III.
Die meisten stellen sich vor, dass man mit einem Raumschiff eine virtuelle Ski-Sprungschanze hochfährt und dann senkrecht hochzieht und mit maximal Speed in die Unendlichkeit und noch viel weiter düst.
Luke oder Han mit ihrem X-Wing oder dem extrakleinen Frachter, dem 1000er-Falcon machen das in den Filmen ja regelmäßig. Und zugegeben, es juckt mich in den Fingern, das Ruder ganz ran zu ziehen und wie weiland Maverick, den Schubhebel in die Amaturen zu rammen.
Haben sich tatsächlich schon mehr als eine Handvoll Zuschauer je gefragt, wie schnell Warp wirklich ist, warum ein Shuttle beim Absturz in einem Feuerball runterkommt, beim Aufsteigen aber ganz gechillt in den Wolken verschwindet, wo man doch, zack, in notime, in der nächsten Szene munter am Ziel ankommt?
Ok, zuerst das Traurige. Gravitation gewinnt immer. Immer!
Außer bei Sternendrachen, da gewinnt der Drache. Keine Fragen, nicken und winken. Alles Andere führt zu unnötigen Kopfschmerzen.
Schwere Sachen ziehen leichtere Sachen an. Ist bei überschaulichen Größen, wie etwa, bei dem, was so normalerweise auf einem Planeten rumkreucht und fleucht, keine erwähnenswerte Sache. Aber wenn wir von Planeten, Monden und Sternen reden - man beachte die Mehrzahl! – wird es kniffelig. Zurück auf der Erde, reicht den meisten Erdlingen das Wissen, dass alle Dinge nach unten fallen. Unten! Und zwar so ziemlich, fast immer, und überall. Das sorgt lustiger Weise dafür, dass wir im eigenen Geist, ganz für uns privat, unsere Erde als flach ansehen. (keine Sorge, lieber Leser, das macht Dich noch nicht zum Flat-Earthler) Ok, wir hätten Flugzeuge, um die größten Wasserflächen und Berge zu überspringen, aber in der Regel kriechen wir unten, wo wir nicht weiterfallen, entlang. Den Berg zwar hoch und wieder runter, aber irgendwie eben doch am Boden und nicht durch die Luft.
Davon musste mich als eine der ersten, völlig unbemerkt, aber extrem liebgewordenen Angewohnheiten verabschieden, als ich hier ankam. Tja, willkommen in den Zivilisationsstufen 1+. Auf der Erde haben wir vielleicht Zivilisationsgrad 0,5 (mutig geschätzt!). Mit den ganzen Sachen, die noch abgingen, als ich da weg bin, würde ich sagen, Tendenz abnehmend.
Hier wissen schon Kinder in Krabbelgruppen über simple 3D-Modelle der Wirklichkeit Bescheid. Direkte Entfernungen zwischen Punkten einer Ebene oder im Raum zu berechnen (ja, Freunde, dafür habt Ihr in Mathe mal Pythagoras gelernt) ist für die ein Kinderspiel. Wortwörtlich.
Dass man irgendwie eine Kraft braucht, um von einem Planeten abzuheben, die mindestens einen Tick größer ist, als die Kraft die einen runterzieht, ist nun wirklich jedem Vorschulkind klar. Und, dass man eine Menge, Menge Power braucht, um mit Maverick-Need4Speed in den Nachthimmel zu rauschen, ist für uns auf der Erde Raketenwissenschaft, auch wortwörtlich, aber hier … Sagen wir einfach, ich musste schnell meinen Horizont in jede Richtung erweitern, um nicht von Kleinkindern als zurückgeblieben bemitleidet zu werden. Kindermund tut auch hier Wahrheit kund. Scheint eine der wirklich universellen Naturkonstanten sein, wenn ihr mal eine braucht.
Die Atmosphäre, die ab einer bestimmten Geschwindigkeit extrem fest wird, wie Wasser, wenn man von 100 Metern Höhe draufknallt, hat zwar immer noch keine Balken, ist aber dann auch hart wie Beton oder wenigstens vier Wochen offen stehengelassene Götterspeise. Wirklich lustig, in der Rückbetrachtung. Das ist alles gar nicht so schwer zu kapieren, und doch musste ich es mir erstmal klarmachen.
»Kurs?« Reds sanfte Stimme klingt in unseren Köpfen, nur nicht bei Chan. Die NOID hat nichts oder zu wenig mit organischen Neuronalfunktionen und damit auch mit Telepathie zu tun.
»Kurs?«, wiederhole ich daher, die Frage inkludierend laut aussprechend. Auch etwas, was ich hier als selbstverständlich erfahren und übernommen habe. Zivilisationsgrad 1+, heißt eben nicht einfach nur mehr Technik. Dinge, die diverse foodbloggenden Volksvertreter als woken Scheiß abgetan haben, sind hier so normal, dass man als Hinterwälder mit genetischen Defiziten angesehen wird, wenn man sie nicht von klein auf beherrscht.
Iggy nennt einen ungefähren Vektor, zuckt aber die Schultern. Weltraumnavigation ist nämlich eine Sache für sich. Ist ja nicht so, dass irgendwas im Universum auch nur für einen Moment mal am selben Platz bliebe. Alles bewegt sich. Immer und zu jeder Zeit. Sogar der dicke Stern, der sein System einigermaßen mit seiner fetten Gravitation organisiert, rast wild durch seine Galaxie. Dieses sonst so dominante Zentralgestirn eines Systems hat nicht mal genug Anstand im Verhältnis zum eigenen System ruhig zu stehen. Ja, willkommen in meiner Welt. Also ist eine ungefähre Richtung besser als nichts, und da wir uns gemütlich aus der Atmosphäre schrauben, bleibt genug Zeit den Bordrechner mal in der Richtung suchen zu lassen.
»ISV Sharlethin geortet.«, Red lässt die Bombe sogar über Inter-Com platzen und mir rutscht ein Oh, Kacke immerhin lautlos über die Lippen. Die Paladin-Klasse gehört zu den Imperial Finest, eine nahezu perfekte Mischung aus, Kreuzer, Zerstörer, Waffen und Wissenschaftsplattform für Deep-Space Missionen. Also, habe ich mir sagen lassen. Mich würden keine zehn Drachen dazu bringen, in einem unter Druck stehenden, kleinen High-Tech-Dorf im Weltraum, mit etwa 1000 anderen zusammen zu leben. Ja, selbst Raumstationen haben ihren Sinn, aber wenn ich in eine Stadt will, dann bitte auf einem Planeten mit atembarer Luft und ordentlicher Umgebung. Nennt mich kleingeistig, aber ich finde es einfach toll, jederzeit ins Freie gehen zu können, ohne Vakuum oder tödlicher Strahlung ausgesetzt zu sein. Diese Faszination, ewig lange im leeren Raum herumzufliegen, entgeht mir ebenso, wie in der Dunkelheit der Tiefsee rumzuhängen.
Aber klar, Daroa ist eine Kernwelt, und natürlich hat sie eine eigene Paladin im Orbit. Vermutlich aber auch eher von der Parade-Space-Navy. Wahre Krieger werden selten im Kern stationiert.
»Haben die uns schon geortet?«
»Nein, aber es ist klar, sie scannen aktiv.«
»Tarnmodus, Alpha-Level.« Ich grinse breit. Ok, Susu wird toben, aber zumindest noch nicht jetzt und vielleicht beruhigt sie sich ja wieder. Und mit dem Prätoren eines Paladins habe ich echt im Moment keine Lust, herum zu eiern. Ich weiß, dass er nur den Willen der Kaiserin überbringt. Und er weiß, dass es mir am Arsch vorbeigeht, solange sie mich nicht selbst zusammenstaucht. Wir beide versuchen dann so zu tun, als wäre unsere ganze Kommunikation, uns nicht furchtbar unangenehm und keine reine staatspolitische Übung in der Hyperfluidizierung von Wasser.
Ich werfe einen Blick auf die Aktiv-Scans und suche mir geeignete Luftschichten, um darin zu verschwinden, als der Bougie-Alarm zirpt.
»Was ist das?« Igoldid zeigt auf einen kleinen blitzenden Punkt, der relativ nahe des Symbols der Drake auf der holographischen Nahbereichsdarstellung inmitten der Brücke auftaucht.
»Unbestimmtes Signal. Die Scans der Paladine haben etwas aufgescheucht.«
Das blitzende Symbol wird schwarz und bekommt eine rote Aura.
»Massiv erhöhter Energieanstieg. Aktivtarnung. Geschätzte 280.000 metrische Tonnen.«, lässt Red weitere Nachrichten vom Stapel.
Uff, etwa 200.000 Tonnen mehr als die Drake. Aber keine Paladin mit etwa 3 Mio Tonnen. Wobei es beim Gewicht natürlich auch die Frage ist, was das Gewicht ausmacht.
»Red, highlighte Igoldid bitte die entsprechenden Optionen. Sergeant, Impulslaser aufladen und Gausgatlings anlaufen lassen.«
Der Leonide schaut mich zweifelnd an, aber ein Soldat ist und bleibt Soldat und führt das Kommando aus.
Ich lasse die Drake nach unten durchsacken und ziehe sie einem weitem Immelmann wieder hoch. Unsere Tarnung ist nun natürlich weg, aber wenn wir ein getarntes Schiff orten können, kann es uns wahrscheinlich auch orten. Irgendwo in den 200.000 Tonnen mehr Masse müssen ja auch ein paar zusätzliche Sensortechniken drinstecken.
»Wir werden beschossen.« Iggy klingt ungläubig, als da, wo wir eben noch waren, vier Plasmaladungen hochgehen.
»Feuer erwidern, nur Laser und Gaus, kein Plasma. Torpedorampen bereitmachen.«
Kurz checke ich unsere Lage im Vergleich zu den beiden anderen Raumschiffen.
»Ryu Tan an ISV Sharlethin. Getarntes, feindliches Schiff in der Atmosphäre. Haltet Abstand, wir jagen sie zu euch raus.«
»Tarnung aus, Energiereserve auf den Schilden.« Red ist mir, natürlich, weit voraus, immerhin steuert sie das Schiff mehr oder weniger wie Ironman seinen Anzug, aber auch der Blutbär macht seinen Job. Die Impulslaser verdampfen die Wolken um uns herum und bringen das unheimliche schwarze Feindschiff zum Glühen, als dessen Schilde arbeiten müssen und sogar zu flackern beginnen. Dann spucken die beiden Gausgatlings ihre 20 Ladungen aus. Die kleine Drake versucht sich am Ziel zu stabilisieren, aber die Gaus sind eigentlich nicht für den Einsatz inmitten von Ausweichsmanövern gedacht. Das Allermeiste geht fehl, aber zwei oder drei Geschosse treffen den Gegner doch am Heck und etwas explodiert heftig.
»Dein Raumschiff benutzt ungelenkte Festgeschosse?« Ich nehme gerade wieder 90% Schub weg, was uns wegtaumeln lässt.
»Ja, genau weil es kein echtes Raumschiff ist, also nicht nur. Einen Grund dafür, hast Du ja gerade miterlebt.«
Das große Feindschiff antwortet mit einem Feuerwerk aus Nahbereichslasern zur Verteidigung. So verwandelt es sich aus einem kaum sichtbaren schwarzen Schatten zwischen den Wolken, in eine leuchtende Casinoreklame.
Als wir gute zehn Kilometer gefallen sind, fange ich die Drake wieder ab.
»Iggy, Torpedobänke Eins und Zwei bereitmachen. Konventionelle Ladung, Mittelreichweite, 10 Prozent Ladung. Log das Ziel ein, damit bei denen alle FF-Alarme angehen.«
Er tippt und sucht, aber ich weiß, Red hilft ihm diskret. Ich sehe, wie der Feind abdreht und alles in seine Antriebe wirft, was ihn irgendwie aus dem Schwerkrafttopf herauskatapultieren kann.
Ich setze mich in gefühlt sicheren Abstand hinter ihn. Plasma ist immer noch eine Gefahr, aber zwischen den Wolken kann er gerne versuchen uns mit seinen Lasern zu erwischen.
»Das ist Satainbauweise. Aber in Deiner Datenbank gibt es keine genau Typenzuordnung.«
»Weil die Satains und das Imperium schon seit Ewigkeiten nur ab zu mal ein paar Salven über die Demarkationslinien ballern, um zu zeigen, dass es sie noch gibt und man sich ansonsten aber wie leeren Raum behandelt. Zumindest bis heute.«
»Sie erreichen die äußere Atmosphäre. Die Sharlethin ruft sie an.«
Ich grunze. »Ja, alles nach Vorschrift. Aber gut, damit habe ich gerechnet.«
Igoldid schaut sichtlich überrascht. »Hast Du?«
»Aber ja. Wir wollen ja, dass sie abhauen.«
»Und warum genau, wollen … wir … das?«
»Gleich. – Torpedos, Feuer bitte.«
Die Trägheitssysteme der Drake ruckeln leicht, als die schweren Werfer ihre Ladungen losjagen.
Das schwarze Satainschiff, ich würde es als Corvette oder mittelschweren Aufklärer kennzeichnen, dreht ab und wirft seinen Sprungantrieb an.
»Sis, sag mir bitte, dass du deren Vektoren mitzeichnest.«
»Was denkst Du? Ich spiele diese Art Jagdspiele ja nur seit siebeneinhalb Tausenden deiner Erdlingsjahre.«
Ich hebe beschwichtigend meine Hände: »Hey, hey, ich frag doch nur.«
Bevor die Torpedos einschlagen können und mit ihrer geringen Ladung bestenfalls die Schilde um ein Prozent geschwächt hätten, sind die Satains verschwunden.
»Com-Anfrage von Prätor Zinh.«
Ich atme tief ein und aus. Wäre wohl auch zu schön gewesen, ganz drum herum zu kommen.
»Auf‘s Holo, bitte.«
Ich drehe meinen Sessel und sehe auf einen blauhäutigen Mariner. Doch, so heißen die echt, zumindest übersetzt mein Uni-Translator es so.
»Prätor, immer ein Vergnügen.« ich schraube mir das ehrlichste Lächeln ins Gesicht, was ich gerade vorrätig habe.
»Ryu Tan. Das Vergnügen ist ganz meinerseits. Darf ich fragen, warum Ihre Exzellenz es angemessen findet, auf ein Schiff zu schießen, mit dessen Sternenbund wir uns nicht im Krieg befinden und was im Begriff war, beizudrehen?«
Beidrehen? Am Arsch. Die haben auf Zeit gespielt, wie ich es auch getan hätte, bis der WJD (Warp-Jump-Drive) aufgeladen war.
Ich runzle die Stirn und sortiere alle unhöflichen, patzigen und großkotzigen Antworten aus, die mir durch den Kopf schießen. Nach etwa zwanzig Sekunden finde ich etwas, was Susu vielleicht zum Schmunzeln bringt und mir diese Woche Stubenarrest schon aus Erziehungs-Prinzip erspart.
»Ich schlage vor, Sie checken ihr Sensorlogbuch eingehend. Die meisten Fragen klären sich dann. Zudem wollte ich, dass der Angreifer mit Volldampf die Beine in die Hand nimmt.«
»Mein Translator scheint mit diesem Idiom unvertraut …«
Ich räuspere mich. »Ich wollte ihm, mit Eurer Hilfe Prätor, soviel Angst einjagen, dass er auf möglichst direktem Weg nach Haus flüchtet. Und Ihr habt Eure Rolle ausgezeichnet gespielt, danke dafür.«
Der gute Prätor ist offensichtlich verwirrt. Ich vermute, fast so verwirrt wie der Idiot gewesen sein muss, der ihn in den Kommandosessel einer Paladin gesetzt hat.
»Nun, dann … gern geschehen.«
»Danke nochmal.« Ich mache das Halsabschneiden-Daumen-Zeichen. »Voller Tarnmodus und hol den nötigen Schwung. Wann immer Du bereit bist, Sis.«
Iggy und Chan schauen mich erwartungsvoll an. Achso, da ist ja noch etwas.
»Seht mal, Red ist ein Drache. Derzeit vielleicht körperlich nicht ganz auf der Höhe, deswegen dieses Schiff als Hülle und Rüstung, aber immer noch ein Sternendrache.«
Wie ich sehe, sehen sie nicht, was ich sehe.
»Drachen brauchen keinen Sprungantrieb und keine Raumzeitkoordinaten, um die Leere zwischen den Sternen zu überwinden. Sie tun es einfach. Es gibt einen unglaublich schlau klingenden Fachterminus dazu, und eine wahnsinnig geheime und hochwissenschaftliche Forschung dazu. Aber ich nenne es einfach P2P-Sprung. Red holt nur etwas Schwung, dass wir in Bewegung rauskommen und nicht einfach an Ort und Stelle mit kalten Triebwerken auftauchen.«
Ich sehe Chans Augen aufleuchten und auch bei Sergeant Bubesi scheint die Erkenntnis zu reifen, dass man noch nie von Sternendrachen gehört hat, die einen Fusionsantrieb oder Brennstoff brauchten, um aus dem Nichts aufzutauchen, um das zu tun, was immer sie tun.
Worüber es im Übrigen auch eine hochgeheime Forschung und ungefähr soviel wahre Geschichten, wie über Einhörner gibt.
»Ich bin soweit.« Reds sanfte Stimme hat den üblichen mitleidigen Unterton. Chan wird wohl wenig merken, die Glückliche.
Ich werfe Iggy einen Beutel mit Vakuumansauger zu, meine ureigene Erfindung.
»Wofür soll das sein?«
Ich grinse schief und halte meinen eigenen schon mal vors Gesicht.
»Das muss man erleben, um es vollumfänglich zu erfassen. Sis, wir sind soweit.«
Ohne weitere Warnung springt Redwing durch die Leere und nimmt die Drake, samt Inhalt, mit.
Man wird es erraten, Sternendrachen sind uns organischen Humanoiden ein paar Zivilisationsstufen voraus. Und unsere Mägen wissen das ganz genau!
IV.
Wir sind angekommen und unsere Mägen sind leer. Für mich nicht unerwartet, daher mache ich solche Sprünge normalerweise nüchtern. Sofern ich es vorher weiß.
»Du bist Dir sicher, dass unsre Tarnung hält?« Iggy hat natürlich seine Zweifel. Bisher ist ja nicht gerade alles reibungsarm verlaufen.
»Aber sicher.« Ich gebe mich betont selbstsicher. »Ein Warpsprung ist zwar eine tolle Sache, mit dem ganzen Raum vor einem schrumpfen und hinter einem ausbreiten.« Wenn ich ehrlich bin, kommt mir das immer noch wie Magie vor, andererseits war das bei den meisten Apps auf meinem Handy nicht viel anders.
»Aber trotz verkürzter Strecke hat man eben doch noch Strecke. Wir haben einen Punkt zu Punkt-Transfer gemacht. Keine Ahnung, wie stark sie warpen, aber wir sind wenigstens zwei Stunden vor ihnen. Wir haben genügend Zeit, uns umzusehen. und dann sehen wir sie zudem ankommen. Die machen mir keine Sorge. Der getarnte Planet im System schon.«
»Ich bin immer noch überrascht, dass Du den sofort entdeckt hast. Als ob Du einen Abschluss in Raumnavigation hast.«
Ich grinse. Habe ich doch. Quasi das Seepferdchen, aber ein Abschluss. Aber ich habe aufgepasst und daher sehe ich vielleicht manchmal Dinge, die diese alten Raumfahrernationen inzwischen schon aus lauter Betriebsblindheit erstmal übersehen.
»Ich kann gar nicht genau sagen, woran es liegt, aber nachdem ich vielleicht dreihundert Systeme angeflogen bin, habe ich so ein Gefühl, wo Planeten zu finden sein müssten.
Ich deute auf die Holodarstellung des Systems inmitten der Brücke.
»Und hier scheint mir die habitable Goldylocks-Zone zu sein und sehr viel freier Raum zwischen innerstem und äußerstem Planeten. Angenommen, die Satains haben sich eine halbwegs angenehme Welt für Kohlestofforganismen ausgesucht, dann müsste sie ja wohl hier sein. Und da sie dieses System als Warpziel ausgewählt haben?«
Klar, sie könnten hier auch nur ein unbewohntes System für ihre klandestinen Treffen benutzen. Aber da ist mein mir eigener Bias im Weg. Ich nehme an, auch andere hätten gerne atembare Luft, freie Natur mit Himmel und dem Ganzen, und insgesamt einen Platz, wo nicht ein technisches Problem sehr schnell zum untechnischen Tod führen kann.
Ich stehe auf uns trecke mich. »Aber jetzt gibt es erst einmal eine Tour durchs Schiff, ihr sucht Euch Eure Kabinen aus und vielleicht willst Du ja auch etwas Kotze aus deinem Fell waschen.«
Automatisch wischt er sich über den Mund und ich grinse: »Erwischt! Keine Sorge, dafür habe ich extra den VakSaBeu (sprich: Waxa-Boy) entwickelt und deute auf seine sehr viel praller gefüllte Kotztüte.
»Sis, Du hast das Ruder und suchst uns mal den verlorenen Planeten der bösen Männer?«
»Gib dem armen Leoniden wenigstens eine Chance, sich an Deine exotisch idiomische Wortwahl zu gewöhnen.«
»Hast Du meine Wortwahl gerade idiotisch genannt?« Ich grinse.
»Ich sagte, idiomisch.«
»Aber gedacht hast Du: Idiotisch.«
»Ich führe diese idiotische Idiom-Interaktion nicht weiter fort.«
Igoldids Augen werden immer größer, als er unserer knochentrocken geführten Unterhaltung folgt. Selbst Chan, die nur meine Hälfte des Dialogs mitbekommt, wirft mir schräge Blicke zu. Fragt mich nicht warum, aber meine Art von albernem Humor ist genau Reds Ding. Ich schätze, auch als überkluger Geist, lacht man gerne über harmlosen Quatsch.
»Also, das hier sind die Bereitschaftsräume für die Brückenbesatzung. Das seltsame Ding da hinten, was ihr vermutlich noch nie gesehen habt, ist eine Kaffee-Maschine, Marke Eigenbau. Vielleicht wartet ihr noch damit, davon zu trinken. Koffein macht aus Kaffeejungfrauen schnell mal Flummies.«
»Idiome, Tan. Gib ihnen eine Chance …«, kommt mahnend aus dem InterCom. So weit ist es mir gekommen! Erhalte Knigge-Lektionen von einem Drachen in Yachtgröße.
»Ok, ok. Das Zeug macht einen furchtbar unternehmungslustig. Wie eine Droge.«
»Es ist eine Droge.«
»Das nimmst Du zurück.«
»Niemals. Und Du schaufelst erschwerend spatelweise Zucker hinein!«
»Es heißt Löffel und …, jetzt habe ich den Faden verloren. Fortsetzung folgt.«
»Ich erwarte sie mit atemloser Spannung.«
Als ob nichts passiert wäre, was ja auch der Fall ist, wende ich mich an meine Tour Gäste:
»Hier sind die Escape-Pods von diesem Deck, aber wundert euch nicht, wir sind frisch verproviantiert und benutzen sie deswegen auch als Stauraum. Mal ehrlich, wenn wir von der Drake runter müssen, ist Redwing verloren und dann … naja, ich weiß nicht wie ich es netter sagen soll, sind wir anderen schon zweimal im Arsch.
»Idiome!«
»Ach, jetzt mach mal halblang. DAS haben sie kapiert, oder?«
Panter und Löwe nicken einhellig, vielleicht einen Tick verunsichert.
»Hier geht es zum Red-Deck Eins. Sie hat zweieinhalb davon. Ich zeig es Euch mal, aber dort treiben wir uns normalerweis nicht rum. Ihr werdet gleich sehen warum. Sis, Dein OK, dass ich ihnen deine Gebeine zeige und wünschte, da wären keine?«
»Es sind nicht …«, diese Drachin hat tatsächlich gelernt zu seufzen. »Zeig es Ihnen, aber macht schnell. Der Sprung war anstrengend.«
Ich öffne eine versiegelte Luke und der Leonide muss sich klein machen, um überhaupt durch zu passen. Das ist unter anderem auch die Idee. Wenn Red nicht will, dann passiert niemand diese Luken lebend.
Wir betreten den Backbordflügelbereich, gefüllt mit einem Flüssigkeit-Gas-Gemisch. Es ist rote Haut zu sehen und auch Schuppen, die meinen auf meiner Jacke nicht zufällig ähneln, haben sie doch denselben Ursprung. Viel zu viel nacktes Fleisch, teilweise immer noch in einem Zustand der Nekrose, schwimmt in der Flüssigkeit und nur die Heillösung und die Milliarden von Naniten bei der Arbeit, verhindern das weitere Sterben meiner großen Freundin. Sogar Teile des Skelettes sind zu erahnen, auch wenn die Naniten und die Heillösung da sehr gute Arbeit geleistet haben und das meiste wieder von Gewebe bewachsen ist.
Sogar ein NOID-Panter kann betroffen starren, maunzt mitfühlend. Vielleicht überinterpretiere ich hier aber auch.
Igoldid starrt minutenlang, um Fassung ringend, in die neblige Lösung. Trotzdem fasst er sich weitaus schneller, als die Meisten anderen, denen dieser Anblick gestattet wurde.
»Das ist der Grund, warum ich die Drake so entworfen haben, wie sie nun ist. Als ich Red damals getroffen habe, steckte sie in … Schwierigkeiten.« Ich vermeide Einzelheiten bewusst, denn ich weiß, dass Red die Sache auf gleich mehreren Ebenen unangenehm ist, und nicht alle kann ich überhaupt begreifen. Muss ich aber auch nicht. Wenn wir Menschen überhaupt einen Vorteil gegenüber den hochentwickelten Wesen da draußen haben, dann ist es unsere tiefgehende Erfahrung mit Nichtwissen. Wir leben quasi unser ganzes Leben in dem Wissen, dass wir das Meiste nicht wissen, gar nicht wissen wollen. Nicht immer ganz leicht, diese leichtfertige Ignoranz meiner Art, den Leuten hier draußen zu vermitteln. Warum sollte ein intelligentes Wesen, sich freiwillig Wissen verweigern? Nunja, das mit der Intelligenz eben, die noch untersucht werden muss und sowas, wie hier gerade. Manchmal ist es einfach anständig, dem anderen seine Geheimnisse zu lassen.
»Es gab die Möglichkeit, sie in eine extra entworfene Einrichtung zu schaffen, ich nenne es mal, aus Mangel an … Idiomen … ein Privatpflegeheim, gebaut und geeignet für genau einen Patienten in der Galaxie. Dann hätte Red aber Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte irgendwo festgesessen. Und euch ist klar, was manchen allein der Aufenthaltsort eines Sternendrachens schon wert ist, von der Gefahr, die für den entsprechenden Ort ausginge, brauche ich ja nicht anfangen.«
Iggy dreht sich zu mir und schaut mich an, als ob er vor einem Einhorn stünde. »Und da kamst du auf die Idee, sie auf ein Schiff zu packen, so hochmobil zu bleiben und stets in der Lage zu sein, einen Jagdkampf zu führen?«
So wie er das sagt, klingt das ziemlich militärisch.
»Hm, zu viel der Ehre. Soweit habe ich gar nicht gedacht. Aber da wo ich herkomme, gibt es … eine Legende von einem Mann, dessen Herz nur deswegen weiterschlagen konnte, weil er eine Art Maschine gebaut hat, die verhindert, dass sich ein Splitter vollends hineinbohrt. Diese Maschine hat er in eine Art gepanzerten Umweltanzug eingebaut und weil die Maschine irre viel Energie brauchte, hat er für eine solche Energiequelle gesorgt und dabei etwas übertrieben. Und mit der überschüssigen Energie fing er an Zusatzfunktionen über das Überleben hinaus, am Anzug anzubringen. Triebwerke zum Fliegen und als Nahkampfwaffen einsetzbar, Schutzschilde, hochauflösende Scanner, Soundanlage, Schwerlastservos, Mega-dupa-ultralaser …«
Ich breite die Arme aus. »Im Prinzip sowas. Nur, dass der Mann aus der Legende ein Mensch ist, und ich etwas für eine verletzte Drachin mit den Gardemaßen 90-60-90 bastelt habe. Naja, so ungefähr. Ich werde natürlich nicht die genauen Maße einer Frau rausposaunen.« Ich zwinkere, aber ernte nur Unverständnis. Wieder einmal.
Wir verlassen den Red-Pod, wie ich diese Bereiche für mich nenne, da sie ja im Prinzip ein durchgehendes Deck sind. Als die Luke mit ihrem Zischen das Infektionssiegel widerherstellt, atme ich auf und bin selbst überrascht. Red so in der Medic-Lösung zu sehen, macht mich immer noch fertig.
»Ich dachte immer, man wird zum Ryu, wenn man einen Sternendrachen erschlägt und den Körper zum Beweis der Kaiserin vorlegt.«
Der Leonide spricht aus, was nahezu alle glauben.
»Ryu bedeutet eigentlich Drachenreiter. Irgendeine Art Bedeutungswandel in den letzten zig tausend Generationen oder so.» Ich winke ab, völlig unwesentlich. »Ihr kennt sicher die Geschichten, wenn alle paar hundert Jahre ein Sternedrache auf die Jagd geht und wie er ganze Handelsrouten ausdünnt, Planeten abfarmt und so ziemlich die größte Gefahr im All wird?«
Ich führe meine kleine Crew in die Messe, die ich mit Smartledersofas und erstklassigen Imitaten aus noblem Holzmobiliar beinahe mit dem Flair eines Rotary-Privat-Clubhaus aus den fetten 90ger Jahren ausgestattet habe. Sagen wir einfach, Creds haben bei Entwicklung, Bau und Einrichtung der Drake wirklich überhaupt keine Rolle gespielt.
Ich fläze mich in meinen Lieblingssessel und ein schwebendes Tablett bringt mir meine Lieblings-Coke, 100% Geschmack, 0% schädlicher Inhalt. Keine Werbung, einfach Fakt.
Iggy wirft sich auf ein Sofa und Chan nimmt, nach reichlicher Inspektion, des für sie wohl zu leicht zu beschädigenden Leders, den Tisch als Liegeplatz. Im ersten Moment kommt mir das seltsam vor, aber dann zucke ich die Schultern. Auch eine der ersten 100 Dinge, die man zurücklässt. Andere Wesen handeln in aller Regel logischer, als wir Menschen. Hat man sich erst einmal davon verabschiedet, der Richter über Moral und Anstand sein zu können und der Schlauste im Raum sein zu müssen, lebt es sich viel entspannter.
»Den unsterblichen und wiedergeborenen … hier bitte angemessene Titelfolge einfügen … Kaisern ist irgendwann aufgegangen, dass es ziemlich nützlich ist, auf der Seite der Drachen und nicht auf ihrem Speiseplan zu stehen. Und was soll ich sagen? Als man den Drachen erstmal klargemacht hat, dass man intelligent, kommunikationsbereit und vor allem an kulturellem Austausch interessiert ist, ging auf einmal was.«
»So einfach?«
Ich hebe die Schultern. »Nichts ist je SO einfach. Aber so, wie man mich damals von der Erde geholt hat und aus allen Wolken gefallen ist, dass ich es nicht „sofort“ als Wohltat empfand, aus dem stinkenden, kriegsverseuchten, sich selbst vergiftenden, korrupten und Bodenschätze verbrennenden Alptraum „gerettet“ zu werden, so war den Drachen einfach nicht bewusst, dass ihre Beute, die eben noch aus kaum geradeaus denkenden Wesen bestand, zack, kaum 200.000 Jahre später, plötzlich so etwas wie eine Kultur entwickelt haben … und dazu Waffen, die sie am Ende sogar aus dem Leben blasen können.«
Sogar Chan schaut beeindruckt. Ich finde es ja klasse, wie viel Mimik der NOID sich selbst eingebaut hat. Der Wunsch den Organischen näher zu sein, muss groß sein. Wenn ich dran denke, wie viele Organische sich kybernetisch aufwerten, gibt es da auch eine Gegenströmung. Vielleicht in einigen Generationen sind die Unterschiede nur noch in der Betriebssoftware zu erkennen?
Ich schüttle den ungewohnt fortschrittlichen Gedanken ab. Diese ganzen schlauen Wesen und vielen neuen Sichtweisen … wenn ich nicht aufpasse, bin ich vielleicht schon bald so wenig ein Homo Sapiens, dass ich auf der Erde nicht mehr funktionieren könnte. Wobei, warum sollte ich das überhaupt wollen?
»Und dann haben die Drachen sich mit dem Imperium zusammengetan?« Igoldid ist fast so naiv, wie ich es damals war.
Mein Lachen wie auch Reds Lachen kommen zeitgleich. Ja, das wäre die Kinderbuchversion.
»Nein, nicht wirklich. Aber ganz selten einmal, gibt es eine Möglichkeit für so unwürdige Würmchen wie mich …«
»Lass das bitte. Du weißt, ich schätze Deine flapsige, scheinbare Bescheidenheit in diesem Zusammenhang nicht.«
» …äh, ja, richtig. Sorry. Echt. Also manchmal haben auch wir kleinen, kurzlebigen Lebensformen, die Chance, den Sternendrachen eine echte Hilfe zu sein. Meistens, wenn wir uns als etwas schlauer herausstellen, als der Rest, oder eine wirklich, wirklich bemerkenswerte Gabe oder Idee haben. Wie gesagt, sie stehen total auf Kultur. Ok, machen wir uns nichts vor, für sie sind wir Krabbler die erst anfangen zu kapieren, was das ist, aber ein paar Wenige von uns, beginnen gerade wackelnd aufzustehen, und erste Gehversuche zu unternehmen. Ihr versteht mein … Idiom?«
Der Leonide nickt und Chans Stimme erklingt seit langer Zeit wieder einmal. Beinahe habe ich vergessen, dass sie ja einen Sprachprozessor hat. »So ähnlich empfinden manche meiner Art und entscheiden sich für eine temporal eingeschränkte und entwicklungsverzögerte Existenz. Um die Organischen leichter zu begreifen und an deren emotionaler und zufallsbasierter Innovationsgabe zu partizipieren.«
»Hast du gerade gesagt, ihr tretet absichtlich voll auf die Bremse, damit wir wenigstens eine Weile mit euch Schritt halten können und euch, eher zufällig, vielleicht zu Ideen inspirieren, auf die ihr mit euren Algorithmen nicht gekommen wärt?«
Red lacht in meinem Kopf. Ganz privat, nur für mich. Mitfühlend und freundschaftlich.
Wie eigentlich immer, wenn ich mal wieder begreife, evolutionsmäßig hier vergleichsweise eine Maus zu sein. Vielleicht Mighty Mouse oder Speedy Gonzales, aber nichts desto trotz die Maus. Umgeben von Alpha Prädatoren, die aus irgendwelchen Gründen beschlossen haben, mir zu helfen und mich nicht zu fressen.
Ich wäre einen Tick weniger beschämt, wenn ich wüsste, dass wir auf der Erde wenigstens unsresgleichen, dasselbe Maß an Freundlichkeit entgegenbringen würden.
»Na, jedenfalls, willkommen an Bord. Ist ja wohl klar, dass wir Reds Zustand oder sogar ihre Anwesenheit für uns behalten. Für alle anderen ist sie die Schiffs-Ki. Die gesperrten Teile des Schiffs erklären wir als Teile für die Nährlösung, die unsere untere organische Schiffshaut stetig erneuert. Und wer noch mehr Fragen stellt, den werfen wir durch die Luftschleuse. Befehl der Kaiserin.«
Ich schaue in zwei erstaunte Augenpaar.
»Nein, kein Witz, das Geheimnis um die Ryus ist Staatsraison. Also, psst.«
Und jetzt ein schneller Themenwechsel, bevor die peinliche Stille einsetzt: »Willst Du ein Bier, Iggy? Keine Cervicia, ein Bier. 100 Creds, danach willst Du nie wieder tauschen.«