Beiträge von Kirisha

    Erstmal danke für eure interessanten Rückmeldungen!

    Irgendwie war ich überrascht...:)ich wollte den Einschub mit den PIxies eigentlich schon streichen, weil die ja im Prinzip nur Dekoration sind. Aber wenn euch das gefällt, lasse ich sie also drin.


    Rainbow


    Thorsten


    Hier geht es weiter: (an den Abschnitt erinnert ihr euch vielleicht noch)


    15.1 Ankunft in Grahamaar

    Nun steigen Malaxes und ich den kleinen Pfad bis zu unserem Lager hinauf. An dem lauten Platschen und Lachen hinter uns höre ich, dass auch die Schwimmerinnen bald nachkommen werden.

    Nach kurzer Zeit bin ich im Lager angekommen und betrachte zufrieden, wie meine Kriegerinnen unsere Unterkünfte exakt plangemäß aufstellen, wie eine wandernde Stadt, die an jedem neuen Ort nach dem gleichen Muster wieder neu entsteht. Im nördlichen Lager errichten die Nachtalbinnen die Lehmhügel, in denen sie am liebsten übernachten, im westlichen stehen die Zelte der gemischten Truppe, im südlichen Lagerteil die der Schwimmerinnen und im Osten wohnen die Orkas.

    Langsam durchschreite ich das Lager und folge dabei Malaxes, der Schalenträgerin. Da auch sie eine Schwimmerin ist, muss sie ihre flossenartigen Füße bei jedem Schritt hoch heben, um nicht darüber zu stolpern. Gleichzeitig die schwere Schale auf der Eisenstange über ihrem Kopf zu balancieren ist sicherlich nicht so leicht. Ich sehe aber an den stolzen Mienen der anderen Schwimmerinnen, dass sie zufrieden sind mit meiner Wahl. Sie verziehen diesmal nicht ihre leicht vorstehenden, schnabelartigen Münder so wie in den letzten Jahren, in denen ich meistens Orkas mit dieser Ehre betraut habe.

    Während wir das Lager durchschreiten, wenden sich alle Blicke zu uns, die Kriegerinnen halten in ihrer Arbeit inne und folgen uns.

    Mein rundes, geräumiges Besprechungszelt erwartet uns auf einer kleinen Erhöhung, sodass mich alle sehen und auch ich alle meine Leute im Blick habe. Vor dem Eingang hat sich bereits Goplea postiert, die Kletterin mit der Eidechsenhaut und Generälin der gemischten Truppe. Aus der Menge tritt Naftare hinzu, die Führerin der Nachtalbinnen, deren blassgraues Gesicht fast vollkommen unter einem Hut mit breitem Rand verschwindet. Ihr folgt Arixes, die die Schwimmerinnen leitet. Fehlt nur noch Chelimea, die stämmige Befehlshaberin der Orkas, die sich gerade aus der Menge schält. Wie immer starre ich verstohlen auf die sieben Warzen in ihrem Gesicht, die sich schnurgerade in einer Reihe von ihrer linken Wange über die Nase bis zur Stirn hin erstrecken, als hätte es einen Sinn, dass sie dort wachsen. Und auf ihre mächtigen Hände, mit denen sie wahrscheinlich jeden ihrer Feinde in den Erdboden hineinschlagen könnte.

    Langsam füllt sich der Platz um uns her. Ich warte noch etwas ab, bis alle Kriegerinnen sich versammelt haben, damit keine die Zeremonie verpasst. Dann gebe ich Malaxes ein Zeichen, sie rammt die eiserne Stange mit der Heiligen Schale in den Boden. Zwei der Orkas helfen ihr dabei, die Stange tief genug in die Erde zu drücken, dass sie von allein stehenbleibt.

    „Meine Schwestern!“, ergreife ich das Wort und lasse meine Blicke über alle Kriegerinnen schweifen, die ich aus meiner Position sehen kann. „Hier stehen wir, am Beginn des zehnten Feldzuges, den ich führe. Ein Kampf, der uns in unbekanntes Gebiet führen wird und in ein Element, in dem wir noch nie vorher gekämpft haben – nämlich im Wasser. Aber wir haben schon vieles gemeistert, wir meistern auch dies. Viele sehe ich unter euch, die schon große Kämpfe mit mir gefochten, unser Land zu neuer Blüte gebracht und unserer Heiligen Göttin neue Kräfte erobert haben – ich grüße euch! Aber ich begrüße auch die fünfzig Novizinnen vom Volk der Schwimmerinnen, die sich für den speziellen Auftrag gemeldet haben, den wir in diesem Jahr bekamen. Ich freue mich, dass ihr dabei seid und möge die Göttin euch den Ruhm bringen, nach dem ihr euch sehnt!“

    Ich erhebe mein Gesicht und beide Hände zum Himmel und stimme die amazonische Nationalhymne an, die gleichzeitig auch eine Anrufung unserer Göttin ist, jedoch diesmal die zweite Strophe, die wir niemals zuhause, sondern nur während des Kriegszuges singen:

    „Heute sind wir angekommen

    Haben deinen Ruf vernommen

    Auf geht es ins Abenteuer

    Dass wir unser Blut erneuern!

    Schenk uns Sieg in diesem Krieg - Heilige, heilige Kamamé!

    Schenk uns Sieg in diesem Krieg - Heilige, heilige Kamamé!“

    In den Refrain fallen alle meine Kriegerinnen ein. Sie jubeln, sie schmettern ihn in den Himmel – und als ich gerade die nächste Strophe beginnen will, wird es über uns gleißend hell. Die Silhouette einer wolkenhaften Reiterin wird über uns sichtbar. Nach und nach bilden sich die Konturen unserer Göttin Kamamé heraus, die uns mit ihrem Hörnerhelm auf einem riesenhaften Flugpferd erscheint. Ihr Gesicht, wechselhaft wie das Wetter, ähnelt heute dem rundlichen Antlitz der heldenhaften Königin Liesalea, freundlich und mit übergroßen, leicht vorquellenden grauen Augen schaut sie auf uns nieder. Ihr Reittier hat seine gefiederten Schwingen weit ausgebreitet, sein Körper ist ebenso schmal wie die unserer eigenen Flieger und es hat ebenso spitze Zähne. Kamamé sieht in ihrer Rüstung und mit ihrer geballten Faust kriegerisch aus und erwartet, so wie ich sie kenne, eine deutliche Steigerung unserer Beute, das sagt mir schon ihr auffordernder Blick. Ich nicke ihr zu zum Zeichen, dass ich das bereits eingeplant habe. Laut sage ich:

    „Danke, dass du uns mit deinem Besuch beehrst, erhabene Göttin! Hier stehen wir dir treu zu Diensten. Wir bitten dich um Kraft und um deinen Segen für diesen Feldzug!“

    Kamamé lächelt uns zu und schickt einen kleinen Feuerstrahl zu uns nieder, mit dem sie das magische Feuer in der Heiligen Schale entzündet. Es beginnt hellgelb zu lodern und angenehme Wärme zu spenden. Einer seiner Feuerstrahlen flackert bis zu der Göttin in den Himmel zurück. Sie breitet ihre Hände aus und ein goldgelber Regen aus Energie prasselt über uns nieder. Das Entzücken ist nicht zu beschreiben, das mich überkommt, als diese Strahlendusche auf meine Haut klatscht und in meinen Körper hineinzuströmen beginnt. Schon nach kurzer Zeit fühle ich mich wie ein Energiebündel, das von all der gesammelten Kraft explodieren könnte, die sich jetzt in mir sammelt. Die jüngeren Kriegerinnen, die an diesen Segen noch nicht gewöhnt sind, juchzen und kreischen vor Wonne. Arixes stimmt noch einmal unsere Hymne an und bald singen wir alle, können gar nicht aufhören, unsere Göttin zu lobpreisen. Ich glaube, so großzügig hat Kamamé uns noch nie beschenkt vor einem Feldzug. Sie muss Großes von uns erwarten. Ich werde sie nicht enttäuschen.

    Das Gesicht der Göttin hat sich schon wieder verändert. Welche Königin ahmt sie diesmal nach? Diese riesigen Augen mit dem abwesenden Ausdruck darin, die überlangen Lippen ... Sah nicht Königin Semantha so aus, die den Kriegszug nach Napapur anführte, acht Jahre bevor ich an die Macht kam? Aber das war einer der Katastrophenfeldzüge. Niemand kehrte von dort zurück. Auch nicht die Königin. Ein plötzlicher Schrecken fährt mir in die Glieder. Ist das eine Warnung? Glaubt sie, wir wären dem Wasserelement nicht gewachsen?

    Ich meine jetzt auch in ihrem Blick eine gewisse Trauer zu sehen. Ja, wirklich. Als ob sie etwas fürchtet, was auch ich zu fürchten hätte.

    Und so viel können wir nicht falsch machen, wenn wir seit acht Jahren bestehen, während andere Foren ihre Schotten dicht gemacht haben

    Ich bin zum Beispiel hier gelandet, nachdem ein anderes Forum plötzlich geschlossen wurde, welches vorher sozusagen meine Lebensgrundlage gewesen ist. Ich bin sehr dankbar darüber, dass ihr uns hier eine Plattform gebt, wo wir uns gegenseitig helfen können und ich persönlich finde, dass ihr tolle Arbeit leistet.

    Zum Thema Kritik: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen sind wir ja alle hier, weil wir eine Rückmeldung von anderen haben WOLLEN und da geht es überhaupt nicht um ein gegenseitiges Behätscheln und Belobpreisen - das würde nämlich keinem helfen. Ich persönlich stelle meine Texte eben darum ein, weil ich denke, dass sie noch nicht auf dem Niveau sind, wo ich sie gerne hätte - und alleine sehe ich die Knackpunkte einfach nicht.

    Nun gibt es Kritik die aufbaut und Kritik die den Autor quasi vernichtet. Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich mittlerweile sagen, dass bestimmte Kritik dann als "vernichtend" empfunden wird, wenn das Fundament des Manuskriptes infrage gestellt wird und also der gesamte Text einkracht. Das kann der Autor dann auch mal als Zerstörung der eigenen Person empfinden, obwohl das bei Textkritik eigentlich nie der Punkt des Kritikers ist. Damit will ich sagen, dass auch die "vernichtende" Kritik im Grunde aufbauend gemeint ist, aber viel schwerer zu verarbeiten. Die kann Schreibblockaden auslösen und dazu führen, dass man den Spass verliert.

    Ich denke, dass man als Schreiber lernen muss, ein Selbstvertrauen an seine eigenen Fähigkeiten aufzubauen ... leicht gesagt, weniger leicht zu befolgen. Es geht mir immer noch oft so, dass, sobald ich einen Text einstellen will, ich anfange panisch zu werden und denke: dies wird den Lesern bestimmt nicht gefallen, und oh Gott, diese Stelle ist grässlich, die kann ich doch nicht posten, aber wie soll ich das denn besser machen? Die werden mich verreissen... Dann nehme ich mich zusammen, versuche mir einzureden, dass es mir nichts ausmachen wird, wenn die Stelle dann tatsächlich nicht gefällt - oder bin dann doch mal erschrocken, wenn etwas angemerkt wird, das ich eigentlich für "toll" gehalten hatte etc. ... kennt ihr das?

    Darum ist der gute Umgangston miteinander extrem wichtig, damit der Schreiber (das fragile und leicht zerstörbare Wesen) sich sicher fühlt und versteht, dass hier keiner den anderen aus dem Gleichgewicht bringen will. Ich denke, man muss bei der Kritik auch immer mit berücksichtigen, wo der andere Schreiber steht und ihn von dort abholen.


    Wieso dann jemand hier mit dem Anpruch hereinpoltert, primär scharf auf Texte schiessen zu wollen, erschliesst sich mir nicht. Nicht das Scharf-Schiessen an sich ist Ziel unserer Arbeit, sondern das gegenseitige Sich-Verbessern, wozu neben der Textkritik unbedingt auch die positive Grundeinstellung dem anderen gegenüber gehört - finde ich.

    Hallo ihr Lieben :)

    Dass euch dieser Part gefallen würde, hatte ich ehrlich gesagt doch sehr gehofft. Tja mal sehen, was ihr nun zu Penthesilea sagen werdet. Übrigens habe ich auch am Basar noch gebastelt und mehr Spannung hineingebracht - aber das kommt später.


    Thorsten

    Rainbow



    Und hier geht es nun weiter:


    15. Ankunft in Grahamaar

    Penthesilea

    Wir sind gelandet.

    Der Kontinent Grahamaar zeigt sich uns schroff und felsenreich. Inmitten der hohen Klippen haben wir eine Bucht ausgesucht, wo unsere Schiffe vor Anker gehen sollen. Arixes hält Ausschau nach möglichen Gefahren.

    Aufmerksam und vorsichtig schippern wir auf die Bucht zu. Schon bald sehen wir überall auf den aus dem Wasser ragenden Felsen und auch auf den Klippen am Ufer seltsame kleine Wesen sitzen. Sie ähneln Seepferdchen, haben einen gebogenen S-förmigen Körper mit grünlicher Lederhaut und ein dünnes, sehr weit nach vorn ragendes Mäulchen. Ihre langen Schwänze ringeln sie um den jeweiligen Felsen, auf dem sie sitzen oder von dem sie herunterhängen, während sie von an den Steinen klebenden Muscheln naschen. Als unsere Schiffe näher kommen, ergreifen sie in Scharen die Flucht. Meine Schwimmergenerälin Arixes hat unterdessen auch die Unterwasserregion durchleuchtet.

    „Hier ist keine Gefahr“, urteilt sie und nickt mir zu. „Sichert das Gebiet!“

    Sofort springen mehrere Schwimmerinnen, ausgerüstet mit Tintenbüchsen, ins Meer und versprühen rings um unsere Bucht so viel dunkelblaue Wasserwolken, bis das gesamte Gebiet damit umzäunt ist. Das sollte eventuelle unfreundliche Bewohner dieser Region lange genug fernhalten, bis wir alle unbeschadet ausgestiegen sind.

    Kurz darauf stapfen wir bereits über das sandige Ufer. Vom Strand aus führt ein kleiner Pfad durch eine felsige Schlucht bis auf eine karge Anhöhe, auf der trotz des steinigen Bodens einige Sträucher und wenige niedrige, windschiefe Bäume wachsen. Ein stetiger Wind bläst uns um die Nase. Laut unserer Karten ist diese Gegend unbewohnt und sollte ungefährlich sein. Die Information scheint nicht zu stimmen, denn auf halber Höhe der Anhöhe sehe ich eine Gruppe von etwa dreißig dieser kleinen Seepferdchen, die wir vorher auch schon im Wasser sahen. Sie haben vermutlich ebenfalls vorgehabt zu fliehen, als sie uns kommen sahen, kamen aber nicht schnell genug von dem Hügel herunter. Beine haben sie nämlich keine, sondern robben sich mit ihren langen Rollschwänzen und der Hilfe ihrer dünnen Ärmchen vorwärts. Gerade sehe ich ein paar erwachsene Tiere sich schützend vor den jüngeren aufrichten. Sie haben sich schnell mit herumliegenden Steinen und Ästen bewaffnet und brüllen uns laut und drohend an. Es klingt wie: „Pikasiii, piksiii!“

    Anscheinend sind es doch eher Menschwesen als Tiere.

    „Schaut euch diese Pixies an“, ruft Protoe begeistert. „Sind sie nicht drollig? Davon bringe ich meinen Töchtern welche mit.“

    Ich werfe ihr einen tadelnden Blick zu, der sie zum Schweigen bringt. „Bevor wir über Mitbringsel nachdenken, sollten wir unsere Aufgabe erledigen“, korrigiere ich sie. „Brynea, du bist unsere Sprachkundige. Versuch zu verstehen, was diese Wesen sagen und höre bitte heraus, ob sie wirklich so ungefährlich sind, wie sie aussehen oder wir sie vorsichtshalber töten sollten.“

    Brynea, eine der Nachtalbinnen, die ebenso wie Naftare ihr Leben hauptsächlich in unserer Bibliothek verbringt, liebt fremde Sprachen und ist talentiert darin, schnell fremde Worte zu assimilieren und sich mit allen möglichen Wesen zu verständigen. Ich lasse sie vorsichtshalber von einer Gruppe Orkas begleiten, die sie verteidigen könnten, sollte eines dieser Ringelwesen – die uns nur knapp über die Hüfte reichen - sie angreifen.

    Während wir noch auf den Schiffen warten, schwimmen Brynea und ihre Orkas an Land und klettern auf die Anhöhen, wo sich die Pixies verschanzt haben und ihre Verteidiger immer noch mit Ästen und Steinen in unsere Richtung drohen. Als Brynea näher kommt, fangen sie auch noch an zu rufen.

    „Kii kii, anahii, pikasii, piksii!“, klingt es zu uns hoch, laut und schrill.

    „Die könnte man als Sirenen einstellen“, raunt mir Goplea ins Ohr und ich muss an mich halten um nicht zu lachen.

    Brynea braucht eine Weile, bis sie die verschiedenen Kiiis und Piiis auseinanderhalten kann, aber ich sehe nicht ohne eine gewisse Faszination, wie sie sich schnell hereinhört und plötzlich selbst anfängt zu kiiken und zu ziiken. Die erwachsenen Pixies lassen ihre erhobenen Hände sinken, ihre Mienen entspannen sich und schließlich geben sie ihren Kindern Zeichen und alle gleichzeitig gleiten von dem Hügel herunter, zum Strand hin, winken uns ein wenig schüchtern aber sehr ehrerbietig zu und tauchen dann ins Wasser ein, wo sie in kürzester Zeit verschwinden. Ein wenig Angst vor uns haben sie wohl immer noch.

    Brynea dreht sich zu uns um.

    „Das sind harmlose, aber sehr kultivierte Wesen!“, ruft sie uns zu. „Vor ihnen haben wir nichts zu befürchten, im Gegenteil könnten wir sie vielleicht zu uns einladen, um mehr über ihre Sitten zu erfahren!“

    Das versucht Brynea immer. Schon mehr als einmal habe ich versucht ihr zu erklären, dass uns auf unseren Reisen nur ein einziges Volk interessiert, nämlich jenes des Ziellandes. Alles andere würde uns nur ablenken oder sogar gefährden. Wenigstens bin ich froh, dass die Luft rein ist.

    Wir werfen Anker und steigen von Bord. Ich beauftrage gleich eine der Nachtalbinnen damit, rings um unser geplantes Lager oben auf der Anhöhe einen magischen Bann zu legen. Während die Orkas die Schiffe entladen und kistenweise unser Material und den Proviant nach oben tragen, wobei sie die schwersten Ladungen mit magischer Hilfe den Berg hinaufwerfen, errichten die Nachtalbinnen mit der gemischten Truppe auf der Anhöhe die Zeltstadt, in der wir die heutige Nacht verbringen werden. Die Schwimmerinnen lassen unterdessen die Reitechsen aus den Laderäumen der Schiffe hinaus, die sofort ins Meer tauchen und auf die Jagd nach Fischen gehen. Rings um unsere Schiffe verursachen sie hohe, unruhige Wellen. Ich kehre zu den Schiffen zurück, überwache das Entladen und setze zuletzt mit einem Floß an Land über, gemeinsam mit Malaxes, einer der Novizinnen, die ich damit beauftragt habe, die Heilige Schale zu tragen. Etwas nervös springt die Schwimmerin von den Brettern in den Sand der Bucht und blickt immer wieder zu mir hin. Die „Heilige Schale“ zu tragen ist eine große Ehre und ich habe sie diesmal der scheuesten Anfängerin gegeben, um ihr Mut zu machen.

    Nun steige ich auch selbst an Land. Ich bleibe noch einen Augenblick stehen, denn ich muss die Schiffe sichern. Schließlich sollen sie hier mehrere Monde auf uns warten und am besten auch noch unversehrt sein, wenn wir zurückkehren wollen. Zu diesem Zweck pflege ich sie ein wenig zu behexen. Ich sammele magische Energie in meinen Händen, bis es darin zu kribbeln und zu glühen beginnt. Dann lasse ich die Strahlung hinausfliegen und fange damit Luftkräfte ein, die ich wie ein riesiges Netz ausdehne und dann über alle drei Schiffe hinweg lege. Die Luftpartikel in dem magischen Netz bewirken, dass alles Darunterliegende verdeckt wird und deshalb sieht es jetzt aus, als lösten sich unsere Fahrzeuge vor meinen Augen in Luft auf. Nun binde ich den magischen Faden, der mein Netz festhält, an der Stange der Heiligen Schale fest. Diese werden wir bei unserem Aufbruch hier irgendwo verstecken, um bei unserer Rückkehr mit ihrer Hilfe die Schiffe wieder sicht- und nutzbar zu machen.

    Hey Sora


    Thorsten



    Und hier kommt nun das krönende Finale der Höhlenszene.

    Diese Szene hat leider etwas Überlänge, aber die sollte man doch am Stück lesen, meine ich.


    14. Nachtmärchen

    Murissa

    Während ich Turris folgte, spürte ich das Blut in meinen Wangen pochen und meine Beine merkwürdig weich werden. Wir stapften an den anderen vorbei durch die Höhlengänge bis zum Vorraum, der noch immer voller Pfützen war. Der magische Vorhang warf ein phosphoreszierendes lila Licht auf Turris´ Gesicht, wodurch er wie ein geheimnisvoller Fürst der Nacht aussah. Auch seine buschige Pferdemähne leuchtete in der Dunkelheit unserer Grotte und in seinen Augen blinkte ein milder Schein.

    „Du ahnst nicht, wie froh ich bin, dich dabei zu haben. Wenigstens eine, auf die ich mich verlassen kann“, flüsterte er mir leise zu.

    „Warum hast du diese Hexen angeheuert?“, fragte ich. „Wisha und Eszella sind gefährlich und du kannst sie nicht kontrollieren.“

    „Das stimmt“, bestätigte er nachdenklich. „Leider bin ich auf sie angewiesen. Der Weg zum Nebelmeer ist gefährlich und das magische Hindernis hat noch nie jemand geknackt. Ich brauche euch alle für diese Aufgabe.“

    Er strich mir eine vorwitzige Haarsträhne aus der Stirn.

    „Übrigens solltest du dir klar machen, dass auch Klymera gefährlich ist. Mach nicht den Fehler, sie als deine Freundin zu betrachten, egal wie nett sie sich gibt. Sei vor ihr auf der Hut, Murissa.“

    „Sie könnte auch ganz nett sein, glaube ich“, erklärte ich. „Obwohl sie eine Skeff ist.“

    „Vorsicht, Murissa. Es gibt keine netten Hexen. Alle Priesterinnen und alle wirklich mächtigen Zauberinnen gehorchen nur einer einzigen Macht, nämlich ihrer Göttin. Und wenn diese Macht befiehlt Opfer zu bringen, dann töten sie.“

    Ich schluckte.

    Also doch...?

    „Das glaube ich nicht“, widersetzte ich mich. „Bei uns in Aravenna habe ich so etwas jedenfalls nie erlebt.“

    Seine Augen weiteten sich. „Tatsächlich? Ich hörte davon reden, dass man in Aravenna nicht opfert, aber ich konnte es nicht glauben. Auch die Priesterin von Aravenna muss doch ihre Göttin gnädig stimmen und ihre Kraft aus irgendeiner Quelle schöpfen. Wie macht sie das, wenn nicht durch Opferungen?“

    Ich zuckte die Achseln.

    „Das weiß ich nicht. Aber wir haben in Aravenna einen sehr berühmten Fürsten, Silvrin, von dem du bestimmt gehört hast, denn es gibt viele Legenden über ihn. Sogar die Hohepriesterin geht vor ihm in die Knie. Er würde nie irgendein Unrecht erlauben und hält die Stadt in Ordnung.“

    Turris schüttelte den Kopf.

    „Jaja, die Legenden aus Aravenna, wer kennt die nicht. Was daran wahr ist, hat sich schon mancher gefragt. Wieso bist du von dort weggelaufen? Wer verlässt freiwillig eine Stadt, in der er nicht fürchten muss, jederzeit Opfer der herrschenden Göttin werden zu können oder Familie oder Freunde an sie zu verlieren?“

    Eine leichte Rötung begann mir den Hals hinauf zu kriechen.

    „Oh, das war nicht so ganz freiwillig – und so viel Familie habe ich nicht zu verlieren. Genaugenommen waren es meine eigenen Leute, die mich herausgeschmissen haben. Weil ihnen das bisschen Zauberei, was ich kann, schon Angst gemacht hat. Turris, aber ich bringe keine Leute dafür um, das musst du mir glauben!“

    Er lachte wie über einen guten Witz und legte mir vertraulich einen Arm auf die Schulter.

    „Das weiß ich. Ich habe es dir gleich angesehen. Du hast nicht dieses grenzenlose Selbstvertrauen wie diese Mörderinnen, die wissen, dass sie uns zermalmen könnten, wenn sie wollten. Ich bin sehr froh, dass du dich auf kleine Hexereien beschränkst, für die man keine Verbrechen vollbringen muss.“

    Kleine Hexereien? Welche kleinen Hexereien meinte er denn?

    Wohl nicht die Glasmurmeln?

    Seine vertrauliche Geste erwärmte mich und ließ mein Herz Bocksprünge machen. Ich fühlte mich ihm plötzlich sehr nahe und wünschte, er möchte seinen Arm gerne die ganze Nacht auf meiner Schulter ruhen lassen.

    Inzwischen waren wir am Eingang der Höhle angekommen. Mit seiner freien Hand schob Turris die magische Schutzgirlande ein wenig auseinander. Draußen klatschte unverändert der Regen in dicken Tropfen auf den Boden.

    „Findest du nicht, wir hatten für heute schon genug Regen?“, fragte er mich lächelnd – da ich mich unterwegs mehrfach als Verursacherin der diversen Güsse und Schauer ausgegeben hatte, die uns heimsuchten. Wahrscheinlich ahnte er nicht, wie sehr mich diese Frage unter Druck setzte.

    „Vielleicht.“ Ich schluckte. Hoffentlich kam er jetzt nicht auf die Idee, ich könnte den Regen stoppen! „Ich finde es eigentlich ganz lustig, wenn es so vor sich hin tröpfelt.“

    Seine Blicke fingen immer stärker an zu funkeln, während er mich ganz eigenartig betrachtete. So als hätte ich irgendwas Spannendes an mir, das mir selber noch gar nicht aufgefallen war.

    „Warum siehst du mich so an?“, fragte ich unsicher.

    Er senkte den Blick.

    „Ich wollte dir etwas erzählen, das mir schon mein ganzes Leben lang auf der Seele liegt und du kannst mir vielleicht die Antwort geben, nach der ich schon so lange suche.“ Nervös rieb er seine rechte Hand an seiner Hose. Er holte tief Luft. „Weißt du, meine Mutter ... sie starb, als ich noch klein war. Sie hat sich in einem See ertränkt."

    Erschrocken riss ich die Augen auf.

    „Du Armer!“, entfuhr es mir, „das tut mir so leid! Und ich überfalle dich noch mit hundert Geschichten über Wasser. Das hätte ich nicht machen sollen. Was für ein Unglück!“

    Ich fasste mir ein Herz. Jetzt. Wir waren unter uns, niemand würde uns hören. Diese Einleitung war eigentlich gar nicht schlecht für meine Eröffnung, alle meine Wassergeschichten seien Lügen. Vielleicht – wenn das unter uns bliebe – hatte ich ja doch noch eine Chance mich zu retten. Wenn ich ihm jetzt nicht reinen Wein einschenkte, würde ich es wohl nie schaffen. „Weißt du, Turris, diese Geschichten, die ich dir erzählt habe...“

    „Eben drum muss ich ja mit dir reden. Stell dir vor, mein Vater behauptet, Mutter wäre überhaupt nicht ertrunken“, ereiferte sich Turris. „Sie wäre eigentlich ein Mädchen, das tief unten in dem See wohnt! Und deshalb wäre sie eines Tages einfach wieder in dem See verschwunden, aus dem sie kam. Und aus irgendeinem Grund, den mir niemand sagen kann, kehrte sie von dort nie wieder zurück. Jahrelang ging mein Vater jeden Morgen an den See und wartete darauf, sie könnte wieder auftauchen. Mein Vater ist verrückt, Murissa. Ständig redet er vom Wasser, von Welten unter der Oberfläche, von sprechenden Fischen – von diesem Mädchen, das eines Tages aus dem Wasser zu ihm gekommen ist und dann wieder verschwand – Wieso ist er so besessen?“

    Heftig atmend fuhr er sich durch die Haare. „Mein ganzes Leben lang war ich davon überzeugt, dass mein Vater spinnt. Dass er den Tod meiner Mutter einfach nicht verwinden konnte und darum diese Fantasien entwickelt hat. Aber jetzt ... jetzt kommst du daher und wenn das alles stimmt, was du erzählst ... dann sagt er etwa die Wahrheit? Gibt es eine Welt unter Wasser und leben dort Wesen wie wir? Und... könnte dann meine Mutter vielleicht tatsächlich noch leben?“

    Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken.

    O Himmel.

    Was sollte ich jetzt machen? Sein Weltbild wieder in Schutt und Asche legen?

    Deine Mutter ist tot, dein Vater spinnt, es gibt keine Wasserwelten?

    Plötzlich hatte ich das Gefühl, als zöge mich etwas in einen Strudel, aus dem ich nicht entrinnen konnte. Ab jetzt ging es nur noch darum, wie schnell der mich in eine bodenlose, unendliche Tiefe herunterziehen würde.

    „Es gibt diese Welten unter Wasser, Turris“, wisperte ich und hörte den Klang meiner eigenen Worte verzerrt in der Höhle widerhallen, wie von einem bösen Geist gesprochen, der über mein baldiges Verderben lachte.

    „Himmel – o Himmel – o Himmel”, keuchte er und starrte mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit der Nacht. Plötzlich fing er an wie närrisch zu lachen und drehte sich zu mir.

    „Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie sie ausgesehen haben könnte... und wie du wohl als Meermädchen aussiehst!“, flüsterte er übermütig. „Ich kann es einfach nicht fassen... Willst du mir dich beschreiben?“

    Uh. Ein heftiger Druck klemmte mir das Herz zusammen. Wieso hatte ich diese Meeresgeschichte nicht beendet, so lange noch Zeit war? Nun war ich gezwungen, mein Netz aus Lügen immer weiter zu spinnen. Bis ich mich irgendwann ganz schrecklich darin verfangen würde. Ich fühlte schon jetzt die klebrigen Fesseln meine Gelenke umzurren, die mich irgendwann zu Fall bringen mussten.

    Weitersprechen. Sag ihm, was er hören will.

    „Ich habe grüne Flossen“, begann ich draufloszufantasieren. „Und meine Haut wird dann auch ziemlich schuppig, und grün, von den Schultern über den Rücken bis ganz zu den Füßen herunter. Besser gesagt bis zu den Schwanzflossen, also.“

    „Bis zu den Schwanzflossen? Hast du denn mehrere?“ Er hatte die Augen weit aufgerissen und ich begriff, dass er das Bild dieses Meermädchens, das ich angeblich werden könnte, in seiner Vorstellung sehr genau sehen konnte.

    Mehrere Schwanzflossen. Mist. Könnte ich mehrere haben?

    Ja, wieso denn nicht.

    „Zwei“, flunkerte ich. „Also ich hab ja auch zwei Beine. Die verwandeln sich dann jedes in eine Flosse. Meistens halte ich sie eng zusammen, dann sieht es so aus, als wäre es eine einzige dicke Fischflosse. Aber es sind zwei und manchmal bewege ich sie auch abwechselnd. Ich bin unglaublich schnell unter Wasser, das solltest du mal sehen.“

    Innerlich wurde mir flau im Magen. War ich ganz bescheuert, so viele Details zu erfinden? Wie sollte ich diese Geschichte jemals beweisen? Aber bis zum Nebelmeer war es weit. Hoffentlich sehr, sehr weit.

    Danke ihr Lieben für eure Kommentare!


    Thorsten


    Rainbow

    Noch eine kurze Frage zu dem Basar an alle, die sich noch an meine alte Version davon erinnern. Ich bekomme so langsam das Gefühl, dass die ganze Zeit zu wenig Gefährliches passiert. Es wird viel geplaudert, aber echte Gefahren sind weit weg. Auch auf dem Basar habe ich ja (jedenfalls im ersten Teil, den ich früher ja schon gepostet hatte) nur eine gewöhnliche Marktbummelei mit ein paar netten Dialogen und Enthüllungen und den typischen Murissa-Mauscheleien geplant. ist das nicht zu langweilig? Sollte da nicht eine richtige Aktion rein?

    Bin gerade am Überlegen, ob ich da schon eine kleine Kampfszene einbauen sollte, aber dann müsste ich doch einiges umstellen. / Eine kurze Antwort ja oder nein wäre schon hilfreich für mich.

    Hab grad einen kleinen Schock bekommen.

    Bitte lass dich nicht irre machen und vor allem, gib nicht auf!

    Ich finde deine Geschichte bombastisch und sie hat ein geradezu verrücktes Potenzial. Ich wünschte, meine wäre genauso gut, habe aber doch ständig das Gefühl, dass ich da nicht mithalten kann. Sowohl deine Ideen als auch die Art, wie du schreibst.

    Wenn ich dir irgendwie helfen kann, wende dich an mich!

    Vielleicht tut dir eine Pause gut, aber lass sie nicht zu lang werden.

    :huh:

    Hallo ihr Lieben :)


    Rainbow

    Thorsten


    Kyelia


    Und hier geht es weiter (ich hoffe, es wird euch nicht zu langatmig, aber ich möchte diese Szene gerne bis zum Ende führen, bevor ich wieder zu Penthesilea umschalte.


    13.3 Höhlenzauber


    „Wir sind schon nah“, bestätigte Turris, „Vielleicht können wir es bis morgen Mittag schaffen.“

    „Und wozu reiten wir an dem Basar vorbei?“, fragte Eszella. „Ich meine, wir wollen doch angeblich zum Nebelmeer an der Landesgrenze. Da sollten wir uns unterwegs nicht durch Zerstreuungen ablenken.“

    „Wir wollen nicht angeblich, sondern tatsächlich zum Nebelmeer“, korrigierte Turris verärgert. „Das habe ich euch doch allen am Anfang genau erklärt! Und zu diesem Basar reiten wir deshalb, damit wir uns noch das notwendige Zubehör besorgen. An unserem Ziel muss es irgendein magisches Hindernis geben, das das Hinüberkommen erschwert. Vielleicht eine hohe Mauer oder so etwas. Ich möchte, dass sich jede von euch Zauberinnen ein gutes magisches Gerät besorgt, das Hindernisse zerstört oder durchlässig macht. Jede von euch bekommt zwanzig Bronzetaler dafür.“

    Eszella rollte mit den Augen. „Werter Turris, weißt du, wie viele verschiedene magische Hindernisse es gibt? Wenn du nicht wenigstens ungefähr beschreiben kannst, woraus es besteht und wie es funktioniert, wird das schwierig.“

    Turris sah die Hexen eine nach der anderen eindringlich an.

    „Das wusste weder meine Auftraggeberin noch alle anderen Leute, die ich fragte. Anscheinend ist schon seit Ewigkeiten niemand mehr am Nebelmeer gewesen und es gibt keine Berichte von Leuten, die das Hindernis überwunden hätten. Ich meine aber, wenn jede von euch sich nach ihren Begabungen ausrüstet, haben wir wohl eine Chance, etwas Passendes mitzubringen.“

    Ein Hindernis am Nebelmeer. Noch nie von jemandem überwunden worden. Das hörte sich vortrefflich an! Ich hoffte, es lag vor dem Meer. Dann würde meine kleine Angeberei bezüglich des Meermädchens auch nicht herauskommen.

    „Jetzt sag uns doch die Wahrheit, Turris“, warf Eszella ein. „Was bei allen Dämonen der Unterwelt sollen wir an diesem Nebelmeer, wo nie jemand hinreitet? Ist dsa wirklich dein Ziel? Weißt du, was wir glauben? Wir reiten deshalb zum Dämonenberg, weil du den Königsring ergattern willst.“

    Ich erschrak. Dass er diesen mysteriösen Ring holen wollte, hatte er den anderen ja anscheinend gar nicht verraten. Wie kamen sie jetzt darauf? Und wie würde er sich herauslügen? Er musste ja einen Grund haben, warum er das für sich behalten wollte.

    Langsam tunkte er sein Brot in die Suppe. Während er von dem dampfenden Happen abbiss, musterte er die Hexen eine nach der anderen.

    „Kann es sein, dass ihr selber scharf auf den Ring seid?“, fragte Turris langsam.

    „Welche Zauberin würde den wohl nicht ergattern wollen, wenn man bedenkt, welche enorme Macht man dadurch erringen würde“, erklärte Wisha lässig.

    „Exakt.“ Eszella nickte. „Das einzige Problem sind die verfluchten Dämonen. Aber du kennst wohl einen Weg daran vorbei, nicht wahr, Turris?“

    „Jetzt hört auf zu fantasieren“, fuhr Turris ihr über den Mund. „Wir werden zum Nebelmeer reiten, genau wie ich euch sagte. Der Basar liegt auf dem Weg, deshalb besuchen wir ihn, außerdem brauchen wir die Hilfsmittel, um die ich euch bat. Aber um den Königsring scheren wir uns nicht. Ich bitte darum, dass ihr eure Kräfte und euer Leben nicht darauf verschwendet, auf eigene Faust nach einem Ring zu spüren, der euch nur verderben würde! Verstehen wir uns?“

    Sofort dämpfte sich die Aufregung etwas. Wisha und Eszella wechselten Blicke.

    „Und die Wassergeister?“, brummte Wisha nach einer Weile. „Sollten wir nicht auch einen Schutz vor diesen Viechern besorgen? Das Nebelmeer ist doch anscheinend voll davon.“

    „Ich dachte, die wird Murissa erledigen“, warf Eszella trocken ein und grinste mir überlegen zu.

    Wisha pfiff durch die Zähne. „Daran glaubst du doch selber nicht. Nicht mal die Tempelpriesterinnen in den Städten werden mit ihnen fertig. Fräulein Regenmacherin wird sich schon etwas anstrengen müssen, damit wir von dem Geisterheer nicht zerrissen werden.“

    „Das ist kein Problem“, konterte ich, denn so viel Spott konnte ich vor versammelter Mannschaft nicht auf mir sitzen lassen. „Die richtig üblen Viecher hast du noch gar nicht gesehen. Im See von Aravenna wohnen welche, die sind riesig wie Wale und einer hat mal eine halbe Kutsche gefressen, die nach einem Achsenbruch hineinfiel. Ich konnte gerade noch die Pferde retten, als ich hinzukam. Natürlich würde ich auch noch mehr retten können – mit dem richtigen Gerät.“

    Ich biss mir schnell auf die Zunge. Nicht dass ich so weiter quasselte und mich damit noch um Kopf und Kragen redete. Richtiges Gerät – was für ein Gesäusel. So etwas gab es gar nicht, sondern nur halbwegs taugliche erbärmliche Hilfsmittel. Ich hatte schon unsere Priesterin persönlich am Brunnen schwitzen sehen, die drei mordgierige Babygeister mit einem spinnenartigen Pendel zu kontrollieren versuchte und fast dabei unter die Fluten geraten wäre.

    „Keine Sorge. Der Basar am Dämonenberg ist der größte des Landes!“ Turris lehnte sich an die Grottenwand zurück, blickte mich aufmunternd an und berührte dabei meine Schulter. Mich durchfuhr ein Strom von Hitze. „Da finden wir alles Material, was wir brauchen.“

    Er holte seinen Weinschlauch und schenkte allen etwas ein. Wir stießen auf den morgigen Tag an, auf den Basar und auf unseren Erfolg. Langsam lockerte sich die Stimmung und die Bootsbauer fingen an, Geschichten von Hindernissen zu erzählen, die sie überwunden hatten.

    Ich beugte mich nah an Turris´ linkes Ohr und damit er nicht wieder anfing vom Wasser zu reden, flüsterte ich ihm zu:

    „Pass auf Wisha und Eszella auf. Ich würde ihnen nicht trauen.“

    Unerwartet stand er auf und zog mich mit sich.

    „Komm. Wir müssen reden.“

    Hey Rainbow


    tatsächlich kann ich mich nicht mehr richtig erinnern, wie Elias' Auftritt bei den Fürsten weiterging. Aber wenn dann noch einige Auflösungen folgen (auch zum Thema "höhere Ziele"), nehme ich meine Anmerkungen zunächst zurück und warte gerne auf die Fortsetzung. Es geht mir auch bei meinen Texten manchmal so, dass Fragen gestellt werden, die im Moment offen bleiben - für die ich aber eine Antwort in späteren Teilen geplant habe.

    :) Ich bleibe gespannt

    Hey Rainbow

    Erst mal danke für eure netten und für mich sehr hilfreichen Anmerkungen! Ich hoffe, ihr seid alle gut ins Neue Jahr gekommen!


    Thorsten


    Rainbow


    97dragonfly



    Kyelia


    Und hier geht es weiter:


    13.2 Höhlenzauber


    Was könnte ich Turris über mein Brunnenleben erzählen?

    Alle meine diesbezüglichen Vorstellungen beruhten auf Erzählungen meiner Mutter, welche wiederum den farbenfrohen Erfindungen ihrer Fantasie entsprungen waren. Das ganze noch ergänzt um meine eigenen reichhaltigen Erfahrungen als Brunnenbetrachterin. Wenn Turris selber in einem See gelebt hatte, wusste er über die Geheimnisse des Untermeeres – wie meine Mutter es nannte – deutlich mehr als ich und ich würde mich früher oder später bei diesem Ratespiel mächtig in die Nesseln setzen. Aber wie es aussah, hatte ich keine andere Wahl.

    „Ja klar bin ich ein Wasserkind“, versetzte ich gespielt fröhlich, „so wie du.“ Weiterfragen, dachte ich angespannt. Bring ihn zum Reden, damit er von sich erzählt und mich nicht in die Enge treibt. Also fragte ich schnell: „Warum bist du eigentlich nicht in dem See geblieben?“

    „Das habe nicht ich entschieden“, erklärte er stockend und zuckte die Achseln. „Aber meine ganze Familie lebt ja an Land, auch die Familien meiner Onkel und Tanten.“

    Familie, dachte ich voller Sehnsucht. Er hat eine richtige Familie. Wie gut er es hat.

    Unwillkürlich stellte ich mir ein großes heimeliges Haus mit vielen Kindern, lachenden Onkels und Omas und einer Mutter in der Mitte vor, die an alle frisches Brot verteilte. Turris rieb sich die Stirn und sein Blick verdüsterte sich. Offenbar hatte er ein anderes Bild vor Augen. Warum sprach er so ungern über seine eigenen Erfahrungen mit Wasser, wenn er doch gleichzeitig anscheinend genauso fasziniert davon war wie ich? Ich hätte was drum gegeben zu wissen, woran er gerade dachte. Die Art, wie er die Lippen zusammenkniff, zeigte mir jedoch, dass sich irgendetwas Hässliches ereignet haben musste, das er mir nicht verraten wollte. Aber er überspielte den Moment und wandte sich wieder mir zu. „Und du? Warum bist du nicht unter Wasser geblieben?“

    Schon war der Druck auf meiner Brust wieder da.

    Schnell, eine Antwort. Warum sollte jemand aus dem Wasser abhauen wollen? Vielleicht wegen der ekligen Wassergeister? Leider hatten auch meine drei Hexenkolleginnen ihre Ohren weit aufgesperrt und lauschten feixend auf meine Antwort, sicherlich um mich mit meinen eigenen Worten zu zerschreddern. Zugeben, dass ich mich vor Wassergeistern fürchtete – nein, das wäre nicht schlau. Also fabulierte ich ins Blaue: „Weil meine Mutter beim Meerkönig Falamusch in Ungnade gefallen ist und gezwungen war abzuhauen. Natürlich hat sie meinen Bruder und mich mitgenommen. Und weil der König große Macht hat, fühlte sie sich nur an Land sicher, wohin er nicht kommen konnte.“

    Äh. Eine dämliche Geschichte. Es war eine von denen, die mir meine Mutter mal erzählt hatte. Sie pflegte selbst die gröbsten Lügen im Brustton der Überzeugung herauszuschmettern und glaubte felsenfest jedes Wort. Das war für mich als Kind etwas verwirrend, weil ihre zahlreichen Geschichten einander häufig widersprachen und keinesfalls alle gleichzeitig stimmen konnten. Da weder meine Mutter, noch mein Bruder oder ich jemals einen Fuß in irgendein Gewässer gesetzt hatten und auch keiner von uns schwimmen konnte, zweifelte ich also ein wenig an der Existenz des sagenhaften Meereskönigs, ja eigentlich an dem gesamten Wahrheitsgehalt der Geschichte an sich. War aber egal. Hauptsache Turris fand sie glaubhaft. Er hing direkt an meinen Lippen.

    „Der Meerkönig Falamusch?“, wiederholte er den Namen, den ich ihm zugeworfen hatte und ich merkte, dass er versuchte, danach in seiner Erinnerung zu kramen.

    Zuquasseln, befahl mir eine innere Stimme. Wenn dein Zuhörer anfängt, am Wahrheitsgehalt deiner Worte zu zweifeln, rede darüber hinweg, bis er vergisst, was ihm komisch vorkam.

    „Ja, genau der alte Tyrann“, ergänzte ich also, während ich innerlich bebte und spürte, wie meine Hände eiskalt wurden. „Meine Mutter packte meinen Bruder und mich in unsere Muschelbetten, klemmte sie sich auf den Rücken und schwamm mit uns an die Wasseroberfläche.“

    Er fuhr hoch. „Muschelbetten? Wie? Ich dachte, in den Muscheln wachsen die Perlen?“

    Welche Perlen?

    „Ach was“, erwiderte ich schnell und mit pochendem Herzen. „Wer hat dir das denn erzählt. Magische Perlen bindet man den Kindern in die Haare, um sie vor Raubfischen zu schützen. Wenn die Kinder unruhig schlafen, passiert es aber oft, dass sie ihre Perlen verlieren und dann bleiben die eben in den Muscheln.“

    Er starrte mich an. Ganz sicher schien er seiner Erinnerungen nicht mehr zu sein. Sodass die verblassenden Bilder in seinem Kopf sich hoffentlich mit meinen frisch erfundenen Fantasien decken könnten. Ich spürte, dass sein Glaube an mich auf der Kippe stand und verwünschte meinen Hang zu Übertreibungen. Wieso konnte ich ihm nicht endlich die Wahrheit sagen? Das konnte doch auf Dauer überhaupt nicht gut gehen! Irgendwann würde mein gesamtes Lügengespinst zusammenbrechen und dann würde er mich sehen wie ich war, als absolut verdorbene und nichtswürdige Lügnerin – und nie wieder etwas mit mir zu tun haben wollen.

    Aber wenn ich ihm die Wahrheit erzählte? Dass ich ein Niemand war und keine Ahnung vom Wasser hatte – geschweige denn von Magie?

    Die Chance, dass er sich damit ohne zu zucken zufriedengab oder mir gar verzieh – die gab es nicht, das sah ich jetzt.

    Wenn ich aufhörte zu erfinden, würde ich schneller aus diesem Märchen rausfliegen als der Blitz vor ein paar Tagen in Klymeras Hand gerast war.

    Ich würde Turris verlieren. Das war so klar wie die Sonne. Und allein der Gedanke ihn wieder zu verlieren fuhr mir wie ein Stachel tief ins Herz. Nein. Bis jetzt hatte alles irgendwie geklappt. Hoffentlich ging es auch noch weiter. Hoffentlich nahm das Märchen nie ein Ende!

    Ich lächelte Turris aufmunternd zu und versuchte krampfhaft, die gehässigen Blicke von Wisha und Eszella zu ignorieren.

    „Wie weit ist es denn noch?“, unterbrach uns Wisha laut und ahnte wahrscheinlich nicht, wie erleichtert ich war über diese willkommene Ablenkung. „Eszella meint, wir würden morgen am Dämonenberg ankommen.“

    Ich schluckte. Dämonenberg. Davon redeten sie heute schon den ganzen Tag. Ich wusste immer noch nicht, warum die Gegend so einen widerlichen Namen führte. Turris hatte mir erklärt, das sei lediglich ein großer Basar und ich sollte mich nicht fürchten. Ich weiß auch nicht, warum ich mich trotzdem fürchtete. Vielleicht, weil wir auf dem Weg schon eine Menge Ritter und schwer bewaffnete Kerle getroffen hatten. Brauchte man Schwerter, um einen völlig ungefährlichen Basar zu besuchen?


    Hey Rainbow

    Thema: Motivation


    Ich bin gerade zu einer bahnbrechenden und gleichzeitig niederschmetternden Erkenntnis gelangt.

    Nämlich:

    Alle Charaktere sollten für das, was sie tun, eine vernünftige Motivation haben.


    Das ist eigentlich eine so banale und logische Erkenntnis, dass es überflüssig sein sollte, das nochmal extra zu erwähnen und natürlich war ich der Meinung, ich weiß das schon längst. Aber ich habe gerade beim Korrekturlesen meines Manuskriptes gemerkt, dass ich einen Charakter unbedingt von A nach B transportieren musste, und weil er eigentlich gar keinen vernünftigen Grund hatte, da hinzugehen, habe ich ihm einfach einen reingewürgt. Zumal es sich schließlich um einen Nebencharakter handelte und ich muss wohl beim Schreiben gedacht haben , ist nicht so wichtig wie er da hinkommt. Jetzt beim Nochmal-lesen merke ich, dass der Typ also quasi zum Stiefel kaufen nach Ort B geht, unterwegs völlig vergisst, dass er ja Stiefel kaufen wollte, da er in die von mir gewünschte Haupthandlung verwickelt wird - und die Stiefel dann nie wieder erwähnt werden. :dash:

    Wieso habe ich das beim Schreiben gar nicht realisiert?

    Merke: Man kann so viele Schreibratgeber lesen wie man will, das nützt nichts, wenn man sein eigenes Schreiben nicht schafft zu analysieren.

    Ich habe zuerst gedacht, es sei eine Kleinigkeit, die Motivation für den Charakter zu ändern, sodass er einen vernünftigen Grund bekommt, nach B reisen zu müssen. Es stellte sich dann aber heraus, dass es so einfach nicht war, denn erstens musste ich über den Charakter nochmal genauer nachdenken, außerdem sollte er ja zwei weitere wichtige Charaktere mit sich schleppen und wenn ich ein Detail ändere, passt plötzlich alles andere nicht mehr und jetzt bin ich daran, die gesamte aus 7 Kapiteln bestehende Handlung umzuschreiben, weil die geänderte Motivation eine Reihe von Konsequenzen auch für die folgende Handlung hat, die nun doch sehr anders verläuft.

    Interessanterweise fängt die ganze Handlung erst jetzt an, richtig spannend zu werden.

    Was so eine "Kleinigkeit" doch für ungeahnte und weitreichende Folgen haben kann.

    Aus diesem Grund bekommen alle meine Charaktere vor dem Beginn des Schreibprozesses eine Vergangenheit. Und damit meine ich alle. Ob nun Hauptcharakter oder Nebencharakter.

    Sehr gute Idee.

    Damit bist du mir einen Schritt voraus. Ich habe die Tendenz, mich von meinen Hauptcharaktern aufsaugen zu lassen und die Nebencharaktere doch eher stiefmütterlich zu behandeln. Inzwischen habe ich aber gemerkt, dass es die Handlung unglaublich hebt, wenn auch kleine Nebencharaktere nicht wie Strichmännchen wirken, sondern besser ausgearbeitet sind.

    Oft ist es allerdings so, dass sobald ich anfange, mich mit einer Figur näher zu befassen, ich gleich anfange sie interessant zu finden und sie dann irgendwie in die Haupthandlung einbinden will, weil es so schade wäre, sie danach einfach wieder zu verlassen...

    Danke Ihr Lieben für eure netten Kommentare!


    Da ihr alle, Rainbow , 97dragonfly und Thorsten euch diesmal so unglaublich einig seid in euren Bewertungen, nehme ich das einfach mal als ein gutes Zeichen...

    Danke!


    Und hier geht es weiter:


    13.1 Höhlenzauber


    Pflichtschuldig erhob ich mich und ging in die vordere Grotte zu den Pferden, neben denen wir alles Gepäck abgeladen hatten und wo deshalb auch der Suppenkessel noch stand. Eszella polterte hinter mir her, schulterte einen Beutel voller Gemüse und kehrte mit diesem wieder in die Grotte zurück.

    Ich klaubte mit zittrigen Händen den Suppenkessel hervor. Vielleicht reichte es, ihn einfach in den Regen zu stellen. Allerdings hatte Eszella den Eingang zu unserer Höhle magisch verschlossen, mit einer Art lianenartigen Girlande, die von oben nach unten herunterhing und von außen angeblich wie ein efeubewachsener Fels aussah. Ich bog sie ein wenig auseinander und platzierte den Kessel davor. Dann hörte ich mit klopfendem Herzen dem Trommeln der Tropfen in den Hohlraum zu und hoffte inständig, „mein“ tapferer Regen könnte ihn bitte füllen. Da das leider fürchterlich langsam vonstatten ging, holte ich noch meinen Wasserbeutel vom Pferd und kippte den gesamten Inhalt hinzu. Als ich hineinlugte, war jedoch kaum der Boden des Kessels bedeckt. Wenn das in dem Tempo weiterging, würde ich wohl ein paar Jahre brauchen, bis er mal voll wäre. Ich verwünschte mich selbst, dass ich mit dem Theater angefangen hatte. Was war so schlimm daran, die allerletzte Ratte einer Reisegesellschaft zu sein? Besser verspottet als der Lüge überführt – oder?

    Aber konnte ich das jetzt tun? Definitiv nicht. In meiner jetzigen Situation wäre das eine Kapitulation und die Hexen würden über mich herfallen. Diese Aufgabe musste ich zuerst lösen und erst danach könnte ich Turris reinen Wein einschenken. Denn dann käme ich als Siegerin und nicht als gefleddertes Huhn.

    Hektisch zerbrach ich mir den Kopf. Woher konnte ich weiteres Wasser organisieren? Vielleicht hatten andere Leute auch ihre Trinkbeutel hier draußen gelassen. Ich durchforschte die Gepäckstücke. Und wurde fündig. Vier weitere Behälter entleerte ich in den Kessel. Leider reichte das noch lange nicht für eine anständige Füllung.

    Wishas geheimnisvoller Trödel vielleicht? Schon stand ich vor ihrem Pferd, das behangen war wie ein Zirkusgaul. Ich brauchte irgendein magisches Teil, das Wasser produzierte. Falls sie so etwas besaß. Vorsichtig berührte ich die verschiedenen Bänder, die Ketten, die Kräuter, lugte in Beutel und öffnete Dosen. Aus einer größeren Tasche spürte ich kräftige Strahlen. Leider war sie verknotet. Ich sah mich um – beobachtete mich keiner? Aber die Luft war rein. Ich fing an zu knoten. Aber das verdammte Ding hatte keinen Anfang und kein Ende. Ich bekam es nicht auf. Mist! Wenn das zu lange dauerte, würden sie Verdacht schöpfen! Also schnappte ich mir kurzerhand ein Messer, das an einem Nachbarpferd befestigt war, und schnitt das Band unter dem Knoten durch. Jetzt konnte ich die Tasche öffnen. Drinnen lagen ganz verheißungsvolle Kugeln, die schon sozusagen nach Wasser rochen. Ich langte hinein. Sie fühlten sich weich an und verformten sich bei der Berührung. Vorsichtig nahm ich zwei heraus, eine in jede Hand. Das würde sicherlich nicht reichen, denn sie waren klein wie Murmeln. Aber ich wollte nicht zu viele klauen, damit es möglichst nicht auffiel. Eilig rannte ich zu meinem Kessel zurück und ließ die beiden Murmeln hineinfallen. Sie plumpsten auf den Boden und schwammen dann in dem kleinen Wassergerinnsel herum, das noch nicht einmal handbreit war.

    „Murissa!“, hörte ich aus der Höhle Klymera rufen. „Wo bleibst du denn?“

    Beinahe hätte ich vor Schreck den Kessel umgeworfen. Was sollte ich jetzt machen?

    „Es ist nur wegen der Ratten!“, schrie ich geistesgegenwärtig zurück. „Ich bin gleich da!“

    Ja, Ratten. Ich war selber eine und sollte es zugeben.

    Wieso klappte das mit den magischen Murmeln nicht? Ich spürte doch, dass die etwas Wässriges an sich hatten. Hektisch beugte ich mich über den Kessel und fischte sie wieder heraus. Dann presste ich sie gegeneinander. Eine gewisse Wärme entstand. Ich presste sie noch einmal. Noch mehr Wärme. Schließlich rieb ich probehalber mit den Fingern daran und spürte, wie eine platzte.

    Ein gigantischer Wasserschwall überschüttete mich. Mich traf solch eine gewaltige Dusche, dass ich nicht einmal schreien konnte. Der Schwall riss mich mit sich, ich verlor den Boden unter den Füßen und als der Spuk vorüber war, lag ich am Boden inmitten einer Wasserlache, die den gesamten Vorraum der Grotte bedeckte. Der Wasserkessel war randvoll, ich war pitschnass wie ein Fisch, alle Pferde in meiner unmittelbaren Nähe troffen vor Nässe – und am Eingang zur Grotte kamen Turris und die anderen angerannt. Ich hörte ihn sagen:

    „Man sollte es aber nicht übertreiben!“

    Wenig später hockten wir alle um den brodelnden Kessel herum, trockneten unsere durchnässten Kleider, Turris spendierte eine Runde Wein und wir löffelten die warme Suppe dazu. Ich hatte es geschafft, den Platz neben Turris zu ergattern und glühte vor Wärme und vor Glück. Vielleicht auch etwas vor Angst... denn nun nahm ich ernsthaft Anlauf, ihm die Wahrheit zu sagen.

    Ich muss dir was Wichtiges erzählen. Damit würde ich anfangen. Bitte sei jetzt nicht sauer auf mich, aber ich hab dich belogen.

    Ich wog die Worte schwer in meinem Herzen. Sie hatten ein furchtbares Gewicht und schon das erste wehrte sich geradezu furios dagegen, über meine Lippen zu gelangen.

    Auf einmal beugte er sich zu mir und wisperte mir zu:

    „Ich muss dir etwas erzählen, mit dem ich schon die ganze Zeit ringe.“

    Ich riss die Augen auf. Wieso er? Trug er etwa auch irgendein Geheimnis mit sich herum?

    Als hätte er sich vor meinem Interesse erschrocken, lehnte er sich gleich wieder zurück und starrte die Höhlendecke an.

    War sein Geheimnis schlimmer als meins?

    Da er schwieg, spürte ich genau, dass es jetzt an mir wäre, mich ihm anzuvertrauen.

    Turris, ich bin eine Lügnerin. Alles, was ich dir jemals erzählt habe, ist geschwindelt.

    Oh! Könnte ich nicht irgendwas Anderes, Hübscheres sagen? Etwas, das ihm gefallen würde?

    Er gab sich einen Ruck.

    „Du bist also unter Wasser geboren?“, fragte er und lächelte betont gleichmütig. Ich merkte an seinen flatternden Augenlidern, dass er genauso wie ich vor der Tragweite der Frage, die er eigentlich stellen wollte, zurückschreckte und dies wahrscheinlich nur die Einleitung war zu etwas Großem und womöglich Schrecklichem, das kommen könnte.

    Als ob irgendwas schlimmer sein könnte als dieser Riesenmistquark, den ich zu beichten hatte.

    Okay.

    Sei mutig, Murissa.

    „Nein, ich bin nicht in einem Brunnen geboren, sondern in der Gosse und meine Mutter schämt sich so über mich, dass sie vor anderen sogar leugnet, ich könnte ihre Tochter sein.“

    Aaargh!

    In mir begann alles zu beben. Ich konnte diesen Bockmist einfach nicht erzählen. Nein, ich würde mich nicht selbst in den Schmutz treten. Ich war kein Bastard von der Straße, sondern ein Wassermädchen aus einer anderen Welt. Das könnte ich auch bleiben, so lange ich es schaffte, dieses Spiel mitzuspielen. Gut mitzuspielen, wenn ich nicht wieder in der Gosse landen wollte.

    Hey Rainbow


    meinen Senf zu diesem wirklich sehr gelungenen Text voller herrlicher Details (wie ich finde:love:) kennst du ja schon, darum wiederhole ich mich hier nicht. Ich habe gesehen, dass du den Anfang noch etwas nachgebessert hast, das gefällt mir sehr gut!

    Dieser Konflikt, in dem Elias jetzt steckt: er ist fast verrückt vor Sorge um Emilia, darf ihr aber nicht persönlich helfen, weil das Überzeugen der Engelfürsten von dem großen Plan wichtiger ist und das darf er leider nicht delegieren sondern muss selber ran - da geht es dann ja schließlich um das Überleben des Himmels und der Menschheit, was wichtiger ist als ein Einzelschicksal - das ist ein genialer, klassischer Konflikt und sorgt für extreme Spannung. Das hast du hier in der überarbeiteten Version auch viel deutlicher gemacht als in der Ursprungsversion (so weit ich mich erinnere).

    Wie es mit Micah weitergeht, weiß ich im Prinzip ja schon und freu mich schon drauf, aber ich lass mich mal überraschen. Vielleicht hast du da ja auch noch etwas dran gedreht. Bin auf jeden Fall seeehr gespannt!

    Erstmal wunderschöne Weihnachtswünsche an euch alle und danke für eure lieben Kommentare!

    Die kleine Muru macht es sich nicht gerade einfach..


    97dragonfly


    Thorsten


    Rainbow


    Und hier geht es weiter:


    13. Höhlenzauber

    Murissa

    Wir verbrachten die Nacht bei strömendem Regen in den mitgebrachten Zelten.

    Obwohl Wisha unsere Klamotten trocken geföhnt hatte, konnte ich nicht schlafen.

    Zum ersten Mal in meinem Leben interessierte sich ein Mann für mich – und ebenfalls zum ersten Mal hatte ich in der scharfzüngigen Klymera möglicherweise sowas wie eine Freundin gefunden, mit der ich in den letzten Tagen noch richtig nett geplaudert hatte.

    Allerdings alles nur deshalb, weil ich sowohl Turris als auch Klymera von vorn bis hinten die Hucke voll gelogen hatte. Wie würden sie mich hassen, mich verabscheuen, wenn das mal irgendwann herauskäme!

    Das konnte so nicht weitergehen. Ich musste damit aufhören. Wieso könnte ich nicht einfach aufrichtig sein? Andere konnten das doch auch.

    Wenn jemand mich wirklich mochte, war es wohl nicht so wichtig, welche Geschichten ich zu erzählen hatte?

    Würde Turris mich tatsächlich rauswerfen, wenn ich ihm sagte, dass ich nicht hexen konnte? Und kein Meermädchen war?

    Ich haderte mit mir selber. Es war ein Risiko. Ich könnnte dabei verlieren. Aber, ganz ehrlich – früher oder später musste ich doch an diesen Punkt kommen und so langsam wurden meine Lügen immer dicker und verrückter. Wenn ich so weitermachte, würde ich irgendwann ganz gewaltig auffliegen und könnte dann gar nichts mehr retten. Sowohl Turris als auch Klymera würden ziemlich bald so oder so herausfinden, dass nichts von dem stimmte, was ich je behauptet hatte.

    Wenn ich mich jetzt selber enttarnte, gab es die Chance, dass Turris mich verstand und ... mir verzieh. Vor allem hätte er dann ja die Möglichkeit, sich noch nach einer richtigen Wasserhexe umzusehen. Und mich vielleicht, hoffentlich, trotzdem an seiner Seite zu lassen.

    Ja, dachte ich tapfer bei mir selbst, so würde ich das machen. Ich würde morgen früh zu ihm gehen und ihm beichten, dass ich eine lausige Lügenliesel gewesen war, aber von nun an bei Ehre und Leben nichts anderes mehr als die reine und lautere Wahrheit offenlegen würde.

    Klymeras Freundschaft würde ich vielleicht verlieren – aber vielleicht auch nicht, denn inzwischen waren wir ja schon ein wenig vertraut geworden und verstanden uns richtig gut.

    Vielleicht hatte ich Glück und das klappte. Und dann bräuchte ich mir nicht mehr von früh bis spät Märchen auszudenken. Sofort wurde mir leichter ums Herz.

    Der nächste Morgen begrüßte uns mit einem Nieselregen. Das nahm ich als ein gutes Zeichen und steckte deshalb auch den Spott locker weg, mit dem mich Eszella begrüßte: „Heute reitest du vorne! Wollen doch mal sehen, ob du uns mit deinen lausigen Kräften wirklich verteidigen kannst!“

    Ich erkannte spontan, dass dies nicht der richtige Moment war, um meine Umgebung mit der Wahrheit über mich zu konfrontieren, wenn ich nicht einen sehr üblen Tag erleben wollte.

    „Spotte nur weiter über mich“, konterte ich, „ich kann den Regen auch noch kräftiger vom Himmel hageln lassen!“

    Das brachte meine Feindinnen tatsächlich zum Verstummen und selbst Turris schien anzunehmen, ich könnte Einfluss auf die allgemeine Wetterlage nehmen, denn er lächelte mir zu.

    Während wir die Zelte abbauten und auf die Packpferde luden, zerbrach ich mir den Kopf darüber, wie ich nun eigentlich taktisch klug meine Wandlung von der Lügenliesel zur Mustermurissa vollziehen sollte. Es gab wohl keinen anderen Weg als vor Turris zu beichten. Ihm musste ich die ganze Geschichte erzählen und er würde dann entscheiden, ob er noch etwas mit mir zu tun haben wollte ... oder nicht.

    Die Tragweite dieser Aktion erschütterte mich dann doch ziemlich und ich verbrachte längere Zeit damit, mir im Kopf eine gute Einleitung zurecht zu legen.

    „Weißt du, Turris, eigentlich bin ich gar keine Wasserhexe, sondern ein Gossenkind...“

    Alle Götter! So doch nicht.

    „Ich bin jedenfalls auch kein Meermädchen, ich kann ja nicht mal schwimmen, aber dafür renne ich wie der Blitz und bin gut darin, Hunden zu entkommen...“

    Die Hunde muss ich auch nicht unbedingt erwähnen, sonst hält er mich noch für eine Diebin.

    Verwünscht... gehörte zu der Beichte wohl auch eine Liste aller Gegenstände, die ich jemals geklaut hatte? Aber ich würde es nie schaffen, mich an absolut alles zu erinnern, so viel war sicher.

    Die Liste würde ich weglassen und die Hunde auch.

    „Meine Mutter hat letztes Jahr ihren 25. Geburtstag gefeiert. Ja, stell dir vor, sie ist noch eine größere Lügnerin als ich.“

    Nö. Das würde ich auch weglassen.

    Jetzt also nochmal ernsthaft.

    „Ich bin Murissa, Tochter der Schneiderin Tabitha aus Aravenna, bei der ich aber leider nicht wohne, weil dieser Typ, den sie geheiratet hat...“

    Ach nee. Eine echt blöde Geschichte. Niemand will sowas hören.

    „Ich bin Murissa aus Aravenna. Mein Stiefvater ist Tischler und hat mir schon mal mit einem Stuhlbein eins auf den...“

    Äh. Das muss ich auch nicht grad jedem auf die Nase binden.

    So verging also der Vormittag.

    Und der Nachmittag.

    Gegen Abend erreichten wir eine Höhle und Turris entschied, dies sei ein guter Platz zum Übernachten. Sie war geräumig genug, dass wir alle Platz fanden und sogar die Pferde nicht im Regen stehen mussten, denn es schüttete wieder. So ersparten wir uns auch das mühselige Zeltauf- und abbauen. Wir banden die Tiere an Felsvorsprünge im vorderen Höhlenteil fest und verzogen uns selbst durch einen kleinen Gang in die weiter innen gelegene und deshalb auch besser geschützte Grotte. Der Spaß verging mir allerdings gleich, als wir zum Abendessen übergingen. Die meisten Vorräte hatten wir leider in den letzten Tagen bereits verspeist und für eine neue Jagd war keine Zeit gewesen. Deshalb plädierte Turris dafür, heute mit Suppe vorlieb zu nehmen. Klymera, die als Feuermeisterin auch die Regie über die Küche übernommen hatte, fing gleich an zu kommandieren:

    „Eszella, du holst das Gemüse. Murissa bringt den Topf.“

    „Und woher nehmen wir Wasser für die Suppe? Ich habe hier weit und breit keine Flüsse gesehen. Nicht mal der kleinste Tümpel“, brummte Wisha kritisch. „Aus den Pfützen werden wir es wohl nicht kratzen können und das wäre mir auch zu dreckig.“

    „Murissa erschafft das Wasser“, erklärte Eszella und grinste boshaft in meine Richtung. „Eine ihrer leichtesten Übungen, nehme ich doch an?“

    Mir wurde eiskalt. Die Wahrheit, mahnte eine dunkle Stimme in meinem Inneren. Sag ihnen einfach die Wahrheit, und du musst keine Fähigkeiten mehr heucheln, die du nicht hast!

    Aber die Worte wollten nicht über meine Lippen. Stattdessen hörte ich mich selbst eifrig sagen:

    „Logisch!“

    Vielen Dank ihr Lieben für eure Rückmeldungen!


    Thorsten


    Rainbow


    Und hier nun der Abschluss der Regen-Episode:


    12.2 Regenmacherin


    Die beiden trabten vorwärts und noch bevor die Räuber uns erreicht hatten, wedelte Eszella bereits zweimal mit den Händen und vor meinen Augen wuchs ein riesiger Fels in die Höhe. Diese magische Wand versperrte den Weg zwischen uns und den Soldaten vollkommen, als hätte er diese ausradiert. Wisha und Eszella wurden von dem unter Krachen und Knirschen aufwärts strebenden Felsen nach oben gehoben. Dadurch waren wir anderen dahinter geschützt. Ich hörte einen unnatürlichen Sturm tosen und Metall scheppern. Mehrere Schwerter und Helme flogen durch die Luft. Wisha war recht geschickt darin sie aufzufangen.

    Wenig später war der ganze Spuk vorüber. Die gierigen Soldaten flohen in donnerndem Galopp, der Fels versank wieder im Erdboden und unser Trupp setzte sich von Neuem in Bewegung. Ich sah im Vorbeireiten zwei Leichname auf dem Weg liegen. Sie waren entsetzlich zugerichtet, ihre Körper zerrissen wie von wilden Tieren. Ob die Hexen sie so zugerichtet hatten? Oder Wölfe? Aber das wollte ich lieber so genau gar nicht wissen. Schnell blickte ich zur Seite.

    Turris wollte Klymera wieder fortschicken, damit sie den weiteren Weg auskundschaftete, aber das verweigerte sie ihm, da sie mit nassen Flügeln nicht in die Luft käme, wie sie behauptete. Inzwischen verdiente das stetige Tropfen vom Himmel nämlich durchaus schon den Namen Regen.

    Also machten Wisha und Eszella nun die Vorhut. Turris und die Wegkundigen folgten ihnen, wobei sie lautstark überlegten, welches der beste Weg für unser weiteres Vorwärtskommen wäre. Hinter ihnen ritten die Bootsbauer und die Packpferde und ganz am Schluss ich.

    Und die vertrackte Klymera, die ausgerechnet jetzt auf die Idee kam, sich an meine Seite zu gesellen.

    Angestrengt versuchte ich, mir die Panik nicht anmerken zu lassen, die mich bei ihrem Anblick befiel. Es brachte Unglück, eine Skeff zu sehen. Mit ihren pechschwarzen Haaren und bösen Augen sah wie das personifizierte Böse aus. Sie hatte ihre ledernen Flügel wie Regenschirme über ihrem Kopf aufgespannt und war deshalb als einzige von uns vor dem hartnäckigen Nieseln geschützt.

    „Na, Wasserhexe?“, fragte sie mich mit einem ironischen Unterton, der mich ein klein wenig einschüchterte. Es war gar nicht so leicht, das hinter einem gezwungenen Grinsen zu verstecken.

    „Wie findest du meinen kleinen Regen?“, konterte ich mutig, indem ich mit dem Finger zum Himmel zeigte.

    Dein Regen, hm?“ Sie lachte. „Hattest du mir nicht ein Gewitter versprochen? Aber deine Aura ist so mickrig, dass du kaum nennenswerte Kräfte haben kannst. Scheint so, als ob du nicht mal zu einer Göttin betest, die dir aushelfen könnte. Soll ich ehrlich sein? Du siehst nach einer Versagerin aus, die den nächsten Tag nicht überleben wird.“

    Witzig – dasselbe hatte ich auch gerade gedacht. Das würde ich natürlich nicht zugeben.

    Sie grinste und um ihre Arme fing es an zu flackern. Ich überlegte, ob sie wohl feuerfeste Kleidung trug und spürte gleichzeitig ein ekliges Würgen im Magen.

    „Ich bin eine Zauberin wie du“, versuchte ich mich zu verteidigen, während sich das heutige Frühstück in meinem Magen zersetzte und darüber nachgrübelte, ob es seinen weiteren Weg abwärts oder doch besser wieder aufwärts nehmen sollte. „Das ist sozusagen der Grund, warum ich hier bin. Sie haben mich aus meiner Heimatstadt herausgeworfen. Wegen Hexerei.“

    Nie hätte ich geglaubt, dass ich damit mal angeben würde.

    „Wirklich? Was hast du denn verzaubert?“

    „Den Spiegel in der Küche. Der Tisch ging auch zu Bruch und der Meister hat dem Büttel gepetzt, ich würde noch das ganze Haus in die Luft jagen“, berichtete ich und war selber überrascht, wie hexisch sich diese Geschichte anhörte. Und das, obwohl ich ganz gegen meine Gewohnheit mal eine mehr oder weniger wahre Begebenheit erzählte.

    Leider sah ich bereits an ihren gelangweilten Gesichtszügen, dass sie mir entweder nicht glaubte oder aber die Story einfach zu langweilig klang gemessen an dem Ausmaß der Zerstörungen, an welche sie offenbar gewöhnt war. Gleichzeitig realisierte ich aber auch noch etwas anderes. Nämlich das leise Rascheln im Gebüsch, erzeugt durch das Erzittern sämtlicher Blätter um uns herum, auf die nun immer kräftigere Nässe herabprasselte. Ein sicheres Zeichen, welches gewöhnlich dem Ausbruch eines Gewitters vorausgeht.

    „Okay, ich halte mein Versprechen“, erklärte ich deshalb schnell, „pass auf! Ich schicke dir einen Blitz.“

    Passend zu meinen Worten begann es rings um uns her verhalten zu grummeln und zu donnern. Klymera war hellwach. Lauernd streckte sie ihre Hände aus und sah sich mit weit aufgesperrten Augen um. Mehrere unendlich lange Augenblicke geschah nichts.

    Dann verdunkelte sich der Himmel ganz prächtig und ein Schauer setzte ein, der wie aus Kübeln auf uns niederschüttete. Als der erste Blitz herunterzuckte, änderte dieser mitten im Flug seine Bahn. Es sah aus, als lenkte Klymera ihn direkt auf sich, ließ ihn in ihre Hand zischen und erstrahlte dadurch für einen Moment wie eine riesige rote Flamme. Gleich darauf verwandelte sich die feurige Masse bereits in Strahlung, die sie wie ein zuckendes Feuerkleid umgab.

    Sie sonnte sich eine Weile in ihrer neu gewonnenen Kraft. Dann musterte sie mich kritisch und leider war mir nur allzu klar, dass sie vor allem meine noch immer mickrige Aura unter die Lupe nahm.

    „Das war ein nettes Geschenk und spart mir einige mühevolle Gebete“, sagte sie schmunzelnd. „Ich hatte mir ehrlich gesagt nicht vorgestellt, dass das klappt. - Da kommt mir übrigens eine vortreffliche Idee, kleine Muru.“

    „Murissa“, korrigierte ich trotzig.

    „Warum wirst du nicht Dienerin der Gorrogon?“, fuhr sie fort. „Sie ist eine herausragende Göttin und könnte dir großartige Kräfte verleihen. Damit könntest wirklich etwas erreichen.“

    Sie musterte mich zweifelnd. „Oder zumindest könntest du dann mit deinen mageren Fähigkeiten überhaupt irgendwas ausrichten. Und als Dienerinnen der großen Gorrogon wären wir beide Partnerinnen. Dann wären wir zwei gegen zwei – und diese Reise etwas weniger vertrackt.“

    Mir stellten sich die Nackenhaare auf.

    War das etwa – nett gemeint? War das die Lösung all meiner Probleme? Oder würde ich mir neuen Stress einhandeln? Ich hatte noch nie versucht eine Göttin zu rufen.

    Mir wurde schwindelig. „Meinst du?“, stammelte ich. „Deine Göttin würde mir einfach so Kräfte verleihen? Und ich wäre dann eine noch bessere Zauberin?“

    Ich sah an Klymeras überlegenem Blick, dass diese Bemerkung meine Unwissenheit entlarvt hatte.

    „Einfach so gibt es nichts auf der Welt, meine Süße. Aber dein ganzes Leben würde sich verändern. Zum Beispiel könntest du dich dann tatsächlich in eine dämliche Meerjungfrau verwandeln oder dir was Intelligenteres einfallen lassen, was uns mehr bringen würde.“

    Ehrlich?! Wenn ich diese Gorrogon um den Finger wickelte, könnte ich alle meine Lügen zu Wahrheiten formen und alles das werden, was Turris begeisterte? Vielleicht könnte ich mir dann sogar die Wasserwelten, von denen ich bis jetzt nur träumte, selber erschaffen?

    Das wäre ja ein Hauptgewinn! Auch wenn ich einen Preis zu zahlen hätte ... aber was könnte sie schon groß verlangen, was DAS nicht wert wäre?

    Ich nickte eifrig, bog zitternd vor Eifer meinen Kopf hoch und formte lautlos den Namen Gorrogon, so wie ich die anderen Hexen hatte tun sehen.

    Antwortete sie? Angestrengt lauscht ich auf das Rascheln der Blätter in den Bäumen, das Prasseln „meines“ Gewitterregens um uns herum und das Getrappel unserer Pferde.

    Keine himmlischen Stimmen weit und breit.

    Vielleicht war ich nicht freundlich genug gewesen? Ich versuchte es mit einer etwas ausführlichen gedanklichen Anrufung. Mit einer Bitte. Mit einem leidenschaftlichen Flehen. Mit endlosen Lobpreisungen und Schmeicheleien.

    Nichts.

    War die hohe Dame taub?

    Oder ich sogar zu schlecht, um die Stimme der Götter zu hören? Zum Glück war ich wenigstens geistesgegenwärtig genug, um meine Enttäuschung vor Klymera zu verbergen. Es war klar, dass ich die Erkenntnis meiner absoluten und unrettbaren Unfähigkeit vor meiner Begleiterin verbergen musste, wenn die sich nicht im Handumdrehen von einem netten Kumpel wieder in eine Giftspuckerin verwandeln sollte. Also verdrehte ich die Augen wie in seliger Schwärmerei und hob beide Hände zum Himmel hoch. Dabei nickte ich eifrig in dieselbe Richtung, so als hätte mir die Unsichtbare Heiligkeit gerade ein prächtiges Angebot gemacht.

    Klymeras schwarzen Augen begannen zu glitzern und ihre schmalen Lippen verzogen sich zu einem zögerlichen Grinsen.

    „Und? Seid ihr euch einig?“

    Ich nickte eifrig.

    „Aber bekommen hast du noch nichts“, sagte sie misstrauisch.

    „Zuerst der Preis, dann das Vergnügen, hat sie gesagt“, erklärte ich schnell. Offenbar sah ich dabei etwas ängstlich aus, denn Klymera schlug mir aufmunternd auf die Schultern.

    „Das hätte ich mir denken können. Gorrogon ist immer scharf auf Opfer und sie verlangt viele. Aber ich kann dir versprechen, es lohnt sich.“

    Opfer?! Was sollte das heißen? Ich hoffte sehr, es ging hier nicht um Menschenopfer, auch wenn ich von solchen Praktiken schon reden gehört hatte. Siedendheiß fielen mir die beiden toten Soldaten ein, die ich nach Wishas und Eszellas Angriff auf die Soldaten gesehen hatte.

    War das der Preis für magische Fähigkeiten? Ich hatte davon schon Leute tuscheln hören, aber es nicht glauben wollen.

    Vielleicht hatte es manchmal doch so seine Vorteile, taub zu sein…

    Die Feuerhexe lächelte mir zu.

    „Gut! Vielleicht wird diese Reise doch nicht so nervtötend, wie ich dachte.“

    „Ja, das hoffe ich auch“, pflichtete ich ihr bei.

    Wieso hatte ich sie eigentlich für bösartig gehalten? Könnte eine Skeff meine Freundin sein?

    Kyelia

    Was ich mich nur gefragt habe, spürt Murissa gar nichts von diesem Wind? Wo der ganze Baumkronen ummäht? o.O

    Stimmt auch wieder. Ich habe gerade ein paar kleine Änderungen gemacht und den Text upgedated, wobei ich auch die Vorschläge von Rainbow und Thorsten berücksichtigt habe.


    Und hier geht es weiter:


    12.1 Regenmacherin


    „Kannst du Regen erzeugen oder nicht? Wenn es nicht bald anfängt hier zu tropfen, melde ich Turris, dass du eine Simulantin bist“, drohte Eszella.

    Ich war vor Angst bereits völlig zerfressen und wunderte mich nur, warum mein Körper nicht längst in seine Einzelheiten zerbröselt war.

    Da tauchte Turris plötzlich neben uns auf und musterte mich mit besorgten Blicken.

    „Was höre ich da – Regen?“ Streng schaute er mich an. „Kannst du das bitte sein lassen? Ich habe keine Lust, unsere Vorräte schon gleich am Anfang der Reise verderben zu lassen.“

    Danke! Beinahe wäre ich ihm vor Erleichterung um den Hals gefallen.

    „Wie du meinst“, stammelte ich stattdessen, noch immer starr von all der Anspannung. „Packen wir die Vorräte noch etwas besser ein und ich verschiebe den Regen auf später.“

    „Aber...“, begann Wisha scharf, doch Turris ließ sie nicht ausreden.

    „Reite mit Eszella nach vorne, um uns zu schützen“, befahl er. „Mit Murissa habe ich noch kurz etwas zu besprechen.“

    Mit finsteren Blicken gehorchte die Windkönigin und trabte vorwärts. Eszella folgte ihr. Ich konnte es kaum fassen, wie lammfromm sich diese Gewitterhexen in seiner Gegenwart benahmen. Ob Wisha genauso wie ich bis über beide Ohren in ihn verschossen war...?

    Turris ritt an meine Seite und beugte sich ganz nah an mich heran. Kaum hörbar fragte er:

    „Ich bekomme das überhaupt nicht aus dem Kopf heraus. Sag mal - warum hast du mich gefragt, ob ich ausgerechnet aus einem Brunnen komme? – wo kommst du denn her? Bist du vielleicht in einem Brunnen geboren?“

    Und ich hatte geglaubt, er würde mich retten. Stattdessen riss er mich sozusagen aus dem einen Schlammloch heraus, um mich in ein anderes zu tauchen. Die Hitze, die mich jetzt überkam, war sogar ungleich heftiger als der Angstschweiß von eben gerade. Es war eine Sache, eine hochmütige Hexe zu enttäuschen – und eine ganz andere, das Herz eines Märchenprinzen eventuell wieder zu verlieren.

    In einem Brunnen geboren!? Ich?

    „Och, ja, kann man so sagen“, stotterte ich und versuchte krampfhaft, unter all den wilden Gedanken, die plötzlich in meinem ansonsten absolut leergefegten Hirn herumflogen, irgendeinen gescheiten zu fangen.

    „Willst du mir erzählen, da leben wirklich Leute?“, fragte er mit so drängender Energie in der Stimme, als hinge sein Seelenheil von meiner Antwort ab. „In der Enge und ohne dass sie jemand sieht? Ich meine, ich habe noch nicht einmal davon gehört, irgendwer wäre lebendig einem Brunnen entstiegen.“

    Ich auch nicht, dachte ich, während ich anfing mich dafür zu verwünschen, dass ich jetzt quasi gezwungen war, ihm diese vernünftige Erkenntnis auszureden. „Es ist nicht so eng in manchen Brunnen, wie es von oben aussieht“, plapperte ich drauflos und wünschte mir gleichzeitig, es möge doch mal eine Zeit kommen, in der ich ihm einfach ganz normale Dinge erzählen dürfte. Da seine Blicke aber noch immer wie mit Tonnengewichten auf mir lasteten, fuhr ich fort, indem ich eine der Geschichten meiner Mutter zum Besten gab: „Bei uns daheim gab es zum Beispiel einen Torbrunnen, wie die Meerbewohner ihn nennen. Der sieht wie ein gewöhnlicher Brunnen aus, aber ganz unten in der Tiefe führt er zum Untermeer, das so heißt weil es unter der Erde ist. Da wohnen Froschmenschen. Die kommen aber nicht hoch, weil sie Angst vor der Sonne haben. Sie denken, Sonnenstrahlen würden sie töten.“

    Turris sog meine Worte in sich auf und seine Augen wurden immer größer, je länger ich fantasierte.

    „Es muss dunkel sein in diesem Untermeer, wenn ihr da keine Sonne habt“, murmelte er schließlich, so als hätten ihn die vielen Informationen ganz erschlagen.

    „Nein, gar nicht“, widersprach ich eifrig, „die Paläste dort werden von dem berühmten Meeresleuchten erhellt, davon hast du bestimmt gehört.“

    Turris starrte mich an.

    Ich durfte ihn nicht weiter fragen lassen, sonst würde ich früher oder später an einen Punkt kommen, wo ich entweder nicht mehr weiter wusste oder aber anfangen würde, mich in meinen eigenen Geschichten zu verheddern. „Darf ich dich auch was fragen?“, fuhr ich deshalb fort. „In dem See, wo du geboren bist...“

    Ein Geräusch am Himmel veranlasste mich aufzublicken. Ein riesiger schwarzer Schatten schwebte über uns. Ich erkannte die gewaltigen ledrigen Schwingen der finsteren Klymera.

    „Fünfzig Soldaten voraus“, meldete sie. „Es sind Darghessaner, aus den Uniformen zu schließen. Sie werden uns recht schnell erreichen.“

    Turris wurde blass. „Verstecken wir uns hier im Wald.“

    „Wo denn? Es ist doch alles zugewachsen. Wir kommen nicht hinein“, gab einer der Wegkundigen zu bedenken. „Schon gar nicht mit den Pferden.“

    „Soll Murissa doch mal zeigen, was sie kann!“, rief Eszella laut von vorne. „Ein ordentliches Gewitter und DIE werden sich verstecken, nicht wir.“

    „Du kannst Gewitter erzeugen?“, hörte ich Klymeras Stimme ungläubig über mir klingen.

    „Ja sicher“, trompetete ich laut, obwohl sich mir gleichzeitig fast der Magen umdrehte. Ach herrje. Ich hätte es lassen sollen. Ich hätte bei den Bettlerbaracken bleiben sollen. Mich von Käfern und Sauerampfer ernähren und ... schweigen.

    Welcher Irrsinn hatte mich geritten?

    Hektisch versuchte ich den Geruch des fernen Gewitters zu erspüren. Es lag nun deutlicher in der Luft als zuvor, aber noch längst nicht nah genug, dass ich einen baldigen Wolkenerguss prophezeien könnte.

    „Auch Blitze?“, fragte Klymera.

    Ja klar. Ich konnte mir vorstellen, wie attraktiv die für die Feuerhexe sein mussten.

    „Blitze sind inklusive“, bestätigte ich bebend.

    „Könntest du einen für mich lassen?“, erklang wieder ihre dunkle Stimme und erst jetzt hörte ich den Hohn heraus, der darin mitschwang. Ich beschloss, ihn zu ignorieren.

    „Mach ich gerne“, behauptete ich gönnerhaft.

    Sie ließ mir drei kleine Augenblicke. Dann rief sie auffordernd:

    „He, diese Soldaten laufen hier gleich auf. Es ist Zeit dein Gewitter zu starten!“

    Tatsächlich hörte ich nun aus der Ferne den Hufschlag einer herannahenden Reitergruppe, der schnell immer lauter und bedrohlicher wurde.

    Ich bin verloren.

    Hastig fing ich wieder an, zum Himmel hochzublicken und mit den Armen theatralische Gesten zu machen. Ein paar Wolken hatten sich dort oben mittlerweile sogar versammelt und weiter hinten waren auch Dunklere im Anmarsch. Vielleicht hatte ich Glück? Vielleicht war der richtige Zeitpunkt gerade gekommen?

    Ich schnippte dreimal kräftig mit den Fingern.

    Tatsächlich fing es nun zaghaft an zu tröpfeln. Wisha, die inzwischen zu uns herangeritten war, wischte sich ärgerlich einen Spritzer von der Wange.

    „Das nennst du Regen?“, grollte sie.

    „Wie würdest du es denn nennen?“, gab ich trotzig zurück. „Es wird gleich mehr. Warte ab.“

    Lautes Gebrüll von vorne enthob uns einer Fortsetzung dieses Gespräches, wo ich jetzt zu meinem Schrecken die Soldaten sehen konnte. Es waren bestimmt mehr als fünfzig Mann. Ich konnte das Ende des langen Zuges aus meiner Position heraus gar nicht sehen.

    „Eure Packpferde sind beschlagnahmt!“, röhrte einer der Fremden laut genug, dass ich zusammenzuckte. „Her damit!“

    Eszella schnaubte. „Komm Wisha. Wir kümmern uns um sie.“

    Danke ihr Lieben fürs Lesen und Nachdenken.


    Rainbow


    Thorsten


    Ich bastele im Moment noch etwas an dem Magischen Buch herum, da sind mir noch ein paar Ideen gekommen. :)

    Also vielleicht kommt demnächst noch ein Update zu dem Thema.