Polaroids
Emma beschleunigte ihre Schritte und sah sich hastig um. Der Wind strich durch die Baumwipfel und malte Scherenschnitte von Licht und Schatten auf den Bürgersteig. Manche Muster ließen die junge Frau nervös zusammenzucken. Seit sie den Bus verlassen hatte, folgte ihr jemand. Nur einmal war es ihr gelungen, einen flüchtigen Blick auf die Verfolgerin zu erhaschen. Emma hatte nicht mehr als einen Schemen wahrgenommen. Doch die forschenden Augen bohrten sich mit schmerzhafter Intensität in ihren Rücken. Nur noch am Kindergarten vorbei, dann würde sie ihr Appartementhaus erreichen.
Ein Zweig knackte unter Emmas Schuhen. Sie schrak zusammen und huschte zum Eingang. Mit zitternden Fingern schob sie den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Erleichtert seufzte sie, als die Metalltür mit einem Klacken in den Rahmen fiel. Hier war sie erstmal sicher.
Die junge Frau sammelte sich. Vielleicht hatte die schattenhafte Person sie gar nicht verfolgt, sondern hatte nur den gleichen Weg genommen? In letzter Zeit stressten sie die Prüfungen an der Universität mehr, als sie zugeben wollte. Bei einer Tasse Jasmintee würde die Sache bestimmt anders aussehen. Sie ignorierte den Aufzug und nahm die beiden Stockwerke zu ihrer Wohnung zu Fuß. Steffen, ihr verrückter Nachbar, ließ sich nicht blicken. Immerhin blieben ihr seine ungeschickten Flirtversuche erspart.
Das Erste, was sie wahrnahm, als sie die Wohnungstür öffnete, war ein leichter Geruch von Zigarettenrauch. Doch Emma rauchte nicht. Sie erstarrte. Ihr Puls schlug hart und schnell. Vorsichtig schlich sie den Flur entlang und lugte ins Bad. Niemand da. Schritt für Schritt betrat sie das einzige Zimmer der Wohnung und seufzte erleichtert. Es wartete kein Einbrecher oder Schlimmeres auf sie. Doch es blieb der schwache Rauchgeruch. Kam der Geruch aus der Lüftungsanlage? Sie sah sich um. Auf dem Bett lagen die Kissen und die Decke durcheinander. Der Griff der Balkontür war nicht richtig geschlossen. Dabei legte sie immer Wert darauf, die Wohnung ordentlich zu verlassen.
Seltsam.
Sie lugte durch das Fenster auf den Balkon. Die Geranien in den Balkonkästen ließen die Köpfe hängen. Sonst war da niemand. Alles ganz normal. Doch dann fiel ihr Blick auf den kleinen Tisch.
Sie erstarrte.
Auf der Tischplatte standen zwei Weingläser. Daneben lagen die Reste einer Grillmahlzeit. Zwei Teller mit abgenagten Knochen und ein paar Brotkrümel. Im Aschenbecher stapelten sich Zigarettenstummel, doch sie rauchte nicht. Nicht einmal gelegentlich. Und seit ihrem sechzehnten Lebensjahr hatte sie kein Fleisch mehr angerührt.
Jemand war hier gewesen. Aber wer?
Der Abstand zum Nachbarbalkon war nicht allzu groß. Steffen! Der dämliche Kerl musste hinübergeklettert sein und diese Szene inszeniert haben. Vermutlich, um sie nach der letzten Abfuhr zu provozieren.
»Die Welt ist verrückt geworden«, murmelte Emma. Sie beschloss, sich nicht aufzuregen. Sie würde später aufräumen und die Sache nicht weiter erwähnen. Das würde Steffen am meisten ärgern.
Sie bereitete einen Tee zu. Während das Getränk abkühlte, ging sie duschen. Die junge Frau genoss das warme Wasser und entspannte sich etwas. Sie musste lächeln, als sie an den sonderbaren Nachbarn dachte. So ein Spinner! Aber eigentlich war die Sache ausgemachter Hausfriedensbruch! Dann lehnte sie sich an die kühlen Kacheln und nickte für eine Sekunde im Stehen ein.
»Ich bin so müde«, murmelte sie.
Mein Körper, flüsterte eine fordernde Stimme. Gib ihn mir zurück!
Emma zuckte zusammen und öffnete die Augen. Jetzt reichte es! Verdammter Steffen! Sie warf sich den Bademantel über und rannte ins Wohnzimmer. Diese Scherze gingen zu weit! Doch die Nachbarwohnung lag so still da, als wäre sie unbewohnt.
»So langsam werde ich wohl verrückt!«, fluchte Emma.
Sie überlegte, was zu tun sei, und beschloss schließlich, ihre Mutter anzurufen. Das würde sie beruhigen. Sie griff nach dem Handy und wählte die Nummer, aber niemand ging ran. Unentschlossen saß sie auf dem Bett, grübelte und strich sich gähnend eine Strähne aus der Stirn. Sie würde zur Polizei gehen, gleich morgen. Vielleicht musste sie die Wohnung wechseln, oder einen neuen Namen annehmen. So etwas geschah häufig in solchen Fällen. Davon hatte Emma in einem der bunten Blätter beim Arzt gelesen. Erschöpft zog sie die Bettdecke über die Schultern. Sie löschte das Licht. Die Müdigkeit übermannte sie.
Emma blinzelte. Helles Deckenlicht stach ihr in die Augen. Verwirrt hob sie eine Hand vors Gesicht. Hatte sie die Lampe nicht ausgeschaltet? In ihren Schläfen pochte ein unangenehmer Schmerz.
»Das fehlt mir noch«, seufzte sie, setzte sich auf und rieb sich den Kopf. Sie gähnte und sah sich etwas orientierungslos vor Müdigkeit um. Die Rollläden waren geschlossen und das Licht brannte. War sie in der Nacht noch einmal aufgewacht? Die Teetasse auf dem Nachttisch enthielt nur einen kleinen Rest, also hatte sie etwas getrunken. Emma konnte sich nicht daran erinnern. Dann sah sie das Buch. Trotz ihrer Müdigkeit und der Kopfschmerzen stand Emma auf. Das Album mit den Fotos aus ihrer frühesten Kindheit lag auf dem Couchtisch. Ihre Mutter hatte es ihr erst vor ein paar Tagen gegeben und ihr in einem langen Gespräch ins Gewissen geredet. Sie schlug das Buch auf. Ein vergilbtes Polaroid von einem Ausflug in den Zoo, sie musste damals kaum ein Jahr alt gewesen sein. Dieses Foto kannte Emma gut. Sie saß auf der rechten Seite des Doppelkinderwagens, die linke Seite blieb immer leer. Auf jedem Foto. Die linke Seite blieb immer leer.
Die linke Seite gehörte ihrer Schwester, Julie. Emma hatte Julie nie kennengelernt. Im Mutterleib hatten sie eine Zeitlang zusammengelebt, aber Julie hatte es nicht geschafft. Bei der Geburt war Emmas Schwester zu klein zum Leben. So ist es wohl. Manchmal überlebt nur ein Geschwister. Das Stärkere. Das, welches im Nest nach vorne drängt und den anderen die Nahrung stielt. Bis für die Schwächeren nichts übrig bleibt. Emmas Finger strichen zärtlich über den linken Platz im Kinderwagen. Eine Träne löste sich und tropfte auf das Fotopapier.
»Es tut mir leid, du hättest leben sollen. Nicht ich …« Emmas Kopfschmerzen hämmerten. Sie nahm einen Stift und malte einen schwarzen Strich über ihr Gesicht auf dem Foto. Das tat gut!
Noch ein Foto … Noch ein Foto … Noch ein … Noch ein … Noch …
Der Schmerz kam mit Wucht zurück. Ihr Blick verschwamm.
Das Morgenlicht glitzerte durch die feinen Rillen zwischen den Lamellen des Rollladens. Jemand klopfte hartnäckig an die Tür. Die junge Frau strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und streckte sich. Ihr Blick fiel auf das geöffnete Album. Die Seite mit den Fotos vom Ausflug in den Zoo war aufgeschlagen.
»Das kann nicht sein«, flüsterte sie fassungslos und ließ den Finger über den leeren Sitz des Kinderwagens streichen. Wieder klopfte es.
»Ja, ich komme!«, rief sie mit zitternder Stimme. Sie nahm das Album, eilte zur Tür und öffnete diese hastig. »Steffen!«
Der junge Mann musterte sie besorgt. Seine Haare fielen ungekämmt zu allen Seiten und seine Augen waren gerötet.
»Ist … ist Emma heute da? Oder … Julie?«, fragte er hoffnungsvoll.
»Ich …«
Die junge Frau brachte kein weiteres Wort hervor. Mit zitternden Fingern hob sie das Album. Langsam strich sie über das Foto und zeigte auf das Kind, das auf der linken Seite des Kinderwagens saß. Tränen rannen ihre Wangen hinab.
Dann sah sie Steffen an. Erst jetzt schien sie gänzlich zu begreifen.
Sie fiel ihm in die Arme und schluchzte.
»Emma … Emma kommt nicht mehr …«
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Kopfschmerzen
Diese verdammten Kopfschmerzen. Ich lasse das Licht im Badezimmer aus, als ich zum dritten Mal heute eine Paracetamol aus dem weißen, viel zu modernen Spiegelschrank hole. Marvin hatte ihn ausgesucht. Er gäbe dem alten Badezimmer ein gewisses ‚Flair‘ oder so ein Unsinn. Ich mochte ihn von Tag eins an nicht, die Türen hatten keine Henkel und öffneten sich an den un-intuitivsten Stellen, die sich die Designer hatten ausdenken können. Ich finde mich im Dunkeln nur zurecht, weil das blöde Teil schon seit 3 Jahren da hängt.
Wasser nehme ich aus dem Kühlschrank. Ob die Temperatur des Wassers beeinflusst, wie schnell die Tabletten wirken? Vielleicht würde ich morgen danach googeln. Vielleicht auch nicht. Gerade möchte ich nur, dass dieses Hämmern in meinem Kopf nachgibt.
Ich setze mich hin, nehme eine Tablette und schlucke sie erst trocken runter, spüle mit ein, zwei Gläsern Wasser nach. Das kalte Nass tut gut, aber erkältet bin ich nicht. Ich habe sonst keine Symptome. Nur Kopfschmerzen. Ich starre das Glas an. Es ist quadratisch. Auch eine Idee von Marvin, aber die fand ich gut. Finde ich immer noch. Obwohl meine Schwester Bonnie sich jedes Mal darüber lustig macht.
Bonnie.
Ich nehme das Handy und schaue drauf. Zig WhatsApp Nachrichten, die ich wie immer ignoriere, aber keine auf Telegram. Ich habe nur sie als Kontakt dort und sie hat nur mich. Unser kleines, eigenes Netzwerk. Zumindest haben wir uns das als Teenager eingeredet. Damals, als wir noch zur Schule gingen und jede Sorge miteinander teilten. Als wir Kleidung und Frisur austauschten und so taten, als wären wir die jeweils andere. Oder als wir die ersten Jungs mit nach Hause schleppten und uns gegenseitig Rückendeckung gaben.
Bonnie und ich sind Zwillinge. Und seit drei Tagen redet sie nicht mehr mit mir. Nicht auf Telegram und auch nicht im Familien Chat auf WhatsApp. Ich könnte sie anrufen, tue es aber nicht. Was soll ich denn sagen? „Sorry, dass endlich ein Versuch, deine Beziehung zu ruinieren, funktioniert hat?“
Wir hatten nie Streit, der länger ging als 20 Minuten. Ich hasse es. Es fühlt sich so leer an, so einsam. Aber ich konnte doch auch nicht wissen, dass Bonnie diesen arroganten Bastard tatsächlich liebt. Ekelhaft. Wir kennen Nate schon seit unserer Kindheit, aber er war nie ein Teil unserer Gruppe. Er mutierte vom verwöhnten Blag zum unausstehlichen Bad Boy. Aber nicht die coole Art, sondern die, die echten Probleme macht. Wir haben ihn gehasst, und mein Schock, als sie mir vor ein paar Monaten sagte, sie seien zusammen, war groß. Sehr groß. Seitdem versuche ich, sie wieder zu trennen.
Bonnie braucht keinen standfesten Freund wie Marvin, aber Nate wird sie garantiert irgendwann schlagen. Oder schwängern und verlassen. Oder Isolieren. Das musste ich doch verhindern? Und das habe ich!
Meine Mutter ruft an und ich drücke Sie weg. Sie kommt noch weniger damit klar, dass wir gestritten haben, als Ich. Aber für ihre Standpauke habe ich, wortwörtlich, nicht den Kopf. Seufzend nehme ich noch eine Tablette, die fünfte heute. Irgendwann müssen die Kopfschmerzen doch aufhören.
Ich lege mein Gesicht in meine Hände. Mittlerweile dreht sich alles. Wann hatten sie angefangen? Heute früh, um kurz nach Sieben. Plötzlich, wie ein Schlag. Und seitdem hatte ich keine schmerzfreie Minute. Ich schaue zur Uhr, es ist kurz nach Eins. Die Ärztepraxen haben jetzt zu. Ich beschließe, am Nachmittag zu meinem Hausarzt zu gehen, wenn es nicht besser ist. Marvin ist arbeiten, aber ich kann zur Not auch ein Taxi nehmen.
Erstmal lege ich mich im Wohnzimmer auf die Couch. Ross ruft an, aber auch ihn drücke ich weg. Er ist unser bester, schwuler Freund und hatte mir indirekt geholfen, Nate loszuwerden. Ungefragt, weswegen er auch wütend auf mich ist. Blödes Timing. Ich hätte gerne mit ihm gesprochen, aber so wie es mir geht, macht es keinen Sinn.
Ich schliesse die Augen und sehe die Party von vor drei Tagen vor mir. Die Musik war laut, die Menge tobte. Die Drinks waren gut und wir ließen es uns auf der Tanzfläche gut gehen. Bis ich Nate sah. Natürlich brummte er Bonnie wegen ihrem Outfit an. Arschloch, was ging es ihm an, was sie trug? Sie stritten, versöhnten sich und er gab ihr seine Jacke, alles innerhalb von zwei Minuten. Dann verließ er die Disco, um zu seiner Nachtschicht zu fahren. Dachten wir.
Bonnie nahm sich noch einen Drink und gab mir die Jacke. Sie war keine Fremdgeherin, aber sie wollte tanzen, und das ging mit der blöden Jacke schlecht. Und ich hatte Blasen in den neuen Schuhen bekommen, weswegen ich meine Zeit an der Theke nutzte. Als Bonnie kurze Zeit später auf Toilette war, sah ich Nate wieder. Er suchte sie. Ich wurde sauer. Also zog ich die Jacke an und öffnete meine Haare, so wie meine Schwester sie immer trug. Dann küsste ich Ross. Nate kannte Ross nicht und wusste daher noch weniger, dass er eigentlich schwul war. Ross hingegen ließ Küsse zu, weil sie uns Mädels die Creeps vom Leib hielten. Er dachte, ich wollte nur einen Bewerber aus der Ferne loswerden. Was nicht falsch war, nur ging es dabei nicht um mich.
Es hatte funktioniert. Nate kam an, trennte uns und einen Moment lang dachte ich, er würde mich schlagen. Aber er zog mir nur unsanft seine Jacke aus, nannte mich eine Schlampe und stiefelte davon. Als das Adrenalin absackte, wollte ich mit Ross diesen Sieg feiern, aber er fand es nicht so cool benutzt worden zu sein und ließ mich sitzen. Und danach? Er petzte es Bonnie, sie rief Nate an, aber der wollte nichts mehr von ihr wissen. Sie scheuerte mir eine, und lief ebenfalls davon.
Stöhnend setze ich mich auf. Die Erinnerung hilft mir bei den Kopfschmerzen nicht. Gerade überlege ich noch, ob ich vielleicht in die Notaufnahme fahre, als sie weg sind. So plötzlich wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder. Ich stehe auf, drehe mich etwas. Ich bin schmerzfrei! Endlich! Noch immer verwundert darüber, was das für ein seltsames Ereignis war, gehe ich mir einen Kaffee machen. Dann fällt mir ein, dass Ross angerufen hatte. Ich kehre zurück ins Wohnzimmer und suche ihn im Adressbuch raus, als mich eine unbekannte Nummer anruft. Ich gehe ran.
Es ist Nate. Und er sagt die Worte, die mein Leben für immer verändern sollen. „Bonnie ist gerade gestorben.“
Sie hatte auf dem Arbeitsweg einen Unfall. Sie fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf auf dem Asphalt auf, um kurz nach Sieben, genau als meine Kopfschmerzen anfingen.
Und Sie verlor eben den Kampf im Krankenhaus… genau als meine Kopfschmerzen aufhörten.
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Wem der Ring bellt
Ich rolle mich unter dem Angriff des Nebelwolfs hindurch.
Für so eine geisterhafte Erscheinung hat der ganz schön ungeistliche Zähnchen, und davon gleich eine ansehnliche Menge.
»Hahahaha. Ich bin unsterblich, Monsterjägerin. Und du hast keinen Zwilling.«
So langsam beginnt der uralte Nebelschamane mich ernsthaft zu nerven mit seinem Zwillingsfetisch.
»Die Welt verträgt eben immer nur eine Version von mir.« Peinliche Riposte, zugegegeben, aber wann kann man schon mal einen markigen Einzeiler anbringen, während man einem armen Geistervieh einen Krummdolch zwischen den Rippen ins Herz rammt? Ich jage sonst Werwölfe und Höllenhunde. So einen Geisterkläffer erledige ich doch im Vorbeigehen.
Der Schammie hebt wieder seine knochige Hand. Ich sehe den eleganten Ring mit dem Hundekopf, oder Wolfskopf, oder was auch immer der Pelzkopf mit den großen Fangzähnen darstellt.
Was denn? Bin ich Faunist?
»Wuff«, macht es und nochmal »Wuff.«
Gut, es könnte auch Puff oder Uff gewesen sein, aber mal ehrlich, was hättet ihr verstanden?
Diesmal entstehen zwei gleich aussehende Wölfe aus einer magischen Nebelschwade, die direkt vom Ring aus geht. Ok, wenn da unbegrenzt viele im Ring stecken, wird es etwas kniffelig.
»Das habe ich Dir doch gesagt, nur Zwillinge können mich töten.«
Ich blinzle und tauche direkt hinter dem unsterblich untoten Sumpfschamanen auf. Eigentlich hätte ich erstmal versucht, mit ihm zu reden. Er riecht ranzig, hat einen Wolfskopfumhang und trägt eine sehr klassische Knochenkeule. Es gibt nicht mehr so viele klischeegetreue, böse Schamanen alten Schlages. Die meisten machen heutzutage auf Neo-Schamanismus, tragen Hugo-Boss und fahren einen Lexus. Ich bin sehr für Traditionen. Ein Bösewicht hat wie einer auszusehen, dann hat der Tag Struktur. Zudem versuche ich gerade etwas Abstand von Blutbädern und Gemetzel zu nehmen. Aber seine Lache regt mich einfach nur noch auf. Also ramme ich ihm meine beiden Krummdolche in den Rücken und durchtrenne sein Rückgrat an zwei Stellen.
Ungläubig sehe ich, wie der Kerl nicht nur nicht ordnungsgemäß zusammenbricht, er dreht sich auch noch zu mir um, erhebt erneut seine Faust mit Ring und hält ihn mir direkt unter die Nase.
»Hahah …ah… was? Unsterblich! Dumme Menschenfrau. Was verstehst Du daran nicht?«
Die beiden großen Hunde heulen wie zwei kaputte Nebelhörner und hetzen ebenfalls auf mich zu.
Nicht optimal.
Mein Blick fällt auf den Ring, der wieder anfängt, Nebel abzusondern. Und da der Schammie ihn mir ohnehin wie ein unheiliger Papst zum Kuss hinhält, ergreife ich die Chance.
Nein, ich küsse nicht den Ring. Ist ja widerlich, was ihr wieder denkt.
Ich beiße ihn natürlich ab.
Schmeckt trotzdem so, dass ich es als einzigartige Erfahrung im Leben abspeichern und dabei belassen will.
Ich lasse mich nach hinten fallen und entgehe dem Hieb mit der obligatorisch fellumwickelten Knochenkeule. Ein Tag mit Struktur. Ich liebe es.
Für einen Moment in sicherer Entfernung verharren wir beide. Die starren Augen des Sumpf, Morast und Nebelschurken blinzeln mehrfach empört, als sich die sich gerade verdichteten Dunsthunde wieder entdichten und vom Winde verweht werden.
Aha, ohne seinen Ring ist er wohl deutlich weniger nebulös in seinen Optionen.
Ich entgehe dem Stoß mit der, ein unheilig stinkendes Gas absondernden Keule, ohne Mühe. Wirklich sehr vorhersehbar.
Zuerst spucke ich den Finger aus. Auf den Boden. Dann den Ring. In meine Handfläche.
Sieht mir ziemlich filigran aus. Der Ring, nicht der Finger. Feenwerk, Elfenarbeit oder Zwergen ...
»... nein, nicht Zwerge. Deren Ringe hätten etwas mit Gold und Bier zu tun.«, murmle ich mir selbst antwortend.
Ich muss über mein Bias grinsen. Den muss ich unbedingt Thorgan Starkarm das nächste Mal erzählen. Der lacht sich schlapp. Oder gibt mir eine Schelle mit. Wahrscheinlich beides.
Mein sinistres Grinsen muss meinem Feind wohl eine falsche Botschaft übermittelt haben, denn der weicht tatsächlich zwei entsetzte Schritte zurück, während ich den Ring über meinen Daumen streife. Selbst für den ist er noch zu groß.
Ich mache die Probe aufs Exempel und wedle mit dem Ring, wie ein katholischer Ministrant mit dem Weihrauchfässchen. Und höre da: WUFF.
»Deine Bemühungen sind sinnlos. Nur Zwillinge können mich töten. Aber Du wirst büßen, was Du mir angetan hast.« Wir schauen beide etwas betreten auf den dental separierten Finger, der auf halben Weg zwischen uns am Boden noch zuckt.
Der Ring verströmt derweil Nebel und zu meinen Füßen bildet sich ein Wolf, der hoffnungsvoll zu mir hochschielt.
Ich nicke meinem neuen vierbeinigen Jagdkumpel zu. »Ja, mich nervt er auch. Fass!«
Und weil ich gerne gründlich bin, rufe ich einen zweiten Geisterhund. Irgendwie sehen die alle gleich aus? Etwas mehr Vielfalt hätte ich von so einem mächtigen Beschwörungsartefakt schon erwartet.
Wuff. »Fass!«
»Du kannst mich nicht töten, ich kann nur durch einen Zwilling get …«
Die beiden nebligen Wauwaus, nun in ziemlich solider Verfassung, zerreißen den Mist-Lord ohne viel Mühe. Immer diese leeren Versprechungen.
»Tja, Kumpel, wenn man dran ist, ist man dran. Und heute war Dein D-Day.«
Nach getanem Fresswerk und meinem wohlwollenden Kraulen hinter den Pelzohren, lösen sich die beiden Zauberwölfe wieder in nebliges Wohlgefallen auf und verschwinden heim in Erlkönigs Reich.
Ich bleibe nachdenklich zurück mit den Überresten des unerwartet leicht versterbenden Unsterblichen.
»Aber logisch«, entfährt es mir, überrascht von der Erkenntnis. »Einer der beiden Nebelwölfe war wohl vom Sternzeichen Zwilling …« -
Nur eindeutige Fälle
Mit einem Ruck stoppte das Seil den Fall des Körpers. Zufrieden betrachtete Severin den jungen Mann, der neben seinem Bruder baumelte. Neben seinem Zwilling. Zwillinge und Rebellenpack noch dazu! Er wandte sich den Dorfbewohnern zu und deutete auf die Zwillinge. „Die Häresie wurde vom Antlitz dieser Welt getilgt.“ Lange genug hatte es gedauert. Durch das halbe Imperium hatte er die beiden verfolgt. Doch am Ende entkam keiner der Inquisition. Schon gar kein Zwilling. „Geht in eure Häuser und dankt dem Gottimperator für seine Gnade, euch zu verschonen.“ Ungewöhnlich. Normalerweise knüpfte man das Pack neben den beiden Häretikern auf. Aber Befehl war Befehl. Nur eindeutige Fälle. Wie der Kerl, in dessen Haus man die beiden gefunden hatte. Aber eines nach dem anderen. Er sah den Dorfbewohnern nach, die von seinen Familiaren vom Marktplatz gescheucht wurden. Wie viele von ihnen waren wohl Rebellen?
„Inquisitor Veyr?“
Severin drehte sich um. „Ja?“
Marius salutierte. „Der Sympathisant ist jetzt ... gesprächsbereit.“
„Sehr gut.“ Severin richtete seinen Kragen und wischte den Schweiß von der Glatze. Verdammte Hitze! „Dann wollen wir mal sehen, was er zu sagen hat.“
„Bisher beteuert er nur seine Unschuld.“ Er hob die Tasche mit den Utensilien. „Ich nehme an, Ihr werdet das alsbald ändern.“
„In der Tat.“ Er rieb sein frisch rasiertes Kinn. Jedes Detail würde er aus diesem Bastard herausquetschen. Unmöglich war er unschuldig. Niemand versteckte Zwillinge, ohne das Imperium stürzen zu wollen. „Bring mich zu ihm.“
Wortlos folgte er seinem Adjunkten durch das Dorf. Kleine Lehmhütten, kein Vergleich zu den prächtigen Bauten des Klosters der Inquisition, in dem er aufgewachsen war. Wer auch immer ihn dort ausgesetzt hatte, meinte es wohl gut mit ihm. Kein Wunder, dass die Rebellen sich hier versteckten. Wo sollte man hier einen Gefangenen anständig aufbewahren?
Marius ging zum Wirtshaus. Natürlich. Ein Keller. Immerhin eine gemauerte Wand. Er öffnete die Luke, die hinabführte. Muffige Luft schlug ihnen entgegen. „Nach Euch, Inquisitor.“
Severin stieg die groben Stufen in den feuchten Erdkeller hinunter. So viel zu gemauerten Wänden. Aber immerhin war es hier kühl. Der Raum war klein, nur ein paar marode Kisten standen auf der festgetretenen Erde. Zwischen ihnen saß ein bärtiger Mann, gefesselt mit schweren Ketten. Marius hatte ihn gut vorbereitet. Mit blutiger Lippe und geschwollenen Augen sah der Mann ihn durch strähniges Haar an.
Wortlos musterte Severin den Kerl, bis Marius die Utensilien demonstrativ auf dem Boden ausgebreitet und eine Laterne auf einer Kiste entzündet hatte. Vielleicht genügte deren Anblick ja bereits, um die Zunge des Kerls zu lockern. „Beginnen wir einfach. Wie heißt du?“
„Elias“, krächzte der Gefangene und rieb seinen eckigen Kiefer an der Schulter. Blut von seiner Lippe blieb zurück.
Severin nickte. „Warum hast du die Zwillinge versteckt?“
„Ich hatte Mitleid ... sie haben nichts getan!“
„Die Frage ist nicht, was sie getan haben!“ Severin biss die Zähne zusammen. „Die Frage ist, was sie tun werden!“
„Ich weiß nicht, was sie irgendwann tun werden. Ich weiß nur, dass sie verängstigt und erschöpft vor mir standen und um Hilfe gebeten haben.“
Ein mutiger Mann, dies so offen zu sagen. Mutig oder dumm. „Zweifelst du an der Prophezeiung?“
„Nein, Herr.“
„Gut, denn der Gottimperator war sehr klar in seinen Worten!“
„Ich bin nur ein einfacher Bauer, Herr. Ich maße mir nicht an, die Worte des Gottimperators zu interpretieren.“
Severin hob die Braue. „Du sollst sie auch nicht interpretieren! Das haben größere Geister als wir bereits getan. Ein Zwillingspaar wird das Imperium in seinem vierzigsten Jahr zu Fall bringen!“
„J... Ja, Herr.“
„Und da nicht bekannt ist, welches Zwillingspaar, gilt es, dafür zu sorgen, dass kein Zwillingspaar dieses Alter erreicht! Verstehst du das?!“
„Ja, Herr.“
„Warum versteckst du sie dann?“, fragte Severin ungehalten. So kompliziert war es doch nicht!
„Ich sagte doch, ich hatte Mitleid ...“ Elias senkte den Blick.
So ein Unsinn! „Wo wolltest du sie hinbringen?“
„Ich hatte keinen Plan, Herr.“
„Du willst mir erzählen, dass die Schwarzkappen die beiden nicht einsammeln kommen?“ Diese elenden Rebellen!
„Ich weiß nicht, Herr. Ich kenne keinen von ihnen.“
Entweder war Elias sehr gut darin, sich dummzustellen oder er hatte wirklich keine Ahnung. Interessant. Vielleicht brauchte er doch ein Werkzeug. Severin schnaubte abfällig. „Marius!“
Der Adjunkt wusste, was zu tun war. Wortlos zog er Elias die Stiefel aus, während Severin die Kneifzange griff.
„Ich frage noch einmal“, sagte er und setzte die Zange an Elias kleinem ... Sein Blick fiel auf die zusammengewachsenen zweiten und dritten Zehen. Wie bei ihm. Erstaunlicher Zufall. Er schüttelte den Kopf und setzte die Zange am kleinen Zeh seines Gefangenen an. „Für wen arbeitest du?“
Elias schluckte. „F... Für Herzog Raban, Herr. Bitte, ich ... ich bin nur ein Bauer! Ich habe nichts mit den Rebellen am Hut!“
Seufzend rieb Severin sich die Nasenwurzel. „Du scheinst nicht sehr an deinen Zehen zu hängen, wenn du glaubst, dass ich das wissen wollte!“
„Bitte, Herr“, wimmerte Elias. „Ich bin fast mein ganzes Leben in diesem Dorf! Solange ich denken kann, ist hier keine Schwarzkappe vorbeigekommen, ich schwöre es!“
Severin kniff die Augen zusammen. „Fast?“ Ungewöhnlich, dass ein Bauer in ein anderes Dorf zog. „Was heißt fast?“
„Ich wurde als Säugling vor dem Schrein ausgesetzt, Herr. Seitdem lebe ich hier.“
Ein Findelkind? Severin musterte ihn. „Wie alt bist du?“
„Neununddreißig Sommer, Herr.“
Wie er. Und ausgesetzt ... Das klang beinahe wie ... nein, das war absurd. Rasch griff er die Laterne und hielt sie ihm ins Gesicht.
Elias wandte sich geblendet ab.
„Sieh mich an!“
Langsam öffnete er die Augen. Dieselben dunklen Augen wie die seinen. Nein! Das konnte nicht sein! Unmöglich! Er schob Elias das Haar aus der Stirn. Derselbe schwindende Haaransatz wie bei ihm, nur dass Severin sich den Kopf längst kahl rasierte. Hinter Bart, Schmutz und Schwellungen erkannte er ein vertrautes Gesicht. Sein Gesicht. Nur gegerbt von Sonne und harter Feldarbeit. „Nein ...“ Erschrocken wich er zurück. „Nein!“
„Was ist los, Herr?“, fragte Marius hinter ihm.
Severin wandte sich zu ihm um, starrte ihn an. Was sollte er sagen? Es gab nichts zu sagen. Er blickte zu Elias, dann wieder zu Marius. Dann auf den Boden. Er zog sein Schwert. -
Chimaera
Orangenes Licht.
Warm und reich wie pures Gold.
Diffuse Schatten umspielen deinen nackten Körper.
Lustvoll räkelst du dich im Bett, eingehüllt von zerknüllten Kissen. Das Sternenstrahlen in deinen Augen, ich verliere mich darin, falle in die Endlosigkeit. Sinnliche Küsse, heißer als die Sonne. Wie eine ungeschriebene Symphonie erklingt deine Stimme.
Ich vergrabe meine Finger in deinem seidenweichen Haar. Dein Parfüm, ein erfrischend anregender Duft von Minze und Zitrone.
Langsam streichelst du mir über Nacken und Hals. Es kitzelt, ungewohnt und erregend. Ich wünsche mir mehr davon, nehme jeden Moment auf, als wäre es der Letzte.
Angestrengt hole ich Luft, zittere unter den sinnlichen Berührungen deiner Fingerspitzen an meiner empfindlichen Haut.
Ein vertrautes Kribbeln keimt in meinem Kopf heran. Schnell wird mir bewusst, was es ist. Ein altes Leiden, das mich mal mehr, mal weniger oft heimsucht.
Nur einen Augenblick halte ich im Gedanken inne, verdrängte ihn aber wieder. Nicht jetzt und nicht hier. Nicht in dieser Situation.
...
Zärtlich fahre ich mit dem Zeigefinger über deinen Bauch - zitternd von der sanften Berührung - weiter über den Bauchnabel und die linke Flanke. Beben durch deinen Torso. Kleinste Schweißperlen, verfangen in den feinsten Härchen, bringen deine Haut zum Glitzern.
Lustvoll säuselst du meinen Namen, als ich über deine abgezeichneten Rippen streiche und zu deiner Brust wandere.
...
Das Kribbeln in meinem Kopf verstreut sich. Taubheit, ein Gefühl von Leere breitet sich aus. Als würde die Hälfte meines Gesichts nicht mehr vorhanden sein.
Aber ich weiß - natürlich weiß ich - dass es noch komplett ist.
Das sinnliche Kitzeln von deinen streichelnden Berührungen auf meiner Wange - fühlte ich es eben noch intensiv - ist verstummt. Die feuchten honigsüßen Küsse, dein Lippenspiel, dein hauchender Atem - nichts.
Vorsichtig greife ich nach deiner Hand, nach deinen Fingern in meinem Gesicht. Nicht, um sich dieser bewusst zu sein, sondern meiner selbst.
Unverändert.
Meine Haut. Aufgeheizt, feucht vom Schweiß, rau von den Bartstoppeln, aber irgendwie tot.
Meine Hoffnung, dass das taube Gefühl wieder schnell verschwindet, verfliegt genauso schnell, wie sie aufgekommen ist.
...
Die fremdartige Leere steigert sich, sie wird klarer und grenzt sich immer schärfer von meinem restlichen Gesicht ab. Als würde eine hauchdünne Membran dazwischen liegen.
Schmerzen!
Ein verkrampfter Schrei. Ich höre ihn in meinem Kopf, aber meinen Mund verlässt er nicht.
Ein Impuls, heiß wie glühendes Metall. Lila Flimmern vor meinen Augen. Ich versuche zu blinzeln, aber es gelingt mir nicht.
Tinnitus und Schwindel.
Ein ungewöhnlich süßer Geschmack belegt meine Zunge, flüssig und brennend.
Schwer schluckend kämpfe ich gegen die aufkommende Übelkeit an.
Etwas ist in meinem Kopf, eine fühlbare Präsenz. Ein Parasit, unangenehm und unbeschreibbar.
Wie ein aggressiver Pilz, der in meinem Schädel wuchert.
Überflutet von den Eindrücken weiß ich nicht, worauf ich meinen Fokus setzen soll.
Meine Frau, ihren atemberaubenden Anblick, ihre Leidenschaft, stöhnend und schnaufend vor Lust.
...
Knisterndes Prickeln durchfließt meinen kompletten Körper, presst sich wie eine Welle durch Haut, Muskeln, Fleisch und Knochen.
Ich zucke zusammen, schüttle mich.
Dann schwinde ich dahin, als hätten sich mein Geist und Körper getrennt.
Wie fremdgesteuert setzt mein Körper das Lustspiel fort und überflutet mich weiterhin mit jeglichen Empfindungen. Stärker und eindringlicher als je zuvor.
Ihr Schweiß, vermischt mit ihrem Parfüm.
Ihre Gänsehaut, erregt und sensibilisiert.
Immer stärker beginne ich, ihre Brust zu kneten.
Immer stärker beginne ich, sie zu penetrieren.
Sie haucht meinen Namen, bittet mich darum, aufzuhören.
Aber das Fremde in mir hört nicht auf. Vielmehr scheint es ihre beunruhigte Stimme als Anstachelung wahrzunehmen.
Ihre zusammengekniffenen Augen, die abfallenden Mundwinkel und das Keuchen zeigen eindringlich ihre Schmerzen.
Ich versuche, einzugreifen und die Kontrolle zurückzuerlangen. Aber je mehr ich mich anstrenge, umso mehr baut sich diese Barriere in meinem Inneren auf. Wie gefangen in der Schwerelosigkeit, nicht fähig, Halt zu finden.
Anfangs sanft, dann immer fester versucht sie meinen Körper von sich wegzudrücken. Energisch versucht ihr Unterleib sich meinen heftigen Beckenstößen zu entziehen. Je mehr sie das versucht, umso aggressiver werde ich.
Einerseits begrüße ich diese Empfindungen, die mich gerade überkommen, andererseits hege ich tiefste Abscheu dafür, was mein Körper ihr antut.
Was soll ich annehmen, was darf ich genießen?
Meine Finger krallen sich in ihre bebenden Brüste und verpassen ihnen mit langsamen, reißenden Bewegungen errötende Kratzer. Ihre Haut wird regelrecht aufgeritzt bis aufs Fleisch. Winzige Blutstropfen fließen heraus und benetzen meine Finger, während ich immer mehr ihre Haut zerkratze.
Winseln und Flehen, tränenüberflutete Augen, hechelnder Atem. Mit jedem Ausstoßen bebt ihr Brustkorb. Angestrengt dreht sie ihren Oberkörper zur Seite und versucht meine Hand mit ihrem Unterarm wegzudrücken.
Ich lasse nicht los, reiße sie wieder zurück auf den Rücken, vergehe mich weiter an ihren nackten, blutenden Brüsten. Ein Anblick, berührend und anregend. Groteske Wärme klebt an meinen Fingerkuppen.
Wieder und abermals versucht sie es, verpasst auch mir kleine Kratzer auf den Unterarmen, bis es ihr endlich gelingt.
Meine Augen blicken nach rechts zu meinem ausgestreckten Arm, bevor er nur einen Moment später zum Schlag ausholt.
Ihre Wange drückt sich ins Kopfkissen unter der Wucht. Verängstigt starrt sie mich mit aufgerissenen Augen an, ihre Lippen zusammengepresst.
Erneut schlage ich zu. Ins Gesicht, auf den Hals und Oberkörper.
Sie hält sich schützend die angewinkelten Arme vor Brust und Kopf.
Ich packe ihre Handgelenke und knicke sie.
Ruckartig entreißt sie sich, schlägt panisch um sich und kreischt meinen Namen ohrenbetäubend beißend.
Es hilft nichts, ich bin stärker.
Meine Hände wandern zu ihrem Hals.
Ehe sie sich versieht, wird ihre Kehle umschlungen.
Sofort versucht sie sich aus meinem festen Griff zu befreien, setzt ihre ganze Kraft ein, meine Hände von sich zu reißen.
Sie windet und schüttelt sich, energisches Strampeln mit ihren Beinen. Aber mein Körper ist zu schwer und die Position zu ungünstig.
Erbarmungslos drücken meine verkrampfenden Hände ihren Hals.
Tief fokussiert auf ihren nackten Leib, berauscht von überbordender Wollust.
Gequält formen ihre speichelverschmierten Lippen meinen Namen, pressen ihn im erstickten Schrei heraus. Die angespannten Muskeln, das pulsierende Blut in ihrer Halsschlagader, alles spüre ich in jeder kleinsten Nuance. Intensiv, zu intensiv.
Die knisternde Wärme an den Händen lässt mich ihre verletzliche, samtweiche Haut noch eindringlicher fühlen. Das verzweifelte Schlagen ihrer müden Fäuste gegen meine ausgestreckten Unterarme, das Zittern in ihren Rippen, ihren weichenden Unterleib.
Immer härter wird mein Griff um ihre Kehle.
Immer brutaler werden meine Stöße.
Immer stimulierender die Gefühle in meinem Kopf.
Überwältigt von angestauter Ekstase und purer Widerwärtigkeit sehe ich mit an, wie die Angst in ihren Augen der Hoffnungslosigkeit weicht. Das Gesicht von Tränenflüssigkeit, Schleim und Speichel übergossen, scharlachrot und von feinsten Adern gezeichnet.
Meine Vernunft will sich diesem Anblick entziehen, aber der toxische Cocktail in meinem Blut verlangt nach mehr.
Totes Starren in der Iris, gefolgt von einem Zucken der Oberlippe ihres geöffneten Mundes.
Mein Körper, immer noch fremdgesteuert, und ihrer leblos.
Unter meinen ununterbrochenen Stößen und unzüchtigen Berührungen wankt ihr Leichnam wie eine fadenlose Marionette.
Ein Stück nacktes Fleisch.
Erschöpfung und Müdigkeit, die meinen Geist und mein Glied langsam erschlaffen lassen.
Ein blutroter Schleier legt sich langsam um mein Sichtfeld.
Wie durch einen Filter, stark fokussiert und geschärft, erlebe ich mit, wie sich mein geschwächter Körper an ihrem reibt, mit Zunge und Fingern verspielt jeden Zentimeter von ihm erkunden. Intensivste Berührungen an Stellen, die ich mir nur in den schwärzesten Träumen vorstellen würde. Abartig, grotesk, verboten. Und doch kann ich nicht leugnen, dass ich es irgendwie genieße.
***
Dundalk_21222_Maryland_
Samstag_09/15/2018_
10:43_a.m._
Det._H._Thomson_
Wolkenverhangener Himmel, nieselnder Regen und kühle Brise. Alles lag in einem einzigen blass-dumpfen Schatten, ausgegraut und ohne Farbe. Lautlose Wassertropfen und lautlose Schritte im tiefen Donnergrollen. Als hätte sich das Wetter an diese erschütternde Stimmung hier angepasst.
Im dicken, grauen Mantel eingehüllt und mit Regenschirm bewaffnet wate ich zum Tatort. Ein Reihenhaus in der Vorstadt. Eigentlich sehr hübsch, wie auch die Gegend hier.
Ich nehme einen letzten Zug vom verbleibenden Rest meiner Zigarette, bevor der Stummel im nächsten Mülleimer verschwindet.
Mit einem kurzen Kopfnicken begrüße ich den Sergeant, der unter dem kleinen Vordach der Haustür steht.
"Guten Morgen, Detective", brummt er mit schielendem Blick nach oben. "Am besten, wir gehen rein. Bei dem Wetter würde ich nicht mal meinen Hund rausschicken."
Kaum habe ich meinen Schirm ausgeschüttelt und zusammengeklappt, drückt er mir den Bericht in die Hand.
"Mann, Mitte dreißig. Er behauptet, seine Frau vergewaltigt und dabei umgebracht zu haben. Er plädiert darauf, unschuldig zu sein. Er meint, sein Körper hätte ein Eigenleben entwickelt. Er selbst hätte keine Kontrolle mehr über ihn gehabt."
Naserümpfen. "Auch nicht schlecht."
"Die Forensiker sind noch da. Ihr erster Eindruck bestätigt so weit die Todesursache. Das Opfer hat Würgemale am Hals. Was die andere Sache betrifft ... müssen die Ärzte herausfinden."
***
Grelles Lichtflackern.
Weiße Kacheln.
Kalte Luft, klinische Stille.
Intensiv betrachte ich mein ausdrucksloses Gesicht im Spiegel. Blutrote Augen und tiefschwarze Lippen, die rechte Hälfte graues, totes Fleisch.
Eis und Frost.
Schon lange ist das taube Gefühl der Normalzustand und schon lange habe ich es akzeptiert.
Mit zittrigen Händen streiche ich mir über den kahl geschorenen Kopf. Der Skalp von dünnen Narben gezeichnet, die Haut kalt und fremd.
Die Scheibe beschlägt von meinem dumpfen Atem und verschleiert mein abscheuliches Spiegelbild.
Doch nur für einen Wimpernschlag, bis meine fremdgesteuerte Hand darüberfährt und den hauchdünnen Film wegwischt.
...
Jede Nacht suchen mich die verstörenden Bilder heim.
Jede Nacht sehe ich ihr Gesicht vor mir, die Angst in ihren Augen.
Ihren nackten Körper.
Rieche ihr Parfüm, schmecke ihren Schweiß. Salzig und süß.
Jede Nacht stirbt sie erneut.
Und immer noch bin ich hin- und hergerissen zwischen Erregung und Abscheu.
Zu behaupten, dass es mir in keinster Weise gefallen hat, wäre gelogen.
Aber würde ich es wieder erleben wollen? Die Kontrolle abgeben, das Monster in mir freilassen?
Ich kann es nicht komplett verneinen.
...
Ich kann es sehen in meinem Auge, das Ding. Ein schwaches Schimmern in der tiefen Schwärze meiner Pupille.
Eine milchig-trübe Träne rinnt mir über die Wange. Aber ich spüre sie nicht. Keine Feuchtigkeit, kein Kribbeln. Allein ihre Existenz lässt mich hoffen, dass ich noch nicht komplett die Kontrolle über meinen Körper verloren habe.
***
Träge Dunkelheit.
Starre Schatten, gezeichnet vom beißenden Licht der Schreibtischlampe.
Schwere, trockene Luft, und ein Hauch von gutem Scotch.
Ein wüster Papierstapel, ein viel zu alter Computer, eine Handvoll Kugelschreiber wild verstreut.
Eine Flasche und zwei Gläser, ein gut gefüllter Aschenbecher.
An der Wand die Pinntafel, bespickt mit Fotos, bunten Post-its und Reißnägeln, verbunden mit roten Fäden.
Kaum merklich blitzen die Lichter der Stadt durch die geöffneten Jalousien hinein.
Einer der seltenen Abende, bei denen mein neuer Kollege und ich bei einem Gläschen Chivas Regal zusammensitzen und ein tiefergreifendes Schwätzchen halten. Häufig vergessen wir dabei die Zeit. Was auch daran liegen mag, dass meine Wanduhr nicht gerade laut tickt.
Ich nehme die letzte Zigarette aus der Schachtel und zünde sie gelassen an. Ein-zweimal klicke ich das Feuerzeug, bis die winzige Flamme aufleuchtet.
"Und wie ging der Fall nun aus?", fragt er und schiebt mir sein leeres Whiskyglas herüber.
"Moment ..." Ich lege die Zigarette am Aschenbecher ab, durchstöbere den Schrank hinter mir und hole die Fallakte hervor. "Die Laborergebnisse."
In einer Bewegung reiche ich sie an ihn weiter und greife wieder nach meiner Zigarette. Anschließend gieße ich ihm einen Doppelten ein.
Minuten verstreichen, vertieft liest er den Bericht, schnauft und blinzelt ungläubig. Der Whisky in seinem Glas überlebt auch nicht lange. "... dass das Sperma und das Blut unter den Fingernägeln des Opfers zwar seines ist, aber nicht mit der DNA der Hautproben übereinstimmen. Die Ähnlichkeit lässt darauf schließen, dass es von einem nahen Verwandten (Geschwister) stammen muss."
Verwirrt schaut er mich an.
Ich nicke, kann ich seine Verwunderung doch gut nachvollziehen. Langsam stoße ich den kralligen Rauch aus und deute auf ihn, mit Zigarette zwischen den Fingern. "Der Mann hat angegeben, keine Geschwister zu haben. Er ist Einzelkind. Seine Mutter hat das bestätigt."
"Ich verstehe nicht ganz." Er legt die Stirn in Falten und reicht mir den Bericht zurück. "Er war der Täter, aber irgendwie doch nicht?"
"Er ist eine Chimäre", sage ich nüchtern und drücke den Zigarettenstummel aus. Dann verstaue ich die Akte wieder im Schrank. "Chimärismus nennt sich dieses Phänomen. Er trägt DNA von einem fremden Menschen in sich. In seinem Fall die seines ungeborenen Zwillings. Quasi ein böser Zwilling."
Kurzes Schweigen.
Totenstille, allein gestört vom monotonen Ticken der Wanduhr.
Bedächtig setzt er das Glas an, stellt es dann aber wieder ab. "Willst du mir damit sagen, dass sein Zwilling die Straftat begangen hat?"
"Vermutlich. Die Ärzte haben Proben von seiner Hirnrinde entnommen und dort fremde DNA gefunden." -
So Alle
krankheitsbedingt ein bisschen verspätet, aber los gehts!
Wir haben kurz vor Ende dann doch noch 5 Geschichten zusammenbekommen, obwohl es lange nach einer SIngle-Nummer aussah
Freut mich!Jetzt bitte fleißig abstimmen! Falls eine Geschcihte fehlen sollte, bitte möglichst schnell bescheid sagen!
Wir machen wieder unser System mit Erst und Zweitstimme. Ihr habe EINE Erststimme (2 Punkte) und EINE Zweitstimme (1 Punkt). Bitte vergebt beide genau einmal

viel Spaß und LG
Chaos
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Nochmal hallo und willkommen im Forum

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Hallo und willkommen!
Solange du deine Ideen SELBST aufschreibst und nicht der KI sagst "mach mal", kannst du sie hier dann gerne posten, wenn du dich etwas eingelebt hast
LG Chaos -
Hallo und willkommen!
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Hallo und willkommen im Forum

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Hallo und willkommen im Forum

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Hallo und willkommen im Forum

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Hallo und willkommen im Forum

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Hallo und willkommen im Forum

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Hallo Alle !
Die nächste Runde unseres Schreibwettbewerbs startet heute! Die Gewinnerin des letzten Wettbewerbs Amafiori hat folgendes Thema vorgegeben:Zwillinge
Beiträge bitte per PN an mich

Einsendeschluss ist der 20.09.2026Die Regeln findet ihr im Angepinnten Thread im Unterforum des Schreibwettbewerbs. BITTE LESEN!
So, dann mal los und viel Erfolg! Ich erwarte viele Einsendungen!
LG Chaos -
Hallo Alle !
die Abstimmung für den Schreibwettbewerb ist zuende!
Es haben am Ende 14 Leute für 6 Einsendungen abgestimmt - nicht schlecht
So kann man auf jeden Fall arbeiten
ich habe die Ergebnisse wieder in einer Tabelle zusammengefasst - und wie beim letzten Mal enthält sie keine Infos, die ihr nicht ohnehin habt

Große Tabelle der Wahrheit

Wie ihr sehr, war das Ergebnis diesmal recht deutlich - aber alle Geschichten haben Punkte bekommen, was mich freut!
Wie auch immer: Ihr seht die Gewinnerin: Amafiori mit ihrer Geschichte "Hasenherz"
Herzlichen Glückwunsch!
Die Anthologie, die Sensenbach als Preis ausgeschrieben hat, müsstest du schon haben, also schließt euch kurz, ob du ein zweites Exemplar möchtest oder falls nicht, was damit passieren soll!nsonsten könnt ihr jetzt die Autoren bei den Geschichten (oder der Tabelle) sehen und dürft (sollt?) gerne Feedback zu den Einsendungen geben. Den Autoren steht es natürlich frei, ihre Geschichten anderweitig zu verwenden und auch in ihre eigenen KG-Threads zu posten.
Feedback zum Abstimmungssystem etc. könnt ihr gerne auch da lassen, wenn ihr wollt.
Danke fürs mitmachen und bis zum nächsten Mal, der nächste SW startet heute noch!LG Chaos

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Hallo Alle !
Ihr habt noch bis heute um Mitternacht Zeit, für den Sieger des Schreibwettbewerbs abzustimmen!
Tut das auch
LG Chaos -
Hallo und willkommen ISEKAI
So wie ich es verstehe hast du dann ja ohnehin nicht vor, deine Geschichte hier zu posten, daher ist es auch okay so

Dich hier zu beteiligen, auszutauschen etc, ist natürlich in Ordnung
Viel Spaß dabei!
LG Chaos -
Déjà-vu?
von Zarkaras Jade
"Happy Birthday!", quietschen sie beide in schiefsten Tönen und wedeln übereifrig die brennenden Wunderkerzen in ihren Händen. Meine beste Freundin Maddy und ihre Begleitung, die sie mir bereits vor Wochen angekündigt hat.
"Schön, dass du doch noch kommst."
"Schön?" Tiefes Stirnrunzeln. "Ist die Stimmung etwa so mies?" Sie linst über meine Schulter ins Wohnzimmer.
"Nein, ich meine ..."
Kaum den Satz angefangen, unterbricht mich ihre Begleitung.
Mit ausgestreckter Hand sagt sie in breitestem Lächeln, das ich je gesehen habe: "Ich bin Liza."
Und im gleichen Atemzug drückt sie mir mit der anderen Hand ihr ... Geschenk entgegen.
"Hier, für dich. Ich hoffe, es gefällt dir."
Ihre Übereifrigkeit hat mich völlig überrumpelt, denn schon sehe ich mich diese hölzerne Schaltel halten.
"Das eigentliche Geschenk ist drin", sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit, die an Dreistigkeit nicht zu überbieten gewesen ist. "Die Box ist nur Bonus."
Augenblicklich schiebe ich die Box ihr wieder zurück. Meine Finger fangen an zu Zittern, schnell stecke ich sie in die Hosentaschen und wende mich wieder Maddy zu. "Hast du es ihr nicht gesagt?"
"Doch, natürlich." Sie hebt beschwichtigend ihre Hand.
"Hab' ich was falsch gemacht?"
"Nein, hast du nicht", merkt Maddy an und schlingt ihren Arm um sie. "Ich erkläre dir das gleich bei einem Drink."
Was soll es da schon zu erklären geben?
Dass ich eine tiefe Abneigung gegen undurchsichtige Behälter habe?
Dass es in meinem gesammten Haus keine einzige Schublade gibt?
Dass ich nicht mal eine simple Schachtel Pralinen aufreißen kann?
Ich habe ausdrücklich gesagt - und es auch in die Einladungskarten geschrieben - ich will keine verpackten Geschenke. Es war schon immer so und soll auch für immer so bleiben.
Angespannt verfolge ich sie beide aus dem Augenwinkel, wie sie zum Geschenketisch rübergehen. Vermutlich fragt Liza sich gerade, was für eine eingebildete Schnepfe ich bin.
Dabei bin ich wirklich bemüht, es jedem einzelnen Gast recht zu machen.
Und bis auf sie scheint auch jeder zufrieden zu sein. An den Getränken wird sich reichlich bedient, die Blechkuchen schwärmerisch verzehrt und das Parkett zu poppiger Musik auf Betanzbarkeit geprüft.
Ein großes Dankeschön an meine Besties, die mir beim Organisieren fleißig geholfen haben.
Ohne meine Barkeeperin Hope und Tracys zauberhafte Backkünste wäre der Geburtstag ein Reinfall geworden.
Und ich?
Ich stehe immer noch in der Haustür wie bestellt und nicht abgeholt.
Welch Ironie. Ich komme mir beinahe wie mein eigener Gast vor.
Guten Tag, ich bin ...
Kopfschütteln.
Alkohol. Ja, unbedingt!
Oder wenigstens ein Glas Sekt.
Eifrig laufe ich zum Buffet, schlängle mich durch die Menschenmasse und greife mir gleich eine ganze Flasche. Ich habe das schleichende Gefühl, dass es bitter nötig ist.
Kaum das erste Glas eingegossen, habe ich es mir bereits einverleibt. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Dazu noch ein halbtrockener Tropfen.
Und das nur, um die Box zu vergess ...
Hat offensichtlich nicht geklappt.
Wie besessen davon schwenken meine Augen sofort zum Geschenketisch und suchen gezielt nach besagtem Objekt.
Das einzige verpackte Präsent, das unter all den anderen wie ein Mahnmal hervorsticht.
Erbärmlich, dass gerade so etwas so viel Aufmerksamkeit von mir erhält.
Ich versuche mich abzulenken. Ich laufe ungestümt von einem Gast zum anderen und versuche sie in Gespräche zu verwickeln, wenn sie nicht gerade von sich aus Selbiges suchen.
Jeder freie Gedanke, der an die Box verschenkt ist, ist ein Gedanke, der mich näher zum Wahnsinn führt.
Meine Getränke wechseln so rasch wie meine Gesprächspartner.
Sekt - Eistee - Bowle
Tracy - Michele - Hope
Aber trotzdem erwische ich mich ständig dabei, wie sich meine Augen auf die kleine quadratische Box fixieren.
Und immer ein Stechen in der Brust, ein Kribbeln im Bauch.
Meine nassfeuchten Hände können kaum das Glas am Rutschen hindern.
Eine merkwürdige Mischung. Ein Gefühlscocktail, der noch bunter ist als die Bowle und mich beschwipster macht als die Früchte darin.
Und ständig diese Stimmen im Kopf. Unverständlich, aber betörend.
Tunnelblick. Eine Vignette, die mir immer mehr die Sicht verengt.
Eine bleierne Schwere legt sich auf meine Zunge, betäubt sie regelrecht.
Selbst Tracys selbstgemachtes Mandelkonfekt hat sich in geschmacksneutrales Styropor verwandelt. Kaum verwunderlich, mit wie wenig Gefallen ich es nun kaue.
Schrecklich!
Auch mein Getränk hat plötzlich all sein Aroma verloren. Dagegen würde sogar destilliertes Wasser ein Hochgenuss sein.
Und das alles nur wegen dieser Box, die kaum größer ist als ein geläufiger Rubix-Würfel. Aus tiefschwarzem Holz, bemalt mit goldenen Ornamenten, und mit einem roten Geschenkband umwickelt.
Neidvoll muss ich zugeben, dass es tatsächlich eine sehr schöne Box ist.
Aber das ändert nichts daran - vermutlich macht es das sogar noch schlimmer - dass es trotz allem eine Holzbox ist. Wäre sie aus Glas, hätte ich damit mehr anfangen können. Vielleicht wäre eine solche nur halb so schön gewesen und vielleicht auch deutlich zerbrechlicher.
Leider reizt es mich nun umso mehr, zu erfahren, was darin ist.
Ich muss es wissen.
Darüber zu spekulieren, zerreißt mich zunehmend.
Allein schon die Befürchtung, die Gedanken wieder aufkommen zu lassen, bereitet mir Kopfschmerzen. Aber es ist nicht die Box, die mir Angst macht, sondern vielmehr das, was dort drin sein könnte.
Oder auch nicht.
Ich hasse Überraschungen. Nein, nicht so, wie man es vielleicht denken mag.
Überraschungen töten mich.
Woher ich das weiß? Wieso ich mir dabei so sicher bin? Wo ich ja offensichtlich noch lebe?
Keine Ahnung ... Ich fühle es einfach. Ich bin mir sicher, dass es so ist.
Die Frage ist, ob man es herausfordern will.
Erneut werde ich aus meinen Gedanken gerissen.
Erneut stehe ich hier wie ein Statist, der gleichsam unterbezahlt, untallentiert und unmotiviert ist.
Und erneut ist Liza der Grund dafür.
"Ich möchte mich nochmal entschuldigen für die Sache mit meinem Geschenk. Hätte ich das vorher gewusst, dass du an Neophobie leidest ..."
Ich schüttle den Kopf. "Aber es ist nicht so, dass ich Angst vor unbekannten Dingen per sé habe. Ich will nur keine Behälter öffnen, deren Inhalt ich nicht sehen kann."
Sie runzelt die Stirn, schluckt merklich angestrengt. "Ist es so, weil du Pandora heißt?"
"Es ist so, weil ich Pandora bin", merke ich an. "Ich bin die echte Pandora ... Oder für euer Verständnis eine Inkarnation von ihr."
"Aber ..." Sie runzelt weiterhin die Stirn. "Also ich kann dir versichern, dass in meiner Box keine Übel drin sind."
"Mmm", ist das einzige, das ich ihr zurückgebe.
Und ihre Reaktion darauf: "Gut, ich mische mich mal wieder unter die Gäste", finde ich sowohl passend als auch verdient.
Wie komme ich auch zu der Annahme, sie würde das verstehen, geschweige denn glauben.
...
Ich glaube es aber.
Und es nervt mich. Es stört mich.
Ich hasse es. Ich hasse dieses Gefühl.
Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr!
Diese Sache muss ein Ende finden!
Angst. Neugier. Besessenheit. Das sind doch alles nur wilde Paranoia längst vergangener Epochen.
...
Aber was, wenn nicht?
Was, wenn ich wirklich etwas Schreckliches freilassen werde, sobald ich dieses Geschenk öffne?
Kann die Vergangenheit trotz allem trügen?
Habe ich es in diesem Leben überhaupt jemals versucht, das Schicksal herauszufordern?
Unwillkürlich treffen sich unsere Blicke, Lizas und meine, und langsam kehre ich wieder aus meinen Gedanken in die Realität zurück.
Ich will nicht wissen, wie lange ich schon wieder in diesem Zustand gewesen bin. Die Eiswürfel in meinem Getränk sind zumindest restlos geschmolzen.
Es muss ein Ende haben, hier und jetzt!
Mein Entschluss steht fest, ich will die Box öffnen.
Zielstrebig gehe ich zum Geschenketisch rüber, trinke nebenher mein Glas mit großen Schlucken aus und stelle es dann auf dem Tisch ab.
Doch kaum berühren meine Fingerspitzen die dunkle Holzbox, schießt ein Kribbeln durch diese bis hinauf in die Oberarme. Schwer zu sagen, ob es ein gutes oder schlechtes Gefühl ist. Auf jeden Fall ist es besonders. Mit jeder weiteren Sekunde staut es sich mehr an. Die feinen Härchen stellen sich auf, kalte Gänsehaut.
Langsam öffne ich die Schleife. Meine Hände zittern, dass ich kaum das Band halten kann.
Herzrasen. Stockender Atem.
Ich versuche mich zu konzentrieren, die Panik auszublenden.
Aber die Gedanken schnüren mir die Kehle zu.
Das Band ist gelöst.
Schweißgebadet öffne ich die Box und versuche hineinzuschauen.
Meine Sicht schwindet zu einen winzigen verschwommenen Punkt inmitten tiefer Schwärze.
Und gleich dieser beängstigenden Dunkelheit übergreift mich auch die Atemnot. Wie ein Vakuum in meiner Lunge zieht sich alles zusammen. Ich versuche zu atmen. Ich spüre es, die Anstrengung in meinem Brustkorb. Aber die Luft bleibt weg.
Ein metallischer Geschmack im Mund.
Maddy spricht zu mir, aber ich verstehe sie nicht. Keine Worte dringen zu mir durch, nur der Klang ihrer Stimme.
Tiefes, flimmerndes Rauschen umgibt mich, beherrscht all meine Sinne.
Kein Empfinden mehr, keine Kontrolle.
Mein Körper erschlafft und ich sacke zusammen.
Wie in den dichtesten Nebel der finstersten Nacht dringe ich ein in diese Welt dieses letzten Moments.
...
...
... -
Hasenherz
von AmafioriSeine Erinnerungen an früher reichten noch nicht weit zurück, war er doch erst elf Jahre alt. Aber in dieser kurzen Zeit gab es kaum einen Tag, an dem Magnus keine Angst verspürt hatte. Angst vor den geifernden Bluthunden im Zwinger. Angst vor den großen Schlachtrössern in den Stallungen. Angst vor dem Schwertmeister, der ihn und seine Brüder ausbildete. Angst vor den Schlägen, die jener großzügig auszuteilen pflegte, wenn er mit seinen Leistungen nicht zufrieden war, und wann war er das jemals gewesen? Und nicht zuletzt Angst vor dem Spott, mit dem sein Vater ihn bedachte, wenn er ihn eine Memme nannte und murmelte „Die Götter müssen sich geirrt haben. Er hätte eigentlich ein Mädchen sein sollen.“
Seine Brüder, selbst der zwei Jahre jüngere, fürchteten nichts und niemanden. Nicht die Hunde, nicht die Pferde, noch den Schwertmeister und seine schmerzhaften Streiche. Den Vater brauchten sie ohnehin nicht zu fürchten. Er hatte an ihnen so gut wie nie etwas auszusetzen. Und wenn er sie doch einmal tadelte, lachten sie ihm ins Gesicht und gingen aufrecht aus dem Raum, was dem Vater stets ein anerkennendes Kopfnicken entlockte.
„Götter, warum kann ich nicht sein wie sie?“ Verzweifelt betete er jeden Abend vor dem zu Bett Gehen um Mut, doch falls es sie überhaupt gab, erhörten sie sein Flehen nicht, und er weinte sich in den Schlaf. In seinen Träumen jedoch war er mutig, ein tapferer Held, der allerhand Abenteuer bestand. Gelegentlich erinnerte er sich an einen solchen Traum. Dann weinte er erneut, während er sich auf einen neuen Tag voller beschämender Niederlagen vorbereitete.
Der heutige Morgen jedoch war einer der wenigen gewesen, an denen er sich an keinen Traum erinnerte.Und als er gemeinsam mit seinen Brüdern den düsteren großen Saal betrat, war noch etwas ungewöhnlich. Neben Vater saß ein fremder Mann! Auf den ersten Blick erkannten die Jungen, dass dieser kein Krieger sein konnte. Er schien jünger als Vater, jedoch älter als der Schwertmeister. Schlicht und dunkel gekleidet, mit schütterem Haar von einer Farbe zwischen grau und braun, schmächtig, beinahe schon mager, hätte er eher zur Dienerschaft gehören können, hätte sein Gastgeber ihn nicht auf dem Ehrenplatz neben ihm am Kopf der Tafel platziert.
Als die Knaben verwirrt nahe der Tür stehen blieben, hob er den Kopf und blickte ihnen erwartungsvoll entgegen, während Vater sie mit einer herrischen Geste herbei winkte.
„Ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, euch Lesen, Schreiben und Rechnen zu lehren. Begrüßt euren Hauslehrer Meister Quirin und stellt euch vor.“
Verblüfft verneigten sie sich vor dem Fremden, und einer nach dem anderen nannte seinen Namen. Magnus' Stimme zitterte, als er an der Reihe war. Der Lehrmeister sah seinem neuen Schüler dabei starr in die Augen. Der Junge fühlte sich geradezu entblößt vor diesem bohrenden Blick. Zu all den Ursachen für seine Ängste hatte sich im Handumdrehen eine neue gesellt.
Nach außen hin nahm Quirin ihre Begrüßung scheinbar gleichgültig zur Kenntnis. Als alle ihre Plätze eingenommen hatten, sprach er sie zum ersten Mal an. „Der Unterricht beginnt nach dem Frühstück. Ich erwarte euch in einer halben Stunde in der Bibliothek.“ Er sprach leise, aber deutlich, und es schien, als seien seine Worte noch in der hintersten Ecke des großen Saales zu vernehmen.
„Kein Bogenschießen heute Morgen?“, fragte der größte der Knaben mit nachgerade entsetzter Miene.
„Nicht heute Morgen und an keinem der folgenden Tage“, bestimmte Vater. „Vormittags studiert ihr ab sofort mit Meister Quirin, nachmittags habt ihr Unterricht in der Kriegskunst.“
Der Jüngste ließ ein enttäuschtes Aufstöhnen hören, doch der Vater schlug energisch mit der flachen Hand auf den Tisch. „Keine Widerrede! Ich will es so.“
Ob das missbilligende Stirnrunzeln Meister Quirins dem offen zur Schau gestellten Mangel an Begeisterung für seine Lehren galt oder dem Verhalten des Vaters, vermochte Magnus nicht zu erkennen.
Nach der Mahlzeit begleitete Vater den Lehrmeister und seine Söhne in die Bibliothek und hieß die Knaben, an einem eigens aufgestellten Tisch Platz zu nehmen. Bevor er sie mit Quirin allein ließ, nickte er diesem noch einmal ermutigend zu. „Seht zu, dass Ihr etwas Wissen in diese hohlen Köpfe stopft, und zögert nicht, den Rohrstock zu benutzen, wenn die jungen Esel es Euch gegenüber an Respekt mangeln lassen.“
Eingeschüchtert blieben die Knaben zurück, und Magnus staunte über die Erkenntnis, dass er ausnahmsweise einmal nicht der einzige war, der sich fürchtete.
Des Meisters Rohrstock kam allerdings kein einziges Mal an diesem Morgen zum Einsatz, und im Laufe der Zeit entspannte sich Magnus sichtlich, denn zum ersten Mal in seinem Leben konnte er vor seinen Brüdern glänzen, indem er die schnellste Auffassungsgabe bewies und dem gestrengen Quirin das eine oder andere Lob entlockte. Auch seine Brüder gaben sich redlich Mühe, und als der Unterricht zu Ende war und die Knaben erleichtert hinaus stürmten, hätte Magnus jubeln können. Endlich gab es etwas, was ihm nicht nur Freude bereitete, sondern auch lag. Als hätten die Buchstaben und Zahlen nur auf ihn gewartet, schien es, als hätte er sie alle schon immer gekannt und hätte lediglich an sie erinnert werden müssen. Froh wollte er seinen Brüdern folgen, doch Meister Quirin rief ihn zurück. „Warte einen Augenblick, mein Junge. Magnus, nicht wahr? Sei so gut, schließe die Tür und komm her zu mir.“
Gehorsam wandte der Knabe sich um. „Ja, Meister?“ Und da war er wieder, dieser starre Blick aus den unergründlichen, dunklen Augen des Lehrers, und die Angst erwachte erneut.
Meister Quirin winkte ihn schweigend zu sich heran. Eine Geste nur, und doch fühlte sich Magnus wie an unsichtbaren Bändern zu dem Mann hingezogen. Ihn schauderte, als er näher trat.
Der Magister legte ihm beide Arme auf die Schultern, ohne seinen Blick loszulassen. Wieder fühlte sich der Junge, als könne sein Gegenüber bis auf den Grund seiner Seele blicken. Zitternd versuchte er, sich zu befreien, doch Quirins Griff hielt ihn eisern fest. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit gab er den Jungen mit den Worten „Du hast deine Sache gut gemacht“ frei.
„Danke“, brachte Magnus mit zitternder Stimme hervor.
Es schien, als wollte der Lehrer noch etwas sagen, doch schließlich bedachte er den Knaben nur mit einem mitleidigen Blick. „Du kannst gehen.“
Mit einem erleichterten Aufatmen drehte Magnus sich um und stolperte hinaus.
Am nächsten Morgen, nach einer weiteren Nacht ohne Alptraum für Magnus, fanden sich die Söhne des Burgherren erneut in der Bibliothek ein, die inzwischen eher einer Studierstube glich. Am Ende des Vormittags stürmten drei von ihnen hinaus, glücklich, sich endlich den Disziplinen zu widmen, in denen sie glänzen konnten, während Magnus zerstreut sein Tintenfass zuschraubte. Ob Meister Quirin ihn wieder zu sich rufen würde? Scheu blickte er zu ihm hin, und tatsächlich wiederholte der Magister seine Geste vom Vortag.
Dieses Mal gehorchte der Junge aus freiem Willen, trat vor seinen Lehrer und erwiderte offen dessen eindringlichen Blick. Quirin brauchte ihn heute nicht festzuhalten, allein sein Wille bannte ihn und hielt ihn bewegungslos an seinem Platz. Schien er am Vortag Magnus' Seele erkundet zu haben, so tat er dies heute in seinen Gedanken und Erinnerungen. Wehrlos musste der Knabe diese Inspektion ertragen, ohne einschätzen zu können, wie lange sie dauerte. Er taumelte tränenüberströmt nach hinten, als sich Quirin endlich mit einem leichten Nicken aus der Verbindung löste.
„Ich kann dir helfen, wenn du willst“, sagte er leise.
„Helfen?“
„Deine Angst zu verlieren. Wenn du es zulässt, wirst du nie wieder Angst haben. Nichts und niemanden wirst du mehr fürchten müssen, dein Leben lang.“
„Wirklich?“ Jähe Freude erfüllte das Herz des Jungen.
„Wie alles im Leben hat dies natürlich seinen Preis.“
„Äh...“
„Du willst wissen, welchen?“
Beklommen nickte Magnus, der wieder einmal vor lauter Angst kein Wort hervorbrachte.
„Dein Mut würde einhergehen mit Gleichmut. So wie niemals mehr die Angst dich erzittern lassen und lähmen wird, so wird dich auch nichts anderes mehr im Innersten anrühren. Kein Leiden mehr, aber auch keine Leidenschaft. Ist das nicht ein geringer Preis dafür, ein mutiger und furchtloser Mann zu werden? Ein Herz aus Stein im Tausch für dein Hasenherz?“
Magnus schluckte und schwieg, während seine Gedanken rasten und er versuchte, sich vorzustellen, wie es sein würde, niemals mehr Angst zu empfinden. Aber was meinte der Meister mit einem „Herz aus Stein“? Und wie überhaupt wollte er diesen Wandel bewerkstelligen?
Als hätte Quirin seine Gedanken gelesen, antwortete er auf die unausgesprochene Frage. „Das Wie lass meine Sorge sein. Du musst es lediglich wollen. Geh nun, denke darüber nach und entscheide dich. Wir sehen uns morgen.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und begann, seine Lehrbücher zu sortieren.
Magnus fühlte, dass er entlassen war. Seufzend verließ er die Bibliothek.
In der folgenden Nacht fand er keinen Schlaf. Immer wieder stellte er sich vor, wie herrlich es sein musste, ein ebenso mutiger Junge zu sein wie seine Brüder, wie befreiend es wäre, nie wieder von Ängsten gepeinigt zu werden. Eines Tages ein geachteter Mann zu sein, der keinem Konflikt aus dem Weg ginge, keinen Gegner füchten musste, keine Gefahr scheute. Ein Mann, der von allen bewundert und für seine Tapferkeit gepriesen wurde. Ein Mann wie sein Vater. Zu verlockend schien ihm diese Aussicht, bis ihm wieder das „Herz aus Stein“ einfiel, der Preis, den er für seinen Mut würde entrichten müssen. Gleichmut, so hatte es Meister Quirinis genannt. Was wäre so schlimm daran, gleichmütig durchs Leben zu gehen anstatt sich ständig über alles Denkbare zu sorgen? Keine Leidenschaft zu verspüren, was bedeutete das überhaupt? War Leidenschaft wichtig im Leben?
Irgendwann musste er doch eingeschlafen sein, denn er erwachte davon, dass sein jüngerer Bruder ihn schüttelte und schalt: „Los steh auf, du Faulpelz! Du willst doch nicht zu spät zum Unterricht kommen? Denk an den Rohrstock!“
Erschrocken fuhr Magnus hoch und warf die Decke von sich, während der Bruder davon eilte. Er dachte an nichts anderes als an die zu erwartende Strafe. Ohne Frühstück, aber immerhin gewaschen und sauber angezogen erschien er eine Viertelstunde zu spät in der Studierstube und trat zitternd vor den Magister. „Ich bitte um Verzeihung“, flüsterte er atemlos.
„Setz dich.“ Quirin wies auf den leeren Platz und fuhr ungerührt mit seiner Lektion fort.
Am Ende des Unterrichts erklärte er, dass Magnus für seine Verspätung nachsitzen müsse und schickte seine Brüder hinaus. Als die schwere Tür hinter dem jüngsten zugefallen war, lächelte er dem Knaben ermutigend zu. „So. Das gibt uns die nötige Zeit. Hast du über meinen Vorschlag nachgedacht?“
Magnus nickte beklommen.
„Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“
„Ich weiß es nicht“, flüsterte der Junge.
„Aber ich weiß es.“ Quirin zog sich einen Stuhl heran und setzte sich dem Knaben gegenüber. „Als du heute früh hier hereingekommen bist, hattest du da Angst vor einer Strafe?“
„Ja, gewiss.“
„Das habe ich bemerkt. Deine Angst war so stark, dass du meinem Unterricht heute nicht wie sonst gefolgt bist. Habe ich recht?“
„Ja, Meister Quirin.“
„Magnus, lass dir eines gesagt sein: Angst ist der kleine Tod. Und du willst doch ein unbeschwertes Leben, oder nicht?“
„Hm.“
„Vertraust du mir?“
„Ich habe Angst.“
„Ich weiß. Heute noch ein einziges Mal, danach nie mehr wieder, das verspreche ich dir. Lass dir von mir helfen. Jetzt.“
Magnus zögerte, dann gab er sich einen Ruck. „Was muss ich tun?“
„So ist's recht. Steh auf, komm näher, gib mir deine Hände.“
Magnus gehorchte zitternd. Der Magister ergriff seine Hände, hielt sie sanft in den seinen und zog den Knaben noch näher zu sich heran. „Schau mich an.“
Die Blicke des Jungen und des Mannes fanden sich. „Entspann dich.“ Der Lehrer ließ Magnus' Hände los, die Arme es Knaben fielen kraftlos herab, wie versteinert verharrte er vor Quirin. Dieser legte nun seine Hände um den Kopf des Jungen, ohne dessen Blick freizugeben. Leise begann er, unverständliche Worte zu murmeln.
Magnus fühlte, wie seine Furcht nahezu zeitgleich mit der Berührung Quirins von ihm abfiel. Dieser Mann würde ihm niemals weh tun. Er würde ihm helfen, er würde ihn zu einem neuen Menschen machen. Vertrauensvoll erwiderte er seinen Blick, öffnete sich für ihn, lauschte dem sanften Murmeln. Er wurde müde, irgendwann ließ Quirin seinen Blick los, Magnus schloss erleichtert die Augen und sackte in den Armen des Lehrers zusammen.
Als Magnus erwachte, Tage später wie es ihm vorkam, in Wirklichkeit waren jedoch kaum ein paar Stunden vergangen, erklärte man ihm, er sei während des Lernens in Ohnmacht gefallen. Daraufhin habe sein Vater im Zorn den Lehrmeister von der Burg gejagt. Die Nachricht ließ den Jungen erstaunlich gleichgültig. Weder trauerte er dem Magister nach, noch noch den Lehrstunden, die er doch so sehr genossen hatte. Auch die eindringliche Befragung seines Vaters, was denn während des Nachsitzens vorgefallen sei, brachte ihn nicht aus der Ruhe, nicht einmal als der Vater ihm Schläge androhte, da er ihm nichts zu erklären wusste.
Nachdem er sich erholt hatte, nahm ein neuer, kühner Magnus an den Übungsstunden im Bogenschießen, Speerwerfen und bewaffneten Zweikampf teil. Wohl wunderten sich der Schwertmeister, die Brüder und der Vater über den verwandelten Jungen, doch sie hinterfragten nicht, wer oder was den Wandel verursacht haben mochte.
Das Lob, die Bewunderung und auch den Neid nahm Magnus gleichgültig hin. Die Alpträume von früher, an deren Inhalt er sich nicht mehr wirklich erinnern konnte, blieben aus. Es gab nichts, was ihm Sorgen bereitete, jedoch auch nichts, was ihm Freude machte, nichts und niemanden, wofür er brannte. Doch er meinte, es nicht anders zu kennen und fand an seinem Leben nichts auszusetzen.
Magnus und seine Brüder wuchsen zu stattlichen jungen Männern heran. Als es an der Zeit war, auf Brautschau zu gehen, wunderte er sich über seine Brüder. Ihn ließen die Minne und das Gewese, das darum gemacht wurde, kalt. Auch trauerte er nicht wie sie um den Vater, als diesen der Tod ereilte.
Sein ältester Bruder wurde nun der Burgherr, er heiratete und bekam Söhne, die ihren Onkel Magnus, der als Befehlshaber der Burgwachen geblieben war, maßlos bewunderten, wenn sie ihm exerzieren sahen.
Eines Tages saß, als Magnus zum Mahl im großen Saal erschien, ein Fremder neben seinem Bruder. Ein Mann, der ihm vage bekannt vorkam. Schmächtig war er, schlicht gekleidet, schütteres mausgraues Haar zierte sein Haupt und sein Blick war irgendwie stechend. Er wurde ihm als Magister Quirin vorgestellt, der seine Neffen in der Kunst des Lesens, Schreibens und der Mathematik unterrichten sollte. Hatte er diesen Namen nicht schon einmal gehört? Doch der Mann gab kein Zeichen des Erkennens von sich, also tat Magnus seine Ahnungen als Mumpitz ab und ignorierte den Gast.
In der kommenden Nacht allerdings träumte er, und zum ersten Mal seit langer Zeit erinnerte er sich beim Aufwachen an seinen verstörenden Alp. Er hatte - wie lächerlich! - in diesem Traum Angst gehabt. Er wusste nicht mehr, wovor, aber er und Angst, also wirklich! Und doch hatte sie sich so real angefühlt. In den Nächten darauf wurde es nicht besser. Des Morgens quälten ihn verwirrende Erinnerungen an weitere Gefühle, die ihm fremd vorkamen, wie Liebe, Sorge, Begeisterung, Zuneigung und Antipathie, Neid, Eifersucht, Verzweiflung, Begierde, Hoffnung und Freude. Wann hatte er all dies tagsüber im wachen Zustand zuletzt verspürt? Er begann zu begreifen, dass er nachts in seinen Träumen lebte, tagsüber jedoch wie ein Toter umherlief, ohne Gefühle, mit einem Herzen aus Stein. Und mit einem Mal fiel ihm ein, was einst ein Mann zu ihm gesagt hatte: „Angst ist der kleine Tod.“ Aber war nicht dieses Leben, welches er führte, dieses Leben ohne Angst, aber auch ohne sonstige Höhen und Tiefen, ebenfalls eine Art von Tod? Wer war bloß jener Mann gewesen, mit dem er einst darüber gesprochen hatte?
Am dritten Tag, nachdem der Fremde begonnen hatte, seine Neffen zu unterrichten, passierte Magnus zufällig die Tür der Bibliothek, als die Tür aufsprang und drei der vier Knaben erleichtert hinaus rannten.
„Wo ist euer Bruder?“ Magnus wusste nicht, was ihn zu der Frage bewogen hatte, waren ihm die Kinder des Burgherren doch eher gleichgültig.
„Nachsitzen“, rief der Jüngste und rannte lachend seinen Brüdern hinterher.
Bei diesem Wort prasselten mit einem Male sämtliche Erinnerungen auf Magnus ein. Er riss die Tür auf und stürmte in die Bibliothek, und was er dort sah, jagte ihm einen eisigen Schauer über die Haut. Der Lehrmeister saß auf einem Schemel, vor ihm stand reglos, wie gelähmt, ein Junge von etwa elf Jahren. Der Mann hielt dessen Kopf sanft in seinen Händen, und beide blickten einander in die Augen, während der Lehrer leise, unverständliche Worte murmelte.
Magnus fühlte sich bei dem Anblick, als stürze er im freien Fall aus enormer Höhe auf die Erde zu. Ihn schwindelte, und er empfand ein altvertrautes Gefühl aus Kindertagen: Lähmende Angst! Beim Anblick des wehrlosen Kindes jedoch überwand er sich und schaffte es, sich mit schnellen Schritten zu nähern, die Hände des Mannes vom Kopf des Kindes zu reißen und zu brüllen: „Haltet ein!“
Meister Quirin leistete keinen Widerstand, als Magnus ihn packte und aus dem Raum drängte. Der Burgherr wunderte sich, dass der Magister nach nur drei Tagen bereits wieder weiterziehen musste, wie er behauptete, aber er ließ ihn gehen. Er wunderte sich ebenfalls, dass sein missratener zweitjüngster Sohn und sein Bruder Magnus in der Folgezeit ständig zusammen steckten. Darüber hinaus wunderte er sich, dass der Junge seither zwar nicht wesentlich mutiger, aber sehr viel selbstbewusster auftrat. Sollte das ausgerechnet Magnus' Verdienst sein? Magnus, der ehemalige Feigling, der heute kalt war wie eine Hundeschnauze, der, soviel er wusste, keine Freunde hatte, kaum Kontakt mit seinen Brüdern pflegte und noch nie eine Maid geliebt hatte? Wenn er seinen Bruder jedoch heute zusammen mit seinem Sohn beobachtete, fiel ihm auf, dass er sich verändert hatte. Seine Mimik war lebhafter, man sah ihn zuweilen lachen und er wirkte irgendwie menschlicher als noch vor ein paar Wochen. Und mit einem Male ging ihm auf, dass Magnus sich jedesmal radikal geändert hatte, nachdem Meister Quirin auf der Burg geweilt hatte. Und so legte sich sein Zorn auf den geheimnisvollen Magister. Was seinem empfindsamen Sohn erspart geblieben war, würde er nie erfahren, denn weder der Junge noch Magnus sprachen jemals über die Zeit mit Meister Quirin.