Beiträge von kalkwiese

    melli

    Huhu! Es ist schön zu sehen, dass du noch an den Winterkönig denkst und weitermachen willst. Ich habe selbst mit einem Rework bei mir begonnen. Zwar war ich selbst nie so weit fortgeschritten wie du hier, aber leicht war die Entscheidung auch nicht unbedingt. Also Respekt dafür. :thumbup: Jede doofe alte Version ist nötig, um die bessere Version zu schreiben. Blein dran!

    Machen wir mal weiter.

    Ich habe jetzt Die Weiße Magierin: Kampf um Prelon von Tatjana Karg angefangen. Das ist ja Teil 2 von Rael s Reihe. Vor etwa einem Jahr habe ich den ersten Teil gelesen und es trotz einiger Kritik von mir gemocht. Im Prinzip war mein Eindruck, dass die Prosa noch nicht bereit für eine Veröffentlichung war, und das ist furchtbar schade, denn ich mag die Figuren wirklich!


    So weit ich weiß, wurde der eigentlich geplante erste Teil auf anraten des Verlages auf zwei Bücher aufgeteilt. Damit dürfte Teil 2 also wahrscheinlich die gleichen Probleme mit sich tragen, wie Teil 1. Ich schreibe das alles wirklich nicht gerne, aber ich fühle mich verpflichtet, ehrlich zu sein.


    Trotzdem freue ich mich darauf zu lesen, wie es weiter geht, denn Figuren wie Xarven oder Jerdan oder Ayigor sind einfach klasse. Was brüten die Gegenspieler nun aus, wo alle über Raels Fähigkeiten bescheid wissen? Wird Rael Xarven jemals akzeptieren? Wie war das nochmal mit der angeblichen Gedankenkontrolle? Dass ich mir solche Fragen überhaupt stelle, ist ein Zeichen für gutes Geschichtenhandwerk. Deswegen denke ich, dass Tatjana Karg irgendwann mal einen echten Hammer raushauen könnte.


    Parallel dazu habe ich das ungekürzte Hörbuch zu Die Seiten der Welt von Kai Mayer begonnen. Das gibt es auf Spotify und die anderen Teile übrigens auch. War mir gar nicht klar, dass man da so viele Hörbucher finden kann. :D

    Die Katakomben mit der Bibliothek, den Origamis, den Buchstabenschwärmen und Schimmelrochen, erinnern mich etwas an die Katakomben von Buchhaim (Walter Moers) und was das alles soll - ich freue mich schon drauf, das rauszufinden. :D

    Zu meiner Jugendweihe hat mir meine Tante Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry geschenkt. Das ist mittlerweile neun Jahre her und ich habe es nicht gelesen! So ein schmales Büchlein, so eine schöne Novelle, was für eine Schande!

    Ich hab das jetzt nachgeholt. Das kleine Ding ist voller Weisheiten, schöner Bilder und spricht durch so eine kindliche, sprachliche Linse, dass ich natürlich total drauf anspringe. :D Mit vierzehn Jahren hätte ich wohl gar nicht kapiert, was das Buch mir zu sagen versucht. Da ist so viel über Verantwortung, Liebe, Freundschaft und Trauer drin, auf diesen kurzen 110 Seiten.

    Wenn nur alle klassische Literatur so kurzweilig wäre. :D

    So, nun bin ich mit Die Karte Meiner Träume von Reif Larsen durch und Thorsten es war wirklich eine schöne kleine Geschichte! Das Buch hat aber seine Ecken und Kanten und die will ich zusätzlich nochmal erwähnen.


    Zuerst zum Guten:

    Die Illustrationen und Diagramme sind toll, weil humorvoll und voller Hintergrundinformationen, die die Figuren weiter charakterisieren. Auch der Stil liest sich flüssig und ist sehr wortgewandt. Insgesamt legt das Buch gar nicht so wert auf großes Tempo, was man auch daran erkennt, dass einzelne Tage sich über mehrere Kapitel erstrecken, aber es sind ja auch (wie der englische Originalname sagt) die Aufzeichnungen von T.S. Spivet, also geht es auch um T.S. Spivet und seine Gedanken zu, ja, allem! Die Kinderlogik wird toll eingefangen, trotz T.S.' wissenschaftlichem Anspruch. Dazu muss man sagen, dass es natürlich im Präteritum geschrieben ist und T.S. seine Geschichte also möglicherweise viele Jahre später erzählt und man so sicher auch seinen großen Wortschatz erklären kann.

    Ich mochte die Figuren. Sicher, sie sind alle etwas überzeichnet, aber sie wirkten nicht unecht oder gestelzt. Überhaupt hat sich die Geschichte recht natürlich angefühlt, in so ziemlich allem.


    Das hat aber nicht unbedingt zu meiner vollen Befriedigung geführt, wie ich jetzt erklären möchte.

    Das Buch ist in drei Teile geteilt: Der Westen, der T.S.' Leben auf der Ranch und seine Familie einfängt, Die Reise, die zu weiten Teilen ein historischer Roman über die Familiengeschichte der Spivets ist, und Der Osten, wo T.S. also seinen Wissenschaftspreis annimmt.

    Der so natürliche Flow, den ich beschrieben habe, führt auch dazu, dass die Geschichte insgesamt etwas antiklimatisch ist. Wo oder Höhepunkt? Ich hab zwar meine Verdächtigen für diesen Titel, aber gerade Der Osten ist recht spannungsarm. Das war schade. Außerdem ist in dieser Hardcover-Version eine Karte der USA mit den Handlungsorten der Kapitel eingezeichnet, die ein 15. Kapitel ankündigt. Und das 15. Kapitel gibt es nicht! Nummer 14. ist das logische Ende der Geschichte, es nichtmal ein Murakami-Move, wo das letzte Kapitel einfach aus leeren Seiten besteht. Warum also macht man das? Unnötig (Man kann natürlich sagen, dass T.S.' Leben natürlich weiter geht und usw., aber es bleibt unbefriedigend)! Ja. Insgesamt sind die Fäden wunderschön gesponnen, das Ende wirkt aber leider etwas fransig.


    Nichtsdestotrotz muss ich mir wohl eine eigene Hardcover-Version von dem Buch besorgen, denn allein durch die ganze Machart und den so eloquenten Stil usw. wäre es mit Leichtigkeit ein Juwel in meiner Sammlung.

    Leseempfehlung! :)

    Der Plan oder Wenn das Schicksal zurückschlachtet


    „Knarren“, zischte ich leise und rückte seinen Gürtel zurecht.

    „Geladen und versteckt.“

    „Gut. Messer.“

    „Gürtel und Socken.“ Er lachte und fügte hinzu: „Als ob ich die brauchen würde.“

    „Nur für den Fall. Wir wollen das Gold aus dem Tresor und du gehst da alleine rein!“

    „He! Die Streitaxt sitzt, wie sie muss. Sonst bist du doch auch nicht so fürsorglich.

    „Ich will nicht, dass irgendwas schiefgeht“, schüttelte ich den Kopf, „Halt mich bloß nicht für weich. Nein, pass besser auf, dass du nicht der bist, der weich wird. Versagen können wir uns heute nicht leisten.“

    „Eigentlich brauchen wir doch gar nicht mehr Kohle, oder? Wir könnten auf der Stelle umdrehen und in den Norden verduften, meine Bartschnecke.“ Seine Stimme wurde sofort samtig und anschmiegsam. Er wusste, wie er mich mit Worten berühren musste.

    Leise lachte ich und strich ihm über den Mantel.

    „Die Bank ist nicht schwer hochzunehmen. Sieh es als Taschengeld für unterwegs, ja? Aber wenn du nachlässig wirst, wird sich das rächen. Wie bei der Sache mit dem Schnapsladen.“

    Er nickte. Niemals würde einer von uns die Sache mit dem Schnapsladen vergessen – die Sauerei verfolgte uns noch immer. Die Scherben, der desinfektiöse Geruch, die Kotze … Seither machten wir gleich drei Bögen um diese Orte und verlangten voneinander vollste Konzentration.

    „Außerdem treten wir diesen Menschen nochmal in den Arsch bevor wir uns verziehen. Du weißt ja, wie befriedigend ich das finde …“ Ich brummte und strich ihm mit meinem Finger über die Brust.

    „Soll ich ein paar von ihnen umlegen?“, fragte er mit etwas Hauch in der Stimme.

    „Oh, nicht mehr als nötig!“, lachte ich, „Du kannst nicht einfach das Pulver rausholen, um nachzuladen. Aber wenn sie sich querstellen, dann zeig ihnen, was sie davon haben. Sei effektiv! Spielen können wir später …“

    Ich zog ihn an mich und wir küssten uns leidenschaftlich. Das hier würde ich vermissen, doch es war Zeit. Man muss aufhören, das Schicksal auszuschlachten, bevor es zurückschlachtet – altes Trollsprichwort. Von den hässlichen Fratzen konnte man einiges lernen.

    Dann lösten wir uns voneinander. Er nahm seine Maske, ich gab ihm noch einen Klaps auf den Hintern. „Denk an das Signal. Zwei Schüsse, kurz hintereinander, und ich rolle vor.“ Eine kleine Geste gab mir Antwort, kurz drauf war er aus unserer Gasse verschwunden. Der Eingang lag auf der anderen Gebäudeseite.

    Auf der Straße warteten die Ponys mit dem Fluchtkarren und ließen ihre Äpfel fallen.


    Seufzend zog ich mir eine Zigarette aus dem Büstenhalter. Die Zündhölzer holte ich aus meiner Manteltasche – ich hatte bereits Sorge, ich könnte sie vergessen haben – und entflammte den Glimmstängel.

    Ein.

    Aus.

    Der Rauch wusste die Leere in mir nicht zu füllen.

    Ich versuchte es erneut.

    Ein.

    Und aus.

    Nichts.

    Wie lange es wohl dauern würde, bis er am Schalter dran war? Um diese Zeit sollte es noch Warteschlangen geben. Genug kurzbärtige Langbeine waren noch unterwegs, aber vielleicht hatte ich Pech. Ja, Pech … Der Himmel war dicht und grau, aber hell. Nichts deutete auf Regen hin, das Wetter war ideal. Mein Blick wandte sich wieder in die Richtung, in die mein Geliebter verschwunden war.

    Glücklicherweise hatte er nicht noch auf das Stroh neben mir gepisst. Solche Kleinigkeiten hatte ich vergessen zu berücksichtigen. Oder nicht ‚vergessen‘, eher offen gelassen … Sollte doch das Wetter entscheiden!

    Dann hörte man die ersten, von der hölzernen Häuserwand gedämpften, Schreie.

    „SO, LEUTE! Jetzt legt euch alle flach auf den Boden! Wie ihr seht, bin ich genau auf Höhe eurer Eier, wer nur EINEN Mucks macht, wird für den kurzen Rest seines Lebens nur noch Blut scheißen!“

    Nun wurde es auch für mich Zeit.

    Ob er bereits Verdacht schöpfte?

    Seine Leberflecken und die Narbe an der Wange waren auffällig. Ich hingegen wurde schnell eins mit der Menge, und unter anderem Namen würde niemand mich finden. Schon nach unseren ersten Überfällen konnte er das Versteck kaum noch verlassen, was äußerst lästig war. Warum hatte ich ihn nicht schon damals abgeschüttelt? Er war Ballast. Nützlich aber Ballast. Sollte ich den ewig mit mir rumschleppen? Ich musste es tun.

    Wieder seufze ich. Die Ponys schnaubten und köttelten ihre Riesenköttel.

    Ich würde ihm nicht mal in die Augen sehen, warum fiel es mir nun so schwer? Sicher gab es bessere Methoden, ihn loszuwerden, aber nach all der Zeit sollte er zumindest eine Chance haben. Mein Hals wurde enger und enger, der Schmerz würde mir noch den Kopf absäbeln. Ich schaute weg.

    Dann warf ich die Zigarette ins Stroh.

    Erst knisterte das trockene Gras.

    Dann prasselten schon die Holzkisten, unter denen der Brandbeschleuniger lagerte.

    Und als die Zigarette alles, was mir etwas bedeutete, mit sich in die Flammen zog, stürmten die Ponys bereits Richtung Stadttor.

    Das Wetter hatte eine scheiß Entscheidung getroffen.

    Verdammt! Warum fielen keine Schüsse?

    Schön zu sehen, dass du dich entschieden hast zu bleiben. :D

    Ich schließe mich Thorsten an, gerade der Teil mit den Erotikgeschichten kam für mich unerwartet. :D Muss man halt auch können, ich will das gar nicht negativ aussehen lassen.

    Neulich haben wir im Chat mal über erste Sätze geschrieben und ein paar Sachen wollte ich hier nochmal posten. :)
    Erste Erkenntnis: Der erste Satz ist nicht unbedingt kriegsentscheidend, ein schlechter erster Satz ist aber eine vergeudete Chance. Man sollte es nicht totdenken, aber etwas Sorgfalt ist hier definitiv angebracht.


    Eine allgemeine Formel für einen guten ersten Satz ist beispielsweise diese hier:

    Zitat von kalkwiese

    [Person] tat gerade [Tätigkeit], als [Ereignis] passierte.

    Diese Struktur habe ich schon oft gesehen und sie funktioniert einfach gut. Auf eine Person wird Fokus gelegt, die mit einer Tätigkeit, oft im Alltag, bereits näher charakterisiert wird bzw. eine Ahnung von der Umgebung wird geschaffen und es passiert etwas. Alles in einem Satz. Damit ist manchmal das erste Bild schon fertig gemalt!

    Gerade weil es eine gängige Art des Einstiegs ist, fühlt es sich für mich auch nicht besonders interessant an. Die Art des Einstiegs wohlgemerkt. Der Inhalt des Satzes kann natürlich trotzdem Fragen aufwerfen und mein Interesse wecken. :)


    Ich liste mal einige erste Sätze aus ein paar meiner Lieblingsbücher auf.


    Der Frühling war spät dran, genau wie ich an diesem verregneten Morgen.
    David Mitchell - Chaos, Kapitel 2 "Tokyo"

    Das Buch besteht aus 9 Novellen, die zusammenhängen. Kapitel 1 hab ich auf der vorigen Threadseite schon genannt.

    Hier bekomme ich gleich ein Gefühl von Stress. In meiner subjektiven Empfindung renne ich durch eine kalte, verregnete Stadt und versuche den Zug zu erwischen.


    Der Mond, der Mond am Nach...

    Kapitel 3 "Hongkong"

    Hier wird schön eine ruhige Nacht angetäuscht, bis dann mitten im Wort der Wecker klingelt.


    Hinauf, hinauf, immer höher und manchmal hinab.

    Kapitel 4 "Der Heilige Berg"

    Es spielt an einem Berg. Und der ist heilig. Darum hat er auch einen eigenen Einführungssatz ganz am Anfang verdient.


    Die Steppe zog in sanften Hügeln vorbei, endlosen, endlosen Hügeln.

    Kapitel 5 "Mongolei"

    Da wird ein Ausblick aus dem Fenster des Transsibirien-Express gezeichnet.


    Dieses Hundewetter bringt mich noch um.

    Kapitel 6 "St. Petersburg"

    Man bekommt gleich die Stimmung der Hauptfigur vermittelt. Da das hier alles in der Ich-Perspektive steht, fallen kaum Namen und das ist auch gar nicht nötig. Stattdessen gibt es eher einen Fokus auf die Umgebung des erzählenden Ichs.


    Das Buch hat noch mehr erste Sätze, aber gehen wir mal zum nächsten. Es gibt nämlich eine gewisse Art von ersten Sätzen, die ich besonders gerne mag.


    Am Anfang gab es einen Mörder, ein Maultier und einen Jungen, aber noch sind wir nicht am Anfang, noch sind wir vor dem Anfang, und vor dem Anfang, da gibt es mich, Matthew, und ich sitze in der Küche, mitten in der Nacht - in diesem uralten Flussdelta des Lichts -, und ich tippe und hämmere unermüdlich.

    Markus Zusak - Nichts weniger als ein Wunder

    Der erste Satz kann ein Statement sein. Eine Herausforderung. Einstiege wie diesen finde ich überaus mutig und ich bekomme da Lust auf mehr. Zugegeben, dieses spezielle Beispiel wirkt auf mich noch ein kleines bisschen zu gewollt. Das Bild mit dem Flussdelta sticht besonders hervor. Im Verlauf des Buchs wird die Küche aber öfter mal so genannt, also muss man das auch ein bisschen als einen Rahmen sehen. Das weiß der Leser, der es sich zum ersten Mal anguckt natürlich nicht. So ein Anfang kann Leser abschrecken, die Sätze mit mehr als 14 Worten nicht gerne mögen, aber ich finde es auch fair, wenn man diesen Leuten gleich zum Anfang zeigt, was auf sie zu kommt.


    Noch ein Beispiel.


    Ich reiße den Vorhang auf, und da ist der durstige Himmel und der breite Fluss voll mit Booten und Schiffen, aber ich denke schon wieder an Vinnys schokoladige Augen, Shampooschaum auf Vinnys Rücken, Schweißperlen auf Vinnys Schultern, an Vinnys schelmisches Lachen, und mein Herz tickt aus, o Gott, wäre ich doch jetzt bei Vinny in der Peacock Street und nicht in meinem dämlichen Zimmer.

    David Mitchell - Die Knochenuhren

    Lang, aber lang mit Sinn. All die Informationen rauschen auf einen ein wie die Worte eines jungen, total verschossenen Mädchens, das von ihrem Geliebten schwärmt, die sie eben auch sind. Sie liebt Vinny und das auf eine sehr verklärte und naiv-jugendliche Weise. Vinny ist nicht bei ihr, das erfahren wir auch. Wie sie sich Vinny da vorstellt, gibt einen Eindruck von dem, was er und sie zusammen tun: Duschen, miteinander schlafen, Lachen usw. "In meinem dämlichen Zimmer" fängt mMn auch ihr junges Alter gut ein, das dann auf den nächsten Seiten auch deutlich wird.


    Mal ein anderer Typ:


    NEHMEN WIR MAL DIE SCHILDKRÖTE UND DEN ADLER.

    Terry Pratchett - Einfach Göttlich

    Jawohl, alles groß. Fragt mich nicht warum!

    Auktorialer Erzähler. Statt von sich zu erzählen, wird der Leser direkt angesprochen, als würde man sich schon einige Minuten in einem Gespräch finden. Unvermittelte Anfänge mag ich auch gerne, die geben einem bereits einen Sinn von Bewegung, auch wenn dieser hier eher eine philosophisch-metaphorische Betrachtung von zwei Tieren einleitet.


    Stellt euch den krankesten Ort von ganz Zamonien vor!

    Walter Moers - Der Schrecksenmeister

    O Gott, ein Ausrufezeichen! Hilfe! Wieder ein auktorialer Erzähler. Wenn man den verwendet, ist ein Einstieg mit einem Bruch der vierten Wand anscheinend nicht allzu abwegig, im Gegenteil, es bietet sich sogar an.


    Gute erste Sätze sollten, finde ich, auch ein bisschen was wagen. Die oben erwähnte Formel tut das meistens nicht, wobei das durchaus darauf ankommt, womit man die Lücken ersetzt. Für einen Kapitelanfang, der einfach nur seinen Job erledigen soll und es nicht nötig hat besonders extravagant zu sein, bietet sie sich aber geradezu an. Warum also nicht? :D

    EDIT: Entsprechend gibt es auch Bücher, die den extravaganten Einstieg gar nicht nötig haben und bei denen was Schlichtes eben am besten passt. Ihr kapiert schon, was ich meine!


    Das Mondkäsefondue


    „Was für ein rosiger Morgen!“, streckte sich das klitzekleine Kätzchen und gähnte. Der Sonnenaufgang tauchte den Himmel in Rosa und Orange und das weite Farbenmeer dazwischen. Über der ganzen Weite der Huggeligen Hügel verfing sich das Licht in Grashalmspitzen und Blätterdächern. Verzückt vom Anblick tapste das klitzekleine Kätzchen den Trampelpfad entlang durch den so rosigen Morgen.

    Es dauerte nur marginal müde Minuten, bis es die Katzenklappe erreichte und ins Haus eintrat.

    „Miau!“

    „Oh, guten Morgen kleine Mulle!“, gähnte Dr. Dalia Dunkeldussel am Küchentisch. „Ich hoffe, du hast besser geschlafen als ich.“

    „Guten Morden, Frau Doktor!“ grüßte das klitzekleine Kätzchen und leckte sich das Fell. „Ich habe den ganzen Tag Vögel gejagt. Ich hab gesungen, bin gesprungen, hab mit anderen Kätzchen gerungen, da war ich so müde! Geschlafen hab ich wie ein Stein. Aber Frau Doktor, was hat dich denn wachgehalten?“

    „Oh“, jammerte Dr. Dalia Dunkeldussel, „Ich möchte doch wieder zum Mond fliegen, um Käse für mein weltberühmtes Mondkäsefondue zu ernten. Aber ich habe keinen Treibstoff mehr und es kann keiner geliefert werden, weil die Wirtschaftsriesen gigantische Löcher in die Handelswege getrampelt haben. Schon wieder!“

    „Oh weh!“, klagte das klitzekleine Kätzchen, kuschelte sich an Dr. Dalias Knöchel und ließ sich kraulen. „Können wir nicht selber Treibstoff mixen? Du kannst doch Chemie machen und so!“

    „Das habe ich schon probiert, kleine Miez, aber Raketentreibstoff ist nicht so einfach zu machen. Die Komponenten dafür habe ich nicht zuhause, wir müssten schon …“

    Da wurde die Wissenschaftlerin ganz still und strahlte bald übers ganze mächtig müde Gesicht.

    „Warte kurz“, sagt sie, verschwand geschwind und wie ein flinker Wind kam sie mit dem Legendenlehrenden Lexikon zurück. „… ich habe eine Idee!“

    Eilig schlug sie die Seiten auf und blätterte und schmetterte und blätterte weiter. Währenddessen kletterte das klitzekleine Kätzchen auf den Küchentisch, wohlbedacht, nicht die Kaffeetasse umzuwerfen.

    „Wo ist er denn … Diedrichdrossel … Diels-Alder-Reh-Aktion … Dienstleistungszentaur … hier!“

    Dr. Dalia Dunkeldussels Finger bohrte sich neben dem Bild einer schuppigen Echse ins Papier.

    „Der Dieseldraco“, las die Miez. „Habitat: Die Brüchigen Berge …“ Nun blieb einzig die Frage, wie man der exotischen Echse den Saft abluchsen konnte, ohne zu knusprigem Hähnchen gegart zu werden.

    Dr. Dunkeldussel machte dem klitzekleinen Kätzchen eine winzige Portion Taubenbrust und stellte ein Eierbecherchen mit Sahne daneben. Während des Frühstücks schmiedeten sie ihren Plan.

    „Ist das wirklich eine gute Idee, den Speichel einfach zu klauen, Frau Doktor? Das ist doch nicht nett“, gab das Kätzchen zu bedenken.

    „Aber aber!“, winkte sie ab, „Der Dieseldraco kann mit seinem Speichel sowieso nichts anfangen, also stehlen wir ihn eigentlich gar nicht. Und was sollen wir sonst tun? Einfach fragen und hoffen, dass der Draco nicht ‚nein‘ sagt? Ich will schließlich Mondkäsefondue essen!“

    Das leuchtete ein! Gestärkt gingen sie in die Werkstatt und Dalia Dunkeldussel warf sich, bewaffnet mit ihrem Werkzeugkasten, auf einen Haufen Ersatzteile. „Ich weiß schon genau, was ich dir für einen Apparat baue, ich habe es direkt vor Augen, das wird toll, du wirst staunen, die Teile müsste ich sogar alle dahaben, holst du mir meinen Kaffee?“ Das klitzekleine Kätzchen betrachtete seine pimpfigen Pfötchen, aber Dr. Dalia Dunkeldussel werkelte schon mit eisernem Eifer und hatte den Kaffee längst vergessen.

    Begeistert bastelten sie bis in die blaue Stunde und noch länger. Entwarfen, verwarfen, bauten auf und ab und hin und her. Noch müde von der letzten Nacht sank Dalia schließlich als erste zwischen den Bauteilen zusammen, schnarchte sanft, den schweren Schraubenschlüssel fest in der Hand. Hundemüde – eben noch mausewach – krabbelte das klitzekleine Kätzchen auf ihren Rücken und rollte sich zum Reckenschlaf zusammen, dem rasselnden Rhythmus ihres Schnarchens lauschend.


    Am nächsten Morgen – der nicht rosig, sondern mächtig war, und eigentlich auch kein Morgen, sondern ein Mittag, denn Frau Doktor war wirklich müde gewesen – frühstücken sie Käse mit Kräckern. Beides kam nicht vom Mond, schmeckte nach einer Nacht wie dieser aber galaktisch. Sie packten Dalias Rucksack mit Wasser, Broten, Campingausrüstung, Keksen und dem klitzekleines-kätzchen-bedienerfreundlichen Spuckeklau-Apparat. Auf den Gepäckträger kam in einer Plane eingewickeltes Feuerholz. Das Kätzchen machte es sich in Dalias Brusttasche bequem und noch bevor der der mächtige Morgen, der ein Mittag war, endete, radelten sie mit dem rostroten Rennrad fort von den Huggeligen Hügeln, hin zu den Brüchigen Bergen.

    Die Brüchigen Berge waren schief und spitz und karg und krumm. Raue Felsen ragten riesenhaft in den Himmel. Dalia und das Kätzchen fuhren für einige Stunden einen schmalen Weg entlang. Am Himmel zogen Wolken wie nasse Wolle auf, bald fielen dicke Tropfen. Als die beiden die Höhle erreichten, waren sie nass bis auf die Knochen.

    „Also gut, Mieze, wir werden uns noch erkälten. Am besten beeilen wir uns, verschwinden dann ganz schnell nach Hause und legen uns vor den Kamin.“

    „Aber Frau Doktor, vielleicht ist das alles doch keine so gute Idee …“

    „Wenn man Fondue mit Käse vom Mond essen möchte, dann ist das eine wunderbare Idee!“, protestierte Dr. Dalia Dunkeldussel. „Es kommt nur ganz auf die Hingabe und den Willen an und dann kann man alles schaffen!“ Dalia setzte das Kätzchen auf dem Boden, wo es sich das Fell schüttelte, und wühlte in ihrem Rucksack. „Eine Pause müssen wir aber wohl doch machen … Es war schlau, das Holz einzuwickeln. Ich dachte nicht, dass es so bald regnen würde. So klein wie du bist, kannst du dich schonmal in der Höhle umsehen. Der Dieseldraco wird dich nicht mal bemerken. Ich mache uns ein Feuer, dann trocknen und wärmen wir uns.“

    Dem klitzekleinen Kätzchen war nicht wohl bei dem Gedanken, dass der Dieseldraco hier irgendwo war und vielleicht gerade sein Abendessen zubereitete. „Bist du sicher, dass wir auch in der richtigen Höhle sind?“, fragte das Kätzchen kläglich.

    „Ganz sicher“, antwortete Dalia, die gerade das Holz vom Gepäckträger nahm. „Ich habe Schatzsucherforen durchforstet und der Weg ist sehr genau beschrieben, viele haben bereits nach dem Goldschatz in der Höhle gesucht. Nur an der Bestie kam bisher noch keiner vorbei. Außer den Forentrollen natürlich.“

    „Wir wollen aber gar nicht den Schatz! Bestimmt können wir einfach mit dem Draco reden!“

    „Ach“, winkte Dalia ab, „die olle Echse ist Eindringlinge gewöhnt und würde uns wahrscheinlich nicht mal zuhören. Könnte ja alles ein fauler Trick sein. Nein, nein. Wenn wir halten uns an den Plan und gut ist.“ Der Holzhaufen war vorbildlich aufgeschichtet, jetzt ging Dalia an die Glut.

    Missmutig und ohne weitere Widerworte tapste das klitzekleine Kätzchen in die Höhle hinein.

    „Der Dieseldraco hält mich wahrscheinlich bloß für eine Ratte“, dachte es und war trotzdem nicht beruhigt. In der Höhle war es dunkel und obwohl sich klitzekleine Kätzchenaugen schnell daran gewöhnten, hüpfte die Mieze von Stein zu Stein, von Versteck zu Versteck, und lugte mit dem klitzekleinen Köpfchen in die Dunkelheit. Bereit, sich wieder Richtung Eingang zu stürzen.

    Die Höhle knackte in der Ferne. Das Kätzchen zuckte zusammen, Pfötchen überm Kopf, und blieb liegen. Als sich nichts tat, raffte es sich wieder auf und tapste leisen Schrittes weiter. Langsam schwoll da ein Grummeln an, Pfötchen um Pfötchen wurde das rotzige Rasseln lauter, bis der Gang sich in einen breiteren Raum aufweitete. Die Flammenechse lag dort mitten drin, der massige Körper mit dem mächtigen Schwanz reichte einmal durch den ganzen Raum. Ein Durchkommen war unmöglich. Trotz seiner Mühen wusste das klitzekleine Kätzchen nicht, ob es leise war oder nicht, denn das sägende Schnarchen ließ alle anderen Geräusche ertrinken.

    Hunderte Hummeln flogen durch des Kätzchens Bläuchlein, die Unruhe war nicht mehr auszuhalten, da nahm es Reißaus und tipptelte wie von tausenden Taranteln terrorisiert davon.

    „Frau Doktor!“, piepste es, als das Feuer ihres Lagers in Sicht kam. Dr. Dalia Dunkeldussel saß vor dem prasselnden Feuerchen und steckte gerade den Spuckeklau-Apparat zusammen.

    „Du kommst wie gerufen, kleine Miez! Ich habe dir gerade etwas Taubenkeule ins Schälchen gelegt.“ Quietschend wurde eine Mutter festgezogen.

    „Ich habe den Dieseldraco gefunden! Es liegt einfach da und schläft!“

    „Der hat auch den langweiligsten Job der Welt. Ist Türsteher in einer Gegend, in der es selten Besuch gibt … Ich habe übrigens ein kleines Handtuch dabei.“

    Ohne Umschweife rubbelte Dalia das Kätzchen so trocken wie möglich. Dann setzte es sich ans Feuer und putzte sich zur Beruhigung gründlich das noch feuchte Fell. Ohne nachzudenken schlang es seine Täubchenkeule herunter und soff Wasser aus einem Eierbecher. Gleich würde es wieder zu dem Ungeheuer in die Tiefe gehen, weder Essen noch Trinken konnten den Gedanken verdrängen.

    Schließlich ließ sich das klitzekleine Kätzchen den hauchdünnen Schlauch mit der Saugspitze umschnallen. Mit einem Klettverschluss konnte er einfach abgelöst werden und ein kleines Gestell erlaubte, ihn zum Absaugen günstig abstellen zu können. Dr. Dunkeldussel hatte sich, beflügelt von der Herausforderung, mit ihrer Ingeneurskunst selbst übertroffen. Der Schlauch war mit einer leisen Pumpe und einem kleinen Tank verbunden, gerade groß genug, um eine Ladung Supertreibstoff für ihre Ein-Frau-Rakete gewinnen zu können.

    Mit mulmigem Magen schlichen sie die Höhle hinab. Das klitzekleine Kätzchen zitterte am ganzen Leib, aber Dalia war entschlossen und ihre Entschlossenheit zerrte das Kätzchen hinter sich her.

    An der Kaverne angekommen positionierte sich Dr. Dunkeldussel am Eingang. Sie hatten Glück, der Draco schlief noch immer und ihm stand halb das mächtige Maul offen. Sie machte das Handzeichen für das Kätzchen, den Schlauch anzubringen. Im Dunkel konnte sie selbst kaum etwas erkennen, das Kätzchen hingegen sah ihre Signale klar und deutlich.

    Das kleine Herz pochte und hämmerte mittlerweile lauter in den kleinen Ohren als das Schnarchen der exotischen Flugechse. Das Kätzchen stolperte fast über seine Pfoten, als es sich ans Maul des Draco anschlich und unter dem Gewicht der Vorrichtung auf seinem Rücken auf die Steine kraxelte, die der Draco als Kissen benutzte. Vorsichtig löste es den Klettverschluss … baute mit seinen Pfötchen das kleine, aber schwere Gestell auf … der Dieseldraco hob und senkte die Brust unverändert … so weit, so gut … das Kätzchen schob vorsichtig den Schlauch voran, Millimeter für Millimeter … die Spitze fuhr sachte in den offenen Mund … die Lippen bewegten sich mit der Atmung … der Schlauch legte sich neben die Zunge. Der Draco schlief. Alles unverändert.

    Das klitzekleine Kätzchen atmete auf. Jetzt noch zurück und Dalia das Signal geben. Erleichtert hopste es die Steine hinunter.

    „Was wird das, wenn’s fertig ist?“ Eine tiefe, tonnenschwere Stimme trampelte durch die ganze Höhle – überall gleichzeitig. Das klitzekleine Kätzchen erstarrte und begriff natürlich, dass es der ganz-und-gar-nicht-schlafende Dieseldraco war, der gerade mit ihm sprach.

    „Du … bist wach geworden?“, piepste es.

    „Wach geworden? Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass ich während meiner Schicht einfach einschlafe. Das wäre völlig unprofessionell!“ Die Pranke der Türsteherechse senkte sich über dem Kätzchen. Zwischen zwei kruden Krallen hob der Draco es vor sein Gesicht. „Für einen Schatzräuber bist du aber mal ein Winzling. Wo sind deine Komplizen?“

    „K-komplizen? Ich bin kein Räuber!“, jammerte das klitzekleine Kätzchen.

    „Ist das so? Und was sollte dann der Schlauch? Wolltest du mich betäuben? Oder gar vergiften? Jemand mit guten Absichten steckt keinem, ohne zu fragen, einen Schlauch in den Mund. Wenn ich dich hier und jetzt bestrafe …“, der Draco hob das Kätzchen über sein ledriges Echsenmaul, „… dann trifft es sicher keinen Falschen!“

    „Neineinein!“, quiekte es, „Bitte nicht!“

    „Das hättest du dir vorher überlegen sollen, kleiner Dieb! Ich kann dich jetzt nicht einfach laufen lassen, ich habe einen Ruf zu verlieren! Wenn du irgendwem erzählst, dass ich ein netter, angenehmer Geselle wäre, dann rennen mir die Schatzsucher hier die Bude ein.“ Die Echse öffnete das Maul weiter, als es möglich sein sollte, Dalia kam mit einem schweren Schraubenschlüssel in die Kaverne gestürmt und das klitzekleine Kätzchen schrie: „Wir wollten doch nur Mondkäsefondue kochen!“

    Da hielt der Dieseldraco plötzlich inne und schloss langsam seinen Schlund.

    „Mond…käse? Du meinst doch wohl nicht etwa … Dr. Dalia Dunkeldussels weltberühmtes Mondkäsefondue?! Achwas, du nimmst mich doch auf den Arm!“

    „Nein, gar nicht! Wir haben keinen Treibstoff und deine Spucke ist –“

    „Ach, so ist das!“

    Dalia erstarrte irritiert und ließ ihren stumpfen Gegenstand sinken. Der lange Schwanz der Echse war zum Zuschlagen bereit. Da ließ der Dieseldraco das klitzekleine Kätzchen auf den Boden sinken.

    „Ich sag euch was“, sprach der Draco gelassen, „Ich helfe euch. Aber dafür bekocht ihr mich.“

    „D-das wäre eine gigantische Portion und das nur für dich!“, protestierte Dalia.

    „Na aber!“, hielt die Echse dagegen, „Das ist doch das mindeste dafür, dass ihr mir so dummdreist die Spucke absaugen wolltet!"

    „A-aber …“, meldete sich das klitzekleine Kätzchen, „… was ist mit deinem Ruf? Musst du nicht den bösen Wächter spielen?“

    Der Dieseldraco lachte nur: „Aber doch nicht um jeden Preis!“

    Ich habe nun Die Karte meiner Träume von Reif Larsen begonnen.

    Das Buch ist aus der Perspektive von T. S. Spivet geschrieben - einem 12-jährigen Kartographen, der auf einer Ranch in Montana, mitten auf dem Land, lebt. Seine Familie ist ein bunter Haufen, mit einem wortkargen Rancher als Vater, einer etwas verschrobenen Koleopterologin (Also, sie untersucht und klassifiziert Käfer und sowas. Ich hoffe, ich hab das richtige Wort benutzt.), einem toten Bruder und einer vergleichsweise normalen Schwester. T. S. zeichnet von allem was er beobachtet Diagramme, Illustrationen, Karten, Statistiken usw. Er ist mit zwölf Jahren ein Vollblutwissenschaftler, der einfach nicht anders kann. Man könnte ihm vielleicht einen gewissen Grad an Autismus oder so etwas zusprechen. Da er der Erzähler ist, hat der Junge eine unglaubliche Wortwahl, die mich an seinem Alter zweifeln lässt. Er ist ein kindliches Genius, zwar ein Kind, aber ein ziemlich krasses, dass sich des Gewichts seines Könnens kaum bewusst zu sein scheint.

    Normalerweise versucht man ja genau sowas zu vermeiden, wenn man Kinder schreibt. Man will ein Kind haben und keinen Erwachsenen im Kinderkörper. Ob hier der Spagat geschafft wird, kann ich nach nur einem Kapitel noch gar nicht sagen. Aber T. S.' Talent für seine wissenschaftlichen Darstellungen ist genau der Punkt der Geschichte: Er hat einen Wissenschaftspreis gewonnen! Und muss ihn noch entgegennehmen. Das kann ja heiter werden!

    Ein Buch wie dieses habe ich wohl noch nicht gesehen. Illustrationen? Kennt man. Fußnoten? Kennt man auch. Aber Larsen geht irgendwie noch einen Schritt weiter. Die Seiten werden vom eigentlichen Text der Geschichte nicht ganz ausgefüllt, sodass da noch Platz für T. S.' Diagramme, Anmerkungen, Karten und Zeichnungen ist, die das Geschehen ergänzen oder darstellen. Das kann man blöd finden, weil es das Pacing des eigentlichen Textes total zerschießen kann, man kann es aber auch, so wie ich, toll finden! Diese Kreativität, die Geschichte mit anderen Medien zu erweitern, macht mir einfach Spaß. Diagramme wollen schließlich genau betrachtet werden. Was ist auf den Achsen dargestellt? Was lässt sich vielleicht für eine Aussage über die Foguren draus herleiten? Das ist total cool!


    Ja, ich habe eine Ahnung, dass mir dieses Buch gut gefallen wird, auch wenn solche noch krasseren Fußnoten das Lesetempo natürlich nach unten ziehen. Aber Lesen ist ja kein Rennen, richtig?

    Wie war denn jetzt hier die Originalfassung? Bei so kurzen Momentgedichten sollte man die immer noch im Kopf behalten; es besteht die Gefahr der Überarbeitung :D

    Die alte Version sieht so aus (Wiederherstellungsfunktion des Forums sei Dank!):

    Ja, die Gefahr gibt es definitv. :hmm: Aber für mich hat bei den Vorschlägen von wunderkind das Pro das Contra überwogen. Gerade die Aussage, dass die letzte Zeile dann plötzlich losrast, steht gegen das, was ich eigentlich einfangen wollte. ^^ Ist wahrscheinlich ein bisschen eine Frage der künstlerischen Philosophie (bei solchen Aussagen komme ich mir so furchtbar aufgeblasen vor, brr!). Aber sprachliche Mittel sollten eine Funktion haben und den Inhalt unterstützten, gerade bei Gedichten (mal von Sonderfällen abgesehen, wo sowas Intention ist. :D). Da hab ich mir mal angeguckt, was beim Umsetzen der Vorschläge bei rumkommt und es gefiel mir. Ich mag es aber auch nicht so sehr, wenn etwas zu sehr aufpoliert wird. Manchmal sollte es auch Ecken geben, an denen man sich stoßen kann, finde ich.

    Und warum ist der Titel jetzt klein? Kommt dir das Moderne-Lyrik-esker vor?

    Das war einfach für die Konsistenz. Warum den Titel groß schreiben, wenn es sonst keine Großbuchstaben gibt? Hält der Titel sich etwa für was Besonderes?! :D

    Boa, ein Jahr? Wirklich? Habe ich so lange gebraucht, um das Gedicht mal wieder rauszukramen und zu überarbeiten? Krass!

    Danke @wunderkind, du hast zwar offensichtlich deinen Account gelöscht und ich bin nicht sicher, ob du das hier jemals lesen wirst, aber ich bin sehr zufrieden, wo ich nun deine Anregungen umgesetzt habe. Ich habe auch ein, zwei Dinge dadurch über das Handwerk gelernt und sowas ist mir immer sehr, sehr viel wert. :)

    Röschen und der Zauberer


    Als wir das Zirkusgelände betraten, braute es sich bereits zusammen. Über unseren Köpfen tummelten sich Herbstwetterwolken, ein neckischer Wind strich über unsere Nacken und die Sonnenstrahlen zogen sich langsam zurück.

    Ein kühler Schauer durchfuhr mich, ich drückte Wolfs Hand noch fester. Das ganze Jahr hatten wir für den Zirkus gespart, diesen Abend würden wir uns nicht nehmen lassen, sollte es noch so gießen und kübeln. In Wolfs Werkstatt gab es seit der Besatzung einige Schwierigkeiten, weil die Armee immer wieder Güter anforderte, allerdings zu ihren Preisen. Die Geschäfte litten.

    Wenn der Dickkopf mich nur etwas helfen lassen würde. Armer Trottel.

    „Ach, Röschen, schau dir nur all die Darsteller an! Was das für ein Leben sein muss?“

    Natürlich war der Zirkus nicht zum ersten Mal in unserer Stadt und natürlich spazierten wir nicht zum ersten Mal über den Zeltvorplatz. Wolf gab sich alle Mühe, seine Aufregung nicht offen zu zeigen, dennoch konnte ich die Begeisterung in seinen Augen ablesen. Wirklich allerliebst.

    „Ein Bunteres, Wolf. Und Lauteres, ganz sicher“, murmelte ich zu ihm herauf, kurz darauf stolperte ein Dummer August an uns vorbei. „He da! Meine Nase!“, rief er und hatte die Hände nach einem roten Ball ausgestreckt. Die halbe Schminke fehlte ihm, ein Hosenträger war von der Schulter gerutscht und seine Füße stießen den Ball immer wieder fort – es war ein Fest. Neben uns feixten Kinder am Wegesrand über seine tollpatschige Erscheinung, dass mir warm wurde. Ja, Kinder … Kinder zu haben wäre schön.

    Sicher dachte Wolf das Gleiche, er sprach nur nicht darüber.

    „Für zwei Personen“, rief er durch das Fenster am Kartenschalter und die Frau in der Kabine musterte uns ausdruckslos. Dann riss sie Karten von der Rolle und schob sie uns zu.

    „Viel Spaß bei der Vorstellung.“ Sofort wandte sie sich den nächsten Gästen zu.

    Ich wartete, bis wir außer Hörweite waren und murmelte, „Die wirkte vielleicht steif.“

    Wolf brummte zustimmend. „Sie macht hier die undankbarste Arbeit. Der Kartenschalter steht weit ab vom Rampenlicht.“

    „Und was ist mit den Buben, die die Gehege ausmisten?“

    „Wer sagt denn, dass sie das nicht auch macht?“

    Wir lachten kurz, dann bestaunten wir stumm das Zeltinnere:

    Die bunten, weiten Zeltwände, die sich immer wieder im Wind wölbten.

    Die Masten, die mächtig und unnachgiebig im Boden verankert schienen.

    Die Seile, die sich zwischen den hohen Plattformen und Strickleitern spannten.

    Und die Tribüne, auf der sich bereits so viele Menschen tummelten, dass der aufgeregte Lärm echte Gespräche verhinderte.

    Die oberen Reihen waren den Armen vorbehalten und kosteten nur wenige Groschen – dafür war die Aussicht furchtbar. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie eine ältere Frau später immer wieder ihre Begleitung anbrüllen würde: „Was passiert denn da, Heinrich? Nimm doch mal Rücksicht, auf deine arme Oma!“

    Niemand, der sich eine Karte auf den unteren Rängen leisten konnte, hätte freiwillig für einen auf den oberen bezahlt.

    Die ersten drei Reihen gehörten Adeligen, Damen und Lebemännern, eben allen, die für die beste Sicht die nötigen Münzen parat hatten. Natürlich war ich neidisch, auf diese Leute. Wie konnte es sein, dass Wolfs und meine harte Arbeit nicht für einen vorderen Platz ausreichte? Es ergab keinen Sinn, und ich wusste, dass mein Ärger nichts daran verändert hätte, darum schwieg ich nur und versuchte zu lächeln.

    So nahmen wir Platz und bald begann die Vorstellung.

    Zuerst kamen die Jongleure. Sie marschierten im Kreis, die Wirbelwinde aus Bällen und Keulen in ihren Händen konnten beinahe die steifen Schritte vertuschen. Mehrfach änderten sie ihre Formation und Wurffiguren, deuteten eine an und taten eine andere, dass mir schwindelig wurde.

    Von da an war ich versunken. Es folgten Wahnsinnige – der Direktor nannte sie „Artisten“ – auf Seilen, andere Wahnsinnige, die Feuer spuckten oder auf ihren Händen hüpften oder Messer auf Ihresgleichen warfen. Die Bewegungen treffsicher, zielgenau, immer exakt, war ich so beeindruckt, dass mir das, was hier faul war, völlig entging.

    Der Dumme August von vorhin betrat die Bühne für eine kurze Vorstellung. Er bat um einen Freiwilligen und neben mir schnellte Wolfs Hand in die Luft. Ich sah zu ihm auf, er teilte meine Begeisterung, aber wollte er sich wirklich von einem Clown vorführen lassen?

    Der Clown wählte jemand anderen – ein Glück! – und ich bin sicher, dass Wolf froh war, doch nicht nass gemacht worden zu sein. Es mag unwichtig erscheinen, aber heute wünschte ich, ich hätte ihn damals gefragt.

    Es folgte der Zauberer. Zwar war es nicht der Höhepunkt der Vorstellung, für mich aber sollte es das Ende sein – dieses Mal wurde Wolf erwählt. Sein freudiges Lächeln ließ mir das Herz aufgehen.

    Zielsicher wurde Wolf auf ein kleines Podest geführt. Über ihm wurde langsam ein Käfig heruntergelassen und er legte seine Hände an die Gitterstäbe. Der Zauberer wies ihn kurz zurecht, Wolf ließ los und stellte sich mittig auf die Plattform. Oh, mein Wolfram.

    „Meine Damen und Herren, liebes Publikum!“, intonierte der Magier hölzern, „Zu Beginn werde ich unseren lieben“, er musterte Wolf mit einem mir undefinierbaren Blick, „Besucher verschwinden lassen. Vor aller Augen! Es wird nichts übrig bleiben, nicht ein Haar. Seht her!“

    Eine Decke fiel. Erst auf den Käfig. Dann auf den Boden. Der Magier riss sie beiseite und vom Käfig fehlte jede Spur.

    Mein Wolf war fort.

    Die Leute stöhnten erstaunt auf, ich jedoch konnte mich nicht vom Zauberer lösen. War das ein Akzent in seiner Stimme? War er Ausländer? Warum bewegte er sich so … ungelenk?

    „Doch fürchtet euch nicht! Der arme Teufel bewegt sich gerade zwar in anderen Sphären, aber es kostet mich bloß …“, er platzierte wieder die Decke, wo er sie entfernt hatte, „… ein Fingerschnippen!“ Und der Stoff wuchs wieder in die Höhe.

    Wahrscheinlich eine Falltür unter dem Käfig, das Erstaunen der anderen Leute wusste ich leider nicht zu teilen, doch mir war längst unwohl, meine Finger schwitzten, Wolf sollte zu mir zurückkommen!

    Die Decke hob sich, mein Schatz war zurück, es regnete Beifall. Blutleer verbeugte sich der Zauberer, ließ seinen Lohn um sich auf den Boden prasseln. Mit einer kurzen Geste wies er Wolf zu gehen an, und bat sofort um einen neuen Freiwilligen. Niemand achtete mehr auf meinen Ehemann, der etwas verkrampft zu mir zurück stakste.

    Je näher er kam, desto eisiger wurde mir. Seine Züge, die Bewegungen – ich sah die Jongleure wieder vor mir, es war als käme der Zauberer selbst auf mich zu.

    „He, Wolf, ist alles in Ordnung mit dir? Du wirkst so blass“, fragte ich ihn leise.

    „Oh, Röschen“, sprach seine Stimme kühl, „Alles ist gut. Leider habe ich nicht viel gesehen.“ Dann setzte er setzte er sich neben mich, als sei das Gespräch beendet.

    Meine stechende Ahnung wollte es nicht dabei belassen, doch die Aufführung nahm keine Rücksicht. Ein neuer Freiwilliger aus den vorderen Rängen stolperte auf die Bühne – ich beobachtete ihn und den Zauberer genau – und legte sich in einen Holzkasten. Mir kam er einem Sarg gleich, die Säge des Zauberers blitze bedrohlich.

    Der Deckel schloss sich, dann wurde der Mann langsam, vor unser aller Augen, zersägt und wieder zusammengeleimt.

    Ich sah zu. Und je weiter der Abend fortschritt, desto mehr ergab alles Sinn –


    Nun liegen wir in unserem Bett. Das Herz schlägt mir bis zur Kehle, mein Atem ist ohrenbetäubend und schwerfällig. Der Heimweg ist unerträglich gewesen und dauerte eine quälende Ewigkeit.

    Doch nun bin ich mir sicher.

    Ich höre seinen Atem nicht. Keinen Herzschlag.

    Mein Ohr an der Matratze aber vernimmt ein fernes Geräusch, ein feines leises Rattern, eine winzige Uhr.

    Ich habe mich dazu entschieden Der Schrecksenmeister von Walter Moers erneut zu lesen.
    Es fällt gleich wieder Moers bunter Stil auf: Aliterationen, oft in Verbindung mit Adjektiven und Adverbien, die dem Geschehen ihren Ernst nehmen die Welt und die Figuren so liebenswert machen. Gleichzeitig zieht es auch das Lesetempo etwas nach unten, Moers arbeitet aber dennoch funktional und durchdacht. Ist ganz interessant zu beobachten.

    Ansonsten bin ich noch recht am Anfang und freue mich einfach, weil Moers sich doch einfach wie Zuhause für mich anfühlt

    So, bin auch mal durch damit. :) Habe mir in den Wochen nicht immer Zeit zum Lesen genommen, das hat es etwas verzögert.

    Ich bin weiterhin sehr zufrieden mit dem Buch. Man muss schon Moers' skurrile Ausführungen mögen, wenn die Figuren immer mal Geschichten erzählen oder Hintergründe zu Wein oder Gerichten oder Pflanzen oder Orten usw., aber oft genug wird darauf mal wieder zurückgegriffen und das ist immer sehr befriedigend.

    Besonders das Finale ist sehr befriedigend! Wenn die Stränge alle zusammenlaufen und Trumpf um Trumpf ausgespielt und aus dem Ärmel gezogen wird.

    Einer meiner Lieblinge aus Zamonien <3

    Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich den Wettbewerb nochmal gewinnen würde. :D Aber man muss wohl hartnäckig bleiben, wenn es mal werden soll! Ich bin selbst sehr stolz auf die Geschichte und freue mich umso mehr, dass sie Leuten wirklich gefallen hat. :)


    Ich gebe gerne immer noch Rückmeldung zu den anderen Geschichten, um auch zu zeigen, warum meine Stimme an eine Geschichte ging, aber nicht an eine andere.


    Asni  Der Wanderer

    Oh, danke ihr beiden! Ich hab gar nicht erwartet, dass dieses alte Ding über fünf Jahre später noch konstruktive Rückmeldung bekommen würde. ^^ Die wird gleich umgesetzt, ich gehe mit euren Anmerkungen nämlich mit.

    Das ist nochmal so eine Stelle, wo mir das irgendwie zu kurz und damit dann zu hart rüberkommt :hmm:

    Die Stelle kommt ohne den Satz wahrscheinlich auch ganz gut klar. Stimmt wohl, so langsam und getragen, wie diese Geschichte ist, ist ein Zwei-Wort-Satz, der auf "tot" endet, einfach etwas zu kantig.

    Es mag sein, dass das nur mein vom Dialekt (mis)geprägtes Sprachgefühl ist, aber ich würde das "von" weglassen. "die" --> "sie"? Mir gefällt, wie "strich ihr nur" mich erwarten lässt, dass da eine Person ist. Das ist eine sehr schöne Andeutung und Irreführung auf das, was noch kommt ^^

    Ja, "von hinter" ist wahrscheinlich ein Anglizismus, im Englischen heißt es ja "from behind". Ja, es sollte "sie" sein. s und d liegen auf der Tastatur ja nebeneinander. ^^ Und das mit der Erwartung durch die Satzstellung ist mal ein interessanter Punkt. D: So hab ich noch nicht darüber nachgedacht. Mit sowas eröffnen sich einem auch noch Möglichkeiten. Ein bisschen wie, wenn ein Lied einen eine Wendung erwarten lässt, die aber doch später kommt und dann nochmal anders, als es einem irgendwie nahegelegt wird. :hmm: Sehr interessant.

    Einzig die Erwähnung

    hat das kurzzeitig etwas ins Wanken gebracht. Das hätte es nicht gebraucht, finde ich.

    Ich kann es nicht genau in Worte fasse, aber ich begreife, was du wahrscheinlich meinst. :hmm: Finde ich etwas schwierig. Der Satz kann einem wie ein Fremdkörper vorkommen, weil er so krass auf das Setting eingeht, das ansonsten nicht so explizit erwähnt wird. Zeitungen und Strahlung zu erwähnen, sollte ja nicht so sehr irritieren, wenn vorher schon Fotos und Flugzeuge vorkommen.

    Weiß nicht so recht, ob ich den wirklich störend finde. Im Zweifel lasse sich sowas dann oft stehen, weil es auch mal eine Ecke geben sollte, an der man sich vielleicht stoßen könnte, wenn du verstehst. ^^ Und vielleicht hab ich irgendwann anders noch nen Einfall, wie man das besser oder anders machen könnte.

    War die einzige Stelle, die Du Dir vielleicht noch mal ansehen solltest. Der Satz macht so keinen Sinn...

    Oops! :D Wird erledigt, das darf so nicht stehen bleiben!