Die Seedrachin
von Amafiori
Caryans Tagebuch, Tag 2
Gestern sind wir hier angekommen, drei Mann. Die Überfahrt war angenehm, keiner von uns wurde seekrank. Die drei Kameraden, die wir hier abgelöst haben, halfen uns noch beim Bunkern der Lebensmittel- und Trinkwasservorräte, dann beeilten sie sich, aufs Schiff zu gelangen, um nach vier langen Wochen endlich wieder Festland zu betreten. Sie sahen irgendwie müde aus. Ich half noch beim Ablegen. Der Älteste ging als letzter an Bord. Er warf seinen Seesack aufs Deck, zwinkerte mir zu und meinte: „Mach's gut, Küken, Und nimm dich in Acht vor der Seedrachin.“
„Hä? Was soll das sein?“
„Wirst schon sehen.“ Damit sprang er aufs Schiff und fing das Tau, das ich ihm zuwarf. Noch während er es ordentlich aufrollte, wurde das Boot abgetrieben. Meine erneute, gebrüllte Frage „Welche Seedrachin, verdammt?“ hörte er wohl schon nicht mehr. Achselzuckend wandte ich mich ab und betrat den Leuchtturm, der für die nächsten vier Wochen mein Zuhause sein sollte, zum ersten Mal. Gespannt stieg ich die eiserne Wendeltreppe hinauf in den Wohnbereich. Rodrick, unser Erster, war schon dabei, die Lebensmittel in die Schränke zu räumen, wähend Ydan, der älteste und erfahrenste unter uns, das Feuer im Herd entzündete.
„Na, Küken?“
„Lass ihn“, mischte sich Rodrick ein. „Komm, hilf mir mit den Paketen, Caryan.“
Erleichtert ging ich ihm zur Hand. Küken! Wohl war ich der jüngste, aber einmal hat schließlich jeder angefangen. Nachdem die Lebensmittel verstaut waren, richteten wir unsere Schlafplätze ein. Rodrick hatte einen Raum für sich, Ydan und ich teilten uns eine Stube. Die schmalen Betten waren schnell bezogen. Später trafen wir uns in dem einzigen Raum, den man als Wohnraum bezeichnen konnte und der zugleich unsere Küche war, um die Schichten einzuteilen.
„Ich übernehme die erste Wache“, verkündete Rodrick und winkte mir, ihm zu folgen. „Komm, ich zeige dir, was du wissen musst.“
Besonders viel war es nicht. Das Leuchtfeuer schaltete sich automatisch ein und wieder ab. Wir hatten lediglich die Optik sauber zu halten. Die eigentliche Wache bestand darin, mit einem Fernglas immer wieder die See zu kontrollieren und auf Schiffe zu achten. Sollte eines davon unseren Turm in Richtung Festland passieren, musste Meldung gemacht werden, ansonsten einmal am Tag. Zu diesem Zweck gab es den Spiegel. Rodrick zeigte mir, wie dieser aktiviert werden konnte. Das war alles.
Ich kehrte zu Ydan zurück, der inzwischen Tee gekocht hatte und mir zeigte, wo er eine Flasche Rum versteckt hielt, mit der wir unser Getränk „aufwerteten“. Nachdem ich Rodrick seinen Anteil am Abendessen hinauf gebracht hatte, spielten wir noch einige Partien Karten, bevor ich zu Bett ging.
Tag 12
Langweilig! Allein das Wetter ändert sich und die Laune der Kameraden wird von Tag zu Tag mürrischer, ebenso wie meine. Ich gebe zu, ich bin enttäuscht. Leuchttturmwärter, ein einsamer Felsen im Meer, Wind und Wasser, das hört sich so romantisch an. Letztendlich ist es einfach nur öde. Die wenigen Bücher hier habe ich längst gelesen, und selbst das Kartenspiel oder das Würfeln findet keiner mehr spannend. Eine Wache verläuft so ereignislos wie die andere.
Als ich heute gemeinsam mit Rodrick in der Küche gearbeitet habe, während Ydan Wache hielt, wagte ich endlich einmal, meine dringendste Frage loszuwerden, seit wir hier sind: „Hast du eigentlich schonmal von einer Seedrachin gehört?“
Rodricks Reaktion überraschte mich über die Maßen. Er erbleichte, ließ die Pfanne fallen, die er gerade in Händen hielt und flüsterte eindringlich: „Nenne niemals wieder diesen Namen, Küken!“
„Warum?“ Ich war so erschrocken, dass ich sogar meine Standardantwort „Ich heiße Caryan, wie oft muss ich das eigentlich noch sagen“ vergaß.
Rodrick bückte sich verlegen nach der Pfanne. Im Hochkommen sagte er nur: „Frag nicht. Es bringt großes Unglück. Mehr musst du nicht wissen.“
Das war das einzige Erwähnenswerte heute. Aber in drei Tagen kommt das Versorgungsschiff mit neuen Vorräten. Wenn ich Glück habe, muss ich dann gerade nicht Wache schieben und darf mit den Kameraden zusammensitzen und hören, was es auf dem Festland an Neuigkeiten gibt.
Tag 15
Das Versorgungsschiff ist nicht gekommen. Wir haben gewartet, so lange es hell war. Nach der Abenddämmerung stiegen Ydan und ich gemeinsam nach oben und gesellten uns zu Rodrick, der Wache hatte.
„Was sollen wir tun?“, fragte ich.
„Nichts. Wir haben noch genügend zu essen.“
„Aber das Wasser wird knapp.“
„Nicht, wenn es weiter regnet. Sie werden schon kommen. Morgen, spätestens übermorgen, wenn sich der Wind gelegt hat.“
„Willst du nicht über den Spiegel nachfragen?“, wollte ich wissen.
„Nein.“ Rodricks Antwort klang entschieden. „Ich habe bereits die heutige Meldung abgesetzt. Gedulde dich und mach dich nicht verrückt.“
Tag 17
Heute nachmittag habe ich zufällig ein Gespräch zwischen den Kameraden belauscht.
„Das Küken ist schuld“, hörte ich Rodrick murmeln.
„Ach was, wieso denn?“ Ydan, unerschütterlich wie immer.
„Er hat mich nach IHR gefragt.“
„Woher will er überhaupt von IHR wissen?“
„Ich habe ihn nicht gefragt. Ist mir auch gleich, woher er SIE kennt. Ich habe ihm verboten, SIE noch einmal zu erwähnen. Aber wer sagt uns, dass es nicht bereits zu spät ist? Was, wenn SIE ihn gehört hat?“
Wer, verdammt noch mal, ist SIE?! Wieso betonen die zwei das so seltsam? Geht es um die Seedrachin? Nun bin ich erst recht neugierig, aber so, wie die beiden über SIE reden, glaube ich nicht, dass es eine gute Idee wäre, sie noch einmal auf das Thema anzusprechen.
Tag 20
Als ich heute von meiner Wache nach unten kam, traf ich nur Rodrick an. Er rührte stoisch in einem Topf, in dem sich eine dünne Suppe befand. „Brot ist alle“, knurrte er schlecht gelaunt.
Als ob ich etwas dafür könnte! („Das Küken ist schuld.“)
„Wo ist Ydan?“
„Keine Ahnung. Er hat dich doch abgelöst, oder nicht?“
„Nein.“ Ydan war nicht gekommen. Ich hatte eine Weile gewartet und war dann hinabgestiegen, schließlich war meine Wache zu Ende und ich hatte Hunger. Weit konnte er ja nicht sein. Wäre er oben, hätte er mir auf der Stiege begegnen müssen. Daneben gab es nur unseren Wohnraum und die beiden Schlafkammern. Diese waren beide leer, also kletterte ich die eiserne Wendeltreppe hinab, um den Kameraden unten zu suchen. Doch auch da war niemand.
„Ydan!“, brüllte ich, so laut ich konnte.
Keine Reaktion. Ob er draußen sein konnte? Allerdings gab es dort nichts, wo sich jemand länger aufhalten könnte. Unser Leuchtturm ist auf einem Felsen gebaut, von der Eingangstür führen lediglich ein paar steinerne Stufen hinab zum Anleger. Ich öffnete die Tür und spähte hinaus, doch es war niemand zu sehen. Dennoch rief ich erneut Ydans Namen. Zuletzt stieg ich zögernd zum Anleger hinab. Eisiger Wind zerrte an meinem Hemd, und ich hatte Mühe, auf den ausgetretenen Steinen nicht zu straucheln. Am Ende des Stegs flatterte ein Stofffetzen im Wind, dessen Farbe mich an Ydans Jacke erinnerte. Vorsichtig balancierte dorthin, bückte mich und griff danach. Tatsächlich! Das war ein Stück von einer Uniformjacke, wie wir sie trugen, doch es konnte unmöglich Ydan gehören. Der Stoff war zerrissen und voller Blutflecken. Wie gelähmt stand ich da, den Fetzen in der Hand, und starrte aufs Meer hinaus.
„Küken, was machst du da?“ Hinter mir war Rodrick auf den Anleger getreten und blickte nun über meine Schulter auf das, was ich da in der Hand hielt. „Grundgütiger!“, entfuhr es ihm. „Das war SIE.“ Energisch packte er mich, zerrte mich mit sich zurück und stieß mich hinein in den Turm, wo er die eiserne Tür zuschlug und doppelt verriegelte.
Der Appetit war uns vergangen. Als unser Erster fühlte Rodrick sich verpflichtet, Meldung über „einen Unfall“ zu machen. Der Offizier im Spiegel nahm sie teilnahmslos entgegen. Ohne ein Wort des Bedauerns oder des Trostes beendete er die Verbindung. Rodrick und ich sahen uns an, dann nickte er mir zu und ließ mich allein.
Nun waren wir nur noch zu zweit.
Tag 21
Der Morgen dämmert herauf. Endlich ist es hell genug, um aufzuschreiben, was ich heute Nacht erlebt habe.
Obwohl ich mich nach meiner Wache, die wie immer ereignislos verlief, zu Tode erschöpft fühlte, fand ich nicht in den Schlaf. Immer wieder ging mir Ydans Verschwinden im Kopf herum. Warum hatte er den schützenden Turm verlassen? Was war ihm da draußen auf dem Anleger zugestoßen? Wer oder was war SIE? Als ich endlich dachte, einschlafen zu können, hörte ich ein ungewöhnliches Geräusch. Erneut hellwach richtete ich mich in meinem Bett auf und lauschte. Was ich vernahm, hörte sich an wie ... Musik? Als spielte eine ferne Flöte eine unendlich traurige Melodie. Mich hielt es nicht mehr in der Kammer. So leise ich konnte, schlich ich mich in den Aufenthaltsraum, doch da war natürlich niemand. Ich lauschte nach oben, doch bei Rodrick war alles still. Die Töne schienen von draußen zu kommen, also tappte ich die eiserne Wendeltreppe hinab bis ganz unten, doch auch hier war niemand, und auch die Musik war verstummt. Ernüchtert stieg ich wieder hinauf, immer wieder angestrengt horchend, doch es war vorbei. Kopfschüttelnd ging ich zurück in meine Kammer und versuchte erneut, einzuschlafen. Mir war kalt, und obwohl ich mir zusätzlich Ydans Decke holte, lag ich wach bis zur Morgendämmerung.
Tag 22
Rodrick spricht nicht mehr mit mir. Offenbar lastet er mir das Verschwinden unseres Kameraden an. („Das Küken ist schuld.“) Noch eine Woche bis zu unserer Ablösung. Wie soll ich das bloß aushalten?
Tag 23
Letzte Nacht vernahm ich wieder die geheimnisvolle Musik. Ich fragte Rodrick, ob er sie ebenfalls hört. Er blickte mich an, als wäre ich ein Wesen aus einer anderen Welt und schüttelte den Kopf. Doch wenn ich ehrlich sein soll, er wirkt genau so übermüdet wie ich.
Tag 24
Letzte Nacht, als ich Wache hatte, hörte ich Rodrick im Turm umher tappen. Ich meinte sogar, die eiserne Tür quietschen zu hören. Ich verließ meinen Posten und eilte abwärts, um zu schauen, was der Kamerad vorhatte. Als ich unten angelangt war und hinaus spähte, stand Rodrick bereits auf dem Anleger und brüllte in Richtung der See: „Verschwinde und lass uns in Ruhe! Du kriegst uns nicht!“
Wie zur Antwort bildete sich im heute nahezu spiegelglatten Meer eine übermannshohe Welle und raste auf den Anleger zu. Rodrick stand einen Augenblick wie versteinert, dann drehte er sich um und hetzte auf den Turm zu, jedoch rutschte er aus und stürzte zu Boden. Ich eilte auf ihn zu, um ihm aufstehen zu helfen, doch in diesem Moment erreichte ihn die Woge und schlug über ihm zusammen. Als sie sich zurückgezogen hatte, war mein Kamerad fort. Die See lag wieder glatt und ruhig wie zuvor.
„Rodrick!“, schrie ich verzweifelt, doch ich wagte nicht, den Anleger zu betreten. Wie gelähmt blieb ich stehen und starrte auf die Wasserfläche, hoffend, ihn prustend und fluchend wieder auftauchen zu sehen, doch er war und blieb verschwunden. Irgendwann riss ich mich von dem Anblick los und kehrte zurück in den Turm, um den Spiegel zu aktivieren. Doch der blieb aus unerfindlichen Gründen dunkel, so oft ich es auch versuchte.
Ich will hier weg! Noch sechs Tage. Dann werde ich den Dienst quittieren. So etwas wie das hier möchte ich niemals wieder erleben müssen.
Tag 28
Nun, da ich allein bin, werden wenigstens die Vorräte so lange reichen, bis ich abgelöst werde. Allerdings funktioniert seit Rodricks Tod der Spiegel nicht mehr. Ich kann nur beten, dass die Ablösung pünktlich kommt.
In der Nacht nach Rodricks Verschwinden, wie in den Nächten zuvor, hörte ich wieder die Musik. Sie schien mir mit jeder Nacht näher und deutlicher. Doch bis jetzt ich blieb standhaft und verließ den schützenden Turm nicht noch einmal.
Noch zwei Tage.
Tag 29
Vergangene Nacht änderte sich die Musik. Die Melodie war nicht mehr melancholisch, sondern drängend und lockend, als forderte sie mich zum Tanz auf. Den Teufel werde ich tun und ihr folgen!
Noch einen Tag aushalten. Ich kann es kaum erwarten, von hier weg zu kommen.
Tag 30
Ein stürmischer Tag geht zur Neige, und ich kann es nicht fassen: Es kam keine Ablösung! Und der Spiegel blieb nach wie vor dunkel, tot. So tot wie ich bald sein werde, wenn mich niemand von hier fort holt. Vielleicht lag es ja nur am Wetter, dass kein Schiff zu mir durchkam?
Tag 31
Ich beginne, die nächtliche Musik als tröstlich zu empfinden. Als wäre ich doch nicht ganz so allein hier draußen. Als gäbe es eine Präsenz, die mir nahe ist, die mit mir fühlt und für mich musiziert. Als ich während der Nacht wieder einmal wach lag und die lockende Melodie vernahm, stieg ich die Treppe hinab und öffnete die Tür, um hinauszulauschen. Der volle Mond spiegelte sich in der ruhigen See, und auf einmal war mir ganz friedlich zumute. Alle Angst und Sorge wich von mir, und ich empfand beinahe so etwas wie Glück.
Unten am Anleger, im Wasser dort, bewegte sich etwas, oder jemand? Ydan? Oder Rodrick? Ich dachte bei mir, ich sollte nachsehen, aber der Augenblick war so schön und friedvoll, dass ich mich nicht zu rühren vermochte. Ich blieb sitzen, schaute und lauschte, und in mir war Frieden.
Tag 32
Wieder liegt eine helle Mondnacht hinter mir.
Ich war wieder unten, war der lockenden Melodie gefolgt und hatte wieder jemanden? etwas? im Wasser beim Anleger beobachtet. Dieses Mal war meine Neugier stärker, und ich trat hinaus in die Nacht. Ich wagte mich bis zur Felsentreppe und zwei Stufen hinab, da erkannte ich, was, oder besser, wer sich dort im Wasser tummelte. Ich wollte umkehren, doch ich vermochte mich nicht zu bewegen und stand da wie gebannt.
Ich sah eine riesige, perlmuttfarben geschuppte Seeschlange, mit enormen Flossen, die wie Flügel wirkten, doch ihr Kopf war der einer wunderschönen Frau mit langen, mondbleichen Haaren, die in den Wellen trieben und nahezu schwarzen, traurigen, sehnsuchtsvollen Augen. Mit einem ihrer beiden menschlichen Armen, die wie Alabaster im Mondlicht schimmerten, hielt sie sich am Anleger fest, der andere winkte mir, winkte mich herbei.
Das musste die Seedrachin sein. Kein anderer Name würde besser beschreiben, was ich vor mir sah. SIE wirkte mitnichten bedrohlich auf mich, und doch wagte ich mich nicht näher zu IHR. Hatte ich SIE tatsächlich herbeibeschworen? („Das Küken ist schuld.“)
SIE blickte mich unverwandt an, und ich schaffte es nicht, meine Augen von IHR abzuwenden.
„Wer bist du?“, flüsterte ich, ohne es zu wollen.
SIE antwortete nicht, doch die Flötenmelodie erklang erneut, wehmütiger und schöner denn je.
„Wo sind meine Kameraden?“, wagte ich zu fragen, lauter nun, da auf meine erste Frage hin nichts Bedrohliches geschehen war.
SIE zeigte hinter sich. Oh, SIE hatte mich verstanden! Und SIE lächelte mich an, wiederholte ihre lockende Geste.
Ich tat einen Schritt auf sie zu, da verdunkelte eine Wolke den Mond, und ich verharrte, um nicht wie Rodrick zu stürzen. Als aber die Wolke sich verzog und den Mond wieder freigab, war SIE fort, und auch die Musik war verstummt. Ich stand bestimmt noch eine Stunde dort auf der Treppe, doch SIE ließ sich nicht mehr blicken. Enttäuscht wandte ich mich ab und kehrte zurück in den Turm.
Tag 36
Ich habe SIE wiedergesehen! Während zweier Nächte seit diesem ersten Mal trafen wir uns nun am Anleger. Ich auf der Treppe, SIE im Wasser. Ich sprach wenig, SIE nichts. Wir blickten einander an und ich lauschte IHRER Musik. Mit jeder Nacht fühlte ich mich IHR näher, doch mittlerweile hatte der Mond abgenommen und das Wetter war umgeschlagen, seither blieb SIE aus. Offenbar konnte ich IHR nur in klaren Nächten begegnen. Dennoch verließ ich jede Nacht den Turm, um nach IHR zu sehen und wartete sehnsüchtig darauf, IHRE Musik erneut zu vernehmen.
Ich bin nicht mehr einsam! Dass die Ablösung nicht kam, macht mir nichts aus. Ich könnte bis zum Jüngsten Tag hier verweilen, so lange nur SIE mich nicht allein lässt. Und ich weiß: Sobald die Nächte wieder klar sind und der Mond wieder zunimmt, werde ich SIE wiedersehen.
Wenn ich nur etwas mehr zu essen hätte!
Tag 37
Heute haben sich zwei außergewöhnliche Dinge ereignet.
Als ich am Morgen kurz vor die Tür trat, um das Wetter zu prüfen, lagen zwei Fische auf der obersten Stufe der Felsentreppe. Ein Geschenk von IHR! Oh, wie ich SIE liebe! Wie ich mich auf ein Wiedersehen freue! Ich muss IHR danken für IHRE Fürsorge.
Das zweite Ereignis war irritierender. Der Spiegel erwachte plötzlich zum Leben.
„Festland an Turm, hört mich jemand?“
„Turm hört“, meldete ich mich knapp.
„Alles klar bei euch da draußen?“
Ich zögerte einen Augenblick, dann antwortete ich mit fester Stimme. „Alles klar. Keine besonderen Vorkommnisse.“
„Das freut mich zu hören. In zwei Tagen werdet ihr abgelöst. Entschuldigt die Verspätung.“
„In Ordnung“, erwiderte ich konsterniert.
Ich will nicht abgelöst werden. Ich will hier nicht weg, niemals mehr. Ich will bei IHR bleiben. Und ich will auch keine anderen Menschen um mich. Aber ich kann nicht verhindern, dass sie kommen und dann bemerken werden, dass hier zwei Mann fehlen. Und mir Fragen stellen werden. Unbequeme Fragen, die ich weder beantworten kann noch möchte. Ich will einfach nur in Frieden hier bei IHR, mit IHR zusammen den Leuchtturm bewachen. Allein. Denn mit IHR bin ich nicht mehr einsam.
Tag 38
Heute früh fand ich wieder einen Fisch. Es war ein strahlender Tag, und ich wusste gewiss: In der kommenden Nacht würde ich SIE wiedersehen. Wenn ich doch bloß die vermaledeite Ablösung abwenden könnte! Ich nahm mir vor, IHR die Situation zu schildern und SIE um Rat zu fragen.
Sobald es dunkel wurde und der Mond aufgegangen war, eilte ich zum Anleger hinab und wartete auf SIE. Als hätte SIE mich gespürt oder gesehen, tauchte sie auf und kam lächelnd zu mir an den Steg.
„Morgen soll ich weg“, platzte ich heraus. „Ich will dich nicht verlassen. Kannst du mir sagen, was ich tun soll?“
SIE streckte mir ihre Hand entgegen.
„Ich soll zu dir kommen? Ins Wasser?“
Lächelnd wiederholte SIE die Geste.
Ich hatte verstanden oder glaubte wenigstens, verstanden zu haben. „Warte morgen auf mich. Ich komme wieder.“
SIE hob den Arm und strich mir sanft übers Haar. Ein wohliger, Glück verheißender Schauer überlief mich bei dieser ersten Berührung, dann tauchte SIE ab und war verschwunden.
Ich kam ungeschickt auf die Beine und taumelte glückselig zurück in den Turm.
Tag 39
Kameraden, sucht nicht nach mir und sorgt euch nicht um mich. Mir geht es gut. Lebt wohl und seid gegrüßt,
Caryan
Tag 42
Sie ist nicht gekommen.
Ich bin wieder an Land. Noch nie in meinem Leben war ich so verzweifelt.
In meiner letzten Nacht auf der Insel, nachdem ich oben im Turm aufgeräumt und meine Sachen gepackt hatte, ging ich hinab zum Steg und warf meinen Seesack ins Meer. Dann hockte ich mich nieder und wartete auf SIE. Die See war ruhig, der abnehmende Mond bot ausreichend Licht, doch SIE ließ sich nicht blicken. Ich wartete, zunächst geduldig, dann immer nervöser. Warum kam SIE nicht? Hatte SIE mich denn nicht in der Nacht zuvor noch zu sich eingeladen?
„SEEDRACHIN!“, rief ich laut. „Bitte! Komm her!“ Doch selbst das Aussprechen, nein, das Schreien ihres Namens brachte sie nicht herbei. Ich rief sie immer wieder, wurde immer verzweifelter. „Seedrachin, verlass mich doch nicht“, schluchzte ich. „Ich liebe dich doch. Komm und nimm mich mit dir mit!“
Als der Morgen dämmerte, schlich ich wie ein geprügelter Hund zurück in den Turm, wo ich erschöpft zusammenbrach und die Kameraden mich fanden.
Was mögen sie von mir gedacht haben, als sie das Häufchen Elend, das ich war, befragten und keine Antwort erhielten? Als sie Ydan und Rodrick überall suchten und keine Spur von ihnen fanden? Hielten sie mich für einen Mörder, für ein Monster?
Überraschend rücksichtsvoll führten sie mich auf ihr Boot und brachten mich fort vom Leuchtturm, fort vom Ort meines höchsten Glücks und schwersten Leids.
Jahre später
Durch das vergitterte Fenster meiner Zelle blicke ich Nacht für Nacht aufs Meer. Niemand hindert mich daran. Wenn der Mond scheint, sehe ich SIE da draußen. SIE winkt mir dann freundlich zu, und gewiss lächelt sie. IHRE Musik habe ich jedoch niemals wieder gehört.