Beiträge von Korus

    Vorräte zu finden stellte sich als nicht besonders schwierig heraus, die nächste Stadt war nicht weit und bei ihrer Ankunft herrschte Trubel, denn es war ein Markttag. Der Markt war anders als den, den Esme in der Wüste erlebt hatte, hier gab es mehr Vieh, welches seinen ganz eigenen Geruch hinterließ und an vielen Stellen die Menge übertönte. Aber auch Vorräte sollten sich hier auftreiben lassen. Salem kümmerte sich darum, während der Rest der kleinen Truppe den Markt näher inspizierte. Esme hatte ihre Aufmerksamkeit für eine Weile auf ein Flugblatt gerichtet, einen Aushang voller Lettern die sie nicht verstand der allerdings mit einem interessanten Bild versehen war, eine Frau die an einen Phal gebunden war, während unter ihr ein Feuer entfacht wurde. Esme fragte sich ob es eine Art Ausstellung sein sollte oder einfach nur ein lokales Ereignis, als Stimmen ihre Aufmerksamkeit ablenkten. „Nein ich gebe sie Euch ganz sicher nicht.“ „Bitte nur ganz kurz, ich möchte sie inspizieren.“ Die erste Stimme gehörte Aljin, die zweite einem Händler an einem Stand voller Dinge die Esme am ehesten als alt und staubig beschrieben hätte. Als sie sich den beiden näherte war auch Jack aufgetaucht, während der Mann die junge Frau weiter bedrängte. „Ganz kurz, ich mache sie auch nicht kaputt. Wenn ich richtig liege dürfte das ohnehin schwer sein.“ Diese Beifügung schien Aljin zu überraschen, die ihre Hände schützend über eine alte Flasche gelegt hatte. Jack räusperte sich. „Alles gut hier?“ Der Händler schien die Überraschung der Frau bemerkt zu haben, denn er fuhr ohne Jack zu beachten fort. „Ja ich hatte vor langer Zeit einmal so eine Flasche in meinem Sortiment. Schwer zu zerbrechen, unmöglich zu öffnen. Ich habe sie zu einem guten Preis weiterverkauft, wir können hier beide ein gutes Geschäft machen.“ „Woher hattet Ihr sie?“ fragte die Frau nur. Der Händler grinste.“ Irgendwelche Schatzsucher haben sie in der Wüste ausgegraben, in so einer Ruine, ich weiß auch nicht. Ich glaube sie hieß Akarbia… Akrabria? Ich kann es euch auf einer Karte zeigen, wenn ihr etwas findet, dann wisst ihr ja an wen ihr verkaufen könnt.“

    @Alcarinque Und das wo George R.R. Martin Fanfiction doch so gern hat :rofl:


    „Wir können kaum unsere eigenen Leute ernähren, geschweigen denn die Stadt wieder aufbauen. Glaubt ihr in diesem Zustand können wir es uns leisten, Kesara irgendwie zu unterstützen?“ Cifer konzentrierte seinen blick auf die Dienerin, die durch den großen Saal lief und dafür sorgte, dass die Becher der Gäste stehts gut gefüllt blieben. Es war wahrscheinlich das interessanteste, was in diesem Raum geschah. Seit Tagen, nein Wochen waren sie hier. Und seit Wochen schien sich das Gespräch im Kreis zu drehen. „Wir erfrieren hier.“ Gefolgt von „wir haben euch Kleidung gebracht.“ Gefolgt von. „deshalb schulden wir euch noch lange keine Rohstoffe.“ Gefolgt von „Wir haben auch einiges von den Elfen abbekommen.“ Es erinnerte ihn ein wenig an die Gespräche, die er als Kind zuhause gehört hatte, auch wenn weitaus weniger Bierkrüge flogen. Jeden Morgen konnte der Gestaltwandler die Kälte des Winters etwas stärker spüren, wenn sich die Gruppe von ihrer Unterkunft aus zur großen Halle auf den Weg machte um dem hin und her zwischen Sans Vater und dem Statthalter zu lauschen. Heute morgen hatte er die ersten Schneeflocken gespürt, was bedeutete, dass sie so oder so bis zum Frühjahr hier festsitzen würden. Ob mit oder ohne Rohstoffen, die Rückreise würde durch den Schnee deutlich anstrengender und gefährlicher werden. Das würde den Soldaten sicher gefallen, wo sie es doch waren die mehr oder weniger vor den Toren von Aalfels ihre Lager aufschlagen mussten. Und Cifer konnte auch Unmut in der kleinen Gruppe spüren, die ihn überhaupt hierher gebracht hatte. San genoss die Zeit, die er an der Seite seines Vaters und Bruders verbringen durfte, aber es war dem jungen Mann anzusehen, dass er auch seine Mutter und Schwester gerne wieder gesehen hätte. Neneve war unmissverständlich ein Teil der Gefährten, aber Cifer war sich nicht sicher, wie sie in diesem komplett menschlichen Umfeld zurecht kommen würde. Vielleicht hatte sie sich einfach noch nicht klar gemacht, dass es eine Weile so bleiben würde, bis sie in ihre Heimat zurückkehren konnte, ohne als Königsmörderin beschimpft zu werden. Vielleicht war sie es von ihren bisherigen Reisen sogar schon gewohnt. Dann waren da Caspar und Gyahara, die beide immerhin ein Leben vor all dem gehabt hatten, wenn auch kein besonders tolles. Gerade in dem Moment bemerkte Cifer auch, wie sich die Dämonin von der Sitzung entschuldigte und verschwand, er konnte es ihr nicht verdenken. Für einen Moment überlegte er, ihr zu folgen, aber es war nicht wirklich seine Aufgabe, ihr gut zuzureden, und ihren Gastgeber würde es sicher nicht erfreuen, wenn die halbe Gefolgschaft des Generals einfach verschwand. Als er der Dienerin winkte und sie um etwas mehr Tee bat, bemerkte er allerdings, dass Caspars Blick noch immer an der Tür hing, durch die die Dämonin verschwunden war.


    Eine dünne Schneedecke hatte sich über die Landschaft und die Stufen zur großen Halle gelegt, als die Gefolgschaft an diesem Abend nach draußen trat. Cifer ließ seinen Blick schweifen und musste nicht lange suchen, bevor er die vermummte Gestalt etwas entfernt auf dem Friedhof der Stadt stehen sah. „Vielleich sollte ich…“ der Henker führte den Satz nicht zu ende, als er schon in die Richtung marschierte. Für eine Sekunde blickte Cifer ihm hinterher. Er verdankte ihnen sein Leben. Jedem in dieser Gruppe wirklich. „Wenn ich mich jemals revanchieren kann, sagt bescheid ja?“ Caspar wandte sich zu ihm um, eine Augenbraue fragend hochgezogen. Cifer zuckte mit den Schultern. „Ich schulde euch mein Leben…“ bevor Caspar etwas erwiderte, wandte der Gestaltwandler ich ab und entschloss, Ent zu suchen. Der Kleine hatte in den letzten Wochen immerhin ein paar Formen gelernt. Nur zum Fliegen hatte er ihn nie wirklich gebracht.

    Rodrick blickte der wütenden Frau überrascht hinterher. Er erinnerte sich an seinen Vater, der ihm vor langer Zeit erklärt hatte, wie Frauen oft über einige Tage hinweg sehr aggressiv wurden und man sie dann lieber in Ruhe ließ. Er konnte sich nicht erinnern, mit Selene jemals zu so einer Zeit aneinander geraten zu sein, aber seine Frau war ein freier Geist gewesen und er hatte sie auch nie wirklich bedrängt. Er wunderte ob es überhaupt eine gute Idee war, mehr über diese seltsame Frau erfahren zu wollen, wo er sie doch ohnehin einem widerlichen Mann liefern wollte. Er lenkte seine Gedanken weg von dem, was vermutlich mit ihr passieren würde, wenn die Entführung gelang und dacht stattdessen daran, was danach anstand. Auch seine Heimat zurückzuerobern würde kein leichtes sein, aber es war all das wert, wenn er dann Selene wieder in den Arm nehmen können würde.


    Das Lager wurde nach einigen Tagen Weg endlich ein gutes Stück entfernt von Zesnar aufgeschlagen. Die Magier hatten sich entschlossen, fürs Erste Späher auszusenden, um das Gebiet zu erforschen, außerdem hatten sie Erreck zu Rat gezogen, der die Stadt immerhin kannte. Rodrick war sich nicht sicher, was er von dem jungen Mann halten sollte. Zumindest war sich sicher, ihm nie auf dem Schlachtfeld begegnet zu sein. Ein weiteres Rätsel stellte Edgar für ihn dar. Der frühe Aufbruch des Heeres schien ihm nicht besonders gefallen zu haben. Auch im Moment konnte er den Mann nirgends sehen, als er durch das Lager schlenderte und das Verhalten der Soldaten beobachtete. Es war wichtig, die Leute einschätzen zu können, mit denen man in die Schlacht ziehen würde. Konnte ein Mann sein Schwert führen, oder würde man ihm konstant den Rücken freihalten müssen? Hatte sich jemand verfrüht an den Biervorräten vergriffen? Wenn ja, war es aus Angst oder Wagemut? Doch die Männer hier schienen ein gutes Training erhalten zu haben. Am Trainingsplatzt entdeckte er auch Matt, der den Blick zu seiner Überraschung auch Schweifen ließ. Für sein Alter und seinen Stand wirkte er sehr erfahren. „Gibt es irgendwelche Risiken?“ Der Schmied zog fragend eine Augenbraue hoch. „Bei den Männern?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich denke nur es ist wichtig die Leute zu kennen, die man an seiner Seite hat.“ Antwortete er selbstbewusst…“Was?“ fügte er hinzu, als er Rodricks nachdenklichen Blick bemerkte. „Du scheinst dich gut auszukennen…“ Er wollte noch fragen warum, als sie beide von einer kleinen Gestalt aufgeschreckt wurden, die an ihnen vorbeihuschte, gefolgt von einem „Warte doch, du hast mich nicht richtig angehört! Adahna!“ Aus einem der größeren Zelte waren zwei Gestalten getreten, ein General, den die Magier mitgebracht hatten, sowie Lohra. Beide sahen nicht glücklich aus, allerdings schien Lohras Wut sich diesmal mehr auf den General zu konzentrieren. „Ich denke, da hast du deine Antwort.“ Spuckte sie fast aus. “Was ist hier vorgefallen?“ mischte sich Rodrick ein und für einen Moment sah es so aus, als würde sie auch ihn wieder anfahren wollen, stattdessen atmete sie einmal tief durch und meinte dann ruhiger. „Dieser freundliche, strategisch veranlagte Mensch hat gerade vorgeschlagen, ein Kind auf dem Schlachtfeld vorzuschicken, um ein wenig Nutzen aus ihrem Fluch zu schlagen.“ Rodrick war bereit dem Mann die Nase zu brechen, zu seinem Glück kam ihm Matt zuvor, der zwar kräftig, aber doch leichter zurückzuhalten war. „Sie ist ein Kind! Ihr wollt sie da rausschicken und dazu zwingen Menschen zu töten?! Habt Ihr gar keine Skrupel?!“ Der General sah Matt an, der hochrot angelaufen war und versuchte sich aus dem Griff der beiden anderen zu winden, die auch aussahen als ob sie durchaus bereit waren, ihn einfach loszulassen und entschloss, dass es Zeit für eine verbale weiße Flagge war. “Ich…ja…nun…wenn man es so sagt…es war natürlich nur ein Vorschlag, aber wenn man es so ausprich klingt es wirklich wie eine schlechte Idee…“

    Die Mienen befanden sich nicht weit außerhalb der Stadt. Aljin hatte bei einigen Stadtbewohnern erfragt, dass die Zwerge dort auch ihre bescheidenen Behausungen errichtet hatten, während sie in den Mienen arbeiteten. Als die Gruppe dem Pfad zu den Mienenschächten folgte erblickte sie auch schon einige dieser Unterkünfte, nicht mehr als Holzverschläge und eine Menge kleiner bärtiger Figuren, die untätig vor ihnen hockten. Sie alle musterten sie misstrauisch, als Salem die Gruppe an den Hütten vorbei zu einem Schachteingang lotste, wo ein Zwerg auf einem Stein hockte, umgeben von drei anderen, die ihre Spitzhacken zur Hand nahmen, als sich die Fremden näherten. Sie ähnelten der Wache des Fürsten, die Erreck in Zesnar angeführt hatte, dachte Esme, nur eben ..naja… kleiner „Was wollt ihr B’hracka?!“ bellte der Vorderste der drei. Salem ignorierte ihn und blickte über ihn hinweg direkt den Zwerg auf dem Stein an, der sich den Bart strich und uninteressiert den Blick über die Hütten schweifen ließ. „Wir wollen über euer Silber sprechen, seid ihr hier der Anführer?“ Der Zwerg schenkte ihm noch immer nicht seine Aufmerksamkeit als er sprach. “Wir kamen hierher, weil die Mienen zuhause lange erschöpft waren.“ Esme fiel auf, dass die Stimme des Zwerges weiblich klang, wenn auch sehr tief.“ Wir hofften, unseren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen zu können, stattdessen werden wir ausgebeutet von B’hracka wie euch, die sich mit unserem Silber die Taschen füllen. Und wenn wir nicht mehr mitmachen kommt ihr direkt zu uns um zu stehlen, oder zu drohen.“ Der Anführer (Anführerin?) blickte sie jetzt direkt an. „Ist es nicht so?“ „Wir stehlen nicht!“ warf Aljin ein. Das „von euch.“ Schien sie sich nicht verkneifen zu können und fügte es leise hinzu. Der Zwerg nickte. „Und wir handeln nicht mit Silber, bis die Preise gerecht sind.“ Jack nickte in Richtung einer der Spitzhacken der Zwerge. „Für wie viel kann man die leihen?“ Der Wächter murmelte etwas in Zwergensprache, spuckte auf den Boden und umklammerte seine Spitzhacke fester, bedrohlicher. Jack zuckte nur mit den Schultern.“ Schon verstanden.“ „Was wenn wir euch mit den Preisen helfen, mal mit dem Stadthalter reden. So von B’hracka zu B’hracka.“ Sieben ungläubige Augenpaare richteten sich auf den Magier, dann begann der Zwerg zu lachen.“ Ihr denkt ihr müsst euch für uns einsetzten?“ „Nein, aber ich möchte es.“ Erwiderte Salem ruhig. Der Zwerg machte eine Bewegung mit der Hand, als würde er sie wegscheuchen.“ Geht, versucht es meinetwegen, aber Ihr seid nicht unser Erretter, B’hracka.“ Er kopierte die Geste seiner Wache und spuckte auf den Boden vor ihnen.


    „Was sollte das denn bitte?!“ fuhr Aljin Salem auf dem Rückweg an. „Ich möchte euch helfen? Wann wurde das entschieden?!“ Salem blickte stur geradeaus. „Glaubst du, dass wir irgendwo in der Umgebung mehr Glück hätten?“ Esme merkte, das sich Jack garnicht an dem Gespräch zu interessieren schien. Stattdessen strich er sich geistesabwesend übers Kinn und warf Salem immer wieder fast sehnsuchtsvolle Blicke zu. Noch mal jung sein, dachte die Hexe. „Du sabberst.“ murmelte sie in seine Richtung und beobachtete schmunzelnd, wie er sich panisch mit dem Handrücken über den Mund fuhr.

    Es waren vermutlich die letzten warmen Herbsttage, schätzte Cifer, der Winter würde bald über sie hereinbrechen, mit etwas Pech bevor man mit dem Wiederaufbau beginnen konnte, mit noch viel mehr Pech vielleicht sogar schon während ihrer Heimreise, je nach dem, wie sehr sich die Verhandlungen zogen. Alfels, die Nachbarstadt war weit entfernt und hatte wohl nicht die beste Beziehung mit Kesara, auch wenn die letzten offenen Kämpfe Jahrhunderte her sein mussten. Cifer lief hinter dem Rest der Gruppe, gedanklich noch immer zwei Nächte hinter dem heutigen Tag. Was Caspar ihm über mögliche Verräter erzählt hatte, hatte ihm klargemacht, dass er ihnen von Dunedin erzählen musste. Besser sie erfuhren die Geschichte von ihm selbst, als von einem Außenstehenden der die Information nutzen könnte um sie auseinander zu bringen. Wenn sie es hingegen von ihm selbst erfuhren würde das das Vertrauen vielleicht sogar stärken. Er brauchte nur noch einen Plan, wie er die Geschichte angehen sollte. Er würde ganz bestimmt nicht hier auf der Straße darüber sprechen wo jeder mithören konnte. Auch wenn es keine große Neuigkeit war, war es immer noch etwas sehr privates. Vielleicht würden sie auf der Straße ja in einer Taverne rasten. Cifer hoffte darauf, immerhin war Sans Vater doch irgendwo ein Edelmann. Dann könnte er die Geschichte immerhin in einer ruhigen Kammer loswerden. Caspars herzhaftes Lachen erschreckte ihn mit seiner Plötzlichkeit und ließ ihn zum ersten Mal an diesem Tag aufblicken. Auch Neneve und Gyahara wandten die Köpfe. San war rot angelaufen. Caspar wischte sich ein paar Tränen aus den Augen. „Schwerter und Schankmägde… meine Güte, San.“ Murmelte der Henker nur grinsend. Doch Cifers Blick wanderte an dem Henker und dem Jungen vorbei und blieb an einem der Holzwägen vor den Beiden hängen. Die reicheren Stadtbewohner hatten die absurdesten Dinge zum Tauschhandel gespendet, aber er war sich sicher, dass keiner von ihnen eine Katze aufgegeben hatte. Das schwarze Tier hockte auf dem Holzstapel und ließ den Blick übe die Karawane streifen, als suche es jemanden. Er schlenderte zu dem Wagen vor und wie erwartet blieb der Blick des Tieres an ihm hängen. Er erinnerte sich wieder an die seltsame Frage, die ihm Ent der Novize gestellt hatte, lange bevor sie die Stadt erreicht hatten und ihn mit den anderen in einer vorläufigen Unterkunft abgeliefert hatten. „Aber du weißt das Katzen nicht plötzlich Flügel wachsen können, oder?“ meinte er beiläufig. Die Katze neigte den Kopf leicht. „Wenn du fliegen lernen willst, solltest du bereit sein ein paar neue Dinge auszuprobieren, meinst du nicht auch?“ Er blickte dem Tier jetzt direkt in die Augen „Ähm… Cifer?“ hörte er die Dämonin hinter sich. „Ja?“ fragte er, ohne den Blick abzuwenden oder zu blinzeln. Vermutlich dachte sie er hatte den Verstand verloren. Vermutlich hatte er das auch. „Du redest mit einer Katze.“ Wies sie ihn vorsichtig auf sein Verhalten hin. Bevor er antworten konnte blinzelte das Tier und sprang vom Wagen auf den Weg. Im Fallen schien es größer zu werden, sein Fell verschwand und Haut kam zum Vorschein. Irgendwie ironisch, aber Cifer hatte so eine Verwandlung noch nie von außen erlebt, weshalb er fast wie angewurzelt stehen blieb. Im nächsten Moment landete der Novize vor ihm. Seine Kleidung schien er irgendwo zurück gelassen zu haben, etwas was ihm als Kind auch oft passiert war. Er blinzelte überrascht. Es war ein Schuss ins Blaue gewesen, der Gedanke fast zu gut um wahr zu sein. Ein weiterer Gestaltwandler. Für die Assassinen musste diese Gabe wie ein vierfacher Sechser beim Würfeln gewesen sein. Für ihn war es viel mehr, nichts was sich mit einem simplen Gewinn beim Glücksspiel vergleichen ließ. Er wollte sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn er länger dort ausgebildet worden wäre. Aber das hieß auch, dass es Aufzeichnungen über seine Familie geben musste, in dem Buch, dessen Wichtigkeit er noch vor ein paar Tagen mit San debattiert hatte. Eine weitere Ironie. Er war sich vage bewusst, wie die Karawane neben ihnen weiterzog, auch wenn ihre kleine Gruppe angehalten hatte und wie der Wind ihm durchs Haar strich, aber seine Konzentration lag voll und ganz bei dem Kind vor ihm. Er konnte das Verhalten des Novizen nun verstehen und der jüngere hatte nicht halb so viel Zeit damit verbracht, sich zu fühlen als sei er der einzige seiner Art. Dann erinnerte er sich, wie kalt es inzwischen war. Sein Mantel war für den Jungen umständlich lang, deshalb streifte er sich kurzerhand sein Hemd über den Kopf und reichte es dem Novizen. Es bildete immerhin schon eine halbwegs wärmende Tunika. Vielleicht würde Cifer später einen Blick auf die Spenden der Städter werfen und sehen ob darunter auch etwas passende Kleidung war. „Na dann,…“ meinte er schließlich sich die Hände reibend, als sich der kleinere Gestaltwandler angezogen hatte und Cifer plötzlich klar wurde, dass er keine Ahnung hatte, wie er ihm solche Dinge beibringen sollte. Er wusste nur wie er sie gelernt hatte. „Vielleicht solltest du aufhören mich so anzusehen und auf deine Umgebung achten.“ Er deutete nach oben in die Bäume, wo einige Vögel hockten. „Da sind deine Lehrer. Die Assassinen haben dich gut auf Haustiere geschult, aber sehen wir mal wie gut du die hier imitieren kannst.“ Der Junge nickte ruckhaft, mehr als befolge er einen Befehl, als einen Rat, dann verschwand er zwischen den Wagen der Karawane, vermutlich um sich ein gutes Betrachtungsexemplar zu suchen."Und verlier dein Hemd nicht wieder, es wird ganz schön kalt."rief er ihm noch hinterher. Grinsend drehte Cifer sich zu seinen Gefährten um, die wohl selbst nicht sicher wussten, was sie aus der Szene machen sollten. „Unglaublich, oder?“ Ein paar hochgezogene Augenbrauen signalisierten ihm, dass offenbar keiner der anderen richtig verstand, was diese Entdeckung ihm bedeutete. Egal, er würde es später erklären. War da nicht noch etwas, was er hatte erklären wollen? Erst später an diesem Tag, als er sich fröstelnd tiefer in seinen Mantel wickelte und mit den Fingern dabei über die Narben strich, die das Mal unter anderem auf seiner Brust hinterlassen hatte und er sich fragte, ob irgendeiner seiner Begleiter das Mal jemals richtig gesehen hatte, fiel es ihm wieder ein, aber zum wahrscheinlich ersten Mal verschaffte der Gedanke seiner Euphorie keinen kompletten Dämpfer.

    Esme bemerkte die Blicke die nun auf sie gerichtet wurden. Es war tatsächlich eine interessante Frage. Sie war kurz davor zu sagen, was kümmert mich die Stadt? Aber dann stellte sie sich die Frage, was kümmert mich der Sumpf? Im Moment hatte sie sich bei den Dorfbewohnern nicht beliebt gemacht und sollten sie wirklich noch einmal mit schlechten Ideen zu ihrer Hütte zurückkehren war es wahrscheinlich besser, wenn sie sie dort nicht fanden. Fast schade, dass sie keine abschreckenden Gegenstände für sie zurückgelassen hatte, Puppen aus Schilfgras oder so. Sie zuckte deshalb nur mit den Schultern pflückte sich sanft Fergus vom Schopf und setzte die Kröte im Matsch ab. Er würde seinen Weg nach Hause finden, wie immer. "Ich bin bei meinem letzten Ausflug nicht wirklich an die Küste gekommen, ich frage mich ob es dort etwas netter ist als in der Wüste." Der Werwolf nickte und sie glaubte auch auf dem Gesicht der Frau so etwas wie ein anerkennendes Lächeln zu sehen.

    Aljin seufzte. "Als ob ich allein in diesem ungemütlichen Schlammloch bleiben würde." Sie bemerkte Esmes empörten Blick."Nichts für ungut. Vermutlich ist es... nett... wenn man darin aufwächst." fügte sie schnell hinzu.Esme beobachte das ungleiche Paar und die Frau kurz. "Ich beigleite euch besser noch ein Stück, diese ungemütliche Schlammloch ist kein netter Ort, wenn man sich nicht auskennt." Sie beeilte sich, ihre Sachen zusammenzupacken, und dann war die Gruppe auch schon unterwegs. Zurück ließen sie nur eine fast leere Hütte und einen leicht verwirrten Magier, der sich noch immer nicht ganz sicher war, was genau ihm da gerade widerfahren war.

    Cifer zog sich schon bald nach dem Abendessen in das Zimmer zurück das Jered ihm und Caspar schon bei ihrer Ankunft zur Verfügung gestellt hatte, auch wenn im Haus noch ihre Rückkehr gefeiert wurde. Sie waren erst am Morgen dieses Tages in Kesara eingetroffen und hatten einen großen Teil des Nachmittags damit verbracht eine passende Unterkunft für die Novizen zu finden und Soldaten, die bei ihnen blieben. Die Ruhe war genau das was er jetzt brauchte um über den weiteren Verlauf seiner Reise nachzudenken. San hatte zugestimmt sich der Karawane anzuschließen. Natürlich wollte er erstmal bei seinem Vater bleiben. Und auch der Rest der Gruppe schien der Idee nicht abgeneigt. Und warum sollten sie es auch sein? Neneve würde sich wohl in den nächsten Dekaden nicht mehr im Elfenreich blicken lassen dürfen, oder zumindest solange bis die ganze Geschichte um Zuminas Tod irgendwie aufgelöst worden war, Caspar war ihm nie wie jemand vorgekommen, der seinen Beruf mit besonderem Elan ausübte, obwohl er ihn natürlich nie wirklich bei der Arbeit erlebt hatte und alles was Gyahara zuhause erwartete waren vermutlich ein paar Gräber, die ausgehoben werden mussten. Keiner von ihnen hatte etwas zu dem er zurückkehren konnte, genau wie er. Aber sich deshalb Hals über Kopf in die nächste Arbeit zu stürzen? Er lehnte sich auf das Fensterbrett und ließ seinen Blick über die Stadt streifen, vom Adelsviertel aus war sie gut überschaubar. In vielen Häusern brannten Lichter, auf einem Platz spielte ein Barde und Menschen feierten, vermutlich das Ende des Krieges mit den Elfen, oder man hatte sie über die Assassinen informiert, oder reiche Menschen neigten einfach dazu zu mehr Feste zu feiern. Sein Blick schweifte weiter zu den dunklen Elfenvierteln. Für die Menschen und Elfen dort schien sich wenig geändert zu haben, sie hatten immer noch alles verloren. Vielleicht konnte er nicht gut machen, was in Dunedin geschehen war, was er getan hatte, aber er vielleicht konnte er Wiedergutmachung leisten, wenn er ihnen half. Der Gedanke fühlte sich großkotzig an. Er war nicht für das Wohlbefinden all dieser Menschen zuständig. Ein Geräusch auf dem Dach lenkte ihn ab. Vor dem Fenster hockte eine schwarze Katze. Ein edles Tier, einem adeligen Haushalt würdig, das ihn interessiert musterte. Vielleicht lag es daran, dass er die letzten Tage mit den stummen Novizen verbracht hatte, aber der Blick löste ein ungutes Gefühl in ihm aus. Er erinnerte ihn an Ent, wie die Soldaten den Jungen getauft hatten, weil er ihm immer nachgelaufen war wie ein Entenküken. Er wollte die Hand austrecken und die Katze irgendwie auf ihre Echtheit überprüfen, auf Fehler, auf wasauchimmer, als sich die Zimmertür schwunghaft öffnete und sie verschreckte. Caspar trat ein, musterte ihn kurz und hockte sich dann auf sein Bett. Er roch nach Wein. „Schon bereit abzuhauen?“ Er deutete vage aufs Fenster. Cifer schüttelte den Kopf und bewegte sich ebenfalls zu seinem Bett.“ Ich dachte nur… Ist egal.“ Er ließ sich auf den Rücken fallen und starrte an die Decke. Es war ein dummer Gedanke gewesen, der ihm kurz beim Anblick der Katze durch den Kopf geschossen war. „Aber du willst abhauen, oder?“ als er aufblickte saß der Henker immer noch auf seiner Bettkante und musterte ihn trübe. “Du hast dich nicht zu der Sache mit der Karawane geäußert.“ Er zuckte mit den Schultern. “Kann sein, dass ich noch etwas anderes zu klären habe. Vielleicht komme ich mit, vielleicht gehe ich meinen eigenen Weg.“ Caspar wirkte ein wenig verletzt durch seine Offenheit deshalb fügte er hastig hinzu. “Aber ich sage euch bestimmt bescheid. Ich werde nicht einfach irgendwann in die Nacht verschwinden.“ Nochmal. “Versprochen.“ Caspar nickte nur ruckhaft. Er schien kurz mit sich zu ringen und Cifer war sich nicht sicher welcher Teil von ihm gewonnen hatte als er meinte. “Hör mal, es gibt da etwas… ich meine vielleicht ist nichts dran… Gyahara dachte….“ Die Stille zog sich ein wenig und Cifer fragte, ob es am Wein lag, oder ob er einfach nur seine Gedanken ordnen musste. “…Egal“ Der Gestaltwandler nickte. „Dann gute Nacht.“ Er hatte sich schon auf die Seite gerollt und begonnen sich zu fragen, welche Aussage der Dämonin ihm so viele Schwierigkeiten bereiten könnte als der andere wieder zu sprechen begann, diesmal bemüht klar und schnell. “ Ghya und Neneve haben überlegt ob es vielleicht Mitwissser gab. Jemand der die Assasas..Asin… den Orden gewarnt hat.“ Er konnte den Blick des Mannes in seinem Rücken spüren und für einen Moment überkam ihn Panik. Hatte er irgendwie von Dunedin erfahren? Hatte er ihn auch hierfür in Verdacht, was immer auch hier passiert sein mochte? Hatte er deshalb nach seinen Plänen gefragt? Stattdessen kam nur ein müdes aber besorgtes. “Glaubst du, dassowas passieren könnte?“ Cifer nickte, obwohl es in der Dunkelheit natürlich nicht erkennbar war. Ein Schnarchen vom anderen Bett informierte ihn, dass er sich die Antwort sparen konnte.

    Noch Tage lang konnte man die Rauchschwaden von den Ruinen der Enklave aufsteigen sehen. Es war nicht unpraktisch für den kleinen Trupp Soldaten sowie San und Cifer, die die Rauchsäule für ihre Orientierung nutzen konnten. Auch wenn es wahrscheinlich jede lebendige Person im Umkreis von zehn Meilen alarmierte. Cifer verbrachte einen großen Teil der Rückreise, wie auch schon auf dem Hinweg in der Luft. Am Anfang hatte seine Fähigkeit dazu gedient Wege und Feinde auszumachen, nun nutze er sie um etwas Zeit allein verbringen zu können und den Kopf frei zu bekommen. So langsam hatte er begonnen zu begreifen, dass nun alles vorbei war. Die Assassinen waren ein für alle Mal erledigt. Es ging keine Gefahr von ihnen mehr aus. Die Gruppe war zum ersten Mal sicher. Und er selbst lag nicht mehr im Sterben. Er war frei. Konnte wieder gehen wohin er wollte, tun was er wollte nur, irgendwie auch nicht. Irgendwie landeten seine Gedanken wieder bei Dunedin. Er hatte gehofft das das alles vorbei gehen würde, dass ihn die Alpträume von lebenden Schatten und seinen vermutlich toten Gefährten verlassen würden. So wie er auch schon lange nicht mehr von blutigen Schlachtfeldern geträumt hatte. Nach allem was in den vergangenen Monaten passiert war, nach allem was er getan hatte hatte er die Erlösung doch verdient, oder?


    Abends kehrte er an die Lagerstelle zurück, mit zwei Hasen, die er als Adler erlegt hatte. Seine Jagdkünste verbesserten sich immer mehr, auch wenn er am Aussehen des Vogels noch etwas arbeiten musste. Die Soldaten nahmen das Abendessen dankend an, ihr Proviant ging langsam zur Neige, vor allem mit den extra Personen. Zwanzig Novizen zwischen zehn und sechzehn hatten sie insgesamt aus den Unterkünften geholt, fast gezerrt. Die meisten hatten sich gewehrt, aus Angst vor Bestrafungen durch „die Meister“, einige waren fest überzeugt gewesen es handle sich um einen Trick um ihre Loyalität zu prüfen. Die Soldaten blickten müde drein. San hatte sie gewarnt, dass es in diesen Bergen wilde Raubtiere gab, doch die größte Bedrohung schien von diesen Jugendlichen auszugehen. Erst zwei Abende zuvor hatte sich einer aus den Fesseln gelöst, die sie ihnen zur Sicherheit angelegt hatten und hatte einen der Männer mit seinem eigenen Schwert erstochen. Doch die meisten wirkten eher geschockt, als aggressiv. Cifer blieb nicht beim Feuer, sondern gesellte sich zu San, der etwas abseits auf einem Fels hockte und die Novizen im Auge behielt. „Schon Glück mit einem von ihnen gehabt?“ Der junge Assassine schüttelte den Kopf. Er hatte die letzten Abende versucht auf jede erdenkliche Art Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Etwas entfernt saß einer der Jungen auf dem Boden und starrte Cifer an. Das war alles was sie taten. Sie mussten schreckliche Dinge durchgemacht haben. San wusste welche, aber er sprach nicht darüber. „Es ist so ungerecht“ murmelte er plötzlich. Der ältere Mann blickte den jüngeren fragend an. „Sie sind ihr ganzes Leben lang belogen worden, von zuhause weggeholt worden. Die haben sie zu eiskalten Mördern ausgebildet. Und trotz allem tun sie so als wären wir die Monster.“ Er wandte den Blick ab aber Cifer glaubte trotzdem zumindest die Andeutung von Tränen erkannt zu haben. Er verspürte den Drang ihm den Arm um die Schulter zu legen, aber durch die höhe des Felsens wäre er nur bis zu Sans Knie gekommen. “Sie können nichts dafür.“ Versuchte er es beschwichtigend. „Ich weiß“ murmelte San nur. “Das ist ja das Schlimme“. Dann fügte er irgendetwas unverständliches hinzu. „hmm?“ fragte Cifer. “Das Buch.“ Antwortete San, etwas lauter. “Das Buch in dem die Namen der Eltern und die Herkunft vermerkt werden. Es war nicht da.“ „Und was macht es für einen Unterschied ob es da ist oder nicht?“ fragte Cifer, vermutlich etwas grob. “Du kennst ja nichtmal ihre Namen. Und wie soll es dann weitergehen? Willst du durchs Land reisen und Kinder liefern. Oh ja hier ist ihre Tochter, sie sagt nicht viel und es kann vorkommen, dass sie versucht sie im Schlaft abzustechen, aber sonst ist sie ganz die Alte.“ San blickte ihn verletzt an. “Aber sie sollten ihre Eltern…“ „Sie sind nicht in der Verfassung in der Eltern ihr Kind sehen sollten. San. Du hast gerade erst deine eigene Familie gefunden. Konzentrier dich auf sie, bevor du versuchst jeder Waisen im Land mit einem Elternpaar zu verkuppeln.“ Der Assassine rutschte nur flink vom Fels und marschierte an ihm vorbei, hoffentlich um sich an einem ruhigeren Ort Gedanken darüber zu machen, was er gesagt hatte. „Nicht alle, nur zwanzig.“ Murmelte er kaum hörbar im vorbeigehen. Cifer seufzte und lehnte sich wieder an den Fels. „Kannst du mir zeigen wie man fliegt?“ Die Kinderstimme riss ihn aus den Gedanken die gerade dabei gewesen waren sich zu entwickeln und ließ ihn vor Schreck fast auf den Stein springen. Hinter ihm stand einer der Novizen, er war vielleicht zwölf, und starrte ihn aus großen braunen Augen an. „…Äh..wie war das nochmal?“ fragte er dämlich, noch immer etwas neben sich stehend. Doch das Kind schien keinen weiteren Stoff zu dem Gespräch beitragen zu wollen. Stattdessen schaute er ihn noch kurz groß an ging er zu seiner Stelle am Boden zwischen den anderen Jungen und Mädchen zurück und beobachtete ihn weiter. Über die nächsten Tage bildete sich ein Muster heraus in dem der Novize immer irgendwo in seiner Nähe herumschlich und ihn genau beobachtete, beinahe als wäre Cifer ein interessantes Exemplar einer fremden Art, dass er studieren musste. Er hoffte nur, dass sie Kesara erreichten, bevor er das nächste Opfer einer nächtlichen Attacke wurde. Auch wenn er in den Augen des Jungen etwas anderes sehen konnte, als die Angst in denen der anderen Novizen. Er behielt ihn nicht aus Furcht im Auge sondern aus uneingeschränkter Neugier.

    Esme überließ es den Herren, den verwundeten Schwarzmagier zu ihrer Hütte zurückzutragen. Sie selbst hielt auf dem Rückweg allerdings weiter Ausschau nach möglichen Angreifern. Doch der Sumpf wirkte tatsächlich ruhiger und auch ihre Gäste wechselten nur wenig Worte. Zuhause machte sie sich, mal wieder, daran, die Wunden zu säubern und mit einer Paste aus diversen Kräutern zu bedecken, die die Heilung vorantreiben würden. Gerade als sie das zweite Bein verbunden hatte, klopfte draußen jemand heftig an die Tür. Es klang eher wütend als dringend. Tatsächlich standen draußen in der Dunkelheit eine Gruppe Männer aus dem Dorf, bewaffnet mit Speeren, Harpunen und sogar einem Paddel. "Also gut Hexe wo ist er?" fragte ihr Anführer, ein Fischer dem Esme im letzten Sommer einen Angelhaken aus der Hand geholt hatte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust."Ganz ruhig Junge..." Sie nickte in Richtung seiner Begleiter ."Ein bisschen spät für einen Fischzug." Der Mann ließ sich nicht irritieren."Du versteckst da drin einen Schwarzmagier, ich habe Zeugen. Gib ihn uns, der wird lernen hier Unfug zu treiben." Esme ließ die Hand in einer drohenden Geste zu ihrem Gürtel gleiten, nicht zum Dolch. Stattdessen griff sie nach einem Beutel. Sie wusste das die meisten Männer im Dorf Angst vor ihren "magischen Kräften" hatten. Eine ihrer gesprächigeren Patientinnen hatte sie einmal über solche Dinge wie Blutmagie und Wettermachen ausgefragt. An manchen Tagen bereute sie, diese Künste nie erlernt zu haben, aber das musste ja nicht jeder wissen. "Wenn ich mich recht erinnere habe ich deinen zwei Töchtern in die Welt geholfen, Ich habe genug Reste ihrer Nabelschnüre um sie zurück zu schicken." Der Anführer wurde bleich und wich ein wenig zurück. Verstärkend tauchten nun auch ihre Gäste in der Tür auf."Gibt es hier Probleme" Fragte Aljin, ihre Schlange hatte sich um ihren Hals gewunden. Der Blick des Anführers wanderte kurz von ihr, zu Salem, der im Türrahmen aufragte und ihn abschätzend musterte zu Jack, der an der Hütte lehnte und und Situation mit einem fast wölfischen Lächeln begutachtete und entschied prompt, das er wohl in etwas hineingeraten war, das zu groß für ihn und seine Freunde allein war. Esme schaute ihnen noch kurz hinterher um sicherzugehen, dass sie wirklich verschwunden waren. "Also?" wandte sich Salem nun an den Magier.

    Die Ratssitzung hatte fast abrupt geendet. Die Ratsvorsitzenden hatten Lordas und Ereck in ein privates Gespräch geholt, vermutlich um den weiteren Ablauf des Angriffs zu planen. Die restliche Gruppe hatte sich irgendwie verstreut und Rodrick hatte sich allein in der hohen von Säulen gesäumten Eingangshalle zum Rat wiedergefunden. Beim verlassen des Gebäudes merkte er, das es auf einem Hügel gebaut war und das unübersichtliche Meer aus Häusern und Gassen überblickte. Eine große Insel in Form eines Marktplatzes tat sich in diesem Meer direkt vor ihm auf. Er hatte ein Badehaus finden zu können, als er sich weiter in die Stadt begeben hatte, stattdessen sprach ihn eine bekannte Stimme von hinten an. “Dachtest wohl du könntest die Belohnung für die hübsche Lady selber einstecken, Halbgesicht.“ Er seufzte innerlich. Kloch. So wie es aussah hatte er beim Angriff auf die Oase ein paar neue Narben gesammelt. Auch Haran war bei ihm, keiner der beiden Söldner wirkte besonders glücklich. Rodrick blickte sich um, ob ihn irgendjemand sehen oder hören konnte, doch die Straße in der er sich wiedergefunden hatte wirkte glücklicherweise verlassen. „Seit ihr vollkommen verrückt geworden, euch hier so blicken zu lassen?“ „Wir haben dich mit dieser Söldnerin gesehen, es bringt nichts es zu verleumden. Du wolltest uns verarschen.“ „Ich habe einen Plan.“ Antwortete Rodrick. „Allem Anschein nach, geht die Gruppe sowieso ein Stück durch Nocats Länder. Und wer weiß was auf so langen Strecken alles passieren kann? Wir könnten angegriffen werden, Jemand könnte eine hübsche junge Frau entführen. Aber das geht nur, wenn ich nicht mehr mit euch gesehen werde.“ „Was ist mit dem Mädchen.“ Fragte Kloch beharrlich. “Nach dem was mit Karch passiert ist…“ „Karch hat es verdient. Wir kümmern uns darum. Deswegen ist es wichtig den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Es ist wichtig, dass wir erst auf dem Rückweg angegriffen werden. Kloch blickte ihn ungläubig an, doch Haran nickte und bedeute seinem Kumpan, ihm zu folgen. Kurz darauf fand Rodrick auch endlich das Badehaus. Als er sich in eine der Wannen sinken ließ, kreisten seine Gedanken nicht um das Gespräch mit den Söldnern, oder die Ratssitzung, sondern um die Illusion, die ihm der Magier in der Zelle vorgespielt hatte. Wenn er sich jetzt geschickt anstellte, würde er dem echten Möwenfels bald wieder sehr viel näher sein.

    Esme beobachtete den Werwolf, der den bewusstlosen Magier zurück auf die Lichtung schleifte und Salem kurz ansah, als ob er sich eine tolle Belohnung erwartete. Dann bemerkte er die zwei anwesenden Damen und zögerte einen Moment. Salem räusperte sich. “Ähm... wenn ihr euch kurz umdreht, könnte er…“ Esme erinnerte sich an ihre frühere Begegnung mit Jack. Pah von wegen schwimmen gehen. Die Hexe wandte trotzdem ihren Blick ab, auch wenn es bei weitem nichts war, was sie noch nie gesehen hatte.

    Esme dachte über die Frage nach. Von den Dörflern hatte sie nichts über Fremde gehört, aber es war auch nicht so, als ob die täglich mit ihr plaudern würden. Und selbst wenn sie niemanden gesehen hatte, konnte es sein, dass jemand über andere Pfade in den Sumpf gelangt war. Es war ihr fast peinlich, dass sie die Übersicht über das verloren hatte, was im Sumpf vor sich ging. „Bei mir eingetragen hat er sich jedenfalls nicht.“ Antwortete sie deshalb nur etwas grummelig. „Aber es gibt genug Orte im Sumpf, an denen man ein Lager aufschlagen könnte.“ Sie musste es wissen. Ihre Leute hatten es dauernd getan. “Ruhige Plätze an denen einem niemand in die Quere kommt.“ Salem sah sie durchdringend an. “Nun, könntet Ihr uns diese Plätze zeigen?“ Seine Begleiter schienen von seinem Vorhaben ebenso überrascht wie von seiner vorherigen Reaktion. Die Gedanken darüber, warum sich jemand in den Sumpf schleichen wollen würde, ließen sie fast vergessen, mit welcher Leichtigkeit der Kranke eben ihre Diagnose abgelehnt hatte. Als wären ein paar Organe unwichtig. Er hatte nicht wie jemand gewirkt, der nicht wusste, was das bedeutete. Und dann war da noch die seltsame Verfärbung seines Armes. Vielleicht sollte sie ihn, in Anbetracht dieses Phänomens weiter beobachten, wenn auch nur um zu sehen, wie lange es für eine Blutvergiftung dauern würde, ihn dahin zu raffen. Esme nickte. Auch wenn ihr ein Schauer den Rücken hinunter lief, bei dem Gedanken, noch einmal heimzukehren.

    Esme inspizierte den Arm kurz. Wahrlich, eine üble Wunde. Der Verband selbst wirkte verdreckt genug, um bei der Heilung nicht gerade geholfen zu haben. Aber irgendetwas sagte ihr, dass das nichts mit dem Problemen des restlichen Arms zu tun hatte. Immerhin wirkte nichts davon wie etwas, dass sie hier sofort lösen konnte. Sie wandte sich nur um, in Richtung ihrer Hütte und bedeutete dem Gebissenen und seinen Gefährten stumm, zu folgen. „War es Vollmond?“ fiel ihr eine Frage plötzlich ein. Genug Menschen die an einem Vollmond gebissen worden waren, waren schon hier aufgetaucht, klagend und sie darum bettelnd, sie von diesem Fluch zu heilen. „Ja“ eine kurze Pause „aber das ist kein Problem.“ Esme war sich sicher, dass sie mehr erfahren würde, wenn sie nachbohrte, aber es war nicht ihre Absicht, in anderer Leute Leben herum zu bohren, weshalb der Rest ihres Marsches ruhig verlief, bis auf einen kurzen beinahe-Zusammenstoß mit einer weiteren Gruppe Untoter. In letzter Zeit schienen sie hungriger zu sein. Die Tür ihrer Hütte quietschte, als Esme sie aufzog und den Gebissenen anwies, sich auf einen Hocker in einer Ecke niederzulassen. Während sie seinen Biss im Schein einer Kerze genauer untersuchte, konnte sie aus dem Augenwinkel Jack und die Frau beobachten. So viele Leute wollte sie lieber nicht aus den Augen lassen, auch wenn diese anscheinend wirklich nur Hilfe wollten. Während Jack unbewusst mit dem Fuß wippte und sich offenbar beherrschte nicht jeden einzelnen Gegenstand in ihrer Unterkunft aufzuheben und genauer zu untersuchen lehnte die junge Frau an ihrer Feuerstelle und beobachtete gedankenverloren eine Schlange, die sich um ihre Hand schlängelte. Esme machte sich eine gedankliche Notiz, Fergus näher bei sich zu behalten, solange sie in der Nähe war. „Ich glaube ihr seid mir immer noch zwei Namen schuldig.“ Murmelte sie, während sie sich daran machte, die Wunde des Mannes zu reinigen, viel bringen würde es jetzt auch nicht mehr, aber es erlaubte ihr einen nähren Blick auf den Arm zu werfen. Die junge Frau hob zum ersten Mal den Blick von der Schlange und lächelte etwas verlegen. „Oh ja richtig, verzeihung… Ich bin Aljin und unser Verletzter hier ist Salem.“ Esme nickte. „Die Wunde ist stark entzündet. Eine Art des Wundbrands.“ Der Vermummte nickte ebenfalls. Sie musste den Zustand nicht weiter erklären, also sprang sie gleich zu nächsten Teil. „Diese Entzündung wird sich durch das Blut im Körper ausbreiten. Dadurch werden deine Organe geschädigt. Ich rate dir dazu, denn Arm zu entfernen, so schnell wie möglich.“ Sie beobachtete Salem stumm, der wohl zu überlegen schien.

    Das Klagenmoor lag ruhig da, ein ruhiger Vormittag. Esme hatte sich entschlossen, dass es an der Zeit war, diverse Kräutervorräte wieder aufzustocken. Seit sie vor einiger Zeit in ihre Hütte zurückgekehrt war, hatten eine ganze Menge mehr von Kranken und Verängstigten die eine Krankheit vermuteten aus dem Dorf ihre Hilfe angefordert. Gedankenverloren zog sie Fergus aus dem Beutel, in dem er es sich bequem gemacht hatte und verstaute stattdessen die eben gesammelten Pflanzen darin. „Ach Fergus, da ist man mal kurz weg… Kann ich diese Menschen keine zwei Monate allein lassen?“ „Mein Papa meint, das liegt am Vollmond. Der macht Leute krank.“ Esme zuckte nicht zusammen, als sie die Stimme hörte, sie kannte sie zu gut. Sie gehörte einem Mädchen aus dem Dorf, das ihr seit ihrer Rückkehr folgte, in der Hoffnung etwas von ihr zu lernen und selbst eines Tages Menschen helfen zu können. Tara oder Tanja oder so etwas. „Dein Papa soll aufhören betrunken im Giftefeu zu schlafen, dann geht der Ausschlag auch irgendwann wieder weg. Mit letzer Nacht sind es erst zwei Vollmonde seit ich wieder da bin, hätten die wirklich irgendetwas bewirken können?“ Erwiderte sie nur, ohne sich umzudrehen. Sie musste sich nicht umdrehen um ihr Schulterzucken zu sehen, dass so etwas wie Papa weiß schon was er macht zu vermitteln schien. Die Stille die darauf folgte war angenehm lang, fast zu lang für das Mädchen, das die Alte sonst so mit Fragen durchbohrte. Esme seufzte und wandte sich im Aufstehen doch der Kleinen zu, die es sich mit einem Finger in der Nase auf einer breiten Wurzel bequem gemacht hatte. „Willst du irgendetwas bestimmtes?“ fragte sie schnippisch. Die Kleine schüttelte den Kopf. „Da sind Fremde in der Taverne und sie gehen nicht, bevor ihr Freund nicht kommt. Der Mann ist voll unheimlich und die Frau…“ Esme war drauf und dran sie zu unterbrechen, nicht interessiert an irgendwelchem Dorftratsch. Glücklicherweise übernahm ein Geräusch tiefer aus dem Sumpfgras diese Aufgabe, ein Schrei, gefolgt von einem Platschen und dem tiefen Stöhnen eines Widergängers. Esme folgte dem Geräusch, dicht gefolgt von dem Mädchen. Als sie einen Busch Binsengras auseinanderschob, bot sich ihr zuerst nur der Anblick eines der zahllosen Untoten, die das Moor durchstreiften, der im seichten Wasser auf etwas kniete. Im nächsten Moment erkannte sie, dass das etwas Arme und Beine und und einen schwarzen Büschel Haare auf dem Kopf besaß. Als der Mann sich an die Oberfläche kämpfte und den Widergänger ins Wasser drückte, erkannte sie außerdem, dass er nackt war. Er brüllte den Widergänger dabei an, sein Schrei eine Mischung aus diverse abschreckenden Lauten und Satzfetzen wie „Stirb doch endlich, blödes Mistding, stirb!“ während sich der Untote weiter unter seinem Griff wehrte „Glaubst du er weiß, das sie nicht ertrinken können?“ flüsterte das Mädchen. Esme musterte den Mann noch kurz und schüttelte den Kopf. Zumindest schien er einiges an Ausdauer zu besitzen, dafür dass er nicht so stark wirkte. „Geh nach Hause Mädchen, ich kümmere mich darum.“ Die Kleine warf dem Kämpfenden noch einen Blick zu der fast etwas bewundernd wirkte, dann war sie verschwunden. Die Hexe umstreifte das Gewässer, in dem die Beiden rangen, bis sie die passende Stelle gefunden hatte, der Widergänger hatte sich inzwischen irgendwie wieder auf den Mann gekämpft, welcher ihn mit Armen und Beinen von seiner Kehle fernhielt. Esme stieß vom Ufer aus einen Pfiff aus, der das Wesen ablenkte. Irgendein uralter, rationaler Teil in ihm erkannte wohl, dass eine alte Frau ein leichteres Ziel abgab und gab dem Körper, der an diesem Teil hing Befehl, sich in die entsprechende Richtung zu bewegen. Er kam nicht weit, bevor er in einer tiefen, schlammigen Stelle stecken blieb und zu versinken begann. Der nackte Mann schaute etwas verwirrt auf, dann begann er sich an einer seichteren Stelle aus dem Wasser zu kämpfen, mit Schlamm und diverse Widergängerresten bedeckt, die sich wohl beim Kampf gelöst hatten.

    Wachsam hing der junge Assassine in der Felswand knapp unter der Mauer der Enklave, und überblickte den engen Pfad, der sich den steilen Hang hinauf zum Tor wund. Üblicherweise konnte er von diesem Wachposten aus mindestens zwei Kollegen links und rechts von sich erkennen, doch in den letzten Tagen hatte sich die Zahl der Wachen vermindert. Der junge Mann war nicht dumm, er wusste das dies bedeutete, dass im Moment besonders wenig Assassinen in der Enklave waren. Als ob ihm das nicht auch so aufgefallen wäre, auf dem Trainingsplatz und beim Essen. Seit Tagen hielt er nach seinen Brüdern und Schwestern Ausschau, auch wenn ihm eine der älteren Assassinen gesagt hatte, dass diese Aufträge ihre Zeit dauerten. Als ob er das nicht wüsste. Als ob er noch nie dort draußen gewesen wäre. Doch auch jetzt war der Weg leer, das einzige Zeichen von Leben stellte der große Vogel dar, der in den letzten Nächten um das Gebäude der Enklave gekreist war. Der Assassine vermutete, dass es ein Adler war, allerdings kannte er sich auch nicht mit Vögeln aus, sonst hätte er wohl auch die kleineren anatomischen Ungereimtheiten bemerkt. Aus der Nähe betrachtet sah das Tier aus, als hätte man einem Bildhauer befohlen einen Adler zu formen, nur dass der Mann keine Vorlage benutzt und die Stellen bei denen er sich nicht sicher war nach Eigeninterpretation erschaffen hatte. Der Junge folgte mit seinem Blick noch eine Weile dem Vogel, bevor er ihn wieder in Richtung Boden wandte. Der Wind schlug ihm kalt ins Gesicht, der erste Schnee war bereits gefallen und in den weißen Flocken fiel es ihm allmählich schwer, etwas zu erkennen. Dennoch war da plötzlich eine Bewegung, die er aus dem Augenwinkel aufnahm. Er wandte den Kopf leicht und erkannte eine dunkle Gestalt, ein Stück weiter neben sich im Fels. Die Figur hatte ihn offensichtlich nicht bemerkt und einen Moment lang dachte er, es sei einer seiner Brüder oder Schwestern aus der Enklave bis ihm die Richtung auffiel, in die er kletterte. Von unten nach oben, nicht anders herum, wie es jemand, der von der Mauer zum Wachdienst herunter kam tun würde. Mit einer Hand am Fels zog er mit der anderen seine Wurfmesser, der Eindringling würde nicht weit kommen. Doch als er zum Wurf ausholte, schlug ihm plötzlich eine Wand aus Federn ins Gesicht, Krallen schlugen sich in den Arm, mit dem er sich festhielt. Der Angriff kam so überraschend, dass er nicht einmal Alarm schlug und dann fiel er auch schon. Das letzte was der junge Mann erkannte war, wie die dunkle Gestalt sich über die Mauer schwang, die Weiteren, die weiter unten auf einem Felssims warteten, nahm er nicht einmal wahr, als er lautlos in der Tiefe verschwand.