Beiträge von Chaos Rising

    Der Abgrund


    Jonas sah sein Schicksal ausgebreitet vor sich liegen, daran gab es keinen Zweifel hinter seinen träumenden Augen. Eine Ebene aus rotem Gras erstreckte sich vor ihm und in der Mitte stand ein dünner weißer Turm, in dessen Schatten er stand. Der Turm jedoch war weder aus Stein gebaut noch aus Holz. Die Oberfläche war glatt wenn er sie berührte und er konnte die Wärme fühlen die davon ausging, wie bei jedem Besuch an diesem Ort, seit die Visionen begonnen hatten – dann diese Bewegung am Rand seines Sichtfeldes. Diesmal drehte er sich nicht um. Es würde nicht dort sein wenn er hin sah, aber er wusste dass ihm irgendetwas hierher gefolgt war.


    In der wachen Welt zuckten seine Finger und Zehen, tief vergraben in einem warmen Schlafsack. Jonas zwang seine müden Lieder sich zu öffnen, um dem Alptraum zu entkommen und die Kälte stach unangenehm in seine Augen. Er war als erstes wach, blieb aber noch in seinem Zelt liegen. Es hatte keinen Sinn den Abbau des Basislagers alleine zu beginnen während der Rest der Gruppe noch schlief.


    Die vier Männer waren zum dritten Mal gemeinsam auf diesem Gipfel. Der Preis guter Vorbereitung änderte sich im Verlauf einer Expedition. Zuerst kostete es Zeit die Ausrüstung auf Defekte zu kontrollieren und das Gewicht gleichmäßig auf die Rucksäcke zu verteilen, später konnte es sie alles kosten es nicht getan zu haben. Die Zivilisation hatte ihre Finger bis in die Täler ausgestreckt, aber nicht hier her. Sie waren allein mit ihrem Glück und allein mit ihrem Elend.


    Der Lauf der Sonne schritt voran. Noch drei oder vier Stunden Tageslicht, um den nächsten Lagerplatz zu erreichen. Schwerelosigkeit ergriff Jonas Körper als das durchscheinende weiße Eis unter seiner Hand nachgab. Die Gesichter seiner Freunde, eingefroren in diesem Moment des allergrößten Schreckens, entfernten sich schnell, genau wie der Rand des Abhanges. Einer der Männer streckte den Arm nach ihm aus, obwohl es viel zu spät war ihn zu packen. Beide Seiten der Schlucht warfen das Echo seines Schreis vor und zurück. Und die nebelgefüllte Gletscherspalte verschlang ihn. Er schlug auf, danach verging die Welt in einem Nebel aus bunten Flecken, die vor seinen Augen tanzten, den metallischen Geschmack von Blut zwischen seinen Zähnen.



    Etwas war gebrochen. Er fühlte eine zerschmetterte Rippe deren Ränder sich wie ein Speer in sein Fleisch bohrten und noch etwas anderes. Wärme, Nässe und ein beharrlicher, pulsierender Schmerz in seinem rechten Bein. Der Schock schirmte seinen Verstand gegen den Terror ab, der ihn erwartete, als er den Blick senkte und es war, als ob ein anderer, ferngesteuerter Jonas sich vor beugte und den Stoff der Bergsteiger-Hose zurückrollte. Sein Fuß hing verdreht im aufgewühlten Schnee und direkt unter dem Knie stach ein Knochenfragment durch seine blutende Haut. Ein weißer Turm in einem roten Feld. Seine Gedanken kreisten hilflos.



    Er musste ins Krankenhaus um sein Bein richten zu lassen, aber er konnte nicht hinaus klettern, weil sein Bein gebrochen war. Und dann fegte es wie eine Windböe über sein Bewusstsein hinweg: der Schatten. Wenn der weiße Turm hier war dann war er es auch.



    „Hallo, Jonas.“ Die tiefe männliche Stimme drang aus dem Schatten zwischen zwei Felsen zu ihm. In den Worten schwang eine große Sehnsucht mit, wie die ersten Worte die man an einen alten Freund richtete, den man nach langer Zeit unerwartet wieder sah. Eine Gestalt tappte ins Freie auf vier großen grauen Pfoten, welche die feine Schicht aus Schneeflocken knirschend platt drückten. Als das Tageslicht den Wolf traf, glitzerten seine blauen Augen, wie die eisigen Gletscherwände, die sie beide umgaben und hielten Jonas ebenso gefangen.



    Das Tier kam näher und ging über den Verlauf der fünf Meter die ihn von seinem Ziel trennten von gemächlichen Schritt in einen Trab über. Er würde sich auf ihn stürzen. Das war was Wölfe taten. Jonas riss an einem der Klettverschlüsse an seinem Rücken und seine Fingerspitzen fühlten verzweifelt nach einem länglichen, runden Gegenstand, der zwischen Batterien und Wasserreinigung-Tabletten liegen musste: Einer Signalfackel.


    Das Raubtier sprang, das grässliche Maul weit aufgerissen, um die Zähne in seiner Kehle zu schlagen, doch er war schnell genug. Er brachte die grelle rote Flamme zwischen sich und den Wolf. Die Funken trafen seine Schnauze und der stinkende Rauch stach in seinen Augen. Vor Schmerz wimmernd, zog sich das Tier in den Schatten der Felsen zurück und verschwand dort in die Dunkelheit, wohin er ihm mit seinem Blick nicht mehr folgen konnte. Was blieb war der Geruch von verbranntem Fell und sie Stimme.



    „Du hast wie ein zerbrechendes Ei geklungen, als du auf den Felsen geschlagen bist. Du wirst nicht mehr lange durchhalten.“



    Jonas blinzelte und seine Augen gewöhnten sich langsam an die veränderten Lichtverhältnisse. Es schien sinnlos nach einer Erklärung zu fragen, aber wohin sollte er seine Verwirrung sonst richten?



    „Du sprichst?“ Rief er zu den schattigen Felsen auf der anderen Seite der Spalte hinüber.


    Er musste auf die Antwort warten und er konnte sich vorstellen wie der Wolf zuerst seine Pfoten über die versenkte Schnauze rieb, ehe er sich um eine Antwort bemühte.


    „Normalerweise nicht. Aber du bist etwas Besonderes.“



    „Geh weg!“ Blaffte Jonas energisch. Die plötzliche Anspannung schickte eine neue Welle stechender Schmerzen durch seinen Brustkorb und schnürte ihm die Luft ab. Diese verborgenen, inneren Wunden wären der Untergang jedes schwächeren Bergsteigers gewesen, aber nichts an ihm war schwach. Er würde einen Ausweg finden und diese Kluft nicht zu seiner Grabstätte werden lassen.



    „Das ist nicht das erste Mal, dass ich abgestürzt bin. Ich weiß genau was ich tue, also mach, dass du wegkommst, räudiger Aasfresser!“ Er musste einen Druckverband zustande bringen. Mit zitternden, blutigen Fingern zog er die blaue Fahne aus seinem Rucksack, seine Fahne; das Symbol seines Sieges über diesen Berg, das er zum Gipfel hatte tragen wollen. Er riss einen Streifen davon ab, während die Fackel auf einem flachen Stein neben ihm ruhte, und zog ihn eng um sein Bein, genau über dem Knie, damit das rote Feld sich nicht weiter ausbreiten konnte und sein Traum nicht real wurde.



    „Nein, Jonas.“ Erklang die Stimme erneut und die blauen Augen leuchteten ihn aus dem dunklen Versteck hinaus an. „Das funktioniert nicht. Du kannst nirgendwo hin flüchten wo ich dich nicht einhole.“ Der blaue Stoff sog sich voll und der Knoten löste sich, als die aufgeweichten Woll-Fasern auseinander glitten. Wieder und wieder riss er Streifen ab und legte sie um sein geschundenes Fleisch. Erschöpfung setzte ein. Es funktionierte nicht.



    Als er seinen Blick längere Zeit auf das gebrochene Bein gerichtet hatte und wieder hinauf sah, stand der graue Wolf vor ihm, so dicht das er dessen dampfenden Atem in der kalten Luft sehen konnte. Sein Fell stank abscheulich nach Verwesung. Mit der neugefundener Kraft, die ihm der Schrecken in den Körper trieb, griff er die Signalfackel und schwang sie, wie einen Dolch, von einer Seite auf die andere. Er würde dieses monströse Vieh blenden, wenn er konnte.



    „Lass mich allein! Such dir Beute, die sich wehren kann, du elender Feigling!“ Das Tier machte einen Satz zurück und begann ihn zu umkreisen, sodass er seinen Oberkörper trotz der Wunde aufrichten musste, um sich mit zu drehen und den verhassten Feind im Auge zu behalten.


    „Ich kann deinem Schmerzen ein schnelles Ende machen, wenn du mich lässt.“ Versicherte ihm die sehnsüchtige Stimme.



    „Nein!“ Knurrte er zurück, die Augen zu kleinen Schlitzen verengt. Die Zeit rannte gegen ihn. Es würde keinen fairen Kampf geben.



    Jonas wartete, bis sich das Tier wieder zwischen ihm und den beiden Felsen befand und senkte die Fackel ein Stück, damit die Flamme sie beide nicht mehr so stark blendete.


    „Kannst du denn keine andere Beute finden? Meine Tochter ist erst drei Jahre alt. Sie kennt mich doch noch kaum.“


    Die spitzen Ohren des Wolfs zuckten und sein Blick wanderte an der Wand aus Eis empor. Er blieb stehen.


    „Bernard lebt allein, nicht wahr? Würdest du wollen, dass ich ihm nachjage und nicht dir? Wenn ich etwas anderes fresse und bis morgen satt bin, was würdest du überhaupt mit deiner geschenkten Zeit tun?“



    Jonas ließ die Luft aus seinen Lungen entweichen. Natürlich wünschte er keinen seiner Freunde an seine Stelle. Seine Augen füllten sich langsam mit Tränen, die sich dort sammelten und in kleinen Rinnsalen seine Wangen entlang liefen. Die Signalfackel würde bald verlöschen und nirgendwo gab es Hinweise auf Hilfe, die noch rechtzeitig eintreffen würde. Er war allein. Alles was jetzt nicht gesagt war würde unausgesprochen bleiben. Er spürte nun die fehlende Wärme, die seinen Körper nach und nach verlassen hatte. Seine Sicht wurde unscharf und seine Atemzüge, eben noch Reflexe, derer er sich kaum bewusst gewesen war, wurden flach und unendlich mühsam.



    „Wolf?“ Röchelte er und suchte ein letztes Mal das Gesicht des Raubtiers. Der Schnee knirschte neben ihm und er wusste, dass die Kreatur jetzt genau über ihm stand. Er streckte seine Hand aus und der Wolf ließ ihn durch seine dichte graue Mähne streichen. Das Licht der Fackel verlor sich in einer Windböe und ließ sie beide in der Dunkelheit zurück.


    „Ich bin hier. Sprich!“


    „Du bist kein Tier auf der Suche nach Beute und ich bin nicht verrückt, weil ich deine Stimme höre, oder? Du bist…“



    Schnee wirbelte auf und der Lärm eines Helikopter-Rotors verschlang sein letztes Wort. Leute in orangenen Anzügen ließen sich an Seilen zu ihm herunter und gleißendes Scheinwerferlicht flutete den eben noch friedlichen Boden der Schlucht. Stimmen ratterten Daten herunter: Puls, Blutdruck, Atmung –organische, natürliche Prozesse übersetzt in harte Zahlen und Fakten, die ein Leben definierten.



    Das Caos im Inneren der Kabine wusch, wie eine reißende Welle, über ihn hinweg. Eine Silhouette huschte am Rand seines Sichtfeldes entlang, aber sein Kopf war bereits mit einem Plastik-Kragen fixiert. Jonas ließ sich in einen tiefen, traumlosen Schlaf fallen. Er musste ihn nicht länger sehen können, um zu verstehen, dass der Wolf bei jedem Schritt an seiner Seite ging, und dass er für immer in seinem Schatten leben würde.

    NORDFROST


    Mit einem brutalen Hieb trennte Isra den Arm des Ghuls vom Rumpf, doch das bremste ihn nicht aus. Die Klauen seiner Linken bohrten sich in ihre Seite und brachten sie aus dem Gleichgewicht. Tränen traten in ihre Augen und ihre Wahrnehmung verschwamm, weshalb auch der nächste Hieb der Kreatur ihr Ziel fand und knapp unterhalb der ersten Wunde einschlug. Stoff, Leder und Haut hingen in Fetzen an der Pranke des Ghuls, als er erneut ausholte. Isra konnte kaum erkennen, was um sie herum geschah, doch ihr Instinkt führte die Waffe mit aller Kraft. Das Axtblatt bohrte sich tief in das zähe Fleisch der Kreatur und zerteilte knackend den Rumpf auf Brusthöhe.


    Schwer atmend senkte sie die von schwarzbraunem Blut getränkte Axt und sah sich um. Auf der anderen Seite der mannshohen Felsen, zwischen denen sie ihr Nachtlager aufgeschlagen hatte, lag die eisige Tundra. Dort war keine Bewegung zu sehen und auch die Geräusche, die sie wahrnahm, offenbarten keinen weiteren Angreifer. Ein Hauch von Erleichterung lockerte ihre angespannten Kiefermuskeln, während sie sich die blutende Seite hielt und auf den Fellen niedersank, in denen sie vor wenigen Minuten geschlummert hatte. Hinter ihr erhob sich der nackte Fels und darüber lag der sternenklare Nachthimmel. Sie musste die Wunden versorgen und dann schnellstmöglich ihre Sachen zusammenpacken. Es ärgerte sie, ihr windgeschütztes Lager aufgeben zu müssen, doch hier würden bald weitere Untote auftauchen, die ihre endgültig vernichteten Artgenossen witterten.


    Die Verletzung sah übel aus, doch Isra war gut ausgestattet. Sie zerrieb eine getrocknete Wurzel in den Händen, beugte sich zur Seite und streute das Pulver großflächig auf die Wunde. Zwischen den zusammengepressten Zähnen sog sie zischend die Luft ein, denn es brannte fürchterlich. Mühsam richtete sie sich schließlich auf und bedeckte die Wunde mit einem etwas zu schmalen Leinenverband. Während sie die Felle zusammenrollte spürte sie das warme Kribbeln der Heilung. Sinsad Yaasea – ‚Schwelle des Lebens‘ nannten die Schamanen die zarte, fein verästelte Pflanze, bei der Blätter und Blüten schon bei einer einfachen Berührung hochgiftig waren, doch deren Wurzeln magische Heilkräfte besaßen. Sie schulterte den Rucksack und machte sich auf den Weg.


    Insgesamt war sie bereits seit vier Tagen geradewegs nach Norden gegangen. Die karge, zerklüftete Landschaft, die laut den Geschichten der Schamanen in alten Zeiten von mächtigen Bergen und Gletschern durchzogen wurde, war heutzutage deutlich einfacher zu bereisen und seit einigen Jahrhunderten durchaus bewohnbar. Die Siedlung des Stammes Alradynn lag nur noch wenige Stunden entfernt. Der Rat ihres Dorfes hatte sie als Kundschafterin losgeschickt, denn seit drei Wochen war niemand mehr aus dem Norden gekommen. Weder Vilan, ein stämmiger Jäger, der regelmäßig seine Felle bei ihnen verkaufte, noch die jungen Männer und Frauen, die gemeinsam loszogen, um gegen die Bedrohung durch die Ghule zu kämpfen, hatten in den letzten Wochen eine sichere Nacht in den Langhäusern ihrer Siedlung verbracht. Die untoten Wesen waren durchaus eine Bedrohung, doch Isra konnte sich nicht vorstellen, dass sie den gesamten Stamm in die Knie gezwungen hatten. Etwas flau im Magen wurde ihr dennoch, während ihre Gedanken um deren Schicksal kreisten.


    Zur Mittagszeit, als das dämmerige Licht der Sommersonne sich knapp über den Horizont hob, erblickte sie die Siedlung der Alradynn. Die Sonnenstrahlen verliehen den Häusern einen sonderbaren Glanz, den Isra nie zuvor gesehen hatte. Sie legte ihren Rucksack flach auf den Boden und bedeckte ihn mit etwas Gras und ein paar losen Steinen. Mit gezogener Waffe ging sie in geduckter Haltung näher heran. Erst dachte sie, das Dorf sei vollständig verlassen, denn sie konnte keine Bewegung erkennen, doch dann erblickte sie den großen, blonden Mann an einer Hausecke. Reglos stand er dort und blickte in ihre Richtung. Sie wartete einen Moment ab, doch er zeigte keine Reaktion, obwohl er sie mit Sicherheit gesehen haben musste. Langsam hob sie ihre Hand zum Gruß, doch mit einem Mal wurde ihr klar, dass er nicht zurück grüßen würde. Er war vollkommen erstarrt. Erschrocken nahm sie die Axt in beide Hände und näherte sich vorsichtig. Sein ganzer Körper war von feinen Eiskristallen bedeckt und glänzte im Sonnenlicht. Sie ging an ihm vorbei und entdeckte zwei Kinder, die beim Betreten eines Hauses erstarrt waren. Übelkeit stieg in ihr auf, als sie weitere eingefrorene Bewohner des Stammes entdeckte. Voller Entsetzen starrte sie auf das Stammestotem inmitten der Siedlung, dessen Schnitzereien vollständig von einer Schicht Eis überzogen waren und zu dessen Fuß die reglose Schamanin am Feuer saß. Das Feuer! Isra taumelte fassungslos zurück. Die Flammen schimmerten in einem eisigen Blau und umfassten bewegungslos die Holzscheite. Voller Furch rannte sie fort, denn sie wusste aus den alten Geschichten, dass dies nur eines bedeuten konnte. Aus dem Norden drang die Magie der dunklen Göttin ins Land, die aus ihrem Gefängnis entkommen war, um Rache an den anderen Göttern zu üben und ihren Platz in der Welt zu beanspruchen. Angst schnürte ihre Kehle zu, als sie den Rucksack über ihre Schulter warf und einen letzten Blick zur Siedlung der Alradynn warf. Eisig griff eine dunkle Macht nach ihrem Herzen und raubte ihr den letzten Atemzug.


    Eisige Winterliebe


    Ehe der Herbst die Blätter farbig malte, führte ich mein Pferd durch wilde menschenleere Schluchten und überquerte schäumende Bäche. Ein schmaler Pfad wies mir den Weg tiefer ins Gebirge. Zur Mittagszeit bemerkte ich den Rauch von Kaminen am Talgrund. Die hölzernen Gebäude eines kleinen Dorfes säumten den Lauf eines schäumenden Baches. Auf der anderen Seite des Tals, hoch oben zwischen den Felsen, erblickte ich einen steinernen Turm. Der hölzerne Krug an einem kurzen Pfahl wies eines der Gebäude als Schenke aus. Zunächst ließ sich niemand blicken, doch ich sattelte ungerührt das Pferd ab. Da öffnete sich die Tür. Eine beleibte Matrone wischte sich die Hände an der Schürze sauber und musterte mich abschätzend.

    „Für Euer Pferd wird gesorgt sein, Fremder. Ich habe Eintopf auf dem Feuer und Bier wird es geben.“

    Ich nickte zustimmend, betrat den niedrigen Raum und setzte mich an den einzigen Tisch. Die Wirtin und stellte mir eine Schüssel mit Eintopf hin. „Seid Ihr auf der Suche nach Gold? Ihr kommt spät im Jahr! Der Winter naht.“

    „Ein guter Eintopf“, lobte ich. Fast hatte ich es vergessen, das Gold der Karpaten war berühmt, aber mit Blut zu bezahlen. So hieß es.

    Die Tür öffnete sich und ein hagerer Mann trat ein. Er schlürfte kraftlos näher und stellte den Krug auf den Tisch, dabei schwappte Bier über und rann von der Tischplatte auf den Boden. Ich grunzte.

    „Verzeiht, Herr“, stammelte er. Der Mann war dürr und ausgezehrt. Trübe Augen blickten mich aus dem Gesicht eines Verhungernden an. Stammelnd schlurfte er aus dem Haus.

    „Ihr müsst Dorin verzeihen. Letztes Jahr war er noch ein prächtiger Mann, aber alle Kraft ist aus ihm gewichen.“

    Ich nickte nachdenklich. Der Mann würde den Winter nicht erleben.

    „Im letzten Jahr hat es den Sohn des Schmiedes dahingerafft und im Jahr davor den Köhler. Nun ist es Dorin.“

    „Das ist gutes Bier, Frau Wirtin.“

    „Nennt mich Mutter Cosmina. Das machen alle hier so.“

    Ich nickte und löffelte den Rest des Eintopfes.

    Mutter Cosmina nahm die Schüssel und füllte nach. „Seid Ihr ein Heiler, Herr?“

    Ich wiegte den Kopf.

    „Ich habe Kräuter am Sattel hängen sehen, aber auch Euer Schwert“, sagte sie nachdenklich. „Wisst Ihr, was mit Dorin geschieht?“

    „Es gibt so manche zehrende Krankheit. Dort wo Gold im Boden liegt, mag auch anderes in der Erde verborgen sein.“

    „Das mag wohl sein“, sagte sie ohne viel Überzeugung.

    „Ich habe vom Weg aus einen Turm gesehen. Gibt es dort oben noch eine Ortschaft?“

    Sie sog erschrocken den Atem ein. „Das ist die alte Burg am See. Aber dieser Ort ist verflucht, Herr. Und verlassen. Von dort haltet Euch besser fern!“


    Der Weg zur Burg erwies sich als beschwerlicher als gedacht. Aber er lohnte sich. Das Gemäuer stand unweit eines kleinen Bergsees. An einigen Stellen waren Steine aus der Mauer gebrochen, aber nichts, was die Substanz gefährdete. In den nächsten Tagen nahm ich von der Burg besitz und schaffte Vorräte aus dem Dorf heran. Als ich das Heu verstaute, fielen dicke Schneeflocken. Der Winter kam schnell in den Bergen. Ich schüttelte das Heu von den Kleidern und schritt auf den Burghof. Da sah ich eine Gestalt am geöffneten Tor.

    „Hallo, wer ist dort?“ Mein Schwert lag im Haus, aber ich hatte die Forke in der Hand. Ein dunkler Haarschopf lugte um die Ecke.

    „Komm hervor, ich tue Dir nichts.“

    Das Mädchen trat durch das Tor. Sie trug einen dunklen Mantel aus gefilzter Schafwolle. Ich schätzte sie auf nicht mehr, als sechzehn oder siebzehn Jahre.

    „Bist Du ein Mädchen aus dem Dorf?“

    Sie schüttelte den Kopf.

    „Sag schon, was führt Dich nach hier oben?“

    Sie legte den Kopf schief.

    „Sagst Du nichts?“

    Sie schüttelte erneut den Kopf.

    „Nun gut. Wie heißt Du denn?“

    „Helka“, sagte sie. „Kalt!“

    Das waren die einzigen Worte, die ich dem Mädchen abringen konnte. Kaum hatte sie das Wohnhaus betreten, legte sie den Mantel beiseite und machte sich an die Arbeit. Ich sah ihr staunend zu. Zwar hatte ich niemanden eingeladen, aber ich hatte ja auch niemanden gefragt, bevor ich die Burg in Besitz nahm. Draußen pfiff der Wind und drinnen bereitete Helka heißen Tee. Ihre schwarzen Haare offenbarten einen blauen Schimmer, als sich das Licht des Herdfeuers in ihnen verfing.

    „Sag doch, woher kommst Du? Vermisst Dich zu Hause niemand?“

    Sie sah wie abwesend aus dem Fenster und schüttelte den Kopf. „Helka!“


    Der Winter gewann schnell an Macht. Helka war von sanfter Schönheit. Ihre traurigen braunen Augen senkten sich schüchtern, wenn ich sie ansah. Dann errötetet sie leicht. Immer mehr spürte ich die Anziehung, die von der jungen Frau ausging. Während Helka in der Küche schlief, hatte ich meine Bettstatt in einem kleinen Raum im Turm. In dieser Nacht pfiff der Wind durch den Kamin und ich fiel nur langsam in einen unruhigen Schlaf.


    Der Wind zerrte an mir, aber ich spürte keine Kälte. Zwischen den Erlen am Seeufer huschte eine Gestalt mit wehenden Haaren auf die Eisfläche. „Helka!“, rief ich, aber der Wind riss meine Worte mit sich fort. Immer wieder rief ich ihren Namen. Niemand antwortete und niemand war zu sehen. Grade wollte ich mich abwenden, da erblickte ich ein dumpfes Licht auf dem See. Es strahlte, mal hell und mal gedämpft. Der Schnee knirschte unter meinen Füßen. In der Mitte des Sees war das Eis glatt und durchsichtig. Das Glühen pulsierte direkt vor mir. Da war etwas im Eis, eine Art Amulett oder nein, ein Totem. Ich erkannte kunstvolle Elbenrunen. Ein Totem aus der alten Zeit. Etwas regte sich zu meiner Rechten. Ein Schatten, der sich unter dem Eis auf das Totem zubewegte. Das Mädchen hämmerte mit den Fäusten ans Eis. Aus ihrem zum Schrei geöffneten Mund stiegen Blasen und verteilten sich wie leuchtendes Quecksilber an der Unterseite des Eises.

    „Helka!“, rief ich und schnappte nach Luft. Der Traum war mir so echt erschienen, wie die Wirklichkeit selbst. Beunruhigt lauschte ich dem Wind. Unter der Tür schimmerte ein schwaches Licht. An Schlaf war nicht mehr zu denken, also stapfte ich die Treppe hinab und betrat den Küchenraum.

    Im flackernden Licht des Küchenfeuers bewegte sich das schlanke Mädchen zu einer Musik, die nur sie zu hören vermochte. Ihr nackter Leib bog sich lasziv, die geöffneten Haare fluteten über die Schultern wie ein dunkler Wasserfall. Ihre Hände strichen zügellos über die runden, festen Brüste und glitten abwärts. Sie sah auf und bemerkte mich. Ihr Lächeln war offen, freundlich und voller Begehren.

    „Kommen!“

    Das Blut verließ meinen Kopf und schoss in die Lenden. Ich ließ alle Vorsicht fahren und glitt aus den Kleidern. Helka lächelte. Ich spürte die festen Brüste des Mädchens an mir. Unsere Lippen trafen sich. Meine Hände strichen über die makellose, glatte Haut. Dann drängte ich sie an den Küchentisch, das morsche Holz knirschte, als sie sich zurücklehnte und die schlanken Schenkel öffnete.


    Der Geruch von frischer Suppe weckte mich. Ich fühlte mich wie nach einer ausgiebigen Zechtour mit vielen Gläsern schlechtem Wein. Mühsam rappelte ich mich hoch und öffnete die Tür. Der frische Wind schlug mir ins Gesicht, geräuschvoll erbrach ich mich in den Schnee.

    Helka betrachtete mich besorgt und füllte mir eine Schale mit dampfender Suppe. „Krank!“, stellte sie fest.

    Ich zwang mich, etwas zu essen. Bald spürte ich wieder Leben in den Gliedern. Das Mädchen lächelte erfreut. Mir kam die Erinnerung an die letzte Nacht. Sie schien zu spüren, woran ich dachte und errötete. Raschelnd glitt ihr Kleid zu Boden.

    An die Ereignisse der nächsten Wochen kann ich mich kaum erinnern. Bilder von Helka in meinen Armen und Erwachen in Schmerz und Agonie. Ein Fiebertraum von Lust und Schmerz. Und immer wieder der Traum vom Totem im Eis. Beinahe wären mein Körper und meine Seele vergangen, wie die flüchtige Erinnerung an einen Nebeltag.


    Mühsam zog ich mich am Tisch hoch. Mein Gesicht spiegelte sich im Fenster wider. Ich sah Dorin und den Sohn des Schmiedes und den Köhler. All die Männer, die es in den Jahren zuvor dahingerafft hatte.

    Helka war nicht im Raum, aber ich hörte sie summend den Turm hinabkommen. Hastig glitt ich in meine Stiefel und warf den Mantel über.

    „Wohin gehst Du, Geliebter?“ Ihre Stimme klang süß wie Nektar und warm wie ein Kaminfeuer. Ich wollte zurück in ihre Arme. In ihren Armen sterben.

    „Ich gehe zum Pferd“, grunzte ich. Mit einer wahrhaft unmenschlichen Anstrengung trat ich nach draußen. Das Wetter war eisig, aber es wehte kein Lüftchen. Der Kadaver meines treuen Pferdes lag ausgestreckt im Stroh. Das Burgtor war offen. Ich schwankte zum See hin.

    Helka rief mich.

    Der bittersüße Befehl der Herrin, die ihren Diener zu sich ruft. Der Schnee knirschte unter meinen Stiefeln, ganz so, wie er im Traum geklungen hatte. Und dann sah ich das Leuchten im Eis.

    Das Totem lag direkt vor mir, aber hatte ich genug Kraft es aus dem Eis zu befreien? Entschlossen legte ich die Hand über das Artefekt und murmelte einen Spruch der Macht. Das Eis schmolz dampfend. Dann hielt ich das Totem in der Hand. Pure alte Kraft umfloss mich. Ich fühlte, wie die tiefen Falten in meinem Gesicht sich glätteten. Meine gebeugte, greisenhafte Gestalt richtete sich auf.


    Als ich die Burg betrat, stand Helka am Herd und rührte im Topf.

    „Du bist zurück. Wie geht es dem Pferd?“

    „Das Pferd ist tot, Helka.“

    Das Totem aus dem Eis leuchtete auf und ich erkannte Helkas wahre Gestalt. Graue Schwingen, wie die einer Fledermaus wuchsen aus ihrer Seite. Die schwarzen Haare fluteten um die Schultern wie ein Ozean aus tanzenden Raben. Ihre glatte Haut schimmerte olivenfarben. Selbst in dieser Gestalt ging eine Anziehungskraft von ihr aus, die schwer zu beschreiben ist. Das Wesen der Nacht war noch nicht vollendet, aber bald wären die Flügel groß genug, um sich damit in die Lüfte zu erheben.

    Traurige große Augen blickten mich an. Eine einsame Träne rann ihre Wange hinab.

    „Dann ist dies das Ende? Es ist gut, dass Du mich so siehst, wie ich wirklich bin.“ Sie füllte die Schale mit dampfendem Eintopf und stellte sie an meinen Platz. „Schade, dass es so endet. Ich hatte Dich lieb gewonnen.“

    „Ein Sukkubus liebt nicht. Er ernährt sich“, gab ich zu bedenken.

    „Was weißt Du schon? Denkst Du, ich habe diese Existenz gewählt?“

    „Die Berge sind erfüllt von alter Magie“, sagte ich nachdenklich. „Die alten Wege brechen sich an Orten wie diesen ihre Bahn. Sie erschaffen Geschöpfe, die anders sind.“

    Das Mädchen sah auf. „Dann wirst du mich nicht töten?“ Ihre braunen Augen versprachen den Himmel.

    „Lass das, Helka und setze dich. Nimm dir von dem Eintopf!“

    „So etwas esse ich nicht mehr“, sagte sie verzagt.

    „Versuche es einfach. Du kochst nicht schlecht!“

    Resignierend füllte sie eine Schale und setzte sich zu mir. Ich nahm das Totem aus dem Eis und legte es um ihren Hals. Es leuchtete hell auf.

    „Was geschieht mit mir?“, seufzte sie überrascht.

    „Iss“, brummte ich.

    Vorsichtig tauchte sie den Löffel in die duftende Suppe.

    Das Totem aus dem Eis leuchtete und warf ein Relief aus Schatten und Licht an die Wände der Burg.

    Das Geheimnis des gefrorenen Meeres


    Dunkelheit, Kälte, Schweigen.

    Er saß regungslos und wartete geduldig, wie er es immer tat, seit er hier war. Wie er hergekommen war und aus welchem Grund wußte er nicht zu sagen. Aber darüber dachte er nicht nach. Die Frage nach dem „Warum?“ spielte für ihn keine Rolle. Genau so wenig wie die nach dem „Wie lange?“.

    Er hatte alle Zeit. Und kommen würde, was kommen mußte. Oder kommen wollte.

    Und etwas kam, näherte sich ihm. Er spürte die feinen Veränderungen der Schwingungen im Gefüge um sich herum.

    So, wie ein leichter Windstoß daß Licht einer Kerze zum Flackern bringt...


    'Flapp, flapp. Flapflapp'.


    Decker erwachte von diesem Geräusch und schlug die Augen auf, was er sofort bereute. Das grelle Sonnenlicht, daß durch den geöffneten Zelteingang hereinfiel, bohrte sich schmerzhaft direkt in seinen Kopf.

    Schneeflocken wirbelten herein. Decker hörte das leise Pfeifen des Windes.

    Er stöhnte und streifte sich die fellbesetzte Kapuze seines Anoraks hastig über das Gesicht. Das war entschieden besser, auch wenn sein Kopf explodieren wollte von dem Schmerz, der im Takt seines Herzschlags darin pochte. Die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen, versuchte er es erneut.

    Er schielte nach links hinüber.

    Hallströms Platz war leer. Völlig leer. Kein Hallström. Kein Schlafsack.

    Decker schloß die Augen wieder, während er versuchte, alles in einen Zusammenhang zu bringen wie ein Kind, das seine Bauklötze zu einem Turm aufstapelt.

    Kein Schlafsack...? Dann konnte Hallström ja nicht draußen sein, weil er mal eben pinkeln mußte...

    Deckers Hirn hatte seine Bauklötze zuende aufgestapelt.

    Mit einem wütenden Brüllen fuhr er hoch, ignorierte das grelle Sonnenlicht und seine Schmerzen und steckte den Kopf aus dem Zelt.

    Und kein Gespann!

    Hallström und der Hundeschlitten waren weg.

    Dieser dreimal verfluchte Dreckskerl!!!

    Er sank im Zelteingang auf die Knie und stützte den Kopf in seine Hände.

    'Vielleicht hätte ich auf den Alten hören sollen,' dachte er einen verzweifelten Augenblick lang.


    Aber Hallströms Köder war zu verlockend gewesen:

    Die alte Karte, die er ihm in der Kneipe raschelnd auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

    Hallströms Erläuterungen dazu.

    Dort, und dabei war sein Finger auf einige wellenförmige Linien auf dem Pergament herabgesaust, dort im gefrorenen Meer, wie dieser Teil der Eiswüste genannt wurde gäbe es eine Höhle. Und in der Höhle ein uraltes Totem, Hinterlassenschaft und Heiligtum eines längst vergangenen Volkes. Und zu dessen Füßen ein Schatz, Opfergaben, die über Jahrhunderte dort abgelegt wurden.


    Er, Hallström, habe bereits drei Expeditionen dorthin gewagt, aus verschiedenen Umständen aber jedes Mal sein Ziel nicht erreichen können, obwohl er ihm stets ein Stück näher gekommen sei und nun sogar wisse, wo sich der Eingang zu dieser Höhle befände.


    Ob er, Decker, ihn vielleicht begleiten wolle? hatte er gefragt und eine neue Runde Schnaps für beide bestellt. Die fünfte oder sechste?

    Das hatte Decker irgendwann nicht mehr gezählt. Vielmehr war er froh gewesen, daß sich jemand für ihn interessiert hatte fünf Tage nach seiner Ankunft in diesem trostlosen Nest am Rande der Eiswüste.

    In dem nichts zu geschehen schien und er feststellen mußte, daß er dort genau so wenig Möglichkeiten hatte sein Glück zu machen wie an dem Ort, von dem er gekommen war. Und so hatte er zugestimmt.

    Sein anfängliches Mißtrauen, warum Hallström ausgerechnet ihn dabei haben wollte, hatte dieser rasch zerstreut.

    „Niemand wagt sich alleine in die Eiswüste hinaus,“ hatte er auf seine Nachfrage geantwortet. „Ein verstauchter Knöchel durch eine Spalte im Eis und ohne Hilfe ist man verloren. Nur gemeinsam kann man das schaffen, aber dazu braucht es Mut.“

    Eine weitausholende Geste war gefolgt.

    „Aber an diesem Ort findet man keine Männer mit Mut.“

    Und tatsächlich: Decker hatte nur gebeugte Rücken gesehen, vor ihrer Zeit faltig gewordene Gesichter mit müden Augen, die trübe in ihre Bierkrüge starrten.

    „Ich mußte jedesmal darauf warten, daß jemand wie Du vorbeikam. Zum Wohle!“

    Damit hatten sie das nächste Glas hinuntergestürzt.

    Und kurz darauf ihren Pakt mit Handschlag besiegelt:

    Aufbruch im Morgengrauen des nächsten Tages. 70% des Schatzes für Hallström als Inhaber der Karte und Ausrüster ihrer Expedition, der Rest für ihn, Decker.

    Klang gut für ihn nach den Pechsträhnen der letzten Wochen.

    Als er am Ende schwankend die Kneipe verlassen wollte, zog ihn jemand am Ärmel. Decker blieb stehen und sah in das von tiefen Falten zerfurchte Gesicht des Alten, der alleine am Tisch saß.

    Hellblaue Augen bohrten sich in die seinen.

    „Ich bin kein mutiger Mann, das stimmt wohl“ sagte der Alte nuschelnd. „Aber im Gegensatz zu den mutigen Männern lebe ich noch.“

    Der Alte stieß ein meckerndes Lachen aus und ließ seinen Ärmel los.

    „Ich lebe noch!“


    Decker trat aus dem Zelt.

    Das Pochen in seinen Schläfen ließ langsam nach, der Schmerz wich. Er konnte wieder denken.

    Zurück konnte er nicht. Sie waren fast drei Tage mit dem Schlitten von der Siedlung entfernt.

    Aber nach vorne, das würde gehen.

    Hatte Hallström ihn auch hier zurückgelassen, um nicht teilen zu müssen, seinen Rucksack, der ihm als Kopfkissen gedient hatte, hatte er noch.

    Und damit auch die Schneeschuhe, die daran befestigt waren. Und den Revolver, der sich darin befand, genauso wie die Essensrationen.

    Er spähte durch den beständig herabrieselnden Schnee nach Nordwesten. Dieser graue, zackige Streifen am Horizont, der sich gegen den Himmel abhob - das mußten die Spitzen der Berge des gefrorenen Meeres sein. Fünf, vielleicht sechs Stunden Fußmarsch.

    'Ich bringe diesen Mistkerl um!' dachte Decker, als er sich die Schneeschuhe anschnallte. Dann stapfte er los, darauf hoffend, Hallström bei der Suche nach der Höhle im gefrorenen Meer noch anzutreffen. Das war seine einzige Chance, hier heil wieder herauszukommen

    Es war zu schaffen.


    Ein kleiner, schwarzer Punkt wurde in der schier endlosen Weite der Eiswüste rasch größer, wie Hallström befriedigt feststellte, auf einem der Gipfel des gefrorenen Meeres stehend.

    Er hatte sich also nicht getäuscht in diesem Abenteurer...wie hieß er noch gleich?

    Richtig: Decker.

    Irgendwie waren sie alle gleich.

    Zuerst wurden sie von Gier angetrieben. Dann vom Haß. Und vom Wunsch nach Rache. Und damit verfielen sie letztlich der Dunkelheit.

    Während die Dämmerung langsam herabsank, legte Hallström die letzten Spuren, damit der Herannahende seinen Weg fand.


    Decker blieb schweratmend stehen und sah sich um. Anders als von ihm erwartet war das gefrorene Meer kein Eismassiv. Vielmehr stand er vor einer Ansammlung von einzelnen gezackten Hügeln, manche an den Spitzen wild zerklüftet, andere rund und weich im Umriß.

    Decker blickte in den Himmel. Der Wind nahm wieder zu, der Schneefall wurde kräftiger. Und die Dunkelheit. Vielleicht noch eine halbe Stunde hatte er, um entweder einen windgeschützten Schlafplatz für die Nacht oder Hallström zu finden.


    Er betrat die Hügel des gefrorenen Meeres. Etwas glitzerte vor ihm im Schnee. Decker bückte sich.

    Es war eine Goldmünze. Die Gravur fast unleserlich, das Datum jedoch noch gut erkennbar: 1634.

    Ihm stockte der Atem. Das konnte nicht sein.

    Vor dreihundert Jahren war diese Landschaft unbesiedelt gewesen. Wie kam also diese Münze hierher?

    Ein erneutes Glitzern zu seiner Rechten.

    Eingerahmt von den Spuren eines Schlittens, der zwischen den Hügeln hindurchgefahren war. Und die Spuren der Schlittenkufen waren noch scharfkantig, also frisch!

    Decker grinste.

    Hallström war fällig!

    Er folgte der Schlittenspur in der hereinbrechenden Dunkelheit. Zwischen den Kufenspuren hier und da ein Glitzern. Er beachtete es nicht.

    Er begann zu laufen, den Spuren hinterher, die Erschöpfung des Marsches ignorierend, um drei, vier, fünf Hügel herum. Dann stand er vor dem Eingang der Höhle, von der Hallström in der Kneipe geredet hatte.

    Die Spuren der Schlittenkufen führten direkt in den schrägen Spalt hinein, aus dem ein irisierendes grünes Licht in regelmäßigen Abständen strömte, pulsierend wie der Schlag eines Herzens.


    Decker zog den Revolver aus dem Rucksack und entsicherte die Waffe.

    Die weisse Wolke seines Atems wich ein letztes Mal in die klare, kalte Nachtluft hinaus, illuminiert vom Mondlicht.

    Dann trat er ein.


    „Bist du gierig, Decker!?!“ fragte Hallström, in der Mitte der Höhle stehend. Auf einem riesigen Haufen Goldmünzen, wie Decker mit einem Blick feststellte.

    Links von Hallström konnte er einen seltsam geformten Baumstumpf erkennen, schrumpelig und verformt. Dunkle Äste mit dünnen Verzweigungen ragten daraus hervor wie nach Hilfe suchende Armen mit flehenden Fingern, nichts greifen könnend.

    Der Baumstumpf und Hallström wurden von dem grünen Licht umpulst, als wären beide im Inneren einer riesenhaften Lunge, einatmend, ausatmend.


    „Du hasst mich, habe ich recht, Decker?“ schrie Hallström, auf dem Goldhaufen tanzend. „Ich hab' Dich zurückgelassen. Deshalb bist Du hier: Um Rache zu nehmen! Stimmt das oder stimmt das nicht???“


    Und Decker schoss.


    ***


    „Aber an diesem Ort findet man keine Männer mit Mut,“ sagte Hallström und bestellte eine neue Runde Schnaps.


    Dunkelheit, Kälte, Schweigen.

    Er saß regungslos und wartete geduldig, wie er es immer tat, seit er hier war.

    Zederndiebe


    Der Nebel versprach Rückendeckung.

    Durch die Nacht jagten Fontänen explosiver Feuerskunst, verschwendet an das verhangene Firmament. Dennoch klatschten die Ballgäste euphorisch. Anuk spähte sorgenvoll an ihnen vorbei. Eine Stunde kronleuchterbestrahlter Feierlichkeiten war vergangen.

    Es war so weit.

    Eine Silhouette schob sich neben sie. Fast wäre sie zusammengezuckt – wenn jemand ihre Verkleidung und die ungewohnte Hochsteckfrisur durchschaute, war der ganze Plan hinüber. Doch es war nur ihre Schwester Ivalu, genau wie Anuk ein Meisterwerk aus falschen Rosenknospen und Lippenfarbe.

    »Sie bringen sie jetzt heraus«, sagte Ivalu gedämpft. »Ich sorge in zehn Minuten für die Ablenkung.«

    »Vermassel es nicht.«

    »Äh – hast du mich mal angesehen?« In entrüsteter Geste wies Anuks große Schwester an ihrem schwingenden Rock hinab. »Die müssen blind sein, um nicht von mir abgelenkt zu sein. Gib du dann Tain Bescheid.«

    Anuks Herz pumpte gegen ihre Rippen. »Bist du sicher, dass er über die Mauer rüber kommt?«

    »Wir reden hier von Tain.« Ivalus Augenaufschlag geriet entnervt. »Der klettert zum Spaß auf Mammutbäume. Bis zur Baumkrone. Während es gewittert. Ich hoffe, du hast ihm endlich mal die Wahrheit gesagt. Vielleicht bekommst du nie mehr die Chance.«

    Ivalu, die Wörterdiebin. »Ich...«, druckste Anuk herum. »Nein, ich habe ihm nicht gesagt, dass ich ihn mag.«

    »Schade drum. Dann musst du es wohl seinem Grabstein sagen. Bis dann!«

    Sie tauchte zwischen Champagnergläsern und gewichtigen Schnauzbärten unter.

    Anuk glitt durch den fürstlichen Saal. Sie hatte das Gefühl, als würde man ihr die Andersartigkeit – das wilde Blut, die unbändige Seele – ansehen, doch Samt und Taft kleideten sie in Mustergültigkeit. Hier war sie keine Gejagte mehr, kein Mitglied eines indigenen Stammes, der von den geldgierigen Einwanderern fast bis zum letzten Mann ausgerottet worden war. Das Holz ihres Stammes, mächtige Zedern, war vollständig gefällt und somit die Wurzel ihrer Magie vernichtet worden.

    Nur ein einziges Artefakt kündete noch von der Existenz des Zedernstammes. Es war der Grund, warum Anuk sich Nebel wünschte.

    »Wir stehlen es. Heute Nacht«, hatte Tain gewispert, seine Stimme in ihren Ohren war wie das Lied der See. Tain war der Sohn des Stammesältesten; wie sein Vater, Anuk und Ivalu einer der letzten Überlebenden. Tain war derjenige, der auf den Grund von Anuks Seele sehen konnte. Sie musste sich zwingen, nicht zu den Fenstern zu schauen.

    Die Musik erstarb.

    »Ladys und Gentlemen!« Eine volltönende Stimme füllte die Stille. Kleider raschelten, Fächer schnappten. Ein untersetzter Mittfünfziger hatte sich auf die Tribüne gestemmt und blickte aufmerksamkeitsheischend umher. »Wir sind heute zusammengekommen, um die endgültige Überwindung des unzivilisierten Barbarentums zu feiern, die Auslöschung des letzten Indianerstamms!«

    Dröhnender Applaus. Jemand rief: »Wird ja auch Zeit!«

    »Jeder Ast, jeder Zweig, jeder Sägespan des verdorbenen Zedernholzes wurde getilgt!«, fuhr der Schmerbäuchige fort. »Das heißt, dass die Magie dieser Indianerstämme uns nie mehr etwas antun wird!«

    Anuk spürte, wie ihr das erfrorene Lächeln von den Lippen rutschte. Meine Magie. Der Funken ihrer Kraft war erloschen in jenem Moment, als man den letzten Baum des Wilden Waldes verbrannt hatte. Als ihre Eltern, ihre Großeltern, ihre Freunde hingerichtet worden waren.

    »Als Zeugnis unseres Sieges über das Volk der Kulturenlosigkeit haben wir eine Trophäe geborgen. Ihr Erhalt stellt sicher, dass die Zedernmagie gebannt bleibt. Bewundern Sie nun, meine Damen und Herren, die Totemmaske der Zedernindianer!«

    Anuk spannte sich an, als vier Dienstboten ein golden ausgekleidetes Tablett hereintrugen.

    Sie musste ihre Erregung nicht einmal verdecken – denn den anderen Anwesenden ging es nicht anders. Sämtliche Einwanderer wollten einen Blick auf die sagenumwobene Trophäe werfen, die der Governeur jetzt mit seinen blasphemischen Wurstfingern emporhielt. Anuk hätte sich fast die Hand auf den Mund gepresst. Zedernholz. Ein satter Abglanz aus Magie flimmerte durch den Raum.

    Das war sie. Eine Maske aus glattem, mit Schnitzereien bedecktem Holz. Die Augenpartien waren rot umrandet – Rot für das Leben. Schwarze Striche kündeten vom Einhergang mit dem Tod.

    Das Totem ihres Stammes.

    Nachdem die Gäste die Holzmaske ausgiebig gemustert hatten, stellte der Gouverneur sie in eine Glasvitrine, bewacht von zwei Leibwächtern, deren Säbel sich in den Scheiben spiegelten. Anuk hatte die Anzahl der Bewaffneten in den Sälen gezählt und war zu dem Schluss gekommen, dass es nicht genügend waren. Die Einwanderer erwarteten nicht, Wölfe im Schafspelz zu beherbergen. Sie glaubten, alle Stammesangehörigen seien tot und niemand würde das Zederntotem noch begehren. Tatsächlich – die Menge zerstreute sich bereits.

    Plötzlich zerriss eine schrille Stimme die Atmosphäre. »Dieb! Du hinterhältiger...! HALTET IHN!!«

    Anuk fuhr herum, ebenso wie die Gäste. Schock meißelte sich auf den Gesichtern, als eine junge Frau in atemberaubendem Kleid in den Tanzsaal stürmte. »Wachen!«, kreischte sie so grell, dass die Kronleuchter vibrierten. »Ein Mann hat mein Collier gestohlen! Er ist nach draußen auf das Gelände geflüchtet, und er ist bewaffnet! Schnell! Halten Sie ihn-«

    Die Leibwächter wechselten einen Blick. In ihrem stummen Schlagaustausch las Anuk deutlich, dass sie ihre Pflicht – das Bewachen des Totems – nicht vernachlässigen wollten. Aber unter dem entstehenden Aufruhr der Gästeschar blieb ihnen kaum etwas übrig, als der aufgelösten Lady nach draußen zu folgen.

    Zum ersten Mal verkniff Anuk sich ein Lächeln. Ivalu machte ihre Sache ausgezeichnet. Nun redeten die Leute über gestohlenen Schmuck und nicht mehr über auszulöschende Ethnien.

    Anuk befeuchtete sich die Lippen, dann wandte sie sich an den Kapellmeister des Orchesters. »Verzeihung – könnten Sie wohl ein bestimmtes Lied spielen? Schwungvolle Fanfaren in Fortissimo? Das würde diesen, äh, Fauxpas überdecken.«

    Marschähnliche Klänge fuhren durch die gewölbten Säle – das Zeichen für Tain, sich über die dunklen Schlossmauern zu schwingen, in den Dienstbotentrakt zu schleichen und dort im allgemeinen Chaos eine Kellneruniform überzustreifen. Anuk bibberte ganze fünf Minuten, in denen das nervenaufreibende Stück seinen Höhepunkt fand, bis sie den dunkelhaarigen, schlanken Kellner hereinkommen sah.

    Er servierte Austern in Eis.

    Anuk konnte nicht hinschauen, während er als souveräner Schatten an den Tischen entlangglitt, auf denen edel getafelt wurde. Dies war der Moment, in dem alles kippen konnte wie ein plötzlicher Wetterumschwung. Als die Fanfarenvariation endete, war ihr so übel, dass sie sich fast an der nächstbesten Säule abgestützt hätte. Stattdessen sah sie aus den Augenwinkeln, wie die Leibwächter in den Saal zurückkamen. Ohne Ivalu.

    Nicht überhastet, aber zügig schritt Anuk über den spiegelnden Boden. Die Residenz hatte nur einen Ausgang, der über eine breite Steintreppe führte. Es kam ihr wie Stunden vor, die Stufen in die Nacht hinaus zu bewältigen. Aber dann war sie draußen, der Nebel umarmte sie, und nach zehn Schritten fing sie an zu rennen. Bis hin zu der Baumgruppe, unter der der klägliche Rest ihres Stammes wartete.

    »Anuk-«

    »Da bist du ja!«

    »Schnell, das Kleid aus!« Finger glitten durch ihre Haare und lösten die verräterische Frisur. Innerhalb von Sekunden war sie wieder das Indianermädchen. Sie war nun ein Ebenbild zu Ivalu, die natürlich kein Collier gesucht, sondern sich im Schatten der Bäume ebenfalls umgezogen hatte.

    »Und jetzt?«, flüsterte Anuk beklommen. »Ich weiß nicht, ob Tain-«

    Ivalus Blick war unbarmherzig, aber liebevoll. »Wenn er rauskommt und das Totem bei sich hat, dann wirst du ihm sagen, dass du ihn liebst!«

    Anuk konnte nur beklommen nicken.

    Tain – wie oft hatte sie ihren Atem an Belanglosigkeiten verschwendet, wenn sie ihm doch hätte sagen können, dass der Sturm erträglicher wurde, wenn er an ihrer Seite war. Dass selbst das das Heulen der Wölfe sie nicht beunruhigte, wenn sie sich bei ihm befand. Niemand hatte lebendigere Augen als Tain. Dass er hinter Stuck und Sandstein ausharrte, trieb Tränen in ihr hoch.

    Wenn er es nicht schaffte, war ihr Volk verloren. Wenn er es nicht schaffte, war Anuk verloren.

    Doch Tain kam.

    Aus dem Küchenausgang trat er, wie ein Kellner, der Essen in wartenden Kübeln entsorgt. Aber statt die Austernschale voller Eis auszuleeren, griff er mitten in die Muscheln hinein. Unter Kalk und Eis kam das Totem zum Vorschein. Anuk wagte nicht zu jubeln.

    Tain rannte los. In der Schnelle eines Indianerpfeils war er bei ihnen. Unwiderruflich raste sein Blick zu Anuk.

    »Das Totem«, drängte sein Vater. »Gib es mir. Man muss es aufsetzen, um die Magie zu befreien.«

    Tapfer schob Anuk sich vor. »Ich finde, Tain sollte es aufsetzen. Er hat es gestohlen. Und er wird der nächste Stammesführer sein.«

    Tains Vater bedachte sie mit einem abgrundtief traurigen Blick. »Mein Kind, das ist nicht-«

    »Anuk hat recht«, unterbrach Tain ihn entschlossen. »Ich... schätze ihr Vertrauen sehr.« Damit schob er sich das Totem über die Augen.

    Sein Vater stieß einen Laut aus. Panik, dachte Anuk, und: Entsetzen. Und dann verstand sie auch, wieso.

    Tains schönes Gesicht, verdeckt von Zedernholz, ging in Flammen auf.

    Hell und spritzend loderten sie aus der Maske und lösten tiefe Schreie in seiner Kehle. Anuk stürzte vorwärts, aber nichts konnte sie tun, um ihm zu helfen. Sein Körper brannte wie eine Signalsäule, sein Kreischen versickerte im Nebel–

    Nie würde sie seinen letzten Schrei vergessen.

    Aus seinem rußigen Körper stieg sie auf, sich erhebend wie Glühwürmchen. Magie. Die Anderen streckten die Hände aus und empfingen die Zedernkraft in sich, füllten sich mit neuem Leben. Mit Tains Leben. Anuk stolperte rückwärts, Gedanken versickerten in Benommenheit. Ein einziger stieg wie ein Fisch an die Oberfläche.

    Nein. Er kann nicht tot sein.

    Aus dem Residenzschloss ertönten Rufe. Säbel klirrten. Das Verschwinden des Totems war bemerkt worden.

    Der Zedernstamm trat aus dem Nebel. Mit vereinter Macht brannten sie das Schloss nieder, rächten Flamme mit Flamme, Leben mit Leben. Sie gewannen diese Nacht.

    Nur Anuk hatte alles verloren.

    Hallo Zusammen smile.png

    Die Bearbeitungszeit ist abgelaufen und ich habe zwei Geschichten für euch! Ich hoffe, sie gefallen euch smile.png

    Um es nochmal allen ins Gedächtnis zu rufen: das Thema wurde von unseren letzten Gewinnern Theo-Drecht und Kiddel Fee vorgegeben und lautete:

    Das Totem im Eis


    Die Geschichten werden in willkürlicher Reihenfolge geposted.

    .

    ACHTUNG: Beim Voten

    ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen

    einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte

    bei eurer Stimmenabgabe!

    Das Voting dauert bis 25. Oktober 2020 um 23:59:59 Uhr.

    Viel Spass beim Lesen und Voten! smile.png

    Euer Fantasy-Geschichten Forum

    PS: Sollte etwas fehlen, oder auf andere Weise nicht stimmen, bitte mir möglichst schnell per PN Bescheid sagen!

    Einen schönen guten Tag Forengemeinde!


    Mit dem heutigen Tag startet unser kleiner foreninterner Schreibwettbewerb in die nächste Runde.

    Theo-Drecht und Kiddel Fee haben als Sieger des letzten Wettbewerbs folgendes Thema vorgegeben:


    "Das Totem im Eis"


    Ich bin gespannt!



    Einsendeschluss : 27. September 2020

    ‡ Die Geschichte muss in Form einer Konversation (PN) (NICHT per E-Mail oder auf meine Pinnwand!) an Chaos Rising geschickt werden. (Betreff: "Schreibwettbewerb September/Oktober 2020: [Username]")

    ‡ Die Geschichte muss im Fantasy-Genre angesiedelt sein. Dh. Es müssen Elemente der Fantastik darin enthalten sein.

    ‡ Die Geschichte muss einen Titel haben.

    ‡ Die Geschichte muss mindestens aus etwa 3500 - 10'500 Zeichen bestehen.

    ‡ Die Geschichte muss formatiert sein (siehe auch -> Texte richtig formatieren)

    ‡ Die Geschichte darf keine farbige Schrift enthalten.

    ‡ Die Geschichte muss Absätze haben und darf kein reiner Textblock sein.

    ‡ Nur eine Geschichte pro Teilnehmer.

    ‡ Nur deutschsprachige Texte erlaubt, mit Ausnahme von Fremdwörtern, die zum Verlauf der Geschichte passen.

    Der amtierende Gewinner darf nicht am Wettbewerb teilnehmen, da er/sie das Thema vorgibt und sich so einen Vorteil erspielen könnte.

    ‡ Nach Einsendeschluss werden alle Geschichten anonym in einem Thread veröffentlicht und ihr habt einen Monat Zeit, per Umfrage eure Stimme abzugeben. Diese darf nicht an sich selbst vergeben werden.

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    Preise im Wettbewerb:


    Der Sieger:


    ‡ Darf das nächste Thema für den Schreibwettbewerb vorgeben.

    ‡ Wird in die Rangliste eingetragen.

    ‡ Bekommt für zwei Monate einen eigenen Rang und die Sonderrechte eines Super Users.

    ‡ Bekommt eine einzigartige Foren-Trophäe.


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    Wer noch Fragen hat, stellt sie bitte hier im Thread. smile.png

    In diesem Sinne viel Spaß beim Schreibwettbewerb und beim Geschichtenausdenken wink.png


    LG Chaos :chaos:

    Nachdenklich betrachtete er die schlafende Frau vor sich. Er wusste nicht, was er tun sollte, da sie nicht den Eindruck machte, als würde sie ihn mögen. Zumindest die Hälfte von ihr, die bisher meistens mit ihr geredet hatte. Den weinerlichen Teil von ihr hatte er nur kurz erlebt. Aber konnte er ihr vertrauen? Immerhin kam sie von den Leuten, die ihn … eingesperrt hatten. Aber sie war genauso wie er von ihnen angegriffen worden. Oder war das nur ein Trick, um sein Vertrauen zu gewinnen? Nervös öffnete er seinen Kiefer. Vielleicht sollte er sie einfach fressen und alleine weitergehen. Aber er war nicht hungrig. Zudem war diese Frau interessant. Es war das erste Mal gewesen, dass sich jemand mit ihm unterhalten und Fragen beantwortet hatte. Irgendwie wollte er das nicht verlieren. Er schloss den Mund wieder und musterte Emilia, die plötzlich ihre braunen Augen öffnete.

    Erschrocken schrie die junge Frau auf. „Es war kein Traum!“, rief sie und wich von ihm zurück.

    Schweigend sah er sie einen Moment an. Er wusste, was ein Traum war, er hatte des öfteren die seltsamen Bilder in den wenigen Stunden seines Schlafes gesehen. „Der Wind ist vorbei“, teilte er ihr dann mit und hoffte, sie würde sich etwas beruhigen. Er erntete eine ungläubigen Blick.

    Wind?“, hakte sie nach, woraufhin er sich erinnerte, dass die braunen Augen zu der weinerlichen Hälfte Emilias gehörten. Knapp erklärte er ihr warum sie dort im Auto saßen.

    Emilia nickt kurz und atmete durch. „Wie weit sind wir gekommen?“, fragte sie dann.

    Er konnte es ihr nicht genau sagen. Lediglich anhand der zerstörten Gebäude konnte er grob die Entfernung abschätzen, aber durch seine lebenslange Gefangenschaft, hatte er so seine Probleme damit. „Einen Tag sind wir gelaufen. In Richtung der hohen Gebäude.“

    Noch einmal nickte sie und schlug vor, weiterzugehen.

    Er musterte sie kurz. Sie wirkte nicht, als wäre sie dazu ohne weiteres in der Lage. Sie war blass und sah erschöpft aus. „Schaffst du das?“, fragte er daher.

    Bestimmt nickte sie erneut. „Ich muss!“, meinte sie und deutete auf die Tür.

    Er stieß sie auf und kletterte aus dem Fahrzeug. Der Sturm hatte die Landschaft mit einer weiteren Schicht Sand bedeckt, sodass es ihm ohne die Gebäude in der Ferne schwer gefallen wäre, sich zu orientieren.

    Warum musst du?“, erkundigte er sich bei Emilia, die gerade aus dem Auto stieg.

    Wenn ich nichts zu trinken finden kann, dann ... sterbe ich irgendwann.“

    Er brummte und überlegte, was die andere Emilia ihm erzählt hatte, was sie trinken würde. „So ein Bier?“, schlug er vor, ein bisschen stolz darauf, es behalten zu haben.

    Kein Bier. Dadurch verliert man mehr Flüssigkeit als man gewinnt. Wasser!“

    Wasser“, bestätigte er und sah sich um. „Bei den Häusern?“ Er deutete zu den Gerippen der Wolkenkratzer in der Ferne.

    Ja, nur ...“, sie folgte seinem Blick und musterte die Umgebung. „Hier werden sich überall Müllsammler herumtreiben. Vermutlich wurden die Gebäude bereits vollkommen ausgeräumt.“

    Sehen wir nach“, meinte er und lief los. Stehenzubleiben war auch keine Lösung und vielleicht fanden sie ja doch etwas nützliches. Die Sonne brannte auf ihn herunter. Der alte Pullover schützte ihn etwas, aber die Hitze unter der Kapuze machte ihm zu schaffen. Er keuchte hörbar.

    Geht es dir gut?“, fragte Emilia und lief ihm hinterher. Als er sich umdrehte, blickte sie ihn unsicher an. Immer wieder ließ sie den Blick in die Umgebung schweifen, als suchte sie nach etwas.

    Warm“, grummelte er als Antwort und rieb sich über die brennenden Handrücken, die der Sonne schutzlos ausgeliefert waren. Er musste mehr darauf achten, sie im Schatten zu halten. „Suchst du etwas?“

    Sie schüttelte den Kopf. „Ich möchte nur nicht überfallen werden.“

    Misstrauisch musterte er sie. „Von mir?“ Immerhin war sonst niemand da. Er hatte nicht vor, sie zu jagen und war der Meinung, er hätte dies deutlich gemacht. Er folgte ihrem Blick, doch die Sonne war zu grell um seinen Augen eine klare Sicht zu ermöglichen. Er sah nur Sand und verschwommene Umrisse von alten Häusern und Fahrzeugen.

    Da du mich im Schlaf nicht gefressen hast, eher weniger von dir“, erläuterte Emilia. „Aber diese Müllsammler sind häufig … fiese Gesellen. Kriminelle.“

    Er wusste nicht genau, was ein Krimineller war, aber er ging davon aus, dass es nichts gutes war. Dennoch wollte er es genau wissen und fragte nach, was die Müllsammler taten.

    Überfallen Leute, von denen sie denken, sie tragen Nützliches herum“, erklärte sie. „Nicht alle sind so, wirklich ... aber einige. Nach so einem Sturm bietet es sich an, nach Festgefahrenen zu suchen.“

    Nickend wandte er sich wieder um. „Meine Kapuze bekommen sie nicht.“ Viel nützlicheres konnte er sich nicht vorstellen. Er stapfte weiter in Richtung der Wolkenkratzer. Dort gab es sicherlich Schatten!

    Emilias Lachen unterbrach seine Gedanken. Erneut wandte er sich zu ihr um und musterte sie laut lachende Frau verwundert.

    Deine Kapuze ...“, japste sie, während sie Luft holte.

    Was ist damit?“, fragte er verwirrt. Er fasste sich an den Kopf und presste den Stoff an seine empfindliche Haut.

    So etwas interessiert sie nicht“, erklärte Emilia und deutete dann auf die Spritzen an ihrem Gürtel. „Das schon mehr. Meine Injektionen würden sie für wahrscheinlich für Drogen oder Medizin halten.“ Der Anblick der Spritzen sorgte für ein flaues Gefühl in seinem Magen. „Mal abgesehen davon, dass dieser Kampfanzug einiges an Geld auf dem Schwarzmarkt bringt“, fuhr sie fort. „Wobei er mich gerade mehr kocht als beschützt.“

    Dann zieh ihn aus“, schlug er vor. Wenn der Schaden größer war als der Schutz, gab es keinen Grund, das Kleidungsstück anzulassen. Er selbst hatte schnell gelernt, dass seine Haut in der Sonne verbrannte und die Hitze unter der Kaputze dem vorzuziehen war.

    Sehr lustig“, entgegnete sie mit einem seltsamen Tonfall.

    Lustig?“, hakte er nach. Er wollte keinen Scherz machen und fragte sich, was sie an seiner Aussage zum Lachen fand.

    Halb nackt möchte ich Sammlern noch weniger über den Weg laufen“, meinte sie, nachdem sie ihn einen Moment skeptisch gemustert hatte.

    Macht das einen Unterschied?“, wollte er wissen. „Dann können sie dir den Anzug nicht mehr stehlen.“

    Ja!“, rief sie energisch, woraufhin er überrascht zusammenzuckte. Damit hatte er nicht gerechnet. „Also ja“, fuhr sie daraufhin ruhiger fort. „Es gibt Menschen, die andere Menschen zu gewissen ... Sachen zwingen. So wie dich in deiner Gefangenschaft. Bei Frauen ist es ... was anderes. Viel Haut zu zeigen, suggeriert Männern, dass eine Frau leicht zu haben ist. Ich lasse demnach den Anzug an ... und wenn ich deshalb draufgehe ...“

    Verstehend nickte er. „Dann töten wir sie“, verkündete er wie nebenbei. Während seiner Zeit in den Laboren hatte er nur selten die Gelegenheit gehabt, sich gegen die Männer und Frauen, die ihm Dinge antaten zu wehren. Doch wenn es ihm gelang, fühlte er sich gut. Daher hatte er keine Scheu, Angreifer auszulöschen.

    Töten … klingt irgendwie tödlich“, entgegnete Emilia. „Aber vielleicht sind die Menschen hier draußen auch gang nett. Dann ... muss niemand gegessen werden.“

    Klingt nicht so“, stellte er fest.

    Endlich erreichten sie den Schatten des Wolkenkratzers. Die brennende Hitze schwand etwas und die Straßenschluchten taten sich vor ihnen auf. In einigem Abstand standen zwei Männer neben einem Autowrack und schienen es zu durchsuchen.

    Vielleicht sollte ich lieber Hyde holen ...“, murmelte Emilia, aber er schüttelte den Kopf.

    Nein!“ er mochte die weinerliche Seite der jungen Frau lieber. Sie war nett.

    Sollen wir uns verstecken?“, wollte sie wissen und akzeptierte seinen Einwand scheinbar widerstandslos.

    Er sah die alten Gebäude hinauf. Sie boten genügend Halt, um daran emporzuklettern. Von dort oben hätte er einen hervorragenden Ausblick und Angriffspunkt auf die Sammler. Zudem würden sie dort sicherlich nicht nach ihm Ausschau halten. Er brummte nachdenklich. „Sind die beiden … Kriminelle?“

    D... Das weiß ich nicht“, gab Emilia zu. „Das weiß man erst, wenn es meist zu spät ist.“

    Dann geh sie fragen“, wies er sie an. Noch einmal blickte er das Stahlbetongerippe hinauf. „Ich schaue von oben zu.“

    Emila lachte unsicher. „Das ist ein Scherz?!“, meinte sie leise und warf einen Blick zu den Sammlern.

    Er schüttelte den Kopf und suchte mit den Krallen halt im Beton. „Wenn sie dich angreifen, helfe ich dir.“

    O... Okay“, stimmte sie zögerlich zu, während er begann, sich an der Mauer hochzuziehen. „Muss ich dazu schreien oder ein Saveword äußern?“

    Er wusste nicht genau, was sie meinte, versicherte ihr aber, einen Schrei als Zeichen zu erkennen.

    Zögerlich ging Emilia auf die beiden Männer zu. Immer wieder blieb sie stehen und murmelte vor sich hin. Sie schien es nicht eilig zu haben.

    Er hingegen kletterte Rasch das Gebäude hoch. Auf Höhe des dritten Stocks näherte er sich den Sammlern. Als er neben ihnen stand hielt er inne und wartete. Er merkte, dass Emilia immer wieder zu ihm blickte, doch er fixierte sich auf die Männer. Sie waren in Sprungweite.

    Plötzlich hob einer der beiden den Kopf und starrte Emilia an. Sein Gesicht war unter einem dreieckigen Tuch verborgen und eine dreckige Baseball-Mütze sollte ihn wohl vor der Sonne schützen. “Wen haben wir denn da?”, meinte er zu Emilia und stieß seinen Kameraden an.

    Auch dieser hob seinen Kopf. Er trug eine eng anliegende Brille und ebenso ein Tuch über dem Mund.

    E... Entschuldigt ... Ich habe mich verlaufen und suche eine nahegelegene Siedlung“, erzählte Emilia, woraufhin der mit der Mütze nur lachte.

    Soso“, antwortete der andere und schob sich die Brille zurecht. „Eine Siedlung sucht sie.“

    Der erste näherte sich ihr und erinnerte an ein Raubtier. „Was macht so eine Hübsche denn ganz alleine im Ödland? Das ist gefährlich!“

    Emilia lachte verunsichert und machte einen Schritt zurück. „Ich hab wohl den letzten Bus verpasst, wie es aussieht.“

    Um etwa hundertfünfzig Jahre ...“, murmelte der mit der Brille und ging ebenso auf sie zu. Bald standen sie beide neben ihr und packten ihre Arme. „Mal sehen, was du bereit bist, für die Informationen zu bezahlen!“

    Der Schatten auf der Mauer musterte ihr Vorgehen. Er versuchte sich einzuprägen, was sie taten und ob dieses Verhalten von Emilia als angemessen aufgefasst wurde. Auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, dass die grobe Behandlung Zuspruch finden würde – aber er wusste nicht viel von Menschen.

    Bitte macht das nicht“, versuchte Emilia die beiden von ihrem Vorhaben abzubringen. „Ich möchte nicht, dass jemand verletzt wird.“

    „Bist du bewaffnet?“, fragte der mit der Mütze und zog den Reißverschluss ihres Anzugs auf.

    Der andere zog ein Messer und hielt es ihr vor die Nase. „Die einzige, die hier verletzt wird, bist du!“, verkündete er. „Also halt's Maul und mach, was wir sagen.“

    C öffnete mehrmals aufgeregt seinen Kiefer. Es klang nicht wie ein freundliches Gespräch und selbst ihm wurde klar, dass die beiden Emilie zu etwas zwingen wollten. Zu was genau wusste er nicht, aber er erkannte den Befehlston. Doch noch wartete er ab.

    C?!“, rief Emilia mit unterdrückter Panik in der Stimme. „Jetzt wäre etwas Hilfe gut!“ Sie versuchte, sich aus dem Griff der beiden Kriminellen zu winden, die weiter an ihrer Kleidung zerrten.

    C? Was redet das Weib?!“

    Keine Ahnung.“ Der Brillenträger sah sich um, achtete aber nicht auf den in der Höhe sitzenden C. „Hier ist keiner.“ Er wandte sich wieder an Emilia und hielt ihr das Messer an den Hals. Erneut schrie er sie an, sie solle still sein.

    Emilia rief noch einmal nach C, während der mit der Mütze einige Schritte von ihr weg machte und die Umgebung untersuchte.

    Dieser erkannte ihren Ruf als Schrei und spannte seine Muskeln zum Sprung. Mit einem gewaltigen Satz stieß er sich von der Wand ab und landete auf dem überraschten Mann. Er spürte die Knochen seiner Beute brechen und ein markerschütternder Schrei hallte durch die Häuserschlucht. Noch ehe der mit dem Messer sich umdrehen konnte, hatte C schon beide Hände des Verwundeten in seinen kräftigen Händen fixiert. Mit einer fließenden Bewegung ließ er seine lange Zunge vorschnellen und rammte sie dem panischen Mann in die Kehle. Der Schrei verkam zu einem Gurgeln und ein weiterer Angriff mit der harten Spitze der Zunge gegen seinen Schädel ließ ihn verstummen. C knurrte und fixierte dann den anderen Mann.

    Was zur Hölle …!“, keifte dieser und schlug mit dem Messer in seine Richtung, als er auf ihn zustürmte.

    C spürte die Klinge, die ihn am Unterarm verletzte, aber sein massiger Körper rammte den Mann zu Boden. Mit einem schnellen Griff drehte C ruckartig den Kopf des Brillenträgers, bis er das unschöne Knacken der Wirbel vernahm und seine Beute schlagartig verstummte und erschlaffte.

    Er atmete kurz durch und stand dann auf. Mit noch immer offenem Kiefer wandte er sich an Emilia und wollte sehen, ob sie in Ordnung war.

    Die junge Frau starrte ihn nur an. Sie war blass und wankte leicht, ehe sie einfach umfiel.

    C eilte zu ihr. Verwirrt musterte er sie. Deutlich sah er das Heben und Senken ihres Brustkorbs durch den geöffneten Reißverschluss. Da er keine Verletzung erkennen konnte, ging er davon aus, dass sie wieder aufwachen würde. Er selbst erinnerte sich an Momente während Untersuchungen, als er das Bewusstsein verloren hatte. Er war immerhin auch immer wieder aufgewacht.

    Schnell überprüfte er die Rucksäcke der Sammler und beschloss, sie mitzunehmen. Emilia würde schon wissen, was sie davon gebrauchen konnten.

    Er betrachtete die beiden toten Männer und kam zu dem Schluss, dass er seine Beute nicht verschwenden wollte. Wer wusste schon, wann er wieder etwas zu essen fand.

    Hallo zusammen,


    wie ihr bestimmt schon gesehen habt, ist die Abstimmung diesmal unentschieden ausgegangen :D
    Daher haben sowohl Kiddel Fee mit ihrer Geschichte "Kesselreaktion" als auch Theo-Drecht mit der Geschichte "Am Feuer" gewonnen und dürfen sich über die entsprechenden Belohnungen freuen :D

    Einigt euch bitte auf ein Thema für den nächsten Wettbewerb und sagt mir per PN bescheid ;)


    Herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Spalten des Forums :D

    LG Chaos

    Wäre es nicht andersrum irgendwie sinnvoller? :hmm:
    Dass die Zeichner, die sich beteiligen wollen, sagen, was sie für eine Idee hätten? Und dann stimmen wir über die Ideen ab?
    (Oder über die fertigen, falls soviel Muse vorhanden sein sollte, dass jeder seine Idee einfach mal macht xD)

    Ich bin zwar kein Zeichner, aber ich stelle es mir relativ schwierig vor, die Vorstellungen von anderen umzusetzen xD

    Kesselreaktion

    von Kiddel Fee


    Gwendolin hatte die Nase gestrichen voll. Schlimm genug, dass sie trotz ihres Ruhestandes gezwungen war, am Hexeninstitut Sommerkurse zu geben, um ihre schmale Rente aufzubessern. Als Bonus hatte sie scheinbar auch noch die absolute Versagerklasse zugewiesen bekommen.

    Die alte Hexe rümpfte ihre vom Alter nach unten gekrümmte Nase und schnaubte verächtlich, während ihre knotigen Finger an den Buchrücken verstaubter Wälzer entlang glitten. Nicht, dass sie diese Bücher nötig gehabt hätte. All das Wissen dieser Werke war längst in ihrem Kopf gespeichert, erworben in harten Jahren der Ausbildung zur Hexe und während des Praktizierens verfeinert. Aber diese fünf Novizinnen, die man ihr aufs Auge gedrückt hatte, würden jede nur mögliche Stütze brauchen, um die Abschlussprüfungen zu bestehen.Sie waren nicht völlig unfähig, beileibe nicht, immerhin wiesen sie fünfhundert Jahre hexerische Familientradition vor. Trotzdem schien keine dieser blassen Bohnenstangen auch nur ansatzweise geeignet, eine richtige Hexe zu werden. Ihnen fehlte jeder Schneid, jemanden einen Fluch aufzuhalsen oder zu vergiften. Sie waren zu empfindlich, wenn es darum ging, Rattenhirn zu schneiden und Drachenspeichel mit dem Messbecher abzumessen. Die einfachsten Zaubersprüche verursachten, aus ihren Mündern kommend, die haarsträubendsten Katastrophen, einfach weil sie die Worte falsch aussprachen oder durcheinander brachten. Zornig rieb sich Gwendolin eine Stelle hinter dem linken Ohr, knapp unter der breiten Krempe ihres verschlissenen Hutes, wo sie eine fehlgegangene Beschwörung mehrere Büschel Haare gekostet hatte. Soviel Inkompetenz auf einem Haufen war schlichtweg gemeingefährlich und sie freute sich schon auf den Triumphtrank, den sich sich heute abend gönnen würde, sobald sie diese Stümperinnen ein für allemal losgeworden war.

    Die fünf Tränke, die Gwendolin für die Prüfung ausgewählt hatte, galten als derart simpel, dass selbst ihre Schützlinge diese ohne Probleme würden zubereiten können. Und tatsächlich, zwei Stunden später war der Raum erfüllt von bunten Dämpfen und interessanten Gerüchen. Bei ihren Kontrollgängen stellte Gwendolin erstaunt fest, dass in den kleinen Kesseln auf den Tischen wirklich die geforderten Substanzen zu blubbern schienen. Die Mädchen, alle derart fade Geschöpfe, dass die Alte ihnen einfach Nummern verpasst hatte, anstatt sich die Namen zu merken, waren heute außergewöhnlich aufmerksam und konzentriert, maßen mit Bedacht ihre Zutaten ab und arbeiteten rasch.

    Hinterher dachte Gwendolin, dass sie es hätte besser wissen müssen.

    Mit kritischem Blick beugte sie sich über den Kessel von Schülerin Nummer 1, die im Prüfungslotto den Sternensirup gezogen hatte. Es war weniger ein Zaubertrank als mehr Freude fürs Auge. Die dickflüssige Masse im Kessel schillerte in verschiedenen Blau - und Violetttönen und silberne Sprenkel durchzogen die wabernde Suppe, die aussah wie der Nachthimmel.

    “Bemerkenswert”, äußerte sie, obwohl diese Beschreibung sicherlich absolut übertrieben war. Doch Schülerin 1, außer sich über das unverhoffte Lob, stieß ein Jauchzen aus und dabei die Flasche Geckogalle um. Die gelbe Flüssigkeit ergoss sich über den Tisch und ließ das Feuer unter dem kleinen Kessel spontan hellgrün und heiß auflodern. Anscheinend bekam dem Sirup die Hitze nur bedingt, jedenfalls kochte der Trank, blaue Blasen spuckend über, fing Feuer und setzte den gesamten Arbeitsplatz in Brand.

    Nummer 1 sprang entsetzt zurück und stieß dabei gegen Nummer 2 , die zur Seite stolperte und dabei ihren Kessel umriss. Die Lyse-Lösung ätzte sich in atemberaubenden Tempo durch die hölzerne Tischplatte und setzte beim Eintreffen auf dem Fußboden ihr Zerstörungswerk umgehend an den ledernen Spitzenschuhen der Hexenanwärterinnen 1, 3 und 5 fort. Panisch hin und her hüpfend, streiften diese am gegenüberliegenden Arbeitsplatz den nächsten Kessel, der unglücklicherweise wirksames Wandelwasser enthielt.

    Gwendolins Warnruf verhallte wirkungslos, das Wandelwasser erwischte zwei der Mädchen und verzauberte sie. Ironischerweise wurde Nummer 2, die Zarteste der Gruppe, dabei ein zentnerschweres Wildschwein, während Nummer 4 plötzlich zum Stinktier mutierte.

    Beide Tiere versetzte der Anblick des brennenden ersten Tisches in helle Panik. Das Stinktier sprang schrill kreischend auf den Kopf der nächstbesten Schülerin, krallte sich in deren Haare und verspritzte sein Sekret in alle Richtungen. Das Wildschwein, völlig kopflos vor Angst, kollidierte mit mehreren Tischen, bevor der vierte Kessel zu Fall kam und wie ein Helm auf dem Wildschweinkopf landete. Das darin kochende Erstarrungselixier bremste das Tier zwar abrupt, ließ es aber gleichzeitig auch zu Stein werden und formte aus Schwein und Topf eine Skulptur ähnlich einem besonders hässlichen Wasserspeier.

    Derweil rotierte das Stinktier weiter, seine Duftnote vermischte sich mit dem Gestank des brennenden Sternensirups, während gleichzeitig alle versuchten, der auf dem Boden zischenden Lyse-Lösung zu entkommen und dabei panisch schrieen.

    Am lautesten aber schrie Gwendolin, sie schrie vor Zorn. Energisch packte sie den Henkel von Kessel Nummer 5 , schwang diesen über dem Kopf wie einen Morgenstern und schleuderte dessen Inhalt durch den ganzen Raum.

    Die Blümchenboullion tat ihre Wirkung erstaunlich gut. Nur Sekunden später starrte Gwendolin , bebend vor Wut, auf das, was von ihrem Klassenzimmer übrig geblieben war. Ein Tisch rauchte noch immer vor sich hin, einer hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst und zwei weitere waren vom Wildschwein umgeworfen worden. Besagtes Schwein stand noch immer, mit einem steinernen Kessel gekrönt, leblos auf den Hinterhaxen, bedeckt von einer Vielzahl außergewöhnlich hübscher Stiefmütterchen. Dem Mädchen mit dem Stinktier auf dem Kopf wucherten zusätzlich Kletterrosen aus den Ohren. Schülerin 3 schwankte dank der Fesseln aus rotem Weinlaub, das sich entsetzlich mit ihrem natürlich rotem Haar biss. Und die letzte schien sofort eine Allergie auf die überall sprießenden Krokusse zu entwickeln, jedenfalls nieste sie ohne Pause und verteilte die zarten Blüten der auf dem Boden wachsenden Butterblumen im ganzen Raum.

    “Schluss!”, zischte Gwendolin. “Ihr habt bestanden. Geht jetzt! Mir egal, wie, aber geht! Und wenn ihr jemals einer Seele von dieser Prüfung erzählen solltet, werde ich euch finden und jede einzelne dieser Substanzen zu Schlucken geben. Raus jetzt!”

    Binnen Sekunden war der Raum leer, mit Ausnahme des Wildschweins und einer letzten Note Stinktieressenz. Kopfschüttelnd sank Gwendolin auf ihren Stuhl zurück.

    Sie war eindeutig zu alt für diesen Blödsinn.

    Am Feuer

    von Theo-Drecht


    »Kannst du auch bitte mal damit aufhören?«

    Missmutig rührte Elli im Zinnkessel über dem Feuer. Graue faserige Stückchen brachen sich nur widerwillig an dem entrindeten Stock, der heute Nacht zur Suppenkelle herhalten musste. Ein paar Schritte hinter ihr stand Josh, ihr Freund und Wachkamerad, der scheinbar wahllos Messer in in die Dunkelheit außerhalb des Lichtkreises warf. Tatsächlich kündete ein dumpfes thump – thump – thump davon, dass er etwas traf; und nicht nur irgendetwas, sondern den immergleichen verdammten Stumpf, der nach ihrer Rechnung längst in Häckseln über das Moos zerstreut liegen musste. Trotzdem kehrte Josh nach exakt sechs Würfen – so viele Messer besaß er – stets wieder in das Dunkel zurück, ließ sie für einige Momente allein, in denen ihr Herz unwillkürlich höher schlug. Sie hatte sich umgedreht, ihm mit Blicken hinter die schwarzen Äste zu folgen, aber die Suppe ließ sie jeden Moment der Unaufmerksamkeit mit Zischen und Schäumen büßen. Also rührte sie.


    Sie wäre gerne selbst einmal in die Nacht aufgebrochen, wenigstens für ein paar Schritte. Vielleicht würde sie eines der anderen Wachfeuer in den karstigen Bergrücken ausmachen können und einen stillen Gruß entsenden. Erst an diesem Morgen waren sie allesamt aus dem Heerlager aufgebrochen, in munteren Zweiertrupps, die sich die erste Strecke durch die harzigen hohen Wälder der sich langsam aufknitternden Hügel noch mit anderen geteilt hatten. Irgendwann, nach einigem Scheiden und Wiederscheiden waren sie und Josh dann allein geblieben und irgendwann war dann auch der Abend gefallen. Und da hatten sie beschlossen, dass hier, auf diesem Kamm, eben ab heute die Grenze verlief ihres Hoheitsgebiets, denn die eigentliche Grenze war ja, so behaupteten die Offiziere, sowieso schon durch die vorpreschende Kavallerie weit ins Landesinnere des Feindes vorverlegt.


    Für sie war es egal, in welcher Richtung des Flachlandes eigene oder feindliche Bauerngehöfte lagen. Die Bauern schliefen ohnehin, an warmen Herden, in trockenen Daunen, an murmelnden Kindern… Sie warf einen unwägbaren Seitenblick zu Josh. Eigentlich zählte für sie jetzt nur noch der Feuerkreis und der sich fast übergriffig hineinneigende Wald mit seinen düsteren ästeligen Kronen, die von der kleinen lebhaften Flamme des Feuers nicht erreicht wurden. Sie blieben Scherenschnitte vor einem blassen Sternenhimmel.

    Und doch war da irgendwo Unruhe drin. Dumpfes, graues Nachtgetier flatterte saumselig um die Flammen, manches stürzte sich hinein. Hohle Schuhus folgten ihnen aus der Waldkulisse nach. Äste brachen weit hallend irgendwo. Mit dem Sirren und Schmatzen von Joshs Messern mengte es sich hinter ihrer erschöpften Stirn, die zeitweilig von Fettspritzern getroffen wurde, zu einer ungreifbaren Bedrohung, und allezeit das wütende Blubbern der Suppe…


    »Sag mal, du bist sicher, dass das n Kaninchen war?«

    Sie schreckte auf, fiel beinahe von dem Baumstamm, auf dem sie saß. Josh beugte sich neugierig über den Rand des Kessels, der mittels zweier im Boden vergrabener Astgabeln über dem Feuer aufgespannt hing und glühte.

    »Also für mich sieht das eher wie ein Knäuel Eidechsen aus.«

    »Dann geh doch das nächste Mal selber Jagen, wenn dus besser kannst!« fuhr sie ihn an.

    »Bitte –« versetzte er trotzig und wandte sich wieder seinen Zielübungen zu. Sie bereute es augenblicklich. Sie wünschte sich doch, dass er bei ihr blieb, und ihr zuhörte. Sie hatte sich in diese Angstgedanken hineingesteigert und er hatte sie aufgeschreckt…


    Aber weiter tönte der Einschlag der Klingen und sie rührte beklommen im Kessel, mit einer Entschuldigung auf der Zungenspitze spielend… – thump – thump – […] –. ? Ihr Blick flackerte zurück. Wo blieb der dritte Einschlag? War da nicht eben einen Schmerzenslaut gewesen? Unterdrückt, gestöhnt, gezischt – Ihre Soldatenreflexe überschlugen sich und sie ließ den Rührklöppel fallen.

    »Josh!« schrie sie auf. Eine Bewegung im Unterholz! Josh war da draußen – er durfte nicht –

    Ungläubig wanderte ihr Blick nach oben. Vor die düsteren Kronen senkten sich langsam und geziert Strahlen aus den blankem Himmel. Einen Wimpernschlag zu spät realisierte sie, was es war. Dann schlugen die Pfeile mit schrecklichem Zischen und Knurren um sie ein. Auf sie. Das warme Flackern des Feuers brach sich auf ihren schmalen Weidenschäften. Dann steckten sie fest. Sie spürte sich Keuchen. Nass und warm suppte es in ihr Wams, in den Schurz, der zwischen ihre Knie reichte. Funken stieben aus dem Feuer und flogen scheinbar zu weit, viel zu weit –

    Da löste sich ein Gesicht aus dem rotem schummrigen Taumel – Josh – er war blass.

    »Oh Gott, Elli, oh Gott!« stammelte er. Er machte sich unmittelbar an ihrer Schulter zu schaffen, aber was machte er denn, da war doch gar keine Wunde? »Oh Gott, verdammte Scheiße, wir müssen weg!«

    Aber irgendein unfassbar sengender Schmerz hielt sie zurück. Ihrer beider Blicke wanderten zu ihrer Hand, die, absurd, fast gelassen, weiterhin auf den liegenden Stamm aufgestützt war – nur dass jetzt ein gerußter Weidenschaft durch sie hindurchführte, durch gekrampfte Sehnen, die wie Knochen aus der Haut stachen, und sie dort fixierte.

    Kurzerhand legte er seine Rechte um die Fiedern am oberen Ende des Pfeils. »Hier, Elli, schau, nein schau weg, ich zieh jetzt am Pfeil, ja? Und dann brechen wir auf.«


    Was dann folgte, beantwortete sie ihm nur mit einem Wimmern und großen kläglich bittenden Augen.


    »Scheiße!« fuhr er auf. Ein weiterer Pfeil steckte in ihrem Oberschenkel. Sie würde eh nicht laufen können.

    Er griff nach der kleinen Marschtrompete, die bisher unbeachtet an einer Eiche gelehnt hatte. Sie waren immer noch Soldaten, immer noch Grenzer… Er stieß das Notsignal mit brillierenden Oktaven in die Nacht hinaus, wo es zwischen den dunklen schlafenden Bergen widerhallte. Es klang trotz allem prächtig und für einen Moment schöpfte sie Hoffnung, ihre Offizierin könnte mit der ganzen vertrauten Truppe durchs Unterholz brechen und die feigen nächtlichen Angreifer wie Rehwild aus dem Dickicht scheuchen.

    Wie kindisch. Joshs Gesicht hatte alle Farbe verloren. Sicher machte er sich jetzt Gedanken darüber, dass auch der Feind nun wüsste, wo sie waren. Wie weit wohl das nächste Wachfeuer war? Sie hatten es nie gesehen – warum hatten sie nicht Ausschau gehalten?


    Josh setzte sich zu ihr auf den Baumstamm, wobei er seinen langen Parierdolch aus der Scheide am Gürtel zog. Er hielt ihn vor sie wie einen schimmernden Wall, einen Schild, der er nicht war, als könne er sie vor der zweiten Salve Pfeile schützen. Die Dunkelheit schien sich enger zusammenzudrängen um den kleinen, ach so kleinen Feuerkreis.

    Aber Elli fühlte sich müde. Sie schloss die Augen. Und lehnte sich endlich an seine Schulter. Sie roch gut. Leder und Tannenzapfen und Bär.

    »Solln sie ruhig kommen Elli, solln sie ruhig kommen.« murmelte er immer wieder, eine Litanei, die ihr Wiegenlied war.

    »Siehst du was?« flüsterte sie.

    Eine ganze Weile wohl starrte er in den Wald. Die Scheite knackten. »Ich sehe unsere Wachfeuer« kam schließlich zurück. »Sie leuchten noch… Und – und unsere Truppen. Man hört sie weit durch das Land heraufkommen…« All die Zeit hielt er ihre Hand fest. Sie glaubte ihm kein Wort.


    Hinter ihnen, während diesem geflüsterten Wortwechsel, kochte indes schweigend die Suppe über. Ungerührt ergoss sie all die aufgeschwemmten Eidechsenstückchen über die mürbe Zinnkante in das Feuer. Ein kleines Blutrinnsal hatte sich ebenso seinen Weg gesucht, die Borke des Stamms hinab, auf die roten Kohlen, und dort fingen sie an, Suppe und Blut, gemeinsam zu verdampfen. Bald schon würden sie ohnehin aufgehen im weichen, aber schrecklich kalten Morgennebel.