Beiträge von Chaos Rising

    Hier mal ein (positives) Beispiel für die Art Feedback, die hier gemeint ist:

    Hallo Kisa,

    auch diese Szene kann ich mir gut vorstellen und ist flüssig zu lesen. Interessant finde ich auch, dass ihre beste Freundin eine Hexe (?) ist. Ein wenig schwer tue ich mich damit, dass Rina ihre beste Freundin nicht gleich erkennt, hätte mir vorgestellt, dass sie vielleicht schon z.B. ihre Aura oder so gespürt haben könnte. Allerdings bin ich keine Connaisseuse des Vampir/Werwolf Genres, daher nehme ich es so hin. :)

    Was ich ein klein wenig vermisse, ist eine gewisse Herzlichkeit zwischen besten Freundinnen, Rina erscheint mir doch ziemlich distanziert. Ich mag mich täuschen, ist aber bei mir so angekommen.

    LG

    Mymm

    Mymm geht hier auf Charakterbeziehungen ein (Makrostruktur), erklärt, was sie STATTDESSEN erwartet hätte und warum, UND weist darauf hin, dass sie sich in dem Genre nicht auskennt.

    Ist das nun Lektorenarbeit? Nein - aber man kann als Autor(in) dennoch was damit anfangen. Ob man der Aussage nun zustimmt oder nicht, man weiß, was Mymm irritiert und wie es ihren Erwartungen nicht gerecht wird.
    Klar kann man sagen, dass man es so lassen will, aber man kann diese Entscheidung eben informiert treffen.

    Könnte man das Feedback noch detaillierter machen etc? Natürlich, das kann man eigentlich immer. Aber Ein hilfreicher Kommentar muss nicht 3000 Wörter lang sein und 4 Stunden brauchen :D

    Das wars schon.

    LG Chaos

    PS: Danke Mymm :D

    Nur soviel dazu es gibt in der griechischen Mythologie mehr Höllenhunde als zwei die jeder kennt.

    Hast du dazu eine Quelle? Weil ich kenne nichtmal 2 Höllenhunde:rofl: Und ich finde auch nichts, was über Kerberos hinausgeht :hmm:
    Abgesehen von Orthos. Der ist zwar ein zweiköpfiger Hund, aber hat nix mit Hades zu tun. Der bewacht Rinder :rofl:
    Meinst du dessen Geschwister? Da ist Kerberos auch dabei, aber die anderen haben noch weniger damit zu tun (Chimäre, Hydra etc)

    Man muss sich damit nur tief genug auseinandersetzen und die Namen müssen aufgrund der kreativen Freiheit auch nicht immer übereinstimmen

    Das stimmt, aber es ist iwie schwierig zu sagen "stammt aus der griechischen Mythologie", wenn das einfach nicht so ist :D
    Natürlich kannst du es trotzdem einbauen, aber dann is es halt "nur" inspiriert und nicht übernommen. Der Unterschied ist imo aber wichtig, weil es Leute sonst verwirrt.
    Du forderst die Suspension of disbelief damit sehr heraus :hmm:

    Ich habe die Kurzgeschichte für zwei englischsprachige Freunde von mir geschrieben.


    Zusätzlich konsumiere ich inzwischen fast ausschließlich englische Literatur, sodass mir manchmal nur englische Begriffe für Dinge einfallen. Wollte mal sehen ob ich auch was auf englisch verfassen kann.

    Das ist schön, aber das widerspricht - ebenso wie eine Textwand - den Nutzungsbedingungen :D
    Wie du siehst tun sich hier viele schwer mit englisch, daher ist die Regel, dass hier nur deutschsprachige Texte geposted werden.
    Du kannst ihn gerne übersetzen und den Anfangspost überarbeiten, ansonsten ist hier leider der falsche Ort

    LG Chaos

    Hallo A.D.Mynx
    Schön, dass du den Weg in unser kleines Forum gefunden hast - aber vielleicht stellst du erst einmal dich selbst vor, bevor du dein Projekt vorstellst ;)

    Das kannst du dann (im korrekten Unterforum) machen, wenn du die 10 (sinnvollen) Beiträge gesammelt hast :D
    Ich bitte dich, den Startpost entsprechend anzupassen und DICH vorzustellen - nicht dein Werk. Sonst muss ich den Thread leider löschen.

    @Rest - bitte das hier als Vorstellungsthread des Users, nicht der Welt behandeln :D

    In diesem Sinne - Hallo :hi1:

    LG Chaos

    Hallo Zusammen!

    Die nächste Runde unseres Schreibwettbewerbs startet heute! Der Gewinner des letzten Wettbewerbs Sensenbach hat folgendes Thema vorgegeben:

    Angst ist der kleine Tod


    Beiträge bitte per PN an mich :)
    Einsendeschluss ist der 14.06.2026

    Die Regeln findet ihr im Angepinnten Thread im Unterforum des Schreibwettbewerbs. BITTE LESEN!

    So, dann mal los und viel Erfolg! Ich erwarte viele Einsendungen!

    LG Chaos

    Hallo zusammen!

    der Schreibwettbewerb hat ein Ende gefunden!
    Diesmal haben sich leider sowohl Einsendungen als auch Abstimmungen in Grenzen gehalten - mal sehen, wie es beim nächsten wird! Ich hoffe wieder mehr! (der startet btw morgen früh :D )

    Wie dem auch sei: Diesen hier hat natürlich auch jemand gewonnen! Da es nur 3 Einsendungen waren, habe ich auf das "zweistufige" Bewertungssystem verzichtet. Somit hat mit 5 von 8 (63%) der Stimmen gewonnen:

    Trommelwirbel

    Sensenbach mit seiner Geschichte "Schattenwacht"

    Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank an alle Teilnehmer!
    Wie immer dürft ihr jetzt hier gerne Feedback für die Geschichten geben.

    Schöne Woche und LG
    Chaos

    Der Eid

    von Lehep

    „‚Ralti wartet auf dich‘, sagte Zoltan. Im abendlichen Wind wehte die einzelne Strähne seines roten Haares von seinem ansonsten kahlen Kopf. Ich saß auf und merkte, wie die Stunden der Entspannung meinen Geist benebelt hatten.

    ‚Ralti wird einen Moment warten müssen.‘ Ich sah zu ihm hoch. Für einen kurzen Moment kam es mir so vor, als wäre er der mächtigere von uns beiden.

    ‚Du kannst mit mir reiten.‘ Mit diesen Worten schwang er sich wieder auf seinen gestriegelten Gaul und drehte ihn zum Dorf hin: ‚Du weißt, es ist keine Schande… Dein Nacken kann aufrecht bleiben.‘

    ‚Ich weiß, junger Mann‘, entgegnete ich, während ich mich auf die Beine schwang. Meine Benommenheit wich einer beklemmenden Vorahnung. Ich hatte nichts mit der Sache zu tun, zumindest nicht offiziell, und wenn Ralti mich wirklich kannte, dann wusste sie das auch.

    Während sich mein Herz beruhigte, strich ich mir das Gras von der Hose, das ich vor einigen Stunden Halm um Halm aus dem Boden riss.

    Ich sprang zu Zoltan auf sein Pferd. Nach einer Aufforderung mit den Zügeln huschten wir zum Dorf.

    Die alten Frauen, die strickend und schwatzend vor ihren Hütten saßen, hatten sowas wohl schon öfter erlebt. Sie wussten ganz genau zu welchem Zeitpunkt sie ihre Köpfe schütteln mussten, und wann sie tuscheln mussten, um mich möglichst eindringlich zu verunsichern. Und das, obwohl ich offensichtlich unschuldig war.

    Gerade, als der Fluss die Sonne halbierte, blieb Zoltans Pferd vor dem Dorfplatz stehen.

    ‚Ab hier musst du allein weiter, Stenka.‘

    Das Klopfen in meiner Brust hatte mein Herz und meinen Atem zu einem einzigen Kloß verdichtet. Steif und aufgeregt betrat ich Raltis Haus. Die drei Ältesten saßen bereits im richtenden Halbkreis um das Feuer. Wie hungrige Geier beobachteten sie mich. Mit einer kleinen Handbewegung winkte mich Ralti, die zwischen den beiden anderen saß, auf das freie Polster am Feuer.

    ‚Stenka, du weißt, weshalb du hier bist?‘, Raltis Stimme war alt und rau, doch ihr Lächeln trug sowohl die Strenge als auch die Güte einer Mutter in sich. Ich nahm die Mütze ab, legte sie neben mich und nickte kurz. Die Flammen waren ein willkommener Blickfang für meine Augen.

    ‚Du weißt, eigentlich wirst du dafür erschossen. Was du getan hast, war schrecklich eigennützig und nicht zu vergleichen mit deinen Heldentaten als Soldat.‘

    Ich dachte zurück an die Kämpfe gegen die Muscoviten und Schweden. Die Siege gegen sie waren mein größter Stolz.

    ‚Wir geben dir jedoch die Chance, dich zu behaupten. Ein zehnjähriges Exil. Du darfst dich dem Dorf für zehn Jahre nicht nähern. Dreißig Meilen ist der Radius um das Dorf, den du nicht betreten darfst.‘

    ‚Dreißig Meilen?‘, ich dachte kurz nach, ‚Das ist doch kaum möglich, da draußen zu überleben. Im Osten die Tataren, im Süden das Meer, und westlich…‘ Ich wusste es gar nicht, aber es war mir auch egal. Ich hatte keine Wahl. Ralti wollte mich schuldig sehen, und ich wollte nicht sterben, deshalb nahm ich an.“

    „Verstehe. Und deshalb bist du jetzt also hier", Hetman Bohdan schaute Stenka müde an. Er mochte keine Geschichten, vor allem keine derart faul zusammengereimten. Warum sollte sich jemand wie diese Ralti für Stenka einsetzen, den schlechtesten Schützen, den er je gesehen hatte?

    „Ja, genau deshalb bin ich jetzt hier, im Norden. Ich hatte keine Chance den Fluss zu überqueren. Er war einfach zu breit. "...und das Brückengeld hatte ich auch nicht, dachte er bei sich.

    „Mhm“, grummelte der große Mann in seinem dicken roten Wollmantel. Der Pelz seiner Mütze war vom Wetter bereits arg mitgenommen, und auch seine ledernen Handschuhe waren gut eingetragen. Den Bericht des polnischen Heerführers, der Stenka in Sold genommen hatte, hatte Bohdan gelesen. Er war nicht ansatzweise so schmeichelhaft wie Stenkas eigene Erzählung. Was auch immer er in seinem Heimatdorf verbrochen hatte, er sah sich wohl im Recht. Stenka hatte Glück, dass Bohdan Verlässlichkeit gerade nicht so wichtig war wie Wirkung, und die hatte Stenka allemal. Entehrte, gefallene Männer wie er brachten Unruhe mit sich, und Unruhe machte Entscheidungen möglich. Vor allem bei derart störrischen Dörfern, die weder auf Erklärungen noch auf Drohungen hörten. Doch war Stenka hier wirklich der richtige?

    „Gut, du wirst vorreiten“, entschloss sich Bohdan, seine Augen abgewandt. „Nicht als Abgesandter, sondern als einer von ihnen.“

    Sein Blick durchdrang den Kosaken wieder. „Danach werden sie sich nicht mehr neutral geben können, ob sie sich mir anschließen wollen oder nicht.“

    „Nichts lieber als das. Eine vernünftige Wahl, mein Herr“, Stenka strahlte. Seine Geschichte hatte den Hauptmann für ihn eingenommen. Mehr wollte er vorerst nicht. Schon bald saß er, neu bewaffnet, unter einem Baum und zupfte nachdenklich Gras aus dem Boden. Er gab Ralti sein Wort, nein, er hatte damals einen Eid geschworen, nicht wieder zu kommen. Niemals mehr. Damals brachte es ihn beinahe um den Verstand, das Dorf zu verlassen. Immerhin hatte er seine Heimat geliebt... Doch nun, elf Jahre nach der Verbannung, hatte Stenka endlich ein kühles Herz und die perfekte Gelegenheit zur Rache, die er um keinen Preis der Welt verstreichen lassen würde. Dieses letzte Lebewohl musste sein.

    Der Morgen kam schnell. Ob der Himmel die Sonne färbte oder es andersherum war, mochte Stenka heute egal sein. Er wusste, dass er und seine zwanzig Kosaken diese Röte heute noch häufiger sehen werden. Es war einfach, die Reiter auf seine Seite zu ziehen. Er versprach ihnen Gold und Reichtümer, und natürlich allerlei andere Kriegsbeute. Der goldene, mit Edelsteinen besetzte Gürtel, dessen spektakulärer Diebstahl ihn damals in diesen ganzen Schlamassel gebracht hatte, war Beispiel genug für den angeblichen Reichtum des Dorfes.

    Im Sattel saß Stenka noch nie so fest wie heute. Ralti würde ihn kaum wiedererkennen, mit gezwirbeltem Bart und bereiften Ohren. Er war ein wahrer Kosake geworden, mit Schaschka und allem, was dazu gehörte.

    Das Dorf schlief noch, als die Reiter die ersten Dächer in Flammen steckten. Die vielen Hufe klapperten ziellos durch die Straßen. Die ersten Schreie durchnitten die Luft, und der aufwirbelnde Staub vernebelte die Sicht. Für einen kurzen Moment erschrak er, denn seine Mitstreiter kamen ihm deutlich eifriger und gieriger vor als er selbst es war. Wie die einen um den anderen abschlachteten... Nein, es musste ihm egal sein. Stenka brauchte einen Moment, um sich sein Ziel vor Augen zu halten, und seinen Weg zu finden.

    Ralti saß am Feuer, als er in ihr Haus stürmte. Sie saß auf demselben Polster, auf dem er damals saß. „Du bist zurückgekehrt“, sagte sie leise. Gegen das Gefühl, das ihre Stimme in ihm auslöste, war Stenka einen kurzen Moment machtlos. Für einen Augenblick wollte er die Seiten wechseln, die Angreifer vertreiben. Er wollte sie glücklich in den Arm nehmen und ihr helfen, wenn der Schmerz in seiner Brust ihn nicht an seine grausame Verbannung erinnerte. Sein aufflammender Groll war es, der sie am Kragen packte und vor die Tür zog. Ralti hielt seine Hand, ohne ihn stoppen zu wollen. Sie spürte seine Haut; er war es tatsächlich.

    Stenka zog sie auf den Vorplatz und zwang sie in die Hocke. Seinen Säbel setzte er an ihre Kehle. Der Boden unter ihr bebte, die Luft stank nach Rauch und die Schreie der Bewohner schnitten ihr den Atem ab, noch bevor Stenka es tun konnte.

    Ihren abgetrennten Kopf in die Luft streckend wartete er auf das Gefühl eines Sieges, auf das Geräusch seiner Ketten, wie sie auf den Boden fielen. Doch es kam nichts... Keine Erlösung und keine Befreiung. Nur Raltis friedliches Gesicht, das ihn von oben ansah.

    Die Seedrachin

    von Amafiori

    Caryans Tagebuch, Tag 2

    Gestern sind wir hier angekommen, drei Mann. Die Überfahrt war angenehm, keiner von uns wurde seekrank. Die drei Kameraden, die wir hier abgelöst haben, halfen uns noch beim Bunkern der Lebensmittel- und Trinkwasservorräte, dann beeilten sie sich, aufs Schiff zu gelangen, um nach vier langen Wochen endlich wieder Festland zu betreten. Sie sahen irgendwie müde aus. Ich half noch beim Ablegen. Der Älteste ging als letzter an Bord. Er warf seinen Seesack aufs Deck, zwinkerte mir zu und meinte: „Mach's gut, Küken, Und nimm dich in Acht vor der Seedrachin.“

    „Hä? Was soll das sein?“

    „Wirst schon sehen.“ Damit sprang er aufs Schiff und fing das Tau, das ich ihm zuwarf. Noch während er es ordentlich aufrollte, wurde das Boot abgetrieben. Meine erneute, gebrüllte Frage „Welche Seedrachin, verdammt?“ hörte er wohl schon nicht mehr. Achselzuckend wandte ich mich ab und betrat den Leuchtturm, der für die nächsten vier Wochen mein Zuhause sein sollte, zum ersten Mal. Gespannt stieg ich die eiserne Wendeltreppe hinauf in den Wohnbereich. Rodrick, unser Erster, war schon dabei, die Lebensmittel in die Schränke zu räumen, wähend Ydan, der älteste und erfahrenste unter uns, das Feuer im Herd entzündete.

    „Na, Küken?“

    „Lass ihn“, mischte sich Rodrick ein. „Komm, hilf mir mit den Paketen, Caryan.“

    Erleichtert ging ich ihm zur Hand. Küken! Wohl war ich der jüngste, aber einmal hat schließlich jeder angefangen. Nachdem die Lebensmittel verstaut waren, richteten wir unsere Schlafplätze ein. Rodrick hatte einen Raum für sich, Ydan und ich teilten uns eine Stube. Die schmalen Betten waren schnell bezogen. Später trafen wir uns in dem einzigen Raum, den man als Wohnraum bezeichnen konnte und der zugleich unsere Küche war, um die Schichten einzuteilen.

    „Ich übernehme die erste Wache“, verkündete Rodrick und winkte mir, ihm zu folgen. „Komm, ich zeige dir, was du wissen musst.“

    Besonders viel war es nicht. Das Leuchtfeuer schaltete sich automatisch ein und wieder ab. Wir hatten lediglich die Optik sauber zu halten. Die eigentliche Wache bestand darin, mit einem Fernglas immer wieder die See zu kontrollieren und auf Schiffe zu achten. Sollte eines davon unseren Turm in Richtung Festland passieren, musste Meldung gemacht werden, ansonsten einmal am Tag. Zu diesem Zweck gab es den Spiegel. Rodrick zeigte mir, wie dieser aktiviert werden konnte. Das war alles.

    Ich kehrte zu Ydan zurück, der inzwischen Tee gekocht hatte und mir zeigte, wo er eine Flasche Rum versteckt hielt, mit der wir unser Getränk „aufwerteten“. Nachdem ich Rodrick seinen Anteil am Abendessen hinauf gebracht hatte, spielten wir noch einige Partien Karten, bevor ich zu Bett ging.


    Tag 12

    Langweilig! Allein das Wetter ändert sich und die Laune der Kameraden wird von Tag zu Tag mürrischer, ebenso wie meine. Ich gebe zu, ich bin enttäuscht. Leuchttturmwärter, ein einsamer Felsen im Meer, Wind und Wasser, das hört sich so romantisch an. Letztendlich ist es einfach nur öde. Die wenigen Bücher hier habe ich längst gelesen, und selbst das Kartenspiel oder das Würfeln findet keiner mehr spannend. Eine Wache verläuft so ereignislos wie die andere.

    Als ich heute gemeinsam mit Rodrick in der Küche gearbeitet habe, während Ydan Wache hielt, wagte ich endlich einmal, meine dringendste Frage loszuwerden, seit wir hier sind: „Hast du eigentlich schonmal von einer Seedrachin gehört?“

    Rodricks Reaktion überraschte mich über die Maßen. Er erbleichte, ließ die Pfanne fallen, die er gerade in Händen hielt und flüsterte eindringlich: „Nenne niemals wieder diesen Namen, Küken!“

    „Warum?“ Ich war so erschrocken, dass ich sogar meine Standardantwort „Ich heiße Caryan, wie oft muss ich das eigentlich noch sagen“ vergaß.

    Rodrick bückte sich verlegen nach der Pfanne. Im Hochkommen sagte er nur: „Frag nicht. Es bringt großes Unglück. Mehr musst du nicht wissen.“

    Das war das einzige Erwähnenswerte heute. Aber in drei Tagen kommt das Versorgungsschiff mit neuen Vorräten. Wenn ich Glück habe, muss ich dann gerade nicht Wache schieben und darf mit den Kameraden zusammensitzen und hören, was es auf dem Festland an Neuigkeiten gibt.


    Tag 15

    Das Versorgungsschiff ist nicht gekommen. Wir haben gewartet, so lange es hell war. Nach der Abenddämmerung stiegen Ydan und ich gemeinsam nach oben und gesellten uns zu Rodrick, der Wache hatte.

    „Was sollen wir tun?“, fragte ich.

    „Nichts. Wir haben noch genügend zu essen.“

    „Aber das Wasser wird knapp.“

    „Nicht, wenn es weiter regnet. Sie werden schon kommen. Morgen, spätestens übermorgen, wenn sich der Wind gelegt hat.“

    „Willst du nicht über den Spiegel nachfragen?“, wollte ich wissen.

    „Nein.“ Rodricks Antwort klang entschieden. „Ich habe bereits die heutige Meldung abgesetzt. Gedulde dich und mach dich nicht verrückt.“


    Tag 17

    Heute nachmittag habe ich zufällig ein Gespräch zwischen den Kameraden belauscht.

    „Das Küken ist schuld“, hörte ich Rodrick murmeln.

    „Ach was, wieso denn?“ Ydan, unerschütterlich wie immer.

    „Er hat mich nach IHR gefragt.“

    „Woher will er überhaupt von IHR wissen?“

    „Ich habe ihn nicht gefragt. Ist mir auch gleich, woher er SIE kennt. Ich habe ihm verboten, SIE noch einmal zu erwähnen. Aber wer sagt uns, dass es nicht bereits zu spät ist? Was, wenn SIE ihn gehört hat?“

    Wer, verdammt noch mal, ist SIE?! Wieso betonen die zwei das so seltsam? Geht es um die Seedrachin? Nun bin ich erst recht neugierig, aber so, wie die beiden über SIE reden, glaube ich nicht, dass es eine gute Idee wäre, sie noch einmal auf das Thema anzusprechen.


    Tag 20

    Als ich heute von meiner Wache nach unten kam, traf ich nur Rodrick an. Er rührte stoisch in einem Topf, in dem sich eine dünne Suppe befand. „Brot ist alle“, knurrte er schlecht gelaunt.

    Als ob ich etwas dafür könnte! („Das Küken ist schuld.“)

    „Wo ist Ydan?“

    „Keine Ahnung. Er hat dich doch abgelöst, oder nicht?“

    „Nein.“ Ydan war nicht gekommen. Ich hatte eine Weile gewartet und war dann hinabgestiegen, schließlich war meine Wache zu Ende und ich hatte Hunger. Weit konnte er ja nicht sein. Wäre er oben, hätte er mir auf der Stiege begegnen müssen. Daneben gab es nur unseren Wohnraum und die beiden Schlafkammern. Diese waren beide leer, also kletterte ich die eiserne Wendeltreppe hinab, um den Kameraden unten zu suchen. Doch auch da war niemand.

    „Ydan!“, brüllte ich, so laut ich konnte.

    Keine Reaktion. Ob er draußen sein konnte? Allerdings gab es dort nichts, wo sich jemand länger aufhalten könnte. Unser Leuchtturm ist auf einem Felsen gebaut, von der Eingangstür führen lediglich ein paar steinerne Stufen hinab zum Anleger. Ich öffnete die Tür und spähte hinaus, doch es war niemand zu sehen. Dennoch rief ich erneut Ydans Namen. Zuletzt stieg ich zögernd zum Anleger hinab. Eisiger Wind zerrte an meinem Hemd, und ich hatte Mühe, auf den ausgetretenen Steinen nicht zu straucheln. Am Ende des Stegs flatterte ein Stofffetzen im Wind, dessen Farbe mich an Ydans Jacke erinnerte. Vorsichtig balancierte dorthin, bückte mich und griff danach. Tatsächlich! Das war ein Stück von einer Uniformjacke, wie wir sie trugen, doch es konnte unmöglich Ydan gehören. Der Stoff war zerrissen und voller Blutflecken. Wie gelähmt stand ich da, den Fetzen in der Hand, und starrte aufs Meer hinaus.

    „Küken, was machst du da?“ Hinter mir war Rodrick auf den Anleger getreten und blickte nun über meine Schulter auf das, was ich da in der Hand hielt. „Grundgütiger!“, entfuhr es ihm. „Das war SIE.“ Energisch packte er mich, zerrte mich mit sich zurück und stieß mich hinein in den Turm, wo er die eiserne Tür zuschlug und doppelt verriegelte.

    Der Appetit war uns vergangen. Als unser Erster fühlte Rodrick sich verpflichtet, Meldung über „einen Unfall“ zu machen. Der Offizier im Spiegel nahm sie teilnahmslos entgegen. Ohne ein Wort des Bedauerns oder des Trostes beendete er die Verbindung. Rodrick und ich sahen uns an, dann nickte er mir zu und ließ mich allein.

    Nun waren wir nur noch zu zweit.


    Tag 21

    Der Morgen dämmert herauf. Endlich ist es hell genug, um aufzuschreiben, was ich heute Nacht erlebt habe.

    Obwohl ich mich nach meiner Wache, die wie immer ereignislos verlief, zu Tode erschöpft fühlte, fand ich nicht in den Schlaf. Immer wieder ging mir Ydans Verschwinden im Kopf herum. Warum hatte er den schützenden Turm verlassen? Was war ihm da draußen auf dem Anleger zugestoßen? Wer oder was war SIE? Als ich endlich dachte, einschlafen zu können, hörte ich ein ungewöhnliches Geräusch. Erneut hellwach richtete ich mich in meinem Bett auf und lauschte. Was ich vernahm, hörte sich an wie ... Musik? Als spielte eine ferne Flöte eine unendlich traurige Melodie. Mich hielt es nicht mehr in der Kammer. So leise ich konnte, schlich ich mich in den Aufenthaltsraum, doch da war natürlich niemand. Ich lauschte nach oben, doch bei Rodrick war alles still. Die Töne schienen von draußen zu kommen, also tappte ich die eiserne Wendeltreppe hinab bis ganz unten, doch auch hier war niemand, und auch die Musik war verstummt. Ernüchtert stieg ich wieder hinauf, immer wieder angestrengt horchend, doch es war vorbei. Kopfschüttelnd ging ich zurück in meine Kammer und versuchte erneut, einzuschlafen. Mir war kalt, und obwohl ich mir zusätzlich Ydans Decke holte, lag ich wach bis zur Morgendämmerung.


    Tag 22

    Rodrick spricht nicht mehr mit mir. Offenbar lastet er mir das Verschwinden unseres Kameraden an. („Das Küken ist schuld.“) Noch eine Woche bis zu unserer Ablösung. Wie soll ich das bloß aushalten?


    Tag 23

    Letzte Nacht vernahm ich wieder die geheimnisvolle Musik. Ich fragte Rodrick, ob er sie ebenfalls hört. Er blickte mich an, als wäre ich ein Wesen aus einer anderen Welt und schüttelte den Kopf. Doch wenn ich ehrlich sein soll, er wirkt genau so übermüdet wie ich.


    Tag 24

    Letzte Nacht, als ich Wache hatte, hörte ich Rodrick im Turm umher tappen. Ich meinte sogar, die eiserne Tür quietschen zu hören. Ich verließ meinen Posten und eilte abwärts, um zu schauen, was der Kamerad vorhatte. Als ich unten angelangt war und hinaus spähte, stand Rodrick bereits auf dem Anleger und brüllte in Richtung der See: „Verschwinde und lass uns in Ruhe! Du kriegst uns nicht!“

    Wie zur Antwort bildete sich im heute nahezu spiegelglatten Meer eine übermannshohe Welle und raste auf den Anleger zu. Rodrick stand einen Augenblick wie versteinert, dann drehte er sich um und hetzte auf den Turm zu, jedoch rutschte er aus und stürzte zu Boden. Ich eilte auf ihn zu, um ihm aufstehen zu helfen, doch in diesem Moment erreichte ihn die Woge und schlug über ihm zusammen. Als sie sich zurückgezogen hatte, war mein Kamerad fort. Die See lag wieder glatt und ruhig wie zuvor.

    „Rodrick!“, schrie ich verzweifelt, doch ich wagte nicht, den Anleger zu betreten. Wie gelähmt blieb ich stehen und starrte auf die Wasserfläche, hoffend, ihn prustend und fluchend wieder auftauchen zu sehen, doch er war und blieb verschwunden. Irgendwann riss ich mich von dem Anblick los und kehrte zurück in den Turm, um den Spiegel zu aktivieren. Doch der blieb aus unerfindlichen Gründen dunkel, so oft ich es auch versuchte.

    Ich will hier weg! Noch sechs Tage. Dann werde ich den Dienst quittieren. So etwas wie das hier möchte ich niemals wieder erleben müssen.


    Tag 28

    Nun, da ich allein bin, werden wenigstens die Vorräte so lange reichen, bis ich abgelöst werde. Allerdings funktioniert seit Rodricks Tod der Spiegel nicht mehr. Ich kann nur beten, dass die Ablösung pünktlich kommt.

    In der Nacht nach Rodricks Verschwinden, wie in den Nächten zuvor, hörte ich wieder die Musik. Sie schien mir mit jeder Nacht näher und deutlicher. Doch bis jetzt ich blieb standhaft und verließ den schützenden Turm nicht noch einmal.

    Noch zwei Tage.


    Tag 29

    Vergangene Nacht änderte sich die Musik. Die Melodie war nicht mehr melancholisch, sondern drängend und lockend, als forderte sie mich zum Tanz auf. Den Teufel werde ich tun und ihr folgen!

    Noch einen Tag aushalten. Ich kann es kaum erwarten, von hier weg zu kommen.


    Tag 30

    Ein stürmischer Tag geht zur Neige, und ich kann es nicht fassen: Es kam keine Ablösung! Und der Spiegel blieb nach wie vor dunkel, tot. So tot wie ich bald sein werde, wenn mich niemand von hier fort holt. Vielleicht lag es ja nur am Wetter, dass kein Schiff zu mir durchkam?


    Tag 31

    Ich beginne, die nächtliche Musik als tröstlich zu empfinden. Als wäre ich doch nicht ganz so allein hier draußen. Als gäbe es eine Präsenz, die mir nahe ist, die mit mir fühlt und für mich musiziert. Als ich während der Nacht wieder einmal wach lag und die lockende Melodie vernahm, stieg ich die Treppe hinab und öffnete die Tür, um hinauszulauschen. Der volle Mond spiegelte sich in der ruhigen See, und auf einmal war mir ganz friedlich zumute. Alle Angst und Sorge wich von mir, und ich empfand beinahe so etwas wie Glück.

    Unten am Anleger, im Wasser dort, bewegte sich etwas, oder jemand? Ydan? Oder Rodrick? Ich dachte bei mir, ich sollte nachsehen, aber der Augenblick war so schön und friedvoll, dass ich mich nicht zu rühren vermochte. Ich blieb sitzen, schaute und lauschte, und in mir war Frieden.

    Tag 32

    Wieder liegt eine helle Mondnacht hinter mir.

    Ich war wieder unten, war der lockenden Melodie gefolgt und hatte wieder jemanden? etwas? im Wasser beim Anleger beobachtet. Dieses Mal war meine Neugier stärker, und ich trat hinaus in die Nacht. Ich wagte mich bis zur Felsentreppe und zwei Stufen hinab, da erkannte ich, was, oder besser, wer sich dort im Wasser tummelte. Ich wollte umkehren, doch ich vermochte mich nicht zu bewegen und stand da wie gebannt.

    Ich sah eine riesige, perlmuttfarben geschuppte Seeschlange, mit enormen Flossen, die wie Flügel wirkten, doch ihr Kopf war der einer wunderschönen Frau mit langen, mondbleichen Haaren, die in den Wellen trieben und nahezu schwarzen, traurigen, sehnsuchtsvollen Augen. Mit einem ihrer beiden menschlichen Armen, die wie Alabaster im Mondlicht schimmerten, hielt sie sich am Anleger fest, der andere winkte mir, winkte mich herbei.

    Das musste die Seedrachin sein. Kein anderer Name würde besser beschreiben, was ich vor mir sah. SIE wirkte mitnichten bedrohlich auf mich, und doch wagte ich mich nicht näher zu IHR. Hatte ich SIE tatsächlich herbeibeschworen? („Das Küken ist schuld.“)

    SIE blickte mich unverwandt an, und ich schaffte es nicht, meine Augen von IHR abzuwenden.

    „Wer bist du?“, flüsterte ich, ohne es zu wollen.

    SIE antwortete nicht, doch die Flötenmelodie erklang erneut, wehmütiger und schöner denn je.

    „Wo sind meine Kameraden?“, wagte ich zu fragen, lauter nun, da auf meine erste Frage hin nichts Bedrohliches geschehen war.

    SIE zeigte hinter sich. Oh, SIE hatte mich verstanden! Und SIE lächelte mich an, wiederholte ihre lockende Geste.

    Ich tat einen Schritt auf sie zu, da verdunkelte eine Wolke den Mond, und ich verharrte, um nicht wie Rodrick zu stürzen. Als aber die Wolke sich verzog und den Mond wieder freigab, war SIE fort, und auch die Musik war verstummt. Ich stand bestimmt noch eine Stunde dort auf der Treppe, doch SIE ließ sich nicht mehr blicken. Enttäuscht wandte ich mich ab und kehrte zurück in den Turm.


    Tag 36

    Ich habe SIE wiedergesehen! Während zweier Nächte seit diesem ersten Mal trafen wir uns nun am Anleger. Ich auf der Treppe, SIE im Wasser. Ich sprach wenig, SIE nichts. Wir blickten einander an und ich lauschte IHRER Musik. Mit jeder Nacht fühlte ich mich IHR näher, doch mittlerweile hatte der Mond abgenommen und das Wetter war umgeschlagen, seither blieb SIE aus. Offenbar konnte ich IHR nur in klaren Nächten begegnen. Dennoch verließ ich jede Nacht den Turm, um nach IHR zu sehen und wartete sehnsüchtig darauf, IHRE Musik erneut zu vernehmen.

    Ich bin nicht mehr einsam! Dass die Ablösung nicht kam, macht mir nichts aus. Ich könnte bis zum Jüngsten Tag hier verweilen, so lange nur SIE mich nicht allein lässt. Und ich weiß: Sobald die Nächte wieder klar sind und der Mond wieder zunimmt, werde ich SIE wiedersehen.

    Wenn ich nur etwas mehr zu essen hätte!


    Tag 37

    Heute haben sich zwei außergewöhnliche Dinge ereignet.

    Als ich am Morgen kurz vor die Tür trat, um das Wetter zu prüfen, lagen zwei Fische auf der obersten Stufe der Felsentreppe. Ein Geschenk von IHR! Oh, wie ich SIE liebe! Wie ich mich auf ein Wiedersehen freue! Ich muss IHR danken für IHRE Fürsorge.

    Das zweite Ereignis war irritierender. Der Spiegel erwachte plötzlich zum Leben.

    „Festland an Turm, hört mich jemand?“

    „Turm hört“, meldete ich mich knapp.

    „Alles klar bei euch da draußen?“

    Ich zögerte einen Augenblick, dann antwortete ich mit fester Stimme. „Alles klar. Keine besonderen Vorkommnisse.“

    „Das freut mich zu hören. In zwei Tagen werdet ihr abgelöst. Entschuldigt die Verspätung.“

    „In Ordnung“, erwiderte ich konsterniert.

    Ich will nicht abgelöst werden. Ich will hier nicht weg, niemals mehr. Ich will bei IHR bleiben. Und ich will auch keine anderen Menschen um mich. Aber ich kann nicht verhindern, dass sie kommen und dann bemerken werden, dass hier zwei Mann fehlen. Und mir Fragen stellen werden. Unbequeme Fragen, die ich weder beantworten kann noch möchte. Ich will einfach nur in Frieden hier bei IHR, mit IHR zusammen den Leuchtturm bewachen. Allein. Denn mit IHR bin ich nicht mehr einsam.


    Tag 38

    Heute früh fand ich wieder einen Fisch. Es war ein strahlender Tag, und ich wusste gewiss: In der kommenden Nacht würde ich SIE wiedersehen. Wenn ich doch bloß die vermaledeite Ablösung abwenden könnte! Ich nahm mir vor, IHR die Situation zu schildern und SIE um Rat zu fragen.

    Sobald es dunkel wurde und der Mond aufgegangen war, eilte ich zum Anleger hinab und wartete auf SIE. Als hätte SIE mich gespürt oder gesehen, tauchte sie auf und kam lächelnd zu mir an den Steg.

    „Morgen soll ich weg“, platzte ich heraus. „Ich will dich nicht verlassen. Kannst du mir sagen, was ich tun soll?“

    SIE streckte mir ihre Hand entgegen.

    „Ich soll zu dir kommen? Ins Wasser?“

    Lächelnd wiederholte SIE die Geste.

    Ich hatte verstanden oder glaubte wenigstens, verstanden zu haben. „Warte morgen auf mich. Ich komme wieder.“

    SIE hob den Arm und strich mir sanft übers Haar. Ein wohliger, Glück verheißender Schauer überlief mich bei dieser ersten Berührung, dann tauchte SIE ab und war verschwunden.

    Ich kam ungeschickt auf die Beine und taumelte glückselig zurück in den Turm.


    Tag 39

    Kameraden, sucht nicht nach mir und sorgt euch nicht um mich. Mir geht es gut. Lebt wohl und seid gegrüßt,

    Caryan


    Tag 42

    Sie ist nicht gekommen.

    Ich bin wieder an Land. Noch nie in meinem Leben war ich so verzweifelt.

    In meiner letzten Nacht auf der Insel, nachdem ich oben im Turm aufgeräumt und meine Sachen gepackt hatte, ging ich hinab zum Steg und warf meinen Seesack ins Meer. Dann hockte ich mich nieder und wartete auf SIE. Die See war ruhig, der abnehmende Mond bot ausreichend Licht, doch SIE ließ sich nicht blicken. Ich wartete, zunächst geduldig, dann immer nervöser. Warum kam SIE nicht? Hatte SIE mich denn nicht in der Nacht zuvor noch zu sich eingeladen?

    „SEEDRACHIN!“, rief ich laut. „Bitte! Komm her!“ Doch selbst das Aussprechen, nein, das Schreien ihres Namens brachte sie nicht herbei. Ich rief sie immer wieder, wurde immer verzweifelter. „Seedrachin, verlass mich doch nicht“, schluchzte ich. „Ich liebe dich doch. Komm und nimm mich mit dir mit!“

    Als der Morgen dämmerte, schlich ich wie ein geprügelter Hund zurück in den Turm, wo ich erschöpft zusammenbrach und die Kameraden mich fanden.

    Was mögen sie von mir gedacht haben, als sie das Häufchen Elend, das ich war, befragten und keine Antwort erhielten? Als sie Ydan und Rodrick überall suchten und keine Spur von ihnen fanden? Hielten sie mich für einen Mörder, für ein Monster?

    Überraschend rücksichtsvoll führten sie mich auf ihr Boot und brachten mich fort vom Leuchtturm, fort vom Ort meines höchsten Glücks und schwersten Leids.


    Jahre später

    Durch das vergitterte Fenster meiner Zelle blicke ich Nacht für Nacht aufs Meer. Niemand hindert mich daran. Wenn der Mond scheint, sehe ich SIE da draußen. SIE winkt mir dann freundlich zu, und gewiss lächelt sie. IHRE Musik habe ich jedoch niemals wieder gehört.

    Schattenwacht

    von Sensenbach

    Klack, klack, klack.
    Die hölzernen Übungsschwerter prallten aufeinander. Schweiß rann von der Stirn des jungen Helmat von Lohenstein und tropfte in den staubigen Sand. Immer wieder griff er Rudhelf an. Doch es war klar, dass der alte Mann nur mit dem Knaben spielte, wie eine gelangweilte Katze mit einer Maus. Helmats Hiebe wurden ungestümer und verzweifelter, sodass es dem Schwertmagier schließlich zu bunt wurde. Mit einer blitzschnellen Bewegung schlug Rudhelf dem Unterlegenen das Schwert aus den Fingern und stieß ihn mit der anderen Hand zu Boden.
    »Du bist ungeduldig und so wild wie ein Keiler mit Tollwut. In jedem echten Kampf wärst du eine leichte Beute.«
    »Das war nicht ehrenhaft. Ihr habt mich geschubst.« Der Junge lag im Staub und wischte sich Tränen der Wut von den Wangen.
    »Ehrenhaft?« Rudhelf runzelte die Stirn. »Was denkst du, wie anständig eine Horde Orks mit dir umgehen wird? Glaubst du, Orks schubsen nicht?«
    »Ich …« Helmat rang nach einer Antwort. Er war wütend, in seinem Stolz verletzt, und fand vor Zorn keine passende Erwiderung. Stattdessen fiel sein Blick auf den Küchenjungen, der dem Kampf aus sicherer Entfernung zugesehen hatte. Der hagere Junge trug eine dreckige Schürze und hatte die wilden Haare zu einem Zopf gebunden. In der Hand hielt er eine Milchkanne, er war wohl auf dem Weg zu den Kuhställen. Er mochte in Helmats Alter gewesen sein, groß aber ungelenk. Mit den unausgewogenen Proportionen des Heranwachsenden.
    »Was glotzt du so, Bohnenstange?«, stieß Helmat wütend hervor und schnellte auf die Beine.
    Der Küchenjunge schaute erschrocken. »Mein Graf …«, stammelte er, wandte sich hastig ab und eilte in Richtung Küche.
    Rudhelf schüttelte seufzend den Kopf. Der junge Graf war ungeduldig und hatte einen Hang zum Jähzorn, wie sein Großvater. Man sagte, manche Eigenschaften übersprängen eine Generation; leider traf dies sowohl auf die Guten als auch auf die Schlechten zu. Dieser unbeherrschte junge Mann würde einst der Pfalzgraf von Lohenstein sein, die erste Bastion gegen die Orkhorden aus dem Schattenwald. Ein verzogener Bengel, der die Komplimente der Hofschranzen für bare Münze hielt und den Tagelöhnern und Bettlern billige Streiche spielte.
    Wie sollte er aus diesem Jammerlappen einen Krieger machen? Es war zum Haareraufen. Dann stahl sich ein Lächeln in sein Gesicht.
    »Du … Küchenjunge, bleib mal stehen.«
    Der Junge stoppte abrupt und drehte sich um. Seine Knie schlotterten. »Herr?«
    »Komm herbei!« Rudhelf schüttelte den Kopf. »Was für ein Anblick. Halt dich mal grade!«
    Helmat lachte scheppernd. Das versprach lustig zu werden. Doch der Schwertmagier warf ihm einen strengen Blick zu.
    »Küchenjunge, nimm das Schwert.«
    »Ich …? Herr!«
    »Mach schon. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, Kinder zu hüten.«
    Zögernd nahm der Junge das Übungsschwert auf, das dem jungen Grafen so ungelenk entfallen war. Seine zitternde Hand umfasste den Schwertgriff wie einen Besenstiel.
    »Helmat, zeig ihm, wie es geht!«
    Helmat von Lohenstein sah den Ratgeber und Schwertmagier seines Vaters verwirrt an. Die ganze Sache entwickelte sich in eine eigenartige Richtung. Er trat näher. Der Junge schwitzte vor Angst und glotzte ihn mit großen Augen an. Was für eine erbärmliche Gestalt! Helmat hatte bereits eine Beleidigung auf den Lippen, etwas, das die Mutter des Burschen und zugleich seinen zerzausten Zopf betraf. Ein Kunstwerk unter den Schmähungen. Doch als er den ängstlichen Jungen ansah, rührte sich ein seltsames Gefühl tief in seinem Innern. Er schnaufte und drängte die Empfindung zurück, verkniff sich jedoch die Verhöhnung.
    Stattdessen rückte er die Finger des Küchenjungen auf dem Griff zurecht. »Hier, so geht das.«
    »Rücken gerade. In Position!«, befahl Rudhelf. »Alle beide. Übungskampf!«
    »Was!«, entfuhr es den Jungen gleichzeitig. Jedem mit seiner eigenen Begründung.
    »Küchenjunge, wie ist dein Name?«
    »Olaf«, flüsterte der Knabe.
    »Wie? Ich bin ein alter Mann und höre dich nicht!«
    »Olaf! Mein Name ist Olaf!« War da ein Hauch von Trotz in der Stimme? Damit konnte man arbeiten.
    »So ist das schon besser. Geht in die Grundstellung. Olaf, schau dir bei Helmat an, wie man es macht.«
    Der Küchenjunge stellte sich umständlich in Position und ahmte die Stellung nach, vergaß dabei jedoch, dass er sich spiegelverkehrt hinstellen musste.
    Helmat gestikulierte und zeigte auf seine Beine. Olaf schaute erst verwirrt, dann begriff er und korrigierte die Fußstellung. Unbeholfen hob er das Schwert.
    »Bei der Göttin, das ist doch kein Waschflegel. Zeig es ihm«, sagte der alte Ritter zu Helmat.
    »Grundstellung. Heb das Schwert über den Kopf, als wolltest du zuschlagen. So ist es richtig, aber die Klinge sollte in meine Richtung zeigen. Jetzt greife ich mit einem Oberhau von der rechten Seite an, und du parierst.«
    »Ich pariere?«
    »Du blockst meinen Hieb!«
    »Gut!« Das Hemd des Jungen wies unter den Achseln einen immer größer werdenden Schweißfleck auf.
    »Erstmal langsam«, befahl Rudhelf.
    Helmat schnaufte verächtlich und führte das Schwert nach unten. Der Küchenjunge zuckte und kniff die Augen zu.
    „Reiß dich zusammen!“, grunzte Helmat. »Es ist nur ein Holzschwert.«
    »Ja. Ja … Herr.«
    »Nochmal!«, rief Rudhelf.
    Die Schwerter klackten gegeneinander.
    »Angriff und Parade!«
    Helmat schlug etwas härter zu. Der Küchenjunge stieß einen erschrockenen Schrei aus und ließ seine hölzerne Waffe in den Staub fallen.
    »Mehr Körperspannung. Euer Schwert ist die Verlängerung eures Körpers, aber ihr haltet die Waffen, als wolltet ihr damit Holz hacken.« Rudhelf begann die Sache zu gefallen.
    »Nochmal!«
    »Nochmal!«
    »Helmat, zeig Olaf erneut die richtige Fußstellung.«
    »Nochmal!«
    Olaf wich jetzt nicht zurück und kniff bei den Schlägen auch nicht mehr die Augen zu.
    »Helmat, warum machen wir das alles?«, fragte Rudhelf unvermittelt.
    »Damit wir im Kampf in die Grundstellungen zurückfinden, die Distanz fühlen, Hiebe erkennen und ohne Panik parieren können!«
    »Ja, das ist schon richtig und beeindruckt bei jedem Turnier, wo alle die Regeln kennen. Aber sag: Was wissen Orks von der Grundstellung?«
    »Ich …« Helmat ließ das Schwert ratlos hängen. »Ich weiß nicht … Ich denke, nicht viel.«
    »Also? Olaf, warum üben wir das?«
    »Herr … ich …«, stammelte der Junge.
    »Sag schon. Was fällt einem Küchenjungen dazu ein? Aus welchem Grund lernen wir den Schwertkampf nach solchen Regeln, wenn der Gegner darauf scheißt?«
    Olaf überlegte, »Herr… Ihr sagtet, dass das Schwert zur Verlängerung des Körpers wird.«
    »Ah. Jetzt kommen wir der Sache näher. Ihr werdet lernen, die kleinen Dinge unbewusst richtig zu machen und habt damit genug Muße euch im Kampf kompliziertere Taktiken zu überlegen. Nochmal!«
    Immer wieder klackerten die Holzschwerter.

    Ein Lächeln stahl sich auf die Lippen des Schwertmagiers. Seine ungleichen Lehrlinge hatten zwei Stunden lang unentwegt geübt und der junge Graf hatte nicht ein einziges Mal gejammert. »Das reicht für heute, fünfzig Liegestütze, und dann ist erstmal Feierabend.«
    Die Knaben schnauften. Helmat von Lohenstein sah verstohlen zu dem Jungen hinüber, der sich neben ihm verzweifelt mit der Kraftübung abmühte.
    »Zum Schluss«, flüsterte Helmat keuchend. »Hast du es mit dem Schwert gar nicht schlecht gemacht!« Da sah er etwas in den Augen des Küchenjungen, das vorher nicht dagewesen war. Ein Hauch von Stolz und, die Göttin mochte wissen warum, auch er empfand in diesem Moment ein warmes Gefühl der Befriedigung.
    »Morgen früh um sechs an der gleichen Stelle. Helmat, du bringst Olaf alles bei, was du bisher gelernt hast. Ich werde für ein paar Wochen auf Kundschaft am Schattenkamm verbringen. Wenn ich zurückkomme, möchte ich einen Soldaten sehen und keinen Küchenjungen. Das ist deine Verantwortung, junger Graf! Ist das klar?«
    Ohne ein weiteres Wort verschwand der alte Ritter in Richtung Burgfried und ließ die schwitzenden Knaben stehen.
    »Und … und was geschieht jetzt?«, fragte Olaf ratlos.
    Helmat zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, was in den Alten gefahren ist. Aber ich denke, wir sehen uns morgen um sechs Uhr in der Frühe. Oder?«
    Olaf, der Küchenjunge, nickte langsam.

    Klang, klang, klang.
    Die jungen Männer führten einen eleganten Tanz vor. Ein tödlich wirkender Tanz mit stumpfen Schwertern, wie es üblich bei Turnieren war. Dennoch, der gute Stahl hallte im Rund, als tobe eine Schlacht.
    Der junge Graf wirbelte wie der Wind und ließ Hieb auf Hieb auf seinen behänden Gegner hinabregnen. Dieser parierte die Attacken, als wüsste er im Voraus, wohin der nächste Schlag gehen würde, dabei wehte sein zerzauster Zopf, als hätte er ein Eigenleben. Die Menge jubelte bei jeder durchdachten Finte, bei jedem cleveren Angriff und bei jedem abgewehrten Stoß.
    Der alte Graf hielt seinen Becher hin. Ein aufmerksamer Knecht füllte diesen mit rotem Wein. »Die Menge ist außer sich. Das ist mein Sohn dort unten. Der Teufel mag euch geritten haben, als ihr einen einfachen Küchenjungen zu seinem Trainingspartner gemacht habt. Aber seht: Was für Kämpfer!«
    Rudhelfs Blick ging hinab auf den Turnierplatz zu den jungen Recken, die sich im Halbkreis aufgestellt hatten. Johlend feuerten sie die Ritter an. Adlige und gemein geborene Schwertkämpfer, Bogenschützinnen und sogar eine Feuermagierin, geschmiedet zu einer Einheit in den gemeinsamen Schlachten gegen die Orkhorden. Eine Gemeinschaft, bei der ein jeder wegen seiner Fähigkeiten und nicht aufgrund seiner Herkunft einen Platz gefunden hatte.
    Denn dies war die Schattenwacht!

    Der greise Schwertmagier lächelte, die Saat war aufgegangen. Unbeachtet von den Feiernden stieg er auf sein Pferd und warf einen letzten Blick zurück, dorthin wo der alte Graf mit seinen Besuchern trank.
    »Ihr wolltet, dass ich einen Kämpfer aus Eurem Sohn mache. Doch ich habe Euch einen Anführer gegeben und … noch etwas mehr. Zeit für mich, zu gehen.«