Beiträge von Myrtana222

    Symphonie der Stille




    „Traurig, heiter, drohend. Schnell und langsam, tragend und fallend. Wer einmal den Klängen einer Violine gelauscht hat weiß, welche Magie in der Musik steckt, welche Wunder sich hinter dünnen Wänden aus lackiertem Holz verstecken können, freigesetzt und in Bewegung gebracht allein durch die sachte Bewegung des Bogens, durch ein Schwingen der Saiten"


    Ein Tauber und ein Lied, das Welten in den Abgrund treibt: Symphonie der Stille ist ein faszinierender Fantasyroman, der dich so bald nicht mehr loslassen wird.

    Der taube Junge Luctu erlebt seine Welt im Niedergang, denn Cudu, der Urzeitmolch und Anker der Realität ist in tiefen Schlaf versunken. Mit jedem Vollmond vergrößert sich die Traumzone, ein Gebiet um die Höhle des Molches, in dem alles bestehende Leben zu sterben beginnt – und neuen Kreaturen Platz macht. In einer Zeit, in der die bewohnbare Welt auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft ist, folgt Luctu einem trügerischen Versprechen und der Hoffnung auf ein Ende der Traumzone.

    Doch nicht nur Luctu sucht einen Weg, Cudu aus seinem langewährenden Schlaf zu wecken; Mächte sind am Werk, für die der Junge nur eine Figur im Schachspiel des Schicksals ist, und auch der Wahnsinn der Zone ist sein immerwährender Begleiter.


    Symphonie der Stille ist ein Roman über die Schönheit, über die Macht der Musik – betrachtet durch die Augen eines Tauben. Durch einen bildhaften und greifbaren Erzählstil mit melancholischen Zügen taucht der Leser in eine lebendige, traumhafte Welt ein. Ein Muss für jeden Leser anspruchsvoller, ungewöhnlicher Fantasy.


    Das Romandebüt des deutschen Autoren Manuel Hirner ist auf Bestellung in jedem Bücherladen erhältlich, ebenso auf Amazon, Thalia und co.



    Bisher erschienene Rezensionen:



    Whatcha Readin - Renie


    Libramorum


    Buchwurm - Birgit Lutz


    Sandras Bücheroase


    Diverse Kritiken auf Goodreads



    Erhältlich bei:


    Amazon


    Thalia


    uvm.

    Es gibt z.B. Psychopathen auf die das ohne weiteres zutrifft - die koennen natuerlich ohne Empathie toeten (und tun das oft auch). Bei manchen ist die Hemmschwelle einfach niedriger. Es gibt Menschen die Grausamkeit im speziellen erregt...

    Und damit back to topic.
    Ich finde durchaus auch, dass viele Figuren in der Fantasy zu gefühlskalt töten, insbesondere, wenn es um den ersten Mord geht. Aber: Wir schreiben doch noch immer genau über diese Spezialfälle, über diese Sonderlinge, über den Eintritt des absolut unwahrscheinlichen. Deshalb kaufe ich es unter den richtigen Umständen einem Antagonisten gerade ab, dass er gefühlskalt tötet, weil er ein Sonderfall, weil er ein Psychopath oder sonstwie völlig enthemmt ist. Das muss eben nur im Aufbau der Figur erkenntlich sein.
    Schwieriger wird es bei den Protagonisten, mit denen wir uns ja identifizieren sollen. Ist einer davon ein schlachtenerprobter, raubeiniger Soldat? Der wird im Ernstfall wahrscheinlich nicht mit der Wimper zucken, einen Kontrahenten auszuschalten; anders wäre es, wenn er einen Unschuldigen umbringen müsste. Oder wie sieht es bei einem Angehörigen eines wilden Kriegerklans aus? Dem kaufe ich auch noch ab, dass er gewisse grausame Züge hat, aber andernfalls wird das "Töten ohne Reue" ein schwieriges Thema.
    Vielleicht sollte es einen ganz anderen Thread geben: Authentizität von Fantasygeschichten. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder gehört, dass sich User über bestimmte Themen in der Fantasy beklagen: Das Mittelalter und die Ständegesellschaft seien nicht authentisch dargestellt, die Sprache und gerade die formelle Ansprache der Figuren sei im deutschsprachigen Kontext nicht authentisch, und und und. Und da geraten wir in eine Schwierigkeit: Fantasy hat nicht den Anspruch, im vollen Umfang authentisch zu sein; wir schreiben keine Historienromane, wir schreiben keine Fachwerke über die menschliche Psyche.
    Natürlich muss eine Geschichte in sich logisch und nachvollziehbar und damit zu einem guten Teil authentisch sein, und dazu gehört auch eine realistische Psyche der Figuren. Aber betrachten wir nun das Setting: Schreiben wir einen Roman im Stil von "Conan, der Barbar". Klassische Themen, Gut gegen Böse, Gut muss Böse den Kopf abschlagen. In dem Zusammenhang kann ich es voll und ganz verzeihen, wenn der Hauptcharakter ein stumpfer, gewissenloser Klotz ist, der sich durch seine Feinde schlachtet - das ist seine Rolle.
    Aber wie sieht es mit einem etwas ausgefeilterem Werk aus, in dem mehr Wert auf komplexe und lebendige Charaktere gelegt wird, die sich selbst reflektieren? Da wird es wieder zu einem No Go, wenn ein ganz normaler Mensch ohne weiteres zu einer gewissenlosen Killermaschine wird.


    TL;DR: Es ist enorm abhängig davon, was wir schreiben und wie unsere Charaktere aufgebaut sind, wenn wir sie töten lassen.

    Dass die Leute die aus purer Not andere umgebracht haben danach ruhig geschlafen haben?


    Wuerde ich gerne mal lesen...

    Ich kann dir spontan mindestens 10 Fälle vortragen, in denen Menschen aus Not oder aus reiner Gewinnsucht oder ohne offensichtlichen Grund wiederholt gemordet haben, oft in kurzen Abständen nach der Ersttat. Was das alles sind, sind Einzelfälle - tendenziell ist der Mensch ein empatisches Wesen, das stimmt voll und ganz. Was auch stimmt ist, dass in der Fantasy oft genug ohne Hemmung getötet wird, das alles steht außer Frage.
    Ich will wiederholen - tendenziell stimmt das. Was mich stört ist die absolute Aussage, der Mensch könne nicht hemmungslos und gewissenlos töten. Ich erhöhe nochmal auf 15 Fälle, dann brauche ich eben ein bisschen länger. Wir sind evolutionsbiologisch so uralt, wir haben Millionen von Jahren an blutigen Konflikten durchlebt. Für Weichheit gibt es da nur wenige Nischen, und die bewohnen größtenteils irgendwelche flugunfähigen Vögel.

    Neben der Lektuere von Buechern von hochgebildeten Leuten? Studien zu dem Thema?

    Jean-Jacques Rousseau? Der hat derlei zumindest behauptet, aber wenn man sich den Lebenswandel mal anschaut ...


    Ich habe mal gehört, dass das Ende der Zivilation drei fehlende Mahlzeiten entfernt ist, und ich glaube, historisch gibt es da genug Belege. Ich denke auch, dass das Thema im historischen Kontext betrachtet werden muss: Im Mittelalter wurden Menschen zur Belustigung der Bevölkerung öffentlich brutalst hingerichtet, die Römer haben Gefangene von Tieren zerreißen lassen, und die Leute haben es geliebt. Schon zur Kupferzeit gibt es erste Belege für Kriege mit mehreren tausend (!) Teilnehmern, kleinste Menschengruppen sind sich bereits seit Urzeiten einander an die Kehle gegangen.
    Wir haben Grundbedürftnisse wie Nahrung, Schutz vor den Elementen usw., und wenn diese nicht erfüllt sind, erwacht ein Tier in uns, das absolut hemmungslos sein kann. Das Töten steckt unweigerlich in uns, die Umstände müssen nur passen. Es gibt somalische Piraten, die Menschen für ein Hemd getötet haben. Es gibt Kinder, die gemordet haben, Menschen, die zu leidenschaftlichen Kannibalen wurden, usw.
    Wer behauptet, dass der Mensch von Grund auf gut und ohne Falschheit sei, betreibt beim Belegefinden Cherrypicking vom Feinsten. So einfach ist das nicht. Gerade zu anderen Zeiten, insbesondere Notzeiten, dürfte die Menschheit allgemein eine geringere Hemmschwelle gegen das Töten gehabt haben als wir heutzutage. Da muss man nicht mal durch die Zeit reisen - nur dort hin, wo heute noch die Kacke am Dampfen ist.

    Ich lese gerade den ersten Band von Kronen der Allmacht, der heißt Der letzte Todeshexer, von Jan Baßler.

    Das ist ja lustig, ein ehemaliger Klassenkamerad von mir hat mit dem Autoren in Heidelberg studiert und für den auch ein wenig die Werbetrommel geschwungen. Klein ist die Welt.

    Ich lese die "Symphonie der Stille" von Manuel Hirner. Absolut empfehlenswert!!!

    Vielen Dank, Tariq! Die eBook-Version verkauft sich gerade wie Semmeln - nicht wie warme, sondern wie wochenalte, die mal im Regen standen :rofl: aber das wird sich dann mit dem Taschenbuchrelease geben, da schwinge ich dann die Werbetrommel wie ein Wahnsinniger.

    Heute gibt es noch keinen neuen Teil - dafür aber frohe Kunde. Die Vorabveröffentlichung meines Debütromans "Symphonie der Stille" läuft am 16.04. (also am Dienstag) an! Es ist bereits möglich, das Ebook über Amazon vorzubestellen. Die Veröffentlichung der Printausgabe lässt leider noch auf sich warten :(


    Symphonie der Stille ist im Vergleich zu Medya deutlich ... gehaltvoller. Die Stimmung ist auch eher melancholisch, jedoch eingebettet in eine epische Handlung. Ich denke, wenn euch Medya gefällt, dürfte auch Symphonie der Stille etwas für euch sein - erwartet aber auf jeden Fall etwas gänzlich anderes.

    Ui ein Fan von fifty shades of Grey, die trifft man hier kaum, so zumindest mein Eindruck.


    Es gibt FanFictions von Fifty Shades und Twilight? Kann man davon Fan sein?
    Also ich wüsste eine Person, die solcherlei Lyrik schreibt. Diese Person ist eigentlich auch sehr bekannt im Forum.


    Ich gestehe, ich habe die Bücher hier bei mir zu Hause im Reagl stehen Auch, wenn man inzwischen dafür gelyncht wird, sich öffentlich dazu zu bekennen...aber ich denke, gerade in einem Forum wie diesem hier sollte man die breite Vielfalt tolerieren, oder?

    Leute, ihr geht gerade dem größten Troll auf den Leim, den es nur gibt :rolleyes:

    ich hätte mich so verjagt, an Stelle von Satis und den anderen.

    Ah, ich hab ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, was du meinst. Nur Medya kann Mr. Stein sehen, weil er auch nicht mehr ist als eine Wahnvorstellung von ihr - die in gewisser Weise aber eben doch mehr ist. Aber da würde ich zu viel spoilern.



    „Wer hat Euch verleumdet?“, bohrte Satis nach. „Und wofür?“
    „Wer kann ich Euch nicht sagen, aber ich habe meine eigene Verwandtschaft in Verdacht.“ Sich selbst beruhigend atmete Baaska ein und aus. „Ich sollte heiraten, Ludmilla, eine Kaufmannstochter in der Stadt. Ich kenne sie nicht wirklich, aber sie ist schön und ihr Vater reich. Irgend jemand aus der Familie muss sie mir geneidet haben, ein Cousin oder ein Onkel oder etwas in der Art. Auf jeden Fall haben sie mir Vastum untergeschoben, und das gleich ein ganzes Fass voll!“
    Kurz schnappte Satis nach Luft. Vastum war ein Rausch- und Heilmittel, für das Gentia ein Verkaufsprivileg besaß und jede Verletzung dieses Privilegs schwer bestrafte. Gerade in Zeiten des Krieges war das illegale Geschäft mit Vastum lohnend – und das kriminelle Milieu um den Stoff gnadenlos und brutal.
    „Natürlich hatten die Stadtbüttel auch gleich einen heißen Tipp, wo sie das Vastum finden konnten.“ Sichtbar fiel Baaska ein Stück in sich zusammen. „Und ich bin zum Tode verurteilt worden, eingesperrt und meines Standes enthoben.“
    „Was habt Ihr erwartet?“, warf Feskil nicht ohne Häme ein. „Bei Eurer Verwandtschaft ist mir das klar. Verrat und arrangierte Heirat!“
    „Tut nicht so, als wäre das in höheren Kreisen nicht auch unter Euresgleichen üblich!“, fauchte Baaska geradezu. „Na los, rechtfertigt Ihr doch einmal, wie ihr hinter Gittern gelandet seid!“
    Verächtlich schnaubte Feskil. „Diebstahl.“
    „Diebstahl! Für wie dämlich haltet Ihr mich eigentlich! Er ist ein Spion!“ Mit einer ausladenden Geste deutete Baaska auf den ehemaligen Mitgefangenen. „Man hat ihn dabei erwischt, wie er durch die Bücher des Fürsten gegangen ist.“
    „Glaubt, was Ihr wollt, aber haltet Eure Zunge im Zaum!“
    Wenn etwas Satis noch mehr ins Schlucken brachte, als mit einem potentiellen Rauschgifthändler unterwegs zu sein, dann der Gedanke daran, es mit einem Spion zu tun zu haben. Es herrschte Krieg, und genau dieser Krieg gab Menschen auftrieb, die über absonderliche Fähigkeiten verfügten und dafür meist kein Gewissen kannten. Nicht nur das: Trotz seiner geringen Größe war Telomer nicht ohne strategische Bedeutung. Die Stadt war der letzte Ankerpunkt Gentias vor der Küste, und somit der Pass zum Rest des Festlandes. Nahm ein Heer die Stadt ein, konnte sie sich dauerhaft im Landesinneren festsetzen.
    Dass nun ein Spion mit Wissen über die Geschäfte des Fürsten die Stadt verließ, war mehr als nur ein wenig bedrohlich.
    „Es wird Zeit“, meinte schließlich Feskil, denn die Sonne war nun hinter dem Horizont verschwunden, und nichts als Dunkelheit lag hinter den Fenstern. „Weck die Irre.“ Mit dem Finger deutete der Spion auf die am Boden liegende Medya, die über die Gespräche der anderen eingeschlafen war.
    Kurz öffnete Satis den Mund. Als Haushälterin war sie es gewohnt, Befehle entgegenzunehmen und rumkommandiert zu werden, aber in diesem Ton angesprochen zu werden, ging ihr gegen den Strich. Doch die junge Frau schluckte ihren Zorn herunter. Ob sie wollte oder nicht, sie war auf das Wohlwollen von beinahe Fremden angewiesen, und sie wollte nicht gerade jetzt einen Streit über ihren Stolz ausbrechen lassen.
    Sachte rüttelte Satis an der Schulter der mageren Frau. So, ohne dass man ihren stechenden Blick zu sehen bekam, wirkte sie beinahe wie ein Kind, unschuldig und zerbrechlich. Dieser Anschein zerbrach jedoch in der Sekunde, als Medya die Augen aufschlug.
    Entgegen Satis‘ Erwartung erwachte Medya auf einen Schlag und schien – mehr oder minder – sofort wieder in dieser Welt zu sein. Für eine Sekunde schien ihr Blick beinahe gehetzt, bis sie erkannte, wo und bei wem sie war. Verunsichert wusste Satis nicht, was sie sagen sollte; was musste jemand erlebt haben, der einen derart seichten Schlaf hatte?
    „Wir müssen los, Medya. Es ist dunkel geworden, und man sucht immer noch nach uns.“
    „Hm“, brummte Medya ungehalten. „Egal, was sie suchen, sie finden bei mir eine Backpfeife.“
    „Hört bitte kurz zu!“, zischte Baaska, mehr um sich zur Ruhe zu bringen als die anderen. Nervös spielte der dickliche Händler mit seinen Fingern. „Unser Plan sieht wie folgt aus: Wir verlassen das Lagerhaus und gehen zu der Mauer im Osten. Dort angekommen erklimmen wir mit Feskils Hilfe die Mauern und verlassen die Stadt in Richtung des Telomer-Forstes.“
    „Wieso nicht nach Osten über die Brücke?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen hatte Satis den Ausführungen des Sukk gelauscht, und ihr gefiel der Gedanke gar nicht, nachts in dem stockdunklen Wald umherzulaufen. „Wir könnten die Straße nach Osten nehmen, statt uns zwischen den Bäumen durchkämpfen zu müssen.“
    „Und genau dort wird jemand auf uns warten. Es wäre das naheligendste, genau das zu tun, dazu sind die Straßen auch noch einfach zu überwachen. Nein, wir müssen etwas Unerwartetes tun. Wenn wir den Wald erst erreicht haben, wird es deutlich schwerer sein, unsere Spur aufzunehmen.“
    „Oh“, antwortete Satis. „Ihr … Ihr habt denke ich recht.“ Kurz rötete sich das Gesicht der Haushälterin; sie wäre in ihrem Wunsch, der Stadt so schnell wie möglich zu verlassen, wahrscheinlich genau ihren Häschern in die Falle gelaufen. Eine solche Kurzsichtigkeit war sie von sich nicht gewohnt, und jetzt schämte sie sich dafür. Ihre Mitverschworenen würden nun wahrscheinlich nicht mehr in ihr sehen als einen jungen Naivling, den man kaum ernst nehmen konnte.


    „Was? Ich? Ich habe noch nie jemandem etwas getan!“, wehrte sich die Rothaarige.
    „Führt das doch bitte noch etwas weiter aus, Baaska“, bat die Haushälterin, und der Krämer schloss kurz die Augen, bevor er wieder sprach.
    „In der Religion der Sukk gibt es Erzählungen über ein Wesen, das Panthaskera genannt wird. Es wird in der Gestalt eines Menschen wiedergeboren, genauer gesagt in der einer Frau, und geht dann unter den Lebenden umher.“ Tief holte Baaska Luft, und in den Augen der anderen las er Besorgnis, Misstrauen. Was er ihnen nun zu erzählen hatte, klang auch so unglaublich, dass er es aus jedem anderem Mund als dem seinen verlacht hätte. „Es hat die Macht, hinter den Vorhang der Realität zu blicken, das Getriebe zu sehen, das uns und die ganze Welt in Bewegung setzt.“
    „Und Ihr glaubt, diese Irre dort ist dieses Phantasiewesen Eurer Religion?“, fragte der ehemalige Mitgefangene nicht ohne einen Zug Verachtung.
    „Wer seid Ihr überhaupt, dass Ihr die Sukk so hasst?“, erwiderte Baaska bissig. „Ihr habt so einen leichten Akzent, er fällt überhaupt nicht auf, wenn man Euch nicht oft reden hört. Klingt ein bisschen nach Calydisch, oder irre ich mich da?“
    Ausdruckslos erwiderte der Fremde den Blick des Krämers. „Nennt mich Feskil, da wir fürs Erste miteinander arbeiten müssen. Wo ich herkomme geht euch nichts an.“
    „Aber was lässt Euch denn jetzt glauben, dass Medya diese … Panthadingsbums ist?“, hakte Satis ungeduldig nach. „Es hört sich doch ein wenig unglaubwürdig an.“
    „Es heißt, dass die Panthaskera in Zeiten des Niedergang wiedergeboren wird. Laut unserer heiligen Schrift, dem Sapientium, gibt es in der Geschichte der Welt Zyklen des Aufstiegs und der Niedergangs, und ich glaube, dass wir sehr eindeutig in einem Teil des Zyklus stecken, der dem Niedergang zugeordnet werden kann.“
    „Ihr stützt Eure Vermutungen nur immer weiter auf diesen ausgedachten Mumpitz!“ Feskil gab sich noch immer keine Mühe, seine Verachtung für die Sukk zu verbergen. Mit verschränkten Armen und hochgezogenen Augenbrauen suchte er den Blick des Krämers. „Woran macht Ihr denn all dies fest?“
    „Es gab einen Mathematik-Philosophen unter den Sukk, der das Phänomen des Niedergangs in verständlichere Formen zu bringen versucht hat. Er beschreibt den Niedergang als eine Verlagerung der Wahrscheinlichkeiten, und zwar in Richtung eines für die Allgemeinheit schlechten Ereignisses.“
    Medya, die während der für sie langweiligen Gespräche begonnen hatte zu summen, horchte kurz auf. „Also egal, was das Dickerchen gesagt hat: Ich bin schon für deutlich weniger eingesperrt worden.“
    „Könnt Ihr das noch etwas besser ausführen? Ich glaube, hier hat niemand wirklich verstanden, was ihr uns sagen wollt“, bat Satis etwas peinlich berührt. Sie hasste es zugeben zu müssen, dass sie etwas nicht verstand.
    „Also gut: Ereignisse, die im Normalfall mit genau derselben Wahrscheinlichkeit eintreten, weisen im Niedergang eine ungleiche Verteilung auf. Denkt als Verständnishilfe an einen Münzwurf. Werft Ihr eine Münze, so müsste jede Seite der Münze mit derselben Wahrscheinlichkeit oben liegen.“
    „So weit bin ich mitgekommen“, meinte Satis mit zweifelnd zusammengezogenen Augenbrauen.
    „So, im Niedergang tritt jedoch das Ereignis mit höherer Wahrscheinlichkeit ein, das den größt möglichen Schaden verursacht. Denkt nur an die Friedensverhandlungen zwischen Gendia und Calydia: Für eine Weile sah es ganz gut aus, bis ein Brief von Gendia an das Königshaus Calydias einen Übersetzungsfehler beinhaltet hat, der eine höfliche Redewendung in eine sehr geschmacklose Beleidigung der Königsmutter verwandelt hat. Die Wahrscheinlichkeit für so einen gewaltigen Fehler liegt beinahe bei Null. Die Auswirkungen davon sind jedoch verheerend. Calydia rief überraschend den Krieg aus, und bis das Missverständnis geklärt werden konnte, waren Territorien erobert, Heere besiegt und Menschen getötet worden – und ein Frieden undenkbar.“
    „Und was hat all das jetzt mit ihr zu tun?“, fragte Satis, mit einem Nicken auf Medya deutend.
    „Wenn sie die Panthaskera ist, dann verfügt sie über die Macht, dieses Verhältnis umzukehren: Unwahrscheinliche, aber günstige Ereignisse treten in ihrer Anwesenheit ein – und unmögliches wird auf einmal möglich.“
    Grübelnd dachte Satis über die Worte des Sukk nach. „Ich kann nicht wirklich sagen, dass heute ein glücklicher Tag für mich war.“
    „Vielleicht für Euch nicht“, widersprach Baaska. „Aber vielleicht für die Allgemeinheit. Vielleicht habt Ihr eine Rolle in dem Ganzen zu spielen, vielleicht sogar wir alle.“
    „Und was lässt Euch nun glauben, dass sie diese Panthaskera ist?“, fragte Feskil mit derselben Härte, die zuvor schon seine Worte begleitet hatte.
    „Ihr müsst blind sein, wenn Ihr das nicht gesehen habt. Sie hat mit zwei morschen Hühnerknochen ein Schloss aufgebrochen! Sie konnte vorhersagen, wann die Wachen uns Essen bringen, wusste, wann der Fürst und sein Gast uns den Rücken kehren und sie hat zuverlässig erraten, wie viele Finger ich hinter meinem Rücken hochhalte. Sie IST die Panthaskera, da gibt es keinen Zweifel dran. Wir sind völlig unbehelligt aus dem Gefängnis ausgebrochen und durch die ganze Stadt marschiert. Das kann kein Zufall sein!“
    Auf die Worte des Krämers wusste erst niemand etwas zu sagen. Ratloses Schweigen legte sich über die Gruppe, bis Baaska den Kopf schüttelte.
    „Es ist egal, ob ihr mir glaubt. Wir müssen die Stadt verlassen, und zwar bald. Sie werden zweifelsohne bemerkt haben, dass wir nicht mehr in unserer Zelle sitzen. Vielleicht verschwenden sie noch etwas Zeit damit, den Fürstenhof und das Verwaltungsgebäude abzusuchen, aber schon jetzt werden die Wachen an den Stadttoren benachrichtigt sein und nach uns Ausschau halten. Sie werden die Stadt bis auf den letzten Flecken durchkämmen, und das heißt für uns, dass wir irgendwie anders entkommen müssen, und das noch heute Nacht!“
    „Und was dann?“ Mit zittriger Stimme und großen, angstvollen Augen sah Satis ihre Begleiter an. „Was, wenn wir aus Telomer entkommen sind? Ich kann nirgends hin, ich habe keine Verwandten, die mich aufnehmen können! Bis ich in einer anderen Stadt eine Anstellung gefunden habe, kann was weiß ich was geschehen. Es ist Krieg.“ Mit jedem Wort wurde Satis leiser, bekümmerter, und für einen Moment wusste Baaska nicht, was er antworten soll.
    „Wie gesagt, ich glaube nicht, dass wir durch Zufall zusammengekommen sind. Ich kann Euch anbieten, mich zu begleiten. Mein Weg wird mich nach Calydia führen, zu den Weisen meines Volkes. Wenn einer mit Gewissheit sagen kann, dass sie die Panthaskera ist, dann sie.“
    Selbst in den Schatten, die die untergehende Sonne in das Lagerhaus warf, war der jungen Haushälterin anzusehen, wie wenig Hoffnung ihr das vage Angebot des Krämers machte. Doch sie hatte keine Wahl. Ihr Herr würde sie nicht wieder aufnehmen, solange der Fürst von Telomer nach ihr suchen ließ, wenn überhaupt noch, und in dieser Gegend hatte sie auch keine Verwandten, die sie aufnehmen könnten. Alles andere als innerlich ruhig setzte sich Satis auf ein Fass, den Kopf grüblerisch gesenkt. Baaska und Feskil besprachen noch eine ganze Weile ihr Vorgehen, dann begann Baaska hektisch, irgendwelche Dinge zusammenzupacken.
    „Lass dir helfen.“ Blinzelnd versuchte Satis ihre Müdigkeit abzuschütteln, merkte erst dann, dass sie die vertrauliche Anrede gewählt hatte. Baaska schien sich daran jedoch nicht zu stören und reichte ihr einige Dinge, die sie einschlug oder sofort auf das Gepäck der vier Flüchtigen verteilte.
    „Ich frage mich schon lange etwas, und ich hoffe, dass ich Euch nicht zu nahe trete“, sagte Satis an den Händler gewandt. „Ihr scheint ein rechtschaffener Mann zu sein; was hat Euch denn ins Gefängnis gebracht?“
    „Verrat und Verschwörung!“ Deutlich energischer stopfte Baaska trockene Lebensmittel und Wasserschläuche in die Rucksäcke und Taschen. „Verleumdung und nichts anderes hat mich hinter Gitter gebracht! Ich schwöre Euch, wenn ich mich eines Tages wieder in diese Stadt wagen kann, dann …“ Weiter führte der Sukk seine Drohungen nicht aus, womöglich weil er selbst nicht wusste, was er dann zu tun gedachte.

    Uh, ich habe ganz vergessen, letzte Woche zu posten! Egal, hier der nächste Part:


    Im Nachhinein wusste keiner von ihnen, wie sie es geschafft hatten, unbemerkt an dem Fürsten vorbeigekommen zu sein; unmöglich konnten sie ihre hastigen Schritte überhört haben, doch nur Augenblicke später standen sie im Licht der Sonne, nur den freien Himmel über sich.
    „Wir müssen weiter!“, drängte Baaska. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie bemerken, dass wir weg sind!“
    „Wir müssen gar nichts.“ Der Fremde, der sich ihnen immer noch nicht vorgestellt hatte, schaute dem Krämer scharf in die Augen. „Vergesst, dass Ihr mich gesehen habt. Ab hier trennen sich unsere Wege.“
    „Ich habe einen anderen Vorschlag für Euch: Wir müssen die Stadt verlassen, sonst hängen wir alle morgen am Strick, und das wisst Ihr, also ist das auch Euer Ziel. Kommt mit uns, egal, wer oder was Ihr seid, Ihr könnt Dinge, die uns hilfreich sein werden. Im Gegenzug statte ich Euch mit allem aus, was Ihr brauchen werdet, haltbare Lebensmittel, Wasser, Ausrüstung. Ihr habt keine Chance, all das unbemerkt zu besorgen, geschweige denn Geld dafür. Ihr bekommt all das von mir, völlig umsonst, wenn Ihr uns helft, unbemerkt die Stadt zu verlassen.“
    „Und Ihr könnt das?“, fragte Satis hoffnungsvoll. Mit wehem Herzen dachte sie an ihren Herren und ihre Herrin, die sie nun verlassen musste, an das schöne Heim, das sie ihr geboten hatten. Doch sie hatte keine andere Wahl, wenn sie leben wollte, musste sie fliehen.
    Fast schon beleidigt nickte Baaska. „Was denkt Ihr denn? Ich bin Händler und habe für meine Handelszüge alles nötige eingelagert.“
    Unbewegt nickte der Fremde. „Einverstanden.“
    „Gut! Dann folgt mir. Ich habe ein paar Lagerhallen, in denen sie nicht sofort nachsehen werden.“ Eilig ging Baaska voraus, und die anderen folgten ihnen, auch Medya, die von dem Gesagten nichts mitbekommen hatte, aber die sich dennoch fröhlich summend den anderen anschloss.
    Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu; tief hing die Sonne über den Mauern der Stadt, zog die Schatten der vier Flüchtigen in die Länge. Vereinzelt liefen Stadtwachen über die Mauern und den Hof des Fürsten, doch niemand schenkte ihnen Beachtung. Neben dem Fürstensitz befanden sich die Verwaltungsgebäude mit den Kerkern; rund um die Uhr gingen Leute ein und aus, und die Wachen hatten gelernt, den Menschen keine Beachtung mehr zu schenken. Ganz wohl war Baaska dennoch nicht, als er betont gelassen an den Männern vorbeiging. Würde man sie später befragen, würde sich ein Großteil von ihnen an das sonderbare Quartett erinnern.
    Satis hingegen machte sich mehr Sorgen über die Menschen in der Stadt. Zu ebenjener Stunde war auf den Straßen wieder viel los, denn die Arbeit des Tages war getan, und die Hausfrauen und Mägde machten noch letzte Besorgungen. Zecher und Arbeiter machten sich auf den Weg in die Wirtshäuser, um einem Feierabendbier zu frönen – und unter all diesen Leuten kannte Satis eine Menge. Telomer war keine große Stadt, und Neuigkeiten sprachen sich bald herum, und so zweifelte Satis nicht daran, dass fast jeder aus ihrem Bekanntenkreis von ihrer Verhaftung wusste. Manche der abendlichen Spaziergänger mochte sich auch noch an die beiden sonderbaren Frauen erinnern, die den Fürsten mit Eiern beworfen hatten, und allein schon deshalb ging Satis mit eingezogenem Kopf und hinter den Rücken der Männer, um ihr Gesicht zu verbergen.
    Wenn sie jemand gesehen hatte, machte er sich auf jeden Fall nicht bemerkbar, denn die kleine Gruppe kam unbehelligt an dem Lagerhaus des Krämers an. Satis blickte sich um; hier schien es fast ausgestorben, denn das Haus befand sich im Handwerkerviertel, wo auch manch anderer Händler seine Lager hatte. Irgendwie beruhigte sie die fast schon sonderbare Stille, so als habe ihr das Schicksal einen Moment zum Durchatmen zugedacht.
    „Und hier ist der Ersatzschlüssel.“ Ohne Umschweife zog Baaska einen losen Dachziegel aus dem tiefhängenden Dach, und ein kleiner Messingschlüssel fiel in seine offene Hand.
    „Ganz schön riskant“, kommentierte sein ehemaliger Mitgefangener, doch der Sukk zuckte schlicht mit den Achseln.
    „Da vermutet ihn keiner, oder? Bis jetzt ist noch nie etwas passiert.“ Während er sprach, führte Baaska den Schlüssel in sein Schloss ein und drehte ihn um. Beinahe lautlos schwang die Türe auf, und Baaska winkte die anderen herein.
    Kaum hatte Satis als letzte das Haus betreten, schlug Baaska die Tür mit einem Knallen zu, und ein entschlossener Ausdruck lag in seinen Augen.
    „Wie viele Finger halte ich hoch?“
    „Was?“, fragte Medya, die der Krämer anstarrte, als wäre ihr ein Ziegenbart und ein paar Hörner gewachsen.
    „Wie viele Finger ich hochhalte“, wiederholte Baaska, zwei Finger hinter seinem Rücken abspreizend.
    „Oh, zwei!“ Fröhlich klatschte Medya in die Hände. „Ich liebe Ratespiele, da bin ich gut drin.“
    „Und jetzt?“
    „Sieben.“
    „Jetzt?“
    „Keine oder alle, je nachdem, wie du es meinst.“
    „Bei den Göttern.“ Seufzend ließ sich Baaska an der Wand hinab auf den Boden fallen. „Sie hatte alle richtig. Warum ausgerechnet ich?“
    „Wovon redet Ihr?“ Beunruhigt sah Satis zwischen Medya und Baaska hin und her. „Was sollte das eben denn?“
    „Das ist schwierig zu erklären. Zu Beginn: Ich glaube nicht, dass Isingwar unser größtes Problem ist. Sie ist es.“ Dabei zeigte der Sukk mit dem Finger auf Medya.

    Hier kommt ein Part, über den ich noch etwas unschlüssig bin. Vielleicht zu strange?



    Vorsichtig schlichen sie weiter, der ihnen noch immer fremde Gefangene voraus. Satis, deren Herz bis zum Hals klopfte, war froh um den undurchsichtigen Mann, auch wenn sie sich vor ihm selbst ein wenig fürchtete. Er bewegte sich so umsichtig, so leise, dass sie seine außerordentliche Gewandtheit selbst durch ihren Schleier der Angst erkannte. Ab und zu bedeutete er ihnen stehen zu bleiben, dann ging er alleine voraus; war die Luft rein, rief er sie mit einem kurzen Pfeifen zu sich.
    „Es ist unfassbar, wie weitläufig dieses Gebäude ist“, flüsterte Baaska dem Fremden zu. „Laufen wir überhaupt richtig? Wir sollten doch längst draußen sein.“
    „Dieser Gang noch, dann eine Biegung und wir sind auf dem Hof des Fürsten“, antwortete dieser knapp. Woher er das so genau wusste, blieb dem Rest schleierhaft, aber niemand zweifelte an seinen Worten. „Wir haben es fast geschafft.“
    Und dann kam die Gruppe abrupt zum Halt, denn eine Stimme hallte durch den Gang, die ihnen allen das Blut in den Adern gefrieren ließ.
    „Ihr könnt mir Eure Papiere so oft vor die Nase halten, wie Ihr wollt! Mich beeindruckt ihr damit nicht so wie diese Tölpel, die mir Leute wie Euch vom Leib halten sollen!“ Klackend hallten die Schritte des Fürsten in dem Gang vor ihnen wider, fast so energisch wie seine Worte. Ihnen folgte ruhiger, aber nicht weniger Zielstrebig ein anderes Paar Füße.
    „Es ist immer noch Euer König, dem Ihr hier die Mithilfe verweigert“, erwiderte ohne merkliche Gefühlsregung eine zweite Stimme. „Euer König, dem Ihr zur Treue verpflichtet seid.“
    „Schnell!“, flüsterte ihnen Baaska zu, „hier her!“ Eilig huschten sie in einen Nebengang, drückten sich eng an die steinerne Wand. Bangend warteten sie, in der Hoffnung, übersehen zu werden.
    „Hier bin ich der Herrscher. Diese Stadt ist mein Besitz, und hier hat mein Wort zu gelten!“ Mit einem leisen Quietschen wurde die Tür zum angrenzenden Zimmer aufgerissen; hier musste der Fürst ein kleines Arbeitszimmer haben oder einen Raum, in dem er Gäste empfing.
    „Wir haben nicht vor, Eure Rechte zu beschneiden oder uns in Eure Geschäfte einzumischen“, fuhr Venandi Pila fort. „Wir fordern nur die Herausgabe einer Gefangenen.“
    „Dieses Miststück wird hängen, nachdem es ein wenig Kerkerluft schnuppern durfte, und daran führt kein Weg vorbei!“
    „Wir müssen hier weg!“, flüsterte Baaska seinem Mitgefangenen zu. „Wenn der uns zu Gesicht bekommt, ist es aus!“
    „Die Tür steht offen, wir haben keine Chance, unbemerkt an ihnen vorbeizugehen“, antwortete der Fremde ihm. „Sie müssten uns auf gut Glück den Rücken zugewandt haben.“
    „Na los, Gumby, wie sieht‘s aus? Schauen sie gerade zur Tür?“
    Ich kann dir nicht immer helfen, Medya.
    „Doch, kannst du! Du willst nur nicht!“
    „Sei doch leise!“, zischte Baaska ihr zu. „Bist du wahnsinnig?“
    Der Erzähler zieht es von nun an vor, Medya nicht mehr behilflich zu sein; das raubt nur jede Spannung.
    „Du bist ein Arsch, Gumby, und das kann ich dir nicht oft genug sagen! Aber du bist nicht der einzige, der mir helfen kann.“ Vorsichtig legte Medya einen Finger und ihre Wange an den Stein der Wand. „Mr. Stein, wenn Gumby so ein Idiot ist, hilfst du mir dann wenigstens weiter?“
    Und vor den Augen der Rothaarigen traten Augen aus dem Felsen, rot und adrig und so groß wie Untertassen. Auch ein breiter, lächelnder Mund begann aus der Wand zu wachsen, mit zwei großen, eierschalenfarbenen Schneidezähnen.
    „Oh, hallo Medya, schön, dich mal kennenzulernen. Ich habe schon viel von dir gehört.“ Mit einem fröhlichen Grinsen begrüßte Mr. Stein die Wahnsinnige, die bei dem Anblick kaum ein Lachen unterdrücken konnte.
    „Ich habe leider keine Zeit fürs Plaudern, wir sind in Gefahr! Kannst du die beiden in dem Zimmer dort sehen? Wir müssen einen guten Zeitpunkt erwischen, an dem sie uns den Rücken zudrehen!“
    „Aber klaro, ich habe ein Auge auf sie!“ Wortwörtlich begann eines der Augen, über die Oberfläche des Steins zu kriechen und in einer Ritze zu verschwinden.
    „Sie wird ihrer gerechten Strafe zugeführt werden“, fuhr Venandi das Gespräch fort. „Warum seid Ihr so erpicht darauf, sie hier hängen zu sehen?“
    „Sie hat mich mit einen Ei beworfen!“ Donnernd warf Isingwar einen Krug zu Boden, der scheppernd zerbarst. „Mit einem Ei, vor meinem Hof, vor meinem Volk!“
    „Und Euch ist Eure Rache so wichtig, dass Ihr riskiert, Euch mit Eurem König zu überwerfen?“
    „Was glaubt Ihr, was geschieht, wenn ich so etwas durchgehen lasse? Das Volk muss sehen, dass es mir den Respekt zu zollen hat, den ich verdiene! Sonst tanzt mir bald jeder auf der Nase herum! Nein, sie sollen sie zappeln und nach Luft schnappen sehen, dann wirft niemand mehr mit Eiern!“
    „Isingwar, Ihr werdet mir Medya Ludus aushändigen! Ihr wisst nicht, was oder wer sie ist. So lange sie sich hier befindet, ist sie eine Gefahr für Euch und jeden anderen in dieser Stadt!“ Zum ersten Mal nahm die Stimme Venandis einen scharfen Ton an, der auch Isingwar nicht entgangen war.
    „Ihr habt mir nicht zu sagen, was ich zu tun und zu lassen habe!“, donnerte der Fürst. „Was glaubt Ihr, wer Ihr seid? Noch ein solches Wort und ihr werdet neben ihr hängen, habt Ihr mich verstanden?“
    „Tut es“, erwiderte Venandi ruhig, „und lebt mit den Konsequenzen.“
    Überrumpelt schwieg der Fürst von Telomer, holte ein paar Mal tief Atem. „Lasst mich noch einmal Eure Papiere sehen.“
    „Jetzt oder nie, Medya!“ Das Auge von Mr. Stein quetschte sich mühselig zwischen den Fugen der Quader hervor. „Sie haben der Tür den Rücken zugekehrt und sind über ihre Dokumente gebeugt!“
    „Okay, Leute, dann los!“ Ohne jedwede Vorwarnung preschte Medya aus ihrem Versteck hervor, rannte an der Tür vorbei und ließ ihre verwirrten und zutiefst erschrockenen Mitgefangenen zurück. „Rennt!“, flüsterte Baaska, und dann kannten auch die anderen beiden kein Halten mehr.

    Vielen Dank

    Allerdings fehlt mir noch ein so ein klein bisschen der Hint auf einen umspannenden Storybogen", überlegte Aval laut und in äußerst frechem Tonfall, den er besser nochmal überdenken sollte, wie der Erzähler befand. Außerdem sollte ihm mal bewusst gemacht werden, dass er das mittlerweile in so ziemlich jedem Kommentar zu so ziemlich jeder Geschichte schreibt.

    Das lässt sich erklären: Das hängt voll und ganz an dem Leseformat, das uns das Forum bietet. Wir sind gerade auf Seite 9, und auf Seite 11 beginnt die Haupthandlung und die Erklärung des Hintergrunds. Im Forum wirken (meine Beobachtung) Geschichten immer umfangreicher, als sie eigentlich sind, vor allem, weil man sie im Detail liest.
    Sprich: Wir kommen bald dazu.

    „Oh yeah!“ Medya war die erste, die sich eine der Schüsseln schnappte – denn sonst hatte es niemand damit eilig. Was die Wärter ihnen aufgetischt hatten, war nicht mehr als eine braune, unappetitlich riechende Pampe, zusammengekocht aus Küchenabfällen und den Überbleibseln der Gesindemahlzeiten.
    „Ich bin mir sicher, das ist ein und dasselbe Zeug, das sie uns schon die letzten zwei Tage aufgetischt haben.“ Baaska würgte, als er die Schüssel nur in die Nähe seines Gesichtes hob. „Nur eben schon zum dritten Mal aufgewärmt.“
    „Isingwar scheint es egal zu sein, ob man Euch mit vollem Magen hängt oder mit leerem“, meinte der andere Gefangene trocken. „Dann hält Euch wenigstens der Strick.“
    „Schön, dass Ihr Euch Euren Humor bewahrt habt“, erwiderte Baaska giftig. „Welche Strafe steht auf Spionage? Ich hoffe, es ist ausweiden!“
    Jeder weitere Streit erstickte im Keim, als Medya mit einem lauten Platschen ihre Hand in die lauwarme Pampe schlug und im Inhalt herumwühlte. Wieder gab Baaska einen Würgelaut von sich, doch dann schrie Medya auf.
    „Ich hab es! Ich hab es!“ Triumphierend hob die Rothaarige zwei Hühnerknöchelchen in die Luft, derart zerkocht, dass jeder Fetzen Fleisch von selbst abgefallen war.
    Für einige Sekunden sahen die verbliebenen Gefangenen nur auf die hoch erhobene Hand, dann schüttelte Baaska den Kopf. „Heilige Scheiße, wo hast du nur diese Irre aufgetrieben?“
    „Wie gesagt: Ich kenne sie überhaupt nicht!“ Satis schien wieder kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen. „Ich wollte sie nur davon abhalten, mit Eiern um sich zu werfen!“
    Doch Medya beachtete ihre Leidensgenossen gar nicht mehr. Eilig rannte sie zur Tür der Zelle, griff durch die Stäbe nach dem Schloss und führte die Hühnerknöchelchen in die Schlüsselöffnung ein.
    „Das ist bescheuert! Willst du mit Hühnerknochen das Schloss aufbrechen?“ Baaska trat ein paar Schritte näher, doch schlussendlich musste er zur Erkenntnis gelangt sein, dass es besser war, etwas Abstand von der Verrückten zu halten, denn er blieb bald wieder stehen. „Die sind zu groß und zu weich dafür!“
    „Du scheinst ein echter Profi im Schlösserknacken zu sein, Klugscheißer“, murmelte Medya als Antwort, unablässig in dem Schloss herumstochernd. Doch so dumm, wie sie sich dabei anstellte, hätte ihr das beste Werkzeug der ganzen Welt nichts gebracht.
    „Dann hilf mir doch, wenn du so schlau bist!“
    „Bitte was?“, fragte Baaska verwirrt.
    „Du doch nicht, dich würde ich allerhöchstens fragen, wenn mir jemand helfen müsste, eine ganze Torte zu verdrücken. Ich rede mit Gumby!“
    Doch der Erzähler zog es vor, nicht weiter Einfluss auf die Handlung zu nehmen.
    „Sei kein Vollarsch, verdammt! Wenn du mir nicht hilfst, kommen wir nie hier raus! Du hast es gestern doch schon mal getan, in der dummen Anstalt!“
    Wo sie recht hat, hat sie recht. Na gut. Ein bisschen mehr nach Links, jetzt nach unten …
    „Geschafft!“
    Mit einem metallischen Klacken sprach das Schloss auf, und triumphierend hob Medya die Hühnerknochen in die Luft. „Zwei zu Null für die Irre mit den roten Haaren!“
    „Schrei nicht so laut!“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte Baaska die zierliche Frau an. „Wie … wie hast du das gemacht?“
    „Ist doch egal! Bewegt euren Arsch hier raus, bevor die Wachen zurückkommen.“
    Ohne zu zögern stand der Gefangene auf, der sich ihnen nicht vorgestellt hatte, und leistete der Aufforderung Medyas folge. An der Wand, die in den Gang nach draußen mündete, blieb er stehen und warf einen Blick ums Eck. Dann winkte er dem Rest.
    „Ich … ich willnicht.“ Satis hatte sich aufgerichtet, mit einer Hand einen Gitterstab der Zellentür umgriffen.
    „Du hast Angst, was passiert, wenn wir erwischt werden?“, fragte Baaska mit aller Ruhe, die er selbst aufzubringen vermochte. Genau wie Satis fürchtete er sich, doch er wusste, dass die junge Frau davon nichts spüren durfte. „Sie wollen dich hängen, nicht wahr? Sie können dich kaum noch schlimmer bestrafen.“
    „Ich weiß.“ Noch immer zittrig ließ Satis die Gitterstange los. „Ich weiß doch.“
    „Ich bin direkt hinter dir. Dir wird nichts passieren.“ Dabei war sich Baaska nicht einmal im Ansatz sicher, ob er sein Versprechen würde einhalten können. Er selbst würde sich kaum gegen eine der Wachen wehren können, sollten sie entdeckt werden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht einmal seine Hände gegen jemanden erhoben, nein, seine Finger hatten nur Stift und Papier kennengelernt.
    Doch Satis hatte sich so weit beruhigt, dass sie den anderen nach draußen folgte. Als letzter verließ Baaska die Zelle, im Vorbeigehen einen der Hühnerknochen aufsammelnd, die Medya achtlos von sich geworfen hatte. Ohne große Mühe zerquetschte er den zerkochten Knochen zwischen seinen Fingern, ließ die Reste zu Boden fallen.
    „Das ist unmöglich.“ Kopfschüttelnd ging Baaska weiter; jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt, sich weiter darüber Gedanken zu machen.

    So, jetzt habe ich ganz vergessen, am Montag zu posten:


    Fackeln in kalten Eisenhalterungen reihten sich Stück um Stück an dunklen Basalt, leuchteten nur dürftig dem engen Gang und den weitläufigen Raum dahinter aus. Staub und Schmutz bedeckten die wahllos verstreuten Binsen, die im gnädigsten Fall im letzten Sommer ausgewechselt worden waren. In den Schatten bewegten sich kleine, pelzige Schemen, und das Quieken von Ratten drang an das Ohr der neuen Gefangenen.
    Ja, so hatte ein richtiger Kerker auszusehen und zu riechen, so und nicht anders. Medya erinnerte er an so viele andere Zellen, die sie schon gesehen hatte, und doch war auch an diesem Prachtexemplar von einem Kerker noch einiges neu.
    „Ey, sie haben hier nicht einmal Einzelzellen!“, meinte Medya beinahe euphorisch.
    Da hatte sie tatsächlich recht; entgegen jeder Vernunft waren alle Gefangenen in einer einzigen, großen Zelle untergebracht – in diesem Fall zwei Männer, von denen einer unablässig nervös auf undab lief.
    „Boa, die Zelle ist nicht einmal geschlechtergetrennt!“
    Was nicht einmal annähernd halb so gut war, wie die Worte der Rothaarigen den Eindruck machten.
    „Sei doch nicht so, immerhin lernt man so mal neue Leute kennen! Du hast ja keine Ahnung, wie das ist, wochenlang in einer einzelnen Zelle zu sitzen, nur, weil man seiner Bettnachbarin das Ohr abgekaut hat.“Was Medya durchaus wörtlich meinte.
    Schon kurz nach ihrer Festnahme war Satis in einen Heulkrampf ausgebrochen, der bis jetzt angehalten hatte. Völlig überfordert hatte sie sich nicht ein einziges Mal gewehrt und ihr Schicksal anderweitig ruhig akzeptiert. Beteuerungen ihrer Unschuld hätten ihr auch nicht viel gebracht; Isingwar war dafür bekannt, immer etwas mehr Härte zu zeigen, als nötig gewesen wäre. Lieber ließ er einen Unschuldigen mehr hängen, als einen potentiellen Verbrecher laufen zu lassen. Ebenso ohne Gegenwehr ließ sie sich grob in die Zelle stoßen, blieb genau dort stehen, wo sie zum Halten kam.
    Kurz nahmen die anderen Gefangenen Notiz von ihnen, doch ohne ein Wort zu sagen, gingen sie dem nach, womit sie bisher beschäftigt gewesen waren: Für den einen bedeutete das, unablässig im Kreis zu gehen, für den anderen, Löcher in die Luft zu starren.
    „Und wieder mal bin ich die einzige, die die Nerven behält!“ Breitbeinig ging Medya in die Mitte des Raumes, eine Pose, die bei ihrer mageren Statur an Lächerlichkeit kaum zu überbieten war. „So, Leute, ich bin Medya Ludus, und ich verspreche euch, dass wir bei Einbruch der Nacht hier raus sind!“
    Kurz blickte ein jeder in dem Raum auf, starrte die magere, dreckige Irre an, die schon beim Betreten des Kerkers aussah, als hätte sie hier Monate zugebracht, ohne sich einmal gewaschen zu haben.
    „Hey, ich bade mindestens einmal im Monat!“
    Dementsprechend wenig Eindruck hinterließ die Rothaarige bei ihren Mitinsassen, die bald alle für sich ihrer eigenen Form von Verzweiflung nachgingen. Satis ließ sich im entferntesten Eck des Kerkers nieder und setzte sich auf den blanken Boden, ihr Gesicht in den Händen vergraben, ständig vor sich hinmurmelnd.
    Stunde um Stunde verging, und Medya begann sich zu langweilen. Bald schon versuchte sie, die Ratten des Kerkers zu dressieren, um die Klügste unter ihnen zu ihrem Haustier auszuerkoren. Da sie jedoch nicht mehr als dreckige Binsen hatte, um die Ratten anzulocken, und selbst die dümmste Ratte noch zu schlau war, um sich mit einer Irren einzulassen, lehnte sie sich bald schmollend zurück.
    Und wartete.
    Indes ritt ein Trupp Bewaffneter auf den Hof des Fürsten auf, zehn Mann, die keine Abzeichen trugen. Wie für die Schlacht waren sie in einen leichten Brustpanzer gekleidet, breite Helme mit Nackenschutz verdunkelten ihre Gesichter. Um ihre Rücken hatten sie Musketen geschnallt, keine der schmucklosen, simpel gearbeiteten Waffen der gewöhnlichen Stadtwachen, sondern hochmoderne, reichverzierte Vorderlader, die nur einer kleinen Elite vorbehalten waren.
    Das und die vielen Papiere ihres Anführers mochte dazu geführt haben, dass Venandi Pila mit seinem Gefolge kaum Gegenwehr in Kauf nehmen musste, sondern nach einem kurzen Gespräch an jedem Tor vorbeigelassen wurde. Wieder war er seinem Ziel so nahe, dass er beinahe glaubte, es riechen zu können, und in seiner Entschlossenheit würde er sich von nichts auf der Welt aufhalten lassen.
    „Oh Scheiße, der schon wieder!“ Unruhig zappelte Medya mit ihren Füßen. „Wie kann er mir immer noch auf den Versen sein? Es weiß doch keiner, das ich hier bin!“
    Außer die rund zweihundert Menschen, die gesehen haben, wie du ein Ei auf den Fürsten geworfen hast.
    „Ja, aber abgesehen von denen wirklich keiner!“
    Die diese Neuigkeit ohne Zweifel auch bereits jedem anderen in der Stadt erzählt haben.
    „Ja okay, also schon ein paar, aber dass er es so schnell herausgefunden hat …“
    Vielleicht von einem Straßenjungen für ein paar Kupferlinge, auf die Frage: ‚Hey, hast du eine rothaarige Irre gesehen, die Fremde mit Eiern bewirft?‘
    „Ja okay, ich hab‘s ja schon verstanden!“
    Vielleicht sollte in diesem Moment aber die erhoffte Gelegenheit auf Flucht nahen, denn in diesem Moment wurde für jeden Gefangenen die einzige Mahlzeit des Tages abgefüllt. Zwei Wachen mit Tabletts befanden sich bereits auf dem Gang von der Küche zum Kerker.
    „Oh klasse, es gibt was zu essen!“ Freudig schlug Medya mit ihren Fersen auf den Boden.
    „Redet die eigentlich immer mit sich selbst?“, fragte der Gefangene, der nur Löcher in die Luft starrte, an Satis gewandt.
    „Das weiß ich doch nicht!“ Schniefend fuhr sich die aufgelöste Haushälterin mit dem Ärmel über die Augen. „Ich kenne sie überhaupt nicht! Ich bin ihr in der Stadt begegnet, und wegen ihr sitze ich jetzt hier! Ich hab überhaupt nichts getan!“
    „Natürlich. Wir sind alle unschuldig“, brummte der Gefangene sarkastisch.
    „Ich bin unschuldig hier!“, zischte der andere Gefangene überraschend aufgebracht. „Das ist alles eine Verschwörung gegen mich!“
    Zum ersten Mal sah Satis ihre Mitgefangenen wirklich an, und zu ihrer Verwunderung kam ihr der Mann, der eben noch gesprochen hatte, bekannt vor. Mit seiner fehlenden Lidfalte und dem wirklich pechschwarzen Haar war er mit aller Wahrscheinlichkeit ein Sukk, von denen es nicht allzu viele in der Stadt gab. Mit seiner geringen Körpergröße und der untersetzen Statur gab er geradezu einen klischeehaften Vertreter jener Minderheit ab.
    „Kenne ich Euch nicht? Wie heißt Ihr?“
    „Baaska Zimben, Gemischtwarenhändler aus der Stadt“, antwortete er beinahe schon resigniert, doch auf jeden Fall ruhiger. „Zumindest war ich das bis vorgestern.“ Erst jetzt setzte sich Baaska, ließ die Arme auf den Knien ruhen. „Jetzt warte ich nur noch auf den Strick.“
    Das selbstmitleidige Gejammere des Sukk wurde jäh unterbrochen; jeweils ein Tablett tragend traten die Wachen vor die Zellentür, schoben sie Schüsseln durch einen Schlitz im Boden. Ohne ein Wort oder die geringste Regung gingen die beiden weiter, ein heiteres Gespräch führend, so als hätten sie gerade nicht mehr getan als die Hunde ihres Herren zu füttern. Baaska schaute kurz verwundert zu Medya, blinzelte und schien sich dann den bewahrheiteten Orakelspruch der Irren als Zufall erklärt zu haben.

    hihi... ich denke da an den Bio-Uunterricht. Was waren Telomere nochmal?? Das hatte doch irgendwas mit Mitose/Meiose zu tun ...

    Telomere sind die endständigen Bereiche von Chromosomen, und ja, da kommt der Name her. Der Laut lag mir so auf der Zunge, dass ich mich einfach nicht wehren konnte.

    Inwiefern fühlt sich ein Fürst in deiner Welt einem Land zugehörig? Muss er dem König oder Kaiser keine Treue schwören?

    Ja, in unserer Welt, aber in dieser haben sich die Kleinherrscher ein bisschen mehr Unabhängigkeit bewahrt und sitzen sogar am längeren Ende des Hebels. Historisch kam es dort nicht selten vor, dass ein Fürst mit seinem Land die Fronten gewechselt hat.

    Nepp-Kanal. Bei so vielen Eigennamen würde ich mir fast doch eine Karte wünschen Nur aus Interesse.

    Ich kann vieles, aber Zeichnen gehört nicht dazu, habe es einmal versucht und entschieden, dass ich das lasse.

    Segel-)Fregatten sind ja doch recht große Segelschiffe, ob die so ohne weiteres in Geschwadern durch einen Kanal passen?

    Ich dachte mit Kanal jetzt etwas an die ungefähren Ausmaße des Ärmelkanals, vielleicht etwas kleiner.





    „Ein Ei!“ Nach kurzem Zögern beugte sich Satis hinab, als traute sie ihren Augen nicht. Doch tatsächlich: Vor ihr lag nichts anderes als ein gewöhnliches Ei, und der geplatzte Dotter rann über das fein gearbeitete Pflaster. Verwundert sah Satis sich um; woher konnte das Ei nur kommen? Hatte es jemand fallengelassen? Hatte ein unachtsamer Vogel es aus seinem Nest geschubst?
    „Hey du, könntest du das wieder aufheben und zusammensetzen? Hab‘s aus versehen fallengelassen, wollte dich aber eigentlich damit treffen!“
    „Wer …“ Doch als Satis nach oben sah, konnte sie sehr gut sehen, ‚wer‘. Bis über beide Wangen grinsend stand auf einem kleinen Vordach eine hagere Frau, ihr wirres Haar vom leichten Wind in ihre Stirn geblasen. Die Hände in die Hüften gestemmt blickte Medya auf die Haushälterin herab.
    „Die allerschnellste scheinst du ja nicht gerade zu sein! Aber das macht nichts, du hörst mir endlich zu. Also: Wusstest du schon, dass ein großer Fisch die Welt verschlucken wird?“
    „Bitte was?“ Verwundert blinzelnd schaute Satis zu der augenscheinlich irren Frau hinauf. Mit aller Gewalt versuchte ihr Hirn im Hintergrund einen Sinn, einen Zusammenhang zwischen den Worten Medyas, dem zerbrochenen Ei und sich selbst herzustellen, doch es misslang ihm gründlich. Und so blieb Satis nichts weiter übrig als zu weiterhin zu blinzeln und zu starren.
    Medya hingegen begann sich zu ärgern. Wieso reagierte niemand angemessen auf ihre Warnung? Warum verfiel niemand in Panik, rannte schreiend umher, raufte sich verzweifelt das Haar? Niemand schien die aufkeimende Bedrohung ernstzunehmen, und selbst das Ei, das gerade die Bordsteinkante herunterlief, bedachte sie nur mit einem hämischen Grinsen.
    Außerdem hatte sie bemerkt, wie viel hübscher die Frau zu ihren Füßen war …
    „Spinnst du? Warum sollte mich das interessieren?“
    Sie war ein gutes Stück kleiner als Medya, und ihr Haar umrahmte ihr Gesicht wie ein brünetter, seidiger Kranz. Eine niedliche Stubsnase untermalte den freundlichen Eindruck, den man zwangsläufig von ihr gewann.
    „Jetzt übertreib mal nicht!“
    „Mit wem redest du denn?“, fragte Satis verwirrt, doch Medyas Aufmerksamkeit galt allein der Stimme in ihrem Kopf, die sie nun darauf hinwies, wie warm und strahlend die brauen Augen der Haushälterin waren, Augen, in die sich stets ein Lächeln stahl.
    „Gumby, du bist ein … Moment. Du hast recht!“ Die Lider zusammengekniffen beugte sich Medya vor, so weit, dass Satis schon fürchtete, die fremde Irre würde auf die fallen oder sie anspringen. „Sie … sie ist wirklich furchtbar süß!“ Ein funke Neid kochte in Medya auf, und Neid spiegelte sich in ihr immer in schlechter Laune wieder, und nichts hasste Medya mehr als schlechte Laune. Ohne Vorwarnung griff sie in den kleinen Korb mit Eiern zu ihren Füßen, nahm eines heraus und warf es mit aller Kraft ihrer jämmerlich schwachen Arme in die Menschenmenge. Erschrocken zuckte Satis zusammen, machte sich klein, als fürchte sie, als Ursache der unerfreulichen Überraschung misserkannt zu werden.
    Tatsächlich zerplatzte das Ei im Genick eines Passanten, der sich mit einem erschrockenen Aufschrei an den Hinterkopf fasste. Zu ihrem Glück schien er nicht ausmachen zu können, aus welcher Richtung ihn das Ei getroffen hatte, doch in Satis stieg auf einmal ein Zorn auf. Was erlaubte sich diese Person?
    „Spinnst du eigentlich total? Du kannst doch nicht mit Eiern auf Leute werfen!“ Eine schmale Leiter führte auf das Vordach, über welche wohl diese Irre aufgestiegen war. Und in ihrem Zorn tat Satis etwas, das sie in einem normalen Gemütszustand nie getan und später noch häufig bereuen würde: Sie griff nach der Leiter und setzte ihre Füße auf die Sprossen.
    Perplex starrte Medya die Haushälterin an, die nun selbst fast auf das Vordach gestiegen war. „Bist du gerade vorhin eingeschlafen oder was? Natürlich kann ich das.“ Zur Demonstration griff Medya nach einem weiteren Ei, holte aus und warf.
    Ein erschrockenes Raunen ging durch die Menge auf der Straße. Eilig griff Satis nach dem Korb mit Eiern, hob ihn sich hinter den Rücken, dass Medya keine Gelegenheit bekam, noch einmal hineinzugreifen.
    Doch die Rothaarige beachtete sie gar nicht mehr. Wie versteinert blickte Medya auf die Straße hinab, und kurz darauf tat Satis es ihr gleich.
    Mit einem Ausdruck tiefster Verärgerung wischte sich dort Isingwar Eidotter von seiner sündhaft teuren, reich bestickten Weste. Triefend lief Eiweiß von seinen weichen, wildledernen Handschuhen, und auf einmal herrschte Stille auf der Straße.
    Die Straße war so verstopft, weil die Menschen Platz für das Gefolge des Fürsten machen wollten. So nutzlos diese Erkenntnis nun war, drängte sie sich Satis in den Kopf, bevor Furcht und Panik schlussendlich die Obermacht über ihren Verstand gewannen.
    „Was glotzt ihr so blöd?“, blaffte Isingwar seine Wachen an. „Nehmt sie endlich fest, verdammt nochmal!“
    „Beweg dich, Dummkopf!“, schrie Medya neben ihr. „Wir müssen abhauen!“
    Doch der einzige Weg nach unten führte über die Leiter, und dort standen bereits die Wachen des Fürsten; eilig sah Medya sich um, doch vergebens. Ein letzter Eierwurf in das Gesicht einer der Wachen konnte nicht verhindern, dass grobe Hände sich um ihre Arme schlossen.
    Und Medya und Sadis Gefangene des Fürsten von Telomer wurden.

    Seufzend blieb Satis am Straßenrand stehen, gegenüber der Töpferei. Hell und rosig leuchtete der Morgen durch die gepflasterten Gassen Telomers, vertrieb den dünnen Nebel, der sich noch hier und dort an den Hausmauern gesammelt hatte. Es musste ein schöner Sommermorgen sein, denn die Menschen liefen bereits zu dieser Uhrzeit geschäftig durch das verschlafene Städtchen, die Rosen und Gardenien auf den Fensterbrettern der betuchten Bürger leuchteten so strahlend, als habe ein Künstler sie mit Ölfarben bemalt.
    Ja, es musste ein schöner Tag sein, geschaffen dafür genossen, geküsst, in den Armen gehalten zu werden. Zum Beispiel von dem Töpfersohn, der dort hinter der Scheibe an einem wundervollen Krug arbeitete, seine kräftigen Finger über den geschlämmten Lehm fahrend. Ob er mit derselben Sanftheit durch ihr Haar fahren würde? Würde er ihr schöne Worte in die Ohren flüstern, ihr in die Augen sehen, seine Lippen auf die ihren pressen?
    Allein beim Gedanken daran wurde Satis wärmer, wärmer noch als durch die morgendlichen Sonnenstrahlen. Kaum gelang es ihr, die Augen von dem jungen Mann loszureißen, weiterzugehen, denn die Zeit drängte. Für ihren Herren hatte sie noch so einiges zu besorgen, darunter Dinge, die in Kriegszeiten knapp geworden waren. Und auch wenn das betuchte Ehepaar, dem sie den Haushalt besorgte, verständnisvoll und nett war, ging es um hier um ihre Zuverlässigkeit, auf die Satis ziemlich stolz war.
    Eilig, jeder ihrer Schritte auf dem Pflaster klackend, ging Satis weiter. Zwei Gassen und einen Park weiter befand sich ein fahrendes Geschäft, eine kleine Kuriosität der Stadt aus alten Tagen. Zwei Ochse reichte aus, um das vergleichsweise schmale, aber lange Gebäude auf Rädern über die verzweigten Straßen des Landes zu ziehen. Seit einigen Monaten machte der fremde Händler hier halt und war eine unter den Städtern beliebte – und unter den anderen Geschäftsmännern verhasste – Attraktion geworden.
    Gerade, als Satis halt machte, öffnete der Besitzer sein Geschäft. Seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie Schwierigkeiten gehabt, ihn einzuschätzen: Er schien weder sonderlich alt noch wirklich jung zu sein, und ein Drei-Tage-Bart bedeckte oft seine Wangen. Meist starrte er etwas entrückt vor sich her, selbst wenn er mit den Kunden sprach, und kaum einer will ihm außerhalb seines Hauses einmal begegnet sein. Lustlos starrte ihr der Verkäufer entgegen, bis sie schließlich näher herantrat, ihre Grübeleien beiseiteschiebend.
    „Guten Morgen“, grüßte sie, und der Mann tat es ihr mit einem Nicken gleich. „Sagt, habt Ihr Salz?“
    „Das Pfund kostet Euch einen halben Kupferling.“ Noch bevor Satis etwas erwidern konnte, zog der Fremde einen riesigen Sack voll Salz unter seinem Tresen hervor. Satis traute ihren Augen kaum. Gestern erst hatte die Nachricht die Stadt erreicht, dass die Handelszüge vom Meer ausbleiben würden; die Salzquellen Gendias, des Landes, dem sich ihr Fürst zugehörig fühlte, lagen am Nepp-Kanal, dem einzigen Zugangspunkt Gendias zum Meer. Diesen Kanal entlang waren Geschwader feindlicher Fregatten enlanggezogen; unter welcher Flagge diese Krieger zogen, wusste niemand genau. Die Gerüchteküche brodelte, sicher war nur, dass sie begonnen hatten, die Gendischen Küstenstreifen einzunehmen – und die Handelszüge vom Meer blieben aus.
    Wie zu erwarten hatten die Städter begonnen, Waren aus Überseetransporten zu horten, und die Preise für Salz und exotischere Güter waren über Nacht ins unermessliche geschossen. Wie also konnte dieser Händler noch über eine solch gewaltige Menge Salz verfügen und sie zudem für einen halben Kupferling verkaufen?
    „Ihr könntet das doppelte verlangen“, sprach Satis aus versehen ihre Gedanken aus, legte gleich erschrocken die Hand vor den Mund. Etwas genervt kniff der Händler seine Augen zusammen.
    „Ich kann von Euch auch gerne das doppelte fordern, wenn Euch das glücklich macht.“
    „Nein, nein, entschuldigt. Ich nehme drei Pfund.“ Das sollte reichen, bis sich die politische Situation geklärt hatte; wenn es um Geld ging, drehte sich das Rad der Zeit immer schnell. Egal wer die Kontrolle über die Küste haben würde, der Handel würde weitergehen, vielleicht mit höheren Zöllen, aber die Stände würden wieder gefüllt sein.
    Wenige Minuten später ging Satis erneut die Gasse mit dem Töpferladen entlang. Immer noch saß dort der Jüngling hinter dem Schaufenster, und Satis erlaubte sich näherzutreten, vorgebend, die ausgestellte Ware zu betrachten. Aus dem Augenwinkel musterte sie den Wildfremden – bis eine Frau in das Zimmer trat, dem Handwerker im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange hauchte. Satis Lächeln erstarrte, und mit einem irrationalen Gefühl des Verlusts trat sie einen Schritt zurück. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie der Frau ins Gesicht gesehen, und sie hatte erkannt, dass die Handwerkerin sie nicht einmal bemerkt hatte. Beide lebten in ihrer eigenen Welt, glücklich, und alles um sie hatte nicht den Hauch einer Bedeutung.
    Seufzend drehte sich Satis um, überquerte die Straße. Der Krieg hatte so viele Männer gefressen, junge und alte, und es würde nicht lang dauern, bis es drei unverheiratete Frauen in ihrem Alter auf zwei Männer gab. Ledige Frauen gab es im Übermaß, und dieser Moment war nicht der erste, an dem sie sich vorstellte, ihr Leben lang den Haushalt von Händlern und Beamten zu führen, bis sie als alte Jungfer starb.
    Es gibt schlimmeres, dachte sie bei sich. Du bist am Leben, du hast Essen und ein Dach über den Kopf und einen Herren, der dich nicht angrabscht. Man konnte nicht alles haben, und es gab genug Leute, denen es schlechter erging – zumindest redete sie sich das immer ein.
    Energisch scheuchte sie jeden weiteren Gedanken fort, der ihr zu diesem Thema in den Kopf kriechen wollte. Du benimmst dich wie ein Schulmädchen! Krieg dich wieder in den Griff. Ein bisschen schämte sie sich nun ihres Verhaltens und ihrer schwärmerischen Gedanken.
    Mittlerweile waren auch die verschlafendsten der Bewohner Telomers erwacht, und auf den Straßen herrschte Trubel. Isingwar, Telomers Fürst, hatte einen Besuch des Rosenmarkts angekündigt, und Satis hatte eigentlich längst vorgehabt, wieder beim Haus ihres Herren zu sein. Nun würde sie schauen müssen, wie sie um die Menschenmassen herum kam, die nun die Straßen verstopften.
    Gerade war die Haushälterin stehengeblieben, um nach einer Lücke zwischen den Menschen zu suchen – als etwas klatschend neben ihr aufschlug. Verwundert blickte die junge Frau zu Boden, blinzelte.

    Vielen Dank für die Antwort.

    Dass er eingeschlafen ist, wäre ja immer noch keine Begründung dafür, dass die Tür von ihrer Zelle einfach so aufsteht? Da fragt er nicht nochmal nach?

    Er weiß, warum die Tür offen war und muss nicht nachfragen. Dazu später mehr.

    Ansonsten benutzt du extrem viele Semikolons. Soll das so sein? Weil ich empfinde es als wenig irritierend das ist schon sehr ungewöhnlich. Ganz oft könnte man auch einfach Punkte setzen

    Sind doch bloß 5 im ganzen Absatz, da geht noch was :rofl: Nein, ich benutze vergleichsweise oft Semikolons, und mein Lektor hat da auch schon ein paar mal einzelne angekreidet. Es ist schon eine Art Stilmittel, aber ich werde schauen, dass es nicht exzessiv wird.