Der Weg zum Chinaimbiss war viel zu kurz. Es war überaus angenehm, so eingezwängt zwischen den Männern zu sitzen. Jonna ärgerte sich ein bisschen, kein weiter weg gelegenes Lokal genannt zu haben.
In der Imbissbude bekam der Inhaber große Augen, als die Männer ihre Bestellung aufgaben. „Seid Ihr schwanger? Oder was?“ erkundigte sich Jonna.
Raoul lachte: „Ne, nur hungrig! Du hast uns ja vom Mittag abgehalten.“
„Tut mir leid“ tat Jonna zerknirscht.
„Muss es nicht! So haben wir uns schön schnell wiedergesehen! Da verschiebt man gern eine Mahlzeit… Was möchtest du haben?“ Marc sah Jonna interessiert an.
„Nix! Hab kein Geld dabei!“ erwiderte Jonna ehrlich.
„Wir übernehmen das!“ Anthony lächelte zuvorkommend.
„Dann hätte ich gerne…ähm… die Frühlingsrollen und die Suppe!“
„Reicht dir das?“ Raoul war skeptisch.
„Zur Not hol ich mir dann noch was… aber ich glaub schon!“
Anthony wählte einen Tisch in der Ecke, von wo man gut durch den ganzen Raum schauen konnte und die Tür im Blick hatte. „Wolfsgetue!“ sagte er schulterzuckend und setzte sich. Jonna schob sich neben ihn und bekam als weiteren Tischnachbarn Raoul. Marc und Patrick saßen auf der anderen Tischseite, mit dem Rücken zur Tür. Anthony schob seine Hand offensiv auf Jonnas Knie, lächelte sie kurz an und wandte sich dann seinem Neffen zu: „So dala! Jetzt erzähl, was passiert ist, Patrick!“
Der junge Mann suchte kurz nach Worten: „Ich… ich wollte zu Michels Geburtstag. Sein 18…“ Anthony nickte. „Aber als ich in Schweese ankam war niemand da…“
„Wie jetzt „Niemand“? Keiner im Rudelhaus?“ fragte Anthony nach.
„Niemand! Keine Seele! Weißt du, wie Ferienhäuser aussehen, die Winterfest gemacht worden sind? SO sah das Rudelhaus aus. Alle Betten abgezogen, Wasser und Strom abgestellt, keine Lebensmittel in den Schränken, alle Pflanzen von den Fensterbrettern geräumt…“
„Und sie haben dir nichts gesagt?“
„Nein… ich kam da an, völlig ahnungslos. Ich meine, sie wussten, dass ich an dem Wochenende kommen wollte. Meine ganze Familie hat meine Telefonnummer… Linna hat meine Nummer! Warum haben sie nicht…“ Patrick unterbrach sich, um erneut Tränen zurückzukämpfen.
Anthony zog seine Hand von Jonnas Knie zurück, um nach dem Arm seines Neffen zu greifen: „Und Linna? Wenn sie deine Gefährtin ist, müsstest du sie doch spüren können?! Geht es ihr gut?“
Patrick sah seinen Onkel verlegen an: „Wir haben uns noch nicht markiert…“
„Oh… verstehe!“ Anthony wirkte, als sei das nicht so ungewöhnlich.
Jonna hingegen ließ den Löffel fallen: „Markiert?“ fragte sie angewidert „Ihr pullert eure Frauen an???“
Das brachte ihr verblüffte Blicke von 4 Männern ein. „Das ist… nich hübsch!“ Jonna versuchte, ihren Widerwillen etwas abzumildern. Wer war sie schon, Leute zu verurteilen, die sie ehrlicherweise nicht wirklich kannte. „Mich pullert ihr aber nicht an…! Das könnt ihr vergessen!“
Jetzt erst bewegten sich die Männer. Marc schob seine Hand über den Tisch und fasste nach Jonnas Hand: „Wir sind keine Hunde!“ sagte er leise.
„Okay…“ Jonna zog ihre Hand weg. „Wie markiert ihr dann eure Frauen?“
„Erstmal „ begann Anthony „erstmal markieren wir uns gegenseitig. Und dann…“ Anthony holte tief Luft und sah Jonna nachdenklich „reden wir später darüber, okay?“
„Warum?“ fragte Jonna genervt „denkt ihr, ich würde es nicht kapieren?“
Raoul beugte sich leicht vor, um ihr ins Gesicht zu sehen: „Nein, denken wir nicht. Aber es könnte sein, dass du unsre wahre Art, Gefährten zu markieren, noch weniger mögen wirst…“
„Ach?“ fragte Jonna aggressiv „dann könnt ihr das erst recht vergessen, was immer das auch ist!“
„Jonna, bitte! Wir sollten wann anders darüber reden! Jetzt ist ein ungünstiger Zeitpunkt!“ Anthony machte eine winzige Geste in Richtung Patrick, der unglücklich in seinem Essen stocherte.
Jonna sah hinüber und schluckte. Ja, eine verschwundene Familie war wirklich wichtiger… Sie würde den Jungs schon klar machen, dass sie keine blöden Spielchen mit sich spielen lassen würde. Aber halt wirklich nicht jetzt. Jonna nickte: „Ja, habt recht! Darüber reden wir, wenn wir Patricks Leute gefunden haben…“
„Danke, Kleines!“ sagte Anthony warm und wandte sich wieder seinem Neffen zu: „Hast du das Rudelhaus gründlich abgesucht nach Hinweisen?“
„Ja, natürlich! Mehrmals sogar!“ Patrick war entrüstet „Hältst du mich für blöd?“
„Nein, natürlich nicht!“ beschwichtigtre Anthony „aber… ich würde da selber gern guggen gehen, okay?“
„Weil ich doch blöd bin…?“ Patrick starrte seinen Onkel böse an.
„Nein! Weil fremde Augen vielleicht etwas sehen, was du in deiner Gewöhnung nicht mehr wahrnimmst…!“
Patrick sackte resignierend in sich zusammen. Sein „Natürlich… macht ruhig!“ klang, als sei er wenig vom Erfolg überzeugt.
„Okay, dann essen wir hier schnell noch auf, fahren nach Leipzig und packen dort ein bissel was zusammen… und dann ab nach Schweese.“ Anthony griff sein Besteck und begann, eilig die fast kalten Nudeln runterzuschlingen.
„Prima! Wenn ihr was gefunden habt, ruft ihr mich an?“ fragte Jonna und griff nach ihrem letzten Frühlingsröllchen.
„Anrufen?“ echote Anthony mit vollem Mund „Ich dachte, du kommfd midd“
Jonna zog eine Grimasse: „Ich muss morgen wieder auf Arbeit!“
„Ähm… äh…oh!“ Anthony sah seine Freunde ratlos an, als erwarte er von dort Hilfe.
„Kannst du nicht Urlaub nehmen?“ fragte Raoul bittend.
„Ich komm doch grad erst ausm Urlaub! Das kann ich meinen Kollegen nur schlecht vermitteln!“
„Und wenn du dich krankmeldest?“ war Anthonys Vorschlag.
„Ich soll lügen?“ Jonna war empört.
„Natürlich nicht… „Anthony sah betreten auf seinen Teller.
„Wozu braucht ihr mich überhaupt? Ich weiß doch nix über Wölfe und so! Ich fall euch doch nur zur Last!“ Jonna schüttelte den Kopf.
„Nun, deine interessante Reichweite wäre schon von Vorteil. Und dass du die Richtung orten kannst, auch…!“ Raoul fasste nach Jonnas Hand „Bitte!“ sagte er eindringlich.
„Das wird kompliziert!“ seufzte Jonna und fischte ihr Handy aus der Hosentasche.
„Tobi? Ich…äh, bräuchte noch ein paar Tage frei. Ich hab hier“ sie warf Anthony einen schnellen Blick zu „ein mittleres familiäres Problem. Meine … äh Schwägerin wird vermisst! Und ich kann Anthony so nicht alleine lassen, der Jung dreht sonst am Rad!“
„Du hast ne Schwägerin?“ fragte ihr Kollege verblüfft zurück. „ich wußte nicht einmal, dass du nen Bruder hast!“
„Äh… Anthony ist auch nicht mein Bruder!“ stotterte Jonna.
Einen Moment war verblüffte Stille „Du Luder“ krähte Tobi dann fröhlich „Du hast geheiratet, ohne mir was zu sagen? Das kost dich ne Runde!“
„Ja, Tobi! Weiß ich! Kann ich bitte den Urlaub beantragen? Oder komm ich dir damit in die Quere?“ Jonna wusste, dass sie Tobis Redefluß nur mit abrupter Unterbrechung stoppen konnte.
„Klar, mach, Mädel! Und äh… warte… das war echt, dass die Schwägerin vermisst ist?“
„Ja, leider!“
„Ouh schitt! Natürlich kannst du heeme bleiben! Sagst dus dem Chef oder soll ich?“
„Ne, ich mach schon, Danke Großer! Bistn Engel!“
Das Gespräch beim Chef war weniger schlimm. Ihm reichte die Information, dass es mit dem Kollegen abgesprochen war und dass sie noch genügend Urlaubstage übrig hatte: „Geht klar, ich trags ein.“
„So. Ferdsch! Und nun?“ Jonna sah die Männer gespannt an. Ein bissel freute sie sich, mehr Zeit mit den dreien verbringen zu können. Auch wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht unbedingt der Mittelpunkt des Geschehens sein würde. Aber so konnte sie vielleicht ein bissel sehen, wie die Männer so im Nicht-Bagger-Modus waren.
„Hm! Wie weit weg von hier wohnst du?“ wieder war es Anthony, der das Wort führte. Der Chef halt. Obwohl Marc auch ein Alpha war… oder hatte sie da was nicht richtig verstanden?
„Nicht weit, keine 200 Meter Luftlinie.“ Jonna wedelte unbestimmt mit der Hand durch die Luft.
„Gut. Dann würde ich vorschlagen, du isst auf, Raoul bringt dich zu deinem Fahrrad, dann fährst du heim und packst ein bisschen was zusammen. Für zwei drei Tage ungefähr, ja? Und dann kommst du wieder her? Oder sollen wir dich von irgendwo abholen?“ Jonna konnte genau sehen, dass Anthony ein „Ja, klar“ erhoffte. Aber sie schüttelte den Kopf.
„Ihr müsst keine Knoten in den Ort fahren, da bin ich mit laufen schneller. Außerdem…“ sie grinste die Männer frech an „außerdem könntet ihr da noch was essen!“
„Ouh, das klingt gut!“ Anthony fand das offensichtlich nicht wirklich gut, doch Jonna ging nicht darauf ein.
„Da könnten wir losmachen. Raoul? Oder soll ich zum Bahnhof laufen?“
Raoul stand auf: „Natürlich nicht!“