Beiträge von Kirisha

    Lieben Dank euch allen für eure Anmerkungen! Gerade an dieser Stelle bin ich doch ziemlich unsicher und darum ist es wichtig für mich zu hören, was ihr dazu meint.


    Rainbow


    Litu



    Thorsten



    Also, hier geht es nun weiter:


    34.2 Das Nebelmeer

    Wisha trat einen Schritt an den Erdspalt heran, der uns trennte.

    „Wir sind wir am Ende der Märchenstunde angelangt. Und auch am Ende der Reise“, erklärte sie kühl. „Da unsere sogenannte Wasserhexe ihren Part nicht erfüllen kann, werden wir diese Meeresgrenze nicht überschreiten. Weiter als bis hier können wir deshalb nicht kommen. Also würde ich sagen, es ist Zahltag und dann gehen wir alle wieder nach Hause.“

    Sie hielt ihre Hände auf und streckte sie auffordernd Turris entgegen. Auch Klymera verlangte auf diese Weise ihren Lohn.

    Turris fuhr auf. Seine Augen wurden pechschwarz, seine Gestalt schien zu wachsen, es war, als legte er von einem Moment zum anderen das Kostüm seiner Zurückhaltung ab und zeigte sein wahres Gesicht.

    „Jetzt reicht es. Warum weigert ihr euch, mir zu helfen? Wir sind hier, um das Nebelmeer zu überqueren, das war unsere Vereinbarung, und ihr werdet sie zum Teufel nochmal nicht brechen, sonst lernt ihr mich kennen! Das Nebelmeer ist nicht zu überwinden? Ihr habt es doch noch gar nicht ernsthaft versucht! – Los jetzt! Findet einen Durchgang! Ihr alle! Das ist ein Befehl!“

    Auf das Kommando drehten wir uns alle vier zum Meer zurück. Doch während meine Kolleginnen sich auf die Nebelwand fokussierten, hörte ich hinter mir ein ekelhaftes Gurgeln und Tosen aus der Tiefe, das mich erzittern ließ. Ich erkannte das Geräusch: Das wilde Zischen und Brausen wurde von Wasser verursacht, das die Erdspalte zwischen uns und Turris voller Wasser laufen ließ. Bei mir schrillten alle Alarmglocken. So viel Wasser so dicht vor seiner Nase würde sein Kraftfeld explodieren lassen. Nein, ich konnte jetzt nicht nach Durchgängen suchen, wenn wir die nächsten Augenblicke überleben wollten.

    Hastig wirbelte ich herum. Doch zu spät. In der Erdspalte hatte sich bereits ein Fluss gebildet und Turris sprang eben in diesem Moment kopfüber hinein. Direkt vor meiner Nase kletterte er wieder aus dem Wasser. Seine stechende Strahlung traf mich unvorbereitet hart, ich riss meine Hände vor das Gesicht, um wenigstens das zu schützen, doch diesmal warf ich mich nicht zu Boden. Ich musste ihn aufhalten. Wenn er das Meer erreichte ... nein, das musste ich verhindern.

    „Turris, geh zurück“, rief ich beschwörend, „du bringst uns in Gefahr!“

    Als wäre ich in einen Dornbusch gefallen, trafen mich pausenlos Stiche und Risse, ich musste an mich halten, um nicht zu schreien. Er schob mich mit der Hand zur Seite. Nein! Nicht zum Meer! Mit aller Gewalt widersetzte ich mich, stellte mich ihm in den Weg.

    „Warum seid ihr denn alle gegen mich?“, schrie er, „dreh dich um! Sieh diese Armee von Toten. Himmel, die stapeln sich ja übereinander bis in den Himmel ... Sind sie wirklich tot? Warum höre ich sie denn schreien? Ich helfe euch! Seid doch ruhig! ... und dort sind meine Kameraden! Könnt ihr mir den Durchgang öffnen?“

    Mein Körper war eine einzige offene Wunde. Ich hielt die ständigen Dornenstiche nicht länger aus, warf mich in den Sand. Meine Arme, mein Bauch und die Beine, alles brannte und schmerzte und der Sand machte es noch schlimmer. Aber das rasende Pochen und Puckern wurde noch von meiner Angst übertönt. Was, bei allen Göttern, glaubte Turris zu sehen? Welche Armee von Toten? Welche Kameraden? Hier war kein Mensch! Wir waren ganz allein!

    Mein Herz hammerte wie wild. Vorsichtig hob ich mein Gesicht. Die Hexen versuchten ebenfalls, Turris aufzuhalten. Eszella ließ eine Klippe zwischen sich und ihm aus dem Boden wachsen, wohl um sich vor seinen Strahlen zu schützen. Klymera versuchte vergebens, Flammen zu produzieren, jedes Feuer erstickte sofort in ihren Fingern. Denn Turris zog ein Rinnsal von Wasser hinter sich her, überall um ihn herum säuselte und sprudelte es.

    Ein schreckliches brodelndes Geräusch aus dem Meer ließ mich aufhorchen. Mitten aus den Fluten stiegen die Wassergeister auf. Es waren acht. Sie wuchsen ... aus ihren Fischschwänzen wurden haarige Beine, aus ihren Flossenkörpern lang aufgerichtete, menschenähnliche Gestalten, sie hatten krallenbewehrte Hände und Gesichter mit langen scharfen Haifischzähnen.

    Dann marschierten sie aus dem Meer heraus. Direkt auf uns zu. Wildes Geschrei gellte mir um die Ohren, ich weiß nicht wer von uns am lautesten brüllte.

    „Turris!“, schrie ich, „du musst weg hier!“

    Ich müsste ihn aufhalten! Noch stoppte ihn Klymeras Felsen, aber seine Strahlung hammerte unaufhörlich dagegen und zerbröckelte ihn schnell. Als er nur noch kniehoch war, hüpfte er darüber und marschierte mit harten Schritten an den Hexen vorbei auf das Ufer zu, als hätte er die Garde der grausigen acht Wassergeister, die im Nassen standen wie Dämonen, noch gar nicht wahrgenommen. Sie hechteten auf ihn zu, wie ein Rudel bissiger Wölfe stürzten sie ihm entgegen, als ob jeder der erste sein wollte, der seine Zähne in seinem Fleisch versenkte. Alle meine Glieder verkrampften sich – gleich würden sie ihm die Füße oder die Arme abbeißen! He, das wusste er doch. Jedes kleine Kind wusste, dass man sich vor Wassergeistern zu hüten hatte. Ich öffnete den Mund, um ihn zu warnen, aber ich war wie gelähmt, bekam keinen Ton heraus.

    Denn er stapfte bereits ohne zu Zögern ins Wasser hinein. Sämtliche Meereskreaturen begannen ihn zu umhüpfen. Ja wirklich, sie hauten ihm ihre Krallenhände auf die Schultern und hechelten ihm entgegen. Wie Hunde, die ihren Herrn lange nicht gesehen haben und sich vor lauter Freude wie Narren gebärden. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sie schnappten nicht nach ihm, kein einziger fletschte seine Haizähne, stattdessen röhrten und fiepten sie auf eine Weise, wie ich das noch nie gehört hatte. Er zeigte mit der Hand jedem seinen Platz, da versammelten sie sich und ihn herum und verharrten. Gleichzeitig waberten dunkle Schwaden aus dem Wasser zu ihm hoch und wehten um seine Gliedmaßen. Mir kroch eine Gänsehaut über den Rücken und ich spürte, wie sich alle meine Härchen einzeln sträubten und mich ein eisiger Hauch erfasste, als wäre ein plötzlicher Winter über mich hereingebrochen.

    Er drehte sich wieder zu uns. Mit Schrecken sah ich, wie sich auf seinen Beinen schwarze Schuppen bildeten, die von den Knien her, dort wo sie aus dem Wasser ragten, aufwärts wuchsen, über seine Hüften hinweg bis zu den Armen, die sich in Flossen mit Krallen am Ende verwandelten, ähnlich wie bei den Wassergeistern. Mehr erfasste ich nicht, weil er sich jetzt bückte, mit den Händen die Wellen berührte und als er sich aufrichtete, blieb das Wasser daran haften, zog er eine Riesenwelle mit sich hoch, die sich um ihn herum auftürmte wie eine Wand aus Verderben, die ihn überragte und drohte von oben direkt auf uns niederzustürzen. In der Wassermauer tauchten die acht Haimenschen neben ihm auf. Er war ein Monster!

    Ich schaffte es zu rennen, bevor der Tsunami mich erfasste, hörte noch hinter mir die Hexen kreischen, die Fluten auf den Boden aufklatschen und ein grollendes, knurrendes Geräusch, als wären alle Teufel der Unterwelt erwacht. Vielleicht kam es von ihm. Ich hatte sein Gesicht gesehen, ganz kurz. Die Eckzähne wie bei einem Tiger, das Kinn spitz zulaufend, die rotglühenden Augen – genau wie die Wassergeister - und die schwarzen Schuppen, die über seine Wange gewachsen waren. War das mein eigener gellender Schrei, der meine Ohren fast zerriss?

    Weg, weg, weg! Meine Beine flogen über den Sand, dann aufwärts zu den Felsen, außer Reichweite des Meeres, das ja anscheinend ihm gehorchte.

    „Wo willst du hin?“, schrie er mir nach. Selbst seine Stimme war anders. Dunkel, zerrissen. „Lässt du mich im Stich? Du hast versprochen, mir zu helfen!“

    Aber nicht versprochen mich umbringen zu lassen. Nur weg hier.

    Immer weiter rannte ich, sprang von Fels zu Fels über die unebenen Uferklippen, stolperte, schlug mir die Knie auf, jagte weiter. Nur nicht umdrehen. Das Herz schlug mir so wild in der Brust, als müsste es gleich zerspringen. Ich musste weg vom Wasser, weil das sein Element war. Also kletterte ich die Klippen hinauf zum Wald hin. Nein, es war kein Wald. Dschungel. Undurchdringliches Gebiet, von Bäumen, Sträuchern und Ranken vollkommen überwuchert. So wie überall. Ich würde eine Eszella brauchen, die mir gewaltsam einen Weg hindurchschlug. Okay, dann nicht. Dann halt weiter am Ufer lang. Ich wagte einen hastigen Blick zurück.

    Es war, als ginge die Welt unter über genau jener Stelle, wo ich meine Leute wusste. Riesenhafte Wellen türmten sich über dem Strand, Windböen wirbelten Dünenwälle hinein, Blitze zuckten vom Himmel herunter und am Waldrand schienen gar die Felsen zu tanzen.

    Ich erschauerte. Kämpften sie gegeneinander? Wusste Turris, was er tat, oder blendete ihn die Magie der Wassergeister? Er hatte so wirr geredet ...

    Der nächste Schauer kroch mir über den Rücken. Ich hatte Glück gehabt, dass ich entkommen war. Bis jetzt. Tief bis ins Innere erschrocken hastete ich weiter. Immer an dem schrecklichen Ufer entlang.

    Du kannst ihm gar nicht entkommen. Bestimmt kann er auch schwimmen und wenn er nur will, ist er in einem Augenblick hier.

    Vielleicht aber auch nicht! Momentan hielten ihn ja die anderen Hexen auf. Vielleicht konnte ich mich retten. Auch wenn mir verflixt das Gewissen schlug dafür, dass ich sie einfach im Stich ließ. Aber, wie Klymera so treffend bemerkt hatte: Da hätte ich sowieso nicht helfen können.

    Erst als mir die Luft ausging und ich gezwungen war eine Pause zu machen, ging mir so langsam auf, dass ich es bis jetzt nur geschafft hatte, mich von einem Schlamassel in einen anderen zu katapultieren. Ich war am Ende der uns bekannten Welt, hier wohnte kein Mensch und es gab keine Wege ... Wohin könnte ich fliehen?

    Wie sollte ich alleine jemals wieder zurück in irgendeine Stadt oder wenigstens ein Dorf kommen? Ich war wieder dort, wo ich am Anfang gewesen war. Eine Vagabundin allein in der Wildnis.

    Die Wassergeister folgten mir nicht. Sie hechelten wahrscheinlich immer noch um Turris herum. Aber es war mir fast egal. Ich würde dieses Wasser sowieso nicht mehr betreten. Oder musste ich? Im Prinzip hatte er Recht, ich hatte ihm versprochen, die magische Grenze zu überwinden. War ich unter diesen Umständen wohl immer noch an dieses fatale Versprechen gebunden? Ich denke, nein. Ich hatte das Turris versprochen, nicht diesem Monster der Unterwelt, das er geworden war.

    Ein Bild stieg in meiner Erinnerung auf. Daheim in Aravenna gab es ein verrufenes Gebiet, den sogenannten Sumpfsee. Dahin hatte ich mich nie getraut, weil er nicht nur voller Wassergeister war, sondern dort nach Erzählungen der anderen Straßenmädchen auch Seeteufel lebten. Die waren im Gegensatz zu den Geistern nicht an das Wasser gebunden, sondern konnten jederzeit herauskommen und zerfleischten dann jeden, den sie erwischten, mit ihren langen Eckzähnen. Angeblich sollten diese Bestien so groß sein wie Menschen, aber Krallen, Fischschuppen und mordsmässig lange Zähne haben. War das nicht exakt so, wie Turris eben ausgesehen hatte?

    Seeteufel... Natürlich hatte ich die Saga damals nicht geglaubt. Oder nicht so wirklich. Bei allen Dämonen der Unterwelt, die gab es wirklich? Sie liefen womöglich überall unerkannt auf den Straßen herum, nur darauf lauernd, Leute ins Verderben zu bringen? Oder was sonst war ihr Ziel - was für Wesen waren das genau?

    Ich verbot mir weiterzudenken, weil mir übel wurde und meine Beine drohten, mir den Dienst zu versagen. Letztlich spielte es keine Rolle, wie genau sich die verschiedenene Geister und Dämonen unterschieden.

    Am ganzen Körper bebend ging ich weiter. Schritt für Schritt durch das Niemandsland. Erst jetzt begann ich langsam zu begreifen, was ich verloren hatte.

    Turris einfach wieder zu vergessen, das war schwerer als ich gedacht hatte. Gerade jetzt sah ich seine wehende Pferdemähne und seine warmen Augen so deutlich vor mir ... Auch sein beschwörendes: „Vertrau mir!“ klang noch immer in meinen Ohren und es hörte sich plötzlich so zart, so rein und ehrlich an, dass ich anfing zu zweifeln, ob ein Monster wirklich so reden könnte. Ach, es wäre so schön, könnte ich einfach alles vergessen, was ich gerade gesehen hatte, zu ihm zurücklaufen und ihm um den Hals fallen!

    Ich kämpfte mit den Tränen. Diese Träumerei machte alles nur schlimmer. Was war aus dem netten, verständnisvollen, sanftmütigen Turris geworden, den ich kennengelernt hatte? Der war doch nicht weg? Wurde er von diesem Monster aufgefressen und könnte ich ihn retten, wenn ich diesen Schlüssel hinter dem Nebelmeer finden würde? Vielleicht war er gleichzeitig das Monster und auch dessen Opfer und es wäre meine Aufgabe, ihm zu helfen. Ich wäre dann sogar wohl die Einzige, die es könnte. Müsste ich nicht zurückkehren und das wenigstens versuchen? Egal wie gefährlich es war?

    Ha, klar, ausgerechnet ich. Ich war wohl eher die Einzige aus unserer Truppe, die überhaupt keine Fähigkeiten hatte außer der, zu lügen wie ein Kobold, zu klauen wie eine Elster und ansonsten allen wie ein Klotz am Bein zu hängen. Es war aussichtslos. Mir konnte sowas überhaupt nicht gelingen.

    Und höchstwahrscheinlich wäre es auch sinnlos. Er hatte mich getäuscht! Er war kein netter Junge, war es nie gewesen. Nein: Ein Seeteufel...! Ein dumpfer Schmerz breitete sich in mir aus. Wie ein Steinklotz hing er in meinem Magen, aus dem giftige Säure floss. Und die ätzte sich durch mein ganzes Selbst. Ich war ein einziges Häufchen Elend.

    Ich war auch von diesem Abschnitt hier mal wieder echt begeistert.

    Da hast du einen Aspekt gebracht, den ich irgendwie nicht erwartet hatte, nämlich Dagons Handlungen erklärbar (naja, wenigstens halbwegs erklärbar) gemacht und ihn als eine lebensechte Figur dargestellt. Irgendwie hatte ich Dagon eigentlich als "der Böse" auf dem Schirm und oftmals gibt es ja für "den Bösen" in Geschichten keinen Hintergrund, der ist halt einfach so. Du gibst ihm also Charakter. Ehrlich gesagt, konnte ich Dagon anfangs nicht leiden und dachte aber, du hättest es ja auch so gedacht. Diese Spielereien von ihm mit den schicken Kostümen und dem stilisierten Auftreten, ich dachte, das ist halt das Anzeichen eines kranken Geistes. Jetzt zeigst du ihn plötzlich als einen, der ursprünglich mal gut war, ein gefallener Engel, und ich fange an ihn nachzuvollziehen und ihn zu verstehen (naja, also teilweise) - das ist echt fies, es ist ein bisschen ein Darth-Vader-Feeling. Wenn du so weiter machst, fange ich noch an den Typen zu mögen (Neee!)

    Das finde ich jedenfalls sehr mitreißend und ECHT COOL!

    Du wirst immer besser! (ja, ich wiederhole mich)

    und noch dazu Freddys blöden Kommentare, haha ... mach weiter so!

    Ich mag die Geschichten vom Himmel unglaublich gern, wenn du schilderst, was da so passiert und wie die Engelsfürsten etc sich verhalten, das ist einfach faszinierend.:love:

    Hab gerade etwas Mühe, da überhaupt was zu kritisieren, weil mir der Text so gut gefällt.

    Hallo ihr Lieben,

    vielen Dank für eure erhellenden Kommentare!


    Rainbow

    Mehr Ehrfurcht vor der Göttin - ja, ich bin da wohl meist zu salopp. Da schau ich noch mal drüber, ich kann den Einwand nachvollziehen.

    Auch die Nebelwand muss ich mir wohl nochmal vorknöpfen und versuchen, sie ausführlicher und klarer darzustellen.

    Und die Umgangssprache - ja, das ändere ich auch.


    Thorsten und Litu


    Ja, genau, ich denke auch , "Ruhe vor dem Sturm" trifft es ganz gut.


    Den folgenden Text habe ich jetzt schon ein paarmal umgeschrieben. Er ist wahrscheinlich immer noch zu langatmig angesichts der Situation, aber ich wollte die Dialoge nicht herunterkürzen. Mal sehen, was ihr dazu meint.


    34.1 Das Nebelmeer


    „Er ... er wird nicht herkommen“, stammelte ich. „Das hat er mir selber gesagt. Sonst könnte er uns doch gefährden. Er bleibt da oben und wir müssen alleine versuchen, einen Durchgang zu finden.“

    Turris stand noch immer auf dem Hügel mit einem seltsam verzerrten Gesichtsausdruck. Er sah aus, als wehrte er sich mit allen Kräften gegen jemanden, der ihn vorwärts zog. Nur dass niemand in seiner Nähe stand. Mit einem Ruck ging er plötzlich vorwärts. Es sah aus, als wäre ein Seil gerissen, das ihn festgehalten hatte, er stürmte den Weg herunter, wobei er voller Begeisterung das Nebelmeer musterte, die ganze lange Linie seines Ufers entlang. Dann sah er uns. Und kam auf uns zu. Der Hagel seiner schwarzen Strahlung flog uns immer näher. Schnell drehte ich mich um, presste meine Spitzhacke hinter mich, um wenigstens meinen Rücken zu schützen. Wie Dornenspitzen trafen mich seine Dämonenpfeile, diesmal schmerzhafter als bei dem Felsen. Ihre Kraft zeigte sich hier viel stärker. Ich warf mich auf den Boden. Natürlich, dachte ich mit wummerndem Herzen. Wir waren am Meer, seinem Element. Nirgends war er stärker als hier. Ich war dumm gewesen, mir das nicht vorher schon auszurechnen.

    Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sich auch meine Kolleginnen platt auf den Boden drückten.

    Verzweifelt versuchte ich, einen klaren Gedanken zu fassen. Dies war nicht geplant – was machte er? War die finstere Macht stärker als er?

    Aus den Augenwinkeln versuchte ich, ihn zu erkennen. Er bewegte sich anders als gewöhnlich. Steifer, zackiger. Sichtlich erregt schrie er, als er näher kam:

    „Hoch mit euch, warum liegt ihr da unten? Sucht nach einem Weg über das Meer! Jetzt, sofort!“

    Zitternd blieb ich am Boden liegen. Aufstehen, wollte er uns umbringen? Hier unten war es einigermaßen erträglich, da die meisten seiner Strahlen über unsere Köpfe wegflogen und nur wenige trafen.

    Glücklicherweise kam Turris jetzt auf die Idee, seinen Schutzschild zu benutzen und ihn so vor seine Brust zu halten, dass seine Strahlung nun gegen diesen hagelte und nicht mehr gegen uns.

    Wisha, Eszella und Klymera erhoben sich vorsichtig und auch ich folgte ihrem Beispiel. Jedoch ließ ich Turris nicht aus den Augen, angespannt am ganzen Körper wartete ich auf sein Signal, dass er die Kontrolle zurückgewonnen hätte.

    „Diese Lügnerin kann das Meer nicht überwinden“, sagte Wisha anklagend und wies mit der Hand in meine Richtung. „Sie ist gar keine Wasserhexe. Sie kann nichts! Überhaupt nichts! Wir haben den ganzen Weg umsonst gemacht und während wir drei – Eszella, Klymera und ich – treu unsere Pflicht getan haben, wird diese kleine Schmarotzerin ihren Teil der Arbeit nicht erfüllen und nur ihretwegen versanden wir hier!“

    „Schweig“, fuhr Turris sie an und nickte mir zu. Seine Augen begannen leidenschaftlich zu glitzern und ich spürte mit Schrecken, dass sein Körper vor stechender, bösartiger Strahlung nur so pulsierte, die dicker und stärker zu werden begann. Der Hagelsturm gegen seinen Schutzschild donnerte so laut, dass ich kaum seine Worte verstand.

    Noch nie hatte ich die dunkle Magie an ihm deutlicher gesehen und gespürt. Plötzlich war meine eigene Blamage gar nicht mehr das Schlimmste, was mir geschehen konnte – noch viel mehr Angst hatte ich davor, was mit ihm passieren könnte. Wusste er wirklich, was er tat?

    „Siehst du den Durchgang, Murissa?“, fragte Turris mit seltsam metallischer, exaltierter Stimme. „Und würdest du mir zeigen, wie du als Meermädchen aussiehst? Ich muss zugeben, dass ich schon wahnsinig neugierig darauf bin.“

    „Jetzt?“, ergänzte Wisha höhnisch.

    In meinem Kopf begann es zu dröhnen. Ich bekam den Mund nicht auf. Zu dem mörderischen Wasser konnte ich nicht gehen, da die Geister darin auf und absprangen wie wild. Aber ich würde mich nicht verloren geben.

    „Du hast gesagt, ich muss nichts können“, stotterte ich, meiner Stimme kaum mächtig, die seltsam dünn klang. „Das Meer wäre offen ... nicht? Das sagtest du. Sei ganz ruhig, das geht alles gut. Wir finden schon einen Weg, irgendwie...“

    Er stutzte. Sein ganzes Wesen war so verändert, wilder, stürmischer, und das verunsicherte mich enorm. Er war nicht dabei, ein anderer zu werden – oder? War er immer so gewesen und hatte das nur versteckt?

    „Ich weiß, dass du den Weg findest“, erwiderte er laut und in einem Ton, als wäre das eine Aufforderung, „aber ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen... bitte, Murissa, schlag mir das nicht ab!“

    Er stapfte immer näher an uns heran. Glücklicherweise stoppte ihn nun Eszellas Erdspalte, die meterweit den Strand zwischen uns und ihm aufgerissen hatte.

    Einladend machte er eine Geste zum Wasser hin, die mich wohl auffordern sollte, mein Nixendebüt zu geben. Als er meinen erschrockenen Blick sah, lachte er mich an. „Ach, du hast Angst vor den Wassergeistern, oder? Soll ich die aus dem Weg holen?“

    Stirnrunzelnd ging er am Rand der Spalte entlang und schien zu überlegen, wie er sie überwinden könnte. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Eszellas verunglückter Zauber schützte uns jetzt vor ihm.

    Klymera boxte mich in die Seite.

    „Nun steh nicht wie versteinert“, zischte sie mir zu. „Der Typ bringt uns um, wenn du die Lage nicht bereinigst. Ruf die heilige Gorrogon, damit sie dir Kräfte gibt, dann regelt sich das hier schon alles, für dich, und für uns!“

    Das wurde immer schlimmer! Schon bei meinem letzten Versuch hatte diese Göttin mich doch ignoriert. Gehorsam flüsterte ich ein paarmal ihren Namen, doch der Himmel über mir blieb still.

    „Sie hört mich nicht“, wisperte ich kleinlaut zurück. „Oder ich höre sie nicht, wie auch immer – das funktioniert leider nicht.“

    Fieberhaft jagten mir die Gedanken durch den Kopf. Sollte ich Turris erklären, dass ich ihn belogen hatte? Ich spürte, dass ich auf den Scherben meines eingebildeten Glückes stand und wahrscheinlich von jetzt an nie mehr anders als über Scherben gehen würde. Denn mein Versagen als Wassernixe konnte ich nicht länger vertuschen. Dabei war DAS die Eigenschaft an mir, die ihn am meisten faszinierte. Ausgerechnet eine Eigenschaft, die ich gar nicht besaß. Der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und mir selbst einzugestehen, dass Turris nicht für mich bestimmt war, dass er mich verachten würde - das tat weh.

    Gab es gar keine Lösung? Vielleicht könnte ich Klymera um eine Ladung Strahlen anbetteln – wie war das noch mit dieser Komplementärmagie?

    „Gib mir von deiner Kraft“, stammelte ich hektisch und knuffte Klymera in die Seite. „So wie bei den Schwarzen Felsen, als ich damit geflogen bin.“

    Die Feuerhexe nickte grimmig. Ihr Körper fing an zu knistern und bald darauf stoben helle Flammen aus ihren Fingern. Eine davon warf sie durch die Luft in meine Richtung. Unterwegs verdampfte sie und verwandelte sich in ein wolkenartiges kleines Etwas, das ich auffing. Es fühlte sich watteweich und etwas feucht an. Ach du je – und jetzt? Was könnte ich damit anfangen? Es war fürchterlich gehaltlos, ich hatte Angst es zu verlieren und presste es fest in meiner Hand. Es war, als quetschte ich Wasser aus einem Lappen. Als ich mit einem Finger über das nasse Etwas fuhr, spritzte es in einem dicken Strahl in die Luft und fiel dann zu Boden, wo es im Sand versickerte.

    Ernüchtert wandte ich mich an Klymera.

    „Gib mir noch einen Versuch“, wisperte ich ihr zu.

    „So klappt das nie“, fauchte sie mich an. „Du musst dir vorstellen können, was du tun willst! Und zwar, bevor du die Energie aktivierst!“

    „Dann mach du das doch für mich“, schlug ich vor.

    Sie rollte mit den Augen. „Verdammt, das hätte ich schon längst getan, aber das viele Wasser hier ist zum Ersticken. Es geht nicht. Du musst es schaffen, Murissa!“

    Mir traten die Tränen in die Augen. Was hatte ich uns eingebrockt? Ich hätte nicht lügen sollen. Ich hätte mit dem ganzen dummen Theater überhaupt gar nicht erst anfangen sollen.

    „Was ist los?“, rief Turris von der anderen Seite der Spalte zu mir herüber. Ich hörte genau die Anspannung in seiner Stimme. „Willst du dich nicht verwandeln oder ... kannst du nicht? Murissa ... Sag nicht, du hast mich belogen!“

    Ich nickte stumm. Es hatte keinen Sinn, länger Theater zu spielen.

    Das Lächeln gefror in seinen Augen und wich einem verwirrten, verständnislosen Ausdruck. Ich sah, dass er wohl glaubte, ich machte nur einen reichlich bescheuerten Witz.

    „Was?“ Der Ausdruck in seinem Gesicht verdüsterte sich auf eine Weise, die mir tief ins Herz fuhr. Gleichzeitig rutschte ihm vor Überraschung der Schild nach unten, weshalb seine bösartigen Strahlen wie ein Hagel scharfer kleiner Pfeile auf mich loszischten und ich zurückzuckte. Er merkte es erst nach einer Weile und zog ihn wieder hoch.

    „Warum?“, rief er. Der Ton seiner Stimme klang desperat. Ich spürte, dass er getroffen war und das machte alles noch schlimmer. Liebte er mich etwa? So wie ich ihn liebte?

    Herrje, was waren das denn für Gedanken. Natürlich liebte ich ihn nicht, das wäre ja unter den jetzigen Umständen einfach nur katastrophal.

    „Ich war sozusagen gezwungen“, beteuerte ich bebend, „du hättest mich ja sonst nicht mitgenommen und ich wollte unbedingt mit dir reiten. Weil ich dich gleich von Anfang an so ... wahnsinnig gerne mochte.“

    Himmel, jetzt hatte ich doch gesagt, was ich unter den jetzigen Umständen lieber verbergen wollte. Ich spürte, wie sich meine Wangen verräterisch verfärbten.

    Turris´ Hände bohrten sich in den Schild, dass er zu zittern begann.

    „Das darf nicht wahr sein…“ Noch immer fassungslos stierte er mich an – noch immer schien er zu hoffen, ich würde gleich rufen: „War nur ein Witz!“

    Das Blut stieg mir auf eine Weise zu Kopfe, dass ich wahrscheinlich inzwischen einer überreifen Tomate Konkurrenz machte oder sogar einem Haufen glühender Kohle im Kamin. Während seine Miene in derselben Geschwindigkeit zu einem Eisblock erstarrte. Verzweifelt versuchte er, die Fassung zu bewahren, rang mit seinem Schild und musste sich wohl mit Gewalt bezwingen, um sich – oder auch mir - nicht vor Enttäuschung die Haare alle einzelnd herauszureißen.

    „Murissa“, presste er schliesslich mit heiserer Stimme hervor. „Unsere Welt basiert auf einer Ordnung. Auf Regeln, Respekt und Wahrheit. Wenn du das mit Füßen trittst, bist du nicht besser als ein Schimmelpilz. Ein Geschwür, das die Pfeiler der Gesellschaft zerstört.“

    Sag doch Parasit. Das hat Meister Uterjahn auch immer zu mir gesagt. Ich bin wieder da, wo ich herkomme – am Boden der Gesellschaft und unter den Füßen der anständigen Leute. Nur dass es jetzt viel schwerer zu ertragen ist, weil ich einmal das andere Leben gesehen habe.

    „Ordnung und Wahrheit gibt es nur für die Leute, die dazugehören”, flüsterte ich. „Für die anderen sind das die Fallstricke, die sie zur Strecke bringen. Turris, ich bin ein Straßenmädchen. Ich lebe von Sachen, die andere Leute verlieren oder wegwerfen oder die ich ihnen klaue. Und davon, dass ich niemals jemandem die Wahrheit über irgendwas erzähle, was ich gemacht habe.”

    Jetzt war es heraus.

    Und mein Märchen zerstört.

    Turris mochte mich nicht mehr anschauen. Er blickte stattdessen über uns hinweg zu der Nebelwand hin.

    „Eine gewöhnliche Diebin und Betrügerin“, hörte ich seine gepresste Stimme. Beinahe wäre ich in mich zusammengefallen wie ein Haufen von vertrockneten Blättern. Aus seinem Mund hörte es sich an, als wäre ich eine Art Pest. Eigentlich hatte ich gedacht, ich wäre daran gewöhnt verachtet zu werden. Das Nasenrümpfen der Anderen war sozusagen das Stroh, auf dem ich jede Nacht schlief. Aber diese Verachtung in den Augen des einzigen Mannes zu sehen, an dessen Gefallen mir so unendlich gelegen war … das brannte sich in mich hinein wie Brennesselstiche an tausend Stellen gleichzeitig. Geraume Zeit stand er still, während ich seine Verzweiflung wachsen sah und sich seine Blicke in mich hineinbohrten, als könnten sie, wenn sie nur tief genug drangen, doch noch irgendwelche Flossen aus mir herausholen. Schließlich brach es aus ihm heraus: „Aber sind wir denn nicht gleich, du und ich? Wie sonst könntest du so viele Details vom Leben unter Wasser kennen? Die saugt man sich doch nicht so einfach aus den Fingern?“

    Mir blieb der Mund offen stehen. Sind wir gleich - Wie meinte er das? Hielt er sich für eine Art Wassermenschen? Und er dachte, ich wär auch einer? Ach! Wenn ich´s doch wäre! Was gäbe ich darum, „gleich“ mit ihm zu sein!

    Was sollte ich ihm darauf antworten – dass sich all diese hübschen Märchen meine Mutter aus den Fingern gesogen hatte? Aber ich schwieg, denn ich wusste, dass ich ihn verloren hatte. Was hatte ich auch erwartet? Dass ich mit diesem ganzen Meer aus Lügen durchkommen würde? Dass Froschkönige existierten? Nein! Taten sie nicht! Außerdem hatte er doch genauso gelogen wie ich, wollte es nur nicht zugeben.

    Sein Gesicht färbte sich grau und über seine Augen fielen tiefe Schatten.

    Lass dir Zeit. Der erste Entwurf meiner Murissa-Geschichte, die ich hier gerade poste, stammt aus dem Jahr 1998. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um die richtige Form zu finden und auch immer zwischendurch lange Pausen gemacht. Wenn du schneller bist als so, hast du mich schon überholt :)

    Vielleicht kann ich es mal versuchen. Frage: Wie mache ich das technisch? Ich habe nur ein Uralt-Handy ohne Internet und ohne Sprachfunktion. Ich müsste wohl irgendeine Audio-Datei erstellen? Wie?

    Hallo ihr Lieben,

    vielen Dank für eure Kommentare, die mir noch einiges zu denken gegeben haben. Ich glaube, dieser Part ist noch nicht richtig rund und da muss ich mir noch Gedanken machen, wie ich das besser hinbekomme.


    Etiam Thorsten Rainbow


    Und hier geht es nun weiter:


    34. Das Nebelmeer

    Murissa


    Der weitere Weg war undurchdringlich und so zugewachsen, dass Eszella eine Menge Felsen einschlagen und Wisha eine Menge Bäume umwehen musste, damit wir diese Wildnis überhaupt durchqueren konnten.

    Dann erreichten wir unser Ziel.

    Vor uns lag das Nebelmeer. Es bestand auf den ersten Blick beinahe mehr aus Nebel als aus Meer und wirkte deshalb ein wenig unheimlich. Vor uns erstreckte sich unter dunstigen Schwaden eine gewaltige Wasserlinie zu beiden Seiten. Mir wurde mulmig zumute. Nun konnte ich meinem Schicksal nicht länger ausweichen. Eszella und Wisha hatten schon beim Näherkommen immer wieder Witze über Wasserjungfrauen gemacht und mir war klar, dass sie meinen lang angekündigten Auftritt als Meermädchen auf jeden Fall verlangen würden. Ich sah mit Grausen meiner unvermeidlichen Blamage entgegen. Den „Verwandler“ vom Basar hatte ich dummerweise schon gegen den Drachen verballert. Nach genauer Inspektion stellte ich fest, dass er dabei verkokelt war und keinerlei Zunder für einen eventuellen zweiten Zauber übrig hatte. Deshalb war ich bereits ein ziemliches Nervenbündel, als die anderen zu schreien begannen:

    „Wir sind da! – Wir sind da!“

    Wir traten aus dem Waldweg heraus. Vor uns erstreckte sich an einem langgezogenen Ufer aus Sand und Felsen das versprochene Nebelmeer. Wasser, soweit das Auge reichte und darüber Nebel bis zum Himmelsende. Ein Ende des Wassers war weder zu den Seiten zu erkennen, wo sich der blaue Streifen bis in die Unendlichkeit hin zog, noch am Horizont. Denn hinter diesem erhob sich dichter, unwirklich aussehender Nebel, der den ganzen Himmel bedeckte. Ohne Zweifel befanden wir uns am Nebelmeer, der äußeren Grenze des Landes, von der unklar war, ob sie schon mal jemand überschritten hatte.

    Die Zauberinnen traten vorsichtig den Abhang hinunter und auf das Ufer zu. Sie betrachteten das Meer und die überwältigende Nebelkulisse, die hinter dem Wasser alles in dichte Wolken einhüllte. Die Soldaten verharrten im Wald. Keiner traute sich näher heran.

    Mein Fuß war inzwischen leider wieder in Ordnung, sodass ich ihn nicht für eine Ausrede benutzen konnte. Deshalb sah ich mich gezwungen, ebenfalls sehr tapfer den Abhang hinunter und zum Meer hinzugehen. In achtungsvoller Entfernung vom Ufer blieb ich stehen und blickte auf das Wasser. Darin plätscherten ein paar kleine Wellen und es waren viele Fische und viele Steine drin. Die Anzahl der von mir registrierten Wassergeister lag glücklicherweise bei Null. Mir blieb jedoch keine Zeit, mich darüber zu freuen, denn stattdessen bemerkte ich etwas Anderes. Eine extreme Wucht magischer Strahlung irgendwo vor mir. Ich konnte sie nicht genau lokalisieren. Sie schien quasi den gesamten Horizont zu umfassen und den ganzen Himmel.

    So langsam ging mir auf, um was es sich dabei handeln könnte.

    Nämlich um die Landesgrenze. Das war nicht einfach eine kleine Mauer. Sondern es handelte sich um eine Art ... Unendlichkeit. Eine unsichtbare Unendlichkeit zu beiden Seiten und nach oben. Die vollkommen aus Magie bestand.

    Endstation, dachte ich verblüfft. So allumfassend hatte ich mir unser „Hindernis“ nicht vorgestellt. Wahrscheinlich käme ich selbst mit der längsten Leiter der Welt nicht hinüber.

    Klymera zückte ihre Hellebarde, setzte sie mit einem Schwung ihres Zeigefingers in Brand und warf die meterhoch flammende Waffe mit Schwung in Richtung Meer. Sie schlug nur ein paar Meter entfernt oben in den Nebel ein und blieb dort, hoch über unseren Köpfen, im wolkigen Nirgendwo stecken. Es hallte laut, als ob ein Stein auf einen tiefgefrorenen See aufprallt. Ein ohrenbetäubendes Zischen erklang, unter dem sämtliche Flammen erstickten. Der Stiel der Waffe verfärbte sich schwarz und zersprang in tausend Stücke.

    Was war das für eine seltsame Grenze?

    Wisha fegte eine Windböe in das Meer und schaffte es, an einer Stelle das Ufer und einen kleinen Weg Richtung Grenze gänzlich von Wasser freizulegen. Am Boden lagen Steine und Sand und nur wenige Meter dahinter erhob sich eine Art Eiswand. Sie war hellblau und unglaublich hoch – schien kein Ende zu haben. Ich nahm meinen Mut zusammen und ging vorsichtig über den trockengelegten Sand entlang bis zur Eiswand hin. Vorsichtig berührte ich sie mit der Hand. Sie war kühl und hart und bei meiner Berührung fing sie an laut zu surren. Erschrocken wich ich zurück. Schon verlosch Wishas Zauber, der Nebel und das Wasser drohten über mir zusammenzuschlagen und ich rannte schnell ans Ufer zurück. Zögernd griff ich nach meiner Spitzhacke.

    Eszella schlug mit der Hand Richtung Erdboden, wodurch sie einen metertiefen Spalt in die Uferpromenade jagte. An ihrer Handbewegung sah ich, dass sie beabsichtigte, den Boden bis durch die Eiswand hin aufreißen zu lassen, doch der Ufersand widersetzte sich dem Zauber, wie eine unsichtbare Sperre blockierte es den Weg des immer weiter aufreißenden Spaltes, begann sich an der Aufprallstelle aufzuwölben zu einer Düne und lenkte die zerstörerische Kraft dann seitwärts weiter, wo sie den Strand krachend und polternd aufriss. Es entstand eine tiefe Erdspalte genau vor uns, die uns zwischen dem Nebelmeer und jener Stelle, wo unsere Leute am Waldrand warteten, den Weg versperrte. Gleichzeitig wurde das Surren der Eismauer immer grollender.

    Mir wurde gründlich unheimlich. Was lag hinter dieser Grenze? Vielleicht war es ja doch das Totenreich, auch wenn Turris das verneint hatte. Sollten wir tatsächlich versuchen, hinüberzukommen?

    Wisha drehte sich zu mir.

    Ich zitterte innerlich, denn ich sah ihr die Verachtung an den Augen an. Dass meine jämmerliche Spitzhacke tatsächlich auch nur ein winziges Löchlein in die überwältigende Nebelwand pieksen könnte, glaubte ich selber nicht. Es gab nur keine Alternative. Ich musste wenigstens so tun als ob. Trotzig packte ich die Hacke und wollte damit schon in das Wasser hinein und auf den Nebel zu marschieren. Bevor ich jedoch das Meer betrat, bemerkte ich etwas Dunkles unter den Wellen schimmern. Ich blickte genauer hinunter. Und dann sah ich sie. Ein ganzes Rudel. Mehrere flinke Wesen, groß wie Wölfe, bloß fischiger, mit Krallen an ihren Seitenflossen, langen Eckzähnen und schnappenden Mäulern, wirbelten in der Nähe des Ufers herum, die sich jetzt sehr zielbewusst an die Fersen meiner drei Begleiterinnen hefteten. Sie wirkten geisterhaft, mehr wie Schatten als wie lebendige Wesen, doch ich wusste, dass sie sehr real zubeißen konnten. Ich hätte wetten können, dass sie uns rochen und jetzt darauf warteten, eine von uns zu erwischen, die unvorsichtig genug wäre, ihren Fuß in das Wasser zu stecken. Die hatten mir gerade noch gefehlt!

    „Wassergeister“, bemerkte Wisha erschrocken. Sie wich vorsichtshalber mehrere Schritte vom Wasser weg. Genauso wie Eszella und Klymera. Und ich.

    „Das gibt es doch nicht.“ Eszella starrte wütend erst auf den Nebel um uns herum und dann auf die Geister. „Wir sind im Niemandsland. Ich hätte mir gleich denken sollen, dass wir hier ohne Ergebnis versanden. Oder verrecken.“

    „Das ist deine Aufgabe!“, fauchte Wisha mich an. „Du bist diejenige von uns die geprahlt hat, Wassergeister zu verscheuchen...“ Sie zeigte anklagend auf die Geister am Ufer, „... und Todesmeere zu überwinden!“ Sie klaubte voller Wut einen Stein vom Boden auf und warf ihn mit Wucht in den Nebel. Wieder erklang der unheimliche Hall und das Surren der Mauer wurde noch etwas lauter.

    „Und sich in ein Meermädchen zu verwandeln“, ergänzte Eszella säuerlich. „Kannst du wenigstens das?“

    Meine Glieder verwandelten sich in Ameisenhaufen. Alles darin kribbelte und schien sich zu zersetzen. Irgendwelche genialen Ideen bezüglich des Nixenproblems wollten mir einfach nicht kommen.

    Während die Erdhexe mich eben noch angefunkelt hatte, als wollte sie mich mit ihren Blicken zu Boden werfen, erstarrte sie plötzlich, schien mich komplett vergessen zu haben und glotzte voller Entsetzen etwas an, was sich offenbar hinter mir befand. Ich fuhr herum.

    Turris.

    Er stand hinten auf dem Hügel, von dem aus der Weg zum Ufer herunterführte. Sein Körper strahlte wie eine Fackel mit hunderten schwarzen Flammen, die wie kleine Pfeile in alle Richtungen schossen. Glücklicherweise war er weit genug von uns entfernt, dass uns die Pfeile nicht trafen.

    Noch nicht.

    Mich ergriff ein so tiefer Schrecken, dass die Beine unter mir wankten. Beinahe wäre ich in Tränen ausgebrochen. Hilfe! Hilfe! Hatte dieser Alptraum kein Ende?

    „Ach du Scheiße“, keuchte Wisha. „Lasst uns abhauen, schnell!“

    „Still, du feige Hündin“, knurrte Klymera leise. „Er tötet uns nicht, weil er uns braucht. Und ich will verdammt nochmal meinen Lohn.“

    „Falsch, hier kann er nur die Wasserhexe gebrauchen“, stammelte Eszella und zeigte mit angstgeweiteten Augen auf mich.

    Klymera schnaubte.

    „Und was wird sie wohl ausrichten, hm? Er braucht uns und er weiß es! Still jetzt. Er kommt. Ihr haltet die Klappe und lasst mich machen.“

    Nur mit Mühe gelang es mir, meine Angst zu bezwingen. Hatte Turris diese Lage nicht vorhergesehen? Die Magie des Nebels weckte seine dunkle Strahlung. Aber er würde sie nicht gegen uns einsetzen. Es war alles unter Kontrolle.

    Hey liebe Rainbow

    dieser Abschnitt ist einfach wundervoll, ich finde ihn enorm packend. Zuerst die Szene, in der Elias die Empfindungen von Emilia fühlen kann. Das geht echt unter die Haut.

    Dann die Erscheinung von Jesaja und die Rückkehr von Susan und Nils - das hat mich gepackt, wie Susan auf Elias und die Gefährten losgeht und glaubt, etwas Schlimmeres als ihr Erlebnis im Auto könnte es gar nicht geben - aus ihrer Sicht absolut verständlich - und eben darum sehr mitreißend.

    Dann versucht der Engel zu schlichten, fordert dazu auf, dass alle zusammenhalten sollen und der Feind draußen ist, nicht drinnen - alles Selbstverständlichkeiten, die man aber in der Erregung einer Stresssituation schon mal vergessen kann.

    Es ist eine wahnsinnig packende Szene, in der die Gefühle Achterbahn fahren, ich mag sowas.

    Haha und dann erinnert Jesaja noch an Lektionen aus dem 1. Semester, an die sich Micah nicht erinnert ...

    Ich finde, eine wahnsinnig tolle Szene. Meiner Meinung nach kannst du die einfach so lassen! :love:

    Hallo Etiam


    dieser Abschnitt gefällt mir sehr gut.

    Das einzige, was mich etwas erstaunt hat, war, was auch schon andere angemerkt haben - dass Sigi die einzige Überlebende in der Kirche ist und weder von allen Frauen und Mädchen noch von den Angreifern noch jemand da ist - abgesehen von dem Einen, den sie töten. Das wirkt irgendwie unplausibel. Irgendeine Bewegung sollte da schon noch sein, wenn Tjelvar kommt, meine ich. Vielleicht könnten sich die zwei letzten Draugars aus Versehen gegenseitig den Schädel einschlagen oder so, aber es kommt mir sonst wirklich unrealistisch vor, wenn man bedenkt, wie viele Leute in der Kirche gewesen sein müssen.

    Davon abgesehen ist es eine wirklich packende Szene und mir gefällt auch sehr gut der Dialog zwischen Sigi und Tjelvar.

    Hm, ja. Scheint so, als hätte ich da noch einiges zu tun. Das hatte ich eigentlich so nicht erwartet, aber ich schau es mir dann nochmal genauer an.

    Danke für eure Kommentare!


    Rainbow


    Litu


    Thorsten



    Hier kommt jetzt erstmal die Fortsetzung.


    33.1 Wassermänner

    Nur die Göttin persönlich kann einen Auftrag widerrufen. Aber ich weiß, dass sie es nicht tun wird. Sie lässt ihr Wort nicht infrage stellen. Das hat sie noch nie getan. Trotzdem strecke ich nun die Hände zum Himmel und rufe sie.

    Und mit mir rufen zahlreiche Kriegerinnen.

    "Kamamé, höre uns, heiligste aller Göttinnen!“

    Über uns erscheint die hohe Gestalt einer Kriegerin mit Hörnerhelm, die auf einem geflügelten Pferd durch die Luft schwebt. Diesmal erkenne ich ihr Gesicht sofort. Wie beim letzten Mal erscheint die Göttin mir als Königin Evenea die Glorreiche mit großen Augen und herrischen Lippen. Das scheint ein gutes Zeichen zu sein, oder? Sie war eine Siegerin. Nur der Blutstropfen auf ihrer Brust beunruhigt mich ein wenig. Aber er ist klein. Große Verluste sollte er nicht bedeuten.

    „Gute Arbeit, Mädchen. Ihr seid auf dem richtigen Weg. Folgt den Wasserwesen!“

    Schon löst sich die Erscheinung wieder in Luft auf.

    Wusste ich es doch. Sie wiederholt nur, was sie im Tempel schon gesagt hat. Die Göttin wird uns aus diesem Schlamassel nicht befreien. Das ernüchtert alle. Das Geschrei verstummt. Viele starren noch zum Himmel, als ich schon längst auf dem Boden der Tatsachen angekommen bin. Sollten wir gewinnen - Wir werden aus diesem Volk das Beste herausholen müssen. Vielleicht haben sie irgendwelche nützlichen Eigenschaften, die wir bis jetzt noch nicht entdeckt haben.

    Bis zum späten Nachmittag sind unsere Analytikerinnen mit der Klassifizierung der Testmänner beschäftigt. Gewöhnlich platzen wir alle vor Spannung, wenn wir auf die Ergebnisse der Analysen warten und in allen Jahren zuvor haben meine Generälinnen und ich uns die Zeit mit Spekulationen und derben Scherzen vertrieben. Heute ist von den Anführerinnen nur Arixes in mein Zelt gekommen, die aufgeregt im Kreis immer wieder um mich herum geht und sich in einem nicht enden wollenden Monolog über die zu erwartenden Qualitäten unserer Beute ergeht. Nicht einmal meine treue Schwester Protoe erträgt das Geplauder und verschwindet nach kurzer Zeit. Oder vielleicht ist sogar sie wütend auf mich, weil ich bei meinem Rundumschlag vorhin ja auch sie mit den anderen ausgemustert habe. Mir ist flau im Magen. Vergebens zerbreche ich mir den Kopf, um nach Licht im Dunkel meiner Gedanken zu suchen.

    Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, höre ich draußen Bewegung in die Truppe kommen und erkenne an den lauter werdenden Rufen, dem Trampeln und Scharren, dass Thimonae und ihre Expertinnen auf dem Weg zu mir sind. Kurz darauf treten die sieben Nachtalbinnen bereits in mein Zelt, deren immer etwas detaillierter werdenden Ergebnisse mich jedes Jahr wieder faszinieren. Ihnen folgen die Generälinnen.

    „Kommt herein, meine Schwestern“, begrüße ich sie. Eine seltsame, eigentlich durch nichts begründete Hoffnung flammt in mir auf. Vielleicht haben die Sieben Durchleuchterinnen ungeahnte Entdeckungen gemacht? Ich ertappe mich dabei, ein Wunder zu erwarten...

    Thimonae, welche die geschickteste auf dem Gebiet der Erbentschlüsselung ist, grüßt mich ehrerbietig und zeigt dann einen länglichen, glimmenden Stein vor, dessen Farbe an glühende Kohle erinnert. Diesen stellt sie auf eine hölzerne Kommode und streicht sanft mit dem Finger über seine obere Kante. Der Stein fängt an zu flackern und zu zischen und formt sich zu einem Abbild eines der gefangenen Wassermänner mit grünen Algenhaaren. Über diesem bildet sich ein Schilfrohr und daraus erwachsen rechts und links zwei weitere Meereswesen, ein Mann, der unserem Prototyp gleicht sowie eine passende Frau mit Flossen statt Händen – seine Eltern. Während ich schockiert auf die fingerlose Dame starre, wachsen bereits neue Schilfhalme in die Höhe, über welchen sich die Großelterngeneration zeigt, jetzt bereits vier Personen. Über dieser erwächst die Urgroßelternflanke, acht Personen, darauf erscheinen die Ururgroßeltern und so wächst der Stammbaum, bis auf seiner höchsten Stufe 64 Personen zu sehen sind. Das ist immer ein beeindruckendes Bild, es erscheint wie eine Volksversammlung. Alle starren darauf in staunendem Schweigen, vielleicht auch Entsetzen. Denn während sich auf der rechten, väterlichen Seite eine Abfolge von mehr oder weniger akzeptablen Flossenwesen abbildet, mutiert die mütterliche Seite, je weiter wir in den Generationen rückwärts gehen, zu Gestalten, die wahrlich mehr wie Hechte aussehen und an denen ich beim besten Willen keine menschenähnlichen Züge mehr erkenne.

    Nun ertönt Thimonaes Stimme:

    „Ich mache euch mal die Eigenschaften sichtbar. Hier seht ihr überdurchschnittliche Schnelligkeit...“

    Das scheint die herausragende Eigenschaft dieser Gestalten zu sein. Fast alle Wesen erleuchten in gelbem Licht.

    „... körperliche Kraft...“

    Offenbar ist das unter Wasser weniger wichtig. Ein knappes Drittel der Wesen leuchtet orange.

    „... Intelligenz...“

    Ich mag es nicht glauben. Hier scheint die Fischseite besser zu sein – die überwältigende Mehrheit der Hechte leuchtet in blauer Farbe auf, während die Wassermänner links nur zu einem kleinen Teil klug zu sein scheinen.

    Thimonae macht eine Pause. Die Spannung in meinem Zelt ist inzwischen schon fast bis zur Decke angestiegen, denn das, was sie gleich zeigen wird, hat für uns die mit Abstand größte Bedeutung.

    „... Zauberkraft...“, fährt sie fort.

    Das grüne Licht, welches die magisch begabten Exemplare dieser Ahnenkette beleuchtet, zeigt sich an genau einer weiblichen Urmutter – eine Hechtin der Ururgroßmutterseite, welche ganz oben praktisch direkt unter dem Zeltdach steht.

    Eine Hexe aus 126, die selber diese Eigenschaft nicht vererbte – eine verschwindend geringe Quote. Ich starre auf die Ahnentafel und will es nicht glauben. He, uns wurden gigantische Mengen Magie versprochen, wo sind sie denn? Sollten wir diese nicht von den hochgelobten Erzeugern bekommen?

    Ich fühle mich niedergeschmettert. Was werden wir also erringen? Kaum magischen Zuwachs – dabei war das doch unser aller riesengroße Hoffnung! Die ist geplatzt. Ersetzt durch eine riesige Wahrscheinlichkeit auf Kinder, die mehr Tier als Mensch sein werden. Wissen die Kameradinnen eigentlich, was es bedeutet, ein ungenügendes Kind zu bekommen? Ohne dass ich will, steigen mir die alten Bilder wieder vor Augen. Die Geburt meiner Tochter. Mein Schock, als ich sie das erste Mal sah.

    Kaum höre ich die Rufe um mich herum, die Bemerkungen meiner Generälinnen verstehe ich nicht und versuche das durch ein gezwungenes Lächeln zu überspielen. Mit aller Kraft versuche ich, die alten Bilder zu verdrängen.

    Thimonae entfernt den ersten hellsichtigen Stein und bringt einen zweiten, aus dem gleich darauf der zweite unserer Testherren sichtbar wird. Auch dessen Stammbaum entsprießt bald darauf vor den Augen meiner Schwestern. Zwar ist dieser eigentlich ohne Makel, denn in seiner Ahnenreihe tummeln sich Heerscharen von ansehnlichen Seemännern und -frauen, von denen ein langhaariges Exemplar mit vier Armen besonderes Aufsehen erregt. Aber auch dieser präsentiert sich komplett unmagisch. Anschließend führen die Analytikerinnen uns noch die Ahnen des dritten Geschöpfes vor, welches sich schnell und klug, aber ebenfalls gänzlich magiefrei präsentiert.

    Resigniert schließe ich die Augen. Ohne dass ich will, stelle ich mir vor, wie ich die Nachkommen dieser Geschöpfe zur Musterung aufrufe, die in einem See zu meinen Füßen paddeln und mir beim Aufruf ihre hechtartigen Gesichter entgegenstrecken...

    „Was passiert, wenn wir uns mit diesen Fischen paaren?“, fragt Goplea neben mir, deren Verstand offenbar von der Wucht dieser Offenbarung nicht so blockiert ist wie meiner. „Werden unsere Kinder an das Wasser gebunden oder können sie auch an Land gehen?“

    „Wie ihr wisst, ist das immer schwer zu simulieren“, erklärt Thimonae. „Das Erbgut dieser Erzeuger scheint jedoch sehr durchsetzungsfähig zu sein. Wir gehen deshalb davon aus, dass unsere Nachkommen zu etwa einem Drittel Landgänger sein werden. Zauberkraft bekommen sie über ihre Väter keine, aber wir können das so optimieren, dass sie in diesem Bereich möglichst viel der mütterlichen Seite erben, wodurch alle Hexen unter uns etwa zu einem Drittel magisch begabte Kinder bekommen. Das ist keine ganz schlechte Bilanz, zumal es sich auch um ein intelligentes Volk handelt. Insgesamt halten wir sie für akzeptabel.“

    „Akzeptabel? Wesen, mit denen wir nicht kommunizieren können?“, ruft Goplea zähneknirschend.

    „Aber das können wir!“, wirft Arixes eifrig ein. „Sie erzeugen Luftblasen, die unglaubliche Töne hervorbringen und wenn ihr Lungenatmer nur die Organe dafür hättet, könntet ihr das genauso gut hören wie wir. Sie haben eine wunderschön melodische Sprache. Ich setze mich mal mit dir zusammen und vielleicht können wir ein Gerät konstruieren, welches das Meerische auch für euch hörbar macht, ein Gürtel zum Beispiel.“

    Wir werden mit unseren eigenen Kindern nicht normal reden können oder nur über einen dämlichen Magiegürtel, fährt es mir durch den Kopf. Auch wenn es mich nicht betrifft – ich lasse mich nie mit einem Mann ein und werde nie wieder ein Kind bekommen – aber daheim werden sie mich hassen! Dies wird der miserabelste Feldzug meiner Karriere.

    Noch dazu haben die Kerle nicht einmal magische Fähigkeiten. Ich weiß, wie es wird, Thimonae ist immer etwas optimistisch, wenn sie prognostiziert, wie viele Magierinnen wir empfangen können. Ein Drittel? Sicher nicht. Wenn jedes fünfte Baby Zauberkräfte erbt, können wir uns schon freuen. Dabei ist gerade die Verbesserung unserer magischen Fähigkeiten immer das Hauptziel aller Feldzüge. So langsam überfällt mich die Verzweiflung. Was für ein Reinfall. Dabei hatte die Hohepriesterin uns doch Magie versprochen! Wenn ich wenigstens die erobern und nach Amazonia bringen könnte, sähe unsere Bilanz schon nach etwas aus.

    Wir verlassen das Zelt, damit Thimonae ihre Erkenntnis den Kriegerinnen mitteilen kann, vor denen sie die Stammbäume noch einmal erleuchten lässt.

    Ich blicke über die Zeltspitzen unseres Lagers zu dem blauen Gletscher hin, an dessen Fuß wir lagern. Viel Hoffnung, diesem freie Energie entlocken zu können, habe ich nicht. Denn wenn die Kameradinnen während unseres Kundschaftsfluges etwas gefunden hätten, wüsste ich jetzt schon davon.

    „Was ist mit dem Magieberg?“, frage ich zwei Nachtalbinnen, die zu der Gruppe der Forscherinnen gehören, die die Strahlung hier untersuchen sollten. „Habt ihr einen Zugang zu seiner Energie gefunden ... oder irgendeinen Hinweis?“

    „Nicht ein Fitzelchen“, seufzt Brynea. „Er ist auch nicht leicht zu erforschen. In dem Gewässer, aus dem er aufragt, leben bissige Wassergeister, die einen attackieren, wenn man näher herankommt. Sie sind überall.“

    „Außerdem scheint er schon Ewigkeiten zu existieren“, ergänzt ihre Nachbarin. „An einigen Stellen sind uralte Bäume in ihn eingewachsen.

    „Und das ist keine gewöhnliche Magie. Nichts was man greifen kann.“

    Ich horche auf. Was meint sie damit? Sollte es sich um spiritistische Energie handeln? In dem Fall könnten ihm unsere Spiritistinnen vielleicht mit ihren speziellen geistigen Methoden Energie entlocken. Ich glaube selbst nicht dran. Aber einen kleinen Lichtblick habe ich jetzt dringend nötig.

    „Protoe!“ Ich winke meine Schwester herbei. „Hol die Spiritistinnen zu mir.“ Energisch nehme ich Haltung an. „Und meine Generälinnen folgen mir in das Besprechungszelt.“

    Wenige Augenblicke später treffen wir uns dort. Selten habe ich Chelimea, Goplea und Naftare so schlechter Stimmung gesehen. Nur Arixes ist völlig aus dem Häuschen – was mich direkt agressiv macht. Schließlich ist es ihre Schuld, dass wir dies Debakel auslöffeln müssen.

    „Gehen wir es an“, erkläre ich zur Eröffnung. „Zunächst trommelt jede von euch ihr Regiment zusammen. Macht euren Leuten deutlich, dass dies ein herausragender Feldzug wird, bei der jede Kriegerin Ruhm erwerben kann – auch die, welche nicht kämpfen – und dass die Göttin uns auf einen guten Weg führt.“ Ich mustere sie eindringlich der Reihe nach. „Auch wenn vielleicht noch nicht alle von uns erkennen, welchen Vorteil wir und unser Volk daheim von diesem Feldzug haben sollen. Sagt ihnen, früher oder später werden es alle sehen und dann werden sie die Güte und Weisheit unserer Herrin bis zum Himmel preisen.“

    Innerlich hasse ich mich selbst dafür, dass ich mich gezwungen sehe, solch einen völligen Blödsinn zu verkündigen. Nein, die Kerle braucht niemand, sie sind unserer unwürdig, das sieht doch ein Blinder auf den ersten Blick. Ich habe nur keine andere Wahl als unsere Göttin zu loben und muss vor ihr als treue Dienerin dastehen, weil sie sich sonst an gewisse Gesetzübertretungen erinnert, die meine Tochter betreffen. Ich kann es nicht riskieren, die Herrin zu ärgern.

    Das können auch meine Generälinnen nicht tun, schließlich beziehen wir alle unsere Zauberkraft von der Göttin und sind schon allein deshalb von ihrer Gunst abhängig.

    „Nun denn“, fahre ich fort. „Ich schlage vor, beginnen wir mit der Planung des Feldzuges. Als erstes sollten wir wie immer genauer die Größe des Ziellandes und seiner wichtigsten Städte feststellen und weitere Testexemplare aus verschiedenen Gegenden einfangen. Arixes, das ist eine Aufgabe für dich. Goplea macht sich Gedanken über den Transport der Gefangenen – wir werden eine Art von fahrenden Aquarien für sie brauchen, die müssen in großer Zahl gebaut werden. Naftare stellt Arixes Heilerinnen zur Verfügung, die sie begleiten, und beschäftigt sich ansonsten mit unserem Rückweg. Finde heraus, ob es eventuell möglich ist, den ganzen Weg im Wasser zurückzulegen – was ich mir nicht vorstellen kann, aber es wäre gut, denn dann sparen wir uns die Aquarien. Und Chelimea versucht mit ihren Leuten den Eisberg anzuhacken. Vielleicht bekommen wir da ja doch noch Magie heraus. Beider Menge an Strahlung muss sie irgendwo zu finden sein.“

    Ein Geräusch vom Zelteingang her lässt mich zusammenfahren. Protoe kommt herein. Sie ist blass um die Stirn.

    „Ich kann die Spiritistinnen nicht finden“, sagt sie mit dünner Stimme. „Ich fürchte – sie sind verschwunden.“

    Ich zucke zusammen.

    „Verschwunden?“, frage ich konsterniert. „Was soll das heißen? Sind sie nicht im Lager?“

    „Ihr Zelt ist leer“, meint Protoe mit hängenden Schultern. „Und all ihr Gepäck fehlt. Als wären sie abgehauen.“

    „Aber das Zelt haben sie nicht mitgenommen. – Seit wann sind sie denn verschwunden?“

    „Eben das ist so komisch: Niemand erinnert sich, sie überhaupt hier gesehen zu haben. Kann sein, dass sie schon ein paar Tage weg sind.“

    „Wieso steht dann ihr Zelt da?“ In meinem Kopf beginnt es zu klingeln. Das darf nicht wahr sein. Ich habe für die Sicherheit dieser Damen gebürgt. Sollten wir sie tatsächlich verloren haben, dann würden sie daheim mich dafür verantwortlich machen. Ihr Tod wäre meine Schuld. Ich spüre, wie sich meine Nackenhaare sträuben. Nein, es wäre noch schlimmer: Ich habe auch dafür gebürgt, dass sie ihre Aufgabe für Veranova erfüllen! Sollten sie das nicht tun können, wäre ICH verantwortlich dafür, dass die alte Dame trotzdem ihr Lebenselixier bekommt! Und ICH wäre gezwungen, nicht nur den Seelensprung, sondern sämtliche damit zusammenhängende spiritistische Technik in ihrer gesamten Komplexität zu lernen! Dabei wäre ich bei meinem ersten Test ja schon fast untergegangen.

    Hat sich eigentlich die ganze Welt gegen mich verschworen?

    „Das Zelt steht da, weil die Orkas immer alle Zelte aufbauen, wenn wir einen neuen Lagerplatz beziehen“, erklärt Protoe unglücklich. „Nur die Spiritistinnen fehlen ...“

    „Wann hat man sie zum letzten Mal gesehen?“

    Weil ich sehe, dass Protoe diese Frage nicht beantworten kann, lasse ich die Generälinnen stehen und stürme aus dem Zelt. Erregt inspiziere ich die Stelle, wo das Zelt der Spiritistinnen steht, still und unberührt und ohne ein Zeichen davon, dass überhaupt schon jemand es in diesen Tagen betreten hat. Wie üblich steht das Zelt am Rande des Lagers, etwas abseits der anderen, weil die Spiritistinnen unsere Gesellschaft sowieso nicht geschätzt haben.

    Ich fange an, die Kriegerinnen auszufragen, wer sie wann zuletzt gesehen hat. Aber niemand erinnert sich. Während der gesamten Reise haben sie unsere Nähe gemieden und mit niemandem geredet. Wie also sollte sich irgendjemand erinnern, wann sie verschwunden sind? Womöglich fehlen sie schon seit unserem Zusammentreffen mit den Wasserschlangen.

    Jedenfalls muss ich etwas tun. Ich stelle einen Suchtrupp zusammen, eine Gruppe von fünfzig Nachtalbinnen, von denen sechs mit Flugadlern und die Restlichen zu Pferd aufbrechen, um die verlorenen Schäfchen zu suchen. Hoffentlich leben sie noch. Hoffentlich haben sie nur bei ihrem letzten Seelengemetzel den Anschluss an unsere Truppe verloren und sind noch irgendwo in der Nähe.

    Etwas beginnt sich in meinen Eingeweiden mächtig zu verknoten. Innerlich weiß ich, dass ich sie nicht finden werde. Bei diesem Feldzug ist bislang alles in die Binsen gegangen, was nur möglich war – und das Ende des Schreckens haben wir noch längst nicht erreicht.

    Oh wow ... wahnsinnig! Ich bin ganz geflasht.

    Ich hab in meiner Story auch so eine Szene, wo der unerfahrene Kämpfer magische Kraft bekommt. Tja, die ist ziemlich anders, bei dir wird das alles rund und die Gefühle toll und nachfühlbar gezeigt. Auch wie du die Kampfübung beschreibst, super. Kann ich mir richtig vorstellen. Da gibt es wirklich nichts zu mosern.

    Der Clou natürlich der Himmelseinsatz und die Live-Schaltung von Emilia. Das ist wie im Kino.

    Toll, mach so weiter! :nummer1:

    Hallo ihr Lieben,

    erstmal, vielen Dank für eure tollen Kommentare. Damit kann ich wirklich viel anfangen und sehe jetzt auch einige Dinge, die mir beim Schreiben gar nicht aufgefallen sind. ich werde an dem Abschnitt noch so einiges verbessern.


    Rainbow

    Thorsten


    Litu


    Und hier geht es weiter:


    P33. Wassermänner

    Penthesilea


    Noch nie mussten wir solch einen Umstand veranstalten, nur um drei Gefangene in unser Lager zu bringen. Das erste Wegstück bewältigen wir, indem wir die Fischmänner an Seile binden, die wir wiederum an unseren Fliegern befestigten. Auf diese Weise ziehen wir sie einige Zeit durch das Binnenmeer, indem wir sie fingen. Natürlich wecken wir dadurch sämtliche Wasserbewohner, die unser Eindringen bis jetzt noch nicht bemerkt haben sollten und ihre Alarmsysteme glühen vermutlich bereits. Aber das ist ein späteres Problem – bis wir unseren Angriff ausgetüftelt haben werden, dürften sie sich hoffentlich wieder beruhigt haben.

    Als wir das Ufer des Binnenmeeres erreichen und von hier aus nur noch über Land bis zu unserem Lager kommen können, bin ich zunächst ratlos, wie wir die Kerle weiter transportieren sollen. Arixes konstruiert wasserundurchlässige Leinentüchter, die sie mit Wasser und jeweils einem unserer Beutewesen füllt und dieses mobile Aquarium binden wir dann an festen Riemen vieren unserer Flugpferde um den Leib, die es ins Hauptlager einfliegen. Da wir insgesamt nur dreizehn Pferde haben, müssen wir die gesamte Route zweimal fliegen, weil wir selber ja auch noch heimkommen wollen. Noch so ein Punkt, bei dem ich mich bisher im Rat von Femiterra nicht durchsetzen konnte. Könnte man uns nicht bitte sehr etwas großzügiger mit Fliegern ausrüsten, die uns bei wirklich jedem Feldzug Nutzen bringen? Aber da stoße ich auf taube Ohren. Die alten Rätinnen verzichten nicht gern auf den Luxus, sich von ihren Palmenburgen zum Tempel fliegen zu lassen und erfinden deshalb tausend Gründe, weshalb sie die meisten Tiere unbedingt in der Heimat brauchen.

    Während wir gen Lagerplatz segeln, bekomme ich bereits Kopfschmerzen bei der Vorstellung, wie wir das Transportproblem eigentlich nach dem Feldzug lösen sollen mit dem Vielfachen an Gefangenen. Tausend Beutefischmänner kann ich mit unseren dreizehn Flugpferden wohl kaum bis nach Amazonia transportieren ohne die Flieger dabei umzubringen. Wie sonst? Wasserbecken auf Rädern? Dutzende Aquarien auf Kutschwagen einbauen? Die soll ich über alle Trampelpfade und Bergwege führen, die auf unserem Weg lagen? Na dann, fröhliches Rosenfest. Bei jedem Achsenbruch werde ich gleich befürchten, das Aquarium läuft mir aus und die Herren Fische ersticken an der frischen Luft. Da wäre es vermutlich leichter, wir würden nach einem Wasserweg suchen und notfalls Verbindungsgräben zwischen Flüssen herstellen, wo sie fehlen. Was vermutlich Unmengen von Energie erfordern wird. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr brodelt mir das Blut in den Adern und desto mehr Lust bekomme ich, unsere drei Testfische direkt wieder ins Meer zurückzuschmeißen und meine Armee ganz einfach, ohne weitere nervtötende Erklärungen in ein anderes, normales Land zu führen, wo wir auch normale Beute machen können, die nicht hundert Komplikationen verursachen.

    Leider ist genau das das Einzige, was ich nicht tun kann ohne die Göttin zu verärgern. Sie weiß mehr als wir und sie hat sich etwas dabei gedacht – ich muss ihren Plan erfüllen.

    Erwartungsgemäss erregen die Kerle mit den Algenhaaren unter meinen Kriegerinnen gigantische Aufmerksamkeit. Mein Flieger, Takaj, ist heute mal wieder bockig und bequemt sich erst nach mehrfacher Aufforderung zu landen. Deshalb kann ich bereits aus der Luft beobachten, wie die Schwimmerinnen in hellen Scharen die drei Algenherren umringen. Diese sind mittlerweile in einem kleinen Tümpel am Rande unseres Lagers untergebracht. Meine Leute veranstalten solch ein Geschrei, dass es schon peinlich ist. Weil der Tümpel so klein ist, können sich die Herren vor den Blicken meiner Amazonen nicht verstecken und vor allem können sie nicht verschwinden.

    Leider.

    Nun drängen sich also zahlreiche Kriegerinnen um diesen Tümpel, schubsen sich, jede will ans Ufer vordringen, um einen Blick auf unsere Beute zu erhaschen, und dabei höre ich sie kreischen: „Uj, der da, schau doch!“ – „Welchen meinst du, den mit den grünen Flossen?“ – „Guck mal, diesen Hüftschwung.“ – „Was sind das für Bärte in ihren Mündern, haben sie keine Zähne?“

    Es sind vor allem die Schwimmerinnen, die vor lauter Gaffen beinahe in den Tümpel hinein fallen. Zwei von ihnen landen tatsächlich im Nassen, werden aber schnell wieder herausgefischt. Die meisten anderen Kriegerinnen ignorieren diesen Affentanz. Viele scheinen von den Wasserkerlen regelrecht angewidert zu sein. So wie ich.

    Heilige Kamamé. Genug geglotzt, wir werden noch mehr als genug von ihnen sehen. Manchmal denke ich, ich führe eine Truppe, deren Intelligenzniveau auf dem von Muscheln liegt. Ich kann es nicht glauben, dass sie diesen Algenhasen tatsächlich Interesse entgegenbringen!

    Keine von ihnen scheint darüber nachzudenken, dass hier bereits einiges schiefgelaufen ist und ich nicht die Absicht habe, noch mehr den Bach heruntergehen zu lassen. Angefangen mit Arixes und ihrer selbstherrlichen, fehlerhaften und darum lebensgefährlichen Musterung, die den gesamten Kriegszug zum Scheitern bringen könnte. Ich spüre, wie sich vor Wut meine Nackenhaare sträuben. Bevor mir das Gekreisch am Tümpel noch das Trommelfell zerschlägt, werde ich das Thema klären.

    Ich greife zu den bewährten magischen Glocken, die ich über unseren Köpfen entstehen und weit hallend durch das Lager dröhnen lasse. Das Geschrei verstummt auf der Stelle und alle drehen sich zu mir herum.

    „Es hat sich übrigens eine kleine Änderung ergeben“, erkläre ich laut und deutlich. „Die Musterung ist ungenügend verlaufen und ich habe Grund zu der Annahme, dass die meisten von euch untauglich für das Meer sein dürften und nicht in der Lage, die Städte der Tiefseemänner zu erreichen, welche in über 100 Metern Tiefe liegen. Außerdem wissen wir nun, das alle Schlachten unter Wasser stattfinden müssen, denn die Fische können nicht an Land atmen. Deshalb werden auf diesem Kriegszug nur und ausschließlich die Schwimmerinnen an Kämpfen teilnehmen. Alle anderen Kriegerinnen werden sich stattdessen um das Lager, unsere Versorgung sowie den Transport der Gefangenen kümmern, der diesmal erheblich aufwändiger sein wird als wir es gewohnt sind.“

    Meinen Worten folgt zunächst eine tiefe und, wie ich an den Gesichtern sehe, eine vollkommen fassungslose Stille. Solch einen Befehl habe ich noch nie vorher erteilt und sie glauben wohl nicht, was sie hören. Die Ruhe dauert jedoch nicht lange.

    „Was soll das heißen, wir dürfen nicht kämpfen?“, kommt ein erster Protest aus dem Lager der hageren Nachtalbinnen. „Aber ich bin offiziell zugelassen! Die Musterungsführerin selbst hat mir das Siegel verliehen!“

    „Das wird die Göttin nicht erlauben! Ich bestehe darauf, dass wir die Göttin anrufen!“

    „Aber du meinst nicht uns, Königin, oder?“, röhrt der Kraftbolzen meines Heeres, Chelimea, und stellt sich an die Spitze ihrer Orkas. Ich sehe, wie ihnen die Stirnen schwellen und sie sehen allesamt aus, als wollten sie mit ihren mächtigen durchtrainierten Armen auf mich eindreschen. „Wir können tauchen! Wir können auch unter Wasser angreifen wie Haie! Du verlierst ohne uns! Die anderen Schlapphühner können doch gar nicht kämpfen! Die können nix! Absolut gar nix und das weißt du! Alle wissen das!“

    Danach hat es auch der Rest der Truppe so langsam erfasst und ein Tumult bricht los, in welchem alle durcheinanderschreien, brüllen, kreischen, buhen, pfeifen und toben. Nur die Schwimmerinnen stehen fröhlich und mit triumphierenden Mienen in dem Gewühl.

    „Ruhe!“ Ich stelle mich auf eine erhöhte Stelle, damit mich alle sehen können, und bringe sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Ihr alle habt gewusst, dass wir Wasserwesen einfangen wollen und dass darum Fähigkeiten im nassen Element die Grundbedingung für den Feldzug sind. Wer nicht mit Kiemen auch in großer Tiefe atmen kann, ist nicht tauglich. Wer von Arixes zugelassen wurde, ist ebenfalls ausgemustert. Wer keine Kiemen hat – ausgemustert. Ich habe keine Lust wieder Tote zu zählen. – Punkt! Fertig! Wollt ihr den Erfolg unserer Mission gefährden? Darüber werde ich auch nicht diskutieren!“

    Ich nehme Arixes scharf ins Visier. „Und wir haben noch ein Wort miteinander zu reden. Du hast in diesem Jahr die Musterung geführt. Wie konntest du wagen, hunderte ... ja tausende von Kriegerinnen zuzulassen, die die Voraussetzungen nicht erfüllen?“

    Arixes stemmt ihre flossenartigen Hände in die Seiten und starrt mich mit flammenden Blicken an. „Wir hätten kein vollständiges Heer aufstellen können. Es gibt in Amazonia nicht genug Kriegerinnen, die wassertauglich sind.“

    „Warum hast du mich darüber nicht informiert, als du es bemerkt hast?“

    Doch sie denkt nicht daran, klein beizugeben.

    „Welchen Unterschied hätte das gemacht? Die Göttin hat uns befohlen, diesen Feldzug zu starten, also waren wir doch gezwungen, ein Heer zu rekrutieren. Ich habe die am besten passenden Kriegerinnen ausgesucht – so wie immer. Oder sollte ich etwa einen Befehl der Göttin infrage stellen?“

    „Dann findest du es wohl besser, einen Befehl von mir infrage zu stellen und das Leben unseres gesamten Heeres zu riskieren?“, fahre ich ihr scharf über den Mund. „Als du es gemerkt hast, hätten wir die Göttin und den Rat um ein anderes Zielland bitten müssen! Und du weißt das sehr genau! Ich will nicht verantwortlich gemacht werden für den Tod von Kriegerinnen, die dem Element nicht gewachsen sind.“

    Arixes´ Wangen färben sich tiefrot.

    „Ach wirklich, du hättest ein anderes Zielland erbeten, Königin? Du hättest der Göttin erklärt, besser zu wissen als sie, welches Ziel für Amazonia das Beste ist? Du hättest gewagt, ihren Rat mit Füßen zu treten und ihre Wünsche zu bespucken? Hast du vergessen, dass sie hundert Jahre im Voraus planen kann, wozu wir nie in der Lage sind?“

    Es fehlt nicht viel und ich werde noch mit dem Schwert auf sie losgehen.

    „Hüte deine Zunge“, zische ich sie an und muss an mich halten, um nicht laut zu schreien. „Die Göttin ist nicht unsere Diktatorin, die nur Befehle ausgibt und der egal ist, wieviele meiner Kriegerinnen ich begraben muss. Ich hätte mit ihr geredet wie zu meiner ehrwürdigsten Mutter und sie hätte mir zugehört und mich beraten. Und – vielleicht – säßen wir in dem Fall jetzt an einem ganz anderen Ort! Sollten wir diesen Krieg verlieren, dann werde ich dich dafür verantwortlich machen, Arixes!“

    Ich zeige anklagend auf die Schwimmergenerälin und halte einen Moment lang inne, damit sich dieses Bild in den Gesichtern einprägt. Sollten wir da unten alle sterben, und sollte irgendwer die Kunde nach Amazonia bringen können, dann wird Arixes´ Andenken auf ewig das einer Todsünderin bleiben. Sie duckt sich leicht und ich merke, dass die Drohung sie trifft.

    „Im Augenblick bleibt uns keine andere Möglichkeit als das Beste daraus machen“, fahre ich fort. „Wir müssen unmdenken. Es bleibt nicht genug Zeit, noch einmal mit allen Kriegerinnen eine komplette Musterung abzuhalten. Deshalb werde ich das Verfahren vereinfachen. Die Schwimmerinnen sind dabei, weil ich von ihnen weiß, dass sie das Element beherrschen. Niska und Zok und ihre Truppe sind dabei, denn sie haben Wassertalente bewiesen. Alle anderen kämpfen nicht! Wohlgemerkt: Ich schließe alle die aus, die sicher untauglich sind – aber auch alle diejenigen, die eventuell untauglich sind. Und jeder, der nicht korrekt getestet wurde, ist eventuell untauglich. Irgendein Risiko gehe ich nicht ein.“

    Ein Aufschrei geht durch die Menge.

    „Aber das könnt Ihr nicht machen!“

    „Und unser Ruhm, unsere Ehre? Sollen wir diesen langen Weg ganz umsonst machen?“

    „Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, damit keine Kriegerin sinnlos stirbt“, erkläre ich laut und deutlich. „Eure Ehre bekommt ihr alle. Nach der Schlacht, wenn die Gefangenen in sicherem Gewahrsam sind, bekommt jede von euch die Möglichkeit zu Schaukämpfen für die Göttin und für diese vergebe ich auch Ehrenmedaillen, die ihr zuhause anrechnen lassen könnt.“

    „Schaukämpfe!“ Chelimea drängt sich vor, die Führerin meiner Orkas. Ihr Gesicht glüht vor Zorn. „Das ist Scheiße - Schaukämpfe sind für Feiglinge. Orden, Medaillen – der Müll ist für Idioten – nur Siege haben Bedeutung, nur die Beute zählt! Der ganze Feldzug hier, der is falsch ...“

    Bebend sucht sie nach Worten, die ihr nicht kommen wollen. Goplea eilt ihr zu Hilfe.

    „Ganz ehrlich, Penthesilea, ich bin derselben Meinung. Diese Fischwesen werden unseren Schwestern daheim überhaupt nicht gefallen. Wertvolle Beute sieht anders aus. Welche Vorteile haben wir denn von ihnen? Sie können nicht einmal reden! Wie sollen wir mit ihnen kommunizieren? Willst du, dass wir uns mit Karpfen paaren sollen? Was soll denn dabei herauskommen – Kaulquappen? Die halten wir daheim dann wohl im Meer vor unserer Küste und unseren Tempel müssen wir in Zukunft zu einem Aquarium ausbauen, damit sie die Heilige Messe besuchen können. Ich meine – das ist abartig. Haben wir keinen Stolz mehr? Was für eine Verirrung!“

    Ah! Besten Dank, Goplea! Ich bin ganz deiner Meinung. Hast du vielleicht auch noch eine Lösung für das Problem? Die habe ich nämlich nicht.

    Das Geschrei wird immer größer.

    „Das beweist, wie treulos ihr seid!“, poltert Arixes, deren Stirn und Wagen knallrot angelaufen sind. „Die Göttin selbst gab uns diesen Auftrag, sie will uns dadurch natürlich verbessern. Die Wassermänner werden Amazonia zu einer Meeresmacht erheben! Unsere Nachfahren werden vor Schlachten gegen Seeungeheuer keine Angst haben. Begreift es doch, sie komplettieren unser Arsenal an Kampfmöglichkeiten!“

    Naftare kratzt sich skeptisch an der Stirn:

    „Wie bekommen wir die Stichlinge denn nach Hause, sollen wir Kanäle für sie graben?“ Sie wirft mir anklagende Blicke zu. „Sie werden uns daheim mit Tomaten beschmeißen!“

    Jetzt gehen die Schwimmerinnen erst recht auf die Barrikaden. „Ihr tut ja gerade so, als wären wir Meerwesen eine Art von Monstern! Natürlich kann man mit unseren Gefangenen reden, man muss nur wissen wie! Unglaublich, wie ihr euch alle aufregt. Als ob wir Meeresfrauen schlechter wären als ihr Lungenatmer!“

    Es ist, als hätte sie eine Kanone unter das Volk geschleudert. Sie kracht in die Menge und jetzt überschreien sich alle nur noch. Diesmal muss ich lange rufen und winken und zuletzt sogar wie wild durch die Luft gongen, bis ich mir wieder Ruhe verschafft habe. Dabei platze ich ja selbst beinahe vor Wut und täte nichts lieber als diesen nichtswürdigen Feldzug einfach abzusagen. Aber ... es geht nicht. Dies ist eine heilige Sache. Niemand von uns kann den Willen der Göttin missachten. Darum unterdrücke ich den wilden Zorn, der auch in mir tobt.

    „Mäßigt euch!“, fauche ich mit zitternder Stimme, ganz entgegen dem, was ich eigentlich am liebsten sagen würde. „Dieser Kriegszug ist uns empfohlen worden, weil wir dabei etwas zu gewinnen haben! Die Göttin schickt uns hierher nicht ohne Grund und es wäre nicht nur unschicklich, sondern auch dumm, wenn wir wagen uns dagegen aufzulehnen!“

    Jetzt rede ich schon wie Arixes. Aber ich befürchte – sie hat Recht. In diesen unergründlichen Tiefen winkt uns irgendein Hauptgewinn. Wenn ich jetzt auch nicht sehe, was bei dem verdammenswerten Bozar es sein könnte.

    Innerlich quälen mich die größten Zweifel, die ich jemals hatte. Ein Hauptgewinn, wirklich? Ich ahne, dass unser Volk daheim diese Typen nicht gutheißen wird, dass sich dieser Tumult, den ich gerade erlebe, in Amazonia wiederholen könnte. Verwünscht. Wer will schon ein Wasserbaby wiegen, welches das nasse Element nie verlassen kann?

    Mich beschmeißt man nicht mit Tomaten.

    Wie komme ich aus diesem Schlamassel heraus?

    Wie könnte ich die Wassermänner einfach in den Wind schießen? Wie ein anderes Zielland wählen? Ein Richtiges, in dem wir normal kämpfen, einen echten, perfekten Feldzug führen können? Wie wunderbar mir allein diese Vorstellung erscheint! Herrje, was mache ich denn. Ich dürfte diesen Gedanken nicht mal denken. Nur die Göttin persönlich kann einen Auftrag widerrufen. Aber ich weiß, dass sie es nicht tun wird. Sie lässt ihr Wort nicht infrage stellen. Das hat sie noch nie getan. Trotzdem strecke ich nun die Hände zum Himmel und rufe sie.

    Erstmal vielen Dank für eure Rückmeldungen. Irgendwie hatte ich erwartet, Schelte zu bekommen und bin überrascht, dass ihr es doch vor allem positiv aufgenommen habt.


    Thorsten

    Rainbow


    Und jetzt zum folgenden Teil.

    ich habe eine Weile mit dem Gedanken gespielt, das ganze Kapitel einfach rauszuwerfen, weil es eigentlich nur die Haupthandlung noch weiter rauszögert. Wir sind nämlich jetzt schon kurz vor dem Showdown, der in den Kapiteln danach beginnt. Zwar ist in diesem jetzigen Kapitel noch etwas Action drin, aber die dient eigentlich nur dem Zweck, die Story mit den Wächterskeff abzuschließen, für die Haupthandlung brauche ich sie nicht.

    Naja, aber gut. Ich poste das Kapitel mal und ihr könnt mir dann ja schreiben, ob es drinbleiben oder raus soll.


    32. Drachenattacke


    Turris´ unscheinbarer Auftrag versüßte mir die gesamte Nacht. Warum sollte ich ihn wecken? Das war noch nie nötig gewesen. Hatte er sich etwas dabei gedacht? Wollte er mich sehen? Mir all das erklären, was ich bis jetzt noch nicht verstanden hatte? Oder ...? Uh, was für Gedanken. Wahrscheinlich steckte überhaupt nichts dahinter und er hatte nur Angst, er würde nach unserem nächtlichen Abenteuer sonst zu lange schlafen.

    Wieso dachte ich überhaupt darüber nach? Hatte ich nicht soeben herausgefunden, dass es gesünder für mich wäre, Abstand von ihm zu halten?

    In der ersten Hälfte der Nacht schlief ich wie abgeschossen. In der zweiten hockte ich auf meinem Wachtposten, starrte auf den menschenleeren Weg vor unseren Lagerplätzen und malte mir immer und immer wieder aus, wie ich vorgehen würde, um Turris zu „wecken“.

    Als die Morgendämmerung dann endlich den Wald erhellte, schlich ich vorsichtig an den Decken und Fellen vorbei, in welche die Reisegefährten sich eingehüllt hatten, leise und darauf bedacht, niemanden aufmerksam zu machen, und hockte mich dann zu Turris auf den Boden. Er lag unbequem zwischen den Wurzeln einer ausladenden Eiche, den Kopf unter einer Kapuze verborgen, während sein Körper von einer zerwühlten Leinendecke bedeckt war. Sachte zog ich seine Kapuze zurück.

    Wie hübsch er war, wenn seine Züge so entspannt von den ersten Morgenstrahlen beleuchtet wurden. Die Furche von seiner Stirn war verschwunden und um seine Lippen spielte ein leises Lächeln, als ob er gerade etwas Schönes träumte. Er sah überhaupt gar nicht wie ein Dämon aus oder wie irgendein Wesen, vor dem ich mich fürchten müsste ... ganz im Gegenteil. Mein Herzschlag beschleunigte sich abnorm. Wieso hatte ich mich von Klymera so einschüchtern lassen? War die etwa eine Person, auf dessen Urteil ich etwas geben sollte? Turris, ein Monster ...? Aber wenn er sich selber der Gefahr bewusst war, konnte es nicht so schrecklich werden. Außerdem sahen Monster nicht aus wie Prinzen aus einem Märchenland. Vorsichtig beugte ich mich noch etwas näher herunter und berührte ihn ein ganz klein wenig an der Schulter. Das weckte ihn jedoch nicht. Er bewegte sich nur leicht, sodass ihm ein Haarbüschel über die Stirn fiel. Das strich ich ihm aus dem Gesicht und kämpfte mit der Versuchung, meine Finger über seine Wange fahren zu lassen. Leise flüsterte ich seinen Namen.

    Er sah mich an. Das Lächeln auf seinen Lippen vertiefte sich, bis es auch in seinen Augen widerstrahlte.

    „Ist es Zeit?“, fragte er leise. Ich nickte. Eigentlich hätte ich ihm nun all die Fragen stellen wollen, die mir noch auf der Seele lagen, aber sie verpufften, als wären es nur Dampfwolken gewesen. Es war, als beantworteten sie sich allein mit seinen sanften Blicken und durch die wohlige Atmosphäre, die sich um uns gelegt hatte. Und die mich auch noch umhüllte, als wir längst wieder auf den Pferden saßen.

    Zielstrebig ritten wir nun auf den Berg Ygramor zu. Die Wegkundigen erklärten, dass unser weiterer Weg zwischen diesem Berg und einem Moor verlaufen sollte und dahinter uns das Nebelmeer erwartete. Das Moor war bereits auf die Entfernung an einem düsteren Glitzern und Schimmern zu erkennen.

    Was sie nicht erklärt hatten war, dass das bewachte Gebiet ganz bis in diese Einöde reichte.

    Eine lange Kette flügelschlagender Skeff blockierte eine Wegkreuzung. Die meisten saßen zu Pferd, drei flogen über ihren Köpfen in der Luft und in der Mitte räkelte sich ein ungefähr vier Meter langer Drache. Ich wünschte, ich wäre weit weg. Tatsächlich war ich überzeugt davon gewesen, dass solche Wesen schon seit ewigen Zeit nicht mehr existierten.

    „Scheiße“, hörte ich laute Rufe aus unserer Gruppe.

    Die Drachenkrieger. Anstatt uns von hinten zu verfolgen, schnitten sie uns von vorn den Weg ab.

    „Wisha, du nimmst die Flieger“, kommandierte Turris. „Der Drache geht auf Klymera. Eszella und ich kümmern sich um die Fußtruppen.“ Die Erdzauberin warf einen scharfen Blick auf mich. „He, und was ist mit der Simulantin? Madame Wassernixe könnte auch mal einen Finger rühren!“

    Das hatte er vielleicht nicht gehört, denn er gab schon das Zeichen zum Angriff.

    Schon galoppierte er mit gezücktem Schwert und den Hexen unserer Gruppe vorweg auf unsere Widersacher los.

    Ich hörte die Skeff wütende Befehle geben.

    „Dort sind sie! Tötet Turris und seine Mörderbande!“

    Die Erde begann zu beben, als Eszella damit begann, den Boden aufreißen zu lassen. Klymera warf dem Drachen eine Feuerwolke entgegen und Wisha pustete einen Wirbelsturm in den Himmel. Dazwischen hörte ich Turris´ Schwert klirren. Es war das reinste Inferno. Überall wehte und brannte es und mein Pferd bekam Panik auf der tanzenden Erde. Es drehte sich um seine eigene Achse, bockte und hüpfte, und dann rannte es blind vorwärts. Viel konnte ich nicht mehr sehen, überall war Qualm. Ich klammerte mich am Hals des Tieres fest und versuchte, um aller Götter Willen nicht aus dem Sattel zu fallen. Wir galoppierten durch den Rauch. Wieder bockte meine Stute. Ich schaffte es, mich zu halten, aber ich saß nicht mehr fest und geriet ins Rutschen. Verzweifelt krallte ich mich mit den Händen im Fell des Tieres fest. Bloß nicht loslassen. Und auf keinen Fall herunterfallen. Ich könnte ja nicht mehr aufstehen. Aber ich merkte schon, dass ich den Halt verlor. Unaufhaltsam rutschte mein Sattel. Dann segelte er plötzlich abwärts und ich mit ihm. Ein Wirbel – und ich landete im Wasser. Im ersten Moment wollte ich aufstehen, besann mich dann aber. Ich lag in einem Loch, kaum tiefer als eine Pfütze. Der Schlamm bedeckte meinen Körper, sodass nur der Kopf und die Schultern herausblickten. Vielleicht würden sie mich hier nicht entdecken. Zwar war das Wasser lausig kalt, aber ich konnte mir schlimmere Alternativen vorstellen.

    Durch den hin- und herwirbelnden Qualm erkannte ich undeutlich das Hinterteil und den Schwanz des Drachen. Da ich nicht den Drang verspürte, auch mit seinem Vorderteil Bekanntschaft zu machen, blieb ich mäuschenstill liegen.

    Ein Drache. Waren die nicht ausgestorben? Vielleicht handelte es sich gar nicht um einen echten Lindwurm, sondern um eine Zauberin, die eine sehr gute Illusion hervorrufen konnte? Drache war da natürlich effektiver als ausgerechnet Seejungfrau. Falls die Bestie vor meiner Nase nur eine Illusion war – vielleicht konnte ich herausfinden, wie man diese löschte? In dem Fall musste das grüne Monster irgendwo ein magisches Gerät verbergen, das die Illusion hervorrief. Und es wäre gar nicht so schwer, das Gerät zu finden, weil es sicherlich kräftig strahlte. Forschend liess ich meine Blicke über den grünlichen Rückenpanzer gleiten. Jawohl, da strahlte etwas. Am linken Hinterfuß. Um das Fußgelenk trug die Bestie eine dicke Eisenkette, die mit zwei Haken daran gebunden und von einem Schwall violetter Strahlung umgeben war. Wozu brauchte ein Drache ein Fusskettchen? Ich war mir relativ sicher, das er daraus seine Magie bezog.

    Die Feuerwolken des Drachen waren gewaltig und ließen die Attacken unserer Klymera wie kleine Püsterchen erscheinen. Da ich mich hinter dem Monsterrücken befand und dieser mir zusammen mit seinen Qualmwolken praktisch das gesamte Sichtfeld verdeckte, konnte ich nur Bruchstücke davon sehen, wie der Kampf verlief. Aber ich hörte das Scheppern und Rasseln der Schwerter, das Trappeln von Pferdehufen und lautes Gebrüll und ich zitterte für meine Leute. Zahlenmäßig und auch monstermäßig war ihnen diese Truppe wahrscheinlich überlegen.

    Ich würde mir das Kettchen holen. Das war zu schaffen, selbst wenn man sonst nichts auf die Reihe brachte. Vorsichtig robbte ich mich aus dem Sumpf. Der Drache stand still, hatte es wahrscheinlich nicht nötig, mehr zu unternehmen als gelegentlich Feuerwolken zu blasen. Immer weiter kroch ich an die dicken Beine heran. Und noch weiter. Nun war ich schon so dicht dran, dass ich den Fuß erreichte. Rasch packte ich die beiden Haken der Eisenkette – und die mächtigen Klauen erhoben sich. Sie rissen mich mit sich in die Luft. Geistesgegenwärtig fummelte ich die Haken an der Kette auseinander, verlor den Halt, flog durch die Luft und landete in demselben Loch wie vorher. Benommen sah ich die Gestalt des Drachen sich auflösen und eine Zauberin an seiner Stelle erscheinen. Ausgerechnet eine Elgo, eine aus meinem eigenen Volk mit langer Pferdemähne. Wütend wirbelte sie herum. Und entdeckte mich.

    Ich versteinerte fast vor Schreck. Was sollte ich jetzt machen? Mich in eine Seejungfrau verwandeln? Das war die einzige Option, die ich überhaupt hatte, denn ich konnte ja wegen meines verletzten Fußes nicht aufstehen und besaß auch keine Waffen. Also kramte ich fieberhaft nach dem kleinen Spiegel in meiner Hosentasche, klappte ihn auseinander, rieb an seiner Rückseite und hoffte auf ein Wunder.

    Ein gleißendes Licht, hell wie die Sonne, schoss aus dem Spiegel und blendete mich so, dass ich nur noch weiße Punkte und Sterne sah. Es hielt längere Zeit an. Ich presste die Augen zusammen, weil die Helligkeit mich blendete, spürte aber auch durch die geschlossenen Augen noch die magische Energie des Spiegels. Wie aus weiter Ferne hörte ich Geschrei und Hufgetrappel.

    Schlagartig verlöschte das Licht. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg mir in die Nase. Wie vorhin wurde mir übel davon. Ich öffnete die Augen. Vor mir lag ein Trümmerfeld voller verbrannter Körper und in der Mitte eine lange Erdspalte. Kein lebendiger Mensch in Sicht, nur zwei herrenlose Pferde. Was hatte das zu bedeuten? Lebte noch jemand? Waren sie geflohen? Wurden sie verfolgt? Ich robbte mich zu einem der Pferde hin, das ziellos hin- und hertrottete, hielt mich am Steigbügel fest, damit ich in stehende Position kam und schaffte es unter viel Mühe, aufzusteigen. Einen Moment lang überlegte ich einfach abzuhauen. Sollte ich wirklich diese Verbrecherbande suchen? Tja, aber es gab keine Alternative. Ich wollte wohl kaum ganz allein durch die Wildnis reiten. Ausserdem… hielt ich mich tief in meinem Innern an der verzweifeten Hoffnung fest, dieses gruselige Missverständnis in Bezug auf Turris würde sich bestimmt noch aufklären. Also trieb ich mein Pferd den schmalen Pfad entlang, der zwischen dem Berg Ygramor und dem Moor entlang führte.

    Ich musste nicht lange suchen. Wisha entdeckte mich als erste, machte die anderen aufmerksam, die ihre Pferde anhielten, und Turris ritt sofort auf mich zu.

    Er sah nicht aus wie ein Verbrecher, der bösen Mächten diente. Überhaupt gar nicht.

    Warum hatte er das dann behauptet? Hatte er gelogen, damit die Hexen Respekt vor ihm bekamen? Aber... die Strahlung...

    Sie hätten es nicht geglaubt ohne die Strahlen an seinem Körper. Die ich allerdings im Augenblick überhaupt nicht mehr sah.

    „Murissa!“, rief er außer sich. „Wo warst du denn? Ich glaubte schon...“

    „Alles okay! Habt ihr sie besiegt?“

    „Nicht wir, dieser weiße Geist“, erklärte Turris. „Nachdem der Geist ihre Hexe lahmgeschlagen hat, sodass Eszella sie besiegen konnte, ergriffen die anderen die Flucht.“

    Der weiße Geist. Mit schwoll die Brust vor Stolz. Das war ich gewesen. Ich. Ich hatte unsere Leute gerettet! Mit einem Zauber, den ich selbst nicht verstand. Sollte ich mich dafür loben? Würde mir irgendwer glauben?

    Ich beschloss den Mund zu halten. Spott hatte ich für heute schon genug einkassiert und war einfach nur froh, dass wir die Gefahr überstanden hatten.







    was fuer einen Browser nimmst Du denn? Wenn Du versuchst den Link zu folgen, bekommst Du was von 'unsicherer Verbindung' gesagt, oder was passiert wenn Du auf den Platzhalter klickst?

    Wenn ich auf den Platzhalter klicke, passiert nichts. Als ob er nicht da wäre. Seltsamerweise habe ich früher deine Bilder gesehen und ich habe ja nichts an meinem PC geändert. Mein Browser ist Google Chrome.


    Habt ihr also eine kleine Räubertochter? Ich mag den Namen, das Buch war lange mein Lieblingsbuch.

    Hallo ihr Lieben und vielen Dank für eure Kommentare,

    das ist wieder sehr interessant, was ihr so schreibt.


    Thorsten


    Rainbow



    Litu


    Und hier geht es weiter:


    31.2 Strafkommando

    Klymera gähnte, was ansteckend wirkte, denn ich war auch ziemlich erschöpft. Die Nacht war weit fortgeschritten, Mitternacht musste lange vorbei sein.

    Sie stand auf und blickte den Weg hinunter, den Turris verschwunden war. Aber er war weder zu sehen noch zu hören.

    «Und noch eins. Ich weiß, du willst das nicht hören, aber ich sollte es dir fairerweise sagen», fuhr sie fort. «Ich hab gesehen, wie du Turris ansiehst und auch, was für Blicke er dir hinterherwirft. Lass das sein, okay? Er ist hundertmal gefährlicher als Wisha.»

    Ich fuhr hoch.

    «Du bist nur neidisch, weil du selber in der Beziehung kein Glück hast!», sagte ich aufbrausend. «Weißt du was? Die Belehrungen kannst du dir sparen und ich habe keine Lust, mir von dir weitere Ratschläge über Turris anzuhören!»

    «Murissa, du hast mir das Leben gerettet, darum werde ich nicht schweigen. Spiel nicht leichtfertig mit deiner Gesundheit und achte dich vor dem Monster! Halt Abstand, sei wachsam, und hau ab, sobald dir was dumm vorkommt. Genau so werde ich das übrigens auch machen.“

    „Du glaubst, alle Monster wären bösartig? Siehst du nicht selbst, dass das nicht stimmt? Er wird uns nicht anfallen, Klymera! Dieses Dunkle, was in ihm ist, das kann er kontrollieren.“

    Sie schlug sich gegen die Stirn und rollte mit den Augen.

    „Ach ja, tatsächlich? Wie kommt es, dass so viele Dummköpfe reihenweise den Verstand verlieren, sobald Gefühle im Spiel sind? Du hoffst, dass dieser Fluch nicht richtig wirkt, weil du das nicht ertragen könntest, und er bildet sich ein, er könnte die Dunkelmächte kontrollieren nur mit seinem Willen! Nein, meine Gute, das sind Kräfte außerdem dessen, was du dir vorstellen kannst und sie folgen starrsinnig ihren eigenen Gesetzen.“

    „Die ich aber vielleicht außer Kraft setzen kann, wenn ich etwas finde, was stärker ist als das Gesetz!“

    Sie sah mich mitleidig an.

    „Kleine Muru, du kannst manchmal erschreckend kindisch sein. Du willst magische Gesetze außer Kraft setzen? Denk nach: Du wirst es nicht einmal schaffen, dieses Nebelmeer zu überqueren, weil du weder die Energie beschaffen kannst, die dafür nötig ist, noch damit umgehen könntest, wenn du sie bekämst. Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?“

    Mir stieg das Blut ins Gesicht. Diesen Teil unserer Reise hatte ich nach Kräften ausgeblendet, in der vielleicht nicht ganz realistischen Hoffnung, unterwegs dafür eine Lösung finden zu können.

    „Turris sagt, das Meer wäre offen“, erklärte ich. „Anscheinend ist es gar nicht so kompliziert hinüberzukommen, wie wir denken.“

    Klymera bedachte mich mit einem Blick, als hätte ich ihr eben das ganze erschreckende Ausmaß meiner Dummheit offenbart. Und für einen Moment lang dachte ich, dass sie die Sache vielleicht klarer sah als Turris. Den Gedanken schob ich aber sofort beiseite. He, hatte ich nicht beschlossen, ihr nicht mehr zu trauen?

    Aber konnte ich wirklich Turris vertrauen?

    Als ich jetzt mit wachen Sinnen nochmal versuchte zu rekapitulieren, was er mir alles erzählt hatte, kroch sehr schnell ein diffuses beklemmendes Gefühl zurück. Nicht nur weil er mir meine Meeresfantasien verdorben hatte mit dieser Schlammgeschichte. Konnte die denn wirklich stimmen? Durch die Wassergeister wollte er hindurchspaziert sein – ha, ha! Sie hätten ihn zerrissen! Und sein gesamter See sollte voller Schlamm sein? Von Höllenwesen bedroht? Außerdem: Da fehlte jede Menge Zusammenhang. Wieso hatte er mich früher nach seiner Mutter gefragt und behauptet, nicht zu wissen, ob sie eine Seejungfrau war oder nicht. Wenn er sich in den Seen so gut auskannte, hätte er dort leicht nach ihr suchen können. Er hätte gewusst, ob es Wassermenschen gibt und hätte mich nicht danach fragen müssen! Gab es für diese Wissenslücke eine vernünftige Erklärung?

    Verunsichert blickte ich in die Ferne, als ob mir dort eine Erleuchtung kommen könnte. Tatsächlich wich dort gerade die Dunkelheit und die ersten Schimmer des neuen Tages brachen sich ihren Weg durch die Baumwipfel und tauchten ihn in ein dunkelblaues Licht, vermischt mit rötlichem Schein, der sich auf Blätter und Zweige legte.

    Glücklicherweise wurde ich weiteren Überlegungen enthoben, denn ich hörte aus der Ferne Pferdegetrappel. Binnen kurzen sammelte sich unsere Truppe um uns herum. Zuerst trabten die Zimmerleute an, ihnen folgten die Wegkundigen und wenig später tauchte auch Turris mit den Hexen im Schlepp wieder auf. Eszella und Wisha hockten gemeinsam auf dem von Beuteln und Taschen beladenen Pferd der Windhexe, den Rappen von Klymera führten sie an einer Leine mit sich. Offenbar hatten sie weder Eszellas noch mein Tier

    wiedergefunden. Entsprechend missgelaunt waren ihre Mienen. Turris sah so wütend aus, als könnte er jeden Moment explodieren.

    „Steigt auf, es geht weiter“, kommandierte er kurz angebunden. „Ich will nicht noch mehr Zeit verlieren. Klymera nimmt ihren Gaul, Murissa reitet mit mir.“

    Mein Herz machte einen Hüpfer. Schon die Vorstellung, so nah bei ihm sitzen zu dürfen, jagte eine anregende Hitze durch meine Adern. Da sprang er auch schon auf die Erde und marschierte direkt auf mich zu, wohl um mir beim Gehen zu helfen.

    Hinter ihm raschelte es im Gebüsch. Es hörte sich an, als versteckte sich dort ein Elefant. Über einen kleinen Trampelpfad kamen die beiden geflügelten Wächterskeff zu uns herausgeritten, die unsere Reisegruppe durch das Gelände geführt hatten. Diese waren noch viel schlechter gelaunt als Wisha und Turris.

    „Wo seid Ihr gewesen?“, polterte der eine. „Zu den Felsen zu reiten war gegen die Absprache! Wir haben das Drachenschutzkommando alarmiert.“

    „Das war unnötig“, erwiderte Turris verärgert. „Es ist nichts geschehen. Dieser Umweg war nicht geplant, ich entschuldige mich dafür. Wir sind alle wieder komplett und können weiter reiten.“

    So einfach wollte sich der Skeff jedoch nicht geschlagen geben. Er stellte sich uns entgegen, breitete seine Flügel aus, wodurch er riesig aussah wie ein Drache und klagte Turris an:

    „Ihr sagtet, Ihr wolltet das Gebiet nur durchqueren, aber dennoch seid Ihr zu den Felsen geritten! – Wo sind unsere anderen Wächter geblieben, die hinter Euch ritten? Warum sehe ich sie nicht?“

    Turris winkte ab. „Die müssen jeden Moment kommen. Können wir jetzt bitte weiter reiten? Ich habe es eilig!“

    Der Skeff begann wild mit den Flügeln zu schlagen. „Wir bestimmen hier die Regeln. Ihr habt eine Gefahr erzeugt, darauf steht eine Strafe. Eure Pferde sind beschlagnahmt. Die Drachenwächter werden mit einem Sicherheitsaufgebot von 30 Mann kommen, das euch bewachen wird, damit ihr kein weiteres Unheil anrichtet. Sie werden jeden Moment hier sein.“

    Wisha knurrte: „Der Kerl geht mir auf die Nerven.“

    Sie erhob die Hände, wohl um den Geflügelten mit einer Windböe aus dem Sattel zu fegen, jedoch entstand nicht einmal ein kleiner Hauch. Turris hatte ihre Aura offenbar sehr effektiv plattgebügelt. Klymera löste das Problem, indem sie ein Stoßgebet in den Himmel schickte. Innerhalb von ein paar Augenblicken zischte ein Feuerstrahl auf sie zu, den sie mit einem diabolischen Grinsen an ihrer Hand abprallen ließ, woraufhin er den Geflügelten an der Schulter erwischte und ihn in Brand setzte. Er versuchte, die Flammen mit der Hand zu ersticken, aber es gelang ihm nicht. Innerhalb von Augenblicken flackerte sein Hemd auf, dann seine ganze Gestalt. Sein Pferd wieherte, stieg auf die Hinterbeine und warf ihn ab. Seine letzten Worte wurden zu wilden Schreien. Dann verstummte er abrupt und nur noch das Prasseln des Feuers war zu hören – und mein eigener Schreckensschrei. Ich presste mir beide Hände vor den Mund, denn anscheinend war ich die Einzige, die schockiert auf diese Aktion reagierte. Schon schleuderte Klymera einen zweiten Feuerball, mit dem sie den zweiten Wächter erwischte. Auch er entflammte in einer Stichflamme.

    Ich drehte mich entsetzt zur Seite. Das war so schnell gegangen, dass niemand eingegriffen hatte. Alle saßen stocksteif auf ihren Pferden. Tja, mit Ausnahme von Eszella und Wisha, deren zerknautsches Maulen vermutlich daher rührte, dass sie sich diese Opfer für ihre Göttinnen gern selbst unter den Nagel gerissen hätten, jedoch ihre Zauberkraft erst jetzt wieder hervorrufen konnten, wie ich an ihren langsam wieder erstehenden Auren sah.

    „Was tust du?!“, rief Turris wütend zu Klymera herüber. „Hier wird niemand attackiert ohne meinen Befehl, verdammt!“

    Der Gestank der verkohlenden Körper stieg mir in die Nase und verursachte Brechreiz. Da hatte ich meinen Beweis. Klymera war genauso eine Mörderin wie die zwei anderen Hexen.

    Und wie... Turris?

    „Du solltest mir dankbar sein“, knurrte Klymera. „Oder hast du Lust abzuwarten, ob die Kerle uns wirklich Drachenreiter oder wen auch immer auf den Hals schicken, die uns dann zu Hackfleisch verarbeiten?“

    „Und du bildest dir ein, sie könnten hier in der Wildnis so leicht Verstärkung rufen? Das war eine leere Drohung, verdammt!“

    „War es nicht“, warf Wisha ein und wies mit der Hand auf den dampfenden Haufen Asche. „Sieh dort, er trug einen Kontaktring und der leuchtet noch. Lasst uns besser schnell von hier abhauen.“

    Sie blickte Turris abwartend an. Ich war noch immer so schockiert, dass ich kaum klar denken konnte.

    Der Elgo schnaubte verärgert und rieb sich die Stirn. Verstimmt, aber auch sichtlich unruhig, musterte er den flackernden Haufen menschlicher Überreste am Boden. Ich weiß nicht, ob er etwas sah. Selbst sah ich kaum noch etwas. Vor meinen Augen stieg weißer Nebel auf und ich hatte das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen.

    „Gut, reiten wir“, befahl Turris schließlich. Ich gehorchte auf der Stelle und klammerte mich krampfhaft an meinen Zügel. Nur weg hier von dem Gestank und dem Schrecken. Frische Luft. Während er sein Pferd wendete, trieb er es nahe an das von Klymera heran, die sich ungerührt mit ihren langen Flügeln Luft zufächelte.

    „Das hättest du nicht tun dürfen. Wehe dir, wenn uns diese Drachenwächter noch erwischen! Ich streiche die Extras von deinem Lohn.“

    „Ach ja? Wolltest du diese Reise zu Fuß fortführen und in Gesellschaft von Gefängniswärtern?“, brummte Klymera und pustete das letzte Flämmchen aus, das noch auf ihrem Finger vibrierte.

    „Das wäre ohne deinen Aussetzer überhaupt nicht passiert! Ich kann es nicht ausstehen, dass ihr mir auf der Nase herumtanzt!“, fauchte Turris. „Wenn du so weiter machst, kürze ich auch noch deinen Lohn.“

    „Pass auf, was du sagst.“ Klymera sah ihn höhnisch an und stemmte die dampfenden Hände in ihre Seiten. „Ich kann auch dich verfeuern.“

    „Mach’s, wenn du dich nicht beherrschen kannst.“ Turris schleuderte ihr wütende Blicke zu. „Dann bekommst du deinen Lohn allerdings in ganz anderer Münze. Denn ich beherrsche eine Kraft, die mächtiger ist als du.“

    Das hatte gesessen. Obwohl er das Wort Schwarzmagie nicht ausgesprochen hatte, hing es drohend in der Luft und schien selbst unsere Atemluft noch zu vergiften.

    Mir drehte sich fast der Magen um. Wie redete er denn da? Das klang nicht nach einem hilflosen Opfer dunkler Mächte. Nein, es klang viel eher nach einem, der diese Mächte voller Wonne dirigierte.

    Die Hexen schienen ebenfalls recht eingeschüchtert zu sein. Eine nach der anderen senkte ihre Lider und keine sagte mehr ein Wort.

    In mir zerbrach etwas. Als wäre ich eine Porzellanschüssel, die auf den Boden gefallen ist und in tausend Stücke zersplittert. Wie sehr hatte ich in mir drin noch darauf gehofft, ihm trauen zu können! Aber jetzt...

    Wir jagten vorwärts ohne eine Pause. Die Sonne ging auf und kletterte am Himmel hinauf. Inzwischen hatte ich mit bleierner Müdigkeit und schweren Lidern zu kämpfen. Zumindest vernebelte mir das die belastenden Gedanken. Zu allem Überfluss landete ich während des Rittes wieder zwischen den drei Hexen.

    „Was für Extras hat er dir denn als Lohn versprochen?“, fragte Eszella nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkam.

    „Und dir?“, gab Klymera zurück, die wohl nicht plante, jemals wieder Vertraulichkeiten mit unseren Kolleginnen aufzunehmen.

    Ich war zu müde und zu gestresst, um mir Gedanken darüber zu machen, mit welchen Wunderpreisen man wohl eine mächtige Hexe auf so eine Reise locken könnte. Dürften wir nicht vielleicht irgendwo ein Lager aufschlagen? Meinetwegen direkt auf dem Erdboden?

    „Was denkst du, wo er die Sachen versteckt hat?“, fragte Wisha von hinten. „Darüber zerbreche ich mir schon die ganze Zeit den Kopf.“

    „Du denkst, er hängt sich unsere Zauberwaffen an sein Pferd, wo wir sie ihm leicht klauen könnten?“, fragte Klymera abfällig. „Glaub mir, wenn er das gemacht hätte, wär ich schon weg. Mitsamt meinem Lohn.“

    „Vielleicht wird er uns betrügen“, murmelte Eszella düster.

    „Ich lass mir mein Riesenamulett jeden dritten Abend zeigen“, knurrte Wisha. „Und die Taler auch. Ist noch alles da. Ich für meinen Teil denke, er ist so scharf darauf, dass wir dieses Meer überwinden, dass er den Teil der Abmachung schon einhalten wird.“

    Erst am späten Nachmittag ließ Turris uns anhalten. Ich war vor Müdigkeit schon wie gerädert. Zelte wollte er nicht aufbauen, aus Angst, diese ominösen Drachenreiter, welche die Skeff uns auf den Hals jagen wollten, könnten uns einholen und sie entdecken. Aus demselbem Grund stellte er auch Wachen auf, die sich dreimal in der Nacht abwechseln sollten. Mich teilte er in die letzte Wache ein. Mit dem Auftrag, ihn kurz vor Sonnenaufgang zu wecken.

    Du wirst immer besser. Dies ist wieder ein sehr starker Abschnitt.

    Hm, Moment mal, kurze Sätze? Was bitte nennst du kurze Sätze? Ach so, du meinst die am Schluss.

    Sie passen dort sehr gut. Der ganze Abschnitt ist sehr intensiv, ich kann ihn mir wahnsinnig gut vorstellen und es ist so schräg und seltsam, davon kann ich gar nicht genug bekommen!

    glaubte Emilia tatsächlich für einen Moment, Elias` Gesicht erkennen zu können, das sich aus dem feinen Wüstensand formte und derart echt wirkte, als sähe sie ihn leibhaftig vor sich.
    Seine Augen, die die Farbe von flüssigem Silber angenommen hatten, strahlten eine beruhigende Wärme aus. Doch an ihrem sorgenvollen Ausdruck war deutlich abzulesen, dass er in keinster Weise gut hieß, was sie hier tat. Es war derselbe Blick, den er ihr immer dann zuwarf, wenn sie etwas offensichtlich Dummes tat

    Hier hatte ich einen kleinen Bella-und-Edward-Flash (die Szene, wo sich Bella absichtlich Klippen herunterstürzt, damit Edward gezwungen wird aufzutauchen und sie zu retten, die kennst du sicher) - aber keine Angst, ich finde sowas einfach toll. Und auch wunderschön beschrieben.


    Es wäre leichter, dem Tod entgegenzublicken, wenn er bei war.


    Hier fehlt was. Wenn er dabei, oder wenn er bei ihr war?


    Mit Ach und Krach zog sie sich an

    Der einzige Ausdruck in deiner gesamten Geschichte, der mir nicht so gut gefallen hat. Vielleicht was Anderes?


    Oberhalb ihrer Knöchel flammten lodernde Fußfesseln auf, die umso intensiver aufleuchteten, je näher sie der unsichtbaren Schranke zwischen diesem Grundstück und dem dahinter liegenden Areal kam. Emilias benebelter Verstand brauchte einen Moment, bis er begriff, was hier vor sich ging.

    Fußfesseln... das ist köstlich! Der hat ja an alles gedacht!


    Es beruhigte sie. Sorgte dafür, da

    hier würde ich ein Komma setzen anstelle des Punktes, damit der zweite Satz nicht unvollständig ist.


    :) Einfach genial, der Abschnitt, bitte mehr davon!!!

    Erst mal, danke euch für eure wie immer erhellenden und weiterführenden Kommentare!


    Thorsten


    Rainbow


    Und hier geht es weiter:


    M31. Strafkommando

    Murissa


    Turris stützte während des gesamten Weges zurück zu unseren Pferden meine Schulter, sodass ich trotz meiner Fußprobleme ganz gut neben ihm her humpeln konnte.

    Wir gingen so dicht aneinander geschmiegt, dass mir von ganz allein die Vorstellung kam, wie schön das wäre, wenn er mich noch viel, viel länger so warm und behutsam festhalten könnte, und ich das nicht einzig meiner Verletzung zu verdanken hätte.

    Während des ganzen langen Weges redeten wir kein Wort mehr miteinander. Alles, was ich hätte sagen können, kam mir so schwer vor oder wäre zu weit gegangen. Noch immer war der furchtbare Schrecken von vorhin aus meinem Herzen nicht ganz verflogen, er saß darin fest wie ein Giftpfeil. Während gleichzeitig eine tiefe, grenzenlose Zuneigung darüber weg schwappte.

    Alles Dunkle war von Turris verflogen, er sah hübsch und etwas verwegen aus mit seiner langen Mähne und den kantigen Wangenknochen, sogar mit dieser Sorgenfalte auf der Stirn, die einfach nicht verschwand. Immer wieder blickte er mich forschend aus den Augenwinkeln an, wenn er dachte, ich merkte es nicht.

    Ich hätte so gern meine ganze Seele vor ihm ausgebreitet. Leider war mir nur allzu schmerzlich bewusst, dass er darin eine ganze Menge Dinge finden würde, die ihm überhaupt nie gefallen konnten und es schon allein deshalb keinen Sinn machte, von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen. An seinen forschenden Blicken und der Melancholie darin erkannte ich, dass er sich der Kluft zwischen uns nur zu gut bewusst war. Und ebenso darunter litt wie ich. Ich spürte ganz genau, dass er mich mochte. Viel mehr als ich es jemals vorher gespürt hatte.

    Leider erreichten wir viel zu schnell unsere Leute. Klymera wartete mit einem der Bootsbauer bei einer Kreuzung, ihre schwarzen dünnen Fledermausflügel benutzte sie wie einen Umhang, mit dem sie sich umhüllte. Die anderen jagten noch immer Pferde, erfuhren wir, da sich unsere Reittiere in alle Winde zerstreut hatten. Turris gebot uns, hier zu warten und ritt dem Rest der Truppe nach, um alle wieder einzusammeln.

    Ich hockte mich auf einen Stein am Wegrand und zog meine Ledersandale aus, um den verletzten Fuß zu begutachten. Der Knöchel war um seinen doppelten Umfang angeschwollen. Na perfekt, jetzt hatte ich außer meinen magischen Defiziten auch noch ein körperliches.

    «Laß mich mal», unterbrach die kühle Stimme der Feuerhexe meine aufgescheuchten Gedanken.

    Klymera betrachtete mich mit einem seltsamen, forschenden Ausdruck in ihren schwarzen Augen und hockte sich mir gegenüber. Mir war unbehaglich in ihrer Gegenwart. Nie wieder würde ich ihr auch nur einen Fingerbreit vertrauen. Trotzdem wagte ich nicht, sie wegzuscheuchen, als sie nun damit begann, meinen Knöchel abzutasten.

    «Ihr versteht euch ja prächtig, du und unser Dämonenprinz», sagte sie nach einer Weile ironisch, während sie mich wieder losließ und anfing, in ihrem Lederbeutel nach etwas zu suchen. Na klar, ich ahnte schon, worauf sie hinauswollte, und damit sie Turris nicht wieder schlecht redete, konterte ich: «So wie du und deine neuen Freundinnen, Eszella und Wisha. Ich dachte, sie beten zu falschen Göttinnen? Oder ist das auf einmal unwichtig?»

    Klymera schnaubte verächtlich. «Kritisiere mich ruhig. Der Angriff auf den Ring war eine der dümmsten Ideen, die ich jemals hatte. Es tut mir wirklich leid, dass ich dich da reingezogen habe.»

    Sie klappte ihre Flügel auf den Rücken und klaubte ein Leinentuch aus ihrem Beutel.

    Stirnrunzelnd wickelte sie das Tuch fest und mit dem genau richtigen Druck um meinen Fuß herum. Obwohl ich das angespannt und etwas gestresst verfolgte, fühlte es sich doch gut an.

    «Und was ist nun bei dem Zauber schiefgegangen? Glaubst du wirklich, dass Wisha uns umbringen wollte?», fragte ich, während ich vorsichtig versuchte, den Fuß wieder in die Ledersandale hineinzubringen, ohne den Verband dabei gleich wieder zu zerstören.

    «Denk nach», erwiderte Klymera. «Es war ihr Windstrahl, der uns in die Luft geworfen hat. Und auch ihr Strahl, der uns genau auf die Bestien zugeschleudert hat, Wahrscheinlich wollte sie den Ring durch den Druck unserer Körper herausschlagen. Mein Fehler, dass ich unsere Energien zusammengekoppelt hatte. Dadurch hat sie Macht bekommen auch auf meine und Eszellas Kraftfelder.»

    Ich riss die Augen auf und versuchte mir vorzustellen, wovon die Feuerhexe redete. Und ob das, was ich in der Luft gesehen hatte, zu dieser Energie gehören mochte. Was meinte sie mit «Zugriff» auf die Magie anderer – dass man die klauen könnte? War es das, was ich da oben gemacht hatte?

    «Vielleicht hatte ich auch so eine Art kleines, ähm, Kraftfeld – glaubst du?», fragte ich gespannt. «Das kam plötzlich einfach aus der Luft auf mich zu. Hast du es gesehen? Wisha hat gegenüber Turris behauptet, ich hätte damit Wellen erschaffen, aber ich bin nicht sicher, was da eigentlich passiert ist.»

    Klymera lachte gönnerhaft. «Du hattest nie auch nur die geringste Ausbildung in Zauberkunst, oder? Aber Wisha und Eszella haben es zum Glück auch nicht begriffen. Überleg mal, wer von uns wohl in der Lage wäre, dir eine Wolke voller Hitzewellen zuzuwerfen?»

    Die heiße Strahlung. Ich wusste sofort, was sie meinte, erinnerte mich noch genau, deren durchdringende Kraft in den Händen gespürt zu haben. Woher war die mir zugeflogen? Von Klymera? Die Feuerhexe wollte mir allen Ernstes weismachen, sie hätte mich gerettet? So naiv war nun auch wieder nicht, dass ich darauf hereinfiel.

    «Warum solltest du mir von deiner Energie schenken in einer Lage, wo du selber in Todesgefahr warst?»

    «Irgendeine Herzensgüte traust du mir wohl nicht zu?» Klymera lachte so zweideutig, dass ich nicht unterscheiden konnte, ob sie sich über mich lustig machte oder doch ernsthaft war. Ich begriff auch sofort die Peinlichkeit meiner Aussage. Auch wenn Klymera eine falsche Schlange war, sollte ich ihr doch lieber nicht Gefühlskälte vorwerfen.

    «Doch... na klar, damit wollte ich nicht sagen...», stammelte ich sofort.

    Klymera winkte ab und lachte. «Ich weiß schon, was du damit sagen wolltest und du liegst auch nicht ganz falsch. Ich bin ein klar denkender Mensch und verschwende meine Ressourcen nicht. Schon mal was von Komplementärmagie gehört? Himmel und Erde sind zwei Seiten derselben Medaille. Das eine ist das Gegenteil vom anderen, darum können sie sich gegenseitig auslöschen, aber sie ergänzen sich auch und können darum durch die Vereinigung ihrer Gegenkräfte eine Macht auslösen, die größer ist als die Summe ihrer Einzelteile. Darum haben sich Eszella und Wisha immer so gut vertragen. Wisha wusste übrigens, dass ihre Kameradin beim Absturz aus der Luft nicht sterben würde, die Erde hätte sie gefangen. Es wären nur wir beide draufgegangen und daran hätten sich die Zwei überhaupt nicht gestört. – Wir beide, Feuer und Wasser, sind auch zwei Seiten derselben Medaille und können unsere Kraft gegenseitig verstärken. Meine einzige Chance zu überleben war deshalb, deine Magie überhaupt erstmal zu wecken. Und eben darum musstest du auch bei der Übung mitmachen, obwohl ich dir angesehen habe, dass du dich am liebsten in Luft aufgelöst hättest.» Sie grinste kopfschüttelnd. «Ehrlich gesagt, du hast mich überrascht. Dein Strahl muss mickrig gewesen sein wie Tropfen aus einem Quellbach, gesehen habe ich überhaupt nichts, aber das Echo davon und das Gegenfeld zu meinem Feuer, das war deutlich genug, dass ich mich damit abfangen konnte. Da kannst du was draus machen. Deswegen, danke schön für mein Leben... Übrigens würde ich dir dringend empfehlen, Kontakt zu irgendeiner Göttin aufzunehmen. Gorrogon zum Beispiel. Ich erwähnte wohl schon, dass sie hier die Mächtigste ist? Sonst kommst du nie zu echten Fähigkeiten.»

    Mir klingelten die Ohren. Meinte sie das im Ernst? Ich... eine Zauberin?

    «Du... du glaubst also wirklich, ich hätte Wasserkräfte?»

    Sie schüttelte den Kopf. «Hast du nicht zugehört? Noch hast du keine. Das was du vorhin erzeugt hast, hast du mit der Gegenkraft aus meiner Energie zustande gebracht. Allein hast du ja keinen Zugriff auf die Kraft.»

    Vielleicht musste ich mein Konzept von Freundschaft nochmal überdenken. Aber für Klymera war das wohl eher eine Art Zweckbündnis.

    «Darum wolltest du mich zu deiner Freundin haben?», überlegte ich. «Du dachtest, meine eventuellen Kräfte könnten für dich nützlich sein?»

    Klymera lächelte überlegen. «Ja, ungefähr so. Überleg dir das mit der Göttin.»

    Was war das? Behandelte sie mich wie einen vollwertigen Menschen und nicht wie ein Insekt, das ihr im Weg ist? Traute sie mir etwas zu... wirklich mir? Es war ein sehr seltsames Gefühl, dass mir jemand sowas wie Achtung entgegenbrachte. Das kannte ich nicht. Mir wurde klar, dass ich von anderen nie etwas anderes erwartete als zur Seite geschoben zu werden.

    Hey Etiam

    Dann will ich auch mal meinen Senf dazu geben.

    Es ist eine sehr schöne spannende Geschichte.

    Was mir gefällt: die Protas (Tjelvar, Sigi, Erik), die nordischen Attribute, die Szene beim Thing, die Beschreibung der Kirche, und ganz besonders: Der Überfall der Draugar. Wow, das ist ja mordsmäßig spannend!

    Etwas Probleme habe ich mit dem Titel der Story. Klingt genauso verständlich wie chinesisch. Ymir, Dunhaven, Ark 1 - das sagt einem auf Anhieb erstmal gar nichts und animiert deshalb überhaupt nicht zum Lesen. Das war der Grund, warum ich diese Geschichte nicht vorher gesehen habe.


    Etwas gehakt hat es bei mir bei dieser Szene in der Kirche. Erik ist dazu verdonnert worden, diesen Stein zu putzen und da er schon ein paarmal Ärger hatte, sollte er die Aufgabe gewissenhaft verrichten. Stattdessen flirtet er aber freizügig mit Sigi in der Kirche herum. Naja, so weit schien das aber durchaus sowohl zu seinem Charakter als auch zu Sigi zu passen. Dann kommt Tjelvar, überrascht die beiden und fängt an, Runen zu lesen und überaus ausführlich zu deuten, was sie wohl bedeuten. Erst danach fällt ihm ein, Erik wieder an die Arbeit zu treiben. Dass Erik und Sigi eigentlich mit etwas anderem beschäftigt gewesen waren, ist auf einmal nicht mehr wichtig.

    Das klingt für mich recht unwahrscheinlich, dass sich eine Szene wirklich so abspielen würde.

    Erik und Sigi wären entweder beschämt, weil Tjelvar sie während einer schon recht intimen Szene erwischt hat, oder sie wären sauer. Und sie würden sich gemeinsam gegen Tjelvar kehren. (Oder?)

    Tjelvar würde Erik sofort zur Arbeit antreiben, und Sigi würde er (weiß nicht, zur Anständigkeit ermahnen, kritisieren, weil sie Erik Ärger hätte machen können, oder so?)

    Dass er sich in dieser Situation so ausführlich mit den Runen beschäftigt, und die beiden dabei auch noch mitmachen, leuchtet mir nicht wirklich ein. Es würde sich vielleicht logischer anhören, wenn sofort klar wäre, dass die Runen was mit den Draugar zu tun haben, vor denen Sigi ja so panische Angst hat. In dem Fall würde ich dann auch verstehen, dass Sigi unbedingt entschlüsseln will, was die Runen sagen, und Erik dann aus Nettigkeit auch dabei mitmacht. Aber dass die sich einfach so aus Neugier darauf stürzen, und Eriks Aufgabe darüber auch noch vergessen, fand ich nicht so plausibel.


    Was mir wiederum sehr gut gefällt, ist das Motiv der Stille. Du erwähnst es ja am Anfang in dem Prolog, da wusste ich nichts damit anzufangen und dachte, das kann ja wohl keine Relevanz haben, aber irgendwie bemerkenswert erschien es mir doch. Bei dem Überfall wird es dann klar, welche eine gravierende Relevanz es hat, dass die Draugar keinen Krach machen. Das ist eine tolle Idee.

    Bin gespannt, wie es weitergeht!