Beiträge von Chaos Rising

    Ich glaube es geht nicht so sehr darum, dass man immer ein mehrseitiges Manifest formulieren muss :D
    Es reicht eigentlich, wenn man ein "warum" anhängt. Also statt

    "Charakter X finde ich unsympathisch" -> "Charakter X finde ich unsympathisch, weil ..."
    Dann hat man einen Anhaltspunkt, um was es eigentlich geht und wie man damit umgehen soll :)

    Ich meine, wenn ich in ein Restaurant zum Essen gehe bin ich auch ganz offensichtlich NICHT der Profi (im allgemeinen zumindest)
    Aber dennoch kann ich ja eine Meinung zum Essen haben, die über ein "ich fand es nicht gut" hinausgeht. Damit alleine kann der Koch nämlich recht wenig machen.


    Sowohl eine Subjektive Meinung: "Ich fand es nicht gut, weil ich keinen Brokkoli mag" <- Das ist eine Meinung, die das Essen aber nicht besser oder schlechter macht - ich bin nur nicht die Zielgruppe :D

    Aber auch eine objektive Meinung: "Ich fand es nicht gut, weil es roh und irgendwie gleichzeitig verbrannt war." <- das ist reele Kritik mit der der Koch auch was anfangen kann und daraus schließen kann, was er ändern muss.

    Mehr ist es denke ich gar nicht als "Grundform" :pardon:

    Natürlich kann man das dann weiter ausbauen (wenn man Zeit, Lust und ab nem bestimmten Punkt auch (Fach-)Wissen hat), aber das ist dann Bonus. Mit einem einfachen "Warum" kann man schon viel machen :)
    PS: Das heißt natürlich nicht, dass eine subjektive Meinung nicht legitim ist! Aber man geht als Autor dann anders damit um.


    LG Chaos

    So, mal kurz aus Modsicht :D

    LiteraryFriction hat mich tatsächlich gefragt, ob sie das hier posten kann - ich habe ja gesagt :D
    AUs 2 Gründen: Erstmal finde ich es sinnvoll den Kommentar auf ein Zitat (in dem Fall von Tariq ) da zu schreiben, wo das Zitat auch geschrieben wurde und direkt darauf zu antworten. ich finde es immer etwas befremdlich, wenn Zitate "entführt" werden und dann Blogeinträge oder neue Threads damit ersteltl werden.
    und 2. war es gar nicht so klar, dass sich ein eigener Diskussionsthread überhaupt lohnt, also ob überhaupt Diskussionsbedarf besteht. (Immerhin ist das dann sowas wie Theorie und die Erfahrung zeigt, dass das Forum im allgemeinen da wenig interesse dran hat :pardon: )

    Wie auch immer: Es hat sich gezeigt, dass der Bedarf offenbar besteht, darum würde ich die betreffenden Beiträge in einen neuen Thread dafür verschieben, damit es hier wieder um die Geschichte gehen kann :D

    Edit: LiteraryFriction, Sensenbach, Tariq Ist erledigt


    und noch kurz:

    Dein Kommentar zur Kritik am Feedback hat bis jetzt zwei "Love it" und einmal "Danke" erhalten. Daraus schließe ich, dass wohl nicht nur du meine Art, einen Feedback-Kommentar zu verfassen, befremdlich findest. Ohne jetzt beleidigt rüberkommen zu wollen - ich werde das in Zukunft im Hinterkopf behalten. Und es wird definitiv Auswirkungen auf künftige Kommentare von mir haben. Schade.

    Tariq es hat niemand gesagt, dass du so nicht kommentieren darfst/sollst oder dass es unnütz ist (das steht sogar sehr wörtlich in LiteraryFrictions Post). Es war nur die Frage danach, wie der Autor mit diesem Feedback umgehen soll.
    Davon abgesehen war es nicht auf dich persönlich bezogen (was ebenso wörtlich in dem Post steht) sondern du warst das "Beispiel" weil aktuell. Nicht mehr.

    Diese Fragen zu beantworten, würde ich mir in einem Feedback-Kommentar nie getrauen, denn die Antworten wären rein subjektiv. Das wäre bei mir ein absolutes No-Go, einem Autor ein "das ist unangebracht" oder "zu detailliert" als Rückmeldung zu geben. Wer bin ich denn, dass ich glaube, das beurteilen zu können?

    Dein Kommentar ist genauso subjektiv :D
    Die (allgemeine, nicht für dich) Lösung wäre, den AUtoren einfach zu fragen, was er/sie überhaupt für Feedback will (bzw. dass das im Startpost einer Geschichte schon definiert wird)

    Davon abgesehen glaube ich nicht, dass die Fragen dafür gedacht waren, dass du sie beantwortest, sondern das sind verschiedene Interpretationsmöglichkeiten für deinen Post - die eigentliche Frage (an dich) war, welche davon du meinst :D


    LG Chaos :chaos:

    Hallo Zusammen und willkommen zum Schreibwettbewerb des 1. Quartals 2026!

    Thema, vorgegeben von Tom Stark : Das letzte Lebewohl

    Zur Erinnerung: Es MUSS keine Fantasygeschichte sein :D

    Beiträge bitte per PN an mich :)
    Einsendeschluss ist der 25.03.2026

    Die Regeln findet ihr im Angepinnten Thread im Unterforum des Schreibwettbewerbs. BITTE LESEN!

    So, dann mal los und viel Erfolg!


    LG Chaos

    Trommelwirbel!

    Frohes neues erstmal an alle :party:

    Wir haben es geschafft! Der letzte Schreibwettbewerb 2025 ist beendet!

    Freut mich, dass so viele mitgemacht haben und mein Thema zu gebrauchen war!
    Ich habe leider vergessen, das Häkchen zu setzen, dass man sieht wer wie abgestimmt hat (und aus irgendwelchen Gründen darf man das auch als Mod nicht nachträglich ändern :pardon: ) also kann ich die Auswertung nicht ganz so exakt machen wie beim letzten mal. Aber es sollte dennoch reichen :D

    Ein kurzes Wort vorab: Ich fand es interessant, dass die Stimmen sich diesmal extrem verteilt haben und jede Geschichte mindestens 1 mal auch 2 Punkte bekommen hat. Das zeigt gut, wie breit gefächert die Vorlieben unserer Community sind. (An der Stelle könnte man sich auch bewusst werden, dass manches Feedback einfach einem Missmatch zwischen Leser und Geschichte geschuldet sein könnte xD)

    Nun denn: Gewonnen hat mit 9 Punkten:

    Drdrdrdrdrdrdrdrdrdrdrdr

    Tom Stark mit der Geschichte "Dämonenaugen"

    Herzlichen Glückwunsch!

    Auswertungstabelle
    GeschichteAutor2 Punkte1 PunktGesamt
    DämonenaugenTom Stark419
    Zeit verwundet alle HeilerZarkaras Jade237
    Die letzte EinladungSikadian135
    SkycladDion135
    Bärensmartkalkwiese124
    Der Beginn der PlageSensenbach124
    Keine Ruhe den VerderbtenLehep204
    Böse GeisterFaradim113

    Der neue Schreibwettbewerb für Q1 2026 startet dann morgen :D

    Wie immer könnt ihr jetzt gerne Feedback zu den Geschichten posten - je mehr desto besser!

    LG Chaos

    Keine Ruhe den Verderbten

    von: Lehep

    Es war nicht vollkommen klar für Toby, den Dorfsäufer, weshalb das ganze Dorf seit diesem Frühjahr so glücklich war. Immerhin hatte sich, außer der Laune der Bevölkerung und ein paar anderen Kleinigkeiten, nicht viel geändert. Es war noch immer dasselbe alte Rowenau, das er seit seiner Geburt kannte. Damals, als seine liebende Mutter noch auf der Welt war und er selbst gerade seinen vierten Winter erlebt hatte, wurde das Dorf überfallen, und die alte Festung, die auf dem östlichen Hügel thronte, wurde beinahe komplett zerstört. Seit damals sind schon vierzig Winter oder so gekommen und gegangen. Aber seit ein paar Monaten, dachte sich Toby, begann sich das Dorf seltsam zu verändern.

    Natürlich kann man sich jetzt denken „Was ist so schlimm daran, wenn Bauern es schön haben? Immerhin war die tägliche Fronarbeit für die Bauern und wenigen Handwerker der harte Alltag, und da hat man doch ein Päuschen verdient." Natürlich hat man damit recht, nur war es kein Päuschen. Sie waren gut drauf, in Arbeit wie in Freizeit. Und das war höchst merkwürdig. Warum waren sich plötzlich alle darin einig, dass das Leben so scheiße toll war? Nun, überlegte er achselzuckend, hier im Stroh liegend, zwischen den Kühen meiner Nachbarn, werde ich die Antwort nicht finden.

    Bei seiner täglichen morgendlichen Runde, weg vom Viehstall und hin zur Taverne, kamen ihm immer viele Leute entgegen. Vor ein paar Tagen fingen sie an, die Kreuze, die sonst um ihre Hälse baumelten, unter ihren Hemden zu verbergen oder ganz abzunehme. Stattdessen begannen sie einheitlich anderen Schmuck zu tragen. Schmuck, der aussah wie ein Gesicht mit weit aufgerissenen Augen, und einem Mund, dessen Lippen grotesk und trichterförmig ein O formt. Es wirkte so abstoßend und wild, und trotzdem irgendwie unausweichlich. Jedes Mal, wenn er eine Bianca mit so einer Brosche oder eine Tomris mit einer solchen Haarnadel erblickte, war es ihm, als rufe ihn diese Figur mit einer mystischen Kraft und seltsamen Gewissheit.

    So ein dreckiger Spuk, dachte er sich auch heute Morgen. Sogar die alte Frau Riemschmyd kam mit zwei solcher Fratzen in ihren Ohrläppchen baumelnd an ihm vorbei gesprungen, als wäre sie wieder, naja, dreißig, vielleicht? Dabei lacht sie auch noch so schrecklich unbeschwert und schmerzbefreit... irgendetwas läuft hier doch schief.

    „Ach was, Toby, alter Freund, das bildest du dir ein“, lachte Rollo, der Wirt, und setzte sich mit zwei Humpen zu ihm in den Biergarten, „Das ist doch einfach nur wieder eine neue Mode oder so, die über die Alpen geschwappt ist, haha.“ Sie stießen an und nahmen einen kräftigen Schluck des kühlen Bieres, bevor Toby antwortete: „Nein, Rollo, ich sag es dir. Da ist mehr dran als das Auge sieht!“

    „Aber das Auge sieht doch schon so viel, vor allem deine kleinen roten Äuglein“, triezte er den alten Säufer, und zeigte ihm kichernd ins Gesicht. „Hast du schon wieder im Viehstall geschlafen? Ich dachte du hättest inzwischen verstanden, dass dir der Schimmel da draußen nicht gut tut“.

    „Rollo, mein Freund, ich sage es dir im Guten. Es passiert etwas. Die Welt ist im Wandel.“ Seine Augen schweiften ab und starrten sich an dem Laubkranz über dem Gatter fest, durch den er die Burgruine sehen konnte.

    „Ja, ja. War sie das vor zwei Jahren etwa nicht? Und letztes Jahr auch nicht? Haha, Toby, mein Freund, die Welt ist immer im Wandel.“

    Toby achtete nicht mehr auf ihn. Für einen kurzen Moment schien da etwas aufzuleuchten, zwischen den Zinnen des höchsten Turmes. Ein helles, warmes Licht schien etwas in ihm zu berühren, als hörte er wieder den vertrauten Pfiff, mit dem seine Mutterihn immer zum Abendbrot rief.

    Ein Klopfen auf seine Schulter holte ihn wieder aus seinen Gedanken.

    „Ach, was würde ich nur ohne deine blühende Fantasie tun, guter Freund. Hast du eigentlich mal wieder etwas von Janosch gehört? Er ist seit ein paar Tagen wie verschwunden…“

    „Nein, keine Ahnung“, grummelte Toby und nuckelte gedankenverloren an seinem Bier.


    Als er sich abends wieder zu den Kühen ins Heu legte, musste er sich eingestehen, dass es doch wieder mal nur ein normaler Tag war. Scheinbar war es doch nur ein Hirngespinst oder so. Zum Glück gab es Bier, denn mit Bier konnte er vergessen. Hilda und Bessi mampften glücklich neben ihm, während die Dunkelheit, und der Alkohol, ihn ins Reich der Träume riefen.

    Ein schrecklicher Lärm ließ ihn aufschrecken. Sein Schädel pochte und irgendetwas kratzte wie im Wahn am Tor des Stalls. Als er öffnete, sah er das Dorf in rotes Licht getaucht. Kleine rote Geister mit Flügeln wie Fledermäuse flogen dämonenhaft durch die Straßen und Gassen der alten Burg zu. Der Geist vor ihm krächzte ihn an: „Komm, komm! Wir brauchen dich da oben. Ohne dich ist das Dorf nicht komplett!“

    Nachdem er den ersten Ekel und Schock abgelegt hatte, nahm er zögernd die knochigen Krallen des Geistes, und flog mit ihm dem Hügel zu. Immer schneller und schneller folgte der Geist dem Leuchten auf dem Turm, bis sich dieses in einen flammenden Mund verwandelte, der ihn in einem Happs verschluckte.

    Mit klopfendem Herzen und kalten Schweiß auf der Stirn setzte er sich auf. Die Sonne leuchtete durch die Spalten des Stalls, Bessi muhte zufrieden, und irgendwo lachten Kinder. Nur sein Kater war noch da, und die Erinnerung an diesen schrägen Traum. Erleichtert rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich auf. Die Kratzspuren am Tor hätte ein jüngerer Toby sicher gesehen…

    „... Da oben läuft doch was. Irgendein hexenhafter Hokuspokus oder so." Seit dem Traum fühlte er sich irgendwie beobachtet, weshalb er die Plätze mit Rollo heute tauschte. ,,Wäre der Pfarrer nicht auch gebrandmarkt mit dieser Fratze würde ich ihn ja aufsuchen…“, sagte er und kratzte sich den Kopf. Die Sicht aufs Wirtshaus beruhigte ihn enorm.

    „Haha, mal wieder die alten Lamellen, was? Hier, trink erstmal, dann wirst du wach.“

    Rollo stellte wie gewöhnlich zwei Krüge ab, doch diesmal schien etwas anders zu sein als sonst. Tobys Fingerspitzen glitten über ein Relief am Bierkrug, das er noch nie zuvor bemerkt hatte. Neugierig hob er ihn an und beäugte ihn, bevor er mit dumpfem Geräusch auf dem Boden aufkam. „…Rollo! Du auch?“ Toby sprang auf und verzog verärgert sein Gesicht. „Wie kannst du es wagen!"

    „Toby, nein, jetzt warte doch, das war nur ein Scherz!“, versuchte ihn Rollo grinsend zu beruhigen, doch Toby fühlte sich plötzlich so fremd und verraten wie nie. ,,Du hättest dein Gesicht sehen sollen!", scherzte Rollo weiter, doch Toby war nicht mehr da.

    Ein feiner Spaß, dachte sich Toby, als er wütend nach Osten stapfte, Jetzt auch noch diese Fratze auf dem Bierkrug, was? Ha ha, selten so gelacht. Dir werd‘ ich’s zeigen!


    Als junger Erwachsener wollte er einmal ein Mädchen mit auf die Burg nehmen. Damals war der Weg jedoch so stark überwuchert, dass sie bald umkehren und sich stattdessen einen Platz am Flussufer suchen mussten.

    Jetzt, hingegen, war der Weg frei. Nicht nur frei, sondern auch noch richtig sauber und gut hergerichtet. Je näher der schwitzende, schnaubende Mann der Burg kam, desto schöner wurde es. Bald steckten Fackeln am Wegesrand, dann ein kleines Mosaik. Als Geländer tauchten bald gestrafft Seile auf.

    Seinen Zorn konnte das jedoch nur wenig mildern. Bald schon, nachdem er die mit Samtteppichen überzogenen Treppenstufen erklommen hatte, stieß er die Tür auf zum Turmzimmer und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Für einen kurzen Moment fand er seinen Humor wieder und dachte, dass er jetzt vermutlich genauso dämlich aussah, wie dieser Fratzenschmuck.

    „Da bist du ja, Toby.“, schallte eine angenehme weibliche Stimme plötzlichvon allen Seiten, und schien ihn freundlich einzuladen. Vorsichtig trat er weiter ein, woraufhin die Tür ins Schloss fiel. Toby schluckte schwer, blieb jedoch stark.

    Da bin ich ja? Wo ist denn Da? Und wer bist du?“ Aufmerksam um sich schauend tastete er sich rückwärts in den Raum und versuchte die Quelle der Stimme ausfindig zu machen.

    „Du bist genau da, wo ich dich brauche. Genau da, wo Sie dich brauchen.“ Säuselte sie weiter. Toby war ungeduldig und suchte weiter nach der Quelle der Stimme im Gebälk des Daches.

    Sie? Das wird ja immer wilder. Hör mal zu, Frau Holle, oder wer auch immer Ihr seid: zeigt Euch, dann werde ich auch mit Euch sprechen.“

    Als Antwort begann die Luft zu beben und zu summen. Ein dunkler Wirbel öffnete sich vor ihm, nur einen Augenblick lang, dann stand sie vor ihm. Eine wunderschöne Frau mit blasser Haut, tiefgrünen Augen und dunklen Haaren, in denen sich das Licht mal rötlich, mal bläulich brach.

    „Mein Name ist Rowena. Ich bin die Beschützerin deines Dorfes.“ Sie lächelte gütig.

    Toby trat vorsichtig einen Schritt zurück. Konnte er ihr trauen?

    „Eine Beschützerin, also…“ Noch zögerte er, doch irgendetwas in ihm wurde wärmer. Hatte ihm seine Mutter nicht etwas erzählt von einer Hexe auf der Burg? Damals dachte er nicht, dass es seine Burg war, in der eine Hexe lebte...

    „Ja, ich bin, was manche einen Naturgeist nennen, andere würden mich als Fee bezeichnen. In älteren Tagen, als die Menschen noch jung waren und hier die ersten Häuser erbauten, verehrten sie mich als Göttin.“ Langsam und fast andächtig schritt sie, der runden Form des Zimmers folgend, der Wand entlang. „Du wirst mich vielleicht eine Hexe schimpfen, doch für mich ist es nicht erheblich, als was du mich bezeichnest. Für dich wird es aber wichtig werden, als was ich dich bezeichne.“

    „Ist das so?“ Sein Zorn war schon weitestgehend abgeklungen, denn ihre zarten Formen und ihre sanfte Stimme wärmten ihn von innen heraus auf ungeheure Weise. Sein Zorn wich Neugier und Vorsicht, sowie eine gute Portion Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit. Es fühlte sich alles so gut an. Zu gut.

    Sie kicherte sanft und blieb am Fenster stehen. „Ja, mein lieber Toby. Komm her, ich möchte es dir erklären.“ Sie sah ihn an und winkte ihn näher.

    Er folgte ihrem Wink, obwohl er nicht genau wusste, warum, und schaute mit ihr auf sein Dorf herab.

    „Siehst du, das ist deine Heimat, so wie es auch die meine ist. Die goldenen Felder, der rauschende Fluss, die sich sanft dem Wind beugenden Wälder, all das ist für uns beide ein herrlicher Fleck, ähnlich einem Himmelreich, nicht wahr?“

    „Ja, das stimmt. Hier lässt es sich wirklich leben.“, nickte und grinste etwas. Erst jetzt bemerkte er, wie seine Kopfschmerzen verschwunden waren, und sein ganzer Körper vor Leben nur so sprüht. Moment. Seine Zweifel...! Es war als wären sie einfach eingeschlafen.

    Die Frau kicherte wieder und legte einen Arm um ihn. „Wir beide lieben diesen Ort. Es ist für uns beide wichtig, alles daran zu tun, ihn zu erhalten, nicht wahr?“

    „Ja, natürlich! Rowenau muss bestehen!“ Toby meinte es ernst. So ernst, wie er seit langem nichts mehr gemeint hatte. War das das Geheimnis hinter den gut gelaunten Dorfbewohnern? Ein freundlicher Zauber, der alle Missstände befriedete? Das muss wahrlich der Himmel sein.

    „Sehr gut. Dann stimmst du mir zu, dass das Verdorbene, das sich dort einnistet, niedergemacht werden muss?“ Sie streichelte sanft seine Schultern und drehte ihn mit sanftem Druck zur Raummitte.

    „Der ganze Abschaum muss natürlich raus, Herrin. Ohne Ausnahme.“ Toby war sich noch nie so sicher wie in diesem Moment. Als sich sein Blick von ihr löste, sah er, dass das ganze Dorf im Kreis um ihn stand. Alle lächelten ihn an und jubelten ihm zu.

    „Ich bin froh, dass du da bist!“, freute sich auch Rollo, der ebenfalls gekommen war.

    „Hehey, Was macht ihr denn alle hier?“ Toby merkte, dass die Hände Rowenas ihn nicht zur Mitte des Raums begleiteten. Er fühlte sich frei und glücklich und durch und durch als ein Teil der Familie Rowenas. Was für ein Frieden. Was für eine Liebe!

    Das Jubeln nahm kein Ende. Keiner gab ihm eine Antwort, doch für die nächsten Augenblicke störte ihn das nicht. Bis sich sein Verstand wieder ein schaltete. Doch es war zu spät. Die Bauern antworteten auch dann nicht, als er, deutlich verwundert, erneut fragte: „Wartet… was macht ihr hier? Wie seid ihr so schnell hier hoch gekommen?“

    Fragend drehte er sich um. Seine neue Herrin grinste ihn plötzlich finster an.

    Ihr: „Stirb, Abschaum.“, hätte es nicht gebraucht. Toby verstand schon davor. Wie in Zeitlupe fühlte er, wie der Boden unter ihm verschwand, und sein Körper an Gewicht verlor. Ein letztes Mal blinzelte er zuerst Rowena, dann Rollo zu, bevor er dann vom Erdreich verschluckt wurde. Er musste nicht schreien. Er akzeptierte es still.

    Als sich der Boden wieder schloss, landeten seine drei letzten Tränen auf den Brettern.

    „Wie bei Janosch“, bekundete Rollo achselzuckend, und flog den anderen Geistern nach in Richtung Rowenau.

    Die Herrin selbst konnte endlich strahlen. Endlich war alles an seinem rechten Platz.

    Dämonenaugen
    von Tom Stark


    »Bitte nicht. Ich bin nicht gefährlich. Ich habe niemand etwas getan!«
    Karn sah den Mann vor sich, halb auf den Knien, eine Hand flehend erhoben. Er war jung und gut gekleidet. Sauber gekleidet. Von wegen blutüberströmt und mit einem Gebiss voller Reißzähne, wie man ihn beschrieben hatte. Wären da nur nicht die gelb glühenden, mandelförmigen Augen. Sie waren das ultimative, verräterische Anzeichen von Dämonenbefall.
    »Tut mit leid, mein Junge.« Karn tat es wirklich leid. »Aber der König ist da ganz klar. Wer auch nur nach Dämonenbefall aussieht, muss zur eigenen und zur Sicherheit des Volkes eingefangen und weggesperrt werden.«
    Der junge Mann bettelte weiter, selbst die dämonischen Augen schauten flehend, etwas was laut dem Edikt des Königs gar nicht möglich sein konnte. Dämonen waren nämlich bar jeder Menschlichkeit, so hieß es dort schließlich.
    »Mach es dir und mir nicht schwerer, als es ohnehin schon ist. Wir machen die Regeln nicht.«
    »Bitte, ich habe Familie! Meine Eltern, meine Schwestern, was sollen sie nur ohne mich machen?« Der junge Mann sprang auf, nun beide Hände Karn entgegengestreckt.

    »Vorsicht, er greift an!«
    Bevor Karn einschreiten konnte, ein lautes Nein erstarb ihm auf den Lippen, hatte sich Korporal Adrens an ihm vorbeigeschoben und seine Waffe benutzt. Hart und gnadenlos entluden sich die Treffer seines Kameraden auf den Verseuchten. Die anderen der kleinen Einsatztruppe fielen nach einem Moment des Zögerns ein.
    Karn wurde zurückgedrängt, aber er hatte bereits das Blut des jungen Mannes im Gesicht, so heftig waren die ersten Treffer gewesen.
    Als der junge Mann nur noch ein Haufen leblosen Fleischs und zerstörter Kleidung am Boden war, drehte sich Adrens wütend zu Karn um, die blutige Waffe kaum gesenkt.
    »Bist Du von allen guten Mächten verlassen? Wir sind nicht da, um mit den Verseuchten zu reden, wir schalten sie aus! Was, wenn er Dich verletzt hätte? Du weißt doch, wie schnell sich die Seuche ausbreitet!«
    Karn wischte sich erschüttert das Blut aus dem Gesicht, schloss die Augen und schmeckte das Kupfer auf den Lippen. Dämonenblut schmeckte ganz genau gleich wie menschliches Blut. Er hatte in seiner Dienstzeit in der Armee genug davon vergossen. Eigenes, wie fremdes.
    »Mag sein, aber es gibt eine Befehlskette, Korporal«, knurrte er Adrens an. »Und solange mein Befehl lautet, festnehmen und sichern, wird keine unnötige Gewalt angewandt. Ist. Das. Klar?«
    Seine letzten Worte waren leise und frostig. In der Armee hätte jeder gewusst, dass alles, außer Klar! als Antwort nun keine Option wäre.
    Aber natürlich hatte Korporal Adrens nie in der Armee gedient. Nicht, dass er nicht gewollt hätte, aber sogar von den Rekrutierern, die nun wirklich keine hohen Standards an das Frischfleisch hatten, war Adrens in die Wüste geschickt worden. Das frisch vom König gegründete D-I-C-E, was für Demon Interception Combat Executive stand, nahm offenbar jeden.
    Adrens hob seine Waffe soweit an, dass die Drohung kaum zu ignorieren war.
    »Es ist unsre Pflicht die Verseuchten aus der Gesellschaft zu entfernen. Mitleid ist eine Schwäche, die sie ausnutzen. Oder man ist sogar selbst ein Dämonensymphatisant!«
    Adrens letzte Worte waren nun wirklich eine offene Herausforderung.
    Karn blickte sich um und sah, dass die meisten seiner Leute abwarteten. Natürlich, da waren einige, die wie Adrens nur Soldat spielten. Sie gaben die Karikatur eines Soldaten ab und wie Haie, witterten sie Blut im Wasser. Doch es gab auch ein paar, die sich demonstrativ hinter Karn stellten.
    »Noch ein Wort, Adrens, und gehe davon aus, dass das unbotmäßige Verhalten ein Angriff auf unsre Befehle ist. Korporal, Sie stehen ganz dicht davor, eine orangene Linie zu überschreiten.«
    Adrens machte, wie erwartet, einen Rückzieher.
    »Rückgratloser Sadist«, wäre es Karn beinahe entfahren. Beinahe. Er würde später versuchen, Adrens an eine andere Einheit loszuwerden.
    »Ich muss alle nach Verletzungen absuchen«, entschärfte eine weitere Stimme die Situation fürs Erste. Der Doc trat zwischen die Männer und tat seine Pflicht. Natürlich gab es keine Verletzungen. Die Truppe war gepanzert, das Ziel unbewaffnet und überrascht gewesen.
    Und völlig ungefährlich, hätte man Karn nach seiner Meinung gefragt.
    »Na schön. Korporal Adrens und ihr zwei, packt den Toten in einen Leichensack und nehmt ihn mit.«
    Adrens wollte aufbegehren.
    »Korporal. Das ist ein direkter Befehl. Zudem wäre der Dämon auf eigenen Beinen mitgekommen. Aber da er das nicht mehr kann, müssen wir ihn nun tragen. Dieser Umstand sollte beim nächsten Mal bedacht werden, bevor man übereilte Handlungen einleitet. »Wir können den … Dämon ... ja schlecht rumliegen lassen, wo er doch die Gesellschaft verseucht und den Bürger in Gefahr bringt, nicht wahr?«
    Ein paar lachten pflichtschuldig und Karn wusste auch ohne Adrens mörderischen Blick, dass er sich damit einen unversöhnlichen Feind geschaffen hatte.
    »Wie hoch ist Risiko einer Ansteckung denn wirklich, Doc?«, fragte er den Mediziner auf dem Rückweg zu ihrem Einsatzfahrzeug leise. So recht hatte noch niemand, mit dem er gesprochen hatte, sich darauf einen Reim machen könnte. Laut Königshof, musste man seine Seele verkaufen, einen Unschuldigen opfern und dann einen Dämon einladen, in den eigenen Körper einzufahren. Erst danach würde man, allerdings im Austausch für ... - für was eigentlich? - ..., immer wieder des Nächtens zur Bestie, getrieben dazu, herumzustreunen, die Hunde und Katzen der Nachbarschaft zu jagen und zu essen. Widerlich!
    In der Truppe hingegen galt die Vorgabe, dass es nach einer Verletzung, bei Neumond zu einer Heimsuchung durch einen Dämon kommen könnte, der in einen einfahren wollte. Wieder eine andere Ansicht vertraten die Hardliner: Die Gefahr ginge vom verseuchten Blut der Paktierer aus. Es gäbe eine Art Übertragung wie bei AIDS, die allerdings nur die Perversen und Schwachen zu fürchten hätten.
    Für Karn und viele andere, ergab das überhaupt keinen Sinn. Aber für einige Andere, sehr laute Andere, sogar total viel Sinn.
    Der Tag graute und im Lichte des Tages konnte man keine Dämonen jagen. Warum nicht? Das ergab ungefähr soviel Sinn, wie alles Andere. Aber Karn war immer noch in seinem Inneren ein Soldat und ihm war klar, nein, vielmehr hoffte er, dass die hohen Tiere einfach viel mehr wussten und das Notwendige gefiltert weitergaben. Kein Soldat wollte wirklich, wirklich wissen, warum er tat, was er tun sollte. Er musste nur wissen, dass es dafür einen guten und gerechten Grund gab.
    Doch daran zweifelte Karn immer mehr und mitunter viel zu laut, wie ihm heute wieder bewusst geworden war.
    Karn seufzte und gab das Zeichen zum Abbruch der heutigen Spezialoperation.

    Zwei Tage später wurde er wach, weil ihn jemand am Arm rüttelte. »Wach auf, Karn. Sie sind unterwegs.«
    »Unterw …wer, warum?« Er schüttelte mühsam den Schlaf ab und sah in das besorge Gesicht von Sanjo, einer der wenigen Leute unter seinem Kommando, den er sogar als Freund bezeichnen würde.
    »Sie kommen wegen Dir natürlich. Deinen Augen.«
    »Meinen Augen? Was soll mit denen sein. Die sind immer noch entzündet, aber der Doc meinte in ein oder zwei Tagen …«
    »Du weißt es wirklich nicht, oder?« Sanjo schaute Karn voller Mitgefühl an und reichte ihm einen kleinen Rasierspiegel.
    Zwei entzündete Augen, in einem ansonsten unveränderten Gesicht schauten ihn an. »Ja und, was soll sein?«
    »Sie sagen, Deine Augen glühen bereits und sie werden mandelförmig.«
    Karn schnaubte. »Sie waren schon immer etwas mandelförmig, Sanjo. Ich habe polynesische Vorfahren, da ist das nicht ungewöhnlich.«
    Sanjo lächelte wissend. »Ja, ich weiß das und wen es interessiert, der weiß das auch. Nur … es gibt Leute, laute Leute, die es nicht interessiert. Die sehen die Entzündung und die Form. Sie sagen, es liegt am verseuchten Blut. Alle haben gesehen, wie es mitten in Dein Gesicht gespritzt ist und Du es Dir von den Lippen gewischt hast. Und heute ist Neumond. Du solltest wirklich …«
    Doch es war zu spät.
    Die Männer, seine eigenen Leute, drangen in die Unterkunft ein. Zerrten ihn in Unterwäsche ins Freie.
    Er konnte kaum etwas sehen, als sie ihn auf den Hof schleiften und gegen den Brunnen warfen, wo er sich schwer atmend hochzog. Er hatte einige ordentliche Schläge abbekommen, auch wenn er den Eindruck hatte, das gerade die Beiden, die ihn gegen den alten Brunnen geworfen hatten, ihn auch gegen die meisten Schläge abgeschirmt hatten. Er suchte nach Halt und bekam den schwankenden Eimer zu fassen, mit dem die Truppe sich immer mal wieder gutes Grundwasser holte, um sich damit zu waschen. Oder sogar als Trinkwasser, weil es besser war, als die Brühe, die aus den alten Leitungen im Haus kam.
    »Soweit ist es mit Dir gekommen, Karn. Jetzt auch noch ein Dämonenpaktierer. Einer, der verseuchtes Blut in sich trägt und nun unsre Gesellschaft vergiftet.«
    Adrens, natürlich. Der Scheißkerl hatte nur auf seine Chance gelauert.
    »Heute schon eine Katze gefressen?« Adrens Stimme war höhnisch.
    Karn richtete sich auf, so gut es sein geschundener Körper eben zuließ. Er blinzelte und versuchte, trotz seiner entzündeten Augen, klar zu sehen. Und tatsächlich, er sah klarer als je zuvor.
    »Korporal!« Karn versuchte soviel Autorität in seine Stimme zu legen, wie er konnte, doch schon nach dem ersten Wort traf ihn die Faust Adrens mitten ins Gesicht.
    »Halt die Klappe. Schon vergessen, wir reden nicht mit Dämonenpaktierern, wir schalten sie aus.«
    Karn hustete und spuckte Blut.
    »Armselig. Du bist eine Schande für die Uniform.« Adrens Stimme triefte vor unechtem Pathos.
    Karn konnte nicht anders. Er begann zu lachen.
    Uniform? Zu einer Uniform gehörte die Flagge, der Name, ein Rang, manchmal eine Marke und eine Dienstnummer. Eine Uniform zeigte an, wer man war, für wen man diente und an welche Regeln man sich hielt.
    Was D-I-C-E trug, war genau das Gegenteil. Alle Erkennungsmerkmale waren anonymisiert. Zum Schutz gegen die noch verborgenen, unsichtbaren Dämonen. Angelblich. Was würden die denn tun? Des Nachts kommen und deinen Hund essen?
    Sein Lachen wurde durch die harten Schläge und Tritte zu einem Keuchen, schließlich zu einem Wimmern und am Ende zu einem beinahe lautlosen Stöhnen.
    Mit letzter Kraft richtete er sich nochmal auf, drehte sich vollends zum Brunnen, beugte sich würgend über den Rand.
    Er sah den Eimer, der im Laufe der Aktion einen guten Meter in den Brunnen hinab gesunken war.
    Karn sammelte Blut im Mund an bis er daran zu ersticken drohte. Dann ließ es frei.
    Weitere, unbarmherzige Schläge prasselten auf seinen Rücken ein. Während sein Leben aus ihm herausfloss und sein Blickfeld schwand, sah er sein Blut, sich ganz unten, in dämonisch roten Spiralen, mit dem Wasser vermischen.

    Zeit verwundet alle Heiler
    von: Zarkaras Jade

    Blutrot spiegelt sich die Kerzenflamme im matten Gold der Schale wider. Rußende Räucherstäbchen und Stummel verkohlter Streichhölzer sammeln sich darin. Ich sitze gemütlich im Ledersessel hinter meinem Schreibtisch mit einem Buch in der Hand und schlürfe aus meinem Schraubdeckel-Trinkglas.
    Die Tür öffnet sich. Mit dem grellen Licht des Flures tritt eine unscheinbare Gestalt in meinen Raum. Sehr schmächtig, gar abgemagert. Hautenge ausgeblichene Jeans, die Beine kaum dicker als ein Streichholz. Bei jedem Schritt reiben sie aneinander. Der schlaffe, abgewetzte Rucksack auf dem Rücken, Ton in Ton mit der beigefarbenen Hoodie-Jacke, wirkt eher wie ein Fremdkörper. Wie ein Geschwulst, das nur darauf wartet, entfernt zu werden.
Schwäche liegt in den flachen Atemzügen. Die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, Ellenbogen fest an den Körper gepresst. Das Gesicht unter der zusammengefallenen Kapuze verhüllt. Gekrümmte Haltung.
    Eine ziemlich erbärmliche Gestalt.
    „Dunkel.“ Die sehr dünne und zittrige Stimme hat meine Annahme bestätigt, dass es eine Frau ist.
    „Sind Sie der Doktor?“ Sie streift sich die Kapuze vom Kopf. Zum Vorschein kommt ein kaltes Gesicht, gezeichnet von dunklen Augenringen und gefleckter Haut. Spröde, kreideweiße Lippen, tief gerötete Wangen. Das Haar abrasiert bis zur Haut.
    Auf ihre Aussage gehe ich nicht weiter ein, aber ich kann ihre Verunsicherung gut verstehen. Im Vergleich zu den Praxen üblicher Ärzte kommt meine eher einer Apotheke oder einem Antiquitätenladen gleich. Uraltes Mobiliar. Von Holzwürmern zerfressene Bücherschränke und verstaubte Wandregale, gefüllt mit abgegriffenen Enzyklopädien und Stapeln von Papier. Jede kleine Nische ausgefüllt mit religiösen und kulturellen Gegenständen. Eine Standuhr aus kohlschwarzem Holz, erdrückend mächtig. Wie der laute, dumpfe Viertelstundenschlag. Vergilbte Bilder, bereits von Krakelees gezeichnet. Zahllose Traumfänger an der Decke. Ein kleiner Kamin ist die mit Abstand relevanteste Licht- und Wärmequelle.
    „Nehmen Sie Platz.“ Ich stelle mein Getränk zur Seite und deute auf die lederne Hockerbank vor meinem Schreibtisch.
    Während die Frau zu dieser schlurft, gehe ich zum zugezogenen Fenster. Ich öffne die blickdichten Gardinen einen Spalt und linse hinaus auf die schmale, verregnete Gasse. In Schwärze getaucht von der Nacht. Allein das kleine, gelbe Oberlicht an der Tür erhellt das Kopfsteinpflaster. Seichter Sommerregen reflektiert im blassen Lichtkegel.
    „Was ist Ihr Anliegen?“
    „Ich habe gehört, Sie können Menschen wie mir helfen?“
    Ich schließe die Gardinen wieder und drehe meinen Kopf zu ihr um. Ihre Silhouette flackert wie das knisternde Kaminfeuer hinter ihr. Sie schaut mich an. Wie zwei trübe Diamanten strahlen ihre Augen in dieser Dunkelheit.
    „Also kranken Menschen“, spricht sie weiter. „Menschen mit Krankheiten, die unheilbar sind.“
    Ich nicke. „Von welcher Krankheit sprechen wir in Ihrem Fall?“
    Schweigen.
    Ihr schweres Schlucken signalisiert mir, dass es ihr offenbar peinlich ist. Ich bewahre Ruhe, verharre weiterhin am Fenster und schaue sie geduldig an. Nach einer endlosen Minute und einer einzelnen Träne, die wie zäher Honig über ihr Gesicht rinnt, sagt sie: „AIDS.“
    Ich nicke erneut und gehe zu ihr. „Wie haben Sie es bekommen?“
    Verhalten streicht sie sich über den linken Unterarm und wendet ihren Blick von mir ab. „Ist das hinderlich für die Therapie?“
    „Nein, absolut nicht.“ Ich schaue ihn mir kurz genauer an. Verdickte Narben und purpur gefärbte Blutergüsse. Feine blaue Adern auf ihrer gefleckten, blassen Haut. „Aber …“
    „Gibt es ein Problem?“
    Ich schüttle den Kopf. „Um das klarzustellen, ich kann Sie nicht nur von allen Krankheiten befreien, sondern ich werde Sie von allen Krankheiten befreien.“
    „Man hat mir versichert, es kostet kein Geld. Stimmt das?“
    „Nein, nicht ganz.“
    Ein tiefes Seufzen. Angestrengt reibt sie sich mit den Handballen durch die tränenden Augen. „Und was kostet es dann?“
    „Wie viel haben Sie denn?“
    „Wa- was meinen Sie? Könnten Sie das präzisieren?“
    „Na, was ist es Ihnen denn wert? Wie viel Geld haben Sie denn bei sich?“
    Sie kramt in der Hosentasche herum und holt nach einer Weile Geld hervor. In ihrer offenen Hand drei Scheine und einige Münzen. „Fünfzig. Und ein paar Pennies.“
    „Ist akzeptiert.“
    „Äh, Moment. Das kommt mir jetzt nicht sehr seriös vor.“
    „Sie bemessen also die Seriosität am Preis?“ Ich verschränke die Arme und schaue sie fordernd an.
    „Meine Therapie kann man nicht mit Geld aufwiegen. Und die meisten meiner Patienten haben eh kaum Geld.“
    Sie runzelt die Stirn. „Aber fünfzig Dollar?“
    „Wie viel haben Sie denn in ihrem Leben schon für Drogen ausgegeben, obwohl Sie wussten, dass sie Sie auf Dauer zerstören werden? Wie viel haben Sie denn schon Ärzten zugesteckt, mit dem Wissen, dass auch die Sie nicht heilen können? Wenn Ihnen Ihr Leben keine weiteren fünfzig Dollar mehr wert ist …“ Ich zeige zur Tür.
    Nur kurz zucken ihre Augen dorthin, bevor sie sich wieder in meinem Gesicht verirren. „Und Sie können mir ganz sicher helfen?“
    Ich nicke bestimmt.
    Wie ferngesteuert wandert ihre Hand zum Schreibtisch und legt das Geld auf diesen nieder.
    „Aber bevor wir beginnen, muss ich Sie noch auf einige Dinge hinweisen.“ Aus der Schublade unter meinem Schreibtisch entnehme ich einen Zettel vom Papierstapel - der Vertrag - und überreiche ihn ihr.
    „Diese Behandlung ist einmalig. Es wird auch keine Folgeuntersuchung geben. Das heißt: Nach der heutigen Behandlung sind Sie entlassen und kommen nie wieder zu mir. Ich gebe Ihnen Brief und Siegel darauf, dass Sie binnen weniger Wochen von all Ihren Krankheiten geheilt sein werden und auch nie wieder an diesen erkranken können. Des Weiteren muss ich Sie darauf hinweisen, dass der Eingriff für gewöhnlich das Sprechvermögen für einige Stunden blockieren wird. Versuchen Sie es gar nicht erst zu erzwingen, es wird Ihnen nicht gelingen. Das ist aber ganz normal.
Mit Ihrer Unterschrift stimmen Sie der Behandlung zu und bestätigen, dass die Behandlung für den von Ihnen geleisteten Geldbetrag durchgeführt wird. Und Sie bestätigen, den Vertrag gelesen und akzeptiert zu haben.“
    Ich schiebe ihr meinen Füller hin. Sie trägt ihre Daten - Name, Geschlecht, Alter, Geldbetrag – ein und ich zeichne gegen. Dann verschwindet der Vertrag wieder in der Schublade.
    „Ich bitte Sie jetzt, Ihren Oberkörper freizumachen.“
    Während sie damit beschäftigt ist, sich zu entblößen, bereite ich meine Utensilien vor. 
Ich öffne die Glasvitrine zu meiner Linken und durchstöbere die Fächer. Fläschchen, Tinkturen, Kräuterdosen. Kleine Tabakkisten mit verschiedenen Aufschriften, in jeder ein Dutzend Reagenzgläser, durchnummeriert und etikettiert.
    „Komplett?“, höre ich sie fragen.
    Aus den Augenwinkeln blicke ich zu ihr. Sie starrt mich an, zittert am ganzen Leib. In den Händen hält sie ihre Jacke und Pulli zusammengeknüllt.
    „Ja, komplett.“
    In der vorletzten Kiste finde ich noch ein unbenutztes Reagenzglas. Ich halte es kurz gegen das Licht. Zwei Hohlnadeln von unterschiedlicher Stärke. Ich stelle es zusammen mit einem Fläschchen Desinfektionsmittel und Wattebäusche auf eine Nierenschale und trage sie zum Schreibtisch rüber. Anschließend entnehme ich die dünnere Nadel - kaum breiter als ein menschliches Haar, acht Zentimeter lang - und desinfiziere sie gründlich. Das stumpfe Ende der Hohlnadel ist versiegelt mit einem Metalltropfen.
    Erneut schaue ich zu meiner Patientin.
    Wie eine Katze ihr Stoffknäuel hält sie sich ihre Kleidung an die Brust gedrückt. Ihre glasigen Augen verfolgen mich, während ich langsam auf sie zugehe. Ihr Atem ist schwer, der Herzschlag leicht beschleunigt. Man sieht es ihr an, dass sie sich fürchtet.
    „Entspannen Sie sich.“
    Sanft streiche ich mit meiner Hand über ihren verkrampften Rücken. Graue Fäulnis und Kratzer zieren die dünne Haut. Feine Adern und blaue Flecken. Trotz meiner Latexhandschuhe kann ich sehr genau spüren, wie weich sie ist. Kalt und warm zugleich, zitternd bei jeder Berührung meiner Finger.
    Schweiß und Gänsehaut.
    Ich fühle jede Unebenheit, jedes Härchen.
    Ihr ganzer Körper bebt.
    „Kalt.“
    Behutsam fahre ich mit Zeige- und Mittelfinger ihre Wirbelsäule entlang, vom Kreuz bis zum Nacken hinauf. Ich desinfiziere auf Höhe der Schulterblätter und setze vorsichtig die Nadel an.
    „Das wird jetzt kurz schmerzhaft werden.“
    Dann steche ich hinein, direkt ins Mark, ins knorplige Fleisch.
    Sofort schreit sie auf, keuchend und hustend.
    Immer tiefer und fester bohre ich die Nadel hinein. Es geht schwer, schwerer als beabsichtigt.
    „Es ist gleich vorbei. Atmen Sie tief durch. Das lindert den Schmerz.“
    Aber sie tut es nicht, sie atmet überhaupt nicht. Hände und Gebiss krallen sich in ihr Kleidungsbündel. Ohrenbetäubendes Kreischen, kaum gedämpft vom Stoff. Aufgeschäumter Speichel quillt aus ihren angespannten Lippen hervor.
    „Atmen! Sie müssen atmen!“
    Ihr Rücken verkrampft, die Füße scharren unkontrolliert über den Boden. Ich schlinge meinen freien Arm um ihre Brust, drücke ihren Körper durch, richte sie wieder etwas auf. Ihr Schreien wird flacher, der Herzschlag immer schneller. Ich spüre das Pochen bis hinauf ins Nadelende.
    „Atmen Sie! Unterdrücken Sie den Schmerz!“
    Währenddessen bohre ich die Nadel immer weiter, Millimeter um Millimeter, in sie hinein.
Durch Mark und Fleisch, Sehnen und Knorpel.
    „Ich weiß, dass Sie das schaffen!“

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie schmerzhaft es für sie sein muss. Unzählige Male habe ich diese Prozedur bereits durchgeführt und immer haben meine Patienten dabei Todesqualen gelitten. Aber bei ihr habe ich gehofft - wer sich jahrelang mit Nadeln selbst verstümmelt - dass sie schmerzresistenter sei.
    Wenn es mir möglich wäre, hätte ich an ihr die sanftere Methode durchgeführt. Ehrlich gesagt hätte ich die sanfte Methode bei jedem Patienten bevorzugt.
    Aber es ist meine Bürde.
    Herzlos, empathielos, kühl.

    Sie hat sich überwunden und ringt sich zu einem gequälten Atemzug durch, rasselnd und hektisch.
    Dann einen Weiteren. Ihr Brustkorb bläht sich auf, der Herzschlag beruhigt sich langsam.
    Plötzlich scheint sie es nicht mehr erwarten zu können, so tief und frei zu atmen.
Zwar zitternd und mit jedem Ausatmen Speichel aus ihren Mund tropfen lassend, dennoch sehnsüchtig und erleichtert.
    „Weiter atmen. Sie haben es gleich geschafft.“
    Ich lasse ihr noch einige kräftige Atemzüge, bevor ich die Nadel das letzte Stück hineinbohre. Dass ihr das einen weiteren Schub zermarternde Qualen bereitet, kann ich ihr sofort ansehen.
Aber sie hat offenbar verstanden, dass das Weiteratmen die einzige Möglichkeit zur Linderung ist.
So etwas simples, das unter solchem Stress schnell vergessen wird.
    „Sie haben es überstanden.“
    Vorsichtig tupfte ich ihr das wenige Blut vom Rücken. Warm und schmierig, ein süßlicher Duft.
    „Sie können sich wieder anziehen.“
    Währenddessen entsorge ich meine Handschuhe und wasche meine Hände.
Noch etwas wackelig auf den Beinen steht sie auf und schaut mich aus verwässerten Augen an. Sie öffnet den Mund und formt ein „Danke“ mit ihren Lippen.
    Wir reichen uns die Hände zum Abschied.
    Ich schaue ihr noch hinterher, wie sie meine Praxis wieder verlässt, und gehe zum Fenster. Nach einer Weile tritt sie unten aus der Haustür und verschwindet in der Dunkelheit der Nacht.
Ich gehe zurück zum Schreibtisch und entnehme die zweite Hohlnadel aus dem Reagenz. Anschließend greife ich mir ein neues Trinkglas aus dem Schrank und spüle es kurz im Waschbecken aus. Dann schraube ich den Deckel drauf und stecke die Hohlnadel in die Öffnung. Schon nach wenigen Sekunden tropft es dunkelrot heraus.
    Mit dem noch leeren Glas in der Hand gehe ich zur Vitrine und schaue die anderen Gläser durch.

    -Andrew Cohan: Leukämie-
    -Zara Reed: Wells-Syndrom-
    -Jasmine Oris: MS-

    Einige sind wieder gut gefüllt.
    Ich nehme einen kurzen Zug.
    „Hab schon schlechteres getrunken.“
    Genüsslich fahre ich mit der Zungenspitze über meine obere Zahnreihe. Wie jedes Mal zucke ich kurz zusammen, als sie die beiden Lücken meiner Eckzähne passiert.

    Der Beginn der Plage
    von: Sensenbach


    Jeden dieser verdammten Scheißtage, wie abgrundtief ich sie hasse. Aber dieser ist besonders beschissen. Mir brummt der Kopf, und die Dreckssonne scheint mir mitten ins Gesicht. Es muss Samstag sein, denn gestern hat der Nachbar über mir Besuch gehabt. Haben es getrieben wie die Karnickel, bis spät in die Nacht. Das geht jeden Freitag so und jedes Mal mit einer anderen, denke ich zumindest. Ich habe mal eine seiner Flammen morgens im Hausflur gesehen. Sah gar nicht übel aus, keine Ahnung wie der das macht. So toll ist der nicht … eigentlich ist der ein ziemlicher Arsch! Aber jeden Freitag das Gleiche. Heute ist jedenfalls Samstag und mir dreht sich alles, das letzte Bier war wohl schlecht.
    Ich schleppe mich ins Wohnzimmer. Mein Mund ist trocken wie Sägespäne und mein Hals schmerzt. Da hilft nur ein Glas O-Saft mit einem ordentlichen Schuss Wodka. Jeder verdammte Knochen tut mir weh, als hätte mich jemand in der Mangel gehabt, dabei hab ich nur die halbe Nacht „Doom“ gespielt und mich gemütlich dabei besoffen. So wie jeden verdammten Freitag. Bekommt man vom „Doom“ spielen Muskelkater? Erstmal pissen.
    Uhh, das tut gut. Muss alles raus. Ist noch Druck auf der Blase, aber tröpfelt nur noch. Hab wohl Prostata. Ist da Blut mit drin? Egal … Duschen, Zähneputzen, Haare kämmen. Irgendwie ist der Tag schon am Morgen verranzt, der beschissene Kamm ist voller Haare. Krieg ich jetzt `ne Glatze? Und am Arm sind so schwarze Flecken, hab ich mich gestern etwa abgepackt? Möglich ist das, ich war so voll wie eine Feldhaubitze, keine Ahnung wie ich es ins Bett geschafft habe. Mir ist wirklich schlecht und meine Augen sehen so rot aus, als hätte ich sie in Essig gebadet. Soll ich besser wieder ins Bett gehen? Nee, ich hab es den Jungs ersprochen, dass ich etwas für die Allgemeinheit tue und nicht immer nur an mich selber denke.
    Jacke übergezogen, Schlüssel nicht vergessen und ab dafür. „Guten Tag, Frau Jendrosek!“ Die Olle ist in ihren Dackel verliebt, der Mistköter. Scheiße ist das hell, das hält ja niemand aus. Mir ist wieder schlecht und meine Haut kribbelt, als würden Ameisen drüber laufen. Na, bis zur Helmut-Schmidt-Schule sind es nur ein paar hundert Meter. Ich lauf mal besser im Schatten. Jetzt Rücken grade und lächeln, sonst denken sie noch, ich sei besoffen. Da vorne ist das Schild. ‚DRK-Blutspende 10-18 Uhr‘. Na denn mal los.

    Skyclad
    von: Dion

    Das Trüblicht der Steinhängeleuchte zitterte durch das düstere, verwitterte Gewölbe unter dem Schwarzen Tempel. Schatten tanzten am Mauerwerk des Verlieses, das für hiesige Große Rituale diente. Auf dem Boden hockte Araceli, und sie blinzelte im Schein der Deckenleuchte, welche ihre weichen Züge aus Porzellan zum Schimmern brachte.

    Unter ihren Augen lagen jedoch dunkle Ringe, kränklich und fahl sah sie aus. Sie wandte sich vom Licht ab, als Verunsicherung sie nun überkam. Welche nur von meinem Entscheidungen haben mich hier an diesen Punkt gebracht? Als Antwort darauf kroch ihr verfluchtes Blut wie Frost durch ihre Adern und bereitete ihr Gänsehaut. Erschaudernd schlang sie ihre Arme um ihren bloßen Leib.

    Finsternis ergriff ihr Herz, und es entfachte in ihr einen Flächenbrand; ein Verlangen, das sie nicht mehr ignorieren konnte. Sie sah nun zu der emporragenden Männergestalt auf, zu deren Füßen sie sich hingekauert hatte. Ihr Atem stockte, als ein erneuter Schauder sie überlief: Seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen und spiegelten dasselbe wider, das auch sie zu verzehren drohte. Berauscht von ihrem Verlangen, begann der Raum sich in wilden Wirbeln um sie herum zu drehen. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, zog er sie hoch auf die Beine.

    Als er ihr nun von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, brach er das Schweigen und sprach eine Invokation: „Hilf mir, den Uraltar zu errichten, an dem in vergangenen Tagen alle beteten; den Altar aller Dinge.“

    Hiernach hob der Kultist, der Mann für das Ritual, ihr Kinn an und küsste sie. Im Vergleich zu ihm wirkte Araceli zerbrechlich wie ein rankes Püppchen. Mit einem Lächeln auf den Lippen schmolz sie dahin. An ihn schmiegend glitten ihre Finger zärtlich über seine gemeißelte Brust und hinunter zu seinen Bauchmuskeln. Sie sog seinen Körperduft ein, der sie an Gewürze und Rauch erinnerte. Jäh durchfuhr ihre Lenden ein warmes Prickeln und ließ sie zusammenzucken. Das brachte ihn dazu, wissend aufzulachen; ein rauer und keckernder Ton, der ihr unter die Haut ging.

    „Öffne den verborgenen Pfad für mich, den Weg des Erwachens“, brummte er auf ihre Lippen und schaute in ihre Augen, „jenseits der Pforten von Tag und Nacht, jenseits der Grenzen von Zeit und Empfindung.“ Araceli schluckte laut.

    Die Schatten im Verlies vertieften sich zu etwas Lebendigem, Bedrohlichem, das voll Berechnung die junge Frau mit kaltem Interesse belauerte. Unsanft wurde Araceli gegen eine Steinwand gedrückt. Mit den Händen stützte sie sich ab, wobei die raue Oberfläche von Stein sich mit Kälte in ihre Finger und Handflächen biss. Ihr Puls pochte in den Ohren. Fest schlangen sich seine Arme um ihre formschöne Taille. Hitze strahlte auf ihren zitternden Rücken, als würde sich eine Ofentür öffnen. Behänd glitten seine Finger zu ihren Hüften, und sie gruben sich so voller Unnachgiebigkeit in ihre Haut, dass sie Abdrücke hinterließen.

    Araceli zischte vor Schmerz auf, der sich mit ihrem überwältigenden Verlangen verquickte. Den Kopf zu ihrem Mann drehend, nickte sie ihm mit trüber Miene zu.

    „I-Ich bin ... bereit.“ Sie atmete tief ein und aus. „Im Kreis sind wir alle gleich, die in Dunkelheit wandern. Vereinen wir unsere Energien, sodass Wind und Erde vermählt werden.“

    „So soll es sein“, erwiderte ihr Mann. „Lanze und Kessel vereinen sich hier!“ Und damit drang er endlich in ihr ein.

    Laut schnappte sie nach Luft und schloss erschaudernd die Augen. „Bitte, sei ... sanft.“

    Zunächst stieß er langsam zu, quälend langsam, bevor er das Tempo steigerte. Er kostete jeden Moment ihrer lieblichen Wärme voll aus. Bald wölbte Araceli ihren Rücken, um seine Stöße abzufedern, und sie begann zu seufzen. Ihr Atem ging keuchend. Schmerzhaft krallten sich ihre Fingernägel gegen grauen Stein, einige brachen im Zuge des Tanzes blutig ab.

    Jeder Stoß jagte Euphorie durch ihren Körper. Dabei hüpften und bebten ihre Brüste, die kleinen Muskeln im Rücken strafften und entspannten sich wieder. Ihre geschmeidige Gestalt erzitterte, als er immer wieder wie ein scharfer Stich in ihr eindrang.

    Wie ein wirres Kaleidoskop kreiste inzwischen das Verlies um sie herum. Schattenfiguren schwärmten und wirbelten umher; die Dunkelheit pulsierte. In einem makabren Reigen tanzten die Schemen, während Mann und Frau sich mehr und mehr in den Wirren der Lust verloren. Die Verworfenheit ihrer rohen Vereinigung befeuerte nur noch mehr deren Verlangen.

    Araceli keuchte und ächzte. Den Kopf zurückwerfend, riss sie den Mund zu einem stummen Schrei auf. Braungelbe Naturwellen fielen ihr über die Schultern, umrahmten ihr gerötetes Gesicht.

    Weitere Schattengestalten, die zuvor in den Ecken des Verlies gelauert hatten, schoben sich nun näher; ihre Augen funkelten in allen Farben mit einem unheimlichen Licht. Um Mann und Frau schwirrten die Gespenster herum, und deren düsteren Formen verformten sich zu grotesken Grinsern.

    Wie Nadelstiche spürte sie ihr Stieren. Es schürte das Feuer weiter in ihr an und verleitete sie zu einem verruchten Lächeln. Eine Welle von Wärme überkam sie. Sie keuchte auf und ihre Hüften zuckten, als er eine besonders empfindliche Stelle in ihr streifte.

    „Tu, was du willst“, flüsterten sie mit Grabesstimme zu.

    Die Spukgestalten streckten nun ihre eisigen Hände nach Araceli aus. Wie Eiszungen wanderten Nebelfinger über ihren Körper, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Es mehrte das Gewirr ihrer Empfindungen.

    Hände grapschten ihr an den runden Busen als sei er eine Frucht, die zum Pflücken reif war. Ungezügelt kneteten sie ihn. Plötzlich presste sie ihre Schenkel zusammen und gab einen Stoßseufzer von sich; eine andere Eishand war unvermittelt zwischen ihre Beine geglitten. Ungeachtet der erniedrigenden Natur, derart berührt zu werden, konnte Araceli einfach nicht anders, als eine düstere Angstlust zu empfinden.

    Fast mit Gewalt drehte eine Geisterfrau aus Nebel den Kopf der jungen Frau zur Seite und küsste sie heftig. Ihre durchscheinende Gestalt flackerte wie eine Kerzenflamme im Wind; schön und grauenhaft mit Wallhaar in Elfenbeinweiß und milchig-weißem Stechblick eines Raubtiers. Flatternd schlossen sich Aracelis Augen, als sie den Kuss erwiderte. Sie wimmerte leise auf, während ihre Münder hungrig aufeinander zu wanderten. Eine seltsame Empfindung beschlich sie: Unwirklichkeit, aber auch angenehme Kühle zu ihrer Überraschung. Ihr Körper zitterte vor Erregung, zwiegespalten von Scham, Angst und Verlangen. Tu, was du willst!

    Als Araceli sich vorlehnte, um an der Unterlippe der frivolen Weißfrau zu knabbern, blitzten plötzlich verstörende Bilder vor ihren Augen auf:

    Sie liebkoste das Maul einer graufahlen Dämonenfratze, aus dem sich zwischen unvollständigen Zahnreihen eine Gabelzunge wie ein Wurm hervorwand. An der zerhauenen Visage klebten lange, dünne Strähnen in Tiefschwarz. Gestank ging von ihr aus, fast wie Ammoniak und Schwefel, der Atem penetrant von Niedergang und Zahnfäule geschwängert.

    Die schlangenartigen Augen der Dämonin verengten sich vor Schadenfreude; gackernd lachte sie. Furchtsam keuchte Araceli auf und wich vor ihr zurück. Ohne zu wissen warum, blickte sie dann flüchtig über ihre Schulter zu ihrem Mann. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Vielleicht sah sie zum ersten Mal sein wahres Ich:

    Eine finstere, entsetzliche Gestalt. Sein Kopf war nichts weiter als der Umriss eines Schädels, der in Düsternis verhüllt war, mit aufgerissenen roten Augen, die ohne ein Licht von Gnade in schwarzen Höhlen unheilvoll glühten.

    Tief und kehlig grollte er, kaum menschlich.

    Auch wenn sie es nicht völlig sah: Ihr Rücken und ihre Hüften waren mit roten Striemen und Blutergüssen übersät; aus Schrammen flossen dünne Rinnsale von Blut. Zu ihrer Befremdung neigte die Dämonin sich nieder und küsste fast schon in Ehrfurcht ihre Wunden. „Tu, was du willst“, murmelte diese, als seien die Worte ein Gebet auf den Lippen.

    In diesem Augenblick ergriff Araceli Abscheu vor dem, was sie hier tat, und sie empfand dabei zunächst Ekel vor sich selbst. Aber tief in ihrem Inneren … gefiel es ihr!

    Tu, was du willst!, pochte es auch wieder in ihrem Kopf.

    Schlagartig wurde ihr Ekel zu einem Teil dessen, was das Ganze so reizvoll für sie machte; so aufregend und so verkehrt! Und das machte es noch reizvoller.

    Leise kicherte Araceli vor sich hin und zuckte dann ächzend zusammen. Dieses verruchte warme Prickeln in ihren Lenden! Ihr Mann antwortete darauf mit einem Stöhnen. Immer wenn ihre Angst und etwas Verdorbenes sich zu Sinnlichkeit vereinigten, bereitete es ihr Genuss.

    Tu, was du willst! Und damit ließ sie sich Kopf voran wie in einen tiefen Brunnen fallen, und die Dunkelheit verschluckte sie ganz …

    Und urplötzlich, wie durch ein Fingerschnippen aus einem Traum geweckt, kehrte sie in die … Realität, ihre Wirklichkeit zurück.

    Sie erblickte vor sich noch das bleich schimmernde Nebelgesicht der Weißfrau; über ihr hohes Jochbein baumelte eine Strähne, ein Keckblick von unbehaglicher Ruhe in den Augen. Eisig tätschelte sie mit Nebelfingern, die Spinnenbeinen ähnelten, über Aracelis Wangen.

    Fröstelnd lehnte diese sich in die Liebkosung.

    „Dein verdorbenes Blut hat uns gerufen“, hauchte die Geistin, Araceli tief in die Augen blickend; ein seltsames Lächeln auf den bleichen Lippen. „Dein Tag des Erwachens. Du bist jetzt eine von uns!“ Beide neigten sich zu einem Kuss vor, um es zu besiegeln.

    Die Lippen der zwei Frauen bewegten sich im Takt, suchten, lernten; lange und innig küssten sie sich. Araceli seufzte in die vollen, weichen Frauenlippen. Die Flut von unirdischen Eindrücken drohte sie zu überwältigen.

    Hierauf löste die Geistin sich wortlos von ihr los und verschwand. Schatten, die bisher um sie herum getanzt hatten, wirbelten plötzlich schneller. In einer spöttischen Nachäffung von Lust verformten sie sich zu Fratzen und gewundenen Körpern.

    Hitze rauschte durch ihren Bauch und sammelte sich in ihren Lenden. Die Spannung in Aracelis Unterleib steigerte sich immer mehr. Ihre kleine Hand wanderte zwischen ihre Beine und fuhr in Hektik hin und her. Stöhnend sprudelten Worte in einem atemlosen Stoßgebet aus ihrem Mund. Über ihre feinnervige Knospe rieben die zarten Finger schnelle Kreise, derweil baute sich ihre innere Anspannung zu einem Crescendo auf.

    „Oh … bitte, hör … ja nicht … auf!“, keuchte sie voll Verzweiflung über ihre Schulter. Ihre Haut glänzte von Schweiß, als sie den Rücken noch mehr wölbte. Ihre Brüste schwangen bei jeder seiner frenetischen Stoßbewegungen hin und her. „Ahh ... würde es ... nicht ertragen, ... dass es ... so endet.“

    Ihre Beine fingen zu zittern an. Die Schemenbilder um sie herum schienen vor ihrer unbändigen Wollust wie vor einem innerlich entzündeten Licht zurückzuweichen. Schließlich explodierten Sterne vor Aracelis Augen. Ihr Kopf fiel nach vorne, den plötzlichen Geschmack von Blut im Mund, als hätte sie sich zu stark verausgabt.

    „Ohh … jaaa!“, stieß sie wehklagend aus, und sie zog sich um ihn zusammen. Ihr Höhepunkt brach nun wie eine Sturzflut über sie herein, weswegen sie die Zehen krümmte. Ihr Körper erbebte durch die entfesselte Wucht, und seine Lebenskraft ergoss sich in ihr Allerheiligstes. Jedes Ende war ein neuer Anfang.

    Ihr Leib zitterte noch schwach, als ihr Mann seine kräftigen Arme um ihre Taille schlang und sie näher an sich heranzog. Er küsste ihr den Nacken, und Araceli schmiegte sich in seine Umarmung; seine Finger strichen voller Verehrung über ihren Unterleib.

    Nachdem ihre Energie erschlafft war, lag sie seufzend immer noch in seinen Armen, und sie gab sich ganz seinen Liebkosungen hin. Nach einer Weile schlug sie die Augen auf und blickte traumverloren vor nachglühender Wonne zum Waruluger [1] auf.

    „Das war … unglaublich“, hauchte die erwachte Hazissa [2] und schenkte ihm ein träges Lächeln, deren Augenlider halb geschlossen.

    Araceli hatte es getan: Sie rief mit ihrem verfluchten Blut die Finsternis herbei, welche die ganze Zeit in ihr geschlummert hatte. Es gibt Freiheit in der Dunkelheit …

    Diese Wahrheit reichte tiefer als alles, was sie verdeckte.

    Fußnoten

    [1] Hexenmeister / Hexer.

    [2] Althochdeutsch: Hexe.

    Die letzte Einladung
    von: Sikadian

    Madame Élise Duvall lädt Sie zu einem exquisiten Anlass ein. Darunter eine Adresse in einem Vorort von Toulouse und mit dem Zusatz: Mitternacht. Die Schrift war auf cremefarbenem Papier verfasst. In handgeschriebenen Lettern, die sie offenbar aufwendig mit Federkiel und roter Tinte geschrieben hatte.

    Antoine las die Karte zum hundertsten Mal, während er vor dem Torbogen der Villa Duvall stand. Vor zwei Wochen war er Élise auf einer Vernissage begegnet. Seither stellte er sich stets dieselbe Frage: Was wollte eine Frau ihres Standes von einem einfachen Künstler wie ihm?

    Das Tor schwang auf und er betrat das Anwesen. Nachdem er den imposanten Hof durchquert hatte, blieb er vor dem Haupteingang stehen. Die Tür öffnete sich wie von selbst und gab die Sicht auf ein einladendes Foyer preis. In warmes Kerzenlicht getaucht erblickte er die Gastgeberin darin. Sie wartete an der niedrigsten Stufe einer Treppe, direkt vor ihm. Élise Duvall trug ein edles rotes Abendkleid, das aus einem leicht schimmernden Stoff gefertigt schien. Wie immer wirkte sie bezaubernd. Ihr wallendes, rotes Haar hing über ihre Schultern und das Kleid betonte ihre äußerst attraktive Figur. Auf ihren verführerisch roten Lippen zeichnete sich ein laszives Lächeln ab.

    „Antoine", sagte sie mit lieblicher Stimme. „Ich bin so froh, dass Ihr gekommen seid."

    „Élise, schön Euch wiederzusehen." Er nahm ihre Hand und küsste zärtlich deren Rücken.

    „Kommt", hauchte sie. „Lasst uns zusammen speisen. Ich habe da etwas vorbereitet."

    Ein ungutes Gefühl beschlich ihn, doch er folgte ihr.

    Der Salon war von flackerndem Kerzenlicht erfüllt. Ein schwerer Duft von Parfum, Wein und Tabak hing in der Luft. Zu Antoines Überraschung wartete ein Mann in der Mitte des Raumes, dieser hielt selbstgefällig einen Kelch in der Hand und musterte Antoine mit einem Blick, der alles andere als zuvorkommend wirkte.

    „Mesdames et messieurs", verkündete er mit übertriebener Gestik. „Darf ich Ihnen unseren... besonderen Gast vorstellen?" Hinter ihm fiel die Tür zu, geschlossen von Madame Élise. Antoines Unbehagen wuchs. Was sollte diese Scharade? Weitere Gestalten warteten am anderen Ende des Raumes. Sie alle waren in Dunkelheit gehüllt.

    Per Geste deutete der Mann in der Mitte den Gestalten nun an, sich zu ihm zu begeben. Fragend drehte sich Antoine zu Élise herum. „Ich weiß nicht, was dieses Schauspiel soll, aber ich bin nicht interessiert!" Ein Zug um ihre Lippen, doch keine Antwort. Die Blicke der anderen Gäste fixierten ihn. „Ihr dachtet doch wohl nicht, dass eine edle Dame wie ich sich mit so einem Straßenköter wie Euch abgeben würde?", fügte sie schließlich an.

    „Trinkt doch, mon ami", drängte ihn der Mann in süßlichem Tonfall, während er ihm einen Kelch reichte. „Élise hat diesen Jahrgang eigens für heute Abend aus dem Keller geholt. Es wäre schändlich, diesen edlen Tropfen zu verschwenden."

    Die anderen lachten, aber darin lag nicht ein Hauch von Freundlichkeit. Eher klang es nach Spott. Sie alle hielten ebenfalls Kelche in den Händen und tranken, als wäre die rote Flüssigkeit mehr als nur Wein. Wo bin ich hier nur hineingeraten?, fragte sich Antoine. Madame Élise schwieg nun, nippte nur stumm an ihrem Kelch, den Blick auf Antoine gerichtet.

    Umzingelt von Wahnsinnigen, die nur noch auf das Signal warteten. Seine Finger umklammerten den Kelch fester. Dann geschah etwas Unerwartetes.

    Der Mann schien sich verschluckt zu haben. Zunächst nur ein trockenes Husten, fast lächerlich, ein Geräusch, das man mit einem spöttischen Klopfen auf den Rücken hätte quittieren können. Dann wurde es tiefer, krampfhaft. Er beugte sich vor, eine Hand auf der Brust, die andere noch immer um den Kelch gekrallt.

    Ein leises Lachen ging durch den Raum. „Marcel, zu gierig getrunken?", scherzte einer der Gäste.

    Das Lachen verebbte, als am Rand des Salons eine Frau plötzlich würgte. Ihr gläserner Kelch fiel klirrend zu Boden, beide Hände fuhren an ihren Hals, als wolle sie etwas Unsichtbares aus sich herausreißen. Ihre Pupillen traten hervor, dunkel und glasig.

    Antoine beobachtete, wie sich etwas veränderte. Erst ein Zögern, dann eine Erkenntnis. Die selbstgefällige Arroganz der Anwesenden wich blanker Panik.

    Der Mann vor ihm – Marcel, wie Antoine nun wusste – taumelte. Der Kelch glitt ihm aus den Fingern und zerschellte auf dem Parkett, roter Inhalt spritzte auf das Bodenholz. „Was … was ist das?" Der Tonfall überschlug sich, brach mitten im Satz. Marcels Blick wanderte zu Élise. Blankes Entsetzen darin. „Du … du Hure", keuchte er. „Was hast du getan?"

    Die anderen setzten sich in Bewegung, doch auch sie waren von dem Inhalt ihrer Kelche beeinflusst. Der Reihe nach stolperten und stürzten sie, als ob ihnen jedwede Koordination abhandengekommen wäre. Einer schlug hart auf, ein anderer blieb krampfend liegen. Aus geöffneten Mündern quoll grauer Rauch, etwas verbrannte sie von innen.

    Antoine wich zurück, presste sich gegen die Wand. Das Röcheln schwoll an und füllte den Salon. Marcel kroch vorwärts. Qualvoll, auf allen vieren. Seine Finger hinterließen dunkle, schmierige Spuren auf dem Parkett. Haut riss auf, ohne dass er es zu bemerken schien. „Hilf … mir …" Die Worte kamen flehend, verzweifelt.

    Der Körper einer Frau hinter Marcel blähte sich auf, Luft schien in sie gepresst zu werden. Ihre Haut spannte sich, wurde dünn und spröde. Sie platzte.

    Antoine schloss instinktiv die Lider. Warmes Blut spritzte in sein Gesicht. Der Geschmack von Eisen breitete sich auf seiner Zunge aus.

    Als er wieder hinsah, war der Salon nicht mehr wiederzuerkennen. Körper zerfielen, schrumpften, barsten. Das Chaos war entfesselt.

    Antoine verharrte wie erstarrt. Seine Hände zitterten. Überall war Rot. An seinen Fingern, auf seinem Hemd, in seinem Haar.

    Ekel stieg in ihm auf. Er wandte sich ab und übergab sich in die Ecke, sein ganzer Körper bebte. Was war das? Was hatte er gerade erlebt? Menschen – nein, das waren keine Menschen – waren vor ihm zerplatzt wie überreife Früchte.

    „Antoine..." Élises Stimme.

    Er fuhr herum, wich vor ihr zurück. „Bleibt mir fern!" Die Worte brachen. „Was... was seid Ihr? Was war das?" Er deutete auf die Überreste im Raum, unfähig, das Unfassbare zu benennen.

    „Vampire." Das Wort kam schwer über seine Lippen. „Ihr wollt mir erzählen, dass Ihr... dass die alle..."

    „Ja."

    „Das ist Wahnsinn." Ein bitteres, ungläubiges Lachen. „Das gibt es nicht. Das sind Märchen. Ich träume. Ich muss träumen." Er kniff die Lider zusammen, öffnete sie wieder. Élise wartete noch immer vor ihm, blass und real.

    „Ihr habt sie sterben sehen, Antoine. Ihr wisst, dass es wahr ist."

    „Ich weiß gar nichts!" Er fuhr sich durchs Haar. „Vor einer Stunde dachte ich, ich sei zu einem Abendessen eingeladen. Und jetzt... jetzt erzählt Ihr mir, Ihr seid Jahrhunderte alt und habt gerade ein Dutzend... Kreaturen... mit Eurem eigenen Blut vergiftet!" Der Tonfall wurde lauter, verzweifelter. „Versteht Ihr, wie absurd das klingt?"

    Élise schwieg, ließ ihm Zeit. Langsam sank Antoine auf einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände.

    „Ich bin doch nicht verrückt", murmelte er schließlich. „Warum fühle ich mich dann wie ein Irrer?"

    Élise verharrte mit ruhigem Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie wirkte traurig, aber befreit.

    „Kommt mit mir, Antoine. Es gibt etwas, das Ihr sehen müsst."

    Zögernd nahm er ihre Hand und liess sich von ihr führen.

    Sie brachte ihn nach oben in die Bibliothek. Hohe Regale säumten die Wände, und in einem Kamin flackerte ein wohliges Feuer. An der Wand hing ein Gemälde: Ein junger Mann mit dunklem Haar, in altmodischer Kleidung, sein Gesicht dem seinen zum Verwechseln ähnlich.

    Antoine betrachtete das Portrait genau, fassungslos ob diesem Spiegelbild.

    „Das ist Henri. Mein Henri. Er starb vor ein paar Jahren." Sie trat neben ihn. „Als wir uns auf der Vernissage trafen... nun, die Verwandtschaft ist unverkennbar. Ich wollte kaum meinen Sinnen trauen."

    Antoine starrte gebannt auf das Bild.

    „Ich liebte ihn. Aber ich verlor ihn." Brüchige Worte. „Nur drei Tage vor unserer Hochzeit."

    „Was habt Ihr getan, Élise?"

    „Mein Blut", antwortete sie ruhig. „Vergiftet über Wochen hinweg. Mit kleinen Dosen von geweihtem Silber, das für unsere Art tödlich ist." Ein bitterer Zug um die Lippen. „Marcel, der Mann, den Ihr unten erlebt habt, hat diese Vernissage organisiert, um Euch als Opfer hierher zu locken. Er ahnte nicht, dass ich andere Pläne hatte. Er konnte nicht wissen, dass ich meinen Henri wiedergefunden habe."

    Élise wandte sich vom Gemälde ab und richtete ihren Blick direkt auf Antoine.

    „Wisst Ihr, was mich an jenem Abend auf der Vernissage wirklich faszinierte? Nicht nur Euer Gesicht." Sie trat näher. „Es war die Art, wie Ihr vor jenem Gemälde verweiltet, das mit dem sterbenden Baum im Mondlicht. Alle anderen gingen achtlos daran vorbei. Aber Ihr... Ihr habt es betrachtet, als könntet Ihr den tieferen Sinn darin erkennen."

    Ein sanfter Ausdruck legte sich über ihre Züge. „Henri war auch so. Er nahm die Welt nicht wahr, wie sie war, sondern wie sie sein könnte. Voller Trauer und Schönheit zugleich." Leiser nun. „Als Ihr dann zu sprechen begannt, da wusste ich, dass Ihr mehr seid als nur sein Abbild. Ihr habt dieselbe verwundete Seele."

    Ihre Finger strichen ihm eine Locke von der Stirn. „Henri hätte Euch gemocht. Nicht weil Ihr ihm ähnlich seht, sondern weil Ihr versteht, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, die einen nicht sehen will."

    Antoine schluckte. „Aber ich bin nicht er, Élise."

    „Nein", bestätigte sie. „Ihr seid Antoine. Und genau das hat mir heute die Kraft gegeben, endlich zu tun, was ich tun musste."

    Sie reichte ihm einen ledergebundenen Band. Antoine begann darin zu blättern. Die ersten Einträge waren in Altfranzösisch, später Deutsch, dann Englisch. Daten, Namen, Orte. Und immer wieder die gleichen Worte: Liebster Henri.

    „Die anderen haben sich der Dekadenz hingegeben. Der Völlerei und der Wollust", fuhr sie fort. „Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um einen anderen Weg zu finden. Einen Weg, der dieser Existenz ein Ende setzt."

    „Ihr habt sie alle getötet... um mich zu retten?"

    „Nicht nur Euch." Tränen schimmerten. „Für Henri. Für all jene, die wir über die Jahrhunderte zerstört haben. Zu viele haben unter unserer Präsenz gelitten." Ihre Finger berührten den Rahmen des Gemäldes. „Als ich Euch sah, war es, als hätte Henri selbst mir ein Zeichen gegeben. Ein Zeichen, dass es Zeit ist."

    Sie schwankte leicht, und Antoine bemerkte erst jetzt, wie schwach sie geworden war.

    „Ich sterbe bereits. Langsam, aber sicher", hauchte sie. „Leistet mir noch eine Weile Gesellschaft, dann kann ich mit der Erinnerung an meinen Henri sterben." Und so saßen sie einfach da. Stunden verstrichen. Bis schließlich draußen der Himmel zu grauen begann, die ersten Strahlen der Sonne glitten über das Dach des Anwesens. Élise erhob sich langsam, ihr Blick bohrte sich tief in den seinen.

    „Ihr müsst jetzt gehen", sagte sie sanft.

    Ihre Finger strichen ihm über die Wange. „Ich möchte zu Henri. Ich habe ihn nochmals gesehen... in Euch. Das war mein Geschenk. Mein letzter Moment des Glücks."

    „Geht. Lebt. Für mich. Für Henri. Für all jene, die ich nicht retten konnte." Fest klangen die Worte, trotz der Feuchtigkeit in ihren Augen.

    Antoine zögerte, dann nickte er langsam. Er küsste ihre Stirn, ein letzter, sanfter Abschied. Dann wandte er sich um und verließ die Bibliothek.

    Élise blieb zurück. Sie trat ans Fenster, zog die schweren Vorhänge zur Seite. Die ersten direkten Sonnenstrahlen fielen auf ihre fahle Haut. Ein Brennen, das schnell zu Schmerz wurde, doch sie zuckte nicht zurück.

    „Henri..." Ein Flüstern. „Ich komme."

    Ein letzter Schimmer von Rot in ihren Pupillen, dann begann ihr Körper zu zerfallen. Staub und Asche wirbelten durch die Bibliothek.

    Ein leiser, endgültiger Frieden.


    Antoine zog durch die Straßen des Vororts, alles war noch still. Die Villa lag hinter ihm, leer, aschfahl und für immer verlassen.

    Er blieb stehen, den Blick zum Horizont gerichtet, wo die Sonne nun vollständig aufgegangen war. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich das Licht nicht gleichgültig an. Es war warm und voller Leben. Etwas, das Élise nie wieder spüren würde.

    In seiner Tasche spürte er das Gewicht des Tagebuchs, das sie ihm gegeben hatte. Verbrennt es, hatte sie gesagt. Oder bewahrt es auf. Aber wenn Ihr es behaltet, dann erinnert Euch: Nicht jedes Leben muss in der Dunkelheit enden.

    Antoine atmete tief ein. Ob er das Buch verbrennen würde, wusste er nicht. Aber er wusste, dass er weiterhin malen würde. Bilder von sterbenden Bäumen im Mondlicht. Von Frauen in roten Kleidern, die ins Licht treten. Er trug die Erinnerung an Élise mit sich, und an einen Mann namens Henri, den er nie gekannt hatte. Und mit allem hatte er auch die Gewissheit, dass selbst die dunkelsten Seelen nach Erlösung suchen können. Und manchmal, in seltenen, kostbaren Momenten, finden sie sie auch.

    Die Sonne wärmte sein Gesicht. Antoine ging weiter.

    Böse Geister
    von: Faradim

    Lyrae Schritt langsam den Weg entlang, die Kapuze ihres Umhangs tief in das Gesicht gezogen. Dichter Nebel waberte um sie herum und schränkte die Sicht auf wenige Schritte ein.

    Nebel war generell nichts Ungewöhnliches während der Frostfeuer Tage, dem Übergang von Herbst zu Winter. Allerdings war dieser Nebel extrem mit magischer Energie angereichert. Einem normalen Menschen währe das vermutlich nicht aufgefallen aber Lyrae war nicht normal. Sie hatte ein ausgesprochen feines Gespür für magische Ansammlungen.
    Der Weg sollte sie geradewegs in das kleine Dorf Naram führen, welches Lyraee jedes Jahr besuchte um dort die Geister zu vertreiben, welche die Menschen mit ihren Ritualen zu sich holten.
    Während der Frostfeuertage wurde ausgehöhltes Gemüse, meistens Kürbise oder Melonen, vor die Türen gestellt. Die Menschen hofften, dass dort ein Geist einziehen und dem Haus wärme sowie Behaglichkeit bringen würde. Oft fiel das Gemüse aber in sich zusammen, da der Frost sich die letzten Jahre immer weiter verschoben hatte. Die bereits in ihre neuen Behausungen gezogenen Geister standen plötzlich ohne etwas da und nicht selten verwandelte sich einer dieser Geister in einen Rache- oder Spukgeist, der das Haus, welches er eigentlich beschützen sollte, heimsuchte.
    Als Geistruferin war es Lyraes Aufgabe, solche Geister wieder zu vertreiben.

    Während Lyrae über den Nebel nachgrübelte tauchte auf ihrer Schulter plötzlich eine kleine, schimmernde Gestalt auf. Es dauerte einige Momente, bis der Geist sich soweit manifestiert hatte, dass er für Lyrae sichtbar war und die Form eines Jungfuchses angenommen hatte.
    „Du spürst auch, dass hier etwas nicht stimmt oder?“ fragte sie den Geist leise. Normale Menschen waren nicht in der Lage Geister zu sehen, lediglich ihre Präsenz zu spüren. Ein Reisender hätte Lyrae gleich für verrückterklärt wäre er ihr begegnet, wenn sie mit einem Geist sprach.
    Der Fuchsgeist begleitete sie nun schon seit einigen Monaten. Lyrae vermutete, dass der Geist sie für eine Art Mutterersatz hielt, seit sie seinen ausgemergelten Körper begraben hatte.

    Langsam zeigten sich dunkle Umrisse im Nebel, das Dorf. Fackellicht flackerte leicht, als sie an den Wachmann am Tor herantrat.
    „Seit wann habt ihr denn diese Mauer um das Dorf herum errichtet?“ fragte sie verwundert.

    Der Wachmann musterte sie Misstrauisch und musste sein Kinn bereits auf die Brust legen, um Lyrae anzusehen. „Seit der Nebel aus den Bergen gekommen ist, erst war er immer nur nachts da. Seit einigen Tagen aber, verschwindet er gar nicht mehr,“ Brummte der Wachmann. „Geh rasch in das Dorf, es wird bald Nacht und dann tauchen im Nebel seltsame Gestalten auf. Irrlichter und noch schlimmeres,“ fügte er nach einem Raschen Blick in den Nebel hinzu. Das ließ Lyrae sich nicht zweimal sagen, da sie ohnehin durchgefroren war.
    Auf ihrem Weg zum Gasthaus sah sich Lyrae aufmerksam um, aber die typischen Kürbisse und Melonen sah sie nicht vor den Türen stehen. Mit einem leisen Quietschen öffnete Lyrae die Tür zum Gastahaus. Ein kleines Feuer brannte im Kamin und der Wirt stand hinter dem Tresen und beobachtete zwei Reisende, die an einem Tisch saßen und etwas aßen. Ansonsten wirkte der Raum ziemlich verlassen. „Soll bestimmt ein Zimmer sein, hö?“ fragte der Wirt als Lyrae an den Tresen trat. „Ja bitte, ist ziemlich wenig los heute,“ antwortete sie und schob ihre Kapuze vom Kopf. Darunter waren kamen zwei Fuchsohren zum Vorschein. Und der Fuchsgeist, huschte rasch unter ihre langen orangen Haare, die nun ebenfalls frei lagen. „Du solltest nicht zu lange bleiben, Fuchsmenschen sind hier nicht mehr gerne gesehen,“ sagte der Wirt und reichte ihr einen Schlüssel. Verwirrt runzelte Lyrae ihre Stirn, nahm aber den Schlüssel. Rasch ging sie die Treppe hoch zu ihrem Zimmer und zog den Mantel aus. „So viele Fuchsmenschen gibt es gar nicht und er schien mich auch nicht erkannt zu haben,“ sagte sie zu dem Fuchsgeist, der seinen Kopf aus ihrem Haar steckte. Nachdem Lyrae ihren Umhang aufgehängt hatte, sah sie aus dem Fenster. Inzwischen hatte es angefangen zu dämmern, doch in den Fenstern der umliegenden Häuser erschien kein Licht. Lyrae hatte es auf das unangenehme Wetter geschoben gehabt, dass sie Niemandem im Dorf begegnet war. Nun jedoch erschien ihr dieser Umstand merkwürdig.
    Vorsichtig schob sie den einzigen Stuhl im Raum unter die Türklinke und legte sich auf das Bett. Die Reise war anstrengend gewesen und ermüdend. „Ich mache nur einen kurzen Augenblick die Augen zu,“ sagte Sie zu dem Geist, welcher sich auf ihrer Brust zusammenrollte.

    Der Raum war stockdunkel, als Lyrae aufschrak. Jemand rüttelte an ihrer Tür, konnte wegen des Stuhls aber die Tür nicht öffnen.
    Lyrae zog rasch den Dolch, welcher immer an ihrem Gürtel hing und sah sich hastig um. „Tritt endlich diese verdammte Tür ein,“ sagte eine Stimme auf der anderen Seite der Tür. Lyrae fand, dass sie seltsam verzerrt klang. Sie war zwar menschlich, klang aber so als würden zwei Stimmen zugleich sprechen. „Das geht nicht, wie soll ich, dass denn erklären?“ erwiderte eine andere Stimme. Lyrae konnte sie dem Wirt zuordnen auch wenn es genauso verzehrt klang.
    Leise schlich sie zu dem Fenster und öffnete es. Vor ihr lag ein kleines Vordach, über welches sie Vorsichtig höher kletterte. Der Mond erhellte zwar die Dächer, doch der Nebel verhinderte weiterhin den Blick auf die Straßen und schien sämtliches Licht der Fenster zu verschlucken.

    Nachdem Lyrae etwas geschlafen hatte, fiel es ihr leichter die Umgebung wahrzunehmen. Während sie den Fuchsgeist, welcher sich wieder unter ihren Haaren verkrochen hatte, wahrnahm, spürte sie noch unzählige weitere Geister. Die Präsenz dieser Geister wirkte allerdings stark gedämpft, so als würden sie von etwas Umgeben sein oder in etwas feststecken.
    „Verdammt,“ fluchte Lyrae leise als ihr die Worte des Wachmannes wieder einfielen. Ihr Blick wanderte eilig zu den Bergen, den Drakoniden, wie sie genannt wurden.
    Vor lange Zeit hatten Drachen in diesen Bergen gelebt und ihre Eier ausgebrütet, doch Schwarzmagier wollten sich die Drachenbrut zu eigen machen. Diese versuche hatten allerding nur in der Ausrottung der Drachen geendet.
    „Das Dorf lebte vom Bergbau, wenn die Bergleute ein altes Nest freigelegt hatten...,“ Lyrae wollte den Gedanken nicht zu Ende denken.
    Drachen hatten schon immer den Ruf besonders magisch gewesen zu sein. Hin und wieder gab es Gerüchte von starken Geistern, denen es gelungen war, von Menschen besitz zu ergreifen.
    Lyrae schätze das Drachengeister sicherlich dazu in der Lage sein müssten.

    „Bringt die Beiden in das Haupthaus“ rief eine Stimme von der Straße. Lyrae versuchte etwas zwischen dem Nebel zu erkennen, doch es war vergeblich. Sie vermutete, dass es sich um die beiden Reisenden handeln musste.
    „Ich kann die Reisenden nicht ihrem Schicksal überlassen,“ sagte sie Leise und machte sich daran über die Dächer in Richtung des Haupthauses zu klettern. Irgendwann sprang der Fuchsgeist von ihrer Schulter und verschwand. Lyrae verfolgte ihn mental kurz und stellte dabei fest, dass bis auf ihm und diesen gedämpften Geistern, keine anderen Geister mehr gab.

    Unbehelligt erreichte sie das Haupthaus, aus dessen Fenstern schwaches Kerzenlicht schimmerte. Vorsichtig wagte sie einen Blick hinein. Die beiden Reisenden lagen angekettet in zwei Beschwörungskreisen, welche von den in dunkle Roben gekleideten, Dorfbewohnern umgeben waren. Auf etwas, dass wie ein Altar aussah, standen zwei Flaschen mit einer roten Flüssigkeit.

    Zwei starke Hände packten sie plötzlich von hinten. „Ich habe die Füchsin,“ rief der Mann lauthals. Ein weiterer Mann kam hastig hinzu und beide zerrten Lyrae und das Haus, so sie auf die Knie gezwungen wurde.
    „Ich vermute, du weißt bereits was hier vorgeht,“ sagte eine dunkle überlagerte Stimme. Eine groß gewachsene Gestalt kam auf sie zu, die beiden Flaschen in der Hand. Lyrae hielt den Inhalt erst für Wein, doch der Inhalt bewegte sich zu zähflüssig für Wein. Lyrae stockte der Atem, der Inhalt bewegte sich wie… „Blut,“ stieß sie atemlos hervor.
    Der Mann vor ihr lachte lauthals. Kälte lief Lyrae bei dem Geräusch den Rücken hinunter.

    Sie hatte einen Fehler gemacht in ihrer Vermutung. Sie spürte nicht die Geister der Drachen, sondern die der Schwarzmagier. „Ihr habt eure Seelen an das Blut gebunden,“ sagte sie entsetzt. Der Mann kniete sich hin und sah ihr direkt in die Augen. „Diese dummen Bergleute hatten gedacht sie tränken Wein, der einfach etwas alt gewesen ist,“ erzählte er belustigt. „Leider können wir nur von Menschen besitz ergreifen, wenn sie das Blut zu sich nehmen, da es wie eine Art Gift wirkt,“ erzählte er weiter und ging zu dem ersten Reisenden. „Deswegen sind Fuchsmenschen hier nicht gerne gesehen,“ wiederholte sie die Aussage des Wirtes. „Wir sind immun gegen Gifte,“ fügte sie hinzu.
    Der Mann zwang den Reisenden den Inhalt der Flasche zu trinken, bevor er antwortete. „Leider ja,“ stieß er seufzend aus und wandte sich dem anderen Reisenden zu. „Es ist schade solch ein hervorragendes Potenzial zu verschenken. Du weißt aber zu viel und könntest unseren Plänen gefährlich werden,“ fügte er hinzu und zwang auch den Reisenden das Blut in den Mund.

    Lyrae überlegte fieberhaft was sie machen konnte. Ihre Kräfte langten nicht um komplexe Zauber zu wirken oder Geister zu Beschwören. Sie war lediglich imstande Geister zu rufen, aber davon gab es im Umkreis keine. Selbst ihr Fuchs war nicht mehr zu spüren.
    „Bringt sie zum Altar, vielleicht können wir ihr Blut nutzen um selbst immun gegen Gift zu werden,“ wurden die beiden Männer neben ihr angewiesen und zerrten sie dorthin.

    „Hast du irgendwelche letzten Worte?“ fragte der Anführer und hob bereits ein Messer über seinen Kopf.
    „Ich hoffe, dass mein Blut euer verderbtes Blut austreiben wird,“ erwiderte Lyrae trocken.

    Mit einem leisen Schmatzen drang das Messer in ihre Brust und das Blut begann an der Klinge entlang zu laufen. Sie spürte wie sämtliche Wärme und Kraft aus ihrem Körper wich, als plötzlich der Fuchsgeist wieder auf ihrer Brust saß und an der Wunde leckte.
    Lyrae hatte das Gefühl, die ganze Welt begann zu beben. Da die Dorfbewohner ebenfalls verwirrt die Köpfe drehten, schien es wirklich zu sein.
    Mit einem kräftigen Luftzug wurde das komplette Obergeschoss des Hauses fortgerissen. Hätte Lyrae die Kraft in den Armen gehabt, wurde sie sich die Augen reiben. Da schwebte ein wahrhaftiger Drache in der Luft und starte sie an. Der Anführer zog den Dolch aus ihrer Brust, in dem sinnlosen Versuch sich zu bewaffnen. Augenblicklich leckte der Fuchsgeist stärker an ihrer Wunde und es wirkte als würde sie sich verschließen.
    Ein weiterer Geist tauchte auf ihrer Brust auf, er sah aus wie eine kleine Fee die ihre Hände zum Himmel streckte. Augenblicklich bildete sich eine schimmernde Kuppel um Lyrae herum.
    Der Drache öffnete währenddessen sein Maul und ein Strahl gleißendes Feuer schoss hervor. Die Dorfbewohner hatten nicht einmal die Möglichkeit zu schreien, bevor ihre Körper sich auflösten.
    Die Kuppel schien das Feuer von Lyrae abzuhalten, denn sie spürte lediglich einen leichten Hauch von Wärme. Der Drache brannte das gesamte Gebäude nieder und auch das restliche Dorf. Erschöpft sah Lyrae, wie er nach seinem Werk davonflog. Die Geisterfee hob wie zum Abschied noch ihre Hand, bevor auch sie verschwand. Nur der Fuchsgeist blieb und schlief friedlich auf ihrer Brust.
    „Ich danke dir,“ brachte sie noch leise hervor und schlief ebenfalls ein.

    Bärensmart
    von: kalkwiese

    »Bjørn Oursbär soll er heißen, für jedes Land, das an den Versuchen beteiligt war!«
    So war es beschlossen; Bjørn hatte bei dieser Sache nichts mitzureden. Und seit er für ungefährlich befunden wurde und sich im Studiengang für Neurowissenschaften eingeschrieben hatte, war er auch noch in aller Munde. Immer waren es die gleichen Fragen. So fragte ihn andauern irgendein Schwachkopf, pardon, Kommilitone:
    »Du bist echt ein Eisbär? Da ist nirgendwo ein Reißverschluss?«
    Bjørn seufzte dann immer. »Ja, ich bin echt ein Bär. Ganz wirklich.«
    Und ein echt cleverer Bär war er noch dazu. Den Wissenschaftlern war es nicht nur gelungen, ihm durch Implantate und genetische Modifikationen das Sprechen zu ermöglichen und ihm auf unheimliche Weise eine nahezu menschliche Natur zu verleihen. Er war auch intelligenter als die meisten Bären, womit er einen noch größeren Prozentsatz der Menschheit mit Leichtigkeit hinter sich ließ. Er machte seinen Abschluss mit Bestnoten und ging in die Forschung an seinem Heimatinstitut. Er wohnte dort noch immer. Die Testpersonen beäugten ihn zwar zuerst irritiert, aber was war in einer wissenschaftlichen Forschungseinrichtung schon normal? Und wenn er einen Fachartikel unter B. Oursbaer veröffentlichte, fragte niemand nach seiner DNA.
    Doch Bjørn Oursbär war kein glücklicher Bär. Jeden Mittwoch gab er Kindern Nachhilfe, um sich daran zu erinnern, wofür er forschte. Und die Kinder beteten ihn geradezu an, klebten an seinen Lippen und oft genug auch an seinem wohlgepflegten Fell, aber immerhin lernten sie anständig. Die Kinder machten auch keine Kommentare über Bjørns saudämlichen Namen. Seine Traurigkeit ließ sich davon nicht zähmen, aber immerhin besänftigen.
    »Mensch, das ist herzerwärmend, wie du dich für die Kinder einsetzt, Bjørn!«, sagte Helga, eine ehemalige Kommilitonin und Forschungskollegin, eines Nachmittags zu ihm.
    Bjørn lächelte nur und nickte bescheiden. In dieser Zeit kamen sich Helga und Bjørn langsam näher. Obwohl es nie übers Händchen-Tatze-Halten hinaus ging, fühlte Helga sich ihm zutiefst verwandt, auf eine Weise, die sie kaum erklären konnte. Doch Bjørn hatte seine Pläne mit ihr.
    Eines Abends, sie waren schon seit drei Jahren ein Paar, gestand Bjørn ihr alles. Er hatte die Anweisungen haargenau ausgearbeitet, kleinschrittig notiert, mit Schaubildern illustriert und mit einer Ringbindung versehen lassen. Dieses Heft schenkte er ihr nun und sprach:
    »Liebes, sie haben aus mir einen Freak gemacht! Du musst mir helfen, diesen Fluch von mir zu nehmen. Ich kann mich nicht selbst operieren, aber du könntest es sicher …«
    Helga erschrak über diesen drastischen Wunsch. Sie hatte immer gewusst, das Bjørn unglücklich mit sich war, doch sie hatte angenommen, dass es an seiner Einsamkeit lag, dass er nur so forschte, um sich einen Freund oder gar eine Frau erschaffen zu können. Dann würde er Helga nicht mehr brauchen. Das war ihre größte Angst gewesen.
    Doch das war es nicht. Bjørn wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder ein normaler Bär zu werden. »Das schlimmste ist das Gewissen«, sagte er. »Ich kann es nicht abstellen. Mein Blut ist verdorben, die Gene sind verändert. Ich werde nie wieder ein normaler Bär sein. Aber die Implantate können wieder entfernt werden … Ich träume von ihnen, Helga, von den Robbenbabys, den Walrossen, den Menschen … Mach, dass die Schreie aufhören!«
    Helga brachte es nicht über sich. Ihre Beziehung, das Schönste, was Bjørn in seinem zweiten Leben je gehabt hatte, konnte diese Enttäuschung nicht überleben. Erst sahen sie sich nicht mehr privat, dann mieden sie sich, was bedeutete, dass Bjørn, der einen Gang im Institutsgebäude fast alleine ausfüllte, für seine Liebste einen Umweg einschlug. Am Ende verließ Helga das Institut. Bjørn sah ihrem Auto nach, und hätten Eisbären weinen können, wäre sein Fell bis zu den Hintertatzen durchnässt gewesen.
    Während er ziellos durch die Gänge des neuromedizinischen Instituts strich, drängten sich ihm Gedanken auf, die er immer gefürchtet hatte. Wenn schon niemand bereit war, sein Gewissen auszuschalten; wenn er sich wirklich permanent wie ein Monster fühlen musste, zur Selbstgeißelung verdammt; dann war dieses Leben nicht mehr lebenswert. Es war ein Schicksal, dass er keinem Tier wünschte, nicht einmal einem Menschen.
    In ihm reifte ein Entschluss.
    Er schaute auf die Uhr über der Tür. Es war Mittagspause. Wie passend, dachte er, und schlug den Weg zum Pausenraum ein. Bevor er sein Leiden beendete, sollten noch ein paar Forscher eine Rechnung zahlen.

    So, neuer Versuch :D

    Tatsächlich haben sich noch 5 Leute gefunden, die sich gedacht haben, ich lasse den Deppen blöd dastehen und die nach meinem ... zu frühen Finale (hey, kann jedem Mal passieren ...) noch eine Geschichte eingesendet haben :D
    Umso besser! Dann könnt ihr jetzt für eine von insgesamt 8 Geschichten abstimmen :party:

    Freut mich, dass der SW wieder etwas Leben hat!

    Wie beim letzten Mal habt ihr 2 Stimmen:

    EINMAL 2 Punkte
    EINMAL 1 Punkt

    Nicht mehr und nicht weniger :D Ihr dürft eure Stimmen wieder verändern, aber wieder gilt die Bitte das nicht zu missbrauchen.

    Die Abstimmung läuft bis einschließlich 04.01.2026. Ich habe ein paar Tage verlängert, da über Weihnachten vermutlich viel los ist bei euch.

    Die Reihenfolge in der die Geschichten geposted werden, ist zufällig. Ich habe 3 mal überprüft, ob ich alle habe, aber falls doch eine fehlt, bitte schnellstmöglich per PN bei mir melden^^

    Viel Spaß beim Lesen, Feedback dürft ihr wie immer am Ende des Wettbewerbs gerne hier im Thread geben.

    LG Chaos

    Sorry zusammen, mein Fehler ... bin gerade ein bisschen neben der Spur, Leben und so.
    Ich habe 20.11. als Einsendeschluss gelesen ...

    Ihr könnt natürlich noch bis zum angekündigten EInsendeschluss einsenden, die Abstimmung startet dann (mit allen Einsendungen neu)

    LG Chaos