Beiträge von bigbadwolf

    Premiere :D

    68

    Jetzt habe ich nach derart langer Zeit endlich einen einigermaßen nützlichen Träger aus dir gemacht und nun bist du uralt, langweilig und wirst täglich unbrauchbarer. Baah, Menschen sind echt die Schlimmsten, seufzte das Schwert verdrießlich.

    Der alte Held gab sich nicht einmal Mühe, auch nur einen Kommentar zu denken, wusste er doch inzwischen, wie er das theatralische Gehabe seiner magischen Waffe zu nehmen hatte.

    „Wie ist das überhaupt, wenn man stirbt?“, fragte er stattdessen milde interessiert.

    Das Sterben ist eine… freudlose Angelegenheit, konstatierte die Stimme.

    „Das finde ich doch reichlich untertrieben, immerhin beendet der Tod gänzlich die Freuden des Lebens. Für ein Geschöpf aus Fleisch und-“

    Ich meinte, unterbrach ihn das Schwert bestimmt, dass ich dann oft lange Zeit nutzlos mit dem Kadaver irgendwo rumliege und mich langweile.

    Der alte Held schwieg und durchmaß mit einem langen Blick den Schankraum. In all den Jahren, die er schon hier einkehrte, hatten weder Wirt noch Bedienstete gewechselt. Lediglich ihre Bewegungen hatten an Schwung verloren, doch im gleichen Maße hatten die Kerben in den Tischen, den Falten in ihren Gesichtern nicht unähnlich, deutlich zugenommen.

    „Wie konnte ich auch ernsthaft darauf hoffen, dass du einmal über dein eigenes Dasein hinaus denkst?“, stieß er mental mit dem Schwert an und nahm den letzten Schluck aus dem schweren, massiven Humpen.

    Du musst eben noch viel lernen, grinste die Stimme zurück.

    Als die hübsche Kellnerin ihm einen weiteren Krug gebracht und sich wieder zum Tresen umgewandt hatte, konnte er seinen Blick nicht schnell genug abwenden.

    Willst du damit ernsthaft jetzt noch anfangen?, hakte die Stimme natürlich sofort nach.

    „Ich bin dir wie immer für jede Weisheit dankbar, die du für dich behältst“, gab er unbeeindruckt zurück. „Es bleibt am Ende ohnehin meine Angelegenheit.“

    Der alte Held harrte geduldig der unausweichlichen, ausschweifenden Antwort.

    Mal abgesehen davon, dass dein Balg ohnehin noch viel unfähiger als du wäre, muss ich dann ja auch noch eine Ewigkeit warten, bis es mich auch nur anheben könnte. Wenn du im Kampf stirbst, kann mich wenigstens gleich dein Gegenüber einsammeln.

    „Du gönnst mir also statt eines Erben eher einen Tod zu deinen Gunsten, ja?“

    Ja.

    „Manchmal frage ich mich, warum ich dich immer noch führe.“

    Weil du ehrlichen Pragmatismus treudummer Nettigkeit vorziehst.

    „Raus aus meinem Kopf.“

    Das denkst du seit Jahrzehnten, da muss ich nicht erst nachschauen.

    Der alte Held setzte den Krug an, dachte nach und ließ den Blick erneut zur Kellnerin schweifen.

    Willst du mir das echt antun?

    „Du machst die Versuchung lediglich größer“, gab er zu bedenken und nahm einen Schluck.

    Ein paar meiner Vorbesitzer hielten das auch für eine großartige Idee.

    „Und dann?“

    Dann hatte ich in der einen Hälfte der Fälle jahrelangen Eingeweideentzug…

    „Wie schrecklich!“, rang er sich zu einem Mindestmaß an Mitleid durch und nahm noch einen großen Schluck aus seinem Krug. „Und in der anderen?“

    Wurde ich verkauft.

    Der alte Held verschluckte sich heftig an seinem Bier, wusste er doch, wie sehr sein Schwert das Herumhängen an Wänden verabscheute.

    Danke.

    Selbst die situativ übliche Rüge unterließ er und konzentrierte sich darauf, das Bier an seinen richtigen Platz zu husten. Unterdessen nahm ein Gedankenexperiment in seinem Kopf Gestalt an.

    „Und wenn ich mich gar nicht zur Ruhe setze?“, fragte er, als der Hustenreiz nachgelassen hatte.

    Du willst also nur Vater werden und nicht sein, oder wie?

    „Wer sagt denn, dass ich allein auf Abenteuer ausziehe?“

    Ein Schild aus Holz wäre leichter und muss nicht versorgt werden…

    „Also wirklich! Man kann Menschen auch aus anderen Gründen um sich haben, weißt du?“, entgegnete der alte Held stirnrunzelnd.

    Ja, man kann, bestätigte die Stimme ungerührt.

    Die argumentative Sackgasse erkennend ließ er seine Gedanken mitsamt dem Bier in seinem Krug weiter kreisen.

    „Ich könnte ja saisonal auf Abenteuer ausziehen… alleine“, überlegte er weiter. „Das sollte für ein beschauliches Leben genügen… oder ich wandere als Geschichtenerzähler durch-“

    Die Stimme räusperte sich vernehmlich.

    „Ja?“

    Bring mich doch zu einer Auktion.

    „Willst du jetzt so dringend weg von mir?“, fragte der alte Held ehrlich überrascht.

    Nein, aber von dem Erlös könntest du dir ein anderes Schwert kaufen, hättest sicher noch was für deine Familie übrig und ich könnte mich direkt wieder ins Getümmel stürzen.

    Ein kurzer Moment der Sprachlosigkeit.

    Und ja: Ich kann auch über mich selbst hinaus denken.

    „Du… du würdest aber an den Meistbietenden verkauft und das wird vermutlich ein reicher Adeliger sein, der dich höchstens als Dekoration möchte und sobald du auch nur einen Ton von dir gibst, wirst du seinen Sprösslingen-“

    Dann nicht, wiegelte das Schwert rasch ab.

    „So schlecht war die Idee gar nicht“, grinste der alte Held.

    Die hübsche Kellnerin ließ sich soeben auf dem Schoß eines Gastes nieder.

    Also…, wollen wir weiter?

    Der alte Held lachte und warf ein paar Münzen auf den Tisch.

    67 (auch aus dem Schreibwettbewerb Ende 2022)

    Der Eingang der Höhle wirkte, als hätte er seinem Bewohner nur widerwillig gedient. Die steinernen Wände waren an vielen Stellen von handbreiten Furchen und Rissen durchzogen, herausgebrochene Felsvorsprünge waren wie lästige Kiesel in den Boden gestampft worden und der junge Held konnte seine Furcht nur schwer im Zaum halten. Allein die Vorstellung, wie gigantisch die Zähne und Klauen sein mochten, welche –

    Hübsch hier.

    Die vertraute Stimme in seinem Kopf schien eine gänzlich andere Sichtweise zu haben.

    Das intelligente, magische Schwert an seiner Hüfte, mit welchem er erst vor wenigen Zehntagen schmerzliche Bekanntschaft gemacht hatte, war im gleichen Maße hilf- und lehrreich wie auch lebensgefährlich. Für gewöhnlich stellte sich erst in heiklen Situationen heraus, welcher Aspekt derzeit überwog und der junge Held hatte sich daran gewöhnt, hastig erteilte Anweisungen des Schwertes sofort und widerspruchslos umzusetzen.

    „Und du meinst wirklich, dass ich dieser Aufgabe gewachsen bin?“, fragte er erneut lautlos und schaffte es nicht einmal, das Zittern aus seinen Gedanken zu verbannen.

    Keine Sorge. Mach den Kopf leer, riet das magische Schwert mit fürsorglicher Stimme. Tu einfach, was ich sage.

    Der junge Held musste zugeben, dass diese Strategie ihn bisher stets am Leben erhalten hatte, obwohl die Aufträge der letzten Zehntage seine eigenen Fähigkeiten teils bei Weitem überstiegen hatten. Ebenso war seine Anwesenheit in dieser Drachenhöhle zustande gekommen. Seine Gedanken reisten einige Tage zurück.

    „Er bringe mir die Eier des Thix… Thilax… Thiaxil…“, hatte Fürst Eugen Theribor stotternd versucht einen Auftrag zu erteilen, doch keiner seiner prächtig behangenen Berater hatte Interesse daran gezeigt, den Fürsten aus seinem Silbenmartyrium zu erretten.

    Ich kenne den Namen Thilixantrodyon, war ein leises Grübeln in seinen Gedanken aufgetaucht…

    „Thilixantrodyon, mein Fürst?“, hatte der junge Held sofort die Chance ergriffen, diese hochwohlgeborene Peinlichkeit zu beenden.

    „Natürlich! Was erdreistet Ihr Euch, meine Worte dumm zu wiederholen?“, war dieser sofort aus der Haut gefahren.

    „Sollen wir nicht lieber gehen?“, hatte er mental mit seinem Schwert kommuniziert.

    Kommt gar nicht in Frage. Ich hab seit Äonen keinen Drachen mehr besiegt.

    „Bringt mir die Eier des Drachen! Nun geht mir aus den Augen!“

    Jetzt hör auf, darüber nachzudenken und konzentrier dich!, holte ihn die Stimme in die Gegenwart zurück. Ich habe keine Lust, jahrhundertelang von einem Drachenwanst platt gedrückt zu werden.

    „Musst du dich ständig in meinem Kopf breit machen?“, ärgerte sich der junge Held.

    Hey, ich wohne hier.

    „Aber doch nicht – “, setzte er an, aber schlagartig weitete sich der Durchgang zu einer immensen Höhle, sodass er ehrfürchtig verstummte.

    Da der nur trübes Licht abstrahlende Ring an seinem Finger kaum zehn Fuß vor ihm erhellte, war bislang nichts in Sicht gekommen, was ihm begründete Ehrfurcht hätte abringen können, doch allein die Vorstellung des im Dunklen lauernden Ungetüms ließ den jungen Helden erbeben.

    Merkst du irgendwas?, fragte das Schwert ungerührt.

    „Was meinst du?“, entgegnete er verwirrt. Er lauschte angestrengt, spähte in die undurchdringliche Dunkelheit, seine Nerven zum Zerreißen angespannt.

    Und dann fiel es ihm auf.

    Nichts.

    „Ist er vielleicht auf der Jagd?“, mutmaßte er lautlos.

    Diese Viecher jagen meines Wissens nur alle paar Jahre, selbst die Gefräßigeren nur alle paar Monate, gab die Stimme zu bedenken.

    Mit schier unendlicher Vorsicht wagte sich der junge Held weiter in die Stille hinein. Beinahe hätte er aufgeschrien, als etwas am Rand der Lichtsphäre auftauchte. Minutenlang verharrte er in Schreckensstarre.

    Wenn er dich bemerkt hätte, wärst du längst verdaut.

    Diese unerfreuliche, wenngleich zutreffende Bemerkung seiner Waffe befreite ihn aus seiner Paralyse und er schlich lautlos vorwärts. Voller Unbehagen musste er feststellen, dass die Luft mit jedem Schritt wärmer wurde.

    „Das könnte sein Hinterlauf sein“, dachte der junge Held angsterfüllt, da der Lichtschein nicht einmal genügte, den Bauch des Drachen zu beleuchten.

    Halt! Schau ihn dir genau an!, rief die Stimme plötzlich beunruhigt.

    Von der heftigen Reaktion seiner magischen Waffe wie gelähmt, blieb ihm nichts anderes übrig. Quälend langsam verstrich die Zeit und er rechnete in jedem Augenblick mit einem aus der Dunkelheit zuschnappenden mächtigen Maul oder einem sengenden Feuerstrahl, welcher ihn in glimmende Asche verwandelte.

    Das ist sooo ungerecht!, klagte die Stimme unverhofft.

    „Was denn?“, dachte er irritiert.

    Jetzt beweg dich schon, seufzte das Schwert missmutig, ich gehe mal wieder leer aus… und du vermutlich auch.

    Vollends verwirrt war der verängstigte junge Held gezwungen, auf weitere Erklärungen zu warten.

    Ist dir nicht aufgefallen, dass sich der Fleischberg nicht im Mindesten bewegt und keinerlei Geräusch von sich gibt?, belehrte es ihn ungeduldig.

    „Oh!“, entfuhr es ihm und er zuckte zusammen als er seine Stimme durch die gigantische Höhle hallen hörte.

    Na los! Wir haben die Spielverderber wohl knapp verpasst und wenn du mal wieder Glück hast, haben sie nur das Gold mitgenommen.

    Etwas weniger vorsichtig umrundete der junge Held den auf der Seite liegenden, frischen Drachenkadaver, musste jedoch feststellen, dass nirgends auch nur ein einziges Drachenei zu finden war. Ehrfürchtig glitt sein Blick die Umrisse des stachelbewehrten Drachenschwanzes entlang, welcher wie zum tödlichen Schlag erhoben dalag. Viele Schuppen waren gesplittert, das rote, von Waffen aller Art malträtierte Fleisch an vielen Stellen freigelegt.

    Das ist ja gar kein Weibchen!, rief die Stimme überrascht.

    Auch dem jungen Helden fiel plötzlich auf, wo er da gerade hinsah und er wandte den Blick ab. In seinem Kopf jedoch regte sich ein Optimismus, welcher nicht der seine war.

    Hey, wir sollen doch Dracheneier mitbringen.

    „Ja? Und was…? DAS IST NICHT DEIN ERNST!“

    Jetzt mach schon. Du bist jung und brauchst das Geld!

    Vielen Dank für die Glückwünsche. Die Punkteausbeute lässt ja echt keinerlei Wünsche offen. Da war ich jetzt echt platt.

    Danke auch an kalkwiese, der echt unverdient leer ausgegangen ist. Ich fand deine Szenerie und Pointe auch unerwartet und witzig.

    Ich hatte bei dem Thema sofort die beiden vor Augen und auch die Pointe war quasi auf Anhieb da. Und da auch der Herrscher über das Durcheinander keine Einwände hatte, hab ich halt zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. War ja anscheinend eine gute Idee.😁

    Hallo, hier nochmal mein Beitrag zum aktuellen Schreibwettbewerb. Da es diesmal ein Gedicht geworden ist, will ich es in diesem Bereich hinzufügen.

    Ritter der Kellertreppe

    Unter uns'res Kellers Treppe

    schwer verwundet ich mich schleppe.

    Ganz umstellt von Monstern mächtig,

    fühl ich mich berechtigt schmächtig.

    Ohnmächtig ob der Gerechtig-

    losigkeit in diesem Schlechtig-

    keit erleg'nen... äh, Keller.

    Woher kommt des Finstren Horde,

    stets bereit zu feigem Morde?

    Sind sie etwa selbst in Not,

    brauchen bloß ein Scheibchen Brot?

    Oder mopsen sie die Teller

    und noch unser'n letzten Heller?

    Wieso... Wieso UNSER Keller?

    Schlimm tut meine Wunde weh,

    heftig pocht der große Zeh,

    An der Kante angestoßen

    bin ich als ich grad mit bloßen

    Händen rückwärts taumelnd fiel -

    das war echt ein Scheißgefühl.

    Weder Schwert noch Zauberei

    steht mir hier im Kampfe bei.

    Nun auf! Wir ziehen ins Gefecht,

    das Bügeleisen kommt g'rad recht

    und tapfer schlag ich glatt entzwei

    der Monster buntes Allerlei.

    Ich treib sie fort mit fieser Miene,

    rittlings auf der Waschmaschine,

    ich stech' sie mit dem Besenstiel

    und werf nach ihnen mächtig viel

    - in höchst erhab'ner Ritterpose -

    vom Zauberpulver aus der Dose.

    Das reinigt doch auch meine Hose!

    Hab ich mich doch bloß erschrocken

    vor den Hemden und den Socken!

    Trotzdem war's ein Abenteuer,

    wenngleich ohne Ungeheuer,

    und auch mein wunder, großer Zeh

    tut mittlerweile nicht mehr weh!

    "Der Einpeitscher"


    Obsidianring aus dem fernen Vox Populi, schwarzmagisch.
    Bonus: Träger des Rings ist fähig, selbst mit dem blödesten Geschrei die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen.


    Malus: Die Wirkung nimmt mit jedem Einsatz proportional zur zunehmenden Heiserkeit des Redners ab.

    Dieses schmale, schwarze, schwarzmagische Schmuckstück wurde der Überlieferung nach von einem Schiffskapitän aus Vox Populi in Auftrag gegeben, welcher das nötige Geld und eine hinreichende Abneigung gegenüber Schlaginstrumenten hatte. Transporte und Überfahrten mit beispielloser Geschwindigkeit brachten ihm den Beinamen "Pfeil der Meere" ein und seine Auftragsbücher waren stets rasch gefüllt. Bis zu seinem Ableben und der eingehenden Untersuchung besagten Ringes konnte niemand erklären, warum sich die Mannschaft selbst bei günstigen Winden vollkommen bar jeden Widerstandes an den Rudern abschuftete.

    "Antimagischer magischer Topf"

    Verzauberter Kochtopf mit Deckel

    Der Topf wird beim Tragen als Helm blickdurchlässig, schützt jedoch vor jeglichen Attacken auf die Augen des Trägers.

    Der Deckel neutralisiert bei Verwendung als Schild jegliche magischen Geschosse.

    Auch zum Kochen geeignet.

    66 b

    „Dieser Speisesaal ist wahrhaft beeindruckend“, sagte er mit aufgesetztem Staunen.

    Sofort verloren sich der Gastgeber und seine Gemahlin in vielfältigen Aufzählungen und Beschreibungen der übrigen Räumlichkeiten ihres Guts.

    Wozu brauchen Menschen überhaupt so viel persönlichen Platz?, fragte die Stimme in den kollektiven Monolog hinein. Ich brauche doch auch keine größere Scheide. Darin würde ich bloß unbequem herumrutschen… und schließlich findet mein wahres Leben draußen statt, schloss sie entschieden.

    Stimmt, ich kann ja schließlich auch nicht von zu Hause aus arbeiten, pflichtete der junge Held seinem magischen Schwert nachdenklich bei und ließ erneut den Blick schweifen.

    Obgleich er die Regeln nicht kannte, ertappte der junge Held sich nun schon zum dritten Mal dabei, wie er den in einiger Entfernung stehenden Spieltisch musterte. Die anfangs symmetrische Aufstellung der schwarzen und weißen Schnitzfiguren im Spielbereich hatte sich inzwischen zu einer vermutlich strategisch motivierten Formation hin verwandelt. Bei den Spielern schien es sich ihrer Kleidung nach zu urteilen um einen stoisch wirkenden Diener, welcher gerade ein Glas Brandy leerte, und eine untersetzte, gemütlich aussehende Zofe zu handeln.

    Das kapierst du doch sowieso nicht, meinte die Stimme. Sorg lieber dafür, dass wir hier bald rauskommen. Irgendwas behagt mir hier überhaupt nicht…

    Beinahe konnte der junge Held spüren, wie es sein Schwert fröstelte.

    Unvermittelt unterbrach der Gastgeber den tiefgreifenden Gedankenaustausch mit der Eröffnung des Dankesmahls für die Rettung des Hausvogels. Die Übergabe des plappernden Gesellen war glücklicherweise ohne unangenehme Einwürfe vonstattengegangen. Mittlerweile hatten die Bediensteten Platten voller dampfender, köstlich duftender Speisen aufgetischt. Allenfalls das ihm unbekannte Tischbesteck bereitete dem jungen Helden Kopfzerbrechen und er bat mental um spontanen Beistand.

    Ich?! Mit solch mickrigen Messerchen will ich nichts zu tun haben!, echauffierte sich die Stimme erwartungsgemäß ablehnend.

    „Ihr seht mir wirklich wie ein starker, muskulöser Held aus“, holte ihn der Gastgeber wieder aus seinen Gedanken zurück.

    „Ja, mein Liebster, ein stattlicher Held, fürwahr“, pflichtete ihm seine Gemahlin erneut bei.

    Dem Schwert entfuhr ein würgendes Geräusch.

    „Ich danke Ihnen“, entgegnete der junge Held zum gefühlt hundertsten Mal. Glaube ich, fügte er in Gedanken an und bemühte sich, den Gastgeber weder mimisch noch gestisch zu einer Fortführung der Konversation oder anderen Aufmerksamkeiten zu verleiten. Stattdessen wandte er sich wieder mit teils vorgetäuschtem Interesse dem Spiel zu, welches sich in einiger Entfernung entfaltete. Während der Diener sich keinen Fingerbreit bewegt hatte, musterte die Zofe das Spielfeld soeben mit sichtlichem Unbehagen und kratzte sich geistesabwesend am Knie.

    „Unser Butler Dio ist weit und breit der beste Schachspieler!“, erklärte der Gastgeber sofort.

    „Mitnichten, Master Simmons“, hallte Dios Antwort durch den Speisesaal.

    Das war doch… hat er gerade -?, platzte die Stimme beunruhigt heraus.

    Ja, hat er, bestätigte der junge Held sofort und wartete kurz, dass der Nachhall verklingen konnte. Die ausbleibende Reaktion der anderen Anwesenden schien seinen Verdacht weiter zu erhärten.

    „Euer Butler scheint weit mehr als dieses Spiel gemeistert zu haben“, merkte der junge Held mit einem Seitenblick auf Dio an. „Euer ehrenwertes Geschlecht scheint ja überaus… fähige Leute in seinem Dienst zu haben.“

    „Ehrenwertes…?“, wiederholte der Gastgeber verdutzt.

    Seine Gemahlin beugte sich zu ihm herüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin sich seine Miene erhellte.

    „Ah, Ihr spracht von Pedro „Drachentöter“ Simmons, meinem Urgroßvater. Ja, seither zieht meine Familie allerlei Bedienstete mit besonderen… äh, Qualitäten an.“

    „Mit Verlaub, Telepathie scheint mir keine sehr verbreitete Qualität unter Butlern zu sein“, entgegnete der junge Held vielsagend.

    Ein hilfloses, leicht dümmliches Lächeln war die einzige Antwort des Gastgebers, ehe erneut die Stimme des Butlers Dio erklang, diesmal jedoch auf eher… menschliche Weise.

    „Müht euch nicht, Master Simmons, der Knabe ist von hellem Geiste und auch seine Klinge weiß zu ergründen.“

    Das Schwert begann regelrecht in seiner Scheide zu beben.

    Einen Moment lang blickte der Gastgeber unsicher von Dio zum jungen Helden und wieder zurück, ehe er recht schmallippig seufzte, Dio unbehaglich zunickte und ein Gespräch mit seiner Gemahlin begann.

    Pass bloß auf! Der macht dich mit einer Handbewegung kalt!, warnte die Stimme angsterfüllt.

    „Ein Fingerschnippen wäre hinreichend“, vernahm der junge Held und Dio zitierte ihn unauffällig zu sich.

    Sich der möglichen Tragweite einer Verweigerung bewusst, setzte sich der junge Held ohne Umschweife neben den unauffälligen Mann.

    „Hört und schweigt“, sagte Dio. Die Worte hatten schier übermenschliches Gewicht und führten eine unausgesprochene Drohung mit sich, welche für Jahrhunderte nachhallen würde. Sich der telepathischen Fähigkeiten dieser Kreatur bewusst, vermieden es Schwert und Held gleichsam auch nur irgendetwas laut zu denken.

    „Vor euch steht…“ – Dio räusperte sich förmlich – „sitzt Diothephalobrandoryus, der Blaue.“

    Dio, der Eisdrache hatte vor etwas mehr als Einhundert Jahren Zuflucht im Anwesen der Simmons gefunden, nachdem Pedro Simmons, damals noch ein unbekannter, wenngleich wackerer Recke, ihn in einem heroischen Kampf „erschlug“. Der angeblich tote Drache versank der Erzählung nach im See auf den Ländereien des Herrscherhauses Ness. Seitdem gab es wohl immer mal wieder Spinner, die behaupten, sie hätten einen Drachen oder sonst ein Ungeheuer im See erspäht.

    „Eigentlich hat Pedro mir dieses Spiel hier zuerst beigebracht und seit er vor 64 Jahren starb, hatte ich kaum noch einen würdigen Gegner“, seufzte Dio mit einigem Bedauern. „War eine gute Zeit, er hat mich oft in meinem Hort besucht…“

    Er machte einen weiteren Zug, schlug dabei eine Figur der Zofe und zerbröselte sie mühelos zu Holzmehl, was die Anspannung seiner Kontrahentin nicht gerade verringerte.

    „Wird es nicht manchmal langweilig?“, wagte der junge Held zu fragen.

    „Was schlagt Ihr vor, Knabe? Vielleicht einen fairen, sportlichen Wettkampf?“

    Ein Blick auf den Holzmehlhaufen neben dem Spieltisch genügte als Antwort.

    „Nein, ich verlebe hier meine Zeit unauffällig und stelle mich sozusagen tot. Wenn mir danach ist, vertreibe ich den einen oder anderen Wegelagerer. Derzeit treiben mich keine Reichtums- oder Machtgelüste, ich möchte lediglich… wie hieß das gleich noch?“, grübelte er kurz.

    Entspannen?, schlug das Schwert leise vor.

    „Genau. Entspannen“, wiederholte Dio zufrieden und eine weitere Figur zerbarst unter seinem Griff.

    Eine Zeitlang sahen die beiden zu, wie die Holzfiguren ihr pulvriges Ende fanden.

    Braucht Ihr nicht Unmengen an Futter?, fragte die Stimme plötzlich.

    Du scheinst dich ja langsam ganz gut an ihn zu gewöhnen, dachte der junge Held und wollte die Frage gerade aus Gewohnheit weiterreichen, erinnerte sich dann aber, wer sein Gegenüber war.

    „Nicht in dieser Gestalt."

    Die Zofe gab die Partie kopfschüttelnd auf und entfernte sich mit einem höflichen Knicks.

    "Schon mal Mensch gegessen?“, fragte der Drache unvermittelt.

    Der junge Held schüttelte langsam den Kopf.

    Nur geschnitten, warf die Stimme zögerlich ein.

    „Schmeckt furchtbar… , aber die Knochen kann man schön knuspern“, ergänzte er leichthin und knirschte genussvoll mit den Zähnen.

    Fluch des Fa'l-Afel

    Exotisches Gewürzpulver. Gut gekaut ergreifen beim Ausatmen selbst Trolle die Flucht (und das will schon was heissen!).

    Leider tun das meistens auch Freunde und Bekannte, es sei denn, sie kamen ebenfalls in den Genuss. (Vgl. hier auch: "Einsam machender Quark" - T.Z.Atziki,1954,Hellas)

    Wem die Nutzung einer tragbaren Wand aus Gründen der Bequemlichkeit, Ethik oder finanzieller Völlerei unangebracht erscheint, greift bisweilen gern auf Fa'l-Afels geheime Mischung zurück, um eine Sphäre der Privatheit zu erzeugen. Entgegen der allgemein verbreiteten Vermutung ist der Fluch des Fa'l-Afel jedoch nicht magischer Natur, sondern basiert auf extrahierten, hochkonzentrierten Aromen vielschichtiger Couleur. Das Geruchs-Opus-magnum forderte bereits mehrere Leben, da es Massenpaniken auslösen kann; sein Einsatz sollte deshalb bereits mehrfach unter Strafe gestellt werden, jedoch zählten die Entscheidungsträger bislang jedes Mal zu Fa'l-Afels Stammkunden.


    Magisches Langschwert +2 "Flammentänzer"

    Verursacht zusätzlichen Feuerschaden

    Verleiht Immunität gegen Feuer

    Kann einmal täglich einen gehorsamen Ifrit beschwören.

    66 a

    „BRATEN! BRATEN! BRATEN!“, rief er dem jungen Helden ins Ohr.

    Die müssen sich den ganzen Tag nur mit Essen beschäftigen, raunte die Stimme in seinem Kopf, die sind bestimmt fett wie die Mastgänse.

    „Ich frage mich ja, wo sie ihn gehalten haben…“, überlegte er. „Doch wohl kaum bei der Küchenmagd, oder?“

    So, wie ich euch Humanoide kenne, hätte er dann sicher den Weg in den Kochtopf gefunden.

    „POLIEREN! BRATEN! POLIEREN!“

    Der kleine, bunte Vogel begann nun aufgeregt, auf dem jungen Helden herumzuturnen und hopste geschäftig von Schulter zu Schulter. Bei jedem Sprung streifte er leicht seinen Kopf und ahmte mit schriller Stimme ein weiteres Wort nach, welches er wohl in seinem Zuhause aufgeschnappt hatte. Die Worte Beere, Pflaume und Backen hatten den jungen Helden die erste Hälfte der Rückreise unterhalten. Nun schien der Vogel sein ganzes Können präsentieren zu wollen.

    Dieses Geplapper nervt… na , vielen Dank auch!, motzte das Schwert.

    „Dann halt dich gefälligst aus meinem Gedanken raus!“, belehrte er seine magische Waffe.

    Ich weiß wenigstens, wovon ich spreche und krakele nicht irgendwelchen unzusammenhängenden Stuss herum!

    „Das stimmt wohl, es ist nie unzusammenhängender Stuss“, pflichtete er grinsend bei.

    „BEERE! BACKEN! STUTE!“, ergänzte der aufgeregte Vogel seine eigene Aufzählung.

    Stute? Hat er was von den Stallknechten aufgeschnappt?

    „Ich kann mich keiner Pferde auf dem Anwesen entsinnen“, entgegnete der junge Held nachdenklich und trat aus dem Wald heraus auf einen der vielen Äcker, welche das Gut seines Auftraggebers umgaben. Die Sonne warf bereits lange Schatten und der Südwind führte angenehm kühlende Luft heran.

    „POLIEREN! BRATEN! STUTE!“, tönte es hopsender Weise.

    „Ich frage mich ja, ob alle Vögel sprechen können, wenn man sie darin unterrichtet.“

    Wozu das denn?

    „Tiere haben doch ein gutes Gespür, vielleicht könnte man ihm Warnrufe beibringen, wenn Gefahr droht…“, sinnierte er.

    Ich habe dir auch schon über meine magische Wahrnehmung den Hintern gerettet… hey, wage es ja nicht, mich mit diesem schwätzenden Springspatz zu vergleichen!

    „BEERE! BEERE! LOCH!“, piepste der Vogel plötzlich und wurde starr.

    Der junge Held konnte gerade noch sein Gewicht verlagern, als auch schon sein Fuß durch die scheinbar feste Erde sackte und er glücklich, wenngleich schmerzhaft neben der eingebrochenen Stelle in den Dreck fiel.

    Was ist das denn für ein Vogel?!, rief der junge Held perplex, rappelte sich wieder auf und versicherte sich seiner Unverletztheit.

    IST es ein Vogel?, ergänzte das Schwert geheimnisvoll.

    „Ist es ein verzauberter Mensch?“, argwöhnte der junge Held.

    Es IST ein Vogel, Dumpfbacke…

    „BACKEN!“

    Warum musste ich nur an jemand derart Leichtgläubigen und den bekloppten Vogel einer geschwätzigen Landadel-Küchenmagd geraten…, seufzte die Stimme.

    „LOCH! BACKEN POLIEREN!“

    Held und Schwert tauschten einen flüchtigen mentalen Blick.

    Moooment…, setzte die Stimme heiter an.

    „Der Vogel muss zurück zu seinen Besitzern.“

    Sicher, dass du diesen Herrschaften noch ins Gesicht sehen kannst?, feixte das Schwert.

    „Ich hole nur schnell die Belohnung ab und… wieso kennst du dich eigentlich mit so etwas aus?“, fragte der junge Held unwirsch und ging zielstrebig auf das große Haupttor des Gutshofes zu.

    Vorbesitzer.

    „War ja klar“, schüttelte er den Kopf.

    Und wieso kennst DU – ?

    „Ach, halt bloß die Klappe!“

    Elfenseil

    Das Seil ist unzerreißbar, auf Wunsch dehnbar und kann sich auf Befehl selbst einrollen

    Bonus: + 15 auf Klettern

    Regelmäßig hatte der legendäre "Nachtschatten" die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen, wenn er dem tragischsten seiner Lehrlinge beim Training zusah. Obgleich sich der Begriff Ehre nicht so recht einer Assassinenvereinigung zuordnen ließ, verletzte der junge Edgar sie doch zutiefst, sobald er sich auch nur in die Nähe eines Kletterseils begab. Trotz eines harten Sondertrainings hing der Mörder-Azubi stets wie ein Sack voller adipöser Kartoffeln am Seil, in seinen vor Anstrengung zusammengekniffenen Augen die Sehnsucht nach dem Haken über der Brüstung. Da Edgar in jedwedem anderen Aspekt des Assassinen-Daseins, welcher nicht auf reiner Kraft basierte, brillierte, fasste sich der "Nachtschatten" ein Herz und tief in seinen privaten Geldbeutel und verlieh ihm vor seiner Abschlussprüfung ein speziell hergestelltes Seil, mit dem elfischen Zauber "Banjee" durchwoben.

    Auf Kommando wird das Seil elastisch wie ein Gummiband und befördert den Nutzer problemlos in luftige Höhen. Dieser sollte jedoch nicht den Absprung verpassen, da sich der Vorgang sonst in recht amüsanter Weise wiederholt. Tatsächlich erwischte "Nachtschatten" den jungen Edgar mit einigen seiner Kollegen nicht nur einmal dabei, wie sie sich am Seil hinunterstürzten, um sich dann wieder wie ein Pfeil nach oben schnippen zu lassen.

    Strick-Pullover

    Magisches Kleidungsstück, welches sich auf Kommando zu einem langen, stabilen Strick aufdröselt und wieder zu einem Pullover zusammensetzt.

    Verleiht als Kleidungsstück eine wenig Kälteresistenz

    Der Grüne Daumen: Lässt jede Pflanze, die der Eigentümer des Artefaktes berührt, augenblicklich gesunden.

    Bonus: +10 auf Heilmagie (bei Magiern), ansonsten der Dank der Hausfrauen, Förster, Gärtner, Bauern ...

    Malus: -10 auf Geschwindigkeit (der Eigentümer kann an keiner krank aussehenden Pflanze mehr vorbeigehen, was sich besonders in Dürreperioden oder atomar verseuchten Landstrichen extrem schlecht auf das Fortkommen auswirkt)

    Lange Zeit nahm man an, dass der "echte grüne Daumen" lediglich ein ausgehöhlter Trolldaumen ist, welcher seine Regenerationsfähigkeiten auf die berührten Lebewesen überträgt. Dass dem nicht so ist, musste der letzte Besitzer unter besonders ungünstigen Umständen erfahren. Als er den Daumen nutzen wollte, um seinen Körper von einer magisch veränderten parasitären Efeupflanze zu befreien, begann diese sich erst richtig heimisch in seinen Eingeweiden zu fühlen. Der magische Daumen verschwand in den Taschen eines Handlangers und ward seither nicht mehr gesehen.

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    Tragbare Wand

    Solide Ziegelmauer in Größe einer Zimmerwand, lässt sich auf Befehl auf Gewicht und Größe eines Ziegels schrumpfen.

    65 b

    Während sich der junge Held den Dreck abwischte, scharte sich fast ein Dutzend Personen um ihn. Die meisten von ihnen waren derart gut gerüstet, dass sie beinahe komplett aus Metall zu bestehen schienen. Fast alle trugen mächtige Helme mit heruntergeklappten Visieren. Lediglich die Gesichter der buschigen Augenbraue und das eines Gnoms mit Lederkappe und Brille waren sichtbar. Der Gnom machte sich gerade daran, den heimtückischen Stolperdraht, welcher ihn zu Fall gebracht hatte, wieder aufzusammeln. Hinter dem ganzen Metall der Umstehenden sah der junge Held die teils rauchenden Überreste einer kleinen Kolonie blauer Mykoniden.

    „Sei gegrüßt, junger Recke!“, ergriff die Augenbraue lautstark das Wort und hob zum Zeichen einen kleinen Kriegshammer mit langem Stiel. Jetzt, wo der junge Held sein Gesicht nicht nur aus dem Augenwinkel heraus sah, fiel ihm auf, dass der Mann mit Leichtigkeit sein Urgroßvater hätte sein können. Mit seinem warmherzigen, zahnlückigen Grinsen, seinem schief sitzenden, verbeulten Topfhelm, welchen eine schreiend bunte Vogelfeder zierte, wirkte er wie eine Heldengestalt aus farbenfroh geschilderten Kindergeschichten.

    „Seid gegrüßt!“, erwiderte der junge Held endlich. „Seid Ihr etwa der Anführer dieses schlagkräftigen Dutzends?“

    Erneut brandete verhaltenes Gelächter auf und der alte Mann winkte ab.

    „Wenn ich das behauptete, würde der junge Alberich hier meine Knochen zu Mehl zermahlen. Zurecht, muss ich eingestehen“, zwinkert der Alte einer der glänzenden Rüstungen zu.

    Die gemeinte Rüstung öffnete ihr Visier, sodass ein faltiges, weißbärtiges Gesicht zum Vorschein kam. „Seid Euch versichert, dass Toralf der einzige hier ist, welcher mich rechtens als »jung« bezeichnen darf“, raunte er dem jungen Helden halblaut zu.

    „Ich danke Euch jedenfalls, dass Ihr die Mykoniden beseitigt habt!“, entgegnete er nachdenklich und musterte erneut den Greis mit den opulenten Brauen. Die schwer gerüsteten Krieger machten sich daran, ein Lager zu errichten, obgleich die Sonne den Zenit erst kürzlich überschritten hatte.

    Ich würde das lieber nicht anbringen, riet ihm die Stimme. Der haut dich bestimmt windelweich.

    Du sollst nicht ständig in meinen Gedanken herumwühlen, murrte er lautlos.

    „Mit Verlaub, Ihr wirkt auf mich ein wenig zu… ähm“, setzte er an, um dann doch innezuhalten.

    Ich hab dich gewarnt, besserwisserte das Schwert.

    „Zu alt, Bursche?“, zwinkerte er dem jungen Helden freundlich zu. „Zu alt für einen Helden, ja?“

    Maaan, ich glaube, er verhaut dich doch nicht.

    Stattdessen schien der alte Mann es gewohnt zu sein, diese Frage zu beantworten.

    „Junge Helden sterben nicht selten jung durch ihren ungezügelten Übermut – nicht persönlich gemeint, mein Bester – und ich lebe ja noch, also kann ich noch das eine oder andere vollbringen. Wo ist denn da der Unterschied?“

    Wo er Recht hat…, gab das Schwert zu.

    Aber er hat doch gar nicht mehr die nötige Kraft, sich aus brisanten Lagen herauszuschlagen, grübelte der junge Held.

    Und du hast nicht den nötigen Grips dazu, rügte ihn die Stimme. Deshalb hat er seine kräftigen Kumpels und du hast mich.

    Du bist ja auch schon uralt, klar weißt du in vielen Dingen besser Bescheid als ich!

    Und wo ist DA jetzt der Unterschied?

    Der junge Held räusperte sich. „Ähm, ich weiß nicht. Habt Ihr denn einen besonderen, respekteinflößenden Namen? Vielleicht habe ich ja schon von Euch und Euren Mitstreitern gehört?“

    Ich bin der Tüchtige Toralf!“, strahlte der alte Mann mit vor stolz geschwellter Brust.

    Das klingt aber lahm, seufzte die Stimme nach einem Moment peinlicher Stille.

    Der alte Krieger schien den nachdenklichen Blick des jungen Helden zu bemerken.

    „Tüchtigkeit ist doch etwas sehr… Erstrebenswertes und… Respektverdienendes!“, insistierte er.

    Klingt trotzdem lahm. Versprich mir, dass du niemals so wirst!, forderte das magische Schwert und funkelte böse seine Gedanken an.

    „Sicher, sicher“, beeilte er sich, an beide gleichzeitig gewandt. „Allerdings… fehlt dieser Tugend etwas der… wie soll ich sagen… der »heldenhafte Unterton«.“

    „Siehst du, Toralf? Genau das hatte ich dir damit sagen wollen“, rief der Gnom aus dem Hintergrund.

    „Zu meiner Zeit galt diese Eigenschaft sehr viel“, beharrte der Alte. „Dann bin ich eben ein Held für die Angehörigen meiner Generation“, entschied er.

    Dann gehen ihm aber bald die Bewunderer aus, warf das Schwert ein.

    „Dann beeil dich lieber ein bisschen mit dem Heldsein“, erklang eine weitere Stimme aus dem Hintergrund, „solange deine Glieder noch nicht so steif sind wie dein Denken.“

    Inzwischen war eine kleine Feuerstelle eingerichtet worden und der Gnom begann - in Ermangelung von Holz - mit einem Zauberspruch Wasser in einem Kessel zu erhitzen.

    „Habt ihr denn nun eigentlich einen Namen als Gruppe?“, wollte der junge Held erneut wissen, als er sich mit Toralf an die Feuerstelle hockte.

    „Nee, haben wir nicht. Wozu auch? Wir können doch auch so kräftig anpacken und gute Taten vollbringen.“

    „Naja, wir überlassen ihm die angeschlagenen Feinde“, warf der Gnom zwischen zwei Feuerzaubern ein, „aber er kennt so einige Kniffe und tut, was er kann!“

    „Natürlich!“, rief Toralf mit unerwartet starker Stimme. „Damals habe ich sogar im riesigen Verlies des Reiches N’Ahwidaad überlebt!“

    Aus dem Augenrollen des Gnoms ließ sich schlussfolgern, dass Toralf diese Geschichte wohl schon des Öfteren zum Besten gegeben hatte.

    Verlies N’Ahwidaad , echt?, schien die Stimme zu staunen.

    Was denn? Du kennst diesen Ort?, dachte der junge Held interessiert.

    Nie gehört.

    Also manchmal gehst du mir echt –!

    „Bist du eigentlich auch auf Schlangen gestoßen, Bursche? Wir wurden nämlich gestern von einem ganzen Haufen sozialer Äthervipern angegriffen. Die haben dem jungen Theobar glatt einen Finger abgebissen.“

    „Ähm…, »soziale« Vipern?“, fragte er irritiert.

    „Schlangen sind eigentlich für eine solitäre Lebensweise bekannt“, erklärte er, „aber diese Art bevorzugt anscheinend Gesellschaft… jetzt sind sie jedenfalls glücklich vereint – in unseren Mägen.“

    In euren -?

    „Ihr habt sie gegessen?!“, unterstrich er die Verblüffung des Schwertes.

    „Ja, klar. Mit Kresse und Thymian. Ziemlich lecker.“

    Ist das nicht sowas wie Kannibalismus zweiten Grades?, folgerte die Stimme schaudernd.

    „Ähm… also… nein, keine Schlangen, äh… nur drei Riesenhirschkäfer“, stammelte der junge Held vollkommen überrumpelt.

    „Oh, gut. Ihr habt also bereits gegessen?“

    „Nein… äh… was?“

    „Riesenhirschkäfermedaillons geben zusammen mit Spuckkraut und eingeweichtem Brot eine hervorragende Mahlzeit ab!“, erklärte Toralf mit vor freudiger Erregung bebenden Augenbrauen. Sogar die eindeutige Miene des jungen Helden konnte seiner Begeisterung nichts anhaben, sodass er fröhlich weitererzählte.

    „Damals im Verlies musste ich mich wochenlang von irgendetwas ernähren und mit der Zeit wurde ich kreativer bei der Nahrungsbeschaffung.“

    „Ich nehme an, das ging über Insekten und kleine Echsen hinaus…“, traute sich der junge Held den Mund zu öffnen.

    „Nun, ich musste ja bei Kräften bleiben gegen die Werratten und den einen oder anderen Betrachter… die sind übrigens echt nahrhaft, wusstest du das?“

    Denk mal an die Augenstiele, merkte die Stimme an und machte ein würgendes Geräusch.

    „Und was war mit den… den Augen?“, nahm er all seinen Mut zusammen.

    „Um Himmels Willen, Bursche! Die sind doch magisch! Viel zu kostbar, um sie zu verzehren!“, erklärte Toralf mit erhobenem Zeigefinger.

    Der junge Held und sein Schwert atmeten erleichtert aus.

    „Wobei sie, wenn man sie zusammen mit anderen Lebensmitteln lagert, ihr spezielles Aroma abgeben.“

    Also ich habe ja keine Ahnung von Essen und so, aber das hört sich selbst für mich widerwärtig an, schüttelte sich das Schwert.

    „Hey, Toralf, schaltete sich der Gnom erneut ein, „gib mir mal deine Feuerdose.“

    „Hast wohl wieder deinen Magieverbrauch unterschätzt, was?“, neckte ihn Toralf, holte das in triefnasse Tücher eingewickelte Behältnis hervor und reichte es ihm.

    Der junge Held wurde nun Zeuge, wie der Gnom die etwa faustgroße Blechdose unter den Kessel stellte und ihren Deckel aus sicherer Entfernung mit der Spitze eines Dolches aufhebelte. Sofort loderte ein beachtliches Feuer aus der kleinen Dose empor und umzüngelte den Kessel.

    „Feuerelementarinnereien“, beantwortete Toralf die offensichtliche Frage.

    Dabei sieht der Typ so harmlos aus, kam das Schwert kaum aus dem Staunen heraus.

    Inzwischen begannen zwei der Gepanzerten, die Mykoniden in handliche Portionen zu zerteilen. Die naheliegende Schlussfolgerung schlug dem jungen Helden erneut auf den Magen.

    „Theobar!“, rief Toralf plötzlich. „Das Wasser kocht gleich. Ich denke, du kannst jetzt die Ghultorsos holen.“

    Als er sich dem jungen Helden wieder zuwandte, schien ihn dessen grünlich angelaufenes Gesicht doch ein wenig zu beunruhigen.

    „Keine Sorge, die Torsos sind nur zur Aufbewahrung gedacht. Wir verwenden nur, was die Ghule hirnlos in sich reingestopft haben. Da ist wirklich nichts dabei, die können ja nichts mehr verdauen. Vorher gründlich unter Wasser abschrubben, sonst ist da doch nichts dran“, zuckte er mit den Schultern.

    Was passiert dann eigentlich mit den Ghulen, wenn die sich vollgestopft haben? Platzen die Ghule dann nicht irgendwann?, schien sich die Stimme nun doch für das ganze Thema zu interessieren.

    Der junge Held reichte die Frage folgsam, wenngleich mit äußerst ungutem Gefühl weiter.

    „Nö, oben rein, unten raus.“

    Na, hoffentlich haben die vorher gut gekaut…, grinste das Schwert.

    65 a

    „Jetzt biege ich schon seit Stunden nur noch nach rechts ab und habe dennoch nicht den Ausgang erreicht!“, klagte der junge Held.

    Ich hab dir doch gesagt, dass du das schon beim Eingang machen musst. Jetzt bist du wahrscheinlich schon weiter von der Außenmauer entfernt als… als –

    „Ja, ja“, winkte der Held ab, stemmte die Hände in die schmal gewordenen Hüften und schaute senkrecht nach oben. Abgesehen von ihren wärmenden Strahlen schien die Sonne keinerlei Anteil an seinem Leid zu nehmen.

    Schon wieder ein halber Tag rum. Jetzt lass dir langsam mal was einfallen, ich will hier nicht das nächste Jahrzehnt mit deinem Skelett kuscheln, nörgelte die Stimme. Fehlt ja nicht mehr viel.

    „Wenn du dich in ein saftiges Schwein verwandeln kannst, nur zu!“, gab der junge Held entnervt zurück.

    Seit mehreren Sonnen befand sich der junge Held nun in diesem ungewöhnlichen Freiluftlabyrinth und die resultierende Proviantknappheit ließ ihn zunehmend abnehmen. Immerhin hatte er geistesgegenwärtig jegliches saugfähige Material, welches er mit sich führte, dem letzten Regen ausgesetzt, sodass er zumindest noch ein paar Tropfen Wasser hatte.

    Hey, das war meine glorreiche Idee!, meldete sich die Stimme.

    „Du wolltest auch, dass ich auf einem der Riesenhirschkäfer von vorhin die Wände hinaufreite!“

    Wenn die Viecher von oben angreifen, müssen sie ja wohl auch irgendwie da hoch gekommen sein, argumentierte das Schwert wiederholt. Und du könntest dir einen guten Überblick verschaffen, wo wir eigentlich sind.

    „Und dann soll ich wohl auf den Wänden entlangbalancieren, bis ich vor Erschöpfung abstürze?“

    Hey! Wie du wieder runter kommst, ist eine ganz andere – Luft anhalten!, unterbrach sich das magische Schwert plötzlich.

    Einen Moment später wusste der junge Held auch, warum. Ein dünnes Band im Sonnenschein golden glitzernden Staubes begann ihn zu umströmen. Mit angehaltenem Atem steuerte er eilig auf den Ursprung der betäubenden Sporen zu.

    Vertikal, bitte! Sonst stoße ich bloß wieder überall an...

    Mit erhobenem Schwert stürmte der junge Held um die Ecke. Etwas ließ ihn straucheln und er knallte der Länge nach auf den moosbewachsenen Steinboden, sein Schwert noch immer in Händen.

    Hoch! Hoch!, spornte ihn die Stimme an. Ich will nicht bei den Pilzen versauern!

    „Das ist aber ein ausgesprochen hässlicher Mykonid!“, lachte jemand lauthals auf ihn herab.

    Irritiert schielte der junge Held nach oben und blickte in ein vergnügtes Paar wild wuchernder Augenbrauen, unter welchen gerade noch zwei Augen Platz hatten.

    „Jetzt hilf dem Jungen schon auf, Toralf!“, beschwerte sich eine weitere Person aus dem Hintergrund.

    Verunsichert griff er nach der angebotenen Hand und ließ sich aufhelfen.