Beiträge von kalkwiese

    Hey Leute!

    Natürlich muss man vieles selber rausfinden, aber ich finde auch, dass man das nur kann, wenn man mal die verschiedenen Methoden zum Planen etc. etwas ausfürlicher diskutiert, damit man als Lernender überhaupt einen Schimmer hat was man da ausprobieren soll. :hmm: Sonst ist der Diskurs hier nicht hilfreich und schon tot, bevor er überhaupt angefangen hat.

    Aber wir haben tatsächlich bereits einen Thread dafür: Wie man plottet vs plotlos zum Roman

    Ich melde mal diesen Thread hier, um beide zusammenführen zu lassen. ^^

    Und damit kommen wir zum Pudels Kern: Wie mache ich das? Wie merke ich das?


    Ich weiß nur so viel, dass schnelles Pacing wahrscheinlich kurze Sätze sind oder sowas.


    Ich würde Pasing halt auch gerne lernen, weil ich würde gerne eines Tages (vielleicht) Texte gerne ganz fein einstellen, wenn ihr versteht was ich meine. Will ganz viel Handwerk reinstecken.

    Meine Meinung dazu: Schreiben lernt man, indem man schreibt. ^^

    Wenn man dann noch über Konzepte wie Pacing, Charakterentwicklung, Worldbuilding etc. reflektieren kann, dann ist man eigentlich auf einem guten Weg, um Fortschritte zu machen. Außerdem hilft es auch, beim Lesen von anderen Texten und Büchern mal ganz bewusst auf solche Konzepte zu achten (manche machen sich ja sogar Notizen zu sowas, ich jetzt nicht).


    Pace bedeutet ja erstmal sowas wie Tempo, und das Erzähltempo kann man sicher auch im Kleinen wie im Großen betrachten. Klar, mit kurzen, knappen Sätzen lässt sich eine Kampfszene flott gestalten, da gibt es dann Schlag auf Parade auf Finte auf Gegenangriff und der Leser wird quasi beim Lesen überrollt, weil alles so schnell passiert. Das, was da genau passiert, ist sehr schnell und das wird dann auch mit einem hohen Tempo an den Leser gegeben. Indem man dem Leser nur Bilder und Sinneseindrücke in die Hand gibt, statt lyrischen, flüssigen Beschreibungen, wird eine hohe Geschwindigkeit erzeugt.

    Das wäre aber mMn noch kein schnelles Pacing. Wenn eine Geschichte nun aus vielen solchen Szenen besteht, die den Plot aber nur wenig vorantreiben, dann wäre das meiner Auffassung nach überhaupt kein schnelles Pacing, da können die Sätze noch so knapp und präzise bzw. unordnungstiftend sein.


    Generell, wenn man von einem schnellen Pacing redet, geht es eher darum, wie schnell der Plot einer Geschichte voran getrieben wird. Und da bin ich ganz bei Thorsten . Das richtige Pacing findest du, indem du dir deine Geschichte anschaust und überlegst, was erzählenswert ist bzw. was für die Geschichte notwendig zu erzählen ist. Geschichten, die sich auf den Plot fokussieren, neigen dazu, etwas blassere Figuren und Welten zu haben und haben damit dann oft ein schnelleres Pacing. Wenn die Geschichte aber sehr auf gut ausgefeilte Figuren setzt, wird sie sich auch die Zeit nehmen, um die Ängste, Sorgen, Freuden, Herkünfte etc. seiner wichtigen FIguren zu erläutern. Da ist das Pacing dann meistens langsamer.

    Nichts von beidem ist besser als das andere. Manchmal will man einfach eine Geschichte, die non stop Gas gibt. Aber viele wissen auch einen guten Slow Burn sehr zu schätzen - ich zum beispiel. :)


    Schreib deine Geschichte, lies sie nochmal, reflektiere über sie und dann bearbeite, ändere. Lies Bücher noch einmal, die du gut oder vielleicht sogar wegen des Pacings gut fandest und schau dir an, wie die das gemacht haben. Worauf haben die sich konzentriert und welchen Ereignissen haben sie weniger Raum gegeben? Besser kann man das mMn nicht lernen.

    Vielleicht wirst du feststellen, dass du deine Geschichte dafür genauestens ausplotten musst. Vielleicht stellst du fest, dass du mit Ausplotten gar nicht arbeiten kannst und machst eher einen auf Stephen King (Von dem ich schon ein paar mal gehört habe, dass das Pacing bei ihm sehr inkonsistent und merkwürdig sein kann, aber hey! Seine Fans kümmert das wahrscheinlich nicht so sehr).


    Das Gruselige am Schreiben ist, dass man - wie im Leben allgemein - den richtigen Weg nur selbst finden kann.

    Ich bin jetzt schon seit zwei Tagen buchverkatert ... das muss ein Buch auch erstmal schaffen.
    Buch Drei, "Materniaden", spielt nach der Nazizeit und man folgt Walter Matern, den ich in den Zitaten schon genannt habe. Er kommt aus der Kriegsgefangenschaft frei und will sich rächen, vorher rennt ihm aber ein Hund zu, der schwere symbolische Bedeutung hat. Matern, der gekommen ist zu richten mit schwarzem Hund, trifft alte Kameraden, die ihn mitunter auch verarscht haben und richtet sie - nicht. Das ist nicht Materns Rolle. Matern ist ein typischer Mitläufer und ein Fähnchen im Wind. Er sagt, was am einfachsten zu sagen ist und gibt sich, statt zu richten, schon damit zufrieden, die Frau oder die Tochter zu bumsen. Die fliegen nämlich alle auf ihn.

    Man merkt es vielleicht schon, Teil Drei der Hundejahre ist eine schwarze Komödie, über die meiste Zeit zumindest.

    Das ist erstmal eher mäßig spannend, aber die Ideen, die hier behandelt werden, haben immer noch lange in meinem Kopf weitergearbeitet. Beispielsweise die Erkenntnisbrillen, mit denen die Kinder die Taten ihrer Eltern erkennen können ... guter Stoff!

    Die Prosa fühlt sich hier vermehrt wie Assoziationsketten an, ich kann es kaum anders nennen. Dennoch konnte ich hier eigentlich immer folgen, es gab dieses Mal keine Passage, bei ich einfach gar nicht wusste, was los war.


    Dieses Buch ist so ... durchkomponiert und absichtsvoll geschrieben. Manchmal werden Ereignisse angeschnitten oder Dinge erwähnt, die erst 200 Seiten später passieren oder wichtig werden. Wenn mal Namen wie Pikollos oder Perkunos fallen, fragt man sich: "Was?", aber man muss einfach nur weiterlesen. Dranbleiben. Es ist alles drin.

    Trotzdem wird ein breites Allgemeinwissen vorausgesetzt, muss man auch zugeben, und zwar in Geschichte, Philosophie und Mythologie. Beispielsweise gibt es im letzten Kapitel eine lange Satzkette, die geschichtliche Ereignisse zusammenfasst. Da muss man beim Schlagwort Canossa einfach wissen, worum es geht. Ich wusste es halt. Es beeinträchtigt aber nicht das Verständnis für diese Geschichte an sich. Es macht das Buch nur schwieriger zugänglich.


    Wie gesagt, hat das Buch mich jetzt noch lange beschäftigt. Nach der letzten Seite war da erstmal die typische Leere und die Frage, was die letzten Absätze eigentlich aussagen sollen, aber es kam dann recht schnell zu mir und aus der Leere wurde aufrichtige Anerkennung. Das war stark, wirklich stark.


    Hundejahre ist ein verdammt dichtgepacktes Buch (im Sinne vom englischen "dense", ich tue mich gerade schwer, ein deutsches Äquivalent zu finden), und vielleicht Grass' technisches Meisterwerk. Blöd, dass es schwieriger zugänglich ist, als Die Blechtrommel, durch die ganzen Sachen mit Heidegger, den sperrigen, aber harmonischen Stil usw., denn mittlerweile gehe ich mit Grass mit: Hundejahre ist inhaltlich tatsächlich das wichtigere Buch, verglichen mit Die Blechtrommel. Wo DB sehr autobiographisch Ereignisse aus Grass' Leben aufgreift, behandelt Hundejahre die deutsche Gesellschaft von damals in unterschiedlichsten Facetten.
    Matern und Amsel als der Arier und der Jude nach Weinigers Buch, das im Buch ausführlich genug genannt wird, Haseloff als den Künstler, der wegschaut und im Gegenzug gut unter den Nazis leben kann, das Kapitel mit Müller Matern, der den deutschen Industriellen erst das Wirtschaftswunder so richtig ermöglicht usw. usw.

    Hundejahre ist eine Geschichte über eine Freundschaft, es ist soziale Satire, es ist ein Gesellschaftsroman, Kurzgeschichtenanthologie, Poesiealbum und das alles auf eine sehr stimmige Weise.


    Das war ein Ritt. Aber er war wirklich gut.


    Edit:

    Achja. Das Buch hätte auch unter Fantasy hier gespostet werden können, die magisch-realistischen Momente waren nicht wenige.

    So, ich hab es ja versprochen ... okay, ich bin neun oder zehn Minuten zu spät. Aber "morgen" ist es erst NACH dem Schlafen, von daher ... ^^

    Es geht hier halt weiter, inhaltlich kann ich nicht viel sagen. Außer dass der Gedanke, dass Tjelvar diese Runen unerwarteterweise lesen kann, schon cool ist. Und hab ich was verpasst oder ist Tjelvar adoptiert? Wurde sowas schon erwähnt? Die Worte seiner Schwester waren schon komisch und Tjelvar selbst schien das ja nicht verstanden zu haben. Wenn sie das lieber verschweigen wollte, wird ihr das ja nicht einfach so rausrutschen, ohne dass sie sich darüber erschreckt, oder? :hmm:

    Die Verfilmung von Die Blechtrommel. :rofl:

    Der Film setzt ziemlich akkurat die ersten beiden drittel des Romans von Günter Grass um, lässt das letzte Drittel also aus. Das Ende deutet also in eine ganz andere Richtung, als die Vorlage.

    Zitat

    Der Film endet mit der Flucht aus Danzig, nachdem Oskar sich dazu entschied, wieder zu wachsen und eine Blechtrommel zu seinem Vater ins Grab zu werfen. Das Buch erzählt natürlich noch mehr - dort nimmt Oskar in Westdeutschland irgendwann die Blechtrommel wieder in die Hand und kommt schließlich mit seinem totalen Infantilismus durch. Damit siegt er über die Erwachsenen.

    Ansonsten übernimmt der Film vor allem die wirklich merkwürdigen und grotesken Szenen aus dem Buch. :D Sehr gut! Das macht ja die Grass-Erfahrung aus, glaube ich.

    Natürlich weiß ich, wie Buchfrfilmungen so funktionieren müssen, und diese hier ist gut geworden, aber als Buchleser ist man wohl immer auch ein bisschen enttäuscht, wenn am Inhalt gekürzt werden musste. :pardon: Lässt sich irgendwie nicht abstellen.

    Zweites Drittel und Buch Zwei "Liebesbriefe" soeben geschafft.


    Wollen wir mal über Grass' Stil reden?

    Der Mann hat seine Prosa laut verfasst. Er sprach eine Satzverkettungen und -konstruktionen so lange, bis sie "klangen", eine gewisse Melodie und Rhythmik hatten. Und das ist beim Lesen spürbar: Die Worte tanzen und harmonieren trotz sperriger Gebilde wunderbar. Bei Katz und Maus hatte ich das nicht in diesem Maße in Erinnerung, das wirkte dort alles ein bisschen trockener und die Details, die in hier auch in einer Fülle vorhanden sind, die kaum einen Leser in diesem Maße interessieren wird, haben mich etwas weniger interessiert. Hier also das Gegenteil. Das Buch lässt sich nur schwierig schnell lesen, aber wer sagt, dass man ein Buch schnell lesen muss? Hier sagt das Buch, dass man es eben nicht schnell lesen soll. Es sagt: "Ich habe all diese Worte genau so für dich komponiert und arrangiert - jetzt nimm dir gefälligst die Zeit und genieße!"

    Und das tue ich auch. Eigentlich habe ich ein Zwei-Bücher-System bei mir eingeführt, bei dem ich ein einfacheres und ein schwierigeres Buch parallel lese, damit ich immer das lesen kann, worauf ich gerade mehr Lust habe. Aber gerade lockt mich Hundejahre mit seiner Prosa immer wieder, dass ich Pratchetts Lords und Ladies kaum anschaue ... das muss man erstmal machen, ich liebe Pratchett!

    Trotzdem gibt es mindestens vier Passagen, bei denen ich einfach nicht folgen kann. Einmal ist das gut entschuldigt, denn das ist ein Tagtraum, aber ... musste der über mindestens 4 Seiten gehen? Grass ist ein Meister der Worte, davor habe ich großen Respekt, aber nicht alle seiner Einfälle - wie gesagt, vor denen habe ich Respekt - verbessern das Storytelling. Wenn man einen Stream of Consciousness hat, dann wird es so oder so schwieriger zu folgen. Wenn man jetzt noch die Namen von Rittern, Königen und Göttern einwirft, bei denen man einfach davon ausgeht, dass der Leser sie kennt ... Es gibt einen guten Grund, warum Marcel Reich-Ranicki meinte, dass viel avantgardistische Literatur sich schnell überleben würde. Grass übernahm viele solcher Ansätze aus der Moderne (also Impressionismus, Expressionismus, etc.), wahrscheinlich von Döblin, den Grass mal seinen Lehrer nannte, aber heute scheibt kaum einer mehr so. Wenn überhaupt, dann nur ganz präzise und an besonderen Stellen. Wahrscheinlich ist das auch zu recht so, denn wirklich Leserfreundlich ist das nicht.

    Was ich mir wahrscheinlich abschauen werde, ist seine Technik mit den Zeitebenen. Er versteht es wunderbar fließend Übergänge zwischen den verschiedenen Erzählebenen zu machen (also was gerade beim Erzähler so abgeht und dann die Nacherzählung), aber quasi zeitlich in die Nacherzählung hinein zu zoomen, indem er für eine nacherzählte Szene ins Präsenz wechselt. Wow!


    Noch was? Achja. Wenn Heidegger parodiert wird, dann kriegt man das auch mit. :rofl: Ich finde es schon witzig, muss ich sagen. Da fangen Soldaten an pseudo-intellektuell in allem Weltentwürfe zu sehen:

    Zitat

    Selbst im Alltäglichen machten die philosophischen Zungen vorsokratische Sprünge und maßen mit des Feldwebels zäh gewonnenen Erkenntnissen jeden banalen Anlaß und Gegenstand. Halbgare Kartoffeln - die Küche wurde schlecht beliefert und noch schlechter geleitet - wurden seinsvergessene Bulven genannt. Erinnerte jemand jemanden an etwas vor Tagen Entliehenes, Versprochenes oder Behauptetes, kam promt und absolut die Antwort: "Wer denkt noch an Gedachtes!" - beizehungsweise: Entliehenes, Versprochenes, Behauptetes. Tagtägliche Fakten, wie sie das Leben in einer Flakbatterie förderte, etwa ein halbscharfes Strafexerzieren, lästige Probealarme oder das stinkfingrige Gewehrreinigen, wurden mit einer dem Feldwebel abgelauschten Redensart abgetan: "Das Wesen das Daseins liegt nun mal in seiner Existenz."

    Und eben das Wörtchen Existenz paßte überall hin: "Existier mir mal ne Zigarette. Wer kommt mit Kinoexistieren? Wenn du nicht gleich die Fresse hältst, existier ich dir eine."

    Wer krank geschrieben war, machte auf Strohsackexistenz. Wochenendurlaub hieß Existierphase. Und hatte jemand ein Mädchen geangelt - wie Störtebeker Harrys Coursine Tulla -, prahlte er nach dem Zapfenstreich, wie oft er des Mädchens Existenz gestoßen habe.

    Und auch sie, die Existenz, versuchte Störtebeker mit einem Stock in den Sand zu zeichnen: Jedesmal sah sie anders aus.

    Und davon gibt es noch mehr.

    Im Schlussabschnitt der Liebesbriefe, läuft Hitler der Lieblingshund weg. Über einige Seiten wird die Kommunikation bei der Hundesuche dokumentiert. Weil die Russen von der Suche Wind bekommen und anfangen, sie zu behindern, werden die Nachrichten verschlüsselt - mit der Heidegger'schen Terminologie! So wird der Hund das vom "Fernsinn durchstimmte Nichts" getauft und später auch mal in Tranzzendenz umbenannt. Diese Passage ist nicht einfach zu lesen und hätte auch kürzer sein dürfen, aber allein die Idee, dass die Nazis die letzten Kriegswochen für so einen Scheiß verwenden, ist schon unterhaltsam. :D Ganz geglückt finde ich es irgendwie nicht, aber man kann nicht sagen, dass Grass keinen Humor hatte.


    Am besten gefallen mir die zwischenmenschlichen Geschichten und die magischen Momente, also im Wortsinne magisch, wo Dinge passieren, die absolut unmöglich sind und die aber keiner in Frage stellt. Beispielsweise, wo eine Figur von anderen brutal zu einem Schneemann gekugelt wird und wie diese Figur dann komplett verwandelt wieder aus dem Schneemann heraus kommt ... diese Passage ist auch noch auf eine etwas verstörende Weise lustig geschrieben (XXXs Schneemann war zuerst fertig!). Genau für sowas lese ich das. DAS war genial.


    Jetzt also die letzten 38% des Buches, Buch Drei "Materniaden". Ich bleibe dran.

    Habe gerade festgestellt das ich mich heute am Freitag den 13. angemeldet habe. Ist das jetzt ein schlechtes Zeichen oder hier in der Welt der Mythen und Magie ein gutes Zeichen? :hmm:

    Das kommt interessanterweise immer auf den an, der es auslegen will. Fantasie und so. Da bekommt jeder, was er verdient. :D

    Ich persönlich empfinde Freitag den 13.11.2020 besonders mit der Jahreszahl hinten dran einfach als ein cooles Gruseldatum

    Lords und Ladies von Terry Pratchett.

    Mit Total Verhext und Einfach Göttlich habe ich bei Pratchett eine deutliche Zunahme in der, sagen wir mal, Qualität gespürt. Besonders Einfach Göttlich hatte eine großartige Tiefe hinter seinen Figuren und Konzepten und der eher uninteressante Klamauk seiner frühen Scheibenweltromane war überhaupt nicht mehr zu spüren (Gevatter Tod, Pyramiden und Wachen! Waschen! würde ich trotzdem weit vorne einordnen).

    Lord und Ladies scheint den Trend weiter fortzusetzen. :) Wir haben hier eine direkte Fortsetzung von Total Verhext, was etwas seltenes bei den Scheibenweltbüchern ist. Ein Drittel habe ich schon gelesen und dieses Mal scheint Shakespeares Ein Sommernachtstraum etwas parodiert zu werden. :hmm: Bin mal gespannt.

    So, ich habe jetzt ca. 1/3 gelesen. Bei der Blechtrommel habe ich auch solche Updates gemacht, weil das Buch so lang war und meine Meinung sich so drastisch änderte.

    Da dieser Wälzer jetzt auch drei Teile mit jeweils eine anderen Erzähler hat, bietet sich das hier auch an.


    Der erste Teil "Frühschichten" ist gleichzeitig der kürzeste. Brauchsel (bzw. Brauxel, Brauksel, der Mann schreibt seinen Namen wie er lustig ist und sagt, dass er "zur Zeit" so genannt wird) steht einem Bergwerk vor, "in dem weder Kali, Erz noch Kohle gefördert wird" und das trotzdem sehr ausgelastet ist.

    Brauchsels Frühschichten erzählen von den Freunden Eduard Amsel und Walter Matern und wie sie Freunde wurden. Am Ende eines Buchs mit abgetrennten Teilen, die jeweils einen Erzähler haben, erwartet man ja irgendwie, dass jeder Teil einen Bogen hat und eine irgendwie runde Geschichte erzählt. Die Frühschichten machen das nicht. Nun, da ich knietief im zweiten Teil "Liebesbriefe" drin bin, sehe ich, dass die Frühschichten Setup waren. Für ziemlich viel sogar. Allein der erste Absatz, der am Anfang noch sehr kryptisch und unverständlich aussieht:

    Zitat von Günter Grass

    Erzähl Du. Nein, erzählen Sie! Oder Du erzählst. Soll etwa der Schauspieler anfangen? Sollen die Scheuen, alle durcheinander? Oder wollen wir abwarten, bis sich die acht Planeten alle im Zeichen Wassermann geballt haben? Bitte fangen Sie an! Schließlich hat ihr Hund damals. Doch bevor mein Hund, hat schon Ihr Hund, und der Hund vom Hund. Einer muß anfangen: Du oder Er oder Sie oder Ich ... Vor vielen vielen Sonnenuntergängen, lange bevor es uns gab, floß, ohne uns zu spiegeln, tagtäglich die Weichsel und mündete immerfort.

    ... ergibt jetzt, viele Seiten später, so verdammt viel Sinn. Anscheinend war für das Jahr 1962 am 4. Februar der Weltuntergang angekündigt, darum die acht Planeten. Es wird später erklärt, dass alle drei Autoren an diesem Datum ihren Teil der Geschichte fertiggestellt haben sollen. Sie schreiben natürlich unter gegenseitiger Absprache, aber niemand kann seinen Text dem des anderen anpassen. Damit gibt es drei Wahrheitsebenen, die sich gegenseitig kommentieren - das ist nach dem ersten Wechsel von den Frühschichten zu den Liebesbriefen bereits passiert.

    Worum geht es nun? Um das Kleinbürgertum kurz vor, während und nach der NS-Zeit.

    Eduard Amsel wird nachgesagt, er sei ein Halbjude. Walter Matern ist sein Freund und beschützt den dicken Jungen vor Hänseleien, aber auch die beiden haben ihre Probleme und auch Matern beschimpft mitunter seinen Freund als "Itzig".

    Zitat von Wikipedia

    Der Ausdruck Itzig ist veralteter mundartlicher Scherzname, der sowohl einen Schlauberger oder auch einen Vorgesetzten bezeichnen kann, aber vor allem auch als abwertendes Kollektivum für Juden gebraucht wurde/wird.

    Teilweise ist auch etwas Allgemeinwissen zu der Zeit nötig, wenn mal sowas erwähnt wird wie Heideggers "Sein und Zeit" (Das hier im Buch angeblich parodiert werden soll, an mehreren Stellen??? Keine Ahnung!) oder die Protokolle der Weisen von Zion, die gefälschten Papiere, die vorgeben geheime Dokumente der jüdischen Weltverschwörer zu sein.


    Ein bisschen sind die Hundejahre bisher der Versuch, die Blechtrommel und Katz und Maus zu kombinieren. So ist Brauchsel an manchen stellen offensichtlich ein zuverlässiger Erzähler, und die Liebesbriefe sind mit einem Du an Tulla Pokriefke adressiert, wie Katz und Maus mit einem Du an Mahlke gerichtet war. Außerdem war Tulla auch eine Figur in Katz und Maus. Angeblich sollte sie ja mal die Schwester von Oskar Matzerath werden, aber beim Schreiben der Blechtrommel, stelle sich Oskar, der kleine Teufel, als zu dominant heraus. Tulla ist dem Gnom gar nicht so unähnlich ...


    Was wollte ich nochmal sagen? Achso. Die Frühschichten spielen vor der NS-Zeit. Mit den Liebesbriefen hat sie nun angefangen. Die Freundschaft zwischen Walter Matern und Eddi Amsel spielt weiter eine wichtige Rolle. Hunde ziehen sich als wichtiges Motiv aber auch durch das Buch. Hunde haben Rasse, sollen für Züchtungen rein sein, gute Hunde sind gehorsam. Walter Matern hat einen Hund, und der Erzähler der Liebesbriefe hat einen der Welpen davon.


    Insgesamt ist Hundejahre sehr komplex. Es werden gern Zeitebenen gewechselt, verschiedene Fäden miteinander verflochten, die Erzähler wechseln usw. und trotzdem wirkt es bisher in sich stimmig. Grass hatte Hundejahre ja lieber als die Blechtrommel, weil sie als die Steigerung empfand. Aber die Blechtrommel ist sicher zugänglicher, gerade weil er dort künstlerisch nicht einen draufsetzen wollte.

    Allerdings liest sich Hundejahre für mich auch wieder deutlich leichter als Katz und Maus. Ich verstehe immer noch nicht, warum die kleine, kurze Novelle so zermürbend zu lesen war, während die beiden überbordernden Romane so viel angenehmer sind, wo sich alle drei Bücher doch eigentlich nicht so sehr in ihrer Art und Weise unterscheiden? Und dabei gibt es in Hundejahre Tagträume, bei denen ich KEINE AHNUNG habe, was da eigentlich los ist. Holy Shit.

    Grass ist ein Sprachkünstler. Und wenn manche Menschen zwischen Unterhaltung und Literatur unterscheiden, wovon ich an sich kein Fan bin, dann will ich noch eine dritte Kategorie in den Raum werfen: Dichtung. Das ist, was die grass'sche Danziger Trilogie in meinen Augen am ehesten ist.

    Moin und willkommen Litu :)

    Zeit ist immer so eine Schwierigkeit beim Schreiben. Niemand wird sie dir geben, du musst sie dir nehmen. Und das ist manchmal nicht einfach.

    Ja, Thorsten , das sind viele gute Denkanstöße. :D

    Also - ich kann dem Satz so nicht zustimmen - Rueckblenden geben viel mehr Moeglichkeiten eine Geschichte zu strukturieren als eine lineare Erzaehlung das tun kann. Wie jedes Werkzeug sollten sie halt sinnvoll eingesetzt sein und nicht zur Manier werden...

    Ich sehe das schon mehr als eine "Regel", nicht als Gesetz oder sonst irgendwas Unumstößliches. Für einen werdenden Autoren ist es wahrscheinlich sinnvoll, erstmal linear erzählen zu können, statt mit Rückblenden um sich zu werfen, wo sie nicht sinnvoll sind. Wenn man das aber kann, dann sind sie ein sehr hilfreiches Werkzeug, absolut!

    Ich habe ein Buch im Regal zu stehen, das eine Familiengeschichte enthält, die von einer Person nacherzählt wird. Es wird nicht chronologisch erzählt und immer mal die Zeitebene gewechselt: Die Kindheit der Kinder, die Kindheit der Eltern, und die Ereignisse, die alles wieder gerade rücken. Die Geschichte wird also nicht chronologisch strukturiert, sondern so, wie sie am interessantesten ist. Dafür werden Informationen sehr bewusst an den Leser gegeben oder zurückgehalten. Sowas muss man erstmal können.

    Das finde ich zwei paar Stiefel - dass man Hintergrundinfo braucht ist ja ein generelles Problem in der Fantasy - woher soll der Leser sonst wissen welche Farbe die Sonne hat, was ein Elgo ist, wie gross ein Lithpica sein soll oder ob Gandalf jetzt Angst vor einem Balrog haben sollte oder nicht?

    Ich gebe zu, manchmal vergesse ich, dass unser Forum "Fantasy" im Namen hat. :D Mit den nachgelieferten Informationen meinte ich wirklich vergangene Ereignisse, die man in einem chronologischen Hier-und-jetzt nicht mehr einbringen kann. Worldbuilding und das Einbringen der nötigen Informationen für den Leser sind nochmal eine ganz andere Kiste, die besonders in unserem Genre eine Herausforderung sein kann, ja.

    Das bedeutet aber dass ich - nachdem ich eh' Schnitte mit *** zwischen den Szenen habe - ich auch eine Rueckblende einfach (ohne Warnung :D ) nach einem Schnitt machen kann wenn erforderlich. Das gibt dann den Eindruck von zwei Straengen, und der Leser merkt erst allmaehlich dass einer die Vergangenheit des anderen ist (man darf Lesern schon ein bisschen geistige Arbeit abverlangen finde ich, damit kommen die schon klar).

    Ja, das wäre dann ein gut durchdachtes Erzählkonzept mit zwei Zeitebenen. :hmm: Ein bisschen anders als eine einfache Rückblende finde ich das schon.

    Generell finde ich's ein schoenes und wichtiges Werkzeug - eben weil Menschen die Dinge im jetzt viel im Kontext ihrer vergangenen Erfahrungen einordnen.

    Amen.

    Im Thread für die Forenanthologie, an der gerade gearbeitet wird, habe ich neulich einen Link zu einem Blogeintrag geteilt, der das Schreiben von Rückblenden und dem Einbinden von Informationen aus der Vorvergangenheit einer Geschichte diskutiert. Nun habe den Hinweis bekommen, dass das Thema durchaus von allgemeinem Interesse sein könnte und einen Thread in der Schreibwerkstatt verdient hat. :)


    Zu diesem Blogartikel geht es hier: https://mynextself.com/rueckblenden-schreiben/


    Rückblenden also. Es gibt ja die "Regeln" des Schreibens. Allgemeingültige Leitsätze, an denen sich Schreiber und Autoren orientieren, die gutes Schreiben ausmachen können, und die man auch brechen kann. Manchmal sind Texte gut, gerade weil man eine Regel gebrochen hat. Manchmal täte es einem Text ganz gut, wenn er eine Regel nicht brechen würde.

    Dass man Rückblenden vermeiden sollte, ist eine dieser Regeln. Grundsätzlich würde niemand eine Rückblende vermissen, wenn die Geschichte ohne auskommt. Manchmal ist es aber nötig, Informationen einzubringen, die bspw. Ereignisse von vor der eigentlichen Handlung beschreiben. Um das umzusetzen, hat man durchaus einige Optionen, die man auf den inhaltlichen Kontext seiner Geschichte oder auch auf die Erzählperspektive oder -form abstimmen muss. Hier ein paar Gedanken und Möglichkeiten:

    • Figuren unterhalten sich darüber. Hier muss auch der Kontext stimmen. Wenn sich Figuren völlig aus dem Nichts plötzlich über etwas unterhalten, was für das Verständnis der Erzählung aber essentiell ist, dann kann das schnell unglaubwürdig aussehen. Wenn sich das aber machen lässt, ist das eine gute Option für Geschichten mit personalen Erzählern, die Informationen etablieren wollen, die der Hauptfigur unbekannt sind.
    • Ist die Geschichte eine Nacherzählung oder hat man einen auktorialen Erzähler o.Ä. ist man deutlich freier in seinen Möglichkeiten was die zeitliche Reihenfolge der Erzählung betrifft. Hier muss der Erzähler als Erzählinstanz aber auch für einen roten Faden sorgen, dem der Leser folgen kann. Die Frage ist dann: Warum ist es interessanter, die Geschichte nicht völlig chronologisch zu erzählen?
    • Wenn beide Zeitebenen interessant sind und man regelmäßig von einer zur anderen wechselt, ist es vielleicht sinnvoll, den Wechsel mit einer Leerzeile, oder besser: mit Sternchen o.Ä. den größeren Bruch anzuzeigen. Ein Beispiel dafür wäre das zweite Kapitel in "Number9dream" von David Mitchell. Das Hier-und-jetzt umfasst eine schlaflose Nacht des Protagonisten und die Vergangenheit behandelt seine Kindheit und den Verlust seiner Zwillingsschwester (Ist kein Spoiler, denn ihr Tod ist sehr früh bekannt. Interessant ist wie und warum sie starb und was das für den Protagonisten bedeutet). Beide Zeitebenen kommentieren einander. Der Vorteil dieser Methode ist, dass man sich keine Gedanken über wechselnde Zeitformen machen muss.
      Meistens sind die Infos, die man dem Leser nachliefern muss, nicht so umfangreich, dass man diese Methode sinnvoll anwenden kann. Es ist wahrscheinlicher, dass das Kapitel oder die Geschichte allgemein extra für diesen Erzählstil designt sind.
    • Unter Umständen lassen sich die nötigen Informationen als wenige Sätze hier und da im Fließtext einstreuen.
    • Hat man innerhalb eines kleineren Abschnittes ein paar Absätze oder eine eigene Szene aus der Vergangenheit, die man aber gerne darstellen möchte, dann lässt sich das auch in den Fließtext integrieren. Die technische Umsetzung sorgt da durchaus für Verwirrung.
      Schreibt man seine Geschichte zufällig im Präsenz, kann man die Rückblende einfach im Präteritum schreiben. Nun hat das Präsenz als hauptsächliche Zeitform seine Vor- und Nachtteile gegenüber dem Präteritum. Nur für ein paar kleine Rückblenden will man wahrscheinlich nicht zu einer Zeitform wechseln, mit der man sich vielleicht nicht wohl fühlt. Schreibt man im Präteritum, wäre die Zeitform für vorher Vergangenes das Plusquamperfekt (PQP). PQP erfordert aber in fast jedem Satz die Hilfsverben "war" und "hatte". Nach ein, zwei Sätzen liest sich ein Absatz im PQP einfach ätzend. Es gibt aber eine legitime Möglichkeit, das zu umgehen:

      Man leitet die Rückblende mit einem Satz im PQP ein, damit der Leser weiß, dass nun aus der Vorvergangenheit erzählt wird.
      Beispiel: "Kunibert erinnerte sich noch daran, wie ihm sein erster Zwergdrache geschenkt worden war. Es war an einem kalten Herbsttag gewesen und kaum etwas hatte ihn jemals so glücklich gemacht."
      Und dann springt man einfach dreist ins Präteritum zurück. Will man danach zurück ins Hier-und-jetzt wechseln, zeigt man das wieder mit ein paar Sätzen PQP an. Das ist tatsächlich legitim und wird schon lange in der Literatur so gemacht. Es lässt sich flüssig gestalten und erspart einem das lästige PQP. Sieht wie Schummeln aus, oder? Ich war auch erstaunt.


    Ich persönlich war sehr beeindruckt, als ich den letzten Punkt begriffen und dann tatsächlich in Büchern angewendet gesehen habe.
    Hattet ihr schon mal Probleme, Informationen nachzuliefern? Oder habt ihr auch schon ewig mit dem PQP gerungen und euch gefragt, wie zum Teufel man so eine Rückblende schreibt? Was denkt ihr? Habe ich vielleicht etwas vergessen?

    Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet von David Mitchell. Da hat es mich einfach gejuckt, das nochmal zu lesen. :D

    Jacob de Zoet kommt 1799 als Kaufmann und Sekretär des neuen Faktors von der niederländischen Handelsstation Dejima vor Nagasaki nach Japan, das damals hermetisch vom Ausland abgeriegelt war. Er will Geld verdienen und die Gunst des Vaters seiner Verlobten gewinnen, damit der ihm und seiner Anna seinen Segen gibt. Doch dann verliebt er sich in eine junge Japanerin und muss bald begreifen, dass Verrat und Intrigen eigentlich das Land regieren ...

    Es ist ein schöner Kontrast zu Grass, da Mitchell hier die Sprache wirklich auf das allernötigste reduziert, ohne an Poesie zu verlieren oder steif zu wirken. Das hab ich damals schon bewundert. Außerdem will ich ein Auge darauf haben, wie die Szenen und der Plot eigentlich genau aufgebaut sind, jetzt, wo ich den Inhalt ja kenne.

    Ja, das war klasse! ^^ Es ist interessant zu beobachten, wie die Umgebungsbeschreibungen im Prinzip nur aufgelistet sind, aber die aufgezählten Dinge sind so gut beschrieben und elegant, dass das eigentlich scheißegal ist. Irgendwann demnächst lese ich noch eines seiner Bücher nochmal ...


    Es ist toll, wie hier auch mit der Struktur der Geschichte gearbeitet wird. Das Buch hat 5 Teile. 2 davon haben zusammen 20 Seiten und sind eher fallende Handlung. Die drei wesentlichen Brocken beginnen alle mit einem Kapitel in einer ungewöhnlichen Erzählperspektive (meistens eine Figur aus deren Sicht in diesem Teil nicht mehr weiter erzählt wird).


    Ach, mich hat das Ende wirklich nochmal emotional gemacht. :'( Und das eigentlich nur, weil es vorbei war, weniger weil da traurige Dinge passieren ... meine uneingeschränkte Empfehlung an jeden.

    Ist die Serie inzwischen fertig? Ich hatte irgendwie im Kopf dass Jordan gestorben ist bevor er das geschafft hat...


    Ich hab' das damals (auch auf Deutsch) angefangen und recht weit verfolgt, aber was mich abgeschreckt hat war (wie auch bei 'Song of Ice and Fire') die Verzweigung in unzaehlige Handlungsstraenge und neue Protagonistin die irgendwann dazu gefuehrt hat dass die Geschichte nur noch vorwaerts kriecht - ein guter Freund von mir hatte das damals begeistert weiterverfolgt, und ich habe dann von ihm immer die Zusammenfassung bekommen :D

    Brandon Sanderson hat das meines Wissensnach übernommen und ich habe gehört, dass er das sehr gewissenhaft zu Ende gebracht haben soll. Also ja, die Reihe ist wohl fertig :)

    Ich habe heute Hundejahre von Günter Grass begonnen. Das ist Teil 3 der sogenannten Danziger Trilogie (Die Blechtrommel, Katz und Maus, Hundejahre), die eigentlich eine Tetralogie ist, weil in den 2000ern noch die Novelle Im Krebsgang dazu kam, die Figuren aus diesen Büchern wieder aufgreift.

    Die drei Bücher der Trilogie entstanden aber in einer relativ zusammenhängenden Schreibphase von 7 Jahren und sind damit also auch vom Stil und der Attitüde sehr ähnlich.

    Nun also Hundejahre. Grass' Prosa bleibt wild und kompromisslos, wie zu erwarten, und es stellt sich die Frage, warum ich sowas überhaupt lese (komme ich gleich drauf zurück). Hundejahre ist in drei Bücher unterteilt (Frühschichten, Liebesbriefe und Die Materniaden) und alle drei haben relativ kurze Kapitel (Die Briefe sind halt Briefe, dort gibt es keine Kapitel).

    Nun habe ich die ersten vier Frühschichten gelesen und stelle fest, dass der Roman ziemlich ambitioniert ist, womit wir wieder zur Prosa kommen. Grass lasst Handlungen parallel passieren. Es gibt also zwei Ortr bzw. Zeitebeben und alternierend im Fliestext hüpft er von einer Handlung zur anderen. Grass sagte mal, er habe viel von Alfred Döblin gelernt und der macht ähnliches wohl auch in Berlin Alexanderplatz, aber das allein macht es nicht anstrengend zu lesen. Denn da sind noch die ewig langen Sätze, die Verweise auf Dinge, die ich einfach nicht kenne (bspw. Gottheiten der Prussen oder Ortsnamen), dann sind da an sich interessante Stilmittel, wie Aufzählungen ohne Kommata, die ich zu schätzen weiß, die heute aber wohl zu recht kaum benutzt werden etc. Es ist viel. Es ist überladen. Die Satze folgen einem Rhythmus, der eigentlich gesprochen werden will und den man dafür erst entschlüsseln muss. So würde ich nicht schreiben wollen.

    Warum lese ich dann sowas? Und auch noch freiwillig? Ja, keine Ahnung. Weil es halt irgendwie cool ist? So ein Ding reißt alle Gewohnheiten ein und zeigt einem kompromisslos: "Guck mal: All das kann man machen. Und all das wurde gemacht."

    Und irgendwie weckt es das Bewusstsein dafür, dass Kunst mal deutlich freier gewesen sein muss als heute.


    Parallel zu diesem Mammut habe ich ein einfacheres Buch im Gepäck: noch immer Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet.

    Da hab ich noch an die 100 Seiten und mein Bücherkonsum hat für die Forenanthologie auch etwas geruht. Jedenfalls nehme ich ein "leichteres" Buch in die Hand, wenn ich das "schwerere" Buch nicht mehr sehen kann ... Lesekonsistenz schlägt Masse an gelesenen Seiten. :)