WEISS UND ROT
Eine Geschichte von Vampiren und Untoten
Kapitel 6
Während sich Lilith und Graf Lazlo in ihre Gästequartiere zurückzogen, beschloss Graf Ernst, sich noch ein wenig die Beine zu vertreten. Sofern er nicht schon wieder rote Tränen weinen wollte, war Bewegung die beste Methode, um sich von dem lästigen Blut zu befreien, das ihm das Schloss verabreicht hatte.
Mittlerweile war die Nacht zu Ende gegangen. Die Sonne musste er dennoch nicht fürchten. Denn stets bei Tagesanbruch ließ seine Gastgeberin dunkle Wolken aufsteigen, die die gefährlichen Strahlen zuverlässig abhielten. Benötigte das Schloss diesen Schutz für sich selbst? Was würde geschehen, wenn es der Helligkeit ausgesetzt würde? Immerhin konnte man es auch als vampirisch ansehen, trank es doch ebenfalls Blut, wenn sich die Gelegenheit bot. Daher sollte man es eigentlich unter die Roten einordnen. Seltsam, dass es sich für einen Weißen als Dauergast entschieden hatte.
Er trat hinaus in den Garten. Blumen hatte er dort nie erblickt. Nur Sträucher und kleine Bäume von einem blassen Grün. Die wohl kein Sonnenlicht benötigten. Wovon lebten sie? Ebenfalls von Blut? Dreihundert Jahre hatte er hier verbracht und wusste so wenig. Fragen stellte er sich schon, aber er vergass sie auch schnell wieder.
Nicht nur Pflanzen, auch Statuen aus weißem Marmor schmückten den kleinen Park, über den sie in unregelmäßigen Abständen verteilt waren. Er schritt an einer Gruppe bösartig starrender Satyrn vorbei. Ihre Mäuler hatten sie weit aufgerissen. Spitze Zähne drohten. Es folgten eine Medusa mit dem Schlangenhaupt, ein riesiger Zyklop und die Zauberin Kirke, die gerade einen Mann in ein Schwein verwandelte. Für antike Mythologie hatte das Schloss etwas übrig. Leider nur für deren düstere Aspekte.
Während er sich fragte, ob dieser Spaziergang durch ein Spalier grauenerregender Gestalten wirklich eine gute Idee gewesen war, fiel ihm etwas auf. Eine neue Figur. Sie stellte eine große, schlanke Frau dar, die in ein antikes Gewand gekleidet war. Eine Schulter blieb unbedeckt. Ihr Haar hatte sie zu einer komplizierten Frisur aus vielen kleinen Zöpfen gestaltet. Er wunderte sich über ihren stechenden Blick. Aus leeren, steinernen Augenhöhlen. An diesem Ort wurde es nie langweilig. Dafür aber immer unheimlicher, selbst für ein Wesen wie ihn.
Wie war er überhaupt hierher gekommen? Seine Erinnerungen lieferten nur verschwommene Bilder, auf die er sich keinen Reim machen konnte. Er setzte sich auf eine Bank, dachte nach und versuchte, sich geistig in die Zeit zurückzuversetzen, als er noch ein Mensch gewesen war. Vor seinem Tod. Und der Auferstehung.
Als drittem Sohn eines böhmischen Grafen deutscher Abstammung waren ihm nicht viele Möglichkeiten geblieben, da das Familienerbe natürlich dem ältesten Bruder zustand. Entweder Kirche, Kriegsdienst oder reiche Heirat. Und nicht einmal das konnte er sich frei aussuchen. Sobald sich die Möglichkeit bot, eine vermögende Erbin heimzuführen, hatte sein Vater auch schon die entsprechenden Vorkehrungen getroffen. Arrangierte Ehen waren in seinen Kreisen die Regel. Die große Liebe konnte man da nicht erwarten.
Doch er hatte Glück. Seine Braut erwies sich als recht hübsch und verträglich. Gerne übernahm sie die langweiligen Aufgaben, die mit der Bewirtschaftung ihrer Ländereien verbunden waren, so dass er seine Zeit mit Lesen verbringen konnte. Sie bekamen drei Kinder. Als der König von Böhmen beschloss, in den Krieg zu ziehen, um den Franzosen gegen die Engländer beizustehen, erhob sie keine Einwände gegen seinen Wunsch, sich den Truppen anzuschließen. Sie verstand, dass er endlich Abenteuer erleben wollte. Und kam auch gut ohne ihn zurecht.
Die erste große Schlacht verlief übel. Der Könif fiel. Eine Katastrophe. Er selbst kam nur knapp mit dem Leben davon. Dennoch fand er Gefallen am Kriegerdasein. Entweder, so stellte er sich vor, würde er einst ruhmbedeckt nach Hause zurückkehren, oder einen glorreichen Heldentod sterben. Aber es kam anders. Durch einen Lanzenstich in seine linke Seite wurde er schwer verletzt. Sie brachten ihn zu seiner Familie, wo er auf eine bessere Pflege hoffen konnte als an den Orten, die damals Lazarette oder Hospitäler nannte. Seine Gattin kümmerte sich rührend um ihn, unterstützt von seiner Tante Margot, einer verwitwetten Schwester seines Vaters, die zu ihnen zog. Dennoch verschlechterte sich ein Zustand immer mehr. Die Wunde, obschon gar nicht so tief, wollte einfach nicht heilen. Bald war er so weit, sich den Tod herbeizuwünschen. Sogar an Selbstmord dachte er. Nicht, dass er jemals besonders fromm gewesen wäre. Vor einer Todsünde schreckte er aber dennoch zurück.
Plötzlich ging es ihm etwas besser. Sogar sein Appetit kehrte zurück. Davon ließ er sich nicht täuschen, hatte er doch genug Tod und Sterben gesehen. Was er erlebte, war das letzte Strohfeuer vor dem endgültigen Erlöschen. Nichts anderes wünschte er sich. Kein Jenseits, nicht einmal den Himmel. Kein Dasein mehr, welcher Art auch immer. Nur noch das Verlöschen. Das Nichts. Und als er es herannahen fühlte, ließ er sich fallen. Endlich frei.
Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er wieder erwachte. Seine Schmerzen waren verflogen. Mühsam öffnete er die Augen. Ein seltsames Zwielicht erfüllte den Raum, den er als die Hauskapelle ihres Herrschaftssitzes erkannte. Sie hatten ihn aufgebahrt und in einen offenen Sarg gelegt. Er trug seine Rüstung. Sein Schwert lag neben ihm. Es gelang ihm nicht, sich aufzurichten. Für seinen Körper hatte er kein Gefühl mehr. Immerhin vermochte er seinen Kopf zur Seite zu drehen, so dass er seine rechte Hand im Blick hatte. Jetzt spürte er sie wieder. Indem er sich auf sie stützte, brachte er seinen Oberkörper in die Senkrechte.
Nun konnte er die Kapelle überblicken. Vor ihm standen zwei Fremde. Ein älterer Mann, gehüllt in einen Kapuzenmantel, und ein sehr junges, ausgemergelt wirkendes Mädchen in einem dünnen Kleidchen. In dem Raum musste es sehr kalt sein. Doch schien sie nicht zu frieren. Genausowenig wie er.
"Ich bin Vlad", stellte sich der Mann vor. Selten hatte Graf Ernst eine so warme, vertrauenerweckende Stimme vernommen.
"Wie geht es Euch, mein lieber Graf? Schlägt Euer Herz regelmäßig? Fühlt Ihr es?"
Wegen der Rüstung war es ihm zwar unmöglich, seine Brust zu betasten, aber er fühlte unwillkürlich seinen Puls. Nichts. Seine Haut fühlte sich kalt an. Leichenkalt.
"Fällt Euch das Atmen leicht?"
Atmen? Ihm fiel auf, dass er seit seinem Erwachen nicht einmal Luft geholt hatte.
"Was ist mit mir passiert?", fragte er erregt. "Was bin ich?"
"Was glaubt Ihr, was Ihr seid?"
Alte, abergläubische Geschichten kamen ihm in den Sinn. Von Untoten, lebenden Leichen und Vampiren.
Er berührte seine Zähne. Das schien den Mann, der sich Vlad nannte, zu erheitern.
" Noch nicht", erläuterte er. "Dafür müsstet Ihr Blut zu Euch nehmen. Im Augenblick seit Ihr einfach ein Auferstandener. So nennen wir uns. Sagt, was wollt Ihr jetzt unternehmen?"
"Ich muss weg von hier", antwortete Graf Ernst unwillkürlich. "Wenn bekannt wird, was mit mir geschehen ist, stürmt eine wütende Menge das Schloss und bringt meine Famile um."
"Stimmt die Sache mit dem Sonnenlicht?"
"Allerdings", bestätigte Vlad.
"Wie lange bis zum Sonnenaufgang?"
"Zu lange. So langsam, wie Ihr Euch bewegt, werdet Ihr es nicht in den schützenden Wald schaffen."
"Ich muss es versuchen", beharrte Graf Ernst.
"Wenn er auf seine Beine blickte, so stellte er fest, bekam er wieder ein Gefühl für sie. Langsam stand er auf."
"Mit dem könnten wir Glück haben", meldete sich das Mädchen erstmals zu Wort. "Ein disziplinierter Soldat. Macht sich sofort ein Bild von der Lage und einen Plan. Hat den Schock schnell überwunden. Nach den letzten Fehlschlägen endlich mal ein Lichtblick."
"Wir helfen Euch", fügte der Mann hinzu. "Aber womöglich habt Ihr noch etwas zu erledigen?"
Graf Ernst sah ihn verständnislos an.
"Wundert Ihr Euch nicht, dass Eure Wunde nicht heilen wollte? Ist Euch nicht aufgefallen, dass Eure Gemahlin immer blasser und schwächer wurde? So dass Eure Tante Margot und ihre Familie sich immer mehr ausbreiten konnten? Ihre drei Söhne und deren Frauen und Kinder sind bereits eingezogen. Eure Güter behandeln sie schon wie die eigenen."
Aus seinem Dämmerzustand erwacht, sah er es selbst. Die Seinen wurden systematisch verdrängt. Und die Verletzung? Konnte nicht die einzige Ursache für seine Beschwerden sein.
"Vergiftet!" stellte er fest.
"Nicht nur Euch", gab Vlad zurück. "Auch Eure Frau und Euren Sohn."
Graf Ernst griff nach seinem Schwert.
"Zu wenig Zeit", wiederholte der Fremde. "Wir erledigen das für Euch. Wie soll es geschehen? Wen soll es treffen?"
"Alle", verlangte Graf Ernst erbittert. "Die ganze, verdammte Sippschaft!"
"Auch die Kinder? Einige sind noch sehr klein."
"Alle. Aber die Giftmischerin will ich selbst erledigen!"
Vlad schnippte mit den Fingern. Die Tür der Kapelle wurde geöffnet.
"Ihr habt es gehört", stellte Vlad fest.
Die vermummte, schattenhafte Gestalt, die Graf Ernst nur verschwommen wahrnehmen konnte, schien zu nicken und verschwand genauso schnell, wie sie erschienen war.
Als er versuchte, aus dem Sarg zu klettern, winkte Vlad ab. Aus den Taschen seines Umhangs förderte er eine gläserne Phiole zu Tage. Sie enthielt eine rötliche Flüssigkeit, die er Graf Ernst einflösste. Blut! Es schmeckte scheußlich, weckte aber seine Lebensgeister. Sein Körpergefühl stellte sich wieder ein. Er sah klarer. Nur Vlads Gesicht verblieb im Schatten seiner Kapuze.
Graf Ernst schwang sich aus dem Sarg. Mit dem Schwert in der Hand stürmte er die Treppen hinauf, aus der Kapelle hoch zu den Gemächern seiner Tante. Als er eintrat, staunte er über die kostbare Einrichtung. Dafür musste sie viel Geld ausgegeben haben. Sein Geld. In ihrem Schlafraum brannte noch Licht. Die vielen Kerzen waren sicherlich sehr teuer gewesen. Sie lag in ihrem Himmelbett und las in der Bibel. Glaubte diese Mörderin wirklich, das brächte ihr das Himmelreich ein?
Eines musste er ihr lassen. Sie hatte gute Nerven. Anstatt vor Grauen zu erstarren, riss sie das Kruzifix von der Wand und hielt es ihm entgegen. Er zuckte zurück. Ihm war, als ob er gleich in Flammen aufginge."
"Einen Augenblick mal", mischte sich das Mädchen ein, das ihm gefolgt war. Sie entriss der Frau das Kreuz und vollführte in Graf Ernsts Richtung eine einladende Geste. "Bitte!"
Langsam ging er auf seine Tante zu. In ihren Augen las er Todesangst, aber auch Trotz.
"Durch den Biss des Vampirs", begann er, "bin ich verflucht. Auf ewig muss ich in der Finsternis wandeln, ohne Hoffnung auf Erlösung. Und auch du wirst nun diese Verdammnis erfahren."
Er fletschte die Zähne. Lange, spitze Vampirzähne, die ihm wohl das Blut beschert hatte. Die Todesangst Margots wurde zu etwas Schlimmerem. Unsagbarem Grauen. Kein Himmelreich für sie . Als sie schon glaubte, er würde sie sogleich beissen, brach er ihr mit eine schnellen Bewegung das Genick. So weit war er noch nicht, Menschen das Blut auszusaugen. Sie sollte mit einem Höchstmaß an Hoffnungslosigkeit sterben, voller Angst davor, was sie nach dem Tod erwarten mochte. Das hatte er erreicht.
Hinter ihm vernahm er Beifall. Das Mädchen klatschte in die Hände und hüpfte vor Freude.
"Sehr gut", lobte sie. "Schon hatte ich befürchtet, Ihr würdet der Blutgier nachgeben. Wir hätten Euch neu bewerten müssen. Denn seht Ihr, entfesselte Bestien können wir nicht brauchen. Sie erregen zu viel Aufsehen. Aber Ihr habt überlegt gehandelt. Mit erlesener Bösartigkeit. Das nenne ich mal eine Rache! . Sehr lustig war auch der Blödsinn, den Ihr dem Weib erzählt habt. Man wird nicht zum Auferstandenen durch einen Biss. Oder einen Fluch. Es ist eine Veranlagung, die seit der Geburt feststeht. Ganz unabhängig von Moral oder Glaube. Die anderen Auferstandenen spüren das an einem Menschen. Im Augenblick seines Todes stehen sie an seinem Sarg und schauen, wie er sich macht."
"Es wird Zeit", mahnte Vlad.
"Aber Ihr seid keine Auferstandene", wandte sich Graf Ernst an das Mädchen. "Ihr konntet das Kreuz anfassen."
"Noch nicht", antwortete sie. "Doch schlummert die Veranlagung in mir. Nach meinem Tod werde ich dazugehören. Im Augenblick nütze ich unserer Sache als Lebende aber mehr."
"Wie heißt Ihr eigentlich, wenn ich fragen darf?"
"Oh", gab sie zurück. "Nennt mich Lilith!"