Beiträge von Unor

    Danke wie immer an @Miri fürs kommentieren, hilft mir beim Überarbeiten und motiviert auch zum Weiterschreiben :D Ich denke, es wird dann irgendwann der Moment kommen, wo ich doch nen eigenen Thread für die Geschichte eröffnen muss. Aber dann muss ich mir ja nen Namen ausdenken . . . na ja, bis dahin ist hier mal ein weiteres Fragment. Wir nähern uns so langsam dem Ende des ersten Kapitels.



    Das Kribbeln in seinem Bauch wurde zu schmerzender Übelkeit, als die Panik ihn ergriff. Es war dasselbe Gefühl, dass er beim Anblick seines sterbenden Vaters verspürt hatte. Bei dem Gedanken daran formten sich Tränen in Erols Augen. Vater stirbt. Er rutschte an der Wand entlang zu Boden und hielt die Beine vor der Brust umschlungen. Ich bin davongelaufen und jetzt stirbt Vater ganz allein.


    Nein, das würde er nicht zulassen. Erol sprang auf, von einer plötzlichen Wut gepackt. Mit den Händen rieb er sich die Tränen aus den Augen, dann schlang er seine mageren Finger um die dicken Eisenstäbe und rüttelte. Wenn die Bodendielen loskommen konnten, warum nicht das Gitter. Aber wie er auch rüttelte und ruckte, die Barriere war fest verbaut und unnachgiebig. Erol trat gegen das Eisen, einmal, zweimal. Nichts. Er sank auf die Knie, seine Hände kraftlos in seinem Schoß.


    „Pssst!“


    Der Laut durchschnitt die Luft, lauter als das Rauschen der Bucht. Näher …


    Aldur, dachte Erol und hätte es fast ausgesprochen, da wurde er von einer heißeren Männerstimme unterbrochen.


    „Wer da?“, verlangte die fremde Stimme. Das Scharren von Stahl ließ Erol zurückweichen. Hatten die Rabenmänner seine Tritte gehört? Der Nebel erschwerte das Sehen, aber es war klar zu hören, dass jemand direkt auf der anderen Seite des Gitters stand.


    „Welsch, wer sonst?“, flüsterte eine zweite Stimme. „Bist du das, Schorsch? Nur du kannst so blöd fragen …“ Hinter den Gittern formten sich zwei schwarze Silhouetten, als die Männer in den Schutz des Tunnels traten. Erol wich einen weiteren Schritt zurück. Das Gitter ist fest, erinnerte er sich, sie können nicht zu mir.


    „Wo ist der Rest?“, fragte Welsch. Wie Erol nun erkennen konnte, hielt er einen Dolch in der Hand. Er steckte ihn in den Gürtel zurück.


    „Sind im Boot geblieben“, antwortete Schorsch. „In der Bucht wimmelt es von Rabenmännern. And den Docks sind noch mehr. Sie wurden von der Burg geholt, als das Schiff gesichtet wurde.“


    Erol atmete aus. Dies waren keine Rabenmänner, sie versteckten sich, genau wie er. Vielleicht war Aldur bei ihnen.


    „Schiff?“, hakte Welsch nach. „Alle Schiffe wurden verbrannt.“


    „Dieses auch,“ erwiderte Schorsch. „Das Holz ist schwarz und auf dem Deck qualmts. Es kam einfach so aus dem Nebel getrieben, keine Seele scheint an Bord zu sein. Der Junge ist reingeklettert.“


    „Aldur?“


    Erol horchte auf und wagte es, ein Schritt näher ans Gitter zu treten.


    „Ja, Aldur. Der Junge meinte, es sei eines der Schiffe, die der Fürst verbrannt hat. Meinte, es wäre abgetrieben und könnte noch Ladung haben. Er ist mit einem Seil reingeklettert. Ich und Metz und die anderen sind im Boot geblieben, wollten auf ihn warten. Aber dann kamen die Rabenmänner.“


    „Haben sie ihn geschnappt?“, wollte Welsch wissen.


    „Nein“, versicherte Schorsch und Erol fiel ein Stein vom Herzen. „Sie trauen sich nicht an Bord. Aber umfahren es in ihren Ruderbooten.“


    Es folgte eine kurze Pause. Genau wie Erol schien Welsch zu überlegen, was als nächstes zu tun war. Ein Schiff in der Bucht? Und Aldur war an Bord geklettert.


    „Geh zurück und hol die anderen“, befahl Welsch schließlich und der andere Mann machte sich auf, hielt dann aber kurz inne.


    „Was ist mit Aldur?“


    „Dem können wir nicht helfen. Es ist zu gefährlich, zurück in die Bucht zu fahren. Geh, hol den Zauberer und dann nichts wie weg hier.“

    Erol konnte von innen erkennen, dass auch das Fenster zur Straße mit Brettern verbarrikadiert worden war. Er wagte nicht, daran zu rütteln. Nur weil er die Rabenmänner nicht mehr sehen konnte, hieß das nicht, dass sie ihn nicht hören würden. Glücklicherweise wusste er von einem weiteren Ausgang.


    Erol ging hinunter auf alle Viere und begann, mit den Fingernägeln zwischen die Bodendielen zu greifen und an ihnen zu rütteln. Aldur hatte oft von seinem Tunnel erzählt, wenn er am Morgen mit verdreckten Händen und geröteten Augen die Treppe heraufkam. Ganze Nächte verbrachte er unten im Laden, während Erol und Ubar tief schlummerten, und buddelte mit bloßen Händen einen Schacht.


    „Du kannst doch niemals bis zum Hafen graben!“, hatte Erol einmal angemerkt, als Aldur erzählte, wie der Schacht ihnen helfen würde, dorthin zu gelangen. Sein großer Bruder hatte ihn nur müde angelächelt.


    „Nicht bis zum Hafen,“ erklärte er, „der alte Fürst Ottwich hat uns zum Glück schon die meiste Arbeit abgenommen.“


    Dann erzählte er vom alten Fürst Ottwich, der vor Jahren schon drei lange Tunnel hatte graben lassen, die im Falle von Hochwasser volllaufen und somit Fluten verhindern sollten. Einer dieser Tunnel, so meinte zumindest Aldur, verlief irgendwo unter ihrem Haus. Und mündete in den Hafen.



    Er brauchte nicht lange, um die losen Bretter zu finden. Als Erol prüfend rüttelte, riss er sie versehentlich lose und blickte in die klaffende Dunkelheit, die sich unter ihnen verborgen hatte. Bei dem Anblick schnürte Erols Kehle sich zusammen. Das schwarze Loch schien ins Nichts zu führen und sah kaum breit genug für ihn aus. Wie um alles in der Welt, hat Aldur hier hindurchgepasst. Sein Bruder mochte vielleicht nichtmehr so kräftig sein, wie noch vor einigen Monaten, aber selbst hungergezehrt wie er war musste er sich mit Gewalt durch den Schacht gepresst haben.


    Erol langte vorsichtig mit einem Arm in den düsteren Schlund, in der Hoffnung, einen Boden zu ertasten, aber alles was er fühlte was eisige Luft. Als nächstes wagte er, sein Gesicht in das Loch zu stecken, aber es war hoffnungslos finster. Er griff einen der Fleischhaken, die nutzlos an der Decke hingen, und ließ ihn in die Öffnung im Boden fallen. Es dauerte kaum einen Herzschlag, da ertönte ein hallendes Scheppern. Erol zuckte zusammen und schimpfte sich still einen Idioten. Schnell krabbelte er zum Fenster und spähte zwischen den Holzbrettern hindurch nach dem gelben Laternenlicht der Rabenmänner. Eine lange Weile verginge, bevor er sich sicher genug war, dass niemand etwas gehört hatte. Er kroch zum Schacht zurück.


    Diesmal ging er mit den Füßen voran. Langsam und vorsichtig schon er sich hinein, in der Hoffnung, mit den Zehen den Boden zu ertasten. Als er bis zur Brust vom engen Dunkel verschlungen war, baumelten seine Beine noch immer in kalter Leere. Der Boden kann nicht weit sein, erinnerte er sich, um nicht panisch zu werden. Der Haken war nicht lange gefallen. Dennoch verharrte er, beide Arme zu den Seiten ausgestreckt, die Fingernägel in den Holzboden gekrallt.


    „Eroool!“, rief sein Vater über ihm. Seine tauben Finger rutschten ab, Brust und Kopf verschwanden in dem dunklen Loch. Bevor Erol aufschreien konnte, stießen seine nackten Sohlen auf Boden. Der Schwung seines Sturzes riss ihm die Beine weg und er landete ungeschickt auf dem Hosenboden. Die kreisrunde Öffnung lag nun über ihm wie ein schwach leuchtender Mond in pechschwarzem Himmel. Was wenn jemand den Schacht findet?


    Erol rappelte sich auf und schlug den Dreck von seiner Hose. Als er den Schacht entdeckt hatte, war er unter den Dielen versteckt gewesen. Wie war es Aldur gelungen, den Eingang wieder zu verbergen, nachdem er hindurchgeschlüpft war? Sein Bruder war groß, sehr groß. Mit seinen sechseinhalb Fuß überragte er so gut wie jeden Mann in Fürstensee, aber war er groß genug, um von hier unten die Dielen zu erreichen und über die Öffnung zu ziehen? Erol konnte in der Dunkelheit die Entfernung schlecht abschätzen, aber eine andere Erklärung wollte ihm sowieso nicht einfallen. Was er mit Sicherheit sagen konnte, war, dass er auf keinen Fall allein wieder nach oben kommen würde.


    Wenn ich mit Aldur zurückkomme, wird er mich hochheben müssen . . . falls ich mit Aldur zurückkomme. Er vertrieb den bösen Gedanken mit einem Kopfschütteln. In diesen dunklen Tunnel war er nicht gekrochen, um die Hoffnung aufzugeben. Alles was er tun musste, war an der Wand entlang in Richtung Süden zu laufen, bis zu der Stelle, wo der Fluttunnel in die Bucht mündete. Erol streckte die Arme vor sich aus bis er Stein ertastete. Unter seinen nackten Füßen klebte und schmatze der mit Unrat verdreckte Boden; die Wände fühlten sich kalt und glitschig an seinen Händen an, als er an ihnen entlangglitt.


    In der unterirdischen Finsternis erkannte Erol die eigene Hand vor Augen nicht und außer dem hohen Heulen einer steifen Brise war kein Geräusch zu vernehmen. Der Klang gab ihm Mut. Wind bedeutete, dass irgendwo in der Nähe ein Ausgang war, der ihn an die frische Luft bringen würde. Je weiter er sich voranschob, desto mehr Schemen schienen sich vor ihm aus dem Dunkel zu formen. Bald konnte er grob gehauenen Steine in der Wand direkt neben sich ausmachen, dann die Wölbung des Tunnels über ihm. Wenige Schritte später kam das Geräusch von Wasser hinzu, das vertraute Rauschen der Bucht.


    Bald schon kamen von der Bucht nicht nur Geräusche, sondern auch dichte Nebelschwaden, die sich wie Geisterkatzen um Erols Beine schmiegten. Aus der Dunkelheit des Tunnels wurde ein undurchdringliches Weis. Der Nebel umhüllte ihn vollständig, kalt und feucht auf seiner Haut. Erol verspürte den Drang, die Luft anzuhalten. Der Gedanke, die dicke Suppe einzuatmen, widerstand ihm. Als er schließlich atmen musste, fühlte es sich an, als würde ein dicker weißer Wurm durch seinen Hals in die Lunge kriechen. Er hustete. Das Geräusch hallte wider, zu laut.


    Gerade als er zu fürchten begann, für immer durch den gespenstischen Nebel waten zu müssen, schälten sich Gitterstäbe aus dem weißen Dunst. Sie verliefen hochkant und senkrecht, von Boden zu Decke, von Wand zu Wand; die Abstände zwischen ihnen zu schmal für Erol und für Aldur erst recht. Eine böse Vorahnung kribbelte in seinem Bauch. War er dem Tunnel in die falsche Richtung gefolgt? Nein, das Meeresrauschen war hier so deutlich zu hören, dass der Hafen direkt auf der anderen Seite des Gitters liegen musste. Benutzte Aldur einen anderen, einen geheimen Weg?
    Erol presste den Rücken gegen die nasskalte Tunnelwand und überlegte, was nun zu tun war. Zurück zum Schacht konnte er nicht. Ohne Aldurs Hilfe würde er niemals hindurchklettern können. Er hatte keine Ahnung, wie lange der Tunnel in die andere Richtung weiterging oder wo er hinführte.

    Yo, erstmal danke @Miri, Ich freu mich auch, dass ich wieder da bin xD
    Dass du wissen willst wie's weitergeht freut mich und wer weiß, wenn man mir gut genug zuredet, werde ich mich ja vielleicht sogar nochmal an die Geschichte ransetzten.
    Hier ist jetzt als Vertröstung ein weiterer Teil des Kapitels.




    Sein Bruder war dafür bekannt, den Männern des Fürsten mit Leichtigkeit entwischen zu können. Sein Ruhm reichte so weit, dass viele im Viertel sogar bevorzugten, ihn dafür zu bezahlen ihnen Dinge zu beschaffen, anstatt selbst den nächtlichen Trip zu den Docks zu wagen. Ihr Vater teilte dieses Vertrauen nicht. „Sie werden dich schnappen“, warnte er jedes Mal, wenn Aldur sich den pechschwarzen Kapuzenmantel überzog und mit einem Beutel voller Tauschware das Haus verließ. Hatte Albar letztendlich Recht behalten?
    Erol schüttelte den Kopf. Nein, das wollte – das konnte er nicht glauben. Irgendwo da draußen versteckte er sich. Niemand konnte sich so verstecken wie Aldur. Aber was, wenn er festsitzt? Wenn sie ihn festgenagelt haben oder er sich verletzt hat? Je weiter die Stunden in der dunklen Krankenstube voranschritten, desto mehr düstere Gedanken nagten an Erol. Er war gerade erst dreizehn geworden, Aldur war drei Jahre älter. Er sollte sich um mich sorgen, nicht ich mich seinetwegen.
    „Erol“, ertönte sein Vater, wie aus einem Grab gesprochen. Seine Haut hatte die Farbe alten Pergaments angenommen, die Venen darunter waren schwarze Flüsse. In Albars Augen brannte der Schmerz.
    „Vater?“ Erol kniete an seiner Seite, so nah wie er es wagte. Selbst auf diesen Abstand viel es ihm schwer, die geröchelten Worte auszumachen.
    „Aldur . . . sag Aldur, er soll sich nicht die Schuld geben. Du weißt er wird es tun.“
    „Schuld? Woran?“
    Die Antwort auf seine Frage war ein weiterer Hustenanfall. Kleine, schwarze Brocken gemischt mit Blut schossen aus seines Vaters Kehle. Er stirbt, begriff Erol panisch, er stirbt und Aldur ist nicht hier. Aldur wollte Wasser holen und Kräuter für einen Tee.
    „Ich werde ihn holen, Vater“, versprach Erol mit zittriger Stimme. Er konnte selbst kaum glauben was er da sagte. „Ich gehe ihn holen, Vater, versprochen. Du musst durchhalten, nur ein Weilchen noch!“
    Dürre, harte Finger packten seinen Ärmel wie die Klauen eines Ungetüms. Der alte Mann starrte ihn mit fieberhaftem Blick an.
    „Lass mich nicht allein!“, schrie er mit ungewohnter Kraft in der Stimme. „Geh nicht!“
    Erol entriss sich instinktiv dem Griff. Diese Kreatur mit wilden Augen und blutgeschwärzten Zähnen war seinem geliebten, gutherzigen Vater so fremd, dass Erol bis an die Wand zurückwich. Sie sagen, kurz vor dem Ende holt einen der Wahn. In der kleinen Kammer hallten die Schreie unerträglich laut. Zunächst rief der Alte noch nach Aldur, aber schon bald wurden die Rufe zu einem furchterregenden, unverständlichen Gurgeln.
    „Ich hole Aldur, er weiß was zu tun ist“, sagte Erol, ohne seinen Vater anzublicken. Mit einem Mal hatte er keine Angst mehr davor, auf die Straßen zu treten. In diesem Moment gab es keinen Ort der schlimmer sein konnte, als Albars Sterbebett.


    Die Wehklagen seines Vaters folgten ihm die schmale Treppe hinunter in den Laden. Haken, von denen vor einigen Wochen noch frischer Fisch gehangen hatte, baumelten leer an der Decke, das mit Blut vollgesogene Holz strömte einen üblen Geruch aus, den Erol dem Gestank der Krankenstube aber tausendmal vorzog. Es war ein vertrauter Geruch. Als noch essbarer Fisch aus dem Meer geholt wurde, hatte Erol jeden Tag in diesem Laden gestanden. Er war für den Verkauf zuständig, da ihm vom Ausweiden und Filetieren des Tagesfangs übel wurde.
    Jetzt war ihm auch übel. Angst wandte sich in seinem Bauch wie ein Bündel Giftschlangen, Angst, was mit seinem Bruder geschehen war und Angst auf die Straße zu treten. Vorsichtig öffnete Erol die Türe nach draußen. Sie bewegte sich nur einen Spalt breit ehe sie gegen die Bretter stieß, die die Rabenmänner draußen an den Rahmen genagelt hatten. Finger aus Nebel glitten durch die schmale Öffnung, dick und gespenstisch weiß. Dies ist kein gewöhnlicher Nebel, bemerkte Erol sofort, der in seinen dreizehn Jahren im Hafenviertel schon allerlei Nebel gesehen hatte. Schnell schloss er die Tür wieder.
    Rabenmänner nicht mehr sehen konnte, hießt das nicht, dass sie ihn nicht mehr hören konnten.

    So, ich weiß es ist schon ewig her seit ich was hier im Forum gepostet habe, aber ich versuche wieder ein bisschen reinzukommen. Ich habe immer noch ne Menge Fragmente auf Lager, die ich so nebenbei überarbeite um meinen Schreibstil zu verbessern. Ob es geklappt hat könnt ihr ja dann entscheiden xD
    Dieses Fragment ist das erste Kapitel einer unvollendeten (schockierend, ich weiß) Fantasygeschichte (nicht die, zu der der Prolog von oben gehört. Eine andere unvollendete Fantasygeschichte, ich hab genug davon xD)



    Kapitel 1

    Den ganzen Abend schon krochen dicke Nebelschwaden vom Hafen her durch die engen Gassen von Fürstensee. Sie boten den Rabenmännern Schutz, als sie in der Dunkelheit durch die Straßen schlichen.

    "Drei Stück", flüsterte Erol und zog die Lumpen zu, die ihnen als Vorhänge dienten. "Mindestens." Die Männer trugen Laternen, deren gelbes Licht sie verriet. Einen solchen Fehler würde Aldur nicht machen. Er war bei Anbruch der Dunkelheit verschwunden, im schwarzen Mantel seines Vaters.
    "Er sollte längst zurück sein", keuchte Albar. Ein rasselndes Husten entfleuchte seinen Lungen, der alte Mann krümmte sich in seinem Krankenbett. Die Seuche hat sich tief in seinen Körper gefressen, dachte Erol bedrückt, bevor er den grimmen Gedanken abschüttelte.
    "Still, Vater, sie dürfen uns nicht hören!" Er griff nach dem Weinschlauch auf dem Nachttisch. Leer. "Bei den Göttern, Aldur, beeil dich."
    "Er sollte . . . längst zurück sein." Die Stimme seines Vaters war nun kaum noch mehr als ein Flüstern. Er stirbt, bahnte es Erol, als er Albars kalte Stirn mit einem Tuch abwischte. Er würde es später abkochen müssen. Aber wie, wir haben kein Wasser mehr.

    Zuviel Zeit war vergangen seit Aldur in Richtung Hafen aufgebrochen war, um von den zwielichtigen Händlern dort klares Wasser und Heilkräuter zu kaufen. Nach Ausgangssperre waren die Straßen gespickt mit Rabenmännern, Schergen des Fürsten, die die Ausbreitung der Seuche eindämmen sollten. Sie machten es schwieriger, sich bei Nacht im Hafenviertel zu bewegen. Aber so lange wie heute hatte Aldur noch nie gebraucht.
    "Wasser!", röchelte Albar. Erol zog erneut die Lumpen vor dem Fenster beiseite und spähte nach draußen. Die drei Männer waren verschwunden. Ohne das Licht ihrer Laternen war auf der dunklen Gasse kaum etwas auszumachen. Irgendwo in der Nähe hustete ein Aussätziger, ansonsten herrschte Totenstille. Nicht einmal die Möwen krächzen. Die letzen Vögel waren schon vor Tagen geschossen worden, nachdem auch der letzte Hund und die letzte Katze im Viertel verspeist worden war.
    "Er wird jeden Moment zurück sein, Vater, er muss . . . "
    "Wasser!", unterbrach der Alte bevor ein weiterer Hustenanfall ihn erbeben ließ. Ihnen lief die Zeit davon, Erol wusste es und sein Bruder Aldur wusste es ebenso. Nie und nimmer würde er sich so viel Zeit nehmen. Etwas hatte ihn aufgehalten. Oder jemand.


    (Das ist nur ein Teil des Kapitels, den Rest habe ich noch nicht überarbeitet.)











    Ich würde mich gerne um einen Platz als Jurymitglied bewerben. Ich habe mir schon so lange vorgenommen mehr von den tollen Geschichten im Forum zu lesen. Ne Deadline wär da vielleicht ne gute Motivation.
    Desweiteren erhoffe ich mir natürlich reichlich Bestechungsgelder, das versteht sich ja von selbst.

    @Miri @LadyK @Tariq


    Danke erstmal euch allen für die netten Worte. Ich war mir selber nicht sicher, ob eine Übersetzung in den "Eigene Gedichte" Bereich gehört, wusste aber ehrlich gesagt nicht, wo ichs sonst hätte posten sollen xD. Aber ihr scheint ja nix dagegen zu haben, also ist es auch egal. Ich werde denke ich noch das Original verlinken. Schließlich verdient der Herr Tolkien ja auch den Großteil der Bewunderung.


    EDIT: Ich habe einen Teil der Übersetzung überarbeitet. Jetzt ist es noch etwas näher am Original und meiner Meinung auch etwas schöner.

    Katze (Übersetzung von J.R.R Tolkiens "Cat")


    Fette Katze auf der Matratze
    Mag zu träumen scheinen
    Von molligen Mäusen
    Sich einzuverleiben;
    Eher doch geh' er
    In seinem Schwelgen
    Groß und stolz, wo im Unterholz
    in gestreiften Bälgen
    seine Brüder streifen und keifen;
    Oder im dunklen Dämmer
    Im Osten Rinder verkosten
    und Männer.


    Der große Leu ganz ohne Scheu
    Mit eiserner Tatze
    Und zackigen Zähnen
    In furchtbarer Fratze;
    Die pechschwarzen Panther
    Schummrige Schatten
    Die gern listig lauern
    Und Beute ergattern
    In Wäldern dicht mit trüber Sicht—
    Fern sind sie, ei
    Stolz und frei
    Doch die fette Katze auf der Matratze
    Zum Haustier gezücht‘
    Vergisst sie nicht.


    (Link zum Original im Spoiler)


    Öhm, wann wurde ich denn nominiert? xD Das muss mir irgendwie entfallen sein. (Ich hab ehrlich gesagt vergessen, dass ich mich überhaupt für den Thread angemeldet hab xD)
    Daher verfüge ich, dass @Xarrot Euch an meiner statt mit Versen beglücken soll. (Sofern er Bock hat natürlich).

    ENDLICH! Ein Unterforum für Leute, die es einfach nicht gebacken kriegen, mal was fertig zu stellen! Ich habe in meinen Jahren als Schreiber so viele Textfragmente angehäuft, von denen ich dachte, die würden nie zu was gut sein. Aber jetzt kann ich sie immerhin hier posten und das Feedback nutzen um meinen Stil zu verbessern. Und wer weiß, vielleicht wer ich sogar motiviert mal etwas weiterzuführen oder - Gott bewahre - fertigzustellen!


    Bei diesem Auszug hier handelt es sich um den Prolog der Fantasygeschichte, an der ich gearbeitet habe, als ich mich hier im Forum angemeldet habe. (Die hier zu posten, war eigentlich mal der Plan xD).



    Prolog


    Hohn und Hass tönten aus tausend Kehlen, als man die Verurteilten auf den Königsplatz trieb. Firenius war unter ihnen. Der letzte in einer langen Reihe von Gefangenen, die mit schweren Eisenketten aneinandergefesselt waren; links und rechts flankiert von schwarzen Reitern, die mit den Schäften ihrer Lanzen nach denen schlugen, die aus der Reihe taumelten. Firenius, dessen Sicht von Blut und Tränen getrübt war und dessen Beine nach Wochen des Hungers kaum dicker waren, als die eines Kindes, war auf dem langen Weg mehr als einmal gestürzt. Von seinem entblößten Rücken hing das Fleisch in Fetzten herunter, so oft hatten die Kerkermeister ihn mit ihren Peitschen zum Aufstehen gezwungen. Er spürte heißes Blut an seinen nackten Schenkeln herabströmen.
    Durch die ganze Stadt hatte man ihn und seine Leidesgenossen gehetzt. Durch die Mehlstraße, wo man sie mit schimmligem Brot beworfen hatte, durch die Blutgasse, wo die Metzger und ihre Gesellen verrottetes Fleisch und Innereien aus Eimern auf sie hatten herabregnen lassen. An der Gilde der Steinmetze hatte Firenius ein kantiger Brocken über dem linken Auge getroffen und eine pochende Platzwunde hinterlassen. Dem Mann vor ihm hatte ein großer Stein, den zwei Knechte vom Fenstersims gestoßen hatten, den Schädel zertrümmert. Die Kohorte musste anhalten, bis der Leichnam von den Lebenden losgekettet war.
    „Der hat Glück gehabt“, meinte ein Soldat lächelnd als er den Toten am Straßenrand ablegte und der tobenden Menge überließ, die sich sogleich daran machte, ihn in Stücke zu reißen.


    Die Schergen von König Dargathor hatten dreizehn Scheiterhaufen auf dem Königsplatz errichtet und waren bemüht, das neugierige Volk auf Abstand zu halten. Am Nordende des Platzes - vor den gewaltigen Mauern der Schwarzfeste, die über der Stadt thronte wie ein dunkles Ungetüm - saßen auf einem frisch gezimmerten Podest der König, sein Kastellan und der Hohe Bruder des Glaubens, der ein so selbstgefälliges Grinsen aufgesetzt hatte, das Firenius ihn am liebsten mit seiner Kette erdrosselt hätte. Stattdessen blickte er schweigend zu Boden, während man ihn von seinen Fesseln löste und zu einem der Pfähle zerrte, die mit in Öl getränkten Holzscheiten umgeben waren. Wochen in den Folterkammern unter der Schwarzfeste hatten ihn jeder Kraft beraubt, die er zum Widerstand hätte aufbringen können. Man hatte seine Finger gebrochen, sein Fleisch verbrannt, seine Zähne herausgeschlagen und seine Füße zerquetsch. Der Schmerz hatte seinen Geist so sehr benebelt, dass er die Schläge und Tritte gar nicht spürte, die man ihm versetzte, als er an den Scheiterhaufen gebunden wurde.
    Ich muss bei Verstand bleiben, ermahnte er sich selbst, während die Fesseln in sein Fleisch schnitten und sein geschundener Rücken an den rauen Holzpfahl gedrückt wurde. Sein von Pein getrübter Blick viel auf die großen Fachwerkhäuser, die den Platz zu drei Seiten einrahmten. Und obwohl er sie nicht sehen konnte, wusste er, dass hinter ihren Fenstern die hohen Herren und Brüder des Glaubens zu ihm herabgafften, in freudiger Erwartung, ihn und seine Leute brennen zu sehen.

    Wenn sie mich nur hören könnten. Wenn mich nur jeder in dieser verdammten Stadt hören könnte.

    Er hatte die Worte hunderte Male im Geiste wiederholt. Die letzten Worte, die er an die Welt richten würde, ehe er dieses Leben verließ. Doch nun fürchtete er, sie im Schmerz und in der Panik zu vergessen. Während einige Männer die Holzscheite noch einmal zurechtlegten, murmelte er beständig seine letzte Botschaft. Sein Körper hing reglos in den Fesseln, wie tot. Firenius würde all seine Kraft sparen, um so laut wie möglich zu schreien.
    Die Rufe des Pöbels wollten kein Ende nehmen und mit jedem Herzschlag der verging, gruben die Seile und Ketten sich tiefer in sein Fleisch. Dann, endlich, verstummten die letzten Stimmen. Der Hohe Bruder des Glaubens, hatte zu sprechen begonnen. Die Worte klangen dumpf und fern, wie unter Wasser gesprochen. Firenius wollte seinen Kopf zum Podest herumdrehen, aber sein Leib wiedersetzte sich seinem Willen.
    Eine Welle des Jubels verriet ihm, dass die Rede geendet hatte. Nun war seine Zeit gekommen. Aus den Reihen der Soldaten, die sich zu allen Seiten des Platzes aufgestellt hatten, traten Gestalten in dunklen Roben, die ihre Gesichter verhüllten. Ein jeder von ihnen trug eine Fackel in Händen und bewegte sich langsam auf einen Scheiterhaufen zu.
    „Eeee . . . Ghno . . .“ Firenius vermochte nicht, die Worte hervorzubringen. Seine Zunge lag wie ein Stück totes Fleisch in seinem Mund. Von seinen Lippen tropfte Speichel, der mit Blut vermischt war. So endete es also, mit dem großen Firenius. So würden seine Brüder ihn zum letzten Mal sehen. Sabbernd und schreiend und blutend. Das Licht einer Fackel erhellte seinen getrübten Blick. Eine der Kapuzengestalten hatte ihren Weg zu ihm gefunden und verkündete feierlich: „Im Lichte Luäas soll dir Unors Gerechtigkeit widerfahren!“
    Als die Fackel die Holzscheite berührte, schoss sofort grollend ein Feuerball gen Himmel. Die plötzliche Hitze brannte auf seiner Haut, kroch in seine Glieder. Mit einem Mal spürte Firenius Leben in jeden Winkel seines Körpers kriechen. Das Feuer, so wusste er, gab ihm Kraft und so begann er, zu schreien. Er schrie, lauter als jeder seiner Brüder. Doch waren es keine Schmerzensschreie. Er verfluchte König Dargathor und den Hohen Bruder und jeden Mann und jede Frau in Schwarzfelsen. Je näher die Flammen krochen, desto lauter schrie er und als sie an seinen Schenkeln leckten, verkündete er, was er schon so lange hatte verkünden wollen. Was er so oft im Geiste wiederholt hatte. Und er war sich sicher, dass jeder Einzelne in der ganzen Stadt ihn hören musste. Wie gerne hätte er ihre Gesichter gesehen. Aber da war nur Rauch.
    Als die Flammen seinen Körper gänzlich umhüllten, wurden seine Rufe zu wortlosen Schreien und schließlich schwieg er.
    Seine Worte hatten viele Zuhörer gefunden, von denen jedoch niemand ahnte, wie viel Unheil sie über kommende Generationen bringen würden.

    5


    Es war lange her, dass Mutter mich gehalten hatte und irgendwie fühlte es sich seltsam an. Als wäre ich zu klein für ihre Umarmung. Immer wieder krallte sie ihre Hände in meinen Rücken, holte mich näher heran, nur um dann wieder loszulassen. Sie wollte ihre Wange auf meinen Kopf legen, drückte mir aber stattdessen nur das Kinn gegen die Stirn.
    Schließlich ließ sie dann von mir ab. Sofort rannte ich die Treppe hinauf in mein Zimmer. Dort angekommen, konnte ich durchs offene Fenster das Brodeln des Brühkessels in der Scheune hören. Schnell schloss ich die Läden, holte mein Vogelbuch unterm Kissen hervor und meinen Kohlestift aus dem Nachttisch.
    Ich verlies das Haus durch die Vordertür, um Mutter in der Küche nicht zu begegnen. Auf dem Gehsteig war noch immer eine große Blutlache zu sehen, Grunzl und das Fahrrad waren jedoch verschwunden. Dafür hatten sich jetzt drei Katzen eingefunden, die sich an der verschütteten Milch gütlich taten. Im Hof stand Monika. Mit einem Besen versuchte sie die rote Spur zu beseitigen, die Grunzl bei der Flucht hinterlassen hatte. Ihr Blick war auf den Boden gerichtet und so bemerkte sie mich nicht. Hinter ihr stand das Scheunentor halb offen und ich erhaschte einen kurzen Blick auf Onkel Alois, der Grunzls Überreste im großen dampfenden Kupferkessel hin und her rührte.
    Schnell drehte ich mich in die andere Richtung und rauschte zügigen Schrittes davon. Ein paar Meter die Straße runter stand ein dunkelgrüner Kastenwagen, den der Nachbarsjunge Herrmann mit großen Augen bestaunte. Das musste der Wagen sein, mit dem Onkel Alois gekommen war. Ich hatte noch nie ein Automobil aus dieser Nähe gesehen, betrachtete es jedoch nicht sehr ausgiebig, da ich schleunigst Land gewinnen wollte.
    Die Sonne war eben erst aufgegangen und die Straße war – bis auf den kleinen Herrmann – noch sehr leer. Ich folgte ihr bis zu der Ecke, an der das Wirtshaus stand, vor dem Jakob geraucht hatte. Von dort ging ich nach links, wo die Schule stand. Ein alter, schlecht verputzter Bau der nur aus drei Räumen bestand. In einem Fenster im oberen Stock brannte Licht. Das musste Herr Arens sein, einer unserer zwei Dorflehrer. Obwohl es Sonntag war, war er schon auf. Vermutlich malte er im Klassenzimmer, wie er es meistens tat.
    Eigentlich hatte ich über den Schulhof abkürzen wollen, aber mit Arens im Fenster war mir das zu riskant. Onkel Alois hatte im Großen Krieg sein Bein verloren, Herr Arens den Verstand. Er war verschüttet worden bei einem Bombardement der Franzosen und fast taub, weil einmal eine Granate neben ihm explodiert war. Einer der Splitter hatte ihm das Auge rausgerissen. Jetzt hatte er eines aus Glas, dass er manchmal während des Unterrichts rausnahm und putzte.
    Er erzählte unzählige grausige Geschichten aus dem Krieg, dabei brüllte er, wie ein Offizier, wahrscheinlich, weil er so schlecht hören konnte. Immer wenn sein Unterricht langweilig wurde, meldete sich einer der größeren Schüler – meistens Helga, die Mathematik hasste – und fragte: ››Herr Lehrer, haben Sie denn im Krieg auch rechnen müssen?‹‹ oder sowas in der Art und dann war der alte Arens nicht zu bremsen.
    Er schwang sein Lineal wie ein Bajonett und kroch unter die Tische, um zu demonstrieren, wie sie damals vor den Bomben in Deckung gegangen waren. Manchmal ließ er ein paar von den Buben im Klassenzimmer auf und ab marschieren, und drillte sie dabei, wie ein General, was die Mädchen natürlich immer zum Kichern brachte.
    Ich fand es gar nicht witzig. Ich hätte lieber tausend Aufgaben gerechnet, als vom Krieg zu hören.
    Wenn er nicht gerade sein Glasauge polierte oder vom Krieg erzählte, malte Herr Arens. Und Wehe dem, der ihn dabei störte. Im letzten Winter hatten meine Freunde und ich nach Schulschluss eine Schneeballschlacht auf dem Hof veranstaltet, da hatten wir plötzlich seine Generalstimme brüllen gehört.
    ››Sofort raufkommen! Strafarbeit!‹‹
    Daher umging ich also das Schulhaus und kam nach kleinem Umweg zur Kirche. In der geöffneten Holzpforte stand Pfarrer Hettich und unterhielt sich mit der Mesmerin. Erneut beschleunigte ich meine Schritte, um nicht bemerkt zu werden. Pfarrer Hettich hatte eine Angewohnheit, Jungen, die ››nichts zu tun hatten‹‹ mit in die Kirche zu schleppen, wo sie dann den Boden schrubben durften oder etwas Ähnliches.
    Hinter der Kirche lagen Wiesen und hinter den Wiesen lag das Wäldchen, eine kleine Insel von Bäumen und Sträuchern inmitten der Felder und Weiden. Dort wimmelte es nur so von allerlei Vögeln, sogar im kalten Oktober. Hier kam ich immer her, mit meinem Büchlein und meinem Stift, auf der Suche nach Exemplaren, die Vater noch nicht eingetragen hatte. Meine Zeichnungen waren nicht halb so gut, wie seine, aber ich wollte das Buch auf keinen Fall unvollendet lassen.
    Kurz vorm Rand des Wäldchens wurde ich von einer Stimme aufgehalten.
    ››Hansi.‹‹ Es war Reinhard Wacker, der ein paar Jahre älter war als ich. Er musste mir gefolgt sein.
    ››Was ist los?‹‹
    ››Ist das euer Kastenwagen, bei uns in der Straße?‹‹ Reinhard war der große Bruder vom kleinen Herrmann. Ich nickte.
    ››Mensch, wem gehört der denn?‹‹, fragte Reinhard.
    ››Meinem Onkel Alois‹‹, antwortete ich und drehte mich ungeduldig zum Wald um.
    ››Das ist doch der Bruder von deinem Vater, richtig?‹‹
    Ich nickte.
    ››Kommt der nicht aus Almweiher?‹‹
    Ich blickte ihn verwirrt an. ››Da- da bin ich mir nicht sicher …‹‹
    ››Doch, mein Opa meint, der ist aus Almweiher. Wieso ist der denn bei euch?‹‹
    Seine Fragerei fing an, mir auf die Nerven zu gehen. Was interessierte es denn den, wozu mein Onkel im Ort war?
    ››Er will mich und meine Schwester mitnehmen‹‹, sagte ich knapp. ››Du, ich muss dann- ‹‹
    ››Hat er noch Platz?‹‹
    ››Platz?‹‹
    ››Im Auto, mein ich‹‹, sagte er und warf einen Blick über die Schulter, zur Kirche. Dort auf der Wiese rannte der kleine Herrmann umher und rupfte Grasbüschel aus.
    Meine Hände kneteten meine Oberschenkel und ich kaute meine Unterlippe, während ich nach einer Antwort suchte. Wieso dachte der denn, ich könnte entscheiden, wer bei uns mitfährt und wer nicht? Der Wagen gehörte doch schließlich Onkel Alois und nicht mir. Und ich hatte im Moment wenig Lust, ihn um irgendetwas zu bitten.
    ››Was wollt ihr denn in Almweiher?‹‹, fragte ich schließlich.
    ››Gar nichts. Opa will uns nur von der Front weghaben. Ich find es ja selber blöd. Von mir aus können die Franzosen gern kommen, aber wegen dem Herrmann macht Opa sich Sorgen. Mein Opa sagt, die Franzosen haben Neger, die für sie kämpfen. Franzosen, meint er, haben Anstand, aber die Neger machen vor den kleinen Buben nicht halt. Kannst du deinen Onkel nicht mal fragen, Hansi? Er müsst uns nur bis Weitzheim mitnehmen, da wohnt eine Tante von uns. Ist ganz in der Nähe. Wegen mir müssten wir ja nicht gehen, aber der Herrmann … ‹‹
    ››Ich frag mal‹‹, unterbrach ich ihn und bereute es sofort. Leider brachte auch das ihn nicht zum Schweigen und er redete weiter darüber, wie entschlossen er doch wäre, im Dorf zu warten, bis die Neger kämen, um sie zu bekämpfen, aber der Herrmann, der Herrmann … So ging das weiter, bis die schrille Hexenstimme der Mesnerin zu uns rüberhallte: ››He, habt ihr Burschen am frühen Morgen nichts zu treiben? Gehört der zu euch?‹‹ Sie hielt den kleinen Herrmann am Kragen gepackt. Auf ihrem Sonntagskleid prangten zwei kleine braune Handabdrücke.
    Das sah nach Orgelputzen aus.

    Hi, Tari ^^


    Ein tolles Gedicht mit schönen Reimen und greifbarer Atmosphäre. Ich habe nur einen Kritikpunkt: In der ersten Zeile solltest du das "In dem Munde" in "Im Munde" ändern, ansonsten passt der Rhythmus nicht.

    4


    Meine Matratze war schweißnass. Für einen schrecklichen Augenblick fürchtete ich, noch immer im Glibber der zertretenen Eier zu liegen, aber dieser Irrsinn verflog schnell. Was nicht verflog, war mein Herzklopfen, denn nur Sekunden nachdem ich mich im Bett aufgerichtet hatte, ertönte der schreckliche Schrei erneut. Mutter, war mein erster Gedanke. Monika, mein Zweiter.
    Nein, dies waren keine Geräusche, die ein Mensch von sich geben konnte. Sie klangen eher nach dem Kreischen eines schlecht geölten Tores - außerdem schienen sie von draußen zu kommen. Ich riss die Decke weg und sprang auf. Das Fenster über Jakobs Bett blickte auf den Hof hinunter, daher kraxelte ich auf die Matratze und schwang die Läden auf.
    Draußen lag die Welt noch im Halbdunkel. Aus unserer Scheune drangen gelbes Licht und eine tiefe Stimme, die ich sofort Onkel Alois zuordnete. Er stieß üble Flüche aus, die aber fast von panischem Kreischen und Quieken übertönt wurden.
    Quieken.
    Mein Magen schrumpfte zu einer kleinen Metallkugel zusammen, als die schreckliche Vorahnung mich befiel. In Windeseile schoss ich aus meinem Zimmer, die Treppe hinunter zur Küche, von wo aus man zum Hof kam.
    Im Flur stieß ich mit Mutter zusammen, die verwirrt aus dem Schlafzimmer getorkelt kam.
    ››Hansi, was ist hier los?‹‹ Sie versuchte, mich am Hemd zu packen.
    ››Grunzl!‹‹, keuchte ich zur Antwort.
    Eben griff ich nach der Hintertür, da schwang diese mit solcher Wucht auf, dass sie mich um ein Haar erschlagen hätte. Ein rosaroter Blitz schoss herein und riss mich, ehe ich irgendwie reagieren konnte, von den Füßen.
    ››Halt sie fest!‹‹, tönte es von draußen. Plötzlich war die Küche erfüllt von heißerem Quieken und Fipsen, gepaart mit Mutters panischen Schreien. Gerade rappelte ich mich auf, da kam Onkel Alois hereingehumpelt, ein blutiges Beil in den Händen. Seine fleischige Pranke packte meine Schulter und stieß mich gegen den Kachelofen.
    Ich sah, wie er seine Axt erhob und schwang, dann aber das Gleichgewicht verlor und stürzte. Grunzl hatte sich unter den Küchentisch geflüchtet. In den Augen der Sau stand blankes Entsetzen. Aus einer klaffenden Wunde in ihrer Schulter strömte Blut, verteile sich über die Küchenfliesen. Onkel Alois war darin ausgerutscht und als ich vorsprang, um Grunzl zu schnappen, zog es auch mir die Füße weg. Sie sah ihre Chance und preschte vorwärts. Mit einem Satz sprang sie über mich, wurde jedoch grob zurückgerissen, ehe sie die Türschwelle erreichte. Ein abgerissener Strick baumelte von ihrem Hals, dessen Ende Alois gerade noch erwischte. Aber Grunzl gab nicht auf und schleppte seinen massigen Körper hinter sich her, bis ihm das Seil wieder entglitt.
    Auf allen vieren kroch er ihr hinterher. Er war zur Hälfte die Tür hinaus, als ich mit Anlauf über ihn hinwegsprang.
    ››Schnapp sie dir, Hansi‹‹, hörte ich ihn hinter mir keuchen, als ich über den Hof preschte. Kurz vor der Scheune machte Grunzl eine scharfe Rechtswende in Richtung Straße. Noch immer strömte das Blut aus ihrer Schulter. Ich beschleunigte meinen Lauf, während sie immer langsamer wurde und schließlich nur noch torkelte.
    Ich war dem armen Tier schon ganz nah, bereit, mich auf den Bauch zu werfen, um seine Hinterbeine zu packen, da trotte es auf den Gehweg und wurde prompt von einem Rad erfasst. Es war die alte Frau Schott, die da über ihren Lenker in den Schlamm der Straße flog – ich erkannte es an ihrem hysterischen Schrei. Eine große Flasche Milch wurde aus dem Fahrradkorb katapultiert und zerbarst auf dem Pflaster.
    Grunzl lag auf der Seite, halb vom Rad bedeckt. Mit jedem Heben und Senken ihres rosa Bäuchleins sprudelte das Blut auf die Straße. Ich fiel neben ihr auf die Knie. Die klaren, unschuldigen Augen waren nun fahl und leblos. Das Blut pulste noch zwei, dreimal hervor, ehe es zu einem zähen kleinen Rinnsal wurde.
    Jemand packte mich so fest am Ohr, dass ich dachte, es würde abreißen.
    ››Willst du mich umbringen, Bursche?‹‹ Es war die Alte Schott. Für eine längere Schimpftirade war jedoch keine Zeit, denn schon dröhnte es von hinten: ››Hast du sie erwischt, Hans?‹‹
    Frau Schott ließ mich los und wandte sich zu Onkel Alois, der schwer atmend aus dem Hof gehinkt kam.
    ››Mich hat er erwischt! Und das nicht zu knapp.‹‹ Sie zeigte auf eine Platzwunde an ihrer Stirn. Onkel schenkte ihr kaum Beachtung. Sein Blick ruhte auf Grunzl.
    ››Haben’se mir die Sau überfahren?‹‹, grummelte er und ging neben dem Kadaver auf die Knie. Frau Schotts Mund öffnete sich langsam zu einem schockierten O.
    ››Jetzt hören Sie mal!‹‹, keifte sie. ››Ihr Junge hätte mich fast ums Leben gebracht!‹‹
    ››Wer nicht richtig sieht, sollte vielleicht nicht Radfahren‹‹, murmelte Onkel in seinen buschigen Schnurrbart.
    Den Rest bekam ich nicht mit. Zunächst langsam, dann immer schnelleren Schrittes entfernte ich mich vom blutigen Gehsteig, bis ich wieder in der Küche war, wo Mutter am Boden kniete und das rote Zeug von den Fließen schrubbte.
    Ich machte einen kleinen Bogen um sie und ließ mich auf die Eckbank fallen. Mein Atem ging rasend schnell.
    ››Dieser Grobian‹‹, zischte Mutter, während sie ihre Bürste vor und zurück bewegte. ››Was ist denn passiert?‹‹
    ››Jakob hat gesagt, sie ist zu jung!‹‹ Der gedrückte, kraftlose Klang meiner Stimme erschrak mich.
    ››Was?‹‹
    ››Er hat gesagt, Grunzl ist zu jung zum Schlachten!‹‹ Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen. Mutter sollte nicht sehen, dass ich weinte.
    „Um Himmels willen!‹‹ Das war Monika. Sie stand in der Tür, die Augen hinter ihren runden Brillengläsern weit aufgerissen.
    ››Dein Onkel …‹‹, seufzte Mutter, noch immer wischend. Das Blut wollte sich einfach nicht lösen. Monika umging die rote Pfütze großzügig und setzte sich neben mich auf die Bank. Schnell richtete ich mich auf und nahm einen tiefen Atemzug.
    ››Nicht weinen, Hansi‹‹, sagte sie tröstlich und legte ihren Arm um meine Schultern. Ich wand mich unangenehm in ihrem Griff, doch sie wollte nicht loslassen.
    ››Jakob hat gesagt … sie ist zu jung‹‹, stammelte ich noch einmal. Es kam mir alles sehr ungerecht vor.
    Irgendwann trat Onkel Alois herein. In seiner Hand baumelte noch immer das Beil.
    ››Was ist denn hier los?‹‹, fragte er mit gerunzelter Stirn. ››Du heulst doch nicht wegen der Sau?‹‹
    ››Tut er nicht‹‹, warf Monika ein, ehe ich etwas erwidern konnte. ››Er hat sich nur gestoßen, als er ihr hinterhergerannt ist.‹‹
    Ein verächtliches Grunzen war die Antwort. ››Dann soll er sich gefälligst zusammenreißen.‹‹
    Ich konnte ihm nicht in die Augen schauen. Stattdessen sank ich immer tiefer in Monikas Umarmung. Da packte plötzlich seine Riesenhand meinen Oberarm.
    ››Reiß dich zusammen, hab ich gesagt! Hilf mir, das Viech zu verladen!‹‹ Sofort riss ich mich los. Auf keinen Fall könnte ich Grunzls toten Körper anfassen. Ehe Onkel Alois ein weiteres Mal zupacken konnte, schoss Monika in die Höhe. Sie stand nun zwischen uns.
    ››Ich helfe dir‹‹, sagte sie.
    ››Pah‹‹, schnaubte Onkel zur Antwort. ››Der Bursche muss es lernen, früher oder später.‹‹
    ››Wenn er nicht will, will er nicht‹‹, schaltete Mutter sich ein. Sie redete mit Alois wie mit einem bockigen Kind.
    ››Halt dich da raus, Traudl!‹‹, blaffte er, den Blick auf mich gerichtet. ››Na schön, wenn du gern dein Schwesterlein die harte Arbeit für dich machen lässt …‹‹ Mit einer Kopfbewegung deutete er Monika, nach draußen zu gehen. ››Aus dir mach ich noch einen Mann, das kannst du mir glauben.‹‹ Damit verschwand auch er kopfschüttelnd durch die Tür.
    Nun fing ich wirklich an zu weinen. So heftig, dass Mutter sich besorgt neben mich setzte und meinen Kopf an ihre Brust drückte.
    Ich konnte es nicht erwarten, zu meinen Großeltern zu kommen.

    Danke nochmal euch allen^^ Leider hat die Deutsche Bahn mir heute meinen Schreibplan zerhauen, daher kann das nächste Kapitel einen Ticken länger dauern.


    @Chaos Rising Mach lieber Notizen! In drei Wochen ist Prüfung und da will ich volle Charakterisierungen aller Figuren und ne Szeneninterpretation!

    3


    Onkel Alois erschien so plötzlich in meinem Zimmer, wie er am Morgen an unserer Haustür erschienen war. Sein Glatzkopf war puterrot und glänzte von Schweiß. Er atmete schwer. Mein Zimmer war im ersten Stock, am Ende einer schmalen Treppe, die für sein Holzbein eine Herausforderung gewesen sein musste. Sein echtes Bein hatte er im Großen Krieg verloren.
    ››Pack deine Sachen, heut noch!‹‹, befahl er, den wurstigen Zeigefinger auf mich gerichtet. ››Ich will morgen nach dem Essen los, verstanden? Kein Trödeln, keine Widersprüche, sonst setzt’s was!‹‹
    Noch bevor ich auch nur nicken konnte, knallte er die Tür wieder zu. Sekunden später wurden dieselben Anweisungen im Nebenzimmer für meine Schwester wiederholt.
    Ich fing sofort an zu packen. Im Gegensatz zu Monika, die immer noch leise weinte, freute ich mich auf den Besuch bei meinen Großeltern, auch wenn ich nicht wirklich sagen konnte, wieso. Sie waren die Eltern meines Vaters und da er tot war, kamen sie nur selten zu Besuch. Eigentlich kannte ich sie kaum.
    Während ich in meiner Kleidertruhe nach passenden Anziehsachen wühlte, versuchte ich, mir ein Bild ihres Hauses ins Gedächtnis zu rufen. Mit vier Jahren war ich das letzte Mal dort gewesen, es musste dasselbe Jahr gewesen sein, in dem Vater gestorben war. Ich wusste noch, dass ich während der Hinfahrt neben ihm auf dem Kutschbock gesessen hatte, an das Haus hingegen erinnerte ich mich nicht.
    Onkel Alois hatte mit keinem Wort erwähnt, wie lange wir mit ihm gehen würden, also holte ich den großen Koffer unterm Bett hervor und stopfte einfach so viel hinein, wie ich konnte. Es war ein sehr kalter Oktober, daher wollte ich hauptsächlich Pullover und Wollhosen mitnehmen. Mutter hatte in den vergangenen Wochen viel gestrickt, aber die Sachen waren mir alle zu groß. Vermutlich waren sie für Jakob gedacht, damit er es bei seiner Heimkehr warm haben würde. Ich hütete mich, sie anzurühren. Am Boden der Kiste lagen noch einige meiner alten Pullover und dickeren Hemden begraben, die so zerknittert waren, dass ich mir gar nicht die Mühe machte, sie zu falten, bevor ich sie in den Koffer pfefferte.
    Zuletzt legte ich mein zweites Paar Holzschuhe oben auf den Kleiderhaufen und drückte den Koffer zu. Er ließ sich gerade so schließen.
    ››Hast du an warme Schuhe gedacht?‹‹
    Mein Herz machte einen kleinen Satz. Für einen kurzen Moment dachte ich tatsächlich, eine Fremde habe sich in mein Zimmer geschlichen, aber als ich herumfuhr, stand da nur Mutter. Es war lange her, dass ich ihre Stimme gehört hatte.
    Ich nickte.
    Sie glitt ins Zimmer, wie ein Gespenst –in ihrem weißen Nachthemd sah sie auch wie eines aus - ging an mir vorbei zur Kleidertruhe und warf einen Blick hinein.
    ››Willst du nicht die warmen Lederschuhe mitnehmen, Hansi?‹‹
    ››Sie gehören Jakob‹‹, antwortete ich. Mutter griff dennoch hinein und holte die Schuhe hervor.
    ››Eigentlich gehören sie deinem Vater‹‹, sagte sie und setzte sich aufs Bett. ››Er hatte so große Füße, Hansi. Das kannst du dir nicht vorstellen.‹‹ Ihrem Rachen entfleuchte ein seltsames Geräusch, das Lachen wie Schluchzen hätte sein können.
    ››Jakob würde … wird nichts dagegen haben, dass du sie ausleihst. Er sorgt sich immer um dich. Bestimmt will er nicht, dass deine Füße abfrieren.‹‹
    Die Schuhe wirkten in ihren kleinen Händen lächerlich übergroß und so würden sie vermutlich auch an meinen winzigen Füßen aussehen.
    ››Ich will sie nicht.‹‹
    Sie gab keine Antwort. Tränen kullerten ihre Wangen hinunter. Ich stand wie angewurzelt in der Mitte des Raumes. Schamesröte färbte mein Gesicht und in meiner Brust spannte sich etwas. Es gibt nichts schrecklicheres, als die eigene Mutter weinen zu sehen und meine Mutter weinte ständig. Meistens wusste man gar nicht, wo es herkam.
    ››Ich muss jetzt ins Bett‹‹, murmelte ich schließlich, als ich es nicht mehr aushielt, sie anzustarren. ››Onkel Alois meint, er will morgen …‹‹
    ››Ich vermisse ihn so sehr‹‹, unterbrach sie mich. ››An Abenden wie diesem, vermisse ich ihn am meisten.‹‹
    Gerade wollte ich fragen, von wem sie sprach – Vater oder Jakob – da schaute sie mich an. ››Vermisst du ihn denn gar nicht, Hansi?‹‹
    ››Doch‹‹, log ich.
    Langsam erhob sie sich und ging zur Tür. Sie warf einen letzten Blick auf Jakobs Bett und flüsterte: ››Gute Nacht.‹‹
    ››Schlaf gut‹‹, antwortete ich, aber da war sie schon durch die Tür verschwunden. Die Schuhe hatte sie mitgenommen.
    Wenig später hörte ich sie nebenan mit Monika flüstern. Meine Schwester schien sich nicht beruhigen zu wollen. Ich verstand ihr Benehmen nicht. Sicher, Onkel Alois war ein schroffer Kerl, aber sie musste sich doch wenigstens ein bisschen freuen, mal aus dem Haus zu kommen. Sie wimmerte noch, a
    ls ich mein Vogelbuch unters Kopfkissen schob und mich zum Schlafen hinlegte.


    Ich träumte von einem Garten voller Vögel. In meinen Händen hielt ich einen Eimer Getreide, der rege umschwirrt wurde. Ich versuchte, aus der Federwolke zu entkommen, aber mein Gang war wackelig und unsicher. Als ich hinunter zu meinen Füßen blickte, sah ich, dass ich Jakobs riesige Lederschuhe trug. Während ich mit den Armen ruderte, um die gierigen Vögel vom Futter fernzuhalten, wollte ich die Schuhe von den Füßen treten, aber es half nichts. Sie waren fest verschnürt und so taumelte ich nur umher, wie ein Betrunkener.
    Nun begann der Schwarm, in meine Finger und mein Gesicht zu picken, also schmiss ich den Eimer fort, doch selbst dann wollten die Vögel nicht von mir ablassen. Und als ich nach hinten taumelte und auf dem Hosenboden landete, begriff ich auch, wieso. Das Gras war durchtränkt von einer seltsamen warmen Masse und unter meinen Händen knirschte es, als ich versuchte, mich abzustützen.
    Ich hatte all ihre Eier mit meinen Riesenschuhen zertreten. Schalenstücke lagen überall verstreut, dazwischen die zerquetschen Überreste der unschuldigen Jungen. Ich war gerade dabei, ihre toten Körper aufzusammeln, als ich von einem markerschütternden Schrei aus dem Schlaf gerissen wurde.


    Hey @TiKa444
    sehr schönes Gedicht, dass eine super Atmosphäre rüber bringt. Einige der Reime sind wirklich gut und komplex, vor allem die letzte Strohe gefällt mir sehr gut.


    :thumbsup:

    @Xarrot Vielen Dank für die netten Worte^^ Freut mich wirklich, dass es dir gefällt.


    @Kyelia Auch die vielen Dank und freut mich, dass es dir gefällt. Ja, du hast recht, es ist die Geschichte, von der ich schon einmal erzählt habe und dass dir mein Schreibstil gefällt, macht mich froh. Ich war nämlich unsicher, ob dieses ausschweifende Backstory-Erzählen gleich zu beginnn der Geschichte nicht vielleicht etwas abschreckend wirkt.


    Kleine Anmerkung noch für euch beide: Ich hab geschrieben, dass die Mutter nach dem Tod von Jakob für drei Personen deckt, was bei zwei Kindern ja eigentlich sehr gesundes Verhalten ist xD Ich meinte natürlich vier. Nur das es keine Missverständnisse gibt


    LG, Unor :)

    2



    1940 war er eingezogen worden. Mutter beschwor ihn, regelmäßig zu schreiben und das tat er. Wir bekamen dutzende Briefe und sie las jeden einzelnen wieder und wieder, bis der nächste kam. Sie muss sie alle auswendig gekonnt haben. Aber kein Schreiben las sie öfter, als jenes, in dem er ankündigte, er würde im Juli 1943 für eine Weile nachhause kommen. Ich erinnere mich genau am den Tag seiner Rückkehr.
    Mutter schlachtete einen Hasen und es duftete im ganzen Haus köstlich nach Braten. Als der Kirchturm zwölf Uhr mittags schlug, schickte sie meine Schwester und mich zur alten Holzbrücke am anderen Ende des Dorfes, um ihn zu empfangen. Wir gingen händchenhaltend die Hauptstraße entlang und da war er plötzlich. Er stand mit dem alten Wirt vorm Gasthaus am Ortseingang und rauchte. Ich hatte ihn vorher nie rauchen gesehen und auch sonst wirkte er sehr verändert. Seine lockigen blonden Haare waren zu einem kurzen Igelschnitt geschoren, seine sanften Züge waren hart geworden, ein Bartschatten lag auf seinem Gesicht. Monika erkannte ihn dennoch sofort.
    Sie zerrte mich hinter sich her, sprang ihm in die Arme und bestand darauf, ihn augenblicklich mit heim zu nehmen. So packten wir beide je einen Ärmel und zogen ihn mit uns. Monika bombardierte ihn mit Fragen, ich hingegen schwieg den ganzen Weg.
    Er bekam seinen alten Platz am Kopfende des Esstisches, wo vor ihm Vater gesessen hatte. Er bekam den besten Teil des Hasen – den Kopf - und ein Glas von dem Wein, den Mutter vor Monaten schon für eben diesen Anlass aufgetrieben hatte. Es war das erste Festessen seit Jahren und ich schlug kräftig zu, ohne den Gesprächen am Tisch Aufmerksamkeit zu schenken. Mutter und Monika redeten die meiste Zeit. Jakobs Blick ruhte auf seinem Teller. Gelegentlich nickte er oder murmelte eine Antwort, während er mit dem Messer das Fleisch vom Hasenkopf löste.
    Die Tage seines Aufenthalts verbrachte er in Vaters Werkstatt, die Nächte in der Kneipe. Er schlachtete für den Winter, erneuerte die Scharniere des Kuhstalls, brachte unseren Volksempfänger wieder zum Laufen, flickte den Wasserhahn in der Küche und so weiter. Ich bekam ihn kaum zu Gesicht. Wenn Unterricht stattfinden konnte, ging ich in die Volksschule, wenn nicht, verbrachte ich die Tage im Wald beim Vögel beobachten. Wenn ich heimkam, war Jakob meist schon ausgegangen oder werkelte noch immer irgendwo am Haus.
    Unser Zimmer musste ich auch nicht mit ihm teilen. Mutter ließ ihn im großen Ehebett schlafen, während sie bei meiner Schwester Quartier fand. Sein Bett, dass seit drei Jahren leer neben dem meinigen stand, blieb also leer. Bis auf die letzte Nacht, die er bei uns verbrachte.
    Ein lautes Poltern holte mich damals aus seichtem Schlaf und ich zog mir instinktiv schützend die Decke vors Gesicht. Jakob stand in der Tür. Seine Haare, die etwas nachgewachsen waren, klebten an seiner Stirn, seine Augen waren ausdruckslos und glasig. Er torkelte zu seinem Bett und sackte plump in die quiekende Matratze. So saß er eine ganze Weile, die Arme auf den Schenkeln, den Kopf zwischen den Knien. Durch die Wand hindurch hörte ich das leise Schluchzen von Mutter und Monika. Es musste etwas geschehen sein, aber ich wagte nicht, zu fragen.
    ››Ich kenne dich nicht‹‹, murmelte Jakob plötzlich, den Blick noch immer zu Boden gerichtet. Darauf wollte mir keine Antwort einfallen – es war ja gar keine Frage gewesen – so schaute ich stattdessen zur halboffenen Tür, in der Hoffnung, Mutter käme herein und würde ihn mitnehmen. Aber sie schluchzte noch immer nebenan.
    ››Du bist mein Bruder, aber ich kenne dich nicht.‹‹ Nun sah er auf. Ein wilder Glanz hatte seine Augen erfasst. Sie waren direkt auf mich gerichtet. ››Und du kennst mich nicht.‹‹
    Ich hätte sagen sollen: Natürlich kenne ich dich! Aber das wäre eine Lüge gewesen. Mit sieben Jahren hatte ich ihn zuletzt gesehen und selbst damals war er mir praktisch ein Unbekannter gewesen.
    ››Ich habe mir immer Mühe gegeben‹‹ Sein Gesicht wurde zur Grimasse. Tränen krochen seine stoppeligen Wangen hinab. ››Ich hab’s versucht.‹‹
    Sein Kopf verschwand wieder zwischen den Knien und sein Körper erbebte unter lautem Schluchzen. Furchtbar lallend stammelte er immer wieder: ››Es tut mir so leid.‹‹
    Langsam kroch ich unter der Decke hervor und stand auf. Von oben auf ihn herabzublicken, während er jammerte, hielt ich nicht aus, daher setzte ich mich rasch neben ihn.
    ››Dir muss nichts leidtun‹‹, versicherte ich, ohne zu wissen, wovon er sprach und legte meine Hand auf seine Schulter. Sein Hemd war schweißnass.
    ››Du kennst mich nicht, oh Gott‹‹, quäkte er und holte keuchend Luft. Nur langsam erstarb sein Heulen zu einem kläglichen Wimmern.
    ››Natürlich kenn ich dich‹‹, stammelte ich, nun selber den Tränen nahe. Ich war in Panik, wusste nicht, was zu tun. ››Du bist Jakob Jungmann … zweiundzwanzig Jahre alt …‹‹
    Darauf folgte eine ganze Weile nichts. Vollkommene Stille. Auch im anderen Raum war das Schluchzen verklungen. Stunde um Stunde verstrich. Wir saßen auf dem Bett, meine Hand noch immer auf seiner Schulter. Ich spürte das leichte Zittern seines Körpers.
    ››Sie schicken mich auf die Krim, Hansi‹‹, sagte Jakob schließlich tonlos.
    ››Wo ist das?‹‹
    ››Sie schicken mich nach Russland, Hansi.‹‹ Er hob den Kopf und starrte mich mit seinen geschwollenen roten Augen an. In ihnen erkannte ich absolute Sicherheit. Was immer er mir sagen wollte, er meinte es ernst.
    ››Hansi, wenn sie mich zur Krim schicken, komme ich nicht zurück.‹‹
    Ich hätte sagen sollen: Das kannst du nicht wissen, aber ich wusste, dass er es wusste. Ich sah es in seinem Gesicht. Seinem Gesicht, auf das plötzliche Sonnenstrahlen gespenstische Schatten warfen. Es war Morgen. Jakob sah zum Fenster.
    ››Ich muss gehen.‹‹ Nun sah er wieder mich an. ››Hansi, ich hab’s versucht, aber jetzt ist es zu spät. Sei ein guter Mann. Kümmere dich um Mutter. Und um Monika. Sei ein guter Mann.‹‹
    Mit diesen Worten erhob er sich und verschwand aus der Tür.



    Der einzige Brief, den wir diesmal erhielten, war eine Benachrichtigung, dass der Panzerkreuzer, auf dem er gedient hatte, im Schwarzen Meer versenkt worden war und die Italiener keine Überlebenden hatten finden können. Ich war nicht überrascht. Ich hatte die ganze Zeit gewusst, dass er tot war, so wie er es gewusst hatte, bevor er überhaupt abgereist war. Er war gestorben, als er unser Zimmer zum letzten Mal verlassen hatte. Mutter jedoch wollte es nicht so einfach hinnehmen.
    Die Tage vergingen, und sie begann, jeden Abend den Tisch für vier zu decken. Sie bezog sein Bett regelmäßig. Sie stand mittags am Fenster und schaute zur Straße hinaus, als käme er gleich um die Ecke geschlendert, das fröhliche Grinsen eines Heimkehrenden auf den Lippen und einen Schlafsack über die Schulter geschwungen. Ich sagte nichts. Mutter wollte die Wahrheit nicht hören, also würde sie sie nicht hören.
    Wochen vergingen und meine Hoffnungen, Mutter würde sich mit der Zeit mit Jakobs Tod abfinden, vergingen ebenso. Das Bett blieb frisch gemacht. Seins war das Gute unter dem Fenster, ich hatte das Schlechte unter der Dachschräge. Als er noch gelebt hatte, hatten wir manchmal getauscht und nach seinem Tod machte ich einmal den Fehler, wieder in seinem Bett zu schlafen. Es war ein furchtbar heißer Tag gewesen und unter dem Fenster zu liegen, wo die kühle Nachtluft über die Haut streichelte, war ein großartiges Gefühl.
    In jener Nacht schlief ich selig, wurde dann aber urplötzlich aus dem Schlaf gerissen. Im allerersten Moment begriff ich nicht, was mich geweckt hatte, dann spürte ich das Brennen in meiner linken Wange und sah meine Mutter über mir. Sie schlug erneut zu, diesmal auf die Rechte, so fest, dass es mir in den Augen funkelte. Ihr Gesicht war zu einer so schrecklichen Grimasse verzerrt, dass ich kurz dachte, ich hätte einen Albtraum. Aber der Schmerz ihrer Schläge war echt und ihre Fäuste trommelten immer schneller und wilder auf mich ein. Die Arme vor dem Gesicht verschränkt, die Beine angezogen um meinen Bauch zu schützen, kauerte ich im Bett und rief immer wieder: ››Mama, hör auf, ich bin‘s, hör auf!‹‹
    Es kam mir vor, als würde sie etwas zurückrufen wollen, heraus kam aber nur ein keuchendes Gurgeln. Schließlich packte sie mein Nachthemd und zerrte mich aus dem Bett. Ich schlug mir die Lippe auf, kassierte noch einen Tritt in die Rippen. Dann war Stille. Aber ich wagte nicht, aufzustehen. Stattdessen lag ich auf dem Bauch, die Hände schützend über dem Kopf gefaltet, weinend.
    Sie muss mich mit Jakob verwechselt haben. Es ist die einzige Erklärung, die mir einfallen will. Mutter erwähnte den Vorfall nie, aber ich glaube, sie war ins Zimmer gekommen und hatte gesehen, dass jemand in Jakobs Bett lag. Sie musste gedacht haben, ihr Sohn sei aus dem Schwarzen Meer geschwommen, heimgelaufen und sogleich ins Bett gegangen, ohne ein Sterbenswörtchen zu sagen. Ihre Freude muss enorm gewesen sein, ebenso enorm ihre Enttäuschung und Wut, als sie feststellen musste, dass nur ich es war, der es wagte, in seinem Bett zu schlafen.



    1


    Onkel Alois meinte, es sei das Beste, Mutter war außer sich und mich fragte keiner. Ich saß auf meinem Bett und blätterte in meinem Buch über Singvögel, während unter mir das hitzige Wortgefecht ausgetragen wurde.

    ››Erst holen sie Jakob und jetzt willst du mir die anderen wegnehmen?‹‹ Mutters Stimme war ein heißeres Schluchzen.
    ››Ich nehme sie dir doch nicht weg, Traudl‹‹, erwiderte mein Onkel. Er bemühte sich, leise zu sprechen, aber sein tiefes Bariton drang dennoch zu mir durch. ››Und schrei um Himmels Willen nicht so laut. Du machst den Kindern noch Angst.‹‹
    ››Ich mach ihnen Angst?‹‹, war die empörte Antwort. ››Ich bin nicht der fremde Mann, der sie von ihrer Mutter wegholen will.‹‹
    ››Ich bin ihr Onkel, Traudl, kein Fremder!‹‹
    ››Sie kennen dich nicht. Hansi ist elf, Monika vierzehn. Wann hast du dich das letzte Mal hier blicken lassen? Vor zwanzig Jahren?‹‹
    ››Mach dich doch nicht lächerlich!‹‹ Nun schien Onkel Alois seine Bemühungen, leise zu sprechen, aufgegeben zu haben. ››Andreas ist vor sieben Jahren gestorben. Drei Tage war ich damals hier. Monika ist alt genug, sie erinnert sich! Aber das spielt ja auch keine Rolle. Sie kennen ihre Großeltern und bei denen sollen sie ja leben. Nicht bei mir.‹‹
    Es folgte ein langes Schweigen. Schließlich schluchzte Mutter: ››Lass mir wenigstens Monika da. Nimm mir nicht das Mädchen weg.‹‹
    Onkel Alois war unnachgiebig.
    ››Gerade das Mädchen muss weg. Oder willst du, dass irgendein schleimiger Franzmann sich an ihr vergeht? Oder soll vielleicht eine Bombe ein Loch ins Kinderzimmer reißen?‹‹
    Monika fing im Nebenzimmer an zu weinen und kurz darauf stimmte meine Mutter unten im Wohnzimmer mit ein. Ich saß noch immer auf dem Bett, blätterte durch die bunten Zeichnungen von Singvögeln, die mein Vater selbst angefertigt hatte und versuchte, jeden einzelnen zu benennen.
    Der Gedanke, etwas Zeit bei meinen Großeltern zu verbringen, gefiel mir eigentlich. Als mein Vater noch gelebt hatte, hatten wir sie oft besucht. Ich war damals sehr jung gewesen und erinnerte mich nicht an vieles, nur ein Bild sah ich ganz klar vor mir: Mein Vater und ich, wie wir vor dem Kachelofen sitzen und er mir all die verschiedenen Vögel zeigt, die er als Junge in sein kleines Lederbuch gezeichnet hatte.
    Auch ein wenig Abstand von meiner Mutter – dem Haus allgemein – würde mir nicht schaden. Selbstverständlich liebte ich sie, aber mit ihr zu leben war schwierig geworden, seit mein Bruder Jakob im Krieg gefallen war.



    "Lordas geht nirgendwo hin." Der alte Mann blieb hart wie Stein. Ereck seufzte und fuhr sich über die Wangen. Zufrieden stellte er fest, dass sein Bart wieder nachzuwachsen begann. Wenigsten hier war Fortschritt zu erkennen.
    "Wieso fragen wir den Jungen nicht selbst, was er für richtig hält?" Lordas saß stillschweigend neben seiner Leibgarde, den Blick auf die Tischplatte gerichtet. Er sah nicht auf, als Ereck seinen Namen nannte.
    Ottmund brachte sich ein: "Haben die Banditen dir die Zunge rausgeschnitten, Bursche?"
    "Achtet auf Eure Worte", blaffte Allion, "sonst ist es nicht seine Zunge, um die Ihr euch Sorgen müsst!"
    Ottmund stand abrupt von seinem Platz auf. Sofort griff Ereck nach seinem Arm.
    "Ihr solltet auf Eure Worte achten", fuhr Ottmund den Alten an. "Ein einfacher Leibwächter hat Männern von Amt Respekt zu zollen"
    "Männer von Amt haben diese nur zu oft inne, weil sie bessere als sich selbst getötet haben!"
    Ein lauter Knall hallte im Raum wieder und schnitt jedes Wort ab, dass hätte geäußert werden können. Ereck hatte mit voller Wucht seine Faust auf den Tisch hernieder fahren lassen.
    "Genug!", raunte er und erhob sich, wobei er gleichzeitig Ottmund an dessen Arm nach unten zog, sodass dieser sich setzte.
    "Ich verlange von keinem in diesem Raum, dass er den anderen respektiert, aber ist es zuviel verlangt, dass wir uns nicht ankeifen wie Waschweiber? Allion, Eure Ehre steht außer Frage und ich weiß, Ihr seid ein Mann von Stolz - zurecht - aber ein Mindestmaß an Dankbarkeit werdet Ihr Euch doch sicher abringen können?"
    "Meine Dankbarkeit ist nicht von Belang. Ich werde Euch den Jungen nicht für Eure politischen Spielereien aushändigen!"
    Dieselbe Leier wie schon seit Stunden. Matt warf genervt einen Blick zur Tür, Ereck verfluchte sich dafür, Lohra nicht mit zu der Versammlung genommen zu haben. Sie hätte Frieden stiften können.
    "Niemand sagt etwas von politischen Spielereien. Wir sprechen davon, eine Armee unter seinem Namen zu einen und Zesien zurückzuerobern."
    Allion Erelis' Augen waren funkelnde schwarze Steine, sein Blick gnadenlos. Ihn würde Ereck nicht brechen können, aber vielleicht Lordas. Der Junge war kaum merklich auf seinem Stuhl hin und hergerutscht, als er die Rückeroberung erwähnt hatte.
    "Lordas ... Eure Hoheit", wandte Ereck sich direkt an ihn, "vergesst für einen Moment, was er euch eingebläut hat und denkt an das Volk. Euer Volk!"
    Keine Antwort.
    "Haltet den Knaben nicht zum Narren!", warf Allion trocken ein. "Er lässt sich von Euch kein Honig ums Maul schmieren. Er redet mit niemandem, bevor ich es nicht für richtig erachte."

    "Ich muss mich fragen, wer hier der Diener ist, und wer der Herr", wandte Ereck sich erneut an Lordas. Keine Antwort.

    "Sobald ihr verkündet, dass er lebt, müsst ihr seinen Standort preisgeben, damit die Heere sich einfinden können. Sie werden einen kräftigeren Beweis als Euer Wort verlangen. Es ist ein großes Risiko, den neuen Zerbu zu verraten. Keiner würde wissen, wie viele sonst noch dem Ruf folgen. Jeder müsste fürchten, allein dazustehen. Nicht zu vergessen, dass es viele Halunken gibt, die in der Gunst des Zerbus oder des Seneschalls nur zu gern steigen würden, in dem sie Lordas einen Pfeil ins Auge oder ein Messer in den Rücken jagen."
    Seufzend ließ Ereck sich wieder in seinen Stuhl falle. Er hasste es, zugeben zu müssen, dass der Alte nicht Unrecht hatte.
    "Was schlagt Ihr also vor, sollen wir tun?"
    Nun beugte Allion sich vor. Auf diese Frage schien er gewartet zu haben.
    "Warten."
    "Worauf?", fragte Ereck.
    "Warten, darauf, dass die hohen Herren ihn vergessen. Warten, bis sie denken er sei keine Bedrohung mehr. Die hohen Herren sind sehr gut darin, Dinge zu vergessen, die nicht greifbar sind. Aber das Volk vergisst nicht so leicht. Sie haben nichts, außer ihren Erinnerungen und Träume. Wenn die Zeit reif ist, werden sie Lordas Rückkehr herbeisehnen."
    "Ihr wollt wegrennen und Euch verstecken, wie ein Feigling?", fragte Ereck verwirrt.
    "Manchmal braucht es großen Mut, ein Feigling zu sein. Aber ich versichere Euch, wir werden nicht untätig rumsitzen. Ich habe Familie im Norden. Ein mächtiges altes Haus von Königen. Sie werden uns eine Armee geben. Eine kleine vielleicht, aber eine Armee. Lordas wird lernen, sie zu Befehlen. Und wenn er lange genug untergetaucht ist, wird er in den Krieg ziehen. Zunächst kleine Siege, die ihm mehr Unterstützer bringen. Er wird die Tochter eines mächtigen Mannes heiraten. Dieser Mann wird ihm helfen, mehr Soldaten zu kaufen. Schiffe. Es wird vielleicht Jahre dauern. Und das Volk von Zesien wird leiden, aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wird es davor umso mehr nach Befreiung lechzen. Auch einige der hohen Herren dürften zu diesem Punkt der Tyrannei müde geworden sein. Ich sage, es ist besser, Zesien eine Zeit lang leiden zu lassen und es dann zu retten, als es überstürzt zu versuchen und unsere letze Hoffnung zu töten."