Beiträge von melli

    ( leise reinschleich ... Ich habe immer noch nicht aufgegeben! auch wenn die Fortführung der Geschichte gerade nicht in ihrer produktivsten Phase steckt. Dafür bitte ich um Verzeihung).


    Doch nicht die Treppen waren das Problem, wie sie eine ganze Weile später feststellen musste.

    Ihr Glöckchen blieb stumm.

    Sie wäre lieber tausend Mal die Stufen hoch und herunter gejagt, statt unter den heimlichen Blicken, dem abschätzigen Grinsen und dem leisen Getuschel der anderen starr auf ihrem Platz sitzen zu müssen.

    Dass der Hüter sehr bescheiden in seinen Ansprüchen gegenüber der Dienerschaft war, Pollok jedoch das genaue Gegenteil darstellte und sich gerne von vorne bis hinten bedienen ließ, war allgemein bekannt.

    Pollok war ein extremes Beispiel eines jüngeren Sohnes aus reichem Hause, der gegen ein hohes Entgelt die Schule der Feste auch ohne jegliche magische Begabung durchlaufen durfte, um später seinen Weg als Lehrkraft für ein auskömmliches Salär bei freier Unterkunft und Verpflegung fortzusetzen.

    Ehrgeizig und hochintelligent hatte sich Pollok aus dieser Position heraus den Titel des Gelehrten erarbeitet, der es ihm erlaubte, Verträge aufzusetzen und den Hüter bei diplomatischen Reisen und Verhandlungen beratend zu begleiten.

    Doch der zunehmend zweifelhafte Ruf seines wohl mächtigen Vaters ließ es ratsam werden, ihn von diesen Aufgaben zu entbinden. Entschädigt wurde er mit der Leitung der Bibliothek und ausreichend finanziellen Mitteln, um auf der ganzen Welt nach alten Schriften und wertvollen Dokumenten zu suchen, die ein wenig Licht in das Mysterium der alten Völker bringen konnten.

    Den Magiern, die rangmäßig allein wegen ihrer Fähigkeiten alle über ihm standen, trat er stets respektvoll gegenüber.

    Von allen anderen jedoch verlangte er Ehrerbietung wie ein König.

    Plötzlich fiel ihr ein Satz ein, den sie im Vorbeigehen von einer Unterhaltung aufgeschnappt hatte.

    Jemand sollte in Schande schwanger gewesen sein und deshalb die Feste verlassen haben.

    Ein ungeheurer Verdacht keimte in ihr auf.

    Yvette?

    Ob Pollok der Vater und ihre Ernennung eine Strafe dafür war?

    Man hatte ihm diesmal bei der Wahl seiner Dienerin kein Mitspracherecht gegeben, sondern ihm eine einfache Wäscherin zugeteilt, dazu noch eine, die er, seiner Musterung nach zu urteilen, äußerlich nicht ansprechend fand.

    Hatte der Hüter den Hausmarschall beauftragt, jemanden wie sie zu wählen? Eine unauffällige „Hilfskraft“?

    Und war das stille Glöckchen Polloks Reaktion darauf?

    Venia nagte an ihrer Unterlippe.

    Sie mochte es nicht, anderen als Spielfigur für Ränke zu dienen.

    Vielleicht hatte sie nur eine blühende Fantasie, vielleicht aber würde ihre Ernennung damit enden, dass Pollok irgendwann ausreichend Buße getan hatte und sie sich auf ihrem alten Posten wiederfand.

    Sie hatte nichts gegen Wäsche waschen oder Gemüse putzen, aber gegen das Stigma, hoch befördert und tief gefallen zu sein. Vorher hatte sie ihre Arbeit still und unauffällig verrichten können. Nun schien jeder ihr Gesicht zu kennen und auf ihren Fall zu warten.

    Endlich erlöste sie ein Bimmeln von ihren Gedanken. Der Hüter verlangte nach ihr. Erleichtert und befangen zugleich lief sie los.


    Als Venia nach kurzem Klopfen durch die Türe trat, war sie überrascht, eine Gruppe von mehr als einem Dutzend Männer dahinter anzutreffen, die gerade vom Hüter mit freundlichem Lächeln verabschiedet wurde.

    „Und vergesst bitte nicht, allen Herrschern meinen persönlichen Gruß zu überbringen“, sagte der Hüter, den Arm um die Schulter eines dicklichen, kleinen Mannes gelegt und diesen damit Richtung Türe schiebend. „Ich wünsche euch eine gute und sichere Reise, meine Brüder. Möge die Ewige mit euch sein!“

    Unsicher drückte sich Venia gegen die Wand.

    Die einfachen, ungefärbten Leinenkittel mit den gestickten Borten an den Säumen wiesen jeden dieser Männer als Magier aus.

    Sie verspürte einen Hauch von Ehrfurcht, der sie erschauern ließ.

    Diese Männer würden jetzt zum Erntesegen ausziehen, einer der wichtigsten Aufgaben ihrer Zunft.

    Venia senkte den Blick und versuchte, unsichtbar zu sein, bis sich die Türe hinter dem letzten Magier geschlossen hatte.

    Gleich darauf hörte sie Eliazar erleichtert aufseufzen.

    „Herr?“, fragte sie unsicher.

    „Zweifelsfrei sind Menschen mit magischer Begabung besonders von der Ewigen gesegnet“, sagte der Hüter. „Doch leider ist die seltene magische Fähigkeit nicht immer mit Intelligenz verbunden.“

    Für einen kurzen Moment spielte die Andeutung eines Lächelns um Venias Mundwinkel, doch dann hatte sie sich wieder im Griff. Es stand ihr als Dienerin nicht zu, auf solche Bemerkungen zu reagieren.

    „Was kann ich für dich tun, Herr?“, formulierte sie ihre Frage deutlicher.

    „Es wäre nett, wenn du das gebrauchte Geschirr abräumen könntest“, führte sie der Hüter in sein Schreibzimmer. „Wir waren erst im kleinen Versammlungssaal, solange der frei war, und haben später unseren Tee einfach mitgenommen. Ich hatte nicht erwartet, dass sich die Besprechung so lange hinzieht.“

    Auf dem langen Holztisch in der Mitte des Raumes standen nicht nur gebrauchte Tassen, sondern auch silberne Tabletts, auf denen sich die Reste kleiner Kuchen und erlesenen Konfekts befanden.

    „Aber erst solltest du davon essen, so viel zu kannst!“, forderte der Hüter sie mit einer Handbewegung auf die Köstlichkeiten auf.

    „Wer, ich?“, hauchte Venia erschrocken.

    Der Hüter nickte ihr aufmunternd zu.

    „Die Küche macht immer viel zu viel, und die Köche sind jedes Mal beleidigt, wenn etwas zurück kommt. Ich hoffe, du magst das?“ Venia spürte, wie die Hitze in ihr Gesicht stieg.

    „Ich habe so etwas noch nie gegessen, Herr“, gestand sie.

    „Na, dann wird es aber Zeit! Greif zu! Und was du nicht schaffst, kannst du später in ein Tuch einschlagen und für deine Freunde mitnehmen!“

    Venia lächelte schwach. Sie hatte keine Freunde.

    „Danke, Herr“, knickste sie und nahm sich vorsichtig ein Schokoladenkonfekt. Sie war gespannt, ob es genauso schmeckte, wie es bei der Herstellung in der Küche duftete, und sie wurde nicht enttäuscht.

    „Setz dich ruhig dabei und lass dir Zeit“, sagte der Hüter, der wieder an seinem Schreibpult Platz genommen hatte. „So, wie ich Pollok kenne, hat er dich heute ziemlich in Anspruch genommen. Lass dich davon aber nicht entmutigen. Das wird sich bessern. Wenn er von einer erfolglosen Reise heimkommt, ist er leider besonders schlimm, aber nach ein, zwei Tagen kriegt er sich wieder ein. Er bleibt nicht immer so anstrengend.“

    Erfolglose Reise?

    Überrascht sah Venia auf, doch Eliazar hatte ihr bereits wieder den Rücken zugewandt und öffnete eine Schriftrolle.

    Zögernd nahm Venia ein weiteres Konfekt.

    Offenbar hatte Pollok Geheimnisse vor dem Hüter.

    Unbehagen beschlich sie.

    Vielleicht bereitete der Bibliothekar auch nur eine Überraschung für Eliazar vor, dachte sie, doch das Unbehagen blieb und ließ sich nicht verscheuchen.

    Venia rief sich zur Ordnung.

    Das war ihr erster Tag in ihrer neuen Stellung. Sie würde nicht anfangen, zu tratschen. Aber sie würde Pollok im Auge behalten. So gut es ging jedenfalls. Sollte sie Belege dafür finden, dass etwas nicht stimmte, konnte sie Eliazar immer noch informieren.







    Missmutig starrte Gembries auf seine Ochsen. Auch das noch. Hinz begann auf der linken Hinterhand zu lahmen. Das war dieser verdammten Straße geschuldet.

    Er würde nie verstehen, wie man einen derartig mit Löchern verhunzten Weg in eine Landschaft knallen und ihn dann Straße nennen konnte. Eine Unverschämtheit war das.

    Hinz brauchte Ruhe. Ruhe, eine gute Massage und einen Bauch voll Gras.

    Der Boden war karg geworden. Der felsige Untergrund trat kurz vor der Hügelkuppe näher an die Oberfläche und die Erde bot den Wurzeln größerer Sträucher oder Bäume keinen Platz mehr, auch das Gras sah nicht besonders kräftig aus.

    Naja, die Jungs würden schon etwas zu fressen finden.

    Sanft zog er an den Zügeln, und das Klappern und Scheppern verstummte, als die Ochsen stehen blieben.

    „ So, Schluss für heute!“, sagte Gembries, sprang vom Kutschbock und begann sogleich, die Ochsen auszuschirren.

    Zögernd kam Alastair hinterher.

    „Kann ich dir helfen?“

    „Ja, in dem du mir nicht im Weg herumstehst.“

    Mit geübten Griffen befreite Gembries die Tiere. Kunz ließ sich nicht bitten und suchte sogleich die Wiese auf, Hinz jedoch blieb auf dem Weg stehen, drehte den Kopf und sah Gembries nach, der das Geschirr in den Wagen legte.

    „Muh!“, rief er seinem Herrn fordernd nach.

    „Jaja, ich komm ja gleich“, tönte es genervt aus dem Wagen. „Hetz´ mich nicht!“

    Hinz wedelte unbeeindruckt ein paar Fliegen mit dem Schwanz weg und muhte erneut zum Wagen hin, diesmal lauter.

    „Vorsicht, mor Dure“, sprang Gembries aus dem Wagen, „Ich habe gehört, Ochsenschwanzsuppe soll sehr lecker sein! Lege es nicht drauf an!“, sagte er warnend.

    Zu spät fiel ihm ein, dass er ja nicht mehr alleine unterwegs war. Hatte Alastair etwa gehört, wie er einen Ochsen sein Söhnchen nannte? Hatte er sich gerade zum Gespött gemacht?

    Misstrauisch sah er sich nach dem Jungen um.

    Der stand mit bedrückter Miene im Schatten des Wagens und zuckte unter dem Blick förmlich zusammen.

    „Es tut mir leid“, sagte er mit kläglicher Stimme.

    Gembries verharrte überrascht in der Bewegung. Er war doch wirklich nicht lange im Wagen gewesen?

    „Spuck´s schon aus, was hast du kaputt gemacht?“

    Verstört sah ihn der Junge an.

    „Nichts.“

    „Und was tut dir dann leid?“

    Alastair wich seinem Blick aus, hob unsicher die Schultern und wedelte mit seinen schmalen Händen in der Luft herum.

    „Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe, aber ich merke, dass ich dich störe“, brachte er schließlich hervor. „Du hast in den letzten Stunden kein Wort mit mir gesprochen und hast jetzt schlechte Laune. Das tut mir wirklich sehr leid. Ich möchte dir nicht auf die Nerven gehen, aber ich weiß nicht, wie ich das ändern kann.“

    Gembries brauchte ein paar Sekunden, um seine Verblüffung in Worte zu fassen.

    „Spinnst du?“

    Die Unterlippe des Jungen begann zu zittern. Auch das noch! Innerlich seufzte Gembries tief auf. Alastair hatte offensichtlich nicht nur feine Gesichtszüge und eine zierliche Figur, er war auch noch empfindlich wie ein rohes Ei.

    „Ich will dich ja nicht kränken, Fröschlein, aber ich war einfach so tief in meine eigenen Gedanken versunken, dass ich dich darüber völlig vergessen habe. Kommt vor, ich reise normalerweise alleine und bin Schweigen gewohnt. Und ja, ich bin verärgert, aber nicht deinetwegen, sondern wegen dieser Scheiß Straße, deretwegen Hinz ein wenig lahmt. Und weil ich zur Hohen Feste muss, die Zeit war auf meiner Tour nicht eingeplant und kann mich Kunden kosten. Im Übrigen kannst du dich darauf verlassen, dass ich keinerlei Hemmungen haben werde, dir zu sagen, dass du mich nervst, wenn es so ist. Bist du jetzt zufrieden?“

    Er sah die Röte in Alastairs Gesicht schießen. Der Junge nickte stumm, den Blick auf den Boden gesenkt.

    Doch dann hob er hoffnungsvoll den Kopf.

    „Ich könnte Kräuter suchen und für Hinz eine Salbe machen, wenn du ein wenig Fett übrig hast“, sagte er eifrig. „Das würde seinem Bein helfen.“

    Gembries hörte den flehenden Unterton und verstand. Er zwang sich ein Lächeln ab.

    „Eine sehr gute Idee!“, lobte er. „Ich habe tatsächlich noch etwas Fett im Wagen.“

    Der Junge lief los wie erlöst. Gembries sah ihm mit einem bitteren Lächeln hinterher und erinnerte sich daran, wie viel Bestätigung er selbst damals von seinem Meister gebraucht hatte, um zu sich zu finden. Jedes Lob, jedes Vertrauen, dass ihm mit der Übertragung einer Aufgabe entgegengebracht wurde, hatte ihm erlaubt, sich ein Stück von der Last seines vorher lieblos verlaufenen Lebens zu lösen. Er seufzte und blickte in den Himmel.

    „Das nennt man wohl alte Schulden bezahlen“, murmelte er mit einem warmen Gedanken an seinen Meister.

    Es würde ihm nicht leichtfallen, Alastair für die kurze Zeit ihrer gemeinsamen Reise zu beschäftigen, und noch schwerer würde es ihm fallen, seine Aufgaben abzugeben und darauf zu vertrauen, dass der Junge sie vernünftig erledigen würde.

    Oder ruhig zu bleiben, wenn dem nicht so war.

    Gembries runzelte die Stirn. Er würde sich Mühe geben müssen.

    Ein Kopfstoß von Hinz riss ihn aus seinen Gedanken. Geistesabwesend tätschelte er dem Ochsen den Hals.

    „Na, dann wollen wir mal“, murmelte er und machte sich daran, Hinz´ Hinterbein abzutasten.

    Mist.

    Das Knie war geschwollen, die Muskeln bis in die Hüfte hart und verkrampft.

    Mit kräftigen Fingern begann Gembries, den Ochsen zu massieren.

    Die Schwellung des Knies machte ihm Sorgen. Es war nicht das erste Mal, dass Hinz darunter litt. Letzten Herbst hatte er seine Reise deshalb unterbrechen und Hinz in einem Mietstall einstellen müssen. Keine Bewegung, tägliche Massagen und bestes Futter. Eine Woche hatte es gedauert, bis er wieder fit war.

    „Mach keinen Ärger, Junge, du bist doch erst neun!“, murmelte Gembries bedrückt, während er die verkrampften Muskeln knetete. Neun Jahre waren doch kein Alter für einen kräftigen Ochsen wie Hinz. Sein altes Gespann, Rumpel und Pumpel, hatte er erst mit fünfzehn Jahren aufgeben und zu Garid in den Ruhestand schicken müssen, wo sie noch ganze sechs Jahre das Nichtstun auf fetten Weiden genießen konnten, bevor die Ewige sie holte.

    Völlig unbeeindruckt von den Sorgen seines Herrn hatte Hinz den Kopf gesenkt und genoss mit halb geschlossenen Augen die Massage.

    „Siehst du, alles wieder geschmeidig!“, rief Gembries Hinz nach einer Weile aufmunternd zu. „Jetzt sieh zu, dass du auch was in den Bauch bekommst, bevor der Herr Kunz dir den letzten Halm vor der Nase wegschnappt.“

    Mit einem Klaps auf den Hintern entließ er den mächtigen Ochsen, der sogleich hungrig auf die Wiese schritt.

    Normalerweise ging er schneller ans Fressen.

    Gembries blickte ihm stirnrunzelnd nach. Tatsächlich, Hinz schonte seine linke Hinterhand immer noch.

    „Ach Scheiße!“, murmelte Gembries enttäuscht. Eine mehrtägige Pause einlegen zu müssen war das Letzte, nachdem ihm der Sinn stand. Doch nur ein Idiot würde ein Gespann zu Schanden fahren, vor allem hier, am Arsch der Welt.

    Ein hohes Sirren an seinem Ohr machte ihn aufmerksam, wie nah sie den Sümpfen schon waren. Reflexartig schlug er mit der flachen Hand zu und warf einen finsteren Blick zur Hügelkuppe.

    Wahrscheinlich waren sie die ersten seit langem, die sich den Sümpfen näherten.

    Milliarden von Mücken konnten es sicher kaum abwarten, sie freudig zu begrüßen.

    Die Vorhut klebte hoffentlich zermatscht in seinen Haaren, aber er kannte die Biester. Wo eine war, waren die nächsten Tausend auch nicht weit. Warum musste Ruitgar auch ausgerechnet im Frühjahr den Löffel abgeben? Im Winter waren die Sümpfe deutlich angenehmer zu bereisen.

    Um das Maß aller Unannehmlichkeiten voll zu machen, tauchte der Junge wieder auf. Er hielt den Saum seines Hemdes hoch und hatte allerlei Grünzeug darin gesammelt, doch seine Miene kündete von tiefster Verlegenheit.

    „Die Kräuter habe ich zusammen“, sagte Alastair bedrückt, „Aber ich habe leider kein Holz gefunden. Ich müsste einen Sud kochen und diesen hinterher mit dem Fett vermischen, um eine Salbe herstellen zu können.“

    Dabei sah er Gembries an wie ein geprügelter Hund.

    Gembries seufzte schwer bei der Aussicht, mehrere Tage Rast in der Gesellschaft dieses fragilen Jünglings und lästigen Mücken verbringen zu müssen.

    „Alastair, ich bin Kesselflicker“ sagte er mit erzwungener Ruhe. „Als solcher pflege ich, metallene Gegenstände zu reparieren. Metall braucht zu seiner Verarbeitung immer Feuer. Und da ich nicht einen ganzen Baum ständig mit mir herumschleppen kann und will, habe ich zu diesem Zwecke immer Braunkohle im Wagen.“

    „Oh!“

    „Ja. Überraschend, nicht? Wenn du also den Sud vorbereitest und mir noch verrätst, wie lange der Sud kochen muss, werde ich dir ein entsprechendes Feuer machen. Kohle kriegt man nicht überall, und ich setze sie gerne sparsam ein. Kochgefäße hängen im Wagen, den Wasserschlauch kennst du, ich warte also, bis du soweit bist.“

    Der Junge wurde knallrot, senkte den Blick, murmelte „Natürlich!“ und eilte zum Wagen.

    Vielleicht sollte er sparsamer mit spitzen Bemerkungen werden, blickte Gembries ihm nachdenklich hinterher.

    „Welche von allen Fähigkeiten ist dir denn die liebste?“, setzte Gembries nach einem kurzen Moment das Gespräch fort. „Was willst du mal werden? Wo würdest du dich gerne in, sagen wir mal zehn Jahren, sehen? Darüber solltest du dir Gedanken machen. Wer kein Ziel hat, kommt nirgends an.“

    Wieder blieb es still.

    „Ich weiß es nicht, Gembries. Über so etwas habe ich mir bisher ja auch noch keine Gedanken machen müssen. Aber in zehn Jahren würde ich mich gerne in einem Haus sehen mit einer lieben Frau und vielen Kindern. Ich glaube, es wäre mir egal, was ich arbeiten müsste, um meine Familie zu ernähren, Hauptsache, ich weiß, wo ich hin gehöre. Wie war das denn bei dir?“

    Gembries holte tief Luft.

    Mir war immer klar, dass ich mit Metall arbeiten wollte. Das hat mich immer schon fasziniert. Mein Traum war es, Schmied zu werden. Ich hatte sogar einen Meister gefunden, der mich ausbilden wollte. Leider verstarb er in meinem vierten Lehrjahr, sieben hätte ich gebraucht, um von der Zunft als Geselle anerkannt zu werden. Damit starb auch mein Traum vom Schmied.“

    „Oh., das tut mir leid“, sagte Alastair.

    „Ja, das war Pech. Aber so geht das halt manchmal im Leben. Also beschloss ich, meine bis dahin erworbenen Fähigkeiten als Kesselflicker an den Mann zu bringen. Da arbeitet man auch mit Metall, unterliegt keiner Zunft und kann als freier Mann durch die Lande ziehen. Aber um gute Arbeit abliefern zu können, braucht ein Kesselflicker eine Menge Werkzeug und einen stabilen Wagen, der das alles transportiert und in dem er auch leben kann, wenn er unterwegs ist. Und ein großer Wagen wiederum braucht kräftige Zugtiere. Ich hatte kein Geld, um mir auch nur eines davon zu leisten. Ich hatte gar nichts. Nach dem Tod meines Meisters stand ich genauso auf der Straße wie du jetzt.“

    „Und was hast du dann gemacht?“

    „Ich hab mich als Söldner verdingt und das Geld gespart, bis ich genug hatte, mir das alles zu kaufen. Das hat zehn Jahre gedauert.“ Gembries seufzte über seine Erinnerungen. „Ohne mein festes Ziel vor Augen hätte ich diese Zeit nicht überstanden.“

    Alastair ließ die Worte auf sich wirken.

    „Hm, das einzige, dass mich bis jetzt richtig fasziniert hat, sind Vögel“, gestand er kleinlaut. „Das wird mich wahrscheinlich nicht weit bringen, oder?“

    „Vögel?!“ Gembries´ Miene sagte alles. Verlegen strich sich der Junge die Haare zurück.

    „Manche Adlige haben wohl Falkner“, räumte Gembries schließlich ein, „ aber an deiner Stelle würde ich nicht darauf bauen, damit für deinen Lebensunterhalt sorgen zu können.“

    „Wo fahren wir eigentlich hin?“

    „Ich muss zur hohen Feste, den Tod meines Onkels in den Amtsstuben bekannt geben.“

    Dem Jungen klappte der Kiefer herunter.

    „Zur hohen Feste? Ehrlich?“

    „Ja.“

    „Oh – das ist toll. Entschuldige, ich meine damit natürlich nicht, dass dein Onkel gestorben ist, dazu mein Beileid. Aber die hohe Feste wollte ich immer schon mal sehen. Der Nachbar von Muma hat mir viel über die alten Völker erzählt, ich habe seine Geschichten geliebt. Und jetzt darf ich die hohe Feste persönlich sehen. Ich bin so aufgeregt. Eine echte Zwergenburg! Warst du schon mal da?“

    „Natürlich.“

    „Und? Wie ist es da so?“

    „Mach dir dein eigenes Bild, wenn wir da ankommen.“

    „Hast du auch einen Magier gesehen?“

    „Woher soll ich das wissen? Glaubst du etwa, die tragen ein Schild um den Hals, wo „Magier“ drauf steht?“

    „Äh - nein. Jetzt, wo du es sagst … natürlich nicht.“

    Gembries amüsierte sich sichtlich auf Alastairs Kosten.

    „Doch, warte, einmal habe ich ganz sicher einen Magier gesehen.“

    Die Züge des Jungen spiegelten Unsicherheit.

    „Und wie hast du ihn als solchen erkannt? Hat er gezaubert?“

    Jetzt lachte Gembries.

    „Natürlich. Er hat alle Menschen in Kaninchen verwandelt, nur mich hat er nicht erwischt.“

    Enttäuscht sah der Junge nach vorne.

    „Ich hab ihn an den Rufen der Leute erkannt, die ihn gegrüßt haben. Es war nämlich der Hüter persönlich. Vielleicht hast du ja Glück, und er begegnet dir auch einmal.“

    Das Strahlen kehrte in Alastairs Gesicht zurück, aber die Vorsicht blieb. Statt Gembries weiter auszuhorchen, begnügte sich der Junge damit, still vor sich hin zu träumen.





    Insgeheim hatte Venia befürchtet, von Pollok schikaniert zu werden, damit sie ihre Arbeit nicht schaffte und er einen Grund zur Beschwerde hätte, aber dem war nicht so. Überhaupt schien er ihre Existenz ganz vergessen zu haben, nachdem der erste Besucher in sein Zimmer gekommen war.

    „Guten Morgen, Pollok. Ich hoffe, deine Reise war erfolgreich?“

    „ Und wie! Ich habe den fehlenden Teil gefunden!“

    Obwohl sie die beiden Männer nicht sehen konnte, war deren Aufregung deutlich zu spüren. Eine Spannung lag in der Luft und ließ Venia erleichtert seufzen. Wer so auf die Entdeckung von Schriften fixiert war, würde nicht auf eine kleine, unbedeutende Dienerin achten.

    „Ich werde die anderen holen“, hörte sie den Besucher mit leicht zitternder Stimme sagen.

    Sie war gerade mit den Leuchtern fertig geworden und begann, sich um den Kamin zu kümmern, als sie mehrere Personen eintreten hörte. Niemand sprach.

    „Mädchen? Es ist gut. Du kannst gehen. Ich werde nach dir läuten, wenn ich dich wieder brauche“, stand Pollok unvermittelt in der Türe.

    Venia zuckte zusammen und schluckte das „aber“ herunter. Dass sie noch nicht fertig war, konnte er ja deutlich sehen. Sie nahm den Eimer mit der Asche aus dem Kamin auf, klemmte sich die schmutzige Bettwäsche unter den anderen Arm, knickste und verließ mit gesenktem Blick die Räume. Nur am Rande nahm sie die Gruppe der Besucher wahr.

    Wäsche und Eimer brachte sie in die „Kammer“, einen großen, kahlen Raum direkt neben der Dienstbotentreppe, wo Abfälle, Schmutzwäsche und dreckiges Geschirr darauf warteten, vom Hausdienst abgeholt zu werden. Hastig eilte sie die endlose Treppe herunter, um ihren Warteplatz aufzusuchen.

    Die Küche war so groß wie eine Halle und um diese Zeit so betriebsam wie ein Ameisenhaufen. Das Mittagessen stand an. Jetzt war keine Zeit mehr für loses Geschwätz, statt dessen schallten Anweisungen durch den Raum, untermalt vom Klappern des Geschirrs und dem Klingen des Bestecks.

    Das „Mittagessen“ umfasste einen Prozess, der Venia jedes Mal Ehrfurcht abnötigte. Mehr als zweitausend Mahlzeiten wurden in dieser Küche jeden Tag zubereitet, allein achthundert Schüler mussten verköstigt werden. Scharen von Hausdienern begannen bereits, das Geschirr zum Eindecken in die elf Speisehallen zu bringen, die sich über die sechs Etagen erstreckten. Im Erdgeschoss war die kleinste Halle, dort aßen nur die Gäste, deren Zahl variabel war und den Köchen täglich aktuell gemeldet wurden. In den ersten vier oberen Etagen aßen die Schüler und Adepten in je zwei Hallen, in der fünften die Scholare und in der sechsten schließlich der kleine Kreis der obersten Häupter, einschließlich des Hüters selbst, in je einer. Erst, wenn die Hallen wieder abgeräumt waren, gab es für das Personal eine Mahlzeit im Gesindesaal, der zwischen Küche und Waschküche lag.

    Doch ab heute war Venia kein Teil mehr des Küchenstabs. Flink eilte sie durch die hastenden Menschen zu ihrem neuen Platz, der Wand im rückwärtigen Teil der Küche.

    Ein langes, an die Wand geschraubtes, glatt poliertes Brett ersetzte Tische, darüber hingen die Glöckchen, die durch einen Seilzug mit den einzelnen Zimmern verbunden waren. Manche Plätze hatten vier oder fünf Glöckchen, Venias Platz, an der äußersten rechten Ecke, nur zwei.

    Venia setzte sich auf ihren Stuhl und wagte nicht, den Blick von den Glöckchen abzuwenden aus Angst, ihr Bimmeln würde in der allgemeinen Geräuschkulisse untergehen.

    Aus den Augenwinkeln bemerkte sie so manchen erstaunten Blick auf sich ruhen. Dass der Bibliothekar zurück war, hatte sich herumgesprochen und niemand hatte sie so früh hier unten erwartet.

    Endlich gingen auch die etwas kleineren Gefäße mit dem Essen für den obersten Stock heraus, und die Küche wurde wieder ruhiger. Polloks Glöckchen bewahrte sie vor neugierigen Fragen.

    Seine Zimmer waren leer, als Venia eintrat, der Herr war zu Tisch. Schon auf der Treppe war sie im Geiste nochmal alle Anweisungen des Hausmarschalls durchgegangen, und jetzt eilte sie sich, all die Dinge, die Pollok gemacht haben wollte, zu seiner Zufriedenheit zu erledigen. Unsicher, weil er immer noch nicht zurück war, ließ sie dann selbst ihren Blick kritisch über alles gleiten, Ihr fiel nichts auf, das sie übersehen haben könnte. Trotzdem wäre es ihr lieber gewesen, er wäre selbst da gewesen und hätte sich zufrieden gezeigt.

    Seufzend huschte sie aus seinen Räumen und begab sich erneut zur Bimmelbank, die jetzt gut besetzt war. Natürlich konnte dieses Personal nicht mit dem Gesinde essen, weil sie ja ihre Glöckchen bewachen mussten. Der Hausmarschall persönlich brachte ihr einen gut gefüllten Teller und machte den anderen damit klar, dass Venia in ihrer neuen Position unter seinem Schutz stand. Venia bedankte sich verlegen und aß. Für diese elenden Treppen würde sie viel Kraft brauchen.

    Ich habe mich gerade auf den neuesten Stand gebracht und "alles in einem Rutsch" gelesen.

    Da sich schon andere zu Grammatik/ Satzbau/ Ausdrucksweise geäußert haben, werde ich einen anderen Ansatz nehmen.

    Mit dem drohenden Angriff ist die Spannungskurve der Geschichte steil in die Höhe gestiegen, aber im "Nachgang" stellt sich mir die Frage, ob das wirklich eine Geschichte werden wird, die mir zusagt (nicht vergessen, ich bin eine alte Frau und setze beim Lesen vllt andere Prioritäten als jüngere Leser! ). Mein Eindruck in einem Satz zusammengefasst: da wurde "Schlachtplatte serviert". Warum ich das so empfinde: Mir fehlt ein wenig der "Vorbau". In den ersten Teilen erklärte sich per Rückschau die alte Schlacht, es wurden ein paar Chars vorgestellt und "grob" umrissen, Tjelvar hat eine außergewöhnliche Fähigkeit - zack droht ein Angriff - zack, Schlacht. Ich war mal so fies, nachzuzählen (sorry) - der "zivile Teil" hatte 3 posts, die Kampfankündigung 2, die Schlacht selbst 4.

    Wie gesagt, das ist "Geschmackssache", mir sagt "episches Gemetzel" nicht so zu (ich habe mich erwischt, bei der Schlacht irgendwann den Text zu "überfliegen" mit dem Ansatz, wann geht die Geschichte weiter ...). Die Vorgeschichte lässt für mich zudem einige Fragen offen. Wie alt war Tjelvar, als der erste Angriff kam? Wie kann man sich unter einem Tisch verstecken? War Tjelvars Familie die einzigen Überlebenden? Wie weit ist das neue Dorf vom alten entfernt/ wie dünn o. dicht ist das Land besiedelt, haben die Dörfer eine Verbindung untereinander? Was haben die im neuen Dorf zu Tjelvars Vorgeschichte gesagt? Hatte seine Geschichte Konsequenzen (Verteidigung, Kampftraining), gibt es einen Erklärungsansatz für den ersten Überfall/ einen Bezug (alte Sagen/ Prophezeiungen etc), gab es schonmal wo anders einen solchen Angriff? Wenn es eine Kirche gibt, wie ist die Religion, wer ist für den Glauben zuständig, warum schleppen die eine Platte mit Zwergenrunen in die Kirche? Ich habe die Befürchtung, dass ich von dem Dorf keine Erklärungen mehr bekommen werde, dass es nur "Kulisse" für eine Schlacht war, der noch viele weitere folgen werden..

    Der Gesang der Vögel lockte sein Unterbewusstsein soweit an die Oberfläche, dass er seinen Hunger zu spüren begann, und dieser Hunger ließ ihn erwachen.

    Alastair lag auf dem Rücken, deshalb fiel sein erster Blick auf eine leere Stelle. Der Sack mit dem Essen fehlte.

    Es war immer noch hell.

    Dann stellte er fest, dass der Wagen stand und das Geräusch von fließendem Wasser den Gesang der Vögel leise untermalte. Er musste aber ziemlich fest geschlafen haben, wenn er so gar nichts mitbekommen hatte?

    Alastair zog die Decke beiseite und fröstelte. Diesmal kam die Kälte nicht von innen, sondern von außen. Nervös kletterte er aus dem Wagen. Tatsächlich hatte es sich empfindlich abgekühlt. Verblüfft sah der Junge auf einen kleinen Feuerplatz, wo nur noch die Glut in dicken Scheiten schwelte. Ein paar Steine lagen auf dieser Glut, und auf diesen Steinen stand ein verheißungsvoller Topf mit Deckel.

    Dahinter saß Gembries im Schneidersitz mit nacktem Oberkörper und fummelte konzentriert an seinem Hemd herum, welches auf seinem Schoß lag. Alastair schluckte. Gembries war breit wie ein Schrank und voller Muskeln. Sein ganzer Körper war mit krausen, im fahlen Sonnenlicht rötlich schimmernden Härchen bedeckt. Alastair dachte verschämt an seine eigene, haarlose Hühnerbrust. Hinz und Kunz waren ausgeschirrt und lagen abseits vom Feuer gemütlich kauend im Gras.

    „Ja, guten Morgen! Auch schon wach?“, rief Gembries.

    Alastair stutzte. Es war schon Morgen?

    „Guten Morgen, Gembries“, antwortete er irritiert und trat an die Feuerstelle. Gembries sah ihn an und verzog das Gesicht.

    „Du siehst nicht nur schmutzig aus, du riechst auch furchtbar“, sagte er schließlich und griff neben sich. „Hier, nimm die Seife und geh dich und deine Klamotten im Ginst waschen, und zwar gründlich, bevor du ans Essen denkst.“

    Dann wandte er sich wieder seinem Hemd zu.

    Erst jetzt begriff Alastair, was er da sah.

    „Du nähst?“

    „Sicher, ich nähe mein Hemd. Was denn sonst? Die Wichser gestern haben es zerschnitten. Soll ich etwa in einem Lumpen herumrennen? Mach dich ins Wasser, Junge.“

    Alastair unterdrückte ein Grinsen. Diesen Bärenmann mit Nadel und Faden hantieren zu sehen, war so … absurd. Hastig drehte er sich um und verschwand im Schilf, dass den Bach säumte. Erst dort erlaubte er sich ein leises Kichern. Dann zog er sich aus, holte tief Luft und lief ins eiskalte Wasser.

    Als er später nur in nasser Hose zurückkam, das Hemd in der Hand, waren seine Lippen blau gefroren, die Zähne klapperten, aber seine Augen strahlten.

    „Mit bestem Dank zurück“, überreichte er die glitschige Seife. Gembries sah prüfend an ihm herunter und nickte schließlich. Er hatte sein gleichfalls gewaschenes Hemd fertig genäht, nun lag es zum Trocknen auf dem Gras. Alastair breitete seines feierlich daneben aus, kein Fleck mehr war darauf zu sehen. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, dass Gembries derweil aufstand und zum Wagen ging, und als er sich wieder aufrichtete, wurde ihm auch schon die Decke in die Hand gedrückt.

    „Soll ich die auch waschen?“

    „Nein, darin sollst du dich einwickeln, du Frosch“, sagte Gembries und reichte ihm noch einen sauberen Löffel. „Und dann kannst du den Topf da leeren, ich hab schon gefuttert, der Rest ist für dich. Ich werde in der Zeit versuchen, dem Bach unser nächstes Mittagessen zu entlocken. Forelle wäre nicht schlecht.“

    Das Grinsen auf Alastairs Gesicht wurde noch breiter, als er endlich den Topfdeckel hochnahm. Ein Eintopf, aber was für einer. Nicht die wässrige, fade Plörre, die er aus dem Waisenhaus kannte, sondern ein kräftiges Gemisch aus Weißkohl, Wirsing, Steckrüben und Kartoffeln. Schon der erste Löffel ließ ihn vor Entzücken die Augen schließen. Das Essen war meisterhaft gewürzt, sogar Salz und Pfeffer waren darin. Das Mahl war eines Königs würdig. Offenbar litt Gembries keine Not, und diese Erkenntnis erleichterte den Jungen, denn dann würde er ihm keine so große Last sein.


    Amüsiert warf Gembries einen Blick auf den Jungen. Sie fuhren durch Niemandsland, der ödeste Teil des Weges zur hohen Feste, und das Fröschlein saß mit leuchtenden Augen neben ihm und konnte sich kaum satt sehen. Die Straße, wenn man den braunen Faden, der mit Löchern und Steinen übersät die Landschaft durchschnitt, so nennen wollte, war grottenschlecht. Der Wagen schaukelte heftig, machte einen Höllenlärm und scheuchte damit Schwärme von Vögeln aus dem Gras und den wenigen Büschen auf, denen der Junge entrückt nachschaute.

    „Wie alt bist du eigentlich?“

    „Ich werde bald fünfzehn.“

    „Schon?“, entfuhr es Gembries überrascht. Er hätte das Fröschlein trotz seiner Länge auf vielleicht zwölf geschätzt. So konnte man sich irren.

    „Und was hast du jetzt vor, wo du ja offenbar nicht zurück möchtest, wohin auch immer?“

    „Ich werde mir wohl eine Arbeit suchen“, kam es zurück.

    Ja, das hörte sich nach einem richtig gut durchdachten Plan an. Gembries seufzte leise.

    „Was kannst du denn so ?“

    Endlich nahm der Junge seine Aufmerksamkeit von den Vögeln weg.

    „Oh, ich kann vieles“, sagte er schließlich. „Feldarbeit, Gartenarbeit, pflügen, ich kann gut mit Tieren umgehen, lesen, schreiben, rechnen und Dinge reparieren, die aus Holz sind, ich kenne mich ein wenig mit Heilkräutern aus und kann einfache Salben herstellen, und ich kann auch nähen und Wäsche waschen“, zählte er auf, um dann unsicher herüberzuschielen. „Meinst du, damit finde ich eine Anstellung?“

    „Lesen, schreiben, rechnen und Heilkräuter? Wirklich? Also jetzt richtig lesen und schreiben?“

    Alastair nickte ernst.

    „Wer hat dir denn das alles beigebracht?“

    Ein wehmütiges Lächeln huschte über die feinen Züge.

    „Meine Muma, aber die ist schon lange tot. Sie starb, als ich zehn war. Muma war eine gute Frau.“

    Gembries fiel ein, dass der Ausdruck „gute Frau“ weiter im Osten für Kräuterfrauen gebräuchlich war.

    „Also war deine Mutter eine Kräuterfrau?“, fragte er nach.

    „Ja, eine Kräuterfrau, aber sie war nicht meine richtige Mutter. Sie war schon zu alt, um noch Kinder gebären zu können, als ich zu ihr kam.“

    Gembries sah ihn fragend an, und Alastair errötete.

    „Ich bin ein Bastard, weißt du. Meine richtige Mutter starb bei meiner Geburt, und die Hebamme hat mich dann mitgenommen und einen Platz für mich gesucht, wo ich bleiben konnte. Muma war ihre Freundin. Es war ein guter Platz.“

    Alastairs Augen begannen, feucht zu schimmern, und Gembries gab ihm einen Moment, um sich wieder zu fassen.

    „Und danach?“

    „Mumas Neffe erbte das Häuschen, in dem wir lebten. Er hatte eine große Familie, da war kein Platz mehr für mich.“

    Der Junge sprach jetzt so leise, dass Gembries Mühe hatte, die Worte vor dem Lärm des Wagens zu verstehen.

    „Er hat mich in ein Waisenhaus gebracht, wo ich die letzten Jahre lebte. Da habe ich Reparieren gelernt und Feldarbeit und Tiere hüten, also die Hühner, ein Schwein und den störrischen Esel, mit dem wir gepflügt haben. Ich kam von allen am Besten mit Hubbi klar.“

    Die letzten Sätze kamen wieder klar und deutlich. Freimütig erzählte der Junge weiter, wie er unter die Räuber gekommen war, und endete mit: „Ich frage mich immer noch, für welche Arbeit ein Junge hübsch sein muss.“

    Gembries erstarrte innerlich, begegnete dem fragenden Blick aber mit einem gelassenen Schulterzucken.

    „Sieh mich an Junge - woher soll ich das denn wissen?“

    Alastair grinste verlegen und hielt wieder nach seinen Vögeln Ausschau, während Gembries finster auf die schaukelnden Hintern seiner Ochsen sah. Die Wichser konnten der Ewigen danken, dass er das bei ihrer Begegnung nichts von ihren Plänen mit dem Jungen gewusst hatte.

    Hallo,

    danke fürs Feedback.

    Charon: ich hab den Schachtelsatz um ein paar aufgezählte Adjektive gekürzt, ich hoffe, das ist jetzt besser lesbar. Text aus der Schriftrolle - hmmm - ich glaube, da würde den Rahmen sprengen, zumal der Konflikt der Fürstentümer in der weiteren Geschichte keine Rolle spielen wird.


    Ja, ich habe die Perspektive drei Mal gewechselt. Die eigentliche Hauptperson in diesem Faden wird Venia werden, aber mir war auch wichtig, darzustellen, wie "unauffällig" sie wirkt. Außerdem wollte ich Eliazar und Pollok charaktermäßig etwas anreißen, deswegen hatte ich beiden je einen kleinen Abschnitt gewidmet. Venia muss erst die Räume Eliazars, dann die von Pollok saubermachen. Ich glaube, das ist nicht rübergekommen, aber da hab ich gerade keine Idee, wie ich das ändern könnte


    Stadtnymphe Ich hab hinter dem "Guten Morgen" - in der Frühe - eingesetzt, das müsste reichen?


    Jota: Mit Strick statt Leine bin ich voll dabei, das werde ich auch noch ändern.:thumbsup: Die Zeichensetzung werde ich auch noch nachbessern. Aber "Herzfehler" zu modern? Es soll ja nur heißen, dass das Herz nicht normal arbeiten kann, was Luftnot, blaue Lippen schnellen Herzschlag usw auslöst, das könnte man auch in einem mittelalterlichen Setting feststellen. Hmm ... herzkrank? Aber "krank" klingt wiederum nach Behandlungsfähig, während Fehler einfach eine mögliche/ vermutete Missbildung beschreibt.?(

    Mit gerunzelter Stirn starrte Eliazar auf das Schreiben, an dem er seit zwei Tagen konzentriert gearbeitet hatte. Fast über einen Meter ergoss sich seine regelmäßige, schwungvolle Schrift auf der Rolle und stellte in kunstvollen, geschliffenen Formulierungen einen möglichen Friedenskompromiss der beiden verfeindeten, heißblütigen Fürsten von Navor und Iftir dar, eine klare Regelung der Handelszölle, eine klare Regelung der gemeinsamen Nutzung von Navors Wald und Iftirs Fluss sowie die Aufzählung der Vorteile, die beide Fürsten aus diesem Frieden ziehen würden.

    Zum Schluss erfolgte die blumig umschriebene, sehr dezente Drohung, den beiden Fürstentümern sowohl den Erntesegen wie auch den freien Zugang zu den Heilern der Dorneburg zu verwehren, sollten diese weiterhin den kriegerischen Weg bevorzugen. Daran hatte er besonders lange gefeilt.

    Sein Papierkorb war voll mit vorgeschriebenen Notizen und Redewendungen, aber die Mühe hatte sich gelohnt.

    Das Ergebnis war geradezu ein Meisterwerk der hohen Diplomatie geworden, und Eliazar war sehr zufrieden mit sich. Bis zu dem Moment, in dem der weite Ärmel seiner Robe beim Griff nach der wohlverdienten Teetasse am Tintenfass hängen blieb, dieses umfiel und seinen Inhalt über die Schriftrolle ergoss.

    „Verdammt!“, fluchte er laut, während seine ausgestreckte Linke sogleich die nasse Tinte aus dem Papier zog und die Rechte sie mit einem Leinentuch behutsam auftupfte.

    Er musste sehr vorsichtig zu Werke gehen und konnte nur hoffen, dass die Lettern des letzten Teils schon so weit angetrocknet waren, dass er sie nicht gleich mit entfernte.

    Naja.

    Frustriert betrachtete er das Ergebnis.

    Sein Text war zwar noch lesbar, aber das Papier blieb deutlich verschmutzt, so dass er es den Fürsten in dieser Form keinesfalls schicken konnte. Sprich, er würde den ganzen Mist nochmal abschreiben müssen, und zwar persönlich, um der Eitelkeit der beiden Fürsten genüge zu tun.

    Tief aufseufzend sah er hoch und war überrascht, das neue Mädchen in seinem Schreibzimmer vorzufinden, er hatte sie nicht kommen hören.

    „Brauchst du noch etwas, Herr?“

    „Zur Zeit nicht, danke, Venia!“

    Das Mädchen knickste und entfernte sich lautlos. Eliazar blickte ihr nachdenklich hinterher. Der Hausmarschall würde ganz sicher heute noch vorbeischauen, um sich zu erkundigen, wie er mit dem neuen Mädchen zufrieden war.

    Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie außer dem „Guten Morgen, Herr“ in der Frühe und der Frage eben nichts gesagt hatte. Er hatte schlicht nicht gemerkt, dass sie überhaupt da war.

    Für ihn war das wunderbar, denn so hatte er sich ganz seinem Schreiben widmen können. Trotzdem war ihr Verhalten ungewöhnlich für ihren ersten Tag. Zwar hatte der Hausmarschall sie eingewiesen, aber da seine Räume nicht die einzigen waren, um die sie sich zu kümmern hatte, konnte sie sich all die kleinen Dinge doch kaum gemerkt haben?

    Mit einem weiteren Blick auf die verschmutzte Schriftrolle beschloss er, dass ihm eine kleine Pause ganz recht käme. Er würde seine Zimmer kontrollieren. Nicht auszudenken, wenn der Hausmarschall käme und sein Bett wäre nicht gemacht. Ein leichtes Lächeln glitt über das hagere Gesicht des alten Mannes.

    Erstaunt stellte er fest, dass sein Schlafzimmer, seine Schreibstube, sein Flur und sein Waschraum in perfektem Zustand waren. Wie hatte die junge Frau das alles in der kurzen Zeit schaffen können, ohne dass er sie bemerkte? War er so sehr in seine Arbeit vertieft gewesen? Oder wurde er einfach alt? Ließ sein Gehör etwa nach?

    Selbst die Kamine waren geputzt und die Scheite lagen ordentlich aufgeschichtet in der Erwartung des abendlichen Feuers. Seltsam.

    Eliazar nahm sein Taschentuch, rollte eine Ecke zusammen und bohrte sich damit in den Ohren. Das Tuch blieb sauber.

    Ratlos wandte er sich wieder seiner Schriftrolle zu.




    „Guten Morgen, Herr!“ Irritiert von der fremden Stimme drehte sich der Bibliothekar um und musterte die junge Frau im grauen Kleid der Dienerschaft. Eine schmale Gestalt, den Blick züchtig gesenkt, das Kleid eine Nummer zu groß, unvorteilhaft auf der Hüfte gebunden und etwas nach oben gezogen, so dass es nichts von der Figur preis gab. Keine Brust, keine Taille und keine Hüfte. Kein einziges Haar, das unter der Haube keck hervorlugte, das Gesicht ungeschminkt.

    „Wo ist Yvette?“

    „Yvette musste leider abreisen, ihre Mutter ist krank, Herr.“

    Das Gesicht war eigentlich ganz hübsch, herzförmig, mit regelmäßigen Zügen und einer kleinen Kerbe im Kinn, die Lippen zwar nicht üppig, aber gut geformt. Die schmale Nase war etwas zu groß geraten und die Haut war einen Ton zu dunkel. Dafür waren die Augenbrauen schön geschwungen und die Augen groß, mit langen Wimpern.

    „Du darfst mich ruhig ansehen, wenn du mit mir sprichst.“

    Das Mädchen brachte die Kunst fertig, ihren Blick zu heben und durch ihn hindurch zu sehen.

    Grüngraue Augen. Pollok seufzte. Nicht sein Typ. Zudem stand sie da steif wie ein Stockfisch.

    „Hat der Hausmarschall dich eingewiesen?“

    „Ja, Herr.“

    „Ich hoffe, du hast eine Liste, auf der deine Aufgaben notiert sind?“

    Die junge Frau senkte den Blick und schüttelte den Kopf.

    „Ich kann nicht lesen, Herr.“

    Verächtlich sah er sie an.

    „Wo warst du denn vorher eingesetzt?“

    „In der Waschküche, Herr. Und manchmal auch in der Küche.“

    Pollok schnaubte.

    „Das wird ja immer besser. Jetzt schicken sie mir schon Hilfskräfte! Na, du kannst nichts dafür, geh an die Arbeit. Ich werde ein ernstes Wort mit dem Hausmarschall reden müssen.“

    Er wedelte mit seiner Hand, als ob er eine Fliege verscheuchen wollte.


    Man sollte meinen, sie beträte das Zimmer eines Königs. Das wuchtige Bett aus schwerem, dunklem Holz dominierte den Raum. Es hatte vier gedrechselte Säulen, die den Baldachin und die Vorhänge trugen, welche aus schwerem, dunkelblauem und mit goldenen Fäden durchwirktem Brokat gefertigt waren. Im Bett war die Wäsche völlig zerwühlt und zerknittert, fünf Kopfkissen und eine riesige Decke, alles aus feinster Seide und ein jedes Stück mit dem Wappen der Familie bestickt. Dicke, geknüpfte Teppiche mit hohem Flor sorgten dafür, dass ein nackter Fuß keinen kalten Stein berühren musste, auf dem Kaminsims stand eine Menge Zierrat. Mehrarmige große Leuchter sorgten am Abend für gemütliches Licht und waren nun bestückt mit heruntergebrannten Kerzen und beklebt mit Wachs. Nur durch einen schmalen Spalt ließen die schweren Vorhänge Licht in den Raum. Venia zog sie schwungvoll beiseite, öffnete die Fensterflügel und begann, das Bett abzuziehen.

    Irgendwie war das alles dumm gelaufen, denn sie hatte den Posten hier oben nie gewollt. Sie war durchaus zufrieden damit gewesen, tagein, tagaus Wäsche zu waschen, zu flicken, zu bügeln oder Gemüse zu putzen. Sie konnte dem Geschwätz der Menschen um sie herum lauschen und dabei still ihre Arbeit machen, ohne dass ihr jemand drein redete.

    Doch damit war es nun wohl vorbei.

    Sie hatte deutlich die Welle der Feindseligkeit gespürt, die ihr entgegenschlug, als der Hausmarschall ihren Namen nannte. Die Dienerschaft war deutlich höher angesehen und besser bezahlt als die Hilfen in der Küche oder Waschküche. Und die unbestrittene Königin der ganzen Dienerschaft war natürlich Yvette gewesen, da sie den Hüter persönlich betreut hatte. In der Küche waren alle um sie herumgeschwirrt und hatten sie maßlos verwöhnt, nur, um das Neueste vom Hüter zu hören. Wann er aufgestanden war, was er gegessen oder getrunken hatte, was er gesagt oder nicht gesagt hatte – jeder Satz, indem sein Name vorkam, jede noch so bedeutungslose Kleinigkeit aus seinem Leben war in der Küche so wertvoll wie bare Münze.

    Yvette hatte diese Aufmerksamkeit immer sehr genossen.

    Aber das war nicht Venias Art. Sie würde ihre Arbeit machen und sich dann in ihre Kammer zurückziehen, wie immer.

    Und so lange dieser Pollok in der Feste weilte, würde es wohl eine Menge harter Arbeit werden.

    Tröstlich war, dass Pollok die hohe Feste oft verließ, um seltene Schriften zu suchen und hierher zu bringen. An solchen Tagen würde sie nur Eliazar dienen müssen, und der schien nicht sehr anspruchsvoll zu sein.

    Ein Lächeln huschte über Venias Gesicht. Der Hüter kannte sogar ihren Namen. Das war ein seltsames Gefühl. Eliazar, Hüter des Banns, höchste Instanz für Moral und Gerechtigkeit, mächtigster Magier der Welt, Leiter der sagenumwobenen hohen Feste, dem Hort der Gelehrsamkeit und der Schule für magisch Begabte, hatte „... danke, Venia!“ gesagt. Vielleicht war der neue Posten doch gar nicht so übel. Beschwingt drückte sie die tapezierte Wandtüre auf, um in der Ankleidekammer neue Bettwäsche zu holen.

    „Kann ich dir irgendwie helfen?“

    Die Frage rutschte Alastair mit leicht zitternder Stimme heraus, gleich nachdem der Mann ihn auf den Kutschbock gesetzt hatte. Irritiert sah der Fremde hoch.

    „Wobei?“

    „Na, beim Beerdigen der Räuber“, murmelte der Junge errötend. Er wusste ja selbst, dass er gerade nicht den Eindruck erweckt hatte, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. „Ich kann doch wenigstens helfen, die Gruben auszuheben“, schob er hinterher.

    Für Sekunden schien der Mann zu erstarren.

    „Du glaubst aber jetzt nicht wirklich, dass ich auch nur einen dieser Wichser begraben werde?“

    Alastair zuckte zusammen und senkte den Blick.

    „Aber wir können sie doch nicht einfach hier so liegen lassen,“ widersprach er kleinlaut.

    „Nein“, stimmte der Mann ihm überraschend zu, „Natürlich nicht. Sie blockieren die Straße und bieten keinen schönen Anblick. Also werde ich sie wegräumen. Aber das schaffe ich alleine.“

    Mit diesen Worten beugte sich der Bärenmann zum ersten Toten herunter und begann, ihn zu durchsuchen. Alastair biss sich auf die Lippe, als die Waffen und ein paar Münzen auf einem Haufen landeten. Die Räuber brauchten ihre Sachen zwar nicht mehr, aber trotzdem beschlich ihn ein Gefühl der Beklemmung.

    Als der Mann mit dem Toten fertig war, packte er ihn an Kragen und Gürtel und warf ihn ohne Mühe ins Gebüsch. Alastair senkte den Kopf und war froh, nicht helfen zu müssen. Er rieb seine immer noch geschwollenen Hände und betrachtete dabei die tiefen Striemen, die die Fesseln hinterlassen hatten.

    Wenigstens war er jetzt frei.

    Vergeblich wartete er auf ein Gefühl von Erleichterung.

    Statt dessen begann er zu frieren. Erst zitterten nur seine Hände, doch dann jagten eisige Schauer in immer kürzeren Abständen seinen Rücken herunter. Alastair zog seine Beine dicht an den Körper, legte die Arme darum und hoffte, so etwas Wärme erlangen zu können.

    Dabei blickte er auf die beiden großen Ochsen, die ruhig in ihrem Geschirr standen, der eine hellbraun, der andere fast schwarz. Gänzlich unbeeindruckt vom Geschehen um sie herum schlugen sie ab und zu ein paar Fliegen mit ihren Schwänzen davon und warteten darauf, dass es weiterging.

    Die beiden hatten ihren Platz im Leben gefunden, sie waren gut genährt, hatten ihre Aufgabe und brauchten sich um nichts Sorgen zu machen.

    Alastair wünschte, er könnte das auch von sich sagen.

    Ein Klirren auf Holz am Ende des Wagens verkündete, dass die Waffen der Räuber eine neue Bleibe gefunden hatten. Kurz darauf erschien auch schon der Bärenmann.

    „Hier, für dich“, warf er ein paar einfache Filzschuhe neben den zusammengekauerten Jungen auf die Bank, bevor er sich selbst auf den Kutschbock schwang.

    Alastair starrte auf die unverhoffte Gabe .

    Es waren seine eigene Schuhe, die ihm die Räuber abgenommen hatten. Sie waren blutig.

    Alastair war nicht imstande, sich zu bedanken.

    Schaudernd zog er seine Arme fester um die Beine und blickte ins Leere.

    Der Mann nahm die Zügel auf.

    „Los Jungs“, rief er den Ochsen zu, die sich willig in Bewegung setzten. Sogleich ertönte wieder ein Klingen und Klirren im Wagen, dass vor Alastairs geistigem Auge ein Bild von sehr vielen Waffen hervorrief.

    Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf, zu schnell und zu flüchtig, um eine davon über die Lippen zu bringen, und so saß er weiter schweigend da und wagte nur ab und zu einen verstohlenen Blick zu seinem Begleiter.

    „Kommst du hier aus der Gegend?“, wollte dieser plötzlich wissen.

    Alastair schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Hm“, machte der Bärenmann nur, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. „Wo wohnst du denn?“

    Spontan wollte Alastair das Waisenhaus angeben, doch dann biss er sich auf die Lippe.

    Der Vertrag! Der Pferdezüchter hatte einen Vertrag unterzeichnet und eine Anzahlung geleistet. Die Hausmutter würde ihn zu diesem Mann und seinem mordlustigen Knecht zurückschicken, oder, wenn er sich weigerte, an den Nächstbesten verschenken. Er wäre nicht der Erste, der von seinem neuen Herrn geflohen war und dem dies Los widerfuhr. Grigor würde außerdem dafür gesorgt haben, dass man ihn nicht vermisste, weder beim Züchter noch im Heim.

    „Ich wohne nirgendwo“, sagte er deshalb leise, aber bestimmt.

    In diesem Moment riss die dünne, graue Wolkendecke auf und ein Sonnenstrahl verlieh dem trüben Tag ein goldenes Licht.

    Der Blick seines Begleiters, der ihn von der Seite traf, war hingegen weniger sonnig.

    Erschrocken wurde dem Jungen klar, dass seine Antwort nicht auf Beifall stieß.

    Wahrscheinlich wollte der Mann ihn nur nach Hause bringen, was zwar sehr nett war, aber auch bedeuten konnte, dass er seinen unerwarteten Begleiter gerne los geworden wäre.

    „Ich möchte dir keinesfalls zur Last fallen“, setzte er schnell hinterher. „Du hast schon genug für mich getan. Ich verdanke dir meine Freiheit. Und ein paar Schuhe. Das ist mehr, als ich je wieder gut machen kann. Du kannst mich gerne hier absetzen, wenn du möchtest.“

    Wieder warf der Mann ihm einen merkwürdigen Blick zu.

    „Hier?“, wiederholte er und seine Hand beschrieb mit einem Bogen die Landschaft.

    Alastair sah sich um. Auf ihrer linken Seite stand der Wald, und rechts schlossen sich spärliche Wiesen auf steinigem Boden an, auf denen der Frühling einen blütenreichen Einzug gehalten hatte.

    „Ja, warum nicht? Es ist doch sehr hübsch hier“, sagte er unsicher.

    Der Mann schnaubte durch die Nase und schüttelte den Kopf.

    „Junge, egal, welche Richtung du von hier aus einschlägst, du würdest eine gute Woche unterwegs sein, bevor du wieder auf Menschen triffst. Und ehrlich gesagt siehst du nicht so aus, als würdest du eine Woche ohne Hilfe durchhalten.“

    Beschämt senkte der Junge den Kopf.

    „Um zu deiner Äußerung zurückzukommen: Nein, ich möchte dich nicht hier absetzen. Ich weiß nicht, was dich überhaupt auf den Gedanken bringt, ich könnte ein halbes Kind einfach in der Landschaft abstellen und meines Weges ziehen. Dass ich mein Leben nicht irgendwelchen dahergelaufenen Räubern schenke, heißt ja noch lange nicht, dass ich ein Arschloch bin.“

    Alastair zuckte zusammen.

    „Das wollte ich auch keinesfalls ...“

    „Gut“, unterbrach ihn der Bärenmann, „Wo wir uns jetzt einig sind, dass wir erstens zusammen weiterreisen werden und zweitens ich kein Arschloch bin, können wir zur offiziellen Vorstellung übergehen. Mein Name ist Gembries, und das da vorne sind Hinz“, er deutete auf den hellen Ochsen, „und Kunz.“

    Zum ersten Mal breitete sich ein zaghaftes Lächeln auf den feinen Zügen des Jungen aus.

    „Ich heiße Alastair. Sehr erfreut, euch drei kennen zu lernen.“

    Gembries bedachte ihn mit einem Seitenblick.

    „Ob ich das mit gleichfalls beantworten kann, muss sich erst noch zeigen. Normalerweise bin ich allein unterwegs und kein besonders geselliger Mensch. Ich will noch bei Tageslicht den Ginst erreichen, das ist ein Bach, der zu dieser Jahreszeit verdammt viel Wasser führen kann. Ich hoffe, wir kommen noch über die Furt. Dahinter werden wir rasten. Bis dahin kannst du dich hinten in den Wagen legen, du siehst ziemlich fertig aus.“

    Mit einem Griff holte Gembries eine dicke Decke unter dem Kutschbock hervor.

    „Hinten links liegt ein Strohsack, auf dem lässt es sich einigermaßen liegen. Darüber hängt ein Sack an einer roten Schnur, darin findest du etwas zu essen. Nimm Brot und Käse, das andere brauche ich später noch zum Kochen. Wasser ist dem Schlauch an der rechten Wand.“

    Als hätten Gembries´ Worte eine Falltüre geöffnet, fiel Alastair plötzlich in ein tiefes Loch. Bleierne Müdigkeit und ein vor Hunger schmerzender Magen drängten jede andere Empfindung beiseite. Die Decke fest an sich gepresst, murmelte er ein „Danke“ und zwängte sich durch den Spalt, den die zugezogene, aus gewachstem, starken Tuch bestehende Abdeckung des Wagens gelassen hatte.

    Nur am Rande nahm er Notiz, dass das Klappern und Scheppern keinesfalls von Waffen, sondern von Werkzeugen, Töpfen und Pfannen kam, die an den Streben hingen. Der Strohsack zog ihn magisch an und ließ ihn den Wasserschlauch vergessen, doch kaum war er dort angekommen, nahm der Sack mit dem roten Band seine Aufmerksamkeit gefangen. Alastair öffnete ihn mit zitternden Händen und holte einen kleinen Laib Käse und ein Stück Brot heraus. Doch schon nach wenigen Bissen übermannte ihn die Müdigkeit, seine Lider wurden schwer und die Sicht verschwamm. Aufseufzend streckte er sich auf dem Strohsack aus, wickelte sich in die Decke und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.

    Moin Eti,

    ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber ich musste den Prolog mehrfach lesen, obwohl sich die kommende, epische Geschichte eigentlich deutlich erklärt.

    Vor über zehntausend Jahren herrschte Stille. Es gab keine Lieder, keine Verse, keine Worte, keinen Laut. Die Welt war stumm.

    Nur die Riesen zogen durch dieses junge Land, das den Namen Ymir trug.

    Sprich, die Riesen sind ganz allein auf der Welt und diese Welt ist stumm.

    Ohne sich miteinander verständigen zu können, schufen sie die Welt so chaotisch und wild, wie wir sie heute kennen.

    Eine Welt zu schaffen, dauert ein wenig - und wie "WIR" sie heute kennen hat mich etwas verwirrt. Außerdem kann man sich auch klanglos miteinander verständigen - oder hörst du mich gerade? ;-) Es gibt Handzeichen., Gesten, Mimik, aufmalen und Schrift.


    :cursing: jetzt funzt gerade zitieren nicht....


    ich mach´s per copy und paste und setz meinen Senf in Klammern.


    Doch über die Küsten hinaus, wagten sie sich nur selten. ( Ich bin immer noch in einer stummen Welt mir NUR Riesen - und bitte das Komma weg)

    Tief unten im Meer, wo die Ruhe ewig wärt, manifestierten sich schreckliche Wesen, die Vykr. Die Meisten ans Wasser gebunden, manche fähig an Land zu wandeln. (Kommen die gerade neu dazu? Was macht sie so schrecklich? Und wenn nur manche von denen an Land kommen - ich mein, da sind RIESEN...)


    All das änderte sich, als sich der Himmel auftat und die Götter selbst aus Odhal hinabstiegen. (Was ist "all das"?)

    Angeführt von ihrem obersten Vater, Nord, brachten sie den Klang. (Klingt schön, ist in der Form aber eine vollendete Tat und keine Absichtserklärung mehr)

    Seine beiden Söhne, Arn und Dorn, führten die göttlichen Heerscharen in den Krieg. ( Und ich so: häh??( Wieso das jetzt? )

    Nach unzähligen Schlachten gelang es ihnen die Mächte der Stille, aus Ymir zu vertreiben. ( An der Stelle dämmerte es mir so langsam, dass du mit "Mächte der Stille" die Vykr meinen könntest und dass die vielleicht von Anfang an existent waren - wobei "nur manche" an Land gehen können, was dem Bedarf an unzähligen Schlachten mit göttlichen Heerscharen widerspricht? Das Komma bitte hinter "ihnen" und nicht hinter "Stille")


    In Odhal angekommen, erkannte Dorn, dass sein Vater im Sterben lag. Der Verrat seines ältesten Sohnes betrübte den obersten Gott so sehr, dass sein Herz aufhörte zu schlagen. (Ab da hast du Dorn nicht mehr erwähnt. Wird er jetzt Nachfolger des Vaters?)

    Wütend und traurig verbannten die Bewohner, der heiligen Stadt ihren einstigen Helden. (Komma bitte weg)

    Arn und seine Gefolgschaft hatte man gezwungen einen Großteil ihrer Kräfte aufzugeben. ( Zeitfehler - Man zwang Arn und seine....)


    So, genug zum Prolog, lass die Geschichte beginnen ;-)

    Hallo Stadtnymphe ,

    als Alastair den "Bärenmann" zum ersten Mal sieht, sitzt er ja noch gefesselt und geknebelt an dem Baum. Das beschränkt seine Möglichkeiten aufs Beobachten. Der Fremde hat sich "nur"erfolgreich dagegen gewehrt, Opfer zu werden, was moralisch nicht verwerflich ist, und er befreit Alastair von allen Fesseln. Ich glaube, das sollte für einen Vertrauensvorschuss des Jungen reichen. Zudem ist Alastair ziemlich "hilflos". Er hat Mordshunger, aber nichts zu essen, kein Geld, keine Vorräte, keine Waffen oder Möglichkeiten, sich gegen irgendwen oder irgendwas zur Wehr zu setzen, er ist 6 Tagesmärsche von seinem Waisenhaus entfernt und ganz alleine. Deswegen, denke ich, wird er sich dem Fremden "anschließen".


    Ich habe wirklich versucht, die Beschreibungen und das Erleben aus Alastairs Sicht zu schildern, und der ist (noch) ziemlich naiv und sehr unschuldig. Deswegen ja auch immer nur "Räuber" und "Halunken" oder "Lump".:D

    Jo, mit dem Buschsaum muss ich nochmal drüber. Das war der "Gärtner" in mir. Danke!

    Wie ein Messer stach ein Krampf durch seine Eingeweide. Alastair stöhnte leise in seinen Knebel und presste seinen Schließmuskel fest zusammen.

    Es war schon schlimm genug, dass er seit vier Tagen in die Hose pinkeln musste, weil die verdammten Räuber ihm nie die Fesseln abnahmen. Selbst den Knebel musste er weiter ertragen, obwohl sie schon tief in den Wald eingedrungen waren und ihn sicher niemand hören würde, wenn er laut um Hilfe rief.

    Nur abends nahmen sie ihm kurz den dreckigen Lappen aus dem Mund, um ihn schales Wasser aus einem Schlauch trinken zu lassen, nachdem sie ihn an einen Baum gebunden hatten.

    Zu Essen hatte er bisher auch nichts bekommen, obwohl die Kerle gestern ein Rehkitz gefunden, getötet und gegrillt hatten. Sie hatten es ganz alleine aufgegessen.

    Nur einmal, am ersten Abend, hatte Alastair gewagt, seinen Hunger und das Bedürfnis, sich zu erleichtern, anzusprechen.

    Der heftige Schlag in den Magen und das verächtliche „Fresse halten!“ war ihm eine Lehre gewesen.

    Alastair machte sich große Sorgen. Soweit er es mitbekommen hatte, war er nur deshalb noch am Leben, weil die Räuber ihn aufgrund seines ansprechenden Äußeren lieber an „gewisse Interessenten“ verkaufen wollten, statt ihn zu beseitigen, obwohl Grigor für zweiteres bezahlt hatte.

    Sie erhofften sich von dem Betrug eine größeren Gewinn.

    Ihm war zwar keine Arbeit bekannt, für die ein Junge hübsch sein musste, aber mehr Sorgen machte ihm, dass er mit jedem Tag ganz sicher an Attraktivität verlor und sein zunehmend schmutziger und stinkender Zustand mögliche Interessenten abschrecken könnte.

    Es würde nicht gut für ihn enden, wenn die Räuber keinen Käufer finden würden. Dessen war er sicher.

    Die Räuber schienen dumm zu sein.

    Wer einen „Hübschling“, wie sie ihn ständig nannten, verkaufen wollte und diesen dazu zwang, sich in die Hose zu machen und ihn hungern ließ, handelte nicht klug.

    Auch das machte ihm Sorgen.

    Sie waren sehr tief in diesen Wald eingedrungen. Die Bäume hier waren mächtig und sicher schon mehrere hundert Jahre alt. Alastair fragte sich, ob die Räuber je von Wildwäldern gehört hatten, denn in besonders alten Wäldern gab es manchmal noch Reste von Feenflüchen und die Menschen, die dort hinein gerieten, kamen nie mehr zurück.

    Wahrscheinlich hatte das ungebildete Pack davon keine Ahnung.

    Nicht, dass er sich um die Räuber sorgte, aber wenn so ein Fluch nachts zuschlug, während er an einen Baum gefesselt war …

    Er verbot sich weitere Gedanken in diese Richtung und starrte finster in den Rücken des Mannes, der seine Leine hielt.

    Natürlich hatten die Räuber auch gleich sein Bündel geöffnet und sich seiner guten Hose und seines guten Hemdes bemächtigt, die dieser Lump vor ihm nun trug. Selbst die Schuhe hatten sie ihm abgenommen, so dass er barfuß laufen musste.

    Was er dem Räuber vor sich persönlich übel nahm war, dass er die guten Sachen nicht zu schätzen wusste.

    Nach nur vier Tagen starrten die Kleidungsstücke bereits vor Dreck und in einem Ärmel war ein Brandloch. Nun reuten ihn die vielen Stunden, die er damit zugebracht hatte, die verschlissenen Stellen der Kleidung so kunstvoll zu nähen, dass sie nicht wie aufgetragen aussah.

    Obwohl die großen Kronen der Bäume die direkte Sonne fern hielten, wurde es ziemlich warm. Aber nicht das war der Grund für die Räuber, an diesem Tag schon zur Mittagszeit eine Rast einzulegen und den Jungen wieder etwas abseits an einem Baum zu binden.

    Ein Buschsaum kennzeichnete das Endes des Waldes.

    Dem leisen Murmeln der Halunken konnte Alastair entnehmen, dass hinter dem Buschsaum eine Straße lag, und ab sofort wollten die Räuber nur noch im Schutze der Dunkelheit mit ihrem Gefangenen unterwegs sein.

    Alastair schloss die Augen und blendete das Gemurmel der Männer aus. Nicht nur sein Körper hatte unter den Strapazen der letzten Tage gelitten, die ständige Angst und die Demütigungen hatten ihn auch emotional erschöpft. Einzig der Gesang der Vögel vermochte noch den Schutzwall dumpfer Gleichgültigkeit zu durchdringen, der den Jungen wie eine dichte Nebelwand vor der grausamen Realität zu schützen versuchte.

    Offenbar bot der lange Buschsaum vielen Vögeln eine Heimat und nach einiger Zeit war Alastair ganz in den Versuch vertieft, die Stimmen den Arten zuzuordnen, die er kannte, und neue zu entdecken. Besonders spannend fand er den kunstvollen, fast metallisch klingenden Ton, der die Gesänge leise untermalte. Den hatte er schon mal gehört, aber in seinem Kopf wollte sich kein passender Vogel dazu abbilden.

    Erst, als der Ton immer lauter wurde, erkannte er seinen Irrtum.

    Das war kein Vogel.

    Das Geräusch kam von der Straße.

    Sofort schnellte sein Herzschlag in die Höhe und er riss die Augen weit auf. Vielleicht nahte dort seine Rettung.

    Natürlich hatten auch die Räuber das Geräusch bemerkt. Zwei von ihnen liefen sofort geduckt auf die Büsche zu, um nachzuschauen. Nur einer kam kurze Zeit später wieder. Sein hässliches Grinsen bereitete Alastair schon auf die Enttäuschung vor. „Nur eine vollgepackte Kutsche mit Ochsengespann. Unbegleitet. Und anscheinend nur ein Mann!“

    Kaum hatte der Späher das ausgesprochen, sprangen die restlichen Räuber in gieriger Vorfreude auf und griffen nach ihren Waffen.

    Aufsteigende Tränen ließen Alastairs Sicht verschwimmen. Was für ein mieses, feiges Pack diese Räuber doch waren, alle gemeinsam auf einen armen Mann losgehen zu wollen.

    Das Geräusch wuchs zu einem infernalischen Geschepper und Geklapper an und verstummte abrupt, als die Bande aus den Büschen sprang.

    „Endstation, Freundchen!“, hörte er den Anführer der Räuber triumphierend rufen.

    „Na, ihr Arschlöcher kommt mir gerade recht!“, antwortete eine raue Stimme gar nicht ängstlich, und schon ertönten neben dem Geräusch wuchtig aufeinander treffender Klingen die ersten Schmerzensschreie.

    Stumm betete der Junge zur Ewigen um ihren Segen für den Reisenden.

    Tatsächlich hielten die Kampfgeräusche noch eine Weile an, bevor sie von einem Rascheln im Buschsaum abgelöst wurden.

    Alastair hatte zwar erwartet, dass die Räuber zurückkamen, aber dass die beiden, die da kamen, rannten, überraschte ihn dann doch.

    Ein seltsam dumpfes Geräusch ertönte zwei Mal kurz hintereinander und beendete den Lauf beider Lumpen. Mit leerem Gesichtsausdruck und starren Blicken stürzten sie zu Boden.

    Aus jedem Rücken ragte der Stiel einer Axt.

    Hastig kehrte der Blick des Jungen zum Buschsaum zurück und fand dort einen Mann, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Er war zwar kein Riese, aber so breit und dick, dass er aussah wie einer, den man geschrumpft hatte.

    Sein Gesicht war eingerahmt von einer Flut langer, krauser, rotbrauner Haare und einem ebensolchen Vollbart. Trotz seiner Körperfülle bewegte sich der Fremde schnell und geschmeidig auf den ersten Toten zu und zog diesem die Axt aus dem Leib, was ein ekelhaftes Geräusch verursachte. Auch die zweite Axt holte er sich zurück. Dabei suchten seine Augen unablässig konzentriert den Wald nach weiteren Gegnern ab, die Äxte in den Händen und die Knie leicht eingeknickt.

    Alles an diesem seltsamen Mann strahlte eine ungeheure, geradezu animalische Stärke aus.

    Unweigerlich musste Alastair an einen wütenden Bären denken.

    Ohne den Wald aus den Augen zu lassen, kam der Bärenmann auf ihn zu, legte eine Axt auf dem Boden ab, sicherte den Stiel mit seinem Fuß, zog mit der freien Hand ein Messer aus seinem Gürtel und durchtrennte mit einem ersten Schnitt die Stricke, die Alastair an dem Baum banden, und mit einem zweiten die Fesseln an dessen Handgelenken. Dann steckte er das Messer wieder weg und nahm die Axt auf.

    Ungeschickt, weil seine Hände noch taub und geschwollen waren, befreite sich Alastair selbst von seinem Knebel.

    „Es sind neun Räuber!“, keuchte er.

    „Waren“, korrigierte ihn der Bärenmann. Er entspannte sich, wischte die Blätter seine Äxte an einem nahen Farn ab und steckte die Waffen in seinen Gürtel.

    „Bist du verletzt?“

    Alastair schüttelte den Kopf. Der Fremde streckte ihm eine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen. Ungläubig starrte der Junge auf diese riesige Pranke, die in einen Unterarm überging, der dicker war als seine eigenen Oberschenkel. Aber kein Gramm Fett war daran zu sehen.

    „Was ist? Willst du da Wurzeln schlagen?“

    Errötend ließ der Junge seine geschwollene Hand in der Pranke verschwinden. Der Mann zog ihn so mühelos auf die Füße, als wöge er nichts.

    „Danke“, sagte Alastair leise, doch der Bärenmann hatte sich schon umgedreht und schritt auf die Büsche zu. Alastair folgte ihm unsicher. Er konnte nicht aufhören, den Mann anzustarren. Er war nur wenig größer als er selbst, hatte enorm breite Schultern, beeindruckend muskulöse Arme, breite Hüften und Beine wie Baumstämme. Sein einfaches, ungefärbtes Leinenhemd war an einigen Stellen zerschnitten und ließ ein Kettenhemd hervorblitzen. Dazu trug er eine dunkle Hose aus Leder.

    Eine Wurzel mahnte den Jungen, besser auf den Boden zu achten.

    Ob es dem Mann überhaupt recht war, dass er ihm folgte? Aber was sollte er sonst machen?

    Der Bärenmann hatte den Buschsaum erreicht und drückte mit seinem mächtigen Leib die Zweige einfach beiseite.

    Alastair eilte sich, den Abstand zu verringern, nachdem ihn ein stärkerer Ast beim Zurückschnellen fast umgeworfen hätte.

    Heiß schoss ihm das Blut ins Gesicht.

    Er sah nicht nur schmutzig aus und roch ekelig, sondern stolperte so ungeschickt wie ein Trottel hinter dem Fremden her und das, obwohl ihn der Mann mit keinem Wort aufgefordert hatte, ihm zu folgen.

    Seine Gedankengänge fanden ein jähes Ende, als sein nackter Fuß in etwas feuchtes, warmes trat, das seine Augen als Eingeweide identifizierten.

    Reflexartig riss er den Fuß hoch und starrte voller Entsetzen auf das Gemisch aus Blut, Kacke und Verdauungssäften, das zwischen seinen Zehen hoch gequollen war.

    Das allein war schon schlimm genug, aber dass er an den verschmutzten Stellen auch gleich ein deutliches Brennen spürte, machte den Albtraum perfekt. Wie gelähmt blieb er stehen, unfähig, etwas Sinnvolles zu tun.

    „Wo bleibst du denn?“

    Dem Bärenmann war aufgefallen, dass die Schritte hinter ihm verstummt waren.

    „Ich bin da in etwas reingetreten!“, wimmerte der Junge mit hoher, gepresster Stimme.

    „Und jetzt willst du auf den nächsten Regen warten, oder was?“

    Alastair zuckte zusammen.

    Mit einem großen Ausfallschritt rettete er sich in ein paar sauber aussehende Brennnesseln und wischte seinen Fuß hastig an ihnen ab, bevor er mit zwei weiteren großen Schritten den Buschsaum hinter sich brachte und auf die Straße trat.

    Dort schnappte er erschrocken nach Luft.

    Noch nie zuvor hatte er ein Schlachtfeld gesehen, er kannte den Begriff nur aus Heldensagen.

    Natürlich wusste er, dass dort die besiegten Feinde tot auf dem Boden lagen, aber in seiner Vorstellung waren sie an Stichwunden durch Schwerter oder durch Pfeile gestorben.

    Diese Vorstellung wurde bereits vom ersten Toten grausam korrigiert.

    Dessen Unterkörper lag am Rande des Weges. Der Rest, ab Taille aufwärts lag etwa drei Schritte entfernt in der Mitte des aus festem Lehm bestehenden Weges. Ein See aus Blut und Exkrementen, durchzogen von grau glänzenden, vielfach zerschnittenen Darmschlingen, zeugte von der einstigen Verbundenheit der Körperteile, und an diesem See labten sich schon jetzt unzählige dicke, grün glänzende Fliegen.

    Hastig senkte Alastair seinen Blick. Mehr wollte er gar nicht sehen. Der unmittelbare Bezug zwischen den Begriffen Schlachtfeld, Schlacht und der Arbeit eines Metzgers hatte sich ihm eindrücklich genug erklärt.

    Das Seufzen des Bärenmannes übertönte das Summen der Fliegen.

    „Mach einfach die Augen zu, ich trag dich zum Wagen, Junge.“

    Hallo Feron

    ich habe den Prolog (absichtlich) kurz gehalten und die Völker in ihrem Selbstverständnis flüchtig skizziert.


    … nackte Charaktere sind in meinen Augen keine gute Idee.


    Einer Krone gleich trug sie als die Erste des hohen Volkes Blumen im Haar. Sonst trug sie nichts.

    ...sorry.:alien: Die "alten Völker" werden in der Geschichte noch ausführlicher erwähnt werden. Sie waren "geheimnisvoll", und ihre Geheimnisse wollte ich nicht schon im Prolog lupfen. Die "ominöse offizielle Version" bezog sich auf den Bann. der die alten Völker in die neue Welt gebracht und damit den Krieg beendet hat. Sie sind abgehauen, sonst hätten sie ihn verloren und wären vernichtet worden. Jeder glaubt, das hohe Volk hätte diesen Bann allein geschaffen. Das ist die offizielle Version.


    Beim "Drama" zwischen Ruitgar und Gembries möchte ich darauf hinweisen, dass Ruitgar im Alter von 74 verstorben ist. Sprich, auch Gembries ist kein junger Mann mehr, es liegen Jahrzehnte zwischen dem Tod der Kuh und dem des Onkels. Gembries hat viel erlebt und gesehen, was den Tod der Kuh "relativiert" hat. Dein Vorschlag klingt zwar interessant, aber Ruitgar hätte es schon damals physisch nicht geschafft, alleine eine Kuh zu zerlegen. Das ist schwere Arbeit. Und Gembries war nie der Typ, der geheult hätte. Er schlägt eher zu.;)

    Hallo Asni und Stadtnymphe

    das Setting der eigentlichen Geschichte (beginnend in der alten Welt) soll mittelalterlich sein, allerdings standen die Menschen meiner Geschichte nie unter dem Einfluss einer strengen Kirche und sind im Denken "moderner" als im realen Mittelalter. Ich hoffe, das "mittelalterliche" wird bald deutlich werden.

    LG

    melli

    Hey, melli ,


    Ich denke da gerade ein bisschen an Beschreibungen mittelalterlicher Feste, wo immer etwas mehr Details genannt werden. Etwa, wie prächtig die Stadt / Burg / ? mit im Wind wehenden Fahnen geschmückt ist, wie viele Tiere und erlesene Speisen vor- und zubereitet werden, dass fahrende Spielleute aus allen Teilen der Welt ihre Lieder zum besten geben etc. Mir gefällt der Gedanke, dass das Fest bei dir auch eine religiöse Bedeutung hat - den Segen der Ewigen zu erwirken - auch daran könntest du anknüpfen und z.B. die höchste Priesterin erwähnen, die mit ihrem Gefolge extra aus dem Tempel in die Hauptstadt gereist ist (falls das inhaltlich passt). Spannung könntest du dadurch erzeugen, dass du auch die Stimmung und Erwartung der Feiernden beschreibst, bis diese dann gebrochen wird durch die Erkenntnis, dass dieser eine Typ fehlt.


    Mal sehen, wie es mit der Geschichte weitergeht ^^

    Hi Asni,

    es ist kein mittelalterliches Fest, es gibt auch keine Burgen oder sonst etwas ;-). Es ist die erste Zusammenkunft dieser Völker in einer NEUEN Welt. Und es gibt eine ALTE Welt, der sie ursprünglich entstammen und wo ein Krieg das "hohe Volk" fast ausgerottet hätte. Ich hoffe, es geht aus dem Prolog hervor, dass diese Völker durch einen Bann, der (offiziell!!) vom hohen Volk gewirkt wurde, in diese Welt kamen. Und dass das hohe Volk beim Urheber des Banns nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. Wer immer da noch mitgewirkt haben könnte, hat sich jedenfalls "rückversichert" und jemanden aus den Völkern dabehalten, der denen sehr wichtig ist. Das ist die "Grundlage", auf der die Geschichte basiert.


    Hi Kye,

    schön, dass du wieder dabei bist.:love: Bei Gembries und Alastair sind es eigentlich nur "Kleinigkeiten", die sie menschlicher und tiefer gestalten sollen. Die größten Änderungen habe ich bei Nisha und Vaine geplant sowie bei den Schatten als solches. Zudem will ich die Geschichte etwas straffen und ein paar Nebenchars kicken. Ich hoffe, dass ich meine Ideen diesmal umgesetzt bekomme :/. Es wird die gleiche Geschichte bleiben, nur halt anders erzählt (und dann hoffentlich auch bis zum Ende kommend). Die alte Version hat mir nicht mehr gefallen (auch nach 3 Jahren sacken lassen nicht) und zumindest meine Motivation ist jetzt endlich wieder da, :D

    Lg

    melli


    -2 -

    War da hinten etwa gerade eine Schnepfe vorbeigelaufen?

    Aufgeregt reckte Alastair seinen Kopf. Was ein Fehler war, denn gleich darauf verfing sich sein Fuß in einer Wurzel und er schlug der Länge nach hin.

    Mist. Wie peinlich!

    „He, was soll das denn? Trottel!“, schimpfte der Mann, der seine Leine hielt, auch gleich los. Die anderen Räuber hielten an, warfen ihm missbilligende Blicke zu und machten abfällige Bemerkungen.

    Alastair spürte, wie sein Kopf heiß wurde, als er sich, ungeschickt wegen der auf dem Rücken gefesselten Hände, mühsam vor aller Augen vom Boden erheben musste. Bestimmt war er jetzt rot wie eine Beete und schmutzig wie ein Lump.

    „Es tut mir leid“, wollte er sagen, doch sein Knebel ließ nur ein „Hnhnhnnn“ durch.

    Ein heftiger Ruck an seiner Leine war das Zeichen, dass es weiterging. Bemüht, Schritt zu halten, starrte Alastair mit gesenktem Kopf dumpf auf den Waldboden.

    Tränen stiegen ihm in die Augen und ließen seine Sicht verschwimmen. Sie liefen ihm auch aus der Nase, und weil er wegen des Knebels nicht durch den Mund atmen konnte, musste er ständig laut schniefen, so dass jeder mitbekam, dass er heulte. Die Würdelosigkeit seiner Lage verstärkte den Tränenfluss.

    Eine tiefe Resignation ergriff Besitz von dem Jungen.

    Er hatte sich immer auf das Leben gefreut und schon Pläne gemacht gehabt, was er alles sehen und tun wollte, sobald er dem Waisenhaus entwachsen war.

    Doch schon kurz nachdem er die ersten Schritte in sein eigenes Leben getan hatte, stellte ihm das Schicksal ein Bein, erwies sich als gemein, hinterhältig, grausam und gefährlich und verhöhnte all seine Prinzipien.

    Sei nett und man wird nett zu dir sein. Tue Gutes und dir wird Gutes widerfahren. Arbeite und lerne fleißig, dann wirst du Erfolg haben und ein glückliches Leben führen.

    Von wegen.

    Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Da war der Pferdezüchter, der einen Jungen suchte, der später auch für die Verwaltung des Gestüts geeignet sei. Alastair war schon stolz gewesen, dass er zu den Jungen gehörte, die diesem Mann vorgestellt wurden. Und er hatte sich von ihm prüfen lassen. Rechnen, schreiben, lesen, Textverständnis, Auffassungsgabe, Allgemeinwissen. Er wusste, dass er auf diesen Gebieten punkten konnte, und freute sich sogar, endlich seine erworbenen Fähigkeiten an den Mann bringen zu können.

    Doch er wusste auch, dass er unter allen Kandidaten der schmächtigste war. Zwar lange nicht der Kleinste seines Alters, aber die Schultern schmal, die Figur fast zierlich zu nennen, mit schmalen Händen und langen, dünnen Fingern traute ihm niemand eine körperliche Arbeit zu, obwohl er auf dem Feld den anderen in Nichts nachstand.

    Die Ablösesumme für einen gebildeten Waisen war hoch und so war es üblich, dass die Interessenten nach so einem Vorstellungsgespräch ohne Jungen nach Hause gingen, um in Ruhe und mit Bedacht ihre Auswahl treffen zu können.

    Eine Woche hatte Alastair zwischen kühnsten Träumen, wilder Hoffnung und mahnender rationaler Bescheidenheit schwankend verbracht.

    Dann erschien ein mürrisch dreinblickender, wortkarger Mann auf einem Pferd, der von dem Gestüt gesandt war, um den Vorvertrag abzuschließen und den erwählten Jungen für vier Wochen zum Probearbeiten abzuholen.

    Während er bei der Hausmutter die Papiere unterzeichnete, hatte Alastair mit wild klopfendem Herzen in der Nähe der Türe gewartet, vor Aufregung unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

    Endlich kamen die beiden aus dem Zimmer heraus und der Moment, als die Hausmutter ihm zunickte und Alastair aufforderte, schnell seine Sachen zu packen, war der glücklichste seines Lebens. Er glaubte, das ganz große Los gezogen zu haben und war dem schweigsamen Mann vom Gestüt, der sich als Grigor vorstellte, wie auf Wolken gefolgt, beflügelt von den schönsten Träumen.

    Die brutal zerplatzen, als nach zwei Reisetagen an einer einsamen Stelle eine Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten aus einem Gebüsch auftauchte, die von Grigor mit einem Kopfnicken begrüßt wurde.

    Bevor er wusste, wie ihm geschah, wurde er zu Boden geworfen, gefesselt und geknebelt. Grigor saß dabei ruhig auf seinem Pferd und machte keine Anstalten, ihm zu Hilfe zu eilen. Auf den entsetzten Blick des Jungen huschte nur kurz etwas wie leichtes Bedauern über seine Züge.

    „Es ist nichts Persönliches, Junge, aber der zukünftige Verwalter des Gestüts werde ich selber sein“, hatte er von sich gegeben und dann seinen Weg fortgesetzt, ohne sich noch einmal umzudrehen.

    Hallo Stadtnymphe,

    erstmal vielen lieben Dank für die Rückmeldung (und das viele Lob:blush:).

    Ja, der Prolog :D- ich weiß, dass er dem Leser erstmal kaum Infos gibt. Er ist nur eine Momentaufnahme - und erklärt sich erst im Laufe der Geschichte - ebenso, was ein Tonde ist und Ursa, die Kinder des Windes und der Sümpfe und das hohe Volk und wie das überhaupt alles zusammenhängt. Meine Intention ist es, "Epik" per "show, don´t tell" zu verkaufen, und ich hoffe, dass es mir gelingt. Die Geschichte ist in sich geschlossen, es gibt dazu keine nötigen Vorinformationen.

    LG

    melli

    Hallo Tariq

    Für alle, denen es noch nicht zum Hals heraushängt, hier die nächste Version von meiner Geschichte :rofl:

    Irgendwann werde ich es mit der Schreiberei gebacken kriegen.:sarcastic:

    Wie immer ist Kritik gerne gesehen und eine große Hilfe (besonders inhaltlich). :)



    Prolog


    Ein Fest hätte es werden sollen. Ein Fest von historischer Bedeutung. Denn zum ersten Mal seit Anbeginn hatte das hohe Volk eingeladen, zum ersten Mal wollte man gemeinsam feiern, es wäre das erste Fest in der neuen Welt, das größte, das jemals stattgefunden hätte und einen ganzen Mond sollte es dauern.

    Mit diesem Fest wollte man nicht nur den Segen der Ewigen erwirken für die neue Welt, sondern auch den elementaren Völkern danken für deren Beistand im langen Krieg. Es sollten die vielen Helden geehrt und der Toten gedacht, die Ereignisse der alten Welt zusammengetragen und den Chronisten damit ermöglicht werden, diese Geschichten aufzuschreiben, damit sie der Nachwelt erhalten blieben. Außerdem wollte das hohe Volk wortlos darstellen, wie klein es geworden war. Nur wenige Hundert hatten den Krieg überlebt. Es würde vielleicht den Beistand der Elementaren brauchen, bis es zur alten Stärke zurück gefunden hatte. Und es wollte natürlich huldvoll die Dankbarkeit der anderen Völker entgegennehmen, denn schließlich hatten sie den Bann geschaffen. So lautete zumindest die offizielle Version. Aber auch Tanz und Musik sollten nicht zu kurz kommen, Speis und Trank würden die Gäste selbst mitbringen.

    Das war der Plan.

    Und sie kamen. Festlich gekleidet und in großer Zahl trafen die Kinder der Sümpfe und des Windes ein. Auch Ishaya hatte sich fein gemacht. Einer Krone gleich trug sie als die Erste des hohen Volkes Blumen im Haar. Sonst trug sie nichts. Die Luft war bereits erfüllt von Stimmen und dem Duft vielfältiger Speisen, welche die Gäste mitgebracht hatten, als endlich auch die Kinder Ursas erschienen. Die Gespräche verstummten. Denn Ursas Volk hatte sich nicht festlich herausgeputzt. Zu finsteren Mienen trugen sie volle Rüstung und statt Speisen und Getränken hatten sie ihre Waffen mitgebracht. Im Krieg hatte dieser martialische Anblick Ishaya stets erfreut, denn mehr als einmal hatten sie durch ihr Eintreffen einer verloren geglaubten Schlacht zum Sieg verholfen. Doch zu einem Fest war das nicht der richtige Aufzug. Hastig suchte ihr Blick die vordere Reihe der bedrohlich wirkenden Männer und Frauen ab. Wo war er denn nur? Mit bitterem Grinsen trat einer der Krieger vor. „Hohe Frau“, neigte er kurz grüßend seinen Kopf, um sie dann mit seinem Blick zu fixieren. „Wie ich sehe, hast du in deiner unendlichen Weisheit unser Problem sofort erfasst.“ „Wo ist euer Tonde?“ „Genau das fragen wir uns auch. Kann es sein, dass dein Bann ihn drüben vergessen hat?“ Das Entsetzen in den Zügen Ishayas war echt. Und langsam, fast behutsam formulierten ihre Gedanken das Offensichtliche. Er hatte ein Pfand behalten. Und zwar nicht irgendein Pfand, nein. Er hatte ausgerechnet den Tonde genommen. Den mächtigsten Mann der elementaren Völker und mit ihm Ursa selbst. Und nun würden sie die Schuld begleichen müssen, um den Frieden in der neuen Welt zu erhalten.



    Etliche Jahre später in der alten Welt


    -1-


    „Eh!“ Unwillig fuchtelnd scheuchte Gembries ein paar Bienen und Hummeln weg, die ihm fast in den Bart geflogen wären.

    Vor einer Woche war der letzte Schnee dem Frühling gewichen, der mit blauem Himmel und ungewöhnlich warmen Temperaturen aufwartete. Man könnte auch sagen, der Winter war fluchtartig verschwunden und hatte die Türe fest ins Schloss geworfen.

    Und die alte Salweide, die Gembries bei seinem letzten Besuch noch für tot gehalten hatte, strotzte plötzlich vor Leben und reckte mehr Kätzchen in die Sonne, als er Haare auf den Zähnen hatte.

    Dafür war der Onkel tot.

    Nachdenklich starrte der kräftige Mann auf das frische Grab herunter.

    Sein letzter Familienangehöriger.

    Erstaunliche vierundsiebzig Jahre war Ruitgar alt geworden.

    Aber gestorben war er schon viel früher.

    Gembries warf einen Blick zum kleinen Rosenstrauch herüber, an dessen sparrig bedornten Zweigen die ersten Blattknospen schwollen. Dort lag Ruitgars einziges Kind, Tom.

    Tom war nicht nur mit dem Klumpfuß und der verkrüppelten Hüfte seines Vaters geboren worden, er hatte zusätzlich auch einen Herzfehler gehabt.

    Die letzten drei seiner zehn Jahre hatte er im Bett liegend und nach Luft ringend verbracht.

    Ruitgar war daran zerbrochen.

    Das Leid seines Sohnes jeden Tag vor Augen zu haben, hatte es für den Alten nicht einfacher gemacht, den Sohn seines verstorbenen Zwillingsbruders aufzuziehen. Denn genau wie sein Vater war Gembries außergewöhnlich kräftig, stark und gesund.

    Und genau wie bei den ungleichen Brüdern war auch Gembries mit einem Zwilling viel zu früh geboren worden, nur starb sein Bruder schon bei der Geburt.

    In beiden Fällen hatten auch die Mütter die Geburt nicht überlebt.

    Die Schankdirne, die Ruitgar geschwängert und geheiratet hatte, war somit die erste Frau, der es gelang, ein Kind dieser Familie normal auszutragen und nicht gleich nach der Geburt zu sterben.

    Der Schock, dass sein Kind trotzdem nicht gesund auf die Welt kam, hatte in Ruitgars Seele einigen Schaden verursacht. Ob es am beginnenden Wahn lag, in den sich sein Onkel flüchtete, oder am Baby selbst, jedenfalls verschwand die Schankdirne, kaum dass sie nach der Geburt wieder laufen konnte, und ließ Ruitgar mit seinem kranken Kind einfach sitzen.

    Etwa ein Jahr später wurde Ruitgars Bruder von einem bekloppten Pferd zu Tode getrampelt und der damals zweijährige Gembries kam mangels Alternativen zu ihm. Dort wuchs er auf als der ungeliebte Neffe.

    Gembries konnte nur vermuten, dass sein Vater Geld hinterlassen hatte. Er hatte Ruitgar nicht einen einzigen Tag im Leben arbeiten sehen. Tom war bei aller Krankheit ein sehr kluges Kind gewesen und Ruitgar hatte ihn mit fast fanatischem Eifer unterrichtet, jeden verdammten Tag.

    Wenn Tom schon durch einen schwachen Körper ins Bett gezwungen wurde, sollten wenigstens Geist und Verstand sich frei entfalten dürfen.

    Bei Gembries verhielt es sich genau umgekehrt. Ihm wurde nur beigebracht, wie er Gemüse anzubauen, die Hühner und die Kuh zu versorgen und den Haushalt zu führen hatte.

    Für Gembries war das völlig in Ordnung gewesen, er hätte nicht mit seinem Cousin tauschen wollen, nicht um alles in der Welt. Aber je schlechter es Tom ging, desto weniger konnte Ruitgar den Anblick seines gesunden Neffen ertragen.

    Er begann, ihn zu schikanieren, faselte von schlechtem Blut und versuchte, ihm die Schuld für alles Übel in der Familie zu geben. Erst kamen nur hässliche Worte, dann folgten Schläge, dumme und unnötige Strafen und schließlich, drei Tage, nachdem sie Tom zu Grabe getragen hatten, schickte Ruitgar Gembries ins nächste Dorf, um Eier zu verkaufen und tötete in der Zeit die Kuh, das einzige Wesen auf dieser Welt, vom dem Gembries je Liebe und Zuneigung erfahren hatte.

    Mit einem hässlich wissenden Grinsen auf dem Gesicht forderte er seinen Neffen nach seiner Rückkehr dazu auf, zwei schöne Steaks aus dem geliebten Tier zu schneiden und einen angemessenen Leichenschmaus für Tom daraus zu braten.

    Dieser Moment, als der Onkel mit seiner Forderung vor Linchen stand, die mit zerschmettertem Schädel brutal totgeschlagen im Dreck lag, stand Gembries Zeit seines Lebens deutlich vor Augen.

    Und bis heute konnte er sich nicht daran erinnern, was direkt danach geschah. Seine Erinnerung setzte erst wieder an dem Punkt ein, wo Ruitgar mit einem bis zur Unkenntlichkeit geschwollenen, blutigen Gesicht bewusstlos vor ihm auf dem Boden lag und Gembries noch so außer sich vor Hass und Rage war, dass ihm nur noch die Wahl blieb zwischen sofortiger Flucht und Totschlag.

    Er war gegangen.

    Und er hatte fünfzehn Jahre gebraucht, um wieder zurückkehren zu können.

    Vorgefunden hatte er einen gebrochenen, verstummten Mann, der sein Elend im Schnaps ertränkte, den er aus den Früchten seiner Obstbäume brannte. Zu sagen hatten sich die beiden nichts mehr.

    Gembries blieb nur so lange, wie er brauchte, um die Hütte instand zu setzen und aus dem Saustall im Inneren eine menschenwürdige Unterkunft zu machen. Dann fuhr er wieder davon, nachdem er dem Onkel auch die Speisekammer gefüllt und ein paar Münzen dagelassen hatte.

    Fortan wiederholte er diese Besuche regelmäßig, die Intervalle wurden mit zunehmenden Alter des Onkels immer kürzer.

    Vor nur sechs Wochen war er das letzte Mal hier gewesen.

    Zwar waren Ruitgars Augen da schon gelb und sein Bauch deutlich dicker geworden, aber dass es so schnell mit ihm zu Ende gehen würde, hätte Gembries dann doch nicht gedacht.

    Es war Zeit für ein paar passende Worte.

    „Arme Sau! Mögest du Frieden finden!“ Damit war wohl alles gesagt, was es zu sagen gab.

    Seufzend wandte sich der kräftige Mann vom Grab ab und trat auf die Hütte zu. Es war kaum anzunehmen, dass Ruitgar die letzten Almosen seines Neffen in den letzten sechs Wochen verprasst hatte, und es waren genug Münzen gewesen, um sich dem erbärmlichen Gestank nochmal auszusetzen.

    Zudem war sich Gembries ziemlich sicher, das geheime Versteck des Alten zu kennen.

    Es gab nur eine Diele im Boden, die an einem Ende immer sauberer war als der Rest.

    Mit einem Messer hebelte er das Brett hoch, und tatsächlich fand er darunter den Beutel, in dem Ruitgar seine Barschaft aufbewahrte, und zwar deutlich praller gefüllt als vermutet.

    Doch das war noch nicht alles.

    In ein Wachstuch eingeschlagen lag eine lederne Mappe darunter.

    Gembries zog die Stirn kraus. Ob der alte Zausel etwa ein Testament gemacht hatte?

    Der Gedanke entlockte ihm ein spöttisches Grinsen, welches sich jedoch verflüchtigte, als er die mit seltsamen Zeichen bedeckten Pergamente sah, die in der Mappe lagen. Mangels Übung war alles, was ihm sein erster Meister an Lese – und Schreibfähigkeiten vermittelt hatte, stark eingerostet.

    Aber ganz sicher hatte er solche Schriftzeichen noch nie gesehen.

    Vorsichtig hob er das erste, hauchdünne und trotzdem stabil erscheinende Blatt an und schnupperte daran. Ziegenleder? Auch das war ungewöhnlich. Wer benutzte noch Leder, wo es doch schon lange Papier aus Pflanzenfasern gab?

    Ob das etwa … ?

    Der Gedanke, ausgerechnet hier Schriften eines alten Volkes vorzufinden, war zwar geradezu abenteuerlich, aber trotzdem da. Sollte es sich um einen letzten Scherz Ruitgars handeln, der für sich allein eine Geheimschrift erfunden hätte, um das Elend seines Daseins in Worte zu fassen, würde sich Gembries zwar blamieren. Aber wenn das wirklich von den Alten stammte, wären die Pergamente sicher ein Vermögen wert.

    Und wo er doch sowieso zur Hohen Feste musste, um den Tod seines Onkels zu melden, konnte er die Mappe gleich mitnehmen und dort einem Gelehrten zur Ansicht geben. Vorsichtig schlug er sie wieder in das Wachstuch ein und wollte, tief in Gedanken versunken, das Brett wieder an seinen Platz drücken, als ihm noch ein kleiner Lederbeutel auffiel, der halb im Dreck verborgen lag. Er puhlte ihn hervor, öffnete das Band und ließ den Inhalt in seine geöffnete Handfläche fallen.

    „Uff!“, stieß er überrascht aus. Fassungslos starrte er auf den größten Diamanten, den er je gesehen hatte.

    Das konnte ja wohl nicht wahr sein.

    Der Stein füllte fast die gesamte Handfläche seiner gewaltigen Pranke aus. Er war facettenreich geschliffen und in seinem Inneren funkelten Splitter aller bekannten Edelsteine in einem Kreis, der in seiner Gleichmäßigkeit wie eine Iris wirkte.

    Eingefasst war der Stein mit kunstvoll geschmiedetem Silber, das in eine Kette überging, deren einzelne Glieder ebenso kunstvoll verziert waren.

    Wobei – für Silber war es zu hell und zeigte keine Stelle, die angelaufen wäre. Prüfend hielt Gembries seine Nase daran.

    Platin?

    Der Kontrast zwischen der ärmlichen Hütte und dem ungeheuren Wert seines Fundes löste eine Art Schockstarre bei Gembries aus. Der erste klare Gedanke, der sich aus den Tiefen seiner ohnmächtigen Überraschung löste, war, dass Ruitgar diesen Stein nicht legal erworben haben konnte. Niemals.

    Der zweite war, dass dieser Stein berühmt sein musste. Berühmt für seine Schönheit und seinen Wert. Mit zitternden Händen verstaute er seinen Fund in dem schmutzigen Beutel und diesen in seinen Gürtel.

    Dann nahm er die Mappe und das Geld und verließ den Ort seiner Kindheit, um nie mehr hierher zurückzukommen.

    *Leisereinschleich* :blush:

    Nach erneuter langer Schreibblockade (und die, obwohl ich doch eigentlich wusste, was als Nächstes kommen und wie alles weitergehen und enden soll) muss ich jetzt einfach mal Butter bei die Fische tun.
    Und schlicht und ergreifend zugeben, dass ich bei allem Unterhaltungswert und trotz der bereits umfangreichen Schreiberei die Geschichte erneut verkackt habe.:patsch:

    Bitter, aber es ist so. Meinen aufrichtigen Dank allen Kritikern, die diesen Denkprozess ausgelöst haben!:loveyou:

    Nach über 300 Seiten begrüsst man diese Erkenntnis natürlich erstmal nicht, zumal es schon vor meiner Anmeldung in diesem Forum bereits mehrere vergebliche Versuche gegeben hat, die Geschichte zu Papier zu bringen.;(

    Aber immerhin war dies jetzt die erste Version, in der ich Gembries und Alastair zu "starken Charakteren" verhelfen konnte, also insofern schon ein gewaltiger Fortschritt.

    Doch Nisha, Vaine und die Schatten schwächeln daneben, haben keinen strukturellen Aufbau, keinen wirklich nachvollziehbaren Hintergrund und bestehen zu einem großen Teil aus Klischees und mehr oder weniger unterhaltsamen Gefasel, und das nervt mich inzwischen selbst und bremst mich völlig aus.:/ Die habe ich einfach so "hingeschlabbert", obwohl sie "wichtige Rollen" spielen.

    Da die drei aber von Anfang an mit dabei sind, heißt das auch, von Anfang an alles umzuschreiben.8|

    Was natürlich keine reine Freude ist, denn manche Szenen, die ich selbst gelungen fand, werden dann keinen Platz mehr haben.

    Wie dem auch sei, diese Version war ganz nett, aber ich hoffe, ich kann das noch besser ...


    Jetzt verschwinde ich erstmal wieder in eine hoffentlich "kreative Phase". Zu den nötigen Änderungen hab ich zwar schon ein paar brauchbare Ideen, muss aber gucken, wie ich die umgesetzt bekomme und welche Tonart die Geschichte dann haben wird (vllt etwas ernsthafter?) Auch die Feinabstimmung innerhalb der Truppe muss neu justiert werden. Aber irgendwann ... *seufz