Beiträge von Rainbow

    Katharina und Thorsten


    Ich hab mir gerade euren neuen Film angeschaut. Es ist ja schon ein Weilchen her, dass ich das Drehbuch glesen habe, weshalb ich nicht mehr alles so present hatte.


    Zunächst mal wollte ich loswerden, dass ich meist schon bei dem Vorspann eine Gänsehaut bekomme. Die Musik in Verbindung mit den beeindruckenden Landschaftsaufnahmen ... das ist schon ziemlich cool. :thumbup:


    Der Film transportiert ganz wunderbar diese drückende und schaurig trostlose Atmoshäre mit dem Nebel und den tollen Aufnahmen vom Wald. Wirklich sehr schön!

    Die Effekte (vor allem an dem Tor mit den Wächtern aber auch Cliodhnas Aufenthalt in der Anderswelt) fand ich sehr gelungen. Etwas irritiert hat mich das klirrende Geräusch bei Cliodhnas Schritten, aber wahrscheinlich wolltet ihr das als zusätzliches Stilmittel haben, um zu verdeutlichen, dass sie eben nicht mehr in der normalen Welt verweilt.


    Ansonsten zu der Bettszene am Schluss, nach Cliodhnas Wiederkehr von den Toten. Ich erinnere mich daran, dass wir das damals schon diskutiert hatten :) ... leider muss ich sagen, dass es für mich noch immer nicht passt. Aber das ist halt vielleicht auch ein bisschen Geschmacksache :pardon:


    Insgesamt aber mal wieder ein tolle Leistung. Hut ab!

    Danke, Kirisha :)


    Hey Kirisha,


    sorry für meine verspätete Rückmeldung. Hier kommen meine Anmerkungen zum aktuellen Part :)



    LG,

    Rainbow

    Hey Etiam :)



    LG,

    Rainbow

    Hey Etiam,


    oh, das klingt nicht gut. Frod und Tjelvar beide im Kerker...das heißt dann wohl, dass in der Zwischenzeit irgendwas bei Tjelvar passiert ist, das wir als Leser nicht mitbekommen haben. Die Aussicht auf die Todesstrafe kam mir allerdings etwas Knall auf Fall... also, nicht, dass ich es dem Jarl nicht zutrauen würde, aber ich würde ihn das dann schon bei der Verhaftung andeuten lassen...was weiß ich. Hochverrat...oder irgendsowas, dass man schlussfolgern kann, welche Konsequenzen das für die beiden haben könnte. Metjan könnte dann noch anmerken, dass die beiden in Anbetracht der aktuellen Lage sicher kein ordnungsgemäßes Verfahren erwarten können....das würde ich irgendwie besser finden vom Spannungaufbau her. Statt dass Metjan Elina beruhigt und sagt, dass sie mindestens eine Woche Zeit habe, weil jetzt eh nichts geschenen würde. Weißt du, was ich meine? Das nimmt irgendwie ein bisschen die Dramatik wieder raus. :hmm:


    Ansonsten hier noch Kleinkram



    LG,

    Rainbow

    Weiter geht`s :) ...


    Kapitel 1.2



    Emilias Herz klopfte bis zum Hals, als sie Micah folgte. Ihr Vorhaben, tief ein- und auszuatmen, um gegen ihre Nervosität anzukämpfen, entpuppte sich als keine sonderlich gute Idee, da sie binnen kürzester Zeit von verbrauchter, schon seit Urzeiten abgestandener Luft eingehüllt war. Sie bemühte sich, durch den Mund zu atmen und ignorierte so gut es ging die übelkeitserregende Mischung aus feuchtem Mauerwerk und modriger Fäulnis.
    Kaum hatten sie die ersten Stufen genommen, schloss sich der Eingang über ihnen wieder, womit sich das Tageslicht endgültig verabschiedete und nur die unförmigen Schatten zurückblieben, die sich im Schein der hell leuchtenden Flamme in Micahs Hand an den Wänden abzeichneten.
    Wo zum Teufel brachte er sie hin? Der Rat würde wohl kaum hier unten in diesen finsteren Katakomben tagen, oder etwa doch?
    Nach geraumer Zeit, die sie darauf verwendet hatte einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne auf den unebenen Steinplatten ins Straucheln zu geraten, endeten die Stufen von jetzt auf gleich. Um ein Haar wäre sie dabei in Micah hineingelaufen, da er völlig unvermittelt am Treppenabsatz stehengeblieben war, um sich zu orientieren. Mit dem ausgestreckten Arm leuchtete er die Umgebung ab, woraufhin sich mehrere Tunneleingänge aus der Dunkelheit abhoben. Emilia hätte nicht behaupten können, dass einer davon verlockender aussah, als der andere, weshalb es sich ihrer Kenntnis entzog, nach welchen Kriterien Micah den richtigen auswählte.
    Als sie sich wieder in Bewegung setzten, hallten ihre Schritte durch die Finsternis und ergaben ein seltsam verzerrtes Echo, das sich mit dem Geräusch von abperlendem Kondenswasser verband.
    Plötzlich sah Emilia etwas, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es waren Tropfen, die umherschwirrten, als könnte ihnen die Schwerkraft nicht das Geringste anhaben. Fasziniert von diesem seltsamen Phänomen blieb sie stehen und berührte vorsichtig eines dieser schillernden Wasserteilchen. Wie eine zu prall gefüllte Miniaturseifenblase waberte es durch die Luft, um dann in Richtung Decke zu wandern, wo es schließlich zerplatzte.
    Ungläubig kniff Emilia die Augen zusammen und wiederholte den Vorgang mit einem anderen Tropfen, der vor ihrer Nase herumtanzte.
    Im Schein des magischen Lichts, erkannte sie, dass überall um sie herum ähnliche Wasseransammlungen umherschwirrten, die sich definitiv nicht so verhielten, wie sie es eigentlich sollten.
    „Was ist los?“, hörte sie Micah vor sich, der bereits ein gutes Stück weitergegangen war und sich nun zu ihr umwandte. Ungeduldig stieß er die Luft aus, nachdem sie nicht antwortete.
    Mit einem Ausdruck, der sagte Wir haben keine Zeit, um an jeder Ecke stehenzubleiben, kam er zurück und leuchtete mit dem Licht die Wand ab, um zu sehen, was sie zum Stehenbleiben veranlasst hatte.
    Dann erst schien er zu begreifen, was sie derart faszinierte. „Hier unten gelten andere Gesetze, als jene, die du aus deiner Welt kennst“, sagte er in einem Anflug allwissender Überheblichkeit und wollte sich bereits wieder von ihr abwenden, als sie ihn am Arm festhielt.
    „Und wann gedachtest du, mir das zu sagen?“ stieß sie hervor und konnte nicht umhin ihrer Fassungslosigkeit Ausdruck zu verleihen, indem sie ihn wütend anfunkelte. „Wo sind wir hier? Und wo bringst du mich hin?“
    „Wir befinden uns in einer Art Zwischenwelt, einer anderen Dimension, die uns auf direktem Weg nach Coderian bringt“, antwortete er, während seine Stimme einen drängenden Ton annahm.
    „Nach Coderian?“, echote Emilia ungläubig und überlegte kurz, ob sie ihn richtig verstanden hatte. „Ich ... ich dachte, die Treffen der Kongregation finden auf der Erde statt.“
    „Kurzfristige Planänderung“, erwiderte Micah mit einem Schulterzucken, welches in Emilia das Verlangen weckte, ihm irgendetwas an den Kopf zu werfen.
    „Was soll das heißen? Kurzfristige Planänderung?“, entfuhr es ihr, wobei sie seinen belanglosen Tonfall zu imitieren versuchte. Wenn sie richtig informiert war, befand sich Coderian im himmlischen Reich und zwar dort, wo der Hohe Rat der Engelsfürsten für gewöhnlich tagte. Dass Micah vorhatte, sie hierhin zu bringen, war -wie sie fand- nichts, was man mal eben so in einem Nebensatz erwähnte. Ganz abgesehen davon, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, wie sie sich bitteschön ihren Ausflug ins Jenseits vorstellen sollte. Musste man nicht erst sterben, um dorthin zu gelangen? Würde Micah sie gleich womöglich in einen flüchtigen Luftzug verwandeln?
    Mit der um Ruhe bemühten Gelassenheit, wie sie nur ein Engel zustande brachte, blickte Micah auf sie herab, während er einen tiefen Atemzug nahm, um zu einer Erklärung anzusetzen.
    „In Anbetracht der aktuellen Lage fanden es die Fürsten zu riskant, den Rat auf der Erde tagen zu lassen. Der Treffpunkt wurde deshalb geändert. Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme.“
    Emilia fragte sich, ob Micah ernsthaft glaubte, sie mit diesen Worten beruhigen zu können.
    Wenn der Engel von der aktuellen Lage sprach, da war sie sich ziemlich sicher, bezog er sich auf das abhanden gekommene Buch- den Pentokrator- welcher seinem Besitzer die Macht Gottes verleihen sollte. Die Tatsache, dass sich dieses bedeutungsschwere himmlische Artefakt nach dem Ausgang des Krieges nun in den Händen der Gegenseite befinden sollte, hatte dem Triumph über den Sieg jegliche Bedeutung entzogen. Kein Wunder also, dass die Fürsten alarmiert waren.
    Doch je mehr sie darüber nachdachte, desto eher kam sie zu dem Schluss, was der außerplanmäßige Ortswechsel und die Verschleierung über den genauen Treffpunkt höchstwahrscheinlich sonst noch bedeutete: Man befürchtete einen Verräter in den eigenen Reihen!
    Die Erkenntnis musste sich in ihrem Gesicht gespiegelt haben, denn mit einem Mal veränderte sich Micahs Ausdruck und sein durchdringender Blick blieb an ihr haften, als wolle er sie damit durchleuchten.
    „Zielen die Vorsichtsmaßnahmen auch auf mich ab?“, fragte sie schließlich. „Ist das der Grund, warum mir niemand etwas sagt und weshalb ich mir wie der größte Depp vorkomme?“
    Micah verzog keine Miene, während er unbeeindruckt auf sie herabblickte.
    Im nächsten Moment beugte er sich zu ihr herunter, offenbar, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen.
    „Ich denke, dass du dir die Antwort auf diese Frage selbst geben kannst“, sagte er und neigte den Kopf zur Seite, um Emilia aus schmalen Augen anzusehen, als wolle er an ihr Maß nehmen. Die Intensität, mit der er sie betrachtete, verursachte ihr ein Unbehagen und rief ihr auf ernüchternde Weise in Erinnerung, wie schwer es war, vor einem Engel etwas zu verheimlichen.
    „Glaubst du, ich hätte den verhangenen Spiegel nicht bemerkt? Oder deinen kläglichen Versuch, den Schmerz zu überspielen, als du vorhin mit dem geweihten Wasser in Berührung gekommen bist?“
    Seine Worte trafen sie unvorbereitet und versetzten ihr einen qualvollen Stich.
    „Ich ...ich weiß nicht, wovon du sprichst“, versuchte sie, sich zu verteidigen, doch klang es weder glaubwürdig noch in irgendeiner Weise überzeugend. Unter Micahs Blick schrumpfte sie zusammen und mit einem Mal war ihr Kopf wie leergefegt. Es fiel ihr nichts, aber auch gar nichts ein, was sie hätte erwidern können, weshalb sie schließlich schwieg und einen Punkt an der Wand fixierte.
    „Hör zu, Emilia“, durchbrach Micah nach einer Weile die Stille. „Niemand macht dir einen Vorwurf. Das was du getan hast in jener Nacht, das war sehr mutig...“ Er machte eine Pause und bemühte sich darum, ihren Blick wieder einzufangen, bevor er mit bedeutungsschwerer Stimme hinzufügte „... aber zweifelsohne auch sehr gefährlich.“
    Emilia sah zu ihm auf und die Erkenntnis sickerte in ihren Geist. Er wusste Bescheid und zwar über alles! Er wusste, dass sie diejenige gewesen war, die das Schwert gegen Dagon gerichtet hatte und nicht Elias, wie es alle Welt vermutete. Es weiter zu leugnen machte keinen Sinn. Doch trotz ihrer zugegebenermaßen armseligen Versuche, die Fassade aufrechtzuerhalten, um sich all den Spekulationen zu entziehen, die sich inzwischen um ihre Person rankten, fragte sie sich, wie er zu der unwiderruflichen Gewissheit kam, mit seiner Annahme richtig zu liegen.
    „Woher...?“, wollte sie gerade ansetzen zu fragen, als sich die Antwort einen Weg in ihr Bewusstsein bahnte. „Elias“, flüsterte sie schließlich und spürte, wie sich die Hoffnung mit Angst verband. Angst, sich zu irren, aber auch vor dem, was kommen würde, nun, da ihr dunkles Geheimnis kein Geheimnis mehr war.
    Micah nickte. Es war nur eine kleine Geste und dennoch spürte Emilia, wie ihr Herz einen Satz machte und die Erleichterung Überhand gewann, um sich wie ein wärmender Mantel über sie zu legen.
    Das erste Mal seit Wochen glaubte sie, wieder durchatmen zu können, als habe jemand ein tonnenschweres Gewicht von ihrer Brust genommen.
    „Er ist wieder ansprechbar? Warum hat mir niemand etwas gesagt? Ich meine... seit wann ist er .... Wie geht`s ihm? Geht`s ihm gut?“, sprudelten die Fragen aus ihr heraus.
    „Das wirst du ihn gleich selbst fragen können“, antwortete Micah und wandte sich bereits von ihr ab, woraufhin Emilias Gesicht wieder in Schatten getaucht wurde.
    „Er ... er ist heute bei der Anhörung dabei?“, entfuhr es ihr, während sie hinter Micah her stolperte, um wieder zu ihm aufzuschließen.
    „Ja“, bestätigte der Engel mit einem knappen Nicken ohne sie dabei anzusehen. „Und jetzt komm! ... Wir sollten hier nicht länger verweilen, als nötig.“
    Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, übernahm Micah wieder die Führung, während Emilia versuchte mit ihm Schritt zu halten. Das Tempo, welches der Engel nun vorgab, sorgte dafür, dass sie binnen kürzester Zeit um Luft rang. Unfähig weiter auf ihre Umgebung zu achten, folgte sie keuchend und von Seitenstichen geplagt, Micahs Schatten, während sich ihre Gedanken überschlugen.
    Sie würde Elias sehen! Er war dort und es ging ihm gut. Zumindest gut genug, um vor dem Rat angehört zu werden. Aber warum hatte ihr niemand Bescheid gesagt? Und wieso war er nicht gekommen, um sie abzuholen? Gab es etwas, von dem sie nichts wissen sollte? War er am Ende vielleicht doch noch nicht wieder richtig gesund?
    Ihre Anspannung nahm zu und die Ungewissheit darüber, was sie gleich erwarten würde, ließ ihren Puls noch schneller schlagen. Doch die Aussicht darauf, dass Elias da sein würde, machte es erträglich. Mit ihm an ihrer Seite kam ihr selbst das Aufeinandertreffen mit den Fürsten nicht mehr so schlimm vor. Das war es, woran sie sich festklammerte: An die Hoffnung, dass nun alles gut werden würde.

    Hey Kirisha,


    Das hat Thorsten auch ziemlich genervt.

    Ich muss da mehr mit Erwachsenenperspektive rangehen (da sind wohl immer irgendwelche kindischen Instinkte in mir, die sowas lustig finden)

    Beruhigend, dass es nicht alleine meine Wahrnehmung ist. :)


    Zum neuen Part:

    Okay...ich denke mal, das Verhalten des Fürsten lässt sich irgendwie dadurch erklären, dass er in Penthesilea offenbar jemanden zu sehen glaubt, der sie ja nicht ist. Warum, wieso, weshalb...keine Ahnung. Ich blicke das noch nicht so ganz.


    Die Sache mit den Schaukämpfen ist ja ganz interessant. An Stelle des Fürsten würden bei mir dennoch alle Alarmglocken läuten, weil das alles zum Himmel schreit...das ist einfach so abgedreht, dass die mit dem Ring locken, um ein paar Schaukämpfe zu sehen. Aber na gut. Immerhin lässt sich der Fürst ja auch nicht ganz so leicht einlullen und hat über seinen Kontaktring Unterstützung angefordert.


    Bin gespannt, wie es weitergeht und ob er sich doch noch dazu entschließt, auf das Angebot einzugehen. :gamer:

    Vielen lieben Dank, Sensenbach und Kirisha für`s Lesen und eure Rückmeldungen :)



    Danke, Alexander2213 für deine Rückmeldung :danke:



    Okay, ich mach mal weiter... :)


    Kapitel 1.1


    Dass sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die halbe Stadt gondeln mussten, um zu dem Treffen der göttlichen Abgesandten zu gelangen, war so absurd, dass es schon fast wieder komisch war. Micah hier inmitten der mit Graffiti besprayten Wände der U-Bahn-Station zu sehen, wie er an bunten Reklametafeln vorbeimarschierte, und seinen erhabenen Blick über die grölenden Halbstarken wandern ließ, die sich in der hinteren Ecke um eine Bank tummelten, kam ihr dermaßen surreal vor, dass sie nicht anders konnte, als ihre Gedanken schließlich laut auszusprechen.
    „Konnten wir nicht einfach ein Portal benutzen?“, fragte sie, als sie die Treppen heraufstiegen, woraufhin sie umgehend von einer eiskalten Windböe in Empfang genommen wurden.
    „Und den ganzen Spaß verpassen?“, entgegnete Micah, während er auf sie herabblickte und dabei sichtlich genoss, dass der Wind seine langen Haare zerzauste.
    „Ich meine ja nur. Irgendwie hätte ich es mir dem Anlass entsprechend... na ja, angemessener vorgestellt“, gab Emilia zurück, und wich einem Mann aus, der seinen Hund an der Leine spazieren führte.
    „Es mag ja sein, dass du besonders bist, Emilia“, sagte Micah, während er ihr einen Blick zuwarf, den sie nicht zu deuten vermochte. „Aber selbst du kannst nicht beliebig oft ein Portal nutzen. Die Kräfte, die dort auf dich wirken, sind nicht zu unterschätzen und ich würde dich gerne in einem Stück zu den Fürsten bringen.“
    „Ja, ... natürlich“, murmelte sie in ihren Schal und konnte nicht umhin die Augen zu verdrehen. Das mulmige Gefühl, dass Micah nicht bloß ihre Begleitung darstellte, sondern auf Befehl der Fürsten handelte und sicherzustellen hatte, dass sie vor dem Rat erschien, trug nicht zu ihrer Beruhigung bei.
    „Obwohl...“, setzte er an, während sich ein schalkhafter Ausdruck auf seine Züge legte, „es schon ziemlich interessant wäre zu sehen, zu was du fähig bist und ... was du so aushalten kannst.“ Sein Grinsen wurde breiter und erinnerte Emilia wieder daran, was Freddy neulich zu ihr gesagt hatte.
    Micah war für den Dienst auf der Erde niemals ausgebildet worden. Er war ein Krieger des himmlischen Heeres-genau, wie Elias-, nur mit dem feinen Unterschied, dass Micah mit dem emotionalen Feingefühl einer Dampfwalze gesegnet war. Allerdings gehörte er damit auch zu den Wenigen, die sie nicht in Watte packten. Und dafür war Emilia gerade unendlich dankbar.
    „Sehr witzig“, entgegnete sie deshalb gespielt gleichgültig und pustete ihren warmen Atem in die Hände. Wenn sie nicht bald da waren, hätte sich die Sache mit der Anhörung ohnehin erledigt, da sie zu einem Eisklumpen erstarrt wäre.
    Gerade bogen sie in die kleine Gasse hinterm Marktplatz ein, als die letzten Strahlen der tiefstehenden Nachmittagssonne hinter den Hausdächern verschwanden. Von Jetzt auf Gleich wich das warme orange-gelbe Licht dem dämmrigen Schein winterlicher Trostlosigkeit und die Temperaturen sanken um gefühlte weitere fünf Grad. Nach zwei Abbiegungen, ragte endlich der kleine Kirchhof vor ihnen auf, der mit seinen von Kopfsteinpflaster umrahmten Beeten und den nostalgischen Parkbänken wie ein idyllischer Ort friedlicher Ruhe wirkte. Ungewollt stiegen die Erinnerungen in Emilia hoch und sie sah sich wieder im Schein der Straßenlaternen auf den eisigen Stufen sitzen, die zu dem Eingang mit der schweren Eichentür hinaufführten.
    Hier war sie Elias begegnet in jener Nacht nach dem Weihnachtsmarktbesuch und er hatte ihr erzählt, dass er ein Engel ist und dass die Welt in Gefahr schwebt, weil der mächtige Dämonenfürst Dagon einen Weg aus der ewigen Verdammnis gefunden hatte.
    Nie im Leben war sie davon ausgegangen, dass sich Elias` Hiobsbotschaft bewahrheiten würde und ein Krieg zwischen Himmel und Hölle entfacht werden könnte. Ein Krieg bei dem die Menschen zwischen die Fronten geraten sollten. Doch er hatte Recht behalten.
    Mit einem Anflug von Wehmut ließ sie ihren Blick über die Kapelle wandern. Dieses kleine Gotteshaus war zum Symbol für den Widerstand geworden und letztlich hatte die entscheidende Schlacht hier ein Ende gefunden.
    Es fühlte sich seltsam an, nun hier zu stehen. Wenn man es nicht besser wusste, hätte man meinen können, das alles sei nicht geschehen, da nichts, aber auch gar nichts mehr auf die Zerstörung hinwies, welche der grausame Dämonenangriff nach sich gezogen hatte.
    Emilia zog die Stirn kraus, als sie die dunklen Mauern empor sah, hinauf zum Kuppeldach und weiter zu den bunten Mosaikfenstern. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, wie die Wände weggesprengt und die wunderschönen Glasmalereien unter den heftigen Detonationen zersplittert worden waren. Das gesamte Dachgestühl war zusammengebrochen und hatte den Blick auf den nachtschwarzen Himmel freigegeben. Sie musste gegen die plötzliche Enge in ihrem Hals an schlucken und spürte, wie der Zorn und die Verzweiflung jener Nacht sie erneut zu übermannen drohte.
    „Na, dann wollen wir mal...“, riss Micah sie aus ihren trüben Gedanken. Emilia hatte nicht mitbekommen, dass sie unten an der Treppe stehengeblieben war, während er oben an der Tür bereits auf sie wartete.
    „Wird uns denn niemand folgen?“, fragte sie und deutete um sich. „Was ... was ist mit den Menschen? Bemerken sie nicht, was sich hier direkt vor ihren Augen abspielt?“
    Micah schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf, als habe sie eine selten dämliche Frage gestellt. „Die Menschen bemerken rein gar nichts“, antwortete er und streckte die Hand nach der Klinke aus. Kurz fragte Emilia sich, ob die Tür wohl verschlossen war und durch einen Zauber geöffnet werden musste, doch wenn es so war, ließ es sich zumindest nicht erkennen. Kaum hatte Micah den messingbeschlagenen Griff heruntergedrückt, schwang die massive Pforte auch schon auf. „Für die Menschen bleibt es eine Kapelle, wie jede andere und während unseres Treffens werden sie kein Bedürfnis verspüren sie zu betreten“, erklärte Micah weiter, als er sich zu Emilia umwandte. Die Selbstverständlichkeit, die in seiner Stimme mitschwang, ließ sie zu dem Schluss kommen, dass hier sehr wahrscheinlich höhere Mächte am Werk waren, welche die Menschen davon abhalten würden, mehr zu sehen, als gut für sie war.
    „Können wir?“, fragte Micah nun, während er einen Schritt zu Seite machte, um ihr den Vortritt zu gewähren.
    „Nützt es was, wenn ich ´nein` sage?“, fragte sie missmutig, als sie sich in Bewegung setzte, um die Stufen hinaufzusteigen. Oben angekommen, schob sie sich mit einem Seufzen an Micah vorbei und betrat schließlich den kleinen Vorraum, der durch das flackernde Licht der Opferkerzen in den schweren Metallständern erhellt wurde. Umgehend legte sich eine wohlige Wärme auf ihre Wangen und auch ihre eingefrorenen Finger begrüßten dankbar den Temperaturanstieg, indem sich ein kribbelndes Gefühl in ihnen ausbreitete.
    „Es wird schon nicht so schlimm werden“, hallte Micahs Stimme hinter ihr, als die schwere Tür mit einem Krachen ins Schloss fiel. Im ersten Moment wusste sie nicht, was sie irritierender fand. Den Anflug von Mitgefühl in seiner Stimme oder die Tatsache, dass niemand außer ihnen hier war.
    Verwaist ragten die leeren Sitzbänke vor ihr auf, während das Geräusch des Windes sich mit dem leisen Knistern der vielen Kerzen verband. Im Schein der letzten Sonnenstrahlen, welche sich in den bunten Fenstern brachen, tanzten feine Staubpartikel anmutig durch die Luft. Die friedvolle Stille ließ ein seltsames Gefühl von Beklommenheit in Emilia aufsteigen.
    Kurz fragte sie sich, was sie geglaubt hatte, hier vorzufinden. War sie wirklich davon ausgegangen, das Treffen mit den Fürsten würde gleich hier an Ort und Stelle stattfinden? Was war sie nur für ein dummes Schaf!
    Mit Sicherheit gab es eine Art magische Schwelle die sie würden passieren müssen und die Kapelle stellte lediglich den gut getarnten Zugang hierfür dar.
    Sie widerstand dem Drang, Micah danach zu fragen und durchquerte stattdessen den kleinen Eingangsbereich, um vor dem Becken mit dem Weihwasser haltzumachen. Mehr aus Gewohnheit tauchte sie die Fingerspitzen hinein und bekreuzigte sich. Augenblicklich fuhr ihr ein stechender Schmerz in die Glieder und ließ sie hörbar die Luft einziehen. Schnell wischte sie die feuchten Finger an ihrer Hose ab, um die Überreste der brennenden Substanz auf ihrer Haut zu beseitigen.
    „Alles in Ordnung?“, fragte Micah plötzlich direkt neben ihr, wo er zum Stehen gekommen war.
    „Ja, alles okay“, gab Emilia zurück und bemühte sich, ihm dabei nicht in die Augen zu sehen. Das Feuer in ihrem Inneren bebte nur noch sachte nach, doch ließ es die qualvolle Erkenntnis zurück, welche sie schon länger befürchtet hatte: Ein Teil von ihr -und sie wusste nicht, wie groß er war- schien hier offensichtlich nicht mehr willkommen zu sein.
    „Hör zu“, setzte Micah an und legte eine bedeutungsschwere Miene auf, als er Emilia bei den Schultern fasste. „Begegne den Fürsten mit Respekt und bleib bei der Wahrheit. Dann sind wir hier schneller wieder raus, als du bis drei zählen kannst.“
    Ungläubig zog Emilia eine Braue hoch, während sie seinen Blick mit unverhohlener Skepsis erwiderte. Sie fragte sich, wie er es wohl fände, wenn sie ihm sagen würde, dass sie vorhatte gegen mindestens einen seiner glorreichen Leitsätze zu verstoßen.
    Doch ohne eine Antwort von ihr abzuwarten schob Micah sie bereits den schmalen Gang zwischen den Bänken entlang und mit jedem Schritt, den sich Emilia dem Holzkreuz am Ende des Altarbereichs näherte, spürte sie ihr Herz deutlicher in ihrer Brust schlagen.
    Sie erlaubte sich nicht, den Blick umherschweifen zu lassen, aus Angst, vor den Erinnerungen, die sie heimsuchen würden. Doch wem wollte sie etwas vormachen? Selbst, wenn sie nachts in ihrem Bett lag, die Augen fest zusammengepresst und die Decke über den Kopf gezogen, sah sie die von Angst gezeichneten Gesichter der Menschen vor sich, während die Dämonen in heillosem Chaos über sie herfielen. Verzweiflung. Leid. Tod. Das alles war mit diesem Ort verbunden, ganz gleich, wie normal und friedvoll jetzt alles wirkte.
    Einen tiefen Atemzug nehmend passierte sie die Stelle, an der Elias abgestürzt war. Augenblicklich zeichnete sich sein Bild vor ihr ab, wie er mit aschfahlem Gesicht und seltsam verrenktem Körper zwischen den Trümmern lag, aufgespießt von einem zersplitterten Holzbalken.
    Darum bemüht, gegen die Enge in ihrem Hals anzuatmen, presste Emilia die Augen zusammen, während sich Micahs Griff auf ihrer Schulter verstärkte, als ahne er, was sich in ihr abspielte.
    Bestimmt zog er sie mit sich und kam mit ihr vor einer der Heiligenstatuen zum Stehen, die sich am Ende der Sitzreihen in einer mit Kerzen erhellten Nische befand.
    St. Michael, las Emilia gedanklich den feinen Schriftzug auf dem Sockel und sah zu dem lebensgroß dargestellten Erzengel auf, welcher mit ausgebreiteten Flügeln und Lanze in der Hand, einen zu seinen Füßen liegenden Dämon zur Strecke brachte.
    Obwohl die Farbe bereits an einigen Stellen abgeblättert war, und der Zahn der Zeit deutliche Spuren an der Engelsskulptur hinterlassen hatte, ging eine sonderbare Faszination von ihr aus, die Emilia nicht in Worte zu fassen vermochte.
    St. Michael war der Namenspatron dieser Kapelle und obendrein, wie Emilias Halbwissen über christliche Historie hergab, der Anführer der himmlischen Heerscharen, welcher Luzifer in die abgrundtiefe Finsternis gestürzt hatte. Es musste eine heftige und bis heute noch immer sagenumwobene Schlacht gewesen sein, die sich Jahre später mit Dagons Sturz wiederholen sollte.
    Der furchtlose Blick des Erzengels und die Erhabenheit, mit der er die Lanze in dem Dämon versenkte, ließ keinen Zweifel an seiner göttlichen Überlegenheit zu, kam es Emilia in den Sinn. Kurz schloss sie die Augen und dachte darüber nach, welch erbärmliches Bild sie selbst abgegeben haben musste, als sie Dagon das Schwert in die Brust gerammt hatte.
    Tu es, Lia! ...
    Das krächzende Flüstern hallte von den nackten Kirchenwänden wider und jagte ihr prompt eine Gänsehaut über den Körper.
    Darum bemüht, das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu bringen, schlang sie ihre Arme um sich. Die Kälte nahm zu, als Micah von ihrer Seite wich, um näher an die Statue heranzutreten. Er senkte den Blick und verbeugte sich, während leise geflüsterte Worte zu Emilia herüberwehten. Sie verstand keine Silbe dieser seltsam klingenden Sprache, welche sich anhörte wie ein Kauderwelsch aus Latein und noch irgendetwas anderem. Doch es schwang eine beinahe greifbare Magie darin mit, die auf etwas Großes, Geheimnisvolles schließen ließ und dafür sorgte, dass sich ihre Nackenhaare aufstellten.
    Eine gefühlte Ewigkeit lang geschah gar nichts, bis sich der Erzengel plötzlich wie von Geisterhand in Bewegung setzte. Ein zufriedener Ausdruck legte sich auf Micahs Gesicht, als die Statue mit einer anmutigen Bewegung, die Arme ausbreitete, um einen Schritt zur Seite zu treten. An der Stelle, wo zuvor noch der erlegte Dämon gelegen hatte, begann die Luft zu flirren, wie heißer Asphalt, der von der Sonne zu sehr erhitzt wurde. Die Überreste des Sockels lösten sich auf und es trat eine Treppe hervor, die mit ihren gewundenen Steinstufen in dem Boden eingelassen war, um sich in der Finsternis zu verlieren.
    Gerade wollte Emilia protestieren und Micah fragen, ob er ernsthaft in Erwägung zog, mit ihr im Stockfinstern dort hinunterzusteigen, als er nach einem der Teelichter griff, welches in dem nahegelegenen Ständer vor sich hin flackerte.
    Kaum lag das kleine silberne Schälchen in seiner Hand schien sich die Flamme zu beruhigen. Vorsichtig hauchte er sie an, doch anstatt zu erzittern oder gar zu erlöschen, schien das Feuer seinen Atem aufzunehmen. Plötzlich erstrahlte es heller als zuvor und schwoll zu einem satten gelben Licht an, das Emilia und Micah komplett einhüllte.
    „Ich nehme an, du möchtest nicht vorangehen?“, fragte Micah und sein hochgezogener Mundwinkel, bestätigte sie in dem Verdacht, dass er offenbar zu scherzen versuchte.
    Heftiger als geplant schüttelte sie den Kopf, woraufhin er sich schmunzelnd abwandte und den Abstieg begann.


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 1.2

    Sehr geil, Etiam :thumbup:


    Der Part ist dir wirklich gut gelungen. Vor allem gefällt mir diese Rede vom Jarl, die gar nicht mal schlecht inszeniert war. Und dann Durins Auftritt, quasi in Fetzen, aber dadurch auch total cool... und wie er das Schwert vor dem Jarl in den Boden rammt. Sehr schön! Ich bin voll mitgegangen.


    Bin schon sehr gespannt, was uns noch erwarten wird :gamer:


    Hier noch Kleinkram



    LG,

    Rainbow

    Hey Kirisha


    Sehr interessant die Entwicklung mit dem Spiegel :) Kommen wir wieder zu dem Punkt, dass spiegelnde Oberflächen sehr beliebt sind für derartige Darstellungen. Vielleicht fällt es mir auch nur extrem auf im Moment, weil es in der Geschichte von Sensenbach ebenfalls um einen Spiegel geht und in meiner Geschichte spielt er auch eine Rolle. :rofl: Ohne, dass du es jetzt ändern sollst, würde ich vielleicht trotzdem mal ein Gedanke dahingehend lohnen, wie man die Präsenz dieser Hexen noch anders verpacken könnte. Was wäre zum Beispiel mit Feuer? Sicher brennt da ei denen in jedem Raum ein Kamin...oder vielleicht gibt es auch überall Fackeln,welche die langen Gänge erhellen...(nur eine Idee, die mir kam beim Lesen) man könnte natürlich auch die Eigenbart der Mutter aufgreifen, dass sie dafür hat sorgen lassen, den gesamten Palast mit Spiegel zu behängen, weil sie so schrecklich eitel ist...dann würde das mit den Spiegeln natürlich auch einen zusätzlichen Sinn ergeben :hmm:


    Ansonsten hier noch weitere Anmerkungen



    LG,

    Rainbow

    Lieben Dank, Alexander2213 und Kirisha für eure Rückmeldungen :danke:




    LG,

    Rainbow


    So, dann starte ich mal mit dem ersten Kapitel :)

    Mich würde interessieren, ob es mir gelungen ist, das bisher Geschehene gut zusammenzufassen und es sinnvoll in die Handlung einzubauen, oder ob sich das zu sehr drangebastelt liest. Meine Befürchtung ist ja immer, dass man gerade beim Wiedereinstieg in die Geschichte zu einer Art "Erzählbär" wird, der nochmal resümiert, was vorher passiert ist. Im Grunde ist das ja auch wichtig, aber sicher kann man das elegant oder weniger elegant lösen. Also, lasst mich gerne mal an euren Gedanken teilhaben.



    Kapitel 1


    War es möglich, Furchen in den Boden zu laufen?
    Emilia fragte sich das inzwischen wirklich, da sie bereits seit einer gefühlten Ewigkeit in ihrer Wohnung auf und ab lief. Jeder Versuch, sich hinzusetzen, um zur Ruhe zu kommen, war bisher kläglich gescheitert. Denn kaum, dass sie saß, fingen auch schon ihre Knie an zu zittern und etwas trieb sie an, wieder aufzustehen.
    Unweigerlich dachte sie an jenen Abend im November zurück, als sie ähnlich aufgeregt umhergelaufen war, um auf Freddy zu warten, der ihr seinen Wagen leihen wollte. Die Vorstellung, dass sie es damals als ihr größtes Problem eingestuft hatte, mit ihrer geringen Fahrpraxis die wenigen Kilometer bis zu ihrer Freundin zurückzulegen, entlockte ihr heute nur noch ein müdes Schnaufen.
    Liebend gern wäre sie jetzt auf der Stelle bis ans Ende der Welt gefahren, -sogar in einer verkehrsuntauglichen Klapperkiste, die sie über unwegsame Serpentinen lenken musste-, wenn ihr dafür erspart bliebe, was sie in den nächsten Stunden erwartete: Die Anhörung vor dem Rat.
    Hörbar ließ sie die Luft ausströmen und hielt in Höhe der Balkontür inne, während sie die Arme um den Oberkörper schlang, um ihre Finger zu wärmen. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, dass sie ständig fror, und langsam kam es ihr so vor, als spiegele sich ihre emotionale Verfassung in der eisigen Kälte wider, die sie fest in ihren Klauen hielt, egal, wie hoch sie die Heizung drehte und ganz gleich, wie viele Pullover sie überzog.
    Zum wiederholten Mal an diesem Nachmittag holte sie das Handy aus ihrer Hosentasche. Der flüchtige Blick auf das Display verriet ihr, dass es jeden Augenblick an der Tür schellen und sie abgeholt würde. Pünktlichkeit war eine Tugend! – Und Engel waren, wie sie inzwischen wusste, in den meisten Fällen sehr tugendhaft.
    Dass sie an einen gebunden war, machte die Sache nicht wesentlich leichter.
    Gebunden ... das Wort, klang auf groteske Weise in ihr nach. Man band sich die Haare zusammen oder die Schnürsenkel zu und gelegentlich gingen Leute den Bund der Ehe miteinander ein. Aber das, was sie mit Elias verband, war etwas gänzlich anderes.
    Er war ein Teil von ihr. Ein Teil, von dem sie lange Zeit nicht einmal geahnt hatte, dass er überhaupt existierte. Nie im Leben hätte sie für möglich gehalten, dass ausgerechnet SIE sich in der Art und Weise auf jemanden würde einlassen können. Und noch viel weniger hätte sie geglaubt, dass seine Abwesenheit ihr so sehr zusetzen könnte.
    Seit er vor Wochen schwer verletzt ins Lazarett gebracht worden war, quälte Emilia sich mit der Frage, ob er es schaffen würde und die Sorge um ihn trieb sie halb in den Wahnsinn.
    Es war, als riefe ununterbrochen eine Stimme nach ihr. Manchmal so leise, dass es nicht mehr als ein weit entferntes Flüstern war, nur um dann anzuschwellen und wie ein eindringliches Echo in ihr nachzuklingen. Dieses Gefühl, es zog an ihr und war stellenweise von solcher Intensität, dass es unmöglich war, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Doch das Schlimmste von allem waren die abgrundtiefe Leere und die beinahe schmerzhafte Sehnsucht, welche mit jedem Tag, den sie von ihm getrennt war, weiter zunahmen. Emilia konnte nicht anders, als über sich selbst und ihre grenzenlose Naivität den Kopf zu schütteln.
    Anfangs war die sonderbare Wirkung, welche Elias auf sie ausgeübt hatte von ihr auf die banale Erklärung zurückgeführt worden, dass sie sich ganz einfach Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Doch inzwischen war sie sich da nicht mehr so sicher.
    Wenn es zutraf, was die Engel behaupteten, beruhte die außergewöhnliche Verbindung zu Elias, auf einer uralten himmlischen Prophezeiung. Einer, die sie beide dazu bestimmt hatte, den mächtigen Dämonenfürst ´Dagon` aus dieser Welt zu verbannen und das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde wieder herzustellen.
    Mit einem zischenden Geräusch stieß sie hörbar die Luft aus und schüttelte den Kopf.
    Das alles klang für sie noch immer derart verrückt, dass es ihr schwerfiel, es tatsächlich glauben zu können. Doch wenn die letzten Wochen sie eines gelehrt hatten, dann, dass es vieles gab, was man sich nicht vorstellen konnte- Und plötzlich geschah es trotzdem. Ohne Rücksicht darauf, dass es das eigene Weltbild in Trümmern legte oder es einen den Verstand kostete.
    Ein eisiger Schauer lief ihr den Rücken herunter, wie jedes Mal, wenn sie die Geschehnisse von vor anderthalb Monaten Revue passieren ließ.
    Dabei wusste sie nicht mal, was ihr mehr zusetzte: Dass sie ihren eigenen Gefühlen nicht mehr trauen konnte, weil sie womöglich gar nicht echt waren, oder dass sie sich derart von der Begegnung mit Dagon hatte aus der Bahn werfen lassen.
    Einem Dämon, der sich mit Vorliebe in auffallend charismatischer Menschengestalt zeigte, um mit seinen engelsgleichen Zügen über die skrupellose Bestie hinwegzutäuschen, die in ihm schlummerte.
    Du bist auch an IHN gebunden, vergiss das nicht!, vernahm sie umgehend ihre eigene höhnische Gedankenstimme, die sie hiermit an einen Umstand erinnerte, den sie nur allzu gerne ausgeblendet hätte.
    Doch immerhin war sie nicht die Einzige, der man Naivität nachsagen konnte. Denn letztlich waren die Engelsfürsten genauso hinters Licht geführt worden, wie sie selbst.
    Aber wie hatten sie auch annehmen können, dass der ursprüngliche Auserwählte sich gegen sein Reich auflehnen würde, um zu einem Gefallenen zu werden? Dass die ´Nachbesetzung` gelinde gesagt, Komplikationen hervorrief, da man hierdurch ungewollt eine Dreiecks-Konstellation geschaffen hatte, war von den Fürsten ebenso wenig in Betracht gezogen worden, wie die unvorhergesehene Wendung, dass SIE es am Ende gewesen war, die das Schwert gegen Dagon gerichtet hatte.
    Nur, dass sie Letzteres niemals erfahren dürfen!, rekapitulierte die Stimme in ihrem Geist, woraufhin sich ihr Magen augenblicklich wieder verkrampfte.
    Nach allem, was sie von Freddy gehört hatte, würden die Fürsten sie keinen Schritt mehr alleine tun lassen, aus Angst, sie könne mit ´Mächten` in Berührung gekommen sein, die gelinde gesagt nicht gut für sie waren.
    Ein Schnaufen entfuhr ihr, als sie ihre zitternden Hände betrachtete. Anfangs hatte sie dem sonderbaren Kribbeln auf ihrer Haut keine große Beachtung geschenkt. Doch dann war die Kälte hinzugekommen, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Und inzwischen war es ihr kaum noch möglich, das haltlose Zittern zu kontrollieren, welches sich in ihr eingenistet hatte wie ein Parasit.
    Dabei war heute definitiv einer der guten Tage. An manch anderem konnte sie nicht mal mehr eine Kaffeetasse halten, ohne, dass der Inhalt überschwappte. Seufzend wandte sie den Blick ab und ließ das Handy zurück in ihre Gesäßtasche wandern. Dann sah sie hinaus in den wolkenverhangenen Januarhimmel.
    Sie war nicht dumm. Sie wusste, dass etwas mit ihr nicht stimmte und dass es mit jener Nacht zusammenhing. All diese Veränderungen, die sie an sich bemerkte. Die Flashbacks, die Visionen. Die Albträume, welche sie Nacht für Nacht heimsuchten, in denen sie ruhelos umherstreifte, von dem unbändigen Drang angetrieben etwas zu suchen. Oder jemanden.
    IHN, Lia! Du suchst IHN!
    Ihr Herz zog sich zusammen, als lege sich eine eiskalte Hand darum, die unerbittlich zudrückte. Der Gedanke, mit Dagon in irgendeiner Weise verbunden zu sein, war ihr zuwider. Doch selbst, wenn sie sich mit aller Macht dagegen wehrte, lauerte irgendwo tief in ihrem Inneren die Angst, dass es stimmte.
    Früher oder später würde sie sich der Wahrheit stellen müssen, das war ihr klar.
    Doch was verdammt nochmal war die Wahrheit? Dass sie sich in ein Monster verwandeln würde? Weil Dagons dämonische Energie während seiner Verbannung auf sie übertragen worden war? Oder dass sie die göttliche Macht, welche in dieser himmlischen Superwaffe geschlummert hatte, nicht verkraftete, weshalb sie nun Gefahr lief, daran elendig zugrunde zu gehen?
    Es war ganz egal, wie sie es drehte. Beides waren keine besonders erfreulichen Aussichten. Aber unter der strengen Beobachtung der Fürsten zu stehen, die sie wie ein fehlgeschlagenes Experiment studieren und im Auge behalten würden, um zu verhindern, dass sie früher oder später für sich oder andere zur Gefahr wurde, war nicht unbedingt, was sie als annehmbare Alternative ansah.
    Das allein war der Grund, weshalb sie schwieg. Warum sie nach wie vor behauptete, sich an den Ausgang der Schlacht nicht erinnern zu können.
    Die Sache hatte nur einen einzigen Haken: Spätestens, wenn Elias wieder zu sich kommen würde, -was sie sich wohlgemerkt mehr als alles andere wünschte-, und er den Fürsten Rede und Antwort stehen müsste, hätte das Versteckspiel ohnehin ein Ende. Denn seine Aussage war der Schlüssel zur Wahrheit.
    Seufzend versenkte Emilia ihr Gesicht in den Händen und rieb sich die Müdigkeit aus den Augen.
    Während der letzten Nächte, in denen sie schlaflos umhergelaufen war, hatte sie sich auszumalen versucht, welche ´Verhörmethoden` der Rat wohl anwenden würde, um ihre ´verloren gegangenen Erinnerungen` zurückzuholen. Was, wenn die Fürsten nicht vorhatten zu warten, bis Elias wieder ansprechbar war? Wenn sie die Möglichkeit hätten, in ihren Kopf einzudringen.
    Wie die Seelenfresser...
    Die Bilder der abscheulichen Wesen mit ihren flatternden schwarzen Umhängen tauchten vor ihr auf, ohne, dass sie es hätte verhindern können. Krampfhaft versuchte sie, gegen die aufkommende Enge in ihrer Kehle anzuatmen, die sie immer dann heimsuchte, wenn sie an ihre erste Begegnung mit einem dieser Dämonen zurückdachte. Unsagbare Schmerzen und das grausame Gefühl sich selbst zu verlieren, waren die Andenken, welche sie dem von Dagon angeordneten Eingriff des Seelenfressers zu verdanken hatte.
    Nie im Leben würde sie die klirrende Stimme vergessen, die in ihren Geist eingedrungen war, um ihn Stück für Stück zu zerlegen, wie eine scharf geschliffene Klinge, die sich ohne jeden Widerstand durch geschmolzene Butter glitt.
    Würden die Engel letztendlich ebenso brutal vorgehen, wenn sie sich davon Informationen erhofften? Wenn sie davon ausgingen, dass sie es zum Schutz der Menschen oder ihres eigenen Reiches täten. - Heiligte am Ende der Zweck nicht jedes Mittel?
    Schluss jetzt!, rief sie sich selbst zur Ordnung und nahm einen tiefen Atemzug. Es nützte nichts, sich weiter verrückt zu machen. Die nächsten Stunden würden Gewissheit verschaffen, und nach all der Zeit des Zermürbens war sie inzwischen an einem Punkt angelangt, wo sie sich nur noch wünschte, dass es vorbei wäre.
    In einem Anflug von Entschlossenheit machte sie sich auf den Weg zur Garderobe, um ihre Jacke überzuwerfen. Dabei blieb ihr Blick an dem Standspiegel im Flur hängen, der mit einem weißen Leinentuch verhangen war und wie eine unförmige Gestalt vor ihr aufragte. Darum bemüht, gegen das ungute Gefühl anzukämpfen, welches sie in der Nähe des verdeckten Möbelstücks überkam, zog sie vorsichtig den Stoff zurecht. Sie hatte ihrem Spiegelbild nie viel abgewinnen können, doch neuerdings bargen reflektierende Oberflächen eindeutig zu viele Schlupflöcher für ihren wirren Verstand und öffneten dem Wahnsinn die Türen, weshalb sie es für das Beste hielt, nicht allzu genau hinzusehen.
    Das laute Klingeln durchbrach die Stille und ließ sie zusammenfahren.
    Meine Güte!
    Warum mussten Engel überhaupt die Türschelle benutzen? Schließlich konnten sie sich an jedem beliebigen Ort dieser Welt materialisieren, oder etwa nicht?
    Sie beschloss, den Gedanken beiseitezuschieben und Micah stattdessen dafür zu danken, dass er ihre Privatsphäre respektierte.
    Mit einem tiefen Atemzug öffnete sie die Tür und machte sich innerlich darauf gefasst, ihm gegenüberzutreten. Seine gesamte Erscheinung ähnelte der von Elias derart, dass es ihr jedes Mal einen schmerzhaften Strich versetzte, wenn sie ihn sah.
    „Na, bereit?“, fragte er an der Wand im Treppenhaus lehnend, während Emilia damit beschäftigt war, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Seine strahlenden Augen, welche im trüben Licht der Flurlampe in einem tiefen Sturmgrau leuchteten, fixierten sie erwartungsvoll, während er sich die Haare aus dem Gesicht kämmte, die in einem unnatürlichen Goldton schimmerten und ihm bis über die Schultern fielen. Dabei trug er sein übliches Micah-Outfit: Zerschlissene Jeans, Schnürstiefel, weißes T-Shirt und Lederjacke. Emilia konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen bei dem Gedanken daran, dass sich Micah bei der Wahl seiner Garderobe offenbar an einem rebellischen Leinwandhelden aus den Fünfzigern orientiert hatte.
    „Nicht wirklich“, antwortete sie wahrheitsgemäß und atmete hörbar aus, während sie nach dem Schlüsselbund griff, der neben ihr am Haken hing.
    Nur aus dem Augenwinkel vernahm sie Micahs Blick und die hochgezogene Braue, als er den verhangenen Spiegel sah.
    Bevor er jedoch etwas sagen konnte, schob sie sich an ihm vorbei und zog die Tür hinter sich zu.


    Hier geht es weiter:

    Kapitel 1.1

    Grüß dich, Faraleas und herzlich willkommen :)


    Irgendwie kommst du mir gar nicht mehr so neu vor, weil man dich schon seit einer Weile regelmäßig hier antrifft. Aber nach deiner Vorstellung hier im Empfangssaal können wir dich natürlich nun auch noch einmal ganz offiziell begrüßen :hi2:


    Dein Buch-Projekt klingt ja spannend. Es beruhigt mich ungemein, dass die Anfänge deiner Schreibbemühungen knapp 30 Jahre zurück liegen. Bei mir sind’s erst 7 Jahre und ich denke immer, ich müsste so langsam mal in die Puschen kommen :rofl:


    Ich denke, ein Feedback zu deinem Text ist hier an der Stelle irgendwie fehlplatziert, oder? Machst du noch einen eigenen Geschichtenthread auf?