Beiträge von kalkwiese

    Das Labyrinth der träumenden Bücher habe ich zum Beispiel mal angefangen, aber nie fertig gelesen.

    Als ich das eben las, dachte ich: "Ergibt Sinn, ist ja auch furchtbar langweilig, das Teil", aber ... du meinst wahrscheinlich "Die Stadt der Träumenden Bücher"? Also den ersten Band, in dem Mythenmetz der Protagonist ist? Wenn du versehentlich den zweiten Band angefangen haben solltest, der bei Fans generell eher durchgefallen ist, dann kann ich nur empfehlen, den ersten Band nachzuholen :whistling:

    Die besten Romane von Moers sind mMn Der Schrecksenmeister, Rumo, die Stadt der Träumenden Bücher und mit leichten Abstrichen der Blaubär. (Einfach weil die Verbindungen zu unserer Welt und das Wording, das oft aus einer menschlichen Perspektive gestaltet ist, wenn Daseinsformen beschrieben werden, den Fantasycharakter etwas schwächen mMn.)

    Danach kommen wir in die zweite Reihe. Immer noch super, nur nucht unbedingt die Bücher, die ich jemandem zum Einstieg in die Hand drücken würde. :) Ensel und Krete ist beispielsweise frustrierend mit seinen mythenmetzschen Abschweifungen, aber es ist trotzdem volle Wucht Moers. :D

    Vielleicht ist Mythenmetz als Lindwurm (und damit Schriftsteller) einfach nicht so eine interessante Figur für dich. :hmm: Ich mag ihn, weil er Dichter ist, aber ich finde andere zamonische Daseinsformen mittlerweile auch spannender

    Ich habe endlich mit Die Insel der tausend Leuchttürme von Walter Moers begonnen. :) Das Buch hat Monate in meinem Regal gewartet, am Erscheinungstag (oder kurz danach, weiß ich nicht mehr) hab ich es gekauft, aber jetzt erst ist die Zeit reif.

    Zamonien goes Nordseeinsel - Hildegunst von Mythenmetz, der schon viel gebeutelte Protagonist und Autor von ein paar anderen Zamonienromanen (die Moers netterweise vom Zamonischen und Deutsche übersetzt hat), fährt zur Kur für seine Buchstauballergie auf die Insel Eydernorn. (Genau. Norderney.)

    Und was ihn dort erwartet, das finde ich gerade noch heraus. Bisher (25%) wird die Insel erkundet und man lernt man die skurrilen Gestalten, Tiere und die Kultur kennen. Nach und nach wird alles aber immer seltsamer ... Ich erwarte langsam, dass der Plot wirklich beginnt. Mal sehen, ob ich recht habe. :D

    Dann wolln wir mal. Die Insel der Tausend Leuchttürme von Walter Moers. Jules Verne und ein humorvoller Lovecraft geraten in einen Krieg der Welten auf einer vulkanischen Nordseeinsel.

    Walter Moers' 10. Zamonienbuch ist ein Briefroman. Der Protagonist des Hits "Die Stadt der Träumenden Bücher" und seither Autor aller Zamonienromane, die Moers netterweise aus dem Zamonischen für uns übersetzt, schrieb während seines Kuraufenthalts auf der vulkanischen Insel Eydernorn an einen Freund, doch war der Schiffsverkehr gestört und er konnte die Briefe nicht absenden. So ergibt sich die Form dieses Romans.

    Moers probiert sich gerne aus und vielleicht ist das sehr gemächliche Erzähltempo darauf zurückzuführen, dass es eben etwas Neues ist. Leser bekommen hier Dünenspaziergänge, Museumsbesuche, Behandlungen im Sanatorium, Restaurants, örtliche Flora und Fauna, Leuchtturmbesichtigungen, Expeditionen und auch Kraakenfieken, den beliebten, golfähnlichen Sport von Eydernorn. Ja, man lernt die Insel intensiv kennen und bekommt einen deutlichen Sinn für das Setting - Nordseeinsel vermischt mit Lanzarote. Küstengnome sprechen einen breiten nordischen Dialekt. Schwarzer Sand, Bimsstein. Der Plot ist dabei recht dünn beziehungsweise sieht auch lange dünn aus, denn obwohl signifikante Ereignisse passieren, erfahren das Mythenmetz und die Leser nicht direkt - sie können durchaus erahnen, dass im Hintergrund Ränke geschmiedet werden, aber Mythenmetz bleibt ein Tourist, ein Beobachter, und dazu noch einer, der verständlicherweise eigene Interessen hat und sich nicht unnötig einmischen will. Das macht die Erfahrung potentiell frustrierend, bis im letzten Viertel endlich mehr und mehr offengelegt wird. Erklärungen bleiben mitunter knapp und man hat genug Raum, sich einige Ereignisse selbst zusammenzupuzzlen, ohne sich dafür allzu sehr verbiegen zu müssen. Es muss einem nur klar sein, dass man es hier mit einem Slowburner zu tun hat - teilweise wörtlicher zu verstehen, als ich jetzt ausführen werde. Moers strapaziert seine Leser mit 450 Seiten Aufbau - eine Dauer, die nicht jeder mitgehen wird.

    Was Moers weiterhin klasse beherrscht, ist sein Fabulieren. Seine Prosa tanzt und fließt und meckert und ärgert sich. Das ist gewohnt stark und wahrscheinlich sein schriftstellerischer Hauptfokus, neben den skurrilen Gestalten und Ideen. Bis kurz vor dem Ende könnte man glatt glauben, dass diese nicht alle wirklich relevant seien, bis sie es am Ende dann doch waren. Dieses Auftrumpfen am Ende werden Kenner auch aus "Der Schrecksenmeister" kennen, seinem vielleicht am besten erzählten Roman. Moers kann es also noch.
    Nur bleibt die Frage zurück: Kann er es auch noch auf ganzer Strecke, wie in besagtem Roman? Kann Moers auch Abenteuer noch, wie in "Rumo und die Wunder im Dunkeln"?
    "Die Insel der Tausend Leuchttürme" kann durchaus mit seinen stärksten Romanen mithalten, wenn man vom Anspruch auf Dauerspannung absieht und den Roman als das annimmt, was er ist. Wenn man das nicht tut, tritt er immerhin an die Spitze von Moers' zweiter Riege.

    Was am Ende zurückbleibt, ist jedenfalls die Sehnsucht nach Eydernorn, der Wunsch nach einem flotteren Buch (als Abwechslung in einer gesunden Leseernährung), die Motivation, wie Mythenmetz mal mit dem Bleistift zu kritzeln, und das Wissen, nicht alleine zu sein. Und das ist doch schon einiges.

    Nach deiner Einschätzung hier wäre es viel sinnvoll für mich, den ersten Durchlauf auf Deutsch zu wagen.

    Ich kann ehrlich nicht mehr sagen wie gut die deutsche Uebersetzung eigentlich ist - bei einem Buch dieser Art waere ich zumindest misstrauisch ob der Uebersetzer wirklich die relevanten Details erwischt hat oder nicht... ich hab' keine Ahnung wie gern Du auf englisch liest, aber wenn Du das im Prinzip machst, wuerde ich eher so versuchen als die Uebersetzung.

    Fantasy geht normalerweise auf Englisch klar. Bei komplexerer Sprache und Büchern vor dem 20. Jhd. nehme ich dann bevorzugt Übersetzungen. Das mit dem Details ist ein guter Punkt. An der Locked Tomb Reihe habe ich auch oft Wörterbucher bemüht, wegen der lateinischen Knochennamen. Bei Fantasy erhoffe ich mir auch genug Spannung und Action, um die Mühe wert zu sein. :hmm:

    Jedenfalls danke für den Ausflug zu diesen Büchern. Schreib gerne auch was zu den anderen Büchern :thumbup:

    Edit: Mir war auch noch nicht klar, dass der formale Aufbau der Geschichte so komplex ist. Auf sowas stehe ich schon ...

    Nachdem Neil Gaiman von Gene Wolfe geschwärmt hat und andere auch, habe ich diese Reihe schon länger auf dem Radar. Nur überlege ich, ob ich mir die englischen Bücher besorgen will oder vielleicht einen E-Reader, um die deutsche Übersetzung lesen zu können. Antiquarisch habe ich zumindest auf den typischen Seiten wie antiquariat.de nichts gefunden. Nach deiner Einschätzung hier wäre es viel sinnvoll für mich, den ersten Durchlauf auf Deutsch zu wagen. :hmm: Aber das ist alles Zukunftsmusik. Viele andere Bücher warten auch.

    versteh den Hate auf Trudi Canavans Schreibstil hier nicht xD, aber ich empfinde den auch nicht wirklich als wichtig

    Das geht dann wohl an mich. Ich war etwas überrascht, das in einem Post zu Fourth Wing zu sehen, denn da gibt es ja keinen Zusammenhang zu, aber klar, ich antworte dazu gerne.

    Ein Schreibstil ist schon wichtig, denn die Worte müssen ja irgendwie aneinandergereiht werden, und wenn einem das auf den Geist geht, dann ist das natürlich blöd. Vorweg: Was einem auf den Geist geht, kann sehr subjektiv sein. Ein simpler Schreibstil ist in meinen Augen nicht besser oder schlechter als einer mit komplexem Satzbau. Die Frage ist immer, ob es der Geschichte dient, ob die Sätze irgendwie ästhetisch was hermachen, ob die rhythmisch irgendwie wirken. Oder ganz simpel, ob man überhaupt versteht, was da abgeht.

    So, Trudi Canavan empfinde ich als die durchaus lesbar. Was mir an ihren Büchern (speziell "The Magician's Guild" bzw. "Die Gilde der Schwarzen Magier", andere kenne ich nicht) auf den Geist ging, waren die standig wiederholten Phrasen (Herz setzte einen Schlag aus, sog scharf die Luft ein und alles sowas). Ich sage immer gerne, dass es mich wundert, dass sich an der Luft noch keiner geschnitten hat. Dazu kommt, dass inhaltliche Punkte einem wirklich eingehämmert wurden, besonders im ersten. Wenn zweimal schon angedeutet wurde, dass Soneas Tante ihre Freunde nicht mag, dann wird es nach ein paar Seiten nochmal ausgesprochen. Und dann noch ein Satz wie "Sie mochte sie ganz und gar nicht" hinter gesetzt. Das wurde etwas besser bei den beiden folgenden Bänden (oder ich war dann bereits abgestumpft), aber danach wurde es auch nicht mehr dienlich. Was okay ist, nicht jeder Schreiber muss ein toller Stilist sein. :) Auf der sprachlichen Ebene blieb es eben langweilig, aber Geschichten können ja noch auf anderen Ebenen punkten. Wenn einem der Schreibstil nicht in irgendeiner Weise auffällt und einem das egal ist, ist das naürlich in Ordnung. Der dritte Band der Reihe war sogar gut, würde ich sagen, der hat mich auch inhaltlich unterhalten.

    Wenn ich von dröger Odnis spreche, meine ich das sicher nicht nett, aber es beschreibt es eben auch gut.

    Lt. u.a. Amazon ist "Fourth Wing - Flammengeküsst" von Rebecca Yarros in Sachen Storytelling und Spannungsbogen eine Offenbarung. Kann das jemand bestätigen? Hatte das Buch heute in der Hand, ist leider eingeschweißt (€28) und wollte es meiner Frau kaufen, da es sich im Romtasy handeln soll.

    Du kennst sie natürlich am besten, aber ohne es gelesen zu haben und nur auf Grundlage von Rezensionen, würde ich davon abraten, wenn deine Frau gute Bücher mag. Wenn sie Trash mag, Logik nicht wichtig ist, sie mit Internetsprache in Mittelalter-Fantasy keinProblem hat und die TikTok-Hype-Bücher generell abfeiert, dann ist es vielleicht was für sie. Würde eigentlich nur dazu raten, es zu kaufen, wenn sie es sich ausdrücklich wünscht.

    Ich bin in eine Leserunde von His Dark Materials bzw. der Der-Goldene-Kompass-Trilogie von Philip Pullman gerutscht. Eigentlich gar nicht auf meinem Radar dieses Jahr, aber ich brauche auch ein bisschen Spontanität in meinem Leseleben, also ... jetzt lese ich jedenfalls "Der Goldene Kompass". :D

    Es beginnt jugendbuchig: Die junge Lyra und ihr Daemon, eine vertraute Gestalt, die ihre Form zu verschiedenen Tiergestalten wechseln kann, belauschen ein Treffen von Wissenschaftlern der Jordan-Universität in Oxford. Und was soll ich sagen, das geht gleich düsterer zur Sache, als ich dachte. In zwei Kapiteln gibt es schon einen Mordanschlag und einen abgetrennten Kopf.

    Das ganze spielt in einem Paralleluniversum zu unserem, wie es scheint. London und Sankt Petersburg gibt es, aber es gibt eben Magie, Daemonen (explizit mit ae geschrieben) und wohl auch ein Volk von intelligenten Bären, wie man das vielleicht auch aus dem Film kennt - kenne da nur Szenen von, hab ihn aber nie ganz gesehen.

    Ein bisschen denke ich über die Verwendung der Erzählperspektive hier nach. Wir folgen den Figuren nicht unbedingt in einer strengen personalen Perspektive, sondern bekommen auch mal Dinge geschildert, die sie nicht wissen. Kapitel 3 beginnt mit einem Exkurs über die Uni und wird nicht durch die Perspektive einer Figur dargestellt. Und warum stört mich das nicht? Irgendwie gefällt mir das sogar, solange das in überschaubaren Dosen verwendet wird. Trotzdem ist es etwas, wovon einem wahrscheinlich jeder Ratgeber abraten würde. Warum kommt Pullman damit bei mir durch? Keine Ahnung.

    So, beende!

    Für mich ein ideales Jugendbuch.
    In einer Welt, die unserer ähnelt, aber nicht unsere ist, wächst die junge Lyra unter den Wissenschaftlern des Jordan College in Oxford auf. Eines Tages belauschen sie und ihr Daemon Pantalaimon ein Treffen zwischen ihrem Onkel Asriel und den Wissenschaftlern, das schwere Folgen hat. Wochen später wird ihr Onkel gefangen genommen, überall verschwinden Kinder, die angeblich von den Gobblern gefressen werden, und Lyras Zeit in Jordan muss zu einem Ende kommen, denn die mysteriöse Mrs. Coulter möchte sie als ihre Assistentin.
    Es beginnt eine Reise, in der Lyra von einem Ort zum nächsten stolpert und Zeugin eines Kriegs wird, der die Kirche, die Wissenschaft, die Gypter, die Hexen und die Panzerbären mit in einen Strudel zieht, und die Folgen sind nicht abzusehen ...

    Und man, hat das Spaß gemacht! Düster war's - und ernst - wie man es bei den typischen Jugendbüchern mit ihren marvel-artigen Witzdialogen nicht erwarten würde. Zum Teil bin ich bei manchen Figurenbeziehungen stark an Gothic-Romane erinnert und damit kriegt man mich.

    Der Fokus liegt natürlich auf Lyra, aber wenn doch mal abseits von ihr berichtet wird, führt das immer zu etwas und kommt zum Blühen. (Nicht wahr, George R. R. Martin?) Die Handlung ist so gut komponiert mMn, aber ich kann es ohne Spoiler nicht näher ausführen. Man spürt den Kreis, der sich am Ende schließt, deutlich. Man spürt, wie alles ineinander gegriffen hat und Bedeutung und Gewicht hatte.

    Die Daemonen sind ein spannendes Konzept. Jeder Mensch hat einen erweiterten Teil seiner Seele, einen tierischen Begleiter, mit dem sie Gedanken und Emotionen teilen. Dieser Daemon kann bei Kindern noch die Gestalt ändern, bei Erwachsenen hat der Daemon eine endgültige Gestalt angenommen. Es ist eine sehr explizite und starke Darstellung des Erwachsenwerdens, zusammen mit den Ängsten, die dazu gehören. Was, wenn der Daemon für immer ein Delphin bleibt? Kein Kind will, dass sein Daemon sich nicht mehr verwandeln kann und damit seine kindliche Freiheit einbüßt.

    Und Pullmans Sprache muss auch gelobt werden, die im englischen Original wahrscheinlich nochmal heller leuchtet. Wenn man den Fluss und die Eleganz hier mit der drögen Ödnis von Trudi Canavan vergleicht ... Es gibt jedenfalls einen Grund, warum Leute noch immer über diese Reihe sprechen.

    Meine volle Empfehlung. Auf zum nächsten Teil, "Das Magische Messer".

    Habe mich mal wieder an einen dicken Schinken gewagt, nämlich Die Gestirne von Eleanor Catton.

    In Neuseeland betritt zur Zeit des Goldrauschs ein junger Jurist, der Goldgräber werden will, einen Salon, in dem zwölf Männer sich eigentlich heimlich treffen wollten. Er hat es durch Zufälle an allen Sicherheitsmaßnahmen vorbei geschafft ohne sie überhaupt wahrzunehmen und wird nun in die komplexen Intrigen der Stadt Hokitika eingewiesen.

    Das ist bisher ein wunderbar altmodischer Roman - ein allwissender Erzähler navigiert meisterlich, also sowohl flüssig, nachvollziehbar und angenehm, durch Gegenwart und Vergangenheit, von Figur zu Figur, und es ist einfach ein Erzählfest. <3

    Nach der Hälfte endet dann der erste große Teil des Buchs. Elf weitere folgen. Teil Zwei ist nur noch halb so lang wie Teil Eins, Teil Drei halb so lang wie Teil Zwei und so weiter. Mal sehen, wie sich diese Dynamik noch entwickelt. Nach Teil Eins sind alle Spielsteine platziert und durch das persönliche Drama der Figuren, habe ich jede Seite genossen. Und nun rollt das Teil ... Guter Stoff. Ich werde vielleicht ein Fan der Autorin :thumbup:

    So, neulich habe ich Die Gestirne auch beendet. :)

    Ein Plot aus einer Vielzahl von Fäden gibt den Staffelstab von Figur zu Figur weiter, bis man am Ende kaum sagen kann, ob Walter Moody, der anfangs die Identifikationsfigur ist, wirklich als Protagonist bezeichnet werden kann.
    In allwissender Manier wird angenehm altmodisch erzählt. Lange Kapitel mit langen Gesprächen prägen den Großteil des Romans, und in diesen Gesprächen wird viel vom Setting etabliert, von den Figuren und ihren Hintergründen, alles wird zugänglich und erfahrbar.

    Walter Moody stolpert also, den Sicherheitsmaßnahmen zum trotz, nichtsahnend in einen Salon, in dem sich zwölf Männer zu einem Geheimtreffen verabredet haben, um kuriose Geschehnisse zu besprechen. Ein Mann ist tot, eine Hure hat versucht, sich das Leben zu nehmen, und ein gigantischer Haufen Gold im Wert von 4000 Pfund ist aufgetaucht.
    Walter Moody lässt sich die Ereignisse berichten, wie die zwölf Männer sie zu berichten wissen. Das ist die erste Hälfte des Romans und der erste Teil von insgesamt zwölf. Die restlichen elf Teile spielen sich also in der anderen Hälfte ab. Wie muss man sich das vorstellen?
    Nun, die Szenen werden zunehmend stromlinienförmiger, kürzer und - durch das bereits etablierte Setting - ärmer an Beschreibungen. Zum Ende hin enthalten die Kapitelüberschriften mehr Plot als die sehr kurzen Kapitel, die durch die Überschriften manches auch nur noch andeuten müssen. Alles verkehrt sich so ins formale Gegenteil. Wo Moody anfangs der Protagonist zu sein schien, ist er später nur noch eine Erwähnung; wo die anfangs nur erwähnten Figuren nur fernes Rauschen zu sein schienen, sind sie am Ende die Hauptträger der Handlung.
    Und über diese Handlung sollte ich wirklich kaum weitere Worte verlieren, denn ein so plotreicher Roman will selber entdeckt werden. Nur so viel: Im Prinzip haben wir es hier mit einer Kleinstadt-Story zu tun, in der jeder Figur ihre Zeit im Rampenlicht bekommt.

    Die Sprache ist sowohl transparent als auch elegant, passend zum viktorianischen Stil, an den das Buch angelegt ist. In langen Sätzen navigiert einen Cattons Erzähler meisterlich und in fließenden Bewegungen durch die Kapitel, dass es eine Freude ist. Hier gibt es keine modernistischen Experimente, und das begrüße ich ausdrücklich, nachdem Rushdies "Mitternachtskinder" mich noch immer ermüdet zurücklassen - auf keine schlechte Weise, möchte ich betonen.

    Thematisch - worum geht's da eigentlich? Vielleicht das Schicksal und die Liebe, vielleicht auch das Glück, wie sich das für eine Geschichte über ein Goldgräberdorf gehört.
    Mit den Gestirnen hat die Geschichte in sofern zu tun, dass jede Figur für einen Planeten oder ein Sternenbild steht oder so. Kenner werden an Kapitelnamen und den Tierkreiszeichen wahrscheinlich einiges über den Plot ableiten können, aber ich bin kein Kenner der Astrologie und kam auch prima zurecht.
    Was ich hier vor allem erkenne, ist ein intelligent gestalteter, altmodischer und postmoderner historischer Roman, der vor allem eines kann: unterhalten. Wer den Atem für einen Tausendseiter hat, dem empfehle ich dieses Ding ohne Einschränkungen.

    Das ist eine gute Frage - auf der einen Seite geht es darum dass die Bene Gesserit ja lokale Mythen verwenden um ihre Agenda zu foerdern - auf der anderen Seite ist auch und gerade fuer sie Paul der Kwisatz Haderach - und woher dieser Meta-Mythos jetzt kommt bleibt in den Buechern etwas im Unklaren (die werden eh umso raetselhafter je weiter die Serie fortschreitet).

    Stimmt, der Film hat das angesprochen, aber (bisher?) nicht weiter ausgeführt. Die Bene Gesserit scheinen sich jedenfalls sehr für Fortpflanzung und - äh - Züchtung zu interessieren. :hmm: Und ohne einen religösen Glauben, denke ich nicht, dass sie das so durchgezogen hätten.

    Nachgedanke zum Film. Dune gilt ja als unverfilmbar, zumindest in der länge eines einzigen Films. Nun kenne ich die Vorlage nicht, aber ... musste denn die Handlung des Films auf Caladan beginnen? War die Exposition dort wirklich nötig oder hätte man das nicht über Konversationen auf Arrakis oder während des Flugs dorthin lösen können? Denke jedenfalls, dass die epische Länge der beiden Filme auf einen einzigen Film hätte gekürzt werden können. Ob Dune Messiah dann noch da reingepasst hätte, was ja jetzt Dune Part Three werden soll, keine Ahnung. Aber irgendwie zweifle ich an der Unverfilmbarkeit, nur weil es bisher nicht gelungen ist. Hat mehr was von einem Fluch, den die Leute sich einreden. Vielleicht ändert sich der Eindruck ja, wenn ich die Bücher mal lese.
    Ich mag die neuen Filme trotzdem und hatte keine Probleme mit der Länge. Nur, wenn ich an Kurzgeschichtenprojekte denke, beispielsweise, etwas für die Anthologie zu schreiben, und dann höre, die Geschichte von Dune ginge nicht in kurz ... bin ich mir nicht so sicher.

    Habe mich mal wieder an einen dicken Schinken gewagt, nämlich Die Gestirne von Eleanor Catton.

    In Neuseeland betritt zur Zeit des Goldrauschs ein junger Jurist, der Goldgräber werden will, einen Salon, in dem zwölf Männer sich eigentlich heimlich treffen wollten. Er hat es durch Zufälle an allen Sicherheitsmaßnahmen vorbei geschafft ohne sie überhaupt wahrzunehmen und wird nun in die komplexen Intrigen der Stadt Hokitika eingewiesen.

    Das ist bisher ein wunderbar altmodischer Roman - ein allwissender Erzähler navigiert meisterlich, also sowohl flüssig, nachvollziehbar und angenehm, durch Gegenwart und Vergangenheit, von Figur zu Figur, und es ist einfach ein Erzählfest. <3

    Nach der Hälfte endet dann der erste große Teil des Buchs. Elf weitere folgen. Teil Zwei ist nur noch halb so lang wie Teil Eins, Teil Drei halb so lang wie Teil Zwei und so weiter. Mal sehen, wie sich diese Dynamik noch entwickelt. Nach Teil Eins sind alle Spielsteine platziert und durch das persönliche Drama der Figuren, habe ich jede Seite genossen. Und nun rollt das Teil ... Guter Stoff. Ich werde vielleicht ein Fan der Autorin :thumbup:

    Ich habe endlich mit Die Insel der tausend Leuchttürme von Walter Moers begonnen. :) Das Buch hat Monate in meinem Regal gewartet, am Erscheinungstag (oder kurz danach, weiß ich nicht mehr) hab ich es gekauft, aber jetzt erst ist die Zeit reif.

    Zamonien goes Nordseeinsel - Hildegunst von Mythenmetz, der schon viel gebeutelte Protagonist und Autor von ein paar anderen Zamonienromanen (die Moers netterweise vom Zamonischen und Deutsche übersetzt hat), fährt zur Kur für seine Buchstauballergie auf die Insel Eydernorn. (Genau. Norderney.)

    Und was ihn dort erwartet, das finde ich gerade noch heraus. Bisher (25%) wird die Insel erkundet und man lernt man die skurrilen Gestalten, Tiere und die Kultur kennen. Nach und nach wird alles aber immer seltsamer ... Ich erwarte langsam, dass der Plot wirklich beginnt. Mal sehen, ob ich recht habe. :D

    Ich bin in eine Leserunde von His Dark Materials bzw. der Der-Goldene-Kompass-Trilogie von Philip Pullman gerutscht. Eigentlich gar nicht auf meinem Radar dieses Jahr, aber ich brauche auch ein bisschen Spontanität in meinem Leseleben, also ... jetzt lese ich jedenfalls "Der Goldene Kompass". :D

    Es beginnt jugendbuchig: Die junge Lyra und ihr Daemon, eine vertraute Gestalt, die ihre Form zu verschiedenen Tiergestalten wechseln kann, belauschen ein Treffen von Wissenschaftlern der Jordan-Universität in Oxford. Und was soll ich sagen, das geht gleich düsterer zur Sache, als ich dachte. In zwei Kapiteln gibt es schon einen Mordanschlag und einen abgetrennten Kopf.

    Das ganze spielt in einem Paralleluniversum zu unserem, wie es scheint. London und Sankt Petersburg gibt es, aber es gibt eben Magie, Daemonen (explizit mit ae geschrieben) und wohl auch ein Volk von intelligenten Bären, wie man das vielleicht auch aus dem Film kennt - kenne da nur Szenen von, hab ihn aber nie ganz gesehen.

    Ein bisschen denke ich über die Verwendung der Erzählperspektive hier nach. Wir folgen den Figuren nicht unbedingt in einer strengen personalen Perspektive, sondern bekommen auch mal Dinge geschildert, die sie nicht wissen. Kapitel 3 beginnt mit einem Exkurs über die Uni und wird nicht durch die Perspektive einer Figur dargestellt. Und warum stört mich das nicht? Irgendwie gefällt mir das sogar, solange das in überschaubaren Dosen verwendet wird. Trotzdem ist es etwas, wovon einem wahrscheinlich jeder Ratgeber abraten würde. Warum kommt Pullman damit bei mir durch? Keine Ahnung.

    Neulich mal gelesen:

    Das Urteil und In der Strafkolonie von Franz Kafka.

    Ich habe eine Sammlung von Kafka mit (fast) den sämmtlichen Werken, aber ich habe sie eher aus Versehen. Nun gehe ich hin und wieder mal was davon an, denn ich hab's ja jetzt da. Ob ich Lust auf die Romanfragmente habe, muss sich aber noch zeigen.

    Das Urteil ist eine Kurzgeschichte, die irgendwie flüssig von einer Geschichte zu einer anderen wird. Die Geschichte, die man am Ende liest, ist irgendwie nicht mehr die, die man am Anfang las. Aus irgendeinem Grund ist das stimmig, vielleicht bilde ich mir das auch ein. Jedenfalls ist das ein ganz gutes Beispiel für den Kafka, vor dem Schüler Angst haben. Interpretiere! Das Ding ist, dass laut Wikipedia niemand eine schlüssige Interpretation zu haben scheint, nicht einmal Franz selbst hat es gewusst, sondern nach eigener Aussage die Worte aufgeschrieben, wie sie kamen.
    Ein junger Geschäftsmann schreibt einen Brief an seinen Freund in Sankt Petersburg, dessen Geschäfte nicht gut laufen. Aus irgendeinem Grund möchte der Protagonist den Freund auf Abstand halten. Später in einem Gespräch mit den Vater macht der Vater ihm Vorwürfe und spielt auf Dinge an, die wir als Leser nicht verstehen können, weil sie nie konkret beschrieben werden. Das gibt einen Effekt von Paranoia und macht alles traumartig ...
    Und das ist irgendwie cool. Nur fragt mich nicht, was das einem sagen soll - ich denke, das geht ein bisschen am Punkt vorbei. Das ist eher Horror oder, sagen wir mal, surreal verstörend als sozialer Kommentar, schätze ich. Jedenfalls regt es dazu an, über die Geschehnisse nachzudenken.

    In der Strafkolonie ist ähnlich, aber durchaus zugänglicher. Die distanzierte und neutrale Erzählweise Kafkas lässt die Geschichte märchen-/traumartig wirken. Einem Reisenden wird eine Foltermaschine, die am Ende das Opfer tötet, erklärt. Der erklärende Offizier ist in diese Technik vernarrt und ist einer der letzten Anhänger dieser Hinrichtungsmethode (ohne Prozess, ohne Anhörung, ohne Urteilsverkündung - der Verurteilte weiß nicht, dass er hingerichtet wird, wenn er auf die Maschine geschnallt wird), und er bedrängt den Reisenden, beim Vorgesetzten für die Maschine einzutreten. Es gibt da also einen Machtkampf zwischen einer alten bürokratischen Ordnung und einer neuen. Das ist ein wichtiger Teil des Kafkaesken: Die Bürokratie, das Arbeitsleben.
    Jedenfalls ist die Geschichte auch hier verstörend, weil in so einem neutralen Ton so merkwürdige Ereignisse geschildert werden. Die Psychologie der Figuren ist auch Interpretationssache. Kann man doof finden, aber für Kafka funktioniert es. Und irgendwie ist es rund ... Wieder gibt es Fragen, Fragen, Fragen, aber keine Antworten. Und irgendwie ist das cool?

    Ohje, ich hab hier ein bisschen was aufzuholen. Ich mache das lieber nach und nach, denke ich.

    Neulich habe ich Salman Rushdies Mitternachtskinder beendet, was laut vielen Kennern sein bester Roman zu sein scheint. Bekannter ist ja der andere ... Aber vorher war Rushdie schon ein international großer Name, und das hat er "Mitternachtskinder" zu verdanken.

    In der Stunde zwischen Mitternacht und Ein Uhr, direkt zur Unabhängigkeit Indiens, werden eintausendundein Kind geboren, jedes von ihnen mit magischen Fähigkeiten ausgestattet. Eines davon ist der Erzähler Saleem Sinai, der genau Schlag Mitternacht auf die Welt kam. Er hat telepathische Kräfte, mit denen er mit den anderen Mitternachtskindern sprechen kann.

    Doch bis wir an diesem Punkt ankommen, dauert es, denn der Roman ist vor allem ein historischer Familienroman, der sich an der Geschichte Indiens, etwas Pakistans und ein bisschen Bangladeschs entlang hangelt. Die Geschichte beginnt bei Saleems Großvater Aadam Aziz und seiner Rückkehr nach Kaschmir, nachdem er in Deutschland zum Arzt ausgebildet wurde. Das ist ein großer Bogen, der da gespannt wird. Die Figuren tun ihre alltäglichen Dinge und die erzählten Episoden sind meist absurde und oft auch sexuelle Geschichten (sehr nach meinem Geschmack).

    Wenn Saleem dann endlich auf der Welt ist und die Mitternachtskinderkonferenz einberufen wird, dann denkt man sich als Leser vielleicht: "Okay ... jetzt wird mit den Mitternachtskindern eher wenig gemacht?" Stimmt. Man darf nicht mit den X-Men rechnen. Zu den Mitternachtskindern kommt Rushdie zum Glück auch zurück. Als Erzähler lässt er einen nicht im Stich, würde ich sagen. :)

    Dann ist natürlich noch Rushdies Schreibe. Wenn ich ihn mit Autoren vergleichen müsste, dann wären das Gabriel Garcia Marquez (für die triebgesteuerten Familienepisoden, gutes Zeug) und Günter Grass (für die Prosa an sich, für viele modernistische Erzähltechniken, für die immer wiederkehrenden Symbole und Zusammenhänge, die Saleem für die Leser aufbaut). Dann ist Rushdie auch selbsterklärter Fan von James Joyce, den ich nicht gelesen habe, aber er selbst nennt ihn als einen Einfluss. Und daher kommen dann viele der Elemente von der Form, potentiell anstrengend sind. Man muss da für sich selbst wissen, wo die Schmerzgrenze ist. Ich habe meine Zeit mit dem Buch sehr geschätzt, aber wie mit allem von Grass (auch den guten Büchern von ihm), war ich am Ende einfach froh, damit fertig zu sein. Es war ein guter Ritt, aber müde macht er trotzdem.

    Wer davor keine Angst hat, kann es hier gerne mit Rushdie versuchen. Die Satanischen Verse sollen sperriger und weniger zugänglich sein. Seine neueren Romane sind angeblich weniger dicht und einfach zugänglicher geschrieben. So einen werde ich mal als nächstes angehen. Aber bald. Ich brauche jetzt was einfacheres.

    Ich halte mich mal kurz. :)

    Letzten Freitag Dune als Blue-Ray gesehen. War toll, der Soundtrack dröhnte vielleicht manchmal etwas zu mächtig, aber die Bilder waren toll, immersiv und ich kam mir vor, als würde ich Kino schauen und nicht was von der Stange. Die liebevolle Art von Leto hat mich ebenso überrascht und für den Film gewonnen, wie sein prächtiger Bart. <3 Und ich wusste zumindest ein paar wenige Dinge über die Geschichte, und als die dann passiert sind, war das ein angenehmer Aah!-Moment.
    Man merkt dem Film aber auch an, dass er nur ein Bruchstück von was größerem ist. Der Schnitt war sicher gut gesetzt, aber es fehlte eben etwas.

    Samstag dann Dune 2 im Kino gesehen. Alles gute über den ersten Film lässt sich auch auf den zweiten übertragen. Dieses Mal kam man Paul endlich näher. Im ersten Film wirkt er verschlossen und traurig, im zweiten blüht er auf, bevor ... aber schaut lieber selbst. Ich muss auch sagen, dass ich die Sandwürmer und die blauen Augen ästhetisch auch einfach sehr cool finde. D:
    Ich war gefesselt in meinem Sitz, aber nicht so rauschhaft und atemlos wie bei Oppenheimer, wo man keine Sekunde zum Reflektieren hat, sondern auf eine angenehme Weise. :hmm: Starker Film, gefällt mir 1) besser als Teil 1, aber eben weil er 2) Teil 1 vollständig macht.
    Auch überrascht war ich von der starken religiösen Komponente, aber das hat mir sehr gefallen. Sicher, der Film (und ich nehme an Frank Herbert auch?) hat eine sehr zynische Sicht darauf. Aber ich habe mich über diesen Fokus sehr gefreut, denn seit einer Weile hätte ich irgendwie Lust darauf, selbst mal sehr religiöse Fantasy zu schreiben und mich dafür in diese Themen reinzuarbeiten ... vielleicht irgendwann mal. :D
    Alles an dieser Geschichte fühlt sich für mich klassisch an. Der Messias, die Prophezeiung, Pauls Verweigerung, die Familienbande. Aber je mehr ich lese oder schaue, desto mehr finde ich "klassisch", egal wie das Gewandt genau aussieht, immer attraktiver. :hmm:
    Ich glaube, die Bene Gesserit finde ich mit am coolsten. Deren Stimme war wirklich furchteinflößend dargestellt. D:

    Jetzt freue ich mich auf Dune Part 3 :D Und werde in der Zwischenzeit hoffentlich mal zu den Büchern greifen.

    Ich habe mir gestern mal als Hörbuch über Spotify Die Verwandlung von Kafka gegeben und endlich diese Bildungslücke geschlossen.

    Ich kannte vorher von Kafka nur sehr kurze Kurzgeschichten, die eine oder zwei Seiten umfassen, und ich fand sie sehr gelungen, auf den Punkt erzählt und vor allem zeigten sie bereits, was Die Verwandlung jetzt für mich bestätigt hat: Kafka ist, auch nach 100 Jahren, immer noch verdammt lesbar. Seine Sprache besitzt wenige Schnörkel, die dafür gut gesetzt sind, und bis auf ein paar Formulierungen, die heute nicht mehr üblich, aber immer noch verständlich sind, ist er kaum gealtert.

    Ich habe gut die Bekannten im Ohr, die Kafka wegen Schullektüren nicht leiden können. Und es ist verständlich, dass Kinder, die die Lebensrealität von Kafkas Figuren vielleicht gar nicht begreifen, damit nichts anfangen können. Ein paar Jahre später dürfte das aber nochmal anders aussehen. Gregor Samsa ist jemand, mit dem man problemlos mitfühlen kann.

    Die Prämisse kennt wohl jeder: Gregor wacht eines morgens als nicht näher bestimmtes Ungeziefer auf. Statt in Panik zu geraten, wie es sonst wahrscheinlich jeder tun würde, macht er sich Sorgen, dass er zu spät zur Arbeit kommt. Und zu Recht, denn er ist effektiv von seinem Job, den er nicht mag, versklavt und muss dabei seine Eltern und seine Schwester ernähren, die ihm dafür aber auch nicht wirklich dankbar zu sein scheinen. Nun fällt er plötzlich aus und wird ihnen lästig ...

    Das kann man bereits als eine Allegorie für Menschen mit plötzlichen Behinderungen auslegen. Auch die Scham der Familie passt da hinein; sie versuchen alles, Gregor vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Diese Lesart lässt sich bis zum Ende beibehalten.

    Doch rein allegorisch lässt sich Die Verwandlung auch nicht lesen, denn Gregor ist tatsächlich ein Ungeziefer. Wenn er nicht mehr versucht, in seinem neuen Körper einen Menschen zu mimen, dann fühlt sich Gregor plötzlich wohl in seiner Haut, füttert aber nur den Ekel seiner Familie. Hier ließe sich auch eine Parallele zur Lebensrealität vieler queerer Menschen ziehen. Ich bin sicher, dass weitere Deutungen möglich sind, die mir noch nicht in den Sinn kamen.

    Einige Ereignisse der Geschichte wären aber schlicht unsinnig, wenn Gregor "nur" allegorisch ein Ungeziefer wäre. Er ist es allegorisch und er ist es tatsächlich. Und das sind doch die besten Allegorien. Günter Grass, Gabriel Garcia Marquez und Salman Rushdie haben später ähnliche Verwandlungen in ihren Werken verwendet. Wer weiß, wo sie ohne Kafka gewesen wären?

    Kafka beschränkt sich aber nicht nur auf die Familie, denn sobald die Samsas Mieter einziehen lassen, um ihre Rechnungen zu bezahlen, bekommen wir Leser den Druck der Außenwelt zu spüren, der die Familie sicher zur einen oder anderen Handlung getrieben hat. Vorher hätte man sich fragen können, wer hier das eigentliche Ungeziefer ist: Gregor oder seine Familie? Aber plötzlich wird die scheinbar böse Familie wieder sehr menschlich, und wir sehen, wohin Überforderung führen kann. Ohne diese zusätzliche Ebene würde etwas fehlen, und das ist, denke ich, der wichtigste Punkt: Diese Erzählung ist formvollendet.

    Banger! Von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

    Ein Drittel in A Dance With Dragons ist geschafft. (Sogar ein bisschen mehr, aber ich schreibe erst jetzt hier.) Mittlerweile kann ich es nicht mehr leugnen: Ich werde zum Fanboy. :D
    Die Tragik der Figuren, die ich für Band 4 schon angesprochen hatte, findet sich natürlich auch in Band 5. Es gibt Prophezeiungen, aber die Auslegung ist schwierig ... Sind die Götter real? Manche Gläubige haben echte magische Kräfte, bei manchen könnte man es so interpretieren. Ist das Spiel der Throne vielleicht ein Schachspiel der Götter? Wird Daenerys vielleicht trotz aller guten Absichten wahnsinnig, weil sie trotz allem gehasst wird und die kleinen Leute leiden müssen, weil sie den Status Quo aufmischt?
    Fragen über Fragen. Ich hoffe, wenigstens GRRM wird sie für sich beantworten können, und vielleicht auch für mich, in den restlichen 2 Dritteln dieses Buchs.
    Es ist echt gut, aber man muss es schon bingen, sonst ist es einfach zu viel.

    3/4. Kommende Woche beende ich es wohl. :)

    Ich bin nach wie vor verzaubert. In Meereen ballt sich einiges an Mist zusammen. Bin gespannt, wie sich das auflöst.

    Ich habe nicht viel zu ergänzen, nur dass ich jetzt, nachdem ich viel andere Literatur kennengelernt habe, mal wieder richtig High Fantasy zu spüren bekomme. Und das ist schön. Weil ich einige Jahre lang gar nicht gelesen habe, habe ich das Gefühl, jetzt vieles nachzuholen.

    Band 5 geschafft, damit bin ich jetzt auf dem aktuellen Stand der Geschichte. Hurra! Ich bereue nichts.

    Der Parallelband zu A Feast for Crows konzentriert sich auf die Mauer im Norden und auf das Geschehen in Essos, was hier erstaunlich viel Platz einnimmt. Das ist einerseits ganz cool, weil man die Orte dort sonst kaum kennenlernen konnte. Andererseits kann man auch durchaus frustriert darüber sein, aber der genaue Grund wäre sowas wie ein Spoiler ...
    Es war schon immer so, dass diese Reihe sehr langsam voranschreitet; hier wird das auch wieder sehr deutlich. Wo in Band 3 Schlachten und Hochzeiten und Morde viel Raum einnahmen, wird dieses Mal, weil die Mächte wieder Anlauf nehmen, viel vorbereitet. Neue Orte, neue Fraktionen, neue, komplizierte Politik.
    Es gibt Ereignisse, auf die ich seit Band 1 warte und die noch immer nicht eingetreten sind. Und es gibt Ereignisse, die ich in diesem Band erwartet habe, weil sie sich erst hier aufgebaut haben, die aber wohl den Anfang von The Winds of Winter markieren werden, sollte Buch 6 denn mal erscheinen.
    Und trotzdem habe ich es geliebt. GRRM muss kein toller Stilist mehr werden, das ist mir mittlerweile egal. Er kann so oft er will "Words are Wind", "He was not wrong", "Reek, Reek, it rhymes with leek" und all die anderen Sätze wiederholen, die er so gerne wiederholt, solange die Geschichte weiter so immersiv, die Figuren und ihre Konflikte so scharf charakterisiert bleiben.

    So breit war A Song of Ice and Fire noch nie. George, nur du kannst diese Knoten entwirren! Keinen Druck, ABER (hehehe) bitte enttäusch uns nicht! Dx


    So, jetzt gehöre ich mit in den Club der Wartenden. Tja ja. Immerhin ist der Winter endlich da,

    auch wenn ...

    ... Dany immer noch nach Westeros kommen muss. Es hat noch nicht mal die Schlacht um Meereen stattgefunden, sondern die kommt wohl an den Anfang von The Winds of Winter. Nicht fair, George!


    Vielleicht gebe ich mir mal die Abenteuer von Dunk und Egg :hmm:

    Weiter geht's mit A Dance With Dragons. 100 Seiten bin ich schon drin. Es ist schön, die Fan-Favoriten wiederzusehen. :)

    Ein Drittel in A Dance With Dragons ist geschafft. (Sogar ein bisschen mehr, aber ich schreibe erst jetzt hier.) Mittlerweile kann ich es nicht mehr leugnen: Ich werde zum Fanboy. :D
    Die Tragik der Figuren, die ich für Band 4 schon angesprochen hatte, findet sich natürlich auch in Band 5. Es gibt Prophezeiungen, aber die Auslegung ist schwierig ... Sind die Götter real? Manche Gläubige haben echte magische Kräfte, bei manchen könnte man es so interpretieren. Ist das Spiel der Throne vielleicht ein Schachspiel der Götter? Wird Daenerys vielleicht trotz aller guten Absichten wahnsinnig, weil sie trotz allem gehasst wird und die kleinen Leute leiden müssen, weil sie den Status Quo aufmischt?
    Fragen über Fragen. Ich hoffe, wenigstens GRRM wird sie für sich beantworten können, und vielleicht auch für mich, in den restlichen 2 Dritteln dieses Buchs.
    Es ist echt gut, aber man muss es schon bingen, sonst ist es einfach zu viel.

    3/4. Kommende Woche beende ich es wohl. :)

    Ich bin nach wie vor verzaubert. In Meereen ballt sich einiges an Mist zusammen. Bin gespannt, wie sich das auflöst.

    Ich habe nicht viel zu ergänzen, nur dass ich jetzt, nachdem ich viel andere Literatur kennengelernt habe, mal wieder richtig High Fantasy zu spüren bekomme. Und das ist schön. Weil ich einige Jahre lang gar nicht gelesen habe, habe ich das Gefühl, jetzt vieles nachzuholen.

    Ich schließe mich Chaos Rising an, dass deine Ausführungen sehr ausführlich sind und ich deswegen kaum etwas hinzufügen kann. Ein klasse Beitrag! :D Im Prinzip kommen wir hier wieder in die Gewässer von Show-Don't-Tell.

    So, das war’s von meiner Seite aus! Wie steht ihr zum Thema »Subtext«?

    Ich mag Subtext auch, weil ich mich, wie die anderen hier schon geschrieben haben, sonst unterfordert oder bevormundet fühlte. :hmm: Ich bemerke aber auch, dass es Geschichten gibt, die mit deutlich weniger Subtext auskommen und vielleicht deswegen verdammt gut sind. Das führe ich mal zu einer der folgenden Fragen näher aus.

    Wie geht ihr in euren Geschichten damit um? Welche Methoden nutzt ihr, um Subtext in eure Werke zu integrieren?

    Ich versuche mit Subtext zu arbeiten, so gut es geht. :rofl: Das Ding ist, dass meine Geschichten erfahrungsgemäß lebendiger werden, wenn ich sie improvisiere, aber sie brauchen für sinnvollen Subtext und den nötigen Fokus auch einen gewissen Anteil an Planung. Ich denke, dass sich Subtext für mich also vor allem nachträglich, wenn die groben Dinge alle stehen, einarbeiten lässt, und dann die szenischen Abschnitte erst wirklich glänzen können.

    Lest ihr gerne Geschichten, die auf viel Subtext setzen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?

    Ich lese unterschiedliche Geschichten aus unterschiedlichen Gründen sehr gerne. :) Die verschiedenen Typen von Geschichten und Erzählperspektiven/-situationen (oder wie auch immer man das nennt) scheinen jeweils mit mehr oder weniger Subtext leben zu können. Je filmischer und szenischer eine Geschichte geschrieben ist, umso wichtiger wird es eigentlich, und die meisten Geschichten, gerade in der Genre-Literatur, sind sehr filmisch geschrieben.
    Jetzt stehe ich aber auch auf Fabulierer wie Walter Moers, die manchmal eine sehr starke Präsenz vom Erzähler haben. Vielleicht liegt es auch am Humor, aber ich habe den Eindruck, dass Moers geraderaus einfach alles ausspricht. :rofl: Kann man doof finden, aber seine Geschichten leben eher selten vom Mystery-Anteil - und wenn sie es doch tun, dann arbeitet er auch ganz bewusst mit Subtext. :) Wahrscheinlich kommt es auch aufs Genre an, aber wenn ein Autor mir etwas anderes anbieten kann, beispielsweise ein tolles Spiel mit Sprache, komme ich auch mit weniger Subtext aus.

    Wie hoch schätzt ihr das Risiko ein, dass Leser den Subtext nicht aufgreifen? Ist das ein Grund, auf Subtext zu verzichten?

    Es gibt immer Leser, die Subtext nicht aufgreifen werden. Um auf Show-Don't-Tell zurück zu kommen: Bestimmte Informationen sollten an den wichtigen Stellen einer Geschichte einfach direkt vermittelt werden mMn. "Zeigen" statt "behauten", bedeutet ja, dass man eine Info irgendwie indirekt an die Leser bringt. Aber man kann nicht jede Information indirekt ausdrücken, manches muss für die Klarheit der Informationen einfach geraderaus vermittelt werden.

    Meiner Erfahrung nach wollen viele Leser die Gedanken einer Figur direkt vermittelt bekommen, um ihre Motivation verstehen zu können. Das ist beispielsweise ein Feld, wo ich allzu viel Subtext eher vermeide, denn was eine Figur denkt, ist ja ziemlich direkt, warum also viel um den heißen Brei herum reden? Ob die Schlüsse, die eine Figur zieht, jetzt der Wahrheit entsprechen oder eher nicht, ist dann wieder eine andere Frage. :D

    Das Beispiel mit Bellas Vater Charlie finde ich da auch sehr nett. Bella sagt es uns direkt - okay, kann sie machen. Ihr Vater ist aber auch eine wichtige Figur (nehme ich an?), bei ihm könnte man also eigentlich mehr Mühe in den Subtext investieren, denn er wird ja durchaus mehr Präsenz in der Geschichte haben. Da ist mit der Erklärung eigentlich eine Chance vertan. Wäre ihr Vater kaum in der Geschichte vorhanden, könnte Bella uns einfach mitteilen, dass ihre Beziehung zu ihm nicht gut ist, und das würde uns vielleicht etwas über sie mitteilen, statt unnötig zu erklären. Dann wäre so ein Satz vielleicht sogar ein cooler kleiner Fakt.

    Mir kommt hier spontan die Beobachtung, dass es ein Textgenre gibt in dem man praktisch gar nicht in Versuchung gefuehrt ist ohne Subtext zu arbeiten - das... Drehbuch.

    Im Flim haengt ja kein Erzaehler rum der uns zusammenfasst wer was fuer ein Typ ist, sondern das muessen die Dialoge und das Spiel der Schauspieler tragen.

    Ich finde das Beispiel sehr passend! Ich beobachte, dass Literatur vor der Moderne oft deutlich mehr Präsenz vom Erzähler hatte. Persönlich ist das ein Element, das ich mag, aber ich mag auch nicht gerne auf moderne Szenen verzichten; diesen Erzählstil kann man sonst sehr trocken und elendig zu lesen machen. Seit der Moderne gibt es immer weniger auktoriale Erzähler, und ich denke, das hat auch mit dem Film zu tun. :) Die Leute schreiben jetzt deutlich mehr mit Filmen im Sinn.

    Die Tendenz, Begleitsätze und Filterwörter ("dachte sie", "fühlte er", und das gleiche mit schmecken, riechen etc.) zu vermeiden und die Präsenz von einer vermittelnden Erzählerinstanz immer weiter zu reduzieren, ist ja auch zu beobachten. Die Beschreibung "drehbuchartig" habe ich dafür auch schon öfter gesehen. Das geht für mein Empfinden schon etwas zu weit, denn so zu tun, als gäbe es einfach keine Erzählinstanz, kann ja auch nicht die Lösung sein.