Beiträge von Myrtana222

    So, nach einer ganzen Weile der nächste Teil. Ich muss zugeben, ich habe mich ein wenig gedrückt, ihn zu schreiben, weil ich nicht ganz sicher war, ob alles so aufgehen wird, wie ich es wollte. Aber schaun wir mal.




    Der Silberfuchs war gerade eingeschlafen, als es energisch an der Tür klopfte.

    „Seid Ihr dann mal fertig? Ihr habt echt Nerven!“

    „Entschuldigt“, nuschelte der Dieb, während er sich am Rand der Wanne hochzog. „Einen Moment!“

    Wenige Minuten später trat er wieder hinaus in den Gang, das halblange Haar feucht in seiner Stirn klebend. Das Hemd aus teurer Baumwolle, das ihm sein Entführer überlassen hatte, passte überraschend gut, ebenso die Hose. Ein leichter Schauder fuhr den Rücken des Diebs hinab; schon eine ganze Weile vor seiner Entführung mussten sie mehr über ihn gewusst haben, als ihm lieb war.

    „Endlich! Und jetzt kommt. Euer Gastgeber wartet.“

    „Gastgeber. Ich bin noch nie von einem Gastgeber entführt, gefesselt und ausgeraubt worden. Ich glaube, Ihr sucht ein anderes Wort.“

    „Es war nötig und wird sich für Euch auszahlen, glaubt mir. Lassen wir ihn weiter warten.“

    Resigniert seufzte der Silberfuchs und folgte Sophia wieder hinab, dann einen von Gemälden gesäumten Gang entlang. Ein gutes Dutzend verschiedener Gesichter blickte auf ihn herab, größtenteils Männer in Rüstung oder prunkvollen Gewändern. Sie alle verband eine gewisse Ähnlichkeit, das oft schon graue Haar bei noch jungen Gesichtern, die tiefen Geheimratsecken auf der Stirn. Jener Mann, der auf ihn wartete, blickte auf eine lange Reihe bedeutender Ahnen zurück – und der Silberfuchs wusste auch auf welche.

    Leise öffnete Sophia die Tür, bedeutete ihm hindurchzutreten. Wie ein Schatten folgte sie ihm und schloss die Türe wieder hinter sich, die Hand auf der Klinke ruhen lassend.

    „Der Dieb ist hier, mein Herr.“

    „Ich danke dir, Sophia. Lass uns bitte alleine.“ Der Graf hatte ihnen den Rücken zugedreht, blickte aus dem Fenster heraus, als erwarte er noch, seinen unfreiwilligen Besuch durch das Tor schreiten zu sehen. In dem Arbeitszimmer herrschte eine Unordnung, die das gesamte Schloss sonst misste, Berge aus Briefpapier, heruntergebrannte Kerzen.

    „Aber ihr …“

    „Der … Silberfuchs wird uns schon keinen Ärger machen, nicht wahr?“ Mit diesen Worten wandte sich der grauhaarige Mann um, ein ironisches Lächeln auf den Lippen. Mit seiner markanten Nase und dem fliehenden Haar war er ein Ebenbild der Gemälde seiner Vorfahren, als habe sein Schöpfer ein wenig von jedem von ihnen genommen, um es in ihm zu etwas neuem zu verschmelzen. Und dazu war es ein Gesicht, das jeder Junge in ganz Amuzza kannte.

    „Ihr seid Graf Autun von Monsecolio!“

    „Und Ihr seid ein Dieb, Herr Silberfuchs, und so wie es aussieht kein sonderlich erfolgreicher.“ Trotz der wenig schmeichelhaften Worte sah ihn der Monsecolio mit freundlichen Augen an. „Würdet Ihr uns bitte endlich alleine lassen, Sophia?“

    „Wenn das Euer Wunsch ist.“ Zögerlich, mit einem letzten warnenden Blick in Richtung des Silberfuchses, verließ Sophia das Arbeitszimmer ihres Herren, die Tür fast geräuschlos hinter sich zuziehend.

    „Jeder fängt klein an, Durchlaucht, und ein guter Name bedeutet Arbeit.“

    „Wahre Worte. Ich würde Euch dennoch bitten, die höflichen Anreden sein zu lassen, zumindest, wenn wir unter uns sind. Sie sind eine Albernheit, die ich in der Öffentlichkeit gerade einmal ertrage.“ Gemächlich ging der Graf zu einem Tisch, lehnte sich auf die Kante. Erst jetzt bemerkte der Silberfuchs, dass all seine Gerätschaften darauf ausgebreitet lagen, seine Dietriche, Kletterhaken, Messer. Hamil hatte wirklich gründliche Arbeit geleistet, alles, selbst die eingenähten Münzen hatte er entdeckt und seinem Herrn übergeben.

    „Interessant, was Ihr so mit Euch herumtragt, Herr Silberfuchs. Hochmoderne Technik, bestimmt nicht billig.“ Vorsichtig hob Autun von Monsecolio einen daumendicken Metallstab hoch, begutachtete ihn. „Was macht Ihr damit?“

    „Das ist ein Thermitschweißstab. Damit lässt sich ein Schloss im Notfall aufschmelzen, wenn die Situation es erfordert.“

    „Sehr grob für Euren Berufsstand, der sich damit brüstet, einen Raub spurenlos durchführen zu können. Ihr zählt Euch doch zu diesen ‚Meisterdieben‘, nicht wahr?“

    „Reines Notfallequipment. Stolz lässt Euch keine Hand nachwachsen oder befreit Euch aus dem Gefängnis.“

    „Vernünftig. Wenn man hier überhaupt von Vernunft sprechen kann. Ist diese Meisterdieberei nicht ein Sport unter jungen Abkömmlingen reicher Familien?“

    Abwägend schüttelte der Silberfuchs den Kopf. „Es stimmt, dass viele Adelssprösse und Händlersöhne unter uns sind. Es geht uns aber nicht um Geld und Reichtum, sondern um die Herausforderung, den Nervenkitzel.“

    „Seltsame Zeiten, in denen das Entwenden von anderer Leute Besitz Anerkennung bringt. Aber wer weiß, vielleicht hätte ich als Jungspund auch ähnliche Dummheiten begangen. Manchmal kommt die Vernunft erst mit dem Alter.“

    „Ihr scheint weder von mir noch von meinesgleichen viel zu halten“, merkte der Silberfuchs an. „Was wollt Ihr dann von mir? Warum habt Ihr mich entführen und hier her bringen lassen?“

    Der Silberfuchs wusste, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde, als das Lächeln aus den Augen und den Wangen des Grafen verschwand. „Leider bringen uns keine erfreulichen Umstände zusammen, Herr Silberfuchs. Ich muss Euch leider mitteilen, dass Euer Cousin Lex und Eure Onkel Jero und Lurin Ostra ums Leben gekommen sind.“

    Es dauerte einen Moment, bis der Silberfuchs wirklich verstanden hatte, was Monsecolio ihm mitgeteilt hatte. Zitternd stützte er sich auf der Lehne des Stuhls vor ihm ab, und der Graf hob auffordernd die Hand.

    „Setzt Euch. Ihr werdet noch ein paar schlechte Nachrichten ertragen müssen.“

    „Ihr wisst, wer ich bin, nicht wahr?“ Mit dem plötzlichen Schock kämpfend verbarg der Silberfuchs sein Gesicht in den Händen, fuhr durch sein halblanges, braunes Haar.

    „Ihr seid Reto Ostra, und Ihr und Eure Familie habt etwas zu verbergen, das weiß ich. Aber das alles tut nichts zur Sache. Ich bin nicht hier, um in Eurer Vergangenheit zu graben, aber wie Ihr Euch denken könnt, sind Eure Verwandten nicht auf natürlichem Wege umgekommen. Sie sind ermordet worden, und nicht von irgendeinem Mörder, sondern von der besten, die es für Geld zu kaufen gibt. Und leider bin ich mir sehr sicher, dass Ihr das nächste Ziel dieser Mörderin seid.“

    „Wieso habt Ihr mich dann entführen lassen? Was wollt Ihr von mir?“ Angestrengt um Ruhe kämpfend lehnte sich Reto zurück, legte die Arme auf den Lehnen seines Stuhls ab.

    „Von Euch: Gar nichts. Ich möchte die Mörderin, oder besser gesagt den Mann, der hinter ihr steht. Er ist … mir im Weg, auf eine gewisse Weise. Er mischt sich mit Erfolg in Angelegenheiten ein, die leider auch mich angehen. Abgesehen davon, dass er eine Gefahr für jeden ist, der sich in seinem Leben Feinde gemacht hat.“

    „Und dieser Mann will meinen Tod? Wieso?“, fragte Reto verständnislos.

    „Ihr habt mich missverstanden. Er ist es nicht, der Euch tot sehen will, er ist der Herr dieser Mörderin, und nicht nur ihrer. Ihr könnt ihn Euch als eine Art Sekretär vorstellen, dessen Aufgabe es ist, Aufträge anzunehmen, ihre Durchführung zu planen und einen seiner Leute darauf anzusetzen. Wer ihn angeheuert hat, um Eure Familie auszulöschen, kann ich Euch nicht sagen. Aber das ist fürs Erste auch unbedeutend. Mit etwas Glück werden wir es erfahren, wenn wir unser Ziel in unserer Gewalt haben. Ich biete Euch das hier: Eine Chance zu überleben, eine Chance, Eure toten Verwandten zu rächen. Im Gegenzug dient Ihr mir als Lockvogel für diese Auftragsmörderin.“

    Vielen Dank für die nette Begrüßung. Da fühlt man sich gleich wohl in der Runde :)


    kalkwiese Ein Freund meines Freundes hat es auf diesem Weg geschafft, seine Geschichte als Buch zu veröffentlichen (Myrtana222). Kenne ihn aber leider nicht persönlich. Ich glaube der Freund, der mir den Link zum Forum geschickt hat, ist hier gar nicht aktiv... Hab ihn aber auch nicht gefragt :)

    Willkommen im Forum. Wer ist denn der gemeinsame Freund? :D

    Jetzt will ich aber langsam wissen, was das zu bedeuten hat :D

    Und wie der Silberfuchs wirklich heißt :stick:


    Momentan tippe ich darauf, dass der Auftraggeber einen Job für ihn hat.
    Wobei das auch noch nicht ganz aufgeht. Hamil stellt ihn ja soar als schlechten Dieb dar. Warum sollte man so jemanden anheuern? :hmm:
    Aber es würde erklären, warum ihm nichts geschehen darf ... argh. ICh weiß es nicht ^^; Ich warte einfach mal ab.

    Im nächsten Post klärt sich das dann - ich hoffe, ich spanne euch nicht zu lang auf die Folter:



    Der Silberfuchs schlief noch, als ihm der Sack vom Kopf gerissen wurde.

    „Steht auf! Wir sind angekommen.“ Blinzelnd blickte der Silberfuchs in Hamils grimmiges Gesicht. Ganz offensichtlich hatte ihm der Handlanger noch nicht für seinen nächtlichen Fluchtversuch vergeben. Während Hamil ihm die Fesseln an den Beinen löste, sah der Dieb aus der geöffneten Türe der Kutsche hinaus. Eine fast mannshohe Mauer umgab das Grundstück, weiß, wahrscheinlich aus Kalkstein. Sorgsam gepflegte Zierpflanzen und Obstbäume säumten den Rand eines wundervollen Gartens, selbst den Rand eines Teichs konnte er von seinem Sitzplatz ausmachen. Noch immer in seiner Verwunderung gefangen merkte der Silberfuchs kaum, wie Hamil in auf die Füße riss. „Was glotzt Ihr denn so? Was habt Ihr denn erwartet, eine Streckbank und einen Galgen?“

    „Mindestens die Streckbank! Aber noch bin ich nicht enttäuscht. Was nicht ist, kann ja noch werden!“

    „Ich hoffe, ich darf dann am Rädchen drehen, wenn der Herzog Eurer doch noch überdrüssig wird“, giftete Hamil zurück. „Na los, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“

    Unbeholfen stolperte der Silberfuchs auf den gekiesten Weg. Hamil hielt noch immer die Fesseln seiner Hände umklammert, als hätte er Angst, der Dieb würde nochmal versuchen zu entkommen. Doch der Silberfuchs wäre viel zu verwirrt, viel zu beeindruckt gewesen, um auch nur einen klaren Fluchtgedanken zu fassen. Der Teich und der Garten waren nur ein winziger Ausschnitt dessen, was nun vor seinen Augen lag. Weite, sorgsam getrimmte Rasenflächen wechselten sich mit Blumenbeeten ab, Statuetten umgaben einen Zierbrunnen. Exotische Früchte reiften an zierlichen Bäumen, wie der Silberfuchs sie nie zuvor gesehen hatte. Inmitten dieses Paradieses ruhte ein Anwesen, neben dem das des Fürsten von Anloch wie eine Hundehütte wirkte. Ein Turm erhob sich über die blauen Dächer, die sich über die verglasten Fenster wölbten, Erker und Balkone schmiegten sich an die sorgsam gemauerten Wände. Der Silberfuchs hatte diesen Ort noch nie mit eigenen Augen gesehen, und doch wusste er, wo Hamil ihn hingebracht hatte.

    „Wir … wir sind am Schloss von Monsecolio!“

    „Beachtlich! Ihr erkennt die bekannteste Residenz in ganz Amuzza.“ Grob schob Hamil ihn in Richtung der kunstvoll verzierten Flügeltore, riss sie auf und stieß seinen Gefangenen in die Eingangshalle. Dann zog er ein Messer aus einer Scheide an seinem Gürtel.

    „Was habt Ihr denn …“ Noch bevor der Silberfuchs ausgesprochen hatte, lockerten sich die Fesseln um seine Arme, fielen hinter ihm auf den gefliesten Boden.

    „Bei allen Göttern dieser armen Welt, nimm ihn, Sofia. Er ist jetzt dein Problem!“ An eine Säule der Eingangshalle lehnte eine junge Frau, die der Silberfuchs bisher übersehen hatte. Blaue Augen blickten verblüfft unter halblangem, schwarzem Haar hervor, flogen zwischen dem Handlanger und dem Dieb hin und her. Energisch stapfte Hamil die Treppen in das nächste Stockwerk empor, verärgert brummelnd, und verschwand schließlich außer Sicht.

    „Was habt Ihr nur getan, um diesen Mann so in Rage zu bringen? Er hat den Ruf, die Geduld in Person zu sein.“

    „Er ist dafür auch ein ganz schlechter Verlierer“, antwortete der Silberfuchs mit einem Grinsen. „Wir haben ein wenig Verstecken gespielt, und er hat mich fast nicht mehr gefunden.“

    „Verstehe. Na dann: Ab hier soll ich ein Auge auf Euch haben, und glaubt mir, ich bin eine ganz schlechte Verliererin. Solltet Ihr hier Verstecken spielen oder anderweitig Unfug treiben, werde ich Euch nicht so nachlässig behandeln wie Hamil.“

    Uh, da nimmt sich aber einer ernst. Ganz schön bieder. Unverhohlen glitt der Blick des Silberfuchses über die Kleidung der Frau, maßgeschneidert, über Arme und Beine, die einen athletischen Körper versprachen. Aber irgendwie auch scharf.

    „Seid Ihr fertig?. Dann folgt mir.“ Mit einem Blick, der eindeutig die Warnung aussprach, auch ja vorsichtig zu sein, drehte sich Sofia um. Nach kurzem Zögern folgte ihr der Silberfuchs eine hölzerne Treppe hinauf, dann einen Gang entlang, Tür an Tür. Bis auf einer mürrischen Putzfrau begegneten sie niemandem, bis Sofia schließlich vor einem der Zimmer stehen blieb.

    „Wascht Euch, man sieht Euch Eure Reise an. Kleidung in Eurer Größe liegt bereit, wenn Ihr dann keine ganz so große Zumutung mehr seid, werdet Ihr die Antworten erhalten, auf die Ihr sicher wartet.“

    „Ich könnte vielleicht etwas Hilfe beim Ausziehen gebrauchen …“ Der Silberfuchs hatte noch nicht ausgesprochen, da hatte Sofia bereits die Türe des Badezimmers aufgerissen. Rüde stieß sie den grinsenden Dieb hinein, legte die Hand auf die Klinke.

    „Wascht. Euch.“ Dann fiel die Tür mit einem Knallen ins Schloss.

    Gut. Die wird mich sicher nicht mehr behelligen. Zeit für Fluchtplan Zweipunktnull! Kurz sah sich der Silberfuchs in dem Badezimmer um, ging an der gefülten Wanne vorbei, an dem großen Standspiegel im Eck. So leise wie möglich setzte er einen Stuhl unter das hohe Fenster, rüttelte kurz daran. Zu seiner Überraschung öffnete es sich problemlos. Niemand hatte Anstalten gemacht, ihn an einer Flucht zu hindern.

    Ein Blick nach draußen belehrte ihn eines Besseren. Fast drei Mannslängen Luft lagen zwischen ihm und dem Boden. Mit gebrochenen Beinen kam er nicht weit, bis ihn Sofia oder Hamil oder sonstirgendwer wieder eingefangen hatte, und in dem Zimmer gab es nichts, aus dem sich ein Seil knüpfen ließe.

    Seufzend stieg der Silberfuchs wieder von seinem Stuhl. Dann würde er sich also fügen müssen. Aber egal, seine Angst eventuell Folter und Tod erleben zu müssen, hatte sich mittlerweile gelegt.

    Denn er wusste, wer auf ihn wartete.

    „Hey Sofia! Die Badewanne ist groß genug für zwei!“

    Der Dieb glaubte fast hören zu können, wie die Frau hinter der Tür die Augen verdrehte. „Soll ich Hamil fragen, ob er Euch Gesellschaft leisten will?“

    „Wenn Ihr nicht neidisch werdet …“

    „Wascht Euch endlich und verschont mich!“

    Lachend entledigte sich der Silberfuchs seiner zugegebenermaßen wirklich schmutzigen Kleidung. Hamil hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, keines seiner versteckten Werkzeuge und Messer hatte der Handlanger übersehen, und so hing er seine Diebeskluft über die Rückenlehne des Stuhls.

    Angenehm warm empfing ihn das Badewasser, Wusch den Dreck der Straße ab und die Schmach seines misslungenen Fluchtversuchs mit ihm.

    Das war herrlich amüsant :D

    Mal was ganz anderes als das, was ich bisher von dir gelesen habe (Symphonie der Stille und die Schatten der Magie) und das hat mir echt gut gefallen

    Ich bin tatsächlich nicht sehr humorvoll und tue mir schwer, leichtherzigere Szenen zu schreiben, aber ich wollte das Problem einfach mal angehen und es versuchen.

    Was ich etwas befremdlich fand, war der sehr schnelle Wechsel zwischen GEdanken und Erzählperspektive in der ersten Hälfte des Parts.
    Da beides immer recht kurz war, switchte man oft hin und her. Das hat mir persönlich jetzt nicht sooo gut gefallen.

    Da schaue ich dann nochmal drüber, da lässt sich was machen.

    Das Wort Politia fand ich interessant. Wüsste jetzt nicht, in welchem Land die Polizei so genannt wird, aber lehnst du das ganze an ein bestimmtes Land/Kultur an oder ist das nur Zufall?

    Ich würde rein vom Klima her die Mittelmeerregion als Vorbild nehmen. Ich hab Politia nicht irgendeiner Sprache direkt entlehnt, hat halt denselben Wortstamm wie Polizei, somit weiß jeder, was gemeint ist, ohne dass ich das Schäfchen beim Namen nennen muss. Polizei selbst klingt zu sperrig und modern, es hat keinerlei durchdachten Hintergrund :whistling:


    Lange hielten sie nicht Rast, und früher als erhofft fand sich der Silberfuchs gefesselt in der Kutsche wieder, dem Bauch dieses unbelebten Geschöpfes, das ihn nun seit unbekannten Stunden in unbekannte Richtungen trug. Doch so wie jeder schlechte Tag beginnt, endet er auch irgendwann – mit der Nacht, der Stunde der Diebe.

    Das Schnauben der Pferde weckte den Silberfuchs schließlich aus seinem unruhigen Schlaf. Sie hatten angehalten, das spürte er. Es war dunkel, und es brauchte einen Moment, bis er ganz zu sich kam – und bemerkte, dass er alleine war.

    Augenblicke vergingen, in denen der Silberfuchs nichts mit seiner überraschend vorteilhaften Situation anzufangen wusste, doch dann warf er sich von der Bank.

    Autsch. Schmerzhaft schlug sein Kinn auf dem hölzernen Boden der Kutsche auf, doch für Wehwehchen war jetzt keine Zeit. Stück für Stück robbte der Dieb in Richtung des Ausgangs, und Richtung der Freiheit.

    Und in ebenjenem Moment betrat Hamil die Kutsche, sah stirnrunzelnd zu dem Mann am Boden hinab, und der Silberfuchs sah zu ihm auf.

    „Was glotzt Ihr denn so?“ Betont wütend wand sich der Dieb auf dem Boden, stieß mit den Füßen gegen die Wand. „Ich bin im Schlaf von der Bank gefallen!“

    Die Züge des Handlangers lockerten sich, und ein Grinsen legte sich über sein Gesicht. „Ihr hattet wohl süße Träume.“ Ohne viel Schwierigkeiten hob Hamil ihn auf, legte ihn etwas unsanfter als nötig auf der Bank ab.

    „Ja, aber dann hatte die Dame leider Euer Gesicht. Ein wahrer Albtraum!“

    „Auf Euch aufpassen zu müssen ist ein wahrer Albtraum. Zum Glück hat das bald ein Ende.“ Seufzend ließ sich Hamil auf der gegenüberliegenden Bank nieder. „Wir rasten bis zum Morgengrauen, und dann ist es nicht mehr weit.“

    „Und Ihr wollt mir immer noch nicht sagen, wo Ihr mich hinbringt?“ Ernst blickte der Silberfuchs seinen Häscher an. „Ihr schickt mich immer noch blind dort hin?“

    „Wie gesagt: Euch wird nichts geschehen, also beruhigt Euch endlich! Eure Gefangenschaft hat bald ein Ende.“

    „Dann macht es doch nichts mehr aus, wenn Ihr mir etwas mehr verratet, oder? Wovor habt Ihr Angst?“

    Berechnend sah Hamil den Dieb an. „Das werdet Ihr bald erfahren, und jetzt Schluss! Ihr wisst, was das letzte Mal geschehen ist, als Ihr nicht nachlassen wolltet?“

    „Schon gut, schon gut. Wenn Ihr lügt oder Euch irrt, hoffe ich, dass Euch dieser Moment bis an Euer Lebensende verfolgt!“

    „Das wird mich dieser Tag jetzt schon“, knurrte Hamil genervt. „Seid still und schlaft, Ihr solltet morgen nicht aus den Latschen kippen.“

    Wie ihm geheißen schloss der Silberfuchs die Augen, doch statt zu Ruhen kämpfte er mit dem Schlaf.

    Mein Einbruch war auf zwei Uhr Nachts geplant. Nach meiner Gefangennahme wird Hamil kaum Zeit gefunden haben, sich hinzulegen und zu schlafen. Er ist wahrscheinlich dermaßen übermüdet, dass er sich nicht lange gegen den Schlaf wehren kann. Die Zeit spielte heute für ihn, und jetzt musste er nur schaffen lange genug wachzubleiben.

    Es dauerte nicht einmal eine Stunde, bis sich das Kinn des Handlangers auf dessen breite Brust legte und Hamil langsam und gleichmäßig zu Schnarchen begann. Die Müdigkeit hatte ihn übermannt, doch in seinem Pflichtbewusstsein hatte sich Hamil nicht einmal hingelegt, sondern schlief im Sitzen.

    Das macht es nicht unbedingt einfacher, aber nun gut, das ist meine letzte Chance. Jetzt oder gar nicht mehr. Ruckartig begann der Silberfuchs, seine Handgelenke aneinanderzureiben. Hamil hatte gelernt, wie man einen Menschen fesselte, ohne Zweifel, aber es schien, als wäre es ihm nur gezeigt worden oder als ob er sich diese Fähigkeit selbst angeeignet hatte. Er hatte keine praktische Erfahrung, und so hatten selbst die einfachsten Tricks gegriffen. Schmunzelnd fühlte der Silberfuchs, wie sich der Griff der Fesseln langsam lockerte. Alles, was er für seinen Fluchtplan hatte erreichen müssen war, dass Hamil ihm einmal die Fesseln abnahm. Als er sich dann wieder hatte fesseln lassen, hatte er die Hände eng an seinen Rücken gezogen und die Ballen seiner Daumen so hart angespannt, wie er nur konnte. Beides hatte die sonst fachmännisch geknüpften Knoten gelockert und ließ ihm nun Spiel, um sich langsam aus ihrer Umklammerung zu winden.

    Momente vergingen, die dem Silberfuchs wie eine Ewigkeit erschienen. Nie ließ er Hamil aus den Augen, bereit, sich schlafend zu stellen, sobald die Lider des Handlangers auch nur zuckten. Schmerzhaft verkrampften sich seine Schultern, seine Finger, und doch spürte er, dass er seinem Ziel näher kam.

    Und dann hatte er die losen Seile in Händen. Verblüfft von seiner eigenen Gerissenheit blinzelte der Silberfuchs in die Dunkelheit, so als erwarte er, dass ihm das Schicksal nun noch einen fiesen Streich spielen würde – doch dann riss er sich zusammen, öffnete vorsichtig die Knoten um seine Füße.

    Eher wacklig kam der Dieb auf die Füße, brauchte einen Moment, um nicht sofort wieder vornüberzukippen. Dann setzte er einen Schritt vor den anderen, leise, wie er es geübt hatte. Entschlossen trat er vor den Handlanger, der noch immer ahnungslos schlief, sicher, dass seine Fesseln den Gefangenen aufhalten würden. Eilig schlang der Silberfuchs die Seile um die Füße des Handlangers, nicht so fest, dass er aufwachen würde und doch so eng, dass sie ihn behindern würden, wenn er versuchen würde aufzustehen.

    Mit zitternden Händen griff der Silberfuchs an das Geländer des Kutschenausgangs, trat noch immer unsicher die Stufen hinab.

    Und stolperte, fiel längs auf den staubigen Boden.

    Es dauerte nur eine Sekunde, bis Hamil aus dem Schlaf schreckte. Benommen blickte sich der Handlanger um, riss dann die Augen auf. „Hey!“

    Eilig kam der Silberfuchs auf die Beine, rannte, stolperte, fing sich wieder. Hinter sich hörte er Hamil auf den Boden der Kutsche aufschlagen; sein Wagnis von zuvor hatte sich schließlich ausbezahlt. Das Herz bis zum Hals schlagend blickte sich der Dieb um, bemüht, im fahlen Licht der Nacht einen Fluchtweg zu finden.

    „Bleibt stehen!“ Nicht die Worte des Handlangers waren es, die ihn furchtsam erstarren ließen; es war das Klicken, ein Klicken, das er nicht zum ersten Mal hörte, und das immer, ausnahmslos den Tod versprach. „Bleibt stehen, oder ich schwöre Euch, ich schieße.“

    „Ich werde mich jetzt umdrehen. Ich bitte Euch, nehmt den Finger vom Abzug.“ Eine Sekunde wartete der Silberfuchs, um noch einmal tief einzuatmen, aber auch, um Hamil Zeit zu geben, sich zu besinnen. Dann machte er auf dem Absatz kehrt, langsam, die Arme über den Kopf gehoben. Hamil lag flach am Boden, die Beine immer noch in dem Seil verfangen. In den Händen des Hünen glänzte der metallene Lauf einer kurzen Percussionspistole, eine neue, moderne, zielsichere Waffe. Noch immer hatte Hamil den Finger am Stecherabzug, ein nervöses Zucken konnte reichen, um die Pistole auszulösen. „Nehmt bitte den Finger vom Abzug!“

    „Damit Ihr die Chance nutzen und entkommen könnt? Nein! Warum konntet Ihr nicht gottverdammt in dieser Kutsche bleiben, Ihr Idiot!“

    „Warum? Was glaubt Ihr denn? Ihr könnt mir nicht sagen, wohin Ihr mich bringt, was mit mir geschehen wird, vielleicht wisst Ihr es nicht einmal selbst! Ihr sagt nur immer, dass mir nichts passieren wird, und ich kann Euch das nicht glauben.“

    „Es ist die Wahrheit! Ich schwöre Euch bei allem, was mir heilig ist, dass Euch kein Leid zugefügt wird! Kommt zur Vernunft!“

    „Ihr werdet nicht schießen.“ Starr sah der Silberfuchs seinem Kerkermeister in die Augen, beschwörend, flehend. Auch Cassus hatte der Tumult der beiden Männer geweckt, und entsetzt presste sich der Kutscher seinen Hut auf den Schädel. „Euer Auftraggeber will mich lebend und unversehrt, sonst wäret Ihr viel gröber mit mir umgegangen.“

    „Ja, das stimmt, und mir wurde befohlen, Euch sicher und wohlbehalten zu ihm zu bringen.“ Eine kalte Entschlossenheit trat in die Augen Hamils, die Entschlossenheit eines loyalen Mannes. „Aber Ihr seid eine Gefahr, wenn Ihr entkommt, und das kann ich nicht zulassen. Lieber jage ich Euch eine Kugel in den Schädel und ziehe mir den Zorn meines Herren zu als zu riskieren, dass Ihr eine Gefahr für ihn werdet!“

    „Wie sollte ich das, Hamil? Ich weiß nicht einmal, wer er ist.“

    „Ihr wisst schon zu viel. Na los, auf die Knie, das ist meine letzte Warnung!“

    Kurz zögerte der Silberfuchs – und tat dann, wie ihm geheißen. Die Hände hinter den Rücken haltend wartete er, bis Cassus ein Seil aus der Kutsche geholt und ihn wieder in Fesseln geschlagen hatte. Derweil hatte Hamil die Waffe gesenkt und sich seiner eigenen Fesseln entledigt.

    „Ich werde Euch den Sack wieder überstülpen, und das habt Ihr allein Eurer Dickköpfigkeit zu verdanken! Morgen bekommt Ihr Eure Antworten.“

    „Gut, Hamil, dann ist das so! Aber lasst mich nicht bereuen, dass ich es nicht riskiert habe. Dass ich nicht geflohen bin.“

    „Ihr habt mein Wort, dass Ihr das nicht bereuen werdet.“ So viel Ehrlichkeit lag in der Stimme des Handlangers, dass sich der Silberfuchs zu seiner eigenen Verblüffung tatsächlich etwas beruhigte. Und doch mochte diese Nacht in Fesseln die Schlimmste sein, die ihm seit langer Zeit widerfahren war.

    Seit langer, langer Zeit.


    Ich bin mir nicht sicher, deswegen frage ich einfach.

    Meinst du hier nur den Silberfuchs, dann müsste es groß. Wenn nicht (also du nur dieses Dieb-Organisation meinst), dann ist es richtig.


    Ich weiß jetzt gerade gar nicht so genau, wenn du damit meinst

    Nee, da haste mich einfach bei einem ordinären Schreibfehler erwischt :D


    Beleidigt ließ er sich aufhelfen und auf die Bank gegenüber seines Bewachers setzen. „Würdet Ihr vielleicht meine Fesseln etwas lockern? Meine Hände und Füße sind schon ganz taub.“

    „Netter Versuch. Solange Eure Hände nicht abfallen, bleiben sie fest verbunden.“

    „Was soll ich schon machen? Euch Euren lausigen Lohn für meine Entführung aus der Brusttasche stehlen?“ Spöttisch grinste der Silberfuchs sein Gegenüber an. So ziellos, wie seine Frechheit auf Hamil wirken musste, erfüllte sie doch einen Zweck. Auch wenn der Hüne mit Gewaltdrohungen nicht sparsam umging, hatte er ihm bisher noch kein Haar gekrümmt. Vielleicht würde ihm das Wissen darum, wie weit er gehen konnte, noch hilfreich sein.

    „So geschickt, wie Ihr Euch anstellt, müsste ich eher befürchten, dass Ihr Euch die Finger brecht, und das wäre doch wirklich schade, nicht wahr?“ Das Funkeln in seinen Augen ließ keine Zweifel darüber, wie der Silberfuchs sich die Finger brechen würde, sollte er der Versuchung nicht widerstehen. „Um Euch eins klarzumachen: Solltet Ihr auch nur einen Fluchtversuch unternehmen, werde ich nicht zögern, Euch wieder den Sack über den Kopf zu stülpen und als gut verschnürtes Päckchen weiterzutransportieren. Eure Fesseln bleiben dort, wo sie sind.“

    Er weiß, dass ich ihm kaum entkommen kann. Er möchte deshalb jeden Fluchtversuch verhindern, weil er mir dann gar nichts antun darf! Egal, zu wem er mich bringt, sein Auftraggeber möchte mich unversehrt.

    „Wohin bringt Ihr mich?“ Natürlich würde Hamil nicht so dumm sein, ihm wahrheitsgemäß zu antworten, aber vielleicht verriet er unabsichtlich etwas.

    Genervt seufzte Hamil. „Das werdet Ihr dann sehen. Habt ein wenig Geduld.“

    „Dann kann es für Euren Auftraggeber wohl kaum gefährlich sein, wenn Ihr mir das verratet, oder? Kommt schon! Ihr könnt nicht von mir verlangen, Euch blind zu vertrauen! Ihr sagt mir nicht, zu wem Ihr mich bringt, Ihr sagt mir nicht, was Ihr mit mir vorhabt. Woher soll ich wissen, dass ich den nächsten Morgen noch erlebe? Dass Ihr mich nicht foltert, sobald Ihr dort angekommen seid, wo Ihr mich hinbringen wollt?“

    Abschätzend musterte Hamil seinen Gefangenen, und innerlich triumphierte der Silberfuchs. Er hatte den Handlanger richtig eingeschätzt: Hamil war ein loyaler, im Kern aber ziemlich weicher Bursche. Ganz offensichtlich kämpfte sein Gewissen mit ebenjener Loyalität.

    „Euch wird nichts passieren. Das ist das einzige, was ich Euch sagen kann. Es liegt in niemandes Interesse, Euch etwas anzutun.“

    „Und Ihr würdet mir sagen, wenn es denn so wäre?“ Unnachgiebig suchte er den Blick seines Entführers. „Ich habe nur Euer Wort, und mein Leben liegt in Euren Händen. Das ist ein bisschen wenig.“

    „Das wird Euch gottverdammt nochmal reichen müssen, Dieb! Wie gesagt, es ist besser, Ihr wisst nichts. Jetzt hört mit Eurem Rumgeplärre auf, Ihr seid kein kleines Mädchen!“

    Unerbittlich starrte der Silberfuchs ihn an. „Hamil?“

    „Was?“

    „Wo bringt Ihr mich hin?“

    Seufzend rollte Hamil Basi mit den Augen. „Ihr wolltet es nicht anders!“ Zielstrebig fuhr die Hand des Hünen in die Brusttasche seines Mantels.

    „Schon gut! Schon gut! Es tut mir leid! Hamil! Hamil! Ihr müsst das nicht tun, ich sage kein …“ Mitleidlos schloss sich die Pranke des Handlangers um die Wangen seines Gefangenen, pressten sie mit roher Gewalt auf. Schmerzhaft bohrten sich die Zähne des Silberfuchs in seine Backen, und alles Winden und Flehen brachte nichts.

    „Jetzt schaut mich nicht so an! Ihr habt es herausgefordert. Ihr hättet einfach Euer Maul halten sollen.“

    „Hmmgrf.“

    „Ich versichere Euch, ich habe das Taschentuch seit der letzten Wäsche nicht mehr benutzt. Oder doch? Schwierig zu sagen, ist schon eine Weile her.“

    „Mmmmh!“

    „Unglaublich, Ihr bringt kein Wort heraus und geht mir trotzdem auf den Sack!“ Müde fuhr sich Hamil über die Augen. „Wir versuchen mal etwas. In zwei Stunden halten wir für eine kurze Rast an; wenn Ihr mir bis dahin nicht auf den Geist geht, werdet Ihr nicht mehr geknebelt. Vorerst. Habt Ihr mich verstanden?“

    Mit vollen Backen nickte der Silberfuchs, widerwillig und mit zornfunkelnden Augen. Da habe ich es wohl etwas zu weit getrieben.

    Zwei sehr schweigsame Stunden vergingen, Zeit, die der Silberfuchs nutzte, um sich umzusehen. Purpurner Samt überzog die Sitzbänke der stabilen Kutsche, seinem mobilen Gefängnis. Die Vorhänge vor den schmalen Fenstern waren zugezogen, bis auf das eine neben Hamil, durch das Licht ins Innere fiel. Olivenhaine und Obstplantagen säumten ihren Weg, beide noch in voller Blüte. Flach lag das Land vor ihm, kaum ein Baum hinderte seinen Blick in die Ferne.

    Buschwerk, wenig Wälder, kaum Erhebungen. Dann sind wir nicht nach Nordosten in die Berge, sondern nach Südwesten. Hier lagen die ländlichen Teile Amuzzas, der Provinz, deren Hauptstadt Suimin war. Was wollen sie hier nur von mir?

    Gegen Mittag hielt die Kutsche wie versprochen an. Mit einer knappen Geste, auch ja sitzenzubleiben, verließ Hamil ihr Gefährt, um kurz darauf wieder zurückzukehren.

    „Da habt Ihr aber ein Glück, Cassus hat ein ruhiges Fleckchen gefunden. Das bedeutet, dass Ihr Euch kurz die Beine vertreten dürft.“ Schon fast feierlich zog Hamil ihm das Taschentuch aus dem Mund.

    „W-Wasser!“, würgte der Silberfuchs krächzend hervor. „Und dann müsste ich mal ganz dringend!“

    „Auch das noch … nun ja, irgendwann musste das ja kommen. Haltet still und macht keine Dummheiten, klar?“ Überraschend geschickt band Hamil ein Seil um die Hüften des Silberfuchses, bevor er ihm die Fesseln um Hände und Füße löste. Zunächst hatte der Silberfuchs tatsächlich vorgehabt, etwas Dummes zu versuchen, doch nachdem er das erste Mal wieder auf eigenen Füßen stand, verpuffte dieser Gedanke sofort.

    „Reißt Euch zusammen! Ihr stolpert durch die Gegend, als hättet Ihr Jahre in einem Keller verbracht.“ Trotz der harschen Worte half Hamil ihm aus der Kutsche und reichte ihm wenige Momente später einen Wasserschlauch. „Trinkt, aber langsam!“

    „Habt Dank. Jetzt wird es nur langsam wirklich dringend!“ Flehend blickte der Silberfuchs seinen Wächter an, der sich seufzend das andere Ende des Seils um das Handgelenk band.

    „Worauf wartet Ihr denn? Soll ich dem ehrenwerten Herrn Silberfuchs noch eine Pissrinne ausheben?“

    „Nicht nötig, heute reicht mir zur Ausnahme mal ein ordinärer Baum!“

    „Ich bereue es jetzt schon, Euch den Knebel herausgenommen zu haben. Setzt Ihr auch nur einen Fuß irgendwie komisch, reiße ich an diesem Seil, dass Ihr mit dem Gesicht voran in Eurer Pfütze landet!“

    Die Augen verdrehend ging der Silberfuchs ein paar Schritte, langsam, damit der übernervöse Handlanger keinen Grund hatte, seine Drohung wahrzumachen. „Wenn Ihr mir so misstraut, könnt Ihr mir gerne die Hände wieder verbinden, wenn Ihr ihn dafür für mich festhaltet.“

    „Ich hätte Angst, ihn zu zerquetschen! Das arme Würmchen ...“

    „Tz, spottet Ihr nur.“ Breitbeinig stellte er sich vor einen Busch, den Rücken Hamil zugedreht.

    „Na wird‘s bald?“, fragte der Handlanger ungeduldig, demonstrativ am Seil zupfend.

    „Ich kann nicht, wenn einer zuschaut! Kleiner Scherz, kleiner Scherz.“ Grinsend kehrte der Dieb zu seinem Häscher zurück, die Hände hinter dem Kopf gefaltet. „Ich bin am Verhungern! Ich hoffe, Euer Herr hat nicht mit der Verpflegung geknausert!“

    Mit keckerndem Lachen stieg ein Mann von Kutschbock, den der Silberfuchs bisher nicht zu sehen bekommen hatte; zweifellos musste es sich um Cassus halten, den Kutscher. „Der Kerl ist nervig wie die Krätze, aber aufs Maul gefallen ist er nicht! Ich glaube, wir werden noch unseren Spaß mit dem haben!“ Lächelnd entblößte Cassus eine Reihe schiefer Zähne, doch das Lächeln erreichte auch die Augen und die von einem grauen Dreitagebart bedeckten Wangen. Egal, wer diese Menschen waren: Es waren keine geübten Entführer, keine kalten, zu allem bereite Mörder.

    „Das mit dem Auf‘s Maul Fallen lässt sich schon noch erledigen.“ Ohne jede Vorwarnung riss Hamil an dem Seil, und der Silberfuchs stolperte nach vorne.

    „Hey! Was sollte das?“

    „Och, jetzt habt Euch nicht so, sonst seid Ihr doch auch für jeden Spaß zu haben!“ Mitleid heuchelnd winkte Hamil ihn zu sich. „Setzen. Ich verbinde Euch wieder die Füße, dann bekommt Ihr etwas zu essen.“

    Böse funkelnd ließ sich der Silberfuchs auf dem bloßen Boden nieder. Fürs erste würde er sich alles gefallen lassen müssen und mitspielen. Er wusste nicht genau wo er war, hatte keinen Proviant bei sich und einen zugegebenermaßen körperlich überlegenen Wächter, jeder Fluchtversuch war zum Scheitern verurteilt. Aber er wusste schon, wann er es versuchen würde.

    Wann er entkommen würde.

    Schwärze. Schwärze empfing den Silberfuchs, als er die Augen aufschlug. Benommen stöhnte er, blickte verwirrt umher, denn es dauerte einen Moment, bis ihn sein Gedächtnis eingeholt hatte.

    Oh scheiße. In Fetzen kehrten seine Erinnerungen an die vergangene Nacht zurück, und mit ihr ein nagendes, beißendes Gefühl: Angst.

    Beruhig dich! Tief atmete er ein und aus, presste die Augen zusammen, versuchte, seine Kopfschmerzen für einen Moment zu verbannen. Er durfte jetzt nicht in Panik geraten; egal, was geschehen war, wollte er eine Chance haben mit heiler Haut davonzukommen, musste er überlegt handeln.

    Meine Hände sind verbunden. Vorsichtig zog der Silberfuchs an seinen Fesseln, öffnete und schloss seine tauben Hände. Und das leider fachmännisch. So bald würde er sich also nicht befreien können. Nun gut. Durch die Maschen des Stoffs, den sein Häscher ihm über den Kopf gezogen hatte, konnte er die Sonne leuchten sehen, und so auch vage Umrisse seiner Umgebung. Sachte schwenkte der den Kopf, versuchte so, ein wenig mehr zu erkennen.

    Keine Chance. Mit aufkeimender Verzweiflung biss der Silberfuchs die Zähne zusammen. Dann muss ich mich wohl auf die Sinne verlassen, die mir verblieben sind.

    Ruhig horchte er, sog Luft durch seine Nase. Das Rattern von Rädern, Schaukeln, das sprach beides dafür, dass er sich in einer Kutsche befand. Ebenso hörte er keine Möwen, roch nicht die salzige Meerespriese. Er musste schon ein gutes Stück von Suimin entfernt sein, ebenso von der Küste, also befanden sie sich auf dem Weg in das Landesinnere.

    Ist mir Anor von Anloch auf die Schliche gekommen? Wenn ja, wie? Sein Plan war schließlich ausgereift gewesen, geradezu gewitzt. Sollte diese Befürchtung stimmen, dann hatte er ein ernstes Problem. Doch wieso lässt er mich dann entführen und so weit wegbringen? Schließlich würde es reichen, ihn der Politia zu übergeben, oder, etwas profaner: ihm einfach ein Messer über die Kehle zu ziehen.

    „Ihr könnt aufhören.“ Vor Schreck zuckte der Silberfuchs zusammen, rollte sich zur Seite. „Ihr seid wach, und falls Ihr glaubt, Ihr hättet Euch unauffällig verhalten: Das habt Ihr nicht.“

    „Wer seid Ihr und was wollt Ihr von mir?“ Bemüht um eine gefasste Stimme sah der Silberfuchs in die Richtung, in der er den Sprecher vermutete. Lange brauchte er nicht mehr zu rätseln: Mit einem fast schon aggressiven Zug wurde ihm der Sack vom Kopf gerissen, und seine lichtgeplagten Augen blinzelten in die plötzliche Helligkeit. Schließlich erkannte er, wen er von sich hatte, auch wenn er das Gesicht nur einmal kurz erblickt hatte: den Mann, der ihn am Vorabend entführt hatte.

    „Hamil Basi, um Eure erste Frage zu beantworten. Was ich von Euch will? Ganz einfach: dass Ihr dort liegen bleibt, wo Ihr gerade seid, nicht mehr und nicht weniger.“

    „Silberfuchs, nett, dass Ihr fragt“, antwortete er giftig. „Ihr könntet …“ Abrupt verstummte der Silberfuchs, als er in das verwirrte Gesicht seines Gegenübers blickte, der schließlich nach kurzem Augenblinzeln in schallendes Gelächter ausbrach.

    „Was? Wie nennt Ihr Euch?“ Wieder lachte Hamil, als habe er den besten Witz der Welt gehört. „Silberfuchs? Was hat Euch denn da geritten?“

    „Hättet Ihr mich nicht von dem abgehalten, was ich in dieser Nacht getan habe, würdet Ihr bald nicht mehr so lachen, das schwöre ich Euch!“ Irgendetwas an dem Verhalten des Hünen verriet ihm, dass seinem Leben keine unmittelbare Gefahr drohte, und das beruhigte ihn – und machte gleichzeitig Platz für Zorn. „Wo bringt Ihr mich hin?“

    „Das geht Euch erst mal noch nichts an, … Silberfuchs. Es ist vorerst gut, wenn Ihr nicht allzu viel wisst.“

    „Ich habe Freunde, man wird nach mir suchen. Die haben Geld!“ Eindringlich blickte der Silberfuchs seinem Häscher in die Augen. „Ihr könnt es Euch aussuchen, ob Ihr mich gegen ein schönes Lösegeld austauscht oder ob Ihr lieber mit Eurem Leben für das bezahlt, was Ihr getan habt!“

    „Och.“ Langsam ging Hamil Basi in die Knie, und mit einem flauen Gefühl im Magen bekam der Silberfuchs wieder ein Gespür dafür, wie groß und breitschultrig sein Gegenüber eigentlich war. „Ihr droht mir? Ihr wollt mich bestechen? Da habt Ihr nur ein Problem. Ich weiß ganz genau, wer Ihr seid, und was Ihr seid.“

    „Ist – ist das so?“

    „Ja, mein Füchschen. Ihr seid ein Dieb, und ein unheimlich schlechter noch dazu, und Ihr solltet Euch glücklich schätzen, so ein hübsch verpacktes Päckchen in meiner Obhut zu sein. Wisst Ihr, was man mit Euresgleichen unter dem Gesetz des Königs macht? Man schlägt ihnen die Hände ab, schlitzt ihnen die Ohren! Was wollt gerade Ihr mich mit Geld locken? Bevor Ihr oder einer Eurer Freunde welches habt, müsst Ihr es erst einem Rechtschaffenen aus der Tasche stehlen!“

    „Ich bin kein ordinärer Beutelschneider!“ In seiner Entrüstung schrie der Silberfuchs diese Worte fast. „Ich stehle nicht von einfachen Leuten und um des Geldes Willen! Ich gehöre zu einem kleinen Kreis ausgesuchter Menschen, die nur an einem Interesse haben: Das Wohlbehütete, das Unstehlbare zu stehlen! Uns reizt das Hindernis mehr als der Glanz von Gold, das interessante Ziel mehr als sein Gegenwert. Wir schlagen uns nicht für ein paar Münzen in der Gosse durch! Ich bin“, und hier stockte er kurz, „ich bin ein Meisterdieb!“

    Hamil schien eine kurze Weile nachzudenken, und wieder schlich sich Belustigung in seine Miene. Seine Antwort fiel dennoch eisig aus.

    „Ich kann den Unterschied nicht sehen! Ihr nehmt, was Euch nicht gehört, und womit Ihr das entschuldigt und wie ihr das nennt, ist mir gleich. Hört auf hier einen solchen Lärm zu machen, macht mir keinen Ärger und wartet ab, was auf Euch zukommt, sonst lasse ich mich vielleicht vom Gesetz inspirieren. Verstanden?“

    Einige Sekunden starrte er Hamil nur in die Augen, doch dann nickte er. Zufrieden grunzte der Hüne und ließ seine Rückenwirbel knacken, als er sich wieder aufrichtete. „Na dann, Herr Silberfuchs, wünsche ich Euch eine angenehme Reise.“

    Ein sehr epischer Einstieg, sehr athmosphärisch. Ich finde das persönlich nicht schlecht, dass der Text etwas anspruchsvoller zu lesen ist, das macht die Athmosphäre auch mit aus, und gerade historische Erzählungen sind ja auch eine ähnliche Schiene gefahren. Ich erwarte jetzt auch nicht, dass die ganze Geschichte stilistisch so fortgesetzt wird, deshalb finde ich den Einstieg so gut getroffen. Der Prolog ist sehr knapp, aber auch das finde ich passend; du gibst einen schnellen Umriss der mythischen Historie, und da finde ich es besser, das knapp zu halten und nicht langzuziehen. Die Details kannst/wirst du Stück für Stück mit der Geschichte preisgeben.

    Dann wollen wir mal sehen, wo du diese Geschichte hinführst!

    Servus, danke ihr beiden, dass ihr dabei seid.

    Ich denke mal, dass sich die Geschichte im großen und Ganzen um diesen letzten Mord und das Opfer drehen wird. Aber das sind nur Spekulationen, nach einem Part

    Tut es auf jeden Fall ;) ich hoffe trotzdem, dass es nicht vorhersehbar wird.

    Damit kommst du wieder in den Genuss meiner völlig sinnfreien Kommentare. Ist das nicht großartig?!

    Da freu ich mich aber absolut, sinnfrei waren die nämlich nie!


    Suimin – die Stadt, die nie schläft. Längst war in Vergessenheit geraten, wer ihr einst diesen Beinamen gegeben hatte, so lange trug sie ihn schon, und machte ihm auch alle Ehre. Im ganzen Land kannte man den Leuchtturm des Küstenjuwels, und zu jeder Stunde, bei Wind, Wetter und Sturm lotste er Kähne in den Hafen, jener Ort der Stadt, der ihrem Ruf am weitreichendsten gerecht wurde. Seit Menschengedenken verging nicht eine Nacht, in der dort nicht Fracht verladen, Matrosen angeworben und Geschäfte geschlossen wurden.

    Doch gerade die Art der Geschäfte war es, die Suimin überall auf der Welt bekannt gemacht hatten, denn hier wucherte ein Geschwür, so tiefliegend und verborgen und gleichzeitig für jeden offenbar. Die wahren Herren dieser Stadt lebten und residierten im Untergrund, und ihr Reich gedieh wie eine sorgsam beschnittene Rose. Alt und traditionsreich herrschte hier das Verbrechen; wer jemanden tot sehen wollte, der suchte hier nach einer roten Hand, Piraten und Räuber fanden hier ihre Hehler, Betrüger und Menschenhändler ihre Opfer. Wäre Suimin nicht von derartiger Bedeutung, so sagt man, wäre es bereits von Innen heraus verfault, erstickt in Angst und Blut. Doch das Geschmeiß der Gassen kannte seine Grenzen, und wer wusste, wen es zu schmieren und bestechen galt, der lebte hier ein sicheres, wohlhabendes Leben.

    Doch wie alles auf der Welt war auch der Untergrund, dieses festgefahrene, alte Gewerbe dem Wandel unterworfen. Ein sehr alter Zweig dieses traditionsreichen Baumes hatte neue Blüten getrieben – und eine davon ging gemächlich durch die Schatten der Gassen, in einen weiten, dunklen Mantel gekleidet. Niemand schenkte dieser sonderbaren Gestalt Beachtung, denn viele sahen ihn nicht, und die, die ihn sahen wussten ihren Blick abzuwenden. Wer in Suimin lebte wusste, dass man sich besser nicht in das Tagewerk anderer einmischte, wenn man selbst nicht der Leidtragende war.

    Kurz nach Mitternacht verließ jene Gestalt die ärmeren Viertel Suimins, hin zu den Wohnvierteln der Händler und des Adels. Hier musste er vorsichtiger sein. Zwar waren die Straßen weit nicht so unruhig wie im Hafenviertel, und doch begegnete einem hier häufig das zahlreiche Gefolge mancher hoher Herren, trunken und berauscht von oftmals nicht legalen Substanzen. Auf jeden Fall fiel er hier auf, wenn ihn denn jemand bemerken sollte – und so vermied er es einfach, entdeckt zu werden. Schon lange im Voraus hatte er sich auf diesen Tag vorbereitet, und so kannte er sichere Pfade, kleine Umwege durch Gassen, Gärten, gar ein Häuserdach, und so brauchte es nur ein wenig Aufmerksamkeit und Geduld, bis er schlussendlich an seinem Ziel angekommen war.

    Still lag das fürstliche Anwesen Anor von Anlochs vor ihm, die Nebenresidenz des alternden Aristokraten. Ein hoher, schmiedeeiserner Zaun umfasste das Grundstück, schützte den prachtvollen Ziergarten unter den Zwetschgenbäumen und das Haupthaus selbst. Mit einer gewissen Bewunderung ließ er seinen Blick über das prachtvolle Gebäude wandern. Erker und sogar ein Turm an der Westseite des Anwesens ließen es wie ein Miniaturschloss aus einem Märchen wirken, bunte Butzenglasfenster fingen das Mondlicht ein. Er hatte schon immer etwas für den Prunk und die Protzerei des Adels übrig gehabt, und eventuell würde der Tag kommen, an dem er selbst sich Herr über eine solche Residenz nennen konnte. Bis dahin war jedoch noch einiges zu erledigen.

    Entschlossen zog er einen Bogen Papier aus den zahlreichen Taschen seines Mantels, zog ihn glatt und musterte die Zeichnung darauf im fahlen Licht der Sterne. Es hatte ihn nicht viel gekostet, an einen Grundriss des Gebäudes zu kommen. Ein kürzlich wegen seiner Opiumsucht entlassener Bediensteter des Fürsten von Anlochs hatte ihn aus dem Kopf aufgezeichnet, für nicht mehr als ein paar Krümel der Substanz, nach der er sich so sehr verzehrte. Von ihm wusste er auch von dem Balkon auf dem Dach, versteckt und von unten nicht sichtbar. Der Fürst hatte sich vor wenigen Tagen auf den Weg zu seinen Ländereien gemacht; hier in Suimin hatte er nur seine Sommerresidenz, und die leidigen Pflichten hatten ihn in den Norden gerufen. Wahrscheinlich hatte er deshalb nicht allzu viele Angestellte in diesem Anwesen verbleiben lassen, vielleicht vier Bedienstete und zwei Wachen, allesamt kaum argwöhnisch und froh, ihren Herren für ein paar Wochen nicht sehen zu müssen. Es würde ein leichtes sein, die Wand des Gebäudes zu besteigen und vom Dach auf den Balkon zu springen. Dort würde er noch das Schloss der Tür knacken müssen, dann war sein Weg frei.

    Und die Götzenstehle des Damuteph wäre sein. Spöttisch lächelte er in sich hinein. Lange hatte Anloch geheim halten können, dass sich jenes alte Artefakt in seinem Besitz befand, doch wie jedem Menschen mit Besitz fiel dem Fürsten das Schweigen schwer. Einen Freund Anlochs hatte schließlich der Neid gepackt, und so war ihm der Auftrag in die Hände gefallen, die Stehle zu entwenden.

    Ihm, dem Silberfuchs. Er war noch nicht lange in dem Gewerbe, dem er momentan nachging, doch er hatte fest vor, sich einen Namen unter seinesgleichen zu machen. Nicht nur seinesgleichen, ganz Suimin sollte sein Alias auf den Lippen tragen, die Reichen und Mächtigen sollten zittern vor ihm. Geld und Ruhm würden fast von alleine kommen, wenn er nur diesen einen Auftrag sauber ausführen würde. Ja, der Silberfuchs war sich sicher: Heute war die Nacht, die sein Leben verändern würde.

    Doch genug von eitler Träumerei. Nun juckte es ihn umso mehr, endlich mit seinem Beutezug anzufangen. Fest umgriff er die eisernen Stäbe des Zaunes, stemmte seinen Fuß dagegen.

    Noch bevor er sich emporhieven konnte spürte er, wie sich ein Arm um seine Brust schlang. Noch bevor der Silberfuchs aufschreien konnte verdunkelte sich die Welt, legte sich Stoff erstickend um seinen Mund.

    Man hat mir einen Sack übergestülpt. Nur einen Lidschlag nach dieser Erkenntnis warf er sich nach hinten, legte die ganze Kraft seiner Beine in den Sprung. Hart schlug er mit seinem Gegner auf dem Boden auf, doch der Fremde hielt ihn noch immer umklammert.

    „Lasst mich los!“ Sich in der Umarmung seines Gegners windend schlug der Silberfuchs mit seinen Ellenbogen aus, traf Luft, traf die Brust seines keuchenden Häschers. Aufschreiend stemmte er sich vom Boden ab, riss sich aus der Umklammerung, fiel stolpernd gegen den Gartenzaun. Zitternd richtete der Silberfuchs sich auf, riss den Sack von seinem Gesicht.

    Und konnte nur noch mitansehen, wie sich ein Koloss von einem Mann auf ihn warf, den von einem schmalen Bart umrahmten Mund vor Zorn verzogen. Hart knallte der Silberfuchs auf das steinerne Pflaster, spürte noch kurz einen stechenden Schmerz.

    Doch dann packte ihn die Dunkelheit, zerrte ihn in das Reich der Träume.

    Faradim Alle Achtung, deine Karte ist wirklich schön gestaltet. Das ist natürlich mega praktisch, wenn man die notwendigen Skills hat.


    Nun zur Geschichte:


    Vor einigen Tagen hatten Vertreter der drei angrenzenden Stämme ein Handelsabkommen unterzeichnet und die Feierlichkeiten würden noch einige Zeit dauern.

    Ich finde, der Inhalt dieses Satzes hätte mehr Potential. Hier wird der Leser sehr daran erinnert, dass er liest, es ist recht unverpackte Information. Du möchtest schnell und recht knapp den Leser wissen lassen, warum die Feierlichkeiten vonstatten gehen, und das ist auch nachvollziehbar. Das muss er aber gar nicht so schnell wissen. Das gibt dir die Chance, mit der Neugier des Lesers zu arbeiten. Du könntest ihn im ersten Moment noch im Unwissenden lassen und ihn durch deinen Charakter erfahren lassen, was denn genau der Grund für die Feierlichkeiten ist, durch Gespräche, Beobachtungen. Das macht diese Information und auch das Geschehen sehr viel lebendiger.


    Die Decke hing tief und Nethariel musste darauf achten, dass er nicht gegen die Deckenbalken lief. Der fensterlose Raum maß grob 20 Fuß in der Länge und 16 Fuß in der Breite. In der einen Ecke, brannte in einem Kamin ein kleines Feuer, welches etwas Licht spendete. An den Wänden standen einige Tische mit Sitzgelegenheiten und ansonsten mussten die Leute an weiteren Tischen stehen.

    Das finde ich ein gutes Prinzip, du steckst kurz und knapp die Szenerie ab und gibst dem Leser einen Vorstellungsrahmen, ohne dabei unnötig ausschweifend zu werden.


    Nethariel erblickte in der Ecke gegenüber dem Kamin einen freien Tisch, welcher ihm erlaubte den ganzen Raum zu überblicken, sowie die Tür zu sehen.

    Das widerum ist ähnlich wie der erste Punkt. Es wäre hier schöner, dem Leser eine wirkliche Vorstellung davon zu geben, dass Nethariel von dieser Stelle aus eine gute Sicht auf den Raum hat, als es direkt so zu schreiben.



    Soviel zum Handwerklichen. Dann wollen wir mal sehen, wie es weitergeht!

    Nach langer (und durchaus unfreiwilliger) Inaktivität möchte ich mich endlich wieder am Forengeschehen beteiligen. Gleichzeitig beginne ich hier meine neue Geschichte - und das ganz bewusst sehr ziellos. Ich habe viel zu lange mit Absichten geschrieben, überlegt, was sich vielleicht an einen Verleger oder Agenten vermitteln lässt. Und dabei habe ich etwas ganz vergessen: dass ich hauptsächlich schreibe, weil ich Bock darauf habe und nicht, um in irgendeiner Form Erfolg zu haben.

    Deshalb beginne ich mit einer Geschichte, der ich persönlich wenig Chancen bei einem Verlag gegeben hätte. Ich glaube trotzdem, dass sich hieraus etwas entwickeln kann, und vielleicht bekomme ich ja ein paar von euch an den Haken:


    Der Tod betrat das Dörfchen in den Stunden vor dem Morgen, den kältesten der Sommernacht. Nebel hielt die Häuser eng umschlungen, die Bäume am Wegesrand, lag wie ein kühler Hauch über den Feldern. Dort am Rande des Waldes, an den Füßen einer kleinen Quelle legte er die Stirn an den Hals seines Pferdes, strich ihm zwei Mal durch die Mähne. Dann gürtete er sich die Messer um, legte den Dolch an die Hüfte und das fast sicherlförmig gebogene Kurzschwert um die Brust, so, dass er es einfach ziehen konnte.

    Ohne jede Eile trat er zwischen den Bäumen hervor, und das Licht des Mondes offenbarte sein wahres Gesicht; das einer jungen Frau, das braune Haar zu einem engen Zopf geknotet, den Körper in einen dunklen, ledernen Harnisch gekleidet. Fast geräuschlos folgte sie den Wegen zwischen den Feldern, ließ die reifen Spitzen der Gräser durch ihre Finger laufen. Es war nicht einfach gewesen diesen Ort hier zu finden, so weitab vom Weltgeschehen, von den großen Städten des Reiches befand es sich. Ausgestorben saß das Dorf in einem weiten Tal wie eine Zecke auf nackter Haut. Irgendetwas an den einfachen Hütten weckte Erinnerungen in ihr, alte Erinnerungen, unangenehme Erinnerungen. Ein Schauder fuhr ihren Rücken hinab, doch dann waren sie hinfort, mit dem kühlen Morgenwind fortgeweht.

    „Das Haus unter der Linde mit dem Eberkopf über dem Türsturz.“ Leise flüsterte sie, was ihre Nachsuchungen ergeben hatten; es hatte lange gedauert, seine Spur aufzunehmen und ihre eigenen zu verwischen. Ihre Anweisungen waren eindeutig, und doch musste sie sicherstellen, dass sie selbst ein Schatten blieb, eine Unbekannte.

    Sie fand das Haus am Ende des Dorfes, am Ufer eines kleinen Bachs. Unter dem stolzen Haupt der Dorflinde lag es, höher als die meisten Gebäude in diesem Hinterland, und doch muss es schon lange existiert haben, bevor sein jetziger Bewohner es in Besitz genommen hatte. Knarzend öffnete sich die Türe, offenbarte den einfachen, gestampften Lehmboden im Inneren. Keine Schlösser, nicht einmal ein Riegel versperrten ihr den Weg. Er musste sich sicher fühlen, geglaubt haben, dass ihn hier niemand aufspüren würde.

    Reglose Umrisse lagen in der Nähe des Herdfeuers, in der Wärme, die die verbliebene Glut abstahlte. Lautlos trat sie näher, an der Tafel im Zimmerinneren vorbei, und beugte sich über die Gesichter der Schlafenden, zwei Kinder und einen Mann.

    Das ist er nicht, dachte sie, er ist zu jung. Wahrscheinlich nur ein Knecht und sein Nachwuchs. Genau so leise wie zuvor zog sie sich zurück, sah sich um. Der Herr des Hauses schlief nicht bei den Bediensteten, er musste sein eigenes Zimmer haben.

    Eine Treppe führte hinauf in das obere Stockwerk des Gebäudes, und sachte setzte sie einen Fuß vor den anderen. Nicht ein Knarzen verriet sie, nicht ein Schaben ihrer weichen Schuhe.

    Er schlief in einem großen Bett, zugedeckt mit Ziegenfellen, weich und warm. Doch selig schlief er nicht; sie hatte kaum den Raum betreten, als er die Augen aufschlug. Es dauerte eine Weile, bis er sie im Zwielicht erkannte. Gehört hatte er sie sicher nicht, doch sie wusste, dass es Menschen gab, die allein die Anwesenheit anderer spüren konnten, gejagte, getriebene. Menschen, die wussten, dass nach ihnen gesucht wurde.

    „Was …“ Es dauerte keine Sekunde nachdem er sie bemerkt hatte, da stand er bereits neben seinem Bett, riss einen Eberspieß aus der Halterung an der Wand. „Wer seid Ihr?“

    „Seid Ihr Lex Ostra?“ Nicht einen Zentimeter rührte sie sich, doch ihre Augen folgten beharrlich der metallenen Spitze des Spießes.

    „Wer hat Euch geschickt? Wie habt Ihr mich gefunden?“ Brüllend gellten die Rufe des Mannes durch die Nacht, weckten wahrscheinlich die Schlafenden. Sie würde nicht viel Zeit haben, bis das ganze Dorf auf den Beinen war. Sie musste sich beeilen.

    „Seid Ihr Lex Ostra?“, wiederholte sie ihre Frage, und ihre Füße begannen wie von selbst ihren Tanz. Langsam und in einem vorsichtigen Kreis begann sie ihr Opfer zu umrunden, neigte ihren Körper leicht zur Seite, bereit, auf jeden Angriff zu reagieren.

    „Die Antwort kennt Ihr bereits.“ Brüllend warf sich Lex Ostra auf sie, holte mit dem Spieß aus, stieß zu. Mühelos drehte sie sich, nur um wenige Zentimeter, und der Schaft des Spießes glitt wirkungslos an ihrem ledernen Harnisch vorbei. Wieder stach Ostra zu, doch schneller als seine Augen folgen konnten hatte sie ihren Dolch gezogen und stieß die Spitze zur Seite.

    Indes wurde Lex immer panischer. Eine folge schneller, aber schwacher Stöße gingen wirkungslos ins Leere, bis sie ihren Dolch an dem Spieß entlanggleiten ließ. Kaum hörbar fielen zwei seiner Finger auf die hölzernen Bodendielen, gefolgt von der Waffe des Hausherren.

    Schmerzerfüllt wimmernd hielt Lex die Stümpfe seiner verstümmelten Finger umklammert, aus denen im Takt seines rasenden Herzschlages Blut schoss.

    „Ihr wisst nicht, was ihr da tut!“ Ein um Erbarmen bittender Blick traf ihre Augen, suchte nach Mitleid. „Ihr wisst nicht, für wen ihr da arbeitet! Ihr wisst nicht, was Ihr anrichtet!“ Langsam kam sie ihrem Opfer näher, und Ostra schob sich verzweifelt weiter, eine Spur aus Blut hinter sich herziehend. „Ihr zerstört unsere letzte Hoffnung!“

    „Das stimmt.“ Grob vergrub sie eine Hand in dem halblangen Haar des schreienden Mannes, zog ihn näher ans Fenster, näher in das Licht des Mondes. Flink ließ sie den Dolch in seine Schneide gleiten, zog in einer flüssigen Bewegung das kurze Krummschwert. „Ich weiß nicht, für wen ich arbeite.“

    In jenem Moment schlug die Tür des Schlafzimmers gegen die Wand, mit solcher Hast wurde sie aufgestoßen. Kurz ließ sie sich von den entsetzen Blicken des Knechtes und seiner Kinder ablenken, doch dann hatte sie sich wieder gefasst.

    Der erste hieb durchtrennte die Halsschlagader Ostras, und mit einem unglücksseligen Gurgeln füllten sich seine Lungen mit Blut. Verzweifelt versuchte er zu Husten, ließ mit jedem Beben seiner Brust einen roten Sprühnebel niedergehen. Drei weitere Hiebe folgten, bis sie Lex Ostras Kopf lose in ihrer Hand hielt, ihre Finger in seinem Haar verkrallt. Mit einem Tritt ließ sie seinen knienden Körper vornüberfallen, auf dem Boden zuckend wie die Puppe eines dementen Marionettenspielers.

    Schreie, das Poltern hastiger Schritte, verzweifeltes Schluchzen. Entsetzt flohen die Menschen vor dem Tod, wie immer, wenn sie ihr Werk vor den Augen der Unbefleckten vollbrachte. Ohne jede Eile rieb sie ihr Kurzschwert mit dem Bettzeug des Toten trocken, steckte es zurück in seine Scheide. Dann stemmte sie sich an dem geöffneten Fenster empor, schob vorsichtig ihre Beine durch die Öffnung – und sprang. Geschickt fing sie die Wucht ihres Aufpralls auf, den Schopf des Toten noch immer umklammert. Und dann ging sie los, ging, als wäre nichts gewesen, als schöpfe sie nur am Brunnen das Wasser für den Morgen. Frauen, Männer und Kinder traten aus ihren Häusern, betrachteten mit Entsetzen die blutverschmierte Fremde mit dem Kopf in ihren Händen, doch keiner tat etwas, niemand hielt sie auf. Das taten sie nie, und vielleicht war es auch besser so.

    Der Morgen zeigte sein erstes schüchternes Rosa, als sie wieder an die Quelle am Waldesrand trat. Gründlich schrubbte sie ihre Hände, ihre Arme ab; ihr Harnisch hatte wenig von der Blutfontäne ihres Opfers abbekommen. Oft genug hatte sie diese Form der Hinrichtung ausgeübt, um nicht mehr bis zum Hals mit Blut befleckt zu sein. Es dauerte nicht lang, bis niemand ihr mehr ihre Tat ansehen konnte, und doch blieb da dieser Geruch, diese metallische Note, die erst mit der Zeit verblasste.

    Zur Begrüßung strich sie ihrem Pferd um den Hals; kurz hob das Tier den Kopf, sah sie an, doch schon wenige Sekunden später war das Gras zu seinen Füßen wieder so viel interessanter. Doch ihr war das einerlei; ihr Auftrag war noch nicht beendet. Mit einem fast stummen Ächzen hob sie den Deckel des Fasses an, das an der Seite ihres Reittieres baumelte. Ohne jedes Zögern griff sie hinein, zog einen der drei Köpfe darin empor, ließ die Pökellacke zurück in das Behältnis tropfen. Prüfend rieb sie ihren Finger an dem rot verfärbten Fleisch am Halsansatz des Toten.

    „Keine Verwesung. Kein Gestank. Gut“, sprach sie zu sich selbst, bevor sie den Kopf zurück in sein hölzernes Grab versenkte. Dann hob sie Lex‘ Überreste empor, zog die Zeichnung aus ihrem Gürtel, die man ihr schon vor Wochen hatte zukommen lassen. Älter war er geworden, die Falten um seinen Mund hatten sich tiefer gegraben, das Haar um die Schläfen hatte sich zurückgezogen, doch ohne jeden Zweifel hatte sie den Mann von ihrer Zeichnung vor sich. Mit einem letzten Blick in die qualvoll verzogenen Gesichtszüge Lex Ostras ließ sie sein Haupt zu dem seiner Leidgenossen herab, streute Pökelsalz aus einem Säckchen darüber.

    Unbewegt richtete sich der Tod auf, ließ den kühlen Morgenwind um seinen Nacken spielen. Dann schwang er sich auf sein Pferd.

    Denn ein Opfer wartete noch auf ihn.

    Symphonie der Stille




    „Traurig, heiter, drohend. Schnell und langsam, tragend und fallend. Wer einmal den Klängen einer Violine gelauscht hat weiß, welche Magie in der Musik steckt, welche Wunder sich hinter dünnen Wänden aus lackiertem Holz verstecken können, freigesetzt und in Bewegung gebracht allein durch die sachte Bewegung des Bogens, durch ein Schwingen der Saiten"


    Ein Tauber und ein Lied, das Welten in den Abgrund treibt: Symphonie der Stille ist ein faszinierender Fantasyroman, der dich so bald nicht mehr loslassen wird.

    Der taube Junge Luctu erlebt seine Welt im Niedergang, denn Cudu, der Urzeitmolch und Anker der Realität ist in tiefen Schlaf versunken. Mit jedem Vollmond vergrößert sich die Traumzone, ein Gebiet um die Höhle des Molches, in dem alles bestehende Leben zu sterben beginnt – und neuen Kreaturen Platz macht. In einer Zeit, in der die bewohnbare Welt auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft ist, folgt Luctu einem trügerischen Versprechen und der Hoffnung auf ein Ende der Traumzone.

    Doch nicht nur Luctu sucht einen Weg, Cudu aus seinem langewährenden Schlaf zu wecken; Mächte sind am Werk, für die der Junge nur eine Figur im Schachspiel des Schicksals ist, und auch der Wahnsinn der Zone ist sein immerwährender Begleiter.


    Symphonie der Stille ist ein Roman über die Schönheit, über die Macht der Musik – betrachtet durch die Augen eines Tauben. Durch einen bildhaften und greifbaren Erzählstil mit melancholischen Zügen taucht der Leser in eine lebendige, traumhafte Welt ein. Ein Muss für jeden Leser anspruchsvoller, ungewöhnlicher Fantasy.


    Das Romandebüt des deutschen Autoren Manuel Hirner ist auf Bestellung in jedem Bücherladen erhältlich, ebenso auf Amazon, Thalia und co.



    Bisher erschienene Rezensionen:



    Whatcha Readin - Renie


    Libramorum


    Buchwurm - Birgit Lutz


    Sandras Bücheroase


    Diverse Kritiken auf Goodreads



    Erhältlich bei:


    Amazon


    Thalia


    uvm.

    Es gibt z.B. Psychopathen auf die das ohne weiteres zutrifft - die koennen natuerlich ohne Empathie toeten (und tun das oft auch). Bei manchen ist die Hemmschwelle einfach niedriger. Es gibt Menschen die Grausamkeit im speziellen erregt...

    Und damit back to topic.
    Ich finde durchaus auch, dass viele Figuren in der Fantasy zu gefühlskalt töten, insbesondere, wenn es um den ersten Mord geht. Aber: Wir schreiben doch noch immer genau über diese Spezialfälle, über diese Sonderlinge, über den Eintritt des absolut unwahrscheinlichen. Deshalb kaufe ich es unter den richtigen Umständen einem Antagonisten gerade ab, dass er gefühlskalt tötet, weil er ein Sonderfall, weil er ein Psychopath oder sonstwie völlig enthemmt ist. Das muss eben nur im Aufbau der Figur erkenntlich sein.
    Schwieriger wird es bei den Protagonisten, mit denen wir uns ja identifizieren sollen. Ist einer davon ein schlachtenerprobter, raubeiniger Soldat? Der wird im Ernstfall wahrscheinlich nicht mit der Wimper zucken, einen Kontrahenten auszuschalten; anders wäre es, wenn er einen Unschuldigen umbringen müsste. Oder wie sieht es bei einem Angehörigen eines wilden Kriegerklans aus? Dem kaufe ich auch noch ab, dass er gewisse grausame Züge hat, aber andernfalls wird das "Töten ohne Reue" ein schwieriges Thema.
    Vielleicht sollte es einen ganz anderen Thread geben: Authentizität von Fantasygeschichten. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder gehört, dass sich User über bestimmte Themen in der Fantasy beklagen: Das Mittelalter und die Ständegesellschaft seien nicht authentisch dargestellt, die Sprache und gerade die formelle Ansprache der Figuren sei im deutschsprachigen Kontext nicht authentisch, und und und. Und da geraten wir in eine Schwierigkeit: Fantasy hat nicht den Anspruch, im vollen Umfang authentisch zu sein; wir schreiben keine Historienromane, wir schreiben keine Fachwerke über die menschliche Psyche.
    Natürlich muss eine Geschichte in sich logisch und nachvollziehbar und damit zu einem guten Teil authentisch sein, und dazu gehört auch eine realistische Psyche der Figuren. Aber betrachten wir nun das Setting: Schreiben wir einen Roman im Stil von "Conan, der Barbar". Klassische Themen, Gut gegen Böse, Gut muss Böse den Kopf abschlagen. In dem Zusammenhang kann ich es voll und ganz verzeihen, wenn der Hauptcharakter ein stumpfer, gewissenloser Klotz ist, der sich durch seine Feinde schlachtet - das ist seine Rolle.
    Aber wie sieht es mit einem etwas ausgefeilterem Werk aus, in dem mehr Wert auf komplexe und lebendige Charaktere gelegt wird, die sich selbst reflektieren? Da wird es wieder zu einem No Go, wenn ein ganz normaler Mensch ohne weiteres zu einer gewissenlosen Killermaschine wird.


    TL;DR: Es ist enorm abhängig davon, was wir schreiben und wie unsere Charaktere aufgebaut sind, wenn wir sie töten lassen.

    Dass die Leute die aus purer Not andere umgebracht haben danach ruhig geschlafen haben?


    Wuerde ich gerne mal lesen...

    Ich kann dir spontan mindestens 10 Fälle vortragen, in denen Menschen aus Not oder aus reiner Gewinnsucht oder ohne offensichtlichen Grund wiederholt gemordet haben, oft in kurzen Abständen nach der Ersttat. Was das alles sind, sind Einzelfälle - tendenziell ist der Mensch ein empatisches Wesen, das stimmt voll und ganz. Was auch stimmt ist, dass in der Fantasy oft genug ohne Hemmung getötet wird, das alles steht außer Frage.
    Ich will wiederholen - tendenziell stimmt das. Was mich stört ist die absolute Aussage, der Mensch könne nicht hemmungslos und gewissenlos töten. Ich erhöhe nochmal auf 15 Fälle, dann brauche ich eben ein bisschen länger. Wir sind evolutionsbiologisch so uralt, wir haben Millionen von Jahren an blutigen Konflikten durchlebt. Für Weichheit gibt es da nur wenige Nischen, und die bewohnen größtenteils irgendwelche flugunfähigen Vögel.

    Neben der Lektuere von Buechern von hochgebildeten Leuten? Studien zu dem Thema?

    Jean-Jacques Rousseau? Der hat derlei zumindest behauptet, aber wenn man sich den Lebenswandel mal anschaut ...


    Ich habe mal gehört, dass das Ende der Zivilation drei fehlende Mahlzeiten entfernt ist, und ich glaube, historisch gibt es da genug Belege. Ich denke auch, dass das Thema im historischen Kontext betrachtet werden muss: Im Mittelalter wurden Menschen zur Belustigung der Bevölkerung öffentlich brutalst hingerichtet, die Römer haben Gefangene von Tieren zerreißen lassen, und die Leute haben es geliebt. Schon zur Kupferzeit gibt es erste Belege für Kriege mit mehreren tausend (!) Teilnehmern, kleinste Menschengruppen sind sich bereits seit Urzeiten einander an die Kehle gegangen.
    Wir haben Grundbedürftnisse wie Nahrung, Schutz vor den Elementen usw., und wenn diese nicht erfüllt sind, erwacht ein Tier in uns, das absolut hemmungslos sein kann. Das Töten steckt unweigerlich in uns, die Umstände müssen nur passen. Es gibt somalische Piraten, die Menschen für ein Hemd getötet haben. Es gibt Kinder, die gemordet haben, Menschen, die zu leidenschaftlichen Kannibalen wurden, usw.
    Wer behauptet, dass der Mensch von Grund auf gut und ohne Falschheit sei, betreibt beim Belegefinden Cherrypicking vom Feinsten. So einfach ist das nicht. Gerade zu anderen Zeiten, insbesondere Notzeiten, dürfte die Menschheit allgemein eine geringere Hemmschwelle gegen das Töten gehabt haben als wir heutzutage. Da muss man nicht mal durch die Zeit reisen - nur dort hin, wo heute noch die Kacke am Dampfen ist.

    Ich lese gerade den ersten Band von Kronen der Allmacht, der heißt Der letzte Todeshexer, von Jan Baßler.

    Das ist ja lustig, ein ehemaliger Klassenkamerad von mir hat mit dem Autoren in Heidelberg studiert und für den auch ein wenig die Werbetrommel geschwungen. Klein ist die Welt.

    Ich lese die "Symphonie der Stille" von Manuel Hirner. Absolut empfehlenswert!!!

    Vielen Dank, Tariq! Die eBook-Version verkauft sich gerade wie Semmeln - nicht wie warme, sondern wie wochenalte, die mal im Regen standen :rofl: aber das wird sich dann mit dem Taschenbuchrelease geben, da schwinge ich dann die Werbetrommel wie ein Wahnsinniger.

    Heute gibt es noch keinen neuen Teil - dafür aber frohe Kunde. Die Vorabveröffentlichung meines Debütromans "Symphonie der Stille" läuft am 16.04. (also am Dienstag) an! Es ist bereits möglich, das Ebook über Amazon vorzubestellen. Die Veröffentlichung der Printausgabe lässt leider noch auf sich warten :(


    Symphonie der Stille ist im Vergleich zu Medya deutlich ... gehaltvoller. Die Stimmung ist auch eher melancholisch, jedoch eingebettet in eine epische Handlung. Ich denke, wenn euch Medya gefällt, dürfte auch Symphonie der Stille etwas für euch sein - erwartet aber auf jeden Fall etwas gänzlich anderes.