Beiträge von Jennagon

    Edmunds Stimme war kaum zu überhören, sodass Trevor umgehend zu ihm geeilt war, um Esther von einem Sturz ins Meer abzuhalten. Er legte sie an Deck, und Edmund wiederholte ihren Namen, um sie zu Bewusstsein zu bringen, aber es half nichts. Esther hatte sich mit ihren Schilden überanstrengt. Einen Zustand, den Trevor nur zu gut nachempfinden konnte. Aber selbst Edmund sah nicht mehr taufrisch aus. Seine Schulter war eindeutig ausgekugelt und trotzdem hatte er den Koch gerettet. Niemand hätte es ihm übelgenommen, wenn er losgelassen hätte.
    Zäher Bursche …
    „Bringen wir sie zu Nelli, schnell!“, brüllte Trevor, und Edmund nickte.
    „Das wird das Beste sein!“
    Trevor richtete sich auf und verzog schmerzhaft sein Gesicht. Seine Rippen wollte nicht gänzlich wie er. Er atmete tief durch, um den Schwindel zu vertreiben. Er musste nur noch einen kurzen Moment durchhalten, dann konnte er sich in seiner Kabine ausruhen …
    Ausruhen …
    „Geht es dir wirklich gut?“
    , fragte Edmund.
    „Alles in Ordnung“, log Trevor. „Du solltest dich lieber um deine Schulter kümmern.“
    Trevor schulterte Esther und hielt sie mit einem Arm fest. Den anderen brauchte er, um sich auf dem schwankenden Schiff irgendwo festhalten zu können. Dabei entgingen ihm die blutige Hand der jungen Frau nicht. Magie schien nicht nur irgendeine Art Hokuspokus zu sein, sondern forderte einiges von seinem Anwender. Vermutlich war nichts im Leben ungefährlich. Trotzdem schien Esther eine wirklich starke Magierin zu sein, die trotz ihres Status, nicht über ein paar Anstrengungen klagte. Nein, sie ging weit über ihre Schmerzgrenze hinaus. Aber warum tat sie das?
    Trevor war es nicht anders gewohnt. Als verwaister Junge hätte er entweder verhungern können oder musste arbeiten. Er hatte viel gesehen. Alte Schiffe, in denen immer Wasser in den Quartieren stand. Füße, die wegen der Dauerfeuchtigkeit abfaulten, Krankheiten, Maden und Würmer. Ratten überall …
    Das Piratenschiff war in weitaus besserem Zustand gewesen, auf dem er aufgewachsen war, was ihn anhielt zu bleiben, anstatt eine Flucht zu versuchen. Er konnte nicht wissen, dass die Mannschaft und Johnny irgendwann zu einer Art Familie wurden. Eine Familie, die er gegen seinen Willen verlassen hatte, weil er vermutlich für zu schwach gehalten worden war. Er verstand nicht, warum Johnny ihn gerettet hatte. Den anderen Männern hatte er gesagt, dass sie bleiben und kämpfen sollten. Nur ihn hatte er bewusstlos geschlagen und über Bord geworfen. Johnny war eine Art Vater für Trevor gewesen. Aber sicherlich nicht die Art, die ihm die Ehre verweigert hätte, mit seinen Leuten den Tod zu finden.
    Trevor wankte zur Treppe. Obwohl Esther nicht sehr schwer war, spürte er zunehmend die Last auf seiner Schulter. Ihre Beine stießen immer wieder gegen seinen verletzten Oberkörper, was ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.
    Stell dich nicht so an! Das sind bloß Rippen!
    Edmund öffnete die Tür und trat ein. „Nelli?“, rief er aus.
    „Ich bringe Esther in ihr Zimmer …“, erwiderte Trevor und lief an Edmund vorbei, während dieser die Heilerin holte.
    Vorsichtig ließ Trevor Esther auf ihr Bett nieder, was wiederholt eine Welle des Schmerzes durch seinen Körper jagte. Das würde sicherlich eine Weile wehtun. Aber er hoffte, dass die Mannschaft zum größten Teil unversehrt war. Er schaute sich dann die Hand der Magierin an und setzte sich neben ihr Bett auf einen Stuhl. Er schätzte ihre Wunde so ein, dass sie gut verheilten würde, aber sicherlich nicht spurlos. Narben waren bestimmt etwas, das nicht gerne in ihren Kreisen gesehen wurden – vor allem an einer Frau. Bei Überfällen auf gut betuchte Schiffe, hatte er oft miterlebt, wie sich feine Herren davonstahlen, während ihre Frauen vor Angst erstarrt waren. Johnny hatte immer darauf geachtet, dass es nicht umgehend zu Kämpfen kam. Er mochte es auch nicht, wenn Menschen sinnlos starben. Allerdings hatte er sich oft den Spaß erlaubt, reichen Männern, die feige den Rückzug antraten, eine Lektion zu erteilen, in dem er ihnen die Kleidung wegnahm, sie zwang, die Kleider ihrer Frauen anzuziehen und sie somit bloßstellte.
    Edmund schien nicht so ein Mensch zu sein, obwohl man es hätte von ihm erwarten können. Allerdings hatte Trevor noch nicht erlebt, dass er einer Konfrontation aus dem Weg gegangen war. Ganz im Gegenteil. Er hatte sich sogar mit dem größten der Mannschaft angelegt.
    „Das fühlte sich unangenehm an …“, hörte Trevor Edmund sagen.
    Unangenehm? Das sollte schmerzen!“, erwiderte Nelli, die anscheinend zunächst Edmunds Schulter eingekugelt hatte.
    Eilig kam die alte Frau herein, und Trevor machte ihr umgehend Platz. Musternd glitt ihr Blick auch über Trevor. „Eine Kiste, was …“, sagte sie, und Trevor lächelte gezwungen.

    Edmund schien die Hexe auf den neusten Stand gebracht zu haben.

    „Mir geht es gut, Oma. Esther ist wichtiger.“
    „Das einzuschätzen, überlass mal mir, Bursche.“
    Nelli untersuchte Esther, nickte hin und wieder, als würde sie sich selbst etwas erzählen und wandte sich dann den beiden zu. „Sie wird schon wieder. Sie braucht aber viel Ruhe. Wir sollten in den nächsten Tagen nicht erneut in einen Sturm geraten. Sie wird ihre Magie erstmal nicht sonderlich anwenden können, befürchte ich. Sie ist ausgebrannt wie eine alte Kerze.“
    „Das ist … verständlich“, pflichtete Edmund Nelli bei. „Hauptsache, sie ist nicht allzu ernst verletzt.“
    „Ich befreie sie aus ihrer nassen Kleidung, versorge ihre Wunden und setze einen stärkenden Tee auf.“
    Das Schiff schwankte immer noch gefährlich hin und her. Nelli hatte sicherlich alle Hände damit zu tun, erstmal Esther zu versorgen.
    „Können wir helfen?“, fragte Trevor, aber Nelli lachte.
    „Ich denke, der Gräfin wird es nicht gefallen, wenn wir sie zu dritt aus ihrer Kleidung pellen.“
    Umgehend lief Trevor rot an. „D… das meinte ich auch gar nicht. Ich meinte …“
    „Jaja, du meintest …“, sprach Edmund grinsend dazwischen.
    Trevor atmete tief durch. „Wir können den Sturm ab jetzt nur aussitzen. Ich wollte nur wissen, ob wir beim Tee oder den Verbänden helfen können.“
    „Du ruhst dich aus!“, ermahnte Nelli den Formwandler. „Du siehst selbst aus, als seist du dem Tod näher als dem Leben. Wenn ich hier fertig bin, bist du an der Reihe. Du kannst dich selbst versuchen, von der nassen Kleidung zu befreien oder ich helfe dir dabei.“
    „Oder ich …“, fügte Edmund hinzu. „Ich habe heute schon Schlimmeres gesehen als einen nackten Formwandler.“
    Trevor wusste nicht, was Edmund meinte, aber an dessen Gesicht war zu erkennen, dass ihn irgendwas angeekelt hatte.
    „Das bekomme ich noch allein hin, aber danke, Edmund.“
    Trevor schaute alle Anwesenden an und lächelte dann. „Dann sollten wir uns wohl umziehen, bevor uns die Haut vom Fleisch fault …“
    Er wandte sich der Tür zu und verließ das Zimmer mit Edmund zusammen. Zum Glück besaß er noch die gute Robe, die Edmund ihm gekauft hatte, sodass er diese anziehen konnte. Danach wartete er auf Nelli. Er wusste nicht, was sie bei gebrochenen Rippen machen wollte. Immerhin waren solche Verletzungen nichts Unübliches. Sie waren bisher auch ohne Hilfe verheilt.

    Trevor hielt das alles für einen makabren Scherz der Meeresgötter. Nass hing seine Arbeitskleidung an ihm herunter. Einzelne Strähnen seines Haares klebten ihm im Gesicht. Die Magierin hatte einen Schutzschild um das Schiff aufgebaut, der ihnen Zeit verschaffte, die Segel einzuholen und alles zu sichern. Trevor wollte diese Zeit nicht verschwenden, die ihnen geschenkt worden war und feuerte die Mannschaft an. Seine eigenen Hände waren vom Regen und der Taue aufgeweicht; es bildenten sich Blasen, die er nicht zum ersten Mal hatte. Zum Jammern war aber keine Zeit. Das Schiff schaukelte wild von einer Seite zur nächsten. Durch die Wellen bekam die Nussschale immer wieder heftige Schlagseite.
    Ich glaube nicht, dass Esther das lange aufrechterhalten kann …
    „Hol weg …“, schrie Trevor die Mannschaft an und zog am Tau. „Hol weg!“
    Neben Trevors Stimme war auch von die von Edmund zu hören. Er koordinierte die restlichen Männer, damit sie die Ladung, die an Deck stand, ordentlich festzurrten. Es ging zu wie in einem Ameisenhaufen. Alle rannten herum.
    „Das ist der schwarze Fleck“, schrie einer der Männer. „Ganz sicher!“
    „Hör auf, so einen Blödsinn zu reden“, schimpfte Trevor. „Das ist das Meer!“
    „Trevor hat recht“, stimmte Stiev zu. „Das Meer ist mal gnädig und mal gnadenlos. Das hat aber nichts mit einem Ammenmärchen zu tun.“
    Die Segel waren eingeholt, als eine großen Welle das Schiff traf, begleitet von Blitzen und Donnergrollen. Es kam kaum Wasser zu ihnen durch, aber Trevor und der Rest der Männer, die am Tau gezogen hatten, wurden in die Mitte des Decks geworfen.
    Esther sah anscheinend, wie sich einige Kisten aus der Verankerung lösten und geradewegs auf die Männer zuhielt. Sie schaffte es, einen weiteren Schild aufzubauen, der die Männer vor diesen Kisten schützte.
    Gut gemacht, Gräfin …
    Trevor richtete sich wie die anderen Männer auf und nickte ihr zu.
    Sie lächelte angestrengt und richtete dann wieder ihre Konzentration auf ihren großen Schild.
    „Das muss schneller gehen!“, rief Edmund. „Schafft die Kisten wieder an ihren Platz!“
    Die Männer begannen, sofort die Kisten wieder an ihren Platz zu schieben und verzurrten sie erneut.
    Dieser Sturm spielte mit ihnen Trevor fuhr sich mit seiner Hand über sein Gesicht; schnappte sich ein Seil und warf es sich um die Schulter.
    Das ist zu unsicher … Sie steht unsicher …
    Er begab sich rasch zum Bug. Er hatte alle Mühe damit, sicheren Stand auf den nassen Dielen zu bekommen, aber das war nicht der erste Sturm, den er miterlebte. Seine Erfahrung machte sich dahingehend bezahlt, sodass er nicht direkt von Bord ging. Das hoffte er zumindest.
    Bei Esther angekommen, nahm er das Seil zur Hand und band es am Ankerspill fest. Dann ging er zu Magierin und legte eine großzügige Schlaufe um ihre Hüfte. „Ihr könnt jederzeit aus dem Seil herausschlüpfen, aber es schützt Euch etwas und Ihr müsst Euch nicht die ganze Zeit an dem Seil festhalten“, schrie er gegen den Wind.
    Die Magierin sah überrascht auf das Seil hinunter und danach Trevor an. „Danke“, brachte sie schwach und krächzend hervor, was dem Formwandler zeigte, dass die Schilde einiges an Energie kosteten.
    Wie lange sie das wohl schafft? Wie lange wir es wohl schaffen?
    Er band das andere Ende des Seils danach ebenso fest wie das zuvor. „Nichts zu danken. Hauptsache, Ihr bleibt an Bord.“
    Trevor begab sich sofort auf den Weg zurück zu den Leuten und war gerade auf Höhe des Fockmastes angekommen, als er erneut das peitschende Geräusch eines reisenden Seiles hörte.
    Die große Kiste voll Werkzeug, Besen und Eimer hatte sich gelöst und raste durch eine Welle angetrieben geradewegs auf einen alten Seemann zu.
    „Diese scheiß Fracht!“, hörte Trevor noch Edmund aus der Ferne schimpfen, während der alte Seemann bei dem Anblick der herannahenden Kiste zu einer Salzsäule erstarrte.
    „Schaff deinen Arsch aus der Bahn!“, rief Trevor, aber bevor er seinen Satz beendet hatte, hatte er sich schon in Bewegung gesetzt und hechtete auf den Alten zu.
    Gerade noch, schaffte es der Formwandler, den alten Mann aus der Bahn zu schupsen, während er selbst nicht so viel Glück besaß. Mit voller Wucht erwischte Trevor die brusthohe Kiste und schleuderte ihn gegen die Zimmermannswerkstatt. Das Holz gab nach und so verklemmte sich die Kiste an einer Seite. Trevor spürte den Schmerz in seiner Brust und knurrte.
    Das waren mindestens zwei Rippen … Ich Idiot.
    Er bekam zunächst kaum Luft. Kurz wollte ihn Übelkeit übermannen, aber Trevor riss sich zusammen. Er konnte jetzt nicht den sterbenden Schwan spielen!
    „Ich brauche hier Hilfe“, rief der alte Mann, der sich wieder aufgerappelt hatte, den anderen Seemännern zu.
    Auch Edmund eilte zum eingekeilten Trevor. „Was machst du da?“, wollte er wissen.
    „Pause! Wonach sieht es denn aus?“
    „Geht es dir gut?“

    Sofort versuchten Edmund und einige andere, die Kiste zu bewegen, aber das war alles andere als angenehm.
    „Seid vorsichtig. Die hängt mir ziemlich in den Eingeweiden.“
    Trevor spuckte Blut in die Kiste, und Edmund schaute ihn beinahe besorgt an. „Hab mir auf die Zunge gebissen“, beruhigten der Formwandler den Händlersohn. Das war sogar wahr. Er hatte sich beim Aufprall auf die Zunge gebissen.
    Urplötzlich erschien vor Trevor ein helles Licht und kurz dachte er, der Moment sei gekommen, in dem er vom Tod eingeholt werden würde. Das Licht stellte sich aber als Schild der Magierin heraus. Der Schild schob vorsichtig die Kiste von Trevor weg, sodass er freikam. Tief atmete der Formwandler durch, als er es wieder konnte und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Oberkörper.
    Edmund stützte ihn, aber zum Verschnaufen war keine Zeit.
    „Edmund …“, kam Trevor stöhnend über die Lippen. „Du musst zum Steuermann. Dieser verkalkte Greis hat das Schiff immer noch nicht in den Wind gedreht …“
    Trevor wusste, dass Edmund diesen Befehl bereits gegeben hatte. Aber entweder wusste der Alte nicht, von wo der Wind kam – oder er wollte das Schiff gar nicht retten.
    „Kann man dich alleine lassen?“, fragte Edmund, und Trevor nickte.
    „Ich habe schon Schlimmeres überlebt, keine Sorge. Ich muss nur … durchatmen.“
    Edmund zögerte einen Moment, aber nickte ebenfalls. „Dann mache ich mich auf den Weg!“
    Trevor stützte sich an der zerborstenen Werkstatt ab und sah Edmund hinterher, der einem herumrollenden Fass auswich.

    Denk daran, dich später bei Esther zu bedanken ...

    Noch konnte sich Trevor keine Pause gönnen. Kaum hatte er es geschafft, den Schmerz einigermaßen zu ignorieren, schaute er, wo er als nächstes gebraucht wurde.
    Heute wird noch nicht gestorben …

    Trevor hielt sich ein Auge zu. So langsam fiel es ihm schwer, nur ein Würfelpaar zu sehen.
    Lass die Finger weg von dem Gesöff, bevor du dich noch lächerlich machst …
    Er hatte bereits Esther seine halbe Lebensgeschichte runtergeeiert. Wo sollte das noch hinführen? Allerdings beruhigte es ihn, dass niemand anfing, sich über sein Leben lustig zu machen. Von eingefleischten Piraten hätte er dafür nur ein müdes Lächeln kassiert, oder sie hätten ihn gar als Jammerlappen beschimpft. Denn kaum einer von ihnen hatte ein besseres Leben vorzuweisen. Trotzdem musste er innerlich zugeben, dass es Spaß gemacht hatte, auf die Fragen der Adligen zu antworten. Immerhin kam es selten vor, dass sich Ihresgleichen für einen niederen Menschen interessierten. Aber aus irgendeinem Grund wollte er gerade deshalb auch nicht schwächlich wirken.
    Zu spät vermutlich.
    Wie eine verweichlichte Mimose, die nach einer Flasche Schnaps rührselig wurde. Er wusste um sein Kampfgeschick. Er war schon oft über seine Schmerzgrenzen hinausgegangen, was laut Johnny ebenso ein Lernprozess war wie das Kämpfen selbst. Der Wille, der über den Körper obsiegen musste! Das gleiche versuchte er jetzt bei dem Alkohol, der immer mehr seinen Geist vernebelte - und der sich über ihn lustig machte.
    „Eure Frage …“, wandte Edmund ein, und riss Trevor so aus seinem beginnenden Delirium.
    Nelli schien zu überlegen und hatte bereits ein schelmisches Grinsen aufgelegt.
    Esther hingegen atmete tief durch und prustete dann über ihre Unterlippe die Luft aus ihren Lungen. Sie schien ähnlich wie Trevor Probleme damit zu haben, klare Gedanken zu fassen.
    Aber dann fiel Trevor eine Frage ein. Eine, die ihm unbewusst bereits die ganze Zeit im Kopf herumging. „Dürfte isch?“, fragte er deshalb in die Runde.
    „Nur zu“, antwortete Nelli und schenkte sich noch etwas zu trinken ein.
    Wie kann die Alte so viel weghauen? Ich sehe bereits blaue Elefanten …
    „Mach nur“, gestand auch Esther ihm zu, die interessiert ihre Handfläche beobachtete. Vermutlich versuchte sie, ihr Sichtfeld zu kontrollieren. Schaute aber schließlich wieder jeden in der Runde abwartend an.
    Trevor lehnte sich auf den Tisch, rutschte zunächst mit seinem Ellenbogen einmal an der Kante ab, ehe er sein Gleichgewicht wiederfand. „Fühlt Ihr Euch dieser Reise eigentlich gewachsen?“, fragte Trevor. „Ich meine, mit all den Gefahren und Bürden, die sie mit sich bringt?“
    Edmund hob seine Brauen. Anscheinend hatte er mit einer Frage anderen Art gerechnet und begann, zu überlegen. „Das ist schon alles in Ordnung“, antwortete er schließlich. „Das ist gar kein Problem.“ Edmund winkte ab. „Ich habe es immerhin bald geschafft. Samira rückt näher.“ Das Lachen, was daraufhin vom Händlersohn kam, klang alles andere als überzeugend.
    Aber Trevor verstand, dass Edmund nur ungern zugeben würde, dass er mit der Aufgabe überfordert war. Was würde es ihm auch bringen?
    „Also, ich würde mich jeden Tag selbst in den Schlaf wiegen“, gab hingegen Trevor zu. „Isch meine, Euer Vater hätte Euch einen erfahrenen Kapitän an die Seite stellen können. Hat er aber nischt. Ich war … der erste Maat auf dem Schiff von Johnny, aber niemals Kapitän. Vor so einer Aufgabe würde ich mich einscheißen. Da ist es egal, wie viele Schlachten Mann geschlagen oder wie viel Menschen Mann auf dem Gewissen hat. Ein Fehler, und die Mannschaft bindet einem hübsche Kanonenkugeln um die Füße und schickt einen schwimmen …“
    Auf Edmunds Stirn sammelten sich Schweißperlen. „Ich schaff das schon!“, schien er sich selbst Mut zuzusprechen.
    Trevor nickte. „Ich bin aber zuvor nie mit einer Magierin und einer Hexe gereist, das muss ich zugeben.“
    „Und einer Nymphe …“, gab Esther kichernd zu.
    Trevor hob seine Brauen und schaute dann wieder zu Edmund. „Einer Nymphe?“, hakte er nach.
    „Meine Urgroßmutter war eine Nymphe“, stellte Edmund klar und atmete tief durch.
    „Das erklärt einiges“, musste Trevor zugeben. Da war immerhin immer diese Art Aura, die Art von Edmund, die Trevor dazu brachte, ihm tatsächlich zu folgen. Und irgendwie auch Gefallen daran zu finden. Er konnte ihm selten Böse sein, obwohl er teils eine sehr arrogante Art an sich hatte – die sich auch wiederum dadurch erklärte, dass er Nymphenblut in sich trug. Diese Wesen wussten um ihr Erscheinungsbild. Sie wussten ebenso um ihre Fähigkeit, Menschen zu beeinflussen.
    „Das hatte ich bereits auch geahnt …“, fügte Nelli hinzu. „Sein Gesicht ist fast etwas zu perfekt für einen Menschen.“
    „Das finde ich auch!“, stimmte Edmund grinsend zu. „Schön, dass du das erkennst.“
    Nelli lachte. „Bilde dir darauf aber nichts ein. Schönheit vergeht!“
    Daraufhin mussten Trevor und Esther lachen. Nachdem Nelli gestanden hatte, dass ihre Magie nicht lange anhielt, war das wohl eine passende Antwort.
    „Ich habe mal eine richtige Nymphen gesehen“, erinnerte sich Trevor. „Wenn ich es recht bedenke, sind die gruselig. Schön … wunderschön, aber gruselig. Es ist fast unglaublich, dass sich das Nymphenblut in Euch befindet, und nicht das Blut Eurer Vorfahren in der Nymphe. Wie bei einer Gottesanbeterin … Schwubb, Kopf ab!“
    „Es soll sich wohl um Liebe gehandelt haben“, stellte Edmund klar. „Sie blieb immerhin bei meinem Großvater an Land.“
    „Da wird einem ja schlecht!“, warf Nelli ein und leerte einen weiteren Becher und lachte. „Liebe …“
    „Ich finde das schön“, widersprach Esther der Meinung der Hexe. „Da sieht man doch, dass selbst Nymphen nicht alle gleich sind.“
    „Ich wäre skeptisch geblieben“, hörte sich Trevor sagen und wunderte sich über seine Worte. Eigentlich besaß er durchaus eine romantische Ader. Diese schien aber auch ein Ende zu haben. Vor allem dann, wenn Mann sich nach dem Sexakt ausgeweidet im Bett wiederfinden konnte. Obwohl es dafür nicht mal eine Garantie unter Menschen gab.
    Dafür müsste sich erstmal jemand in dich verlieben, oder du in eine andere Person, du Klappstuhl! Aber tu gerne so, als wüsstest du irgendetwas über dieses Thema ...
    „Das wäre mir zu unwahrscheinlich gewesen“, fuhr Trevor, ob seiner Gedanken, fort. „Wir haben mit den Rudern auf sie eingeknüppelt, nachdem sie versucht haben, sich an unserem Beiboot zu schaffen zu machen. Na gut, die Mannschaft hat auf sie eingehauen. Ich war erst dreizehn und schrie wie ein kleines Mädchen.“
    Die Gruppe begann zu lachen, und sie alle leerten ihre restlichen Becher.
    „Ich kann nicht mehr“, erwiderte Esther, nachdem sie ihren Becher auf dem Tisch abgestellt hatte. „Diesmal will ich wissen, wie ich ins Bett gekommen bin.“
    „Auf dem Weg nach Samira sollten wir vielleicht auch nicht komplett neben der Fahrt sein“, pflichtete ihr Trevor bei.
    „Das Spiel begann, mich ohnehin langsam zu langweilen“, sagte Edmund und gähnte ausgiebig, während er seine Arme von sich streckte.
    „Diese Jugend“, gab Nelli stöhnend von sich, „verträgt gar nichts mehr.“
    „Deine Leber hat auch hundertfünfzig Jahre Vorsprung“, entgegnete Edmund. „Vermutlich hat euch das Gesöff sogar konserviert.“
    Nelli antwortete darauf nur mit einem leisen lachen und erhob sich wie der Rest. „Viel Spaß später beim Frühstückmachen, Söhnchen.“
    Edmund funkelte Nelli mit bösem Blick an, während Trevor und Esther leise kichern mussten.
    Stimmt, Trevor musste nicht kochen. Somit konnte er den Rausch etwas länger ausschlafen. Aber vielleicht würde er sich erbarmen, Edmund zu helfen. So konnte er sich zumindest auch etwas von Edmunds Kochkünsten abschauen. Sie hatten zusammen getrunken, also wollte der Pirat das auch zusammen mit seinem „Herrn“ ausbaden. Das hatte er ihm immerhin zugestanden. Und bis Trevor die Hilfe zurückbezahlt hatte, würde es ohnehin noch eine Weile dauern.

    Sie alle wankten zu Bett – außer Nelli. Die schien noch geradeaus laufen zu können. Esther schloss kichernd die Tür hinter sich, nachdem sie alle Mühe damit gehabt hatte, die Bewegungen des Schiffes auszugleichen; sie wankte von einer Flurwand zur anderen.
    Trevor hatte es vorgezogen, einfach an der Wand entlang zu schleifen. Dabei entging ihm aber nicht, dass Edmund das auf der anderen Seite auch getan hatte. Beide waren jeweils in entgegengesetzter Richtung in Seitenlage gelaufen, bis sie an ihren Türen angekommen waren.
    Ich muss aufhören, so viel zu trinken. Johnny würde das nicht gutheißen! So kann ich nicht kämpfen … Kein Alkohol die nächsten Tage! Vor allem nicht vor Samira … Und keine Gefühlsduseleien mehr! Johnny ist tot, genauso wie der Rest der Mannschaft. Leb damit, dass du noch lebst ...

    Trevor musste sich das Lachen verkneifen, als sich Nelli die Jacke von Edmund lediglich um die Hüfte band. Die plötzliche Jugend von Nelli schien nicht nur den Formwandler zu irritieren. Allerdings hatte Trevor beschlossen, es einfach hinzunehmen. Ihre Aussprache war die gleiche geblieben, weshalb es ihm nicht schwerfiel, weiterhin die alte Dame in ihr zu sehen, die sie nun mal war. Eigentlich … irgendwo … Und Aussehen war nicht alles, auch wenn sich Trevor der Meinung von Edmund ein klein wenig anschließen musste. Etwas mehr Stoff hätte nicht geschadet. Aber auch nur, weil .... Anstand und sowas. Eine Frau musste immerhin nicht gänzlich ihre Reize zur Schau stellen. Das war irritierend. Es lenkte ab ...

    Konzentrier dich jetzt bitte auf das Spiel ...

    Trevor sah den Würfelbecher samt Inhalt an. Eigentlich fand er solche Spiele nicht besonders gut, da er schlecht darin war, zu lügen. Allerdings wollte er Nelli den Gefallen tun und mitspielen. Vielleicht wurde es ganz lustig.
    Oder ich mache mich lächerlich … Ganz sicher sogar.
    Trevor leerte wie Edmund seinen Becher Alkohol und nahm die Würfel an sich. Er schüttelte den Becher, während Esther Alkohol nachschenkte. Sie schien auch ihre Zweifel über das Spiel loswerden zu wollen. Aber was sollte eine Gräfin schon Peinliches zu erzählen haben? Dass sie mal den Unterricht verschlafen hatte? Trevor konnte sich nicht vorstellen, dass sie auf ungeheuerliche Geschichten stoßen würden. Das sah bei den anderen Drei vermutlich anders aus.
    Genug geschüttelt, besser werden deine Zahlen dadurch nicht werden.
    Trevor schmulte unter den Becher und sah dann auf. „Ein Einerpasch“, log er.
    Warum lüg ich jetzt schon? Ich hatte doch auch einfach Einunddreißig sagen können?
    Sechs Augenpaare musterten ihn.
    „Ich bin mir unsicher …“, meinte Esther.
    „Der lügt!“, gab Edmund sicher von sich. „Dem steht doch jetzt schon der Schweiß auf der Stirn.“
    „Bei dem Hundeblick wäre ich ja beinahe versucht, ihm zu glauben“, fügte Nelli hinzu, „aber Edmund hat recht.“
    Ganz toll gemacht, Trevor … ganz toll.
    „Seid ihr euch alle sicher?“, verlangte der Formwandler zu wissen und grinste. Vielleicht verunsicherte es die anderen, wenn er breit grinste.
    „Ja!“, kam wie aus einem Mund von allen.
    Trevor sackte in sich zusammen und gab seinen Wurf preis. „Dann hab ich wohl direkt verloren … Also her mit eurer Frage.“

    Trevor stand am nächsten Morgen auf und streckte alle Glieder von sich. Die Sache mit dem Graf war nochmal gut ausgegangen. Und bei einem Blick in die Waschschüssel, merkte er, dass auch die Pusteln nur noch ein paar rötliche Stellen in seinem Gesicht darstellten.
    Fast alles wieder beim Alten!
    Wobei Trevor bei der Erinnerung an den vergangenen Tag leise lachen musste. Edmund und er hatten wirklich gut einen hinter der Binde gehabt. Aber einmal mehr merkte Trevor, dass Edmund beinahe eine Art Freund geworden war. Zumindest für ihn. Selten – eigentlich noch nie – hatte er einen Gleichaltrigen um sich herumgehabt, mit dem er so ausgelassen feiern konnte. Auch wenn das Edmund danach sicherlich anders sah. Aber wer hätte damit rechnen können, dass der Graf so schnell im Hafen auftauchte?
    Trevor warf sich sein Arbeitshemd lediglich über und verließ sein kleines Zimmer. Immerhin musste er das Essen für die Vier auf den Tisch stellen. Und er war schon später dran als normal.
    Trevor lief über das Deck und atmete tief die morgendliche Luft ein. Es war bereits schwül genug, um nur durch den Gedanken an Arbeit ins Schwitzen zu geraten. Das würde ein anstrengender Tag werden. Die meisten Seeleute machten bereits das Schiff bereit zum Auslaufen, und Trevor würde sich ihnen später anschließen.
    Zuerst musste er sich der Kombüse zuwenden, aber je näher Trevor dieser kam, desto mehr nahm er bereits den Geruch von Essen wahr. Das war seltsam. Hatte sich der Smutje vorgemogelt, nur weil Trevor etwas länger geschlafen hatte? Er öffnete die Tür und fand dahinter Edmund vor, der Teller auf den Tisch stellte. Und er war nicht allein. Eine Brünette saß bereits am Tisch. Lud er bereits seine Eroberungen zum Frühstück ein? Und woher nach der Händlersohn die Zeit, diese Frauen so schnell kennenzulernen? Und warum kochte Edmund?
    Verwirrt schaute Trevor zwischen beiden hin und her, während er noch in der Tür stand. Und ihm war, als würde Edmund ihm einen hilfesuchenden Blick zuwerfen. „Störe ich?“, wollte Trevor deshalb wissen.
    „Setz dich, Jungchen!“, antwortete die Blondine, und Trevor klappte metaphorisch der Kinnladen nach unten. Da war auch so ein Klingeln in seinen Ohren …

    War das etwa ...

    „Oma?“, erwiderte Trevor und bemerkte augenblicklich ein Taubheitsgefühl in seinem Gesicht.
    Bekam er gerade einen Schlaganfall?
    „Danke für den Gehstock …“, säuselte Nelli mit lasziv verstellter Stimme.
    Definitiv bekomme ich gerade einen Schlaganfall …
    „G… G… Gerne!“, meinte Trevor und sah Edmund nun hilfesuchend an.
    „Setz dich!“, forderte Edmund Trevor ebenfalls auf und räusperte sich.
    „Welche Art Traum ist das?“, fragte sich der Wandler in Gedanken. „Und wenn das ein Traum ist … Warum ist Oma darin jung? Habe ich bei der Schlägerei doch einen Schlag gegen den Kopf bekommen? Langsam drehe ich durch … Der Laden, der Krempel und … jetzt das.“
    Trevor konnte nur hoffen, dass niemand sein nervös zuckendes Auge bemerkte. Konnte das wirklich an dem Gehstock liegen? Aber Edmund und er hatten damit im betrunkenen Zustand herumgealbert und damit herumgefuchtelt, als sei es ein Schwert. Müssten dann nicht beide Säuglinge sein? Mindestens?
    „Wie …“, setzte Trevor an.
    „Ist doch egal“, unterbrach Nelli ihn und lehnte sich auf ihre Hand, während sie Trevor anlächelte. „Ich bin ganz froh, mal der Gicht zu entgehen … Ich fühle mich wie neu geboren.“
    Edmund servierte das Essen und setzte sich ebenfalls. „Zumindest kann man die Hexe beim Essen ansehen …“, nuschelte er und gähnte.
    „Sagt der reiche Sohn mit den Pickeln zuvor im Gesicht“, konterte Nelli gelassen.
    Edmund schnaubte.
    Trevor saß immer noch wie eine Salzsäule am Tisch, schaute kurz auf sein Essen und dann wieder in die Runde. „Ich finde das sehr verwirrend“, gab er zu.
    Edmund nickte. „Nicht nur du … Ich koche!“

    Ja, genau, Edmund, DAS ist hier das Seltsame!
    „Jetzt seid nicht so, ihr beiden. Freut euch doch. Ich hätte Lust zu feiern, zu trinken und zu tanzen, solange ich meine Füße nicht mehr aus unmittelbarer Nähe sehen kann.“
    Trevor riss seine Augen auf und nickte verstehend. Allerdings war ihm nach dem Vortag eher nach einem Kopfschütteln zumute, aber das behielt er lieber für sich.
    Nelli überblickte derweil, was Edmund alles gekocht hatte. Es roch alles sehr gut, was Trevor doch etwas überraschte. Kochkünste waren nicht das gewesen, was er Edmund primär zugesprochen hätte … Jetzt fehlte nur noch Esther.
    „Bursche, du könntest aber schon etwas mehr Respekt an den Tag legen, wenn der erhabene Herr kocht und zwei junge Frauen alsbald am Tisch sitzen“, bemerkte Nelli und wandte sich Trevor zu.
    Fragend betrachtete er beide abwechselnd. „Respekt?“, hakte Trevor nach.
    „Ja“, antwortete Nelli. „Selbst Edmund hat seine Kleidung gerichtet, als ich die Kombüse betreten habe.“
    „Das hatte mit dem Betreten gar nichts zu tun“, mischte sich Edmund ein. „Ich achte immer auf mein Äußeres!“
    Nelli lehnte sich zu Trevor hinüber und begann, sein Hemd zuzuknöpfen.
    Trevor fühlte sich wie ein kleiner Junge, der gemaßregelt wurde. Aber er traute sich auch nicht, sich zu beschweren. Zudem hatte Trevor alle Hände … Augen damit zu tun, Nelli nicht in den üppigen Ausschnitt zu starren, der wie auf dem Präsentierteller auf den Tisch ruhte, während sie ihre Hände nach seinen Knöpfen ausstreckte.
    Da war auch schon wieder dieses Lähmungsgefühl …
    Das war falsch, alles ganz falsch! Nelli war eine süße, alte Dame. Eine Oma eben. Keine vollbusige Brünette. Und das dachte ein Formwandler! Deswegen sah er Edmund flehend an und formte nur ein tonloses „Hilfe“.
    Edmund grinste jedoch hämisch, deutete mit dem Finger auf ihn und lachte stumm.
    Zu allem Überfluss ging dann noch die Tür auf und Esther trat ein. Während sie die Runde betrachtete, erkannte Trevor sofort, dass die Magierin mehr als nur eine Frage mit ihrem Blick stellte.

    Trevor schlängelte sich durch die Straßen des kleinen Ortes und wusste eigentlich gar nicht so genau, wonach er suchte. Die Schiffsmannschaft hatte sich direkt in die nächste Taverne begeben, sodass dieser Ort für Trevor schon mal nicht geeignet erschien. Er hatte ihnen bei der letzten Würfelrunde schon ordentlich die Taschen geleert – jetzt wollten sie sie sicherlich eine Revenge.
    Die Straßen waren schlecht gepflastert. Schlamm und Undefinierbares klebte an den Sohlen der schwarzen Stiefel, die Edmund ihm gekauft hatte. Trevor war nicht entgangen, dass der Händlersohn wütend auf ihn war. Damit hatte der Wandler gerechnet. Immerhin hatte er der Crew Befehle ohne dessen Zustimmung gegeben. Allerdings war das Trevors Art gewesen, sich bei Esther zu bedanken, daher musste der Formwandler wohl damit vorerst leben. Er würde sicherlich bei Edmund nicht direkt angekrochen kommen. Trevor besaß auch seinen Stolz. Zudem wäre Edmund auch nichts anderes übriggeblieben, als zunächst einen sicheren Hafen aufzusuchen. Trevor hatte ihn nur nicht mit dieser Kleinigkeit belästigt.
    „Na, Schnucki, wie wäre es?“, hörte Trevor plötzlich neben sich eine tiefe Frauenstimme raunen. Als er sich ihr zuwandte, entdeckte er eine Dirne in schmutziger Kleidung, locker doppelt so alt wie er, die ihn angrinste. Sie presste demonstrativ ihren Ausschnitt zusammen, wobei ihm die vielen roten Pusteln und offenen Stellen nicht verborgen blieben.
    „Nein? Danke?“, stotterte Trevor und lief verunsichert weiter.
    „Arschloch!“, schimpfte sie ihm nach, was den Formwandler noch mehr verunsicherte.
    Warum war er ein Arschloch, wenn er ihre Dienste dankend ablehnte? Gut, vielleicht hatte sein Gesichtsausdruck seine Abneigung gegen die Dame geäußert, aber … dafür wollte er seinen Gewinn nun wirklich nicht ausgeben.
    „Vor allem für so eine Schabracke!“, flüsterte Trevors innere Stimme, die er umgehend wieder zum Schweigen bringen wollte. „Ist doch so! Leugne die Tatsachen nicht!“
    Ich glaube, Edmund färbt ab …
    Auf der Flucht vor seinen eigenen Gedanken, die er nicht mochte, bog Trevor mehrmals ab und verlor irgendwann die Hauptstraße des Ortes aus den Augen. Auch konnte er wegen der vielen hohen Häuser und engen Seitengassen nicht den Hafen ausmachen. Immer mehr Unrat und Schlamm beherrschten die Gassen, was ein sicheres Zeichen dafür war, dass er weit von der Hauptstraße abgekommen war. Da half wohl nur nach dem Weg fragen – oder auf ein Haus zu klettern. Trevor entschloss sich, zuerst jemanden zu fragen, bevor er noch für einen Einbrecher gehalten wurde. Allerdings entdeckte er zunächst keine andere Person in seinem Umfeld.
    Plötzlich entdeckte er ein kleines Häuschen. Es schien eine Art Ramschladen zu sein, denn viele Dinge, die draußen standen, wirkten kaputt oder unvollständig. Als lebe der Laden von dem, was andere wegwarfen.
    Trevor schaute sich um und trat durch die Tür. „Hallo?“, rief er aus. „Ist hier …“
    „Kundschaft!“, stellte eine männliche Stimme fest. „Willkommen, willkommen …“
    Ein Mann, etwa so alt wie der Steuermann des Schiffes, lotste Trevor hinein und nahm das Vergrößerungsglas von seiner Nase. „Wie kann ich Euch helfen, werter Herr?“
    „Ich suche die …“
    „Die wahrgewordene Weisheit von Konrad Fletcher?“
    „Nein, die Hauptstraße …“
    Etwas enttäuscht blickte der Herr drein, seufzte kurz und widmete sich dann wieder einem Säbel in seiner Hand.
    „Könnt Ihr mir helfen?“, wollte Trevor wissen.
    „Nicht, ohne, dass Ihr etwas gekauft habt.“
    Nun seufzte Trevor. „In Ordnung“, ließ er sich breitschlagen. „Was ist das Günstigste in diesem … Laden?“
    „Das Auge von Zyredon“, antwortete der Verkäufer nach kurzem Überlegen.
    Was ist das für ein Laden, der Augen verkauft? Eine Metzgerei?
    „Igitt …“, wandte Trevor lauter ein, als er beabsichtigt hatte.
    „Nicht so ein Auge …“, erklärte der Verkäufer. „Es handelt sich um einen Stein, der einst von einem Zepter gestohlen wurde. Einem Zepter, das dem Besitzer dazu anhielt, immer die Wahrheit sagen zu müssen. Demnach muss jeder die Wahrheit sagen, seinen wahren Gedanken aussprechen, der den Stein in Händen hält.“
    Trevor blinzelte ungläubig. „Und sowas besitzt Ihr? Hier?“
    Der Verkäufer zuckte mit seinen Schultern. „Durch die gefährliche See vor Sarima wird hier viel angespült …“
    Bei allen Weltmeeren, auf sowas falle ich doch nicht rein …
    „Ihr könnt diesen Laden aber auch als Souvenirladen betrachten, falls Ihr Mitbringsel für Eure Lieben braucht. Denn das ist er eigentlich auch.“ Der Verkäufer zwinkerte.
    „Ich habe keine Lieben“, antwortete Trevor recht monoton.
    „Freunde?“
    Der Wandler erhob seine ausgestreckte Hand und ließ sie von einer Seite zur nächsten wanken.
    „Das ist … fast traurig, und zudem schlecht für das Geschäft.“
    „Was Ihr nicht sagt“, stieß Trevor seufzend aus. „Aber gut, dann nehme ich den Stein. Den kann ich Gräfin Esther schenken … Sie mag … Steine … irgendwie.“
    „Oh, einer Gräfin …“, gab der Verkäufer grinsend von sich. „Sicherlich eine hübsche, junge Frau.“
    „So sagt man …“, erwiderte Trevor abwesend und ging der Unterhaltung damit aus dem Weg, dass er sich etwas umsah.
    Der Verkäufer holte etwas unter seinem Verkaufstisch hervor und wickelte einen schwarz-weiß marmorierten Stein in Faustgröße darin ein. „Bitte, und achtsam damit umgehen … Das macht dann einen Silberschilling.“
    Recht günstig für den Stein von Zytterfon …
    „Das Auge von Zyredon“, wiederholte der Verkäufer korrekt, was Trevor aufhorchen ließ.
    Hat der Kerl etwa … Niemals!
    Der Formwandler nahm das Bündel an sich, wobei seine Hand nur kurz die Hand des Verkäufers streifte. „Ihr seid ein … Bellator“, flüsterte dieser und sah zu Trevor auf.
    „Man hat mich schon Vieles genannt, aber das nicht …“, antwortete Trevor verunsichert.
    „Ein Krieger!“, erklärte der Verkäufer, was Trevor dementierte. Er wusste, dass der Verkäufer irgendwie … sehr entfernt recht hatte, aber das war nicht das, wofür sich Trevor hielt … oder halten wollte.
    „Ihr solltet den nehmen!“, sprach der Verkäufer und legte den Säbel, den er vorher begutachtet hatte, vor sich auf den Thresen. „Er gehörte Frank dem Schrecklichen.“
    „Frank dem Schrecklichen? Wegen seinem Vornamen, oder wie?“
    „Nein“, widersprach der Verkäufer und lehnte sich näher an Trevor heran. „Er kann verstärken, was in Euch steckt. Das Potenzial Eurer Leistungen, wenn Ihr es zulasst.“
    „Nein, danke! Ich gehe nicht mit noch mehr Ra… Souvenirs hier heraus. Ich will doch nur wissen, wo die Hauptstraße ist.“
    „Vielleicht seid Ihr aus einem guten Grund auf meinen Laden gestoßen, nicht jedem gelingt das.“
    Ja, weil man vorher im Schlamm versinkt …
    „Ich gebe Ihn Euch zum halben Preis. Für fünfzig Kupferschilling gehört er Euch, sogar samt Scheide.“
    Ist doch ohnehin alles nur Blödsinn.
    „Aber dann will ich wissen, wo die Hauptstraße ist!“
    „Natürlich …“
    Trevor steckte den Stein in seine Hosentasche und holte den passenden Betrag aus der anderen. Bereitwillig übergab der Verkäufer ihm dafür den Säbel mit Messinggriff in einer mit Steinen besetzten Scheide. Trevor band sich den Säbel um und spürte wie erwartet nichts von einer Potenzialsteigerung. Ganz im Gegenteil, er fühlte sich um sein Geld erleichtert, aber mehr auch nicht. Jetzt wusste er allmählich, wie sich Edmund auf dem Markt gefühlt haben musste.
    „Aber …“, lenkte der Verkäufer ein und grinste erneut schelmisch. „Jetzt habt Ihr Geschenke für Euch und die Gräfin. Gibt es nicht noch andere, die etwas verdient hätten?“
    So eine verlauste Kakerlake …
    Aber leider musste Trevor dem Verkäufer recht geben … erneut. Das gefiel ihm gar nicht. Aber noch weniger würde es ihm gefallen, wenn er Esther ein offensichtliches Geschenk machte und irgendwelche Personen – Edmund – das in den falschen Hals bekamen. Vor allem, da Trevor bei ihm gerade ohnehin nicht hoch im Kurs stand. Hinzukam, dass vielleicht auch Esther diese Geste falsch verstehen konnte. Als eine Art Zugeständnis, Umwerben oder Ähnliches, das Trevor die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Damit würde vermutlich er lächerlich dastehen.
    „I… Ich … Ich … bräuchte dann noch etwas für einen … Seefahrer? Und für eine alte Dame.“ Trevor hasste es, dass dieser Mann ihm das nun eingeredet hatte.
    „Seefahrer?“, wiederholte der Verkäufer und seine Augen begannen zu leuchten. „Da habe ich einen glücksbringenden Kompass.“
    Was auch sonst …
    Der Verkäufer ging zu einer Vitrine und holte den Kompass heraus und überlegte. „Für die alte Dame sollte der Gehstock aus Immerim passend sein. Man sagt ihm nach, zu verjüngen, was alt ist. Was wohl bedeutet, dass derjenige, der ihn in Händen hält, nicht mehr so von seinen alten Knochen geplagt wird.“
    „Sehr gut. Das war es dann. Glücksbringender Kompass und verjüngender Gehstock, wunderbar … Genau, was ich brauche … “
    Nicht!
    Trevor wollte die Unterhaltung nur noch beenden. Es war natürlich klar, dass für all das nur noch so viel Geld übrigblieb, dass Trevor sich irgendwo noch ein Bier genehmigen konnte.
    „Der Gehstock hängt draußen. Folgt mir!“
    Trevor folgte voll beladen dem Verkäufer. „Und wo ist jetzt die Hauptstraße?“, wiederholte er seine Frage.
    „Ah … da ist er“, ignorierte der Verkäufer seine Frage und nahm einen Stock unter dem Vordach herunter, der einen bernsteinfarbenen Griff besaß. „Bitte.“
    Der Verkäufer überreichte Trevor den Stock, den dieser sich unter den Arm klemmte und begann, innerlich zu weinen.
    „Ich will doch nur wissen, wo …“
    Nachdem Trevor sich dem Laden wieder zugewandt hatte, war der Laden verschwunden. Also nicht wirklich. Das Haus stand noch, fiel aber geradezu in sich zusammen und war leer. „Was bei allen …“
    Trevor stellten sich die Nackenhaare auf. Hatte Omas Gebräu noch Nachwirkungen? Was passierte hier? Ein Pferdewiehern holte Trevor aus dem Schreckmoment und er erkannte, dass er nur ein paar Schritte von der Hauptstraße entfernt in einer Seitengasse stand.
    Bei einem Blick an sich herunter, erkannte Trevor jedoch, dass er all das Gekaufte noch besaß. Eilig verließ er den Ort und schwor sich, niemanden davon zu erzählen. Das war alles verrückt. Wirklich verrückt. Vielleicht hatte er den Atem der Dirne zu tief eingeatmet und dadurch Halluzinationen bekommen. Oder ein Blumentopf war ihm unbemerkt auf den Schädel gefallen. Vielleicht hatte er dadurch Müll gesammelt … Vielleicht war das aber auch ein magischer Laden gewesen. Oder Trevor wurde wahnsinnig. Es gab zu viele Möglichkeiten.
    Trevor wusste, was zu tun war. Gegen seine vorherige Überzeugung betrat er die Taverne. Es war Zeit für Bier! Viel Bier! Auch, wenn er sich das nicht mehr leisten konnte. Der Rest hatte ihn nochmal zwei Silberschilling gekostet, weswegen er wieder genauso blank war wie immer. Das hielt ihn aber nicht davon ab.
    In der Taverne saß die Mannschaft des Schiffes in einer Ecke, die Trevor allerdings mied. Gerade wollte er sich an den Thresen begeben, da entdeckte er Edmund alleine an einem Tisch sitzen. Nachdenklich drehte der Händlersohn seinen Wein. Edmund war gut. Er war real. Er war sauer auf Trevor, aber er war real. Trevor bestellte sich ein starkes Bier und setzte sich dann ungefragt an Edmunds Tisch.
    „Dumme Situation, was?“, sagte Trevor etwas zu euphorisch und lachte nicht weniger künstlich. Ihm saß der Schreck wegen des Ladens immer noch in den Knochen.
    „Was willst du? Hast du das Schiff ohne meine Erlaubnis wieder auslaufen lassen?“, wollte Edmund wissen.
    Trevor biss sich auf die Unterlippe. Nach seiner vorherigen Erfahrung wollte er keinen Streit. Ganz im Gegenteil. „Es tut mir leid“, antwortete Trevor daher beschwichtigend. „Aber Ihr kennt meinen Kodex doch, oder nicht?! Die Gräfin hat mir geholfen, und ich tat etwas für sie. Auch, wenn ich damit Eure … Befehlskette übergangen habe. Zudem wollte ich Euch Zeit verschaffen.“
    Edmund winkte ab und trank etwas von seinem Wein. Anscheinend waren Trevors Worte nicht ausreichend gewesen, dessen Laune zu heben.
    „Hier …“, sprach Trevor weiter und schob den Kompass über den Tisch. „I… Ich bin auf einen Souvenirladen gestoßen und habe etwas für Euch gekauft. Angeblich … und nur angeblich, soll dieser Kompass Glück bringen. Für Eure weiteren Reisen vielleicht hilfreich.“
    Skeptisch musterte Edmund erst den Kompass, dann Trevor, bevor der Händlersohn lauthals zu lachen anfing. „Welch ein Blödsinn …“, stieß er aus.
    „Ja, das habe ich auch gedacht“, stimmte Trevor ihm mit verschwitzter Stirn zu. „Aber ein Kompass ist auch an sich hilfreich. Oder nicht?“ Trevors Lachen klang dabei vermutlich äußerst verunsichert. Immerhin wusste er gerade nicht, ob er seinen Verstand verlor.
    Edmund nahm den Kompass an sich und betrachtete ihn etwas genauer, bevor er ihn dennoch einsteckte.
    Trevor konnte nicht sagen, was er dachte. Vermutlich hielt Edmund ihn für einen Idioten. Aber das war in Ordnung. Dafür hielt sich Trevor selbst.
    „Ich hoffe, du hast nicht dein ganzes Geld dafür ausgegeben.“
    Trevor lachte. „Nein. Nicht nur für den Kompass.“ Trevor gestand, für was der Rest draufgegangen war und exte sein Bier. „Jetzt bin ich pleite, aber damit kann ich leben.“
    „Die Alte freut sich wahrscheinlich über alles, solange es von dir kommt“, gab Edmund von sich und trank gesitteter von seinem Wein.
    „Würde sie auch nicht, wenn sie alles wissen würde …“, antwortete Trevor nachdenklich und drehte seinen leeren Becher um sich selbst.
    Edmund lehnte sich zurück, beobachtete Trevor eine Weile, was diesem nicht entging und bestellte für beide nach, was Trevor mit einem Lächeln quittierte.
    „Ich fürchte, die Hexe weiß mehr, als sie zugibt.“
    „Möglich“ wandte Trevor ein. „Aber nicht nur sie tut das. Mir ist klar, dass Ihr mehr seid als ein reicher Sohn. Das hat man bei der Schlägerei gesehen.“ Trevor lächelte. „Ihr habt nicht nur mit Eurem Handschuh geworfen. Das respektiere ich. Genauso wie Eure Befehle. Das habe ich Euch zugesagt.“
    „Das lag am Schnaps der Alten“, erklärte Edmund.
    Eine junge Frau kam an den Tisch und brachte beiden die Getränke. Sie lächelte Trevor an, warf aber Edmund einen abfälligen Blick zu, der Bände sprach.
    Er hat doch nicht … Doch, hat er! Dieser … Naja, warum nicht?!
    Trevor ahnte aber irgendwie, dass Edmund sein ungesittetes Verhalten an Bord irgendwie erklären wollte. Dass er gekämpft und nicht nur danebengestanden hatte.
    „Bei mir nicht …“, gab Trevor zu.
    „Du hast einen ordentlichen Schlag." Edmund zuckte mit den Schultern. "Durchaus praktisch.“
    „Schlag … ja“, stimmte Trevor erneut zu. „Ich helfe gerne.“
    Trevor versuchte, das Thema umzulenken. Er mochte nicht nur deswegen geschätzt werden. Ihm entging zudem nicht, wie die Schankmagd Edmund seinen Wein hinstellte … hinwarf geradezu. „Ihr seid dafür in anderen Themen … besser, wenn auch deswegen nicht … beliebter. Genauso wie ich.“
    „Es ist der Moment danach, der nicht für Beliebtheit sorgt.“ Edmund sah der Magd nach, "aber, da ich nicht vorhabe, nochmal einen Fuß in den Schlamm dieses Ortes zu setzen ...“
    Trevor lachte. „Ich auch nicht! Und ich werde es mir sicherlich nicht als nächstes mit dieser Magd verscherzen. Das ist nicht mein Stil. Zudem erscheint sie mir als Ehefrau ungeeignet, wenn sie mit … jedem ins Bett geht.“ Sein anhaltendes Lachen sollte Edmund zeigen, dass er dabei den Fehler nicht bei ihm suchte.
    „Ich fürchte, eine Ehefrau solltest du dir auch nicht in einer so billigen Taverne am dreckigsten Fleck der Welt suchen.“
    „Nein, sollte ich nicht. Das ist mir auch klar. Aber als Pirat sieht man wenig andere Orte.“
    „Pirat also“, bemerkte Edmund den Hinweis und betrachtete Trevor argwöhnisch. Wirkte aber dennoch wenig überrascht.
    Trevor nickte und trank an seinem Bier. „Laut meinem ehemaligen Kapitän etwas, das mir nicht lag, wenn wir schon ehrlich sind. Er meinte immer, ich sei zu weich. Zu gewissenhaft. Damit hatte er wohl recht …“ Anders konnte sich Trevor seine derzeitige Situation nicht erklären. Er nahm nicht nur, sondern versuchte, auch etwas zurückzugeben. Auch wegen dem Kodex, aber auch, weil er es nicht anders wollte. Dieser Alkohol … er lockerte seine Zunge, aber vielleicht war es besser, wenn zumindest Edmund einiges wusste. Vielleicht verstand er so, dass er Trevor vertrauen konnte – so wie er es bei ihm tat. Auch, wenn Trevor den Grund dafür nicht kannte. Es war einfach so.
    „Das mit dem Weich stimmt wohl. Vater hätte dich dafür verurteilt …“, antwortete Edmund und bestellte eine ganze Flasche Wein.
    Trevor lächelte. „Was habt Ihr vor?“
    „Ich bin nicht mein Vater“, gab Edmund zu. „Das hast du mir die letzten zwei Wochen gezeigt.“
    Trevor hielt Edmund den Becher hin. „Das sind wir beide nicht.“
    Edmund zögerte, aber stieß schlussendlich an. Das betrachtete Trevor etwas als Vergebung.
    „Du bist jedenfalls ein guter Kerl“, murmelte Edmund in sein Glas.
    „Und genau das solltet Ihr niemals denken“, antwortete Trevor und betrachtete ihn eindringlich, grinste aber zum Schluss, um sein Zugeständnis zu überspielen. „Zumindest nicht immer.“
    Edmund und Trevor tranken noch mehr als eine Flasche in der Taverne. Dabei bemitleideten sie sich selbst oder gegenseitig, bis die beide volltrunken Arm in Arm die Taverne verließen. Trevor fiel dabei ein, dass er noch zwei Geschenke vergeben musste. Edmund bestand darauf, ihm dabei zu helfen. Vor allem, da Trevor sich offensichtlich gegenüber der Frauenwelt sehr schwertat.

    Trevor lag wach auf seinem Bett und hatten die Hände hinter seinem Kopf verschränkt. Esther hatte in verarztet. Das war ein seltsames Gefühl gewesen. Nicht, weil er von einer hübschen Frau versorgt worden war, sondern … weil er in der Gruppe eine Art Fürsorge zu spüren bekam, die er so noch nie kennengelernt hatte. Auf den anderen Schiffen ging man lediglich sicher, dass die einzelnen Kerle noch lebten. Das war es aber.
    Trevor wusste nicht, wie lange er bereits wach im Bett gelegen hatte, aber plötzlich vernahm er ein leises Klopfen. Es benötigte aber ein zweites Klopfen, bis er sich sicher war, dass er sich nicht verhört hatte. Er richtete sich auf und ging zu seiner Tür, und nachdem er sie geöffnet hatte, entdeckte er erneut Esther davor. Fragend hob er eine Braue.
    „Ich bräuchte zu etwas Eure Meinung …“, meinte die Magierin und sag ihn hilfesuchend an.
    Sie hatte ihm geholfen, nun konnte er anscheinend helfen. Eine Hand wusch die andere.
    Minuten später fand sich Trevor am hinteren Teil des Oberdecks wieder und starrte durch ein Fernrohr. „Das ist Euer Vater?“, wollte Trevor wissen, und Esther nickte.
    „Er folgt uns sicherlich nicht mit einer Kriegsgaleone, weil er denkt, Ihr wärt freiwillig mit uns gekommen …“, mutmaßte der Wandler.
    Esther druckste herum, aber fand dann die Worte, die Trevor bereits vorausgeahnt hatte. Sie erzählte ihm die Wahrheit und, dass sie Angst hatte, wie das Zusammentreffen der beiden, Edmund und ihrem Vater, ablaufen würde.
    Trevor gab Esther das Fernrohr. Er war ihr gleich gefolgt und hatte sich sein Hemd nicht angezogen. Oma schien dieser Umstand irgendwie zum Lächeln zu bringen und der Wandler wollte der alten Frau den Gefallen tun, noch etwas in ihrem Leben zum Grinsen zu haben. Warum auch immer das so war …
    „Ein Zusammentreffen auf hoher See wäre nicht gut“, stellte Trevor fest. „Sie könnten uns jederzeit versenken.“
    Trevor sah Esther mitleidig an. Da hatte sich die junge Frau in etwas reinmanövriert … Edmund würde sicherlich aus der Haut fahren, wenn er mitbekäme, dass sein Schiff eventuell bald unter Beschuss stand.
    „Wir sollten das Zusammentreffen hinauszögern!“, sagte er Esther. „Ein Hafen ist sicherer. Da werden sich die beiden wohl kaum gegenseitig umbringen.“
    Esther nickte nachdenklich. Sie schien sich unwohl zu fühlen, woran Trevor aber leider nichts ändern konnte. Zumindest nicht endgültig. „Wir werden mehr Knoten machen, um ihnen davonzufahren“, erwiderte er und versuchte, zuversichtlich zu klingen. „Edmund muss es vorerst nicht erfahren, aber Ihr solltet ihm reinen Wein einschenken, bevor wir den Hafen erreicht haben.“
    Wieder nickte Esther, und Trevor erwiderte das und nahm es als Einverständnis.
    Daraufhin pfiff Trevor auf zwei Fingern, sodass die Mannschaft ihm zuhörte. Er nahm eine Kurnanpassung vor und ließ die Segel auf halben Wind stellen, sodass das Schiff sich etwas mehr beeilte. Die Galeone von Esthers Vater schien schwer beladen zu sein, sodass das kleinere und leichtere Schiff von Edmund zumindest einen Vorteil versprach. Vermutlich musste der Wandler später Edmund erklären, warum er so gehandelt hatte, aber das hatte Zeit. Vielleicht bekam es der reiche Händlersohn auch gar nicht mit. Er würde es ihm nicht verraten ...

    Trevor stand da und bekam ein Zucken im Auge. Sein Schädel brummte und er konnte sich an kaum etwas vom vorherigen Abend erinnern. Er hoffte nur, dass er nicht allzu sentimental geworden war. Jetzt stand er auf Deck und schaute der Gruppe Idioten zu, wie sie sich wegen einem Würfelspiel prügelten. Edmund war in der Menge verschwunden. Mut hatte der Händlersohn, das musste Trevor zugeben. Sich einfach ins Getümmel schmeißen … das hätte er nicht von Edmund erwartet. Esther schien ebenfalls irgendwo im Gedränge zu sein, ein Zustand, der für ihn nicht tragbar war, aber … Wenn er mitmischte, konnte es genauso gut sein, dass Edmund und Esther erstrecht verletzt wurden.
    Trevor hörte Edmunds Geschrei, dann sah er den riesigen Kerl direkt vor Edmund stehen. Der Händlersohn hatte sich mit aller Kraft gegen den Dicken geworfen, aber dieser bewegte sich nicht einen Schritt von seinem Platz.
    Edmund … so wird das nichts. Der wiegt das Dreifache von Euch.
    Nun war es genug. Ein Teil hatte aufgehört, zu kämpfen. Das war gut. Mit den restlichen Männern würde Trevor fertig werden. Vor allem, da sie auch mit sich gegenseitig beschäftigt waren und nicht nur ihn im Fokus hatten.
    Gerade, als der Dicke Edmund einen weiteren Schlag verpassen wollte, hielt Trevor den Schlagarm auf, verdrehte ihn und starrte dem Fetten ins Gesicht, der sich schmerzerfüllt zu ihm herumgedreht hatte. „Man sollte nicht die Hand beißen, die einen füttert!“, knurrte Trevor und trat dem Fetten gegen sein Knie.
    Der Seemann brüllte wiederholt schmerzerfüllt auf.
    Danach schlug Trevor ihm mit der freien Faust ein paar Mal ins Gesicht und trat ihm in einer Drehung die Beine weg, sodass der Kerl seitlich zu Boden krachte. „Und so benimmt man sich auch nicht gegenüber Damen!“, maulte Trevor weiter, nahm den Kerl am Kragen hoch und schlug noch weitere Male auf ihn ein, um sicherzugehen, dass er vorerst am Boden blieb.
    Trevor richtete sich auf, während sein Widersacher Blut spuckte. Er sah sich um, entdeckte eine Lücke und zog Esther aus der Mitte der verblieben vier Kerle. Einen von ihnen schnappte sich Trevor an der Schulter und setzte ihn mit einer Kopfnuss außer Gefecht. Den anderen verdrehte er den Arm, schlug ihm in die Rippen und zog demjenigen dann ebenso die Beine weg, sodass dieser sich einmal um sich selbst drehte und jammernd auf dem Boden liegen blieb. Die letzten beiden nahm Trevor am Hals, schlug sie mit aller Kraft mit den Köpfen gegeneinander und ließ sie bewusstlos zu Boden sacken.
    Endlich Ruhe … Abgesehen vom Gejammer!
    Trevor spürte seine aufgeplatzten Knöchel und wie ihm Blut seitlich am Kopf entlang floss. Aber noch spürte er keinen Schmerz. Die Rage verhinderte das. So war es immer, wenn er kämpfte. Sein Herz schlug ihm bis in den Hals, in seinem Inneren machte sich eine Hitze breit, die erst abflaute, wenn keiner außer er mehr stand. Er hasste dieses Gefühl. Vor allem, weil es erst nachließ, wenn alle am Boden oder tot waren. Formwandler zu sein, konnte amüsant sein, aber das war eher der unlustige Part daran. Trevor mochte diese Seite an sich nicht. Er mochte es nicht, andere zu verletzen, was ihn immer zu einem minderguten Piraten gemacht hatte - oder Formwandler. Er war nicht die Art Krieger, die rein wegen Geld entschied, wer leben durfte oder sterben musste. Er redete sich ein, so etwas wie ein Gewissen zu haben.
    Trevor atmete tief durch, verdrängte die Hitze und wandte sich Esther und Edmund zu, die ebenso schnaubend wie er dastanden und die Lage überblickten.
    „Verärgere niemals Trevor …“, hörte Trevor Edmund flüstern.
    Es war klar, welches Bild der Formwandler von sich gezeichnet hatte. Aber vielleicht hatte es etwas Gutes. Edmund sah so, dass Trevor nicht nur ein netter Handlanger war, der ihm Frühstück brachte. Er konnte auch seinem Schutz dienen, ähnlich wie Esther mit ihren Schilden … nur anders.Blutiger vielleicht. Trevor versuchte, sich einzureden, dass er zumindest einen guten Zweck gekämpft hatte. Dem Schutz anderer. Dem Schutz von Edmund und Esther ... Das war immerhin etwas. Wenn auch nicht genug, um seine Laune zu heben.

    „Wer hat damit angefangen?“, verlangte Edmund dann lauter zu wissen und alle verbliebenen Männer, die noch bei Bewusstsein waren, zeigten auf Stiev.
    „Ich spiele nicht mit gezinkten Würfel!“, wehrte sich der Seemann und zog seine Würfel aus der Hosentasche. „Hier!“, fuhr er fort und zeigte sie Edmund.
    Edmund wog die Würfel in seiner Hand, testete sie. Jeder konnte sehen, dass die Würfel nicht gezinkt waren und Stiev auf ehrliche Weise gewonnen hatte.
    Etwas anderes hätte Trevor von dem Seemann auch nicht erwartet, wenn er ehrlich war. Der ganze Aufstand nur wegen ein paar schlechten Verlierern.
    Selbst Esther schüttelte mit ihrem Kopf und rieb sich die Wange, die immer noch gerötet war.
    Trevor ging auf sie zu, nahm mit einer Hand vorsichtig ihr Kinn und drehte sich behutsam die Gesichtsseite zu. „Es sieht harmlos aus, aber vielleicht solltet Ihr Oma trotzdem nach einer Salbe fragen, bevor es blau wird“, schlug er vor. „Genauso wie Ihr“, sprach Trevor weiter und sah Edmund an. „Eure Wunde ist leicht aufgegangen.“
    „Das solltet ihr beide auch tun“, antwortete Esther.
    „Ihr seht auch nicht taufrisch aus“, erwiderte Edmund fast schnippisch an Trevor gewandt.
    Trevor grinste. Wenn er bedachte, wie viele Hiebe er schon hatte einstecken müssen, wie viele Klingen seine Haut bereits aufgeschnitten hatten, war diese Prügelei harmlos dagegen gewesen. Die Platzwunde an der Braue würde er selbst behandeln. Oma sollte sich um die beiden Herrschaften kümmern und nicht um einen Piraten.
    Trevor wandte sich noch einmal der Meute zu, die sich jammernd am Boden herumrollte.
    Ganze Arbeit, Trevor … Das wird deinen Ruf an Bord sicherlich verbessern. Jetzt hält dich jeder für einen Schläger! Am besten schließt du nachts seine Kabine ab!
    „Jetzt muss ich das Pack auch noch bestrafen“, beschwerte sich Edmund im Hintergrund, und Trevor nickte.
    „Das überlasse ich ganz Euch!“, antwortete er und lächelte Edmund gespielt amüsiert an. „Aber danach werden sie sich wahrscheinlich überlegen, Euren Befehlen nicht nachzukommen.“
    Trevor hatte genug für einen Tag. Er setzte sich in Bewegung, um in sein Zimmer zu gelangen und sich das Blut abzuwaschen, als ihm Nelli auf halben Weg entgegenkam.
    Erschrocken starrte sie Trevor im Vorbeigehen an. „Was ist denn passiert, Bursche?“, wollte sie von ihm wissen.
    „Alles gut, Oma. Den Rest regelt Edmund!“, antwortete Trevor und klopfte der alten Dame zuversichtlich auf den Rücken. „Du solltest dir aber später die beiden ansehen. Sie mussten auch einstecken.“
    „Ja, aber …“, wandte Nelli ein, und Trevor konnte spüren, wie sie ihm nachsah, während er unter Deck ging. Die Bestrafung wollte er nicht mit ansehen. Das hatte er selbst schon alles am eigenen Leib erfahren. Peitschenhiebe wegen Fehlverhalten … oder übermäßiger Gewalt …
    Trevor beließ es dabei, sich die Hände und sein Gesicht zu waschen. Danach legte er sich auf sein Bett und hoffte, dass dieser Tag schnell vorbeigehen würde.

    Trevor hatte anscheinend nicht genug gebetet. Da war es! Das erste Unwetter! Es war kein schlimmes Unwetter. Mehr ein Sommergewitter, aber die Böen hatten es in sich. Sie rissen an den Segeln, sodass sie drohten, abzureißen. Trevor half den Seeleuten, die Segel zu streichen. Sie alle stemmten sich gegeneinander und zogen am Tau die Segel des Fockmastes nach oben. Das Schiff schwankte wie wild in den sich auftürmenden Wellen. In der Ferne konnten sie zwar schon wieder einen wolkenlosen Himmel erspähen, aber das half ihnen gerade nicht weiter.
    Plötzlich rutschte einer der vorderen Seeleute aus und verlor den Halt. Trevor, Stiev und einige andere fielen hin oder auf ihre Knie und versuchten, das Tau mit den Händen festzuhalten, ehe das flatternde Segel sie alle mit sich riss. Unsanft prallte Stiev gegen Trevor, der wie wild fluchte. Beide merkten, dass ein paar anderen Männern das Tau aus den nassen Händen entglitt, und ehe beide etwas machen könnten, wurden sie Richtung Flaschenzug gezogen.
    Aber sie dachte gar nicht daran, loszulassen. Auf gerade mal einem Viertel der Reise bereits ein Segel zu verlieren, wäre eine ziemlich miese Sache geworden. Stiev und Trevor prellten gegen den Mast und hielten das Tau weiter fest, während der Rest der Männer versuchte, wieder aufzustehen.
    „Das Ding reißt mir den Arm ab!“, schrie Stiev, und dem konnte sich Trevor nur anschließen.
    Es sah aus, als steckten Stiev und Trevor beinahe in einer innigen Umarmung, so sehr wurden beide ineinander gedrückt. Hinzu kam, dass Trevors Schulter rebellierte, da sie stetig gegen den Mast gedrückt wurde. Ein lautes Knacken ließ Trevor losbrüllen. „Bei allen Meereswesen … helft uns endlich.“
    Die Männer hatten endlich das andere Ende des Taus wieder unter Kontrolle und zogen, während Stiev und Trevor immer noch am Mast hingen wie fehlplatzierte Galionsfiguren. Doch plötzlich verflüchtigte sich der Wind und es wurde geradezu windstill. Ein Teil der Männer, die voller Eifer am Tau gezogen hatten, fielen auf ihre Hintern und die anderen beiden kamen frei. Es dauerte einen Moment, bis alle die junge Magierin an Deck erspäht hatten, die ihren Zauberstab wieder einsteckte.
    Sie amtete sichtbar durch und kam dann auf die Gruppe Männer zu. „Sind alle in Ordnung?“, fragte sie beinahe melodisch und betrachtete jeden einzelnen.
    „Danke“, murrte Trevor kleinlaut und rammte seine Schulter kurzerhand gegen den Fockmast, um die Schulter wieder einzukugeln.
    Aua … tut das weh … Jetzt nur nicht Wimmer! Nicht vor einer Gräfin wimmern! Atme den Schmerz einfach weg …
    „Jetzt ja, oder?“, fragte Trevor. Auch er wandte sich dem Rest zu, der zwar wie er vollkommen durchnässt war, aber niemand schien verletzt.
    Esther musterte ihn mit einer erhobenen Braue. Anscheinend hatte das Wegatmen nicht so funktioniert, wie sich Trevor das gedacht hatte.
    Durch das Schutzschild, dass Esther aufgebaut hatte, regnete es nicht einmal mehr. Ungläubig standen nun alle herum, hielten die Hände geöffnet und waren verwundert, dass der Sturm zwar außerhalb des Schildes noch tobte, aber nicht ein Tropfen zu ihnen durchdrang.
    Nachdem die Männer sie lange genug angestarrt hatten, machte sie alle darauf aufmerksam, dass ihr Schild nicht ewig halten würde, weswegen die Männer umgehend zu den Tauen liefen, um sie einzuholen. Trevor hatte genug geholfen. Seine Schulter schmerzte für diesen Tage genug. Zudem gehörte er nicht zur Crew. Er atmete noch einmal tief durch, um den Schmerz zu beseitigen und schaute dann Esther an. „Wir sollten unter Deck, bevor der Schild nachlässt.“
    „Geht und ruht Euch aus, ich werde sicherstellen, dass mein Schild noch eine Weile hält.“
    Klar, lass die Gräfin mit einer Horde Männer alleine an Deck, die sie bereits jetzt anschauen, als sei sie eine Hexe …
    „Dann … warte ich so lange“, meinte Trevor, der, wenn er schon einen verwöhnten Händlersohn bewachte, sicherlich keine Magierin alleine unter abergläubigen Volldeppen lassen würde.
    Aber tatsächlich besaßen die Männer genug Zeit, alle Segel zu streichen, bis der Schild nachließ. Wie begossene Straßenhunde standen sie im Regen. Trevor wandte sich einmal mehr zu der hübschen Magierin um. „Jetzt?“, wollte er von ihr wissen, während ihm der Regen am Gesicht hinablief.
    Esther versicherte sich noch einmal, dass die Männer mit allem fertig waren, während ihre Kleidung auch bereits vollkommen durchnässt schien. Aber dann ging sie vor und Trevor folgte ihr.
    Er ließ der Gräfin lieber den Vortritt. So machte man das doch, oder nicht? Er wusste es nicht. Sein Umgang mit Frauen war in seinem Leben eher rudimentär vertreten. Vermutlich machte er ohnehin alles falsch … Warum sich Mühe geben?
    Zusammen betraten sie kurz danach den Speisesaal des Schiffes, in dem zu deren Überraschung Edmund und Nelli saßen. Die Hexe trug dem reichen Sohnemann gerade eine neue Schicht der Salbe auf, die er so abscheulich fand. Trevor musste zugeben, dass es aussah, als hätte ihm ein Schwarm Möwen an den Kopf geschissen, aber diese Bemerkung behielt lieber für sich. Obwohl Esthers Gesichtsausdruck wirkte, als dachte sie das gleiche.
    Erschöpft ließ sich Trevor in einen Stuhl fallen, während die Magierin sichtlich zögerte, sich in Gegenwart von Edmund zu setzen.
    „Setzt Euch nur …“, forderte Trevor deswegen Esther auf. „Und nochmal Danke für Eure Hilfe an Deck. Solch ein Schild macht die Arbeit um Längen leichter.“
    „Ich schätze, für genau solche Fälle bin ich ja hier“, antwortete Esther und bat um einen kurzen Moment, um sich trockene Kleider anziehen zu können.
    „Das solltet Ihr auch“, bestätigte Edmund, während er versuchte, die Paste im Gesicht zu behalten. Jaja, einerseits sich dagegen wehren, aber Narben wollte er auch keine riskieren, wie es aussah.
    Trevor konnte Esther wohl kaum verbieten, sich umzuziehen und nickte nur. Wobei er sich allein bei der Bestätigung schon doof vorkam. Er erlaubte es ihr schließlich nicht, sondern nahm es nur zur Kenntnis. Er hingegen verblieb in seiner nassen Kleidung und schaute eine Weile der Prozedur von Nelli zu.
    „Och Gottchen, du bist ja ganz nass, Jungchen“, trötete sie, nachdem sie Trevor gesehen hatte und holte eine Decke hervor, die sie ihm umlegte.
    Schmerzerfüllt jaulte Trevor auf und rutschte in seinem Stuhl tiefer, als Nelli ihm an die Schultern tätschelte.
    „Was ist denn?“, wollte sie wissen.
    „Er hat sich seine Schulter ausgekugelt und dann selbst wieder eingerenkt“, ertönte es hinter ihm von der Magierin, die in neuer Kleidung und offenem Haar um ihn herumtrat. In dem Aufzug, so fand Trevor, sah sie beinahe bürgerlich aus. Fast ein bisschen besser, als in diesen Tonnen voll Stoff, die auch schon Trevor hatte tragen dürfen. Er empfand daher mit der Frauenwelt reines Mitleid.
    „Ist heute Waschtag?“, wollte jedoch Edmund von Esther wissen. „Oder soll ich auch Trevor mit Eurer Wäsche betrauen?“
    Esther räusperte sich. „Nein, das ist nicht nötig, danke. Ich fühle mich in meiner Magierrobe recht wohl.“
    Na klar, als hätte sich eine Gräfin von einem Formwandler in der Unterwäsche rumwühlen lassen. Selbst Trevor war nicht so dumm, das anzunehmen.
    „Ich gebe dir mal schnell was gegen die Schmerzen“, mischte sich Nelli ein und begann, in ihrer Tasche herumzuwühlen. „Da habe ich ihn ja.“ Etwas ungelenk watschelte die alte Dame zu einem Schrank, holte vier kleine Becher heraus und stellte sie vor sich auf den Tisch. „Den habe ich selbst gebrannt. Aus Kräutern und Himbeeren.“
    „Was ist das?“, wollte Trevor wissen, bevor er dasaß wie Edmund.
    „Alkohol. Du hast dir bereits den Arm selbst wieder eingerenkt. Gegen den Rest hilft nur ein ordentlicher Schluck von meiner Medizin.“
    Nelli schenkte zittrig, aber recht präzise ein und schob Trevor den Becher hin. Dem Rest goss sie auch ein und verteilte es. „Hilft auch gegen Kälte!“, erklärte Nelli und klopfte aufmunternd auf die Schulter von Esther. Diese schien jedoch abzuwarten, bevor sie sich den Becher nahm.
    „Und wogegen soll das mir helfen?“, wollte Edmund wissen.
    „Na hoffentlich gegen das vorlaute Mundwerk“, antwortete Nelli spitzzüngig.
    Bevor Edmund genügend Luft eingesogen hatte, um zu antworten, erhob Trevor seinen Becher. „Wir sollten darauf trinken, dass wir beide den Tag einigermaßen unbeschadet überlebt haben“, schlug er vor.
    „Ach Junge“, entgegnete Nelli lächelnd. „Du hast dich bei harter Arbeit verletzt. Der da …“ Sie deutete auf Edmund. „ist die Treppe runtergefallen.“
    „Es war ein Angriff!“, beharrte Edmund weiter auf seiner vorherigen Geschichte.
    „Von was?“, hakte Nelli nach. „Von dem zerbrochenen Tisch am Fuße der Treppe? Wenn auf Euch bereits Möbelstücke losgehen, solltet Ihr Euch Gedanken machen.“
    Trevor entwich ein Lachen bei dem Bild, dass der Tisch Edmund böswillig angefallen hatte, und auch Esther schien das äußerst amüsant zu finden, da sie sich dem Gelächter anschloss. Sie musste immerhin den bitterbösen Angriff direkt mit angesehen haben.
    „Frechheit!“, blökte Edmund. „Vermutlich habe ich es Euch dann zu verdanken, wenn ich vollkommen entstellt bin.“
    „Euch kann nichts entstellen“, versicherte ihm Trevor beschwichtigend und hielt immer noch den vermaledeiten Becher in der Hand. In der Hand von dem Arm, der wehtat.
    Trevor exte einfach seinen Becher weg und stellte ihn dann auf den Tisch. Der Schnaps war gut, würzig und besaß einen süßen Abgang. Allerdings war er schon recht stark.
    Nelli tat es Trevor gleich und leckte sich danach noch über ihre runzligen Lippen. „Das war ein gutes Jahr gewesen“, lobte sie sich selbst.
    Blieben nur noch die beiden Gutbetuchten.
    Trevor lehnte sich von innen gewärmt vorsichtig an den Stuhl und ließ ein leises „Booock bock bock booock“ über seine Lippen kommen, was an die beiden gleichermaßen eine Aufforderung war.
    Esther zögerte noch einen kurzen Moment und exte dann den Becher genauso, wie es Trevor getan hatte. Beim Absetzen hustete sie kurz, aber ihre roten Wangen zeigten, dass ihr tatsächlich wärmer wurde.
    Edmund nahm dem Becher und runzelte die Nase.
    Noch einmal gackerte Trevor leise vor sich hin, während Nelli um den Tisch herumging, um nachzuschenken.
    „Viel … hilft viel!“, versprach die Hexe dabei, und Trevor konnte nicht behaupten, traurig darüber zu sein, mehr … Schmerzmittel zu bekommen.
    „Seht es so“, wandte Trevor ein. „Schlimmer als das Zeug in Eurem Gesicht ist es auf keinen Fall.“
    Edmund sah skeptisch auf, schien zu überlegen, aber trank dann ebenso den Schnaps in einem Mal. „Könnte besser sein“, erwiderte der Händlersohn, schob dabei aber den Becher reichlich nah an die Flasche der Alten heran.
    Es dauerte nicht lange, da hatten sie alle die erste Flasche geleert. Wegen Schmerzen, Kälte, guter Laune und dem eigenen Anblick im Spiegle, was die Hexe dazu veranlasste, eine zweite auf den Tisch zu stellen.
    Alles rein aus medis… meme … medizinuischen Gründn nadürlich … Trevor müde … Trevor ins Bett will …

    Trevor hatte keine Lust, den Zorn von Edmund noch weiter auf sich zu ziehen und quatierte Nelli zunächst in eines der freien Zimmer ein, bevor er sich an die Aufgaben machte, die Edmund ihm aufgetragen hatte. Die Jahre als Schiffsjunge steckten noch in ihm, weshalb ihm das alles nicht schwerfiel. Dabei war es egal, ob man einem Kapitän der Marine oder einem Piraten diente. Die Jungen besaßen überall die gleiche Stellung.
    Nachdem die Sonne untergegangen war, hörte er die Mannschaft noch etwas unter Deck singen und feiern. Allerdings war Trevor sicherlich nicht danach, sich ihnen anzuschließen. Er ließ seinen Nacken kreisen und spürte noch immer die Enge der Kiste in seinen Knochen, in der er tagelang gesessen hatte. Er fühlte sich wie ein Stock im Wind … oder doch eher wie ein Storch im Salat? Irgendetwas dazwischen. Seine Glieder waren steif, und das viele Hin- und Herlaufen machte es nicht besser. Es ging Richtung Sarima. Trevor machte sich nicht die Illusion, dass sie unbeschadet durch diese Gegend kamen. Und meist war es der Muskelkraft der Besatzung geschuldet, ob ein Schiff erfolgreich einen Sturm passierte oder nicht. Deswegen hatte sein ehemaliger Kapitän keine Schwachmaten um sich geduldet. Das rettete Silberaugen Johnny zwar auch nicht vor der Gefangennahme der Marine und seiner Erhängung, aber Trevor hatte so gelernt, auf sich zu achten.
    Als es leicht anfing zu regnen, zog sich Trevor sein feines Hemd und die Jacke aus und legte die Sachen über die Nagelbank. Edmund würde ihn vermutlich Kielholen lassen, wenn auch nur ein Faden an der Kleidung lose herumhing.
    Trevor begann, sich an der Innenseite der Webleinen des Großmastes hoch zu hangeln.
    Bei den Wesen des Meeres, ich krepiere gleich …
    Ja, er war alles andere als fit, aber da er niemanden in der Gruppe sah, der körperliche Anstrengungen gewohnt war, wollte er lieber nichts dem Zufall überlassen. Edmund würde wohl kaum beim Einholen der Leinen Blasen an seinen Händen riskieren …
    Nachdem er den Untermast komplett erklommen hatte, kletterte er auf gleichem Weg wieder nach unten und wiederholte das alles viermal. Es half auch dabei, seinen Verstand zu klären. Obwohl er derzeit niedere Arbeiten erledigte, war es doch das Beste, was ihm seit langem passiert war. Er war nicht mit dummen Piraten unterwegs, die ein Passagierschiff nicht von einem Handelsschiff unterscheiden konnten. Zudem war seine alte Crew entweder tot oder in alle Himmelsrichtungen zerstreut, nachdem das Schiff von Silberaugen Johnny von der Marine überrannt worden war. Trevor hatte nur überlebt, da sein Kapitän ihn bewusstlos geschlagen und dann über Bord geworfen hatte. Eine fast väterliche Geste, die aber Trevor mit einem schlechten Gewissen zurückließ. Vielleicht hätte er seinem Kapitän helfen können. Vielleicht sollte es einfach nicht sein.
    Trevor schnappte sich danach seine Oberbekleidung und klemmte sie unter seinen Arm. Sie wieder anzuziehen war sinnlos, nachdem er vorzog, früh ins Bett zu gehen. Sein kleines Zimmer, das Edmund ihn zugeteilt hatte, befand sich seinem gegenüber. Es war ein Bediensteten-Zimmer, aber so musste Trevor nicht bei der Mannschaft schlafen. Ihm genügten zudem ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl, um es bereits als luxuriös abzutun. Dennoch war da eine Kleinigkeit, die an ihm nagte. Auf halben Weg ging er noch einmal ein paar Schritte rückwärts und klopfte an das Zimmer der jungen Magierin. Etwas genervt trommelte er mit seinen Fingern auf den Türrahmen herum, nachdem er erst nach dem zweiten Klopfen Geräusche aus dem Zimmer vernahm.
    Esther öffnete die Tür und schaute Trevor nachdenklich an, bevor sie ihn schlussendlich hineinbat.
    „Würdet Ihr Euch etwas überziehen?“, bat sie ihn dann und schloss die Tür.
    Trevor schaute an sich hinunter. Stimmte etwas an ihm nicht? Viele Seeleute liefen ohne Oberbekleidung an Deck herum. Er seufzte und zog sich kurzerhand das Hemd über den Kopf. Wenn die Gräfin etwas dagegen hatte, wollte er wegen solch einer Kleinigkeit keinen Streit vom Zaun brechen. „Ich hätte eine Bitte an Euch …“, fing er an, während er sich in sein Hemd friemelte, „es wäre furchtbar nett, wenn Ihr nicht überall erwähnt, was ich bin.“
    Esther zog eine Braue nach oben, als hätte sie mit solch einer Bitte nicht gerechnet. „In Ordnung“, stimmte sie jedoch zu. „Sonst noch etwas?, fragte sie, und Trevor blinzelte ungläubig.
    Das war einfacher, als gedacht …
    Wiederholt sah sie ihn fragend, fast erwartungsvoll, an.
    „Ehm … äh … Nöö, das war alles. Dann … schlaft gut … oder so etwas Ähnliches …“, stammelte Trevor und verließ das Zimmer wieder. Vielleicht konnte sie Formwandler nicht leiden. Er spürte zumindest eine recht ablehnende Haltung. Vielleicht lag es auch daran, dass er geschwitzt hatte und er vermutlich wie eine Horde alter Socken roch … Das war es sicherlich. Unter gehobenen Herrschaften lief man immerhin nicht herum wie ein streunender Hund, der Trevor irgendwie war. Deshalb machte er im Gegensatz zu seinem vorherigen Leben lieber Gebrauch von seiner Waschschüssel im Zimmer.
    Danach ging Trevor schlafen, stand früh genug auf, um Edmund zu wecken und stand wenig später mit Nelli in der Kombüse. Edmund hatte zwar gesagt, dass die Hexe nicht an sein Essen sollte, aber er hatte auch gesagt, dass Trevor sich um die Alte kümmern sollte, was er nur konnte, wenn sie bei ihm war. Deshalb assistierte sie ihm, während er für Edmund und Esther Frühstück vorbereitete. Nur ungern hatte sich der bereits gesundete Smutje aus seiner Kombüse vertreiben lassen, aber er konnte danach immer noch das Essen für die Mannschaft vergiften. Trevor machte dem reichen Händlersohn Rührei, Bohnen, Speck, frisches Brot und gebratene Kartoffeln, bei denen Nelli ihm den Rat hab, gemahlenes Rosmarin drüber zu geben, das sie ihm reichte. Die Kräuter der Hexe waren wohl zu mehr geeignet, als Tee zu machen. Und gegen Rosmarin war wohl nichts einzuwenden. Allerdings warnte Trevor die Hexe, das mit dem Tee nicht noch einmal zu versuchen.
    „Fast fürsorglich, der Bursche“, erwiderte Nelli, und Trevor verdrehte die Augen.
    „Es ist besser für uns alle, wenn wir nicht umgehend versuchen, uns umzubringen. Das schafft vermutlich schon die See.“
    Nelli kicherte, und als Trevor die beiden Teller nahm, um sie den Herrschaften zu servieren, spürte er einen Klaps auf seinen Hintern.
    „Das wollte ich schon die ganze Zeit machen …“, giggelte die Alte, und Trevor drehte sich zu ihr herum.
    „Das ist … Warum … Ich sollte an Deck“, antwortete Trevor perplex und wandte sich mehrmals zu Nelli verwirrt herum.
    An Deck angekommen, stellte Trevor alles bereit, während Edmund bereits auf den Tisch zu stolziert kam. „Das wurde aber auch Zeit. Das nächste Mal geht das etwas schneller …“, beschwerte sich der reiche Händlersohn und legte sich ein Tuch auf den Schoß. „Ich hoffe, danach lande ich nicht auch krank im Bett.“
    „Kann ich nicht versprechen …“
    , antwortete Trevor abwesend und servierte ebenso den Wein, während Silberberg allmählich am Horizont verschwand. Jetzt waren sie unterwegs. In zwei Wochen konnten sie ihre Vorräte auffrischen, danach sollte eine Weile kein Hafen mehr kommen, der auf direkten Weg nach Samira lag. Trevor wollte sich gar nicht vorstellen, was geschah, wenn Edmund sich mit Salzfleisch – und Fisch zufriedengeben musste. Seine Laune würde es sicherlich nicht verbessern. Aber zunächst fehlte Trevor den Meeresgott an, dass er ihnen guten Wind, aber wenig Stürme schenkte. Edmund wartete mit dem Essen anscheinend auf seine ebenso reiche Reisebegleitung. Trevor zog es derweil vor, mit Nelli zusammen in der Kombüse zu essen. So bekam Trevor zumindest für einen Moment eine Verschnaufspause.

    Trevor begleitete die alte Dame in die Kombüse und stellte ihr zwei Gusstöpfe auf die Herdplatte. Das benötigte Feuer darin hatte er schnell entfacht, während die Heilerin ihre Kräuter sortierte und mischte. Die Tees köchelten und die alte Frau warf nacheinander unterschiedliche gemahlene Kräuter hinein.
    „Ist das eigentlich deine richtige Gestalt oder befindest du dich gerade in einer Wandlung?“, fragte die Alte nach einer Weile an Trevor gerichtet, der in seiner Bewegung innehielt und den Holzscheit nicht umgehend in den Ofen steckte.
    „Was?“, fragte Trevor mit hoher Fistelstimme und räusperte sich umgehend. „Was?“, wiederholte er dann mit tieferer Stimme.
    „Jungchen, ich bin schon ein paar Jahre auf der Welt … und bin bereits ein paar Formwandlern begegnet. Ihr habt diese seltsame Aura um euch. So eine Art zittrige Sphäre. Gute Magier oder … Hexen wie ich riechen euch eine Meile gegen den Wind.“
    „Hexe?“, fragte Trevor verunsichert und roch nebenbei an seiner Kleidung. Eine Meile gegen den Wind? So etwas ging? Und was war eine Sphäre?
    Die Alte lachte. „Wenn ich ehrlich zu dir bin, fällt es dir vielleicht leichter, das auch zu mir zu sein. Und keine Sorge, ich werde schon niemanden etwas sagen. Wäre ja schade um das hübsche Gesicht.“
    Trevors Gesicht lief zu einer vollreifen Tomate an. „Ich sage … mal nicht, dass ich keiner bin“, rang er sich das Zugeständnis ab. „Und befinde mich derzeit zumindest in keiner Wandlung.“
    Schmunzelnd nahm die Alte das hin. „Man nennt mich übrigens Nelli. Und wenn ich ehrlich bin, gefällt mir eure Gruppe so gut, dass ich mich gerne anschließen würde.“
    Nun lachte Trevor. „Das glaube ich nicht. Wir reisen in ziemlich gefährliche Gewässer.“
    „Genau deswegen ja“, antwortete die Hexe. „Bevor ich von der Welt abtrete, will ich noch einmal ein Abenteuer erleben. Die Stadt ist ziemlich langweilig geworden. Früher war ich nie lange an einem Ort, aber mir fehlte der Antrieb.“
    Das konnte Trevor irgendwie nachvollziehen. Auch, wenn er sich nach einer Art Sesshaftigkeit sehnte, war das Leben auf See wenigstens nie langweilig oder eintönig gewesen. Das würde er vermutlich irgendwann am meisten vermissen, wobei er sich nie als Bauer sah, der tagtäglich die gleiche Arbeit verrichtete.
    „Die hübsche, junge Frau nehmt ihr doch auch mit“, wandte Nelli ein.
    „Sie ist eine Magierin und hilft uns mit Schutzzaubern …“
    „Und wer kuriert eure Wunden oder Verletzungen?“
    Das war in der Tat eine gute Frage. Allerdings glaubte Trevor nicht, dass Edmund eine Hexe ohne Weiteres mitnahm. Das hatte er an Deck schon sehr deutlich gemacht. Nach der Diskussion mit ihm, ahnte Trevor, dass Edmund nur jemanden mitnahm, wenn er einen Vorteil aus ihm ziehen konnte. Keinen böswilligen Vorteil, aber reine Nächstenliebe reichte eben auch nicht.
    „Ach … das wäre nochmal schön. Eine solches Abenteuer, bevor der Sensenmann an meine Haustür klopft …“, säuselte Nelli, und Trevor zog seine Brauen tief in sein Gesicht.
    War ja klar, dass er wieder auf diese Mitleidsnummer anspringen musste. Egal welches Alter Frauen besaßen. Es war bei ihm wie mit kleinen Tieren. Wenn sie ihn nur einmal ansahen … Genauso war er in Gefangenschaft geraten. Er hatte die Form einer jungen Frau angenommen, damit diese nicht als Geisel genommen worden war, da sein Piratenschiff, dass das Schiff geentert hatte, kein Handels- sondern Reiseschiff überfallen hatte. Er hatte dem stumpfsinnigen Kapitän gleich gesagt, dass dort keine Waren oder Reichtümer zu finden waren, aber niemand hatte auf ihn gehört. Und dann war er von seiner eigenen Mannschaft verschleppt worden. Aber immerhin … die Gesichter, als Trevor die Wandlung nicht mehr aufrechterhalten konnte, waren unbezahlbar gewesen. Keine reiche Tochter saß im Käfig, für die sie Lösegeld bekommen konnten, sondern das neue Mannschaftsmitglied. Blöd nur, dass sie dadurch seine Wandlerfähigkeiten erkannt hatten. Trotzdem … er musste sich abgewöhnen, auf jede vorgeschobene Unterlippe anzuspringen. Das nahm er sich vor … nach Nelli.
    „Ich werde mit Edmund reden. Eine ältere Hexe … Heilerin an Bord zu haben, ist besser, als gar keine. Das mit der Hexe solltest du dir aber für einen späteren Zeitpunkt aufheben.“
    „Spätestens nachdem der Händlersohn sich etwas entspannt hat“, erwiderte Nelli mit einem seltsamen Blitzen in den Augen. „Der Tee ist fertig!“
    Trevor stellte zwei Tassen bereit, während Nelli die Tees mit einer Kehle füllte.
    Trevor bekam bei der Tasse, die für Edmund bestimmt war, ein komisches Gefühl. Das Blitzen in den Augen der Hexe … der Fokus auf Entspannung. In erster Linie hatte Trevor versprochen, Edmund zu beschützen. Und Nelli konnte Trevor so viele Komplimente machen, wie sie wollte, er war auch nicht erst seit gestern auf der Welt. „Geh nur schon vor“, wandte Trevor ein. „Ich nehme die Tassen. An Bord ist es ziemlich … wacklig. Und du benötigst zum Gehen bereits einen Stock. Das Esszimmer ist auf der anderen Seite des Decks. Der Vorraum vor den Gästezimmern.“
    Die Hexe verließ zusammen mit Trevor die Kombüse. Er entdeckte dabei den jungen Matrosen, der ihn auf eine Idee brachte. „Ach, jetzt hätte ich beinahe das feine Gebäck vergessen. Edmund hasst es, Tee ohne Gebäck serviert zu bekommen. Ich hole es schnell. Ansonsten kannst du dein Anliegen sofort vergessen“, log Trevor. „Sag meinem Herrn, dass ich gleich da bin.“
    Nelli musterte Trevor skeptisch, und dieser grinste das unschuldigste Grinsen, das er auf Lager hatte. Das genügte anscheinend, sodass die Hexe weiterlief. „Na schön, Jungchen. Vertauscht die Tassen nur nicht. Der Sohnemann erscheint mir aufgedreht genug.“
    „Niemals …“, antwortete Trevor mit tiefer Stimme, und ging die Stufen zurück unter Deck. Bevor er sich für Nelli aussprach, musste er sichergehen, dass die Alte nicht versuchte, sie alle umzubringen. Deshalb stellte er Esthers Tasse in der Kombüse ab und begab sich in die Mannschaftsunterkünfte. „Oh … Francis“, rief Trevor melodisch. „Du siehst unheimlich müde aus. Tee?“
    „Tee?“
    „Tee!“, versicherte Trevor.
    Der musternde Blick des Matrosen entging ihm nicht. „Trink. Den. Tee!“, stieß er durch zusammengebissene Zähne empor. „Oder willst du mich beleidigen?“
    Mit zittrigen Händen nahm der Matrose skeptisch den Tee entgegen. Das Porzellan klapperte auf dem Unterteller und Francis nippte daran. „Der ist gut!“, sagte er und nahm einen größeren Schluck.
    Hatte sich Trevor vielleicht geirrt und der Tee war harmlos?
    „Sehr gu…“, wollte der Matrose wiederholen und klappte wie ein nasser Sack nach hinten. Schnell überprüfte Trevor, ob der junge Mann noch atmete, aber das laute Schnarchen verriet es ihm bereits.
    „Ein Schlaftee!“, stieß Trevor fast erleichtert aus. Vermutlich sollte das ein kleiner Racheakt an Edmund sein, den Trevor der Hexe nicht mal verübeln konnte. Immerhin war er nicht zimperlich im Umgang mit anderen Menschen. Vor allem in seiner Wortwahl. Aber das wäre für eine Weiterreise sicherlich nicht förderlich gewesen. Die reichen Herrschaften sahen das weniger als Streich, eher als Attentat. Er nahm sich vor, das mit der Hexe noch einmal zu besprechen, aber das hob er sich erstmal für später auf. Sie war eine talentierte Kräuterkundige und vermutlich mehr, als sie in ihr vorerst sahen, weshalb Trevor beschloss, dass es besser war, sie dabei zu haben und sie nicht zu brauchen, als umgedreht.
    Trevor betrachtete den schnarchenden Matrosen, warf ihn sich über die Schulter und dann kurzerhand in eine Hängematte. Da Hängematten aber die Angewohnheit besaßen, sich zusammenzuziehen, landete Francis auf der anderen Seite auf dem Fußboden.
    So geht es auch …
    Trevor griff in seine Seitentasche, in der sich ein geliehener Flachmann befand. Er schüttete den darin befindlichen Rum über den Matrosen, damit es wirkte, als hatte er zu tief ins Fass geschaut. Danach richtete Trevor pfeifend für Edmund eine zweite Tasse des Tees her, der auch für Esther bestimmt war. Den restlichen Schlaftee kippte er sich in den Flachmann. So etwas konnte nie schaden, dabei zu haben. Dann ging Trevor mit den beiden Tassen und trockenen Keksen aus der Kombüse ins Esszimmer der gehobenen Herrschaften. Er stellte Esther und Edmund den Tee vor die Nase und setzte sich Nelli gegenüber.
    „Ist das nicht eine nette Geste der Heilerin?“, wollte Trevor von den beiden wissen.
    Esther wirkte genauso skeptisch wie Edmund. Aber nachdem beide von dem Tee gekostet hatten, schienen sie positiv überrascht.
    „Nicht schlecht …“, erwiderte Edmund beinahe freundlich, „für Tee.“
    „Die Kekse sind etwas trocken“, sagte Esther hustend und legte ihren räuspernd neben die Tasse.
    Kein Wunder. Die sind vermutlich so alt wie Nelli.
    „Ich bin ja dafür, dass wir die Heilerin mitnehmen“, wandte Trevor schließlich ein und grinste jeden über beide Wangen an. Er wusste, dass er mit der Tür ins Haus fiel, aber anders ging es wohl nicht. Edmund hätte ansonssten nur wieder gefragt, wann die alte Frau von Bord verschwindet. „Eine ältere Heilerin ist besser als keine. Vor allem dorthin, wo wir hinwollen. Und wenn Ihr, Edmund, Bedenken wegen ihres Alters habt, dann werde ich eben ihr auch etwas helfen. Ich konnte mich von ihrem Können … überzeugen … und glaube, das könnte äußerst amüsant werden. Zu unserem Vorteil vielmehr ...“
    Trevor lehnte sich entspannt zurück. Dabei entging ihm der fragende Blick von Nelli nicht, den sie Edmund zuwarf. Und jener lag vermutlich nicht daran, dass sie seine Antwort abwartete, sondern vielmehr daran, dass der reiche Sohnemann noch nicht mit dem Gesicht den Tisch liebkoste.

    Trevor lehnte an der Reling und schaute zum offenen Meer hinaus. Er sinnierte über seine neue Beschäftigung und darüber, dass dieser Edmund naiver war, als Trevor zuvor angenommen hatte. Er hatte der Adligen tatsächlich die Nummer „Ich darf mitreisen, aber wir müssen aus dem Anwesen flüchten“ abgekauft. Aber wer war Trevor schon, dass er Edmund auf diese Lüge hinwies? Ihm war der Schutz dieser Magierin auf jeden Fall lieber. Er kannte die Gewässer, in die Edmund reisen wollte, und schon so manches Schiff war aus dieser Gegend nicht mehr zurückgekehrt. Allerdings beunruhigte Trevor der Blick der jungen Frau, mit dem sie ihn ab und an bedachte. Hatte sie ihn bereits als Formwandler entlarvt? „Schwachsinn“, dachte sich Trevor. Es war ja nicht so, als stünde es ihm auf die Stirn geschrieben. Oder hatte Edmund ihn verpetzt?


    Urplötzlich hörte Trevor etwas hinter sich, das klang, als täte jemand seinen letzten Atemzug. Keuchend, regelrecht pfeifend, schob sich eine alte Frau die Planke zum Schiff hoch, dicht gefolgt von einem jungen Matrosen, den Trevor bereits an Bord dieses Schiffes gesehen hatte.

    „Bist du von einem Rudel streunender Katzen aufgezogen worden?“, krakeelte Trevor und nahm der alten Frau vorsichtig die schwere Tasche ab. „Wie wäre es, wenn du der Dame hilfst?“

    „Aber … Ich … Die Frau …“, stotterte der Matrose vor sich hin, der beinahe Angst vor der alten Dame zu haben schien.

    Trevors Mutter hätte ihn umgehend mit einem Rohrstock vermöbelt, wenn er als junger Mann neben einer alten, schwerbeladenen Frau hergelaufen wäre, ohne ihr die Last abzunehmen. Er mag zwar Pirat geworden sein, aber er war kein … unhöflicher Pirat. „Halt dein Maul und mach … was immer du hier machen sollst!“, schimpfte Trevor weiter und gab dem Matrosen zum Schluss noch eine Schelle gegen den Hinterkopf. Dann widmete er sich der alten Frau. „Verzeiht bitte die Unhöflichkeit dieses … Vollpfostens“, sprach Trevor lächelnd, zückte die gepflückte Blume aus seiner inneren Jackentasche und überreichte sie der alten Frau. Die Blume sah nicht mehr ganz so frisch aus, aber die Alte wirkte auch, als sei sie bereits gestorben, aber zu faul zum Umfallen. „Willkommen auf der Eleftheria! Wie kann ich Euch weiterhelfen? Sucht Ihr jemanden?“

    „Hier soll es einen kranken Smutje geben“, antwortete die alte Frau kichernd. „Ich bin geholt worden, um ihm zu helfen.“

    „Eine Heilerin?“, hakte Trevor nach.

    „So etwas in der Art, ja“, erwiderte die alte Frau und grinste, wodurch ihre unvollständigen Zahnreihen zu sehen waren.

    „Das könnte der Grund sein, warum das Schiff noch nicht abgelegt hat …“, dachte Trevor laut. „Ganz zum Verdruss einer jungen Adligen, die es überaus eilig hat, hier wegzukommen.“

    „Wo ist denn der Smutje?“, wollte die Heilerin wissen und sah sich um. „Wo geht’s lang, Bursche?“

    „Bursche?“, wiederholte Trevor. So war er seit Jahren nicht mehr bezeichnet worden. Aber gut, das Spiel konnte er auch.

    „Na, dann komm mal mit, Oma. Der Smutje wird sicherlich in der Mannschaftsunterkunft liegen.“ Trevor ging voraus und führte die alte Frau unter Deck.

    „Seid Ihr der Händlersohn, der mich danach bezahlen wird?“, wollte die Alte wissen, woraufhin Trevor zu lachen begann.

    „Nein, ich bin sein … Mann für das … Grobe. Ich werde ihn aber umgehend über Euer Dasein in Kenntnis setzen.“

    Der kranke Smutje war nicht zu überhören. Und auch nicht zu überriechen. Er krümmte sich vor Schmerzen in seiner Hängematte und ließ Gase ab, die jeglicher Menschlichkeit entbehrten.

    Trevor stellte die Tasche der alten Dame neben sie ab und ließ die beiden allein. Und das nicht nur, weil ihm speiübel wurde. Er wollte Edmund in seinem Zimmer aufsuchen. Er sollte immerhin erfahren, dass die Crew eigenmächtig eine Heilerin konsultiert und versprochen hatten, er solle sie bezahlen. Das würde sicherlich amüsant werden.

    Der Käfig öffnete sich für Trevor und er war gegen dreißig Silberschilling freigekauft worden. Allerdings sah sein Retter seltsam verwirrt aus.

    „Ehm ... danke?!“, sprach Trevor zu dem gut gekleideten Herren, der mit bleichem Gesicht dem Piraten das Geld übergab.

    Trevor kannte den Kodex. Er wusste, dass er nun seinem Lebensretter danken und loyal zur Seite stehen musste. Sich einfach aus dem Staub zu machen, kam leider nicht infrage.

    „Danke?“, wiederholte der bleiche Mann und schüttelte seinen Kopf. „Ja, freut mich, wenn ich helfen konnte.“

    Trevor verließ den Käfig und hielt sich die viel zu weite Hose an Ort und Stelle. Jedoch bedachte er den Piraten noch einmal mit einem bösen Blick, ehe er ein paar Schritte vorausging. „Und jetzt muss ich Euch helfen. So lange, bis Ihr mich aus Euren Diensten entlasst!“, schilderte Trevor. „Wie darf ich Euch nennen?“

    „Mein Name ist: Edmund Wendel Vinzenz von Stein. Aber du kannst mich Edmund nennen! Ich weiß allerdings immer noch nicht, was ich mit einem Kind anfangen soll!“, erörterte der sichtlich reiche Kerl.

    Trevor musterte ihn genau. Viel raus kam er anscheinend nicht. Sein Hautton war dazu zu blass und seine Fingernägel zu sauber. Er schien ein Händler oder Adliger zu sein. Vielleicht beides.

    „Ich bin mehr als ein Kind. Ich kann ein Reiseführer sein oder Euch helfen, lästige ... Menschen vom Leib zu halten“, begann Trevor aufzuzählen. „Papa ...?!“

    Mit der Formwandler-Sache konnte er nicht umgehend heraus platzen. Die Gefahr war zu groß, dass der reiche Pinkel ihn gleich wieder verkaufen oder sogar töten würde.

    „Nenn mich nicht Papa!“, erwiderte Edmund und funkelte Trevor böse an. Danach wanderte der Blick des reichen Mannes über Trevors Körper. „Hast du nichts anderes zum Anziehen? Du siehst aus, als hätte man dich zum Putzen verwendet.“

    Trevor sah an sich runter. Die Kleidung hatte lange gehalten, allerdings nicht der Folter der Piraten widerstanden. Danach sah er Edmund skeptisch an. „Na schön ... nicht die Papa-Nummer. Aber wie wäre es mit einer kleinen Schwester? Das lässt das Herz einer jeden Frau ... höher schlagen? Vor allem, wenn Ihr Eure Schwester hübsch einkleidet und ihr viel kauft?“

    Tatsächlich sah der Kerl mehr so aus, als würde er keine Gelegenheit auslassen, sich feiern zu lassen. Der ganze Schmuck und sein Aufzug ließen ihn wie einen Sohn wirken. Was Trevors Glück war. Ein geschäftiger Mann hätte niemals dreißig Silberschillinge für ihn bezahlt. Nicht mal für einen nützlichen Sklaven! „Und nein. So ein Piratenschiff bietet wenig Läden, in denen man sich einkleiden kann. Ich wurde gezwungen, die Kleider eines ... toten Piraten zu tragen!“

    Edmund fuhr sich genervt über sein Gesicht. Nein, der Kerl war kein erfahrener Händler. Ansonsten hätte er Trevor direkt einen Tritt in den Arsch gegeben und ihn davon gejagt.

    „Wollt Ihr mich etwa jetzt aussetzen?“, hakte Trevor mit mitleidigem Blick nach und schob seine Unterlippe nach vorne. Er musste verhindern, dass er seinem Kodex nicht nachkommen konnte. Das brachte Unglück und noch mehr Pech konnte er nicht gebrauchen.

    Deshalb schaute er Edmund an, musterte ihn nochmal. Danach stemmte Trevor seine Arme in die Hüfte.

    „Ich brauche keine kleine Schwester!“, erwiderte Edmund und zog kurzerhand seine Jacke aus, um sie Trevor zu geben.

    Das war wirklich ein netter Akt der Barmherzigkeit. Das musste selbst Trevor zugeben. Dieser Kerl hatte irgendwas an sich, dass ihn arrogant, aber auch sympathisch wirken ließ. Das verwirrte sogar den Piraten.

    Bevor sich Edmund in Bewegung setzte, um einfach wegzugehen, ging Trevor ihm nach. Warum tat er das? Wenn jemand seine Hilfe nicht wollte, sprach wohl nichts dagegen, den Kodex zu umgehen. Aber aus irgendeinem Grund wollte Trevor das nicht auf sich sitzen lassen. „Na gut ... Ihr habt wohl zu viel für ein Kind bezahlt, was?!“, wandte Trevor ein. „Könnte Euch dann ein ... Formwandler hilfreich sein?“ Die letzten Worte kamen absichtlich leiser über seine Lippen.

    „Ja ja. Ein Formwandler wäre hilfreicher als du und günstiger gewesen“, antwortete Edmund und winkte ab.

    „Aye ...“, wandte Trevor ein. „Aber ich kann nichts für den Preis, den Ihr gezahlt habt.“

    Trevor bog in eine kleine Seitengasse ab und hoffte, der reiche Kerl würde ihm folgen. Offen auf dem Markt konnte er seinen Wert nicht beweisen.

    Um die Ecke schmulend, erkannte Trevor, dass Edmund sich reichlich schwer damit tat, ihm zu folgen. Er wirkte zögerlich. Aber dennoch drehte der Mann auf seinen teuren Schuhen herum und folgte Trevor.

    Trevor lief noch etwas in die dunkle Gasse hinein und ging sicher, dass ihnen keiner gefolgt war. Warum tat er das nochmal? Er wusste es nicht. Aber sich als nutzloses Kind abstempeln wollte er sich auch nicht lassen. Oder? Trevor fuhr sich genervt von sich selbst über seine Nasenwurzel. „Ich bin nützlich ...“, erwiderte er schließlich. „Ich kann sein, was immer Ihr braucht ...“ Trevor stellte sich hin und nahm abwechselnd die Form einer hübschen Dirne an, danach eines Hünen, der Edmund um rund zwei Köpfe überragte, eines Piraten, eines kleinen Jungen und schlussendlich ... seiner wahren Form. „Mein Name ist Trevor van Dyyken! Und mein Dank verpflichtet mich, Euch zu helfen.“

    „Ha, also doch!“, verlautete Edmund, nachdem er Trevor zuvor etwas sprachlos angesehen hatte. Sein sichtlich nachdenklicher Gesichtsausdruck ließ für Trevor nur eine Vermutung zu. Sicherlich überlegte er, was er mit ihm anstellen sollte. Und wenn ein Mann wie er überlegte, hieß das selten etwas Gutes.

    „Ihr müsstet Euch nicht selbst die Hände schmutzig machen. Ihr lauft hier trotz Eures Reichtums ohne Leibwache herum ... Selbst wenn Ihr kämpfen könnt, heißt das nicht, dass Ihr Euch gegen mehrere Gegner durchsetzen könnt. Ich könnte Eure Leibwache mimen. Das würde Euch sicherlich auch davor bewahren, noch mehr Geld auszugeben.“

    Trevor lächelte den reichen Edmund an.

    „Für was ich Geld ausgebe, ist immer noch meine Sache! Und das einzig Bedrohliche hier bist du ... Immerhin hast du mich in eine dunkle Gasse gelotst! Ich brauche niemanden, der mich bevormundet! Erst recht kein ... Was genau bist du jetzt eigentlich? Wenn du mich mit dieser Gestalt beeindrucken willst, dann lass dir gesagt sein, dass das nicht wirkt!“ Edmund schwieg kurz, sah Trevor an und drehte sich fast beleidigt herum. „Du brauchst andere Kleidung, so können wir nicht zum Grafen!“

    Trevor brauchte einen Moment, um seine Worte zu sortieren. Anscheinend wollte er ihn doch mitnehmen. Oder hatte er ihn falsch verstanden? Dieser Kerl verwirrte ihn. Was war jetzt Sache? „Zieht mir an, was Ihr für richtig haltet?“, wandte Trevor zögerlich ein. „Schlimmer als Lumpen wird es wohl kaum sein.“


    Trevor hatte sich geirrt. Nachdem Edmund mit ihm fertig war, trug er ein schwarzes Seidengewand mit Stehkragen samt weißem Hemd darunter. Die schwarzen Stiefel waren noch steif, mussten erst eingetragen werden. Egal in welchen Kampf Trevor geraten würde, er befürchtete, dass das Hemd sowie die Jacke umgehend reißen würden. Natürlich das alles erst, nachdem man Trevor gebadet und gebürstet hatte. Sein brünettes Haar war zu einem ordentlichen Zopf zusammengeknotet worden, und seinen dezenten Bart hatte Edmund ordentlich rasieren lassen. Zumindest den Part, den Edmund nicht haben wollte. Fast fühlte sich Trevor davon etwas überfahren. Er war ein Pirat und kein Edelmann. Trotzdem hätte jetzt vermutlich niemand Trevor für einen wilden Wassermann gehalten. Um seinen Herren beschützen zu können, entwendete Trevor noch kurzerhand ein Schwert von einer schlafenden Wache, die es nicht besser verdient hatte. Jetzt stand seiner Maskerade nichts mehr im Weg, während sich die beiden Männer einem riesigen Anwesen näherten, das selbst Trevor ins Staunen versetzte.

    Trevor schwankte zur rechten Seite, dann zur linken Seite. Das gleichzeitige Rasseln der Ketten ging ihm allmählich auf die Eier. Und wieder nach rechts, dann nach links.
    „Das letzte Mal, als ich so behandelt wurde, habe ich dafür bezahlt“, stieß er aus, während der etwas unförmige Pirat vor ihm nur verächtlich schnaubte.
    Da hing er nun, Trevor, der Pirat, der Formwandler … in einem Käfig. Beide Hände an die Decke der Holzkiste gekettet. Er müsste nur die Form eines Kindes annehmen und könnte sich so aus den Fesseln befreien, aber er passte als Kind trotzdem nicht durch die Gitterstäbe, deshalb sparte er sich seine Kräfte vorerst. Sein beiges Lieblingshemd hing ihm wegen des vorangegangenen Kampfes nur noch in Fetzen von seinem Körper, seine Hose hatte beinahe die Bezeichnung nicht mehr verdient. Der Stoff an den Knien war aufgescheuert und einige Löcher zierten den dunklen Stoff.
    Die Piraten von Goldzahn Billy waren echt nicht zimperlich mit ihm umgegangen. Anscheinend waren sie davon ausgegangen, dass Silberaugen Johnny Lösegeld für seinen Piraten bezahlen würde, aber dem war nicht so gewesen. Sein Kapitän wusste, dass er es schaffte, sich aus misslichen Lagen zu befreien. Das hatte Trevor bisher immer geschafft.
    „Wenn ich hier rauskommen, tanze ich mit deinen Nieren Menuett!“, drohte Trevor dem Piraten, der ihn daraufhin missmutig musterte.
    „Mal schauen, ob du auf dem Markplatz immer noch so eine große Klappe hast, wenn jemand Geld dafür bezahlt, dich jagen zu dürfen.“ Der Pirat grinste und offenbarte einen Mund voller fauliger Zähne.
    „Schon mal was von einer Zahnbürste gehört?“, nuschelte Trevor mit gerümpfter Nase.
    „Was?“
    „Ehm nichts … Ich bin Pirat! Das ist quasi die Berufsbezeichnung meiner … unserer Tätigkeit. Man setzt ein Kopfgeld auf uns aus … und wir werden über alle Weltmeere gejagt.“
    „Du bist aber ein Formwandler. Das haben wir an Bord der Moonshine gesehen.“

    „Sicher, dass ihr alle nicht vorher zu viel Rum hattet? Das kann schon mal passieren. Man sieht Frauen, wo keine sind …“ Trevor lachte. „Du hast sicherlich seit Jahren keine mehr … gesehen!“
    „Du bist ein Formwander!“, beharrte der Pirat, und Trevor platzte die Hutschnur und rüttelte an seinen Ketten.
    „Lass mich raus!“, brüllte Trevor. „Was ihr mit mir macht, ist aber selbst für Piraten unehrenhaft! Du kannst froh sein, dass ich hier eingesperrt bin, ansonsten …“
    Eine Glocke unterbrach Trevor in seiner Tirade und er spürte, dass das Schiff, die Eiserne Jungfrau, anlegte. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis sie ihn in der Kiste aus dem Schiff hieven würden, um ihn auf den Marktplatz gegen eine Kiste Rum zu tauschen. Und schon ging die Ladeluke auf, und Trevor wurde samt Kiste ans Tageslicht gebracht. Die Sonne brannte in seinen Augen, da er Tage in der Dunkelheit verbracht hatte. Trotzdem tat die frische Luft gut. Frisch war vermutlich übertrieben, denn ein Hafen roch meist weniger angenehm als eine Kloake, aber zumindest war es nicht mehr so stickig wie unter Deck dieser Nussschale.
    Die restlichen Piraten liefen wild umher, ließen Trevor auf einem Karren nieder, der von einem alten Esel von Bord gebracht wurde.
    Trevors Wächter bekam die Aufgabe, ihn auf dem Mark anzupreisen. Vielleicht half Trevors Fähigkeit ihm zumindest ab jetzt weiter. Eilig nahm er die Form eines kleinen neunjährigen Mädchens an und schrie um sein Leben.
    „Ich wusste, dass du ein Formwandler bist!“, krakeelte der Pirat, aber Trevor ging nicht darauf ein.
    Stattdessen bettelte er die Menschen auf dem Markt im Vorbeifahren an. „Hilfe, ich wurde von einer Horde geisteskranker Seeleute entführt!“, jammerte Trevor mit kindlicher Stimme. „Sie halten mich für einen Formwandler … Die Gicht und der Rum haben sie vollkommen verblödet!“
    „Halt deine Schnauze!“, befahl der Pirat und schlug mit seinem Säbel gegen die Gitterstäbe. „Sonst setze ich den Preis von zehn Silberschilling noch herunter.“
    „Zehn?“, erwiderte Trevor empört. „Ich bin mindestens zwanzig wert! Ich werde nicht nur verkauft, sondern auch noch beleidigt.“
    Trevor schrie weiter in Gestalt des kleinen, blonden Mädchens und hoffte, dass sich jemand erbarmen würde, ihn aus dem Käfig zu befreien, ohne ihn zum Abschuss freizugeben.

    Name:

    Trevor van Dyyken, Kleiner Finger Trevor



    Genre:

    High Fantasy



    Alter:

    Er ist 27.



    Geschlecht:

    Sein eigenes Geschlecht ist männlich, aber das kann durch seine Rasse auch mal variieren.



    Rasse:

    Formwandler



    Klasse:

    Pirat



    Herkunft:

    Er stammt aus einem kleinen Fischerdorf in der Tiefenbucht. Mittlerweile ist sein Wohnsitz an Land aber etwas abseits eines Dorfes namens Möwens.



    Waffen und Ausrüstung:

    Trevor trägt einen Säbel und einen Dolch bei sich. Oftmals hat er auch einen Beutel auf dem Rücken, in dem sich unterschiedliche Kleidungsstücke befinden, wenn er wissentlich seine Form ändern muss.



    Begleiter:

    Keine.


    Fähigkeiten:

    Durch die vierzehn Jahre auf See hat Trevor gelernt, an Seeschlachten und Prügeleien teilzunehmen, ebenso ist er sehr talentiert im Umgang mit dem Säbel. Auch mal zwei – drei unerfahrenere Kämpfer sind kein Todesurteil für ihn. Er ist flink, beweglich und kann gut klettern. Manchmal sucht er deswegen auch neue Herausforderungen.


    Schreiben und Rechnen ist rudimentär vorhanden. Wirklich gut ist er im Lesen und Schreiben aber nicht. Seine Schrift kann man kaum entziffern und er schreibt ohnehin so, wie er spricht. Seine Rechenkünste reichen so weit, dass er nicht auf See übers Ohr gehauen werden kann.


    Das Formwandeln:

    Es gibt zwei Arten von Formwandler. Die einen können ausschließlich die Form von Menschen oder menschenähnlichen Wesen annehmen, die anderen von Tieren. Formwandler können ihre Form sehr lange aufrecht erhalten (Einen Tag). Es sei denn, sie sind geschwächt durch eine Krankheit oder Verletzung. Irgendwann (nach einem Tag) löst sich aber die Wandlung wie von selbst auf und der Formwandler muss sich erst erholen und in seinem Ich verweilen – z.B. über Nacht.

    Narben oder markante Merkmale wie Muttermale werden in die Verwandlungsform übernommen, wodurch sich Formwandler verraten könnten.

    Steckt der Formwandler zum Beispiel im Körper einer alten Person, spielt er das Alter nicht nur, sondern ist alt. Das Risiko dabei ist, dass er sich schneller verletzen oder gar sterben kann (Herzattacke/Schlaganfall). Die Verletzungen sind dann natürlich auch bei der originalen Form des Formwandlers vorhanden.

    Formwandler können auch nur die Form annehmen, deren Aussehen sie kennen. Sie können keine Fantasiegestalten annehmen. Erlischt die Erinnerung an eine Person/Tier, können sie sich nicht in die Form verwandeln. Sie müssen diese Personen/Tiere immer klar vor Augen haben. Formwandlerfähigkeiten zeigen sich meist ab dem zehnten Lebensjahr.



    Aussehen:

    - Er hat langes braunes Haar – in den Längen etwas von der Sonne und dem Salzwasser gebleicht. Wenn es stört, knotet er es kurzerhand zu einem Zopf zusammen, das aber eher selten.

    - Er hat meist einen leichten Schnauz- und Kinnbart. Vollbarttendenz ist nur da, wenn ihm die Zeit zum Rasieren fehlt.

    - Meeresblaue Augen.

    - 187 cm

    - Er achtet weniger auf sein Aussehen, wirkt aber trotzdem auf Frauen äußerst attraktiv, was auch seiner athletischen Statur zu verdanken ist.



    Persönlichkeit:

    Er ist von Haus aus an Land vorsichtig. Eher zurückhaltend, weil er nicht will, dass sein Formwandler-Dasein aufgedeckt wird. Ansonsten ist eher ein humorvoller Geselle. Er nimmt sich durch sein Dasein selbst nicht allzu ernst. Allerdings reagiert er schnell über, wenn er mit seinem Piratennamen angesprochen wird, den er mit elf verpasst bekam. (Der Nachwuchs-Pirat war damals noch nicht so gut bestückt wie als Erwachsener.)

    Er ist loyal, wenn er die Personen um sich herum mag. Um sein eigenes Leben oder das Leben derer zu beschützen, die zu seinem inneren Kreis gehören, würde er alles tun. Dabei schreckt er dann auch nicht vor dem Töten einer Gefahrenquelle zurück. Das liegt ihm im Blut.

    Durch die Piraterie sind die Grenzen zwischen, wer gut oder böse ist, bei ihm etwas verschwommen. Immerhin bestiehlt er auch andere, um sich zu bereichern, würde von sich aber nicht behaupten, ein gewissenloser Mörder zu sein. Im Inneren ist er ein kleiner Romantiker, würde das aber nie zugeben, da auf einem Piratenschiff für so etwas kein Platz ist. Für Freunde versucht er, eine Stütze zu sein, da seine Mutter ihm immer gesagt hat, dass er sich für Schwächere einsetzen müsse – nur fehlt es ihm an richtigen Freunden. Deswegen hadert er etwas mit sich, ob seine Mutter bei seinem bisherigen Werdegang stolz auf ihn wäre. Er ist Optimist und hofft, irgendwann besser dazustehen, als nur als Pirat.

    Er erfüllt das typisch männliche Klischee eines Mannes, der äußerlich hart wirkt, aber einen Kern aus Karamell besitzt. Wird er nervös, wird nicht nur das offensichtlich. Sein Zenit sind Tierbabys.



    Geschichte:

    Trevor wuchs in einem kleinen Dorf am Meer auf. Dort gab es viel Fischerei. Als einziger Sohn seiner Mutter half er ihr früh beim Ausnehmen der Fische und auch beim Verkauf. Seine Mutter war seine ganze Welt und er wollte ihr ein besseres Leben ermöglichen – ihr dabei helfen, mehr Geld zu verdienen. Er ging in dem kleinen Ort aber lediglich vier Jahre zur Schule, da ansonsten keine Zeit dafür war. Nach einem äußerst kalten Winter verstarb seine Mutter, als er elf Jahre alt war. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Da er ein Formwandler ist, die immer männlich sind, war das aber nichts Neues. Formwandler werden seit Jahrhunderten verfolgt und getötet, da es sich einer unter ihnen mal erlaubt hat, einen König zu töten und dessen Platz einzunehmen. Seither gehören sie zu den Vogelfreien und niemand wird für den Mord an einem Formwandler bestraft. Väter bleiben demnach nicht sehr lange bei ihren Familien, sondern ziehen weiter – zeugen mehr Nachkommen. Die Seefahrt macht das äußerst leicht.

    Nachdem Trevors Mutter gestorben war, heuerte er erst als Schiffsjunge bei einem Handelsschiff an. Dieses wurde aber nach kurzer Zeit von Silberaugen Johnny geentert, und Trevor nahmen sie zunächst als Geisel mit. Als sie merkten, dass sich der Junge auch bei ihnen nützlich machte, anstatt nach seiner Mutter zu schreien, nahmen sie ihn bei sich auf. Unter der Flagge von Silberaugen Johnny (den Namen hat er, da er den Toten, die durch seine Hand gestorben sind, aus Respekt immer zwei Silbermünzen auf die Augen legt) reifte Trevor zum Mann.

    Trotzdem vergaß er nie die strenge Erziehung seiner Mutter, sodass er weniger von Hafendirnen und Konsorten hält. Sie prügelte ihm regelrecht Respekt und Anstand gegenüber Frauen ein, vermutlich deswegen, da sein Vater sich ohne ein Wort davon gemacht hatte. Er liebte seine Mutter, hatte aber gleichzeitig eine heiden Angst vor ihr. Allgemein ist er trotz seiner Statur, seines Können und Aussehen eher schüchtern. Frauen gegenüber weiß er nicht so recht, was er sagen soll. Wenn er an seine Mutter zurück denkt, war ohnehin jede Antwort falsch, die er gegeben hat. Vielleicht reifte gerade deswegen in ihm der Gedanke und das Ziel heran, dass er reich und bekannt werden möchte, um den Ruf der Formwandler soweit zu verbessern, dass sie nicht mehr gezwungen sind, ihre Kinder und Frauen zu verlassen.


    Formwandler:

    Formwandler waren einst ein Kriegervolk – aufgeteilt in Clans. (Männliche Variante von Amazonen). Könige und Heerführer bemächtigten sich ihnen durch Gold und Ländereien, da sie sich in jedem Gefecht anpassen konnten. Sie konnten kollektiv die Form eines mächtigen Hünen annehmen oder von athletischen Kämpfern – große Tiere/Raubtiere. Das Kämpfen liegt ihnen im Blut. So scheuen sie auch keiner Auseinandersetzung. Das Verbrechen eines einzelnen Formwandlers verdammte alle. Seither leben sie im Schatten, versuchen, unentdeckt zu bleiben.

    Allerdings sind Formwandler an einige Regeln gebunden. Wurde ihnen geholfen, müssen sie es gleichtun. Hat ihnen jemand das Leben gerettet, müssen sie demjenigen ebenfalls das Leben retten. So verlangt es deren Kodex.

    Hab ich im Dokument schon ersetzt, liliancd Danke :D

    Das mit den Namen finde ich btw sehr angenehm - hab mir sowas schon gedacht :) :)

    Ja, ich hab einfach gemerkt, dass ich alt werde :rofl: Wenn eine Fantasygeschichte ausschließlich aus sehr "schweren Namen" besteht, ist mein Hirn mehr damit beschäftigt, sich die zu merken, als dem Plot zu folgen. Vor allem, wenns dann nicht nur 2-3 Reiche oder Völker sind, sondern gleich gefühlt hunderte - und dann kommen die Namen der Protas und Nebenchars noch dazu. Ich habe nichts gegen solche Fantasybücher, finde manche Namen auch total schön, aber mein Hirn nennt sie dann alle irgendwann "bla bla", wenn es nicht weiß, wie es die aussprechen soll. :pardon: "Dann kommt Blabla aus blablarien und muss nach blablasien."

    Kann mein Jutzö-Fandom auch nicht ablegen :D bin gespannt, ob das noch herbe Enttäuschungen für uns bereithält :D


    Den Tanz mit ihren Zofen habe ich gebraucht. Super schön und zeitgleich traurig... Vermittelt schon so ein "Abschieds-Gefühl"

    Was Enttäuschungen angeht, muss ich wohl deine Meinung zu diesem Teil abwarten. :rofl:

    Und Ja, ich wollte sie jetzt nicht nur rumsitzen lassen. :rofl:


    So, ich hab doch noch was zustande gebracht, bevor mich das Wochenende einholt. Also, ihr habt Zeit. :rofl:


    Gab es schlechte Nachrichten? Warum verließ Uther seinen Platz?

    Nathalie sah sich um. Sollte sie ihm folgen?

    „Was ist?“, wollte Astrid wissen, nachdem Nathalie dastand wie eine Statue.

    „Ich gehe schnell ... austreten ... Der Wein ...“, stammelte sich die Prinzessin zurecht und löste ihre Hand aus dem Griff von Astrid. „Ich bin gleich wieder da.“

    Nathalie folgte den Herren, aber ehe sie hinter die Zelte gelangte, postierten sich zwei Wachen neben ihr.

    „Hoheit?“, fragte einer von ihnen gedämpft unter seinem Helm. „Wohin soll es gehen?“

    Es waren loyale Männer ihres Vaters. Männer, die wahrscheinlich einiges innerhalb des Schlosses mitbekommen hatten. „Der Prinz hat seinen Platz verlassen“, sagte sie deshalb ehrlich. „Ich möchte nach ihm sehen. Haltet bitte etwas Abstand.“

    Die Wachen nickten zustimmend. Sie waren nicht da, um Ratschläge zu äußern oder Nathalie zu verbieten, ihrem zukünftigen Ehemann zu folgen. Sie sollten lediglich ihren Schutz gewährleisten. Daher setzte sie ihren Weg fort und sorgte dafür, dass die Wachen hinter ihr blieben.

    Die Prinzessin musste nicht weit gehen, um laute Stimmen vernehmen zu können. Sie spähte um die Ecke eines Zeltes und erkannte Uther, der vor demjenigen stand, der ihn aufgesucht hatte. An dessen Kleidung war unschwer zu erkennen, dass er aus Bärenfels kommen musste. Einige von Uthers Männern standen hinter ihm, so auch der junge Mann, der Nathalie die Krone übergeben hatte.

    „Mein Vater muss überaus überzeugt davon gewesen sein, dass ich gewinne“, presste Uther zwischen zusammengebissene Zähne empor.

    „Er hegte daran keinen Zweifel“, antwortete der Bote und grinste auf eine Weise, die Nathalie nicht gefiel.

    Uther ballte eine Faust und zerknäulte so einen augenscheinlichen Brief, der ihm vermutlich von dem Boten übergeben worden war. „Ihr könnt meinem Vater ausrichten, dass meine Königin zu tun hat, was ich ihr sage, nicht das, was mein Vater sagt!“, erwiderte der Prinz gereizt und warf dem Boten das Stück Papier ins Gesicht.

    „Aber er ist der König!“, erwiderte dieser.

    Uther packte den Boten am Kragen. „So die Götter wollen, nur noch bis zum nächsten Frühling.“

    Nathalie schluckte. Es schien nicht, als waren sich König und Sohn einig. König Bram hatte Uther eine Nachricht geschickt, die sichtlich wenig Zustimmung bei dem Thronerben fand. Und es ging um sie. Hatten ihre Eltern vielleicht mit ihren Vorahnungen recht? Würde König Bram ihre Fähigkeiten für irgendetwas nutzen wollen? Zumindest war Uther mit den Worten seines Vaters nicht einverstanden, was sie etwas beruhigte. Ihre naive Hoffnung war dabei, dass es sich vielleicht nur um eine Kleinigkeit handelte. Niemand hatte gesagt, dass sie Unaussprechliches für den König tun sollte.

    „Was ist, wenn Eure Königin nach ihrer Mutter schlägt?“, fragte der Bote. Und da war es wieder. Dieses Grinsen im Gesicht des Mannes. Er schien überaus mutig zu sein, wenn er so mit dem Prinzen sprach. Es verriet Nathalie, dass der Mann das Vertrauen und den Schutz des Königs genoss. Sie hatte bereits einige Male miterleben dürfen, wenn Boten sehr bestimmend mit ihrem Vater gesprochen hatten, wenn ihnen die Gunst ihres Königs sicher war.

    Uther ließ den Boten los und schnaubte verächtlich. Er drehte sich herum und es sah aus, als wollte er es dabei belassen. Aber bevor er sich von dem Boten entfernte, drehte Uther sich auf seinen Fersen herum und schlug dem Boten ohne Vorwarnung ins Gesicht.

    Nathalie zuckte bei diesem Schlag zusammen, während gleichzeitig einige Männer aus Uthers Gefolge dessen Arme ergriffen und ihn zurückzogen.

    „Er ist nur eine Ratte!“, meinte eine Wache an Uther gewandt. „Lasst ihn zurück zu Eurem Vater kriechen!“

    Der Bote stolperte ob des Schlages zu Boden und hielt sich zunächst das getroffene Kinn.

    Uther versuchte, sich loszureißen, aber seine Männer hielten ihn weiterhin fest. „Mir ist egal, wer er ist!“, brüllte Uther. „Ich schlag ihn dermaßen zu Mus, dass ihn seine eigene Mutter nicht mehr erkennt.“

    „Zügelt Euch!“, befahl ihm ein anderer. „Ihr tut Euch damit keinen Gefallen. Bändigt Euren Zorn!“

    „Hoheit ...?“, wandte der junge Diener ein und zeigte auf Nathalie, die mitten im Flur der Zelte stand.

    Erst, nachdem der Diener auf sie gezeigt hatte, wurde ihr bewusst, dass sie ihre sichere Ecke verlassen hatte. Geistesabwesend musste sie näher an das Geschehen herangerückt sein. Ihre Wachen standen noch hinter ihr, aber bemühten sich nicht, einzugreifen. Immerhin hatte niemand Nathalie geschlagen.

    Uther schaute hinter sich und entdeckte Nathalie. „Prinzessin?“, fragte er gemäßigter.

    „I... Ich wollte nach Euch sehen ...“, erklärte sie.

    Uther ließ vom Boten ab, der die Gelegenheit nutzte, um mit schnellen Schritten zu entkommen.

    Die Wachen des Prinzen ließen ihn daraufhin los, und Uther richtete sich seine Garderobe. „Schleicht Ihr Eurem Vater auch nach?“, verlangte er in einem rauen Ton zu wissen.

    Nathalie überraschte die neue Tonart und zog ihre Brauen nach oben.

    „Hoheit ...“, nuschelte ein Mann, der Prinz Iven in seiner Größe und Statur in nichts nachstand. „Sie wollte nach Euch sehen und Euch nicht auskundschaften.“

    „Ich denke, das eine ist dem anderen recht ähnlich“, gestand Nathalie beschwichtigend und sah Uther an. „Entschuldigt, ich werde Euch dann jetzt ... alleine lassen.“

    Die Prinzessin hatte kein Interesse daran, durch Widerworte einen Streit loszubrechen. Nicht an einem Abend, der bis dahin nicht hätte schöner sein können. Vielleicht war Uthers Tonlage auch nur der Aufregung von zuvor geschuldet. Außerdem hatte er sie verteidigt, nachdem der Bote auf die Kinderzahl ihrer Mutter angespielt hatte. Nathalie besaß keinen Grund, jetzt die verletzte Prinzessin zu spielen.

    Uther atmete tief durch. „Es ist wohl besser, wenn ich mich schlafen lege. Wir haben eine lange Reise vor uns“, sagte er und bat seinen Diener, ihn beim König und der Königin zu entschuldigen. Der junge Mann eilte umgehend los. Danach drehte Uther sich ohne ein weiteres Wort herum und verschwand in seinem Zelt. Die meisten seiner Leute folgten ihm.

    Perplex blieb Nathalie zurück. Er hatte nicht einmal ihr eine gute Nacht gewünscht.

    „Entschuldigt den Prinzen“, sprach die große Wache an Nathalie gerichtet, die zurückgeblieben war. „Das alles ist noch ungewohnt für die Hoheit.“

    „Und Ihr seid?“, wollte sie wissen.

    „Ritter Elfret“, antwortete er und verneigte sich. „Ich sorge dafür, dass der Prinz nicht verletzt wird oder er sich im Übereifer selbst verletzt.“

    „Gut zu wissen, Ritter Elfret“, erwiderte Nathalie und fand ihr Lächeln wieder.

    Tatsächlich wirkte der Mann vor ihr alt und weise genug, um den Prinzen gebührend vor allem beschützen zu können. Die vielen weißen Haare, die sich durch das sonst schwarze, lange Haar zogen, zeugten von einer gewissen Betagtheit, die aber seiner Statur nicht zu entnehmen war.

    Nathalie knickste und entfernte sich. Sie versuchte, das Gesehene und das Erlebte einzuschätzen. Wer war Prinz Uther? Wie war er und wie passte das alles zusammen? Welche Differenzen gab es zwischen Vater und Sohn? Sollte sie das alles ihren Eltern mitteilen? Nathalie hatte aber nichts, was sie sagen konnte ... Oder doch?

    Nathalie drehte sich noch einmal herum und kehrte zurück. Prinz Uther hatte das Schreiben dem Boten entgegengeworfen. Es musste noch irgendwo herumliegen.

    Als sie es neben einem Zelt entdeckte, hob sie es auf. „Jetzt können wir gehen!“, sagte sie zu ihren Wachen, die stille Beobachter des ganzen Szenarios waren.

    Nathalie huschte um ein paar Ecken und glättete den Brief, bevor sie ihn las.

    „Denkt an die Grenzerweiterung, mein Sohn“, stand darin geschrieben. „Wenn Ihr mit Eurer Königin heimgekehrt seid, werde ich König Friedrich erneut ein Angebot zukommen lassen.“

    Kirisha deine Anmerkungen übernehme ich wieder. Und natürlich sollte es "glichen" heißen :schiefguck:

    Und danke für das liebe Feedback an alle. :heart:

    P.S. Die Namen. Odette und Nathalie klingen französisch. Astrid und Sonia dagegen eher deutsch. Uther scheint mir britisch ... Gibt es dafür einen Grund?

    Japp, dafür gibt's einen Grund, aber ich muss grinsen, weil es dir aufgefallen ist. Ähnlich wie bei "Wiederkehr der Götter" orientiere ich mich an Europa. Ergo, es gibt einige Reiche, die alle so ihre Namensgebung haben. Gehört haben wir von insgesamt neun Länder/Königreichen - anwesend sind vier. :D Da gibts einfach andere Namensklänge. Natürlich hätte ich mir auch ganz viele Fantasynamen aus dem Ärmel schütteln können, aber je mehr ich lese, desto schwerer fällt es mir, die zu verinnerlichen. Ich bin die vielen Anasaranias und Samiralias und Co Kg. ein bisschen müde geworden. :sack: Also, diesen übertriebenen Fantasynamen, bei denen man einen Knoten ins Hirn bekommt. :pleasantry:

    Uther ist einfach nice ^^ In dieser Äußerung zeigt sich, dass er der Prinzessin wirklich auf Augenhöhe begegnet. Das ist eine sehr moderne Einstellung für das Setting. Da hat Natalie echt einen Glücksgriff gelandet. Zumindest mit dem Mann. Ich fürchte ja immer noch den Schwiegervater und die Untertanen von Bärenfels ...

    We will see :D

    Die Rollenteilung Mann/Frau scheint hier eine typisch mittelalterliche zu sein. Immerhin darf die werte Dame aufstehen und feiern, das lässt mich für sie hoffen. Uther ist ein interessanter Charakter und ich bin gespannt, was in Zukunft noch passiert. Der vorsichtige Umgang der beiden miteinander macht neugierig, wie sich das Ganze entwickelt.

    Es wird noch ein paar Unterschiede geben ^^ Andere Länder, andere Sitten, aber ich muss gestehen, ich finde das einvernehmliche, klassische Bild nicht das Schlimmste. ^^ Und da Uther die Prinzessin nicht gleich in sein Zelt prügelt, gehts ja noch ;) Es entwickelt sich vermutlich anders, als viele hier denken ... hust ...


    Ich werde schauen, dass ich die nächsten Tage den nächsten Part fertig bekomme ... :D

    Das fand ich super, sehr schöne erste Konversation, die viel über Uther aussagt. Dieses vernünftige, erwachsene Bild wird durch den betrunkenen Axtwurf dann allerdings wieder zunichte gemacht :evilgrin: Bin gespannt, welche der Seiten sich in Zukunft wohl stärker zeigen wird..

    Kommt wohl drauf an, wie viel er trinkt :rofl: Nein, also ich denke, man merkt, dass da noch was dahinter ist. xD

    Endlich mal wieder eine richtige Liebesgeschichte hier im Forum, darauf habe ich schon so lange gewartet! :love: Freu mich schon drauf, wie es weitergeht!

    Die Anmerkungen habe ich allen übernommen. :D Freut mich, wenn es dich freut. ^^ Joar, vor allem hatte ich keine Lust auf diese toxic-relationships. Wobei sowas ja immer im Auge des Lesers liegt. Und noch wissen wir wenig über den Mann mit der Augenklappe.

    Süß, die beiden. :love: Das wird großes Kino. Auch wenn du schneller schreibst, als eine faule Hacke Kommis raushauen kann - ich bin immer noch dabei :D .

    Ich mach schon langsamer ... kam eh zu nix. :rofl:


    Sehr schöne Szene, wie die beiden nun ihre ersten Worte miteinander wechseln, gefällt mir sehr gut. Uther scheint also doch nicht ganz so rau zu sein, wie srin aussehen vermuten lässt. Ich freue mich auf mehr :thumbsup:

    Da er eine MAMA hat, ;) wird er sich dezent auch benehmen können. Vermutlich ... vielleicht ... abwarten.


    So, ich mache mal weiter ...


    Immer wieder wanderte ihr Blick zu Uther, der keine Anstalten machte, ein weiteres Gespräch zu beginnen.

    Er nippte an seinem Becher, schaute den Menschen zu und lächelte hin und wieder.

    Nathalie sah die vielen Gäste, die lachten und tanzten. Es schien jeder mehr Vergnügen an der Feier zu haben, als sie. Dabei war es das Fest, das ihre Verlobung besiegelte. „W... Wollt Ihr nicht auch tanzen?“, fragte sie daher und drehte ihren Becher verlegen auf dem Tisch im Kreis.

    Uther verschluckte sich an seinem Wein und sah sie an. „Tanzen? Jetzt?“

    Nathalie zuckte mit ihren Schultern. „Wenn nicht jetzt, wann sollte es mehr angebracht sein, außer bei unserer Hochzeit?“

    Der Prinz räusperte sich und wirkte beinahe mehr verlegen als die Prinzessin. „Ich bin kein guter Tänzer“, gab er zu. „Das gehörte nicht wirklich zu meinem alltäglichen Unterricht.“

    Verdutzt betrachtete Nathalie Uther, der ihrem Blick auswich. „Wirklich nicht? Ich könnte es Euch beibringen“, schlug sie vor.

    „Jetzt? Hier? Vor all diesen Menschen?“ Uther senkte seinen Blick und lächelte. „Ihr könnt mich gern vor unserer Hochzeit darin unterweisen, aber heute bitte ich Euch, etwas Erbarmen mit mir zu haben. Mir schmerzt jeder Knochen vom Turnier.“

    Nathalie nickte. „Dann nehme ich Euch beim Wort und werde Euch ein paar Tänze beibringen, sobald es sich ergibt.“

    Der Prinz wirkte bei seiner Zustimmung nicht, als hoffte er, dass dieser Moment allzu rasch kam. Allerdings sah er sich danach um und überlegte sichtlich. „Das heißt aber nicht, dass Ihr die ganze Zeit neben mir sitzen müsst, nur, weil ich unfähig bin, mich zu bewegen!“, erwiderte er. „Ihr könnt Euch gern zu Euren Zofen gesellen, feiern und tanzen. Ich habe nicht vor, Euch in der Zukunft an mich zu ketten.“

    Nathalie war von seinen Worten überrascht. Er erlaubte ihr, von seiner Seite zu weichen? Das hatte sie bei ihren Eltern nie erlebt. Natürlich war der König häufiger aufgestanden, hatte sich zu Freunden des Hofes gesellt, aber die Königin war immer auf ihrem Thron sitzen geblieben und jeder, der sich mit ihr unterhalten wollte, war gezwungen, zu ihr zu gehen. Dass die Prinzessin sich vom Podest entfernen konnte, war ungewohnt. Sie sah Prinz Uther noch einmal eindringlich an, um herauszufinden, ob er sie lediglich testen wollte. Aber in seinem Auge war solch eine Absicht nicht zu erkennen. „I... Ich weiß nicht“, gab sie offen ihren Zweifel zu. „Ist das nicht unhöflich, Euch hier sitzen zu lassen?“

    Uther zuckte mit seinen Schultern. „Ist es nicht viel mehr unhöflich, nicht mit Euch feiern zu können?“ Mit einer Kopfbewegung machte er deutlich, dass Nathalie sich zu ihren Zofen begeben sollte. „Es ist euer letzter Abend.“

    Zögerlich stand Nathalie von ihrem Platz auf. Unter den musternden Blicken ihrer Eltern verließ sie das Podest, aber nicht, ohne immer wieder zwischen dem Königspaar und dem Prinzen hin und her zu sehen.

    König Eckbert sah fragend zu Uther und lehnte sich etwas an seiner Frau vorbei, um ihn anscheinend eine Frage zu stellen. Aber wegen der Musik und der Entfernung konnte Nathalie nicht hören, was er ihn fragte.

    Prinz Uther schüttelte seinen Kopf, lächelte und sah dann zu ihr. Er erhob seinen Becher, und die Prinzessin stand erst etwas perplex neben dem Tisch ihrer Zofen, bis sie begriff, dass er anscheinend anstoßen wollte.

    „Hier, hier ...“, meinte Odette und reichte Nathalie einen vollen Becher Wein.

    Hastig ergriff Nathalie diesen und erhob ihn in Richtung Uther, ehe beide zeitgleich tranken.

    „Die Hoheit lässt dich alleine umherspazieren?“, fragte Astrid, schien aber glücklich darüber zu sein.

    Nathalie setzte sich auf der mit Fell belegten Holzbank neben sie, lächelte Uther an und wandte sich dann ihrer Zofe zu. Sie erklärte allen, was er ihr gestattet hatte – und warum.

    „Verständlich und gut zu wissen, dass er kein Verfechter einer allzu strengen Etikette ist“, erwiderte Odette, und Nathalie schaute sich um.

    „Was ist mit Prinz Iven? Ich dachte, nach dem verlorenen Kampf würde er vielleicht eure Unterhaltung fortsetzen“, fragte die Prinzessin, und die Zofen begannen, zu lachen.

    „Er ist schon vor einer ganzen Weile gegangen“, erzählte Astrid. „Ihm scheint mehr zu schmerzen als Eurem zukünftigen Gatten. Euer Vater hat einen Arzt zu ihm geschickt. Die laute Musik und das Gelächter hier schienen seine Kopfschmerzen zu verschlimmern.“

    Nathalie wollte nicht bezweifeln, dass die Schläge ins Gesicht alles andere als angenehm waren, allerdings hatte sie gehofft, er würde sich erneut Odette widmen, aber diese schien das für den Moment nicht zu stören. Wahrscheinlich wollte sie den Prinzen auch nicht belästigen, während ihn Schmerzen plagten.

    „Ich bin keine alte Vettel“, meinte Odette. „Wenn er um mich werben möchte, wird er es tun.“

    „Und wenn er das nicht macht?“, hakte Sonia kleinlaut nach.

    „War er meine Zeit nicht wert“, antwortete Odette schlicht und es war ihr anzuhören, dass teils der Wein aus ihr sprach. So, wie die Zofe beim Kampf mitgefiebert hatte, war es schwer zu glauben, dass ihr das Desinteresse des Prinzen egal sein würde.

    Aber Nathalie kannte Odette. Sie war nicht dafür bekannt, andere wegen ihrer Launen herunterzuziehen. Sie schluckte viel herunter, um das Bild einer fröhlichen Frau aufrecht zu erhalten. Ganz anders als Astrid, die viel ernster und direkter war, es sei denn, sie war beschwipst. Sonia hingegen ... Nathalie würde sie alle vermissen. Sie glichen sich aus. Sonia war immer die Ruhe in Person gewesen. Sie hatte stets für eine Art Gleichgewicht zwischen den anderen beiden Zofen gesorgt.

    Die Prinzessin wusste nicht, was sie in Bärenfels erwartete. Vor allem, ob sie sich auch so gut mit ihren neuen Gesellschafterinnen verstehen würde. Sie waren immerhin da, um sie auf die kommende Mutterschaft vorzubereiten. Sie hatte von anderen Frauen aus ihrer Familie gehört, wie ernst diese Frauen werden konnten, wenn eine Schwangerschaft auf sich warten ließ. Eine ihrer Cousinen hatte erzählt, dass die Zofen Heilmagier kommen ließen, das Schlafzimmer mit getrockneten Kräutern geschmückt und seltsame Rituale vollzogen hatten, nur, damit sie ein Kind empfing. Damals hatte Nathalie darüber lauthals gelacht, aber allmählich verging ihr das Lachen. Sie wusste, dass es nicht die Verantwortung war, die sie beunruhigte, sondern lediglich der Gedanke daran, wenn nicht alles so verlief, wie es sollte. Sie kannte Uther nicht. Sie wusste nicht, wie der Prinz auf aufkommende Probleme reagieren würde. Und ob er ihr und ihren Kindern die gleiche liebevolle Art entgegenbringen würde, wie es ihr Vater bei ihr und ihrer Mutter getan hatte.

    „Habt Ihr schon zu viel Wein getrunken oder warum färbt sich Euer Gesicht rot?“, wollte Odette wissen.

    „Die Hoheit sieht selbst im Licht der Fackeln aus wie eine Erdbeere“, fügte Astrid hinzu und lachte.

    Nathalie war gar nicht aufgefallen, dass sie bei ihren Gedankengängen rot angelaufen war. Sie räusperte sich und erhob ihren Becher. „Mir ist nur warm“, flüchtete sie sich in eine Ausrede. „Lasst uns trinken!“

    Und das taten sie allesamt auch. Sie tranken und feierten. Den Gedanken, dass sie morgen Abschied nehmen würden, ließen sie weiterhin nicht zu. Jetzt war jetzt!

    Astrid stand nach einer Weile auf, verbeugte sich wie ein Adliger vor der Prinzessin und hielt Nathalie ihre Hand hin. „Würdet Ihr mit mir tanzen?“, fragte sie, und Nathalie lachte, aber willigte ein.

    Die Prinzessin knickste vor Astrid, aber hielt auch Sonia ihre Hand hin, die gleichauf ihre Hand Odette entgegenstreckte. Alle vier Frauen begaben sich zur Tanzfläche, die schlicht eine offene Wiesenfläche zwischen dem Lagerfeuer und den Fackeln war. Zum Gesang der Barden, die auf Trommeln und Flöten spielten, drehten sie sich wild im Kreis und lachten. Bei den Textstellen, die sie kannten, sangen sie lauthals mit und mussten aufpassen, dass ihnen nicht schwindelig wurde. Wieder einmal kamen sie zur Erkenntnis, dass Sonia von ihnen die schönste Gesangstimme besaß, obwohl sie das ungern hörte. Denn meist wurde sie dann aufgefordert für alle zu singen, was ihr stets unangenehm war. Trotzdem schupsten Nathalie, Odette und Astrid zu den Barden, neben denen die Zofe singen sollte. Nathalie musste sie anflehen, den Spaß mitzumachen, aber die Prinzessin war sich sicher, Sonia würde die drei Männer mit ihrer Stimme übertrumpfen.

    Schlussendlich gab Sonia nach und stellte sich schüchtern lächelnd vor die Herren, bevor sie ein Lied anstimmte, das sie immer zusammen gesungen hatten. Es ging um ein Mädchen, dass als Hübschestes weit und breit galt. Dieses Mädchen hatte die Auswahl zwischen allen jungen Herren in ihrem Dorf. In den unzähligen Versen, die immer fröhlicher und schneller wurden, versuchte das Mädchen herauszufinden, welchen Mann es wählen sollte. Dazu tanzte es mit jedem einzelnen, bis der Morgen graute. Nathalie, Odette und Astrid tanzten zu Sonias Gesang. Die Zofen wirbelten sich unter den erhobenen Armen der Prinzessin hindurch, und sogar der Rest der Anwesenden stimmten durch Mitsingen und Klatschen in das Lied ein. Die Stimmung war ausgelassen und nie hätte Nathalie gedacht, dass sie noch solch einen Spaß haben würde.

    Als Sonia das Lied beendete, schaute die Prinzessin zu Prinz Uther, der ihr ein Lächeln schenkte. Aber Nathalie hatte nicht das Gefühl, dass das Lächeln seine Augen erreichte. Hatte er Sorgen?

    Sie blieb einen Moment stehen und ließ ihre Zofen weitertanzen. Dann sah sie einen Mann aus Uthers Gefolge, der sich zum Podest begab und dem Prinzen etwas zuflüsterte. Das Lächeln in Uthers Gesicht schmolz dahin und er stand auf. Anscheinend entschuldigte er sich kurz bei dem Königspaar und folgte dem Mann hinter einige Zelte.