jeder einen schicken Tresor leisten.»


    «Du verfluchter -»


    «Was darf’s denn sein, Kumpel?» Der Zwerg tauchte ruckartig neben dem Tisch auf und fixierte Graf mit seinen kleinen Knopfaugen. «Wir haben heute Oreschki im Angebot. Für unsere besonderen Gäste bieten wir auch Blutgebäck an. Sehr zu empfehlen sind auch die Watruschki. Dazu ein Bier und -»


    Graf grinste. Dabei entblößte er zwei Reihen rasiermesserscharfer Zähne. Er sagte ausnahmsweise mal nichts, musste er auch gar nicht, denn der Zwerg trat wie hypnotisiert mehrere Schritte vom Tisch zurück. Der arme Kerl war kreidebleich geworden.


    «Oder ich komme später nochmal», sagte der Kellner nervös. Graf grinste noch etwas breiter. «Oder wisst ihr was? Ich komme einfach gar nicht mehr. Nie wieder. Ja! Das ist eine tolle Idee. Selbstbedienung, und so. Viel Spaß!» Dann rannte der Zwerg zurück zur Bar. Ein äußerst irritierender Anblick, wenn man bedachte, dass der Kerl gerade einmal einen Meter groß war und dementsprechend kurze Beine hatte.


    «Wegen dir bekommen wir irgendwann noch Hausverbot.» Dmitrij beobachtete kurz einen Besoffen, der die hohe Kunst des besoffen-auf-einem-Barhocker-einschlafen gemeistert hatte. Niemand kümmerte sich um den Kerl. Dieser Umstand machte ja gerade den Reiz dieses Ortes aus. Niemand kümmerte sich um irgendwas. Vermutlich könnte man hier lautstark einen nuklearen Angriff planen und keinen würde es jucken.


    «Und wegen dir werden wir beide noch sterben», erwiderte Graf. «Ich habe für dich nicht nur meinen Job riskiert, sondern auch mein Leben. Ich riskiere jedes Mal, wenn ich dir helfe, meinen verdammten Arsch.»


    «Wenn du mir hilfst», echote Dmitrij trocken und tippte sich gegen die Nase. «Hör mal zu, Lord Saugstark. Ich weiß ja nicht, was du bei der Marine so gelernt hast, aber hier bei uns in der normalen Zivilisation bedeutet helfen, dass man etwas tut, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erwarten. Dafür, dass du mir angeblich hilfst, bohrst du verdammt oft deine Scheißzähne in meinen Scheißhals. Du hilfst mir nicht, Mann. Wir haben einen Deal. Das ist ein Unterschied.»


    Grafs Nasenflügel blähten sich. Ein Zeichen dafür, dass er wirklich wütend war. Dmitrij richtete seinen Blick rasch auf eine übernächtigt wirkende Frau ein paar Tische weiter, die einen ganzen Roman auf ihrem Smartphone zu tippen schien. Dmitrij, ganz der Detektiv, wusste sofort, dass irgendein Kerl gerade mächtig was zu hören bekam. Beziehungsweise zu lesen. Purer Hass, mit einer Menge wütender Emoji verfeinert und mit den obligatorischen «Schönes Leben noch!» - Schlussworten abgerundet. Frauen konnten einen mit einer einzigen SMS zerstören. Oder fünf, solang wie die Dame schon wütend vor sich hintippte.


    Dmitrij konzentrierte sich auf alles, nur nicht auf die Augen seines Gegenübers. Er hatte eigentlich kein Problem mit Blickkontakt, aber von einem Vampir angestarrt zu werden war ein ganz anderes Kaliber. Es lag an ihren Augen. Grafs Augen erinnerten den Philosophen in Dmitrij, der sich stets im Suff leidenschaftlich zu Wort meldete, an ein tiefschwarzes Universum, wo man sämtlichen Sternen das Licht ausgeknipst hatte. Es irritierte, wenn der Gegenüber komplett schwarze Augen hatte. Wenn man die Pupille nicht vom Rest unterscheiden konnte, wenn keine Iris oder ein weißer Augapfel zu sehen waren. Man konnte unmöglich sagen, welchen Punkt ein Vampir genau fixierte. Da war nichts als verstörende Schwärze.


    «Ich verlasse die Stadt.»


    Grafs Gesichtszüge entglitten. «Bitte?»


    «Ich verlasse die Stadt. Du weißt schon. Abtauchen. Verschinden. Puff - und weg.»


    Der Vampir starrte Dmitrij reglos an. Selbst das manische Kauen des Kaugummis hatte er komplett eingestellt. Langsam, unglaublich langsam, breitete sich purer Zorn auf den blassen Zügen des älteren Mannes aus.


    Verfluchte Scheiße, dachte Dmitrij müde und genervt. Zur Hölle mit dir, Anna Nikitina.

    WARNUNG: P-16 / Ausführung (leichter) sexueller Handlungen, so wie die Erwähnung von Suizid. Mir ist es eine Herzensangelegenheit, dass Leser, die dies unter keinen Umständen lesen möchten oder dies aus persönlichen Gründen nicht ertragen können, irgendwie böse überrascht werden. Passt gut auf euch auf, da draußen. Wo auch immer ihr gerade vor dem Computer/Laptop/Smartphone hockt. Ihr seid wunderbar.

    ---

    Licht. Einsamkeit. Ihr zwei.


    Du weißt nicht, wann du das letzte Mal so wütend warst. So müde, so genervt, so unglaublich von der Welt angekotzt. Niemand versteht dich, schon lange nicht mehr. Alle reden nur noch Scheiße. Jeder fühlt sich erleuchtet und so unfassbar geil. Das Leben ist eine einzige Party, auf der sich jeder hart selbst feiert. #gönnung.


    Du kannst es nicht mehr hören. Du kannst sie nicht mehr hören. Diese Selbstverliebtheit. Diese Egomanie. Manchmal weißt du nicht, ob es an der Welt liegt - oder an dir selbst. Bist vielleicht du das Problem? Sind nicht deine ganzen Mitmenschen Dummschwätzer, sondern du? Wobei, du sagst ja nie was. Und jemand, der seinen Mund hält, kann auch keine Scheiße quatschen. Einfache Faustregel.


    Besonders Ankes Neuer nervt dich. Redet den meisten Mist, macht aus jeder kleinen Nummer ein übertriebenes Spektakel und kennt jeden und alles. Er studiert Jura, was er auch jedem, der es wissen will, und vor allem auch jedem, der es nicht wissen will, mindestens dreimal am Abend brühwarm erzählt. Sein Studium ist ja ach so schwer. Nur die Besten der Besten und haste nicht gehört. Dabei hat der Typ nur ein paar lausige Stunden Uni am Tag und bekommt von Mama und Papa sein überteuertes WG-Zimmer bezahlt. Beste Lage, coole Mitbewohner. Ankes Neuer hat noch keinen Tag in seinem Leben gearbeitet, will dir aber ständig das Leben erklären. Nur er hat den Durchblick. Nur er kann dies, nur er kann das.


    Rhabarber-Rhabarber.


    Er trifft sich aus Prinzip nur mit Frauen, die im Berghain tanzen können. Sagt deiner Meinung nach schon alles. Der Kerl lebt in seiner eigenen Welt. Aber so einer passt zu Anke. Nicht, dass du eifersüchtig bist. Klar, du hattest mal eine Weile was mit ihr, aber ey. Das Leben geht weiter. Sie wollte zu viel - du zu wenig. Außerdem ist Anke auch gar nicht mehr dein Typ. Sie war mal witzig und spontan, jetzt hat sie eine Instagram-Karriere am Start und braucht für das perfekte Foto mindestens neunzig Versuche. Ein Selfie mit ihr ist anstrengender als ein verdammter Triathlon. Außerdem ignoriert sie dich meistens, da sie viel zu sehr damit beschäftigt ist ihrem neuen Jura-Macker mit seiner blöden Hipster-Brille am Hals rumzulutschen. Mal ernsthaft, wie alt sind die? Zwölf? Scheinbar hat ihnen noch niemand gesagt, dass Knutschflecke ab Mitte zwanzig lächerlich sind.


    Das ständige Geknutsche nervt dich, aber du sagst nichts. Du sagst nie was, denn Faustregeln sind nicht ohne Grund da. Wer nichts sagt, kann auch keine Scheiße reden. Du nippst gelangweilt an deinem Bier, als wäre es irgendein sauteurer Cocktail auf einer öden Strandparty. Die Bar ist wie immer voll und laut und die Musik kaum zu hören, so viel belangloses BLA-BLA-BLA hängt in der Luft. Alle reden. Niemand hört zu.


    Ankes Neuer ist müde. Endlich. Er verabschiedet sich dramatisch, weil er ja noch so viel für die Uni machen muss. Weil sein Studium ja ach so hart und würg und kotz ist. Du würdest diesem Kerl so verflucht gerne in seine neunmalkluge Fresse treten. Anke folgt ihrem Hipster-Freund nach einem kurzen Tschüss in die Runde und lässt dich mit einem Haufen Menschen zurück, von denen du die meisten nicht kennst. Nicht wirklich.


    Der alte Kreis ist längst zerbrochen und anstatt der einst mal vertrauten Gesichter aus dem Kiez sitzen hier jetzt Erasmus-Studenten aus England, Frankreich und aus anderen Ecken der Welt. Die Franzosen reden meist Französisch und ignorieren alle, der Engländer ist ganz witzig und hat coole Kartentricks auf Lager. Niemand kennt den jeweils anderen, aber für ein paar super coole Party-Fotos reicht es aus. Du starrst in die fremden Gesichter der Studenten. Anke hat sie angeschleppt und als Freunde von der Uni vorgestellt. Natürlich. Seit Anke studiert und diesem neuen Jura-Macker den Hals ableckt, hat sie auch einen Haufen neuer Freunde. Coole Freunde. Nur du bist noch übrig vom alten Kern. Den Pappenheimer vom Kiez. Du und Wojciech, denn der Esel nennt sich stets zuerst.


    Wojciech sitzt neben dir, wie jeden Abend belagert ihr zwei breitbeinig das Sofa. Manspreading in Bestform. Ihr zwei seid der Todfeind einer jeden Hardcore-Feministin. Wojciech schweigt, genau wie du. Er hält die Klappe, nippt am Bier und lässt die Studenten über ihr ach so stressiges Leben jammern. Wobei es ihm wirklich am Arsch vorbeigeht. Er ist cool mit sich selbst. Mit der Welt im Einklang. Du bist eifersüchtig. So unfassbar eifersüchtig.


    Du arbeitest sechs Tage die Woche, Einzelhandel. Wenn du nicht gerade von einem Kunden beleidigt oder angeschrien wirst, weil irgendein gekauftes Elektrogerät scheiße, kaputt oder der Kunde einfach nur blöd im Hirn ist, musst du müde lächeln und so tun, als würdest du nach zehn Stunden ohne Pause noch Bock haben. Du bist immer der Idiot. Du bist der, auf den Eltern mahnend zeigen und ihren Kindern eintrichtern, sich in der Schule bloß anzustrengen, weil sie sonst eines Tages so enden wie du. Niemand will im Verkauf arbeiten. Niemand will mehr in den Service. In die Pflege. Es gibt zu wenig Fachkräfte. Es fehlt an Bauarbeiter, Handwerker und Müllmänner. Es fehlt an allem, nur sicher nicht an Anwälten, Grafikdesigner und Influencer.

    Jeder studiert, aber niemand macht irgendwas. Du findest es zum Kotzen.


    Du brennst innerlich vor Eifersucht. Schau dir doch bloß diese coolen Studenten an. Waren alle erst kürzlich für ein paar Monate in Indien und Südamerika. Haben dies und das erreicht. Und du? Du hattest schon früh keinen Bock mehr. Selbst Schuld. Ohne Abitur läuft heute nichts. Du bist der Versager der Runde. Und alle wissen es.


    Wojciech reicht dir sein halbvolles Bier. Du hast gar nicht gemerkt, dass dein eigenes bereits leer ist. Du hast an Luft genippt, wie ein echter Idiot. Im roten Neonlicht der Bar sieht Wojciech irgendwie anders aus. Kantiger. Gewagter. Dabei hat er ein rundes und nettes Gesicht. Er ist der ewig entspannte Kumpel. Dieser eine Freund, der irgendwie immer da ist, nie irgendwelches Drama veranstaltet und alles gelassen sieht. Dem man schon seit Jahren zwanzig Euro schuldet, aber nie was deswegen sagt. Wojciech ist die Ruhe in Person. Warm und vertraut. Die Stille, die du so dringend brauchst. Er hält dir immer noch sein Bier unter die Nase. Du winkst ab, stellst deine leere Flasche auf den Tisch und stehst auf.


    «Muss mal pissen», brummst du niemand bestimmten zu und schlurfst zum Klo. Hinter dir brechen die Franzosen in Gelächter aus. Sogar das Gelächter klingt cool. Ein Kerl steht vor einem Urinal, der mit einer Hand lieblos zielt und mit der anderen in Blitzgeschwindigkeit Dating-Profile nach links und rechts wischt. Willkommen im 21. Jahrhundert. Du beziehst gut einen Meter weiter Aufstellung und pinkelst dir die Seele aus dem Leib. Zumindest fühlt es sich so an. Dabei starrst du leicht in Richtung Deckenbeleuchtung, die dich immer an die trüben Lichter eines UFOs erinnern und denkst über den Sinn und Unsinn des Lebens nach.


    «Alter, alles klar?»


    Du verziehst das Gesicht. Nicht, weil du etwas gegen Wojciech hast, nun wirklich nicht, sondern weil du es verabscheust, wenn dich irgendwer Alter nennt. Aber so wirkst du eben auf andere. Du bist der Kerl, den andere ALTER nennen - oder Bro. Mit dir kann man was trinken gehen, danach noch etwas im Park abhängen und Frauen schlecht von der Seite anmachen. Du bist der raue Kumpel, der ordentlich austeilen kann. Du bist der, den alle akzeptieren, aber niemand so wirklich mag. Mit dir redet kein Mensch über Gefühle. Dich berührt niemand vorsichtig. Du bist der, der kumpelhaft geboxt wird. Der seinen Mann steht.


    Aber scheiße, du stirbst fast, so viele Gefühle hast du in dir. So sehr sehnst du dich nach zarten Berührungen. Du spielst verzweifelt Tetris mit all der Wut, Eifersucht und Liebe und dennoch wird es langsam eng. Du hast sogar ein bisschen Angst. Ach was, ein bisschen? Du scheißt dich fast ein. Wojciech kommt langsam näher. Du hörst seine Schuhe. Das Rascheln seiner Kleidung.


    «Was?», fragst du monoton. «Bist du neuerdings ein Spanner?»


    Wojciech lacht. Er hat ein heiseres Lachen. «Rede keine Scheiße, Mann», sagt er. «Als gäbe es hier was zu sehen.»


    Er grinst von einem Ohr zum anderen, wobei das Grinsen schlagartig stirbt, kaum sieht er deinen Gesichtsausdruck.


    «Ich rede niemals Scheiße», sagst du. «Niemals.»


    Wojciech schweigt. Er weiß, dass du niemals Scheiße redest. Er weiß auch, dass du weißt, dass er sehr wohl ein Spanner ist. Irgendwie, zumindest. Er folgt dir die letzte Zeit verflucht oft auf die Toilette. Er spricht nie mit dir, aber wenn, dann grundsätzlich dann, wenn du mit offener Hose dastehst. Sicher machen sich die coolen Studenten gerade über euch lustig. Die zwei Loser, die zusammen auf Toilette gehen. Aber Wojciech macht sich Sorgen um dich. Er ahnt, was mit dir los ist. Zumindest heute, in dieser verdammten Nacht. Du hast schon länger das Gefühl, dass dir Wojciech folgt. Wie ein Schatten, der immer da ist. Immer neben dir sitzt. Du erkennst die Zeichen, denn du bist selbst ein Schatten. Nur, dass Wojciech dich im Auge behält, ohne dich wirklich wahrzunehmen. Du bewegst dich knapp unter seinem Radar.


    «Ich mache mir Sorgen um dich, Berlin.»


    Endlich. Dein Name. Kein Alter, kein Dude. Einfach nur dein Name. Klar, dein Name ist nicht sonderlich geil, denn mal ehrlich. Berlin? IN BERLIN? Das ist einfach zu viel des Guten. Eigentlich wollten deine Eltern dich ursprünglich Besim nennen, damals, als sie den Kosovo verließen, deine Mutter hochschwanger - und dein Vater vom besseren Leben in Deutschland überzeugt. Deine Mama geht seitdem jeden Tag ein bisschen mehr vor die Hunde, vor lauter Heimweh und Angst vor der Sprache, dein Erzeuger hingegen lässt es krachen. Mit anderen Frauen, mit Spielautomaten und Wetten, die er nie gewinnt. Er hat sich am ersten Tag in Berlin verliebt - in die Lichter und den Schein. Also wurdest du Berlin. Ein wandelnder Lacher. Wobei, eigentlich passt dein Name. Du fühlst dich wie diese verdammte Stadt. Alle erwarten Party und Skandale, aber unter all diesem Neonlicht bist du abgefeiert und grau.


    «Lass uns ne’ Runde um den Block drehen», schlägt Wojciech vor. Er weiß, dass du immer dann pinkeln gehst, wenn dir alles zu viel wird. Wenn du Ruhe brauchst. Bewegung, um den Kopf frei zu bekommen.


    Ihr verabschiedet euch nicht von den anderen. Wieso auch? Die Franzosen sind mit sich selbst beschäftigt und die anderen reden auf Englisch über Uni-Zeug, von dem du keine Ahnung hast. Draußen auf der Straße schweigt ihr. Eure Redseligkeit ist längst verflogen. Euer Bedürfnis nach Kommunikation ist in der Bar zurückgeblieben. Ihr geht im Gleichschritt, die Hände tief in die Taschen eurer Jacken vergraben. Du kennst jede Straße und jedes Haus. Das hier ist immerhin dein Kiez, dein Revier, auch wenn sich vieles verändert hat. Dort drüben war früher einmal ein Waschsalon. Jetzt ist dort eine Shisha Bar, in der fast nur 17jährige Mädels mit geglätteten Haaren und falschen Fingernägeln abhängen, die ständig «Ich schwör, ey!» sagen und sich für den besten Fick aller Zeiten halten. Ein paar Meter weiter ist der Spätkaufladen vom alten Said, der seine ganzen Einnahmen in Lottoscheine steckt und nie irgendwas gewinnt.


    Beim kleinen Polenladen an der Ecke herrscht Hochbetrieb. Nächtliche Anlieferung. Ein weißer Transporter steht halb auf dem Gehweg, halb auf der Straße und wird von zwei Männern in Lichtgeschwindigkeit ausgeladen. Wojciech nickt einem der Kerle zu, der ihm daraufhin etwas auf Polnisch zuruft. Wojciech lacht und zeigt dem Mann den Mittelfinger.


    «Mein Cousin», erklärt er dir. Du nickst und tust so, als wäre das völlig klar. Dabei sehen die zwei sich überhaupt nicht ähnlich. Wojciech ist eher groß und breit, gemütlich veranlagt mit einem netten Gesicht, während der Mann beim Lieferwagen irgendwie giftig wirkt. Hager, flink und mit einer Nase, die Augen ausstechen kann. Aber was weißt du schon von Genetik? Dein Bruder sieht aus wie die Wiedergeburt von James Dean, während du die finstere Visage von deinem Alten hast. Du hast einen Gesichtsausdruck, der Bände spricht. Bei dir drehen sich Frauen besorgt um, wenn du zu lange hinter ihnen gehst.


    Und du bist es Leid. So unfassbar Leid. Du bist müde und traurig und scheiße, verdammt, irgendwie ernsthaft depressiv. Alles fühlt sich nutzlos an. Unfertig. Du willst nichts mehr, als einfach mal zu heulen. Stundenlang. Dein Alter meint immer, du sollst dich zusammenreißen. Deinen Mann stehen. Aber du willst nicht deinen Mann stehen, sondern flennen wie ein Kleinkind. Du willst dich in deine Bettdecke einrollen, wie ein verdammter Burrito, und nie wieder irgendwas hören oder sehen. An Nächten wie diesen fühlst du dich zerbrechlich.


    Ihr landet beim alten Park. Dort, wo einmal Bäume standen, stehen jetzt Baukräne. Hier soll ein Wohnhaus entstehen. Angeblich. Im Endeffekt werden es immer billige Motels, die keiner haben will. Diese Stadt braucht keine Motels. Ebenso wenig wie tausend neue Anwälte und abertausende Jura-Studenten, die einem das Leben erklären. Dieser Ort hier braucht Wohnungen. Bezahlbare. Faire Arbeit. Leute, die nicht liken, sondern mal ernsthaft nachdenken. Etwas verändern. Wenn man nämlich erst einmal damit anfängt, diese ganze Scheiße zu durchschauen, dieses makabere Trauerspiel namens Alltag, dann kann man fast nicht anders als sich wie Marko vor einen Zug zu schmeißen. Marko. Der war so einer, ein Rebell. Ein Andersdenker, den die Welt gnadenlos überrollt hat.


    Wojciech folgt schweigend deinem Blick. Mustert die Baukräne. Den aufgerissenen Boden. Was sie wohl mit den ganzen Bäumen gemacht haben? Sicher nicht umgepflanzt. So funktioniert diese Welt einfach nicht. Hier geht es um Kostensparen und Ego. Der Kiez, so wie du ihn kennst, ist eigentlich schon lange tot. Genau wie die alte Clique. Vergessen ist die Zeit der ewigen Freundschaften. Einer ist schon tot, andere sind spurlos verschwunden - oder abgehauen. Weiß der Teufel, was Nastja und Ivo heute so treiben. Nach Markos Tod ging eh alles den Bach runter.


    «Ankes Neuer nervt ziemlich, huh?» Wojciech grinst dich schief an. Ihr wisst beide, dass das hier nur ein schwacher Versuch ist. Eigentlich geht ihm Ankes Neuer komplett am Arsch vorbei. Im Gegensatz zu dir ist Wojciech nicht verbittert. Oder zornig.


    Du schweigst.


    Wojciech schließt sich dir an. Ihr seid beide keine begabten Redner. Schweigen könnt ihr aber wie echte Profis. Kein Ton ist zu hören. Dafür sind deine Gedanken umso lauter. Sie brüllen und toben. Brennen sich von innen nach außen. Wojciech hängt seinen eigenen Gedanken nach. Er legt den Kopf in den Nacken und sucht nach Sternen, die nicht da sind. Der Himmel über euch ist schwarz und leer.


    «Heute ist Markos Geburtstag», sagt Wojciech plötzlich und schaut dich direkt an. Er weiß, dass du es weißt. Du denkst jedes Jahr daran und jedes Jahr bist du genau in dieser Nacht besonders unausstehlich. «Scheiße, er fehlt mir.»


    Dir fehlt er auch. Dein Freund aus der Schule und dem Kiez, der einfach nicht mehr mit der Welt klar kam. Der auf Demos ging und die Welt verändern wollte, letztendlich aber scheiterte. Markos Worte waren in dieser Stadt voller sinnlosem Gerede unerhört und unverstanden untergegangen. Du sagst immer noch nichts, als du die Baukräne anstarrst. Wojciech starrt mit dir, dicht neben dir stehend und die Klappe haltend.


    Vielleicht ist die Erwähnung von eurem toten Freund der Auslöser, vielleicht einfach nur deine Verzweiflung, aber im Endeffekt ist es auch egal. Es zählt nur, dass du Wojciech grob am Kragen seiner Jacke packst und deinen Mund auf seinen drückst. Es ist kein Kuss, nicht wirklich, eher ein wütender Versuch. Ein Versuch vor einem Trümmerfeld aus Erinnerungen und unfertiger Baugerüste. Wojciech drückt dich überrascht weg. Du versuchst es erneut, aber dieses Mal halten dich seine Hände auf, ehe dein Mund mit seinem kollidieren kann.


    «Was?», fragst du aggressiv. Die Abweisung brennt, schmerzt und bringt das Feuer in dir zum Lodern. Du fühlst es dicht unter deiner Haut. «Ich dachte, du stehst auf Schwänze?»


    Es ist kein Geheimnis, dass Wojciech Männer mag und verflucht nochmal, du bist einer. Egal, was dein Alter wegen deinen Weicheier-Gefühlen sagt. Wegen deinen Gedanken. Wegen deiner Angst vor diesem sonderbaren Leben. Aber du bist ganz eindeutig nicht die Art von Mann, die Wojciech bewusst wahrnimmt. Du siehst es in seinem Gesicht. In seinem runden, netten und völlig fassungslosem Gesicht. Er hat ganz eindeutig nicht mit so einem Scheiß gerechnet.


    «Berlin.» Wojciech klingt wie jemand, der gerade eine Fliege verschluckt hat, die sich unangenehm in seiner Speiseröhre bewegt. Mehr sagt er nicht. Einfach nur deinen beschissenen Namen.


    Du sagst überhaupt nichts, da du viel zu große Angst davor hast, hier und jetzt einen Haufen Scheiße von dir zu geben. Wojciech geht es scheinbar genauso, denn er starrt dich einfach nur an. Schließlich holt er tief Luft und klopft dir auf den Rücken. Wie ein Kumpel. Ganz unverfänglich und so, als hättest du ihm nicht gerade zweimal versucht die Zunge in den Hals zu stecken. Aber so ist Wojciech nun mal. Vergeben und vergessen. Kein böses Blut. Ziemlich sicher denkt er, dass du einfach nur besoffen bist. Neben der Spur. Immerhin hast du dich nie für Männer interessiert. Da waren immer nur Frauen gewesen. Frauen wie Anke, wobei selbst das nur ein liebloser Jugendfick war. Aber was spielt das überhaupt für eine Rolle? Mann. Frau. Nichts davon. Im Endeffekt ist es doch egal. Liebe ist Liebe. Aber wer hatte davon schon eine Ahnung?


    «Komm schon», sagt Wojciech und grinst schief. Du kannst sehen, wie er mehrmals schluckt. Als hätte er plötzlich zu viel Spucke im Mund. «Lass uns zurückgehen. Gleich fängt das Karaoke an.»


    Du hasst Karaoke, nickst aber. Du willst noch nicht nach Hause und weißt sonst nicht wohin mit dir. Schweigend geht ihr zurück. Am zerstörten Park vorbei in Richtung Polenladen, wo der weiße Lieferwagen so gut wie komplett ausgeräumt ist. Erneut ruft Wojciechs Cousin ihm etwas auf Polnisch zu. Erneut bekommt er den Mittelfinger gezeigt. Dieses Mal lacht niemand. Beim Spätkaufladen geht gerade das Gitter runter.


    Die Bar ist rappelvoll, aber euer alter Platz ist noch frei. Die Studenten sind immer noch da, wild auf Englisch am diskutieren und nicken euch kurz zu, als ihr euch wieder auf das Sofa fallen lasst. Breitbeinig, als wärt ihr nie weg gewesen. Als hättest du nie versucht deine Gefühle zu zeigen. Niemand hat euch vermisst. Ihr seid nichts weiter als zwei Gesichter im roten Neonlicht.


    Eigentlich spielt nichts und niemand eine Rolle, wird dir klar, als dir irgendwer ein Bier reicht. Lauwarm, aber drauf geschissen. Es kostet nichts. Wojciech sitzt dicht neben dir, eure Beine und Hände berühren sich immer wieder, aber keiner rückt vom anderen weg. Irgendwann streichen seine Finger über deine linke Hand. Über deinen Handrücken. Wojciech streichelt dich, langsam und vorsichtig und genau so, wie du es dringend brauchst, während sich eine Karaoke-Gruppe nach der anderen auf der Bühne zum Affen macht. Gelächter bricht um euch herum aus und Wojciech grinst dich im Neonlicht schief an.


    Seine Finger zittern. Er ist nervös, wird dir klar. Er hat dich da draußen abgewiesen, vor dem alten Park, aber hier im roten Licht mustert er dich aufmerksam. Vielleicht, nur vielleicht, erinnerst du ihn hier auf dem Sofa an Marko. Euer Freund hatte braunes Haar, deines ist rabenschwarz. Aber drauf geschissen, denn im roten Neonlicht wirken alle Farben gleich. Du hast deine Haare zudem etwas wachsen lassen, statt sie wie sonst bis auf wenige Millimeter abzurasieren. Sauber gegelt, genau wie es Marko immer trug. Es steht dir, sagen alle. Selbst dein Alter, dem du es sonst nie recht machen kannst.


    Ja, vielleicht liegt es nur am roten Neonlicht, am Glühen und Glimmen der Bar, dass Wojciech deine Nähe sucht. Du hast beim alten Park vielleicht eine Abfuhr kassiert, aber gleichzeitig auch etwas ins Rollen gebracht. Wojciech denkt über dich nach. Du siehst es in seinem Gesicht, welches im roten Neonlicht ebenfalls anders und fast schon fremd wirkt.


    Du bist es Leid zu warten und stellst dein Bier auf den Tisch. Du gehst ohne ein Wort zu irgendwem in Richtung Klo. Du musst dieses Mal nicht pissen, also wartest du einfach. Mit dem Rücken gegen eine der Kabinen gelehnt. Zum zweiten Mal in dieser Nacht folgt dir Wojciech. Niemand spricht, als er dein Gesicht in beide Hände nimmt und es so aufmerksam mustert, als würde er es tatsächlich zum ersten Mal sehen. Als würde er zum ersten Mal verstehen, dass auch ein Schatten einen Schatten haben kann. Ihr tanzt schon eine Weile umeinander herum, ohne euch jemals wirklich bewegt zu haben. Ihr beide wollt und braucht etwas, was niemand so wirklich in Worte fassen kann. Vor allem ihr zwei nicht, ihr elendigen Schweiger. Auf dem Klo gibt es kein rotes Neonlicht, dafür ein schwammiges und blasses Leuchten. Du hast Angst, dass der Zauber nachlässt, dass deine neue Frisur und die Ähnlichkeit mit Marko letztendlich doch nicht ausreicht, aber Wojciech lässt dein Gesicht nicht los. Im Gegenteil.


    Wojciechs Kuss ist anders als deiner. Weniger aggressiv. Es ist kein zorniger Versuch sich mitzuteilen, sondern ein gut gezielter Schuss. Seine Hände liegen immer noch an deinem Gesicht und schieben sich langsam über deine pochenden Schläfen in dein Haar. Es ist klebrig vor Gel, vielleicht steht dir Markos Frisur doch nicht so gut wie alle sagen, aber es scheint Wojciech nicht zu stören. Er küsst mit offenem Mund, während er dich fester gegen die Kabine drückt. Keiner sagt ein Wort. Deine eigenen Hände ruhen planlos auf seinem Rücken, während Wojciech deinen Hals küsst. Er saugt nicht, beißt nicht, sondern weiß, dass ein Knutschfleck ab Mitte zwanzig albern ist. Ihr seid euch so nah, dass ihr keine zwei Personen, sondern nur noch eine seid. Ein geteilter Herzschlag, irgendwo zwischen Karaoke-Musik und lautem Applaus.


    Du weißt, dass du nicht Marko bist. Du weißt, dass das auch Wojciech weiß. Du bist nicht euer strahlender Freund mit der lauten Lache, der sich in der Nacht zu seinem 21. Geburtstag umgebracht hat. Du bist nicht der schöne Marko, der euch beiden so viel bedeutet hat, nur um dann mit einem Knall zu gehen.


    Du bist Berlin Hoxha. Du bist zum ersten Mal verliebt und absolut planlos, was du mit deinen Händen machen sollst, also schiebst du sie Wojciech einfach in die Hose. Ein Kinderspiel, da er wie immer Jogginghose trägt. Du würdest eher sterben als mit Jogginghose aus dem Haus zu gehen, aber zu Wojciech passt es. Zu seiner warmen Gemütlichkeit. Dein Tun ist absolut richtig, denn Wojciech gibt ein lautes Schnaufen von sich und drückt sich deiner Hand entgegen. In Männerunterhosen kennst du dich aus, auch wenn es sonst nur deine eigenen sind. Du zeigst Wojciech stumm, was da schon länger in dir kocht und raucht und einfach nur raus-raus-RAUS will. Er kommt dir mit seiner eigenen Hand und seinem Mund entgegen. Ihr macht es langsam, ihr macht es schweigend. Ihr habt alle Zeit der Welt.


    Zumindest heute Nacht.

    Ich verleibe mir gerade "STORY" von Robert McKee ein. Wobei man hierzu wohl besser sagen sollte: STORY - Die Prinzpien des Drehbuchschreibens. Obwohl ich beim Anblick von den meisten "Ratgeber" das nackte Grauen empfinde, ist McKees Werk über das Drehbuchschreiben mehr als nur ein Ratgeber. Es ist eine Reise durch die Filmgeschichte, die menschliche Psychologie und eine wunderbar humorvoll aufgemachte Abhandlung über das Sehnen des Menschen nach Unterhaltung.


    Was ist Unterhaltung überhaupt? Wieso erzählen wir Menschen uns seit Anbeginn Geschichten? Wie funktioniert die Fantasie? Welche Impulse sind ausschlaggebend, dass wir Menschen gebannt auf die Leinwand schauen, dass wir gierig ein Buch umblättern und lesen und staunen. Die meisten Menschen haben durch Bücher und Filme Dinge gelernt, die ihnen kein anderer Mensch beibringen konnte - oder wollte. Wir Menschen fühlen Literatur, das Kino und das Theater. Unterhaltung prägt uns. Wir wollen durch fiktive Welten und Abenteuer lernen. Wir wollen, dass uns fiktive Charaktere, in die wir uns einfühlen können, die Welt und ihre sonderbaren Regeln erklären.


    Während dieses Ausflugs in die Welt der Drehbücher und den "WOW!"-Momenten auf der Leinwand (und in Romanen) bringt McKee keine "Tipps", sondern viel mehr Ideen und Anregungen, was ein Autor wissen und vor allem beherrschen muss, wenn er die Leser und Zuschauer begeistern, wenn er Emotionen auslösen und Erstaunen wecken will.


    McKee schreibt wunderbar anschaulich, wieso es so tragisch ist, dass die "Unterhaltung für die Masse" immer mehr abstumpft und auf laute Effekte und "große Namen" setzt, die die Stille der fehlenden Story ausgleichen sollen. Er analysiert die Kunst des Schreibens in einer klaren Sprache, die man gut und vor allem sehr gerne liest.

    Mein persönlicher Tipp für alle, die sich für Filme interessieren, das Drehbuchschreiben und die Kunst des Schreibens an sich. 8)

    Sei von Herzen gegrüßt, KillerPanda!


    Du bist hier genau richtig. Pen&Paper? Sehr schön, gehört meiner Meinung nach zum Leben dazu. Wo käme man denn da sonst hin? Bin gespannt, von dir zu lesen. Ich wünsche dir viel Durchhaltevermögen, Muse und vor allem Nerven für deinen Roman. (Und Kaffee. Ganz wichtig!)


    Zum Wohlikus,


    N.

    borgalti Na, da sieh mal einer an - (wir) Berliner sind einfach überall. Grüße an dich zurück, du kreativer Schreiberling. Nach einer längeren Zeit in Russland bin ich auch wieder auf Berliner Boden und was soll ich sagen - mit uns und dieser Stadt stimmt so einiges nicht, jedoch verkaufen wir es der Welt mit Stil (im Sommer aus Prinzip in schwarz) und geben die Hoffnung nicht auf, dass der Wedding nochmal kommt.


    Klingt spannend, was du da verkündest. Ich freu mich auf deine Beiträge und Geschichten. Wird ne' feine Sache. Ich hab das im Blut :grinstare:


    Stößchen

    AFG Ich habe nun Kapitel 1 gelesen - und duuuuude, ich bin und bleibe hier an Board :grinstare:


    Schweißgebadet brach Floh aus dem Schlaf. Schon wieder so ein seltsamer Traum. Erst vor fünf Tagen hatte er zuletzt vom Vulkanausbruch geträumt und wie seine ehemalige Heimatstadt zerstört wurde.

    Der Prolog war also ein Traum. Das erklärt das ein oder andere, auch wenn ich absolut kein Fan von Traumszenen als Start für die Geschichte bin. Generell mag ich keine Traumszenen in Büchern. Ich lese im Lektorat zu oft von Träumen. Klassisch ist auch das Aufwachen aus dem Traum als großer Starter. Bei dir passt der Einstieg dennoch, da es den Leser überrascht und auch etwas aus dem Konzept wirft.


    Erinnern konnte er sich an so gut wie nichts mehr.

    Floh war damals gerade mal drei gewesen und konnte sich daher an nur noch sehr wenig erinnern.

    Hier kommt das Wort "Erinnern" zu oft vor. Ich würde es daher mit einem Synonym ersetzen - oder ganz umschreiben. Vlt so: "Erinnern konnte er sich an so gut wie nichts mehr, da Floh damals gerade mal drei Jahre alt gewesen war..."


    Zu seinem Onkel Tusk Fando, welcher in der Nähe des Dorfes Bülm, an der Mündung des Simbur wohnte.

    Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, wie sehr ich deine Namensgebungen mag? Der Onkel Tusk - der Stoßzahn. Gefällt mir.


    Gerupften Berghuhn

    ... Wie war das mit den stilvollen Namen? Auch hier wieder ganz großes Kino. :thumbup:


    Eigentlich hätte Floh mit seinen 16 Jahren noch in die Schule gehen müssen. Auch wenn nur noch für das nächste halbe Jahr. Doch hatte er irgendwann keine Lust mehr gehabt in die Schule zu gehen, da ihm die Schule langweilte, ja gerade zu nervte.


    In diesem Abschnitt kommt das Wort "Schule" viel zu häufig vor. Ich würde diesen Abschnitt komplett umändern. Überlege dir, was du dem Leser sagen willst - und fasse es knapper zusammen.


    ,,Du schleimiger Krötenlaich, das zahl ich dir heim!" Brüllte er Jack's sowohl lachend wie verärgert an.

    Das nenne ich gerne den "Fanfiktion"-Stil. Man will dem Leser ein besonders klares Bild der Personen liefern, übertreibt es dabei aber etwas. Während ich die kreative Beleidigung absolut feier (... schleimiger Krötenlaich, gespeichert und geladen, wenn mir wieder irgendwer auf den Keks geht...), kommt der Satz bei mir als Leser nicht ganz so an. Kann jemand wirklich lachend und gleichzeitig verärgert brüllen? Also ich nicht. Wenn man mit seinen Kumpels am "bullshitten" ist, brüllt man selten. Selbst wenn, das Ausrufezeichen macht auch ohne das Wort "brüllen" klar, dass Jack hier seine Stimme erhebt. Man muss es nicht extra erwähnen. Der Leser wird hier sonst erschlagen von schwachen Verben. Brüllen. Lachen. Was denn nun? Wie wäre es mit: "Du schleimiger Krötenlaich, das zahl ich dir heim!" Jack schüttelte lachend die Faust..."


    So bleibt klar, dass Jack zwar schreit, seinen Worten aber durchaus eine gewisse "Scherzhaftigkeit" beiwohnt.


    Bin auf den Rest gespannt.


    Zum Wohlikus! :sekt:

    Charon Es geht weiter - und das auch knüppelhart.


    Was ein furchtbares Leben - harte Arbeit, Einsamkeit und anstatt Zuwendung regnet es Verachtung, Spott und Gewalt. Samuels Familie ist (vorsichtig ausgedrückt) ein Sauhaufen - und darf gerne zur Hölle fahren.


    „Ha! Glück gehabt!“, sprach Samuel sichtlich erleichtert, „Der Wagen hat zwar etwas gelitten, aber er sieht noch funktionstüchtig aus“.

    Samuel spricht sehr viel mit sich selbst. Ich fand das zuerst verwirrend, aber finde nun, dass es doch durchaus passend ist. Durch die ewigen Selbstgespräche wird Samuels Einsamkeit verdeutlicht. Er hat ja sonst niemanden - außer die Katze.


    „Na du, ist dir auch nichts passiert?“, ein lautes Miau beantwortete seine Frage.

    Hier wird genau diese einzige Freundschaft schmerzhaft deutlich. Schöne Szene, da hier die Verbitterung schön in Szene gesetzt wird. Ich würde aber den nachfolgenden Satz "Ein lautes Miau" groß schreiben. Der vorherige Satz, Samuels Frage, endet ja mit einem Fragezeichen ohne Beisatz - und ist in sich abgeschlossen.


    Samuel hatte immer das Gefühl, dass Ruku ihn verstehen konnte und umgekehrt.

    Auch hier wieder wird schön verdeutlicht, dass Samuel nur Ruku hat. Traurig, aber berührend.


    „Pass ja auch was du sagst. Vater hat es schon einmal versucht, wenn damals nicht diese komische Sache dabei passiert wäre, dann gäbe es dich jetzt mehr. Mach nur weiter so, dann überrede ich ihn dazu, es noch einmal zu versuchen. Und jetzt zisch ab!“

    Was ein widerlicher Burder. Den soll der Blitz doch beim Kacken treffen! Aber der Satz macht mir etwas Mühe. Könnte man ihn vielleicht etwas kürzen, so, dass der erwähnte Mord des Vaters am eigenen Sohn stärker zur Geltung kommt? Meine Idee: "Pass auf, was du sagst. Vater hat schon einmal versucht, dich loszuwerden. Ohne diese komische Sache gäbe es dich nicht mehr. Mach nur weiter so, dann versucht er es sicher erneut..."


    Ich als Leser will natürlich gleich wissen, was diese "komische Sache" ist.


    „Geh zur Seite“, schimpfte seine Mutter hinter ihm. „Was ist los, warum bist du so aufgebracht“, fragte der Vater. „Ach das Feld ist noch nicht fertig und vollkommen falsch angelegt, viel zu klein. Es muss doch morgen bestellt werden“

    Du verwendest sehr viel wörtliche Rede - und könntest da ruhig auch mal das ein oder andere "sagte" und "fragte" weglassen. "Geh zur Seite", schimpfte seine Mutter ist flüssig und passt hier auch wunderbar, aber "Was ist los, warum bist du so aufgebracht", fragte der Vater würde ich hier abändern. Nutze lieber ein Fragezeichen, um die Frage zu verdeutlichen - und streich das "fragte".


    Ich freu mich auf mehr. Vor allem, da ich hoffe, dass das Karma diese Familie einholt - und dieser furchtbare Vater seine Rechnung für alles bekommt.


    Herzliche Grüße :thumbup:

    Charon Ich habe mir jetzt mal den Einstieg gegönnt und muss sagen, diese Geschichte hier macht Lust auf mehr.

    Ein dumpfes Knacken ertönte, während die scharfe Axt ein Holzstück in zwei Teile zerlegte.

    Ich finde diesen Einstieg sehr gelungen. Eine stumpfe Arbeit an einem "stumpfen" Tag - in einem alles anderen als herrlichen Leben. Nicht immer muss es spannend sein, gerade der Beginn muss zur Geschichte passen und daher finde ich hier, dass es wunderbar den Schauplatz wiedergibt.


    Unser Samuel hat es ganz eindeutig nicht leicht. Drückende Hitze, eine undankbare Arbeit - und dann auch so ein, verzeih mir den Ausdruck, Ar***gesicht von Bruder. Meine Güte, Eldon ist ja mal die Pest. Die Mutter scheint ja auch nicht gerade die wärmste Seele zu sein.


    Mutter war nur ein leeres Wort, das lediglich für den Verwandtschaftsgrad stand, mehr auch nicht.

    Da liegt defintiv mehr im Argen, als nur ein unschönes Verhältnis zum Bruder. Ich muss zugeben, dass es hier rasch "zu viel" Leid und Elend sein kann. Wenn ein Leser das Gefühl hat, dass es zu dramatisch wird, verliert er den Glauben an die Geschichte - und du damit den Leser. Märchen kommen mit einer geballten Ladung an "böser Stiefmutter und bösen Stiefschwestern" durch, alle anderen Genre müssen sehr vorsichtig vorgehen. Was bei Harry Potter noch zog, weil es für Kinder geschrieben wurde, geht fast überall sonst ins Auge.


    Natürlich, die Hauptfigur muss leiden. WIr Leser wollen was zum Mitfühlen haben. Spannung. Wir wollen keine heile Welt, sondern es müssen dem Helden Steine in den Weg gelegt werden. Große Steine - die aber niemals zu einer Bergkette werden dürfen.


    „Solange die ganzen Narben und Verletzungen noch nicht verheilt sind, hab ich keine andere Wahl. Mutter will nicht, dass mich jemand aus der Stadt so sieht.“


    Show - don't tell. Ich weiß, ich weiß. Diese "Regel" hängt jedem Schreiberling zum Hals raus, aber ich hätte es spannender und berührender gefunden, wenn du die Verletzungen nicht so nebenbei erwähnt hättest in einem Gedankengang, sondern sie der Leser gesehen hätte. Sich seinen Teil dazu selbst hätte denken können. Es hätte einen größeren "WOW!"- Effekt - und würde einen mehr treffen. So nehme ich diese Aussage über die Wunden recht gleichgültig zur Kenntnis.


    Vielmehr war es die Sonne, die in ihrem Zenit stand und so dem Jungen besonders einheizte

    Diesen Satz habe ich mir zum Schluss aufgehoben, weil ich ihn so toll fand :)


    Schöne Sprache, die in einen wirklich wunderbaren Satz fließt. Es ist eine geschickte Mischung aus poetischer Sprache - mit einem Hauch fetziger Umgangsprache. Vor allem das "einheizte" macht klar, wie verdammt ätzend diese Arbeit unter der brennend heißen Sonne sein muss.


    Freu mich auf mehr. Sehr viel mehr :grinstare:


    Herzliche Grüße

    ---╔◈╗---

    KAPITEL 2

    ---╚◈╝---

    Absinthe Lefebvre schwitzte unter seinem zu engen Anzug.

    Der Stoff kratzte unangenehm und er fühlte sich wie ein Vogel in einem viel zu kleinen Käfig. Niemand hatte ihm gesagt, dass Polizisten neuerdings Anzüge tragen mussten. Detektive vielleicht, aber ganz sicher nicht die Laufburschen der Gendarmerie nationale. Männer wie Absinthe wurden dafür bezahlt, dass sie in schweren Stiefeln und einer klassischen Uniform für Recht und Ordnung sorgten, während die Bürger sorglos ihrem Alltag nachgingen. Niemand hatte ihm auch nur einen Hinweis gegeben, dass es neuerdings zur Ausbildung gehörte, dass man auf Veranstaltungen auftauchen und den direkten Kontakt mit der Oberschicht pflegen musste. Generell hatte Absinthe das Gefühl, dass er irgendwas verpasst hatte. In dem einen Moment war er noch ein einfacher Kadett auf dem Land gewesen und im nächsten Augenblick repräsentierte er die Polizei auf einer Pariser Gala, deren Säle voller magischer Minister und wichtigen Personen fast aus allen Nähten platzten. Seine Nerven lagen blank.

    »Hören Sie gefälligst auf sich am Sack zu kratzen, Lefebvre.«

    Die scharfe Zurechtweisung kam von links, dort, wo Absinthes direkter Vorgesetzter stand und die Besucher der Gala mürrisch musterte. Capitaine Hugo Martinez war ein Mann Anfang vierzig, mit Augenringen bis zum Kinn und einer No-Bullshit-Lebensphilosophie. Er war dafür berüchtigt erst zu schießen, dann zu fragen. Er passte ebenso wenig wie Absinthe hierher.

    »Es juckt«, verteidigte sich Absinthe und schob seine Hände in die Taschen seiner Anzughose, um sich vom Kratzen abzuhalten. Die Hose drückte im Schritt und der Hemdstoff scheuerte über seinen empfindlichen Rücken. »Kann ich nicht wenigstens das Hemd ausziehen? Meine Haut muss atmen, Capitaine.«

    Martinez sah ihn ausdruckslos an.

    »Schon gut, hab verstanden.« Absinthe trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Auch wenn der Empfangssaal nahezu majestätisch in seiner Größe war, machten ihn die festen Wände nervös. »Kein Striptease auf einer internationalen Gala. Verstanden.«

    Der Capitaine ignorierte ihn und schien jeden Gast bis auf die Knochen zu durchleuchten. »Das hier gefällt mir nicht«, knurrte er und sah auf seine Armbanduhr. Es war eine dieser verzauberten Modelle, die nicht nur die aktuelle Uhrzeit anzeigten, sondern auch die genaue Ankunft von verabredeten Personen - oder um wie viel Stunden sie sich verspäteten. Diese Dinger waren der letzte Schrei bei den Stadtleuten und hatten die berühmte "Pariser Unpünktlichkeit" in ganz neue Sphären katapultiert. »Die Bonnets hätten bereits vor einer Stunde hier eintreffen müssen.«

    »Vielleicht ist die Uhr kaputt?« Absinthe nutzte die kurze Unachtsamkeit von Capitaine Martinez und kratzte sich hysterisch im Schritt und am Rücken. Er verharrte in der Bewegung, als sein Chef den Blick von seiner Uhr nahm und ihn mürrisch anstarrte.

    »Diese Dinger gehen nicht einfach so kaputt, Lefebvre. Die Magie in diesem Uhrwerk reicht aus, um die halbe Stadt mit magischer Energie zu versorgen. Vier Monatslöhne hat mich dieser Spaß gekostet. Und nehmen Sie endlich die Finger vom Sack, verdammt nochmal!«

    Absinthe verzog das Gesicht. »Dieser Anzug macht mich fertig, Capitaine.«

    »Dann hätten Sie sich rechtzeitig um ein passenderes Modell kümmern sollen. Sie sehen aus wie ein Bräutigam, den man in seinen alten Sonntagsanzug gesteckt hat. Nehmen Sie Haltung an.«

    Die zu enge und kurze Hose war nicht einmal Absinthes Hauptproblem. Niemand achtete groß auf seine ungebügelte Stoffhose, in der er Hochwasser hatte. Die meisten Blicke der Gäste blieben auf seiner Brusthöhe hängen – oder viel mehr auf dem, was aus seinem Rücken wuchs.

    »Na endlich!«, donnerte Martinez und setzte sich in Bewegung. Er steuerte erhobenen Hauptes auf den Eingang zu, dort, wo gerade ein älteres Paar eintraf. Absinthe folgte seinem Capitaine, wobei er darauf achten musste, niemanden umzustoßen oder irgendwas umzuwerfen. Veranstaltungen waren kein guter Ort für seinesgleichen. Es gab in diesen Hallen einfach zu wenig Platz.

    »Sie sind zu spät, Bonnet«, begrüßte Martinez die zwei Magier, denen gerade von geübten Dienern die Mäntel und Stöcke abgenommen wurden, während bullige Leibwächter ihnen aufmerksam dabei zusahen. »Was ist passiert, Minister? Meine Uhr irrt sich sonst nie.«

    Monsieur Bonnet war ein korpulenter Mann mit einem ausladenden Schnauzer, während seine Frau farblos und mager mit dem Hintergrund verschmolz. Gerüchten zufolge lag ihre Unterernährung an einem Fluch, den niemand aufzuheben mochte. Absinthe jedoch war sich ziemlich sicher, dass Madame Bonnet an einer klassischen Essstörung litt. Die meisten Magier hatten einen Knacks weg.

    »Martinez, wie immer präzise zur Stelle.« Der Verteidigungsminister grinste breit. »Ah, und das muss der vielversprechende Flieger vom Land sein. Oder soll ich eher sagen unsere neue Luftwaffe?« Monsieur Bonnet lachte dröhnend über seinen eigenen Witz. »Aber genug gescherzt, meine Herrschaften. Kommen Sie, da wartet eine Gala auf meine Teilnahme. Reden wir unterwegs.«

    Monsieur Bonnet hatte einen erstaunlich schnellen Schritt für einen so voluminösen Mann. Seine Frau tippelte tapfer neben ihm her, den Blick dabei glasig auf Absinthes Rückenpartie gerichtet.

    »Sie reisen zu leichtfertig.« Capitaine Martinez war kein Mann, der schnell aufgab. Er sah sich aufmerksam um, während er dem Minister folgte. Für ihn war jeder Besucher ein potenzieller Attentäter. »Nur vier Leibwächter? Der Minister für Kunst und Kultur ist mit einer halben Leibgarde angereist.«

    »Ach, beruhigen Sie sich.« Monsieur Bonnet winkte ab und griff sich beim Vorbeigehen ein Glas Champagner von einem Tablett. Er zwinkerte Absinthe zu. »Ich mach diesen Job schon seit vielen Jahren. Ich habe mehr Schutzzauber auf mir, als das verdammte Louvre.«

    Sie stiegen die weitläufige Treppe zu dem Hauptsaal hinauf, wo sich bereits die meisten Magier eingefunden hatten. Absinthe entdeckte fast doppelt so viele Schutzpatronen, die in unterschiedlichen Gestalten herumwuselten. Die meisten hatten die Erscheinung eines Vogels oder einer Katze gewählt, andere hingegen bewiesen eigensinnigen Humor und präsentierten sich in den Körpern von historischen Figuren. Napoleon persönlich folgte einer hochgewachsenen Frau im roten Cocktailkleid, die Hand spöttisch unter den Mantel gesteckt und den Hut schief auf dem Kopf. Ein junger Magier hatte Marilyn Monroe auf dem Schoß sitzen, sichtlich mit sich und der Welt zufrieden.

    »Naiver Idiot«, knurrte Martinez, der die blonde Sexikone ebenfalls bemerkt hatte. »In dem Alter denken die meisten Magier mit dem Schwanz und wundern sich dann, wenn er ihnen abgebissen wird. Dieser Patron frisst ihn mit Haut und Haaren, wenn er nicht aufpasst.«

    Absinthe hatte Mühe sich auf die Worte seines Vorgesetzten zu konzentrieren, da er permanent Gästen ausweichen musste. Er blieb zudem mehrmals irgendwo hängen und warf fast einen herumhetzenden Kellner um.

    »Du bist ein Panzer auf zwei Beinen, was?« Monsieur Bonnet schlug Absinthe fest auf die linke Schulter. Er grinste breit. »Kein Wunder, bei diesen Dingern auf deinem Rücken. Martinez, wo her ist der Bursche nochmal?«

    »Bretagne«, sagte Martinez knapp und musterte aufmerksam den Saal. Er hatte ihn bereits mehrmals überprüft, aber er überließ nichts dem Zufall. »Winziges Dorf direkt an der Steinküste.«

    »Ach du meine Güte!« Monsieur Bonnet legte Absinthe einen Arm um den Hals, als wären sie alte Trinkkumpanen aus der Kaserne. »Vom Arsch der Welt nach Paris. Sicher eine spannende Geschichte, die du mir mal erzählen musst, Junge.«

    Aber ganz eindeutig nicht heute, denn der Verteidigungsminister wurde schlagartig ernst, kaum waren sie an ihrem zugewiesenen Tisch angekommen. Sämtliche Tischgenossen waren bereits da.

    »Monsieur Bonnet«, sagte ein schlanker und hochgewachsener Mann kühl. Er trug einen giftgrünen Hut und eine gelbe Fliege. »Na, was macht der Krieg?«

    »Monsieur Leroy«, giftete Bonnet zurück. »Was machen die Staatsschulden?«

    Leroy lächelte das Lächeln eines Mannes, der ohne zu zögern Gift unter das Essen seiner Kollegen mischte, sobald er die Gelegenheit dazu bekam. »Ach, die Schulden wachsen und gedeihen. Sie wissen ja, wie das ist. Da spart man wie verrückt – und prompt fangen die Kollegen mal wieder einen Krieg an. Neue U-Boote? Sie müssen sich Ihrer Sache ja ganz sicher sein.«

    Bonnets Schnurrbart zitterte vor Wut. »Es ist nicht 'meine' Sache, Leroy. Es ist Frankreichs Verteidigung gegen die Amerikaner.«

    Leroy legte den Kopf schief und blinzelte mehrmals. »Oh!«, sagte er gespielt überrascht. »Jetzt wird mir alles klar. Wir verteidigen uns, natürlich! Wieso haben Sie das nicht gleich gesagt? Kann ja so ein dummer Münzwächter wie ich nicht wissen. Jetzt machen diese ganzen Truppen in Zentralafrika auf einmal Sinn.«

    »Sparen Sie sich Ihre giftigen Kommentare. Es geht hier um die Verteidigung und Rettung des ältesten Boden der Welt, Sie Narr. Diese magische Energie ist die letzte Quelle auf diesem verdammten Planeten.«

    »Ach?« Leroy legte den Kopf schief. »Und ich dachte, hier sterben einfach nur sinnlos Lebewesen.«

    Entsetzte Stille herrschte am Tisch, die nur von einem Gong unterbrochen wurde.

    »Oh, hört nur!« Eine Magierin mit aufwendiger Hochsteckfrisur fächerte sich eifrig Luft zu. Sie klang hörbar erleichtert. »Die Ansprache beginnt.«

    In der Halle kehrte Ruhe ein, als sich sämtliche Gäste auf ihre Plätze verzogen, gut eingedeckt mit Champagner und Kaviar und in Richtung der prunkvollen Bühne schauten, wo unter tosendem Applaus die Gastgeberin ins Scheinwerferlicht trat. Absinthe ließ sich neben seinem Capitaine nieder, wobei er steif und unbequem dasaß. Im Gegensatz zu den anderen Gästen konnte er sich nicht lässig gegen den Stuhl lehnen. Die Rückenlehne war definitiv für Lebewesen kreiert worden, denen nichts aus dem Rücken wuchs. Trotz der unbequemen Lage starrte Absinthe krampfhaft nach vorne.

    Dort stand sie, in Fleisch und Blut. Bisher hatte er Mademoiselle Roux nur von Werbeplakaten und aus dem Fernsehen gekannt. Ihr Gesicht lächelte von unzähligen Verpackungen und Werbetafeln. Jeder kannten ihren Werbeslogan für das Militär. Zusammen. Gemeinsam. Stark.

    Obwohl Absinthe die Militärlaufbahn eingeschlagen hatte, hielt er nicht sonderlich viel von Propaganda. Scheiß auf Ehre und Stolz, pflegte sein Vater zu predigen. Magier haben vielleicht eine Karriere vor sich, aber wir anderen picken lediglich die Krume von dem auf, was sie bei ihren Festen unter'n Tisch fallen lassen. Patriotischer Blödsinn ist was für reiche Fettärsche, Kiddo.

    Der Applaus verstummte, als Mademoiselle Roux mehrmals in die Menge gewunken und in die Kameras gelächelt hatte. Das Mikro erwachte knackend zum Leben. »Meine Damen und Herren, welch eine Ehre, dass Sie heute Nacht so vielzählig erschienen sind.« Mademoiselle Roux strahlte in den Saal. Ihre Zähne leuchteten perlenweiß im hellen Scheinwerferlicht. Ihr Goldschmuck funkelte wie tausend Sonnen. »Ich weiß, dass die Zeiten hart sind, daher ist es eine Freude, dass so viele von uns unseren tapferen Frauen und Männern da draußen gedenken.«

    Applaus brach aus, wobei niemand wirklich zuhörte. Die meisten Magier schienen einfach nur zu klatschen, weil es irgendein anderer tat. Man hing mit dem Gesicht über vollbeladenen Tellern und kippte Rotwein wie Wasser. Nur die Presse hörte aufmerksam zu.

    »Wir alle waren erschüttert, als uns der Feind vor wenigen Tagen äußerst hart traf.« Mademoiselle Roux verzog theatralisch das Gesicht. »Aber umso schöner ist die Kunde, dass wir Kamerun weitgehend erobern und einen großen Teil des magischen Bodens vor dem Feind sichern konnten.«

    Erneut tosender Applaus. Eine Dame am Tisch gähnte hinter ihrem Fächer, ein älterer Mann war sichtlich eingenickt. Jemand berührte Absinthe leicht am Arm.

    »Tun sie weh?« Madame Bonnet schenkte der Ansprache auf der Bühne keine Beachtung. Sie hatte sich etwas zu Absinthe rübergebeugt und sprach so leise, dass er sie kaum hören konnte. »Die Flügel. Tun sie weh?«

    Absinthe schüttelte den Kopf. »Nein, Madame.«

    Madame Bonnets glasiger Blick war unangenehm. Ihre Gesichtshaut schien so dünn wie Papier, welches bis zum Zerreißen über zu breite Wangenknochen gespannt wurde. Absinthe hatte mit Untoten Kontakt gehabt, die gesünder ausgehen hatten.

    »Ich wollte schon immer mal an die Küste«, sagte Madame Bonnet. Ihr farbloser Blick glitt von Absinthe in unbekannte Ferne. »Stimmt es, dass dein Volk Häuser bis in den Himmel baut?«

    »Türme«, sagte Absinthe und rutschte nervös auf dem unbequemen Stuhl hin und her. Ihm lief kalter Schweiß die Wirbelsäule entlang. »Wir... äh... bauen Türme. Aus Stoff und Holz.«

    »Genug von diesem Weiberklatsch!«, zischte ihm Capitaine Martinez scharf zu. Er hatte natürlich jedes Wort mitgehört. Augen wie ein Adler, Ohren wie ein Luchs. »Konzentrieren Sie sich, Lefebvre.«

    Absinthe schenkte Madame Bonnet ein entschuldigendes Lächeln, jedoch beachtete ihn die magere Frau längst nicht mehr. Ihr Blick hing irgendwo in der Luft, der farblose Mund leicht geöffnet. Sie war mit den Gedanken in ihrer eigenen Welt. Auf der Bühne beendete Mademoiselle Roux ihre Rede damit, dass sie noch einmal die Tapferkeit all derer lobte, die bei dem hinterhältigen Anschlag des Feindes ums Leben gekommen waren. Eine genaue Zahl nannte sie nicht, aber Absinthe kannte dieses Spielchen. Sie nannten nie genaue Zahlen. Weder die Magier, noch die Zeitungen. Wenn auf den Titelblättern von tapferer Gegenwehr berichtet wurde, wusste jeder Kadett, dass die eigenen Leute abgeschlachtet worden waren. Wenn man von Heldentaten sprach, gab es mehr Verluste auf der Feindesseite, als auf der eigenen. Alles in allem war es ein Teufelskreis. Mademoiselle Roux stieg winkend von der Bühne, um geschmeidig durch die Reihen der Gäste zu schlendern, die nun eifrig Kellner herbeiwinkten, um Nachschlag an Essen und Alkohol zu verlangen.

    »Welch eine Rede!« Monsieur Bonnet schlug hart auf den Tisch, während er einem verdutzten Kellner das gesamte Tablett mit den gut gefüllten Champagnergläsern aus den Händen riss. Es ging glücklicherweise nichts zu Bruch. »Diese Frau weiß, wie man das Volk bei Laune hält.«

    Leroy verdrehte die Augen. »Ich bitte Sie, Bonnet. Wie lange glauben Sie, wird diese Masche noch ziehen? Das Volk wird unruhig. Es wurden in der letzten Nacht wie viele Demonstrationen zerschlagen? Zehn? Elf? Und das allein in den Vororten der Stadt.«

    »Die Gendarmerie hat alles im Griff.« Monsieur Bonnet leerte das erste Glas mit einem einzigen Zug. »Wir haben die besten Männer für diese Art von lästiger Lappalie.«

    »Lästiger Lappalie«, echote Leroy. Er musterte nun Capitaine Martinez aufmerksam. »Hören Sie das, Capitaine? Alles nur eine Lappalie. Wie viele Ihrer Frauen und Männer wurden letzte Nacht im Einsatz verletzt?«

    Martinez verzog keine Miene, als er tonlos antwortete. »Ich spreche nicht über interne Angelegenheiten der Polizei, Monsieur.«

    Leroy schnaubte. »Sie haben Ihre Männer gut im Griff, Bonnet. Sogar ne’n Flieger haben Sie in die Stadt geholt. Der erste geflügelte Polizist Paris. Vor siebzig Jahren haben wir sie noch wie Ausgestoßene an die Küstenregion verbannt, jetzt flehen wir sie auf Knien an erneut für uns zu fliegen. Wir haben die Hälfte der Flieger vor Jahren in Albanien verloren.«

    »Dieser Krieg war schrecklich«, klagte die Dame mit der Hochsteckfrisur. Sie deutete mit dem Fächer auf Absinthe. »Tapfere Flieger sind in diesem furchtbaren Land gestorben. Und für was? Für angespannte Abkommen und unzuverlässige Gastarbeiter.«

    »Jeder Krieg ist schrecklich«, sagte Leroy. »Reden Sie lieber über Dinge, von denen Sie eine Ahnung haben, Madame Garcia. Über die neuste Mode, oder so.«

    »Monsieur Leroy!« Bonnet schlug erneut auf den Tisch. »Zügeln Sie Ihre Zunge. Madame Garcia, verzeihen Sie dem Wächter der Münze. Er ist heute äußerst gestresst.«

    Leroy hob beide Augenbrauen. »Ich bin nicht gestresst«, sagte er. »Ich bin nur diese endlosen Kriege Leid. Wir haben kein Geld. Die Kassen sind leer. Das magische EU-Parlament gewährt uns keinen Cent mehr.«

    »Dann haben Sie einfach nur schlecht verhandelt«, knurrte Bonnet. »Dieser Krieg betrifft nicht nur uns, sondern ganz Europa. Diese Überseefatzken wollen uns den Weg zum magischen Urboden abschneiden. Das darf sich Europa nicht gefallen lassen!«

    »Und die Russen machen auch Druck«, mischte sich Madame Garcia ein. »Habe ich in der Zeitung gelesen. Jeder weiß, dass sie die besten Nekromanten haben. Sie würden uns mit einer Armee aus Toten überrennen.«

    Leroy sah aus, als würde er die Dame am liebsten hier und jetzt mit beiden Händen am Hals packen, jedoch wurde die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Neuankömmling gelenkt.

    »Oh, der Minister persönlich!« Mademoiselle Roux war nun an ihrem Tisch angekommen und verteilte eifrig Küsse auf die Wangen der Damen und ein strahlendes Lächeln an die Männer. »Und wen haben wir da? Das muss einer der neuen Flieger aus der Bretagne sein.«

    Absinthe schoss vom Stuhl hoch und salutierte zackig.

    »Meine Güte!« Mademoiselle Roux lachte. »Schaut euch den Burschen mal an. Ich wusste ja, dass diese Flieger groß sind, aber diese Kraft! Wie viel Kilo können Sie im Flug befördern?«

    Absinthe salutierte erneut. »Mein eigenes Körpergewicht, Mademoiselle. Plus zwanzig Kilo Rucksack, Munition und Verbandskasten.«

    Mademoiselle Roux pfiff langgezogen. »Unfassbar! Mit Männern wie Ihnen gewinnen wir diesen Krieg. Wie groß ist Ihre Flügelspannweite?«

    Absinthe schluckte nervös. Er hatte plötzlich zu viel Spucke im Mund. »Verzeihen Sie?«

    »Ihre Spannweite. Na los, seien Sie nicht schüchtern. Zeigen Sie uns, aus was unsere zukünftigen Nationalhelden gemacht sind.«

    Absinthe warf seinem Capitaine einen hektischen Blick zu. Martinez sah nicht sonderlich begeistert aus, was er zwar nie tat, aber dieser grimmige Blick verhieß nichts Gutes. Mürrisch nickte er. »Sie haben die Mademoiselle gehört, Lefebvre. Präsentieren Sie die Flügel.«

    Es war zwischen den Tischen nicht sonderlich viel Platz, aber das Theater am Tisch des Verteidigungsministers war den Gästen nicht entgangen. Eifrig wurde für den Flieger Platz gemacht.

    »Er soll fliegen!«, rief eine junge Frau in einem smaragdgrünen Anzug und frecher Kurzhaarfrisur. »Oh, lasst ihn fliegen!«

    »Hoch mit ihm!«, stimmte ein älterer Magier zu. »Ab in die Luft!«

    »Er soll einen Salto schlagen!«

    »Sturzflug! Ich will einen Sturzflug sehen!«

    »Er soll meiner gestörten Ex-Frau auf das Auto scheißen! Wie eine Taube!«

    Gelächter brach aus. Absinthe zögerte einen Moment, da die Blicke und der Lärm ihn nervös machten. Zuhause an der Küste war es nie so laut gewesen. Nicht einmal in der Kaserne, in der er die meiste Zeit seiner Ausbildung verbracht hatte, hatte ein solcher Krach geherrscht. Er stolperte etwas zurück.

    »Ruhig!«, donnerte Mademoiselle Roux. Sie schenkte Absinthe ihr strahlendes Lächeln. »Wir machen den jungen Flieger nervös.«

    Absinthe atmete tief ein, versicherte sich kurz, dass auch wirklich genug Platz war – und faltete langsam die möglichst eng angelegten Flügel auseinander.

    »Meine Güte!« Mademoiselle Roux strahlte wie ein Kind an Weihnachten. »Ein großer Bursche mit doppelt so großen Flügeln! Kommen Sie, kommen Sie! Presse, macht ein Foto!« Ehe sich Absinthe versah, wurde er von der Gastgeberin fest an sich gepresst, während ein Blitzlichtgewitter über ihn hereinbrach. »Unser Held von morgen!«, rief Mademoiselle Roux und schnappte sich wahllos ein Glas Champagner vom Tisch. Der eigentliche Besitzer, der gerade danach greifen wollte, verzog leidend das Gesicht. »Auf unseren Sieg!«

    Hunderte Stimmen wiederholten den Trinkspruch, dann brach Applaus aus.

    Absinthe bekam Kopfschmerzen.

    Der Wanderer Mensch, vielen Dank, du!


    Ein nachrichtenüberbringender Gargoyle mit Türsteherslang. Cool.

    Diese Idee kam mir an einem Samstagmorgen , als ich aus dem Küchenfenster einen Streit zwischen einem genervten Postboten und einem immer lauter werdenden Anwohner im Innenhof beobachten konnte. Der Empfänger lehnte mehrmals wütend ein Enschreiben ab, aber der Postbote hatte scheinbar einen echt miesen Tag - und ging hoch wie eine Wasserstoffbombe.


    "Alter, ey! Ich bringe jeden Tag für dich Einschreiben. Bekomme mal dein LEBEN geregelt, ey! Und jetzt nimm den Scheiß an, ich schwör!"


    Dazu beschäftigt mich schon länger die Frage - wie kommen unsere Postboten überhaupt in den Hausflur an die Briefkästen für das Vorderhaus? Und wie kommen sie in den Innenhof zu den Hinterhäusern? Klingeln sie sich durch? Unwahrscheinlich, hier macht nie irgendwer die Tür auf. Magie? Die einzig logische Erklärung für mich.

    "Spirit of Ecstasy" später im Volksmund als "Emily" bekannt, geniesst den weiblichen Artikel.

    Recht hast du. Ist mir untergegangen und wird umgehend korrigiert :thumbup:


    Danke dir für deine genialen Worte. War wie immer ein Vergnügen.


    Herzliche Grüße,


    Naduschka

    AFG Mensch, da stolper ich erst jetzt drüber? Schande über mein Haupt. Da ich mich hier erst reinlese, wundere dich nicht über mein "spätes" Kommentar zu deinem Auftakt.


    Hier also mal meine Eindrücke vom Prolog:


    Wow, du gibst direkt mal ordentlich Gas. Ein Vulkan bricht aus und scheint alles und jeden zu vernichten.


    Ein ungeheuerliches Beben ließ die Stadt Helmsfurt erzittern.

    Helmsfurt. Schöner Name. Könnte glatt ein Ort auf der Karte von Himmelsrand sein - und "natürlich" den Nordmännern gehören :)


    Der Vulkan Titur, im Norden der Stadt, brach mit ohrenbetäubenden Lärm aus und spuckte riesige Aschewolken und Felsen so gigantischen Ausmaßes das jede Beschreibung sie klein und nichtig aussehen lassen würde.

    Dieser Abschnitt bereitet mir Mühe. Einerseits gefällt mir die Idee, dass man das Ausmaß nicht beschreiben kann, jedoch wirft der zuvor staffindende Versuch, eben genau DIESES Desaster zu beschreibe, alles irgendwie aus dem Gleichgewicht. Ich würde den Satz kürzen. "Der Vulkan Titur, im Norden der Stadt, brach in einem so gigantischen Ausmaß aus, dass jede Beschreibung klein und nichtig aussehen würde".


    Helmsfurt wurde nämlich von einem mächtigen Fluss geteilt.

    Ich würde hier das "nämlich" entfernen. Es reißt einen aus dem Lesefluss und der düsteren Stimmung des Untergangs.


    Dabei hätten sie gar nicht in Panik verfallen müssen, da die Drachen es nicht auf die Menschen abgesehen hatten.

    Du hast hier die Grundidee für einen optimalen Cliffhanger, den du leider verschenkst. Jedes Kapitel, gerade der Prolog, braucht einen "Pageturner". Dein Leser muss nach mehr hungern, sonst verlierst du ihn. Hier würde ich die Tatsache, dass es die Drachen nicht auf Menschen abgesehen haben, gar nicht erwähnen. Ich würde die Drachen als düsteres Omen am Himmel über Helmsfurt auftauchen lassen - und den Leser damit zum Weiterlesen animieren.


    Der Leser kann ruhig erst später erfahren, dass er für die Drachen kein optimaler Snack ist.


    Und in diesem Sinne; Bruder, muss auch direkt schon wieder los. Ich lese nämlich mit Freuden weiter 8)


    Herzliche Grüße


    N.

    Etiam - Tausend Dank für deine glorreichen Worte :)


    Also was ich gut finde ist, es wurde recht schnell geklärt, dass die normale Welt von den Magiern weiß. Ich hab immer Probleme damit, wenn ich erst mal drei Kapitel sowas annehmen muss und nicht genau weiß, wie das in dieser Welt geregelt ist ^^;


    The struggle is real, man. Bei manchen Autoren ist es verzeihlich. Cornelia Funke, zum Beispiel. Die führt einen langsam, aber mit viel Liebe in ihre Welten ein. Hohlbein kratzt da schon eher mal an meinen Nerven. Gefühlt 1000 Seiten Prolog - aber man weiß immer noch nicht viel mehr. Dafür ist der Überraschungsmoment stets auf seiner Seite.


    Es heißt ja immer "show - don't tell", aber hin und wieder darf man auch mal auf's Gas treten.


    Die Magierin auf seiner Rückbank stattdessen hat mir gar nicht gefallen xD Aber ich denke mal, das ist so gewollt :P Trotzdem war ich glücklich, als sie weg war. Stand jetzt, hoffe ich aber nicht, dass sie ein großes wiederkehrendes Element ist :hmm: Aber vielleicht ändert sich das ja noch.


    Mir sind aus Prinzip gerade die "unsympathischen" Figuren irgendwie sympathisch. Die lieben und ständig lächelnden Nebenfiguren, die einfach nur da sind, um nett auszusehen, gehen mir gerade bei der YA Literatur auf den Geist. Es braucht auch das ein oder andere Ar***loch, meiner Meinung nach :D


    Liebe Grüße


    Naduschka

    Stadtnymphe Danke dir! Du bist ein Schatz. Du hast genau die Punkte erwähnt, die mich selbst in den leichten Wahnsinn getrieben haben - oder Fehler, die ich immer und immer wieder mache, egal, wie sehr ich sie analysiere und versuche zu verbessern.


    Hier verstehe ich nicht, was du meinst? Ist er ein Pilot?

    Öhem. Ja. Nein. Jaein? Indirekt. Wird (hoffentlich) klarer im nächsten Kapitel.


    Anmerken wollte ich nur noch, dass ich erst spät gepeilt habe, dass das Setting Paris ist. Da Bashkim Chauffeur ist, würde es sich, um mehr Realität reinzubringen, anbieten, ein paar Pariser Straßen, Arrondissements, Sehenswürdigkeiten oder anderes zu erwähnen, an denen er vorbeifährt. So bekommt auch der Leser schneller ein Gefühl, wo die Geschichte spielt. Außerdem macht es den Job deines Protagonisten realistischer.


    Ich liebe Straßennamen. Die Stimmung. Die Gegend. Man will sich gerade bei Urban Fantasy einfühlen. Ich selbst mag Paris witzigerweise gar nicht mal so sehr, aber die Geschichte hatte mich während einer Schulung dort irgendwie eingeholt. Bezüglich der Arrondissements - die tauchen noch auf. Keine Sorge. Und jaaa, sie werden alle etwas durch den Dreck gezogen *hust*. Aber wäre ja sonst langweilig.


    Danke dir nochmals für deine wunderbaren Gedanken und Hinweise :thumbup:


    Herzliche Grüße


    Naduschka


    Charon Vielen lieben Dank! Deine Anmerkungen waren fabelhaft und sehr hilfreich.


    Soll das so formatiert sein? Sieht etwas merkwürdig aus, aber naja in E-Mails ist es ja genauso.

    Tatsächlich - ja. Aber es sieht im Forum ehrlich gesagt sehr besch*** - hust - bescheiden aus. Ich schreibe und denke gerne rein im "Goldenen Schnitt" (anhaltender Schaden von meinem Job bei einem Verlag) und formatiere dementsprechend. Das Ergebnis ist wie hier leider für den Leser nicht optimal. Somit DANKE dir für den Anstoß. Wird geändert :)


    Okay, er ist aus Stein.


    Urgh, ich weiß. Frag mich nicht, wieso mir das auch nach der dritten Kontrolle nicht aufgefallen ist. Das hätte mich quasi fauchend anspringen müssen. Schande über mein Haupt O_O



    Ich finde das liest sich hier etwas unschön, warum nicht einfach "und sah in den Nachthimmel"?

    "in den Nachthimmel" ist für mich ungewohnt. Man kann ja nicht IN den Himmel schauen - sondern "gen". Also in die Richtung. Kenne ich vom Verlag ehrlich gesagt auch nur so. Schau mir das aber nochmals an, da ich verstehe, was du meinst. Der Satz ist generell nicht sehr glatt.


    Wenn das eine Abwertende Bezeichnung für Frauen ist, kann sie dann direkt übertragen werden und alle meinen, also auch Männer?

    Ja, Karen wird zwar gerne für "Frauen" verwendet, aber ist (meiner Meinung nach) absolut geschlechtsneutral. Es gibt auch sehr viele männliche "Karens" :D


    Hier würde ich die Situation auflockern und so Dinge einwerfen wie:

    - als Baskims in die Straße [hier Name einfügen] einbog

    - heute nahm er die Straße X, da um diese Zeit auf Y mit noch mehr Verkehr zu rechnen ist

    Irgendwie sowas, damit man es noch mehr merkt und Baskims eventuell auch seine Fähigkeiten als guter Fahrer besser ausspielen kann.


    Ohja, wir alle lieben die Erwähnung von Straßennamen (wobei es Stephen King gerne übertreibt...) und wollen Details der Stadt. Tatsächlich erwähne ich Straßen immer etwas später, nach dem Prolog, Vorspiel - nach dem leichten Gleiten in das wirkliche Geschehen.


    Ich danke dir von Herzen für deine inspirierenden Worte.


    Liebe Grüße


    Naduschka


    ---╔◈╗---

    KAPITEL 1

    ---╚◈╝---

    Bashkims Nacht war endgültig im Eimer, als ein Wasserspeier auf dem Dach der nagelneuen S-Klasse Limousine seines Arbeitgebers landete. Die Hydraulik des Mercedes ächzte leidend, als die nachtschwarze Karosserie wie eine leere Coladose zerdrückt wurde. Die Karre war innerhalb einer einzigen Sekunde komplett im Arsch.

    »Hey«, sagte Bashkim. »Mein Auto.«

    Wobei es nicht wirklich sein Auto war, von dieser Luxuskarosse könnte er sich nicht einmal einen Reifen leisten, aber sein Boss würde ihn persönlich für diese Katastrophe verantwortlich machen. Madame Bonfils war selbst für eine Magierin eine echte Bitch. Glas knirschte unter seinen sauber polierten Lederschuhen, als er sich dem demolierten Fahrzeug näherte. Die Windschutzscheibe und die getönten Fenster waren nur noch eine Erinnerung.

    »Is‘ nicht meine Schuld, Kumpel.« Der Wasserspeier landete schwerfällig auf der Straße. Kaum hatte er seinen Körper von der zerbeulten Karosserie runtergewuchtet, federte der Mercedes ächzend in die Höhe. »Wer von uns hat denn hier im Halteverbot geparkt, hä? Direkt vor ner Ausfahrt, wie der letzte Arsch? So etwas nenn‘ ich Karma, Kumpel. K-a-r-m-a

    Bashkim spürte, wie er langsam aber sicher Migräne bekam. Er tastete seine Anzugshose nach dem zerbeulten Zigarettenpäckchen ab, das er stets bei sich trug. Es war ein magisches Päckchen. Egal wie oft er sich daraus auch einen leicht zerdrückten Glimmstängel fischte, es wurde niemals leer. Die einzig wunderbare Sache in dieser magischen Scheißwelt.

    »Weißt du, wem die Karre gehört?«, fragte Bashkim, während er sich eine Zigarette anzündete. Er schrie den Wasserspeier nicht an, sondern klang wie ein Mann, der lediglich nach dem Weg fragte. Bashkim war kein Choleriker. Wenn er eine Sache als Chauffeur gelernt hatte, dann war es die Nerven zu behalten. Seine Wut runterzuschlucken, wie ein halb gelutschtes Bonbon. Zudem konnte er auch gar nicht schreien. Es war nur einer ihm wohlgesonnenen Hexe zu verdanken, dass er überhaupt noch eine Stimme hatte. »Sag schon, Steinfresse. Weißt du’s?«

    Die Hinterhufe des Wasserspeiers klickten laut über den Asphalt, als das Wesen einmal um das demolierte Auto herumwanderte. Die groteske Fratze zeigte keinerlei Regung, als der Steintroll rechthaberisch verkündete:

    »Mir doch egal. Du hast hier geparkt. Nicht ich.«

    Bashkim zog kräftig an seiner Zigarette. Er starrte den Wasserspeier ausdruckslos an. Das Geschöpf starrte zurück.

    »Außerdem«, sagte der Zerstörer der neusten S-Klasse langgezogen, »habe ich eine Nachricht für dich. Express.«

    »Wusste nicht, dass der Pariser Express neuerdings so reinkracht.«

    Der Wasserspeier bleckte zwei Reihen scharfer Zähne. Er war ganz eindeutig kein Freund von schlechten Witzen. »Bashkim Krasniqi?«, fragte er förmlich. »Bitte bestätigen.«

    Bashkim zog erneut an seiner Zigarette. Langsam stieß er den Qualm durch die Nasenlöcher wieder aus.

    »Was passiert, wenn ich jetzt einfach NEIN sage?«

    »Dann breche ich dir die Beine und frage nochmal.«

    »Verstehe.«

    Wieder starrten sich Mensch und Wasserspeier an.

    »Bestätige«, sagte Bashkim schließlich. Ein kaputter Neuwagen reichte. Da bedurfte es nicht auch noch an zertrümmerten Knochen. Zudem mochte Bashkim seine Knochen. Es waren gute Knochen. Gute Beine.

    Der Wasserspeier nickte, dann stieß er ein unschönes Würgen aus. Er erbrach eine kleine Papierrolle, fest verschnürt und mit einem Siegelwachs verschlossen. »Nachricht überbracht«, sagte er und hob die Post nicht auf, sondern streckte eine steinerne Klaue aus. Bashkim musste gegen den Drang ankämpfen, seine Zigarette darauf auszudrücken.

    »Fahr zur Hölle«, sagte Bashkim tonlos und riss sich ein Haar aus seiner linken Augenbraue aus. Diesen Teil hasste er besonders bei der Postzustellung. Die meisten Menschen verwendeten ihr Kopfhaar, wobei es bestimmt genug Komiker gab, die sich an kreativeren Stellen bedienten, jedoch trug Bashkim die Haare seit Jahren auf wenige Millimeter kurzrasiert.

    »Und sag dem Absender, er soll aufhören mich zu nerven. Ich habe bald keine Augenbrauen mehr.«

    Der Wasserspeier öffnete seinen riesigen Mund und Bashkim ließ das Haar in den dunklen und steinernen Schlund fallen. Das Steinwesen schluckte. »Zustellung erfolgreich. Der Rest ist jetzt dein Problem, Kumpel. Schöne Nacht noch.«

    Mit klackenden Hufen entfernte sich der Bote und machte sich daran, die nächstgelegene Hauswand hinaufzuklettern, wobei er es sich nicht nehmen ließ, auf einem kleinen Balkon ein paar Blumentöpfe mit vertrockneten Pflanzen zu fressen. Bashkims Blick wanderte zwischen der auf dem Boden liegenden Nachricht und der zerstörten Limousine hin und her.

    Er bezweifelte stark, dass es eine schöne Nacht werden würde.


    ---


    Madame Bonfiles war wie zu erwarten nicht sonderlich begeistert.

    Wobei es unmöglich war, unter den Tonnen von Make-up irgendeine Regung zu erkennen. Generell war kaum auzumachen, was von Madame Bonfiles mehr ins Auge stach. Ihre kreischend bunte Kleidung – oder ihr verstörend buntes Gesicht. Sein Boss erinnerte Bashkim immer ein wenig an einen dieser Schmink- und Frisurköpfe, an den sich kleine und bösartige Mädchen abreagiert hatten.

    »Ein Ersatzwagen«, klagte Madame Bonfiles, kaum hatte sie ihren Hintern auf die Rückbank des vom Service zur Verfügung gestellten Leihwagen gepflanzt. »Da geht man einmal auf Spendengalas und was ist der Dank? Steinerne Faschisten, die einem den geliebten Neuwagen zerstören. Es gibt einfach zu viele Wasserspeier in dieser Stadt.«

    Bashkim sagte nichts. Ein guter Chauffeur hielt stets den Mund und wurde hinter dem Lenkrad unsichtbar.

    »Furchtbare Zeiten.« Madame Bonfiles nahm ihren Kopfschmuck ab, der beinahe an die Decke des Leihwagens stieß. Seit einigen Monaten waren ausgefallene Hüte wieder bei der Damenwelt modern. Je spitzer und ausgefallener, umso besser. »Und dann immer diese Unruhen. Alle jammern nach mehr Geld, aber keiner will mehr arbeiten. Wir haben Steinkreaturen und Goblins in der Postzustellung. Als wäre Paris nicht schon voll genug von Verrückten.«

    Bashkim fuhr ohne hinzusehen. Waren die Straßen Paris für die meisten Menschen ein einziger Alptraum, waren sie ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen. Zudem hatte der Notfall-Autoservice sorgsam darauf geachtet, einen Leihwagen mit einer entsprechenden Kennzeichnung zur Verfügung zu stellen. Madame Bonfiles hätte sie vermutlich alle auf der Stelle verklagt, wenn sie einen Ersatzwagen ohne ein magisches Nummernschild bekommen hätte.

    In das klapprige Auto eines Normalverdieners krachte der durchschnittliche Franzose gnadenlos rein, aber in das Auto eines Magiers? Niemals. Magier waren nicht nur magisch, sondern in der Regel besser versichert, hatten an jedem Finger zehn Anwälte und genug Zeit und Energie, sich über alles und jeden zu beschweren. Kurzum: Magier waren allesamt verfluchte Karens*.

    »Sagen Sie mal, schlafen Sie hinter dem Lenkrad? Ich muss in zehn Minuten auf der nächsten Gala sein.« Madame Bonfiles tippte kurz auf ihrem Smartphone herum. Das klickende Geräusch ihrer langen Fingernägel kribbelte unangenehm in Bashkims Nacken. An das magische Nummernschild hatte die Männer vom Service gedacht, aber leider nicht an eine hochfahrbare Trennwand. Bashkim vermisste die ausgebaute S-Klasse jetzt schon.

    Madame Bonfiles seufzte. »Meine Güte, wie sich der Verteidigungsminister wieder aufspielt. Überall sein hässliches Gesicht in den Medien. Und dieser Schnauzer. Wo nimmt er nur diese Dreistigkeit her?«

    Bashkim setzte den Blinker, etwas, was die meisten Franzosen nicht taten und überholte einen vor ihm herfahrenden BMW. Es klingelte hinter ihm und da Telefongespräche im Auto nicht schon ätzend genug waren, stellte Madame Bonfiles ihre Anrufe aus Prinzip immer auf Lautsprecher.

    »Schatz. Darling«, seufzte Madame Bonfiles, während sie einen Lippenstift und einen kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche zauberte. »Wieso bist noch wach? Hat dich das Fräulein etwa noch nicht ins Bett gebracht?«

    Es knackte und raschelte in der Leitung.

    »Ich habe keine Zeit zum Schlafen«, sagte eine trotzige Kinderstimme. »Muss jagen. Vampire brauchen Blut.«

    Madame Bonfiles seufzte das Seufzen einer Mutter, die jeden Tag aufs Neue feststellen musste, dass Kinder ernsthaft nerven konnten. Sie redeten Unsinn, machten Dreck und waren laut. Zudem fingen sie an, ihren eigenen und meist sehr trotzigen Willen zu entwickeln. Ganz zu schweigen von ihrer verrückten Fantasie ...

    »Antoine, mein Schatz. Du bist kein Vampir.«

    Ein lautes Fauchen erklang. Dann ein Kreischen.

    »Mach das Licht aus, du fette Hure! Ich verbrenne!«

    Im Hintergrund war eine müde Frauenstimme zu hören, die verzweifelt versuchte den schreienden Jungen zu beruhigen. Die Frau fluchte mehrmals.

    »Antoine«, sagte Madame Bonfiles, während sie ihren Lippenstift sorgsam über die Lippen gleiten ließ. »Beißt du das Fräulein etwa wieder?«

    »Madame Bonfiles«, erklang nun die atemlose Frauenstimme laut und klar. Das Zuknallen einer Tür war zu hören. »Bitte verzeihen Sie die Störung. Antoine ist heute wieder besonders unruhig.«

    »Ich bin nicht taub, du dummes Ding. Ich habe seine Hysterie gehört. Gib ihm ein Glas Rotwein. Das beruhigt ihn.«

    Stille.

    »Madame-«

    »Nichts da. Steck einen bunten Strohhalm rein und sag ihm, dass es Blut ist. Dann trinkt er das Zeug schneller als meine verfluchte Mutter ihren Beruhigungstrank.«

    »Madame, Sie scherzen, nicht wahr?«

    »Klinge ich, als würde ich scherzen? Ich habe noch eine sehr lange Nacht vor mir und wenn ich nach Hause komme, will ich meine Ruhe haben. Im Notfall gib ihm noch ein zweites Glas. Das sollte ihn bis morgen Mittag außer Gefecht setzen.«

    »Madame, so etwas kann ich wirklich nicht -«

    Mit einem Mal verstummte die Stimme des verstörten Kindermädchens. Madame Bonfiles hatte aufgelegt.

    »Dummes Ding«, sagte sie. »Selbst keine Kinder, aber will mir ständig bei der Erziehung reinreden. So ein Neuling vom Lande. Ich hätte mir lieber jemand aus der Stadt suchen sollen. Die wissen wenigsten, wie man – meine Güte, Fahrer!«

    Bashkim hatte ruckartig bremsen müssen, als ein Peugeot ohne Vorwarnung ausgeschert und ihn knapp geschnitten hatte.

    »Mein Kindermädchen hat keine Ahnung von Kindern und mein Fahrer kann nicht fahren.« Madame Bonfiles schlug wütend ihren Spiegel zu. »Einmal mit Profis arbeiten. Nur einmal.«

    Bashkim erwiderte darauf nichts. Er vermied generell jede Unterhaltung mit seinem Boss. Der Ersatzwagen rollte mit etwas Verspätung auf den Vorplatz des prunkvollen Gebäudes, in dem Gala Nr. 2 stattfand. Trotz dieser Unpünktlichkeit, die dem Verkehr zu verschulden war, war Madame Bonfiles nicht die Einzige, die jetzt erst ankam. Aus einer weißen Limousine vor ihnen stieg ein Magier mittleren Alters aus, der von den Organisatoren überschwänglich in Empfang genommen wurden. Es folgte eine Rolls Royce, aus der ein uralter Mann und eine junge Frau stiegen. Bashkim bremste hinter der Rolls Royce, stieg aus und ging einmal um den Wagen herum, um Madame Bonfiles die Tür zu öffnen. Kaum hatte er die Hintertür geöffnet, stürmte die Magierin ungeduldig heraus.

    »Holen Sie mich in genau drei Stunden wieder ab!«, bellte Sie Bashkim zu, während sie den anderen Ankömmlingen giftige Blicke zuwarf. »Oh, und passen Sie dieses Mal besser auf das Auto auf. Wenn ich heute Nacht mit einem weiteren Ersatzwagen irgendwo vorfahren muss, verwandel ich Sie in eine Kröte.«

    Dann rauschte sie mit klackenden Absätzen davon.

    »Yo, Bashkim«, sagte der dunkelhäutige Fahrer der weißen Limousine, kaum waren die Magier im Gebäude verschwunden. »Lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s, Kumpel?«

    »Wie immer«, antwortete Bashkim und lehnte sich leicht gegen den Leihwagen. »Du fährst wieder für den Grafen? Ich dachte, er wäre ein rassistischer Idiot?«

    Der Fahrer, Henri, lachte kurz.

    »Ist er auch, aber ein rassistischer und zugekokster Idiot. Manchmal ist er so verballert, dass er mich zweimal bezahlt. Wer bin ich denn, um zu einer doppelten Entlohnung nein sagen zu können?«

    »Gefährlich«, sagte George, ein weiterer Fahrer, der langsam näher kam. Er lockerte seine schwarze Krawatte. »Wenn der Graf kapiert, dass du ihn verarschst, dann sind deine Stunden gezählt. Es heißt, er hat seine Ex-Frau in Säure aufgelöst.«

    »Nicht so laut!«, zischte der unbekannte Fahrer, der zu der Rolls Royce gehörte. Schien wohl so, dass man den alten Ronnie ersetzt hatte. Der Neue sah aus, als hätte er erst gestern seinen Führerschein gemacht. »Diese Autos sind verzaubert. Die hören, was wir sagen.«

    »Sieh mal einer an.« Henri grinste breit. »Frischfleisch.«

    »Wo is’n Ronnie?« George musterte den Jungen mürrisch. »Krank, oder gekickt? «

    Der Junge sah aus, als würde er sich gleich übergeben. »Ich... kenne keinen Ronnie, Sir.«

    »Sir«, äffte ihn George nach. Er verschränkte die Arme vor seiner voluminösen Brust. »Hört ihn euch an. Hast du überhaupt schon Haare am Sack?«

    »Keine Sorge, Neuer.« Henri machte eine abwinkende Handbewegung. »Du gewöhnst dich schon noch an Georges liebreizende Art. Wie heißt du?«

    »Julie.«

    Die Männer sahen sich vielsagend an.

    »Ju-lie.« George machte ein Gesicht, als würde er sich den Namen wie einen viel zu trockenen Rotwein auf der Zunge zergehen lassen. »Was’n Kackname.«

    Julie sah aus, als würde er gleich weinen.

    »Ärgert ihr Deppen etwa schon wieder einen Neuen?« Eine kleine Gestalt schob sich grob zwischen Bashkim und George. Dominique war vielleicht eine kleine Frau, aber sie kompensierte ihre fehlende Größe mit jeder Menge Wut. Bashkim mochte sie.

    »Dom, ewig ist es her.« Henri verbeugte sich albern. »Männer, Anstand. Wir haben eine Lady unter uns.«

    »Ich ramme dir gleich meine Faust ladylike in den Arsch, Henri. Und du, Neuer. Hör auf zu wimmern. Fährst also den alten Dekan durch die Gegend, huh?«

    Julie nickte. »Ja, Madame. Ist heute mein erster Tag. Professor Morel ist ganz nett.«

    »Ganz nett«, schnaubte Dominique. »Pass bei dem Greis auf, Junge. Unser Ronnie hatte es nicht immer leicht mit ihm. Diese Magier glauben alle, ihre Scheiße würde nicht stinken.«

    Julie fummelte nervös an den Knöpfen seines Anzugs herum. »Ich denke, ich werde mit ihm auskommen«, sagte er. »Ich kann mir meine Pausen selbst einteilen und habe jeden zweiten Sonntag frei. Er riecht etwas streng, aber ich finde es cool, dass er mit seiner Enkelin zu einer Spendengala geht. Mein Opa hat nie irgendwas mit mir unternommen.«

    Kurz herrschte Stille.

    »Junge«, sagte Henri langsam. »Das ist nicht seine Enkelin.«

    Auf Julies Gesicht brachen gleich mehrere Welten und Dynastien zusammen. »Aber...«, der junge Mann suchte fassungslos nach Worten. »Er ist so... und sie ist so...«

    »Was beschwerst du dich?«, fragte George. »Wenn’s gut für dich läuft, legst du die Kleine in null Komma nichts hinten auf der Rückbank flach. So junge Frauen langweilen sich schnell mit ihren alten Säcken.«

    Julie wurde knallrot.

    »Armes Baby.« Dominique warf dem Jungen einen Flachmann zu. »Trink. Bis die da drin fertig sind, bist du längst wieder nüchtern.«

    Bashkim rauchte schweigend, während sich die anderen Chauffeure über ihren Alltag unterhielten und sah gen Nachthimmel. Es hieß, nirgendwo würden die Sterne so hell leuchten wie über Paris. Absoluter Bullshit, da der Himmel über dieser Stadt ebenso trostlos war wie der ganze Rest. Paris war ein von Menschen erschaffenes Monster.

    »Ich schlaf eine Runde«, verabschiedete er sich knapp bei den anderen Fahrern. »Man sieht sich.«

    »Don’t be a stranger«, sagte Henri. »Machs gut, Kumpel.«

    Die Lichter im Auto gingen an, kaum hatte Bashkim die Tür geöffnet und sich auf den Fahrersitz fallen lassen. Er kramte kurz im Handschuhfach, dann zog er die Papierrolle heraus. Mürrisch betrachtete er das Siegel.

    Wieso kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen?

    Das Siegel brach wie das Rückgrat einer unglücklichen Fee. Bashkim kannte die ausladende und hektische Handschrift nur zu gut. Die Nachricht war kurz und in Albanisch verfasst.


    Junge,

    komm schnell. Wir haben nicht viel Zeit. Die Spuren sind frisch.

    K.


    Bashkim rollte die Nachricht wieder zusammen und schob sie in die Tasche seines Sakkos. Seine Finger trommelten eine unruhige Melodie auf das Lenkrad. Normalerweise ignorierte Bashkim diese Form von Post, aber die Worte klangen dringend. Zudem war es der zwölfte Brief innerhalb von einem Monat. Dieser alte Spinner war vielleicht einsam und verrückt, aber seine Hartnäckigkeit hatte ein völlig neues Level erreicht. Was, wenn der Alte tatsächlich eine Spur hatte? Wenn sich nach all den Jahren tatsächlich etwas regte?

    Bashkim atmete tief ein und aus, wobei er den obersten Knopf seines Hemds öffnete und über die darunterliegende Haut rieb. Die Narbe war kaum zu fühlen, was er allein der Hexe in Dragash zu verdanken hatte. Was, wenn plötzlich alles, was Bashkim jemals haben wollte, wieder in greifbare Nähe rückte?

    Blödsinn, dachte der vom Leben abgestumpfte Teil in ihm. Du bist inzwischen 36, Mann. Hast weder Familie, noch eine eigene Wohnung. Du haust in einer Pension mit Tagesmiete. Lass es sein. Scheiß drauf. Passiert ist passiert. Vorbei ist vorbei.

    Doch der jugendliche Teil in ihm regte sich. Zorn und Wut vermischten sich zu einer unfassbaren Energie. Auf was wartest du?, drängte die nervige Stimme. Auf ein beschissenes Wunder? Der Alte ist vielleicht nicht ganz klar im Kopf, aber er ist ein Magier. Einer, der echt noch was drauf hat. Ohne ihn wärst du damals verreckt.

    Bashkim schaltete die Innenbeleuchtung im Wagen aus und saß einige Momente reglos in der Dunkelheit. Er sah durch die Windschutzscheibe zu der Gruppe Fahrer, die sich gegen die weiße Limousine gelehnt immer noch unterhielten. Der Neue kippte hektisch den Flachmann. Vermutlich war George wieder auf den Krieg zu sprechen gekommen. Er hatte eigentlich kein anderes Thema mehr, seit sein jüngerer Bruder eingezogen worden und irgendwo in Zentralafrika verschwunden war.

    Na los, drängte die Stimme. Starte den Motor und drücke auf’s Gas. Du könntest in knapp vierzig Minuten bei ihm sein. Wenn du es kurz hältst, bist du pünktlich wieder hier um Madame Kotzbrocken abzuholen. Die anderen Fahrer werden schon ihren Mund halten. Eine Hand wäscht die andere.

    »Halte den Mund«, sagte Bashkim leise zu sich selbst. »Halte einfach deine Scheißfresse.«

    Doch die Stimme wurde immer drängender. Immer lauter. Schließlich hielt es Bashkim nicht mehr aus.

    Er startete den Motor.


    ---------


    Anmerkungen:

    *"Karen/s": Ein von der englischen Meme-Kultur geprägter (abwertender) Begriff für eine Frau, die meist als Kundin im Service- oder Einzelhandelbereich auf Vergütungen und Rechte beharrt, die in den meisten Fällen das übliche oder angemessene Maß weit übersteigen. "Karens" werden häufig mit der "can-I-speak-to-your-manager"-Frisur in Verbindung gebracht und drohen gerne damit, irgendwen zu verklagen.

    Nun, DAS nenne ich mal kurz :)


    Dennoch fand ich den ersten Satz einfach knallig.


    Dieser Mann war sensationell

    Das ist so ein "WOW!"-Moment für den Leser. Man bekommt Fakten an den Kopf geknallt, ohne langes Hin- und her. Kein ewiger Prolog. Der Mann ist der Knaller, Punkt. Eine Kunst für sich. Es ist eine Behauptung, durchaus gewagt, aber es passt. Die Begründung für diese Stellungsnahme und diesen frechen Einstieg folgt für den Leser sogleich.


    Erste Sätze sind wichtig. Entscheiden über lesen - oder nicht lesen. Und dieser erste Satz gefällt mir :)


    Wohlig schnurrend


    Diese Stelle wiederrum empfand ich etwas merkwürdig. Ich arbeite für einen Verlag und wir vermeiden dort generell "flache" Beschreibungen. "wohlig schnurrend" ist eine Überschwappung in die sehr ausgeprägte Bildsprache, die den Lesefluss, der nach deinen kurzen und knackigen Sätzen eher auf kräftige Worte ausgelegt ist, irgendwie aus der Stimmung reißt. Menschen schnurren nicht. Natürlich, man könnte es als Verdeutlichung sehen - aber ich persönlich finde, hier hätte eher "seufzt" gepasst. "Wohlig seufzend".


    Ist aber meine persönliche Meinung. Ich streiche auch eiskalt "kichern" und "schmunzeln" aus den Manuskripten und Werken, die auf meinem Schreibtisch landen.


    Gefällt mir bis jetzt gut. Ich freu mich auf mehr.


    Ganz herzliche Grüße


    Naduschka