Beiträge von melli

    Moin Eti,

    ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber ich musste den Prolog mehrfach lesen, obwohl sich die kommende, epische Geschichte eigentlich deutlich erklärt.

    Vor über zehntausend Jahren herrschte Stille. Es gab keine Lieder, keine Verse, keine Worte, keinen Laut. Die Welt war stumm.

    Nur die Riesen zogen durch dieses junge Land, das den Namen Ymir trug.

    Sprich, die Riesen sind ganz allein auf der Welt und diese Welt ist stumm.

    Ohne sich miteinander verständigen zu können, schufen sie die Welt so chaotisch und wild, wie wir sie heute kennen.

    Eine Welt zu schaffen, dauert ein wenig - und wie "WIR" sie heute kennen hat mich etwas verwirrt. Außerdem kann man sich auch klanglos miteinander verständigen - oder hörst du mich gerade? ;-) Es gibt Handzeichen., Gesten, Mimik, aufmalen und Schrift.


    :cursing: jetzt funzt gerade zitieren nicht....


    ich mach´s per copy und paste und setz meinen Senf in Klammern.


    Doch über die Küsten hinaus, wagten sie sich nur selten. ( Ich bin immer noch in einer stummen Welt mir NUR Riesen - und bitte das Komma weg)

    Tief unten im Meer, wo die Ruhe ewig wärt, manifestierten sich schreckliche Wesen, die Vykr. Die Meisten ans Wasser gebunden, manche fähig an Land zu wandeln. (Kommen die gerade neu dazu? Was macht sie so schrecklich? Und wenn nur manche von denen an Land kommen - ich mein, da sind RIESEN...)


    All das änderte sich, als sich der Himmel auftat und die Götter selbst aus Odhal hinabstiegen. (Was ist "all das"?)

    Angeführt von ihrem obersten Vater, Nord, brachten sie den Klang. (Klingt schön, ist in der Form aber eine vollendete Tat und keine Absichtserklärung mehr)

    Seine beiden Söhne, Arn und Dorn, führten die göttlichen Heerscharen in den Krieg. ( Und ich so: häh??( Wieso das jetzt? )

    Nach unzähligen Schlachten gelang es ihnen die Mächte der Stille, aus Ymir zu vertreiben. ( An der Stelle dämmerte es mir so langsam, dass du mit "Mächte der Stille" die Vykr meinen könntest und dass die vielleicht von Anfang an existent waren - wobei "nur manche" an Land gehen können, was dem Bedarf an unzähligen Schlachten mit göttlichen Heerscharen widerspricht? Das Komma bitte hinter "ihnen" und nicht hinter "Stille")


    In Odhal angekommen, erkannte Dorn, dass sein Vater im Sterben lag. Der Verrat seines ältesten Sohnes betrübte den obersten Gott so sehr, dass sein Herz aufhörte zu schlagen. (Ab da hast du Dorn nicht mehr erwähnt. Wird er jetzt Nachfolger des Vaters?)

    Wütend und traurig verbannten die Bewohner, der heiligen Stadt ihren einstigen Helden. (Komma bitte weg)

    Arn und seine Gefolgschaft hatte man gezwungen einen Großteil ihrer Kräfte aufzugeben. ( Zeitfehler - Man zwang Arn und seine....)


    So, genug zum Prolog, lass die Geschichte beginnen ;-)

    Hallo Stadtnymphe ,

    als Alastair den "Bärenmann" zum ersten Mal sieht, sitzt er ja noch gefesselt und geknebelt an dem Baum. Das beschränkt seine Möglichkeiten aufs Beobachten. Der Fremde hat sich "nur"erfolgreich dagegen gewehrt, Opfer zu werden, was moralisch nicht verwerflich ist, und er befreit Alastair von allen Fesseln. Ich glaube, das sollte für einen Vertrauensvorschuss des Jungen reichen. Zudem ist Alastair ziemlich "hilflos". Er hat Mordshunger, aber nichts zu essen, kein Geld, keine Vorräte, keine Waffen oder Möglichkeiten, sich gegen irgendwen oder irgendwas zur Wehr zu setzen, er ist 6 Tagesmärsche von seinem Waisenhaus entfernt und ganz alleine. Deswegen, denke ich, wird er sich dem Fremden "anschließen".


    Ich habe wirklich versucht, die Beschreibungen und das Erleben aus Alastairs Sicht zu schildern, und der ist (noch) ziemlich naiv und sehr unschuldig. Deswegen ja auch immer nur "Räuber" und "Halunken" oder "Lump".:D

    Jo, mit dem Buschsaum muss ich nochmal drüber. Das war der "Gärtner" in mir. Danke!

    Wie ein Messer stach ein Krampf durch seine Eingeweide. Alastair stöhnte leise in seinen Knebel und presste seinen Schließmuskel fest zusammen.

    Es war schon schlimm genug, dass er seit vier Tagen in die Hose pinkeln musste, weil die verdammten Räuber ihm nie die Fesseln abnahmen. Selbst den Knebel musste er weiter ertragen, obwohl sie schon tief in den Wald eingedrungen waren und ihn sicher niemand hören würde, wenn er laut um Hilfe rief.

    Nur abends nahmen sie ihm kurz den dreckigen Lappen aus dem Mund, um ihn schales Wasser aus einem Schlauch trinken zu lassen, nachdem sie ihn an einen Baum gebunden hatten.

    Zu Essen hatte er bisher auch nichts bekommen, obwohl die Kerle gestern ein Rehkitz gefunden, getötet und gegrillt hatten. Sie hatten es ganz alleine aufgegessen.

    Nur einmal, am ersten Abend, hatte Alastair gewagt, seinen Hunger und das Bedürfnis, sich zu erleichtern, anzusprechen.

    Der heftige Schlag in den Magen und das verächtliche „Fresse halten!“ war ihm eine Lehre gewesen.

    Alastair machte sich große Sorgen. Soweit er es mitbekommen hatte, war er nur deshalb noch am Leben, weil die Räuber ihn aufgrund seines ansprechenden Äußeren lieber an „gewisse Interessenten“ verkaufen wollten, statt ihn zu beseitigen, obwohl Grigor für zweiteres bezahlt hatte.

    Sie erhofften sich von dem Betrug eine größeren Gewinn.

    Ihm war zwar keine Arbeit bekannt, für die ein Junge hübsch sein musste, aber mehr Sorgen machte ihm, dass er mit jedem Tag ganz sicher an Attraktivität verlor und sein zunehmend schmutziger und stinkender Zustand mögliche Interessenten abschrecken könnte.

    Es würde nicht gut für ihn enden, wenn die Räuber keinen Käufer finden würden. Dessen war er sicher.

    Die Räuber schienen dumm zu sein.

    Wer einen „Hübschling“, wie sie ihn ständig nannten, verkaufen wollte und diesen dazu zwang, sich in die Hose zu machen und ihn hungern ließ, handelte nicht klug.

    Auch das machte ihm Sorgen.

    Sie waren sehr tief in diesen Wald eingedrungen. Die Bäume hier waren mächtig und sicher schon mehrere hundert Jahre alt. Alastair fragte sich, ob die Räuber je von Wildwäldern gehört hatten, denn in besonders alten Wäldern gab es manchmal noch Reste von Feenflüchen und die Menschen, die dort hinein gerieten, kamen nie mehr zurück.

    Wahrscheinlich hatte das ungebildete Pack davon keine Ahnung.

    Nicht, dass er sich um die Räuber sorgte, aber wenn so ein Fluch nachts zuschlug, während er an einen Baum gefesselt war …

    Er verbot sich weitere Gedanken in diese Richtung und starrte finster in den Rücken des Mannes, der seine Leine hielt.

    Natürlich hatten die Räuber auch gleich sein Bündel geöffnet und sich seiner guten Hose und seines guten Hemdes bemächtigt, die dieser Lump vor ihm nun trug. Selbst die Schuhe hatten sie ihm abgenommen, so dass er barfuß laufen musste.

    Was er dem Räuber vor sich persönlich übel nahm war, dass er die guten Sachen nicht zu schätzen wusste.

    Nach nur vier Tagen starrten die Kleidungsstücke bereits vor Dreck und in einem Ärmel war ein Brandloch. Nun reuten ihn die vielen Stunden, die er damit zugebracht hatte, die verschlissenen Stellen der Kleidung so kunstvoll zu nähen, dass sie nicht wie aufgetragen aussah.

    Obwohl die großen Kronen der Bäume die direkte Sonne fern hielten, wurde es ziemlich warm. Aber nicht das war der Grund für die Räuber, an diesem Tag schon zur Mittagszeit eine Rast einzulegen und den Jungen wieder etwas abseits an einem Baum zu binden.

    Ein Buschsaum kennzeichnete das Endes des Waldes.

    Dem leisen Murmeln der Halunken konnte Alastair entnehmen, dass hinter dem Buschsaum eine Straße lag, und ab sofort wollten die Räuber nur noch im Schutze der Dunkelheit mit ihrem Gefangenen unterwegs sein.

    Alastair schloss die Augen und blendete das Gemurmel der Männer aus. Nicht nur sein Körper hatte unter den Strapazen der letzten Tage gelitten, die ständige Angst und die Demütigungen hatten ihn auch emotional erschöpft. Einzig der Gesang der Vögel vermochte noch den Schutzwall dumpfer Gleichgültigkeit zu durchdringen, der den Jungen wie eine dichte Nebelwand vor der grausamen Realität zu schützen versuchte.

    Offenbar bot der lange Buschsaum vielen Vögeln eine Heimat und nach einiger Zeit war Alastair ganz in den Versuch vertieft, die Stimmen den Arten zuzuordnen, die er kannte, und neue zu entdecken. Besonders spannend fand er den kunstvollen, fast metallisch klingenden Ton, der die Gesänge leise untermalte. Den hatte er schon mal gehört, aber in seinem Kopf wollte sich kein passender Vogel dazu abbilden.

    Erst, als der Ton immer lauter wurde, erkannte er seinen Irrtum.

    Das war kein Vogel.

    Das Geräusch kam von der Straße.

    Sofort schnellte sein Herzschlag in die Höhe und er riss die Augen weit auf. Vielleicht nahte dort seine Rettung.

    Natürlich hatten auch die Räuber das Geräusch bemerkt. Zwei von ihnen liefen sofort geduckt auf die Büsche zu, um nachzuschauen. Nur einer kam kurze Zeit später wieder. Sein hässliches Grinsen bereitete Alastair schon auf die Enttäuschung vor. „Nur eine vollgepackte Kutsche mit Ochsengespann. Unbegleitet. Und anscheinend nur ein Mann!“

    Kaum hatte der Späher das ausgesprochen, sprangen die restlichen Räuber in gieriger Vorfreude auf und griffen nach ihren Waffen.

    Aufsteigende Tränen ließen Alastairs Sicht verschwimmen. Was für ein mieses, feiges Pack diese Räuber doch waren, alle gemeinsam auf einen armen Mann losgehen zu wollen.

    Das Geräusch wuchs zu einem infernalischen Geschepper und Geklapper an und verstummte abrupt, als die Bande aus den Büschen sprang.

    „Endstation, Freundchen!“, hörte er den Anführer der Räuber triumphierend rufen.

    „Na, ihr Arschlöcher kommt mir gerade recht!“, antwortete eine raue Stimme gar nicht ängstlich, und schon ertönten neben dem Geräusch wuchtig aufeinander treffender Klingen die ersten Schmerzensschreie.

    Stumm betete der Junge zur Ewigen um ihren Segen für den Reisenden.

    Tatsächlich hielten die Kampfgeräusche noch eine Weile an, bevor sie von einem Rascheln im Buschsaum abgelöst wurden.

    Alastair hatte zwar erwartet, dass die Räuber zurückkamen, aber dass die beiden, die da kamen, rannten, überraschte ihn dann doch.

    Ein seltsam dumpfes Geräusch ertönte zwei Mal kurz hintereinander und beendete den Lauf beider Lumpen. Mit leerem Gesichtsausdruck und starren Blicken stürzten sie zu Boden.

    Aus jedem Rücken ragte der Stiel einer Axt.

    Hastig kehrte der Blick des Jungen zum Buschsaum zurück und fand dort einen Mann, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Er war zwar kein Riese, aber so breit und dick, dass er aussah wie einer, den man geschrumpft hatte.

    Sein Gesicht war eingerahmt von einer Flut langer, krauser, rotbrauner Haare und einem ebensolchen Vollbart. Trotz seiner Körperfülle bewegte sich der Fremde schnell und geschmeidig auf den ersten Toten zu und zog diesem die Axt aus dem Leib, was ein ekelhaftes Geräusch verursachte. Auch die zweite Axt holte er sich zurück. Dabei suchten seine Augen unablässig konzentriert den Wald nach weiteren Gegnern ab, die Äxte in den Händen und die Knie leicht eingeknickt.

    Alles an diesem seltsamen Mann strahlte eine ungeheure, geradezu animalische Stärke aus.

    Unweigerlich musste Alastair an einen wütenden Bären denken.

    Ohne den Wald aus den Augen zu lassen, kam der Bärenmann auf ihn zu, legte eine Axt auf dem Boden ab, sicherte den Stiel mit seinem Fuß, zog mit der freien Hand ein Messer aus seinem Gürtel und durchtrennte mit einem ersten Schnitt die Stricke, die Alastair an dem Baum banden, und mit einem zweiten die Fesseln an dessen Handgelenken. Dann steckte er das Messer wieder weg und nahm die Axt auf.

    Ungeschickt, weil seine Hände noch taub und geschwollen waren, befreite sich Alastair selbst von seinem Knebel.

    „Es sind neun Räuber!“, keuchte er.

    „Waren“, korrigierte ihn der Bärenmann. Er entspannte sich, wischte die Blätter seine Äxte an einem nahen Farn ab und steckte die Waffen in seinen Gürtel.

    „Bist du verletzt?“

    Alastair schüttelte den Kopf. Der Fremde streckte ihm eine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen. Ungläubig starrte der Junge auf diese riesige Pranke, die in einen Unterarm überging, der dicker war als seine eigenen Oberschenkel. Aber kein Gramm Fett war daran zu sehen.

    „Was ist? Willst du da Wurzeln schlagen?“

    Errötend ließ der Junge seine geschwollene Hand in der Pranke verschwinden. Der Mann zog ihn so mühelos auf die Füße, als wöge er nichts.

    „Danke“, sagte Alastair leise, doch der Bärenmann hatte sich schon umgedreht und schritt auf die Büsche zu. Alastair folgte ihm unsicher. Er konnte nicht aufhören, den Mann anzustarren. Er war nur wenig größer als er selbst, hatte enorm breite Schultern, beeindruckend muskulöse Arme, breite Hüften und Beine wie Baumstämme. Sein einfaches, ungefärbtes Leinenhemd war an einigen Stellen zerschnitten und ließ ein Kettenhemd hervorblitzen. Dazu trug er eine dunkle Hose aus Leder.

    Eine Wurzel mahnte den Jungen, besser auf den Boden zu achten.

    Ob es dem Mann überhaupt recht war, dass er ihm folgte? Aber was sollte er sonst machen?

    Der Bärenmann hatte den Buschsaum erreicht und drückte mit seinem mächtigen Leib die Zweige einfach beiseite.

    Alastair eilte sich, den Abstand zu verringern, nachdem ihn ein stärkerer Ast beim Zurückschnellen fast umgeworfen hätte.

    Heiß schoss ihm das Blut ins Gesicht.

    Er sah nicht nur schmutzig aus und roch ekelig, sondern stolperte so ungeschickt wie ein Trottel hinter dem Fremden her und das, obwohl ihn der Mann mit keinem Wort aufgefordert hatte, ihm zu folgen.

    Seine Gedankengänge fanden ein jähes Ende, als sein nackter Fuß in etwas feuchtes, warmes trat, das seine Augen als Eingeweide identifizierten.

    Reflexartig riss er den Fuß hoch und starrte voller Entsetzen auf das Gemisch aus Blut, Kacke und Verdauungssäften, das zwischen seinen Zehen hoch gequollen war.

    Das allein war schon schlimm genug, aber dass er an den verschmutzten Stellen auch gleich ein deutliches Brennen spürte, machte den Albtraum perfekt. Wie gelähmt blieb er stehen, unfähig, etwas Sinnvolles zu tun.

    „Wo bleibst du denn?“

    Dem Bärenmann war aufgefallen, dass die Schritte hinter ihm verstummt waren.

    „Ich bin da in etwas reingetreten!“, wimmerte der Junge mit hoher, gepresster Stimme.

    „Und jetzt willst du auf den nächsten Regen warten, oder was?“

    Alastair zuckte zusammen.

    Mit einem großen Ausfallschritt rettete er sich in ein paar sauber aussehende Brennnesseln und wischte seinen Fuß hastig an ihnen ab, bevor er mit zwei weiteren großen Schritten den Buschsaum hinter sich brachte und auf die Straße trat.

    Dort schnappte er erschrocken nach Luft.

    Noch nie zuvor hatte er ein Schlachtfeld gesehen, er kannte den Begriff nur aus Heldensagen.

    Natürlich wusste er, dass dort die besiegten Feinde tot auf dem Boden lagen, aber in seiner Vorstellung waren sie an Stichwunden durch Schwerter oder durch Pfeile gestorben.

    Diese Vorstellung wurde bereits vom ersten Toten grausam korrigiert.

    Dessen Unterkörper lag am Rande des Weges. Der Rest, ab Taille aufwärts lag etwa drei Schritte entfernt in der Mitte des aus festem Lehm bestehenden Weges. Ein See aus Blut und Exkrementen, durchzogen von grau glänzenden, vielfach zerschnittenen Darmschlingen, zeugte von der einstigen Verbundenheit der Körperteile, und an diesem See labten sich schon jetzt unzählige dicke, grün glänzende Fliegen.

    Hastig senkte Alastair seinen Blick. Mehr wollte er gar nicht sehen. Der unmittelbare Bezug zwischen den Begriffen Schlachtfeld, Schlacht und der Arbeit eines Metzgers hatte sich ihm eindrücklich genug erklärt.

    Das Seufzen des Bärenmannes übertönte das Summen der Fliegen.

    „Mach einfach die Augen zu, ich trag dich zum Wagen, Junge.“

    Hallo Feron

    ich habe den Prolog (absichtlich) kurz gehalten und die Völker in ihrem Selbstverständnis flüchtig skizziert.


    … nackte Charaktere sind in meinen Augen keine gute Idee.


    Einer Krone gleich trug sie als die Erste des hohen Volkes Blumen im Haar. Sonst trug sie nichts.

    ...sorry.:alien: Die "alten Völker" werden in der Geschichte noch ausführlicher erwähnt werden. Sie waren "geheimnisvoll", und ihre Geheimnisse wollte ich nicht schon im Prolog lupfen. Die "ominöse offizielle Version" bezog sich auf den Bann. der die alten Völker in die neue Welt gebracht und damit den Krieg beendet hat. Sie sind abgehauen, sonst hätten sie ihn verloren und wären vernichtet worden. Jeder glaubt, das hohe Volk hätte diesen Bann allein geschaffen. Das ist die offizielle Version.


    Beim "Drama" zwischen Ruitgar und Gembries möchte ich darauf hinweisen, dass Ruitgar im Alter von 74 verstorben ist. Sprich, auch Gembries ist kein junger Mann mehr, es liegen Jahrzehnte zwischen dem Tod der Kuh und dem des Onkels. Gembries hat viel erlebt und gesehen, was den Tod der Kuh "relativiert" hat. Dein Vorschlag klingt zwar interessant, aber Ruitgar hätte es schon damals physisch nicht geschafft, alleine eine Kuh zu zerlegen. Das ist schwere Arbeit. Und Gembries war nie der Typ, der geheult hätte. Er schlägt eher zu.;)

    Hallo Asni und Stadtnymphe

    das Setting der eigentlichen Geschichte (beginnend in der alten Welt) soll mittelalterlich sein, allerdings standen die Menschen meiner Geschichte nie unter dem Einfluss einer strengen Kirche und sind im Denken "moderner" als im realen Mittelalter. Ich hoffe, das "mittelalterliche" wird bald deutlich werden.

    LG

    melli

    Hey, melli ,


    Ich denke da gerade ein bisschen an Beschreibungen mittelalterlicher Feste, wo immer etwas mehr Details genannt werden. Etwa, wie prächtig die Stadt / Burg / ? mit im Wind wehenden Fahnen geschmückt ist, wie viele Tiere und erlesene Speisen vor- und zubereitet werden, dass fahrende Spielleute aus allen Teilen der Welt ihre Lieder zum besten geben etc. Mir gefällt der Gedanke, dass das Fest bei dir auch eine religiöse Bedeutung hat - den Segen der Ewigen zu erwirken - auch daran könntest du anknüpfen und z.B. die höchste Priesterin erwähnen, die mit ihrem Gefolge extra aus dem Tempel in die Hauptstadt gereist ist (falls das inhaltlich passt). Spannung könntest du dadurch erzeugen, dass du auch die Stimmung und Erwartung der Feiernden beschreibst, bis diese dann gebrochen wird durch die Erkenntnis, dass dieser eine Typ fehlt.


    Mal sehen, wie es mit der Geschichte weitergeht ^^

    Hi Asni,

    es ist kein mittelalterliches Fest, es gibt auch keine Burgen oder sonst etwas ;-). Es ist die erste Zusammenkunft dieser Völker in einer NEUEN Welt. Und es gibt eine ALTE Welt, der sie ursprünglich entstammen und wo ein Krieg das "hohe Volk" fast ausgerottet hätte. Ich hoffe, es geht aus dem Prolog hervor, dass diese Völker durch einen Bann, der (offiziell!!) vom hohen Volk gewirkt wurde, in diese Welt kamen. Und dass das hohe Volk beim Urheber des Banns nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. Wer immer da noch mitgewirkt haben könnte, hat sich jedenfalls "rückversichert" und jemanden aus den Völkern dabehalten, der denen sehr wichtig ist. Das ist die "Grundlage", auf der die Geschichte basiert.


    Hi Kye,

    schön, dass du wieder dabei bist.:love: Bei Gembries und Alastair sind es eigentlich nur "Kleinigkeiten", die sie menschlicher und tiefer gestalten sollen. Die größten Änderungen habe ich bei Nisha und Vaine geplant sowie bei den Schatten als solches. Zudem will ich die Geschichte etwas straffen und ein paar Nebenchars kicken. Ich hoffe, dass ich meine Ideen diesmal umgesetzt bekomme :/. Es wird die gleiche Geschichte bleiben, nur halt anders erzählt (und dann hoffentlich auch bis zum Ende kommend). Die alte Version hat mir nicht mehr gefallen (auch nach 3 Jahren sacken lassen nicht) und zumindest meine Motivation ist jetzt endlich wieder da, :D

    Lg

    melli


    -2 -

    War da hinten etwa gerade eine Schnepfe vorbeigelaufen?

    Aufgeregt reckte Alastair seinen Kopf. Was ein Fehler war, denn gleich darauf verfing sich sein Fuß in einer Wurzel und er schlug der Länge nach hin.

    Mist. Wie peinlich!

    „He, was soll das denn? Trottel!“, schimpfte der Mann, der seine Leine hielt, auch gleich los. Die anderen Räuber hielten an, warfen ihm missbilligende Blicke zu und machten abfällige Bemerkungen.

    Alastair spürte, wie sein Kopf heiß wurde, als er sich, ungeschickt wegen der auf dem Rücken gefesselten Hände, mühsam vor aller Augen vom Boden erheben musste. Bestimmt war er jetzt rot wie eine Beete und schmutzig wie ein Lump.

    „Es tut mir leid“, wollte er sagen, doch sein Knebel ließ nur ein „Hnhnhnnn“ durch.

    Ein heftiger Ruck an seiner Leine war das Zeichen, dass es weiterging. Bemüht, Schritt zu halten, starrte Alastair mit gesenktem Kopf dumpf auf den Waldboden.

    Tränen stiegen ihm in die Augen und ließen seine Sicht verschwimmen. Sie liefen ihm auch aus der Nase, und weil er wegen des Knebels nicht durch den Mund atmen konnte, musste er ständig laut schniefen, so dass jeder mitbekam, dass er heulte. Die Würdelosigkeit seiner Lage verstärkte den Tränenfluss.

    Eine tiefe Resignation ergriff Besitz von dem Jungen.

    Er hatte sich immer auf das Leben gefreut und schon Pläne gemacht gehabt, was er alles sehen und tun wollte, sobald er dem Waisenhaus entwachsen war.

    Doch schon kurz nachdem er die ersten Schritte in sein eigenes Leben getan hatte, stellte ihm das Schicksal ein Bein, erwies sich als gemein, hinterhältig, grausam und gefährlich und verhöhnte all seine Prinzipien.

    Sei nett und man wird nett zu dir sein. Tue Gutes und dir wird Gutes widerfahren. Arbeite und lerne fleißig, dann wirst du Erfolg haben und ein glückliches Leben führen.

    Von wegen.

    Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Da war der Pferdezüchter, der einen Jungen suchte, der später auch für die Verwaltung des Gestüts geeignet sei. Alastair war schon stolz gewesen, dass er zu den Jungen gehörte, die diesem Mann vorgestellt wurden. Und er hatte sich von ihm prüfen lassen. Rechnen, schreiben, lesen, Textverständnis, Auffassungsgabe, Allgemeinwissen. Er wusste, dass er auf diesen Gebieten punkten konnte, und freute sich sogar, endlich seine erworbenen Fähigkeiten an den Mann bringen zu können.

    Doch er wusste auch, dass er unter allen Kandidaten der schmächtigste war. Zwar lange nicht der Kleinste seines Alters, aber die Schultern schmal, die Figur fast zierlich zu nennen, mit schmalen Händen und langen, dünnen Fingern traute ihm niemand eine körperliche Arbeit zu, obwohl er auf dem Feld den anderen in Nichts nachstand.

    Die Ablösesumme für einen gebildeten Waisen war hoch und so war es üblich, dass die Interessenten nach so einem Vorstellungsgespräch ohne Jungen nach Hause gingen, um in Ruhe und mit Bedacht ihre Auswahl treffen zu können.

    Eine Woche hatte Alastair zwischen kühnsten Träumen, wilder Hoffnung und mahnender rationaler Bescheidenheit schwankend verbracht.

    Dann erschien ein mürrisch dreinblickender, wortkarger Mann auf einem Pferd, der von dem Gestüt gesandt war, um den Vorvertrag abzuschließen und den erwählten Jungen für vier Wochen zum Probearbeiten abzuholen.

    Während er bei der Hausmutter die Papiere unterzeichnete, hatte Alastair mit wild klopfendem Herzen in der Nähe der Türe gewartet, vor Aufregung unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

    Endlich kamen die beiden aus dem Zimmer heraus und der Moment, als die Hausmutter ihm zunickte und Alastair aufforderte, schnell seine Sachen zu packen, war der glücklichste seines Lebens. Er glaubte, das ganz große Los gezogen zu haben und war dem schweigsamen Mann vom Gestüt, der sich als Grigor vorstellte, wie auf Wolken gefolgt, beflügelt von den schönsten Träumen.

    Die brutal zerplatzen, als nach zwei Reisetagen an einer einsamen Stelle eine Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten aus einem Gebüsch auftauchte, die von Grigor mit einem Kopfnicken begrüßt wurde.

    Bevor er wusste, wie ihm geschah, wurde er zu Boden geworfen, gefesselt und geknebelt. Grigor saß dabei ruhig auf seinem Pferd und machte keine Anstalten, ihm zu Hilfe zu eilen. Auf den entsetzten Blick des Jungen huschte nur kurz etwas wie leichtes Bedauern über seine Züge.

    „Es ist nichts Persönliches, Junge, aber der zukünftige Verwalter des Gestüts werde ich selber sein“, hatte er von sich gegeben und dann seinen Weg fortgesetzt, ohne sich noch einmal umzudrehen.

    Hallo Stadtnymphe,

    erstmal vielen lieben Dank für die Rückmeldung (und das viele Lob:blush:).

    Ja, der Prolog :D- ich weiß, dass er dem Leser erstmal kaum Infos gibt. Er ist nur eine Momentaufnahme - und erklärt sich erst im Laufe der Geschichte - ebenso, was ein Tonde ist und Ursa, die Kinder des Windes und der Sümpfe und das hohe Volk und wie das überhaupt alles zusammenhängt. Meine Intention ist es, "Epik" per "show, don´t tell" zu verkaufen, und ich hoffe, dass es mir gelingt. Die Geschichte ist in sich geschlossen, es gibt dazu keine nötigen Vorinformationen.

    LG

    melli

    Hallo Tariq

    Für alle, denen es noch nicht zum Hals heraushängt, hier die nächste Version von meiner Geschichte :rofl:

    Irgendwann werde ich es mit der Schreiberei gebacken kriegen.:sarcastic:

    Wie immer ist Kritik gerne gesehen und eine große Hilfe (besonders inhaltlich). :)



    Prolog


    Ein Fest hätte es werden sollen. Ein Fest von historischer Bedeutung. Denn zum ersten Mal seit Anbeginn hatte das hohe Volk eingeladen, zum ersten Mal wollte man gemeinsam feiern, es wäre das erste Fest in der neuen Welt, das größte, das jemals stattgefunden hätte und einen ganzen Mond sollte es dauern.

    Mit diesem Fest wollte man nicht nur den Segen der Ewigen erwirken für die neue Welt, sondern auch den elementaren Völkern danken für deren Beistand im langen Krieg. Es sollten die vielen Helden geehrt und der Toten gedacht, die Ereignisse der alten Welt zusammengetragen und den Chronisten damit ermöglicht werden, diese Geschichten aufzuschreiben, damit sie der Nachwelt erhalten blieben. Außerdem wollte das hohe Volk wortlos darstellen, wie klein es geworden war. Nur wenige Hundert hatten den Krieg überlebt. Es würde vielleicht den Beistand der Elementaren brauchen, bis es zur alten Stärke zurück gefunden hatte. Und es wollte natürlich huldvoll die Dankbarkeit der anderen Völker entgegennehmen, denn schließlich hatten sie den Bann geschaffen. So lautete zumindest die offizielle Version. Aber auch Tanz und Musik sollten nicht zu kurz kommen, Speis und Trank würden die Gäste selbst mitbringen.

    Das war der Plan.

    Und sie kamen. Festlich gekleidet und in großer Zahl trafen die Kinder der Sümpfe und des Windes ein. Auch Ishaya hatte sich fein gemacht. Einer Krone gleich trug sie als die Erste des hohen Volkes Blumen im Haar. Sonst trug sie nichts. Die Luft war bereits erfüllt von Stimmen und dem Duft vielfältiger Speisen, welche die Gäste mitgebracht hatten, als endlich auch die Kinder Ursas erschienen. Die Gespräche verstummten. Denn Ursas Volk hatte sich nicht festlich herausgeputzt. Zu finsteren Mienen trugen sie volle Rüstung und statt Speisen und Getränken hatten sie ihre Waffen mitgebracht. Im Krieg hatte dieser martialische Anblick Ishaya stets erfreut, denn mehr als einmal hatten sie durch ihr Eintreffen einer verloren geglaubten Schlacht zum Sieg verholfen. Doch zu einem Fest war das nicht der richtige Aufzug. Hastig suchte ihr Blick die vordere Reihe der bedrohlich wirkenden Männer und Frauen ab. Wo war er denn nur? Mit bitterem Grinsen trat einer der Krieger vor. „Hohe Frau“, neigte er kurz grüßend seinen Kopf, um sie dann mit seinem Blick zu fixieren. „Wie ich sehe, hast du in deiner unendlichen Weisheit unser Problem sofort erfasst.“ „Wo ist euer Tonde?“ „Genau das fragen wir uns auch. Kann es sein, dass dein Bann ihn drüben vergessen hat?“ Das Entsetzen in den Zügen Ishayas war echt. Und langsam, fast behutsam formulierten ihre Gedanken das Offensichtliche. Er hatte ein Pfand behalten. Und zwar nicht irgendein Pfand, nein. Er hatte ausgerechnet den Tonde genommen. Den mächtigsten Mann der elementaren Völker und mit ihm Ursa selbst. Und nun würden sie die Schuld begleichen müssen, um den Frieden in der neuen Welt zu erhalten.



    Etliche Jahre später in der alten Welt


    -1-


    „Eh!“ Unwillig fuchtelnd scheuchte Gembries ein paar Bienen und Hummeln weg, die ihm fast in den Bart geflogen wären.

    Vor einer Woche war der letzte Schnee dem Frühling gewichen, der mit blauem Himmel und ungewöhnlich warmen Temperaturen aufwartete. Man könnte auch sagen, der Winter war fluchtartig verschwunden und hatte die Türe fest ins Schloss geworfen.

    Und die alte Salweide, die Gembries bei seinem letzten Besuch noch für tot gehalten hatte, strotzte plötzlich vor Leben und reckte mehr Kätzchen in die Sonne, als er Haare auf den Zähnen hatte.

    Dafür war der Onkel tot.

    Nachdenklich starrte der kräftige Mann auf das frische Grab herunter.

    Sein letzter Familienangehöriger.

    Erstaunliche vierundsiebzig Jahre war Ruitgar alt geworden.

    Aber gestorben war er schon viel früher.

    Gembries warf einen Blick zum kleinen Rosenstrauch herüber, an dessen sparrig bedornten Zweigen die ersten Blattknospen schwollen. Dort lag Ruitgars einziges Kind, Tom.

    Tom war nicht nur mit dem Klumpfuß und der verkrüppelten Hüfte seines Vaters geboren worden, er hatte zusätzlich auch einen Herzfehler gehabt.

    Die letzten drei seiner zehn Jahre hatte er im Bett liegend und nach Luft ringend verbracht.

    Ruitgar war daran zerbrochen.

    Das Leid seines Sohnes jeden Tag vor Augen zu haben, hatte es für den Alten nicht einfacher gemacht, den Sohn seines verstorbenen Zwillingsbruders aufzuziehen. Denn genau wie sein Vater war Gembries außergewöhnlich kräftig, stark und gesund.

    Und genau wie bei den ungleichen Brüdern war auch Gembries mit einem Zwilling viel zu früh geboren worden, nur starb sein Bruder schon bei der Geburt.

    In beiden Fällen hatten auch die Mütter die Geburt nicht überlebt.

    Die Schankdirne, die Ruitgar geschwängert und geheiratet hatte, war somit die erste Frau, der es gelang, ein Kind dieser Familie normal auszutragen und nicht gleich nach der Geburt zu sterben.

    Der Schock, dass sein Kind trotzdem nicht gesund auf die Welt kam, hatte in Ruitgars Seele einigen Schaden verursacht. Ob es am beginnenden Wahn lag, in den sich sein Onkel flüchtete, oder am Baby selbst, jedenfalls verschwand die Schankdirne, kaum dass sie nach der Geburt wieder laufen konnte, und ließ Ruitgar mit seinem kranken Kind einfach sitzen.

    Etwa ein Jahr später wurde Ruitgars Bruder von einem bekloppten Pferd zu Tode getrampelt und der damals zweijährige Gembries kam mangels Alternativen zu ihm. Dort wuchs er auf als der ungeliebte Neffe.

    Gembries konnte nur vermuten, dass sein Vater Geld hinterlassen hatte. Er hatte Ruitgar nicht einen einzigen Tag im Leben arbeiten sehen. Tom war bei aller Krankheit ein sehr kluges Kind gewesen und Ruitgar hatte ihn mit fast fanatischem Eifer unterrichtet, jeden verdammten Tag.

    Wenn Tom schon durch einen schwachen Körper ins Bett gezwungen wurde, sollten wenigstens Geist und Verstand sich frei entfalten dürfen.

    Bei Gembries verhielt es sich genau umgekehrt. Ihm wurde nur beigebracht, wie er Gemüse anzubauen, die Hühner und die Kuh zu versorgen und den Haushalt zu führen hatte.

    Für Gembries war das völlig in Ordnung gewesen, er hätte nicht mit seinem Cousin tauschen wollen, nicht um alles in der Welt. Aber je schlechter es Tom ging, desto weniger konnte Ruitgar den Anblick seines gesunden Neffen ertragen.

    Er begann, ihn zu schikanieren, faselte von schlechtem Blut und versuchte, ihm die Schuld für alles Übel in der Familie zu geben. Erst kamen nur hässliche Worte, dann folgten Schläge, dumme und unnötige Strafen und schließlich, drei Tage, nachdem sie Tom zu Grabe getragen hatten, schickte Ruitgar Gembries ins nächste Dorf, um Eier zu verkaufen und tötete in der Zeit die Kuh, das einzige Wesen auf dieser Welt, vom dem Gembries je Liebe und Zuneigung erfahren hatte.

    Mit einem hässlich wissenden Grinsen auf dem Gesicht forderte er seinen Neffen nach seiner Rückkehr dazu auf, zwei schöne Steaks aus dem geliebten Tier zu schneiden und einen angemessenen Leichenschmaus für Tom daraus zu braten.

    Dieser Moment, als der Onkel mit seiner Forderung vor Linchen stand, die mit zerschmettertem Schädel brutal totgeschlagen im Dreck lag, stand Gembries Zeit seines Lebens deutlich vor Augen.

    Und bis heute konnte er sich nicht daran erinnern, was direkt danach geschah. Seine Erinnerung setzte erst wieder an dem Punkt ein, wo Ruitgar mit einem bis zur Unkenntlichkeit geschwollenen, blutigen Gesicht bewusstlos vor ihm auf dem Boden lag und Gembries noch so außer sich vor Hass und Rage war, dass ihm nur noch die Wahl blieb zwischen sofortiger Flucht und Totschlag.

    Er war gegangen.

    Und er hatte fünfzehn Jahre gebraucht, um wieder zurückkehren zu können.

    Vorgefunden hatte er einen gebrochenen, verstummten Mann, der sein Elend im Schnaps ertränkte, den er aus den Früchten seiner Obstbäume brannte. Zu sagen hatten sich die beiden nichts mehr.

    Gembries blieb nur so lange, wie er brauchte, um die Hütte instand zu setzen und aus dem Saustall im Inneren eine menschenwürdige Unterkunft zu machen. Dann fuhr er wieder davon, nachdem er dem Onkel auch die Speisekammer gefüllt und ein paar Münzen dagelassen hatte.

    Fortan wiederholte er diese Besuche regelmäßig, die Intervalle wurden mit zunehmenden Alter des Onkels immer kürzer.

    Vor nur sechs Wochen war er das letzte Mal hier gewesen.

    Zwar waren Ruitgars Augen da schon gelb und sein Bauch deutlich dicker geworden, aber dass es so schnell mit ihm zu Ende gehen würde, hätte Gembries dann doch nicht gedacht.

    Es war Zeit für ein paar passende Worte.

    „Arme Sau! Mögest du Frieden finden!“ Damit war wohl alles gesagt, was es zu sagen gab.

    Seufzend wandte sich der kräftige Mann vom Grab ab und trat auf die Hütte zu. Es war kaum anzunehmen, dass Ruitgar die letzten Almosen seines Neffen in den letzten sechs Wochen verprasst hatte, und es waren genug Münzen gewesen, um sich dem erbärmlichen Gestank nochmal auszusetzen.

    Zudem war sich Gembries ziemlich sicher, das geheime Versteck des Alten zu kennen.

    Es gab nur eine Diele im Boden, die an einem Ende immer sauberer war als der Rest.

    Mit einem Messer hebelte er das Brett hoch, und tatsächlich fand er darunter den Beutel, in dem Ruitgar seine Barschaft aufbewahrte, und zwar deutlich praller gefüllt als vermutet.

    Doch das war noch nicht alles.

    In ein Wachstuch eingeschlagen lag eine lederne Mappe darunter.

    Gembries zog die Stirn kraus. Ob der alte Zausel etwa ein Testament gemacht hatte?

    Der Gedanke entlockte ihm ein spöttisches Grinsen, welches sich jedoch verflüchtigte, als er die mit seltsamen Zeichen bedeckten Pergamente sah, die in der Mappe lagen. Mangels Übung war alles, was ihm sein erster Meister an Lese – und Schreibfähigkeiten vermittelt hatte, stark eingerostet.

    Aber ganz sicher hatte er solche Schriftzeichen noch nie gesehen.

    Vorsichtig hob er das erste, hauchdünne und trotzdem stabil erscheinende Blatt an und schnupperte daran. Ziegenleder? Auch das war ungewöhnlich. Wer benutzte noch Leder, wo es doch schon lange Papier aus Pflanzenfasern gab?

    Ob das etwa … ?

    Der Gedanke, ausgerechnet hier Schriften eines alten Volkes vorzufinden, war zwar geradezu abenteuerlich, aber trotzdem da. Sollte es sich um einen letzten Scherz Ruitgars handeln, der für sich allein eine Geheimschrift erfunden hätte, um das Elend seines Daseins in Worte zu fassen, würde sich Gembries zwar blamieren. Aber wenn das wirklich von den Alten stammte, wären die Pergamente sicher ein Vermögen wert.

    Und wo er doch sowieso zur Hohen Feste musste, um den Tod seines Onkels zu melden, konnte er die Mappe gleich mitnehmen und dort einem Gelehrten zur Ansicht geben. Vorsichtig schlug er sie wieder in das Wachstuch ein und wollte, tief in Gedanken versunken, das Brett wieder an seinen Platz drücken, als ihm noch ein kleiner Lederbeutel auffiel, der halb im Dreck verborgen lag. Er puhlte ihn hervor, öffnete das Band und ließ den Inhalt in seine geöffnete Handfläche fallen.

    „Uff!“, stieß er überrascht aus. Fassungslos starrte er auf den größten Diamanten, den er je gesehen hatte.

    Das konnte ja wohl nicht wahr sein.

    Der Stein füllte fast die gesamte Handfläche seiner gewaltigen Pranke aus. Er war facettenreich geschliffen und in seinem Inneren funkelten Splitter aller bekannten Edelsteine in einem Kreis, der in seiner Gleichmäßigkeit wie eine Iris wirkte.

    Eingefasst war der Stein mit kunstvoll geschmiedetem Silber, das in eine Kette überging, deren einzelne Glieder ebenso kunstvoll verziert waren.

    Wobei – für Silber war es zu hell und zeigte keine Stelle, die angelaufen wäre. Prüfend hielt Gembries seine Nase daran.

    Platin?

    Der Kontrast zwischen der ärmlichen Hütte und dem ungeheuren Wert seines Fundes löste eine Art Schockstarre bei Gembries aus. Der erste klare Gedanke, der sich aus den Tiefen seiner ohnmächtigen Überraschung löste, war, dass Ruitgar diesen Stein nicht legal erworben haben konnte. Niemals.

    Der zweite war, dass dieser Stein berühmt sein musste. Berühmt für seine Schönheit und seinen Wert. Mit zitternden Händen verstaute er seinen Fund in dem schmutzigen Beutel und diesen in seinen Gürtel.

    Dann nahm er die Mappe und das Geld und verließ den Ort seiner Kindheit, um nie mehr hierher zurückzukommen.

    *Leisereinschleich* :blush:

    Nach erneuter langer Schreibblockade (und die, obwohl ich doch eigentlich wusste, was als Nächstes kommen und wie alles weitergehen und enden soll) muss ich jetzt einfach mal Butter bei die Fische tun.
    Und schlicht und ergreifend zugeben, dass ich bei allem Unterhaltungswert und trotz der bereits umfangreichen Schreiberei die Geschichte erneut verkackt habe.:patsch:

    Bitter, aber es ist so. Meinen aufrichtigen Dank allen Kritikern, die diesen Denkprozess ausgelöst haben!:loveyou:

    Nach über 300 Seiten begrüsst man diese Erkenntnis natürlich erstmal nicht, zumal es schon vor meiner Anmeldung in diesem Forum bereits mehrere vergebliche Versuche gegeben hat, die Geschichte zu Papier zu bringen.;(

    Aber immerhin war dies jetzt die erste Version, in der ich Gembries und Alastair zu "starken Charakteren" verhelfen konnte, also insofern schon ein gewaltiger Fortschritt.

    Doch Nisha, Vaine und die Schatten schwächeln daneben, haben keinen strukturellen Aufbau, keinen wirklich nachvollziehbaren Hintergrund und bestehen zu einem großen Teil aus Klischees und mehr oder weniger unterhaltsamen Gefasel, und das nervt mich inzwischen selbst und bremst mich völlig aus.:/ Die habe ich einfach so "hingeschlabbert", obwohl sie "wichtige Rollen" spielen.

    Da die drei aber von Anfang an mit dabei sind, heißt das auch, von Anfang an alles umzuschreiben.8|

    Was natürlich keine reine Freude ist, denn manche Szenen, die ich selbst gelungen fand, werden dann keinen Platz mehr haben.

    Wie dem auch sei, diese Version war ganz nett, aber ich hoffe, ich kann das noch besser ...


    Jetzt verschwinde ich erstmal wieder in eine hoffentlich "kreative Phase". Zu den nötigen Änderungen hab ich zwar schon ein paar brauchbare Ideen, muss aber gucken, wie ich die umgesetzt bekomme und welche Tonart die Geschichte dann haben wird (vllt etwas ernsthafter?) Auch die Feinabstimmung innerhalb der Truppe muss neu justiert werden. Aber irgendwann ... *seufz

    Alastair schoss aus dem Tiefschlaf hoch und sah mit geweiteten Augen hektisch um sich.
    „Guten Morgen!“, brummte Gembries vom Tisch her, an dem er ein frisches, lecker duftendes Brot aufschnitt. Draußen schien es noch dunkel zu sein.
    „Wenn du mich fragst, legst du dich am Besten gleich wieder hin und schläfst weiter“, schlug Gembries nach einem Blick in Alastairs Gesicht vor. Der Junge überlegte kurz, der Gedanke war sehr verlockend. Doch das Laken unter seinen Händen war nass, die Decke war nass, und ein Luftzug fuhr ihm unangenehm über den feuchten, nackten Oberkörper und machte ihn frösteln.
    „Nein, ich bin pitschnass geschwitzt“, murmelte er. „So kann ich eh nicht weiterschlafen.“
    „Geschwitzt?!“
    Irritiert vernahm Alastair den leichten Spott in Gembries Stimme. Erst dann fiel es ihm wieder ein. Das Baby! Erschrocken warf er die Decken ganz zurück. Das Baby lag immer noch in seinem Stoffbündel. Seine Augen waren offen und blickten ins Leere, aber ein Lidschlag zeigte, dass es noch lebte.
    „Dich hatte ich ganz vergessen“, entschuldigte sich der Junge errötend und wollte das Bündel hoch nehmen.
    Es war nass. Und erst jetzt nahm er den Geruch wahr und sah die gelb - braunen Kränze am Rande der Feuchtigkeit, in der er geschlafen hatte. Er erstarrte.
    „Oh!“Tapfer unterdrückte er seinen Ekel. „ Armes kleines Würmchen. Ich habe ganz vergessen, dich gestern frisch zu wickeln. Das wird nicht wieder vorkommen.“
    Er hörte Gembries schnauben und erhaschte noch dessen mitleidigen Blick, bevor dieser wieder aufs Brot starrte und das Schneidemesser hob.
    „Das Baby kann nichts dafür!“
    Das Messer verharrte in der Luft. Als Gembries erneut aufsah, zeigte sein Blick eine Mischung aus Mitleid und Entschlossenheit, die bei Alastair ein warnendes Kribbeln im Inneren auslöste.
    „Alastair, wir werden das Baby nicht…“
    „Es gibt Dinge, die einfach nicht zur Diskussion stehen“, fuhr dieser ihm empört ins Wort. „Dieses Baby zum Beispiel. Ich werde mich darum kümmern, du wirst dadurch in keinster Weise belastet. Aber wir nehmen es mit!“ Allein, dass Gembries etwas anderes für möglich hielt, entsetzte ihn. „Wie kannst du überhaupt nur daran denken, es seinem Schicksal zu überlassen?“, setzte er anklagend hinterher.
    Er sah die Wut in Gembries aufflammen.
    „Werde endlich erwachsen, Junge!“, zischte der Kesselflicker. „Ich habe mich im ganzen Dorf umgesehen. Nicht ein Stuhl ist umgefallen, als die Schatten kamen. Was bedeutet, dass sich niemand dagegen gewehrt hat, verfüttert zu werden oder seine Liebsten auf der Speisekarte von Schattenviechern vorzufinden. Niemand! Und das wiederum bedeutet, dass die Menschen hier alle unter einem starken Schatteneinfluss standen. Glaubt du in deiner grenzenlosen Naivität wirklich, dieser Einfluss hätte vor dem Baby Halt gemacht?“
    Gembries sah den Jungen zusammenzucken.
    „Was du da hätscheln und pflegen willst ist ein Schatten, Alastair! Denk doch mal nach! Das Baby hat stundenlang alleine im Stall gelegen. Ein normales Baby schreit, wenn es allein gelassen wird. Es schreit, weil es Hunger oder Durst hat, weil seine Windeln voll sind, irgend einen Grund zu Schreien wird es schon finden. Ein Baby in diesem Alter strampelt, es bewegt sich normalerweise. Und liegt nicht so regungslos und still in seinen Tüchern wie dieses Kind. Deinen Edelmut in allen Ehren, aber was dich da angepisst hat, ist ein Miniaturschatten, und ich bin nicht Willens, uns deswegen in eine Gefahr zu bringen, die unser Vorhaben gefährden kann. Weißt du, ob der kleine Schatten nicht Auge und Ohr für seine Herren ist? Kannst du ausschließen, dass dieses Kind seine Stimme in genau dem Moment wiederfindet, in dem wir uns unbemerkt an einem Heer vorbei schleichen müssen? Nein, kannst du nicht!“
    Jedes einzelne Wort verstärkte das kalte Grauen, das Alastair überkam.
    „Egal, ob Schatten oder nicht, es ist in erster Linie ein Baby! Und ich werde es mitnehmen und zu den Heilern bringen, dann können die sich um alles Weitere kümmern. Ich kann kein Baby einfach sterben lassen. Ausgeschlossen! Und überhaupt werde ich es jetzt erst einmal versorgen, das arme Würmchen.“
    Das nasse Stoffbündel fest an sich gedrückt, sprang Alastair aus dem Bett und funkelte Gembries herausfordernd an. Doch dann fiel ihm ein, dass er nichts anhatte und diese Tatsache seiner Autorität nicht förderlich war.
    „Wo hast du denn meine Sachen hingelegt?“
    Mit einer Kopfbewegung wies Gembries auf einen Stuhl, der in die Nähe des Herdes gerückt worden war.
    „Wenn sie noch nicht trocken sind, solltest du in den Truhen nach neuer Kleidung gucken. Du hast im Schlaf viel gehustet, das hörte sich nicht gut an.“
    Stirnrunzelnd betrachtete Alastair das Bündel in seinen Armen. Bevor er sich etwas anzog, sollte er sich besser waschen, jetzt, wo er wusste, worin er geschlafen hatte. Und erst, wenn er fertig war, konnte er das Kind versorgen.
    „Und wo kann ich mich waschen?“
    Seufzend legte Gembries das Messer weg.
    „Such dir eine Schüssel, ich hol eben Wasser vom Brunnen.“
    Alastair überprüfte seine Sachen und war erleichtert, dass sie schon trocken waren. Er hätte ungern in den Kleidertruhen von Toten herumgewühlt. Nachdem er sich versorgt hatte, wusch er auch das Baby sorgfältig und wickelte es neu in Tücher.
    „Es ist ein Junge“, stellte er dabei fest.
    „Es ist ein Schatten“, tönte es stur hinter ihm. Tatsächlich war der kleine Junge immer noch ganz still und starrte nur ins Leere.
    „Ach, woher willst du das wissen? Er hat bestimmt einen Schock erlitten bei allem, was hier passiert ist oder ist vielleicht einfach nur krank“, regte sich Alastair auf. „Guck dir doch die kleinen Händchen an und diese winzigen Finger!“
    Es blieb still.
    „Ich werde ihn füttern. Er hat schon zwei Zähnchen, da kann er vielleicht schon etwas anderes vertragen als Milch.“
    Alastair holte eine frische Schüssel, gab Wasser hinein und vermischte es mit Arjun, bis es eine leicht breiige Konsistenz aufwies. Doch egal, wie er sich mühte, das Baby damit zu füttern, es zeigte kein Interesse daran, schluckte nicht und beförderte den Brei mit der Zunge wieder nach draußen.
    „Er mag es nicht.“ Alastair war die Enttäuschung anzumerken.
    „Jetzt wird er mir fast sympathisch!“, sagte Gembries. „Aber auch nur fast. Warte eben, ich glaube, ich hätte etwas zu essen für den kleinen Mann!“
    Gembries verließ das Haus und kehrte kurze Zeit später mit einer bluttriefenden Leber zurück, die er dicht neben dem Baby in die Luft hielt. „Wo hast du das her?“, stieß Alastair entsetzt aus.
    „Von einem toten Kalb auf der Weide. Und schau mal ...“ Der Blick des Babys fokussierte sofort das rohe Fleisch, seine kleinen Händchen griffen gezielt zu, rissen die Leber zum Mund, und gierig begann es, mit seinen zwei Zähnchen darauf herumzukauen.
    „Ein Schatten!“, kommentierte Gembries. „Es hat eine süße Hülle, aber es ist eindeutig ein Schatten und wenn der Kleine könnte, würde er dich töten und fressen. Dieses Wesen da nehme ich nicht mit. Nirgendwo hin.“
    Alastair hielt wie betäubt den warmen, kleinen Körper fest, starrte auf das blutverschmierte Gesichtchen, dass immer noch mit hässlicher Gier an der rohen Leber kaute und begriff langsam, dass er verloren hatte. Gembries würde ihn zwingen, dieses Baby zurückzulassen. Tränen schossen ihm in die Augen.
    „Ich will aber nicht, dass es hier ganz alleine verhungern und verdursten muss“, wimmerte er.
    „Den langsamen Tod können wir ihm ersparen.“
    Langsam hob Alastair das Gesicht und sah Gembries aus geweiteten, nassen Augen an.
    „Wirklich, Gembries? Bist du ein Mann, der ein Baby töten kann? Einfach so? Ein wehrloses Baby? Du? Das hätte ich nicht von dir erwartet.“ Einen Moment lang lastete Stille auf ihnen.
    „Alastair, in diesem Falle ist ein Akt der Gnade. Und er wird mir schwerfallen und mich noch lange verfolgen. Aber das ändert nichts, oder? Mach die Pferde fertig, Junge“, streckte Gembries seine Hände nach dem Kind aus.
    Alastair fühlte sich wie ein Mörder, als er zuließ, dass Gembries ihm das Baby aus den Armen nahm, aber aufstehen mochte er nicht. „Später“, flüsterte er heiser und nahm seine Augen nicht von dem Stoffbündel. Gembries nahm dem kleinen Wurm die Leber ab und warf sie achtlos auf den Tisch, dann hielt er das Baby auf dem Arm und funkelte Alastair an.
    „Jetzt, Fröschlein! Ich werde dem Kleinen nicht weh tun.“
    Das Baby reagierte, als ob es wüsste, was Gembries mit ihm vorhatte. Es zog winzigen Augenbrauen zusammen, starrte den Kesselflicker böse an und mit einem hässlichen Zischgeräusch fuhr sein Ärmchen unter Gembries Bart. Überrascht sah der auf es herunter. Für einen kleinen Moment entspannten sich die Gesichtszüge des Kindes. Seine Augen drückten Erstaunen aus, der kleine Mund verzog sich zu einem Lächeln, dann wurde es grau und hart.

    Das war ja nicht nur das Hemd, sondern auch die "Vervielfältigung" von Sylvana? Und ich hatte den Eindruck, dass die Leute Sir Lotus nicht mehr sehen konnten? Es kamen ja gleich mehrere Dinge, die ich mir logisch nicht erklären konnte.

    Die Größe der beiden geht flüssig rein in den Kopf und ist gut vorstellbar. Cromwell kann also zaubern.
    Warum verlassen die 3 jetzt nochmal die Stadt? Das ging aus der Geschichte nicht wirklich hervor (stand zwar im Klappenetext, aber es würde in der Geschichte selbst nicht stören). Vielleicht wird ja im nächsten Kapitel erwähnt, wer sich das alles ausgedacht hat und warum und warum sie jetzt 2 Wochen (nur?) wo anders bleiben wollen/ müssen/ sollen? Ich vermisse da so ein wenig die Hintergrundgeschichte, die das Ganze zusammenhält.

    Seit sie den Auftrag, dem Hüter Tee zu bringen, an ein junges Ding namens Lisa abgegeben hatte, irrte Nisha ziellos durch die Burg und kämpfte mit widersprüchlichen Empfindungen.
    Sie hatte sich zwar lange und oft genug über Vaines ständige Anwesenheit in ihrem Inneren beschwert, aber dass er sich nun vollkommen zurück zog und noch nicht einmal zur Verfügung stand, wenn sie ihn rief, machte sie auch sauer.
    Ihr Protest war wenigstens nachvollziehbar und differenziert begründet gewesen.
    Sein Verhalten war eine trotzige, kindische Retourkutsche.
    Zwei Treppen und drei Gänge weiter schob sie ein „hoffentlich“ hinterher.
    Seufzend starrte sie in den Regen hinaus und dachte an die Tage zurück, als sie noch mit dem Hüter unterwegs waren. An die vielen Momente, wo Vaine ihr den Arm um die Schulter gelegt, sie sanft berührt oder sich Nachts wärmend an sie geschmiegt hatte.
    Oder an sein Lächeln, wenn er merkte, dass sie sich innerlich über etwas freute, eine schöne Landschaft, den Geruch des Waldes.
    Er hatte ihr den Nacken massiert, wenn sie vom vielen Sitzen im Wagen verspannt war, hatte ihr Arbeiten abgenommen, die Gembries ihr aufs Auge gedrückt hatte und gekämpft, wenn sie in Gefahr waren.
    All diese Gesten, die großen und die kleinen, existierten nicht in seiner Welt.
    Dass er den Wunsch verspürte, sie so zu behandeln und Gefallen daran fand, dass er sich freute, wenn es ihr gut ging, war … war sein Buschwindröschen.
    Gewesen.
    Kaum in der Dorneburg angekommen, hatte sich ihr Verhältnis abgekühlt. Sie war nicht für ihn da, als er bei der Wache zu arbeiten anfing und wegen seiner Herkunft überall auf Ablehnung stieß. Jedenfalls nicht immer freiwillig, sondern oft nur, weil es alle von ihr erwarteten und sie für ihn verantwortlich machten.
    Als er mehr Nähe suchte, um mit all dem zurecht zu kommen, hatte sie sich überfordert gezeigt und ihm diese verwehrt.
    Wenn sie genervt war von der Plackerei in der Waschküche, der Enge der Burg, den vielen Menschen, hatte er es zu spüren bekommen.
    Und sie hatte ihn vor aller Augen mit zwei Essen im Speisesaal stehen lassen und die Gesellschaft von fremden Menschen vorgezogen, mit denen sie nichts verband.
    Sie war wie der Absatz, der auf das kleine Pflänzchen nieder fuhr und seine Knollen zertrat, so dass es nie wieder blühen konnte.
    Und wenn er jetzt einfach Schluss gemacht hatte?
    Nisha spürte bei dem Gedanken lähmende Übelkeit in sich aufsteigen.
    Sie hatte ihm bei ihrem Streit ja noch nicht mal die Möglichkeit gegeben, das auszusprechen. Sondern war einfach Türe knallend abgerauscht.
    Vielleicht war genau das der Moment gewesen, in dem Vaine beschlossen hatte, dass sein Experiment gescheitert war und sie es nicht Wert, weitere Mühen zu verschwenden.
    Yuruk würde ihn sicher mit einem hämischen Lachen sofort wieder aufnehmen, der hasste Frauen sowieso, seit seine Schwester ihn erschlagen hatte.
    Nisha fand sich plötzlich vor dem Übungsplatz der Wache wieder.
    Sie war so in Gedanken vertieft gewesen, dass ihr gar nicht aufgefallen war, dass sie die Burg verlassen hatte.
    Nass war sie auch.
    Der Übungsplatz war leer.
    Fröstelnd schlang sie ihre Arme um die Mitte und machte sich auf den Weg zu Vaines Zimmer, wo sie auf ihn warten wollte. Sie musste lange warten.
    Es war schon fast dunkel, als sich die Türe öffnete und Vaine wie immer lautlos eintrat.
    Nishas Puls begann zu rasen, ihre Hände zitterten.
    Vaine verzog keine Miene bei ihrem Anblick. Aufrecht und stolz sah er sie an und verströmte dabei eine Autorität, die sie befangen machte und alle zurecht gelegten Worte vergessen ließ. Sie musste sogar kurz den Blick abwenden, um ihre Stimme wiederzufinden.
    „Es tut mir leid“, flüsterte sie nur.
    Seine Miene änderte sich nicht.
    Er kam auf sie zu, seine Hände umfassten ihr Gesicht und zwangen sie, zu ihm aufzuschauen.
    Intensiv und doch kühl erwiderte er ihren Blick.
    „Du versuchst immer wieder, mir Grenzen aufzuzeigen, Nisha“, sagte er. „Aber das funktioniert nicht. Ich bin nicht irgend ein Mann, ich bin ein Schatten. Ich akzeptiere keine Grenzen. Ich will alles. Ganz oder gar nicht, das ist die einzige Wahl, die du hast. Ja oder nein. Entscheide dich. Jetzt!“
    Er war ganz bei sich selbst.
    Mit einem Anflug von Panik begriff Nisha, was er da von ihr verlangte. Sie sollte sich völlig in seine Hand begeben, sich ganz aufgeben, um bei ihm sein zu können?
    „Ja oder nein? Jetzt!“, setzte er nach.
    Nisha wurde von einem Schwindel erfasst. Ihr Leben würde ohne ihn leer sein, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass je jemand diese Leere wieder würde füllen können.
    Sie quetschte ein „Ja“ heraus und fühlte sich dabei einer Ohnmacht nahe.
    Vaine nickte.
    „Gut. Dann hätten wir das geklärt.“
    Er, küsste sie kurz, aber fordernd und ließ dann ihr Gesicht los.
    „Du solltest dich schlafen legen, ich werde noch lange beschäftigt sein“ sagte er schließlich sanft, dann war sie wieder alleine. Am ganzen Körper bebend legte sie sich in sein Bett und zog die Decken fest um sich.

    Die Freude in Alastairs Gesicht erlosch. Und als sich die Überraschung auf Gembries´Gesicht in ein tiefes Mitgefühl verwandelte, das nicht dem Baby, sondern ihm zu gelten schien, kam die Müdigkeit mit bleierner Schwere zurück und hatte auch gleich die innere Kälte mit im Gepäck.
    „Was sollen wir mit einem Baby?", fragte Gembries leise.
    Erschauernd presste Alastair das Stoffbündel an sich.
    „Wir können es nicht hier lassen, Gembries“, erklärte der Junge. „Wenn wir es nicht mitnehmen, stirbt es. Es wird verhungern und verdursten.“
    Damit war ja wohl alles gesagt, doch der Ausdruck in Gembries Gesicht änderte sich nicht.
    „Junge, setz dich, iss dich ordentlich satt und mach, das du ins Bett kommst. Wir reden Morgen darüber."
    Dumpf stierte Alastair aus roten Augen erst auf den gedeckten Tisch, dann auf die Betten.
    „Ich glaube, ich bin zu müde, um zu essen“, sagte er schließlich. Ihm war nur noch kalt und schwindelig. „Ich gehe sofort ins Bett.“
    „Aber nicht mit den nassen Klamotten!“
    Alastair antwortete nicht, sondern tapste nur schwerfällig aufs Bett zu, legte das Baby auf das Kopfkissen und wollte sich gerade daneben fallen lassen, als Gembries Pranke ihn an der Schulter erwischte und ihn umdrehte. Apathisch ließ der Junge sich ausziehen und mit einer Decke trocken rubbeln, dann fiel er wie ein Stein neben das Baby, legte den Arm um das Stoffbündel und war eingeschlafen, noch bevor sein Kopf das Kissen berührte.



    Verwundert sah Eiliazar, wie Lysander die Türen des großen Ratssaales schloss, obwohl noch längst nicht alle Heiler versammelt waren. Gut zwei Drittel fehlten, schätze er mit Blick auf die licht gefüllten Plätze.
    „Es wird eine kleine Versammlung bleiben, nachdem heute alle jungen Kollegen zum Dienst in der Stadtwache eingezogen wurden“, reagierte Theolas mit leichter Schärfe auf den Blick des Hüters. „Du wusstest nicht davon?“
    „Wir haben Vaine angesichts des bevorstehenden Angriffs bemächtigt, jeden in die Wache einzuziehen, der fähig ist, eine Waffe zu halten“, antwortete Eliazar mit fester Stimme und ärgerte sich im Stillen darüber, dass sie dabei nicht an die Heiler gedacht hatten, während seine Augen weiter suchend über die Menge glitten.
    Wo blieb Zadhac?
    „Wie du dir sicher denken kannst, hat sich die Versorgung der Kranken dadurch dramatisch verschlechtert. Ich bitte dich, die Besprechung kurz zu halten, auf mich wartet eine Geburt. Die Frau liegt schon in den Presswehen“, ertönte eine angespannte weibliche Stimme aus den hinteren Rängen.
    „Der Einzug der Kollegen in die Wache wird bis zum heutigen Abend einige Menschenleben kosten“, sagte ein anderer Heiler. „Die Situation war angesichts der totalen Überbelegung schon vorher dramatisch, jetzt ist sie unhaltbar. Vor allem fragen wir uns, was das bringen soll. So lange der Feind noch nicht vor den Toren steht, sind die Heiler an den Betten sinnvoller eingesetzt als bei der Wache. Beihu hat sie alle das Kämpfen gelehrt, und was sie jetzt noch nicht können, wird dieser Schatten ihnen auch nicht mehr in der Kürze der Zeit beibringen. Wo ist der Leiter der Wache überhaupt? Sollte nicht auch er an dieser Besprechung teilnehmen?“
    „Er ist beschäftigt“, antwortete Eliazar mit mehr Ruhe, als er verspürte. „Es geht nicht darum, den Leuten das Kämpfen beizubringen, sondern es geht darum, eine möglichst wirkungsvolle Verteidigungsstrategie zu entwickeln. Wir sind dem feindlichen Heer zahlenmäßig dramatisch unterlegen und können nur hoffen, dies durch den Vorteil einer befestigten Burg und strategisches Geschick ausgleichen zu können. Wenn uns das nicht gelingt, ist der Gesundheitszustand unserer Schutzbefohlenen eh nicht mehr von Belang.“
    Es war die Beiläufigkeit des letzten Satzes und Eliazars Ruhe, die seine Botschaft unmissverständlich ankommen ließ.
    Es wurde totenstill.
    „Ich habe euch zu dieser Versammlung einberufen, weil sich ein neues Problem aufgetan hat, das mir dringlich erscheint, auch in gerade in Hinblick auf unsere Verteidigung.“
    Der Hüter machte eine kleine Pause in der Hoffnung, dass Zadhac endlich auftauchen würde, aber der kam immer noch nicht. Auch seine Frau und sein Sohn waren nicht anwesend. Eliazar beschlich ein ungutes Gefühl.
    „Das feindliche Heer ist offenbar Nahe genug, um auf einfache Menschen einen Einfluss zu nehmen“ setzte er seine Ansprache fort. „Nisha berichtete von sechs Frauen in der Waschküche, die sich in Schatten zu verwandeln beginnen. Man erkennt die Opfer an grauer Gesichtsfarbe, dunklen Augenrändern und einem sehr phlegmatischen, verlangsamten Verhalten. Da wir nicht wissen, wie sich diese Verwandlung weiter entwickeln wird, halte ich es für geboten, diese Menschen in einem ausbruchssicheren Raum zu separieren. Dabei dachte ich an die große Bibliothek im Keller. Wir magisch Begabten sind hoffentlich für diese Verwandlung weniger anfällig, so dass die Versorgung der Befallenen und ihre Bewachung durch uns gewährleistet werden sollte. Es ist wichtig, alle Befallenen dorthin zu bringen, das heißt, wir müssen alle in dieser Burg anwesenden Menschen auf Symptome der Verwandlung überprüfen.“
    In diesem Moment wurde eine der Türen schwungvoll aufgerissen und Zadhac wieselte herein, dicht gefolgt von Madina, die ein leichtes Lächeln auf den Lippen trug.
    „Entschuldigt bitte unsere Verspätung“, sagte der kleine Heiler munter, „was gibt es denn so Dringendes?“
    Er fing sich einen tadelnden Blick des Hüters ein, doch es war Theolas, der die Worte Eliazars knapp und präzise wiederholte.
    Zadhac nahm sie nickend zur Kenntnis.
    „Der weise Elin hat in den alten Schriften diese Verwandlung zu Schatten beschrieben“, sagte er, „Rolle zweitausenddreihunderteinundfünfzig. Er beschrieb darin auch, dass Menschen, die regelmäßig und häufig in Kontakt mit magisch Begabten stehen sowie natürlich die Begabten selbst, weniger anfällig für eine spontane Verwandlung sind. Von daher würde ich einen Befall weniger im Krankentrakt erwarten, sondern eher in den Werk – und Arbeitsstätten der Burg, also Küche, Waschküche, Papiermacher, Händler, Stallburschen ...“ Zadhac beendete den Satz mit einem Wedeln seiner Hand.
    „Da fangen wir an. Madina wird das organisieren, ich denke es reicht, wenn ihr meiner Frau eure Helfer zur Verfügung stellt. War´s das?“ Fragend sah er zu Eliazar auf.
    Dieser nickte verblüfft. Was war mit seinem Freund geschehen?
    „Gut. Aber bevor ihr alle wieder an eure Arbeit geht, möchte ich noch stolz den Grund meiner Verspätung verkünden.“
    Zadhac richtete sich mit einem Funkeln in den Augen auf.
    „Ich hatte soeben die Ehre, meinen Sohn Zandhor mit unserer Heilerin Rebecca zu vermählen.“
    „Na, endlich mal eine erfreuliche Nachricht. Mögen die beiden ein langes und glückliches Leben miteinander führen!“, rief einer der Heiler. „Glückwunsch!“ „Na klar, der Sohn vom Chef bekommt die schönste Frau!“ „Ein schönes Paar.“ Murmelnd verließen die Heiler den Saal und eilten zurück zu ihren Kranken.
    „Lysander, du kommst mit mir und hilfst mir bei der Einteilung der Helfer, die gleich kommen werden“, sagte Madina. „Wir machen das von meinem Zimmer aus.“
    „Is´gut“, seufzte Lysander und warf dem Hüter einen leidenden Blick zu. Es hätte ihn viel mehr interessiert, was das Gespräch mit Nisha ergeben hatte, doch Eliazar hielt ihn nicht zurück.