Beiträge von Skadi

    Die besten Freundschaften begannen mit einer gebrochenen Nase.

    Bis heute konnte Kolja nie in Erfahrung bringen, aus welchem Grund sich Scott damals eingemischt hatte. Vielleicht wollte er eine offene Rechnung mit den Feen begleichen oder er brauchte eine Gelegenheit, angestaute Energie loszuwerden. Womöglich war ihm aber auch einfach nur langweilig gewesen, als er vor nunmehr beinahe zehn Jahren einfach so aus dem Nichts auftauchte, um sich in eine Auseinandersetzung mit dem Schwarm auf Koljas Seite zu schlagen. Wieso die Feen seinerzeit überhaupt gewalttätig ihm gegenüber geworden waren, blieb dem Bären wohl auf ewig ein Rätsel. Im Eifer des Gefechts hatte er Scott jedenfalls einen saftigen Hieb ins Gesicht verpasst und als die Feen schlussendlich abgezogen waren, hatte Kolja auf Scotts blutüberströmte Nase gedeutet und den Grundstein ihrer zukünftigen Freundschaft gelegt: 'Soll ich dich in die Notaufnahme bringen?'

    Gemeinsam saßen die zwei Freunde auf den Stufen, die zur Haustür der Fitzpatrickfamilie führten, und beobachtete die Bilderflut auf Kierans Smartphonedisplay. Mit bemerkenswerter Fingerfertigkeit klickte sich der Teenager durch zahlreiche, zahlreiche Fotos der Feen und irgendwie erinnerten die stark repetitiven Selfies Kolja an Moiras Fotoserien – mit dem Unterschied, dass die Banshee ihre Sammlung früher oder später auf die besten Schnappschüsse reduzierte, wohingegen die Feen ihre mit Filtern überladenen Selbstporträts gnadenlos dem Internet aufzwangen. „Mann… wozu braucht man so viele Fotos von sich selbst?“, kommentierte Scott die niemals abbrechen zu wollende Wand an Kussmündern, albernen Gesten und pseudonachdenklichen Blicken in die Ferne. Kolja fragte sich dasselbe. Von ihm existierten gerade einmal eine Hand voll Fotos; die meisten davon stammten von Moira, wobei Kolja vor kurzem Abby den Wunsch erfüllt und mit ihr zusammen für ein Foto in ihre Handykamera gelächelt hatte. Es bedurfte wohl einer besonders intensiven Selbstverliebtheit, derart oft die eigene Person abzulichten und die Ergebnisse im Anschluss in die sozialen Medien zu spülen, wie die Feen es taten. Weshalb sollte es irgendwelche fremden Leute interessieren, wie man aussah? Und reichten dafür denn nicht ein, maximal zwei Bilder aus? „Na für Instagram“, klärte Kieran seinen großen Bruder auf, als sei die exzessive Selbstdarstellung auf einer hochfrequentierten Plattform mit unkontrollierbaren Zugriffen von Hinz und Kunz ein völlig natürlicher Prozess. „Außerdem ersetzt es für die Feen das Schwarmdenken. Die ganzen Handynetze und Funksignale und so, die stören nämlich ihre Kommunikation. Früher hat das gemeinschaftliche Bewusstsein der Feen über weite Entfernungen funktioniert, aber das klappt jetzt wegen den ganzen Frequenzen in der Luft nur noch, wenn sie zusammen sind. Also sind sie irgendwann auf die sozialen Netzwerke ausgewichen und halten sich darüber gegenseitig auf dem Laufenden, wo sie sind und was sie so treiben.“ Aha. Und dazu benötigte es also mehrere Gigabytes an Datenmüll, anstatt einer kurzen Textnachricht.

    Stichwort Textnachricht: Wie auf Zuruf schob sich auf Kierans Smartphonedisplay just eine Benachrichtigung in den Vordergrund und Kieran wäre unmöglich Kieran, wenn er als Vertreter der Generation Smartphone nicht augenblicklich seinen Posteingang aufgerufen hätte. „Hm, eine Kettennachricht“, murmelte der Welpe, nachdem er den Inhalt gelesen hatte und wurde sogleich von Scott angeranzt:

    „Was für ein Schwachsinn. Lösch' den Scheiß einfach.“

    Doch Kieran äußerte Bedenken. „Ich weiß nicht. Die Kettennachricht kommt von Sean und zwischen Litha und Samhain ist er immer so unberechenbar. Soll ich das riskieren?“

    „Ich sag dir nur eins, Kleiner“, warnte Scott den Teenager. „Denk nicht mal dran, den Dreck an mich weiterzuleiten. Wenn ich nachher so beschissene Kettennachricht auf meinem Smartphone sehe, sage ich Niall, er soll dein Tinderprofil hacken und peinliche Babyfotos von dir hochladen! Du weißt, er kann das.“ Drohend hielt der Wolf Kieran den Finger vor die Nase; dieser schaute Scott verwirrt an.

    „Tinder? Scott, ich bin fünfzehn! Ich habe auf Tinder nichts verloren.“

    „Dann eben Twitter oder wie der Mist heißt.“

    Da verzerrte mit einmal pures Entsetzen Kierans jugendliche Züge. „Was?! Nein! Bitte Scott, lass meinen Twitteraccount in Ruhe! Ich habe doch gerade erst die fünfhundert Follower erreicht.“

    „Behalt' halt diese Kettenscheiße für dich.“

    „Aber sie kommt von Sean!“

    „Nicht mein Problem!“

    Über den brüderlichen Zank hinweg vernahm Kolja, wie hinter ihnen die Haustür geöffnet wurde. Er wandte sich nach dem Geräusch um und erblickte Abby. „Wo steckt denn Colin? Er wollte doch unbedingt den Kuchen probieren, sobald er fertig ist“, hinterfragte die Wölfin den Verbleib ihres Bruders. Gleich im darauffolgenden Moment bekam sie ihre Antwort.

    Im Wipfel eines nahegelegenen Obstbaumes raschelte es; danach hörte man eine Axt mehrfach auf Holz einschlagen, ehe ein lautes Knacken ertönte und ein kompletter Ast auf dem Rasen aufschlug. Keinen Meter daneben landete eine kleine Handaxt im Gras, gefolgt von Colin, der sich geschickt wie ein Äffchen am Stamm des Obstbaumes herabhangelte. Unten angekommen, klopfte der Rüde verrichteter Dinge die Handflächen aneinander ab. „Der passt, würde ich sagen“, bewertete er seine Ausbeute und... und sah sich um. Suchte Colin etwas? Der Blick des Wolfes sprang verdutzt von links nach rechts und letztlich hinauf zu der Baumkrone über seinem Schopf. Genervt rollte er mit den Augen. „Du schaffst es nicht allein runter, richtig?“

    Es verging eine kurze Pause, bis zwischen den Blättern ein zartes Stimmchen zögerlich zugab: „…Nein.“

    „Wieso bist du überhaupt hochgeklettert, wenn du keine Ahnung hast, wie du wieder vom Baum runterkommst?“, verlangte Colin vorwurfsvoll zu erfahren.

    „Ich habe gedacht, dass ich es dieses Mal hinkriegen würde.“ Nun, das durfte man bewiesenen Maßen als Irrtum abstempeln. Colin schätzte die Situation offensichtlich ähnlich ein und obwohl es ihm augenscheinlich gegen den Strich ging, streckte er auffordernd seine Arme aus. Erneut erklang das Rascheln des Blattwerkes und dann fiel eine Moira wie ein reifes Äpfelchen zwischen den Ästen hervor, direkt in Colins sicheren Griff.

    „Danke, Colin.“

    „Du musst beim Klettern auf deine Füße gucken, nicht zum Boden“, predigte Colin der Banshee, während er sie absetzte. „Das erzähl' ich dir jetzt seit fünfundzwanzig Jahren.“

    „Und du wirst es mir wahrscheinlich noch weitere fünfundzwanzig erzählen müssen, bis ich es irgendwann lernen werde.“ Weitere fünfundzwanzig Jahre? Zu diesem Zeitpunkt würden Moira und Colin ihren achtundfünfzig, beziehungsweise sechsundfünfzig Geburtstag gefeiert haben. Kolja wollte das Schauspiel auf keinen Fall verpassen, sollten die zwei in diesem Alter allen Ernstes noch auf Bäumen herumturnen.

    Neben dem Bären stimmte Kieran köstlich amüsiert einen melodischen Sing-Sang an. „Moira und Colin sitzen auf 'nem Ast“, feixte er auf Kosten der beiden, „und sie kü-...“ -'ssen sich fast'? So endete der Reim doch, oder? Dem Welpen blieben die Verse allerdings im Halse stecken, denn Colin durchbohrte ihn mit einem mörderisch kalten Blick, der selbst Kolja das Fürchten zu lehren vermochte. „...kümmern sich um Ohli“, dichtete Kieran daher spontan ein neues Ende für seinen poetischen Erguss zusammen. Oha. Da hatte er gerade so die Kurve bekommen, bevor er bei den Radieschen gelandet wäre. Wenn die Mitglieder der Fitzpatrickfamilie nämlich eine Sache spielend leicht zustande brachten, dann war das nach Koljas Ansicht, mit ihren Wolfspfoten so tiefe Löcher zu buddeln, um einen ausgewachsenen Menschen darin unter der Erde verschwinden zu lassen – und ebenso einen Wolfpoly-Welpen.

    „Ist der Ast etwa für Ohli?“, fragte Abby und an Stelle von Colin, nickte Moira.

    „Colin meint, es sei nicht genug, ihn nur im Garten frei herumlaufen zu lassen. Er braucht etwas, woran er seine Zerstörungswut abbauen kann.“

    „Hieran sollte sich das kleine Monster auf jeden Fall ein Weilchen die Zähne ausbeißen.“ Colin hievte ein Ende des am Boden liegenden Astes hoch, dessen Umfang gut und gern Moiras Oberarm übertraf.

    „Darf ich Ohli den Ast bringen?“, bat Moira um Erlaubnis, Colins Haustier zu nahe zu kommen und sie strahlte glücklich, als der Wolf zustimmend mit dem Kopf in Richtung Garten wies. Was für ein erheiterndes Bild es bot, wie die zierliche Moira dem hochgewachsenen Colin diesen wirklich unnötig sperrigen Ast aus den Händen nahm und ihn mitsamt Laub und Zweigen unbeholfen über den Rasen hinweg um das Haus herum zerrte.

    „Ooh! Warte Moira, ich komme mit zu Ohli!“, jauchzte Abby sogleich und hüpfte bereits übermütig zwischen Kolja und Scott die Stufen hinab. Doch plötzlich knurrte Colin sie angsteinflößend an und fletschte sogar vor ihr die Zähne. Erschrocken wich Abby vor ihrem Bruder zurück. „Du hältst dich von ihm fern!“, befahl er ihr aus rauer Kehle. Im Gegensatz zu Kolja, dessen Muskeln ihn eigenständig auf die Füße katapultiert hatten, fasste Abby Colin trotz des ersten Schrecks keineswegs als Bedrohung auf. Eingeschnappt blies sie ihre Wangen auf.

    „Ich möchte Ohli bloß streicheln.“

    „Nein!“ Colin beharrte auf sein Verbot, was Abby keinesfalls ohne weiteren Protest akzeptierte.

    „Aber Moira darf ihn auch anfassen!“

    „Moira musste ich auch noch keine sieben Mal in die Notaufnahme fahren, weil sie Ohli trotz Knurren und gefletschter Zähne unbedingt knuddeln wollte und sie quietscht ihm auch nicht die Ohren voll wie 'n rostiges Türscharnier.“ 'Ironischer Weise', fügte Kolja in Gedanken hinzu.

    Abby beschwerte sich: „Das ist unfair!“ Aber sie erreichte mit ihrem Einspruch keinerlei Einlenken bei ihrem Bruder. Er blieb stur.

    „Is' mir egal. Ich will dich keinen Schritt näher als zwei Meter zu ihm sehen, kapiert?“

    In seinem Nacken spürte Kolja langsam einen Krampf abklingen. Wegen Colins Aggressionen gegenüber Abby wären Koljas Instinkte um ein Haar durchgedreht und kurzzeitig wollte sich der Bär in ihm Hals über Kopf zu Abbys Schutz auf den Wolfsrüden stürzen. 'Was für eine lächerliche Reaktion', schollt sich Kolja selbst. Colin war ihr Bruder, herrje! Trotz aller Drohungen würde er Abby nie im Leben ernsthaft etwas zu leide tun; das wusste Kolja doch ganz genau. Fing er denn etwa damit an, sich Beschützerinstinkte anzumaßen? Ein dichter Pelz bürstete seine Fingerspitzen, als Kolja seine strapazierten Wirbel massierte.

    Der Clinch der Geschwister wurde schließlich von Kieran unterbrochen. „Können wir jetzt endlich essen?“

    Zitat von Rune

    Ich bin da generell selbstkritisch.

    Das ist einfach eine charakterliche Grundvoraussetzung für uns Zeichner und Maler ^^


    Willkommen im Forum und im Club #SelbstGemalterAvatar.

    Habe gerade festgestellt das ich mich heute am Freitag den 13. angemeldet habe. Ist das jetzt ein schlechtes Zeichen oder hier in der Welt der Mythen und Magie ein gutes Zeichen? :hmm:

    Also ich habe mich am 01. April angemeldet und das einzige was mir bisher passiert ist, ist, dass mir niemand glaubt, wenn ich an dem Tag erzähle, ich sei jetzt x Jahre (derzeit 7) hier :hmm: Eine Witzfigur bin ich schließlich eh 365 Tage im Jahr :B

    Daher würde ich sagen, passt schon :rofl:



    Besorgniserregende, bunt flimmernde Streifen sprengten die Anzeige des Smartphones und mehrere Apps öffneten und schlossen sich in absolut willkürlicher Reihenfolge. Praktisch im selben Augenblick hörte Kolja das Radio in der Küche anspringen, welches sein Co-Koch dort aufgestellt hatte. Die Kasse zeigte wirre Zahlen an, katapultierte scheppernd ihre Lade hervor und das Telefon in Gwens Hand, das sie zwischenzeitlich woher auch immer hervorgezaubert haben musste, gab sämtliche Signaltöne gleichzeitig von sich, indessen die Zeiger des Quarzweckers oben auf dem Stützbalken den Rekord für die meisten vollständigen Umrundungen innerhalb weniger Sekunden brachen. Als nächstes flackerten die Deckenlampen und aus dem Büro vernahm man Hayes lästerlich seinen Computer verteufeln. Was zum-…? Sah Kolja einen schwachen, transparenten Schleier über den Tresen schweben, oder gaukelten ihm seine Augen lediglich Dinge vor? „Ich glaube, ich habe einen Fleck auf der Netzhaut…“, meinte Moira dasselbe zu erkennen und blinzelte einige Male angestrengt. Da kläffte Scott in das Off: „Verpiss dich, Ward! Du störst!“ Wörtlich gesprochen.

    Die Lichter pulsierten heftig.

    Danach verblasste der Schleier und der Normalzustand kehrte zurück.

    „Scheiß Gespenst“, lästerte Scott über seinen Kollegen, bevor er sein Smartphone anzufassen riskierte und seine unterbrochene Textnachricht fortsetzte. Kolja empfand ja wahrlich viel Toleranz gegenüber dem Unfug, den Wards transluzente Gegenwart mit seinem Umfeld anstellte – immerhin konnte der Geist diese Eigenheit seiner Art unmöglich mal ebenso abstellen. Nachdem Kolja allerdings dank der Zusammenarbeit mit Ward nunmehr etliche dieser paranormalen Phänomene miterlebt hatte, musste er gestehen: Er verstand voll und ganz, weshalb Familien fluchtartig Haus und Hof aufgaben, sobald sich ein Gespenst in ihren Vier Wänden einnistete. Diese unkalkulierbaren Paroxysmen unerklärlicher Ereignisse wurden ziemlich schnell lästig, besonders, wenn man binnen weniger Wochen zu gleich drei Begebenheiten den Tiefkühlschrank notleeren musste, weil Wards Aura das Kühlsystem außer Gefecht setzte.

    Wards Aktivitäten gewöhnt, brachte Gwen unbeeindruckt ein neues Thema auf den Tisch. Natürlich galt ihr Interesse hierbei vorrangig Colin, denn er war es, den sie gezielt ansprach: „Wieso kennst du dich eigentlich mit den Buchtiteln von Romantikliteratur aus?“ Auf seinen fragenden Gesichtsausdruck hin, präsentierte der Sukkubus dem Wolf ihr Smartphone, exakter gesagt: Die Ergebnisse einer Suchanfrage für 'Der ungezähmte Highlander' – dem Titel, den Colin vor wenigen Minuten fallen gelassen hatte. „'Der ungezähmte Highlander' von Hannah Howell. Das ist ein echtes Buch. Woher kennst du es?“

    „Ist das nicht der Roman, den du dir mal von mir ausgeliehen hast?“, warf Abby ein, weshalb Moira sogleich ungläubig nachhakte:

    „Colin, du liest Liebesromane?“

    „Blödsinn!“ In einer ausladenden Geste winkte der Rüde jedwede Unterstellung ab. „Was will ich mit solchen Schnulzen? Ich hab' mir den Mist nur deshalb reingezogen, weil ich 'ne Wette gegen Niall verloren hatte und zur Strafe an seinem fünfunddreißigsten Geburtstag 'ne Buchvorstellung über einen dieser Schinken abhalten musste. Ich musste den Partygag für den Affen spielen! Keine Ahnung, weshalb ich ausgerechnet auf diesen Titel gekommen bin, wahrscheinlich hat er sich durch das Trauma einfach in meiner Hirnkruste festgebrannt.“

    „Aber Colin…“ Nachdenklich legte Abby einen Finger auf ihr Kinn. „Nialls fünfunddreißigster Geburtstag ist doch schon zwei Jahre her. Das Buch hast du dir erst letzten Herbst von mir geborgt.“

    „Häh?“

    Erwischt. Amüsiert kicherten Moira und Gwen in sich hinein und steckten Kolja mit ihrer Belustigung an. Na so was. Da offenbarte ausgerechnet Colin ein Interesse für kitschige Liebesgeschichten. Nun ja, gewisse Berührungspunkte unter Geschwistern existierten eben in jeder Familie und Abbys Faible für romantische Literatur gehörte mit Sicherheit zu den harmloseren Gemeinsamkeiten zwischen Bruder und Schwester.

    Im Gegensatz zu den beiden anderen Frauen verpasste die Wölfin die Pointe der Situation. Mit ehrlicher Wissbegierde wollte sie von Gwen erfahren: „Sind die Männer in Schottland eigentlich wirklich so, wie sie in meinen Büchern dargestellt werden?“

    „Wenn es in meiner Heimat vor dauergeilen Sexgöttern wimmeln würde, wäre ich bestimmt nicht hier, Spätzchen.“ Der Sukkubus wandte sich an Kolja und Scott. „Übrigens bringe ich euch ungern in eine unangenehme Situation, Jungs, aber euch ist schon bewusst, dass da ein nackter Mann zu euren Füßen sitzt, ja?“

    Ein nackter…? „Häh?“, stieß Scott aus, woraufhin Gwen mit dem Finger auf das verspiegelte Whiskeyregal jenseits des Tresens deutete und erklärte: „Ich sehe sein Spiegelbild.“

    Zugleich senkten Scott und Kolja ihr Augenmerk hinab.

    Und Ward blinzelte ihnen entgegen. „Hallo.“

    „Was soll der Scheiß?!“, belferte Scott das Gespenst prompt an, das zwischen ihm und Kolja auf dem Fußboden hockte und an einem Energydrink nippte. Genau genommen verfehlte die Beschreibung 'nackt' die realen Umstände, denn um von Nacktheit zu reden, sollte Koljas Auffassung nach der komplette Körper einer Person sichtbar sein. Von Ward war hingegen kein Stück mehr zu erkennen, als Kopf, Brust sowie den oberen Hälften seiner Arme. Der Rest von ihm schien mit der Luft zu verschmelzen, weswegen man den Eindruck bekam, die Getränkedose würde von Geisterhand an seinen Mund geführt werden – was letztlich auch den Tatsachen entsprach.

    Mit gleichgültiger Stimme beantwortete Ward Scotts Frage: „Ich verstoffliche.“ Zweifellos tat er das.

    „Wieso hast du dich denn überhaupt aufgelöst, Caoimhin?“, wollte Moira von dem Geist wissen und beugte sich dafür über den Tresen hinweg. „Du weißt doch, dass du nur wieder Ärger mit Mister Hayes bekommst, weil du in diesem Zustand keine Kundschaft bedienen kannst.“

    „Die Insistenz meiner olfaktorischen Reizwahrnehmung hat die Beständigkeit meines Stoizismus' erschüttert, weshalb ich ihr zu Lösung des Problems kurzzeitig meiner fleischlichen Hülle entsagt habe.“ Nachdem Ward in monotoner Stimmlage seinen Beweggrund herunter gerattert hatte, nahm er einen beiläufigen Schluck seines Energydrinks und Kolja meinte beobachten zu können, wie sich folglich ein paar Zentimeter unterhalb seiner Brust langsam ein Bauchnabel abzeichnete. Unterdessen wagte Moira eine Übersetzung:

    „Das heißt, dir hat die Nase gejuckt?“

    „Mir hat die Nase gejuckt.“

    „Was für ein Bullshit!“ Gereizt warf Scott die Hände nach oben. „Mach deinen Mist gefälligst woanders, Mann! Geh in die Abstellkammer oder weiß der Geier wohin aber verzieh dich von hier. Deinetwegen spinnt mein Smartphone rum.“

    „Nein“, schmetterte Ward die Aufforderung des Wolfes ab. „Ich bin kein Besen. Ich gehöre nicht in die Abstellkammer.“

    Oh-oh. Diesen Widerspruch würde Scott doch nie im Leben hinnehmen. Nicht, wenn er von Ward stammte. Zu Koljas Erleichterung begrenzte sein Freund seine Aggressionen allerdings auf wütendes Zähnefletschen. „Pah!“, knurrte er. „Ist mir doch scheißegal, was du treibst. Ich geh jetzt vor die Tür. Von dort wird sich meine Nachricht ja wohl abschicken lassen. Wenn Hayes fragt, sag ihm, ich bringe den Müll raus oder so.“ Weil sich seine Bitte an Kolja richtete, nickte der Bär und Scott stapfte mitsamt Smartphone hinter dem Tresen hervor und zur Vordertür des Pubs hinaus.

    Entzückt blickte Abby ihrem Bruder nach. „Ist es nicht unglaublich süß, wie wichtig Scott die Nachrichten von Hazel sind?“

    „Süß? Nein“, gab Ward von unterhalb des Tresens ungefragt von sich. „Viel eher bedenklich. Meiner Meinung nach begibt sich Fitzpatrick geradewegs in eine Abhängigkeit, Bestätigung durch diese Frau zu erfahren. Er sollte lernen, seinen Zwang zu durchbrechen und die niederen Impulse zu bändigen.“

    „Harte Worte von jemanden, der sich in Luft aufgelöst hat, weil er sich nicht mehr den Riechkolben kratzen wollte.“

    Ward ignorierte Colins Einwurf und redete weiter: „Zudem es seiner Beziehung aufgrund der Distanz einer physischen Greifbarkeit mangelt. Ich frage mich, inwiefern es der Definition einer Liebebeziehung entspricht, wenn sich beide Individuen auf unterschiedlichen Landmassen aufhalten. Ist diese Konstellation überhaupt erlaubt?“

    „Das nennt man 'Fernbeziehung'“, mischte sich nunmehr Gwen ein. „Und es gibt viele Paare, für die dieses Konzept übergangsweise hervorragend funktioniert.“

    „Außerdem ist Scott ein Wolf und unsere Partner sind für uns Wölfe extrem wichtig!“ Abby hob belehrend den Zeigefinger. „Wölfe leben monogam. Das bedeutet, wenn wir einmal unser Ein-für-alle-Mal gefunden haben, bleiben wir den Rest unseres Lebens mit dieser Person verbunden. Wir können gar nicht anders! Und wenn man uns voneinander trennt, dann leiden wir. Manche vergehen sogar vor Kummer. Nach der Beerdigung von unserer Großtante Fiona hat es zum Beispiel nur wenige Wochen gedauert, bis auch Großonkel Angus unabsehbar verstorben ist, um ihr zu folgen.“

    „Großonkel Angus war dreiundneunzig Jahre alt und hatte vergessen wie man kaut. Was soll 'n da unabsehbar gewesen sein?“

    „Willst du etwa bestreiten, dass wir besondere Bindungen entwickeln, Colin?“

    Gleichgültig zuckte der Rüde mit den Schultern. „Will ich nicht. Ich find's bloß dämlich, für irgend 'ne Romanze das letzte Stück Hirn über den Haufen zu werfen.“

    Das Läuten eines Smartphones verhinderte Abbys Replik und damit vermutlich auch einen erneuten Hick-Hack zwischen den Geschwistern. Es war Gwens Telefon, welches die Aufmerksamkeit seiner Eigentümerin begehrte. „Die Arbeit ruft“, verkündete der Sukkubus und rutschte von ihrem Hocker herab. „Wörtlich gesprochen. Wir sehen uns.“

    „Mach's gut Gwen. Viel Spaß!“

    'Viel Spaß'. Mh. Kolja überlegte, ob 'Viel Spaß' angesichts von Gwens Job zu den angebrachten Floskeln gehörte. Auch Gwen schmunzelte über Abbys Abschiedsworte, bedankte sich aber dennoch dafür. „Danke, Süße. Und Ciao, Colin.“ Sie berührte den Wolf am Oberarm, bevor sie grazil von dannen spazierte.

    Das Kinn auf der Hand abgestützt und den Ellenbogen auf den Tresen gestemmt, schmachtete Colin ihr hinterher. Sogar nachdem sämtliche Türen hinter der Schönheit ins Schloss gefallen waren, blinzelte der Wolf liebestrunken in ihre Richtung. Ein Seufzen entwich seiner Brust. Moment. Colin seufzte? Zu keinem Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft hatte Kolja Scotts Bruder jemals seufzen hören. Er stand wirklich heftig unter dem Einfluss von Gwens Sukkubusaura. Das, oder der Mann war ehrlich Hals über Kopf verliebt. „Gwen ist echt toll“, schwärmte Colin. Dann schepperte es plötzlich.

    In einer unbedachten Bewegung musste Moira ihre Snackschale vom Tresen gepfeffert haben, denn die Keramik kreiselte wild auf dem Parkett umher und verteilte ihren krümeligen Inhalt schwungvoll auf dem Holz. Wow, in dem Schlag hatte Energie gesteckt. „Oh, das… tut mir leid. Ich kehre es weg!“, bat Moira mit blassen Wangen um Verzeihung und unternahm bereits Anstalten, von ihrem Hocker zu kletterten. Doch Kolja hielt sie zurück.

    „Lass es liegen. Nachher wird sowieso gekehrt.“

    „Nein, nein“, beharrte Moira darauf, das Unglück aufzuräumen, welches sie angerichtet hatte. „Ich mach das schon.“ Anschließend lief die Banshee zur Abstellkammer herüber; vermutlich, um Kehrblech und einen Besen zu beschaffen. Sogleich stellte Abby ihre Hilfsbereitschaft unter Beweis und rückte die Hocker aus dem Weg.

    „Colin, würdest du bitte ein Stück rutschen?“, forderte sie ihren Bruder auf, etwas Platz für Moira zu machen. Allerdings schwelgte der Rüde nach wie vor in rosaroten Traumsphären und zeigte keinerlei Reaktion auf Abby. „Colin. Colin! Du sollst rutschen, hörst du?“

    Das tat er nicht. Und während die beiden Frauen mit Putzgeräten bewaffnet um Colin herumtanzten, vernahm Kolja zu seinen Füßen ein aufdringliches Schlürfen. „Hey, Dmitrijew.“ Der Bär richtete seine Augen zu Boden und ein mittlerweile vollständig vorhandener Ward schaute ihm entgegen. „Tust du mir einen Gefallen?“

    „Welchen?“, wollte Kolja erfahren.

    Das Gespenst leerte seinen Energydrink. „Kannst du mir vielleicht eine Hose besorgen?“

    Während die Banshee auf ihrem Weg durch den Schankraum kurz anhielt, um Scott zu begrüßen, stapfte Colin schnurstracks an seinem Bruder vorbei und direkt auf Gwen zu. Selbstverständlich setzte er sich auf den freien Hocker neben dem Sukkubus – wohin auch sonst? - und seine Pupillen klebten förmlich an ihrem Körper. „Na?“, sprach er sie an und Gwen erwiderte den Gruß gleichermaßen:

    „Na?“ Im Anschluss beugte sie sich zurück und schenkte Moira ein bisschen Beachtung, die gerade auf den Platz zu Colins verbleibender Flanke kletterte. „Schön dich zu sehen, Mäuschen.“ Moischen. Da war es wieder.

    „Hi, Gwen.“

    „Mir gefällt dein Hemd“, kommentierte Gwen ihr Oberteil im Schottenmuster. „Es erinnert mich an zuhause. Sehr authentisch!“

    Die Banshee drückt darauf ein knappes „Danke“ hervor und stupste verhalten die Snackschale vor ihr auf dem Tresen an. Colin blieb beim Thema Kleidung, wenngleich ihm Moiras Erscheinung offensichtlich kaum egaler sein konnte. Für ihn existierte einzig und allein Gwen. „Gewagtes Kleid.“

    „Oh, gefällt es dir etwa nicht?“ Sie grinste den Wolf neckisch an und überschlug demonstrativ ihre schlanken Beine, sodass es dem männlichen Hirn unmöglich blieb, sie eingehend zu studieren. „Ich kann dir zeigen, wo der Reißverschluss ist. Dann kannst du es mir sehr gern ausziehen.“

    „Also ich finde das Kleid sehr schön an dir. Du solltest es auf jeden Fall anbehalten.“

    Zeitgleich richteten Kolja und Gwen ihre Augen auf Moira.

    Mit indolenter Miene zerbröselte die Banshee eine der Salzstangen aus der Snackschale in etliche kleinen Teile und wischte die Krümel danach mit der Handkante auf den Fußboden. Kolja war überrascht. Für Moiras Verhältnisse kam ihr Zwischenruf ungewohnt spitz herüber; fast schon schnippisch, insofern seine Mitbewohnerin überhaupt zu derartigen zickigen Reaktionen fähig sein sollte. „Danke schön, Mäuschen“, überging Gwen Moiras fragwürdigen Unterton. Im selben Moment kehrte Abigail… Abby zusammen mit Scott zum Tresen zurück.

    Solange Hazels Auslandsaufenthalt andauerte, galt Scotts Hauptinteresse dem Nachrichteneingang seines Smartphones und den eventuell darin eingegangenen Lebenszeichen seiner Freundin. Kein Wunder also, dass er auch jetzt am Telefon hing, derweil seine Schwester munter Moira und Colin begrüßte. Das rege Geplapper der Wölfin im Hintergrund, bemerkte Kolja das missmutige Zucken in den Zügen seines Freundes. „Ist alles in Ordnung?“, erkundigte er sich bei Scott, solange der Rest von Abby abgelenkt wurde.

    Der Rüde antwortete: „Hazel hat gefragt, ob wir unser Telefondate heute Abend vorverlegen können.“

    Und das störte Scott? „Hast du keine Zeit?“

    „Doch“, sagte er. „Aber sie will danach mit einem ihrer Kollegen zu irgend so einer Veranstaltung gehen, zu der der Typ sie eingeladen hat.“

    „Das ist doch nett.“ So musste Hazel ihre Freizeit in Deutschland nicht allein verbringen. Kolja erinnerte sich noch gut an das Gefühl der Einsamkeit, ohne Familie und Freunde in einem fremden Land gestrandet zu sein und er freute sich für Hazel, so schnell Anschluss gefunden zu haben. Scott hingegen tat das nicht.

    „Aber der Kerl hat sie nicht einzuladen! Hazel ist meine Freundin, wieso sagt sie überhaupt zu!?“

    „Das wäre nicht passiert, wenn sie 'nen Ring am Finger tragen würde“, mischte sich nunmehr Colin ein, den das Liebesleben seines Bruders mehr interessierte, als … worüber die Frauen auch immer plauderten. „Wärt ihr verheiratet, hätte es sich dieser Uni-Futzi drei Mal überlegt, sie irgendwohin schleppen zu wollen.“

    Plötzlich schauten Scott und Kolja alarmiert einander an.

    Dann ließ Scott Knall auf Fall sein Smartphone unter der Kasse verschwinden und Kolja schnappte wahllos das nächste Wischtuch. Keine Sekunde später kam Hayes mit seinem Gipsbeinchen und der rosaroten Krücke aus dem Büro gehumpelt. Beim Tresen angekommen, musterte der Leprechaun seine Angestellten kritisch und wollte seinen Kellner und den Koch offensichtlich harsch zurück an die Arbeit befehlen. Allerdings Scott gab sehr überzeugend vor, die Abrechnung zu machen, unterdessen Kolja einen imaginären Fleck auf der Holzoberfläche des Tresens den Gar auspolierte. So schnaubte Hayes einmal übellaunig und hinkte zu den Toilettenräumen weiter.

    Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, fischte Scott sein Smartphone hervor. Kolja legte das Tuch beiseite.

    „Armer Mister Hayes“, bemitleidete Abby den Chef ihres Bruders. „Es scheint mit seinem Bein nicht besser zu werden. Hoffentlich kann er bald diesen hinderlichen Gips ablegen.“

    „Hoffentlich nicht.“ Umgehend setzte Abby an, Scott für dessen Widerspruch zu tadeln, aber er schob bereits seine Rechtfertigung nach. „Der Alte macht mit seinem Klumpfuß beim Gehen so viel Krach, dass man ihn schon aus dem Nebenraum antraben hört. Ist wie so ein Frühwarnsystem, so zu tun, als würden wir arbeiten, damit er uns nicht vollschnauzt, weil wir Pause machen.“

    „Man hört die Aufschläge auf dem Parkett über das Gemurmel der Gäste hinweg“, stimmte Kolja Scott mit einem Nicken zu, worauf Moira einwarf: „Ich habe gar nichts gehört.“

    „Du bist ja auch kein Poly.“ Scott lenkte sein Augenmerk zurück auf das Smartphone. „Ich weiß, was ich wegen Hazel mache. Ich verbiete ihr einfach, mit dem Penner auszugehen.“

    „Ja sicher. Und ganz bestimmt wird sie dir gehorchen und nach deiner Pfeife tanzen. Weil Hazel das ja schon immer getan hat“, spottete Colin - begründet, wie Kolja fand. Allein aus schierem Trotz würde die Hexe ihren Kollegen begleiten, sollte Scott seine Drohung wahrmachen und ihr Vorschriften auferlegen wollen. Moira versuchte, den Wolf zu beruhigen. „Nur, weil ihr Kollege sie einlädt, muss er doch kein romantisches Interesse an Hazel haben, Scott. Wahrscheinlich verstehen sich die zwei einfach nur gut. Vergiss nicht, dass Hazel allein in Deutschland ist und auch ihre sozialen Kontakte braucht.“

    „Oh!“ Begeistert klatschte Abby in ihre Hände. „Oder du fliegst zu ihr, Scott, und überraschst sie mit einem Besuch! Hazel würde sich so darüber freuen! Und wenn du einmal dort bist, kannst du ihr gleich deinen Heiratsantrag machen, dann hat sie einen guten Grund, so schnell wie möglich nach Irland zurückzukehren.“ Scotts Reaktion auf die Idee seiner Schwester beschränkte sich auf einen verstörten Blick und Kolja pflichtete ihm stumm bei. Womöglich dachte er hierbei zu altmodisch; seiner Auffassung nach sollte die Beziehung zwischen Hazel und Scott erst mal ein volles Jahr überdauern, ehe irgendwelche Hochzeitspläne geschmiedet wurden. Oder wenigstens ein halbes… .

    Kolja schloss sich Moiras Meinung an: „Es gibt genug Beispiele für harmlose Freundschaften zwischen Männern und Frauen. Mach dir keine Sorgen, Scott. Hazel weiß, was sie tut.“

    Der Wolf grummelte etwas Unverständliches in seinen Bart hinein, zeigte sich schließlich aber überzeugt. Gewissermaßen. „Na gut. Es stimmt wahrscheinlich, was ihr sagt. Moira und ich sind immerhin auch nur Freunde. Und zwischen dir und Abby…“, behauptete Scott an Kolja gerichtet, „läuft ja genauso wenig, wenn ihr euch trefft.“ Ein spontaner, innerer Schweißausbruch überfiel Kolja, vor allem als Gwen belustigt das Kinn abstützte und schmunzelnd hinzufügte:

    „Ja, die zwei sind ein echtes Paradebeispiel für platonische Zuneigung.“

    Da schleuderte Scott nochmals unversehens das Smartphone von sich und Kolja schupste eine willkürliche Anzahl Gläser von A nach B, um sie sogleich in einem normalen Tempo zurück an ihren Ausgangsort zu sortieren. Alsdann schwang die Tür zur Herrentoilette auf und Hayes tapste zurück durch den Schankraum. Nicht jedoch, ohne Scott und Kolja beim Vorbeigehen überaus misstrauisch zu beäugen. Argwöhnisch humpelte er am Tresen vorüber, verschwand hinter der Ecke – und tauchte plötzlich wieder auf. „Kommt nicht auf die Idee, mich verarschen zu wollen!“

    „Wir doch nicht, Chef“, schworen Kolja und Scott unisono und da Hayes ihnen mangels Beweise keine Untätigkeit unterstellen durfte, blieb ihm wenig mehr übrig, denn murrend in sein Büro zu verschwinden. Zur Sicherheit warf Scott dem Kobold einen Blick hinterher, bevor er mit Kolja belustigt auf ein High Five einschlug.

    „Eure Routine in dieser Sache ist beinahe faszinierend“, stellte Gwen fest.

    „Es macht so ein dumpfes Geräusch, wenn sein Gipsfuß auf dem Boden aufkommt.“ Scott überlegte kurz, wie er es beschreiben sollte. „So ein gleichmäßiges klonk – klonk – klonk.“

    „Findest du?“ Für Koljas Ohren hörten sich Hayes unbeholfene Schritte anders an.

    „Ja. Du nicht?“, wollte Scott wissen, also antwortete Kolja:

    „Ich finde, es klingt mehr nach einem Tok – tok – tok

    „Nach einem Tok – tok – tok?“

    „Ja.“

    „Nicht nach einem Klonk – klonk – klonk?“

    Der Bär schüttelte den Kopf. „Nein. Nach einem Tok – tok – tok

    Tok – tok – tok“, wiederholte Scott die Lautmalerei für sich. „Irgendwie schon, ja… Aber auch nach einem Klonk – klonk – klonk

    Klonk – klonk – klonk“ Kolja ließ den Laut über seine Zunge rollen. Mh… . Gänzlich falsch lag Scotts Gehör damit nicht. „Es könnte auch ein Tonk – Tonk – Tonk sein.“

    Tonk – Tonk – Tonk.“ Nachdenklich formte Scott den Klang nach und schließlich gab er Kolja Recht. „Stimmt. Danach klingt es am meisten. Tonk – Tonk – Tonk.“

    Tonk – Tonk – Tonk.“

    Tonk – Tonk – Tonk.“

    Tonk – Tonk – Tonk.“

    „Es wundert mich kein Bisschen, dass Hazel den Job hier hingeschmissen hat“, unterbrach Colin die Onomatopoesie zwischen seinem Bruder und Kolja und erinnerte Scott auf diese Weise an sein eigentliches Problem:

    „Was soll ich denn jetzt Hazel antworten?“

    „Sag ihr, sie soll den Dreckskerl gefälligst zum Teufel jagen.“

    „Nein!“, widersprach Abby Colin. „Wenn du das tust, Scott, wird Hazel denken, du würdest ihr nicht vertrauen. Wünsch ihr einen angenehmen Abend und wenn du dir Sorgen um sie machst, bitte sie um eine Nachricht, sobald sie wieder zuhause ist.“

    Zwischen den Empfehlungen seiner beiden Geschwister hin- und hergerissen, schaute Scott von einem zum anderen und fällte schließlich seine Entscheidung. Er zeigte auf Abby. „Ich nehm', was sie sagt.“

    „Ach“, schnaubte Colin zynisch. „Und als nächstes schlägst du direkt in 'Der ungezähmte Highlander' nach, wenn du Beziehungstipps brauchst.“

    „Willst du mir jetzt was erzählen, Mister Langzeit-Single?“

    Außerdem wies Abby ihren Bruder auf folgendes hin: „Ich habe durchaus Ahnung, wovon ich rede. Immerhin habe ich bereits eine Beziehung geführt – mit Stuart.“

    Infolgedessen gaben Scott und Colin synchron ein abwertendes Prusten von sich, weswegen Abby die Wolfsrüden belehrte: „Nur, weil ihr zwei ihn nie akzeptiert habt, heißt das nicht, dass meine Beziehung zu ihm nicht echt gewesen wäre. Wir waren schließlich vier Jahre lang zusammen, hatten Gefühle füreinander und Sex und-….“

    „La la la la la!“ Colin und Scott pressten die Hände auf die Ohren und versuchten lautstark, Abby zu übertönen. Und ehrlich gesagt wünschte Kolja ebenso, den letzten Teil überhört zu haben. Der Bär gab sich keinen Illusionen hin. Ihm war bewusst, dass Abby ihr bisheriges Leben keineswegs damit verbracht hatte, untätig auf sein Erscheinen zu warten, sowie vice versa. Auf die unverblümte Erinnerung an ihr vorheriges Liebesleben, sowie auf einen konkreten Namen, zu dem Koljas Verstand unweigerlich ein Gesicht zusammenpuzzelte, hätte er trotzdem verzichten dürfen. Eine unbegründete Abneigung gegen diesen Stuart überkam Kolja. Herrgott, jetzt entwickelte er bereits Eifersuchtsanfälle und das wegen eines Unbekannten, zu dem Abby keinerlei Kontakt mehr pflegte.

    „Jetzt werdet ihr albern!“, warf Abby ihren Brüdern vor, die ihr stur das Gehör verweigerten. „Seht der Realität ins Auge. Ich bin eine erwachsene Frau. Ich hatte Sex und werde in Zukunft Sex haben. Colin! Scott!“

    „Ich hör' das alles nicht. La la la la!“

    Frustriert blies Abby Luft zwischen ihren hübschen Lippen hervor. Kolja konnte den Rüden ihr Verhalten schwerlich verübeln, schließlich wollte er genauso wenig etwas über Nadeschdas Sexgewohnheiten erfahren, wie die zwei über Abbys. So verhielt es sich mit Brüdern und Schwestern – egal, ob das liebe Schwesterlein zarte zweiundzwanzig, oder wie in Koljas Fall, reife fünfzig Jahre zählte.

    „Ärgere dich nicht, Süße“, munterte Gwen die Wölfin auf. „Die zwei müssen dir nicht zuhören. Das muss nur der Mann deiner Begierde. Richtig, Papabär?“ Sie zwinkerte Kolja vielsagend an und Kolja drängte eine Angstattacke zurück, als Colin entgegen jeder Erwartung eine Reaktion zeigte.

    „Häh? Was?“

    „Nichts, mein Schöner.“ Zu Koljas immenser Erleichterung unterließ Gwen weitere Andeutungen und so, wie Colin von ihrem bezirzenden Lächeln vereinnahmt wurde, hatte er das Gehörte aller Wahrscheinlichkeit nach bereits wieder vergessen. Völlig auf den Sukkubus fixiert, langte er in die Snackschale vor Moiras Nase. Kolja musste die Mimik der Banshee fehlinterpretieren – das, oder Moira litt heute tatsächlich unter einer schlechten Laune, denn es wirkte auf ihn, als würde sie Colin jeden Moment die Erdnussflips einzeln an den Kopf werfen, die er just mit verknalltem Blick Richtung Gwen in seinen Mund schob.

    Mittlerweile tippte Scott endlich seine Nachricht an Hazel in sein Smartphone ein. Doch auf einmal stieß er einen Fluch aus und ließ das Telefon auf den Tresen fallen. „Au! Scheiße Mann, das Ding hat mir einen Schlag verpasst!“

    Und dann spielte alles verrückt.



    Nächster Teil

    Danke für eure Kommentare, LadyK  Miri ^^


    Aber ich denke, Kolja bevormundet sie etwas zu sehr ... Ich meine, sie ist ja kein kleines Kind mehr.

    Kolja ist eben kein Mr Perfect. Irgendwelche Macken muss er haben, wenn sein einziger Fehler sonst nur darin besteht, die Klappe nie aufzukriegen ^^


    Boah. Und irgendwie habe ich noch gar keine Ahnung, wohin du uns mit der Episode führst

    Das tut mir Leid :/ Ich hatte eigentlich gedacht, Abbys Detektivspielchen wären ein offensichtlicher Faden und die Hinweise, die ich im Text neben Abbys Untersuchungen einstreue, würden helfen, ihn zu verfolgen. Vermutlich liegt mein Grundsatzfehler schon darin, eine Liebesgeschichte mit einer Pseudokrimigeschichte verbinden zu wollen, vor allem für mich als jemand, der eigentlich gar kein Schreiber ist. Das ist wohl zu viel, zumal Ep2 zusätzlich noch die Handlung aus Ep1 aufgreifen und gleichzeitig Ep3 vorbereiten muss.

    Danke für deine Kommentare, Lady ^^






    Kolja


    „Nein.“

    „Was meinst du mit, 'Nein'?“

    Nein.“

    „Aber du musst doch zugeben, Kolja, dass das Foto ein stichhaltiger Beweis dafür ist, dass die Feen in das Gerätelager eingebrochen sind. Das kannst du unmöglich abstreiten.“

    „Doch.“

    „Wieso? Selbst auf dem kleinen Bild sticht diese Oonagh-Fee unverkennbar durch ihre farbenfrohe Erscheinung hervor. Was sollte sie am Gerätelager treiben, wenn nicht irgendeine Gemeinheit vorzubereiten?“

    „Das weiß ich nicht.“

    „Siehst du? Es kommt nur diese Erklärung in Frage. Und du hast selbst gesagt, dass die Feen Ärger bedeuten.“

    Kolja räumte einige saubere Gläser zur Seite und atmete durch. Seit gestern Abend kannte Abigail kein anderes Thema mehr, denn dieses angebliche 'Beweisfoto' und ließ Kolja nicht einmal während seiner Arbeit damit in Ruhe. Im Moment gab es im Tír na nÓg wenig zu tun, was in den Aufgabenbereich eines Kochs fiel und der Bär wünschte wirklich, das Gegenteil wäre der Fall.

    Er musste gestehen, etwas verbittert zu sein. Redeten Abigail und er doch ruhig über die Feen und redeten sie doch ruhig über die Aussagefähigkeit irgendeines Fotos in einem fiktiven Kriminalfall – aber verloren sie ja kein Sterbenswörtchen darüber, was zwischen ihnen passiert war. Hätte Scott sein Schlafzimmer nur eine Minute später verlassen, hätte er Kolja in flagranti dabei erwischt, wie er seiner herzallerliebsten kleinen Schwester liebestoll die Zunge in den Hals schob. Spielte der Kuss für Abigail denn tatsächlich bloß eine untergeordnete Rolle, zweitrangig hinter einer blöden Fotografie?

    Des Frieden Willens, und weil sich Scott ebenfalls im Schrankraum aufhielt, schluckte Kolja seinen Unmut herab. „Habe ich, ja“, gab er Abigail Recht, was seine Einschätzung der Feen betraf. „Deswegen wirst du dich daran halten, was Scott und ich dir gesagt haben, und von ihnen fernbleiben.“

    Das passte Abigail ganz und gar nicht. „Dann kommen sie ungeschoren davon!“

    „Abigail,...“ Zu ihrer Ermahnung schlug Kolja bewusst einen strikten Tonfall an, „ich habe dir bereits erklärt, was ich von dir im Hinblick auf die Feen erwarte. Ich werde dieses Thema kein weiteres Mal mit dir durchdiskutieren.“

    „Ich kann doch die Beweise nicht einfach ignorieren!“, protestierte sie gegen seine Anweisung, also wurde Kolja deutlich:

    „Es gibt keine Beweise. Dieses Foto, das du gefunden hast, ist im besten Fall ein haltloses Indiz. Genau wie du bin ich mir sicher, dass die Fee nichts Gutes im Sinn hatte, als Moira sie fotografiert hat aber das einzige, was man sieht, ist, wie sie am hellen Tag, umgeben vom vollständigen Fußballclub ein Vorhängeschloss betrachtet. Das genügt nicht, um jemanden anzuklagen. Und selbst wenn es das täte, verbiete ich dir, mit den Feen zu sprechen.“ Ende der Diskussion – für Kolja. Abigail sah das gegenteilig. Eingeschnappt verzog sie ihren süßen Mund.

    „Du behauptest, es würde nicht genügen aber es ist ein vielversprechender Anfang für weitere Nachforschungen.“

    „Wenn du so denkst, dann gib Hayes das Foto, damit er damit zur Polizei gehen kann.“ Oder zur Versicherung, was für die Feen wahrscheinlich die härteren Konsequenzen bedeutete. „Aber die Feen bleiben für dich tabu.“

    „Hör auf ihn, Schätzchen. Ich hatte mal eine Fee als Kunden, also einen von der männlichen Sorte, und das war eine Katastrophe.“ Aus irgendeiner Ecke des Pubs tauchte Gwen plötzlich auf und nahm auf dem freien Barhocker neben Abigail Platz. Wie gewohnt, wenn sie wegen eines Termins mit Hayes das Tír na nÓg besuchte, trug sie eines ihrer freizügigen Kleider; heute im schwarz-weiß-gestreiften Zebrafellmuster. Da hatte sie sich bei ihrer Kleiderwahl wohl ein bisschen Inspiration von der Zebra-Fee abgeholt. Der Sukkubus setzte die Anekdote fort: „Nach jedem Treffen mit ihm hat mir der Feenstaub in allen Ecken und Ritzen meines Körpers geklebt und das Zeug übersteht so einige Duschgänge, glaub mir. Was auch immer du vorhast, lass die Finger von den Feen.“ Das... war nicht die Art von Beistand, die Kolja unbedingt gebraucht hätte aber zumindest stimmten Gwen und er im Konsens ihrer Kernaussagen überein.

    „Igitt! Feenstaub zwischen den Zehen oder in der Nase stelle ich mir unangenehm vor“, dachte Abigail laut, woraufhin Gwen amüsiert den Ellenbogen auf dem Tresen aufstützte.

    „Wenn es nur dort gewesen wäre, Spätzchen. Sagen wir es so: Selbst drei Monate nach meinem letzten Termin mit diesem Typen kamen sämtliche Tampons während meiner Regel glitzernd wieder aus mir raus.“ Urgh. Was?

    Zum Glück von Koljas persönlichem Wohlbefinden schien Abigail kein Interesse zu verspüren, dieses Thema zu vertiefen. So holte sie ihr Smartphone hervor und hielt Gwen das Display entgegen. Dabei deutete sie mit dem Finger auf einen bestimmten Punkt und Kolja ahnte, was die Wölfin ihrer Freundin zeigte: Dieses unsägliche Foto schon wieder. Kolja wusste nicht, was Moira davon hielt, dass Abigail ohne zu fragen eine ihrer Fotografien auf ihr Smartphone zog, doch das mussten die beiden Frauen unter sich klären. „Sag mal, Gwen. Erkennst du zufällig, wer das hier ist?“, fragte Abigail den Sukkubus.

    „Hab' ich den Titel 'die Neue in der Stadt' ohne es zu wissen an jemand anderen weiterreichen müssen oder warum fragst du mich solche Dinge, als würde ich die Leute hier kennen?“ Abigail zuliebe warf sie dennoch einen Blick auf das Smartphone und meinte: „Das ist diese laufende Konfettitüte vom letzten Sonntag.“

    „Ja, unverkennbar!“, gab Abigail ihr Recht. „Aber was ist mit dem Mann daneben?“

    Anhand ihrer Fingerbewegung erkannte Kolja, wie Abigail das Bild vergrößerte. Beim intensiven Observieren hatte die Wölfin neben der Regenbogenfee nämlich eine zweite Person entdeckt und spann nun Theorien über einen vermeintlichen Komplizen zurecht. 'Leider' – aus Abigails Sicht gesprochen - ließ sich der unscharfe Pixelhaufen jedoch selbst mit sehr viel Phantasie unmöglich identifizieren.

    Gwen betrachtete den Fremden kurz und hob hernach ahnungslos die Achseln. „Keine Ahnung.“

    „Wirklich nicht?“

    „Herzchen, der Typ trägt einen blonden Kurzhaarschnitt und Cargohosen. Allein an der Kasse im Supermarkt findest du mindestens drei Männer dieser Sorte herumstehen. Du wirst schon mehr Informationen liefern müssen, um einen Namen zu bekommen.“

    Das war eindeutig nicht die Auskunft, auf die Abigail gehofft hatte. Ernüchtert ließ sie die Schultern hängen, wofür Kolja sie tröstend in den Arm nehmen wollte, wenn diese Geste keinen so kontraproduktiven Effekt bei Abigail bewirken würde. Auch Gwen registrierte ihre Enttäuschung.

    „Kopf hoch, meine Süße“, munterte sie sie auf. „Es gibt noch etliche andere Leute, die du fragen kannst. Irgendwer wird Blondie schon erkennen. Der Kerl hängt schließlich mit einer Fee ab, wie viele Typen können das schon von sich behaupten?“ … Was sollte das? Wieso fütterte Gwen Abigails Hirngespinste mit diesen Ideen? Argwöhnisch beobachtete Kolja den Sukkubus, wie er die Wölfin anstachelte. „Wenn du genug herumfragst, kommt am Ende auch was dabei heraus.“

    Abigail nickte daraufhin entschlossen. „Du hast Recht, Gwen. Ich werde herausfinden, wen die Feen in ihrer Nähe tolerieren und dann kann ich den Kreis der Verdächtigen anhand des Fotos eingrenzen. Danke! Du hast mir enorm weitergeholfen!“ Zum Dank schenkte sie dem Sukkubus eine freundschaftliche Umarmung. „Jetzt entschuldigt mich bitte“, sagte sie anschließend und rutschte von ihrem Barhocker. „Ich muss mal für kleine Mädchen. Bin gleich wieder da!“

    Kolja wartete, bis sich Abigail außer Hörweite befand. Dann sprach er ein Machtwort: „Hör damit auf.“

    „Womit soll ich aufhören, mein Großer?“ Gwen mimte die Ahnungslose, daher präzisierte Kolja seine Anweisung:

    „Damit, Abigail diese Flausen über irgendwelche Detektivspielchen in den Kopf zu setzen. Sie entwickelt schon genug eigene Schnapsideen und braucht nicht noch von dir angestiftet zu werden. Halt dich ihr gegenüber zurück.“

    Seine bestimmende Wortwahl missfiel Gwen, denn sie musterte Kolja abschätzig. „Habe ich die Rundmail verpasst, in der steht, dass du mir Vorschriften machen darfst?“

    Kolja ignorierte den Spott und ermahnte sie: „Das ist kein Spaß. Abigail ist so versessen auf diese Spurensuche, dass sie blindlings in Situationen hineinrennt, deren Ausgang sie nicht abschätzen kann. Deine Mutmaßungen sind für sie, metaphorisch gesprochen, Wegweiser mitten in den Schlamassel hinein. Nicht nur, dass sie sich an Orte begibt, an die sie nichts zu suchen hat - dass du mich verdächtigt hast, in das Gerätelager eingebrochen zu sein, hat Abigail so sehr verwirrt, dass wir in einen Streit geraten sind. Sie hätte sich beinahe für immer von mir abgewandt.“

    „Das wäre immerhin überhaupt eine Art Entwicklung in eurer Beziehung gewesen, nicht wahr?“

    Ihr Zynismus traf Kolja mit gnadenloser Härte.

    Verärgert starrte er Gwen an, die seinem strafenden Blick ungerührt standhielt und zur Provokation eine ihrer schwarzen Brauen hinaufzog.

    Schlussendlich ergriff sie versöhnlich das Wort. „Okay, schau mal, Papabär. Ich mag Abby und ich mag dich. Deswegen ein gut gemeinter Hinweis: Eventuell solltest du darüber nachdenken, weshalb deine Anweisungen und Vorschriften bei Abby auf taube Ohren stoßen. Nur weil du ihre Vaterkomplexe befriedigst, heißt das nicht, dass sie von dir wie ein kleines Mädchen behandelt werden will. Du kannst ihr den ganzen lieben, langen Tag vorkauen 'Abby tu dies nicht, Abby lass jenes sein!' ohne etwas bei ihr zu erreichen, denn diese Litaneien kennt sie zur Genüge von ihren Brüdern. Von dir will sie als erwachsene Frau angepackt werden. Das dürfte dich mit Sicherheit keine Überwindung kosten, nicht wahr?“

    Vor Schreck klappte Koljas Kiefer einige Male auf und ab. Woher ahnte Gwen etwas von den Gefühlen, die er für Abigail hegte? Und von Abigails Wünschen? Und hatte Gwen dieses Wissen bereits an Colin weitergetragen und dieser wiederum an Scott?? „Schau mich nicht an, als hätte ich dich mit der Hand unter Abbys Bluse erwischt“, forderte Gwen und wies auf Koljas Gesicht. „Ich bin ein Sukkubus, was erwartest du? Ich kann das Blut praktisch rauschen hören, das dir ihretwegen in den Schritt schießt. Wenn du Abby ernsthaft von ihrer Nancy Drew-Nummer abbringen willst, wirst du schon andere Saiten aufziehen müssen, als ihr eine Taschengeldkürzung anzudrohen.“ Die Betonung ihres Schlusssatzes, ließ wenig Zweifel daran, worauf Gwen mit ihrem Ratschlag hinauswollte. Sie redete weiter: „Es tut mir leid, wenn ihr zwei meinetwegen Streit hattet. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Abby dich wegen meiner Spinnereien direkt vors Strafgericht zerrt. So viel gesunden Menschenverstand hatte ich ihr eigentlich zugetraut.“ 'Grundsatzfehler Nummer eins', dachte sich Kolja. Zumindest in der aktuellen Generation der Fitzpatrickfamilie schien der gesunde Menschenverstand vollständig aus dem Erbgut verdrängt worden zu sein, anderenfalls hätte Kolja im vorletzten Winter Scott wohl kaum davon abhalten müssen, einen frostigen Laternenmast abzulecken. „Ich will genauso wenig, dass Abby etwas passiert, wie du“, erklärte Gwen. „Und ich schicke sie auch nicht aus purem Amüsement auf Fährtensuche.“

    Auf diese Behauptung hin sah Kolja sie an.

    Also hob Gwen schuldbewusst die Hände. „Okay, das ist gelogen. Ich finde es unheimlich unterhaltsam, wie sie sich auf der Jagd nach angeblichen Hinweisen wie ein überdrehter Wolfswelpe im Kreis dreht, als würde sie ihren eigenen Schwanz schnappen wollen. Und du stimmst mir sicherlich zu, Großer: sie ist echt zum Küssen niedlich, wenn sie vor Freude über einen Teilerfolg umherspringt wie ein Ping-Pong-Ball.“

    Das war Abby tatsächlich. Trotzdem beharrte Kolja darauf, dass Gwen ihr keinen zusätzlichen Nährboden für diesen Unsinn lieferte. „Bitte ermuntere sie nicht mehr“, bat er den Sukkubus letztmalig. Dieser legte den Kopf zur Seite.

    „Ich mache dir einen Vorschlag, Papabär.“ In Gwen Augen blitzte es verschmitzt, als sie sich Kolja verschwörerisch über den Tresen hinweg entgegen lehnte. Dem Bären schwante schlimmes. „Ich gehorche und du machst endlich Nägel mit Köpfen. Dieser Eiertanz, den ihr beide aufführt, verliert nämlich langsam an Originalität.“

    Nägel mit Köpfen? Eiertanz? Versteckte sich dahinter eine sexuelle Anspielung, die an Kolja vorbeiging? Gwen meinte zudem: „Es wäre Abby gegenüber beispielsweise ein hervorragender Beweis an Intimität, wenn du aufhören würdest, sie bei ihrem vollen Namen zu rufen, als würdest du sie gleich auf ihr Zimmer schicken. Ich kenne deine Herzensdame nicht einmal halb so lang wie du und bin über diesen Punkt hinaus. Außerdem will ich wissen, wie du es dir vorstellst, beim Sex ihren Namen zu stöhnen. A-bi-gail – So viel Luft hat man zwischen zwei Atemzügen ja gar nicht.“

    Ihr Name. Klang Kolja wirklich so streng, wenn er den Vornamen der Wölfin verwendete? Abigail… Abby… . Mh. Den Unterschied im Tonfall durfte man schwerlich abstreiten. Wahrscheinlich würde Kolja sich ebenso getadelt fühlen, wenn ihn jemand bei seinem vollständigen Namen nannte.

    „Ich werte dein Grübeln als Zustimmung“, entschied Gwen und wandte Kolja ihren unbedeckten Rücken zu – gerade im rechten Augenblick, als die Tür des Pubs geöffnet wurde und Colin, dicht gefolgt von Moira, eintrat.



    Nächster Teil

    Abigail


    Nach dem zweitausendachthundertsiebenundvierzigsten Foto verlor Abby die Lust.

    Haargenau hatte sie sämtliche Details im Vorder- wie im Hintergrund nach verdächtigen Aktivitäten untersucht und obgleich jedes einzelne Bild zweifelsfrei Moiras Talent bezeugte, forderten zweieinhalb Stunden intensives Betrachten, Observieren und Analysieren ihren Tribut. Das ewiglange Starren auf den winzigen Laptopmonitor rief in Abby geistige wie körperliche Erschöpfungserscheinungen hervor und die Erkenntnis, längst nicht die Hälfte aller Aufnahmen durchgearbeitet zuhaben, nahm einen drastischen Negativeinfluss auf ihre Motivationskurve. Wie unglaublich viele Fotografien Moira zusammengetragen hatte! Oftmals zeigten unmittelbar aufeinanderfolgende Serien ein und dasselbe Motiv, lediglich um wenige Millisekunden zeitversetzt – absichtlich, vermutete Abby, um den bestmöglichen Moment einzufangen. So bewundernswert die Wölfin diese vor Leben sprudelnden Eindrücke auch fand, wollte sie an diesem Abend keine weiteren abgekämpften Poly-Männchen betrachten. Vor allem nicht, wenn es sich dabei um ihre eigenen Brüder handelte. Auf der Jagd nach Colins Porträt musste Moira aus Verzweiflung zu wahrlich jeder sich bietenden Gelegenheit den Auslöser betätigt haben, denn gefühlt stand Abbys Bruder auf einem guten Drittel aller Fotografien im Mittelpunkt. Unter anderem dokumentierte eine der vielen Fotoreihen, wie er sich nach dem Training aus einem durchgeschwitzten, klebrigen Trikot quälte. Moira benötigte scheinbar tatsächlich dringend eine Abbildung von ihm, wenn sie Colin sogar in solch pitschnasser Verfassung ablichtete.

    Abby lenkte den Blick vom Laptop weg und rieb ihre müden Augen. Sie hatte sich so lange mit den Fotos beschäftigt, dass es draußen bereits dämmerte und das einfallende Licht aus der Küche sorgte indirekt für gedämpfte Beleuchtung im Wohnzimmer. Wenn Abbys Suche doch nur Ergebnisse erzielt hätte. Gelegentlich hatte sie gedacht, auf eine heiße Spur gestoßen zu sein, doch Kolja wusste jedweden ihrer Verdachte auszuräumen. Seit geraumer Zeit schwieg der Bär allerdings, daher schaute Abby zu ihm herüber. Oh, wie niedlich! Kolja war eingeschlafen und schlummerte friedlich vor sich hin. Einen Arm unter seinen Kopf geklemmt und den anderen auf dem Bauch gebettet, ruhte er zurückgelehnt auf dem Sofa. Er atmete ruhig und mit jedem Atemzug wurde seine Hand gemächlich hoch und wieder herab gehoben. Entzückt beobachtete Abby das leichte Flimmern seiner geschlossenen Lider. Wovon er wohl träumte? Das Licht aus der Küche verfing sich in seinem braunen Haar und floss herrlich über seine Strähnen hinweg, wie eine karamellige Dessertsoße über eine Portion köstliches Schokoladeneis. Liebend gern hätte Abby Kolja zärtlich über die glattrasierten Wangen gestreichelt und sich anschließend an ihn gekuschelt, um seinen betörenden Duft nach Schnee, salziger Luft und Honig zu inhalieren.

    Am meisten lockte sie jedoch sein Mund.

    Im Traum schien Kolja sich mit jemanden zu unterhalten, denn seine Lippen vollführten diese verspielten Zuckungen, welche Abby oftmals während eines Gesprächs an ihm beobachtet hatte – gerade so, als wären sie davon unterfordert nur Vokale zu formen. Sie stellte den Laptop weg. Es juckte ihr in den Fingerspitzen, den Schwung von Koljas Oberlippe nachzufahren und die geschmeidigen Bewegungen mit ihren Sinnen ertasten zu dürfen. Das Gefühl auf ihrer Haut. Auf ihren Lippen... . Darauf bedacht, Kolja keinesfalls aus dem Schlaf zu reißen, beugte sich Abby behutsam über ihn. Sein Lippenspiel übte eine hypnotische Wirkung auf sie aus, so gab sie ihrem Bedürfnis nach, legte sacht die Kuppe ihres Zeigefingers auf seinen Mund und strich zart darüber hinweg.

    Die Berührung ließ Kolja erwachen. Der Bär blinzelte einige Male orientierungslos und sah schließlich Abby an. „Ich wollte dich nicht wecken“, sprach die Wölfin gedämpft, derweil sie ihm fortwährend ihre Zärtlichkeiten schenkte. „Hast du gut geschlafen?“

    „Bin ich denn wach?“

    Koljas Frage entlockte Abby ein Kichern. Er war so süß. „Ja, bist du.“ Daraufhin huschte ein Lächeln über seine Züge, dank dem Abbys Herzschlag verliebt über die eigenen, figurativen Füßchen stolperte. Wohliges Kribbeln füllte ihren Bauch, als sie auf ihrem Oberschenkel Koljas Handfläche liebevoll entlangwandern spürte. Während sie im Gegenzug mit Fingerspitzengefühl seinen Mund und seine Wangen liebkoste, schlich sich die Erinnerung an ein faszinierendes Detail über Bären in ihre Gedanken, welches Hazel ihr einst verraten hatte: „Du hast Greiflippen.“

    Da wandte Kolja auf einmal unangenehm berührt den Blick ab, um ihn sogleich wieder auf Abby zu richten. „Stört dich das?“, wollte er von ihr wissen.

    Ob es sie störte? Davon durfte keine Rede sein. Niemals würde irgendetwas an Kolja Abby stören können, denn dazu war er einfach viel zu perfekt.

    Was für bildschöne Schattenspiele das Schummerlicht des Wohnzimmers doch auf sein Gesicht zauberte. Die Kontraste zwischen Hell und Dunkel schmeichelten Koljas Wangenknochen sowie der Wölbung seiner Brauen – eine unausgesprochene Einladung an Abby, jede einzelne Kontur intensiv zu erkunden. Und anfangen wollte sie bei seinem Mund. Bedächtig brachte Abby ihre Lippen näher an seine heran. „Nein“, hauchte sie Kolja ihre Antwort zu. Sie fühlte seinen Atem sanft ihre Nasenspitze kitzeln. Nur noch ein winziges, verlockendes Stück. „Im Gegenteil.“

    Dann kam Kolja ihr entgegen.

    Er umfing Abby mit beiden Armen und drückte seinen wundervollen Mund auf ihren. Tausend farbenfrohe Schmetterlinge platzten zugleich in Abbys Brust aus ihren Kokons hervor und stiegen ihr flatternd direkt in den Kopf. Überall prickelte es heiß; in Abbys Wangen, auf ihrer Haut unter Koljas Fingern, in ihrem Schoß... .

    Eine Tür wurde hörbar geöffnet.

    Und plötzlich war Kolja weg.

    Wo…? In derselben Sekunde, in der Abby verwirrt ihre Augen aufschlug und Kolja beinahe schon verschreckt auf seiner Seite des Sofas hockend vorfand, betrat Scott vom Schlafzimmerflur aus das Wohnzimmer. „Seid ihr etwa immer noch beim Lernen? Bei der Dunkelheit seht ihr ja gar nichts“, kommentierte Abbys Bruder die Lichtverhältnisse und tatschte voller Elan gegen den Schalter für die Wohnzimmerlampe. Schlagartig überflutete das grelle Licht der Deckenbeleuchtung den Raum und zwang Abby, kurzzeitig die Lider zuzukneifen. Dahin war das sinnliche Ambiente. Scott trottete arglos am Sofa vorbei bis in die Küche hinein; man vernahm leises Klappern, danach kehrte er seelenruhig mit einer Flasche Wasser zu ihnen zurück. Seine Aufmerksamkeit fiel auf den Laptop. „Schaut ihr euch etwa Moiras Fotos an? Bin ich auch drauf? Rutscht mal!“ Ehe Abby überhaupt vollständig aus ihrem liebestrunkenen Delirium erwachen konnte, machte Scott bereits einen Satz über die Rückenlehne des Sofas und landete mit seinen Allerwertesten wie eine unüberwindbare Trennwand genau zwischen Wölfin und Bären. Halt, das…! Das passte Abby jetzt aber in keiner Weise! Was wurde aus ihrem romantischen Moment mit Kolja? Ihr Bruder zog den Laptop auf seinen Schoß und navigierte sich durch die zahlreichen Bilder. Also das fand Abby nun wirklich unfair! Ein flüchtiger Kuss - mehr wurde ihr nicht gegönnt? Welche Verbrechen hatte sie begangen, dass das Karma ausgerechnet jetzt Scott vorbei schickte, um die intime Atmosphäre mit Kolja zu stören? Unzufrieden stemmte Abby die Ellenbogen auf die Knie.

    „Colin. Colin. Nochmal Colin. Mann, auf wie vielen Fotos ist der denn drauf? Ist ja langweilig“, nörgelte Scott an Moiras Fotosammlung herum, worauf Abby einzig mit einem verdrießlichen „Mh-Mh“ reagierte, während sich Kolja schweigend gegen die Armlehne des Sofas quetschte.

    Nur beiläufig schenkte sie dem Bildschirm ihr Augenmerk. Doch plötzlich entdeckte Abby etwas. „Warte, stopp!“ Sie nahm Scott den Laptop aus den Händen und rief eines der letzten Fotos auf. Offenbar gehörte es zu einer neuen Serie, denn die Perspektive unterschied sich erheblich von den Ansichten zuvor. Im Vordergrund absolvierten ein paar von Scotts Mannschaftskameraden ihre Aufwärmübungen; Abbys Interesse galt jedoch den Geschehnissen dahinter. Um die Details besser zu erkennen, vergrößerte die Wölfin die Ansicht.

    „Hast du mir jetzt das Ding aus der Hand gerissen, um dir 'nen dummen Geräteschuppen anzugucken??“

    „Nicht den Schuppen“, klärte Abby ihren Bruder auf. Aha! Hatte sie es doch geahnt! Mit einem triumphierenden Grinsen drehte sie den Männern zur besseren Sicht den Laptop zu und deutete auf einen ganz konkreten Punkt innerhalb der Abbildung. „Sondern wer um ihn herumschleicht. Kommt sie euch bekannt vor?“

    Hernach neigten sich Scott und Kolja zeitgleich dem Bildschirm entgegen.

    „Das gibt's doch nicht…“, murmelte Kolja verdattert und Scott blaffte augenblicklich los: „Macht die Alte sich da an unserem Schloss zu schaffen?“

    Genau das tat sie.

    Kunterbunte Haut, kunterbunte Haare.

    Es war eine der Feen.



    Nächster Teil

    Meinst du auf dem Malgrund oder auf der Mischpalette? Für die Mischpalette habe ich mir folgenden Trick abgeguckt, damit die Farben nicht so schnell eintrocknen: Man legt ein feuchtes Zellstoff auf eine Unterlage, darüber eine Schicht Butterbrotpapier oder Seidenpapier, je nachdem, was man da hat. Auf das Butterbrotpapier kommt dann die Farbe. Dadurch, dass sie von unten her stetig mit Feuchtigkeit versorgt wird, bleibt sie echt lange feucht. Teilweise kann ich die Acrylfarbe am nächsten Morgen noch vermalen :hmm:


    Falls du den Malgrund meinst, vielleicht hilft ein Primer wie Gesso :hmm:

    Find ich nicht zickig, aus dem gleichen Grund habe ich nämlich Ölfarben für mich aufgegeben ^^ "Wie jetzt, ich muss das ganze Wochenende warten, bis ich weitermalen kann?" Und bei Acryl und Aquarell kann ich mir noch so oft selbst vorpredigen, dieses Mal NICHT den Fön zu benutzen und am Ende mache ich es trotzdem :rofl:

    „Uuuuaaaahhh…“ Ein tiefes, hohlklingendes Brummen erklang aus Koljas Kehle.

    „Ich glaube, ich habe gerade deine Reißzähne gesehen“, scherzte Moira, derweil sich der Bär neben ihr herzhaft gähnend reckte und streckte und seine Beine auf dem kleinen Tischchen vor dem WG-Sofa ablegte, bedacht, mit seinen Füßen keinesfalls gegen Moiras Kamera zustoßen. Die Banshee hatte ihre Ausrüstung dort abgelegt und durch ein Kabel mit ihrem Laptop verbunden, den sie wiederum auf ihrem Schoß balancierte. Den Rücken gegen das Armteil des Sofas gelehnt und die Beine in Koljas Richtung ausgestreckt, schmunzelte sie ihn an.

    „Verzeihung“, bat Kolja über ein zweites Gähnen hinweg für seine Unhöflichkeit um Entschuldigung. Ein Nickerchen käme ihm gerade recht, aber in ein paar Minuten würde Abigail für ihre Nachhilfestunde hier auftauchen und diese konnte er ja schlecht von seinem Bett aus abhalten. Das hieß, falls Abigail ihm jedoch dabei Gesellschaft leistete, nackt und eng mit ihm verschlungen… . Mittels energischer Schläge gegen seine Wangen versuchte Kolja die Vorstellung aus seinem Kopf zu vertreiben; wie eine CD in einem Player, sprang seine Einbildung jedoch nach einem kurzen Aussetzer abermals an und setzte das Kopfkino – oder besser gesagt, den Kopfporno - an exakt derselben Stelle fort. Moira rettete ihn nur kurzzeitig aus dem Sumpf seiner Phantasien. „Du siehst müde aus. Hast du schlecht geträumt?“

    Ob er schlecht geträumt hatte? Fast hätte Kolja darüber gelacht. Von schlechten Träumen durfte wirklich keine Rede sein, beherrschte doch Abigail sein ganzes Denken - nicht nur in jedem seiner wachen Augenblicke, sondern auch, wenn er tief und fest schlief. Mittlerweile verging selten eine Nacht, ohne, dass Kolja im Schlaf von ihr phantasierte und dann mit unerfüllten Sehnsüchten erwachte. Abigail in seinen Armen zu halten, das Gefühl ihres Körpers, der sich dicht an seinen anschmiegte, hatte ihm einen verlockenden Vorgeschmack auf intime Stunden mit ihr geschenkt; als wäre er ein Kind, dem man von einem zuckersüßen Lolli naschen ließ, um ihm die Leckerei sogleich wieder wegzunehmen. Bloß wollte Kolja an keinen Süßigkeiten lecken, sondern an Abig-... Großer Gott, jetzt katapultierte sich seine Vorstellungsgabe erneut geradewegs in die Gosse. Abgespannt strich sich Kolja mit den Händen über sein Gesicht. „Nein“, beantwortete er Moiras Frage. „Ich muss mich erst an meinen neuen Schlafrhythmus gewöhnen.“ Durch die vielen Nachhilfestunden war Kolja dazu gezwungen, seinen Terminplan enger zu fassen. Im Endeffekt bedeutete das für ihn eigentlich nur, auf seine Schläfchen tagsüber zu verzichten aber wenn man Jahre lang die Freiheit besaß, zu beinah jeder denkbaren Zeit zu Bett gehen zu können, stellte das für den eigenen Energiehaushalt schon mal eine Herausforderung dar.

    „Du bist wirklich viel öfter unterwegs.“ Moira tippte beiläufig auf ihrem Laptop herum, als sie vollkommen richtig vermutete: „Liegt das an der Nachhilfe?“ Auf Koljas bestätigendes Nicken hin, erkundigte sie sich: „Wie schlägt sich Abby so?“

    „Sie macht Fortschritte“, meinte Kolja. „Aber sie lässt sich viel zu schnell ablenken.“

    „Das möchte ich glauben.“

    Die Betonung ihrer Worte ließ den Bären stutzen. Wieso sagte Moira das so merkwürdig? Ahnte sie etwas von dem, was zwischen Abigail und Kolja vor sich ging? Kolja beobachtete die Banshee, die ihre Augen auf den Bildschirm gerichtet hielt und unbeteiligt in einem für ihn unbekannten Takt mit den Füßen wackelte. Die Öhrchen ihrer flauschigen Häschenhausschuhe wippten dabei munter hin und her. Mh, vermutlich entwickelte Kolja Paranoias.

    Im Hausflur wurde es plötzlich laut. Dank seinem Hörsinn registrierte Kolja das rege Geplapper einige Sekunden bevor Moira das Haupt Richtung Wohnungstür drehte; dann schepperte das Schloss und der Lärm sprudelte in die Wohnung. „Jetzt lass mich endlich mal mit deinem Scheiß in Ruhe! Ich hab' doch schon zugesagt, was willst du denn noch von mir?“, hörte man Scott schimpfen, als er ins Wohnzimmer trat. Unmittelbar darauf folgte ihm seine kleine Schwester.

    „Ich gehe nur sicher, dass du es nicht vergisst. Vielleicht ist das unser letztes Treffen, das wir in Papas Garten abhalten können, bevor Mama und er aus ihrem Urlaub zurückkehren. Scott, das wird ein toller Abend! Wir werden leckeres Essen haben und unter dem Sternenhimmel die laue Sommernacht genießen. Du weißt doch, die Luft kribbelt so herrlich zwischen Litha und Samhain. Oh! Kolja, Moira Liebes!“

    Die Wölfin entdeckte Banshee und Bär auf dem Sofa sitzend und eilte heran, um voller Vorfreude die Hände auf der Rückenlehne aufzustützen. „Ihr kommt am Samstag auch, ja?“

    „Sagt zu, sonst geht die Diskussion endlos weiter“, maulte Scott und checkte die Uhrzeit auf seinem Smartphone. „Und ich will mein Telefondate mit Hazel nicht verpassen.“

    Gemeinschaftlich nickten Moira und Kolja, was Abigail als Zusage wertete, also kam sie auf etwas Anderes zu sprechen: „Schaust du dir Fotos an, Moira?“ Ehe Koljas Mitbewohnerin antwortete, umrundete Abigail das Sofa und zwängte sich auf die Sitzfläche in der Mitte. Moira nahm gerade ihre Füße herunter, da stellte Abigail bereits die nächste, neugierige Frage. „Sind das die Bilder vom Training?“

    „Ja, sind es. Ich schaue alle Aufnahmen durch und nehme ein paar Bildbearbeitungen vor.“

    „Bildbearbeitungen?“, wiederholte Abigail Moiras Wortwahl. „Deine Fotos sind so toll, was willst du sie denn bearbeiten?“

    Die Banshee lächelte über das Kompliment, klärte Abigail jedoch auf: „Wenn ich im Freien fotografiere habe ich selten Einfluss auf die Lichtverhältnisse. Dann wirkt ein Foto später zu hell oder zu dunkel. Um ein wenig Farbkorrektur oder stärkere Kontraste komme ich also leider nicht drum herum. Solche Feinheiten lassen sich zum Glück am Laptop ausgleichen, mehr verändere ich auch nicht an den Bildern.“ Wie immer, wenn Moira anfing über ihre Leidenschaft zu philosophieren, wollte sie gar nicht mehr aufhören darüber zu erzählen. „Es gibt Fotografen, die ihre Bilder bis zur Unkenntlichkeit nachbearbeiten. Zum Beispiel retuschieren sie Falten und Narben weg oder verzerren die Farben total. Davon halte ich nichts. Meiner Meinung raubt so was den abgelichteten Motiven ihre Individualität und ihre Vielfalt. Die Fotografie ist eine Kunst, die uns die Möglichkeit schenkt, das Leben einzufangen, wie es ist. Ich werde nie verstehen, wie man diese spannenden Ecken und Kanten abschleifen kann, bis nur noch eine glattpolierte, langweilige Karikatur des ursprünglichen Fotos übrigbleibt.“ Danach verfiel Moira in einen Monolog über Tonwerte, den Charme der analogen Filmfotografie und weshalb die Personen auf alten Abbildungen des frühen neunzehnten Jahrhunderts allesamt so griesgrämig dreinschauen. Kurzzeitig schenkte Abigail den Ausführungen ihre Konzentration, schweifte allerdings beizeiten mit den Gedanken in andere Gefilde ab, wie Kolja an ihrem Gesichtsausdruck abzulesen vermochte. Er konnte es ihr nicht verdenken. Bei Moiras Fachchinesisch verlor er genauso schnell den Faden. Viel mehr schien Abigail das kleine Lämpchen an Moiras Kamera zu interessieren, das in einem gemächlichen Takt aufblinkte und vermutlich die intakte Verbindung mit dem Laptop signalisierte. Skeptisch beobachtete Kolja, wie Abigail die Hand hob und ihre Fingerspitze den zahlreichen Knöpfchen neben dem Blinklichtlein entgegenführte. So wenig Kolja über Fotografie und Kameratechnik verstand, eine Sache wusste er auf jeden Fall: Moderne Technik konnte sensibel reagieren und Abigails Vater fände es mit ziemlicher Sicherheit keineswegs witzig, eine Kamera im Wert eines durchschnittlichen Nettomonatslohns ersetzen zu müssen, weil seine noch unter elterlicher Verantwortung stehende Tochter ihren Spieltrieb nicht unter Kontrolle hielt. Mit liebevoller Strenge drückte Kolja Abigails Hand deswegen herab, bevor sie noch irgendeinen Schaden an den Einstellungen der Kamera anrichtete. Jedoch ließen sich Abigails Finger sogleich wieder von dem Blinken anziehen, wie ein Vampir von der nächsten Blutspendeklinik. Also zwang Kolja sie abermals mit fürsorglichem Druck, die Hand zu senken. Als Abigail ihn daraufhin fragend ansah, schüttelte er mahnend den Kopf. Finger weg… . Für den Moment verstand Abigail seine nonverbale Anweisung – um sie nach wenige Sekunden zu vergessen und erneut ihre Fingerspitze auf die Kamera zuzubewegen. So, Schluss damit. Kolja fasste besitzergreifend nach Abigails Hand, legte sie bestimmend auf ihrem eigenen Schoß ab und hielt sie dort fest umschlossen. Keinen Zentimeter käme sie Moiras absurd teuren Kamera zu Nahe.

    Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, wie Abigails Blick von den umschlungenen Fingern zu seinem Gesicht wanderte, zugleich Moira dazu überging, über Belichtungszeiten zu referieren. Kolja gab sich große Mühe so zu wirken, als tangierte es ihn nicht, von Abigail angeschmachtet zu werden, obwohl er am liebsten schamlos zurückgeschmachtet hätte. Keine gute Idee, solange die Banshee neben ihnen saß und Scott zudem jederzeit aus seinem Schlafzimmer wiederkehren konnte, in welches er zwischendurch zum Telefonieren verschwunden war.

    Endlich fand Moiras Fachvortrag ihren Abschluss und Kolja löste hastig seinen Griff um Abigails Finger, als seine Mitbewohnerin ihre Augen von den Fotos auf den Bildschirm losriss. „Entschuldigt ich, ich habe mich wieder verplappert.“

    „Das macht nichts, Moira“, beruhigte Abigail ihre Freundin und wies auf den Laptop. „Darf ich mir deine mal Fotos ansehen?“

    Verwundert blinzelte Moira sie an. „Alle?“ Abigail bejahte, weswegen Moira sie darüber informierte: „Das sind einige. Und die wenigsten davon konnte ich schon nachbearbeiten.“

    „Das macht nichts. Ich bin doch eh einmal hier und habe den ganzen Abend Zeit.“

    Den ganzen-…. Und die Nachhilfestunde? Misstrauisch zog Kolja die Stirn kraus.

    „Wie du möchtest“, meinte Moira und übergab Abigail den Laptop. „Ich muss aber gleich zu einem Job los. Die Bilder sind alle auf der Festplatte gespeichert, da kannst du dich durchklicken. Bitte gib Acht, nichts zu löschen, ja? Viele Fotos sind Spontanaufnahmen, die lassen sich nicht nachstellen.“ Im Anschluss stand sie vom Sofa hoch, nahm ihre Kamera und ging zum Flur.

    „Viel Spaß, Moira“, wünschte Abigail ihr.

    „Danke. Euch beiden auch viel Spaß.“ Man vernahm das Klappern der Wohnungstür und die Banshee war weg.

    Ungeduldig rückte Abigail den Laptop auf ihren Beinen zurecht. „So, dann wollen wir mal.“

    „Was machst du da?“, wollte Kolja von ihr wissen. Fehlte ihr etwa jetzt schon die Konzentration, dass sie der erstbesten Ablenkung nacheilte, wie ein eurasischer Pferdespringer der Dämmerung? Normalerweise schaffte sie es, zumindest ein paar der Aufgaben zu lösen, bis ihre Aufmerksamkeitsspanne riss.

    „Ich schaue mir Fotos an.“

    Ja, das hatte Kolja begriffen. „Warum?“

    „Weil Moiras Fotos toll sind. Und vielleicht finde ich ja einen schönen Schnapsschuss von uns zweien oder von meinen Brüdern“, behauptete Abigail und fügte ein wenig leiser hinzu: „Oder von irgendwelchen Saboteuren.“

    Entgeistert gaffte Kolja sie an. Durfte das denn die Möglichkeit sein! Diese Frau raubte ihm noch den letzten Nerv. Nicht das geringste Bisschen schien sie aus dem gestrigen Drama gelernt zu haben. Immerhin deutete Abigail seine Mimik korrekt und unternahm den Versuch, ihre Unbelehrbarkeit herabzuspielen. „Es sind nur Fotos, Kolja. Niemand wird sich angegriffen fühlen, weil ich ein paar Bilder betrachte.“ Ihre Mundwinkel formten ein bezauberndes Lächeln und zärtlich strich Abigail ihm über den Oberarm. „Und sollte doch jemand aus dem Bildschirm kriechen, bist du ja hier um mich zu beschützen.“

    Bildete sie sich etwa ein, ihre Zutraulichkeiten würden Kolja in irgendeiner Weise besänftigen? Nun, ja. Ein wenig taten sie das. Trotzdem! „Du hast das geplant“, dämmerte es Kolja. Von wegen eine andere Lernumgebung für mehr Effizienz – Abigails Wunsch, die Nachhilfestunde in die WG zu verlegen, diente einzig dem Zweck, Moira abzufangen. Zu dem unschuldigen Augenaufschlag, den Abigail Kolja sodann zuwarf, fehlte bloß noch der Heiligenschein über ihrem Schopf. Er forderte zu erfahren: „Was soll das bringen?“

    „Ein Bild unseres Übeltäters, natürlich.“ Mit einigen schnellen Befehlen via Touchpad öffnete Abigail einen Ordner; dem Datum seiner Bezeichnung nach zu schließen, stammten die Fotografien darin aus der Zeit kurz vor dem Einbruch in das Gerätelager. „Im besten Fall hat Moira, ohne es zu ahnen, unseren Bösewicht auf frischer Tat ertappt oder uns fällt etwas Anderes auf. Eine zwielichtige Person zum Beispiel, die ständig um die Mannschaft herumschleicht. Aha!“ Ihr schlanker Finger zeigte auf den Laptop. „Wer ist das? Diesen Mann habe ich noch nie gesehen!“

    Um zu erkennen, wovon Abigail sprach, lehnte Kolja sich ihr entgegen. „Das ist O'Maley.“ Der Wildkater des Teams, der wegen einer Überdosis Katzenminze in der Entzugsklinik steckte. Abigail konnte ihn schlecht kennen, da er eingeliefert wurde, ehe sie mit ihren Pseudoermittlungen begonnen hatte.

    „Oh…“, gab sie von sich, deutete jedoch sogleich auf eine andere Gestalt. „Ha! Aber er hier gehört nicht dazu!“

    „Das ist das Modell auf einem Werbeplakat auf der anderen Straßenseite.“ Aufgrund der Perspektive wirkte es, als würde der abgebildete Mann in unmittelbarer Nähe zu den Spielern stehen.

    „Bist du sicher?“

    „Auf seinem Shirt steht groß 'I love ESB' aufgedruckt. Warum sollte jemand ein Shirt tragen, er würde seinen Energieversorger lieben?“

    „Na, wenn er das eben tut…“ Die Wölfin rief das nächste Foto auf. „Aber der da!“, wies sie Kolja auf eine düstere Figur hin. „Willst du etwa abstreiten, wie bedrohlich dieser Mann aussieht? Schau ihn dir an, Kolja. Dieser verstohlene Blick über seine Schulter. Der grimmige Ausdruck in seinem Gesicht und die farblose Kleidung, mit der er seine Gegenwart zu vertuschen versucht. Alles an ihm schreit förmlich 'kriminell'.“

    „Abigail...“ In der Folge blickte Kolja sie an. „Das ist Scott“. Ihr Bruder hatte sich lediglich die Kapuze seines Pullovers über den Kopf gezogen. Wobei Kolja einräumte, dass Abigail mit ihrer Einschätzung gewissermaßen den Kern der Sache traf.

    Verdrossen ließ sich der Bär in seine Ecke des Sofas fallen. Weil Abigail nur wegen Moiras Fotos auf ein Treffen in seiner Wohnung beharrt hatte, fühlte er sich von ihr ausgenutzt. Hieß das, sie würde den Rest des Abends nur vor diesem dummen Laptop hängen, anstatt sich mit Kolja zu beschäftigen? Er zog daraus den Schluss: „Die Nachhilfe fällt heute also aus.“

    „Nein, nein! Wir fangen nur ein bisschen später an, okay? Sobald ich die Bilder gesichtet habe, legen wir sofort los, versprochen“, gelobte Abigail und hauchte Kolja zur Aufmunterung einen federleichten Kuss auf die Wange. „Es wird auch gar nicht lange dauern. Das Training findet doch nur alle paar Tage statt.“ Sie schob den Laptop in eine bequeme Position. „Wie viele Fotos kann Moira denn da schon geschossen haben?“

    Und das soll ein Wolfpoly sein?

    Hab Verständnis für Kieran, er ist doch noch ein Welpe und Generation Smartphone :rofl:


    Das ist seine wichtigste Frage? Na dann

    Eine wichtige, nicht die wichtigste :B

    Kolja hat das Thema Romantik für diesen Abend eben abgeschrieben ^^


    Danke für deinen Kommentar!