Beiträge von Tindaya

    Nelli untersuchte die junge Frau vorsichtig und schwieg eine ganze Weile. Als sie ein leises Schluchzen vernahm, musterte sie Esther besorgt.

    Alles in Ordnung, Kindchen?“ fragte sie sanft und tätschelte den Arm der Gräfin. Verstohlen wischte die sich weitere Tränen weg und nickte betreten.

    Ja“, erwiderte sie und lächelte tapfer, doch die alte Heilerin nahm ihr das nicht ab. Esther sah nach allem aus, aber nicht danach, dass alles in Ordnung war. Also beschloss sie nach einem kurzen Moment der Stille das Thema nicht auf sich beruhen zu lassen.

    War das wegen diesem Thomas?“, hakte sie dann nach. Sie erinnerte sich nur zu gut an die Geschichte, die die Magierin ihr erzählt hatte und neuerliche Wut kochte in ihr hoch. Wenn sie könnte, würde Nelli diesem Kerl die schlimmsten Flüche auf den Hals hetzen, die ihrer Meinung nach jeder verdient hatte, der sich ungefragt an Frauen heranmachte. Selbst Edmund würde Ärger mit ihr bekommen, wenn er nicht sein verhalten gegenüber der Gräfin änderte.

    Die wiederum runzelte die Stirn und schaute zur alten Hexe.

    Was meinst du? Ich bin ins Loch gefallen, weil ich abgerutscht bin“, erwiderte sie und wich ganz offensichtlich dem Kern von Nellis Frage aus. Doch die war nicht bereit nachzugeben und schüttelte vehement den Kopf.

    Nein, du bist in das Loch gefallen, weil du weg gelaufen bist“, beharrte sie und tupfte die Schürfwunde an Esthers Arm ab. Mit geschickten Handbewegungen kramte sie eine kleine Flasche heraus, dessen Inhalt kaum noch existent war. Wenn sie nicht bald von dieser Insel runter kamen, würden ihre Vorräte bald endgültig aufgebraucht sein. Esther nestelte derweilen betreten an ihrem Ärmel herum und wich Nellis Blick aus, die die Wunde mit dem Rest der Flüssigkeit betupfte.

    Ich brauchte einen Moment für mich“, gab sie zu und zögerte ehe sie weiter sprach: „Aber ja, ich bin wegen Thomas weggelaufen.“

    Nellis Blick wurde schlagartig sehr ernst und atmete tief durch, ehe sie fragte: „Ist das der Kerl, den wir noch kastrieren müssen?“ Sie zwang ihre Stimme möglichst ruhig zu klingen, während sie innerlich tobte. Vor allem als Esther dann auch noch zögerlich nickte, kam Nelli nicht umher, unwillig zu brummen und das Stück Stoff in ihren Händen zu kneten.

    Dieses Monster. Sicher, dass ich ihn nicht doch mit Voodoo verhexen soll? Ich kenne da einige sehr effektive Zauber...“, schlug sie vor und legte den Kopf schief. Die Magierin lachte kurz freudlos auf.

    Er hat Finger verloren, das muss reichen. Aber danke für dein...Angebot“, erwiderte die Magierin, woraufhin Nelli deren Hand nahm und sie sanft drückte.

    Meine Liebe...Das ist nichts, was man leicht weg steckt, niemand weiß das besser als ich. Ich möchte, dass du weißt, dass ich da bin, falls du reden möchtest“, bot sie mit einem sanften Klang in ihrer sonst so rauen Stimme an und lächelte leicht, als Esther ihre Hand drückte.

    Ich komme klar“, sagte sie leise und ein schwaches Lächeln zeigte sich auf den blassen Lippen.“Aber...ich gebe zu, dass ich Thomas nicht noch einmal sehen will...“

    Auf dem runzeligen Gesicht der Alten zeigte sich ein fieser Ausdruck, der schon deutlich machte, dass man die Hexe nicht als Feind haben wollen würde.

    Das musst du auch nicht, Herzchen. Überlass ihn mir“, versprach sie und verzog den Mund zu einem bösartigen Grinsen, was immerhin Esther dazu brachte, sie endlich richtig anzusehen.

    Ich will nicht wissen, worüber du gerade nachdenkst...“ Die Heilerin zuckte nur mit den Schultern, doch das Funkeln in ihren Augen sprach Bände.

    Ich bin kein freund von Gewalt“, stellte Esther klar ehe sie den Blick abwandte und deutlich leiser hinzufügte: „Aber aufhalten werde ich dich auch nicht.“

    Nelli schmunzelte und zwinkerte der Magierin zu.

    Wer hat denn von Gewalt gesprochen? Ich habe meine Mittel und Wege.“ Sie grinste ein schiefes Grinsen, dessen fiese Natur aber nicht völlig versteckt blieb. „Meiner bescheidenen Meinung nach sollte jeder, der sich an jungen Mädchen vergeht oder es auch nur versucht, mehr als nur einen Finger verlieren.“ Sie wurde wieder ernst und ihr Blick lag wieder musternd auf Esther.

    Du darfst wütend sein und traurig. Aber versprich mir, dass du dir niemals die Schuld daran gibst. Dieser Abschaum hat weder dein Mitleid noch deine Gnade verdient, wenn du ihm doch begegnen solltest.“

    Ein tiefes Seufzen entkam der Kehle der Magierin.

    Ich habe kein Mitleid und ich gebe mir auch nicht die Schuld, es ist nur...“ Sie stockte und fuhr sich mit der hand durchs Gesicht, ein Anblick der Nelli fast das Herz brach. „Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ihm noch mal unter die Augen zu treten. Wenn Edmund diesen Handel abschließt, werde ich woanders sein.“ Sie zuckte mit den Schultern und ihr Blick wanderte wieder ziellos durch den Strand entlang. „Irgendwo, wo ich nicht mit ansehen muss wie dieser...“ ,sie stockte und biss sich auf die Unterlippe, „Dieser dampfende Haufen Mist das Fernrohr in die Hände bekommt.“

    Ein Feixen legte sich auf Nellis Gesicht. Hatte Esther grade wirklich geflucht? Das war ja mal etwas völlig Neues.

    Er wird das Fernrohr nicht bekommen. Und wenn Edmund mich danach verflucht und hassen wird. Nur über meine Leiche wird er das Ding an diesen dämlichen Nachttopf verkaufen..“ Die Alte runzelte die Stirn und legte den Kopf schief, schien zu überlegen. „Gut, für Wendy ist das wohl eher ein Argument FÜR den Verkauf und nicht dagegen...“ Eine Bemerkung, die Esther sogar ein leichtes Schmunzeln entlockte, was für den Bruchteil eines Moments auf ihren Lippen zu sehen war, ehe sie wieder die Stirn runzelte.

    Warum sollte Edmund das Fernrohr nicht verkaufen an Thomas? Er ist der Käufer und von uns wird sich Edmund nicht aufhalten lassen.“

    Nelli wiegte erneut den Kopf leicht hin und her und hoffte, dass sie sich mit ihrer nächsten Äußerung nicht täuschte: „Weil selbst unser lieber Händlersohn ein gewissen hat. Tief vergraben unter einem Haufen Gehabe und Arroganz. Niemand, der unschuldigen Frauen so was antut, sollte ein so mächtiges Magisches Artefakt in den Händen halten dürfen.“

    Esther schaute sie erschrocken an, wie ein Rehkitz, das in die Flinte des Jägers guckte.

    Ich will nicht, dass Edmund oder Trevor davon erfahren!“ Die Alte seufzte erneut und zuckte mit den Schultern. Die Aufgabe würde sie der Magierin nicht abnehmen können. Beschwichtigend hob sie die Hände.

    Vielleicht musst du ihnen nicht die ganze Geschichte erzählen. Sondern lediglich, dass du Thomas kennst und er kein guter Mensch ist und vielen mit dem Fernrohr schaden könnte“, schlug sie vor und bemerkte, wie die junge Gräfin ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen presste. Die restlichen Verletzungen versorgten sie schweigend, ehe Esther die Stille durchbrach: „Ich denke darüber nach.“

    Ein paar Tage versuchten sie einen normalen Tag- und Nachtrhythmus beizubehalten, was lediglich dazu führte, dass Nelli mehr als einmal hatte Salben gegen Sonnenbrand und Mittel gegen Sonnenstich herstellen müssen. Irgendwann hatte sie vorgeschlagen, dass sie nachts arbeiteten und den Tag über schliefen. Die Idee fand schnell Zustimmung und sie stellten sich alle danach um. So war es wirklich angenehmer, wenn ihnen die Sonne nicht den ganzen Tag den Schweiß auf die Stirn trieb. Auch wenn die alte Frau das nicht hatte zugeben wollen, so hatte ihr die Hitze sehr zu schaffen gemacht. Sie war eben keine zwanzig mehr und steckte das noch schlechter weg, als die jungen Leute – auch wenn Edmund tat, als würde er am meisten von allen leiden.

    So auch an diesem Nachmittag, als er da saß und für sie alle das Frühstück zubereitete: Ein Versprechen, an das er sich erstaunlicherweise noch immer hielt.

    Nelli hatte Wasser geholt, damit sie darin ein paar Früchte kochen konnten um eine Art Kompott daraus zu machen. Sie hatte sich im Sand nieder gelassen um noch ein paar Bananen klein zu schneiden, während Edmund am Feuer stand. Nach einigen Minuten des Schweigens, begann er dann aus dem Nichts zu sprechen.

    „Wieso ist es hier eigentlich immer so unendlich heiß? Wird das hier auch mal wieder kühler? Wenn es weiter so langsam voran geht, dann bekommen wir hier ja vielleicht sogar noch den Winter mit“, maulte er und Nelli verdrehte nur die Augen.

    „Bei der Hitze kann ja niemand schlafen. Warum habe ich eigentlich überhaupt ein Feuer gemacht?“, meckerte er weiter, als die alte Frau nicht weiter reagierte. Die hatte schon abgeschaltet und hörte gar nicht weiter zu, als er sich weiter über die Hitze, die Sonne und den Sand beschwerte. Irgendwann ging auch ihr aber das ständige Genörgel auf die Nerven und sie drehte sich leicht gereizt zu ihm um.

    „Was zum Henker willst du? Du bist doch sonst nach dem Aufstehen nicht so gesprächig und schon gar nicht mir gegenüber“, fragte sie schließlich offen heraus und bewunderte, wie er sie erst mal für einen Moment verdutzt anstarrte.

    „Von dir will ich gar nichts, Hexe. Du triffst leider so gar nicht meinen Geschmack. Es ist nur grade niemand anderes da“, erwiderte er wenig schlagfertig, was Nelli schon stutzen ließ. Ihr Blick glitt kurz besorgt über sein Gesicht. Täuschte es oder schien der Händlersohn trotz des Sonnenbrandes erstaunlich blass? Und warum waren ihr die tiefen Ringe unter seinen Augen noch nie aufgefallen? Schweigend stocherte Edmund etwas im Essen herum und schien sich nicht so richtig entschließen zu können, ob er mit der Sprache rausrücken wollte oder nicht. Nach ein paar Minuten raffte er sich auf.

    „Was hat deine Hexenküche eigentlich noch so zu bieten?“ fragte er zögerlich und ließ Nellis Genervtheit verpuffen. Anscheinend gab es wirklich etwas, was ihn bedrückte. Sie gab ihre abwehrend Haltung auf, drehte sich zu ihm um, was sie damit tarnte, dass sie die Bananen dem Essen zufügte.

    „Kommt darauf an, was du brauchst“, erwiderte sie deutlich sanfter und schaute dann zu ihm auf. Er wich ihrem Blick aus und kaute seltsam nervös auf seiner Unterlippe herum.

    „Irgendetwas, was mich schlafen lässt...“ murmelte er kaum hörbar. Die alte Heilerin kniff die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Das erklärte natürlich einiges und sofort regte sich Sorge in ihr. Wie lange ging das wohl schon? Schlief er etwa seit der Meuterei nicht mehr?

    Geht es dir mehr um das Einschlafen oder möchtest du von Träumen befreit sein?“ hakte sie ruhig nach und jede Spur von Bissigkeit war aus ihrer Stimme verschwunden.

    Edmund spannte den Kiefer an und ein trotziger Zug erschien um seine Mundwinkel.

    „Macht das denn einen Unterschied?“

    Nelli nickte langsam.

    „Das macht es tatsächlich. Je nach Kraut werden andere Aspekte des Schlafes beeinflusst“, erklärte sie und zuckte mit den Schultern, während der Händlersohn ergeben seufzte.

    „Keine Ahnung! Beides, Einschlafen und Träume...“ gab er zerknirscht zu. Nelli runzelte die Stirn. Das war wirklich schlimmer als sie vermutet hatte. Vielleicht würde seine Laune aber auch besser werden, wenn er endlich wieder schlief.

    „Gut, damit kann ich arbeiten. Ich braue dir etwas, wenn ich meine Bestände und die Kräuter der Insel gesichtet habe. Aber nur unter einer Bedingung...“ stimmte sie zu, ehe Edmund sie unterbrach.

    „Keine Experimente und du bleibst mit deinen Händen weg von mir!“ verlangte er und Nelli musste sich das lachen verkneifen.

    „Ich experimentiere nicht an dir. Keine Sorge. Und so lange du dich nicht wieder verletzt besteht auch kein Zwang, dass ich dich wieder untersuchen muss. Nein, ich helfe dir und dafür hörst du auf mich ständig 'Hexe' zu nennen.“ Edmunds Augenbrauen schnellten in die Höhe und er schaute sie irritiert an.

    „Aber du bist eine Hexe“, stellte er überflüssigerweise fest und legte den Kopf schief. Ein tiefes Seufzen kam über die runzeligen Lippen der Alten und sie fuhr sich über die Stirn.

    „Das schon. Aber es haben mir schon sehr viele Menschen als Schimpfwort an den Kopf geworfen, wenn ich nicht das gemacht habe, was sie wollten. Ich bin eine Heilerin“, versuchte sie zu erklären und meinte, eine Erkenntnis in Edmunds Augen zu sehen.

    „Es war nicht als Beleidigung gemeint“, begann er, ehe sich aber ein spitzbübisches Grinsen auf seine Lippen schlich. „Jedenfalls nicht immer. Aber meinetwegen, dann eben Heilerin.“ Gleichgültig zuckte der Händlersohn mit den Schultern, während Nelli schmunzeln musste.

    „Dir ist bewusst, dass ich auch einen Namen habe, oder?“ fragte sie amüsiert und beobachtete, wie das Grinsen auf Edmunds Gesicht breiter wurde.

    „Ja. Ich auch“ erwiderte er frech, sodass Nelli sich einen Spaß erlauben wollte. Sie zuckte also mit den Schultern.

    „Ganz wie du möchtest, Wendy, neckte sie ihn und genoss die Verwirrung, die sich auf seinem Gesicht breit machte.

    „Wendy?“ echote er und zog die Augenbrauen hoch.

    „Ja, Wendy. Für Wendel“, erklärte sie, als wäre es das natürlichste der Welt. Ihr Grinsen wurde mit jedem Moment breiter, je röter Edmunds Gesicht wurde.

    „Schon gut, Schon gut, Edmund, beruhigte sie ihn und gluckste leise. Den Anblick in seinen Augen würde sie so schnell nicht vergessen. Ganz offensichtlich hatte er damit nicht gerechnet.

    „Danke, Peternella, kam es dann aber zurück, was die Alte nun erst recht wieder zum Lachen brachte.

    „Nelli ist völlig ausreichend. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mal dran erinnern, wann ich das letzte Mal Peternella genannt wurde.“ Sie grinste breit und auch um Edmunds Mund zog sie ein Schmunzeln.

    „Kein Wunder, der Name ist ja auch viel zu sperrig. Den kann man überhaupt nicht brüllen“, merkte er an, was Nellis Augenbrauen nach oben wandern ließ. Das sagte ausgerechnet er mit seinen drei Namen, von denen kein einziger wirklich gut von den Lippen ging. Was war denn bitte Wendel für ein Name? So zuckte sie lediglich mit den Schultern.

    „Oh ja. Ich weiß auch nicht, was meine Mütter sich dabei gedacht haben“, erwiderte sie gleichgültig und steckte kleine Zweige ins Feuer. Edmund hatte den Kopf nachdenklich schief gelegt und stocherte im Essen rum. Anscheinend rang er wieder mit sich und Nelli war schon neugierig, was es dieses Mal war.

    „Woher kommst du eigentlich? Wurdest du als Hex-... Heilerin geboren oder von garstigen alten Weibern als Baby mitten in der Nacht verschleppt und in einen Kessel geworfen?“ wollte er gespielt desinteressiert wissen, doch den Sarkasmus konnte er nicht ganz verstecken. Nelli beschloss, den zu ignorieren und ihm stattdessen vernünftig zu antworten.

    „Ich war ein Waisenkind. Meine Ziehmutter hat mich aufgesammelt und ausgebildet. Ich kann mich an meine richtigen Eltern nicht erinnern“, erzählte sie ruhig, während Edmund schon wieder eine Vorlage für den nächsten fiesen Kommentar hatte.

    „Jemand hat dich freiwillig aufgenommen? Hast du dann der Ziehmutter auch deinen Namen zu verdanken?“ stichelte er und die Alte verdrehte erneut die Augen. Manchmal war es selbst ihr ein Rätsle, wie sie so ruhig bei seinen Aussagen bleiben konnte.

    „Stell dir vor, als Kind war ich sogar ganz niedlich. Aber ja, den Namen hat sie mir gegeben.“ Edmund feixte und machte sich gar keine Mühe, das zu verstecken.

    „Wie viele hundert Jahre muss ich nochmal zurück gehen, um mir das vorstellen zu können?“

    „178 Jahre“, antwortete sie und musste dann aber selbst grinsen. Edmund schien zu überlegen und runzelte dann die Stirn.

    „Nein, beim besten Willen. So weit reicht meine Vorstellungskraft nicht um zwischen den Falten auch nur irgendwas Niedliches zu entdecken“, neckte er sie und Nelli schüttelte gespielt missbilligend den Kopf.

    „Du hast eindeutig zu wenig Fantasie“, stellte sie fest und Edmund konterte direkt: „Oder du zu viele Falten.“

    Kurz überlegte die Alte und wiegte den Kopf hin und her. „Vermutlich eine Kombination aus beidem. Aber komm du erst Mal in mein Alter, dann werden wir sehen, was von deinem Aussehen noch übrig bleibt, Jungchen.“ Edmund lachte kurz auf und zuckte dann mit den Schultern.

    „Darüber brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Meine Familie wird nicht so alt.“

    „Nicht? Macht sich jeder von euch so schnell Feinde wie du?“ Die Ironie in ihrer Stimme war unüberhörbar und der junge Händlersohn schnaubte leise.

    „Das vermutlich auch. Muss in der Familie liegen“, grinste er und Nelli zuckte mit den Schultern.

    „Sei froh, es hat auch viele Nachteile, so alt zu werden“, merkte sie an und schien mit ihren Gedanken für einen Moment ganz weit weg zu sein. Sie konnte nicht verhindern, dass ein trauriger Ausdruck in ihre Miene trat. Gesichter tauchten vor ihrem inneren Auge auf, an die sie schon lange nicht mehr gedacht hatte. Als Edmund ihr eine Schüssel mit dem fertigen Essen hinstellte, zuckte sie kurz zusammen. Unangenehm berührt räusperte sie sich und fühlte den Blick des jungen Mannes auf ihr ruhen.

    „Du hast viele Menschen in all der Zeit verloren, oder?“ fragte er und Nelli meinte fast so etwas wie Mitgefühl in seiner Stimme zu hören. Also nickte sie langsam und schaute auf die Schale vor sich.

    „Viel zu viele“, gab sie ehrlich zu. Edmund zögerte und schaute sich nach den anderen beiden um, die in etwas Entfernung noch schliefen.

    „Auch deine...Geister?“ fragte er leise, beinahe ehrfürchtig. Wieder nickte die Alte und rührte in dem Essen um.

    „Ich habe schon immer Geister gesehen und mit ihnen kommuniziert“, erklärte sie und schaute wieder zu Edmund auf, der die Stirn gerunzelt hatte.

    „Warum schleppst du dann nicht deine ganzen verlorenen Menschen mit?“ wollte er wissen und Nelli fragte sich zeitgleich, wann jemand das letzte Mal wirklich so aktiv Interesse an ihr gezeigt hatte.

    „Nicht jeder wird zu einem Geist. Nur Tote, die noch etwas auf der Erde zu erledigen haben. Wie zum Beispiel Trevors Vater, diese nutzlose Miesmuschel.“ Allein beim Gedanken an dieses Gespräch wurde die alte Frau wieder wütend. Es ging ihr nicht in den Kopf, wie Johnny hatte diese Chance vermasseln können. Edmunds Blick zeigte offene Skepsis.

    „Stimmt das wirklich mit diesem Geisterkram oder hast du Trevor nur belogen?“ Nelli kniff die Augen zusammen und runzelte die Stirn.

    „Das stimmt wirklich. Ich kann Geister sehen, mit ihnen sprechen und ihnen meinen Körper zur Verfügung stellen, um mit anderen zu sprechen. Was hätte ich denn davon, Trevor zu belügen?“ Dieser Gedanke ergab einfach keinen Sinn, egal, wie sie es drehte und wendete. Edmund musterte sie.

    „Keine Ahnung. Deinen Spaß und einen verzweifelten Formwandler?“ schlug er vor und die Hexe schnalzte missbilligend mit der Zunge.

    „Das ist ziemlich wenig, oder? So verrückt bin ich nun auch wieder nicht...“ merkte sie spitz an und Edmund wiegelte abwehrend ab.

    „Schon gut, schon gut. Aber was ist mit deinen Geistern? Wen kannst du schon verloren haben, wenn in deinem komischen Zirkel doch alle so uralt werden?“ wechselte er das Thema und Nelli musste sich ein grinsen wieder verkneifen.

    „Fünf Ehemänner und etliche Liebhaber?“, schlug sie amüsiert vor und legte den Kopf schief. Kurz musterte Edmund sie und grinste dann.

    „Das ist doch hoffentlich 150 Jahre her?“ neckte er sie und brachte die Alte damit wieder zum Lachen.

    „Nicht ganz, aber schon ein paar Jahrzehnte. Ich habe es die letzten Jahre vermieden, mich enger an Menschen zu binden. Ihr seid seit bestimmt guten 30 Jahren die ersten, die ich 'Freunde' nennen würde“, gab sie offen zu, was ihr einen verwunderten Blick von Edmund einbrachte.

    „Weil wir so besonders sind? Oder weil niemand was mit dir zu tun haben wollte?“ fragte er nach und musterte sie mit zusammen gekniffenen Augen. Nelli wiegte erneut den Kopf hin und her.

    „Zu viel Bindung ist schlecht, wenn man schon viele Menschen verloren hat. Man hat ständig Angst, dass das wieder passiert und versucht sich das zu ersparen“, erklärte sie langsam, fast stockend, während sie Edmunds Blick weiter auf sich spürte. Ihr Blick ging zum Horizont und ihre Gedanken wanderten weit zurück in die Vergangenheit, ehe sie eine Berührung an der Schulter zurückholte.

    „Du solltest essen, sonst wird es kalt. Und wenn Trevor wach wird, bleibt nichts mehr für uns übrig.“ Edmund nickte in Richtung der Schlafenden.

    „Falls du nachher Hilfe mit den Kräutern brauchst, sag einfach Bescheid“, fügte er noch hinzu und Nelli musste sich kurz räuspern, ehe sie sprach.

    „Danke, werde ich machen“, antwortete sie, wohlwissend, dass sie vermutlich nie darauf zurück kommen würde. Edmund war mit dem Fällen von Bäumen und dem Bau des Gerüsts schon mehr als beschäftigt.

    „Hier verzichtet auch keiner auf Hilfe...“ seufzte er theatralisch und zauberte Nelli damit wieder ein Lächeln auf die Lippen, während sie beobachtete, wie die anderen beiden wach wurden und verschlafen zum Feuer kamen.

    Unglücklich schaute Nelli Trevor nach. Sie verfluchte diesen dämlichen Pirat, der sich als sein Vater herausgestellt hatte. Hätte sie gewusst, was diese miese Kröte seinem Sohn zu sagen gehabt hatte, sie hätte einem Gespräch niemals zugestimmt. Nun fühlte sie sich als Medium benutzt und schuldig, weil es dennoch ihr Mund gewesen war, der diese Sachen ausgesprochen hatte. Die Alte hatte gehofft, Trevor helfen zu können, ihm eine Möglichkeit zu geben, sich von seiner Vergangenheit zu verabschieden. Dass diese ihn belastet hatte, war mehr als offensichtlich gewesen. Nun hoffte sie einfach, nicht noch mehr Wunden aufgerissen zu haben.

    Ihre Hände vergruben sich im Sand und sie atmete tief durch um ihre Wut über Johnny und sich selbst zu zügeln. Sie hätte es besser wissen müssen, sie hatte doch so viele Jahre Erfahrung. Langsam atmete sie ein und wieder aus. Sie ließ ihre drei Reisebegleiter viel zu nah an sich ran, sie fühlte sich für jeden von ihnen verantwortlich – selbst Edmund!

    Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal solche Gefühle für Menschen entwickelt hatte, ihr letzter Lehrling war schon mindestens fünfzig Jahre her. Das arme Mädchen hatte sie damals aus einer Hütte im Welt gerettet, in der sieben Wüstlinge sie gefangen gehalten hatten um sie dann an einen adligen Lüstling zu verschachern. Das Mädchen hatte gerade mal zwölf Sommer gezählt und schon so traurige Augen gehabt, dass es Nelli das Herz gebrochen hatte. Sie hatte sie kurzfristig betäubt um sie dann zu sich zu nehmen und auszubilden. Hübsch war die kleine gewesen mit ihrem pechschwarzen Haar. Später hatte die Heilerin dann erfahren, welche Geschichte der Adlige und die Wüstlinge erzählt hatten, doch darüber hatte sie nur lachen können. Das junge Mädchen war zu einer stolzen und selbstbewussten Frau heran gewachsen und war als Hexe und Heilerin völlig glücklich gewesen.

    Nelli...Ist alles in Ordnung?“ erklang eine Stimme neben ihr und ließ sie zusammen zucken. Esthers besorgter Blick lag auf ihr und hinter ihr warf Edmund ihr misstrauische Blicke zu.

    Ja, alles in Ordnung, schätze ich“, erwiderte sie beruhigend und winkte ab, wobei ihr Blick aber dennoch in Richtung von Trevors Gestalt glitt, die schon fast im Dschungel verschwunden war.

    Habt ihr euch gestritten?“ fragte die Magierin, die Nellis Blick gefolgt war. Die alte Heilerin seufzte leise und schüttelte den Kopf.

    Nicht wir beide. Ich habe Trevor die Möglichkeit gegeben, mit dem Geist seines Vaters zu sprechen. Das ist wohl etwas aus dem Ruder gelaufen“, erklärte sie und erntete dafür nur ein amüsiertes Schnauben von Edmund, während Esther sie mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute.

    Du kannst mit Geistern reden?“ fragte die junge Frau noch mal nach und Nelli nickte. Manchmal vergaß sie, dass das für die meisten nicht so selbstverständlich war, wie es seit je her für sie gewesen war.

    Ich glaube, du musst aus der Sonne, Hexe. In deinem Kopf läuft noch irgendwas durcheinander“, kam es von Edmund und er schüttelte den Kopf. Die Alte verdrehte die Augen. Manchmal fragte sie sich wirklich, warum sie sich auch Sorgen um den Händlersohn machte.

    Nicht viel schlimmer, als in deinem, Söhnchen“, brummte sie und streckte ihre Finger, die sich im Sand verkrampft hatten. Esther sah hingegen eher so aus, als ob sie diese Nachricht nicht wirklich überraschen würde, eher als ob sie so etwas erwartet hätte.

    Interessant...“ murmelte sie nur und schaute erneut zu Trevors Silhouette.

    Keine Sorge, er kommt wieder. Er braucht nur ein bisschen Zeit“, merkte Nelli noch beruhigend an und hoffte, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen. Aber sie glaubte auch nicht, dass der junge Formwandler sie im Stich lassen würde, nicht nachdem er sie so vor seinem Vater verteidigt hatte.

    Also wo ist denn das Segel, was geflickt werden muss?“ lenkte sie schließlich das Gespräch in eine völlig andere Richtung. Sie musste jetzt etwas tun, um sich nicht mehr ganz so nutzlos vorzukommen. So sehr sie es auch mochte, sich um andere zu kümmern, umso mehr hasste sie es, wenn sie selbst diejenige war, die umsorgt werden musste.

    Nelli verzog das Gesicht.

    Wie genau stellst du dir das denn vor? Die meisten meiner Kräuter sind noch auf der Eleftheria und die, die ich hier habe, sind von der Überfahrt völlig durchnässt. Der Dschungel hier bietet auch nicht sonderlich viel“, erwiderte sie auf Edmunds Frage hin und zog die Augenbrauen nach oben.

    Ich bin eine Hexe, aber Wunder wirken kann ich...“, begann sie und brach dann plötzlich ab. Ihr fiel eine Methode ein, wie sie Trevors Heilung wirklich beschleunigen konnte, doch das war ein Pfad, der nicht ungefährlich war und einiges von ihr abverlangen würde. Sie schaute zwischen dem Schiff und ihren drei Begleitern hin und her, ehe sie schließlich seufzte. Wenn sie nicht wollte, dass sie hier noch hundert Jahre fest saßen, dann blieb ihr wohl keine andere Wahl. Esther konnte nur bedingt helfen, Edmund war schwere, körperliche Arbeit sicher nicht gewohnt (und sein Gejammer konnte sie nun wirklich nicht Ewigkeiten ertragen), während Trevor nur körperlich nicht in der Lage dazu war. Sie fuhr sich über die Stirn und nickte schließlich ergeben.

    Ich schaue, was ich machen kann. Dafür muss ich aber allein sein, wehe einer von euch folgt mir. Das kann üble Folgen haben“, warnte Nelli die Drei, während sie ihren knorrigen Zeigefinger erhoben hielt und sie ernst anschaute. Die Blicke, die ihr entgegen kamen, waren alles zwischen irritiert, besorgt und verständnisvoll.

    Bevor sie es sich anders überlegen konnte, wandte sie sich um und ging tiefer in den Dschungel der Insel hinein, bis sie auf eine kleine Lichtung kam. Sie kramte in ihrer Tasche und zog ein Tuch, mit dem sie Trevors Blut abgewischt hatte heraus, zusammen mit einer kleinen Tasche, in der sie Utensilien zum Feuermachen hatte. Sie grub etwas Erde aus und begann mit der Erde ein Pentagramm auf das Gras zu zeichnen, in dessen Mitte, die ein kleines Feuer entzündete. Mit ihrem Stock zeichnete sie in paar Runen in die freien Stellen, während sie begann leise die Beschwörungsformeln zu murmeln.

    Na'chogtan! Elegtirim-cera...Trevor ran cotglotaran...“, wisperte sie und schloss die Augen, während die Geister nach und nach von ihr Besitz ergriffen. Erst war ihre Stimme noch etwas zittrig, selbst für sie war das gefährlich. In all ihren Jahren hatte sie diese Art von Magie nur sehr selten genutzt. Sie warf das Tuch in das Feuer und wiegte ihren Körper im Takt einer Musik, die nur sie hören konnte. Immer wieder wiederholte sie die Beschwörungen während ihre Bewegungen immer wilder und unkontrollierter wurden. Mit einem scharfen Stein, mit dem sie die letzten Tage Beeren von den Büschen geschnitten hatte, schnitt sie sich nun über ihre Handfläche, sodass ihr Blut auch in das Feuer tropfte. Mit einer Geschmeidigkeit, die man ihrem alten Körper nicht zugetraut hätte, tanzte sie um das Feuer herum und stieß mal leiser und lauter kaum verständliche Wörter hervor. Sie merkte kaum, dass sie immer schwächer wurde, während sie ihre Lebensenergie gegen Trevors Gesundheit eintauschte. Gegen das Opfer von ein paar Lebensjahren würde der junge Formwandler zu Kräften kommen und seine Wunden würden bis zum Aufgehen der Sonne am nächsten Morgen verheilt sein.

    Die alte Hexe verlor das Gefühl für Zeit, in ihr brannten nur die Geister, die ihren Körper in Besitz genommen hatten. Die Energie, die nun durch sie floss, war nicht von dieser Welt. Sie hoffte nur, dass die anderen sich an ihre Mahnung halten würden. Sie wusste nicht, wie sie reagieren würden, wenn sie sie so sehen würden. Diese Art von Magie war wild und ungezügelt. Die Gefahr, dass jemand anderes dadurch zu schaden kommen würde, war nur schwer einzuschätzen und damit viel zu groß. Wenn sie sich selbst dieser aussetzte und bereit war, dieses Opfer zu bringen, war das eine Sache, doch nie würde sie wollen, dass einer der anderen verletzt oder gar getötet wurde.

    Irgendwann erlosch die Flamme des Feuers von allein, als ob jemand eine Kerze auspusten würde. Schwer atmend kam Nelli wieder zu sich und sank auf die Knie. Die Welt um sie herum nahm sie nur verschwommen wahr und ihr Körper zitterte ob der Anstrengung. Kurz schloss sie die Augen und legte den Kopf in den Nacken, während sie versuchte ihre Atmung und ihren Herzschlag zu beruhigen. Sie schaute zum Himmel und wunderte sich, wann denn die Sonne unter- und die Sterne aufgegangen waren. Der Wald um sie herum war außergewöhnlich still, als wollte die Natur ihr einen Moment der absoluten Ruhe schenken. Ohne groß drüber nachzudenken, sackte sie zur Seite, ihr Kopf sank in das weiche Gras und sie schloss erneut die Augen um sich einer erholenden Ohnmacht hinzugeben. Ganz am Rande ihres Bewusstseins nahm sie noch eine Stimme wahr, die ihren Namen rief.

    Nelli kümmerte sich um Trevor und half ihm, sich langsam aufzusetzen und sich zu bewegen. Geduldig erklärte sie ihm seine Verletzungen, was passiert war und wie sie hierher gekommen waren. Sie war dankbar, den jungen Formwandler wieder unter den Lebenden zu wissen und hatte jetzt wieder Hoffnung, dass sie diese Insel lebend verlassen würden. Edmund wäre sicher komplett unter gegangen, wenn Trevor gestorben wäre und auch Esther hätte extrem darunter gelitten. Und auch sie selbst hatte schlecht geschlafen vor Sorgen um ihren neu gewonnen Freund. Denn als das sah sie die drei jungen Leute – ja auch Edmund! Sie waren zu einer Gemeinschaft zusammen gewachsen und jeder war auf seine Weise ein Stützpfeiler. Fiel einer, würden alle fallen. Das hatte sie gerade nur zu gut zu spüren bekommen. Irgendwie hatte es sich angefühlt, als hätte sie drei sehr wertvolle, aber auch sehr zerbrechliche Vasen transportiert, von denen jede schon einen Riss hatte. Nur eine falsche Bewegung und sie wären endgültig kaputt gegangen. Es hatte mehr an ihrer inneren Ruhe und ihrer Kraft gekratzt, als sie zugeben wollte. Vielleicht war sie doch langsam zu alt für diese Reisen und sollte sich wirklich mal einen ruhigen Ort suchen um dort zu bleiben oder zu ihrem Zirkel zurück kehren.

    Die alte Heilerin hoffte einfach, dass Esther Edmund ein bisschen Verstand einreden konnte, ansonsten würde er vermutlich doch noch ihren Gehstock zu spüren bekommen. Sie war bei dem letzten Gespräch mit dem Händlersohn schon so kurz davor gewesen und verspürte noch immer große Lust, ihm so ein bisschen Manieren beizubringen und ihm das Selbstmitleid aus zu prügeln. Sie hatten alle unter der Situation gelitten, nur jeder ging anders damit um.

    Nur weil Nelli selbst gefasst wirkte und es definitiv nicht das erste Mal war, dass sie Menschen hatte sterben sehen, hieß es nicht, dass es ihr nicht an die Substanz gegangen war oder es sie völlig kalt gelassen hatte. Sie hatte sich schon aufgespießt von dem Degen des Dicken gesehen, hatte geglaubt, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen. Nur weil es regelmäßig passiert, war es trotzdem auch nach 179 Jahren nicht angenehm, wenn einem das Missfallen einer kompletten Gruppe Menschen entgegen schwappte. Völlig egal ob es eine Dorfgemeinschaft oder die Besatzung eines Schiffes war. Es tat jedes Mal weh, wenn sie bedachte, dass sie diese Leute versorgt und ihre Beschwerden gelindert hatte. Und dennoch kam es immer wieder zu solchen oder zumindest ähnlichen Situationen. Sie hatte lediglich gelernt, dass sie rein gar nichts gegen die Dummheit der betreffenden Gruppe machen konnte. Sie musste solche Geschehnisse nur aushalten und überleben.

    Ihr Blick glitt zu dem verletzten Piraten, der hinaus aufs Meer starrte und völlig in Gedanken versunken schien und seufzte leise. Sie würden alle Zeit brauchen, um das, was passiert war, zu verarbeiten. Doch sie hatten nicht endlos viel davon, wenn sie nicht irgendwann verhungern wollten. So endlos viel gab die Insel nicht her, als das sie es hier Monate aushalten würden. Und sie für ihren Teil wollte nicht ausprobieren, wie die Drei sich in so einer Situationen verhalten würden. Vermutlich würden dann alle endgültig zusammen brechen. Das zarte Gebilde, was ihre Freundschaft war, war schon durch zu viele Feuer gegangen und sollte vielleicht erst mal ein bisschen Ruhe bekommen um anständig wachsen zu können. Doch aktuell waren sie davon noch weit entfernt.

    Nelli schaute den Strand entlang und versuchte die Umrisse von Esther auszumachen, die nun schon eine ganze Weile weg war. Hatte Edmund sie ertränkt um endgültig seine Ruhe zu haben oder hatte sie sich verlaufen? So langsam begann die Hexe sich Sorgen zu machen.

    Hallo Tariq


    Ich bin grade eben über deine Geschichte gestolpert und habe mich direkt erstmal fest gelesen. Ich habe selbst fast zwei Jahre als Alltagsbegleitung in einem Altersheim gearbeitet, sogar auf der Demenzstation. Mir sind da auch viele emotionale und eindrückliche Geschichten in Erinnerung geblieben, die den Erinnerungen von Hannah sehr ähnlich sind.

    Du hast einen tollen Stil, der einen immer tiefer in die Geschichte eintauchen lässt und dafür sorgt, dass man immer weiter lesen möchte. Normalerweise wäre das nicht meine präferierte Art von Thema, aber durch die charmanten Charaktere machst du die eigentliche Schwere der Geschichte wieder wett.

    Hannah ist eine unglaublich liebenswerte alte Dame und auch ihr Umfeld ist ziemlich spannend und interessant (ein großes Herz für Karl!)

    Ich freue mich schon auf den nächsten Teil und dem nächsten Versuch mit dem Mercedes :)

    Nelli starrte Esther für einen Moment an und musste sich kurz sammeln.

    Irgendwo am Strand schätze ich. Ich gehe es gleich herausfinden. Aber wo finde ich die Quelle? Wasser wäre für uns alle jetzt wichtig.“ Esther beschrieb ihr den Weg und so rappelte sich die alte Frau auf und entgegen Esthers Widerworte, ließ sie sie mit Trevor allein.

    Glaub mir, Liebes. Dein Gesicht wird er sicher lieber sehen als meines, wenn er wach wird.“ Sie tätschelte die Magierin beruhigend auf die Schulter und watschelte langsam den Weg entlang, den Esther ihr gewiesen und durch die Kerben in den Bäumen auch deutlich gemacht hatte. Kurz bevor sie umdrehen wollte, weil sie dachte, eine Abzweigung verpasst zu haben, meinte sie plötzlich ein Rauschen zu hören. Sie folgte dem Geräusch und stand schließlich vor der Quelle.

    Geister der Natur....Danke...“ Erschöpft ließ sie sich von dem Wasser sinken und streckte ihre Hände unter das kühle Nass, sodass dieses über ihre Arme lief und die Reste von Blut abwusch. Mit ihren Händen formte sie eine kleine Schale, in der sie das Wasser auffing um es sich ins Gesicht zu spritzen und sich ein wenig abzukühlen. Zum guter Letzt trank sie gierig ein paar Schlucke und genoss das kühle Gefühl, was ihre Kehle hinab rann.

    Sie kramte in ihrer Tasche und nahm schließlich die zwei leeren Flaschen hervor, in denen irgendwann mal der Schnaps gewesen war. Sie füllt sie bis oben hin und verschloss sie vorsichtig um ja nichts zu verschwenden. Mühsam erhob sie sich und trat den Rückweg an. Eine der Flaschen ließ sie bei Esther und half ihr, Trevor etwas davon einzuflößen. Der seufzte leise, als sie seine Lippen benetzten, was Nelli ein Lächeln auf die Lippen zauberte.

    Er wird wieder. Bald ist er wieder ganz der Alte“, versicherte sie Esther erneut, ehe sie sich wieder erhob, dieses Mal um das verlorene Schaf zu finden.

    Sie lief zurück an den Strand und ging einfach in die entgegen gesetzte Richtung von ihnen. Weit weg konnte er nicht sein und sich verstecken war auf dieser kleinen Insel auch ziemlich schwierig. Nachdem sie die Insel schon eine ganze Weile umrundet hatte, erkannte sie schließlich eine Gestalt an einer Palme gelehnt. Mit einem Ächzen ließ sie sich neben ihm sinken und hielt ihm die zweite Flasche Wasser hin.

    Hier, trinkt was. Ihr seid halb verdurstet und habt eindeutig zu viel Sonne abbekommen“, begrüße sie ihn und musterte sein Gesicht, was von einem Sonnenbrand gezeichnet war. Edmund musterte die Flasche nur misstrauisch, was Nelli seufzend dazu veranlasste, selbst einen Schluck daraus zu nehmen um zu zeigen, dass sie ihn nicht vergiften wollte.

    Keine Sorge, dass Wasser kommt nicht von mir, die Quelle hat die junge Gräfin gefunden.“ Edmund beobachtete sie dennoch skeptisch und wandte dann den Blick wieder ab um auf das Wasser zu starren. Als stellte die alte Heilerin die Flasche einfach neben ihn und schwieg einen Moment.

    Sie macht sich Sorgen um Euch. Die Gräfin meine ich. Genauso wie ich. Was tut Ihr hier?“, fragte sie schließlich, doch Edmund strafte sie weiter mit Schweigen. Unwillig kniff die Alte ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Gut, wenn er es nicht anders wollte.

    Ihr ward sehr mutig. Und ich danke euch, dass ihr mich verteidigt habt.“ Ah, endlich eine Reaktion. Edmunds Gesicht verzog sich zu einer Grimasse und er erinnerte Nelli an ein verwundetes Tier. Ihr Herz zog sich vor Mitleid zusammen.

    Geh weg. Lass mich in Ruhe“, krächzte er heiser und wandte ihr nun endgültig den Rücken zu. Die Alte räusperte sich.

    Um was zu tun? Euch hier sterben zu lassen?“, wollte sie wissen und bekam als Antwort ein gebrummtes „Ja.“

    Das werde ich mit Sicherheit nicht. Dir ist bewusst, dass hier so lange sitzen bleibe, bis du mit mir redest. Und wenn es Ewigkeiten dauert. Ich habe eine Menge Zeit. Die Insel bietet nicht wirklich viel Beschäftigung“ forderte sie ihn weiter heraus. So lange er wenigstens irgendwie sprach, war sie zufrieden. Und wenn er sie beleidigte, weil sie ihm nicht den gebührenden Respekt erwies, dann hatte sie es aber immerhin geschafft, ihn aus seinen Gedanken zu reißen.

    Ich will nicht reden“, murmelte Edmund nach einigen Augenblicken des Schweigens. Nelli streckte ihre Beine aus und nickte langsam.

    Gut, dann also nicht reden. Also möchtest du weiter in deinem Gedankenstrudel fest hängen und darin ertrinken. Tut dir das gut? Hast du Spaß?“, triezte sie ihn weiter bis er sich zu ihr umdrehte und sie wütend anfunkelte.

    Ich habe grade nur einen Gedanken und der würde verschwinden, wenn du endlich gehst! Also hau ab!“ fuhr er sie an, doch Nelli wich nicht ein Stück vor ihm zurück, sondern schaute ihn einfach weiter ruhig an.

    Ach ja? Und der wäre?“, fragte sie nach, darum bemüht, ruhig zu bleiben und das Gespräch am Laufen zu halten.

    Du nervst! Du bist immer noch hier, obwohl ich dir gesagt habe, du sollst verschwinden!“ Seine blauen Augen blitzen förmlich vor Wut und Nelli erwiderte seinen Blick.

    Das tun Freunde nun mal! Ich lasse dich hier mit deinem Elend nicht allein!“, fauchte sie ihn an und wusste sofort, dass sie einen schritt zu weit gegangen war. Edmund zuckte zurück, als ob sie ihn geschlagen hätte und zog sich wieder in sich zurück. Innerlich schalt Nelli sich eine Närrin, sie hätte es wissen müssen.

    Ich brauche keine Freunde...“ kam es fast tonlos vom Händlersohn und die alte Hexe warf die Hände in die Luft. Langsam ging auch ihr das an die Nerven und gefühlt war es gerade an ihr, sie alle irgendwie zusammen zu halten. Es fühlte sich an, als würde sie versuchen, drei Brände gleichzeitig zu löschen und dabei war Trevor ihr kleinstes Problem.

    Dumm gelaufen. Du hast aber welche. Ich zähle mindestens drei“, brummte sie schließlich und fuhr sich durch die Haare. Sie kramte aus ihrer Tasche ihr Kopftuch und band das so, dass es ihre grauen Locken aus dem Gesicht hielt.

    Warum?“, ertönte eine leise Stimme neben ihr und ließ sie zu ihm aufschauen.

    Was 'warum'? Wir drei vertrauen dir und auf deine merkwürdige Art bist du sogar ganz nett und fürsorglich. Was auf der Eleftheria passiert ist, ist nicht deine Schuld. Nichts davon. Das ist allein die Schuld von diesen Idioten, die jetzt ohne Steuermann ziellos auf dem Meer rum treiben“ erläuterte sie ausgiebig und ließ ihren Blick auf ihm ruhen. Edmund seufzte schwer genervt auf und funkelte sie dann wieder böse an und Nelli ahnte, dass sie vermutlich schon wieder einen wunden Punkt getroffen hatte.

    Nein, die Frage war: Warum gehst du nicht einfach? Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt.“ Seine Stimme hatte wieder diesen schnippischen Unterton angenommen, der Nelli an ihren guten Absichten zweifeln ließ.

    Völlig richtig, aber mittlerweile solltest du wissen, dass ich nie das tue, was man von mir verlangt.“ Sie schmunzelte leicht und stupste ihn dann mit dem Finger gegen die Brust. „Ich weiß, dass deine harte Schale nur Fassade ist, Junge. Ich weiß, dass dir das alles unglaublich zu schaffen macht. Genau deswegen kann ich dich nicht allein lassen.“ Ihre grünen Augen funkelten nun auch mittlerweile bedrohlich, doch Edmund schien das entweder nicht zu merken oder es war ihm schlicht egal. Unsanft schlug er ihre Hand weg.

    Du weißt gar nichts. Und hör auf mich zu duzen, Hexe!“ Nelli grinste, es war ihm also doch aufgefallen. „Geh schauen, ob sich jemand anderes für dein dummes Geschwätz interessiert.“ Der junge Mann rappelte sich auf und schwankte bedrohlich, was Nelli an seinen Zustand erinnerte. Leise seufzte sie, während Edmund sich an die Palme lehnte.

    Kommt mit zu dem Rest von uns. Esther hat nach Euch gefragt. Ich vermute, sie wird Euch selbst suchen, solltet ihr nicht mit mir kommen“, bat sie schließlich mit deutlich sanfterer Stimme und schaute zu ihm auf.

    Ich will nicht!“, brummte er und fuhr sich dann mit der Hand über das rote Gesicht. „Ich...Lebt Trevor noch?“ Seine Stimme klang ein wenig brüchig und hatte etwas flehendes, das Nelli dazu veranlasste, auf zustehen und ihm die Wasserflasche in die Hand zu drücken.

    Er wird wieder. Sein Herzschlag ist kräftiger und sein Atem gleichmäßiger, wir müssen seinem Körper jetzt einfach ein bisschen Zeit geben“, versprach sie zum wiederholten Mal an diesem Tag.

    Ich...“ Edmund wich ihrem Blick aus und starrte wieder stumpf auf das Meer. So intensiv, dass Nelli sich schon fragte, ob er da etwas erkennen konnte und er doch dem Wahnsinn näher war, als sie gedacht hatte. „Ich wollte das nicht. Wenn Trevor stirbt, ist das meine Schuld. Ich will nicht zurück. Ich will nicht dabei sein!“, brach es letztendlich aus ihm heraus und wieder nahm sein Gesicht den Ausdruck eines verwundeten Tieres an. Nelli seufzte tief und schüttelte leicht den Kopf.

    Das weiß ich. Aber er wird nicht sterben. Das verspreche ich bei meiner Ehre als Hexe.“ versuchte sie ihn zu beruhigen. Immerhin nahm er ihr jetzt mal die Flasche ab und trank einen Schluck.

    Hör auf zu sagen, dass du 'es weißt', Hexe“, maulte er dann wieder und Nelli glaubte erneut, mit einem kleinen Kind zu reden, was ihr wieder ein leichtes Schmunzeln auf die Lippen zauberte.

    Wie ihr wollt. Aber selbst ein Blinder konnte sehen, dass das definitiv nicht Eure Absichten gewesen waren. Das wäre ja auch reichlich dumm.“

    Edmund brummte wieder missgelaunt. „Und ich komme trotzdem nicht mit.“ Die Hexe seufzte schwer und war wirklich langsam am Ende ihrer Nerven. Sie baute sich vor ihm auf.

    Wovor um alles in der Welt habt ihr solche Angst?“, wollte sie mit einem verzweifelten Unterton in der Stimme wissen.

    Ich hab keine Angst!“, beharrte Edmund, doch der Älteren war nicht entgangen, wie sehr seine Hände zitterten, mit denen er die Wasserflasche noch immer umklammert hielt. Sie zwang sich tief durchzuatmen und schaute zu ihm auf.

    Bitte kommt mit mir. Ich bitte euch aufrichtig darum.“ Für ihre Verhältnisse war das schon fast ein Flehen, doch auch das stieß auf taube Ohren.

    Ich habe dich gebeten zu gehen, was du nicht gemacht hast. Also bleibt meine Antwort weiterhin: Nein! Geh! Hau ab! Lass mich in Ruhe!“ fauchte er und stellte die Flasche in den Sand und wandte sich dem Wasser zu. Nelli beobachtete, wie er sich nieder beugte und seine Hände fast schon manisch wusch. Seufzend gab sie schließlich auf und zuckte mit den Schultern.

    Ganz wir ihr wünscht. Ich will Euch nur helfen. Das kann ich aber nur, wenn Ihr mich lasst. Niemand von uns ist böse auf Euch. Wir machen uns nur Sorgen“, fügte sie in einem letzten Versuch hinzu und hörte ihn nur leise schnauben.

    Ich brauche deine Hilfe nicht. Und deine Sorge erst recht nicht...“ warf er ihr noch an den Kopf, während er seine Hände schrubbte. Nelli schüttelte den Kopf und machte sich schließlich auf den Rückweg. Esthers fragender Blick traf sie und mit einem tiefen, müden Seufzen ließ sie sich im Sand sinken.

    Er ist noch nicht so weit, er braucht noch Zeit. Wir können nur hoffen und warten“, erklärte sie ruhig und rieb sich die Augen. „Und ich brauche jetzt ein bisschen Schlaf. Ruh dich auch aus, Mädchen. Trevor ist morgen auch noch da.“

    Nelli war nach Außen hin die Ruhe selbst während sie Trevor versorgte, auch wenn sie innerlich vor Sorge schreien wollte. Die Verletzungen waren übel, richtig übel. Und sie hatte bei weitem nicht alles, was sie brauchte, um ihn richtig zu behandeln. Ganz abgesehen davon, dass die Enge der kleinen Nussschale und der schwankende Untergrund es kaum möglich machten, vernünftig zu arbeiten. Wenn sie ehrlich war, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen, ob er es schaffen würde. Doch sie tat alles, was in ihrer Macht stand um ihn am Sterben zu hindern. Den anderen beiden versicherte sie mehrmals, dass der Formwandler überleben würde, dass das alles kein Problem war und er stark war. Doch in Wirklichkeit war sie sich dessen nicht sicher, doch weder Edmund noch Esther sahen aus, als ob sie die Wahrheit verkraften würden. Esther stand unter Schock und man konnte ihr das schlechte Gewissen aus tausend Meilen Entfernung ansehen, doch sie hätte es nicht verhindern können. Das Kind war schon vor Tagen in den Brunnen gefallen.

    Edmund hingegen schien jeden Augenblick des Kampfes mit dem Fetten erneut zu durchleben, jeden wachen Moment seines Daseins. Und dabei war er so mutig und tapfer gewesen. Er hatte das getan um sie zu retten und das würde die alte Heilerin ihm nie vergessen. Aber vermutlich brauchte er jetzt klare Ansagen, genauso wie Esther, die ihr bei der Wundbehandlung von Trevor half. Beide hatten eine Aufgabe von Nelli bekommen, damit sie etwas zu tun hatten, ein absolut sicheres Mittel um Panik in den Griff zu bekommen. So lange die Hände beschäftigt waren, war auch der Geist ruhiger.

    Müde wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und schickte ein Stoßgebet an alle Götter, die sie kannte, damit der junge Formwandler bald wieder erwachte und sie einen Ort fanden, wo sie sich erholen und erst mal sammeln konnten. Ewig würde der Händlersohn auch nicht rudern können und ziellos auf dem Meer zu treiben war auch keine sonderlich angenehme Aussicht. Noch dazu, dass das Wasser um sie herum kein Trinkwasser war und sie früher oder später verdursten würden. Warum hatte sie nicht daran gedacht eine Flasche mitzunehmen? Immerhin hatte sie ihre Tasche doch sonst so gut es ging bestückt. Die Hexe ließ ihren Blick über das Meer gleiten, als ihr in der Entfernung ein blau-grünlicher Schimmer auffiel. Sie rieb sich die Augen und schaute genauer hin. Doch da waren tatsächlich die Schatten der Toten, Geister, die sie auf dem Wasser sah. Da mussten Schiffe auf Grund gelaufen oder angespült worden sein, was nur eines heißen konnte...

    Ich sehe Land!“, rief sie aus und deutete in die Richtung. Edmund kniff seine Augen zusammen und sah sie misstrauisch an.

    Ich sehe da gar nichts. Halluzinierst du, Alte?“, blaffte er sie an und Nelli schloss kurz die Augen um bis zehn zu zählen, damit sie ihn nicht zurück anschnauzte. Denk dran, er hat dich gerettet und für dich getötet...

    Vertraut mir einfach. Lenkt das Boot in diese Richtung und wir finden Land“, erwiderte sie gezwungen ruhig und deutete erneut in die Richtung der Geister. Wenn sie ihm jetzt erzählen würde, warum sie darauf beharrte, dass sie da fündig werden würden, würde er sie vermutlich endgültig aus dieser kleinen Nussschale werfen. Zu ihrer Überraschung widersprach er ihr aber nicht weiter, sondern ruderte tatsächlich ihrem Fingerzeig folgend. Vermutlich war er einfach zu müde um sich weiter mit ihr zu streiten, ein weiterer Umstand, der ihr Sorgen bereitete.

    Die Gestalten auf dem Wasser wurden immer deutlicher, genauso wie die Umrisse geborstener Masten und zerschellter Schiffe.

    Warum genau willst du uns umbringen, Hexe?“, flüsterte Edmund und die Alte glaubte so etwas wie Furcht in seiner Stimme vernehmen zu könne. Nelli verdrehte die Augen. Mit einer hochgezogenen Augenbraue wandte sie sich zu ihm um.

    Wenn ich Euch tot sehen wollte, dann hätte ich einfachere Mittel und Wege. Ich hänge auch an meinem Leben“, brummte sie und starrte wieder gebannt auf die Wasseroberfläche, in der Hoffnung, dass sie sich nicht getäuscht hatte.

    Als sich endlich die Umrisse einer kleinen Insel aus dem Nebel schälten, atmete sie hörbar erleichtert aus und wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. Noch ein paar Tage länger in der brütenden Hitze der unbarmherzig niederbrennenden Sonne und sie wären allesamt wahnsinnig geworden. Langsam keimte auch eine vorsichtige Hoffnung in ihr auf, dass Trevor tatsächlich überleben könnte. Sie liefen mit dem kleinen Beiboot auf dem Strand auf und Nelli kletterte an Land. Mühsam ließen sie sich erst mal alle in den Sand fallen und atmeten tief durch, als könnte es keiner so richtig glauben, dass sie noch lebten. Mit Edmunds Hilfe schaffte sie es, Trevor in den Schatten von ein paar Bäumen zu legen und konnte ihn dann endlich vernünftig versorgen. Esther leistete ihr Hilfe, auch wenn die Alte an ihrem Blick sehen konnte, dass sie gedanklich ganz weit weg war.

    Danke, Kind. Den Rest schaffe ich alleine“, sagte sie schließlich mit einem Lächeln auf den Lippen und deutete mit einem Nicken an, dass Esther sich ruhig entfernen konnte. Edmund konnte sie auch nicht sehen und vermutete, dass etwas Abstand und Ruhe ihnen allen vermutlich gut tun würde.

    Öööh eigentlich bringt das die Geschichte nicht voran aber es stört auch nicht besonders oder? Und den Körperbau, also athletisch und so werde ich noch einbauen. Danke für den Tipp!

    Naja, es ist unnötig. Ich brauche bei Buch-Charakteren selten deren Körbchengröße ;) Das könnten einige einfach falsch verstehen.

    Also ich hab echte Waffen genommen, weil.... ja warum eigentlich? Ich hab mir da nichts bei gedacht aber in sehr vielen Büchern wird immer mit echter Klinge trainiert. Das hab ich einfach mal übernommen.

    Mit echter Rüstung trainieren kann ich noch verstehen, weil du das Gewicht der Rüstung kennen lernen musst, aber mit echter Waffen trainieren wäre halt viel zu gefährlich. Man würde eher Übungsschwerter aus Holz nehmen oder Schwerter mit stumpfer Klinge, wenn du denn echte Schwerter haben möchtest ;) Davon abgesehen, dass die beiden ja noch "Kinder" sind und da eine Rüstung eher unwirtschaftlich wäre. Also zumindest eine, die richtig auf sie angepasst ist, da sie ja noch wachsen und man Rüstungen ja schlecht strecken kann...

    Nelli hatte schon ein paar Tage lang das ungute Gefühl, dass die Mannschaft sich langsam aber sicher gegen sie stellte. Einige der Matrosen hatten sich nach dem Sturm nicht von ihr verarzten lassen wollen, hatten lieber in Kauf genommen, an ihren Verletzungen zu sterben oder wenigstens verkrüppelt zu werden, anstatt die „alte Hexe“ auch nur in ihre Nähe zu lassen. Sie war dieses Verhalten gewohnt, für sie war es normal, dass man sie verstieß und schlecht über sie redete. Doch sie bekam auch mit, wie die Stimmung auch gegen die junge Magierin kippte. Frauen an Bord von Schiffen waren für die Männer offensichtlich ein schlechtes Omen, ein Unglücksbote, der Chaos und Zerstörung nach sich zog. Erst waren es nur vereinzelte Stimmen gewesen, doch langsam wurden diese lauter und nahmen mehr und mehr überhand. Dann hatten auch noch erst Edmund und später auch noch Trevor ihren Verdacht bestätigt. Sie trug ihre wichtigsten Sachen sowieso immer in einer Tasche am Körper, immer darauf vorbereitet, fliehen zu müssen. Und anscheinend war es nun auch dieses Mal so weit.

    Sie hatte Trevor den Trank gegeben, wenn auch zugegeben ein bisschen widerwillig und die Zeit danach genutzt, ein paar weitere Tränke und Elixiere vorzubereiten, die ihnen vielleicht nützlich sein würden. Ihre Tasche klimperte leise von den kleinen Phiolen, als sie ihren Mörser und Stößel in ein Leinentuch wickelte und sicher verstaute. Sie beschloss nach oben zu gehen und nach Esther zu sehen, auch wenn diese als Patientin recht undankbar war. Doch das Mädchen würde ihre Hilfe noch mehr brauchen, als ihr bewusst war. Leise ächzend kämpfte sie sich die Treppe nach oben, als plötzlich zwei der Matrosen vor ihr standen.

    Wen haben wir denn da? Na, Hexe, beschwörst du wieder das nächste Unwetter über uns?“ fragte der eine mit schnarrender Stimme und Nelli konnte erkennen, dass ihm einige Zähne fehlten. Von Sauberkeit und Körperpflege schien der auf jeden Fall nicht viel zu halten.

    Du kannst gleich ein Donnerwetter haben, wenn du mich nicht vorbei lässt, Jungchen“, brummte sie und funkelte ihn an, ihre Hand fest um den Knauf ihres Stockes geschlungen. Die beiden rochen nach Gefahr und schienen betrunken genug, alle Vorsicht fahren zu lassen. Der andere lachte höhnisch auf.

    Ganz schön frech für eine alte Frau. Wir könnten dich auch von deinem Leben erlösen, Alte.“ Er grinste sie breit an, während die Heilerin sich fasziniert fragte, was man getan haben musste, um mit einer Augenbraue geboren zu werden, anstatt zwei. Dafür streckte diese sich über beide Augen und war besonders buschig. Genau wie der Büschel, der auf der Warze auf der Nase des Matrosen spross.

    Das haben schon stärkere Kerle wie du versucht, Knabe. Und denen habe ich allen Respekt beigebracht.“ Nelli schaute ihm tief in die Augen und erhaschte einen Blick auf sein Inneres.

    Meinst du nicht, deine Nana wäre schwer enttäuscht, wenn sie sehen würde, wie du mit alten Leuten umgehst?“ fragte sie und schaffte es, einen verwirrten Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern.

    Woher kennst du meine....Was soll das? Lass sie da aus dem Spiel, du alte, widerwärtige Hexe!“, spie er aus und schubste sie ein Stück die Treppe nach unten. Beide gingen weiter auf sie zu und Nelli spürte das Holz des Ganges in ihrem Rücken. Aus dem Augenwinkel sah sie etwas aufblitzen und fragte sich, warum die beiden solche Messer bei sich trugen. Hatten sie etwa vorgehabt, ihr aufzulauern?

    Wut kroch in ihr hoch und ihre grünen Augen begannen zu leuchten, was ihre Gegner kurz stocken ließ.

    Ihr seid keine Gefahr für mich, ihr kleinen Ratten“, fauchte sie und griff in ihre Tasche. Sie holte eine Handvoll Pulver hervor, das gräulich glänzte. Sie öffnete ihre Faust und Pustete das Pulver auf die beiden Matrosen, die sofort zu schreien begann, als es ihre Haut berührte. Große, rote Pusteln bildeten sich auf ihren Armen und dem Gesicht, die sehr schnell platzten und eine eitrige, grünliche Flüssigkeit hervor trat. Der Teil der Substanz, der die Augen der beiden erreichte, ließ diese Tränen und nach und nach färbten sie sich weiß, ein sicheres Zeichen der Erblindung. Das Schreien ging langsam aber sicher immer mehr in ein schmerzerfülltes Wimmern über, während sich die zwei Körper auf dem Boden wanden. Nelli stand über ihnen und schaute mit einem leichten Grinsen auf sie herab.

    Ich habe euch gewarnt. Legt euch nicht mit mir an. Ich habe nicht so lange gelebt um mich von zwei kleinen Flöhen schikanieren zu lassen“, raunte sie den beiden zu, stieg über ihre gekrümmten Leiber hinweg und erklomm die Stufen der Treppe nach oben.

    Mit geübten Griffen befreite Nelli die bewusstlose Esther aus ihrer Kleidung und untersuchte die Schürfwunden, die wohl ein Seil um ihre Hüfte hinterlassen hatte. Schnell rieb sie eine Salbe darauf, ehe sie die junge Frau in mehrere Decken wickelte, damit ihr warm wurde. Aus der blutenden Hand zog sie noch ein paar kleinere Reste der zerborstenen Magiesteine und verband sie dann sanft. Sie bettete Esther vorsichtig bequem, ehe sie in die Küche wankte um Wasser aufzusetzen. Leise stöhnen rieb sie sich ihren Hinterkopf, wohl wissend, dass sich da eine Beule bilden würde, wo sie sich vorher den Kopf an der Wand ihrer Kabine geschlagen hatte. Aber diese winzige Verletzung war nicht gegen das, was sie jungen Leute heute erlitten hatten. Und sie mussten wirklich durch den Wind sein - im wahrsten Sinne des Wortes – denn selbst Edmund hatte zugelassen, dass sie sich um seine Schulter kümmerte, ohne das er sich groß beklagte.

    Während das Wasser langsam zu kochen begann, versank sie in ihren Gedanken. Den Ausdruck, den sie in Trevors Augen gesehen hatte, hatte ihr so ganz und gar nicht gefallen. Und obwohl sie wusste, dass seine Verletzungen auch von allein heilen würden, war sie sich sicher, dass er gerade nicht unbedingt allein sein sollte.

    Sie brachte den Tee in Esthers Zimmer und schaffte mit viel Ruhe und gutem Zureden der jungen Adligen wenigstens ein bisschen was von dem stärkenden Heißgetränk einzuflößen. Sie beschloss, es später wieder zu versuchen und machte sich erst mal auf den Weg zu dem Formwandler.

    Vorsichtig klopfte sie an dessen Tür und wankte dann rein, sichtlich um ihr Gleichgewicht bemüht, während sie in ihrer Hand eine weitere Tasse Tee hielt, die sie dem Piraten energisch in die Hand drückte.

    Trink das. Du brauchst genauso ein bisschen Stärkung wie Esther“, sagte sie nachdrücklich und ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. Vorsichtiger als man es der alten Frau zugetraut hätte begann sie seinen Oberkörper zu untersuchen. Trevor zog scharf Luft ein, als sie über seinen Rippenbogen fuhr. Ein leises Brummen kam über ihre Lippen und sie holt aus ihrer Tasche einen Tiegel mit einer Salbe. Sanft begann sie diese über die etlichen blauen Flecken zu verteilen. Sie ging um ihn herum und kümmerte sich um die Schürfwunden auf dem Rücken, die eine andere Salbe bekamen.

    Warum siehst du eigentlich immer schlimmer aus als alle anderen zusammen?“ fragte sie schließlich und versuchte das Gespräch so langsam einzuleiten, während sie ihn weiter versorgte.

    Trevor stieß ein leises Schnauben aus.

    Ich ziehe so etwas einfach an“, erwiderte er amüsiert, doch Nelli nahm ihm diese Leichtigkeit nicht ab. Die Alte runzelte die Stirn und hockte sich leise ächzend vor ihn um seine Hände zu nehmen und die zu verbinden.

    "Das glaube ich dir nicht. Ich bin nicht blind. Ich sehe, wie du immer mehr auf deinen Schultern ablädst und alle anderen wichtiger sind", widersprach sie sacht und schaute zu ihm auf. Ihr musternder Blick lag auf seinem Gesicht, während er leise auflachte, nur um kurz danach zusammen zu zucken, als sie über die Schwielen an der Handinnenfläche strich.

    Vielleicht versuche ich den Ruf der Formwandler zu verbessern?“ versuchte er es erneut und Nelli seufzte leise. Langsam schüttelte sie ihren Kopf.

    "Es weiß kaum einer, dass du einer bist. Und das du ein guter Kerl bist, dass sieht jeder der Augen im Kopf hat" Ein sachtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während Trevors Blick ziemlich ausdruckslos blieb.

    "Du lebst schon recht lange auf dieser Erde. Sind dir jemals Formwandler begegnet?", wollte er schließlich wissen und die alte Heilerin verzog das Gesicht.

    "Einige, Ja. Du bist bei weitem nicht der Einzige, den ich verarztet habe", gab sie zu und bezweifelt gleichzeitig, dass sie die Richtung, die dieses Gespräch nahm, guthieß. Sie war sich nicht sicher, ob ihm ihre Antworten gefallen würden.

    Waren das gute Kerle?“, bohrte der junge Mann vor ihr nach und Nelli ließ sich mit einem Ächzen auf der Kante seines Bettes nieder, ehe sie ihn wieder anschaute und sich einen Moment Zeit ließ.

    "Tief in ihrem Herzen meistens ja. Oft absolut falsch verstanden und meistens mit sehr viel Wut in ihrem Inneren", antwortete sie ausweichend und strich mit der Hand über das Holz des Bettrahmens in der Hoffnung, dass er es dabei belassen würde. Doch weit gefehlt.

    "Du meinst, es waren Arschlöcher. Aggressiv. Unberechenbar?“ Nelli seufzte schwer und tat sich schwer mit der Antwort. Doch sie wollte ihn nicht anlügen, er hatte die Wahrheit verdient. Also nickte sie langsam.

    "Bei weitem nicht alle, aber die Meisten, die ich an den Rändern von Schlachtfeldern kennen gelernt habe", stimmte sie ihm dann eher widerwillig zu und schluckte schwer, als lange vergessene Erinnerungen an die Oberfläche zu kommen drohten. Trevors Stimme fing sie wieder ein.

    "Ich wurde nicht abgeholt. Alles Wissen darüber, was ich bin, musste ich mir zusammentragen. Die meisten Geschichten drehen sich darum, dass Formwandler geborene Krieger sind. Dass diese Seite in allen vorhanden ist. Und das vermutlich auch in mir. Daher kann nichts, das du weißt, mich schockieren. Du musst dich nicht zurückhalten", forderte er sie wieder auf und straffte die Schultern mit einem entschlossenen Blick. Nelli schnaubte leise auf und kniff die Lippen zusammen.

    "Krieger... Ja gut möglich. Doch die Geschichte schreiben immer die Gewinner. Niemand erzählt darüber, dass Formwandler unterdrückt wurden oder wie Attraktionen ausgestellt wurden. Das Menschen sie für ihre Zwecke missbraucht und gejagt haben, bis quasi niemand mehr von euch übrig war. All diese vermeintlichen Wahrheiten über blutrünstige, aggressive Krieger sind nur ein Teil des großen Ganzen. Im Grunde ist es das Gleiche, was sich Menschen über uns Hexen erzählen. Viele Mythen und nicht jeder ist gleich." Die Hexe zuckte mit den Schultern.

    "Das ... stimmt wohl. Vielleicht versuche ich deshalb mein Können jetzt für etwas Sinnvolles einzusetzen. Für Personen, die ich ganz gut leiden kann" erwiderte der junge Mann kurz zögerlich, ehe er leicht schmunzelte. "Zudem hätte ich Esther wohl kaum an ihren Beinen über das Deck schleifen können. Sie war ohnmächtig, ich habe nur ein paar gebrochene Knochen. Nichts, das ich nicht kenne. Deswegen war berechtigt, sie zuerst zu versorgen." Nelli kniff erneut ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und legte den Kopf leicht schief, während sie ihn mit einer leisen Besorgnis im Blick musterte.

    "Und das ist es, was wichtig ist. Nicht was du bist und wo du her kommst, sondern was du mit deinen Fähigkeiten anfängst. Was aber nicht heißt, dass du das Leben aller anderen über dein eigenes stellen solltest, Trevor." Kurz stutzte er, da sie ihn mit seinem richtigen Namen ansprach, ehe er beschwichtigend die Hände hob.

    "Ich werde es versuchen", versprach er und schaute sie erstaunt an, als sie ihm sacht eine Hand auf den Unterarm legte und ihn mit ihrem Blick band. Ihre Stimme nahm einen ungewohnt sanften, fast schon mütterlichen Klang an.

    "Ich sorge mich um dich. Manchmal erscheint es mir, als würdest du diese Gefahren geradewegs suchen..." gab sie unumwunden zu und ihr Gesicht bleib ernst. Trevor wandte den Blick ab und spielte mit den losen Enden des Verbandes.

    "Sie finden mich. Und ... ich kann nicht aus meiner Haut, wenn ich sehe, dass andere Hilfe brauchen, und ich helfen kann. Allerdings konnte ich meiner Mannschaft nicht helfen. Sie hängen als Mahnmal vor der Küste von ... wie auch immer und ich bin ... hier“, erwiderte er und schluckte trocken.

    "Und nichts daran ist deine Schuld. Sie haben dieses Leben freiwillig gewählt, du hattest keine andere Möglichkeit, wenn ich mich richtig erinnere", rief Nelli ihm in Erinnerung, was ihn zu einem leichten Nicken veranlasste.

    Trotzdem waren sie alles, was ich kannte“, fügte er fast tonlos hinzu. Ein trauriges Lächeln schlich sich auf die runzeligen Lippen der Alten und ihr Blick bekam für einen Moment fast etwas wehmütiges.

    "Ich verstehe, sie waren eine Art Familie. Aber glaub mir, sie werden nicht die Letzten gewesen sein, die dieses Gefühl in dir auslösen. Es gibt Freunde, die Familie werden können. Und ab und zu müssen wir lernen loszulassen", erklärte sie ruhig und entlockte Trevor erneut ein Lächeln.

    "Aus dem Mund einer 179-Jährigen klingt das sehr wahr." Plötzlich bekam seine Augen einen Ausdruck, der Nelli einen Schauer über den Rücken jagte und sie für einen kurzen Moment daran erinnerte, zu was Formwandler in der Lage waren.

    "Trotzdem ist da etwas, das nicht zulassen wird, dass sich das Geschehene wiederholt."

    Huhu!

    Ich hab deine Geschichte auch grade gefunden und war vom Prolog ziemlich angetan. Das liest sich alles erstmal sehr gut und flüßig, man hat Spaß daran, dem geschehen zu folgen.


    Aber ein paar kleine Punkte gibt es doch:

    Sie war schlank, mit runden Hüften und mittelgroßen Brüsten. Lea fand die genau richtig. Groß genug, um eine Geheimwaffe gegen Männer zu sein aber klein genug, damit sie Im Kampf nicht störten.

    Wo genau bringt diese Information die Geschichte voran? ich für meinen Teil brauche die Größe der Brüste des Charakters nicht zu wissen, um ihn mir vorstellen zu können. da wäre für mich eher interessant, ob sie eher athletisch gebaut ist oder eher knabenhaft, was zu ihrem Auftreten passen würde.



    „Na dann werd ich mich mal um meine rebellische Tochter kümmern.“, meinte Bryn und schritt aus dem Saal.

    Ich bezweifle, dass das in dieser Situation die oberste Priorität wäre. Davon abgesehen stimme ich Tariq zu: Als Tochter eines Generals sollte das eigentlich nicht standardmäßig der Fall sein, dass sie wichtige Beratungen belauscht. Vor allem, weil du bisher nicht erwähnt hast, dass sie anscheinend extrem neugierig und lebensmüde ist.



    Mit einem Wink entließ er die Anwesenden und beobachtete wie sie einer nach dem anderen durch die Tür verschwanden.

    Auch das stimme ich Tariq zu. Es erscheint irgendwie unplausibel, dass nach so einer Nachricht der ganze Rat einfach aufgelöst wird. Also ja eigentlich nicht, nachdem ja Alle anscheinend wissen, dass sie "nur" von einem Mädchen belauscht wurden. Ich hätte auch schön gefunden, wenn du beschrieben hättest, wie die Ratsmitglieder auf diese Nachricht reagieren. Ich meine, es muss ja allen klar sein, was das bedeutet. Sind die alle eher sauer oder verängstigt oder einfach schockiert? Das könntest du ein bisschen weiter ausbauen.


    Bin gespannt auf mehr :)

    Nelli ächzte als sie die Treppen nach oben an Deck stieg. Ihre schmerzenden Knochen machten ihr Sorgen, wusste sie doch, dass das ein untrügliches Zeichen dafür war, dass sich das Wetter ändern würde. Die sonnigen Tage schienen vorbei, die Hitze war auch schon mehr drückend und schwül geworden, sodass sie sehr darunter litt.

    Nach Edmunds Ausflug an die Spitze des Mastes, hatte sie seine blutigen Hände versorgt, dieses Mal auch ohne einen abfälligen Kommentar zu machen. Egal, wie sehr sie ihn ärgerte und neckte und wie oft er sie beleidigte, es hatte ihr imponiert, dass er das wirklich durchgezogen hatte. Der verwöhnte Schnösel hatte auf jeden Fall Mut und Durchhaltevermögen. Mit seiner Sturheit und seinem Willen, sich zu beweisen, erinnerte er sie ein bisschen an sich selbst, als sie jünger gewesen war.

    Überhaupt waren ihr mittlerweile alle drei ihrer Mitreisenden ans Herz gewachsen. Esther war eine kluge Frau, die noch viel auf ihrem Weg lernen würde und Nelli war durchaus gewillt, ihr Wissen mit ihr zu teilen, weswegen sie ihr immer öfter Rezepte beibrachte und ihr zeigte, wie man die kleinen Wehwechen der Besatzung linderte. Sie ergänzten sich gut und die Alter genoss es sogar, mal wieder einen Lehrling zu haben.

    Trevor hingegen erinnerte sie an einen Hund, den man vielleicht ein Mal zu oft geschlagen hatte. Seine Lebensgeschichte hatte sie berührt und hatte ihren Respekt für ihn noch weiter gesteigert. Sie hatte schon einige Wandler getroffen, doch noch nie hatte einer von ihnen so sehr gegen seine innere Stimme gekämpft wie der junge Pirat. Noch dazu war er einfach ein herzlicher und hilfsbereiter Mensch. Der Einzige, bei dem sie es zu ließ, dass er sie „Oma“ nannte.

    Um so mehr besorgte sie die Tatsache, dass ihr Körper ihr eindeutig vermittelte, dass sie geradewegs in ein Unwetter steuerten. Als sie es endlich mühevoll unter Stöhnen nach oben an Deck geschafft hatte, begegnete ihr Esther, die ihr einen besorgten Blick zu warf. Mit einem Lächeln auf den Lippen winkte sie ab.

    Mach dir keine Sorgen, Kindchen. Nur die Hitze und der Körper einer alten Frau“, wiegelte sie die Besorgnis ab und stellte sich an die Reling um den Horizont abzusuchen. Und tatsächlich waren in der Ferne bereits schon die ersten dunklen Wolken zu sehen und Nelli bemerkte, dass auch der Wind deutlich zugenommen hatte. Sie runzelte ihre Stirn und kniff die Lippen zusammen. Ihr Gefühl sagte ihr, dass das nicht einfach werden würde, ihre morschen Knochen hatten sie noch nie betrogen. Sie wandte sich erneut an die junge Magierin.

    Du solltest dich ausruhen, Mädchen. Ich denke, wir werden deine Hilfe schon sehr bald benötigen, wenn wir heil ankommen wollen.“ Sie tätschelte Esthers Schulter und ging auf die Suche nach Edmund. Er sollte wissen, in was für eine Misere sie geradewegs schifften.

    Sie fand ihn über die Karten gebeugt, neben sich den Kompass liegen, den Trevor ihm geschenkt hatte.

    Ich dachte, es interessiert Euch vielleicht, dass wir in einen Sturm steuern. Und der wird nicht so ein kleines Windchen wie neulich“, kam sie direkt zum Punkt und ließ ihren wachen Blick auf ihm ruhen. Edmund schaute auf und seine Augenbrauen schnellten in die Höhe. Ein tiefes Seufzen kam über seine Lippen und er schüttelte den Kopf. Alles in seiner Haltung zeugte von Abneigung und auch, wie sehr er genervt von diesem Gespräch war, bevor es überhaupt begonnen hatte. Anscheinend war sie nicht die erste, die ihn warnen wollte

    Nicht Ihr auch noch. Jetzt hat sogar die Hexe Angst vorm schwarzen Fleck. Ich will mit diesem Aberglauben nichts zu tun haben“, brummte er unwillig und wedelte abwehrend mit den Händen. Nelli legte den Kopf schief und verengte ihre Augen zu Schlitzen.

    Es ist mir ernst. Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen und...“ begann sie ehe der Händlersohn sie mit einer Geste unterbrach.

    Euer Gefühl? Ich vertraue doch nicht dem schlechten Bauchgefühl einer alten Vettel. Den letzten sogenannten Sturm haben wir auch problemlos überwunden, ich gehe davon aus, dass wir das auch dieses Mal schaffen“, wimmelte er sie ab und widmete sich wieder den Karten. Nelli sog scharf Luft ein und beobachtete ihn einen Moment.

    Ich habe Euch gewarnt. Tut damit, was ihr wollt. Ich hoffe jedoch für Euch, dass ihr standfest seid. Wäre zu schade, wenn Ihr bei so einem Unwetter über Bord geht“, fügte sie noch trocken hinzu und ließ ihn stehen, bevor er darauf reagieren konnte. Innerlich schimpfte sie über den kleinen Schnösel, der glaubte, so viel Ahnung zu haben und im Endeffekt nichts wusste. Es würde ihm wirklich nicht weh tun, gelegentlich den Ratschlag oder Hinweis von jemand anderem anzunehmen, doch vermutlich hinderte sein Stolz ihn daran. Irgendwann würde dieser Stolz ihn umbringen oder er unter der Last, vermeintlich alles allein machen zu müssen, zusammenbrechen. Immerhin hatte er ja schon zugegeben, sich mit der Reise überfordert zu fühlen. Doch Hilfe annehmen wollte er auch nicht. Also würde er aus seinen eigenen Fehlern lernen müssen.

    Mühsam kämpfte Alte sich wieder unter Deck, wo sie begann ihre Sachen für die unvermeidlichen Verletzten vorzubereiten. Innerhalb weniger Stunden merkte sie, wie das Schiff immer unruhiger wurde und der Seegang an Stärke deutlich zu nahm. Taumelnd kletterte sie wieder oben und fand sich inmitten schwarzer Wolken und Blitzen wieder. Innerhalb weniger Augenblicke war sie völlig durchnässt, während das Schiff durchs Wasser gewirbelt wurde als wäre es ein Spielzeug.

    Nelli lehnte sich zufrieden grinsend zurück. Der Abend lief genauso ab, wie sie sich das gewünscht hatte. Es war schließlich an der Zeit, dass sie endlich zusammen wuchsen, wie man das als solch eine Reise-Gemeinschaft tun sollte. Jeder ging seinen eigenen Weg und dabei sollten sie sich doch als Gruppe zusammen reißen. Und nie lernte man sich besser kennen, als über so ein Spiel und eine gute Menge Alkohol.

    Nun lag ihr wacher Blick auf der jungen Magierin, die sie gerade beim Flunkern erwischt hatte.

    Nun gut, ihr seid dran. Also...Wann genau habt ihr fest gestellt, dass ihr euch nicht so sehr für das männliche Geschlecht interessiert?“ fragte sie und zog amüsiert eine Augenbraue nach oben, ein leichtes Schmunzeln auf ihren Lippen. Trevor verschluckte sich daraufhin an seinem Schnaps, so dass die Hexe ihm sacht auf den Rücken klopfte, während Edmund interessiert seine Fingernägel anstarrte.

    Esther wandte ihren Blick auf den Tisch und eine Röte schlich sich auf ihre Wangen. Ein Schweigen breitete sich aus und kurz dachte Nelli, dass sie gar keine Antwort bekommen würde, ehe die Adlige tief Luft holte.

    Ich interessiere mich sehr wohl für Männer, aber seit einiger Zeit verspüre ich das Bedürfnis nach keinem...Mann“, antwortete sie schließlich ganz leise und schluckte schwer. Nelli runzelte die Stirn und notierte sich im Hinterkopf, dass sie Esther noch mal unter vier Augen mit ihr sprechen würde. Ihre Fühler sagten ihr, dass da etwas im Argen war.

    Jedenfalls noch nicht...“ fügte Esther noch leise hinzu und sorgte dafür, dass wieder ein leichtes Grinsen auf Nellis Lippen trat.

    Damit ließ sie das Thema auf sich beruhen und begann die nächste Runde zu würfeln. Ihr war bewusst, dass nun sie selbst an der Reihe war. Sie hob irgendwann den Becher und schaute in die Runde.

    Sechser Pasch“, log sie und schaute Edmund auffordernd an.

    So, ich bin jetzt auch mal zum Weiterlesen gekommen. Ich liebe diese Geschichte ja so sehr, weil sie mal endlich Fantasy mit jungen Charakteren ist, die sich nicht wie zickige, Terror-Teenager verhalten. Großartig. Außerdem hast du eine tolle Art Spannung aufzubauen und zu halten. In einem Moment ist zum Beispiel Uther der nette Verlobte, der sich um seine Zukünftige sorgt und im nächsten Moment prügelt der Boten. Man weiß nie, woran man ist und das zwingt einen zum immer weiter lesen.

    „Und Ihr seid?“, wollte sie wissen.

    „Ritter Elfret“, antwortete er und verneigte sich. „Ich sorge dafür, dass der Prinz nicht verletzt wird oder er sich im Übereifer selbst verletzt.“

    Wieso muss ich da an Alfred von Batman denken? Ist das eine gewollte Anspielung? xD


    Ich habe auf jeden Fall mega viel Spaß mit der Geschichte und hoffe, dass es trotz allem bald mal weiter geht ;)

    Nelli genoss es endlich wieder mal jung zu sein. Gleichzeitig fragte sie sich, warum sie das eigentlich nicht öfter bisher gemacht hatte. Das bisschen Schmerz in der Nacht hatte sie mit einem Tuch zwischen den Zähnen aushalten können, also würde sie auch die Müdigkeit morgen überleben. Beschwingt stieg sie die Treppen nach oben, nachdem sie die Küche mit Trevor zusammen aufgeräumt hatte. Der Händlersohn hatte tatsächlich überraschend gut gekocht. Das hatte sie definitiv nicht erwartet und war schon fast ein bisschen beeindruckt von ihm. Natürlich würde sie ihm das nie sagen.

    Ihr waren auch die betretenen und gleichzeitig neugierigen Blicke der beiden jungen Männer nicht entgangen, die peinlich berührt über ihren Körper gewandert waren. Und sie müsste lügen, wenn sie behaupten würde, dass sie es nicht ausgekostet hatte. Lange schon hatte sie niemand mehr auf diese Art angesehen und es hatte ein wenig ihrem Ego geschmeichelt. Oh ja, sie hatte in all den Jahren nichts verlernt. Sie würde diesen Tag in voll Zügen genießen.

    Nellis Blick glitt über das Deck und mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen beobachtete sie die ganzen jungen Männer, die ob der Hitze oberkörperfrei arbeiteten. Einer von ihnen würde heute noch zu ihrem Opfer werden, so viel stand fest. Wer weiß, wann sie wieder mal so einen knackigen Hintern haben würde und sie mit ihren Brüsten nicht den Boden würde wischen können. Einer der jungen Männer blieb erstaunt stehen und musterte sie unverhohlen, woraufhin sie ihm kokett zu zwinkerte. Amüsiert stellte sie fest, dass dieser rot anlief und schnell machte, dass er weiter arbeitete, aber nicht ohne ihre Rückansicht zu bewundern. Kichernd stellte sie sich zu Esther an die Reling.

    Wie schön es ist, mal wieder so jung zu sein. Und dann auch noch bei dieser Aussicht.“ Sie grinste und lehnte sich mit dem Rücken an das hölzerne Geländer.

    Ohja, die weiten des Meeres und die Sonne, die es so zum Glitzern bringt...“, begann die Magierin, was dazu führte, dass Nelli in schallendes Gelächter ausbrach. Esther schaute sie irritiert an.

    Doch nicht das Meer, Mädchen. Die Sonne auf dem Meer wirst du noch oft genug zu sehen bekommen. Ich rede von diesen entzückend gut gebauten Matrosen“, erwiderte sie schmunzelnd und beobachtete, wie das hübsche Gesicht der jungen Adligen die Farbe einer reifen Erdbeere annahm, was sie wieder kichern ließ. Schließlich tätschelte sie ihr sacht den Oberarm.

    Keine Sorge, Kindchen. Das wirst du noch früh genug zu schätzen lernen.“ Die Heilerin zwinkerte ihr zu und hatte sichtlich ihren Spaß daran, die Matrosen mit ihrer bloßen Anwesenheit aus dem Konzept zu bringen. Der Vormittag verging im Fluge und schon gegen Mittag hatte sie den ersten, der sie mehr oder weniger charmant umgarnte, aber von ihr abgewiesen wurde. Sie liebte es mit den Männern dahingehend zu spielen und sie zu verwirren. Aber aus dem Alter, in dem sie sich solchen Ausschweifungen hingab, war sie definitiv schon lange raus. Also beließ sie es bei kleineren Neckereien und Anspielungen. Mehr brauchte es nicht um die Hexe den restlichen Tag bei bester Laune sein zu lassen.

    Vermutlich würde Edmund es auch nicht gut heißen, dass sie die Matrosen am späteren Nachmittag zum feiern und Spielen verführte. Die Würfel waren auf ihrer Seite, doch wer würde einer offensichtlich jungen und hübschen Frau schon unterstellen, dass sie schummelte? Der Rum floss ordentlich und sie bemerkte, wie der ein oder andere Spielpartner allein deswegen unaufmerksam wurde.

    Es war schon spät am Abend, als sie Trevor am Decke bemerkte und ihn zu sich winkte. Sein noch immer verwirrter aber auch irgendwie besorgter Blick lag auf ihr.

    Om...Nelli, ist alles in Ordnung? Du warst nicht beim Essen“, stellte er fest und gesellte sich zu ihr. Seine Fürsorge ließ sie schmunzeln und sie legte verspielt den Kopf schief.

    Beruhigt es dich, wenn ich dir sage, dass ich morgen wieder die Alte bin, Bursche?“, wollte sie stattdessen wissen und lehnte sich ein bisschen an. Ihr entging sein erleichtertes Aufatmen nicht und es dauerte einen Moment ehe er zaghafte nickte.

    Ich denke, das macht es einfacher.“ Nelli grinste und nickte in Richtung der Würfel.

    Was meinst du, bekommen wir den kleinen Schnösel und die Adlige überredet mit uns zu spielen? Wir könnten sicher gut Geld an ihnen verdienen. Vor allem, wenn ich noch meinen Schnaps dazu beisteuere.“ Sie zwinkerte dem jungen Wandler zu, der in Gelächter ausbrach.

    Du bist ein schlechter Einfluss...“, brummte er amüsiert und schien kurz zu überlegen.

    Gut, aber nur eine Runde. Nochmal verkrafte ich das nicht.“, gab er schließlich nach und Nelli klatschte begeistert in die Hände.

    "Ach komm schon, Söhnchen. Wir sind nur einmal jung!"

    Nelli trat zur Seite und ließ Edmund ein. Mit einem leichten Nicken bedeutete sie ihm, auf dem Bett Platz zu nehmen. Als er das misstrauisch musterte, verdrehte sie die Augen.

    Keine Sorgen, dort warten keine Flöhe oder Läuse auf Euch“, brummte sie und ging zu dem kleinen Tisch, auf dem sie ein paar Kräuter aufgereiht hatte, während andere an einer Schnur hingen, die sie quer durch die kleine Kajüte gespannt hatte. Ein würziger, aber nicht unangenehmer Geruch hing in der Luft.

    Die Alte stellte den Stock beiseite und sammelte Kräuter zusammen, die sie in einen Mörser beförderte. Mit einem kurzen Blick zu Edmund fügte sie noch etwas Lavendel hinzu, damit der herbe Geruch nicht seine empfindliche Nase beleidigte. Mit einem kleinen wenig Flüssigkeit verarbeitete sie das alles zu einer Salbe und setzt sich dann zu ihm.

    Und jetzt bitte still halten.“ Vorsichtig tupfte sie von den Kräutern etwas auf die Pusteln und drückte ihm die Schale mit dem Rest in die Hand, leicht beeindruckt davon, dass er nicht zurück gezuckt war.

    Sollte morgen früh noch Flecken im Gesicht und am Hals sein, dann noch mal was von der Salbe drauf machen“, erklärte sie und schob ihn schon fast auf der Tür. „Wenn Ihr mich jetzt entschuldigt, ich brauche meinen Schönheitsschlaf.“ Ein breites Grinsen lag auf ihren Lippen und sie wünschte dem verdutzten Edmund noch eine gute Nacht, ehe sie ihm die Tür vor der Nase zu machte.

    Mit einem motivierten Schwung, den man der alten Frau gar nicht zugetraut hätte, machte sie sich an die Arbeit, den Trank für sich selber herzustellen. Bewusst braute sie ihn ein bisschen stärker, auch wenn sie wusste, dass diese Wirkung nur einen Tag anhalten würde. Schließlich schluckte sie die dunkelrote Brühe runter und verzog angewidert das Gesicht. Der Geschmack wurde auch nach 178 Jahren – nein, seit heute waren es 179 Jahre – nicht besser, es gab einfach Dinge, an die konnte man sich nie gewöhnen. Mit einem brennenden Gefühl im Magen, was sich langsam über ihren ganzen Körper ausbreitete, legte sie sich ins Bett und wartete auf die Erneuerung.

    Der nächste Morgen brach gewohnt früh für sie heran und Nelli erinnerte sich daran, dass der Händlersohn versprochen hatte, sich um das Essen zu kümmern. Sofort lag ein zufriedenes Schmunzeln auf ihren Lippen. Ob er wohl daran gedacht hatte, dass er nun jeden Tag vor ihnen allen aufstehen und in die Küche gehen musste? Sie streckte sich und freute sich über die jugendliche Gelenkigkeit ihres Körpers, keine Schmerzen in ihren Gliedern und vor allem auf die dummen Gesichter der anderen. Sie musterte sich nach dem waschen und anziehen in dem kleinen, angelaufenen Spiegel, der an der Wand hing und blickte in ihr eigenes, deutlich jüngeres Gesicht. Oh ja, vor 154 Jahren hatte sie definitiv nichts anbrennen lassen. Ihre vollen Lippen lächelten sie selbst im Spiegel an und sie strich sich eine Strähne ihres langen, dunklen Haares zurück. Voller Elan öffnete sie die Tür und machte sich auf dem weg in die Küche, wo tatsächlich Edmund schon beim Vorbereiten des Frühstücks war.

    Guten Morgen, Jungchen“, flötete sie und selbst ihre Stimme hatte jeden kratzigen, rauen Unterton verloren. Sie schmunzelte, als der junge Mann sich umdrehte und sie einen Moment lang fassungslos anstarrte, ehe er verlegen und eifrig sein Hemd in die Hose stopfte.

    Wer...Wo...Wie...“, stotterte er und ließ seinen Blick unverhohlen über sie wandern, ohne einen Moment des Erkennens.

    Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte sie scheinheilig und deutete dann schließlich auf die Pfanne, aus der schwarzer Rauch aufstieg. „Euch brennt da etwas an...“

    Kurz war Edmunds Blick völlig verständnislos, ehe er sich umdrehte und schnell das Rührei vom Feier zog und leise dabei fluchte, was Nelli ein leises Kichern entlockte.

    Wenn es etwas gab, was Nelli hasste, dann war es Langeweile. Bisher hatte diese Reise damit nicht geglänzt, doch nun, wo sie auf dem Deck stand und das Treiben im Hafen beobachtete, machte sich dieses komische, träge Gefühl in ihrer Brust breit. Die Sonne verschwand langsam hinter den Hügeln. Ihr Blick glitt über das Deck, dass nahezu menschenleer war. Die meisten Matrosen waren in der Taverne und selbst Trevor und Edmund waren verschwunden. Esther hatte sie ebenfalls schon seit Stunden nicht gesehen, möglicherweise war sie ebenfalls an Land. Kurz überlegte die alte Frau, ob sie nicht ebenfalls ihre Füße auf festen Grund setzen sollte, als ihr zwei laute, schwankende Gestalten am Hafenkai auffielen. Sie kniff ihre Augen zusammen und versuchte zu erkennen, wer das war. War das etwa...der reiche Händlersohn? Ein Grinsen trat auf ihre runzeligen Lippen. Betrunken war der Knabe tatsächlich gar nicht ganz so übel, wie sie hatte fest stellen dürfen. Und der andere an seiner Seite konnte dann nur der junge Wandler sein. Anscheinend hatten die beiden beschlossen, das Kriegsbeil zu begraben, was hauptsächlich aus Edmunds gekränktem Stolz und seiner Unfähigkeit eine Mannschaft zu führen beruhte. Vermutlich hätte er es auch gerne, wenn die Mannschaft ihn fragen würde, ob sie auf Toilette gehen durften.

    Die beiden Betrunkenen wankten auf die Eleftheria und drehten sich suchend im Kreis um sich selbst, wobei Trevor sich in einem Seile auf dem Boden verhedderte und beide zu Boden riss. Lachend und lallend blieben sie dort liegen.

    Der Himmel...so voller Schterne...Wir sin' alle Schterne...“, brachte Edmund schwerfällig hervor und streckte seine Hände nach dem dunklen Himmelszelt aus. Leise lachend kam Nelli auf die beiden zu.

    Ihr habt einen schönen Abend?“, fragte sie scheinheilig nach und schaute nach unten.

    Da is' ja die...hicks...Hexe...“ Edmunds Aussage ließ Nellis Augenbrauen nach oben schnellen. Gut, vielleicht war der reiche Schnösel doch auch im betrunkenen Zustand einfach ein arroganter Fatzke, wie immer.

    Isch hab ein G'schenk füüür disch...“ Trevor rappelte sich auf und hielt ihr einen eleganten Stock mit einem schön gearbeiteten Griff entgegen. Sein Blick lag erwartungsvoll auf ihr, als sie ihn schließlich entgegennahm und ihre knorrigen Finger um seinen Griff schloss. Nach einer Weile schlich sich ein enttäuschter Ausdruck auf sein Gesicht.

    Siehse...hab g'sagt, da passiet nischts...“, ließ Edmund verlauten und grinste seinen Trinkkumpan triumphierend an.

    Was genau sollte der Stock denn bewirken?“, fragte Nelli neugierig und legte interessiert den Kopf schief.

    Der Verkäufer hat G'sagt, der mach' disch jünger...“, erklärte der Wandler und zog einen beeindruckenden Schmollmund, den Nelli das letzte Mal so bei einer Hafenhure gesehen hatte, die einen Freier hatte für sich gewinnen wollen. Ihr Blick glitt zu Mond. Es war sowieso mal wieder Zeit für einen Lebenstrank, warum sich also nicht einen Spaß erlauben?

    Die Alte tätschelte Trevor auf die Schulter.

    Vielleicht braucht der Stock einfach eine Weile, Bursche.“ Sie lächelte ihn aufmunternd an und freute sich schon jetzt auf die Gesichter der beiden am nächsten Morgen.

    Nur aus Interesse: Was für Geschenke hast du denn noch gekauft?“ Sie guckte ihn unschuldig an und er begann ihr freimütig die Geschichte von dem Laden zu erzählen, der danach wieder im Nichts verschwunden war. Für Nelli hörte sich das alles nach Kobold-Unfug an, aber manchmal hatten diese kleinen Quälgeister auch wirklich das Glück, an irgendwelche magischen Gegenstände zu finden, auch wenn das eher Zufall war. Wer weiß, was dieser Wahrheitsstein und der Kompass dann tatsächlich bewirkten. Falls der Stein sich als echt herausstellte, sollte sie sich davon fern halten. Das konnte sonst unangenehme Konsequenzen haben, sollte sie mit dieser Art von Magie in Kontakt geraten.

    Sie beschloss den beiden zu folgen, als sie die Treppe zu den Unterkünften nach unten stolperten um auch der Magierin ihr Geschenk zu überreichen. Peternella grinste. Das konnte auf jeden Fall sehr unterhaltsam werden.

    In etwas Abstand blieb sie stehen und beobachtete, wie die beiden an der Tür klopften und eine sichtlich irritierte Esther öffnete.

    Schöne Gra...Graw...Gräfin...wir ham da ein G'schenk für disch...“

    Nelli war sicherlich vieles, aber eigentlich kein Kind der schlechten Laune. Dieser Tag jedoch forderte alles von ihr. Etliche Verletzungen von dieser vermaledeiten Prügelei, der Wandler, der sich nicht von ihr verarzten lassen wollte, die junge Adlige, die man offensichtlich mit in die Prügelei gezogen hatte, obwohl Nelli gehofft hatte, dass gerade sie das Ganze zu verhindern wusste und dann auch noch der Händlersohn, der tat, als wäre sie der Teufel persönlich. Also ging auch ihr langsam die Geduld und die gute Laune aus. Und so fauchte sie den Smutje an, der fragte, wann er seine Küche wieder bekommen konnte und fluchte in sämtlichen Sprachen und Ausdrücken, die sie ihr langes Leben gelehrt hatte.

    Als sie den letzten Verletzten versorgt und ihre ganzen Kräuter, Tinkturen und Verbände wieder fein säuberlich aufgeräumt hatte, war es draußen bereits dunkel. Müde erklomm sie die Treppen an Deck um heute wenigstens irgendwann mal frische Luft zu schnappen, als ihr die Segel eines anderen Schiffes auffielen, das gar nicht mal so ganz weit entfernt von ihnen war. Sie legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen, ehe sie dem Steuermann mit ihrem Stock auf die Schulter tippte.

    Was für ein Schiff ist das da?“, fragte sie unverhohlen, während der Mann zusammenzuckte, da er sie anscheinend nicht bemerkt hatte.

    Eine Galeone. Ein schwer bewaffnetes Handelsschiff. Wobei die auch als Kriegsschiff eingesetzt werden können...“, begann er zu erzählen und verlor sich für einen Moment in Ausführungen über die Vorzüge einer Galeone gegenüber etwas, was er Karacke nannte und Nelli absolut nichts sagte. Irgendwann wedelte sie abwehrend mit der Hand und schüttelte den Kopf.

    Ja, Ja, ein ganz tolles Schiff, das hab ich verstanden. Aber warum folgt es uns?“

    Der Steuermann stutzte und schaute durch sein Fernrohr.

    Es trägt das Wappen von Silberberg auf der Flagge. Vielleicht hat die Gräfin etwas vergessen und sie wollen es ihr bringen?“

    Innerlich seufzte die Alte tief. Wie konnte sich dieser Mann morgens allein die Schuhe anziehen? Sie wandte sich von ihm ab und stieg die Treppen nach unten zu den Quartieren. Sie klopfte an der Tür der jungen Magierin und wartete eine Weile ehe sie noch mal klopfte, deutlich lauter dieses Mal.

    Schließlich streckte eine offensichtlich verschlafene und mitgenommene Esther den Kopf durch die Tür und sah sie verwundert an.

    Tut mir leid, Euch wecken zu müssen, Mädchen. Aber ich schätze, Ihr habt etwas sehr wichtiges in Silberberg vergessen, weswegen Euer Vater uns jetzt sein schnellstes Kriegsschiff auf den Hals hetzt“, erklärte sie trocken und beobachtete, wie der Grafentochter alles aus dem Gesicht fiel und sie wohl schlagartig wach wurde.

    Wie weit weg sind sie denn noch?“, wollte sie hektisch wissen und Nelli beobachtete, wie sich aufgeregte rote Flecken auf ihrem Hals und dem Gesicht ausbreiteten.

    Ich bin kein Seemann, Kindchen. Ich würde schätzen, morgen früh haben sie uns eingeholt. Könnte aber auch früher sein. Oder später.“

    Die Alte zuckte mit den Schultern und watschelte dann an der offenen Tür vorbei.

    Halt, was habt ihr denn jetzt vor? Wo wollt ihr hin? Wollt ihr Edmund Bescheid sagen?“, erklang die Stimme der Magierin hinter sich und Nelli lachte heiser auf. Sie drehte sich um, wobei der Boden unter ihren Füßen knarrte. Ihre Augen funkelten amüsiert.

    Ich? Oh nein, das dürft Ihr übernehmen. Ich bin sicherlich die Letzte, die er sehen will, wenn er grade wach wird und wenn ich ihm dann noch solche Nachrichten überbringe, kann ich garantiert zurück ans Ufer schwimmen. Und ich will ihn viel zu gerne noch eine Weile auf die Palme bringen. Ich, mein Kind, gehe jetzt schlafen. Ihr regelt das schon. Ich wollte euch lediglich informieren.“

    Ein Grinsen lag auf ihren Lippen. Ihr war vorher schon bewusst gewesen, dass diese Reise alles andere als langweilig werden würden, aber so wie sich die Dinge entwickelten und so, wie ihre Mitreisenden sich verhielten, wurde es immer spannender und vor allem unterhaltsamer. Sie ließ die verblüffte junge Frau zurück und ging weiter in Richtung ihrer Kajüte. Fast vergessen waren die Ärgernisse des Tages. Das Chaos, was sich da anbahnte, war sicher etwas, was sie so nie wieder sehen würde. Ein Wandler, eine Magierin und der Händlersohn allein waren schon eine brisante Mischung. Und das, was auf sie da zukam, würde das sicherlich noch Mal torpedieren. Und sie selbst würde da sein und beobachten. Helfen, wenn es notwendig war und kommentieren, wann immer sie konnte.