Beiträge von Kirisha

    Hallo liebe Rainbow ,

    danke erstmal dafür, dass du mir so treu die Stange hältst!



    Und hier geht es weiter:


    21.2 Die durchgedrehte Generälin


    Naftare steht schweigend neben mir und blickt auf das neue Flussbett vor uns, das schäumt und hohe Wellen produziert.

    „Nun erzähl mir schon, was los ist“, sagt die Nachtalbin nach einer Weile und zupft an dem Hut, der ihre Augen überschattet.

    Wir wechseln Blicke und ohne dass sie mehr sagt, ahne ich, dass sie dieselben ahnungsvollen Zweifel an unserer Meerestauglichkeit quälen wie mich. Zweifel, für die wir bis jetzt keine Lösung haben.

    „Warum bei dem verdammenswerten Bozar hast du Goplea erzählt, dass mir die Königin Evenea erschienen ist?“, knurre ich nach einer Weile.

    Naftare blickt einer Reitechse nach, die mit ihren sechs Reiterinnen aus den Fluten auftaucht. „Hast du deswegen mit ihr gestritten?“ Sie räuspert sich. „Verzeih, Penthesilea, aber das hat auch mich beschäftigt. Ich meine gelesen zu haben, diese Königin hätte ihr halbes Heer verloren. Es gab mir zu denken, warum die Göttin dir ausgerechnet in der Gestalt dieser... doch etwas zweifelhaften Person erschien. Deshalb wollte ich Goplea nach ihrer Meinung zu dem Thema befragen.“

    „Königin Evenea hat ihr halbes Heer verloren? Aber dann wäre sie nicht so berühmt geworden!“

    Naftare zuckt die Achseln. „Vielleicht irre ich mich. Ich habe hier keine Pergamente, in denen ich das nachlesen könnte.“

    Sie schweigt eine Weile. „Darf ich fragen, worüber du mit Goplea so heftig gestritten hast? Ich behalte es auch für mich.“

    Die Kriegerinnen am Ufer fechten mit einer Wildheit, die mich entzückt. Dürften wir doch nur eine ganz gewöhnliche Landschlacht schlagen! Wie einfach wäre es dann zu gewinnen!

    Soll ich Naftare die Wahrheit auftischen? Früher oder später werde ich dazu gezwungen sein – aber ich will nicht, dass die Stimmung im Heer plötzlich kippt. Und ich ahne, dass das schneller passieren kann, als mir lieb ist.

    „Sie hat ein Problem“, knurre ich.

    „Du meinst, wir haben ein Problem“, analysiert Naftare auf die ihr eigene klare Art. „Wir werden nicht tauchen können, oder? Nicht gut genug für eine Schlacht? Oder – überhaupt nicht?“

    Ich suche nach Worten.

    „Es wäre gut, wenn wir eine Alternative hätten. Hast du eine Idee?“

    Naftare lässt eine kleine Flamme über ihrem Mittelfinger aufleuchten. „Die Hohepriesterin hat uns doch versprochen, wir würden freie Magie finden, im Zielland“, raunt sie mir zu. „Vielleicht liegt unsere Lösung dort... irgendwo.“

    Ich muss lächeln. Die versprochene Magie war auch meine erste Idee. Leider bis jetzt nicht Zielführend.

    „Die Botinnen, die wir ins Selchenland geschickt haben, haben dort keine gesehen“, erinnere ich sie.

    „Weil sie danach nicht gesucht haben“, meint die Nachtalbin. „Erinnere dich, du hast sie ausgeschickt, um zu erfahren, ob das Wasser dort süß oder salzig ist. Das wissen wir jetzt... Vielleicht sollen wir neue Boten senden, die gezielt nach Strahlung suchen.“

    Ich nicke. „Machen wir. Aber bis wir eine Antwort bekommen, verlieren wir wieder einige Tage. Und wenn sie nichts finden sollten – was dann?“

    „Da sehe ich eigentlich nur eine einzige Möglichkeit. Den Teamzauber“, überlegt Naftare und führt ihre beiden Zeigefinger zusammen, die sie ineinander verschränkt, um die Natur dieses Zaubers anzudeuten. „Jeweils zwei Kriegerinnen koppeln ihre Körper aneinander. Dabei könnten sich jeweils eine Schwimmerinn und eine Landkämpferin die Kiemen teilen und sie müssten dann halt auch gemeinsam kämpfen.“

    „Damit haben wir uns vor drei Sommern in Zeltesia doch fast selbst ausgehebelt, weißt du nicht mehr?“, erinnere ich sie. „Den Zauber habe ich aus unserem Repertoire gestrichen.“

    „Ich war in Zeltesia nicht dabei“, erklärt Naftare und zuckt die Achseln. „Allerdings denke ich, wir können nicht so wählerisch sein. Wir müssen tauchen können. Wenn nicht mit Kiemenketten, dann eben mit dem Teamzauber, inklusive Nebenwirkungen. Oder hast du eine andere Idee? Und nicht erst in einem Mond. Wir brauchen die Idee jetzt.“

    Ja! Ich weiß! Mir wird bewusst, dass ich schon die ganze Zeit über entsetzlich mit den Zähnen knirsche.

    „Gut“, knurre ich, im Grunde gegen meine innere Überzeugung, aber ich muss Naftare recht geben. Ich kann meine Kriegerinnen nicht in einen Wasserkampf schicken völlig ohne Ausrüstung. Ich kann auch nicht einfach erklären, sie sollten dann eben das Wasser meiden. Das fühlt sich komplett falsch an. „Dann übernimm du den Teamzauber. Du redest mit Arixes und ihr bildet ein paar Teams, die es ausprobieren. Arixes kann ja daneben ihre eigenen Übungen weiterführen.“

    „In Ordnung“, pflichtet Naftare mir bei. „Machen wir es so. Es gibt wohl keine bessere Möglichkeit.“

    Habe ich wirklich keine Alternative?

    Doch. Ich habe eine.

    Den Seelensprung. Ich habe ein Lehrbuch darüber, das ich mit auf die Reise nahm. Und ich habe auch darin gelesen. Das verwünschte Buch ist voller Todeswarnungen, aber ich konnte trotzdem nicht aufhören es zu verschlingen. Zu faszinierend ist der Zauber.

    Mit dem Seelensprung könnte ich meine Seele in ein beliebiges Wesen springen lassen. Zum Beispiel in einen Fischmenschen. Ich entere dessen Seele und übernehme von ihm alle die Fähigkeiten, die ich selbst nicht habe! Noch mehr: Ich zwinge ihn mir zu gehorchen. Zwinge ihn sich und sein ganzes Heer mir zu unterwerfen. Dann wäre das Element plötzlich egal. Unsere Feinde wären meine Puppen, die ich tanzen lassen kann nach Belieben. Nebenbei würde ich unendlich lange tauchen können – sollte es dann noch notwendig sein. So wie unsere Schwimmerinnen.

    Es würde vollkommen reichen, wenn ich allein diesen Zauber lerne. Ich könnte diesen Feldzug gewinnen ohne dass wir uns auch nur die Zehen nass machen.

    Mir wird kribbelig in allen Gliedern. Das wäre eine Lösung. Eine, die mein Heer wieder in eine schlagkräftige Truppe verwandeln würde. Eine, die mir reiche Beute und Ruhm eintragen würde. Aber ehrlich gesagt geht es mir momentan wirklich nur darum zu gewinnen. Der ganze Rest kommt später.

    Ich weiß, ich wollte diesen Zauber nicht benutzen. Überhaupt nie, ich wollte nicht einmal mehr an ihn denken. Er ist noch viel gefährlicher als der Teamzauber. Könnte tödlich sein. Aber: wenn der funktioniert, wäre er wohl hundertmal effektiver und könnte alle meine Probleme lösen. Ich spüre doch innerlich, dass Naftares Teamzauber nur eine Krücke ist, die uns über unsere erschreckend gewaltige Hilflosigkeit im Wasser hinwegtäuschen soll.

    Seitdem ich das Handbuch über den Seelensprung in die Finger bekam, habe ich jede Nacht darin gelesen. Je mehr ich mich mit der Theorie beschäftigte, desto mehr Möglichkeiten malte ich mir aus, die ich mit solchen Kenntnissen hätte.

    Aber hätte ich sie wirklich?

    Erstens, ist uns Kriegerinnen die Anwendung spiritistischer Sprüche eigentlich nicht erlaubt. Zweitens würde ich das Kelachtid dazu benutzen müssen, einen speziell aufgeladenen Stab, den ich an Amazonia von den Spiritistinnen kopieren ließ – aber noch nie ausprobiert habe. Drittens wird empfohlen, eine erste Übung nur in Begleitung einer erfahrenen Spiritistin zu machen. Gerade Anfänger sind besonders gefährdet Unfälle zu erleiden.

    Diese drei Hindernisse haben mich in den vergangenen Wochen davon abgehalten, diese Idee in die Tat umzusetzen. Allerdings spüre ich, wie mich meine innere Anspannung inzwischen schon fast zersprengt. Ich kann doch nicht sehenden Auges weiter auf einen Unterwasserkampf zusteuern, für den meine Armee nicht gerüstet ist. Ich brauche eine Lösung. Und die werde ich jetzt versuchen zu ergreifen.

    „Warum rollst du so wild mit den Augen?“, fragt Naftare. „Worüber denkst du nach? Willst du die Übung mit dem Teamzauber nicht leiten?“

    „Jetzt nicht. Übernimm du die Leitung und sprich dich mit Arixes ab. Ich werde eine Runde durch die Truppen machen und mich umsehen, komme später zu dir“, sage ich zu Naftare. Einen Moment lang überlege ich, ob ich meine Pläne mit ihr teile, und ob ich ihr weiterreichende Kompetenzen übertragen muss, falls mir bei meiner ersten Übung im Seelensprung etwas passiert, das mich außer Gefecht setzt. Puh, dass ich so etwas überhaupt überlegen muss! Aber ich entscheide mich dagegen. Dieses Experiment ist notwendig, allerdings will ich Naftare nicht damit belasten. Sie hat an der Situation schon genug zu tragen.

    Ich lese gerade in den Abenteuern von Schwert und Held und je weiter ich komme, desto mehr Spass macht mir das. Im Zentrum stehen natürlich die stets verblüffenden Wortklaubereien und die vielen witzigen Formulierungen, aber ehrlich gesagt gefällt mir auch das Setting. Du bist da ja richtig einfallsreich. Alles was das Fantasyherz begehrt, kommt mal dran. Natürlich nie so wie erwartet. Der Drache hat mir gut gefallen, vor dem sie schliesslich davonschleichen, und auch der "Magier", der in so unappetitlicher Gestalt auftauchte. Der Wervampir!! Und jetzt ein Mittelaltermarkt. Guuut! Du bringst da viele hübsche Details, dir mir gefallen.



    Die bereichernden Einblicke in die Fischgehirne ... :rofl:

    Was wohl in denen so vor sich ging?


    Ich lese gleich weiter. Was hast du denn noch so alles in petto? Gibt es noch mehr Abenteuer mit richtigen Kämpfen? Vielleicht auch die eine oder andere Prinzessin zu befreien?

    DIe Dialoge sind einfach genial. Immer weiter so! :panik:

    Hallo liebe Marie,

    wie schön, dass es hier weitergeht! Ich bin schon wirklich neugierig auf dein Wunderpferd. Scheint eine richtig verzauberte Geschichte zu werden, so etwas mag ich gerne.


    Talia betrachtete das wunderschöne Pferd. Das Fell glänzte in der Sonne und es war einfach wunderschön.

    Erinnerst du dich an mein Gelaber von den Wiederholungen? :) Vielleicht fällt dir da noch ein anderes Wort ein.

    Hatte es vielleicht eine besonders lange Mähne oder geflochtene Zöpfe darin oder so? Oder einen schwarzen Fleck auf der Stirn oder vielleicht hat irgendwo was geleuchtet... da gibt es einen ganzen Haufen Möglichkeiten.


    umgekert

    umgekehrt




    Sie wuste es nicht,

    wusste


    doch im nächsten Moment wurde ihr alles klar. Talia hatte Angst! Das war das Gefühl, das sie schon die ganze Zeit gespürt hatte aber nicht zulassen wollte.
    Schon seit dem Moment an dem sie wusste, dass ihre Familie umziehen sollte hatte Talia nachts kein Auge mehr zu bekommen. Und immer wenn ihr jemand zugeredet hatte, wie schön es sein würde, hatte sie einfach die Augen davor geschlossen und die Angst runtergeschluckt. Doch jetzt erst merkte Talia, dass Angst ein nützliches Gefühl sein konnte. Denn wenn man keine Angst hat, kann man auch nicht stoltz auf sich sein, wenn man sie überwunden hat.


    Diese Passage hat mir auch sehr gut gefallen. Ich dachte sofort, ich wüsste, worauf Talia hinaus will, aber sie kam dann zu einer ganz unerwarteten Schlussfolgerung. Finde ich gut!


    Pferderüken

    Pferderücken


    Mit dem Schluss hast du mich auch überrascht. Ich hatte erwartet, dass Talia sicherlich aufsteigen und ein wenig reiten wird. Aber nicht, dass sie hinfällt, bevor sie es geschafft hat aufzusteigen. Es passt aber sehr gut zu der Geschichte.

    Was hat wohl diese Erinnerung zu bedeuten? Wen hat sie da gesehen?

    Ich bin auch gespannt, wie es mit dem Pferd weitergehen wird!:):):)

    Also jetzt verstehe ich, warum Thorsten und Katharina diesen Text verfilmen wollen.

    Ich habe gerade die ersten 10 Abschnitte gelesen und mich weggeschmissen vor Lachen.

    Ist ja verrückt, das Konzept und noch verrückter finde ich, dass das so gut funktioniert.

    Es sind eigentlich nur Episoden, aneinander gehängt, keine fortlaufende Geschichte - ich lese sowas eigentlich nicht, aber hab mich jetzt entschieden eine Ausnahme zu machen.

    Was mir wirklich gut gefällt: Jede kleine Episode läuft auf eine Pointe heraus und von dieser wird man zielsicher überrascht. Dann wimmelt es von Andeutungen und Zweideutigkeiten und das ist einfach köstlich. Dann dieses ständige Auf-die-Schippe-nehmen, nicht-Ernst-nehmen, infragestellen. Richtig gut.

    Ja, richtig gut! Ich lese mir die Fortsetzung auch noch durch!

    Rainbow



    Thorsten


    Und hier geht es jetzt weiter:


    21.1 Die durchgedrehte Generälin


    Jetzt habe ich aber genug von solchen Verirrungen gehört.

    „Goplea“, erkläre ich scharf und mit Nachdruck. „Weder wurdest du von einer toten Königin verraten, noch hat ein altes Mosaikbild im Tempel irgendeine Bedeutung! Ob wir hier siegen, hängt von uns ab und von der Göttin. Und ich verspreche dir, wir werden siegen!“

    Goplea richtet sich auf und starrt mich mit rotgeränderten Augen an.

    „Blut strömte aus ihrem Körper, oder? Das hast du Naftare gesagt. Und das ist das Zeichen...“
    „Schweig, Goplea.“ Ich lasse sie los. „Wir sind hier auf einem Kriegszug und den beabsichtige ich zu gewinnen. Was irgendjemand von uns unterwegs für Zeichen sieht, interessiert mich nicht, ist das klar? Selbst wenn du schon bewiesen hättest, eine Seherin zu sein, würde ich dennoch mit all meinen Kräften auf einen Sieg setzen, denn das ist meine Aufgabe und meine heilige Pflicht! Es ist übrigens auch deine. Wer nicht wagt dem Tod ins Auge zu blicken, darf nicht auf einen Kriegszug ausreiten. Auf eine Generälin, die anfängt zu flennen wie ein Kind, kann ich mich nicht verlassen. Du bist beurlaubt. Ab heute bleibst du in dieser Kutsche und kommst erst wieder heraus, wenn ich es erlaube. Ich schicke dir jemanden, der dir hilft dich zu erholen.“

    Wütend drehe ich mich um und schlage die Kutschentür hinter mir zu.

    Mein Kopf pocht und brummt, als hätte mich jemand mit einem Hammer geschlagen. Verdammt! Verdammt! Goplea muss ich abhaken. Allerdings hatte sie eine zu wichtige Rolle für die kommende Schlacht – was jetzt? Muss ich die Kiemenketten ebenfalls abhaken? Oder...? Wer könnte ihre Aufgaben übernehmen?

    Ich beschließe, Gopleas Offizierinnen zu befragen. Vielleicht hat sie ihnen Pläne für den Ausbau der Ketten gegeben. Vielleicht wissen sie mehr.

    Die drei engsten Vertrauten meiner durchgeknallten Generälin sitzen in der zweiten Kutsche, die neben Gopleas herfährt. Diese öffnen glücklicherweise auf mein Klopfen und lassen mich ein. Sie sind emsig mit dem Kneten schmaler Metallfäden beschäftigt, in welche sie Salz einreiben. Ich schöpfe neue Hoffnung.

    „Sind das die Süßkiemen?“, frage ich hoffnungsvoll.

    „Auf dem Weg dahin“, erklärt Andromea, eine Panzerträgerin. „So weit wir getestet haben, können wir diese Fäden um die Kiemenketten wickeln und damit etwa eine halbe Stunde, vielleicht sogar bis zu einer Stunde, unter Wasser bleiben. Nach gewisser Zeit löst sich leider das Salz auf und man muss auftauchen. Goplea ist dabei, eine erweiterte Version zu entwickeln, bei der das nicht mehr passiert.“

    Ich blicke von einer zur anderen. Die drei Getreuen scheinen keine Ahnung zu haben, dass Goplea keinesfalls mehr damit beschäftigt ist, irgendwas zu entwickeln.

    „Eine halbe Stunde“, wiederhole ich und spüre, wie meine Eingeweide zu Eis gefrieren. Vergebens versuche ich mich an einen Feldzug zu erinnern, bei welchem wir sämtliche Kämpfe in einer halben Stunde siegreich für uns entschieden haben.

    Wir werden alle sterben, höre ich Gopleas kieksende Stimme in meinem Hinterkopf jammern. Natürlich zwinge ich das ungehörige Geflenne in mir nieder – aber es ist doch sonnenklar, dass ich hohe Verluste unter meinen eigenen Leuten haben werde, wenn wir eine Schlacht mit einem derartigen Handicap beginnen müssen. Es ging bis jetzt auch schon fürchterlich viel schief... Gopleas böse Omen oben drauf haben mir gerade noch gefehlt.

    „Was hat Goplea gesagt? Sie war zuletzt so seltsamer Laune“, fragt Andromea eifrig. „Wir haben schon sechshundert solcher Salzfäden gefertigt – sollen wir noch mehr davon machen oder können wir schon mit ihrer neuen Erfindung anfangen?“

    „Noch nicht. Gebt mir die sechshundert, ich will heute noch eine Übung damit machen“, fordere ich.
    Andromea schüttelt den Kopf. „Die sind nicht für Übungen gedacht. Man kann sie nur einmal benutzen, weil sich das Salz darin verbraucht. Außerdem müssen wir sie ja noch um die Kiemenketten winden.“

    Wamm. Noch so ein Schlag mit dem Hammer und ich kippe womöglich heute noch aus den Sandalen.

    „Na dann“, zwinge ich mich zu sagen, „arbeitet weiter und jetzt schneller als bisher. Wir brauchen mindestens 5000 Exemplare und sie müssen spätestens in einem halben Mond komplett fertig sein.“

    Ich hebe grüßend eine Hand und mache kehrt. Wie ich danach wieder auf mein Pferd gekommen bin, kann ich mich nicht erinnern. Noch minutenlang fühle ich mich wie durchgeprügelt. Goplea hat den Verstand verloren, wir müssen die Unterwasserschlacht innerhalb einer halben Stunde gewinnen, und wir haben nicht die Möglichkeit, das Ganze mit den ekelhaften Ketten überhaupt mal vorher zu üben. Aaaargh! Ich könne schreien!

    Hat Goplea recht? Sind wir zum Untergang verurteilt? Wir wären nicht die erste Armee, die scheitert. Aber Amazonia hat sich von den dreizehn Verlustjahren noch nicht erholt. Wir können uns keine weitere Niederlage leisten – und, ich schwöre es insgeheim mir selbst und meiner Göttin – ich werde das nicht geschehen lassen. Selbst wenn sich unterwegs die halbe Unterwelt gegen mich verschwört. Es muss einen Weg durch all diesen Schlamassel geben und ich werde ihn finden.

    Wenn wir nicht gut genug tauchen können – können wir unsere Gegner nicht einfach an Land zwingen?

    Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich den Fluss erst bemerke, als Arixes zu mir aufschließt und mich darauf aufmerksam macht.

    „Ich hörte, du wolltest eine neue Übung machen?“, fragt sie und weist auf den etwa zehn Meter breiten Wasserlauf, der von Westen her unseren Weg kreuzt und sich gemächlich in zahlreichen Windungen Richtung Osten ergießt. Zahlreiche gelb blühende Seerosen wachsen nahe dem anderen Ufer.

    „Exakt“, erkläre ich und gebe der Armee das Zeichen anzuhalten, während ich für Arixes meine Ideen ausführe. „Ich schlage übrigens eine neue Strategie vor. Nennen wir sie: Fische aus dem Wasser. Die könnten wir auch im Zielland anwenden. Deine Schwimmerinnen jagen das Meeresvolk an Land, die anderen drei Regimenter erwarten sie dort und besiegen sie. So einen Kampf sollten wir gewinnen! Und nach diesem Muster will ich die Übung machen.“

    Arixes sieht mich ein wenig von oben herab an. „Nichts für ungut, aber Wasser ist nicht dein Element. Du solltest die Schlachtpläne lieber mich machen lassen.“

    „So? Was wäre dein Vorschlag?“

    Arixes steigt vom Pferd und geht näher an das Ufer heran. Der Fluss hat nur geringe Strömung und ist relativ klar. „Hasen kannst du dem Jäger entgegentreiben, indem du sie einkreist. Aber bei Fischen geht das nicht. Sie können in alle Richtungen verschwinden, auch nach oben oder unten. Außerdem müssen wir damit rechnen, dass das Zielvolk im Selchenland uns angreifen könnte. Dann wäre es nicht klug, wenn wir nur so wenig Kriegerinnen sind und der größte Teil des Heeres an Land wartet.“

    „Es könnte sein, dass wir dazu gezwungen sein werden, darum will ich das üben“, erläutere ich knapp. „Falls wir aber doch ein großes Wasserheer auf die Beine stellen können – welchen Plan hättest du dann?“

    „Strömungen...“ Arixes grinst. „Du kennst die Riffströmungen bei uns daheim oder die Brandungsströmung bei Springflut – an sowas dürften die Bewohner eines Binnenmeeres nicht gewöhnt sein, also wären wir ihnen überlegen.“

    „Klingt gut. Aber das können wir nicht hier testen, weil wir die Strömung schlecht ändern können ohne größere Überschwemmungen zu erzeugen.“

    Naftare und Chep sind inzwischen zu uns gekommen.

    „Kämpfen wir mit den neuen Kiemenketten?“, fragt Naftare interessiert.

    „Nein, heute ohne. Sie sind noch nicht fertig.“

    Naftare dreht sich ruckartig zu mir herum.

    „Wie sollen wir Unterwasserkampf trainieren – wenn wir nicht tauchen können?“

    „Heute noch nicht“, sage ich hart. „Deine Truppe, die Gemischten und die Orkas üben auf dem Trockenen. Nur die Schwimmerinnen gehen in den Fluss, und die Neu-Kiementrägerinnen unter Niska. Sie werden sich gegenseitig aus dem Wasser heraustreiben – mit Reitechsen, mal sehen was die uns dabei nützen - und ihr attackiert sie an Land.“

    „Sehr gut“, knurrt Arixes und reibt ihre mit Schwimmhäuten versehenen Hände. „Dann können wir endlich mal härter rangehen. Es war ja schon traurig, ständig nur Anfängerübungen zu machen.“

    Naftare zieht ihren Hut tiefer ins Gesicht. Obwohl heute Wolken an Himmel hängen, scheint es ihr noch zu hell zu sein.

    „Hm“, brummt sie. „Vermutlich werden wir doch gezwungen ins Tiefe zu gehen. Also müssen wir im Wasser üben.“

    „Wo bleibt Goplea?“ Chep reibt sich die massigen Fäuste und schiebt die Halterung für ihre Harpune, die bisher griffbereit an ihrem Gürtel hing, nach hinten.

    "Sie hat noch zu arbeiten und kann deshalb nicht mitmachen“, sage ich sofort. Den wahren Stand der Dinge will ich der Armee möglichst nicht auftischen, oder wenigstens nicht jetzt. Die Kriegerinnen sollen sich auf den Kampf konzentrieren und sich nicht den Kopf über den Geisteszustand ihrer Anführerin zerbrechen. „Die Gemischte Truppe geht so lange unter Parchemea.“

    Als hätte sie jemand mit Lehm beworfen, drehen sich alle drei Generälinnen zu mir und starren mich an. Es ist noch nie vorgekommen, dass eine Generälin an einer Übung nicht teilgenommen hat oder gar durch eine Vertreterin ersetzt wurde.

    „Stimmt etwas nicht?“, fragt Arixes direkt.

    „Wir haben uns gestritten“, erwidere ich schroff und in einem Ton, der ihr gebietet nicht weiter zu fragen.

    Ich klatsche in die Hände und befehle, Parchemea kommen zu lassen, Gopleas Stellvertreterin. Angesichts der großen Aufgabe, vorübergehend das gemischte Regiment zu führen, strahlt sie über das ganze Gesicht und versichert, sie werde ihr Bestes tun. Naftare sieht mich scharf an. Mit ihr könnte ich den kniffligen Part ausdiskutieren, sie hat einen scharfen Verstand in Kombination mit einem kühlen Kopf… aber nicht jetzt unter den Ohren aller, daher gebe ich ihr durch einen Wink zu verstehen, zunächst einfach an meiner Seite zu bleiben.

    Arixes findet den Fluss zu klein – es ist viel zu wenig Platz, um über 1000 Schwimmerinnen auch tatsächlich im Nassen trainieren zu lassen, wenn sie sich nicht kilometerweit verstreuen sollen. Darum erlaube ich ihr, die Erde aufzureißen, um einen zweiten parallelen Flusslauf zu schaffen, was unser Übungsgebiet verdoppelt.

    Gleich wird es laut um uns herum. Chep, welche nach mir die gewaltigsten magischen Kräfte von allen hat, übernimmt die Aufgabe den Erdboden aufreißen zu lassen. Sie schlägt mit ihren Händen einen Feuerstrahl, der vor unseren Augen eine Schlucht aufreißen lässt. Das gesamte Erdreich erbebt unter unseren Füßen, von überall höre ich Pferde schnauben und viele Kriegerinnen stoßen kleine erschreckte Schreie aus. Gewöhnlich würde ich bei so einer Aufgabe helfen, aber ich plane anderes und will meine Strahlung dafür aufsparen.

    „Du leitest die Übung!“, befehle ich der Schwimmergenerälin.“

    Arixes grinst mir diensteifrig zu und nickt. Sie muss abwarten, bis Chep und ihre Gehilfinnen ihre Schlucht weit genug vorangetrieben haben, dass er Verbindung zum Fluss bekommt und sich mit Wasser füllt.

    Kurz darauf springen Arixes´ Rekrutinnen in die Fluten, wo sie mit Harpunen, Speeren und Dreispitzen aufeinander losgehen. Niska und Zok stapfen auf einer Truppe mit Reitechsen los und lenken die meterhohen, sechsbeinigen Tiere ebenfalls in das Gewässer. Wie Seemonster tauchen sie bald darauf immer wieder in den Wogen auf.

    Chep und ihre Orkas sowie die gemischte Truppe kämpfen am Ufer mit Schwertern gegeneinander. Es beginnt um mich herum zu scheppern und zu klatschen wie in einem metallischen Gewitter.

    Hey Rainbow

    ich bin geflasht. Ein sehr dichter ergreifender Text voller erstaunlicher Bilder und tiefer Gefühle. Gefühle bildhaft und nachvollziehbar zu beschreiben ist wirklich deine grosse Stärke. Du wiederholst dich da auch nie sondern findest immer neue sehr gute Bilder. Also wirklich sehr stark.


    „Scheiße gebaut?“, echote sie seine Worte. „Du glaubst, du hast Scheiße gebaut? Hast du eine Ahnung, wie das klingt? Ich würde sagen, das ist die Untertreibung des Jahrhunderts … nein der gesamten Menschheitsgeschichte.“

    Super formuliert und es zeichnet ein prägnantes Bild von Emilias Charakter. Trotz der miesen Lage, in der sie ist, trotz der schrecklichen Erlebnisse, die sie hatte, schafft sie es noch ihm messerscharfe und treffende Anklagen an den Kopf zu werfen (eine meiner Schwächen, dass ich sowas nicht kann, selbst wenn es mal nötig wäre. Finde ich deshalb sehr erfrischend, sowas zu lesen).


    „Fass mich nicht an!“, schrie sie sie ihn nun völlig haltlos an. „Fass mich nie wieder an! Hast du verstanden?“

    Das ist genauso treffend und stark!



    Shilouhette

    Das würd ich mir nochmal genauer anschauen :D



    Es schien, als sei sie in einem Teufelskreis gefangen, der sie immer wieder an denselben Punkt brachte, ganz egal, wie sehr sie auch versuchte, diesem Wahnsinn zu entkommen.

    Gespenstisch


    Auch seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Nervös huhr er sich über das Gesicht und nahm einen tiefen Atemzug, als wolle er sich wappnen für das, was er als nächstes sagen würde.
    „Du hast recht. Und ich bereue es zutiefst“ setzte er schließlich an. „Du musst mir glauben, dass ich das so nicht wollte. Ich … ich würde alles dafür geben, es ungeschehen zu machen.“
    Seine Worte gruben sich wie tausend kleine Splitter unter ihre Haut. Er konnte doch nicht wirklich annehmen, dass sie ihm das jemals verzeihen würde.
    „Es ist alles außer Kontrolle geraten, verdammt nochmal!“, fuhr er fort


    Puh...!!!

    Silas ist hier wirklich ein sehr ergreifender Charakter geworden. Ich kann verstehen, wie das alles passieren konnte, er ist ein A...loch und doch auch wieder begreifbar. Das geht echt unter die Haut.

    Und dann stellt sich noch raus, dass er die Schuld an drei Todesfällen trägt.

    Menschliche Abgründe.


    „Was hast du getan?“, flüsterte sie kaum hörbar. „Oh mein Gott. Silas, was hast du getan?“


    Das wird immer intensiver.

    Extrem mitreissend.


    Nach allem, was sie hinter sich hatte, musste sie sich eingestehen, dass ihr die Zuwendung und die körperliche Nähe Trost spendete und gut tat – auch, wenn die Person, die sich gerade so hingebungsvoll um sie kümmerte, eindeutig nicht die richtige war.

    Äh! Nein! Was für ein Gefühlschaos!

    Aber obwohl das hier so durcheinander fliegt, kann ich es doch nachvollziehen.


    Ihr Kopf baumelte wie der einer herrenlosen Marionette und prallte schließlich gegen seine Brust, wo er unfreiwillig liegen blieb.

    Toller Vergleich!


    „Scheiße“, hörte sie ihn an ihrem Ohr fluchen. „Was mache ich bloß mit dir?“
    „Liegen und sterben lassen“,

    Es ist einfach nur genial!

    Mehr davon!!!


    wuerde ich zerhacken

    Das finde ich eine gute Idee. Wenn du daraus ganz kurze Sätze machst, sogar nur Bruchstücke, würde das ihre emotionale Schieflage noch deutlicher machen. (Trotz allem denkt sie hier ja erstaunlich klar.)

    Hey liebe Marie, und liebe Rainbow,

    he das finde ich ja so cool!

    jetzt muss ich mich doch auch mal einschalten! Legende der weissen Mondpferde - ein spannender Titel, das scheint eine Geschichte für mich zu sein, dachte ich.

    Nur um dann herauszufinden, dass Rainbow auch eine begabte Tochter hat! Finde ich super! Also herzlich willkommen, Marie!

    Na dann wollen wir mal:


    Der Anfang ist dir gut gelungen. Du wirfst deine Leser gleich in eine Handlung herein. Ich mag sowas.

    Morgen würde sie dieses Haus verlassen und nie wieder durch diese Tür gehen.
    Sie war traurig. So traurig, dass sie fast zu weinen begann und so wütend, dass sie durchs ganze Haus hätte brüllen können. Aber sie tat es nicht. Keinen Ton brachte sie heraus.
    Als es draußen dunkel wurde, rief ihr Vater sie zum Abendessen. Talia schlenderte die Treppe nach unten und setzte sich an den Tisch.
    „Ich freue mich schon auf das neue Haus“, sagte ihre kleine Schwester. Sie hieß Jara und war 6 Jahre alt.
    „Halt die Klappe“, brüllte Talia sie wütend an.


    Diese Passage finde ich besonders gut gelungen. Sie ist voller intensiver Gefühle, das kann ich mir alles gut vorstellen, die Formulierungen sind prägnant und klar, und Talia tut mir richtig leid. Dadurch ist mir deine Hauptfigur gleich sympathisch und ich hoffe für sie, dass es am neuen Ort nicht so schlimm wird, wie sie denkt.

    Damit hast du also schon deine Angel ausgeworfen und den Leser eingefangen - gut!


    Du kannst nochmal schauen auf Wiederholungen oder auf Dinge, die eigentlich nicht wichtig sind und die man weglassen kann, ohne dass man Informationen verliert. Zum Beispiel hast du in der wörtlichen Rede mehrere Male das Wort "sagte". Versuch immer ein neues Wort zu benutzen. (Ja, das muss ich gerade sagen - Rainbow findet bei mir IMMER Wortwiederholungen. Ich sehe die immer nur bei anderen, aber nicht bei mir!:))

    Was du wegstreichen könntest:

    Anschließend ging Talia nach oben und legte sich auf ihre Matratze, dann schlief sie ein.

    Diese Info brauchen wir eigentlich gar nicht, oder? Es passiert auch nichts Wichtiges?

    Die Geschichte liest sich umso besser, je kompakter sie ist. Also du erzählst wirklich nur alles das, was wichtig ist. Alles andere einfach weglassen.


    wurde Talia von einem LKW geweckt

    Hups, wie hat der das denn gemacht? Ich hoffe, er ist nicht auf sie draufgefahren:P

    Klar, ich weiss natürlich, was du meinst. Sie hat den lauten Motor gehört, ist wach geworden und hat dann draussen den grossen Wagen gesehen. Ich glaube, ich würde es eher so formulieren.

    Wir fahren in 10 Minuten“!
    „Was schon in 10 Minuten?“ Sie musste sich doch noch von ihren Freundin verabschieden. Talia rannte aus dem Haus und schwang sich aufs Fahrrad, sie fuhr los. Wenige Augenblicke später stand sie vor der Tür ihrer Freundin und klingelte. Eine kurze Zeit später machte ein Mädchen auf. „Hi, Talia“, begrüßte es sie.
    „Hi Marie, ich…fahre in 10 Minuten

    Hier hast du dreimal hintereinander die Formulierung "in 10 Minuten". ich bin als Leser ganz schnell genervt, wenn sich was wiederholt ("das weiss ich doch schon"). Versuche es beim zweiten Mal anders zu formulieren und schon klingt alles viel interessanter!

    Auch die Formulierung "machte ein Mädchen auf"... hm, denkst du sowas wirklich, wenn du deine Freundin besucht? Wie heisst denn die Freundin? Hat sie vielleicht was Besonderes an oder ungekämmte Haare, weil Talia sie aus dem Bett gerissen hat? Dann wird es gleich viel persönlicher und damit mitreissender.


    Sie ging hinters Haus und entdeckte dort einen wunderbaren Weg den sie entlang laufen konnte. Also machte Talia sich auf den Weg

    Sie sieht einen Weg, sie macht sich auf den Weg - da hast du wieder eine Wiederholung. Den zweiten Satz könntest du da eigentlich einfach weglassen, weil er keine neue Information bringt. Oder du beschreibst genauer, was denn an dem Weg so faszinierend ist.


    Und dabei trifft sie also auf das ungewöhnliche Pferd! Na da bin ich aber gespannt, was es damit auf sich hat!

    :):):)

    P.S. Nicht sauer sein über meine Meckerei. Mir gefällt deine Geschichte richtig gut!

    Hey liebe Rainbow



    Hier geht es nun weiter:


    P21. Die durchgedrehte Generälin

    Penthesilea


    Naftare und ich führen das Heer an. Die Nachtalbin lässt die aktuelle Landkarte in übersichtlichem Format über der Mähne ihres Pferdes schweben.

    Inzwischen sind wir über einen halben Mond unterwegs. Wir haben die Wüste Glimbhor durchquert, die Steppen von Tanabor, die Pinienwälder von Klent und reiten nun durch die kilometerlangen Schluchten von Umberga. Rechts und links unseres Weges erstrecken sich Klippen in den Himmel. Glücklicherweise ist der Pfad ausgetreten und auch mit unseren massigen Reitechsen und den sechs Kutschen – in vier davon haben wir Aquarien eingebaut - gut passierbar.

    Eigentlich sollte es hier auch einen Fluss geben. Aber das Tal ist ausgetrocknet. Diese Region hat nach meinen Informationen zuletzt vor ungefähr 600 Jahren ein amazonisches Heer betreten und wie ich schon befürchtete, sind unsere Karten hoffnungslos veraltet. Darauf eingezeichnete Wege sind von Wäldern überwachsen, die als „antike überdachte Brücken“ vermerkten Tal- und Flussüberquerungen gibt es nicht mehr, ganze Städte sind ausradiert. Aber da es uns vom Göttlichen Gesetz verboten ist, eines unserer Zielländer zweimal zu besuchen – denn es sollen keine Bindungen zu den dortigen Bewohnern entstehen –, sind wir gezwungen, in immer andere, neue Regionen vorzudringen. Genau aus diesem Grund wird unsere Reiseroute auch immer länger und unser Kartenmaterial hat ab einem bestimmten Punkt nur noch sehr groben Orientierungswert.

    „Biegen wir an der Kreuzung da vorne nach rechts ab“, sage ich zu Naftare. „Laut Karte führt der Weg zu tiefergelegenen Regionen und ich hoffe, die dortigen Gewässer sind nicht verschwunden. Wir haben noch zu wenig Übungen im Nassen gemacht.“

    „Was willst du üben? Die Kiemenketten sind nicht fertig“, knurrt Naftare bedenklich. „Außer unseren Schwimmerinnen kann noch immer niemand von uns eine Schlacht unter Wasser schlagen.“

    Sie hat recht. Unsere Flugbotinnen haben bereits gemeldet, dass wir im Zielland auf Süßwasser treffen werden und uns deshalb erst noch die passende Ausrüstung verschaffen müssen – „Süßkiemen“, wie Arixes sie nennt.

    Goplea hat sich in ihrem extra zu dem Zweck erbauten Kutschenlabor vergraben und will nicht gestört werden. Dabei verkündigte sie schon vor sechs Tagen, sie sei fast fertig. „Ich rede mit Goplea“, bestimme ich. „Wir müssen anfangen zu testen. Führe du das Heer in die Tiefebene hinunter und halt Ausschau nach Wasser.“

    „Wird gemacht.“ Sie schiebt ihren Augenschutz ein wenig nach oben und nickt mir aus halb zusammengekniffenen Lidern zu.


    Ich lenke mein Pferd seitlich neben den Weg und lasse die Orkas an mir vorbei reiten, die uns folgen. Alle, die mich sehen, fahren sich grüßend an ihre Hörnerhelme. Ihnen folgen Schwimmerinnen auf unseren mächtigen, sechsbeinigen Reitechsen. Danach rumpeln die Kutschen heran. Zwei davon haben wir umgebaut zu rollenden Schwimmbecken, in denen die neuen Kiemenketten getestet werden können. Zwei andere sind fahrende Arbeitszimmer mit kleineren Aquarien.

    Ich reite an Gopleas Laborkutsche heran und klopfe an die Tür. Sie reagiert nicht. Das ärgert mich.

    „Goplea! Ich habe mit dir zu reden!“

    „Stör mich nicht!“, ertönt die krächzende Antwort. Ihre Stimme klingt eigenartig dumpf. Schon seit Tagen ist die Generälin schlecht gelaunt. Nicht einmal zum Essen verließ sie ihre Höhle.
    „Mach auf“, fordere ich mit Nachdruck. „Ich muss wissen, wie weit du bist mit den Süßkiemen.“

    „Weit! Jetzt lass mich in Ruhe.“

    Widersetzt sie sich neuerdings meinen Befehlen?

    Kurz entschlossen lasse ich energiegeladene Wärme in meine Hand strömen, die ich gegen die Tür der Kutsche fegen lasse und dort wie kleine Drähte in das Schloss hinein schlängele. Als wären die Strahlen winzige Verlängerungen meiner Finger, gleite ich tief hinein, bekomme den Riegel zu fassen und reiße die Tür mit Wucht auf.

    Drinnen sehe ich zunächst nichts als die beiden Aquarien mit hellblauem Wasser, in denen grüne und orangefarbene Algen wogen. Goplea muss auf dem Boden gehockt haben. Abrupt richtet sie sich auf und starrt mich an. Sie ist in einem fürchterlichen Zustand: Ihre Haare sind zerstrubbelt, ihr ledriges Eidechsengesicht blass wie ein Leinentuch, und ihre Hände klammern sich um die Bank, auf der sie eigentlich hätte sitzen sollen.

    Vor ihr steht ein Sack mit Salz. Ungeöffnet. Um diesen hatte sie mich vor sechs Tagen gebeten – steht der etwa hier, seitdem sie ihn bekam? Wo sind die Kiemenketten?

    „Goplea...“ Ich bekomme kaum einen Ton heraus. „Was ist passiert?

    „Noch... nichts“, flüstert sie, kaum verständlich. Ihre Stimme ist dünn, wie zerbrechliches Glas. Ihr Oberkörper schwankt, über ihre Stirn rinnen zwei Tropfen Schweiß. Ihre Augen heften sich riesengroß auf mich – als stünde ein Dämon direkt vor uns. Sie atmet schnell, ihre Hände tasten über ihren Körper und bleibend verkreuzt über ihrer Brust liegen, als müsste sie sich vor etwas beschützen.

    Ich fasse sie bei den Schultern und spüre, wie sie zittert. Ihr ganzer Körper bebt wie Espenlaub.

    „Hast du etwas Falsches gegessen?“, frage ich erschrocken. „Ist etwas passiert? Ist jemand hiergewesen?“

    Sie krächzt:

    „Wir werden alle sterben.“

    Das habe ich hoffentlich nicht richtig verstanden.

    „Wie bitte?“, fahre ich sie an. „Goplea, wie redest du denn? Du bist doch keine Novizin.“

    „Wir werden sterben“, wiederholt Goplea mit Grabesstimme, „und nichts, was wir tun, kann uns retten.“

    Ich mag nicht glauben, dass das wirklich passiert.

    „Sag mal, was faselst du?“, fauche ich sie an. „Warum hast du aufgehört zu arbeiten? Du solltest die verdammten Kiemenketten verbessern! Hast du überhaupt angefangen? Wie lange sitzt du hier schon... so?“

    „Rede dich nicht heraus“, wispert Goplea. „Ich weiß, dass Königin Evenea dir erschienen ist. Naftare erzählte mir davon. Gib zu, dass du sie gesehen hast!“

    „Die Göttin ist mir in der Gestalt dieser Königin erschienen, das stimmt“, fahre ich die Generälin an. „Sie war eine berühmte Heerführerin und hat unsterblichen Ruhm errungen. Den erringen auch wir – wenn du dich endlich darauf besinnst, wer du bist und deine Arbeit wieder aufnimmst!“

    Goplea schnauft, als bekäme sie nicht genug Luft.

    „Königin Evenea ist meine Schutzpatronin“, krächzt sie schließlich, kaum verständlich.

    Sie beginnt nach Atem zu schnappen wie eine Ertrinkende. So habe ich sie noch nie gesehen.

    Verwirrt und erschrocken halte ich sie mit eisernem Griff, damit sie nicht fällt.

    „Es ist alles gut. Alles in Ordnung,“ murmele ich beschwörend, noch immer schockiert darüber, die Generälin der gemischten Truppe in so einem Zustand vorzufinden. Ich muss daran denken, dass Goplea zu keinem der dreizehn Tragischen Kriegszüge eingezogen wurde – wegen Panikattacken. Sie wurde damals als kriegsuntauglich erklärt. Ich dachte, sie hätte diese Attacken nur gespielt, um sich vor dem Kämpfen zu drücken. Tatsächlich hielt ich das für ein Zeichen ihrer Schlauheit. Aber womöglich war sie tatsächlich... krank?

    Und ist es immer noch?

    Sie ist eine meiner vier Generälinnen. Ich muss mich auf sie verlassen können.

    „Weißt du, dass Königin Evenea in unserem Tempel abgebildet ist?“, flüstert Goplea. „Ihr wurde ein eigenes Mosaikfenster ganz oben in der Kuppel gewidmet. Immer bei der Zielverkündigung sehe ich zu ihrem Bild hoch, denn sie zeigt mir an, ob wir gewinnen oder verlieren werden.“

    Sie zittert immer noch abnorm. Heilige Göttin. Nie hätte ich geglaubt, dass der von mir oftmals belächelte Aberglaube meiner Generälin solche Abgründe beinhaltet. In all den Jahren, die sie mich begleitete, war sie immer stabil. Ich ging davon aus, sie hätte die Jahre ihrer Schwäche überwunden oder wie gesagt – diese nie wirklich gehabt.

    „Goplea, jetzt versuch bitte klar zu denken. Königin Evenea starb vor über 1000 Jahren. Sie gibt niemandem Zeichen.“

    „Was glaubst du, wie ich die Tragischen Kriegszüge überleben konnte? Immer wenn wir bei der Zielverkündigung im Tempel standen, sah ich zu ihrem Bild hoch. Jedes Jahr wieder ertrank die Königin in Blut. Das ganze Mosaikfenster färbte sich rot. Und ich fiel in Ohnmacht.“ Ihre Augen sind immer noch geweitet wie Tempelfenster.

    Eine Kriegerin, die in Ohnmacht fällt! Kein Wunder, dass sie aus der Armee herausgeworfen wurde. Und doch leistete sie mir in den vergangenen neun Jahren als Generälin hervorragende Dienste. Kann das denn sein? Es klingt so unplausibel. Als wäre sie nicht dieselbe Person, von der sie erzählt.

    „Was hat dich verwandelt? Woher hast du nach diesen 13 Jahren den Mut gewonnen, mit mir in den Krieg zu ziehen?

    Sie verbirgt den Kopf in den Armen.

    „Wenn du in den Tempel gingst, lächelte die Königin. Da wusste ich, du wirst siegen und wenn ich mit dir reite, siege auch ich.“

    Ich erinnere mich an unser Gespräch in Gopleas Werkstatt, daheim in Amazonia. Erzählte sie mir da nicht von günstigen Zeichen?

    „Aber hat sie dir nicht auch dieses Jahr zugelächelt, Goplea? Sonst wärest du mir wohl nicht bis hierher gefolgt?“ Heilige Göttin! Ich muss mit meiner Generälin reden wie mit einem kleinen Kind, das ist lächerlich!

    Konvulsivische Zuckungen heben und senken ihre Brust. Es sieht gespenstisch aus. Sie nickt. „Sie hat mich verraten“, wispert sie. „Diesmal zeigte sie das Blut nur dir, aber nicht mir.“

    Thorsten

    Hey liebe Rainbow, jetzt muss ich mich mal aus der Versenkung melden. Die neuen Emilia-Texte (auch der vorherige) sind phänomenal gut und extrem stark. Ich glaube, die hast du noch sehr überarbeitet, oder? Ich kann mich nicht erinnern, dass sie in der Urversion so stark auf mich gewirkt hätten. Emilias Schock, ihre Traumatisierung durch das "Wesen" kommen sehr gut rüber. Auch dass sie Silas zuerst nicht erkennt, ihn für ihren Todfeind hält, finde ich sehr gelungen. Dann ihre Rückblenden, die Erkenntnis am Schluss, ich bekam richtig eine Gänsehaut. Toll. Du übertriffst dich hier selbst!

    :thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    Hey Rainbow


    Ich habe mich in der letzten Zeit ziemlich intensiv mit Überarbeitungen beschäftigt. Sämtliche Penthesilea-Kapitel ab Kapitel 17 habe ich geändert. Also sogar sehr stark geändert. Ziel war vor allem, Penthesilea mehr als "gute Führerin" darzustellen und auch die Spannung zu erhöhen.


    Kapitel 19 Neufassung


    Kapitel 19.1 neu


    Das betrifft auch das Kapitel 19 und ich würde mich freuen, wenn ihr Lust hättet, das nochmal zu lesen. Im Kapitel 19.1 ist vor allem das Ende neu.

    DANKE!!!

    Mein Gefuehl geht eher dahin, den langen und den kurzen Story-Arc ein bisschen klarer auseinander zu halten und es Rordan dann am Ende expliziter sagen zu lassen dass er nicht mehr den Wunsch hat, alles ueber Cliodhna's hexisches Dasein zu wissen


    Ich denke, das muss er nicht nochmal betonen, das kam im Text schon gut rüber.

    Für mich hat nur Cliodhnas Bemerkung über die fremde Hexe Fragen aufgeworfen. Aber, wie Katharina sagte, wenn Cliodhna WENIGER über die Hexe sagen würde - also nur andeuten, dass sie glaubt, die Hexe könnte dahinter stecken, hätte man nicht mehr das Gefühl, dass sie etwas weiß, woran sie uns nicht teilhaben will, sondern denkt, ja richtig, die Hexe haben wir ja schon gesehen, und die Argumentation klingt logisch, und Cliodhna weiß da aber auch nicht mehr als wir. Das wäre dann für meinen Geschmack befriedigender.

    Aha - also dies ist die Auflösung Damit hatte ich so nicht gerechnet. Es gibt also eine andere Hexe, die Böses über das Dorf und über Cliodhna werfen wollte. Das ist ein interessanter Aspekt.


    ie hat damals an der Sturmzinne die Runen gewirkt um den Zorn der Elemente zu erregen, und sie hat später, in den Rauhnächten, versucht einen Fluch auf das Dorf zu legen. Sie hält mich für eine Verräterin an der Berufung einer Hexe - ich denke was sie meint ist, daß die Menschen hier im Tal nichts zu suchen haben


    Da könntest du ruhig noch etwas mehr verraten. Die fremde Hexe scheint zwei Motive zu haben, 1. sie will die Menschen im Dorf vertreiben und 2. meint sie, Cliodhna sei eine Verräterin ihres Standes.

    Hat beides miteinander zu tun? Da scheint ein Zusammenhang zu sein, den ich so nicht verstehe. Ich würde es interessant finden, darüber noch etwas mehr zu erfahren. Und gibt es eine Begründung, warum Cliodhna eine Verräterin sein sollte? Aus dem Text heraus klingt es ja im Gegenteil, als hielte Cliodhna es für ihre Berufung der Göttin zu dienen. Aber die "Böse" muss ja für ihre Beurteilung auch irgendwelche Gründe haben.

    Da scheint es sich ja um sehr sehr bösartige Hexe zu handeln, wenn die so hartnäckig mit Flüchen und Magie versucht ihre Ziele durchzudrücken.

    Eine interessante Idee...


    Über den Satz bin ich gestolpert. "Verräterin an der Berufung einer Hexe" ???

    Ja, den Satz würde ich auch anders formulieren, klingt so irgendwie seltsam. "Sie ist eine Verräterin" würde mir eigentlich reichen. Dass sich das auf ihre magischen Tätigkeiten beziehen muss, ist klar.

    Aber wie gesagt - was weiss Cliodhna noch in Bezug auf diese Anklage, was sie nicht erzählt?

    Das würde mich schon interessieren, zumal die Fremde ja schon drastische Aktionen unternommen hat.

    :)

    Also, ich melde mich mal zurück. Das letzte Brainstorming hat richtig gut getan,noch mal euch allen dafür vielen Dank! Allerdings habe ich die Dinge noch immer nicht gut sortiert und bin noch dabei zu justieren. Diese 3 Schritte, in denen ich Penthesileas Probleme schrittweise immer weiter akzentuieren bzw immer neue Aspekte bringen will, sind irgendwie zu kompliziert und ich will es klarer und gleichzeitiger dramatischer machen. Da bin ich dran und hoffe, bald auf eine Lösung zu kommen. Es fällt mir unglaublich schwer, einfach nur den Plotrahmen für 3 dämliche kleine Handlungsabläufe zu stecken. Ich habe eine Menge Ideen, aber sie ufern alle zu sehr aus und durch die Fülle ersticken sie sich gegenseitig bzw erfordern kiloweise infodump, der dann wieder Spannung erstickt. Deswegen versuche ich sie auf das Wesentliche zu reduzieren, daran brüte ich jetzt schon wieder tagelang... weiss auch nicht was daran eigentlich so schwer ist. Ich habe aber das Gefühl, ich taste mich langsam ran.


    Rainbow


    Thorsten


    Und hier geht es jetzt mit dem Murissa-Kapitel weiter:


    20.2 Felsenromanze

    Er verschlang mich fast mit den Augen.

    „Turris!“, rief ich, rasend froh darüber ihn zu sehen. „Danke! Du hast mich aus so einem Schlamassel gerettet!“

    „Das war nichts.“ Er lächelte mich an.

    Ein 150 Scheller teures Nichts, musste ich sofort denken. Eine Welle ungeheurer Dankbarkeit überkam mich. „Das war so edel von dir! Ach, und dann dieser Kampf! Ich hatte furchtbare Angst...“

    Er lächelte. „Musstest du nicht. Ich bin ziemlich gut mit dem Schwert. Darum habe ich mich auch zu diesem Turnier überreden lassen, denn sie haben mir dafür den Eintrittspreis erlassen.“

    „Aha“, entfuhr es mir. Fast verstand ich meine eigene Stimme nicht, weil ich das Gefühl hatte, den Schlag meines Herzens wie einen Donner von der Ebene unter uns widerhallen zu hören. „Aber das Schwert, und dieser... Schild... wo hast du das denn her?“

    Turris folgte meinen angstgeweiteten Augen, die immer noch auf diesem Totenkopf klebten.

    „Das war die günstigste Ausrüstung, die zu bekommen war. Ohne Waffen hätte ich ja schlecht zu dem Kampf antreten können.“

    Noch immer musterte er mich mit glühenden Blicken und ich musste mir eingestehen, dass ihn dieser Ritterpanzer ungeheuer mächtig aussehen ließ. Vielleicht war es auch nur die Sonne, die ihn beleuchtete wie einen Engel und mir verdeutlichte, das ich in meinem ganzen Leben noch nie so einen Prinzen gesehen hatte und auch nie wieder sehen würde. Das passierte tatsächlich mir!

    Am liebsten hätte ich seine Hand genommen und wäre mit ihm durch den Sonnenuntergang geschlendert... bis in alle Ewigkeit! Aber gleichzeitig nagten an mir böse kleine Zweifel, die hartnäckig meine Eingeweide piesackten. Ich musste jetzt wissen, was er plante.

    „Hast du gehört? Wir müssen gar nicht zum Nebelmeer reiten. Unser Ring ist da unten auf den Felsen und unter den Füßen der Dämonen. Alle Leute hier sagen das.“

    Ich wies mit der Hand zu den Felsen, die von fern wie kleine unschuldige Hügel aussahen.

    Er grinste. „Alle diese Leute irren sich.“

    „Und du bist der einzige kluge Mann hier?“, fragte ich verblüfft.

    Er lachte. „Genau. Gut, dass du das endlich erkennst.“

    Hatte ich wirklich was erkannt?

    „Aber ...“ Ich war verwirrt. „Nicht dass ich scharf auf die Dämonen wäre – aber was willst du denn am Nebelmeer?“

    Er kam näher an mich heran und starrte mich noch immer an, als hätte ich mich soeben in eine blendende Schönheit verwandelt. Dabei war er derjenige, der sehr verändert aussah. Mit diesem Eisenpanzer und dem Schwert jagte er mir fast ein wenig Angst ein. „Du denkst, es wäre der falsche Weg, oder?“, raunte er mir zu. „Pass auf, ich erzähle dir etwas. Du kennst sicherlich die Geschichte des Ringes?“

    Ich zuckte die Achseln. „Ist die für uns wichtig?“

    Er lächelte. Seine Blicke glitten an mir entlang auf eine Weise, die mich zum Lodern brachte. „Nun enttäuschst du mich aber. Du kommst doch aus Aravenna und erzähltest mir selber, dass es eine Menge Legenden über euren Fürsten Silvrin gibt. Deshalb dachte ich, die kennst du alle. Nun, dies ist eine davon. Der damalige König, ein blutrünstiger Herrscher, schleppte den Aravennafürsten als Gefangenen auf diese Schwarzen Felsen, die du da unten siehst, und wollte ihn mit tausend von seinen Getreuen hinrichten lassen. Aber Silvrin hat den Spieß umgedreht. Noch während er in Fesseln hing, hat er den Ring des Königs verflucht. Daraufhin entfesselte der Ring grausige Kräfte und verwandelte den König in einen der widerlichen Dämonen, die du noch heute bewundern kannst. Auf diese Weise kamen Silvrin und seine eintausend Getreuen mit dem Leben davon.“

    „Ähm, ja, stimmt, ich erinnere mich“, bekräftigte ich. „Hab mich allerdings immer gefragt, ob der Fürst wirklich einen Fluch entfachen konnte. Könnte das nicht nur eine Zauberin?“

    „Wer weiß. Nicht umsonst ist dieser Fürst so berühmt geworden. Es ist wohl etwas Besonderes an ihm.“ Turris blickte nachdenklich zu den Felsen hinunter, aber nicht lange, dann starrte er wieder wie hypnotisiert auf mich. Und auf meine Hüfte. Ob ihn die magischen Kügelchen faszinierten, die ich geklaut hatte? Aber sie steckten in meiner Hosentasche und ich bezweifelte, dass er ihre magische Strahlung sehen konnte. „Jedenfalls geschah dieses Unglück vor vielen Jahren. Seitdem befindet sich der Königsring auf den Schwarzen Felsen und seitdem dämonisiert er jeden, der ihn oder einen der Geister berührt. Inzwischen ist es ja schon ein ganzer Club von Untoten.“

    Verwünschte Dämonen! Diese Geschichten wollte ich gar nicht hören, sondern eigentlich eine ganz andere.
    „Wozu erzählst du mir das?“, warf ich ein. „Klingt, als wäre der Ring auf ewig verloren.“

    „Genau darum erzähle ich es“, sagte er bedeutsam. „Dieser Basar, diese ganzen Amulette und magischen Schwerter – die haben hunderte Ritter schon über Jahre ausprobiert und wir wissen deshalb, dass sie nicht funktionieren.“

    „Aber du kennst einen neuen Trick?“

    "Genau.“ Er lächelte. „Was wir brauchen, ist ein Hilfsmittel, das es hier nicht gibt. Eine Art magischer Schlüssel, mit dessen Hilfe wir die Dämonen ausschalten, damit wir an den Ring herankommen. Und diesen Schlüssel gibt es hinter dem Nebelmeer. Wir müssen es nur überqueren.“

    „Deshalb willst du dorthin!“

    „Ja.“ Noch immer leuchtete die Leidenschaft in seinen Augen. „Deshalb.“

    Die untergehende Sonne warf glühend rote Strahlen auf Turris´ Gesicht und beleuchtete seine schmale Nase und die hohe Stirn. Seine wuschige Haarmähne sah aus als ob sie brannte.

    „Darf ich ...“, keuchte er plötzlich und starrte wieder auf meine Hüfte. Oder genauer auf meine rechte Seite. „Deine Fischhaut ... darf ich die mal sehen?“

    „Welche F...“, begann ich reichlich verdattert. Bis ich begriff. Genau an der Stelle, die ihn so behexte, klebten doch unter meinem Hemd die geklauten Schuppen. Vermutlich hatte er sie vorhin gesehen, als mir das Hemd hochrutschte. Und sich eingebildet, besessen wie er war, ich wäre bereits jetzt extrem meerig, womöglich nicht nur an dieser Stelle.

    Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Bei allen Göttern – so hatte ich das nicht geplant. Mit der Nummer würde ich doch nie durchkommen. Oder sollte ich mir etwa noch so dreißig weitere Klebeschuppen klauen, verfolgt werden von einem ganzen Rudel zeternder Klapperhexen, dann meine gesamte Haut bekleben und als Ganzkörperfälschung herumlaufen?

    Nein. Also wirklich nicht.

    Seine Augen umschatteten sich. Wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass ich vor Schreck wie gelähmt war – auch wenn er nicht wissen konnte, dass es nicht der Schreck über seine Frage war, sondern der über diese verwünschte Täuschung, von der ich mich so schnell nicht entscheiden konnte, ob ich sie enttarnen oder vielleicht doch ausnutzen sollte.

    „Tut mir leid.“ Er versuchte sein Lächeln krampfhaft aufrecht zu erhalten und sofort bereute ich, dass ich ihm nicht nachgegeben hatte.

    „Mir auch“, sagte ich sofort. Verlegen setzte ich hinzu: „Aber du wärst vielleicht enttäuscht gewesen.“ Und da ich einmal angefangen hatte, halbwegs ehrlich zu ihm zu sein, sprudelte es aus mir heraus: „Enttäuscht in jeder Beziehung, Turris. Dieses Nebelmeer, die Wassergeister, dieser mysteriöse Schlüssel ... und wenn wir es nicht schaffen? Ich meine ... Wir haben doch viel zu wenig Hellonen. Damit kann keine von uns eine vernünftige Ausrüstung besorgen. Schau wie die anderen ausgerüstet sind. Davon können wir nicht mal träumen.“

    „Es geht nicht um die Taler“, erwiderte er heftig.

    Ich musste lachen. „Oh doch! Hast du den Rummel da oben nicht gesehen? Alles dreht sich um die Taler. Du kannst hier ja praktisch nicht mal umsonst atmen.“

    Er lachte auch. „Was nützt dir hier der größte Reichtum? Den Ring bekommst du damit nicht. Um den muss man kämpfen. Auf die eine oder andere Weise.“

    „Wo du es sagst“, fuhr ich fort, weil ich gerade so in Fahrt war. „Aber wer kann gegen Dämonen kämpfen? Du bist kein berühmter Fürst und ich im Vergleich zu den anderen auch nicht gerade eine Wunderhexe...“

    Turris blickte sich um, als hätte er Angst belauscht zu werden.

    „Hör zu“, raunte er sehr leise. „Das Nebelmeer ist momentan offen. Das war es noch nie vorher. Ich habe den Durchgang auf meiner Karte markiert. Das hat meine Priesterin in ihrer Kristallkugel gesehen. Darum hat sie mich losgeschickt. Und darum hat sie mir keine große Truppe mitgegeben, damit ich unauffällig bleibe und nicht andere, mächtigere Leute als wir schneller dort sind – Leute, die diese Magie für sich selbst benützen würden. Wir brauchen keine großartigen Kräfte, wir müssen nur diesen Durchgang finden, das Meer überwinden und den Schlüssel mitnehmen. Murissa, es ist zu schaffen. Sogar für uns.“

    Mir war plötzlich wesentlich leichter ums Herz. Das klang gar nicht mehr so gigantisch und heldenhaft wie alles Vorherige. Obwohl er in seiner neuen Rüstung und mit der Waffe in seinem Gurt sogar noch kühner – und noch viel unerreichbarer aussah als vorher, als ich ihn noch für einen kleinen Froschkönig gehalten hatte.

    Als unsere Blicke jetzt aufeinandertrafen, sah ich einen neuen Ausdruck in seinen. Es war, als ob sie Funken sprühten, die zwischen uns hin und hersprangen. Oder bildete ich mir das ein? Seine Hände jedoch... er hielt sie so komisch hinter sich, dass ich mich wunderte.

    „Was versteckst du da hinter deinem Rücken?“

    Er streckte mir einen Spieß entgegen, der mit Teig umwickelt und in ein Salatblatt eingewickelt war. Sah unfassbar lecker aus. „Ich dachte, du bist immer so ausgehungert. Magst du sowas?“

    Natürlich mochte ich. Ich nahm ihm den Spieß aus der Hand und probierte. Es schmeckte himmlisch. Mich überkam der Übermut.

    „Hat dieser Spieß magische Fähigkeiten?“, fragte ich, während ich geradezu über meine Mahlzeit herfiel.

    „Kann sein, dass er dich in eine Ente verwandelt, wenn du ihn so runterschlingst“, erwiderte er und grinste. „Sag mal, hast du in deinem früheren Leben nichts zu essen bekommen?“

    „Nicht viel. Manchmal gab es nur Ameisen.“

    „Hast du wirklich Ameisen gegessen?“

    „Wenn du sonst nichts hast, würdest du das auch machen. Sie sind längst nicht so eklig wie Käfer.“

    Unter uns im Tal hörten wir immer lauter das Geschepper und Geklirr von aufeinanderschlagenden Schwertern. Doch ich war nicht bei der Sache. Ich spürte Turris‘ Wärme und genoss es unendlich, ihm nahe zu sein. Wenn das doch immer so sein könnte!

    „Also du glaubst, es wird einfach“, fasste ich unser Gespräch noch einmal zusammen. „Wir überqueren das Nebelmeer und finden dann eine Halle voller Magie, in der ein Schlüssel liegt.“

    „Oder etwas Ähnliches, genau“, bekräftigte er. „Die Aufgabe wird viel leichter als du dachtest, du wirst sehen. Manchmal muss man einen Umweg reiten, um sein Ziel zu erreichen. Wir werden allen beweisen, dass man kein berühmter Fürst oder eine legendäre Zauberin sein muss, um den wertvollsten Ring unseres Landes zu erobern.“

    Er sah sehr hübsch aus, als er das sagte, so voller Ernst und mit so viel Nachdruck und Energie. Seine Augen glänzten sanft und seine Lippen kamen meinen entgegen, sodass ich seine letzten Worte kaum noch verstand.

    „Ich kann es kaum erwarten, endlich zum Nebelmeer zu kommen. Endlich das Wasser zu sehen, und...“ Seine Augen begannen immer stärker zu funkeln, „... dich in deiner wahren Gestalt.“

    Ach du Schreck. Ein wenig hatte ich gehofft, er könnte diese dumme Meermädchen-Geschichte vielleicht einfach vergessen und mich so mögen wie ich war. Ohne magischen Schnickschnack.

    Er kam noch näher an mich heran. Dann küsste er mich.

    Die ganze Welt versank in einem Meer aus funkelnden Sternen.

    Und in seinen kräftigen, fordernden Armen, die mich fest umschlungen hielten.




    Brandblasen bildeten sich auf ihrem Körper, der langsam zu verkohlen begann und ihr Blut schien von innen zu kochen.
    Der blonde Pagenschnitt war innerhalb kürzester Zeit dahin geschmolzen, die zerfetzte Kleidung eins geworden mit dem verstümmelten Körper und das Kreischen verstummte erst, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit und unerträglichen Schmerzen das Bewusstsein verlor und den Tod als gnädige Erlösung willkommen hieß.


    Ich denke, diese Beschreibung zielt zu sehr auf das Äussere ab und das ist der Teil, den Melanie selbst nicht rekapituliert. Eigentlich musst du die Qual nicht bis zum bitteren Ende beschreiben, könntest einfach abbrechen - oder wenn du das doch tun willst, könntest du dann mehr in ihr inneres Erleben gehen, also versuchen den Schmerz, den Schock über den drohenden Tod und den Schmerz irgendwie in Bilder zu fassen?


    Insgesamt ist der Perspektivenwechsel hier aber sehr gut. Zeigt die Grösse der Gefahr, die auf die Protagonisten zukommt. :nummer1:

    Wunderschön. Die Szene ist unglaublich packend. Die Wucht der Landschaft und dazu sehr gut dargestellt die sehr starken Gefühle, jeweils aus beiden Perspektiven. Und noch die geheimnisvolle Magie dazwischen. Genau diese Mischung mag ich unheimlich gern.

    Meine Gedanken: Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, das Rordan wirklich vor hat, das Fläschchen zu benutzen. Er hat es mitgenommen - naja, eine Versuchung ist das natürlich und so ein Geschenk lässt man nicht liegen. Also vielleicht wird er irgendwas damit machen. Aber ich glaube nicht, dass er der Typ für eine Fake-Liebe ist. Ich weiss also nicht wirklich, was er vorhat, bin aber neugierig.

    Na und auch Cliodhnas Sicht kann ich gut nachvollziehen und bin gespannt, was es nun eigentlich mit diesem mysteriösen Rabenkönig auf sich hat. ich erinnere mich gelesen zu haben, dass der Beltainekönig bei dem Ritual sterben kann, dass das sogar eingeplant ist, aber die Hintergründe sind mir unklar.

    Da bin ich also wirklich gespannt auf die Fortsetzung. Hoffe natürlich insgeheim auf ein Happy end... (Nö, ich will dich jetzt nicht unter Druck setzen :D)

    Nochmal nebenbei Gückwunsch zu eurem Nachwuchs! Wenn ich einen grossen Fehler im Leben gemacht habe, dann dass ich nicht noch ein Kind mehr habe. Insofern... alles richtig gemacht! und alles Gute!

    Die Szene geht auch schaurig weiter - sehr gut geworden.

    Ich hatte Melanie auch nicht mehr so richtig auf dem Schirm, das spielt aber nicht so eine Rolle. Auch wenn du sie vorher nicht erwähnt hättest, könnte man sie hier gut genug einordnen, dass alles passt. Denn eigentlich soll sie ja nur das Drama voranschreiten lassen und die Rolle erfüllt sie perfekt. Die Spannung steigt hier enorm und man fragt sich, was wohl mit Emilia passiert ist, die ja ganz offensichtlich hier irgendwo ist oder hier gewesen ist - und das lässt gar nichts Gutes ahnen.


    Mir ist auch aufgefallen, dass die Perspektive ganz am Schluss kippt. Zuerst wird es aus der Sicht von Melanie geschildert und danach, als sie schon halb tot ist, eigentlich aus der Sicht eines anderen Beobachters. Dass ihre Haare brennen, ist natürlich ein gruseliges Bild, aber wenn sie einen Pagenschnitt hat, kann sie das nicht sehen.

    Mir fällt sowas gleich auf, weil ich auf die Perspektive achte, aber früher wäre mir das sicher entgangen. Deswegen überleg dir, ob du das ändern willst oder nicht.


    Wie geht es weiter???

    Der Abschnitt ist sehr gut, sehr verstörend. Mir gefällt auch der Perspektivenwechsel, passt hier sehr gut.

    Silas kommt sehr gut rüber und als Leser bekomme ich selbst ein mulmiges Gefühl.


    Was du vielleicht noch deutlicher machen könntest, wäre die Beziehung, in der Melanie zu Emilia steht. (Ist nur eine Kleinigkeit)


    Vor allem, da sie ihm keine große Hilfe gewesen war und nach wie vor keinen blassen Schimmer hatte, was mit ihrer Kollegin geschehen sein könnte.


    Sie sind doch Arbeitskollegen? Also weiß Melanie zumindest, ob Emilia noch krankgeschrieben ist oder ob sie eventuell zu ihrem Dienst nicht erschienen ist - in dem Fall wäre das sicher Gesprächsthema gewesen.

    Ich denke, Melanie sollte auf dem Schirm haben "Emilia hatte einen Unfall und noch nicht wieder gesund" oder so, und so hätte sie es Freddy wohl auch übermittelt?


    Ansonsten... sehr schön gruselig! Ich habe irgendwie gar kein gutes Gefühl, was Melanie betrifft...

    Danke liebe Rainbow für deine Rückmeldung!

    Und nochmal vielen vielen Dank an euch alle für das Brainstorming bezüglich des Gesamtkonzeptes.

    Ich bin gerade dabei relativ viel zu überarbeiten. Unter anderem habe ich das Kapitel über die Herstellung der Kiemenketten stark geändert.

    Und das gesamte Kapitel 17 (die erste Übung und die Haie) habe ich komplett umgeschrieben.

    Ich glaube und hoffe, es ist jetzt viel besser.


    Wäre lieb, wenn ihr Lust hättet, euch das nochmal anzuschauen:


    Kapitel 17


    Kapitel 17.1


    Kapitel 17.2

    Ich will mich auch nochmal einklinken. Der Film ist wunderschön geworden und mit einigen Highlights. So vielfältig, mit immer wieder anderen Aspekten, die in den Vordergrund kamen. Ja, die Kinder - die haben auch mir sehr gefallen, so knuffig und so aus dem Leben gegriffen! Die haben auch richtig gut gespielt! Dann die Szene beim Essen (da hätte ich auch gerne probiert) mit der tollen Musik, der König beim Befehle geben - super fand ich die Szene mit der Magie zwischen Rordan und Cliodhna - so magisch, das hat mich richtig ergriffen! Echt gut auch die Szene, als Rordan die Flucht ergreift. Die absolut dämliche Entschuldigung, Cliodhnas hintergründiges Lächeln, ha ha, das war gelungen! Wenn ich´s nicht aus dem Manuskript gewusst hätte, dass es so laufen soll, hätte es mich sicher sehr überrascht.

    Und wo habt ihr die Bären her?

    Herrlich! Ich habs genossen - auch die vielen schönen Landschaftsbilder! Fand aber auch die Musik insgesamt sehr schön. Macht bitte weiter so, sehr gute Arbeit!