Trevor sollte alles für die Reise besorgen. So viel hatte er verstanden. Daher packte er frühzeitig am nächsten Morgen seine Sachen in eine Kiste und stellte diese oben an Deck.
Esther nahm ihn mit zu einem Fürsten … Eigentlich eignete sich Edmund wahrscheinlich besser dafür, aber dieser wollte mit Nelli auf den Markt, um Kräuter zu kaufen. Da Edmund sich besser mit Kräutern auskannte als Trevor, und so beide wussten, wonach sie suchten, war die Aufteilung vielleicht so am besten.
Oma und Esther würden die nächste Zeit Trevor und Edmund sicherlich nicht allein losziehen lassen – und wer konnte es ihnen verübeln? Omas „Heilung“ stand an erster Stelle. Und sie sollten keine Zeit verschwenden. Nicht noch mehr. Wenn der Fürst ihnen weiterhelfen konnte, wollte er diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Vor allem würde er diesmal jeden Unfug vermeiden.
Esther waren Pferde – ihres mit Damensitz – oder eine Kutsche recht.
Nachdem Trevor einen Beutel Goldmünzen aus der Kiste abgezwackt hatte, entschied er sich selbst dafür, eine Kutsche zu organisieren. Er konnte reiten, das war nicht das Problem, aber er erinnerte sich gut daran, dass seine Eier davon auf lange Sicht nicht begeistert waren. Das war damals wahrscheinlich auf seine Kleidung zurückzuführen gewesen – oder dem alten Sattel, auf dem er gesessen hatte – aber wenn sie das Geld besaßen … warum nicht? Zudem hatte es Esther in ihrem Kleid verdient, angemessen zu reisen.
Esthers Kleid …
Immer wieder vergaß er, dass sie eine Gräfin war. Irgendwie sträubte sich sein Verstand dagegen, sich das zu merken. Aber immer, wenn sie mit diesen mit Spitze versetzten edlen Kleidern vor ihm stand, erinnerte er sich.
Während er das Schiff verließ, um Esthers Bitte nachzukommen, dachte er darüber nach, woran das lag. Vielleicht daran, dass sie sich nicht wie eine Gräfin gab? In welcher Welt hätte Trevor eine Gräfin mit Vornamen ansprechen dürfen? Geschweige, dass er so jemanden duzen durfte? In welcher Welt hätte eine Gräfin seine Wunden versorgt? Ihm fiel auf, dass er Esther nie wirklich danach gefragt hatte, warum sie auf all das nicht bestand. Es wäre ihr recht, darauf zu bestehen.
Menschen hinterfragen nicht die Dinge, die ihnen das Leben leichter machen, erklärte seine innere Stimme.
Das stimmte. Warum etwas hinterfragen, wenn das Ergebnis daraus einem weniger Arbeit machte? Wenn Trevor etwas durch Omas Ansprache gelernt hatte, dann, dass Edmund und er meist taten, was sie wollten. Irgendwie stimmte das auch. Als Pirat war er es nicht gewohnt, Rücksicht zu nehmen. Auf Gesagtes zu hören. Gehorsam, außer dem Kapitän gegenüber, zählte als Schwäche. Jedem oblag es selbst, Gefahren einzuschätzen. Und Männer reduzierten das gerne hinunter.
Trevor lief durch die Stadt und war froh, dass diese einen anderen Eindruck machte als der Hauptsitz von Herzogin Elisabeth. Die Straßen waren frei von Bettlern, waren sauber und die Menschen schienen gut genährt. In der Nähe des Hafens fand er einen Pferdehändler.
„Du willst eine Kutsche?“, fragte der Mann nach Trevors Erläuterung, warum er da war, und lachte dabei. „Als ob du die bezahlen könntest.“
Trevor warf drei Goldmünzen auf den Boden vor den Mann.
Eilig hob der Fremde jene auf. „Braucht Ihr auch einen Kutscher?“
Trevor dachte nach. Die Kutsche selbst wollte er nicht lenken. Davon hatte er keine Ahnung, aber einen Fremden mitnehmen? „Ja, aber einen Mann, der Geheimnisse bewahren kann.“
Skeptisch sah der ergraute Mann auf, während er die Goldmünzen in seiner Tasche verstaute. „Geheimnisse?“
„Manchmal passieren … Dinge auf der Reise“, fügte Trevor hinzu. Falls herauskam, was er war, sollte der Mann nicht direkt damit hausieren gehen.
Eilig nickte der Mann. „Wir haben einen alten Mann ohne Zunge. Das dürfte doch passen!“
Trevor nickte und warf eine zusätzliche Goldmünze auf den Boden. „Diese Münze gehört ihm.“ Ein Mann ohne Zunge konnte das Gold sicherlich gebrauchen.
„Natürlich“, stammelte der Pferdezüchter.
„Wir erwarten die Kutsche in zwei Stunden am Hafen“, stellte Trevor klar.
Der Pferdeverkäufer nickte.
„Das ist kein Problem.“
Trevor nickte und verließ den Hof. Es war nicht verwunderlich, dass sie ihn erst unterschätzt hatten. Wenn er in die Fenster der Häuser und Läden sah, die seinen Weg säumten, dann sah er nicht gerade nach einem Mann aus, der viel zu bieten hatte. Das hatte er auch nicht. Hätte er mit Edmund nicht die Kiste mit Steuern gefunden, dann wäre er immer noch so mittellos wie immer.
Er war ein Formwandler, aber unfähig sich in eine andere Haut zu stecken. Aber warum? Rebellierte er gegen eine andere Lebensweise, weil er rebellieren wollte?
Trevor schlenderte durch die Straßen und steckte seine Hände in seine Hosentaschen. Umgehend fiel ihm auf, dass ihm in der linken Tasche ein Loch begrüßte, durch das er seinen Finger stecken konnte.
Die Hose hat es auch bald hinter sich …
Noch einmal warf er einen Blick in ein Schaufenster, in dem sein altes Ich sein Blick erwiderte. Er war unlängst kein Pirat mehr, das wusste er. Die Reise mit Edmund, Esther und Nelli hatte ihn immer mehr offenbart, wohin sein Leben sich entwickelte. Dass er seine Kraft und sein Können auch anders einsetzen konnte. Von der Begegnung mit dem anderen Formwandler hatte er noch niemanden etwas erzählt. Warum auch? Machte sein Name, seine Geburt, sein geflüsterter Stand irgendeinen Unterschied? Nein. Auch wenn sein Großvater sich König nannte, so war dieser Titel bedeutungslos in dieser Welt. Diesen Titel hatte sein Großvater, und dessen Vorfahren, sich selbst verliehen. Und trotzdem musste Trevor schmunzeln. Wie ein Prinz sah er wahrlich nicht aus.
Als Trevor das Schild über sich besah, erkannte er, dass er genau vor einem Schneider stehengeblieben war.
Ja, ja, ich verstehe das Zeichen …
Aber nicht nur das. Es schien sich um einen Laden zu handeln, in dem Männer sich auch rasieren lassen konnten. Es würde nicht schaden, wenn Trevor sich etwas mehr Mühe dabei geben würde, Esther bei dem Fürsten nicht lächerlich zu machen. Er atmete tief durch. Er wusste, wenn er diesen Laden betreten würde, würde er den alten Trevor darin zurücklassen.
Es wird Zeit, Trevor, deine Vergangenheit zu begraben.
Mit Sicherheit gab es noch irgendwo einen Steckbrief von ihm. Auf irgendeiner Insel, in irgendeinem Reich. Sein Äußeres anzupassen, erschien ihm daher als nächster Schritt, sich neu zu erfinden – oder erfinden zu lassen. Ein Mann, der fähig war, tausend Gesichter zu tragen, sollte erst einmal sein eigenes kennen und akzeptieren.
„Einen Piraten kann Esther wohl kaum mitschleifen“, sprach er zu sich selbst, bestärkte sich, und öffnete die Tür.
„Egon, er ist doch hereingekommen!“, krakeelte eine hohe Männerstimme direkt, nachdem Trevor das Geschäft betreten hatte. „Ich hatte also recht.“
Ein Mann mit einem Monokel und perfekt sitzenden Anzug kam hinter einem Vorhang hervorgestolpert. „Das ist doch gut. Kundschaft!“
Erst auf den zweiten Blick entdeckte er den Ursprung der anderen Stimme, die vor einer stehenden Stoffpuppe kniete und sich langsam erhob. „Kundschaft? Der obdachlose Schweinehirt?“
Trevor hob erstaunt seine rechte Braue. „Ich wollte … ich suche …“
„Ein Erdloch, in das Ihr Euch suhlen könnt, da …“
„Eszra!“, ermahnte der Mann, der Egon hieß, den anderen.
„Na gut …“, gab Eszra nach, richtete sich seine Schneiderweste, in der Nadeln, Maßband und andere Utensilien steckten. „Was sucht Ihr?“
Bevor Trevor noch weiter beleidigt wurde, holte er seinen Geldbeutel hervor und legte vier Goldmünzen auf den Tresen neben der Tür.
„Wen hat der denn überfallen?“, fragte Eszra an Egon gerichtet.
„Du sollst nicht immer ein Buch nach seinem Einband beurteilen. Außerdem kann uns das egal sein“, schimpfte Egon, nahm einer der Münzen und biss darauf. „Die sind echt.“
„Willkommen im Herrenparadies“, verlautete Eszra und der Ton in seiner Stimme änderte sich. „Was können wir für Euch tun?“
Trevor atmete angestrengt durch. „Ich werde eine Gräfin zum Fürsten von Hochfels begleiten und sollte wohl angemessen aussehen“, setzte Trevor an.
„Natürlich“, sagte Eszra. „Und ich bin die Königinnen-Mutter!“
„Eszra!“
Der Angesprochene pustete sich eine blondgraue Haarsträhne aus der Stirn. „In Ordnung … Und weiter?“
Trevor sah an sich hinunter. „So geht das wohl nicht.“
Eszra lachte. „Das geht in keiner Lebenslage!“ Er stolzierte auf Trevor zu und begutachtete dessen Kleidung. „Was soll das überhaupt darstellen? Mit dem Aufzug könnt Ihr unter Bettlern betteln gehen.“
So schlimm ist es nun wirklich nicht!
„Wenn Ihr den Fürsten besucht, rate ich zu Seide und Brokat! An Eurem Fichu sollte man erkennen, dass Ihr Geschmack und Geld habt!“, schlug Eszra vor, und Trevor verstand kein Wort.
„Das sind Stoffe, oder?“, wollte Trevor daher wissen.
Theatralisch warf Eszra seine Arme in die Höhe. „Egon, so kann ich nicht arbeiten!“
Egon richtete sein Monokel erneut. „Jetzt beruhig dich. Das bekommst du schon hin. Vielleicht ist er gewillt, dir freie Hand zu lassen. Das willst du doch immer.“
Eszra schaute schlagartig Trevor an. „In der Tat. Ich hasse es, bevormundet zu werden. Lasst Ihr mir denn freie Hand?“
Trevor zuckte mit seinen Schultern. „Solange ich keine Perücke tragen muss.“ Auch wenn Trevor keine Ahnung von Stoffen hatte, wusste er sehr wohl, wie einige Adlige herumliefen.
„Ihr leidet nicht an Haarausfall“, stellte Eszra fest, zog Trevor an seinem Zopf zu sich herunter und zupfte an seinem Haar herum. „Ekzeme habt Ihr auch keine und auch keine Läuse … Dann braucht Ihr keine.“
„Danke?“ Das war das Netteste, was der Mann bisher über ihn gesagt hatte.
Eszra rümpfte jedoch gleichauf seine Nase. „Aber bevor ich Euch meine Stoffe anbiete, wird Egon Euch ein Bad einlassen, Euch rasieren und etwas mit Eurem Kopf anstellen.“
„Mit meinem Kopf?“
„Wollt Ihr etwa dieses tote Wiesel auf Eurem Kopf behalten?“
„Eszra!“
„Was? Es riecht tot und sieht tot aus. Mach was! Der beste Anzug nutzt nichts, wenn ein Obdachloser ihn trägt.“, sagte Eszra zu Trevor und hielt den Vorhang beiseite.
Trevor bereute etwas, den Laden betreten zu haben, aber jetzt war es zu spät. Oder? Vielleicht konnte er noch durch das Schaufenster springen und weglaufen. Aber er wollte weniger rebellieren. Deshalb stöhnte er nur und folgte Egon in die hinteren Räumlichkeiten. Hier befand sich ein Stuhl, ein großer Waschzuber. Es schien Egons Bereich des Ladens zu sein. Unzählige Messer, Scheren und Spiegel lagen herum. Ein Feuer brannte in einem Kamin, über dem ein großer Topf hing.
Trevor stand etwas ratlos in der Gegend herum, während Egon ein Bad herrichtete.
„Soll ich Euch mit dem Wasser helfen?“, wollte Trevor wissen, aber der Mann mittleren Alters verneinte.
Zuletzt träufelte Egon unterschiedliche Öle ins Wasser, betrachtete Trevor, ergriff eine andere Phiole und träufelte dieses Öl noch hinein.
„Was ist das alles?“, fragte Trevor.
„Ihr wollt doch nicht nur sauber sein, oder? Ihr erscheint mir wie der Sandelholztyp. Ein bisschen herber.“
Was auch immer …
Egon ging zum Vorhang. „Wenn Ihr so weit seid, ruft mich!“
Trevor nickte und begann, seine alte Kleidung abzulegen. Achtlos ließ er sie auf dem Boden liegen. Danach setzte er sich in den Zuber. Das warme Wasser tat gut. Noch immer waren seine Wunden nicht gänzlich verheilt. Und die, die es waren, reihten sich zu den Narben ein, die er bereits besaß.
Er lehnte sich zurück und ließ die Wärme seine Glieder durchströmen. Als er seine Augen öffnete, erspähte er neben sich den Tisch, auf den Egon bereits alles vorbereitet hatte. Dann betrachtete er seinen Zopf, der über seiner linken Schulter auf seinem Brustkorb ruhte.
Totes Wiesel, dachte er und lachte leise. Aber ja, es war das letzte, das von ihm als Pirat noch übriggeblieben war. Er spielte mit dem Ende seines Schopfes und dachte nach. Wenn es windig würde, könnte er immer noch ein Kopftuch tragen … wollte er diesen Schritt einem Fremden überlassen? Bevor er den Gedanken zu Ende gedachte hatte, lehnte er sich vor, ergriff die Schere und setzte hinter seinem Zopf an …
Es bedurfte einiger Schnitte, dann hielt er seine Vergangenheit in der Hand. Kurz betrachtete er diese und warf sie dann zu seiner Kleidung.
Nachdem er diesen Schritt gegangen war, rief er Egon. Dieser blieb, als er Trevor mit der Schere in der Hand und dem Zopf am Boden sah, kurz in der Tür stehen. „Dafür gibt es aber keinen Rabatt“, stellte er klar.
Trevor lachte.
„Und jetzt lasst mich schauen, was Ihr da angerichtet habt.“
Egon schwang die Messer und die Schere wie ein Soldat eine Waffe, und Trevor ließ alles über sich ergehen. Und er musste feststellen, dass es so unangenehm gar nicht war. Am Ende reichte Egon Trevor einen Mantel, damit er nicht nackt im Laden herumlaufen musste. Bevor sie den Vorraum betraten, hob Egon Trevors alte Sachen auf, samt dem Schopf und wollte wissen, was er damit machen sollte.
„Verbrennt alles!“, antwortete Trevor. Die Kleidung hatte es ohnehin hinter sich und einfache Kleidung für die Arbeit auf der Revenge bekam er überall.
Egon warf umgehend alles in den Kamin, und kurz sah Trevor dabei zu, wie sich seine Vergangenheit auflöste.
Eszra wartete bereits mit einer Auswahl an Hemden, Hosen und Westen auf ihn. Aber zunächst legte man ihm Unterbekleidung zurecht. Während Trevor sich teils anzog, entging ihm nicht, dass die beiden Herren ihn musterten.
Als Trevor fragend dreinblickte, schauten sich die beiden Männer für einen Moment gegenseitig an.
Eszra schien mal keinen Spruch auf den Lippen zu haben. Keine Abwertung oder Scherz.
Egon räusperte sich. „Eszras Vater war Soldat in der Armee des Fürsten gewesen, als dieser den Krieg gegen die rebellierenden Marschen führte. Er kennt den Anblick, den Euer Körper uns bietet.“
Eszra schnaubte. „Er starb mit nicht einmal vierzig, weil seine Verletzungen ihn unnatürlich altern ließen. So eine Verschwendung.“
Trevor lächelte beschwichtigend. „Wenn er für die Freiheit eures Landes gekämpft hat, dann war es keine Verschwendung“, antwortete Trevor und streifte sich ein Hemd über. „Meine Verletzungen stammen nicht alle aus ehrbaren Kämpfen, daher …“
„Ich wusste es.“ Eszra fand zu alter Laune zurück. „Ihr habt Euch sicherlich mit einem Eber um ein Schlammloch gestritten.“
Trevor stieß ein lautes Lachen aus und nickte. Das war immer noch besser als die Wahrheit.
Eszra half ihm in die Kleidung und begann, sie anzupassen.
„Dieses Indigo passt sehr gut zu Euren blauen Augen.“
„Wenn Ihr das sagt …“ Trevor hatte keine Ahnung, was ihm Eszra damit sagen wollte.
„Ihr begleitet also eine Gräfin. Dann gehört Ihr sicherlich ihrer Garde an“, begann Egon eine Unterhaltung und wetzte seine Messer.
Wenn bin ich die Garde!
„Könnte man so sagen“, stimmte Trevor zu. „Zumindest nehme ich meine Ausrüstung mit. Ich weiß nicht, was mich … oder uns erwartet. Ich versuche nur, Est… die Gräfin nicht bloßzustellen.“
„Hier nach werdet Ihr das sicherlich nicht. Das würde ansonsten meine Arbeit beleidigen.“
Klar, auf keinen Fall mich!
„Ihr könntet Euch wie der Mann da geben“, sprach Eszra und verwies auf einen Mann auf der Straße, der mit einer Rothaarigen zurück zum Hafen …
„Verdammt“, stieß Trevor aus und wandte sich vom Schaufenster ab. Das waren Edmund und Oma.
„Ihr kennt die Personen und lauft dann herum, wie Ihr herumgelaufen seid? Der junge Mann ist der Inbegriff von Grazie.“
Und vielem anderen!
„Ich werde mein Bestes versuchen“, gestand Trevor.
„Der Adel ist eine Schlangengrube“, meinte Egon. „Wir arbeiten auch für den Fürsten ab und an. Ihr müsst Euch immer sagen, dass alles, was Ihr sagt, Gewicht hat. Gerade dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Der Adel verzeiht nicht!“
„Aye …“, stammelte Trevor.
„Ein Seemann … na klar. Daher der Geruch! Verkneift Euch das ‚Aye‘!“, sagte Eszra.
„Ay… In Ordnung.“
„Seid zu den Frauen nett. Frauen lenken ihre Männer. Jedweder Kommentar auf Alter und Stand wiegt schwer. Vor allem auf das Alter bezogen“, lehrte Egon ihn.
„Ihr kennt Euch gut aus“, gab Trevor zu.
„Naja, Eszra und ich … stellen für Hof und Haus keine Gefahr da. Daher …“
Ganz dezent ergriff Egon die Hand von Eszra, und da wurde es Trevor klar. Die beiden waren mehr als reine Geschäftspartner. Sie waren Partner.
Trevor schmunzelte. „Ich verstehe … Dann wüsste ich, wen ich zu meinen Töchtern schicke.“
Egon lachte. „Habt Ihr Kinder?“
„Nein, diese … Gelegenheit bot sich bisher nicht.“
„Das liegt daran, dass Frauen einen Geruchssinn besitzen, aber so erzogen werden, Euch nicht auf Euren Geruch anzusprechen. Anders als wir.“
„Ich werde versuchen, das zu bessern“, versprach Trevor. Aber so einfach war das auf See nicht. Und das Meer bot nicht immer die Möglichkeit, ein Bad darin zu nehmen. Vor allem nicht bei unruhigem Wellengang. Sie alle rochen manchmal streng, selbst Edmund – die Grazie in Person.
Eszra verpasste ihm noch passende schwarze Stiefel in drei Ausführungen. Auch für eine Rüstung gedacht.
Nachdem Eszra noch an einigen Kleidungsstücken nachgebessert hatte, entließ er Trevor aus seiner Obhut. Er hatte ihm mehrere Konstellationen zusammengestellt. Von Indigo bis blutrot.
Trevor nickte alles ab.
Als der Formwandler in den Spiegel sah, starrte ein gänzlich anderer Mann zurück. Ob dieser Mann besser oder schlechter war, als sein altes Ich, erlaubte er sich nicht einzuschätzen.
Er legte den Herren noch zwei Goldmünzen auf den Tresen und verabschiedete sich dann. Er versuchte, alles zu verarbeiten, was er gelernt hatte. Und kaum hatte er den Laden verlassen, passierte ihn eine Kutsche.
Trevor pfiff, und die Kutsche hielt.
Das waren drei Stunden!
„Ist diese Kutsche für Eshter Ottilia von Silberberg?“, fragte Trevor.
Der Kutscher nickte.
Stumm! Vergessen?
„Ich habe die Kutsche beauftragt. Ich komme mit!“
Trevor packte direkt seine Kleidung in die Kiste hinten hinein.
Am Hafen angekommen, erklomm er den Steg. Er wusste nicht, wer anwesend sein würde. Kurz hatte er Oma und Edmund erspäht, aber …
Natürlich standen alle an Deck.
„Wer auch immer ihn eingekleidet hat, verdient einen Orden!“, sagte Edmund. „Sieht schick aus.“
Trevor lachte. „Ich will es nicht direkt verkacken!“
"Danke ... das bedeutet mir mehr, als du denkst.“, meinte Esther.
Trevor nickte. „Ich bin immer, was du sagst und willst!“
Er schaute Nelli an. „Um dich zu retten, Om… Nelli!“
Sie tätschelte seinen Arm. „Du musst dich nicht so verändern. Du bist schon gut so.“
„Und ich könnte besser sein!“, flüsterte Trevor Nelli zu. „Du hast recht, als Kapitän sollte ich weniger … albern sein.“
„Albern ist von Zeit zu Zeit in Ordnung. Aber wichtig ist zu erkennen, wo die Fähigkeiten deiner Mannschaft liegen, sie zu nutzen und ihnen Gehör zu schenken.“
Trevor lachte. „Vielleicht will ich das alles nicht mehr, Om… Nelli!“
„Als Kapitän solltest du aber“, ergänzte Nelli.
„Ich höre lieber auf die Frauen“, meinte Trevor und sah Esther an. „Sie ist eine wunderschöne Frau mit Kleidung, die ihrem Stand entspricht. Ich höre einfach auf das, was sie sagt!“
Beiträge von Jennagon im Thema „Seemannsgarn“
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Trevor hatte seine Wache an Deck hinter sich gebracht. Sie waren auf Kurs Richtung Felsschlund. Als er unter Deck ging, um Edmund zu holen, lag dieser mit einem Kissen unter dem Kopf mitten im Flur.
Was zum Klabautermann …
Vorsichtig trat er mit seinem Fuß gegen Edmunds Schulter. „He, was ist denn los?“, wollte Trevor wissen.
Edmund grummelte leise, drehte sich herum und schlief weiter.
Der muss es echt nötig haben!
Kurz überlegte Trevor, Edmund in sein Zimmer zu bringen, aber als Esther plötzlich aus jenem herauskam, wollte er gar nicht so genau wissen, warum die Umstände waren, wie sie waren.
„Guten Morgen“, nuschelte Esther. Ihr Blick wechselte kurz zwischen Trevor und Edmund hin und her.
„Morgen …?“, erwiderte Trevor dezent verwirrt.
Esther huschte an beiden vor – zurück in ihr Zimmer. Samt ihrer eigenen Decke.
Sollte Trevor doch nachhaken? Er überlegte, etwas zu sagen, aber kam zu dem Entschluss, dass beide schon etwas sagen werden, wenn es etwas zu sagen gab.
Trevor ging in die Küche. Auf dem Tisch lagen noch Karten und die Liste für Omas Pflanzen. Nellis Zustand beunruhigte ihn sehr, auch wenn er nicht daran glauben wollte, dass sie tatsächlich sterben würde. Er wollte daran glauben, dass sie die Hilfe bekam, die sie brauchte. Und Trevor war sich sicher, dass Edmund, Esther und er die Pflanzen besorgen konnten. Alles andere wollte er sich gar nicht vorstellen.
Flüchtig warf er noch einmal einen Blick auf die Liste. Darauf aufgezählt waren etliche Pflanzen, die Trevor überhaupt nichts sagten – geschweige, dass er ihre Namen aussprechen konnte. Aber eine Pflanze sagte ihm sehr wohl etwas. Zu Zeiten, als sein Vater Handelsschiffe eines bestimmten Herzogs überfiel, waren diese Pflanzen ebenso Handelsgut gewesen. Ein Gut, für das der Herzog eine Menge bezahlte. Zumindest, wenn man den Büchern des Schiffes Glauben schenkte. Sein Vater hatte ihm erklärt, dass der Herzog den Überfall auf diese Schiffe nicht melden würde, da die Pflanzen unerlaubterweise gehandelt worden waren. Euphoris … im Volksmund die Kicherblume. König Edmund hatte diese Pflanze ausdrücklich verbieten lassen, da sie eine berauschende Wirkung besaß, aber nicht nur das. Bei übermäßigem und langanhaltendem Konsum vergaßen Menschen das Essen und Trinken, wodurch sie irgendwann starben.
Trevor nahm sich die aktuelle Karte zur Hand und verglich die Inseln darauf mit seinen Erinnerungen. Da der Herzog nicht mehr am Leben war …
Warum wohl …
Es war sinnlos nach seinen Schiffen Ausschau zu halten, aber Trevor kannte die Route, die sie damals genommen hatten. Und er erinnerte sich an die kleine Insel, von der sie kamen.
Schlaftrunken schlurfte Edmund in die Küche.
„Ausgeschlafen oder aufgehört?“, fragte Trevor beiläufig, während er noch die Karte besah.
„Halt die Fresse!“, murrte Edmund.
Aufgehört!
„Darf man fragen, warum du im Flur …“
„Nein!“
Trevor nickte verstehend und drehte die Karte Edmund zu. „Ich habe eine Ahnung, wo wir eine Pflanze von der Liste vor Felsschlund herbekommen können. Euphoris.“
Trevor zeigte auf eine Insel, die einen kleinen Schlenker nach Felsschlund bedeutete. Nicht viel. Vielleicht einen Tag Verzögerung.
„Seit wann kennst du dich mit Pflanzen aus?“, wollte Edmund wissen und setzte sich wie ein alter Mann an den Tisch. Dabei folgte er Trevors Fingerzeig.
„Ich kenne mich nicht mit Pflanzen aus, aber mit Gütern auf Handelsschiffen. Unser Kapitän, mein Vater, warf sie immer gleich über Bord, damit niemand auf falsche Ideen kam.“
„Nein, wir überfallen kein Handelsschiff!“
„Sei nicht albern“, erwiderte Trevor nach kurzem Nachdenken. „Als könnten wir ein Handelsschiff überfallen, aber ich weiß, von welcher Insel sie die Pflanzen geholt haben. Da die Pflanze ansonsten verboten ist, ist das unsere beste Chance.“
Edmund betrachtete die Karte und verstand, was Trevor meinte. Allerdings schien er zu müde, um in diesem Moment eine objektive Meinung dazu abzugeben.
Trevor schlug vor, dass Edmund etwas von diesem „Kaffee“ probieren sollte, den die Herzogin ihnen als Geschenk mitgegeben hatte. Ein neumodisches Getränk der Oberschicht.
Edmund nickte.
Die Herzogin hatte erwähnt, dass dieses Getränk eine belebende Wirkung haben sollte.
Trevor zog den Sack mit den gerösteten Bohnen hervor. Diese Bohnen sollten gemahlen und dann in einem metallenen Sieb mit heißem Wasser übergossen werden. Das klang nicht sehr schwer.
Gesagt, getan. Edmund und Trevor gossen heißes Wasser in ihre Tassen und nahmen nach einem Moment die Siebe heraus. Der Geruch war zumindest nicht abschreckend. Beide schauten sich an und nahmen einen Schluck aus ihren Tassen. Sie erstarrten für einen Moment, ihre Augen weiteten sich … kommentarlos ließen sie das Gebräu zeitgleich von ihrem Mund aus zurück in die Tassen fließen.
„Götter, ist das widerlich“, nuschelte Trevor.
„Auf meiner Zunge ist gerade etwas gestorben!“
„Zumindest bist du jetzt wach.“
„Wach war ich die ganze Nacht!“
„Vor deiner Tür?“
Edmund sah Trevor zerknautscht an. „Wo genau finden wir diese Pflanze noch mal?“, lenkte er vom Thema ab.
Trevor grinste. Egal, was vergangene Nacht passiert war, er war sich sicher, dass nichts passiert war. In erster Linie, da Edmund ansonsten in seinem Bett geschlafen hätte – höchstens nicht alleine. Die plausibelste Erklärung war, dass Esther irgendwie in Edmunds Zimmer eingeschlafen, und Edmund zu sehr Kavalier war, um sie einfach hinauszuwerfen.
„Hör auf zu grinsen und sag mir lieber, wo wir die Pflanze finden!“
Trevor zeigte erneut auf die Insel. „Hier! Ich ändere unseren Kurs, und du … holst vielleicht noch etwas Schlaf nach. Ich kann deine Schicht übernehmen, aber danach brauche ich auch etwas Schlaf.“
Edmund nickte und stand auf. „Danke“, kam leise über seine Lippen, bevor er aus der Küche verschwand.
Trevor passte den Kurs an und beobachtete nach einem Sonnenuntergang zu Beginn seiner Schicht nun den Sonnenaufgang vom Deck aus. Das war ihm aber immer noch lieber, als einen übermüdeten Edmund an seiner Stelle zu wissen. Wenn er sich nicht komplett verrechnet hatte, dann würden sie vier Tage zur Insel brauchen.
Später am Tag unterrichtete er auch Nelli und Esther von der Kursänderung, bevor er sich schlafen legen wollte. Nach einer kurzen Ausführung über die Gründe waren auch alle damit einverstanden, ihr Glück auf der Insel zu versuchen.
So vergingen die vier Tage recht ereignislos. Das Einzige, das Trevor auffiel, war, dass Esther ungewohnt ruhig war. Selbst die täglichen Streitereien zwischen Edmund und ihr waren verstummt. Deshalb traute er sich auch nicht nachzuhaken. Es war immerhin gut, dass die beiden sich einiger waren als vorher. Dennoch … Trevor fühlte sich ein wenig ausgeschlossen. Er wusste, dass das nicht der Fall war, aber der Gedanke drängte sich ihm auf.
Aus der Ferne erspähten sie die Insel. Alles wirkte ruhig. Es war kein anderes Schiff weit und breit zu sehen. Je näher sie der Insel kamen, desto klarer wurde das Wasser unter ihnen. Ein beinah weißer Strand erinnerte alle stark an ihren Schiffbruch. Jedoch war der Urwald der Insel ein anderer. Während auf der anderen Insel Palmen die Vorherrschaft besessen hatten, gab es hier etliche Arten von Bäumen. Der Urwald wirkte undurchdringlich und düster. Aber das konnte für eine unbewohnte Insel normal sein. Noch kein Grund, vom Plan abzuweichen. Zur Insel, Euphoris einsammeln und weiter.
Dazu trugen Edmund und Trevor jeweils einen Rucksack auf dem Rücken. Darin auch etwas Proviant und Wasser. Auch Esther hatte sich für angemessene Kleidung entschieden. So trug jene ein einfaches Hemd, eine Hose und Stiefel.
Da sie nicht wussten, was sie erwartet, hielt es Edmund für eine gute Idee, die Pistole aus dem Reliktkoffer mitzunehmen. Esther teilte seine Meinung und händigte ihm das Relikt aus, das immer ins Schwarze traf.
Trevor reichte sein Schwert.
Sie hatten beschlossen, Nelli an Bord der Revenge zu lassen. Sie sah zwar noch jung aus, aber man merkte, dass sie abgeschlagen und müde war. Ein Marsch mitten durch einen Wald war derzeit nicht das passende für sie. Zumindest wollte niemand etwas riskieren. Deswegen gingen Edmund, Esther und Trevor los.
Mit dem winzigen Beiboot ruderte Trevor Richtung Strand. Nachdem sie angekommen waren, sahen sie sich um. Noch immer war nichts und niemand zu sehen.
Trevor hatte die Hoffnung, dass sie ihren weiteren Weg zügig fortsetzen konnten.
Einzig allein das Wetter drohte umzuschwenken. Weit entfernt konnte Trevor bereits eine dunkle Front aus Wolken ausmachen, die auch Edmund nicht entging.
„Allzu viel Zeit sollten wir nicht verschwenden“, nuschelte Trevor.
„Hatte ich nicht vor“, stimmte Edmund zu und wandte sich vom Horizont ab.
Keine hundert Meter vom Strand entfernt begaben sie sich in den Urwald. Es dauerte nicht lange bis man Edmund fluchen hörte. Einmal darüber, dass seine Frisur im Arsch war und auch, weil er bei jedem zweiten Schritt an irgendwelchem Gestrüpp hängenblieb.
Niemanden ging es besser, aber es war sinnlos etwas zu kommentieren, das in aller Ausführlichkeit bereits beschimpft wurde.
„Ich glaube, weiter hinten lichtet es sich etwas“, meinte Trevor, als er bemerkte, dass es heller wurde.
Edmund stieg über eine große Wurzel hinweg, sah in das Buch und richtete seinen Blick in die Richtung, die Trevor meinte. „Laut dem Buch wächst diese Blume ausschließlich bei viel Licht. Hier werden wir mit Sicherheit nicht fündig.“
Trevor zuckte mit den Schultern. Er wusste lediglich, dass es diese Blume hier geben sollte, nicht, wo sie sich am wohlsten fühlte.
Esther war ein paar Schritte zurückgefallen und drehte sich einmal um sich selbst.
„Willst du da hinten Wurzeln schlagen?“, rief Edmund ihr zu.
Esther antwortete nicht sofort, sondern schaute zunächst nach oben. „Sagt mal … fühlt ihr euch auch so beobachtet?“
„Keine Sorge“, beruhigte Trevor sie. „Wir haben genug Waffen dabei, falls irgendein Tier im Gebüsch sitzt.“
Edmund blieb stehen. „Von welcher Art Tier reden wir hier? Flauschige Kaninchen? Erdmännchen vielleicht?“
Wieder zuckte Trevor mit seinen Schultern. „Auf diesen Inseln gibt es oftmals Pumas … Tiger … giftige Riesenschlangen.“
Edmund überwand die wenigen Schritte zu Esther und teilte ihren Blick. „Jetzt fühle ich mich auch beobachtet.“
Trevor warf seinen Kopf in den Nacken. „Wir gehören nicht auf deren Speiseplan, aber wir sollten uns ruhig verhalten.“
„Das sagst du mir jetzt?“, brüllte Edmund.
„Sei doch leise“, beschwor Esther ihn.
„Ist doch sowieso egal. Entweder zerfetzt uns ein Puma, Tiger oder eine Riesenschlange verschlingt uns.“
Trevor verdrehte die Augen und lief weiter. Nach all ihren Strapazen war eine Raubkatze irgendwie das geringste Problem für ihn.
Esther folgte ihm eilig, aber behielt ihre Umgebung trotzdem im Blick.
Edmund holte ebenfalls auf und hielt das Buch wie einen Schild vor sich. Dabei entging niemanden, dass seine andere Hand sich am Pistolengriff befand.
Trevor bemerkte, dass Esther zunehmend unruhig wurde. „Was ist?“, wollte er deshalb wissen.
„Ich spüre Magie.“ Esther sah sich noch einmal um. „Zu wenig für einen Magier, zu viel für einen Gegenstand.“
Gerade als Trevor etwas sagen wollte, rannte Edmund mit einem affenzahn an ihm vorbei und schrie: „Ein magischer Puma …“
Trevor und Esther schauten ihm verwirrt nach.
„Ich hätte die Raubtiere nie erwähnen sollen“, gestand Trevor sich ein.
„Und ich nicht die Magie“, fügte Esther hinzu.
Kurz war es still, als Edmund zurückgerannt kam.
„Was ist jetzt?“, zischte Trevor. „Ein magischer Tiger?“
„Sei nicht albern“, erwiderte Edmund. „Aber ich habe die Blumen gefunden.“
Trevor verkniff sich jedweden Kommentar und folgte ihm – ebenso Esther.
Nach einigen Metern ließen sie den Urwald hinter sich und betraten eine riesige Lichtung. Es wirkte wie das Zentrum der Insel. Überall standen diese orangefarbenen Blumen herum. Es mussten tausende sein.
Erst jetzt fiel ihnen auf, dass sie Oma nicht gefragt hatten, wie viele Blumen sie als Vorrat brauchte. Deshalb kamen sie zu dem Entschluss, dass sie beide Rucksäcke füllen wollten.
Sie begaben sich in das hüfthohe Meer aus Euphoris.
Esther blieb stehen und band sich ein Tuch um die Nase, weshalb sie von den Männern seltsam gemustert wurde.
„Nelli erwähnte doch, dass wir die Blütenpollen nicht einatmen sollen.“
Jetzt klingelte auch ein Glöckchen bei Trevor. Er selbst wusste um die Wirkung der Pflanze, aber er hätte nicht gedacht, dass es wegen der Pollen war. Er dachte viel mehr daran, dass man die Pflanze kochen oder rauchen musste.
„Ja, hier steht es – in klein“, stimmte Edmund zu, der ins Buch sah. „Die Pollen sind das giftige an der Pflanze.“
Edmund und Trevors Blick trafen sich. Zeitgleich stießen sie ein „Aaach“ aus. Sie hatten nicht vor wie verträumte Adelsdamen an Blumen zu schnuppern. Sie wollten jene samt Wurzel ausrupfen und in den Rucksack verfrachten.
Esther sollte derweil die Lichtung im Blick behalten. Wenn sie bereits Magie spüren konnte, konnte sie diese sicherlich auch früher erkennen als der Rest.
Trevor begann derweil, einige Pflanzen in den Rucksack zu stopfen. Dabei bemerkte er, dass den Pollen aus dem Weg zu gehen gar nicht so einfach war. Bei jeder Bewegung der Blüte stob orangefarbener Nebel in die Luft. Für einen Moment war er versucht, sich etwas wie Esther um Mund und Nase zu binden, aber … diese Entscheidung wurde ihm abgenommen. Urplötzlich fegte eine Windböe über die Lichtung. Edmund und Trevor, die inmitten des Blumenfeldes standen, wurden von einer orangefarbenen Pollenwolke vollständig eingenebelt.
Trevors erster Reflex war, die Luft anzuhalten. Als der Blütenstaub sich legte, schauten Edmund und Trevor sich an. Ihre Blicke sagten das Gleiche. „Verdammt!“
Aber das war noch nicht alles. Während die beiden Männer versuchten, das Zeug von ihrer Kleidung zu klopfen, rief Esther irgendetwas aus der Ferne.
Trevor musste sich stark konzentrieren, um zu verstehen, was Esther wollte.
„Da ist etwas!“
„Wo?“, wollte Trevor wissen und atmete sehr tief ein.
O Götter …
„Nicht einatmen“, schrie Edmund und atmete selbst ein.
„Da ist was bei euch im Feld! Es hat euch umzingelt“, schrie Esther lauter.
„Ein Puma!“, kreischte Edmund und sprang Trevor in die Arme.
Verwirrt schaute der Formwandler auf seinen Freund hinunter, der sich wie eine schutzlose Jungfrau an ihn klammerte.
„Lass mich los!“, antwortete Trevor. „Selbst wenn, so kann ich nicht kämpfen.“
„Kannst du vergessen, dann gehen wir eben gemeinsam drauf.“
„Jetzt lass los!“, forderte Trevor eindringlicher und versuchte, Edmund von sich abzustreifen. Nach einigen Augenblicken gelang es ihm auch, aber als Edmund vor seinen Füßen landete, stob erneut Blütenstaub in die Luft.
Jetzt reichte es Trevor. Er nahm eine Blume zur Hand und wedelte sie vor Edmunds Gesicht herum. „Hör auf mit dem Scheiß! Wer weiß, wie viel wir davon schon eingeatmet haben!“
„Du hast mich fallenlassen“, beschwerte sich Edmund, stand auf, aber kicherte.
„Ihr müsst da raus!“, schrie Esther energischer. „Jetzt!“
Trevor sah sich um, aber konnte nicht erkennen, was Esther meinte.
Edmund kicherte immer weiter, was Trevor allmählich ansteckte. Zumindest kam es ihm so vor.
Obwohl Esther aus der Ferne irgendwas rief, das auf Gefahr hindeutete, konnte Trevor kaum einen klaren Gedanken fassen.
„Hör auf, meinen Hintern zu befummeln“, beschwerte sich Edmund.
Trevor sah ihn an. Verzog seine Miene zu einem ernsten Gesicht. „Wenn ich das tun würde, würdest du es merken!“ Während er das sagte, hob er seine Hände unschuldig in die Luft und begann zu lachen.
Edmund schob hinter sich die Blumen etwas auseinander und stieß plötzlich einen Laut des Entzückens aus. „Och, ist der süß“, meinte Edmund, und Trevor schaute an Edmund vorbei.
Vor dem Händlersohn stand eine winzige Figur. Sie reichte Edmund gerade so bis zu den Kniekehlen, die aussah, als sei sie ein hölzernes Flechtpüppchen eines Kindes. Mit Moosbewuchs statt Haaren. Inmitten des Kopfes lugte ein kleines Blatt empor.
Ungehindert fing Edmund an, den Kopf des kleinen Wesens zu tätscheln. „Den will ich behalten.“
„Sowas kommt mir nicht aufs Schiff!“, antwortete Trevor. „Bei starken Wellengang fliegt dann überall sein Kompost herum!“
Vage konnte Trevor sehen, wie Esther einen Schutzschild um sich herum beschwor, um sich ungehindert den beiden nähern zu können.
Edmund sah ihr kurz dabei zu. „Sie ist so schlau, warum sind wir nicht darauf gekommen.“
„Wir sind anscheinend nicht so schlau“, gab Trevor zu.
„Ach, hier ist noch einer. Er hat auch einen Trevor.“ Edmund bezog es anscheinend darauf, dass das andere Wesen ein wenig größer war als das Erste. „Und noch einer … und noch einer … und noch einer …“
„Einen für jeden an Bord oder wie?“, brabbelte Trevor. Irgendwie fühlte sich sein Mund taub an. Und langsam.
„Ich nehme auf jeden Fall einen für den Rotschopf mit. Da wird sie sich freuen.“
„Das sind magische Wächter! Rennt in meinen Schild!“, rief Esther ihnen zu.
„Ich mag aber keine magischen Schilde“, dementierte Trevor trotzig.
„Und ich mag nicht rennen!“, fügte Edmund hinzu.
Esther weitete den Schild aus, sodass dieser beide umgab.
Trevor wusste nicht warum, aber ihm gefiel es nicht, von dieser bläulichen Wand umgeben zu sein, die ihm seine Kräfte raubte. Das konnte er spüren. So mussten sich Männer fühlen, die es ansonsten nicht brachten – in anderen Lebenslagen. Deshalb beschloss er, drei Schritte zur Seite aus dem Schild zu machen.
Edmund beschäftigte sich derweil mit den Wesen, die ihn zu beobachten schienen. Immer mehr tauchten davon auf. Die beiden vor ihm nannte er Winnie und Willi. Die waren laut Edmund jetzt verlobt.
Trevor fand die Idee gut, solange die Hochzeit nicht im Schild stattfand. „Als Kapitän darf ich die beiden verheiraten“, schlug er vor.
„Und jetzt küssen!“, beschloss Edmund und schob die Köpfe der Baumwesen näher aneinander.
Diese waren nicht so begeistert davon und zogen jeweils einen spitzen Stock aus ihrem Inneren. Die Stöcke stachen sie Edmund tief ins Schienbein.
„Das ist aber nicht nett“, schimpfte Edmund. „Aus, sitz, pfui!“
„Komm in den Schild!“, verlangte Esther derweil von Trevor.
„Neihein!“, antwortete Trevor und trat provokant noch einen Schritt weiter weg.
„Trevor, ich warne dich!“
„Der macht mich impotent!“
Für einen Moment schien es, als würde Esther rot werden.
Aber viel Zeit hatte Trevor nicht, sich darüber Gedanken zu machen, denn von der Seite sprangen ihn ein Dutzend dieser Baumwesen an und rissen ihn von seinen Beinen.
Auch ihn stachen sie mit den kleinen Ästen, was Trevor auch weniger wehtat, sondern viel grausamer – kitzelte. „Hört auf!“, forderte er, aber die Wesen hörten nicht auf.
Edmund, der im Hintergrund aussah wie ein bestücktes Nadelkissen, forderte selbiges auf seine Weise. „Pfui Willi, das ist nicht nett!“
Trevor wurde lauter. Noch einmal schrie er, dass die Baumwesen aufhören sollten, ihn zu kitzeln, aber wieder war es vergebens. Dann nahm Trevor zwei der Wesen in jeweils eine Hand und schlug sie aneinander. Überall flogen Äste und Moos herum. Unbeeindruckt davon, ließen zwei von den Wesen von ihm ab, steckten das Blatt von ihrem Kopf in den Boden, woraufhin umgehend zwei neue dieser Kerle aus dem Boden gesprossen kamen.
Trevor richtete sich auf. An ihm hingen die Wesen. Er wollte nach seinem Schwert greifen, aber das befand sich nicht mehr an seinem Rücken. Es war weg! Im Augenwinkel sah er, wie mehrere dieser Kerlchen sein Schwert über ihre Köpfe hielten und davonrannten.
Garstige Baumkerle!
„Edmund“, rief Trevor. „Erschieß diese hundsgemeinen Diebe!“
Edmund kniete immer noch vor Willi und Winnie, die mit seiner Waffe vor seiner Nase herumwedelten. „Gebt das her! Das ist nichts für kleine Baumpuppen.“
Trevor wusste nicht sofort, woher es kam, aber plötzlich schallte ein Schrei über die Lichtung, gefolgt von einem enormen Energiestoß, der Trevor einfach wieder aus seinem Stand riss, und Edmund einige der langen Dornen aus dem Gesicht wischte.
Trevor rappelte sich erneut auf, wieder bedeckt von dem Pollenstaub und Baumwesen, welche aber innehielten. Sie hielten sich an der Kleidung des Formwandlers fest, starrten aber Esther an. Jetzt starrte auch Trevor Esther an. Anscheinend hatte sie diesen Energiesturm verursacht.
Esthers Augen glühten blau und ihre Haar bewegten sich, als befände sie sich unter Wasser.
Die Baumwesen ließen von Trevor ab, knieten sich auf den Boden und verneigten sich vor Esther. Beinahe klang es so, als würden sie ein Lied dabei summen. Ein Singsang aus Wind und Stimmen. Wie Gesäusel eines Herbstwindes.
Trevor wusste nicht warum, aber er machte mit – genauso wie Edmund.
Noch während sie sich kniend auf dem Boden befanden, wuchsen Ranken aus dem Boden, die beide Männer fesselten. Keiner von beiden konnte sich noch bewegen.
Sie hörten jedoch Stimmen, die sich unterhielten. Sie klangen wie verbogene Posaunen. Da beide Männer anscheinend die gleiche Idee hatten, versuchten Trevor und Edmund die Stimmen zu imitieren. Jedoch bekamen sie keine Antwort, während ihr hölzernes Gefängnis lebendig wurde und sie fortbrachte.
Sie waren eine Weile unterwegs, bis Trevor und Edmund in eine Art Käfig geschmissen wurden.
„Wo ist die blaue Göttin hin?“, wollte Trevor von Edmund wissen.
Edmund überlegte angestrengt. „Ich glaube, die sitzt da drüben auf dem Thron. Aber mich würde viel mehr interessierten, wo mein Freund hin ist.“
Trevor schaute sich um. „Häh?“
Edmund begann, in Trevors Gesicht herumzufummeln. „Warum bin ich mit einer Sonnenblume eingesperrt? Dich nehme ich für den Rotschopf mit.“
Ich bin eine Sonnenblume? Naja, ich bin ein Formwandler, warum dann nicht auch eine Sonnenblume.
Trevor wusste sehr wohl, dass Edmund vor ihm saß, zumindest glaubte er das zu wissen. Allerdings besaß der Kerl vor ihm einen Karpfenkopf. Ein sprechender Karpfen mit Edmunds Kleidung.
Der Karpfen atmete erleichtert durch. „Es ist schön mit einer Blume zu sprechen. Die schweigt. Blumen können nicht reden.“
„Blumen sind auch friedlich“, sprach Trevor. „Blumen töten selten andere Leute, ich bin gerne eine Blume.“
„Blume, kannst du ein Geheimnis bewahren? Aber pssst!“ Trevor spürte, wie der Karpfen mit seiner Flosse in seinem Gesicht herumbohrte.
Trevor nickte stumm.
„Die blaue Göttin kam nachts in mein Bett und erzählte mir, dass … Trevor sie befummelt hat, aber sie ist bereits unsterblich verliebt in Thomas! Aber psssssssssssssscht! Der Rotschopf darf davon nichts wissen.“
Trevor stieß einen Laut des Entsetzens aus. „Dieser Trevor muss ein wahrer Widerling sein, aber schön für Thomas. Gut, dass ich eine Sonnenblume bin.“
Irgendwas traf den Karpfen am Kopf, aber Trevor konnte weder sagen, was es gewesen war, noch schien es den Fisch zu interessieren. Es folgte nur ein knappes „Aua …“.
„Blumen würden so etwas nie machen“, nuschelte Trevor.
Der Karpfen nickte. „Vor allem stinkt dieser Trevor aus dem Maul … und ich habe noch nie so eine fettige Fransenfrisur gesehen.“
„Widerlich.“
Der Karpfen nickte ernst.
Eine ganze Weile unterhielten sich die Sonnenblume und der Karpfen.
Bis zu dem Moment, als ein wütender roter Ahorn neben ihnen auftauchte. Die blaue Göttin stand neben dem Ahorn.
Der Karpfen neigte sich in Trevors Richtung und meinte: „Ich glaube, der Ahorn ist sauer.“
Trevor nickte. „Die blaue Göttin auch.“
Der Ahorn schimpfte zunächst irgendetwas Unverständliches. Aber die Worte „seltendämlich“ und „von wegen mich an Bord lassen“ drangen zu Trevor durch. Er wusste nur nicht, warum sie seit Neustem einen Ahorn an Bord hatten.
Da er aber die Situation nicht verschlimmern wollte, stand er auf, während der Karpfen die Tür zum Käfig öffnete.
Noch einmal war lautes Getöse zu hören.
Während die Lagerfeuer der Baumwesen in weite Ferne rückten, verschwamm Trevors Sicht auf das, was ist und war immer weiter.
Das Erste, woran er sich bewusst wieder erinnern konnte war, als er in seinem Zimmer aufwachte. Sein Kopf dröhnte. Er versuchte sich an die Insel zu erinnern, aber nachdem die Windböe das Feld aufgewirbelt hatte, war alles verschwommen. Nur kleine Fetzen waren übrig. Der letzte Fetzen war, als Edmund anscheinend die Baumwesen, denen sie begegnet waren, verheiraten wollte.
Mühselig schob er ein Bein aus dem Bett, woraufhin ihm umgehend auffiel, dass er nackt und sauber war. Sichtlich überrascht fischte er nach sauberer Kleidung, die über einem Stuhl hing.
Nachdem er aufgestanden war, schwankte er zur Tür. Sein Kopf pochte, seine Ohren klingelten. Und dann war da dieser Durst …
Trevor öffnete die Tür. Ein spitzer Schrei erklang und Edmund fiel ihm entgegen, der sich genauso geschunden an seiner Tür abgestützt hatte. Beide fielen um wie zwei nasse Säcke.
„Guten Morgen“, nuschelte Trevor liegend.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es Morgen ist.“
„Ich bin mir nicht sicher, welchen Tag wir haben“, gestand Trevor.
Während beide durstig, geschunden und verwirrt auf dem Boden lagen, taten sich zwei Schatten über ihnen auf. Der eine wippte fordernd mit den Füßen, der andere hatte seine Arme vor sich verschränkt.
„Ich zeige euch jetzt roten Ahorn …“ -
Trevor stand im hinteren Hof und beobachtete die Wachen bei ihren Schwertübungen.
Esther hatte sich mit unzähligen Schriften in ihr Zimmer zurückgezogen und wirkte beschäftigt.
Edmund und Nelli betrieben eine Art Balztanz, bei dem Edmund eindeutig nicht die führende Person war.
Trevor hatte demnach etwas Freizeit, und so lange sie noch zu Gast in dem Schloss waren, konnte er ebenfalls eine Beschäftigung suchen. Obwohl erst ein paar Tage vergangen waren, schien das Anwesen aufzublühen. Wo vorher Schrecken und Furcht herrschten, schienen die Leute jetzt gerne ihrer Arbeit nachzugehen. Angefangen beim Koch bis zum Müller. Selbst die Wachen wirkten wieder diszipliniert. Sie waren nicht schlecht, stellte Trevor fest. Auf jedenfalls zuverlässige Leute, die wussten, wie man ein Schwert in Händen halten musste. Ihm entging dabei nicht, dass viele – gerade die jungen Wachen – immer wieder zu ihm rüber sahen, und er nahm es ihnen nicht übel. Immerhin hatte Trevor etliche Wachen entweder getötet oder ins Lazarett geprügelt. Obgleich diese Männer wussten, dass man ihm keine Wahl gelassen hatte ... ihre Blicke blieben skeptisch. Bei den Männern vor ihm handelten es sich vorwiegend um junge Männer. Irgendwo einzuordnen zwischen sechszehn und anfang zwanzig. Einige mit sichtlicher Erfahrung und andere ...
„He, Ihr!“, ertönte plötzlich vom Kommandanten der Schlosswache. „Lust mitzumachen?“
Meint der mich?
Trevor schaute sich um. Es war niemand anderes da, außer ein paar Kindern, die die Übungen nachahmten. Trevor wog seinen Kopf. Er hatte sich seit Tagen nur vollgestopft und sich nicht viel bewegt. Vielleicht wäre etwas Bewegung nicht schlecht, bevor er noch fett wurde. „Kann nicht schaden!“, rief Trevor dem grauhaarigen Mann zu, dessen Statur aber sein wahres Alter gut verbarg.
Der Kommandant war trainiert, fähig und seine Stimme so tief wie das Grollen eines Braunbären. Selbst Trevor überragte der ältere Herr um beinahe einen Kopf. Der Kommandant musste schon zu Zeiten des vorherigen Herzogs in diesem Schloss gedient haben. Vor der Übernahme des anderen. Aber wo war er beim Wüten des Formwandlers gewesen?
Trevor stieß sich von der Holzumzäunung ab und lief auf die Truppe zu. „Was genau soll ich machen?“, wollte er wissen.
„Was haltet Ihr von den neuen Wachen?“, wollte der Kommandant wissen und verschränkte seine Arme vor sich.
Trevor schaute in die Reihen der zirka zwanzig Männer, schnalzte mit seiner Zunge und lief gezielt auf einen jungen Mann zu, den er unverwandt umstieß.
Scheppernd fiel der junge Mann mit seiner Rüstung in den Dreck.
„Einigen sieht man die Kampferfahrung an, andere brauchen noch Hilfe bei Grundlegendem.“ Trevor hielt dem jungen Mann seine Hand hin, um ihm beim Aufstehen zu helfen. „Ein sicherer Stand kann dir das Leben retten“, fügte Trevor hinzu, und die Wache ließ sich aufhelfen.
„Gut erkannt!“, gestand der Kommandant Trevor zu und warf ihm ein Holzschwert entgegen, das der Formwandler auffing. „Dann kümmert Ihr Euch um die neuen Männer, ich mich um die übrigen.“
Trevor ließ seine Schultern hängen. Warum bekam er die Welpen? Er seufzte und nahm wieder Haltung an. Gekonnt ließ er das Schwert in seiner Hand rotieren und nickte schließlich. Vermutlich hatte der Kommandant, ob Trevors eigenes Alter diese Entscheidung getroffen.
Und vermutlich ist er bereits genervt genug.
So wies Trevor ein paar Auserwählte an, weiter hinten zu trainieren. Er versuchte, ihren Stand zu verbessern, und begann mit einfachen Hieben. Immer wieder korrigierte er die Haltung der jungen Männer, zeigte ihnen Manöver, Angriffe gekonnt abzublocken. Wirklich ins Schwitzen brachte das Trevor nicht. Und dabei wurde er stetig vom Kommandanten beobachtet. Mitunter kam sich Trevor dadurch selbst wie ein Anfänger vor.
Am Ende des Trainings bestand Trevor darauf, dass die Männer versuchen sollten, ihn anzugreifen. Was sie auch bereitwillig taten. So konnten sie ihre Frustration an ihm auslassen. Demjenigen auf die Fresse hauen zu dürfen, der einen über eine Stunde gepiesackt hatte ...
Natürlich reichte die Erfahrung der Männer nicht aus, um Trevor gefährlich zu werden. Der Formwandler parierte größtenteils die Hiebe und Angriffe. Einen der Männer nahm Trevor am metallenen Rand seines Brustpanzers, hob ihn in die Luft und warf ihn auf den Rücken. Die Holzschwerter zerschellten an Trevors Unterarm, während einer nach dem anderen im Dreck landete.
Der Kommandant schüttelte in etwas Entfernung seinen Kopf, entließ seine Männer und ging auf Trevor zu.
Der will doch nicht ...
Kaum hatte Trevor einen Gedanken gefasst, trat der Kommandant so fest gegen Trevors Oberkörper, dass dieser rücklings auf dem Boden fiel und noch einige Meter zurück schlitterte.
Er will, aber ...
Trevor rappelte sich auf, sah sein zerbrochenes Holzschwert an und warf es beiseite.
Der Kommandant grinste. „Eure Deckung ist auch nicht die beste.“
„Ich hab auch nicht damit gerechnet, dass Ihr mich angreift!“, blökte Trevor.
„Rechnet immer mit dem Unerwarteten!“, antwortete der Kommandant ruhig, als läge mehr in seinen Worten, als offensichtlich. „Mein Name ist Erin, im Übrigen. Erin, der Bär.“
Bär, schon klar. Was auch sonst?
„Und jetzt?“, wollte Trevor wissen. „Mich nennt man Trevor ... mehr nicht?“
Erin ging mit festen Schritten auf Trevor zu, holte zu einem Faustschlag aus, dem Trevor durch ein Ducken gerade so ausweichen konnte. Aber kaum hatte er das getan, folgte ein zweiter Schlag, den er mit seinem Unterarm vor dem Gesicht aufhielt. Ein stechender Schmerz durchzuckte Trevors Körper. Der Schlag hatte es in sich. Jedoch ließ sich Trevor nicht lumpen und griff nach etwas Dreck vom Boden, schmiss es Erin ins Gesicht, nahm ihm am Kragen und verpasste so dem Kommandanten eine heftige Kopfnuss.
Erin taumelte zurück, hielt sich die Stirn und lachte. „Ihr kämpft schmutzig und ohne Ehre ...“
„Für Ehre war bisher kein Platz in meinem Leben!“, erwiderte Trevor und wollte nachsetzen, aber Erin hob schlichtend seine Hand.
Trevor hielt inne.
„Das reicht für heute“, meinte Erin und sah zu seinen Männern. „Behaltet Euch im Kopf, dass Eure Gegner alles nutzen werden, wenn sie sich in der Ecke befinden.“
Die Männer nickten und zogen ab.
„Ich befand mich in keiner Ecke!“, dementierte Trevor. „Ihr wart dabei, zu verlieren!“
„Das denkt Ihr?“
Ist doch offensichtlich!
„Wie oft habt Ihr gegen Euersgleichen gekämpft?“
Meinesgleichen?
Erin lachte, nahm seine Hand von der Stirn und musterte Trevor. „Einen Formwandler?“
Trevor bekam große Augen. Deswegen hatte der Kerl ihn quer über das Übungsfeld getreten.
Ihm schossen tausend Fragen durch den Kopf, und Erin schien ihm das anzusehen.
Erin bezeichnete Trevor, ihm zu folgen, und dieser tat das bereitwillig. Sie setzten sich in einen Salon des Schlosses, wo Erin sich sicher war, dass sie niemand belauschen würde. Er schenkte Trevor Wein ein und setzte sich dann vor ihn. „Sie haben versucht, das Ritual an dir zu vollziehen, nicht wahr?“, fragte Erin, und Trevor nickte nur verwirrt.
Erin fasste in seine Rüstung und zog ein Amulett hervor. „Dieses kleine Ding verdeckt Auren. Es ist nichts Großes, aber so konnte ich meine Herkunft über viele Jahre verbergen.“
Erin erzählte, dass er dies vom alten Herzog bekommen hatte. Es war ein Geschenk gewesen, da sich der alte Herzog niemand Besseres als Kommandanten seiner Wache vorstellen konnte, als jemanden, der ... so talentiert war. Deswegen war er auch geblieben, obwohl die neue Herzogfamilie Anhänger dunkler Magie gewesen war. Dies hier war sein Zuhause, der alte Herzog ein Freund gewesen ...
„Aber warum habt Ihr nie versucht, diese Ratten zu töten?“
Erin lachte. „Die Übernahme war legitim, ich konnte nichts tun, da sie nachweislich als Erben galten. Und wenn erneut ein Formwandler seine Herren tötet ... das täte unserem Volk nicht gut, auch wenn ich mich dagegen entschieden habe, zur Insel zurückzukehren. Ich wollte diejenigen hier beschützen, die es wert waren, beschützt zu werden.“
„Deswegen habt Ihr mich nicht aufgehalten ...“, dämmerte es Trevor. „Ihr habt es zugelassen.“
Erin nickte und trank selbst vom Wein. „Die, die dumm genug waren, Euch die Stirn zu bieten ... hatten es nicht besser verdient. So trennt man die Spreu vom Weizen.“
Die beiden Herren schwiegen kurz. „Wie nannte man Euren Vater?“, wollte Erin wissen.
„John van Dykken“, antwortete Trevor ehrlich. „Aber ich weiß nicht viel über meine Familie oder die Insel. Mein Vater zog es vor, mit allem Wissen zu sterben.“
Erin starrte Trevor an. „Du bist Rhys‘ Enkel?“ Erin ließ plötzlich die förmliche Anrede weg. Trevor zuckte mit seinen Schultern. „Wenn das der Vater von meinem Vater ist ... war?“
„Du hast keine Ahnung, von wem du abstammst ... als Formwandler? John muss gewollt haben, dass du es nicht weißt.“
Hab ich das nicht gesagt? Ist der Alte taub?
Erin lachte plötzlich laut auf und knallte das Amulett auf den Tisch. „Dann gehört es jetzt dir!“
„Nein. Das war ein Geschenk!“, widersprach Trevor.
„Und ich schenke es dir. Ich muss mich hier nicht mehr verstecken. Die neue Herzogin weiß über mich Bescheid.“
„Für deine Kinder?“
„Meine Kinder sind meine Soldaten, Euer Hoheit! Es ist mir eine Ehre, es Euch zu geben.“
Trevor kam der Wein durch die Nase. Was hatte er da gesagt? Er hustet und stellte seinen Becher ab. „Was? Wie bitte?“, fragte Trevor mit rauer Stimme.
„Wenn du Rhys‘ Enkel bist, des ungekrönten Königs der Formwandler, dein Vater verstorben ist ... bleibst du trotzdem einer seiner unzähligen Enkel, einer der Prinzen. Ein Reinblüter! Es ist wahr, ich hätte nur wenig Chancen gegen dich. Jedoch fehlt es dir an Erfahrung, mit deinen Fähigkeiten umzugehen. Das mach dich schwach und angreifbar. Das solltest du ändern und das schnell. Du bist nämlich etwas mickrig.“
„Was?“, fragte Trevor monoton.
„Deine Verwandten überragen dich wahrscheinlich um einen oder zwei Köpfe ... Du bist eher der ... schwächliche Nachwuchs. Wie bei Tieren. Das Junge, das nicht an die Milch kam. Es kommt häufiger vor, dass Väter ihre Söhne nicht zur Insel bringen, wenn sie das Gefühl haben, sie könnten den Aufenthalt nicht ... überstehen. Denn die Bewohner von Sturmwacht messen häufig ihre Kräfte. Und manchmal geht das nicht gut aus.“
Eine Insel voller Proleten also!
Trevor war klar, dass sein Vater bereits größer gewesen war, auch um einen Kopf ... aber mickrig?
„Sei nicht beleidigt“, fügte Erin hinzu. „Dein Vater hat es sicherlich nur gut gemeint. Er wollte dich beschützen.“
Super, ich bin das Junge, das man wohlwollend gegen die Wand wirft, um es von seinem Leiden zu erlösen. Na, danke!
„Aye, nett ...“, antwortete Trevor unbeeindruckt. „Aber ich habe kein Interesse, mich zu messen. Ich bin, wer ich bin, selbst wenn sich mein Vater für mich geschämt hat.“
„Das mag sein, Junge“, antwortete Erin, „aber wir können nicht davor davonlaufen, wer wir sind. Ich habe jetzt das Glück, dass Herzogin Elisabeth ihre schützende Hand über mich hält, aber dein Weg wird ein anderer sein. Dein Vater hat dir aus Absicht nicht erzählt, wer genau du bist. Wer deine Mutter war. Dich nicht geschult. Hole das nach! Und wenn nicht für dich, dann für deine Freunde. Denn solltest du auf andere Formwandler treffen, die gut trainiert sind, dann wirst du unweigerlich verlieren. Da helfen dir auch schmutzige Tricks nicht weiter.“
„Du vergisst aber, dass ich nicht alleine bin. Ich muss mich niemanden alleine stellen. Ich habe Freunde, die sich nicht für mich schämen oder verstecken!“
Erin lachte. „Da hast du recht.“
Trevor nahm das Amulett. „Dann nochmals Danke! Vielleicht kann Esther mehr davon herstellen ... für uns alle.“
Erin nickte. „Und wenn du wissen willst, wo Sturmwacht ist ... folge dem Nebel der ungebändigten See. Du musst dich aber aus Südosten nähern. Andernfalls lauft ihr auf Klippen.“
Erins Gerede verkam zu einem Piepen in Trevors Ohren. Er ahnte nun, warum sein Vater ihn nie zur Insel gebracht hatte ... Er war zu klein gewesen, zu schwach womöglich ... Er war aussortiert worden. Wie ein faules Ei. Aber stimmte das wirklich? Er hatte bisher geglaubt, es war, weil John das Leben eines Formwandlers nicht für ihn wollte, aber ... vielleicht war es von allem etwas. Wenn John der Sohn des ungekrönten Königs war, konnte er natürlich nicht mit einem Sohn ankommen, der neben anderen Formwandlern wie eine halbe Portion wirkte. Vielleicht hatte er sich wirklich für ihn geschämt. Trevor richtete sich auf. „Für heute habe ich genug gelernt, danke.“
„Wenn du weitere Fragen hast ...“, setzte Erin an, aber Trevor verneinte. Er würde die Insel ohnehin nie aufsuchen, egal, wer er war. Sollten sich doch die unzähligen Nachkommen wegen eines nicht existierenden Throns die Köpfe einhauen, wenn sie ohnehin den ganzen Tag nichts anderes taten.
Trevor wusste nicht wohin, nachdem er den Salon verlassen hatte. Die Informationen waren etwas zu viel und zogen seine Laune in den Keller, obwohl er es nicht wollte. Er betrachtete das Amulett und einigte sich darauf, es einfach Esther zu geben. Vielleicht konnte sie es duplizieren. Wenn andere Ringe besaßen, die auf magische Auren aufmerksam machten, wäre es nicht schlecht, etwas zu besitzen, dass diese unsichtbar machte. Vor allem, da sie einen verrückten Magier im Nacken sitzen hatten.
Schnurstracks ging er ins Innere des Schlosses und klopfte – vielleicht etwas zu energisch – an ihre Tür.
Esther bat ihn hinein.
Trevor folgte dieser Aufforderung, aber stand zunächst etwas verloren in ihrer Kemenate. „Da!“, äußerte er und hielt ihr stumpf das Amulett vor die Nase.
„Schöne Kette“, Esther betrachtete den Stein, nahm das Amulett aber nicht in die Hand. „Was soll ich damit?“
„Vervielfache es! Bitte?“
Esther starrte ihn an. „Was?“, kam gedehnt von ihr.
„Dieses Amulett versteckt Auren! Vielleicht kannst du es vervielfachen. Das Ambivalent zu den Ringen.“
Esther nahm das Amulett an sich, begutachtete es und schaute Trevor an. „Woher hast du das?“
„Ist das wichtig?“
Von einem Formwandler, der sich über mich lustig gemacht hat!
„Nein, eigentlich nicht.“ Esther legte die Kette beiseite. „Da es dir wichtig zu sein scheint, werde ich sehen, was ich tun kann. Aber ... du bist doch nicht nur deswegen zu mir gekommen, oder? Das hätte nämlich auch bis morgen warten können.“
„Ob es das könnte, weiß ich nicht.“
„Trevor?“ Esther legte ihre Hand beschwichtigend auf seinen Oberarm. „Du musst mir nichts erzählen, wenn du es nicht willst ... Aber du weißt, dass du mir vertrauen kannst.“
Trevor sah Esther an. Sie hatte recht, sie war eine Freundin. Er konnte ihr vertrauen.
„Würdest du mich verschweigen? Als Mensch, meine ich.“
Die Frage war selbst für ihn überraschend. Erins Worte hatten ihn anscheinend mehr getroffen, als er zugeben wollte.
Esther überlegte. „Das ich dich verschweigen würde, heißt nicht, das ich dich weniger wertschätze, und das weißt du.“
Trevor stieß ein leises Lachen aus und nickte verstehend. „Schau nach dem Amulett, bitte“, antwortete er und wandte sich ab. Er verließ Esthers Zimmer, warf die Tür zu und verharrte einen Moment. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er hatte so viel überlebt, so viel gekämpft. Trotz seiner stattlichen Körpergröße war er eine Schande für die Formwandler? Sein Vater hatte ihn geheimgehalten? Sich geschämt? Er hatte ihm ja nicht einmal verraten, dass er sein Vater war. Warum das alles? Auch in Esthers Geschichte würde er anscheinend keine Erwähnung finden. Warum sollte die Tochter eines Grafen auch von ihm erzählen? Und wem sollte sie von ihm erzählen? Ihrem Vater? Wohl kaum.
„Du hast mehrfach ihr Leben gerettet, für deine Freunde getötet und das würde sie verschweigen, dich verschweigen?“, bohrte sich eine Stimme in seinen Verstand. Trevors Fäuste ballten sich. Seine Atmung wurde schneller. Er griff die Vase neben sich und schleuderte sie gegen die Wand. Die Scherben flogen umher, aber das reichte nicht. Er nahm die Kommode und warf sie quer durch den Flur, riss ein Bild von der Wand, zerbrach es über seinem Oberschenkel und warf die Einzelteile umher. Zuletzt schlug er mehrmals auf eine Marmorsäule ein, bis diese sichtliche Risse bekam. Die Haut an seinen Knöcheln platzte auf. Und plötzlich ebbte seine Wut ab. Er lehnte seine Stirn an die Säule und atmete durch. Worüber regte er sich eigentlich auf? Edmund war er sicherlich nicht peinlich, genauso wenig Nelli. Er musste aufhören, die Meinung weniger als Maß zu nehmen, wenn ein Großteil mehr in ihm sah. Nelli und Edmund waren so überzeugt gewesen, dass er aus dem Verlies freikommen würde, dass sie nach der Revenge gesehen hatten. Sie verließen sich auf ihn. Sie hielten ihn sicherlich nicht für das schwache Glied in einer Kette. Er stieß sich von der Säule ab und verschwand in seinem Zimmer.
Nachdem Trevor sein Zimmer betreten hatte, erkannte er umgehend eine Gestalt neben seinem Bett. Es war die blonde Zofe, die es schon seit Tagen auf ihn abgesehen hatte. Trevor seufzte.
„Mieser Tag, schöner Mann?“, säuselte sie und ließ ihr Nachtgewand unverblümt zu Boden fallen.
Das wenige Licht aus dem Kamin erstrahlte ihren Körper wie das Nordlicht den Nachthimmel.
„Wenn ich nachgebe ... Bin ich dich dann los?“, wollte Trevor wissen.
„Sicherlich!“, versprach sie.
Trevor grinste schelmisch. Irgendwie schmeichelte es ihm. Vor allem heute, und begann, sein Hemd aufzuknöpfen, während er auf sie zuging.
Trevor besaß in der Praxis noch nicht allzu viel Erfahrung, aber er war optimistisch. Wie schlimm sollte das schon werden? Etwas Ablenkung tat sicherlich gut.
Nur zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass nicht alles schön war. Seine Mutter hatte ihm eingetrichtert, dass immer Männer die Bösen waren, aber so langsam kamen Trevor Zweifel an dieser Einstellung. Trevor wollte beginnen wie bei Dorothea, liebevoll und ... mit einer gewissen Romantik in der Luft. Jedoch schien seine Partnerin davon wenig überzeugt.
„Ich bin doch keine verklemmte Jungfrau“, fauchte sie regelrecht. Unverblümt fasste sie ihm in die Hose, obwohl er noch nicht einmal gänzlich seine Kleidung abgelegt hatte. Das war irgendwie nicht sein Stil. Trevor brauchte einen Moment, um überhaupt in Fahrt zu kommen. Er wollte etwas sagen, ließ es aber.
„Nimm mich!“, gab die Zofe fordernd von sich, die sich nur kurz als Odette vorgestellt hatte.
Aye, ich bin doch dabei! Ah, Krampf im Oberschenkel ...
„Könntest du etwas leiser sein?“, fragte er, stieß aber dabei auf taube Ohren.
Trevor rannten Schweißperlen über die Stirn. Er konnte weder abbrechen noch vortäuschen. Diese Zofe würde sicherlich alles weitertragen. Zumindest wirkte sie so. Worauf hatte er sich hier eingelassen? Er hätte auf sein Bauchgefühl hören sollen, aber ...
Immerhin ist es eine Ablenkung. Keine Gute, aber eine laute!
Dann kam ihm eine Idee. Er legte sich aufs Bett und schob sie auf sich.
Odette wedelte mit ihrem Haarschopf so herum, dass Trevor permanent ihre Haare aus dem Mund fischen musste. Er fühlte sich ein wenig wie ein Hengst, der zugeritten wurde.
Was macht die da oben? Dann doch anders ...
Er musste seine Gedanken fokussieren, um die ganze Geschichte durchzustehen. Woran sollte er denken? An Dorothea, an Oma – für eine Millisekunde war selbst das eine Option. Esther? Sie war keine Option! Das fühlt sich falsch an.
„Fester!“, schrie Odette und sah nach hinten zum ihm.
Die Alte geht mir auf den Sack!
Angetriebenen von seinem Wortwitz, musste Trevor lachen,
„Warum ... lachst ... du?“, wollte die Zofe stockend wissen.
Trevor seufzte. Das alles dauerte ihm viel zu lange. „Halt einfach die Klappe!“, sagte er und warf sie vor sich aufs Bett, drehte sie um und versuchte, zum Ende zu kommen. Er gab sich alle Mühe und trotz allem war er froh, schlussendlich auch ihr ein Ende beschafft zu haben. Was sicherlich nicht zu überhören gewesen war ... bis ins Dorf. Oder einer Nachbarinsel. An den Rand der Welt? Trevor fiel danach verschwitzt auf die Seite und atmete schwer. Er fühlte sich weniger entspannt und befriedigt als beim letzten Mal. Um ehrlich zu sein, konnte er das Zimmer nach der Nacht nicht mehr verlassen. Jeder würde ihn schräg ansehen. Am Himmelbett erhängen wäre eine Lösung gewesen, aber ... zumindest hatte sie ihre Befriedigung herausgeschrien, sodass er sich zumindest nicht lächerlich gemacht hatte. Erhängen schien deshalb übertrieben.
Moment, ich bin ein Formwandler, ich kann mich jederzeit tarnen, genau. Das ist eine gute Idee!
Odette kuschelte sich derweil an ihn.
„O nein, nein nein“, dementierte Trevor und rückte von ihr weg. „Wir hatten eine Abmachung. Ich bin dich danach los!“
„Du willst mich rauswerfen?“
Ich werde dich sicherlich nicht heiraten!
„Ich werfe dich nicht raus. Ich habe mich an meinen Teil gehalten, du hälst dich an deinen!“
Odette stand schnurstracks vom Bett auf und wirkte wütend.
Das ist mir sowas von egal!
„Für dich sind Frauen auch nur Mittel zum Zweck, nicht wahr?“, krakeelte sie.
„Was?“, hakte Trevor nach und richtete sich etwas auf. „Ich wollte nicht einmal, dass du hier bist!“
Sie zog scharf Luft ein und nahm ihr Gewand an sich. „Das wird sich auch nicht wiederholen.“
„Bei den Meeresgöttern sei Dank.“
Odette stieß einen Ausruf des Entsetzens aus. „Du Schwein!“ Sie zog sich an und schritt zur Tür. „Auf Nimmerwiedersehen!“ Sie schmiss danach die Tür hinter sich zu.
„Du bist doch völlig durchgeknallt!“, rief Trevor ihr nach und ließ sich danach ins Kissen fallen.
Am nächsten Tag schlich sich Trevor aus seinem Zimmer. Vorher versicherte er sich, dass der Gang leer war. Leise begab er sich in den Speisesaal, wo er seinen Kopf auf die Tischplatte schlug. Es dauerte nicht lange, da bemerkte er zwei Schatten um sich herum, die sich auch setzten.
„Guten Morgen“, flötete Omas Stimme neben ihm.
„Aye, Morgen!“, antwortete Trevor, schaute aber nicht auf.
Alle schwiegen, sodass Trevor dann doch neugierig seinen Kopf hob.
Na los, sagt was!
Sie schauten erst ihn, dann sich gegenseitig, dann wieder ihn an. Urplötzlich fingen Oma und Edmund an zu lachen. Laut!
Trevor rutschte in seinem Stuhl tiefer, musste aber grinsen. Aus dem Grinsen wurde zunächst ein leises Lachen, aber dann überkam es auch ihn. Er ließ sich von seinen Freunden anstecken und lachte laut los. -
Trevor saß in der Wanne und hatte seine Arme über den Rand gelegt. Frei baumelten sie hinunter, während sein Kopf mit geschlossenen Augen nach oben gerichtet war. Das Seifenwasser brannte in seiner Wunde, aber er war schmerzaffin. Seine Rolle als Beschützer, der er gerne nachkam, formte aus ihm eine düstere Legende. So schnell würden die Bewohner dieses Schlosses sein Wüten nicht vergessen, das hatte er in den Augen der Diener gesehen, ebenso im Blick der augenscheinlichen neuen Herzogin.
Trevor atmete tief durch. Was würde wohl der Rest sagen, wenn sie das Verlies gesehen hätten? Kümmerte ihn das überhaupt noch? Kümmerte es andere, was er tat? Nach der Rückkehr zum Schiff verbuchte Trevor Edmunds und Nellis Reaktion als Vertrauen. Vertrauen darin, dass er wusste, was zu tun war. Er hatte erfahren, dass Dorfbewohner und andere angefangen hatten, die Revenge zu plündern. Daher war es sicherlich klug gewesen, dass Oma und Edmund zurückgekehrt waren, bevor jemand die Kiste voller Gold gefunden hatte. Esther anscheinend nicht, nicht was Edmund und Nelli anging. Bei ihm schon. Zumindest nicht im Negativen. Esther schien ihm zu vertrauen. Er kam nicht umhin, eine Veränderung an ihr wahrgenommen zu haben. Sie hatte ihn aufgefordert, Cecilia zu töten. Das hätte er der zarten Tochter eines Grafen nicht zugetraut. Aber er kannte ihren Blick nur zu gut. Hass, Angst ... aber vor allem Hass. Nicht einmal mehr mit Wut ließ sich Esthers Verhalten erklären. Wobei er zugeben musste, dass er etwas amüsiert darüber war, dass so viele Schimpfworte und Flüche den Mund der Adelstochter verlassen hatten. Beinahe wie bei einem alten Seemann.
Trevor hörte die Tür zu seinem Bad aufgehen. Kurz wollte er seine Augen öffnen, aber er war zu müde. Er genoss das warme Wasser um sich herum. Mehr nicht.
Erst, als er spürte, wie jemand begann, seine Brust vorsichtig abzutupfen, riskierte er einen Blick.
„Guten Abend ...“, säuselte eine blonde Bedienstete und lächelte ihn an. „Die Herzogin sagte, ich solle nach Euren Wunden sehen.“
„Kein Bedarf!“, entgegnete Trevor und wischte ihre Hand von seinem Oberkörper.
„Aber ...“
„Nichts aber, geht einfach! Mir ist nicht nach weiblicher Gesellschaft. Wenn jemand meine Wunden versorgt, dann jemand aus meiner Gruppe.“
Sie tupfte weiter.
Trevor öffnete seine Augen und betrachtete die durchaus hübsche junge Frau vor sich.
„Wisst Ihr, es war sehr beeindruckend, wie Ihr durch das Schloss spaziert seid. Ihr habt jedes Hindernis überwunden, um Eure Freunde zu finden.“
Trevor stieß ein Schnauben aus. „So etwas beeindruckt Euch? Hier wimmelt es vor Wachen, darunter ist sicherlich jemand froh über Eure Gesellschaft.“
„Aber jemanden wie Euch habe ich noch nie gesehen. Blutend und verletzt wart Ihr in der Lage, mehrere Männer zu ...“
„Töten!“, ergänzte Trevor, richtete sich auf und sah sie mit festem Blick an. „Findet Ihr so etwas amüsant? Anziehend? Das ist eine Entscheidung, die ich treffen musste. Ich bin deshalb nicht stolz auf mich. Ich tue, was ich tun muss, um die zu beschützen, die mir am Herzen liegen. Das tat ich sicher nicht, um Euch zu beeindrucken!“
Offensichtlich beleidigt warf die Blondine den Lappen in die Wanne. „Ich wollte Euch nur ein Kompliment machen!“, erwiderte sie lautstark.
„Wie ich sagte ... ich verzichte!“
Nachdem er seinen Blick von ihr abgewandt hatte, sah er noch drei weitere Damen im Bad stehen, die Verbände und Salben in den Händen hielten. Verwirrt hob er die rechte Augenbraue und fühlte sich ein wenig beobachtet. Er ahnte, dass Edmund ihn für seine Aussage ohrfeigen würde, aber er ... wollte jetzt keinen Damenbesuch. „Hört ...“, setzte Trevor an. „Stellt den Kram neben der Wanne ab und geht. Alle!“ Dann fiel ihm die rothaarige junge Frau auf, die mit ebenso rotem Kopf in der Tür stand. Ihr Oberkopf war aufwenig geflochten, sodass er zum Schluss kam, dass eine Person, die solche Ansprüche an ihr Haar hatte, es auch selbst umsetzen könnte. „Außer sie! Sie darf bleiben und meinen Kopf in Ordnung bringen.“ Trevor sah tatsächlich aus, als hätten Möwen in seinem Haupthaar genistet. Und da sie peinlich berührt wirkte, ging er davon aus, dass sie ihn nicht zu irgendwas herumbekommen wollte. Nicht so wie die Blonde, die erneut seine Brust abtupfte.
Ihr Ernst?
Erneut wischte er die Hand der Blonden weg. „Geht jetzt!“ Seine Stimme klang energischer.
Jetzt schienen die Frauen zu verstehen, stellten alles ab, außer die Rothaarige.
„Wie heißt du?“, wollte Trevor wissen.
„Enora!“, antwortete sie schüchtern und starrte auf die Schale, die sie in Händen hielt.
Trevor sah sie an. Ihm fielen die Sommersprossen in ihrem Gesicht auf, die grünen Augen und das sie mit viel gutem Willen, verbundenen Augen und einem Schlag gegen den Kopf, vielleicht gerade einmal achtzehn Jahre alt war.
Trevor streckte seinen Arm nach dem Kamm neben sich, der auf einem Tisch lag. „Könntest du mir helfen?“
Enora sah auf, betrachtete den Kamm und lächelte. „Ja!“, erwiderte sie, stellte die Schüssel ab und ging auf Trevor zu, dessen vollständiger Anblick ohnehin durch das Seifenwasser verborgen blieb.
Er unterhielt sich eine ganze Weile mit der jungen Frau, die sein Haupthaar in Ordnung brachte. Über ihre Wünsche, ihr Leben ... er hörte nur zu.
Nachdem sie fertig war, bedanke er sich, aber bat sie, ihre Augen verschlossen zu halten, während er aus der Wanne stieg. Trevor trocknete sich ab, zog sich an und stellte sich dann vor sie. Er überragte sie mehr als einen Kopf. Sie reichte ihm zuletzt noch die Salbe, den Rest konnte er alleine. Mit verbundenem Oberkörper geleitete er sie zur Tür des Bades, bedanke sich und entließ sie. Bei einem Blick in den Gang entging ihm nicht Esther, die ihn neugierig, aber zurückhaltend musterte.
„Wenn Ihr länger hier seid, können wir das sicherlich wiederholen“, gab Enora schüchtern von sich.
„Sicher“, meinte Trevor und bezog sich dabei auf das Flechten seiner Haare. Gut, dem Flechten und dem Zuhören, wie sie über ihre Familie herzog, die sich allesamt über ihr feuerrotes Haar lustig machten. So musste es sich anfühlen, eine kleine Schwester zu haben, das glaubte er zumindest.
Eine Tochter?
Bei einem Blick in den Gang entging ihm nicht, dass Esther gerade ihr Zimmer verlassen hatte und beide neugierig musterte.
„Wo gehst du hin?“, wollte er von ihr wissen.
Esther lief an seinem Zimmer vorbei. Offensichtlich trug sie Unterlagen mit sich.
„Mir etwas die Beine vertreten.“
„Soll ich dich begleiten?“, fragte Trevor.
Esther überlegte einen Moment, sah ihn erneut an. „Nein, das schaffe ich alleine“, meinte sie.
Enora knickste vor Esther und verschwand gleichauf im Gang.
„In Ordnung, dann sehe ich nach den anderen.“ Die Antwort kam zögerlich über Trevors Lippen. Er traute der Ruhe in diesem Schloss noch nicht.
Deswegen wollte er auch nach den anderen beiden schauen. Nachdem Esther beschäftigt schien, begab er sich auf die Suche nach Nelli und Edmund. -
Trevor beobachtete das Schauspiel des Wiedersehens und es gefiel ihm nicht. Woher wollte die Familie wissen, dass sie ihren Saphir zurückgebracht und nicht lediglich auf dem Weg zum Schloss getroffen hatten? Warum luden sie bereitwillig Fremde zu sich ein? Das war nicht gerade ein Adel typisches Verhalten. Es roch nach Falle! Nach Falle und ... Tod. Er konnte es bei dem seicht aufkommenden Wind wahrnehmen. Schwach, aber der Geruch war da. Trevors Nackenhaare stellten sich auf und jeder Muskel unterhalb seiner Rüstung verspannte sich. Natürlich hatten sie mit so etwas gerechnet, sich aber nun in dieser Situation tatsächlich wiederzufinden, war etwas anderes. Allem voran, weil die Stadt unterhalb des Schlosses nahezu menschenleer gewirkt hatte. Die Gruppe hatte gemerkt, dass die Leute beim Anblick von Cecilia die Fensterläden schlossen. Die Adlige hatte es darauf geschoben, dass das Volk abergläubig war, und ihnen die Schuld für das derzeitige schlechte Wetter gab.
Trevor sah Edmund an, der ihm mit festem Blick zunickte. Vermutlich war dem Händlersohn diese gespielte Familienidylle auch nicht geheuer.
Oma und Esther hatten ebenso einen mürrischen Gesichtsausdruck, aber anscheinend besann sich zumindest Esther und stellte sich höflich vor, woraufhin ein förmlicher Knicks folgte.
Kurz schauten sich die Herzogin und der Herzog an. Wirkten sie überrascht? Trevor konnte es nicht sagen.„Nun gut“, setzte der Herzog an. „Dann lasst uns zur Feier des Tages alle gemeinsam etwas essen. Wir können unseren Besuch doch nicht mit leeren Magen davonziehen lassen.“
Sie betraten den vorderen Hof des Schlosses, der einen alten Springbrunnen aufwies. Auf jenem thronte anscheinend ein nacktes Abbild der Herzogin. Zumindest, wenn es Trevor optisch einordnen musste. Sie hielt eine Karaffe in der Hand, aus der Wasser in den Springbrunnen floss.
Gewagt!
Hinter ihnen war das Tor bereits verschlossen worden. Nicht, dass Trevor solch ein Gebilde hätte aufhalten können, aber ... unwohl fühlte er sich allemal. Von etlichen Wachen, gehüllt in prächtige Rüstungen, wurde die Gruppe flankiert und in das Innere des Anwesens regelrecht geschoben. Kaum hatten sie die schweren Holztüren passiert, fielen diese auch knarzend ins Schloss.
„Folgt uns“, flötete die Herzogin mit süßlicher Stimme.
Als hätten wir eine Wahl, stellte Trevor in Gedanken fest.
„Der Thronsaal ist nicht weit von hier ...“, sprach sie weiter. „Ihr seid hoffentlich hungrig.“
„Eigentlich nicht!“, antwortete Nelli trocken.
„Dann werdet ihr es gleich werden“, verkündete der Herzog.
„Ja, unsere Küche ist für ihr exzellentes Essen bekannt“, fügte Cecilia dazu. „Also greift nur ordentlich zu.“
Noch einmal wurden deckenhohe Türen geöffnet. Diese waren aber ganz in Weiß gehalten mit goldenen Verzierungen. Anders als das grobe Holz am Eingang, bei dem Trevor das Fallgitter nicht entgangen war.
Sie wurden in einen prunkvollen Raum geführt, der vom Schein etlicher Kronleuchter erhellt wurde. Mittig im Raum stand eine große Tafel, die bereits gedeckt war. Die Gruppe bekam am unteren Ende jeweils einen Sitzplatz zugewiesen. Als Trevor vor sich blickte, erkannte er unzählige Gabeln, Löffel und Messer. Mehr Besteck als er jemals besessen hatte. Fragend schaute er seine Freunde an, die das nicht so außergewöhnlich fanden. Zumindest machte es den Anschein auf ihn.
Esther räusperte sich indes und beugte sich etwas zu Trevor vor. Anscheinend hatte sein fragender Blick ihn verraten.„Man isst von außen nach innen“, erklärte sie ihm. „Außen liegen die Gedecke für die Vorspeise und so weiter ...“
Trevors Blick erhellte sich.
Was für ein Blödsinn. Sowas können sich auch nur Reiche einfallen lassen.
Während sie dort saßen, stießen auch noch drei andere Frauen zu ihnen. Zwei von ihnen trugen ihr Gesicht verdeckt von bronzefarbenen Masken, die sich jeweils an anderer Stelle ihres Gesichtes befanden.
„Wir hatten mal einen großen Brand im Schloss“, erklärte Cecilia ungefragt. „Daher entschuldigt den Aufzug meiner jüngeren Schwestern. Sie hatten nicht so viel Glück wie der Rest von uns.“
Jetzt hatte Trevor beinahe etwas Mitleid mit ihnen.
„Aber davon wollen wir uns nicht den Abend verderben lassen“, säuselte die Herzogin und klatschte in die Hände.
Die dritte Schwester fixierte mit strengem Blick Edmund und Trevor und setzte sich, ohne ihren Blick auf etwas anderes schweifen zu lassen. War das ein verstecktes Grinsen, was Trevor bei ihr bemerkt hatte?
Kurz nach dem Klatschen betraten Bedienstete den Thronsaal, die Salate mit unterschiedlichen Meerestieren servierten. Es wurde zudem reichlich Wein eingeschenkt. Danach verschlossen die Wachen die Türen wieder, aus dem der Fluss der Angestellten geströmt war.
Der Herzog, der an oberster Spitze mit seiner Frau saß, erhob seinen gläsernen Kelch. „Auf neue Freundschaften ...“, verlautete er.
„Wir werden sehen“, flüsterte Oma, grinste und erhob auch ihr Glas.
Trevor tat es ihr gleich, ebenso Edmund und Esther. Jedoch war er sich sicher, dass sie alle nur das Glas zum Mund führten, ohne etwas zu trinken. So dumm waren sie allesamt nicht. Wer wusste schon, was in den Gläsern drin war. Niemand traute der Familie über den Weg. Erstrecht nicht, wenn es um Flüssiges ging.Alle begannen zu essen, nur die Gruppe stocherte lediglich in ihren Tellern herum.
„Schmeckt es euch nicht?“, wollte eine der Schwestern unweit der Gruppe wissen.
„Doch, doch, nur ... wir sind wirklich müde“, antwortete Esther entschuldigend.
„Die See ...“, antwortete der Herzog und fuhr sich durch sein perfekt sitzendes Haar. „Nicht umsonst zermürbt sie Stein zu Sand.“
Wie poetisch ... Halt die Fresse!
Ungeachtet dessen, dass keiner von ihnen das Essen angerührt hatte, wurde erneut aufgetischt. Diesmal Suppen. Mit zittrigen Händen stellte der Diener Trevor den tiefen Teller vor die Nase. Hatte der Mann Angst? Skeptisch schaute er dem schlaksigen Kerl nach, der gleichauf wieder den Raum verließ. Bei einem Blick auf seinen Teller fiel Trevor ein kleiner Zettel auf, der drunter klemmte.
Er wartete den Moment ab, als alle der Herzogfamilie auf ihre Teller sahen und die Suppe von ihren Löffeln schlürften, um den Zettel zu lesen. „Esst nichts!“, stand lediglich drauf.
Das haben wir auch nicht vor!
Trevor reichte den Zettel an Oma weiter, die ihn las und an Edmund weitergab, dieser an Esther.
Als die Blicke seiner Freunde ihn trafen, zuckte Trevor mit seinen Schultern. Ob der Brief vom Diener kam, oder von wem anders, konnte er nicht beantworten, auch nicht, warum man ihnen die Information zuspielte.„Was ist eigentlich mit dem Volk draußen vor dem Schloss? Sie wirkten etwas ... zurückhaltend“, wollte Edmund wissen.
„Wie das immer ist, wenn man an oberster Spitze steht“, winkte der Herzog ab. „Kaum verfinstert sich der Himmel ein wenig, was am Meer nichts Unübliches ist, glauben sie an faulen Zauber und Flüche. Wir hätten wohl mehr Geld in Bildung stecken sollen, anstatt Schiffe zu kaufen.“ Er lachte, aber dieses Lachen kam nicht bei seinen Augen an.
„Aha ...“, folgte von Oma.
„Sie wirkten verängstigt. Sollte man sich nicht darum kümmern? Hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass ihr angeblich magische Wesen und Gegenstände sammelt“, wollte Esther wissen, weshalb alle anfingen zu lachen.
„Was Gräfin Esther wohl damit sagen will, ist, dass ihr Vater sein Reich vermutlich besser führt“, antwortete Cecilia und formte ihre Augen zu Schlitze. „Ich habe ihr ein wenig von unserer Mission erzählt.“
Wieder lachte der Herzog. „Nun, Euer Vater wird Euch sicherlich nicht jede Revolte, jede Spitzfindigkeit Eures Volkes aufs Brot schmieren. Das werdet Ihr früh genug erfahren, wenn Ihr das Reich einmal führt. Wo Aberglaube und Dummheit herrscht, ist dem Volk nicht mit Vernunft zu begegnen.“
Die Herrschaften räusperten sich und aßen weiter.
Edmund tauchte kurz seine Zunge in den Löffel und verzog das Gesicht. Zu salzig? Eklig? Trevor konnte ihn wohl kaum offen danach fragen. Weshalb auch er einen Löffel zur Hand nahm und zumindest in der dunkelbraunen Brühe herumrührte, so lange, bis etwas an die Oberfläche stieg.
Ist das ein ...
Ja, ein Auge starrte ihn an. Ein braunes. Es war ein Auge!
Was zum F...
Ruckartig stand er auf und starrte in den Teller. Alle unterbrachen ihr Essen, und Edmund unterdrückte sichtlich einen Würgereiz.
„Ist das ein beschissenes Auge?“, brüllte Trevor.
Der Herzog und die Herzogin erhoben sich erschrocken und starrten erst ihre Kinder, dann die Wachen an.
„Das ist sicherlich von einem Tintenfisch. Das ist Tintenfischsuppe“, erklärte die Herzogin panisch. „Geraldo ... Geraldo“, schrie sie. War das der Koch?
„Vermutlich ist das Geraldo in der Suppe“, vermutete Oma.
„Ist das von einem Menschen?“, hakte Esther nach und verlor jegliche Gesichtsfarbe.
Trevor konnte sich nicht erinnern, solche Augen jemals bei einem Tintenfisch gesehen zu haben. Haselnussbraun ... und es starrte ihn an, während es wie ein kleines Schiff an der Oberfläche der Brühe auf und ab wippte.
Plötzlich spürte Trevor ein Piksen in seinem Hals. Nachdem er nach der Quelle gegriffen hatte, hielt er einen winzigen Pfeil in Händen, geschmückt mit kleinen bunten Federn.
„Schade, dass es so schnell vorbei ist“, sprach Cecilia, „aber ihr werdet leiden, versprochen.“Trevors Beine wurden weich, sein Blick verschwamm. Als er sich umsah, erkannte er, dass auch Oma und Esther sich solch einen Pfeil aus dem Nacken fischten. Ebenso Edmund, der aufstand und das Ding zu Boden warf.
„Was soll das?“, schimpfte der Händlersohn, während Trevor schwach auf den Stuhl zurücksank. „Sehe ich aus wie ein Nadelkissen?“
Esther wollte aufstehen, fiel aber zu Boden und riss ihren Teller mit sich, während Oma mit dem Kopf auf die Tischplatte knallte.
Edmund schob seinen Stuhl weiter zurück, als zwei weitere Pfeile ihn in der rechten und linken Wange trafen. „Hey ...“, beschwerte sich dieser lallend und langgezogen. „Das dusel fusel ... rümtümtüm ... nischi nett ...“ Noch ein Pfeil folgte.
Immer mehr versank Trevors Blickfeld in einen schwarzen Nebel. Er konnte Arme und Beine nicht mehr bewegen ... Edmunds Stimme wurde leiser ...
Bei ihm haben sie vier Pfeile gebraucht, dachte Trevor stolz, bevor sein Bewusstsein entglitt und in Schwärze gehüllt wurde.
„Oh bitte, lass mich das machen ...“, drang an Trevors Ohren, während sein Geist sich zurück aus der Dunkelheit kämpfte.
„Jetzt warte ab! Du bekommst ihn früh genug!“
Trevor wusste nicht, ob er seine Augen geschlossen halten oder öffnen sollte. Die beiden weiblichen Stimmen verhießen nichts Gutes. Schwach versuchte er, seine Arme und Beine zu bewegen, aber ein metallisches Klirren verriet, dass er gefesselt war. Mehr als einmal hatte man ihn bereits in Ketten gelegt gehabt, sodass er diese Geräusche und das Gefühl einordnen konnte.
„Könnt ihr beide euch beeilen?“, fragte eine dritte Stimme. „Mutter will Ergebnisse sehen und nicht, wie Isolde ihn ansabbert.“
Bitte, lass mich angezogen sein, bitte ...
Trevor öffnete seine Augen. Es dauerte einen Moment, bis sein Blick an Schärfe gewann, aber danach atmete er tief durch. Sie hatten ihm zwar die Rüstung entwendet, aber ihm zumindest seine Hose gelassen.
„Uh, er wird wach ...“, kommentierte einer der Schwestern, nachdem Trevor seinen Kopf gehoben hatte. „Na, du Hübscher? Gut geschlafen?“
„Isolde ...“, ermahnte sie ihre Schwester aus einer finsteren Ecke heraus.
Trevor blickte sich um. Da standen drei von Cecilias Schwestern. Eine namens Isolde, die um ihn herumsprang, als sei er ein halbgares Hähnchen am Grill – und sie hatte Hunger.
„Beatrice ... willst du nicht langsam mal anfangen?“, befahl die aus der Ecke.
„Gleich, gleich ...“, säuselte die Angesprochene und spielte mit der Spitze eines Dolches. „Er soll erst einmal zu Bewusstsein kommen.“
„Ich bin bei Bewusstsein“, antwortete Trevor. „Und was habt ihr mit dem Küchenmesser vor? Bin ich die nächste Suppenbeilage?“
„Mach dich nicht lächerlich. Dazu macht Cecilia höchstens diese Esther“, erklärte Isolde und strich ihm über seine Brust. „Du wirst unser Haussklave. Du bist ein Formwandler, das heißt, wir werden dich binden!“
Esther? Suppe? Das könnt ihr vergessen!
Trevor versuchte, seine Arme zu bewegen, aber die Ketten hielten ihn zurück. Das dicke Metall, das um seine Handgelenke sowie Füße gelegt war, verhinderte zunächst jede Gegenwehr.
Erneut schaute er sich um und erkannte, dass man ihn an einen riesigen Obelisken gekettet hatte. Er bestand aus schwarzem Gestein, das von roten Mustern durchzogen war. Wie Flüsse aus Blut, die dem Stein etwas Unheilvolles verliehen. Überall standen Kerzen herum; Edelsteine und Zeichen waren auf dem Boden verteilt.„Hier sieht es aus wie in einem billigen Puff!“, bemerkte Trevor abfällig und schaute die drei Frauen abwechselnd an. „Und ihr Nachwuchshexen wollt mich binden?“
„Oh, wir sind älter als wir aussehen, Jungchen“, erklärte die Namenlose in der Ecke. „Oder glaubst du, wir machen das hier zum ersten Mal?“
„Naja, einen Formwandler binden tun wir tatsächlich zum ersten Mal“, fügte Isolde hinzu, weshalb sie von Beatrice einen Schlag auf den Hinterkopf bekam.
„Halt deine Klappe!“, fluchte sie. „Das klappt schon. Nicht umsonst hat George den Stein mitgebracht. Für alle Fälle eben.“
„Jetzt fang an!“, schimpfte die Dritte. „Sonst ist dieser Kerl alt, bevor du fertig bist.“
„Ja, ja, Angelique!“
Angelique also ...
Beatrice näherte sich Trevor mit dem Dolch und fuhr ein Muster auf seiner Brust nach. Wollte sie ihm damit etwas einritzen? Natürlich wollte sie.
„Hört zu“, versuchte Trevor Zeit zu schinden. „Der Stein ist wirklich hübsch und so, aber ich hab hierfür eigentlich keine Zeit. Wo bekommt man so einen Obelisken eigentlich her?“
„Von magischen Händlern. Kobolden, du verstehst?!“, antwortete Angelique desinteressiert und wartete darauf, dass ihre Schwester anfing zu schneiden.
Magische Koboldhändler? Etwa wie der, der Trevor schon einige Male aufs Kreuz gelegt hatte?
Obwohl Beatrice tief in seine Haut schnitt, begann Trevor, zu lachen. „Einem Kobold traut ihr? Und ihr wollt alt sein?“ Er lachte lauter, um den Schmerz zu überspielen.
„Sollte er nicht Schmerzen haben?“, wollte Isolde wissen, während warmes Blut an Trevors Bauch hinunterfloss.
„Schau ihn dir an“, erklärte Angelique. „Sieht er für dich aus, als wäre das seine erste Verletzung?“
Oh bitte, lasst den Kobold Scheiße an sie verkauft haben.
Trevor erinnerte sich, dass der Kobold mal darauf angespielt hatte, dass er beobachtet würde. Vielleicht war der Händler kein so böser Stümper.
„Mach ihn nicht zu sehr kaputt“, säuselte Isolde. „Er soll die Form von Prinz Leopold annehmen können, damit ich mit ihm machen kann, was ich will.“
„Wer ist denn Leopold?“, fragte Trevor durch zusammengebissene Zähne, während die Klinge des Dolches über seinen Brustkorb kratzte.
„Ihr heiß geliebter Prinz. Der Sohn des Königs. Er hat kein Interesse an ihr, aber durch dich kommt sie ihrem Ziel zumindest optisch näher ...“
Trevor verzog angewidert sein Gesicht. Die eine Schwester fand es schön, ihn zu verstümmeln, die andere wollte Unaussprechliches mit ihm anstellen, und die dritte schien einfach nur gerne zuzusehen.
„Über Sex können wir gerne reden, vielleicht bei einem anständigen Essen, aber aus diesem Leopold wird leider nichts“, meinte Trevor und hielt die Luft an, als der Dolch über seine Rippen fuhr. Immer mehr Blut floss an ihm herunter, auch wenn er sicher war, dass diese Verletzung lediglich eine hässliche Narbe geben würde.
„Warum nicht?“, wollte Isolde schmollend wissen und stieß fast ihre sadistische Schwester beiseite.
„Pass doch auf, du dumme Kuh“, beschwerte sich Beatrice und setzte erneut den Dolch an.
„Ich habe diesen Leopold noch nie gesehen. Ich kann nicht die Form eines Menschen annehmen, den ich nicht kenne!“
Wie ein verwöhntes kleines Kind stampfte Isolde mit ihren Füßen auf. „Sag ihm, er soll sich in Leopold verwandeln!“, befahl sie ihrer Schwester Angelique.
„Wenn es nicht geht, geht es nicht!“, dementierte diese lautstark. „Lass ihn die Form von irgendwen annehmen, du dämliche Plunze. Ist doch egal, als was er mit dir über die Laken rutscht.“
„Ihr seid echt eklig! Und da heißt es immer, dass Männer Schweine sind“, antwortete Trevor und atmete kurz durch, nachdem Beatrice den Dolch abgesetzt hatte, um auf eine Zeichnung zu schauen.
„Stell dich nicht so an!“, sprach Angelique und überwand die Stufen, die ihre finstere Ecke von dem Ritualplatz trennten. „Formwandler sind nicht gerade für ihre Zurückhaltung bekannt.“
„Dieser hier schon!“, antwortete Trevor stöhnend, als er spürte, dass Beatrice die Klinge wieder in sein Fleisch stieß.
Angelique schnaubte. „Das wäre so, als wenn ein Hai sich mit einem Fisch im Monat begnügt. Das ist lächerlich!“
„Wenn der Hai so leben will, dann lass ihn doch!“, spie Trevor aus und schaute an sich runter. „Bist du langsam mal fertig?“
Nur vage erkannte der Formwandler einen blutigen Kreis auf seiner Brust, den Beatrice mit einer Sternform in der Mitte verband. Allmählich sog sich der Bund seiner Hose mit seinem Blut voll, was ein klebriges und unangenehmes Gefühl auslöste. Es roch metallisch, aber zumindest wollten sie ihn nicht töten. Ein Schicksal, das vielleicht auf seine Freunde wartete. Ein dicker Kloß bildete sich in Trevors Hals. Hoffentlich war ihnen noch nichts geschehen.
„Sei still, ich will das genießen!“, flüsterte die Sadistin.
„Also, ich hatte mir Fesselspiele mit mehreren Frauen immer romantischer vorgestellt. Ich muss zugeben, hierauf stehe ich gar nicht.“
„Soll ich ihn knebeln?“, fragte Angelique.
Beatrice verneinte.
„Super ...“, warf nun Isolde weiterhin schmollend ein. „Da finden wir mal einen Formwandler und der ist nutzlos. Er kann sich nicht in Leopold verwandeln und unerfahren ist er auch noch.“
Was heißt hier unerfahren?
„Entschuldige, wenn ich dich enttäusche, du kranke Schlampe“, wurde Trevor ungehalten. „Aber viel Erfahrung scheint ihr mit Formwandlern auch nicht zu haben, wenn ihr nicht wisst, wie unsere Magie funktioniert.“
„Ihr seid bloß Menschen, die sich in andere verkleiden können“, erklärte Angelique und zündete noch ein paar Kerzen an. „Mehr nicht.“
Jetzt wurde Trevor hellhörig. „Normale ... Menschen? Soll das heißen, ihr denkt, das Verwandeln ist alles?“
Wieder schnaubte Angelique. „Was heißt denn, alles? Reicht für unsere Zwecke. Hier ein Mord, da ein Attentat, sodass unsere Familie weiter aufsteigt. In der Thronfolge versteht sich.“
Sind die dämlich?
„D... Das heißt, der Raum ist nicht magisch geschützt? Die Ketten nicht aus besonders hartem Stahl?“
Jetzt sahen sich die Schwestern gegenseitig an.
„Das heißt, ich hänge hier an stinknormalen eisernen Ketten? Wollt ihr mich verarschen? So viel Aufwand ... für das?“ Trevor riss die Kette seines linken Armes aus dem Stein.
„Du willst doch keine wehrlosen Frauen töten?“, schrie Isolde auf.
„Wehrlos? Ihr? Eben habt ihr mir noch das Fleisch von den Knochen geschält ...“, antwortete Trevor und wurde mit jedem Wort lauter. „Ihr seid mordlüsterne Huren, aber keine Frauen!“
„Ersteche ihn!“, brüllte Angelique und trat hinter Isolde.
Trevor befreite seinen rechten Arm und hielt Beatrices Hand auf, die mit Dolch auf seine Brust niedergehen sollte. Er zog sie nah an sich heran. Mit seiner anderen Hand ergriff er die Klinge, die er Beatrice kurzerhand durch den Unterkiefer in den Kopf schob.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Gurgelnd wollte sie etwas sagen, aber nur ein Schwall Blut kam ihr über die Lippen.„Sei still“, flüsterte Trevor in tödlicher Umarmung. „Ich will das genießen!“ Sein Blick wich nicht von ihr, während das Licht in ihren Augen erlosch. Schlaff glitt sie durch seine Arme zu Boden, und Trevor zog den Dolch aus ihrem Fleisch. Durch zwei Schritte nach vorne befreite er seine Füße. Klirrend schossen die Ketten nach vorne.
„Mach doch was, Angelique!“, schrie Isolde, die von ihrer Schwester schützend vor sich gehalten wurde.
War klar, dass die mit dem größten Maul die Feigste ist!
Isolde griff nach einer Kerze und warf sie nach Trevor. Natürlich ging die Flamme aus, und Trevor wurde lediglich von etwas Wachs getroffen. „Für diese Art Spielchen ist es jetzt zu spät!“, knurrte er und packte Isolde an ihrem langen blonden Haar.
Schreiend und bettelnd versuchte sie, Trevors Griff zu entkommen, aber er warf sie gegen den Obelisken. Sie prallte ab und kam einige Meter davor zum Liegen. Mühselig wollte sie sich aufrichten, als Trevor den schweren Stein mit einer Armbewegung umwarf und dabei Angelique fixierte. Knochen brachen hörbar und irgendetwas Glitschiges breitete sich neben Trevors nackten Füßen aus. „Jetzt du!“, sprach Trevor leise, aber bedrohlich. „Wo sind die anderen?“
„I... Ich weiß es nicht!“, stammelte Angelique. „Dein Freund ist vielleicht im Labor ...“
Trevor ergriff ihren Hals und setzte den Dolch unterhalb an. „Weiter?“
„Das Labor ist am anderen Ende des Schlosses. Dies hier ist der Folterkeller“, krächzte sie. „Bitte ... ich ... wollte nicht mitmachen, deswegen stand ich nur herum. Cecilia hat die junge Frau mitgenommen. Vielleicht ist sie in ihrem Zimmer. Die alte Vettel nahm mein Vater mit.“
Trevor schnalzte mit der Zunge. „Nicht mitmachen, hm? Und wie war das mit dem einen Mord hier, ein Attentat da?“
Trevor sah sich um und entdeckte den Fleischerhaken etwas unweit von ihnen. Direkt hinter dem Obelisken hing er von der Decke und glänzte im wenigen Licht der Kerzen. Mit ihrer Kehle in seinem Griff ging er zu dem Haken hinüber und zog ihn nach unten. Den Dolch ließ er ungeachtet auf den Boden fallen. Erst jetzt, aus der Nähe betrachtet, hingen noch Reste von Kleidung und Blut an dem Haken.
Unschuldig und wehrlos, wer es glaubt ...
Angelique wollte schreien, aber Trevor kräftigte seinen Griff, sodass jeder Ruf nach Hilfe erstarb. Er nahm den Fleischerhaken in die Hand und rammte Angelique das spitze Ende in den Rücken, sodass er sich in ihrer Wirbelsäule verkeilte.
Auch dieser Schmerzensschrei kam ihr nicht über die Lippen, aber kurz darauf wurde sie bewusstlos. Blut floss auf den Boden, während Trevor sie näher an die Decke heranzog. Er befestigte das dicke Seil an einer Aufhängung an der Wand und schaute sich um. Er wollte nicht mehr Zeit verlieren als nötig und ergriff den Dolch wieder. Ein bisschen bedauerte er es, dass sie bewusstlos war. Ohne zu zögern, schnitt er ihr die Kehle durch, damit sie ausblutete wie ein Schwein. Keiner dieser Schwestern würde diesen Raum verlassen. Dafür hatte er gesorgt. Über und über mit Blut besudelt – seinem eigenen und dem der Schwestern – verließ er den Folterkeller. Zuerst musste er aufpassen, nicht auf dem glatten Steinboden auszurutschen, aber nachdem er das meiste des Lebenssaftes hinter sich gelassen hatte, konnte er durch die Gänge eilen. Immer wieder rief er nach Esther, Edmund und Nelli. Das Problem bei seinem Gerufe war allerdings, dass plötzlich eine Horde Wachen im Gang vor ihm stand. Trevor rollte mit den Augen. Er war unbewaffnet, also schaute er sich um. Im Gang war nichts zu entdecken, was er als Waffe einsetzen konnte, während die Männer vor ihm ihre Schwerter zogen.
Trevor verfinsterte seinen Blick. „Wer von euch hat mir den Pfeil in den Nacken geschossen?“, wollte mit tiefer Stimme wissen.
Die Wachen schauten sich an.
Dann schlug Trevor mit der Faust gegen die Marmorsäule neben sich. Er spürte, wie seine Fingerknöchel aufplatzten, aber verzog nicht eine Miene.
Der Stein splitterte großzügig ab und flog den Männern entgegen. Vier der Wachen zeigten wortlos auf den Kerl ganz hinten und rannten weg. „Spinnt ihr? Wir haben Schwerter!“, schrie der Letzte, der laut den anderen den Pfeil geschossen hatte.
Trevor setzte sich wieder in Bewegung und ging auf die Wache zu.
Dieser stieß einen spitzen Schrei aus, warf sein Schwert vor sich und rannte ebenfalls davon.
Jetzt war Trevor zumindest nicht mehr gänzlich unbewaffnet. Fehlten nur noch seine Freunde und seine Ausrüstung. Mit dem Schwert schnitt er sich kurzerhand noch einen Strich über das Muster auf seine Brust. Eine vorgezeichnete Gebrauchsanweisung, wie er zu bannen war, wollte er niemanden hinterlassen, dann lief er weiter. -
Es war eine seltsame Stimmung an Bord, bis das Schiff anlegte
Trevor ging gekonnt Esther aus dem Weg. Nicht, weil er es wollte, aber er merkte, dass sie sich seit der Nacht an Deck – mit dem Trank – in seiner Gegenwart unwohl fühlte. Und wer konnte es ihr verübeln? Er wusste selbst nicht, was er über die Nacht denken sollte – und nun hatten sie einen Kraken als Begleitschutz. Einen Kraken!
Trevor tat seine Arbeit, aber ein wenig kam er sich neben dem riesigen Ungetüm redundant vor. Der Kraken konnte das Schiff lenken, war Schutz genug. Und dieses Gefühl aus der Nacht. Fühlte es sich so an, verliebt zu sein? Diese eine Person vor alles zu stellen? Es war vermutlich nur ein Schatten dessen, was die Wahrheit beinhaltete. Oma betonte, dass er irgendwie in sich gekehrt wirkte, aber, er musste doch nicht immer gesprächig sein, oder!? Selbst ein Kerl wie er brauchte einmal Zeit für sich.
Cecilia interessierte ihn mittlerweile recht wenig. Esther und Edmund hatten sie unter Kontrolle. Nelli ebenso. Es brauchte keine letzte Instanz gegen eine Frau. Deswegen verabschiedete sich Trevor für einen Moment, nachdem sie am Hafen von Weitfels angelegt hatten. Einer der wenigen Stationen, bis sie Cecilias Heimat erreicht haben sollten.
Edmund würde sich um die Vorräte kümmern. Er besaß besseres Verhandlungsgeschick als Trevor – und das, obwohl er ihn für erhöhten Preis ersteigert hatte. Aber, wenn es wichtig war, sollte Edmund in dieser Aufgabe glänzen.Trevor verließ das Schiff. Aber bevor er das tat, trat Nelli an Deck. Allein hörbar durch ihren Gehstock.
„Tu nichts Dummes!“, mahnte sie ihn, worauf er zunächst nur mit einem Lächeln reagierte. Aber, nachdem sie ihren Blick nicht abwandte, sagte er: „Ich doch nicht!“
Er wusste nicht, wonach er suchte, aber Hauptsache, er konnte erst einmal Abstand gewinnen. Vielleicht würde dann auch Esther anders auf ihn reagieren. Zudem hingen ihnen Gefahren im Nacken. Er musste versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen. Und wenn nicht für sich, dann für die anderen.
Er suchte die Hafenschenke auf und verbrachte einige Zeit darin. Allein. In Gedanken versunken trank er sein Ale, bis ihn eine junge Frau ansprach ...
Der Duft von Lavendel hing noch im Raum, während sich Trevor aufrichtete und sich über sein Gesicht fuhr. Die Nacht hatte anders geendet als von ihm beabsichtigt, aber darüber war er nicht wirklich traurig. Warum sollte er auch? Auf der Suche nach diesem Gefühl, das er verspüren wollte, dessen war sich inzwischen gewahr, hatte er dieses zwar in dieser Nacht nicht gefunden, aber etwas Ähnliches. Zumindest kam es dem nahe. Der Alkohol, den er getrunken hatte, hatte ausgereicht, ihm seine Scheu etwas vergessen zu lassen, aber ihn nicht komplett zu benebeln. Es war anscheinend das richtige Maß gewesen, bevor ... Eine Hand fuhr über seinen Rücken und zog kurz sanft an seinem Zopf.
„Willst du nicht lieber bleiben?“, fragte die junge Frau hinter ihm und richtete sich ebenfalls auf. Sie schlang die Decke um ihre nackten Körper und küsste sacht die Narben auf seiner Haut.
Trevor lachte leise. „Das ist nicht möglich, selbst wenn ich es wollen würde.“
„Also willst du nicht?“
Er drehte sich etwas zu ihr herum, nahm ihre Hände zusammen und küsste ihre Fingerknöchel. „Die Zeit dazu ist noch nicht gekommen, wenn sie denn jemals kommt.“
„Ich verstehe ...“, antwortete sie und legte einen gespielt schmollenden Blick auf. „Das ist zu schade. An diese Dinge, die du getan hast, könnte eine Frau sich gewöhnen.“
Wieder entwich ihm ein leises Lachen. „Ich bin mir sicher, dass das auch andere können.“
„Wenn du so jemanden kennst, dann schick ihn zu mir.“
Trevor ließ ihre Hände los und fischte nach seiner Hose. Er stand auf und zog sich an. „Ich werde es im Hinterkopf behalten“, versprach er lächelnd.
„Ich hätte einem Mann deiner Statur nicht so zärtliche Berührungen zugetraut, wenn ich ehrlich bin“, fügte sie hinzu und suchte nach ihrem Kleid. Es lag beinahe unter dem Bett, weshalb Trevor es für sie aufhob und ihr reichte.
„Du solltest ein Buch eben nicht nach seinem Einband bewerten“, antwortete Trevor.
„Oh, das habe ich sicherlich nicht. Sonst hätte ich dich für einen rüpelhaften Barbaren halten müssen.“
„Danke ...“
„Deine Narben sprechen eine eindeutige Sprache. Das sind Verletzungen von Waffen. Also entweder bist du ein Soldat oder ein Verbrecher. Ich hoffe auf Ersteres, ansonsten hätte ich viele Fragen.“
„Bei einem Soldaten nicht?“, wollte Trevor wissen.
„Nein, das würde zu dir passen. Zu deinem Charakter. Bei einem Verbrecher ... Ich glaube nicht, dass ein Verbrecher das mit seinen Händen könnte, was du getan hast.“
„Aye, Diebe sollen ja sehr fingerfertig sein.“
Sie warf eines ihrer Kissen nach ihm. „Also ein Seemann ...“
Lachend fragte Trevor, was ihn verraten hatte, obwohl er es wusste und fing das Kissen. Er legte es auf den Stuhl neben sich.
Dorothea warf indes ihr langes brünettes Haar nach hinten und versuchte, es zu sortieren. Sie war hübsch, egal, ob ihr das Haar zu Berge stand oder nicht. Ihre haselnussbraunen Augen funkelten ihn im wenigen Licht des Zimmers an. Es war leicht für ihn gewesen, ihr nachzugeben, da sie weder hässlich noch dumm war. Sie war eine Frau, die wusste, was sie wollte – und an jenem Abend war es anscheinend er gewesen. Sie war die Tochter eines wohlhabenden Bauern, der gerade einige Orte weiter, eine Rinderzucht besuchte, weshalb Dorothea wenig Probleme damit hatte, Trevor zu ihr einzuladen.
„Ich muss jetzt gehen!“, wandte Trevor ein, und sie stand auf. Die Decke um sie gehüllt, obwohl Trevor in jener Nacht ohnehin alles von ihr gesehen hatte.
„Wenn du dich wieder hierher verirrst, lass es mich wissen“, meinte sie und küsste Trevor noch einmal zum Abschied. Ihr Kuss war deutlich etwas anderer Natur als seine Ersten. Es war gänzlich etwas anderes, wenn eine Frau einen Kuss erwiderte, als ihn starr vor Schreck hinzunehmen. Sie ließen ihn darüber nachdenken, Dorothea noch einmal ihre Decke zu entwenden, aber ... er musste zurück zur Revenge. Sein Fehlen war sicherlich aufgefallen.
Trevor schlich früh am Morgen zurück. Er hoffte, dass noch niemand wach war.
„Morgen“, schallte ihm entgegen von Edmund, der in etwas Entfernung an der Rehling stand.
„Was?“, erschrak Trevor und ging weiter. „Ehm, morgen!“
Edmund hob seine Brauen.
„Du wirkst nicht betrunken.“
„War ich auch nicht ... sonderlich.“
Edmund roch aus der Ferne an ihm. „Wie sah sie aus?“
„WAS?“
„Wie sah die Hure aus?“
„Es war keine Hure!“, dementierte Trevor.
„Dann nutzt du seit letztem Lavendel-Parfum?“
„Vielleicht!?“, antwortete Trevor vage.
Edmund hob die rechte Augenbraue, bohrend und abwartend.
„Sie war brünett ...“, löste Trevor auf.
„Erzähl mehr“, bohrte Edmund weiter.
„Und nett ...“, gestand Trevor. „Und wollte, dass ich bleibe.“
„Das wollen sie meistens, wenn man kein komplettes Arschloch ist“, meinte Edmund.
„Ja, und ich bin hier ... keine Sorge. Ich dachte, das Gefühl von letzter Nacht könnte ich schneller haben, aber so scheint das nicht zu funktionieren ...“
„Schneller?“, hakte Edmund nach.
„Du weißt schon ...“
„Welche Gefühle?“, wollte Edmund wissen.
„Liebe!“, gestand Trevor. „Das Gefühl, gewollt zu sein!“
„Liebe findest du sicher nicht bei irgendeiner Dirne in einer Spelunke!“
Das war auch nicht Trevors Intension! Er wusste, dass er dort nicht viel zu erwarten hatte. „Du verstehst das nicht!“, meinte er deshalb.
„Das stimmt. Erklär es mir!“ Edmund lehnte sich lässig an die Reling.
„Vergiss es!“, meinte Trevor und lief weiter.
„Komm schon, ich will mich nicht lustig machen, sondern helfen.“
Trevor zögerte. Er wusste nicht, inwiefern Edmund ihn nachvollziehen konnte. „Ich bin nur ein Mörder“, gestand Trevor. „Ich habe bestimmt tausend Menschen getötet, war immer eine Waffe, aber mal als etwas anderes angesehen zu werden, von einer Person, die dich will und braucht ...“
„Also wie ich?“
Trevor schaute fragend.
„Ich sehe dich auch nicht als Waffe.“
Trevor lächelte. „Aber das bin ich. Das ist auch nicht Schlechtes. Aber ich bin es nicht nur. Und das will ich kennenlernen“
Edmund runzelte die Nase. „Schön, dass wir dir das Gefühl geben, das hier nicht kennenlernen zu können.“ Dann zuckte er die Schultern. „Aber gut, ich verstehe, was du meinst.“
„Daran liegt es nicht“, meinte Trevor. „Es ist diese eine Person!“
Edmund grinste. „Wie wäre es mit Esther? Die hast du jetzt schon zwei Mal geküsst.“
Diesmal lachte Trevor. „Ich glaube nicht, dass sie es so sieht!“
„Ich frage ja auch nicht Esther, sondern dich!“
„Sie ist hübsch, aber ... sind wir ehrlich, ein Graf bin ich nicht und ... nicht ihr Typ von Mann. Einer Frau wie ihr wäre ich nicht abgeneigt, aber, du weißt schon ...“
„Du mochtest das Gefühl, das der Trank dir gegeben hat, also?“, wollte Edmund wissen.
Trevor nickte.
Edmund wirkte nachdenklich. „Meinst du echt, so fühlt sich Liebe an?“
„Ich denke, es war nur ein Spiegel dessen. Es war ein Zauber, aber käme dem nahe, was ich tun würde.“
„Gut, wenn du das willst, dann helfe ich dir dabei, eine Frau für dich zu finden.“ Edmund wiegte seinen Kopf. „Also hübsch und klug wie Esther, aber bodenständiger und selbstständiger?“
„Beeilen wir uns nicht zu sehr damit. Ich bin ein Formwandler ...“ Trevor zwinkerte. „Behalte den Rest einfach für dich. Ich möchte nicht plötzlich auf Brautschau sein. Das hat Zeit, wie ich ... gesehen habe.“ Trevor umfasste fest Edmunds Schulter. „Lass uns erstmal weitermachen wie bisher.“
„Klar, aber ich halte Augen und Ohren offen für dich.“
Gähnend streckte sich Trevor und meinte zu Edmund, dass er noch etwas Schlaf nachholen müsste, denn Dorothea hatte ihn kaum schlafen lassen.
„Schlaf gut!“, rief Edmund ihm amüsiert hinterher, woraufhin Trevor einen Daumen hochhielt, ohne ihn anzusehen.
Trevor begab sich unter Deck, wo ihm Esther entgegenkam. Aber sie sagte wie immer nichts. Sie schaute ihm aber mit verdutztem Blick nach.
Trevor grinste, zuckte mit den Schultern und lief weiter.
Er wünschte Oma noch eine gute Nacht, als er einen Blick in die Küche warf. Auch sie schaute ihn überrascht an. „Wo warst du denn? Ich wäre beinahe losspaziert, um nach dir zu sehen“, warf sie ein.
„Ich habe nur ein paar dumme Dinge gemacht ... drei Mal. Keine Sorge, es ist alles in Ordnung.“
„Aha ...“
Trevor gerade wollte zu seinem Zimmer, als er noch einmal Nellis Stimme hörte. „Was heißt denn drei Mal? Und wie viele Tote gibt es?“
„Keine ... Gute Nacht!“Nachdem Trevor sich etwas erholt hatte, sorgte er dafür, dass sie den Hafen verließen. Er kam nicht umhin, die Blicke zu bemerken, die er von Esther und Nelli erntete. Nur Edmund hatte ein schiefes Grinsen aufgelegt und nickte ihm häufig vielsagend zu. Damit musste er erst einmal leben, aber zumindest hob es seine Laune. Die Melancholie der letzten Tage war beinahe wie weggeblasen ...
Hust ... -
Trevor schaute dabei zu, wie Edmund Nelli förmlich den Hof machte.
Was zum Klabautermann ist mit ihm los?
„Edmund benimmt sich irgendwie ...“, setzte Esther an, und Trevor drehte sich zu ihr herum.
Es traf ihn wie ein Blitz den Hauptmast!
Apropos Blitz ...
Sein Herz begann zu rasen, seine Hände wurden schwitzig und Hitze steig ihm in den Kopf. War Esther schon immer der Inbegriff von Anmut und Schönheit gewesen? Wie konnte er das nicht bemerkt haben? Vor allem ... Warum bemerkte er es jetzt? Doch bevor er der Ursache näher auf den Grund gehen konnte, rückte Esther wieder in sein Blickfeld. Ihr brünettes Haar umspielte ihr zierliches Gesicht, das jeden Hinterwäldler erkennen ließ, dass sie von blauen Blut war. „Tss, ehm, wullewulle baaaah“, stammelte Trevor vor sich hin.
Esther musterte ihn mit ihren jadegrünen Augen. „Ich weiß, die Szenerie ist krotesk, aber ... hast du einen Schlaganfall?“
Allein ihre Ausdrucksweise war so ...
Unsere Kinder würden hübsch und klug werden!
Trevor schlug sich ob seiner Gedanken mit der flachen Hand gegen seine Stirn. Er musste sich in den Griff bekommen. Ein Sturm sollte aufziehen, und er hing romantischen Gedanken hinterher. „Ich sollte ... Segel ... eingezogen werden sie müssen, weil ... Sturm ... aufzieht?!“
„Oma, ich glaube, Trevor ist auch kaputt“, wandte sich Esther an Nelli, die alle Hände damit zutun hatte, selbige aus Edmunds zu befreien, der liebestoll Gedicht an Gedicht reihte.
Trevor dachte dabei nur, dass er nicht so wortgewandt war und sich niemals trauen würde, so offen Liebesverse zu rezitieren – oder sich gar aus dem Stegreif auszudenken. Er konnte erst seit einigen Jahren einigermaßen flüssig lesen und kaum fehlerfrei schreiben. Vielleicht sollte er sich Poesiebücher anschaffen? Gefiel Esther so etwas überhaupt? Er wusste gar nicht, welche Art Mann sie bevorzugte.
Sturm! Es zieht ein Sturm auf!
Seine Gedanken schrien ihn an. Die Segel würden sicherlich reißen, wenn sie nicht eingeholt würden. Was würde Esther über ihn denken, wenn er das Schiff in den sicheren Tod fahren ließe? Was, wenn Esther etwas passieren würde? „Ich muss an Deck! Bleibt Ihr hier unten und sichert die Ladung!“, sprach Trevor in einem ganzen und verständlichen Satz.
„Esther ...“, meinte Nelli, „du musst diese Prinzessin irgendwie in ihre Kajüte sperren. Lock sie unter den Vorwand rein, dass ein Sturm aufzieht. Ich glaube, nein, ich weiß, dass sie hier irgendetwas gemacht hat. Aber das klären wir nach dem Unwetter!“
„Nicht nur schön, auch so weise ...“, säuselte Edmund.
Esther nickte.
Das Lächeln, das ihr Gesicht dabei zierte, kannte Trevor nur zu gut. Selbst rachsüchtig war sie wunderschön.
Trevor schüttelte seinen Kopf. Er wollte nicht von ihrer Seite weichen, zur Not hätte er Cecilia auch einfach in die Kajüte geworfen, um Esther Arbeit zu ersparen, aber er musste zu den Segeln, um seine Herzensdame vor Unheil zu bewahren. Aber was, wenn Cecilia gefährlich war? Bilder überfluteten sein inneres Augen, wie die Prinzessin einen Dolch zückte, um Esther davon abzuhalten, sie in ein Zimmer zu sperren.
Vielleicht sollte ich sie einfach töten?
„Zur Sicherheit belege ich sie mit einem Bannzauber“, antwortete Esther, wodurch Trevor von seiner Idee abgebracht wurde. Jene war vermutlich etwas übertrieben.
„Trevor?“, riss Omas Stimme ihn aus den Gedanken. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er Esther die ganze Zeit angestarrt hatte. „Die Segel? Schaffst du das?“
Edmund drückte Oma auf einen Stuhl. „Du solltest dich nicht so sehr anstrengen. Wie wäre eine Fußmassage, bevor es ungemütlich wird?“
Trevor nickte und riss seinen Blick von Esther los. Ihre Sicherheit war ihm das Wichtigste, deswegen musste er an Deck. Zusammen mit Esther verließ er die Kombüse, woraufhin sich ihre Wege trennten. Nur leise bekam er mit, wie Esther Cecilia aufforderte, ihr zu folgen.
Sie Sonne war bereits vollständig untergegangen. Und die gleiche Finsternis umhüllte sein Herz, als er darüber nachdachte, dass Esther wahrscheinlich wenig Interesse an ihm hatte. Warum auch? Er war bloß ein ungebildeter Pirat. So jemanden stellte niemand seinem Vater vor, erst recht, wenn dieser ein Baron war.
Jetzt komm schon! Konzentrier dich!
Trevor rieb sich die Hände und begann, das Hauptsegel einzuholen. Die See wurde bereits unruhig und Donnergrollen war aus der Ferne zu hören. Kaum hatte er das Hauptsegel eingeholt, fing es an zu regnen. Er befestigte alles und wandte sich dann dem Vorsegel zu.
In diesem Moment bemerkte er, dass Esther neben ihm Stand. „Was soll ich machen?“, fragte sie gegen den peitschenden Regen.
„Sofort unter Deck gehen!“, schrie Trevor.
„Das kannst du vergessen, ich bleibe!“, antwortete Esther entschlossen.
Er war hin- und hergerissen. Einerseits hatte er sie nur zu gern bei sich, andererseits war es an Deck viel zu gefährlich. Was sollte er tun? Bei all seiner Liebe zu ihr, sie beschwören, wieder unter Deck zu gehen? Aber wer war er schon, ihr Befehle zu geben? Viel mehr würde er alles tun, worum sie ihn bitten würde.
Und du starrst sie schon wieder an!
Wem konnte Mann es verdenken? Im gießenden Regen begann Esthers Kleidung wie eine zweite Haut an ihr zu kleben. Jede Facette ihres Körpers wurde dadurch deutlich.
„Ihr ... Ihr könnt die Ladung zusätzlich sichern“, stotterte Trevor und zeigte auf die Fässer und Kisten in etwas Entfernung. „Ein großes Seil müsste neben dem Eingang hängen.“
Esther holte das Seil und lief wankend zur Ladung.
Trevor erkannte sofort, dass sie wahllos die Kisten und Fässer sicherte, weshalb er zu ihr ging.
„Hoffentlich verfliegt der Zauber von selbst bald“, rief sie, und Trevor schaute sie verwundert an.
„Welcher Zauber?“, wollte er wissen.
„Ist nur eine Vermutung, aber wir halten es für möglich, dass du und Edmund verzaubert wurden“, gestand Esther.
Seine plötzlichen und absolut irrationalen Gefühle sollten ein Zauber sein? Gab es sowas? Und selbst wenn ... er fühlte, wie er fühlte.
Trevor nahm Esther das Seil aus der Hand und zeigte ihr einen richtigen Knoten. „Dann wisst Ihr um meine Gefühle?“, hakte er leise nach.
„Ich weiß nur, dass du gerade durch einen Zauber geblendet wirst und das, was du fühlst, nicht echt ist“, erwiderte Esther und prüfte, ob alles fest war.
Wie immer es auch war ... Es fühlte sich echt an. Zumindest hatte Trevor keinen Vergleich. Noch nie hatte er so empfunden. Seine Gedanken kreisten nur um sie, ließen ihn alles andere vergessen, was er begrüßte. Zum ersten Mal in seinem Leben dachte er nicht ausschließlich an seine Kämpfe, seine Schlachten. Den Wunsch, Esther zu beschützen – und vieles mehr – erleichterte ihm sein Dasein.
Plötzlich wurde das Schiff von einer Welle getroffen. Es wankte nach links und beide verloren beinahe den Halt.
Trevor ergriff das Seil und schlang seinen anderen Arm um Esthers Hüfte, um sie vom Wegrutschen abzuhalten. Allerdings löste sich der Knoten, sodass beide abwärts glitten.
Trevor schaute nach oben. Die Ladung war noch an Ort uns Stelle, aber unterhalb kamen sie der Reling näher. Eilig drehte er sich zur Seite und presste Esther an sich, um den Aufprall mit seinem Rücken abzufangen. Das Wasser der Wellen schoss über und auf beide.
Trevor befreite eine Hand und fuhr sich über sein Gesicht.
Sie mussten schnell das zweite Seil wieder anbringen!
Er schaute auf Esther nieder, die sich ihre nassen Haare aus dem Gesicht fischte. „Alles in Ordnung?“,wollte sie wissen.
Trevor lächelte verlegen. „Ja ... immer.“ Tatsächlich war der Aufprall nicht allzu schlimm gewesen. Er rappelte sich auf und zog Esther wieder auf ihre Beine. Auch wenn er ihre Wärme genoss, war jetzt der gänzlich falsche Zeitpunkt dafür. Er schob sie zurück zur Ladung, während das Schiff zur anderen Seite kippte. Für diesen Moment konnten sie zumindest an den Fässern halten finden.
„Wir sollten uns beeilen, bevor wir noch über Bord gehen“, schrie Esther in den Sturm, und dem konnte Trevor nur zustimmen.
Er ergriff das Stück Seil, das ihm Esther reichte und verknotete es. Dann richtete er seinen Blick nach vorn und erkannte zwischen dem Aufhellen der Blitze, dass sich in der Ferne etwas auftat. Waren das Klippen? Wie weit waren sie vom ursprünglichen Kurs abgetrieben worden? Trevor schaute Esther an. Klippen verhießen nichts Gutes. Das Schiff konnte an ihnen oder den Felsvorsprüngen davor zerschellen. „Ich muss zum Steuerrad!“, brüllte Trevor. „Ihr bleibt hier!“
Anscheinend hatte Esther die Klippen auch gesehen. „Ich kann einen Schutzschild um das Schiff legen“, schlug sie vor, aber Trevor verneinte.
„Das ist nicht mein erster Sturm und nicht mein erstes Schiff!“, wandte er ein. „Wenn Ihr einen Schild heraufbeschwört, verliere ich meine Kräfte. Spart Euch diese Kraft für den Fall, dass ich versage!“
Er wusste nicht, wie lange der Sturm anhalten würde. Esthers Kraft sollte gespart werden, bis es keine andere Möglichkeit mehr gab.
Esther nickte sichtlich widerwillig. „Aber ich begleite dich, nur für denn Fall, dass ... etwas passiert!“
Er seufzte, zog sich sein Hemd über den Kopf und schlang es um Esthers Hüfte. Dann verknotete er es fest mit dem Seil an der Seite der Ladung. Kurz überkam ihn ein Déjà-vu, aber das verwarf er für den Moment. „Nein!“, antwortete er strikt. „Ich kann mich nicht auf Euch und das Schiff konzentieren!“
„Sag mal, geht’s noch? Du kannst mich nicht einfach hier festbinden! Was glaubst du eigentlich ...“, beschwerte sie sich lautstark.
„Versteht doch ...“, wandte Trevor ein und umfasste ihre Schultern. „Ob künstlich oder wahrhaftig ... ich fühle, was ich fühle. Die Sorge um Euch bringt mich fast um den Verstand. Ich nutze weder Euch noch diesem Schiff etwas, wenn mir das Schicksal von letzterem egal wird. Und wenn ich versage, dann seid Ihr die Einzige, die noch etwas ausrichten kann. Wenn Euch etwas dort oben passiert, verliert mein Leben jeglichen Wert. Ich brauche meine Kräfte, um das Ruder herumzureißen und uns von diesen Klippen wegzubringen ... Versteht Ihr das?“
Esther schaute ihn an und nickte langsam. „Ich verstehe, aber ... pass auf dich auf!“
Beide schauten sich an und ...
Jetzt oder nie, du Lappen!
Kurzerhand küsste er Esther ... erneut. Dann wandte er sich ab und begab sich zum Steuerrad.
Er hatte es schon wieder getan, aber diesmal fühlte es sich anders an. Diesmal fühlte es sich an, als könnte er danach lachend dem Tod ins Angesicht springen. Er hielt sich zunächst am Mast fest und bahnte sich seinen Weg zum Steuerrad. Die Stufen hinauf fühlten sich endlos an und immer wieder sah er zu Esther zurück, die alle Mühe damit hatte, die Balance zu halten.
Oben angekommen, drehte er das Ruder Backbord, um von den Klippen wegzukommen. Mit aller Kraft, die ihm innewohnte, hielt er gegen den Sturm. Doch es schien schon zu spät. Zwischen den Blitzen sah er etliche Felsformationen immer näherkommen.
„Den Schild!“, brüllte er so laut er konnte. „Den ...“. Urplötzlich türmten sich riesige Arme über der Backbordseite des Schiffes auf und umfassten es.
Ein Kraken? Was zum F... Ist das euer Ernst?
Er verfluchte innerlich jeden Meeresgott, den er kannte. Die und alle anderen Götter. Erst der Sturm, dann die Klippen und jetzt auch noch ein verfickter Kraken. Er hatte nicht einmal eine Waffe zur Hand.
Trevor ließ das Ruder los und wankte zur Treppe. „Wenn du nicht deine Tentakel von diesem Schiff und Esther lässt, verarbeite ich dich zu Calamari, hörst du!“, drohte er. Aber bevor Trevor die Stufen hinuntergeeilt war, schob der Kraken das Schiff von den Klippen weg.
Hilft er uns? Das ist doch ... Was genau war in dem Tee eigentlich drin?
Vielleicht träumte er das alles nur. Genau, vielleicht hatte der Tee ihn außer Gefecht gesetzt und das war alles nur ein seltsamer Traum.
Erneut umfasste der Kraken das Schiff und schob es immer weiter von der kleinen Insel weg.
Eilig begab sich Trevor wieder zu Esther und schob sie hinter sich, während er nach oben schaute.
Mehrere Male ragten die Arme des Kraken über sie hinweg, umschlangen das Schiff und beförderten es in die andere Richtung.
Esther umklammerte mit einem Arm Trevors Hüfte, um sich an ihm festzuhalten.
Er spürte ihre durchnässte Kleidung an seinem Rücken – und wie sehr sie zitterte. Wie gerne hätte er eine wärmende Decke um sie gelegt, aber angesichts ihrer Lage, war das nicht möglich. Er hielt sich selbst mit einem Arm am Seil fest und presste den anderen sanft, aber bestimmt, gegen ihren Arm, um ihr zusätzlich Halt zu geben.
Esther beschwor einen bläulich leuchtenden Schild über ihnen, der Trevor umgehend seine übermenschlichen Kräfte stahl. Er konnte es spüren, weil er plötzlich beide Arme brauchte, um beide an Ort und Stelle zu halten. Indes stoppten der Regen und der Wind unter dem Schild.
„Er bringt uns von den Klippen weg, keine Sorge!“, versuchte Trevor Esther zu beruhigen, die verängstigt in den Himmel sah.
„Sicher, dass wir einem Kraken trauen können?“, fragte Esther skeptisch.
Trevor sah sie unsicher lächelnd an. „Ich weiß nicht, warum er das macht, aber er ist unsere beste Option.“
„Dann sollten wir unter Deck. Der Schild schwächt dich. Und wenn der Kraken das Schiff bewegt, können wir ohnehin nichts mehr ausrichten.“
Trevor nickte und band sein Hemd vom Seil los, ließ es aber noch um Esthers Hüfte.
Esther ließ kurz darauf den Schild fallen, woraufhin Trevor sie mit sich Richtung Eingang zog. Mit seinen wieder aufkommenden Kräften war das wesentlich einfacher. Er stieß die Tür auf und fühlte Erleichterung. Nichts außer Erleichterung. Esther war sicher – und das Schiff natürlich auch. Im schmalen Gang begegneten sie Nelli, die sich an den Wänden festhielt, während Edmund wie ein Kind an ihr hing. „Du bist in Sicherheit, dir passiert nichts mehr! Soll ich dir etwas kochen? Hast du Hunger? Durst? Willst du dich setzen? Schlafen?“
Nelli unterdrückte ein Augenrollen. „Ruhe wäre toll!“
Trevor sah es ein. Irgendetwas stimmte nicht mit ihnen. So waren sie niemanden eine wirkliche Hilfe. Ganz im Gegenteil. Ihr Fokus gegenüber Esther und Nelli verkomplizierte vieles.
„Esther wird alles erklären ...“, setzte Trevor an. „und wir beide sollten eine Pause einlegen.“ Er sah zu Edmund und nahm ihn an der Hand mit sich. „Lassen wir die beiden nach einer Lösung suchen.“
„Warum nach einer Lösung? Ich fühle mich großartig!“, dementierte Edmund.
„Geh ruhig, ich komme gleich nach“, beruhigte ihn Nelli, woraufhin Edmund Trevor folgte.
Alle gingen zusammen zu Edmunds Kajüte.
Trevor dachte nach, bevor er im Zimmer verschwand. Bei allem, was er für Esther fühlte, konnte er nicht so einfach die Tür hinter sich schließen, als sei nichts gewesen. Er drehte sich noch einmal zu ihr herum und nahm sachte ihre Hand. Sanft küsste er ihren Handrücken und schaute sie an. „Ihr habt es verdient, dass ein Mann solche Gefühle für Euch hegt, denn Ihr seid mutig und selbstlos. Niemand sollte weniger als sein Leben für Euch hergeben wollen ... Und egal, als wer ich diesen Raum wieder verlasse ... Ich würde niemanden an Eurer Seite akzeptieren, der weniger fühlt“, sprach Trevor mit beinah gebrochener Stimme.
Esther lächelte, und Trevor glaubte, eine gewisse Verlegenheit bei ihr zu erkennen. „Ich hoffe, das niemand für mich sein Leben geben muss“, antwortete sie.
Trevor nickte verstehend und begab sich dann in das Zimmer.
Er hörte, wie jemand – vermutlich Oma – abschloss, während Edmund sich auf sein Bett setzte. „Du hast ein Talent dafür, im falschen Moment die Stimmung kaputt zu machen.“
Trevor rutschte an der Wand entlang auf den Boden und lehnte seine Arme auf die Knie. „Wem sagst du das ...“ -
Trevor hob lediglich seine Augenbraue, als der Triklop die Flucht ergriff. Lautstark polterte er die Treppe hinauf und verschwand im gleißenden Tageslicht.
Wow, das nenne ich mal undankbar …
Kaum war die Gestalt verschwunden, hörte er neben sich ein tiefes Seufzen. Nachdem er sich umgedreht hatte, bemerkte er, wie sich die Herzogstochter an Edmund abstützte.
„Entschuldigt …“, hauchte sie schwach. „Ich bin wohl erschöpft.“
„Das ist kein Problem“, antwortete Edmund. „Trevor wird Euch tragen!“
„Werd‘ ich das?“, hakte der Formwandler nach.
„Natürlich! Oder willst du, dass ich sie vollblute?“
Sich in das rechte Licht rücken, das konnte Edmund. Für alles andere schien der grobe Schläger verantwortlich zu sein. Aber worüber sollte sich Trevor beschweren? Es war schließlich seine Idee, hier aufzuräumen und das länger, als es Edmund bewusst war. Das verschwieg er ihm aber lieber.
Während Trevor am Strand trainiert hatte, waren ihm ein paar Gestalten aufgefallen, die Kisten von einem Beiboot am Strand gehoben hatten. Das wäre an sich nicht sonderlich schlimm gewesen, aber wenn jemand den Hafen mied, der nur unweit vom Strand entfernt war, hatte er etwas zu verbergen.
Zuerst dachte Trevor an selbstgebrannten Schnaps oder Tabak. Als er allerdings Stimmen aus den Kisten vernahm, war er sich recht sicher gewesen, dass es sich um eine Art anderer Ware handeln musste. Er war schon selbst oft genug in solch einer Situation gewesen, sodass er nicht einfach weitergehen konnte. Aus sicherer Entfernung hatte er die Schmuggler beobachtet, war ihnen zu ihrem Versteck gefolgt und holte – nachdem die Sache mit Esther erledigt war – Edmund als Unterstützung. So konnten sich die Schmuggler für den Moment in Sicherheit wiegen, bevor die beiden auftauchten. Beziehungsweise in die Szenerie stürzten. Natürlich hätte Trevor die paar Gestalten auch alleine aufmischen können, aber Edmund wollte üben und das ging am besten am lebenden Objekt. Außerdem war sein Freund auch eine gute Rückversicherung. Das hieß, wenn ihm etwas Ernstes geschehen wäre, hätte Edmund ihm aus dem Kellerloch ziehen müssen.
Trevor ging auf die junge Frau zu und schaute sie von oben herab an. „Ich müsste dann …“, meinte er und hob sie sachte an.
„Ich bin sicherlich schwer …“, sprach sie und hielt sich an seinem Nacken fest.
Ja, genau …
„Ihr könnt gar nicht schwer sein, so schlank, wie ihr seid“, verlautete Edmund.
Es war erstaunlich, wie schnell dieser Kerl von vorlaut zu zuvorkommend wechseln konnte. „Macht Euch darüber keine Sorgen. Ich bin einiges gewohnt. Was nicht heißen soll, dass ihr dick oder schwer seid, ihr seid leicht, aber … Ihr wisst schon.“
Cecilia lachte leise. „Dann bin ich beruhigt. Vielen Dank.“Trevor sah sich am oberen Ende der Treppe um. Alles schien normal zu sein, weswegen er und Edmund den direkten Weg zum Schiff zurücknahmen.
An den etwas erstaunten Blicken der Handwerker vorbei, brachten sie Cecilia direkt unter Deck.
Etwas ungelenk platzten sie in die Küche, in der Esther und Oma standen und den Vergessenstrank in Flaschen abfüllten.
Esther fiel umgehend Edmunds Hemd auf. „Was ist passiert? Geht es euch gut?“
„Ja ja, alles großartig“, meinte Edmund und verwies auf Trevor. „Er hat nur wieder Probleme gefunden.“
„Wen schleift ihr denn schon wieder an?“, wollte Oma nach einem musternden Blick wissen.
„Die junge Frau ist erschöpft und geschwächt“, erklärte Trevor ohne Umschweif. „Sie war von einem Menschenhändlerring entführt worden.“
„Ein Menschenhändlerring?“, hinterfragte Esther und runzelte die Stirn. „Ich will gar nicht wissen, wie ihr da wieder reingeraten seid. Kümmern wir uns erstmal um eure Wunden …“
Alles kalkuliertes Risiko!
„Wir?“, wandte Nelli ein und verschränkte ihre Arme vor sich. „Dann mach mal, ich schau zu.“
„Ich wollte doch nur helfen ...“, antwortete Esther betrübt.
Nelli seufzte. „In Ordnung, ich schau es mir an.“
„Könntet ihr wohl aufhören herumzudiskutieren, und ihr helfen?“, moserte Edmund.
„Sei bloß still, du kommst auch noch dran!“, ermahnte Nelli Edmund und warf ihm einen ernsten Blick zu.
Trevor sah alle abwechselnd an. „In Ordnung … Da jetzt alle versorgt sind, kann ich mich kurz davonstehlen.
Er hatte noch etwas zu erledigen!
Er wandte sich ab und ging aus dem Raum.
„Was hast du vor?“, wollte Esther wissen, aber Trevor lächelte zunächst nur.
„Nichts, mach dir keine Sorgen!“
Trevor zog sich zurück und tauschte seine Rüstung gegen ein paar alte beige Klamotten. Er begab sich zum Schiff, das am Strand verharrte, in einem kleinen Beiboot. Getarnt als alter Fischer würde niemand seine Anwesenheit hinterfragen, nachdem ein paar Mann der Besatzung neugierig sein Tun beobachtet hatten. Nachdem sich die Besatzung wieder ihren Aufgaben widmete, kletterte Trevor über die Ankerkette an Bord und nahm die Gestalt eines Matrosen an. Eben jenen, den er zuerst geschnappt, erstochen und in ein Fass mit gesalzenem Fisch gestopft hatte. Danach begann er, das Schwarzpulver aus den Fässern zu lassen. Der Laderaum füllte sich damit, während Trevor kleinere Fässer unterhalb der Maste platzierte.
Warum er das tat? Er konnte es nicht genau sagen. Vielleicht, weil er selbst schon oft genug solchen Leuten ausgeliefert war und nicht wollte, dass es anderen genauso erging wie ihm, Cecilia oder dem Triklop. Zudem wäre der ganze Hafen mit diesem Vorfall beschäftigt, sodass sie vielleicht unbehelligt von Thomas und seinen Schergen die Segel setzen konnten.
Trevor schlich sich von Bord, nachdem er ein kleines Feuer unter Deck entfacht hatte, was sich rasch zum Pulver ausbreiten würde. Deswegen hatte er auch nicht viel Zeit, die Gestalt des Fischers wieder anzunehmen und das Beiboot in sichere Entfernung zu bringen. Er durfte nicht seinen Gedanken nachhängen.
Trevor war vielleicht hundert Meter entfernt, als er die erste Explosion hörte. Die überraschte und panische Besatzung entlockte ihm ein müdes Lächeln. Vor allem, weil die Leute anscheinend versuchten, das Feuer zunächst zu löschen.
Blöde Idee, da kommt noch mehr …
Diese Leute würden nie wieder mit Menschen oder magischen Wesen handeln … Und warum schrien gestandene Männer immer nach ihrer Mutter? Diese hätten sicherlich nicht gutgeheißen, was sie dort taten.
Immer lauter wurden die Schreie, während weitere Explosionen zu hören und zu sehen waren. Holzsplitter flogen, Funken sprühten … brennende Figuren stürzten sich ins tiefe Nass, aber tauchten nicht mehr auf.
Mit kräftigen Zügen näherte sich Trevor wieder dem Strand, während das Schiff lichterloh brannte, und die Schreie allmählich verstummten. Der verräterisch süßliche Geruch von brennenden Menschenfleisch drang an seine Nase, und ein wohlwollendes Gefühl breitete sich in Trevor aus. War er tatsächlich so böse, dass ihm so etwas nichts ausmachte? Er kam zu dem Entschluss: Ja, war er. Es gab Menschen, die verdienten es, zu leben. Und es gab jene, die das nicht taten. Zumindest nach seinen Moralvorstellungen. Er redete sich ein, die Welt damit etwas sicherer gemacht zu haben, was angesichts seiner Piratenvergangenheit sehr ironisch in seinem Kopf klang. Aber immerhin war es nie zu spät, sich zu ändern … außer für die Besatzung dieses Schiffes natürlich.
Er stieg aus dem Boot, zog es an Land und schaute noch kurz den Flammen zu, als er neben sich eine Person mit verkohlter Kleidung entdeckte.
„Hilfe …“, gurgelte der Mann halb unter Wasser, unfähig, sich mit seinen verbrannten Gliedern selbst an Land zu ziehen. „Hilfe …“
Trevor seufzte, nahm seine eigene Gestalt wieder an und sah auf den Kerl hinab. „Haben das auch die Leute in euren Käfigen zu euch gesagt? Diejenigen, die ihr verscherbelt habt?“, wollte der Formwandler ohne Gefühl in der Stimme wissen.
„Fick dich, du Kreatur …“, hauchte der Sterbende abwertend.
Ach ja, jetzt will er keine Hilfe mehr.
„Kreatur? Wie einfallsreich …“ Trevor trat mit seinem Stiefel auf den Kopf des Mannes und drückte ihn so lange unter Wasser, bis keine Blasen mehr aufstiegen.
Danach wandte er sich pfeifend vom Szenario ab, bevor allzu viele Schaulustige am Strand erschienen.
Bereits wieder in Hafennähe bemerkte er plötzlich, dass Esther in Sichtweite des Strandes stand.
Überrascht blieb er stehen.
Esther verschränkte ihre Arme und schaute ihn an. „Sag bitte, dass ich mir das einbilde und du nicht wirklich das ganze Schiff niedergebrannt hast.“
Trevor schnalzte mit seiner Zunge und verkniff sich das Auflachen. „Du bildest es dir ein“, meinte er, „und ich habe nicht das gesamte Schiff niedergebrannt.“
„Ich wusste, dass du was Blödes machst!“ sie nahm die Arme herunter und schaute zum Schiff, das allmählich unterging.
„Das war nichts Blödes!“, dementierte Trevor. „Das ist Gerechtigkeit!“
„Das ist deine Auffassung von Gerechtigkeit?“
Trevor blieb auf Höhe von Esther stehen und schaute sie von der Seite an. „Was wäre denn deine? Solche Menschen zu verschonen, sodass sie immer wieder anderen wehtun? Nein, ich schaffe sie aus dem Weg, damit sie niemanden mehr schaden können.“
„Ich verstehe dich ja, aber die Menschen einfach zu töten, ist auch der falsche Weg! Sie haben vielleicht Familie oder sind nur auf das Geld angewiesen. Hast du darüber mal nachgedacht?“
Ja, diese Gedanken hatte er kurz, aber …
„Selbst ich als Pirat habe niemals Geiseln genommen. Geld rechtfertigt nicht, andere zu foltern oder zu verkaufen. Damit hast du eben ein gewisses Urteil unterschrieben“, erklärte Trevor. „Die Reiche würden sie in der Öffentlichkeit hängen lassen, ich töte sie ohne die Schande.“
„Nein, es rechtfertigt dieses Tun keineswegs!“, widersprach Esther lautstark, „aber du hast kein Recht über sie zu richten. Mit ihrem Tod nimmst du ihnen die Möglichkeit, sich zu bessern.“
Trevor atmete tief durch, aber wandte sich dann Esther zu und drängte sie an die benachbarte Häuserwand. „Ach ja? Habe ich nicht? Du, die mit goldenem Löffel geboren wurde? Weißt du, wie es ist, in einer Kiste zu sitzen, Tage zu hungern und nicht zu wissen, wo du endest? Todesängste durchzustehen? In seiner eigenen Scheiße zu sitzen und sich eventuell davon ernähren zu müssen? Nein?! Dann lerne von mir, bevor du solche Menschen weiterleben lässt! Du bist anders aufgewachsen, also rede mir nicht in das rein, was ich kenne sowie ich dir nicht in deinen Kreis rede!“
"Beruhigst du nachts damit deine Gedanken, wenn du jemanden getötet hast?" Sie reckte ihr Kinn. "Oder ist das bei dir Normalität geworden?"
„Du machst dir keine Vorstellung von meiner Normalität“, erwiderte Trevor genau vor ihr. „Das ist vermutlich besser so.“
Sie musterte Trevor. „Wie machst du das? Die Last auf deinen Schultern muss erdrückend sein?“ Sie flüsterte den Rest ihres Satzes.
„Jemand muss es machen!“
„Du musst das aber jetzt nicht mehr alleine machen."
Trevor lachte laut auf. „Oh ja, ihr alle seid dafür absolut empfänglich. Natürlich.“
„Vermutlich stimmt das, aber vielleicht hilft es mir, dich besser zu verstehen." Sie lächelte gequält, "und falls du mit jemanden über diese ... Last sprechen willst, höre ich dir zu.“
„Mach dir keine Sorgen um mich.“ Trevor lächelte beschwichtigend. „Ich kann besser schlafen, wenn diese Leute keine Wesen mehr einsperren können.“
„Ich mache mir aber Sorgen.“ Esther legte ihren Kopf schief und wartete kurz, ehe sie zum brennenden Schiff sah, zu dem sich bereits etliche Schaulustige begaben. „Nun ja“, wandte sie dann ein, „diese Leute werden gar nichts mehr tun, schätze ich ...“
„Vielleicht noch ein bisschen röcheln und gurgeln." Trevor lief weiter und wollte das Thema hinter sich lassen. Wäre er schlauer gewesen, hätte Esther von seiner Tat nicht einmal etwas mitbekommen. Jetzt musste er sich ihrem Urteil darüber stellen. Für so etwas waren Formwandler doch gemacht worden, oder nicht? Warum also es nicht für etwas „Gutes“ einsetzen?
„Belustigt dich das Leid der Anderen etwa?" Esther schloss zu Trevor auf. „Menschen zu töten, ist die eine Sache, aber sich über die Sterbenden lustig zu machen ... Ist das nicht doch etwas zu vermessen?“
Trevor lachte laut los, schluckte es aber hinunter, als er komisch angesehen wurde. „Vermessen? Vielleicht für jemanden wie dich, aber weißt du, was diese Kerle mit Frauen machen, während sie sich darüber lustig machen, dass du Worte wie 'vermessen' benutzt? Glaub mir, sie werden sich pausenlos über ihre Opfer lustig gemacht haben.“
Er sah Esthers nachdenkliches Gesicht, während sie neben ihn lief. „Ja, bedauerlicherweise. Die Mütter würden sich schämen für die Taten ihrer Söhne.“
„Deswegen …“, meinte Trevor und lächelte sie an.
Esther nickte. „Ich werde dennoch versuchen, dich das nächste Mal davon abzuhalten, sowas zu machen.“ Sie verwies auf das brennende Schiff, was immer weiter in die Ferne rückte.
Trevor wusste, dass keiner diesen Brand hinterfragen würde. Es kam häufiger vor, dass Schiffe, ob des Schwarzpulvers, Feuer fingen. „Viel Erfolg dabei!“, wünschte er ihr und grinste breit. Das nächste Mal würde er sich mehr Mühe geben, um nicht erwischt zu werden. Da kam ihm der Gedanke, ob es ihn wirklich belustigte, Menschen zu töten – zumindest die, die es verdient hatten. Tat es das? Vielleicht ein wenig! Dennoch, er wusste, was sich auf solchen Schiffen abspielte. Cecilia schien noch Glück gehabt zu haben, dass das Schlimmste anscheinend ein muffiger Sack über den Kopf gewesen war.Sie kehrten zurück und Trevor wusste nicht, ob Esther etwas davon verraten würde, aber das war ihm auch egal. Solange es sich um Oma und Edmund handeln sollte.
Esther ging unter Deck, während Trevor von einem der Handwerker aufgehalten wurde. „Wir sind so weit fertig. Ein paar Nägel noch und unsere Arbeit ist beendet.“
Großartig! Dann schnell weg hier!
Trevor holte den Trank des Vergessens, den Nelli ihm auch mit einem mahnenden Blick übergab, und er legte das Gold für die Handwerker auf eine Kiste am Steg. Er hatte nicht vor, sie auch um ihre Arbeit zu betrügen. „Aye, auf das Reparieren sollten wir Einen heben.“, verkündete Trevor und nahm sich einen Krug Bier ohne Trank. Den Rest des Fasses hatte er mit dem Gebräu von Nelli versetzt.
Die Handwerker waren nach all der Arbeit anscheinend heilfroh, etwas zu trinken zu bekommen und schlangen das Bier runter wie nach einer Woche Wasser auf offener See.
Trevor ging sicher, dass es alle tranken und begab sich dann an Deck. Er löste die Taue, und das Schiff schob sich der Flut entgegen auf das offene Meer hinaus. -
Trevor gefiel der Gedanke gar nicht, dass dieser Magier sie ins Auge gefasst hatte. Er überlegte sich bereits Methoden, diesen Kerl loszuwerden. Das würde bei einem Magier wahrscheinlich nur nicht so leicht werden. Trevors erster Gedanke war, in der Nacht das Schiff abzufackeln … Er lauschte nur beiläufig der Unterhaltung der anderen, wo in der Stadt sie die Kiste verstecken wollten, um Thomas auf eine falsche Fährte zu locken. Denn immer wieder keimte der Gedanke in ihm auf, warum er sich bei der Berührung der Kiste die Hände verbrannt hatte. Bei den anderen war nichts geschehen. Aber es war nicht nur der Schmerz gewesen, ihn war Trevor gewöhnt, sondern, dass er die Kiste hatte nicht loslassen können. Als war sie an ihm festgebunden gewesen. Sie hatte ihn paralysiert, wehrlos gemacht. Dieses Gefühl, was er dabei erfahren musste, hing wie ein dunkler Schleier über ihn. Fühlte sich so wahre Angst an? Ein ähnliches Gefühl überkam ihn, als der Magier an Bord gekommen war. Etwas verengte ihm die Brust, sodass er sich lieber zurückgezogen hatte. Von der Kiste, und Thomas, ging etwas aus, das ihm nicht gefiel. Was dafür sorgte, dass er sich schwach fühlte.
„Was denkst du, Trevor?“, fragte ihn Nelli, und riss ihn somit aus seinen Gedanken.
„Was? Soll mir recht sein“, antwortete er und wusste nicht einmal, um was es gerade ging.
„Also verstecken wir die Kiste irgendwo am anderen Ende der Stadt“, wiederholte Edmund anscheinend.
„Das wird wohl unsere Aufgabe sein“, fügte Nelli hinzu. „Thomas kennt Esther, und Trevor kann man die Kiste nicht geben.“
„Das ist leider wahr …“, pflichtete Esther bei.
„Das heißt aber nicht, dass ich euch nicht begleiten kann“, widersprach Trevor.
„Du solltest dich noch etwas schonen, Junge. Außerdem sollte jemand die Handwerker im Auge behalten.“
Also bin ich jetzt nutzlos …
„Wir sollten keine Zeit verschwenden! Die Kiste muss von Bord!“, hetzte Esther.
„Wir sollten noch etwas warten. Vielleicht zu Sonnenuntergang. Wer weiß, ob Thomas das Schiff beobachten lässt. Wenn ihr gleich von Bord eilt, nachdem er hier war, wirkt das sehr verdächtig“, nuschelte Trevor nachdenklich, und Edmund stimmte zu.
Somit beschlossen alle, noch etwas zu warten.
Trevor begab sich in seine Kajüte, als er Omas Stimme hinter sich hörte.
„Können wir kurz reden?“, fragte sie und ihr Blick gefiel ihm nicht.
„Ich werde mich schon nicht überanstrengen …“, setzte Trevor an, wurde aber von Nelli unterbrochen.
„Darum geht es nicht.“
Trevor musterte sie und hielt ihr dann die Tür zu seiner Unterkunft auf.
Nelli schloss die Tür hinter sich und watschelte gestützt von ihrem Stock in den Raum. „Versuch dich, soweit es geht von Magie fernzuhalten.“
Überrascht hob Trevor seine rechte Braue. „Weil?“, fragte er gedehnt. Nicht, dass er das nicht bereits getan hätte, aber er wollte sich seine Verunsicherung nicht direkt anmerken lassen.
„Weil du ... empfindlicher als wir anderen darauf reagierst ...", erwiderte Nelli wenig präzise.
„Ach, tatsächlich …“, meinte Trevor ungewollt sarkastisch und zeigte seine Hände. Es war ihm nicht entgangen, dass Nelli ihm beim Diebstahl die Sachen nicht in die Hand geben wollte. Also, musste sie mehr darüber wissen, als sie gerade preisgab. „Was weißt du darüber?“, forderte er zu wissen.
Sie ließ sich auf sein Bett sinken und klopfte auf den Platz neben sich. „Setz dich, Junge, das wird eine längere Geschichte …“
Trevor setzte sich, und Nelli atmete tief durch.
Das, was sie ihm begann zu erklären, war … seltsam. Nelli fragte ihn zunächst, was er über die Formwandler wüsste. Das war – abgesehen von den Kräften und dem, was seine Mutter ihm erzählt hatte – nicht viel. Sie lebten irgendwo abgeschieden, es gab nur männliche Formwandler … Da unterbrach ihn Nelli. Ob er sich noch nie gefragt hatte, warum es nur Männer gab, die sich verwandeln konnten. Tatsächlich hatte sich Trevor das mal als junger Mann gefragt, aber warum über Sachen Gedanken machen, auf die niemand eine Antwort zu haben schien?
Nelli fiel mit der Tür in die Kajüte und meinte, dass Formwandler keine eigene Rasse waren. Nicht wie Menschen, Nymphen oder Magier.
Trevor wollte sie unterbrechen, aber sie fuhr ihm über den Mund und erzählte gleichauf weiter. Nämlich, dass sie gemacht worden waren. Dass Magier ihre Macht genutzt hatten, um Krieger zu erschaffen, die ihnen dienten. Anfangs aus Leichen, danach benutzten sie verletzte Krieger und irgendwann nahmen sie auch Freiwillige. Sie bastelten sich ihre eigenen Assassinen und jene mit Fähigkeiten, die von großen Nutzen waren.
Wie meine Stärke und die Fähigkeit, mein Aussehen zu verändern …
Der Unterschied zwischen den Assassinen aus Leichenteilen und den Freiwilligen war jedoch, dass die lebenden Versuchsobjekte sich fortpflanzen konnten – wodurch Männer wie Trevor entstanden.
Allerdings erschufen die Magier beziehungsweise – Nekromanten – wie sie Nelli nannte, ihre Schöpfungen so, dass sie sich niemals gegen ihre Herren erheben konnten. Sie schwächten sie für Magie und machten sie anfällig für allerhand Bannzauber.
Deswegen meine Verletzungen …
Das hielt die Formwandler vor etlichen Jahrhunderten aber nicht davon ab, das Weite zu suchen und sich bedeckt zu halten.
Trevor versuchte, das alles zu verstehen. Er sortierte Nellis Erzählung in seinen Gedanken. Er und seinesgleichen waren also tatsächlich geborene Soldaten. Zumindest das stimmte. Er wurde geboren, wahrscheinlich schockierten ihn deshalb die neuen Erkenntnisse nur wenig.
„Das ist wirklich … interessant …“, murmelte Trevor abwesend. „Deswegen kannst du Nekromanten nicht leiden, oder?“
Jetzt hätte Trevor gerne Agatha ausgefragt, aber jene hatte sich bereits verdünnisiert. Ob sie mehr darüber gewusst hätte? Vermutlich nicht, sonst hätte sie nicht so fasziniert von ihm getan.
Nelli nickte. „Ihre Versuche an jedem Lebewesen sind widerwärtig. Menschen so zu misshandeln ... Niemand sollte sich derart in die Natur einmischen.“
Trevor verstand, dass sein Unbehagen gegenüber Thomas dann wohl keinen natürlichen Ursprung hatte, sondern irgendwie gemacht war. Vielleicht ähnlich wie bei der Kiste. Ein Zauber, der ihm Wesen wie Trevor vom Leib hielten.
Trevor gestand Nelli, sich bei Thomas absichtlich verzogen zu haben, da ihm geradezu die Luft weggeblieben war.
„Dann ist Thomas gefährlicher als wir glauben“, murmelte Nelli und fuhr sich über ihr Gesicht.
„Stelle ich denn eine Gefahr da?“, wollte Trevor wissen und verzog ernst sein Gesicht. „Wenn Thomas fähig ist, mich zur Flucht zu bewegen, was, wenn er Leute wie mich auch anders manipulieren kann?“
„Es ging eher darum, sich selbst zu schützen. Ich glaube nicht, dass er dich derart manipulieren kann, aber zur Sicherheit solltest du ihm vielleicht eher aus dem Weg gehen ...“
Großartig, das heißt, ich bin absolut nutzlos gegen diesen Mann …
„Wir sollten es vielleicht den anderen sagen, damit sie Bescheid wissen. Wenn etwas passiert, sollte zumindest Esther mich … bannen können.“
Oder töten!
Nelli nickte langsam. „Ich fürchte keiner von uns ist ihm gewachsen. Das Sinnvollste, was wir machen könnten, wäre verschwinden.“„Aye“, pflichtete Trevor Nelli zu und begann, die Verbände von seinen Händen zu lösen.
Nelli half ihm und löste die letzten Verbände. „Ah, das sieht schon besser aus“, sagte sie.
Die Haut an seinen Händen war noch rosa, aber es waren keine offenen Wunden mehr zu sehen.
„Selbst wenn nicht, habe ich mich genug ausgeruht. Wir sollten die Kiste verschwinden lassen und das Schiff seetauglich bekommen.“
„Du nützt verletzt aber auch nichts. Sonst machst Du es nur schlimmer“, brummte Nelli widerwillig.
„Ich habe schon schlimmeres überstanden …“ Trevor erhob sich und seufzte. „Wir sollten die beiden anderen zusammentrommeln.“ Gerade, als Trevor die Tür öffnen wollte, hielt er noch einmal inne. „Wie lange wusstest du das alles eigentlich?“
„Grundsätzlich schon sehr lange. Ich dachte nur bei dir wäre es nicht so stark ausgeprägt. Oder eher hatte ich es gehofft“, gab Nelli leise zu, was Trevor ein verstehendes Nicken entlockte, bevor er seinen Kiefer aufeinanderpresste.
Er schickte Nelli vor, die anderen zu holen. Er brauchte einen Moment, um das alles nochmal zu überdenken. Seine Rasse, nein er und seinesgleichen, waren also gemacht worden ...
Diener, Krieger, Soldaten … er musste zugeben, dass das einiges erklärte. Vor allem den Hang zum Töten, den er vor einiger Zeit an sich akzeptiert hatte. Es war bei ihm und allen anderen Formwandler vermutlich verankert. Nur, dass Trevor die Freiheit besaß, selbst zu entscheiden, wen er beschützen wollte. Trotzdem besaß er anscheinend nicht nur Stärken, sondern auch schwerwiegende Schwächen. Obwohl er wie jeder andere Mensch geboren worden war, überdauerte die Empfindlichkeit gegenüber Magie. Er war nicht scharf darauf, herauszufinden, welche Absicherungen sich die Nekromanten noch hatten einfallen lassen, damit Formwandler sie nicht angreifen würden.Nachdem alle zusammensaßen, erklärte Trevor, was mit ihm und der Kiste los war. Und, dass er anscheinend gegen Magie machtlos war. Edmund schwieg zunächst, während Esther offen ihre Bedenken äußerte, ihn verletzen zu können. Zudem bekundete sie, wie widerwärtig auch sie das Vorgehen der Nekromanten fand.
„Ja, ich habe verstanden, dass Formwandler Kreaturen wider die Natur sind …“, murmelte Trevor leise monoton und rieb sich über sein Gesicht.
„In allererster Linie bist du ein Teil dieser Gruppe. Und in zweiter Linie ein Opfer“, widersprach Nelli und verdrehte die Augen. „Selbstmitleid hat noch niemandem geholfen, Bursche.“
Trevor horchte auf. „Ich bemitleide mich nicht! Und ein Opfer bin ich auch nicht“, entgegnete er entsetzt. „Aber, was die Nekromanten tun, haben wir alle verstanden. Und vielleicht tun sie es immer noch … Wer weiß … Nichtsdestotrotz sehen unsere Chancen gegen Thomas schwindend gering aus. Außer, Esther hat genauso mächtige Zauber im Peto!“
Esther dachte nach. „Thomas und ich sind zwei völlig unterschiedliche Magier. Ich bin eine Beschützerin, während er ein Zerstörer ist. Diese Magier sind dafür ausgebildet worden, solche wie mich niederzustrecken. Deswegen bin ich eher dafür, dass wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub machen.“
„Vielleicht solltest du dir etwas von der anderen Art aneignen?“, schlug Trevor vor. „So für die Zukunft?“
Esther zuckte mit ihren Schultern. „Ich gebe mein Bestes.“
Alle waren sich einig, dass sie sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen sollten.
„Wenn wir nur Zeit schinden könnten …“, murmelte Edmund. „Das Schiff ist niemals so schnell fertig, wie dieser klebrige Kerl die Kiste gefunden hat …“
Esther überlegte. Zuerst druckste sie herum, aber dann schlug sie vor, dass man Thomas noch mehr in die Irre führen könnte, wenn sie den Zauber dupliziert, der sich auf der Kiste befand.
Edmund grinste verschlagen. „So können wir eine Kiste ins Landesinnere versenden, die andere auf ein Schiff, das den Hafen verlässt …“
„Genau!“, stimmte Esther zu.
Für Trevor und Nelli klang das nach einem sehr guten Plan.
Also machte sich Esther daran, ein Duplikat des Zaubers herzustellen.
Edmund schlug ein Stück Seife als Medium vor, was trotz der heiklen Lage für ausgiebiges Gelächter sorgte. Genau das Richtige für den Schmierlappen, wie Trevor fand.
„Seife, das sollte ich hinbekommen!“, meinte Esther und versprach, alsbald mit dem Zauber fertig zu sein. Sie erhob sich und wollte sich gleich ans Werk machen.
„Aye …“, sagte Trevor gedehnt an Edmund gewandt. „Wie wäre es, wenn wir dann anfangen?“
„Anfangen? Mit was?“
„Mit deinem Training?“
„Training?“, wollte Nelli wissen und grinste schelmisch über beide Wangen.
„Es kann nie schaden, zu lernen, wie man andere verkloppt“, erklärte Trevor, und Edmund lachte bedächtig.
„Ich habe keine Ahnung, was du meinst“, dementierte der Händlersohn und presste seine Antwort zwischen seinen Zähnen empor.
Trevor sah zunächst Edmund, dann Nelli verwundert an. Hätte das ein Geheimnis bleiben sollen?
Upsi?
„Naja, jedenfalls gehe ich etwas an den Strand südlich von hier. Wenn ihr mich sucht, wisst ihr, wo ihr mich findet. Ich darf selbst nicht außer Form geraten.“
„Aber übertreib es nicht. Deine Hände sind noch empfindlich …“, warnte ihn Nelli. „Nicht, dass ich dich danach wieder zusammenflicken darf.“
„Aye!“
Trevor erhob und streckte sich. Er überließ es Edmund, ob er ihm folgen und lernen wollte oder nicht. Dem Formwandler war klar, dass Edmund nicht gänzlich ungeübt war, immerhin hatte dieser fechten gelernt. Das war ein guter Ansatz.
Trevor würde sich beim Training darauf konzentrieren, ihm zu zeigen, wie er Bewegungen seines Gegners dezent voraussehen konnte, um entsprechend reagieren zu können. Meist verriet die Körperhaltung, wohin ein Hieb oder Schlag hingehen würde. Die Bewegungen der Schultern oder des gesamten Oberkörpers. Das hatte Trevor schmerzlich in der Praxis erfahren müssen. Er wollte Edmund ein wenig unter die Arme greifen, bevor ihm ein Messer in der Schulter steckte. Wobei er zugeben musste, dass Edmund ob seiner Statur sehr gut Schmerzen aushalten konnte – besser gar als Trevor selbst. Viel Einstecken zu können, konnte in einem Kampf ebenso hilfreich sein, wie austeilen zu können.Nachdem Trevor am Strand angekommen war, fing er an, Klimmzüge zu machen, was er aber schnell aufgab. Er spürte jede Faser des Holzes an seinen Händen; das war nicht angenehm.
Wie zarte Mädchenhände, großartig …
Doch kaum widmete er sich dem einfachen Gewichte heben, da erschien am anderen Ende des Strandes eine Silhouette. -
Trevor hatte Oma vom Schiff gehoben. In ihren Händen hielt sie dabei allerhand Gegenstände. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum sie zuvor mit ihrem Gesicht an seiner Brust entlang gelitten war, bis ihre Füße sicheren Boden ertasten konnten.
Knapp gefolgt von Edmund, der fiepend auf einer Kiste stand. Ihm wiederum folgten zwei andere Ratten.
Trevor brauchte nicht lange, um ihn zu erkennen. In erster Linie an seinem wütenden Gesichtsausdruck und weiter daran, dass Edmund nie lange allein blieb. Nicht mal als Ratte, das war bewundernswert.
Sie berichteten davon, was sie gefunden hatten. Nun ja, Nelli tat das. Und verwies darauf, dass sie schnellstmöglich auf ihr Schiff zurückkehren sollten.
„Tut mir leid, meine Damen, den Herrn muss ich jetzt mitnehmen“, sprach Trevor zu den beiden Ratten, die dabei waren, sich an Edmund zu schmiegen. Dieser schien gar nicht so wütend darüber, dass Trevor ihn sich wieder auf die Schulter setzte. Aber Rattendamen waren sicherlich auch nicht gänzlich der Geschmack des Händlersohnes.
Edmund schien förmlich tief durchzuatmen.
Zusammen begaben sie sich zurück auf ihr Schiff und wollten alles weitere besprechen. Es würde wahrscheinlich nicht lange dauern, bis einer das Fehlen des Buches und der Kiste samt Inhalt bemerken würde.
Trevor fragte Nelli, ob er ihr die Ausbeute abnehmen sollte, aber sie musterte ihn und verneinte dann.
Dachte sie etwa, er würde es beschädigen oder stehlen?
Sie lächelte schief und lief dann weiter.
Seltsam …
Zurück auf der Revenge wurden sie bereits von Esther empfangen. „Und?“, wollte sie wissen. „Wie ist es gelaufen?“
„Soweit ganz gut, denke ich“, antwortete Trevor und schaute den Rest an. „Wir haben nur mehr, als wir gedacht hätten.“
„Es hat sich nun mal so ergeben“, meinte Nelli und zuckte mit ihren Schultern. „Edmund und ich waren uns einig, dass wir es mitnehmen.“
Die Ratte fiepte. Aber rasch wurde ein Gemurmel daraus. Es war wie ein ploppendes Geräusch, als plötzlich Edmund wieder vor ihnen stand. Kurz darauf „ploppte“ auch wieder die Gestalt von Oma auf.
„Der Zauber ist wohl vorbei“, stellte Esther fest, während Edmund tief durchatmete.
„Bei allen Weltmeeren … So einen Scheiß mache ich nie wieder mit. Von wegen alles ganz einfach …“
„Ganz ruhig, Edmund“, versuchte Trevor, ihn zu beruhigen. „Hat doch alles geklappt.“
„Super geklappt, ja, großartig ... Dem nächsten, der sagt, es kann nichts schiefgehen, ehe alles schiefgeht, trete ich in den Arsch!“
Trevor verkniff sich ein Grinsen. Er wusste, das war der Situation nicht förderlich. Es konnte immerhin niemand etwas dafür, dass er zu einer geworden war. Naja, außer er selbst.
„Und? Haben wir alles?“, fuhr Esther unbehindert fort, und Oma nickte.
„Das Fernrohr haben wir wahrscheinlich zurück, es ist sicherlich in der Kiste, aber da gab es mehr zu holen.“
Esther riss ihre Augen auf. „Ihr habt mehr gestohlen?“
Edmund grinste. „So er, so wir!“
Esther schien davon gar nicht begeistert. Dennoch musterte sie die Ausbeute. Sie begutachtete das Buch, danach die Kiste. Dabei murmelte sie etwas Unverständliches.
„Auf der Kiste liegt ein Zauber …“, sprach Esther und behielt sie in der Hand. „Wird nicht einfach, sie zu öffnen.“
„Das bekommen wir nach allem auch noch hin. Immerhin sind zwei Magier an Bord“, entgegnete Trevor.
„Ansonsten breche ich sie einfach auf“, drohte hingegen Edmund.
„Vielleicht finden wir dazu etwas im Buch.“ Esther schien zuversichtlich. „Hier, halte mal.“ Sie reichte Trevor die Kiste.
Oma wandte noch ein „Tu das nicht!“ ein, aber es war zu spät.
Trevor nahm die Kiste und es war, als durchzog ihn ein Gewitter. „Schöne … Kiste“, brachte er nur den abgehakten Satz hervor, dem ein paar Adjektive fehlten. Er konnte sie weder loslassen noch fallenlassen. Es brannte. Ihn durchströmten Stromschläge. „Nehmt … die Kiste“, stotterte er weiter, während er das verbrannte Fleisch seiner Hände riechen konnte, was ihn auf die Knie zwang. -
Was war wohl eine bessere Tarnung, als sich als Ratte an Bord des Schiffes zu schleichen? Sicherlich nichts.
Trevor war sich sicher, dass Edmund sich in seinem kurzzeitigen Körper sehr unwohl fühlen musste, aber er konnte sich das Lachen und das Grinsen einfach nicht verkneifen.
Aber nun war Oma an der Reihe. Auch sie trank das Gebräu auf einem Schluck leer und kniff die Augen zu. Anscheinend schmeckte es nicht gerade nach Rosenwasser. Kurz darauf verwandelte sich Oma in einen unscheinbaren Seemann. Mit unscheinbar meinte Trevor, dass er weder sonderlich groß noch kräftig war. Eben solch einen Seemann, der leicht zu übersehen war. Sein Gesicht war übersät von Pockennarben, was das gesamte Bild etwas abrundete.
Jedoch schaute sie danach resigniert in ihren Handspiegel. „Naja, etwas hübscher hätte er sein können“, meinte Nelli. „Aber nach Edmunds Verwandlung bin ich froh, dass ich kein Tintenfisch bin.“
Wieder erklang Gelächter, und Trevor nickte Agatha zu, die seinen Blick erwiderte. „Alles klar“, stimmte die Nekromantin zu und verschwand gleichauf durch die Tür der Küche.
„Was ist?“, wollte Esther wissen.
„Ich habe ihr einen Auftrag gegeben. Sie ist gleich zurück“, erwiderte Trevor. Er hatte mit Agatha an Deck besprochen, dass er ihr Kleidung besorgen sollte. Denn alleine wollte er seine Freunde nicht an Bord des Schiffes gehen lassen. Zumindest nicht ohne Ablenkung. Und er brauchte nun mal keinen Trank, um seine Gestalt zu ändern.
„Was hältst du von Agatha?“, fragte Oma ihn, kaum, dass Agatha den Raum verlassen hatte. „Von einer Nekromantin?“
Trevor hob seine Augenbrauen. „Ich finde sie nützlich“, antwortete er, und wurde von Esther unterbrochen.
„Nekromantie ist dunkle Magie. Man sollte sie nicht benutzen dürfen“, wandte sie ein.
Trevor musste zugeben, dass er von Magie keine Ahnung hatte. Was war gute Magie? Was war böse Magie? Er sah das etwas pragmatischer. „Ist es nicht der Magier, der den Unterschied schafft?“, hakte er bei Esther nach. So sah er es zumindest bei jeglicher Art Waffe.
Esther zuckte mit ihren Schultern. „Schon möglich. Aber Tote für ihre Zwecke zu benutzen, kann nicht gut sein." Trevor stimmte Esther teils zu. Sonderlich ansehnlich war diese Art der Magie nicht. Zumindest nicht, wenn der Tote zuvor von einer Kiste zerquetscht worden war. „Bisher hat sie mir zumindest keinen Grund geliefert, ihr zu misstrauen. Gut, das mit dem Kerl in der Schubkarre war äußerst makaber, aber … sie hat versucht, zu helfen.“
Ein leises Quietschen erklang von seiner Schulter. Trevor konnte aber nicht sagen, ob Edmund ihm zustimmte oder widersprach. Trevor war auch nicht der Energieentzug entgangen, der dazu nötig gewesen war, den Toten zum Leben zu erwecken, aber Agatha hatte dafür niemanden von ihnen getötet. Eine Warnung hätte sie allerdings aussprechen können, das war wahr. „Wir alle haben wahrscheinlich schon Dinge getan, auf die wir nicht stolz sind. Allen voran ich. Ich bin gewillt, ihr den gleichen Vertrauensvorschuss zu geben, den ich bekommen habe.“
Er fragte sich manchmal tatsächlich, warum sie sich auf ihn verließen und ihm trauten. Er wüsste nicht, ob er das an ihrer Stelle getan hätte. Zumindest am Anfang.
„Ich vertraue dir, Trevor“, sagte Esther. „Wenn du irgendwann der Meinung bist, man könnte der Nekromantin trauen, dann werde ich dir glauben.“
„Dann hoffe ich mal, dass ich dann nicht daneben liege.“
„Hoffen wir das nicht immer?“, stimmte Nelli zu und lachte.
Es dauerte nicht lange, da kehrte Agatha zurück und hielt ein dunkelrotes Kleid mit schwarzen Rüschen in der Hand. „Ist das in Ordnung?“, wollte sie von Trevor wissen, und dieser nickte.
„Was hast du vor?“, fragte Esther und musterte ihn.
„Ich werde die Seemänner an Deck ablenken, damit Edmund und Oma ungesehen unter Deck kommen. Zudem fühle ich mich wohler, wenn sie eine … Rückversicherung haben.“
„Und was machen Agatha und ich derweil?“
„Ihr bewacht unser Schiff“, kam unisono von Trevor, Nelli und anscheinend von Edmund zurück. Allerdings erklang seinerseits nur wieder ein Fiepen.
Trevor nahm das Kleid und verschwand kurz in seine Unterkunft. Er nahm die Gestalt einer hübschen jungen Frau an. Einer jungen Frau, die ihm aus dem warmen Süden im Gedächtnis geblieben war. Haut wie Porzellan, und Haar, dass so schwarz wie der Nachthimmel gewesen war. Sie hatte in einer Kutsche gesessen, während er und die Crew Vorräte auf Johnnys Schiff geladen hatten. Sie war sicherlich keine Hafendirne gewesen, aber das spielte hierbei jetzt keine Rolle. Dann zog er das gestohlene Kleid an. Agatha sollte einfach etwas von einer Wäscheleine am Bordell entwenden, was sie anscheinend auch getan hatte. Danach kehrte er zu den anderen zurück.
Gleichauf kam ein Pfeifen von Omas Seite. „Das kann sich sehen lassen …“
„Interessante Wahl …“, merkte Esther an.
„Was lenkt eine Crew mehr ab als eine Frau in hübschen Klamotten?“, meinte Trevor mit melodischer Stimme.
Edmund fiepte wieder, aber er musste Trevor eindeutig später erzählen, was er alles gesagt hatte.
„Ich finde solch eine Verwandlung immer wieder faszinierend“, warf Agatha ein und musterte Trevor wiederholt. „Selbst die Stimme wird übernommen.“
Trevor grinste.
„Wir sollten los“, unterbrach Oma mit eindeutig tieferer Stimme die Gruppe. „Sonst lässt die Magie der Tränke noch nach, bevor wir von unserem Schiff kommen.“
Da hatte sie recht. Trevor ergriff Edmund und stopfte ihn sich in das überaus üppige Dekolletee.
Zuerst wehrte sich Edmund lautstark, aber kaum saß er an Ort und Stelle, suchte er sich einen bequemen Platz.
Trevor lachte und kicherte, weil das Fell ihn kitzelte. „Jetzt … hör auf! So kann ich nicht arbeiten!“, schimpfte er. Als er sich umsah, bedachten ihn Esther, Nelli und Agatha mit skeptischen Blicken. „Was?“, wollte Trevor wissen. „Ich kann ihn wohl kaum wie einen hässlichen Hund hinter uns herlaufen lassen. Und für eine Stola ist er etwas zu kurz geraten.“
„Na sicher …“, murmelte Nelli und ging zur Tür. „Wir sind bald zurück!“
Agatha und Esther wünschten ihnen viel Erfolg, während sie den Raum und danach das Schiff verließen.Trevor bat Oma, einen kurzen Moment hinter einer Kiste zu warten, bis die drei Crewmitglieder, die an Bord der Telara herumspazierten, von ihm abgelenkt genug waren.
Trevor spazierte auf das Schiff, während es Edmund anscheinend etwas unbequem wurde.
Das kleine Fellknäul drehte und wandte sich in Trevors Ausschnitt, sodass der Formwandler einen spitzen Schrei losließ, der umgehend die Aufmerksamkeit auf sich zog. „Jetzt halt still, Edmund, oder ich werfe dich über die Rehling!“, flüsterte er.
Abschätzend wurde er von den drei alten Gestalten gemustert, die augenscheinlich das Schiff bewachen sollten.
Hätten sie auch gleich ein paar Urnen aufstellen können …
„Juhuu …“, rief Trevor den drei Männern gedehnt zu. „Könnt ihr mir sagen, wo ich ein paar stattliche Kerle für mein Abendgeschäft auftreiben kann?“
Die drei Seeleichen musterten sich gegenseitig. „Na, hier!“, meldete sich einer von ihnen, befeuchtete seine Handfläche mit etwas Spucke und fuhr sich durch das tote Wiesel auf seinem Kopf.
Stattlich, nicht bestattlich …
Trevor kicherte, tat so, als würde er sich umsehen und versuchte, Edmund aus dem Kleid zu ziehen. Dieser wehrte sich geradezu dagegen und verkroch sich immer weiter ins Innere des Korsetts. „Einen Moment, ihr alten ... Säcke ... Herren …“, sprach Trevor an die Mannschaft gewandt. „Ich muss mich nur etwas herrichten …“ Er fischte weiter nach der Ratte. „Brüste, was?! Jetzt hab ich dich! … Ehm, ich meine, wenn man nicht aufpasst, wo sie hinwandern, entwickeln sie ihr Eigenleben … Schwubb sind sie weg!“ Er zog Edmund aus seinem Ausschnitt. So unauffällig wie möglich, setzte er seinen Reisegast während einer Drehung auf einem Holzfass ab und wandte sich danach wieder den Herren zu.
„Bei den üppigen Dingern …“, antwortete einer der Männer lachend und entblößte so ein beinahe zahnloses Gebiss.
Lach nur, du Spaten!
„Ein tolles Schiff, wirklich“, lenkte Trevor vom Thema ab. „Ich würde ja auch gern mal zur See fahren.“
„Frauen bringen auf See Pech!“, sagte ein anderer der drei Herren und grinste frech, während er sich seine Hose am Gürtel richtete.
Die drei versammelten sich um Trevor herum und schienen abgelenkt genug, sodass Oma auf das Schiff schleichen konnte. Diese nutzte die Gelegenheit und die Schatten aus, um ins Innere der Telara zu gelangen. Wiederum das Zeichen für ihn, sich aus dem Staub zu machen. „Ach ja, schon soo spät“, gab er gähnend von sich. „Ich sollte nach Hause.“
„Nicht so schnell, meine Hübsche. Hast du nicht gesagt, du suchst jemanden für das Nachtgeschäft?“, erwiderte der dickste und kahlste von den drei Männern. „Wir waren lange auf See!“
„Tja, aber drei Kerle schaffe ich heute wirklich nicht mehr. Meine Schicht ist gleich um! Wäre doch ungerecht für diejenigen, die nicht drankommen.“
„Das bekommen wir schon geregelt“, sagte der mit der windschnittigen Katze auf dem Kopf.
„Nee, danke!“
„Jetzt hab dich nicht so“, bedrängte ihn der Dicke. „Du bist doch hier an Bord gekommen ..."
"Aber da wusste ich noch nicht, dass ihr alle so ... alt und muffig seid."
"Wir sind waschechte Seemänner!", behauptete das Flötengebiss.
"Waschecht? Das riecht anders!“, konterte Trevor. „Habt ihr nicht was Jüngeres im Angebot? Gut gebaut mit vollständigem Gebiss? Vielleicht einen mit Mutterkomplex, der gerne kuschelt?"
„Sowas gibt es hier nicht!“, antwortete der Dicke.
„Dann bin ich wohl auf dem falschen Schiff!“ Trevor ging einen Schritt zurück, aber der Dicke hielt ihn am Arm fest. Die anderen beiden stellten sich um den Formwandler herum.
„Das ist aber nicht nett, dass du jetzt einfach gehen möchtest“, sprach der beinahe Zahnlose.
„Es ist nicht nett, dass ihr versucht, eine Frau festzuhalten!“, ergänzte Trevor und befreite seinen Arm durch einen Ruck. „Die Dame hat nämlich ‚Nein‘ gesagt.“
Alle drei lachten, und Trevor verfinsterte seinen Blick. Diese Herren brauchten wohl etwas Nachhilfe zum Thema Manieren. Er sah sie sich an und überlegte, ob er weiter diskutieren sollte oder nicht. Trevor kam zum Schluss, dass das wohl wenig bringen würde. Sie sahen nur eine Frau vor sich, und in diesem Moment war er froh, dass er keine der anderen für diese Aufgabe abgestellt hatte. „Na schön …“, gab Trevor gespielt nach. „Hier sind meine Dienste!“ Er ergriff den Dicken und den Zahnlosen am Kopf und schlug beide so fest gegeneinander, dass beide regungslos zu Boden sackten, dann wandte er sich der Fusselbirne zu, die völlig perplex dastand. „Wenn eine Frau ‚Nein‘ sagt, dann heißt das auch nein!“, fügte der Formwandler hinzu und holte kräftig aus. Er schlug dem Seemann so kräftig ins Gesicht, dass dieser sich rücklings überschlug und liegenblieb.
Das ist jetzt nicht ganz nach Plan verlaufen, aber …
Trevor sah sich die drei Gestalten an. Das sah schon sehr nach einem Überfall aus und würde sicherlich Skepsis säen. Er musste sich was einfallen lassen, dass vorrangig für Verwirrung sorgte. Und da begann er zu grinsen. Kurzerhand zog er seine Kleidung unter dem Rock hervor und schaute sich um. Niemand war zu sehen, weshalb sich Trevor umzog und zurückverwandelte. Dem Seemann mit dem krepierten Wiesel auf dem Kopf zog er das Kleid an, positionierte ihn sitzend an der Reling und platzierte die beiden anderen Kerle so, dass sie an seiner entblößten Brust lehnten. Die Flasche Rum, die ohnehin an Deck gestanden hatte, stellte er neben sie. Zwei Bretter in den Händen vermittelte das Bild, dass das Besäufnis eskaliert war. Das sollten sie erstmal ihrem Kapitän erklären. Zudem würde es sie lehren, nicht so schnell noch einmal eine Frau zu bedrängen. Das hoffte Trevor zumindest. Nach einem weiteren Blick in alle Richtungen, machte sich der Formwandler davon und wartete in sicherer Entfernung darauf, dass Edmund und Nelli von ihrem Auftrag zurückkehrten. -
Trevor legte in seinem Zimmer die Rüstung ab und fuhr sich über die Narben, die er von der Meuterei zurückbehalten hatte. Noch nie hatte er dem Tod so direkt ins Auge gesehen, was bei seinem vergangenen Leben an ein Wunder grenzte. Dieser Zustand machte ihn demütig, aber auch wütend. Über fünfzehn Jahre hatte er auf See verbracht, hatte gekämpft, geraubt und geplündert. Er hatte sich immer mit der Frage beschäftigt, ob er der Böse in den Geschichten war, die man sich darüber erzählen würde. Sein Vater hatte ihm erklärt, damals nicht wissend, dass Johnny sein Vater war, dass sie von den reichen Leuten nahmen, um es den Ärmeren zu geben. Zum größten Teil meinte Johnny sich damit selbst, aber das tat nichts mehr zur Sache. Viele Piraten hatten einmal für die reichen Herrschaften gekämpft, bevor sie von jenen verraten und ohne Sold zurückgelassen wurden. Jetzt befand sich Trevor auf der anderen Seite der Medaille. Er wollte mit seinen Freunden zurückholen, was man Edmund gestohlen hatte. Das ging aber nicht mit seinem jetzigen Aussehen. Er konnte keinen Matrosen beschatten, wenn er aussah wie ein düsterer Rächer. Deshalb nahm er die Kleidung zur Hand, die er auf seinem Bett ausgebreitet hatte. Ein abgetragenes Hemd, an dem die obersten Knöpfe schon abgefallen waren, eine schmutzige Leinenhose und Lederstiefel, die ebenso bessere Zeiten gesehen hatten. Die Kleidung hing weit an seinem Körper herunter, aber Trevor hatte nicht vor, als er selbst zu gehen. Er wollte es vermeiden, am Hafen die Aufmerksamkeit unzähliger Dirnen auf sich zu ziehen, denn anscheinend sah er besser aus, als er immer gedacht hatte. Zumindest hatte der Tag ihm etwas in diese Richtung angedeutet. Er nahm die andere ranzige Kleidung zur Hand, die er zurechtgelegt hatte und begab sich zu Esthers Zimmer. Mit ihr hatte er bereits das Vorgehen besprochen und sie wartete vermutlich auf ihn. Er klopfte und wartete, bis sie ihm antwortete.
Esther bat ihn hinein und war gerade dabei sich ihre Haare hochzustecken, während Trevor ihr die Kleidung auf ihr Bett legte. „Hier … damit solltest du genauso wenig auffallen. Wenn dich jemand fragt, bist du noch ein Grünschnabel und das erste Mal auf See.“
Esther musterte argwöhnisch die Kleidung. „Das riecht nach totem Tier. Aber gut, ich befolge deinen Rat“, erwiderte sie grinsend, und Trevor nickte.
„Meine Kleidung riecht auch nicht wie der Morgentau, aber das wird im Hafen nicht auffallen. Ganz im Gegenteil. Wenn wir zu sauber sind, werden die Leute dort noch misstrauisch.“ Dann musterte er Esther und legte Verbandszeug neben die Kleidung. „Und vergiss nicht, was gegen die Zwillinge zu machen“, fügte er hinzu und umkreiste seinen Brustbereich mit seinem Zeigefinger. Natürlich hätte Esther auch den Zaubertrank von Oma nehmen können, aber Trevor wollte nicht, dass Esthers magische Fähigkeiten beeinträchtigt wurden. Wer wusste schon, was solch eine Verwandlung bei ihr auslösen würde. Um als verdreckter Jüngling durchzugehen, brauchte es nicht viel.
Esther schaute an sich hinunter, dann wieder Trevor an und nickte. „Wenn es unbedingt sein muss“, antwortete sie.
Wenn es sein musste? Ja, das musste sein! Wie stellte sich Esther ihre Tarnung denn vor? Es musste sie in der Hafengegend nur jemand anrempeln und dann …
„Es muss sein!“, erwiderte Trevor knapp und verließ das Zimmer, um davor zu warten.
Es dauerte einige Zeit, bis Esther aus dem Zimmer trat. Zeit, die Trevor damit verbrachte, sich alle möglichen Szenarien in seinem Kopf zurecht zu spinnen, die auf sie warten könnten.
Nachdem die Tür aufgegangen war, musterte er Esther.
„Meinst du, das genügt?", fragte sie.
„Muss es!“, meinte Trevor. Wie eine Adlige sah sie nicht mehr aus, aber er hätte lügen müssen, wenn er behaupten müsste, sie sähe wie ein Kerl aus. Deswegen betrachtete er den Eimer mit Dreck, den sie zusammengekehrt hatten. Kurzerhand fasste er in den Eimer und schmierte Esther den Staub und Dreck ins Gesicht.
Esther beherrschte sich sichtbar, aber Trevor musste ihre weiblichen Züge verstecken.
„Vielleicht sollte ich gleich noch in eine Grube voll Matsch springen?“, fragte sie, was Trevor trocken verneinte. Das sei genauso übertrieben, wie zu sauber herumzuspazieren.
Durch einen Griff an die Seite, machte Esther Trevor auf ihren Zauberstab aufmerksam. „Man weiß ja nie, was passiert.“
Trevor nickte. Er hoffte, dass sie sich so lange über Wasser mit ihrer Tarnung halten konnten, dass eine Auseinandersetzung mit Magie nicht umgehend erforderlich werden würde. Ausgerechnet Esther mitzunehmen, widerstrebte ihm zutiefst. Nicht, weil er dachte, dass es zu gefährlich werden würde – gefährlich war das ganze Unterfangen -, aber sie würde gleich Dinge zu sehen bekommen, die sie so sicherlich noch nicht gesehen hatte. Die Männer am Hafen zeigten sich nicht gerade von ihrer erhabensten Seite. Das war früher mit ein Grund gewesen, warum Trevor lieber an Bord des Schiffes geblieben ist, anstatt seinen Landgang zu genießen. Er konnte mit dem Benehmen vieler Matrosen und Piraten nichts anfangen. Naja, außer ihnen gehörig die Visage umzustrukturieren.
Trevor rief durch das Schiff, dass Esther und er nun gehen würden, und danach machten beide sich auf den Weg zur Hafenschenke. Trevor war sich sicher, dass sie ihr Ziel dort antreffen würden. Und wenn nicht, konnten sie diesen Ort zumindest schon einmal ausschließen. Es war düster und nass auf dem Weg zur Schenke. Eine kühle Brise fegte über den Hafen von Seiten des Meeres hinweg. Hinter der Ladung eines Schiffes, die zuvor gelöscht worden war, blieb Trevor stehen und nahm die Gestalt eines bärtigen großen Mannes an, der eine üppige Plauze vor sich hertrug. Es war die Gestalt eines Mannes aus seiner Heimat, die er gut in Erinnerung hatte. Er war der Dorfschmied gewesen, und wenn es zu einer Auseinandersetzung kam, würde keiner so schnell die Kraft des Mannes hinterfragen. Auch war sich Trevor sicher, dass diese Gestalt unter den Männern in dieser Region vollkommen unbekannt sein sollte. Zudem erklärte sich nun Trevors etwas zu weite Kleidung.
Esther starrte ihn ungläubig an.
„Was?“, fragte Trevor mit tiefer, bäriger Stimme. „Ich habe es etwas leichter, meine Gestalt zu ändern.“
„Ich hatte mich schon gefragt, wie das in der Umsetzung aussieht“, erklärte sie trocken, was wohl auf den Vorgang seiner Verwandlung bezogen war.
„Ich wachse oder schrumpfe zu einer anderen Gestalt“, antwortete Trevor schulterzuckend und lenkte dann seinen Blick in die Richtung, in die sie mussten.
Die laute Musik und das Gegröle fanden bereits ihren Weg zu ihnen. Laute Stimmen überschlugen sich, sodass es schwer werden würde, sein eigenes Wort in der Schenke zu verstehen.
„Dann wollen wir mal …“, meinte Esther und ging voraus.
Trevor holte sie ein und nahm sie vor dem Eingang beiseite. „Halte dich an mich“, warnte er sie. „Keine Alleingänge, hast du mich verstanden?“
Esther musterte Trevor. „Verstanden. Dann musst du mir versprechen, auch keine Alleingänge zu unternehmen.“
Trevor und Alleingänge? Sicherlich würde er Esther nicht irgendwo stehenlassen. Die Vermutung lag nahe, dass sie danach nie wieder auftauchen würde. Deshalb nickte er nur bestätigend, ehe er die Tür zur Schenke öffnete.
Im Inneren zeigte sich ein ihm gewohntes Bild. Männer sangen bei den Seemannsliedern mit, Dirnen mit entblößten Brüsten saßen auf den Schößen der Männer oder wurden in ein Zimmer in der oberen Etage geführt. Es roch nach Schweiß, Bier und nach anderen Dingen, die Trevor lieber nicht beim Namen nennen wollte. Im Gedränge der Menschen ging er sicher, dass Esther nah hinter ihm blieb, bis sie sich den Weg zur Theke gebahnt hatten. An dieser Stelle kamen alle vorbei, die etwas zu trinken haben wollten. Zu ihrem Glück befanden sich zwei freie Stühle genau vor ihnen. Trevor schob Esther vor den einen, damit sie sich setzen konnte. Ihr war der Schreck über die Zustände in diesem Laden deutlich anzusehen, weshalb Trevor erstmal zwei Bier bestellte, bevor er begann, sich im Raum umzusehen. Das schaumlose Bier kam rasch, und Esther nippte daran. „Es ist mir unbegreiflich, wie ihr diese Plörre trinken könnt.“ Sie verzog angeekelt das Gesicht. „Siehst du schon was? Ich spüre seine Präsenz ganz deutlich. Er muss in der Nähe sein.“
Noch konnte Trevor ihn nicht sehen, aber vielleicht war er auch gar nicht im Erdgeschoss. „Nach einem halben Jahr auf See schmeckt alles gut, was kein gepökeltes Trockenfleisch ist oder aus Zitronen besteht“, antwortete er deshalb.
„Mir hat die Zeit auf der Insel gereicht. Obwohl ich überrascht bin, wie viele Variationen es bei der Zubereitung von Fisch gibt“, antwortete sie lachend.
Trevor nickte geistesabwesend. „Das ist trotzdem etwas anderes“, erwiderte Trevor. „Auf der Insel hatten wir Fisch, Obst und frisches Trinkwasser. Das ist für eine Mannschaft anders. Mal abgesehen davon, dass Alkohol auf See verboten ist.“
„Kann ich verstehen. Betrunkene Seemänner braucht niemand.“ Sie sah hinter sich. „Außerdem ist die Gefahr, dass sie über Bord gehen, dann nochmal größer.“
„Oder sich gegenseitig über Bord werfen …“, nuschelte Trevor in seinen Bart und trank sein Bier leer. Wie es aussah, befand sich der Seemann tatsächlich in den oberen Räumen. Zumindest war er im Schankraum nicht zu entdecken. Das hieß, dass sie warten mussten.
Für einen kurzen Moment dachte Trevor, dass sie tatsächlich alles ohne große Ereignisse hinter sich bringen konnten, aber kaum hatte er sich getraut, diesen Gedanken zu fassen, tippte ihm jemand auf die Schulter. Nachdem sich Trevor umgedreht hatte, stand ein Mann mittleren Alters hinter ihm. Ein rotblonder ungepflegter Bart zierte dessen Gesicht, während sein rechtes weißes Auge ihn anstarrte, das linke blaue Auge ebenso, aber nur halb so bedrohlich wie das erblindete. „Dein Kumpel hockt auf meinem Stuhl!“, presste der Fremde aus zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Hier hast du einen anderen“, meinte Trevor schlichtend und schob den Stuhl, der noch vor ihm stand, hinter sich.
„Den will ich nicht! Ich will meinen Stuhl!“, entgegnete der Blonde.
Trevor sah zu Esther, die mit wechselnden Blicken versuchte, die Situation einzuschätzen. Sie rutschte auf dem begehrten Stuhl herum, den Trevor schließlich samt ihrer zarten Person etwas beiseiteschob.
„Ich wusste gar nicht, dass dein Name hier draufsteht“, sprach Esther ungewohnt provokant an den Blonden gewandt, weshalb Trevor mit dem Kopf schüttelte und seinen Zeigefinger an seine Lippen hob.
„So klug, um auf solch ein Argument zu antworten, ist er nicht.“ Dann wischte Trevor sich seine Hände an seinem Hemd ab, die feucht vom fahlen Bier waren.
„Ey, was soll‘n das heißen?“, krakeelte der Seemann vor Trevor und tat einen Schritt auf ihn und Esther zu. Er schubste Trevor gegen seinen dicken Bauch, der dadurch mit dem Rücken leicht gegen den Tresen stieß. Gerade, als der Blonde Esther vom Stuhl helfen wollte, nahm Trevor ihm am langen Schopf, knallte sein Gesicht auf den Tresen, hob ihn drauf und schob ihn der Länge nach darüber, bis er am anderen Ende bewusstlos hinunterfiel. Einige Seemänner schafften es, ihre Krüge rechtzeitig hochzuheben, dem Rest, der dies verpasst hatte, spendierte Trevor ein neues Bier. Zum Dank erhoben sie ihre Krüge und widmeten sich danach einfach wieder ihren Gesprächen oder den Frauen.
„Weiber quatschen. Wir quatschen nicht!“, erklärte Trevor Esther mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht, während andere Kerle im Hintergrund ihre zuvor gemachten Einsätze tauschten.
Esther grinste und hob prostend ihren Krug.
Trevor erwiderte dies und atmete schwer durch. Das dauerte ihm alles zu lange. Wie lange konnte der Seemann schon brauchen? Vermutlich war er eingeschlafen, während ihm die Dirne die Taschen ausräumte. Er schwor sich, nur noch das dritte Bier abzuwarten, bis er nach oben gehen würde, um ihn aus dem von Krätze verseuchten Zimmer zu ziehen.
Esther starrte nach einer Weile ins Leere.
Kurz dachte Trevor, dass das am dritten Bier lag, aber dann wandte sie sich ihm zu.
„Er kommt näher. Sehr schnell“, sagte sie, und Trevor schaute zur Treppe.
Der gesuchte Seemann stolperte mehr die Treppen hinunter, als dass er geradeaus lief. Der Kerl hatte gut einen im Tee, sodass ein Ergreifen mehr als einfach werden sollte. Sie sahen ihn zum Ausgang gehen, weshalb sich beide auf den gleichen Weg machten.
„Wollt ihr beiden schon gehen?“, fragte eine üppig ausgestattete Dame, die sich beiden, wie eine alte ramponierte Fregatte, in den Weg schob. „Die Nacht ist noch jung …“
Du aber nicht!
Die schwarz-rote Korsage verdeckte kaum, was die Dirne anzubieten hatte, darunter auch einen roten schuppigen Ausschlag. Die Frisur, wenn man das Vogelnest als solches bezeichnen wollte, hatte an dem Abend schon die Hände einiger Seeleute zu spüren bekommen. Ganz zu schweigen von dem Lippenstift, der überall in ihrem Gesicht zu finden war, nur nicht mehr dort, wo er eigentlich hingehörte. Das weiße Puder ließ sie zudem wie eine Hafenleiche aussehen. Wie eine, die seit Tagen schon vor dem Steg herumtrieb und von den Möwen angefressen worden war. Wehmütig dachte Trevor an den Goldenen Pfau zurück. Mann konnte sagen, was Mann wollte, aber dort waren die Frauen schöner anzusehen gewesen. Was vermutlich auch daran lag, dass nicht alle von ihnen dem ältesten Gewerbe nachgegangen waren, sondern sich darunter auch reiche Händlertöchter befunden hatten.
„Kein Interesse, nein“, antwortete Trevor und schob sich an der Dirne vorbei, während Esther es dahingehend wegen ihrer Körpergröße etwas schwerer hatte.
„Wie wäre es mit dir? Auf den alten Schiffen lernt man das Segeln …“
Esther schob sich auch an der Dirne vorbei und schloss zu Trevor auf. „Gleich kommt mir das Bier wieder hoch …“, murmelte sie dabei.
Eilig verließen sie die Schenke, um den Seemann zu folgen. Als sie herauskamen war er nirgends zu sehen, aber Esther ging geradewegs nach links die Anlegestellen hinunter.
Trevor hatte nicht vor, an ihren magischen Fähigkeiten zu zweifeln und folgte ihr. Es dauerte nicht lange, da sahen sie ihn am Rande eines Stegs. Schwankend pullerte er in das Hafenbecken.
„Warte kurz …“, flüsterte Trevor an Esther gewandt, und die beiden beobachteten ihn. Nebenan wurde gerade die Ladung eines Schiffes gelöscht. Hier konnten sie ihn nicht so einfach überwältigen, ohne die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zu ziehen. Doch gerade, als der Seemann sein Geschäft beendet hatte und sich augenscheinlich die Hose wieder zuband, ertönte ein lautes Rufen, gefolgt von einem Knarzen und Reißen. Umgehend zückte Esther ihren Zauberstab, um vermutlich das Schlimmste zu verhindern, aber da fiel schon eine große hölzerne Kiste auf den Seemann hinunter, die ihn vollständig unter sich begrub.
„Autsch …“, gab Trevor von sich. „Vielleicht … ist er noch am Leben?“ Die große Blutlache, die sich bildete, sprach dagegen.
„Das darf doch nicht wahr sein!“ Esther wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Was machen wir denn jetzt?“
„Naja, wir nehmen, was wir kriegen können“, antwortete Trevor und zuckte mit seinen Schultern. „Vielleicht kann Oma mit dem Geist reden oder …“ Er hielt Inne. Er wusste nicht, ob Esther bereits etwas von Agatha wusste. Sie war immerhin auch eine Magierin und kannte vielleicht eine Möglichkeit, etwas aus den Leichenteilen herauszubekommen. Immerhin sprach sie auch mit einem Kater, der ganz offensichtlich ein Messer im Rücken mit sich getragen hatte. „… Vielleicht finden wir einen Weg …“
Die Besatzung des anderen Schiffes fluchte derweil und schien nicht zu wissen, was sie jetzt tun sollte. Eine bessere Gelegenheit gab es nicht. „Komm mit“, sagte Trevor und ging auf die Leute zu. „Der arme Konrad … Beim Pissen erschlagen worden …“, rief er den Leuten lautstark zu. Mit einem stechenden Blick machte Trevor Esther auf die Schubkarre neben ihnen aufmerksam.
Esther verstand, was er wollte, und nahm die Karre an sich. „Sowas Dummes aber auch“, rief sie den Männern zu. „Wollen wir ihm wenigstens die letzte Ehre erweisen, ehe die Möwen ihn auffressen?“
„Und wer seid ihr beide?“, wollte einer der Seemänner wissen und musterte beide mit seinen braunen Knopfaugen.
„Ich bin Derrick“, stellte sich Trevor vor und verwies dann auf Esther. „Und das ist Harry. Wir kennen … kannten den Kerl, den ihr gerade unter einer Kiste begraben habt. Wir haben auf ihn gewartet, während er sich erleichtern wollte.“
„Macht euch nicht die Mühe“, wandte der Kerl vor ihnen ein. „Wir schubsen ihn ins Becken.“
„Aye, aber nicht so schnell“, wandte Trevor ein. „Ihr habt einen Matrosen eines anderen Schiffes begraben. Der Kapitän fordert sicher eine Entschädigung. Also, wenn ihr nicht wollt, dass wir zu unserem Kapitän rennen und ihm alles haarklein erzählen …“
Esther nickte neben Trevor. „Und da wir nicht dabei zusehen wollen, wie die Möwen sich an ihm laben, nehmen wir ihn mit ... Also, was von ihm übrig ist, heißt es.“
Die Männer tauschten Blicke aus. „Wenn ihr unbedingt wollt …“, gab der eine nach und pfiff lauthals, nachdem er die Kiste wieder mit dem Kran verbunden hatte.
Der Seemann war nicht so platt, wie es Trevor gedacht hatte. Gut, er war teils aus seiner Kleidung herausgeplatzt, aber der Kopf schien noch halbwegs intakt. Der Kiefer wackelte etwas nach, aber das sollte dann später nicht mehr sein Problem sein.
„Äh, Harry, wir brauchen die Schubkarre, sofort!“, rief Trevor Esther zu.
Esther schob vorsichtig und mit Abstand die Schubkarre unter die Kiste, von jener der Seemann schmatzend hinunterfiel. „Das war es … schönen Abend noch“, verabschiedete sich Trevor vom Rest, nahm die Schubkarre und bedeutete Esther, ihm zu folgen.
Kaum waren sie hinter anderer Ladung verschwunden, brach Esther zur Seite aus und übergab sich hinter ein paar Kisten. „Siehst du, dafür braucht es nicht mal mehr die Dirne … ein paar Überreste reichen.“
Esther kam zurück und wischte sich mit ihrem Ärmel über den Mund. „Ein paar Überreste hat mir gefallen. Der Kerl sieht aus wie durch einen Fleischwolf gedreht. Ich hoffe, Nelli kann wenigstens etwas damit anfangen.“
„Das werden wir herausfinden“, sagte Trevor und lief weiter.
Nachdem sie bei der Revenge angekommen waren, wurden sie von ihrer Crew begrüßt.
„Wo ist der Kerl?“, forderte Edmund gleichauf zu wissen und sah sich um.
Nelli räusperte sich und verwies stumm auf die Schubkarre, bevor sie einen Seufzer von sich gab. „Junge, du solltest ihn am Leben lassen“, sprach sie belustigt.
„Was?“, hakte Trevor nach. „Das war ich nicht!“
„Er war es wirklich nicht“, bestätigte Esther. „Der Seemann hatte sich erleichtert und dann ist … eine Kiste auf ihn gefallen.“
„Die Trevor geworfen hat“, fügte Edmund hinzu und unterdrückte ein Lachen.
„Nein“, widersprach Trevor vehement. „Ich hätte sicherlich eine werfen können, aber sie ist vom Kran gebrochen.“
„Und was sollen wir mit dem Seemannsbrei?“, fragte Nelli.
Hinter ihr meldete sich Agatha. „Vielleicht kann ich helfen …“
„Wenn du nicht verdammt gut im Puzzeln bist, sehe ich schwarz“, erwiderte Edmund und stemmte erwartungsvoll seine Arme in die Hüfte. -
Trevor hatte Nellis Einkäufe mit ihr zusammen verstaut.
Nun sah sie Trevor erwartungsvoll an. „Willst du dir nicht auch etwas gönnen, mein Lieber?“
„Ja, schon“, erwiderte der Formwandler. „Ich habe es nur nicht eilig damit.“
Es war ungewohnt für ihn, so viel Geld zu besitzen. Er wusste nicht, für was er es genau ausgeben sollte. Ausrüstung, das war schon klar, aber, wo bekam er die in Hafennähe her? Meist waren dort nur wenig Rüstungsmeister oder Schmiede zu finden. Zumindest welche, deren Arbeit man gebrauchen konnte.
„Sieh dich doch einfach etwas um“, bestärkte Nelli ihn.
Nickend stimmte Trevor ihr zu, holte sich etwas Gold aus der Truhe und ging an Deck. Hier kam ihm Esther entgegen, die er, ob ihrer neuen Kleidung, erst einmal verwirrt musterte.
„Gar nicht schlecht“, dachte er, was sie ihm sicherlich auch am Blick ansah.
„Hast du Edmund gesehen?“, wollte sie von ihm wissen.
„Häh, was?“, fragte Trevor und musste seinen Blick erst von ihrem neuen Aufzug lösen. Sie sah nicht mehr aus wie eine Adlige, sondern wie eine Kampfmagierin. Trotzdem konnte er nicht behaupten, dass sie durch diesen Aufzug etwas von ihrer Anmut einbüßte, denn hübsch war sie nun mal. „Eh, nein, warum?“
„Ich habe … da ist …“, begann sie, zu stottern. „Ich habe den Seemann gesehen, der bei der Meuterei dabei war. Er hat sein Schiff gewechselt.“
Trevor sah augenblicklich über den Hafen hinweg. „Aha …“, nuschelte er. Das war die Gelegenheit, Rache zu nehmen.
„Wir sollten uns zusammensetzen und bereden, was wir jetzt tun werden. Vielleicht bekommen wir das Fernrohr zurück.“
Warten … großartig.
„Vielleicht kannst du nach ihm Ausschau halten, wenn du in die Stadt gehst?“
Trevor seufzte. „Werde ich.“
Gerade, als er gehen wollte, hielt Esther ihn noch einmal auf. „Und Trevor?“
„Aye?“
„Sieht das albern aus?“ Sie verwies auf ihre Kleidung.
„Nobe! Solltest du ab jetzt immer tragen!“
Sie lächelte und wirkte fast etwas verlegen.
Trevor machte sich auf den Weg. Die Straßen der Stadt waren außergewöhnlich gut gepflastert. Oftmals watete er durch knöchelhohen Schlamm, wenn sie früher irgendwo an Land gegangen waren. Geschäft reihte sich an Geschäft, aber eine Schmiede konnte er nirgends entdecken. Jetzt brauchte er sie mehr denn je, da Esther den Seemann entdeckt hatte. Noch einmal wollte er keine Begegnung riskieren, in der sein Oberkörper so ungeschützt war wie bei der Meuterei.
Trevor schlenderte eine ganze Weile durch die Gassen, fragte Anwohner, wo er sich ausstatten konnte, aber diese drehten sich immer nur von ihm weg. Das konnte er verstehen. Bei einem Blick in ein Fenster wirkte er mehr wie ein Obdachloser, anstatt wie ein Seemann, der ausreichend Gold in der Tasche hatte, um sich die Dinge leisten zu können, nach denen er fragte. Vielleicht sollte er sich erst einmal um sein Äußeres kümmern, bevor er sich in neue Kleidung zwängte. Deshalb blieb er vor einem Badehaus stehen.
Ein heißes Bad wird nicht schaden …
Er trat ein, bezahlte großzügig den Preis und wurde urplötzlich wie ein König behandelt, nachdem sich der Besitzer der Echtheit des Goldes versichert hatte. Er bekam ein Bad für sich alleine, in das von Frauen Speisen und Wein gebracht wurde. Ihre Kleider waren gerade so lang, dass sie das Nötigste bedeckten. Es wirkte mehr, als hätten sie sich Tischdecken umgebunden. Und er bekam das Gefühl, dass sie das mit Absicht trugen. Währenddessen fragte sich Trevor ebenso, was ein Einzelbad, das mehr aus einem Schwimmbecken bestand, für einen Nutzen hatte, wenn ständig jemand eintrat. Unzählige Male boten ihm die Frauen an, ihn zu säubern, was er höflich ablehnte. Sich mit einem Schwamm abschrubben schaffte er noch allein. Er wollte doch nur etwas die Ruhe genießen …
Nach dem Bad hatte er sich nicht einmal gänzlich angezogen, da stand schon eine weitere Frau hinter ihm, die ein Tablett in ihren Händen hielt. „Soll ich mich um Ihr Haar kümmern?“, säuselte sie.
Trevor fuhr sich durch seinen langen Schopf. „Das könnte wahrscheinlich nicht schaden“, dachte er laut.
Sie zeigte auf einen Stuhl, auf den er sich setzten sollte, stellte das Tablett ab und griff zu einem Kamm. „Seid Ihr ein Soldat?“, fragte sie und musterte seinen Oberkörper. Ihre Blicke blieben an den vielen Narben hängen, die seinen Körper zierten.
„Nein“, antwortete er und dachte nach. „Eigentlich bin ich … Vielleicht so etwas in der Art.“ Ein Pirat war sicherlich nicht gern gesehen, und irgendwie war er das auch nicht mehr. Um Pirat zu sein, brauchte man ein Piratenschiff.
Die Dame warf sich lasziv lächelnd ihren blonden Zopf über die Schulter und begab sich hinter ihn. Sie begann, sein Haar zu kämmen. Durch den rauen Wind und der harten Arbeit, hatte sie alle Hände damit zu tun, die Knoten zu entfernen, wofür er sich entschuldigte.
Lachend kämmte die junge Frau weiter und schlug vor, das Haar an manchen Stellen etwas zu kürzen, damit Trevor es in Zukunft leichter hatte.
Da ihm weitestgehend sein Haar egal war, meinte er, sie solle tun, was sie wollte. Es war schließlich nur so lang, da man auf See selten einen Barbier fand.
Kaum hatte er ihr gestattet, zu tun, was sie wollte, fing sie an, seine Seiten komplett abzurasieren. Nur sein Deckhaar ließ sie stehen, dass sie mit etwas Duftöl behandelte, damit sie es engmaschig flechten konnte, ohne, dass ihr Strähnen abhandenkamen. Nachdem sie damit fertig war, stellte sie sich mit dem Rasiermesser vor ihn. „Euren Bart auch?“
„Etwas?“
Wieder lächelte sie und setzte sich einfach auf seinen Schoß.
Er war schon oft rasiert worden, aber so noch nicht. Sein Gesicht wurde heiß, als er sah, dass er der jungen Frau in den Ausschnitt schauen konnte.
Unterdessen kürzte sie den Bart und machte ihn sauber.
„Verzeiht … Ist es nötig, dass Ihr …“, stammelte er.
„Stört es Euch?“, wollte sie wissen.
„Stören ist nicht das passende Wort …“, murmelte Trevor und hing mit seinem Gesicht beinahe zwischen ihren Brüsten.
„Sondern?“
Vorsichtig schob er die Blondine von seinem Schoß. „Ich bin mir nicht sicher, was Ihr vorhabt, aber … dazu bin ich nicht hier.“
Der Blick der jungen Frau wechselte von verschmilzt lächelnd zu verwirrt. „Wofür nicht?“
„Na, das hier …“, erwiderte Trevor und fuchtelte mit seinen Händen herum. „Ihr müsst nicht so tun, als würde ich Euch gefallen.“
„So tun?“, wiederholte sie. „Warum sollte ich denn so tun?“
„Naja, das ist ein Bad, ihr seid alle knapp bekleidet …“
Ihr Blick erhellte sich. „Ihr haltet mich für eine Hure?“
„Neeein!“, antwortete Trevor gedehnt und war nun selbst verwirrt. War sie das nicht?
„Wie Ihr sagtet, ist dies hier ein Bad und kein Bordell. Wir sind knapp bekleidet, weil es in den Dampfbädern unheimlich heiß werden kann. Dicker Stoff würde außerdem sehr langsam trocknen. Alles, was ich tue, tue ich aus freien Stücken.“
Trevor entschuldigte sich tausendfach für dieses Missverständnis, aber die junge Frau dachte gar nicht daran, sich zu beruhigen. Da sie ohnehin mit ihrem Werk fertig war, schnappte sich Trevor sein Hemd, warf ihr zur Entschuldigung eine weitere Münze hin und flüchtete aus dem Badehaus hinaus. Die Frau folgte ihm und erzählte lautstark etwas von Emanzipation und das auch Frauen Spaß gebrauchen konnten.
Weiterhin sich entschuldigend, lief er rückwärts und stolperte in das nächste Geschäft hinein. Krachend landete er auf seinem Rücken und sah plötzlich kopfüber in ein bekanntes Gesicht. „Ihr …“, stieß Trevor wütend aus. Er erkannte den Verkäufer wieder, der ihm den Ramsch verkauft hatte. Nelli hatte etwas von Koboldmagie erwähnt, deshalb war es wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass sein Laden auch an diesem Ort auftauchte. Aus irgendeinem Grund hatte er sich an Trevors Fersen geheftet.
„Ihr seht gut aus!“, begrüßte ihn der Kobold und grinste.
„Und Ihr seht gleich tot aus!“, erwiderte Trevor und rappelte sich auf.
Schützend hielt der Verkäufer seine Hände vor sich. „Jetzt wartet doch einen Moment …“
„Ich reiß Euch in zwei Hälften und verstreue Euch in alle Winde …“
Der Kobold schob sich mit einer Hand seine Brille auf dem Nasenrücken zurück. „Das ist mathematisch gar nicht …“
„Ist mir scheiß egal, ob das rechnerisch möglich ist, du Pisstopf! Ich mache aus deinem Schädel ein Nachtlicht!“
Trevor ging bedrohlich auf ihn zu.
Der Kobold griff rasch in seine Tasche und warf etwas auf den Boden. Umgehend verteilte sich Rauch im Laden, sodass Trevor seine eigene Hand vor Augen nicht sehen konnte. „Komm raus, du Arschgesicht.“
„Nicht, wenn Ihr so erregt seid. Man kann doch über alles verhandeln.“
„So wie beim letzten Mal? Vergesst es! Ich reiß Euch den Schädel ab, furz Euch in den Hals, piss Euch ins Maul und danach … danach scheiß ich Euch die Wände voll!“
Plötzlich tauchte der Kobold im sich lichtenden Nebel wieder auf. „Ihr seid aber kreativ.“
Trevor schnappte sich den Verkäufer am Kragen und schüttelte ihn wie ein nasses Segeltuch. „Ihr werdet sehen, wie kreativ ich bin, wenn ich Euer Gebiss auf die Kante Eures Verkaufstresen gelegt und so lange auf Euch eingeschlagen habe, bis man euch beide nicht mehr auseinanderhalten kann!“, schrie Trevor.
„Wartet … wartet …“, flehte der Kobold. „Ich habe etwas für Euch, nachdem Ihr gesucht habt.“
„Und woher soll ich wissen, dass Ihr mich nicht wieder verarscht?“
„Ihr habt etwas, dem kein Kobold widerstehen kann!“ Er schaute auf Trevors Beutel hinunter.
„Gold?“, wollte Trevor wissen.
Die Augen des Kobolds wurden glasig und er grinste über das ganze Gesicht. „Ja, Gold“, hauchte er erfreut.
Trevor ließ den Kobold los und schaute ihn abwartend an. „Und was habt Ihr für mich?“
„Uhh … uhh … eine Rüstung.“ Er lief ganz euphorisch zu einem großen Schrank und öffnete ihn. Hinter den Türen erschien eine pechschwarze Rüstung. „Geschmiedet in den Metallöfen der Zwerge im hohen Norden … So alt, dass sie mehr Leben hat kommen und gehen sehen als die Elfen von Ymaldril.“
„Und wenn ich in den Regen komme, löst sie sich wahrscheinlich auf.“
„Zeigt etwas Respekt“, widersprach der Kobold ernst. „Diese Rüstung schützt Euch vor Stößen und Klingen. Genau das passende für einen Formwandler.“
Trevor betrachtete den Kobold skeptisch. „Ich traue Euch nicht.“
„Zurecht …“, er legte sich den metallenen Brustpanzer an, der ihm viel zu groß war. „Schlagt zu!“
Trevor ließ sich kein zweites Mal bitten und schlug zu.
Der Kobold flog durch die Wand in den nächsten Raum hinein, indem andere Kobolde saßen; sie schliffen Steine, nähten Kleidung und unterhielten sich.
Daher kommen also die ganzen Fälschungen …
Kurz unterbrachen sie ihre Diskussionen, während sich der Verkäufer aufrappelte. Hustend trat er wieder in den Verkaufsraum. „Seht Ihr? Nicht ein Kratzer.“
„Ihr blutet am Kopf“, widersprach Trevor.
„Ja, aber meiner Brust geht es gut.“
„Und was soll diese Rüstung kosten?“
„Eine ganze Goldmünze. Für eine weitere bekommt Ihr noch ein passendes Schwert, dessen Klinge Ihr nie schärfen müsst und einen Schild.“
Trevor überlegte und betrachtete die Rüstung. Der Brustpanzer besaß einen ausgeprägten Schulterschutz. Es war keine vollständige Rüstung, wie er sie von Schlosswachen kannte. Die Unterarmschienen würden seine Arme nur zur Hälfte schützen, aber dafür konnte er sich bewegen. Die Rüstungshandschuhe bedeckten lediglich die Oberseite seiner Hände. Über der schwarzen Hose befanden sich lederne Schenkeldeckel. Diese Art Rüstung bot ihm genug Bewegungsfreiheit, sodass er nicht steif in der Gegend herumstand. Genau das, was er brauchte. Zudem würde er so nicht die halbe Besatzung wecken, wenn er sich bewegte. Mehr Schutz hatte er nicht nötig – zumindest dachte er das. Das tiefschwarze Hemd und die Stiefel rundeten alles ab. „In Ordnung“, schlug er auf den Handel ein. „Und der Rest?“
Erfreut hüpfte der Kobold in den Nebenraum, für dessen neuen Zugang Trevor gesorgt hatte und holte ein Schwert hervor. Eigentlich zog er es mehr hinter sich her, da es nicht für seine Körpergröße gemacht war. „Hier! Jetzt dürftet Ihr für alles, das kommt, ausgestattet sein.“
„Und wehe, es stellt sich etwas als Ramsch heraus.“
„Wird es nicht. Wirklich. Ich hätte da aber noch einen Helm …“
Trevor verlor allmählich seine Geduld. „Ich brauche keinen Helm!“, dementierte er.
„Und wenn Euch etwas am Kopf trifft?“
Trevor stöhnte. „Und was ist das für ein Helm?“
Der Kobold grinste und holte einen schwarzen Totenkopf als Helm hinter seinem Rücken hervor.
Wie ist der dahin gekommen?
„Der passt doch zu Euch!“, pries der Kobold den Helm an.
Augenrollend nahm Trevor den Helm an sich; setzte ihn aber nicht auf, sondern band ihn sich an seinen Gürtel. Er bezahlte alles und trat mit neuer Ausrüstung aus dem Laden heraus, der daraufhin einfach verschwand. „Kobolde …“ murmelte Trevor genervt vor sich hin und lief die Straße entlang. Umgehend fiel ihm auf, dass sich die Menschen nicht mehr von ihm angewidert abwanden. Eine Mutter schob ihre Kinder in das Haus vor sich und schloss die Tür. Die Leute traten allgemein einen Schritt von ihm weg, und er musste zugeben, diese Reaktion gefiel ihm irgendwie besser. Jetzt sollte er sich auf die Suche nach Edmund machen, wenn er auf seine Rache nicht ewig warten wollte. Wer wusste schon, wo sich der reiche Händlersohn verkrochen hatte … Reich und Händlersohn! Trevor fragte einige Bewohner nach der besten und teuersten Taverne, und alle waren sich einig. Sie sagten, er solle in den Goldenen Pfau gehen. Da bekäme Mann alles, was er begehrt. Trevor wusste, was das hieß, und ja, das klang nach Edmund. Zielstrebig lief er in die Richtung, in die er geschickt worden war, bis er in eine noch bessere Gegend kam. Häuser, die ausschließlich aus hellem Gestein bestanden, säumten die Straßen. Die Menschen hier trugen edle Kleidung, besaßen Bedienstete, die ihnen ihr Hab und Gut nachtrugen, während sie sich angeregt mit anderen auf der Straße unterhielten. Schlussendlich stand Trevor vor dem Goldenen Pfau. Ein steinernes Schild, worauf das „Goldene“ in eben dieser Farbe hervorgehoben war, schmückte den Eingang. Aus dem Inneren war seichte Musik zu hören. Diese Taverne unterschied sich vehement von denen, in denen sich Edmund und Trevor zuvor betrunken hatten. Der Formwandler atmete tief durch und betrat dann das Gebäude. Kaum hatte er den Eingang betreten, eröffnete sich ihm ein Anblick, den er so nicht kannte. Wasser plätscherte in einem Brunnen, der die Mitte des großen Raumes zierte. Eine Glaskuppel über diesen ließ Tageslicht hinein und überall verhangen seidene Vorhänge Zugänge in andere Bereiche. Hinter dem Tresen wackelte ein korpulenter Mann hervor, der aussah, als hätte eine Wildsau einen Flamingo gefressen – oder umgedreht. Er trug bunte Farben an Augen und Lippen, hatte sich einen riesigen Leberfleck auf die Wange gemalt und seine Kleidung erstrahlte in einem grellen Rosa.
„Nanu nana …“, näselte der dickliche Mann. „Wo kommst du denn her, mein Großer?“
„Von draußen!“, antwortete Trevor trocken.
Übertrieben begann der Mann zu kichern. „Was kann ich denn für dich tun?“
„Ich suche einen jungen Mann!“, erklärte der Formwandler und schaute sich bereits im Raum ausgiebig um, aber noch war Edmund nicht zu entdecken.
„Welcher Art denn?“
„Zirka so groß …“ Trevor verwies mit seiner Handfläche auf Edmunds geschätzter Körpergröße, „… schmal, aber nicht schmächtig. Dunkles Haar, blaue Augen. Wirkt auf den ersten Blick arrogant, wohl auch auf den zweiten, aber eigentlich ein ganz verträglicher Zeitgenosse.“
„Herrje, das grenzt die Auswahl aber immens ein. Ein Mann, der weiß, was er will, das gefällt mir.“
„Ist hier jemand, auf den die Beschreibung passt? Ja oder Nein?“
Wieder gluckste der Mann und dachte nach: „Ich werde sehen, ob ich so jemanden finde, mein Hübscher. Hier bleiben bekanntlich keine Wünsche offen.“
„Häh?“ Bevor Trevor fragen konnte, was er damit meinte, tänzelte der seltsame Kerl schon davon. Er sah sich in der Zwischenzeit weiter um. Beim Anblick des Tresens fiel ihm auf, dass er bei seinem Landgang noch nichts gegessen oder getrunken hatte. Im Badehaus war er wegen der Frauen gar nicht dazu gekommen, etwas zu sich zu nehmen. Knurrend hing ihm sein Magen mittlerweile in den Gedärmen und es fühlte sich an, als würde er versuchen, sich selbst zu verspeisen.
Eine brünette junge Frau kam herbei, die sich hinter den Tresen stellte. „Darf ich Euch etwas servieren?“, fragte sich und lehnte sich provokant mit ihrem Busen auf die Steinplatte vor sich.
„Bier!“, antwortete Trevor und lehnte sich an den Tresen.
Sogleich servierte die junge Frau ihm sein Getränk in einem Kristallglas, das ebenfalls zeigte, dass dieser Laden mit den Hafentavernen nicht zu vergleichen war. Gerade, als die Brünette etwas zu Trevor sagen wollte, kehrte der Paradiesvogel zurück und hatte einen jungen Mann am Kragen. „Hier, dieser junge Mann dürfte deinen Geschmack treffen“, begann er, woraufhin sich die junge Frau mit einem „Oh“ von Trevor abwandte und verschwand.
Trevor begutachtete den Knaben, den der Kerl mit sich führte. Das war nicht Edmund.
„Hi, ich bin Norm“, stellte sich der Jüngling vor.
„Eigentlich arbeitet er in der Küche“, erklärte der pinke Geselle. „Aber gegen etwas zusätzliches Geld hat er nichts.“
„Mein Signalwort ist ‚Apfelstrudel‘“, meinte Norm.
„Was bei den Klabautermännern …“, fing Trevor an zu krakeelen und lief rot an. „Ich suche nicht irgendeinen Kerl, sondern einen bestimmten. Es ist möglich, dass er hier Gast ist oder war. Zudem … ziehe ich Frauen vor, nur, damit das klar ist.“
„Einen Gast?“, hakte der korpulente Mann nach und ließ Norm los. „Warum hast du das nicht gleich gesagt, Schätzchen? So einer ist vorne im Schankraum. Du bist in das … Gesellschaftsabteil gelaufen.“
„In das was?“
„In den Bereich der Taverne, der kein Bordell ist.“
Trevor sah sich noch einmal um. Deswegen die Vorhänge vor den Zimmern. Hinter jenen versteckten sich dicke Holztüren, die den Kunden die nötige Privatsphäre ermöglichte. Trevors Gesicht wurde heiß wie Wüstensand. Der Kerl vom Empfang hatte wirklich gedacht, er wollte einen anderen Mann mit auf ein Zimmer nehmen. Erst bezichtigte er an diesem Tag, dass eine junge Frau eine Prostituierte war, obwohl sie es nicht war und jetzt stand er, ohne es zu merken, inmitten eines Bordells. Einmal mehr wurde er sich gewahr, warum er Landgänge hasste. Er legte ein paar Münzen auf den Tresen, exte sein Glas und ließ sich den Weg in den Schankraum weisen. Vor Scham setzte Trevor seinen Helm auf, während er an Räumlichkeiten vorbeilief, aus denen eindeutige Laute zu ihm drangen. Nicht jeder musste ihm ansehen, wie unangenehm ihm diese Verwechslung war.
Nachdem er den Schrankraum erreicht hatte, entdeckte er Edmund sofort zwischen einem Haufen Männern und Frauen, die förmlich an seinen Lippen hingen. Auch Andre saß dabei, was ihn etwas wunderte, aber nach der Zeit auf dem Schiff, war es sicherlich nicht außergewöhnlich, dass er mit Edmund etwas aß.
„Und das war die Geschichte, wie wir, dank mir, dem Kraken entkommen sind“, erzählte der Händlersohn, was Trevor die Brauen unter seinem Helm anheben ließ.
„Ich habe dich gesucht!“, sprach der Formwandler den Händlersohn gedämpft durch das Metall an.
Edmund hob ebenfalls seine Brauen und wirkte verunsichert. „Ich habe niemanden bestellt.“
Trevor erinnerte sich an seinen Helm und zog ihn ab. „Ich bin es“, erklärte er.
„Trevor?“, fragte Edmund.
„Wer denn sonst?“
„Wozu der Helm? Steht dir gar nicht“, meinte Edmund grinsend und wandte sich gleich darauf wieder den Damen und Herren zu.
„Der soll auch nicht gut aussehen, sondern … Ist auch egal. Ich muss dir etwas erzählen. Esther hat …“
Edmund hörte Trevor gar nicht zu. Viel lieber unterhielt er sich mit einer Frau, die ihn über seinen augenscheinlich neuen Anzug fuhr.
Andre schien die Situation abschätzig zu beobachten.
„Edmund, wir sollten zum Schiff zurück.“
„Entspann dich mal, wir haben doch keine Eile. Du siehst aus, als würdest du gleich zusammenbrechen“, wandte der Händlersohn ein und bestellte für Trevor Wein und Essen, ehe er sich weiter der Damenwelt widmete.
Trevor wollte ihm widersprechen, aber die Aussicht nach Speis und Trank ließen ihn verstummen. „Na gut“, gab er nach, „aber danach sollten wir gehen.“
„Jaja“, säuselte Edmund und wollte den Formwandler erst ignorieren, bis er ihn schelmisch angrinste. „Im Übrigen ist das der Mann, von dem ich euch erzählt habe. Lasst euch von seiner Erscheinung nicht verunsichern, er hat einen weichen Kern. Und für die Frauenwelt …", er senkte die Stimme, "er ist noch zu haben."
Etliche Damen wandten sich nun Trevor zu, der sich schüchtern lächelnd an den Tisch setzte, der nur noch wenig Platz bot. Er räusperte sich. „Edmund, was soll das?“, presste er zwischen zusammengebissene Zähne empor.
„Du sollst dich entspannen“, forderte ihn sein Freund auf und klopfte ihn auf den Rücken. „Er ist etwas schüchtern, der Gute“, sprach er zu allen. „Dabei ist das gar nicht nötig. Unter der Rüstung steckt ein gut gebauter, junger Mann, der jede Frau erröten lässt." Edmund beugte sich zu den Frauen vor und grinste. "Erstklassige Muskeln, kann ich euch sagen."
War das so? Wurde er so wahrgenommen? Nur wegen etwas Arbeit auf See?
„Naja …“, erwiderte Trevor zurückhaltend, während er von den Frauen gemustert wurde. Nachdem ihm das Bestellte gebracht worden war, schlang er das Essen hinunter, kippte zwei volle Weinbecher hinterher und schenkte sich eifrig nach. Das konnte er gebrauchen. Er musste die Schamröte unterdrücken, die die Blicke der Damen mit sich brachten, während Edmund weiter von ihrer Reise erzählte. Er schmückte alles etwas aus, aber das störte Trevor nicht. Das taten immerhin alle. Gerade, als Edmund zu dem Teil mit den Kannibalen kam, schwang die Tür zur Taverne auf und zwei fiese Gestalten traten ein. In dreckiger Kleidung standen sie im Raum und forderten gleichauf etwas zu essen und Bier. Auch, wenn Edmund und Trevor am Beginn des Tages noch nicht besser ausgesehen hatten, wussten sie sich sehr wohl zu benehmen.
Die beiden Neuankömmlinge machten mehr den Anschein, als wollten sie Ärger.
Die Schankmagd brachte den beiden das bestellte Bier, das sie umgehend auf den Boden ausleerten. „Wir haben Bier verlangt und nicht diese Plörre“, schimpfte der Fette von beiden.
Trevor beäugte die beiden genau. Vielleicht wurde der Tag doch noch interessant.
Die Schankmagd brachte neues Bier, während die beiden Kerle sich umsahen. Der eine sah recht kräftig aus, der andere wirkte neben diesen wie eine halbe Portion. Kurz unterhielten sie sich, dann stapfte der Dicke auf den Tisch zu, an dem Edmund und der Rest saßen. „Na, was seid ihr denn für eine Runde?“, wollte er wissen, und Trevor sah Edmund an.
Trevor wollte wissen, ob er abwarten oder direkt eingreifen sollte. Edmund war im Reden bekanntlich besser als Trevor. Das sah man schon an den Leuten, die bei ihm saßen."Die Runde, die sich von eurem Geruch belästigt fühlt. Schon mal etwas von Seife gehört?“, entgegnete Edmund und rümpfte die Nase.
Vielleicht hatte sich Trevor auch geirrt.
Der Fette lachte. „Es ist ganz schön frech, dass ihr die Anwesenheit aller Damen für euch beansprucht. Wir können uns bestimmt einig werden.“ Er ballte beide Fäuste, was wohl hieß, dass er die Damen nicht höflich um ihre Anwesenheit bitten wollte.
„Wenn die Damen freiwillig mitgehen, werde ich sie nicht aufhalten“, erwiderte Edmund schlichtend, und die Damen rückten weiter in die Sitzgruppe hinein. Das hieß wohl Nein.
Der Fette verfinsterte seinen Blick und wollte gerade nach dem Handgelenk einer der Damen greifen, als Trevor jenes ergriff und ihn aufhielt. „Ich denke nicht, dass eine mitgehen will“, meinte der Formwandler und stierte den Fetten an.
„Schau mal, der Lauch spricht für die Weiber“, krakeelte der Schmächtigere von beiden.
„Tja, die freundlichen Mistsäcke wollen es nicht anders." Edmund zuckte mit seinen Schultern. "Pass auf, dass du dir nichts einfängst, Lauch. Ich glaube, die verbreiten eine Krankheit. So, wie die riechen, verwesen die von Innen.“
Da Trevor die Erlaubnis von Edmund hatte, sich um das Problem zu kümmern, richtete er sich langsam auf. Auch, wenn der Fette einen halben Kopf größer als er war, ängstigte ihn das nicht.
„Was willst du, Fatzke?“, fragte der Fette. „Dich esse ich zum Frühstück.“
„Und ich töte sowas wie dich im Schlaf“, erwiderte Trevor, während die Gäste näher an Edmund heranrückten. Dieser lehnte sich entspannt zurück.
„So wie du aussiehst, meinst du das mit dem Essen ernst. Schwitzt du eigentlich schon vom Atmen?“, fragte Edmund und trank genüsslich von seinem Wein.
Der Besitzer der Taverne, der bunte Vogel, kam herbeigeeilt und versuchte, die Situation zu retten. Er bot den beiden fremden Herren eine Horde anderer Damen an, aber die Neuankömmlinge verneinten dies. Sie wollten eine oder zwei der Frauen, die an Edmunds Tisch saßen. Vermutlich nur, damit sie ihre Überlegenheit ausspielen konnten.
Schroff warf der Fette den Besitzer mit seiner freien Hand beiseite und befreite seine andere aus Trevors Griff. „Ihr wollt doch sicherlich keine Probleme, oder?“
„Weiß nicht, Trevor. Wollen wir?“, antwortete Edmund und nahm entspannt einen weiteren Schluck.
„Die haben sie bereits“, meinte Trevor und wich mit seinem Blick nicht vom Fetten ab.
Dieser holte aus und schlug Trevor einfach ins Gesicht.
Trevor wankte nicht, sondern wandte sich dem Fetten nach dem Schlag wieder zu, hielt sich das Kinn und grinste. „Ist das Euer Ernst?“, versicherte sich der Formwandler.
„Was war das denn? Du schlägst ja zu wie ein Mädchen“, bestärkte der Händlersohn den Formwandler und lachte.
Die Gruppe von Menschen rückte Edmund immer weiter auf die Pelle. „Keine Sorge“, meinte der Händlersohn. „Macht es wie ich. Lehnt euch zurück und genießt die Vorführung.“
Trevor trat einen Schritt vom Tisch weg und stand so dem Dicken genau gegenüber. „Ich lasse euch noch diese eine Möglichkeit, euch zu verpissen. Ich hatte wirklich einen miesen Tag …“
Der Fette schlug erneut zu.
Trevor seufzte nach diesem Schlag und hielt den Dritten mit seiner Hand auf. Mit aller Kraft, die ihm innewohnte, zerdrückte er die Faust des Fetten, der schreiend auf seine Knie sank. „Ich hatte einen echt miesen Tag“, wiederholte Trevor. „Ich kann das jetzt wirklich nicht gebrauchen, dass zwei Vollpfosten Probleme machen, während ich mich mit meinem besten Freund amüsiere.“
„Heinz, komm, den schaffst du!“, feuerte der zweite Fremde den anderen an.
„Der ist echt stark“, jammerte der Fette.
Trevor ließ die Faust los und hob den Dicken an seinem Hemdkragen in die Luft. „Ihr solltet ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen!“ Der Formwandler schmiss den Kerl in eine Eckbank und widmete sich gleichauf seinem Freund. „Edmund?“, fragte Trevor. „Meinst du, ich sollte dem Kerl den Ausgang zeigen?“
„Ohne Hilfe findet er ihn sicher nicht“, rief Edmund.
Trevor näherte sich dem Hänfling, während dieser immer weiter in sich zusammensackte. Ein gezielter Schlag ins Gesicht setzte ihn außer Gefecht. Trevor schnappte sich ihn am Hosenbund, öffnete die Tür, während der Kerl seine Zähne auf dem Boden verteilte und schmiss ihn raus. Danach widmete er sich dem Fetten, den er an seinen Füßen aus der Ecke zog. „Dir schulde ich noch etwas“, sagte er, während der Kerl benommen aus der Wäsche schaute. Trevor holte aus und polierte ihm das hässliche Gesicht. „Du solltest an der Art arbeiten, wie du mit Frauen sprichst, ansonsten komme ich wieder und prügle dich zurück in den Mutterleib!“ Der Formwandler zerrte den Fremden an seinem rechten Bein zum Ausgang und warf ihn dem anderen hinterher. Danach setzte er sich wieder, prüfte, ob er an der Nase blutete und trank sein Wein leer.
Andre sah ihn von Gegenüber erstaunt an. „Bist du ein Mensch?“, fragte er gerade heraus.
„Vermutlich ein Gott!“, säuselte eine Dame lasziv in Trevors Ohr, woraufhin Trevor errötend schluckte.
Edmund grinste dreist und bestellte mehr Wein und Bier. „So, du willst dich also mit deinem besten Freund amüsieren?“
Trevor hob seinen Zeigefinger, sagte aber nichts zum Händlersohn, sondern widmete sich Andre. „Teils … teils“, flüsterte er ihm zu und sprach dann zu allen. „Ich hatte den Zwischenfall nicht geplant. Entschuldigt …“
Edmund runzelte die Stirn. „Warum entschuldigst du dich? War doch witzig." Er deutete auf die Frauen, die Trevor seltsam ansahen. „Und hat Eindruck gemacht.“
„Ich wollte nicht … Ich kann so ein Benehmen nicht leiden“, fuhr Trevor fort und sank etwas auf der Bank zusammen.
„Teils teils? Was heißt das?“, wollte Andre ebenso leise wissen.
Der Formwandler konnte zwischen all den Menschen nicht offen über seine Rasse sprechen. Wer wusste schon, wie sie zu ihnen standen. Mittlerweile wusste er, dass er vielen Männern in Muskelkraft überlegen war, alleine das war schon zu riskant, aber Trevor konnte sich selten beherrschen, wenn er in einen Konflikt geriet.
Gerade, als er Andre antworten wollte, mischte sich die Blondine ein, die sich neben Trevor gesetzt hatte. Als sie ihn fragte, wie stark er sei, wusste Trevor darauf keine Antwort. Er war oft an seine Grenzen gekommen, wenn er an das Schiff dachte, aber als eine weitere Dame fragte, ob er die Bank mit allen Damen hochheben konnte, bejahte Trevor dies. Natürlich wollten sie einen Beweis, und Trevor ließ sich überreden, zu zeigen, dass vier schmale Grazien auf einer Bank kein Problem darstellen. Vorsichtig hob er die Bank hoch, um sicherzugehen, dass keine von ihnen hinunterfiel und stellte sie danach wieder genauso vorsichtig ab.
„Das kann ich hier ... nicht offen aussprechen“, erklärte Trevor dann dem jungen Matrosen und setzte sich wieder.
Andre senkte seine Stimme. „Dann lass uns woanders hingehen. Ich bin sowieso fertig mit essen." Er schaute seinen Kater an, der in aller Seelenruhe den Teller von Andre sauber leckte. Er hatte sich von all dem Trubel nicht beeindrucken lassen, was Trevor erstaunlich fand. "Und Wilmor anscheinend auch ..."
„Ich sollte ohnehin zurück zum Schiff gehen.“
Edmund ließ Trevors Becher aber nicht leer werden und erzählte im gleichen Atemzug davon, wie Trevor das Schiff gezogen hatte. Weitere junge Frauen wechselten umgehen auf Trevors Bank und schauten ihn musternd an. „Ist das wahr?“, fragte eine von ihnen.
Trevor schluckte. „Ja, schon, aber ich war nicht alleine, ohne E…“
„Er hat es alleine gezogen“, fiel Edmund ihm ins Wort.
„Und Ihr habt keine Frau, die irgendwo auf Euch wartet?“
„Nein, hat er nicht“, antwortete Edmund statt Trevor.
Allmählich bekam der Formwandler das Gefühl, der Händlersohn verfolgte irgendeine Art Plan, während Andre ihn erwartungsvoll ansah.
Es war vermutlich nicht falsch, den jungen Matrosen einzuweihen, wenn er sich dazu entschied, weiter mit ihnen zu reisen. Denn immerhin stellte Trevor ein ewiges Risiko dar. Er kippte seinen Becher und wollte entgültig gehen, als ihm die Blondine neben ihm einfach in den Schritt griff.
„Woah“, stieß Trevor überrascht aus und stand schlagartig auf. „Vielen Dank, es war nett, aber die Arbeit ruft!“, fuhr er überrumpelt fort und verließ die Sitzreihe.
Während Edmund lachend beinahe von selbiger fiel, eilte der Formwandler aus dem Goldenen Pfau.
Andre eilte ihm nach.
„Willst du es wirklich wissen?“ wollte Trevor wissen, während er mit hochrotem Kopf Richtung Hafen lief.
Andre wirkte ungeduldig. „Hätte ich sonst gefragt?“
Der Formwandler lief ein paar Schritte weiter, sah sich um und ergriff Andre dann am zierlichen Handgelenk. Er zog ihn in eine verlassene Seitengasse hinein und musterte den schmächtigen Seemann. Trevor musste sich immer die Personen genau ansehen, die er nachahmen wollte. Kurzerhand verwandelte er sich in Andre, wodurch seine Rüstung zu groß an seinem Körper hinunterhing.
Andre sah erneut überrascht aus, indessen Trevor etwas auffiel, während ihm die Hose auf Halbmast hing. „Andre?“ Er stockte. „Kann es sein, dass du eine Andrea bist?“
"Was zum ...? Wie ...?", äußerte Andre ... Andrea erschrocken und schrak zurück.Trevor wartete ab, und Andrea schien sich zu beruhigen. Lag so etwas wie Faszination in ihrem Blick?
"Das ist kein Illusionszauber, hab ich recht?", äußerte sie neugierig und musterte Trevor mit großen Augen. "Hast du mich wirklich bis ins kleinste Detail kopiert? Das ist ja ..." Ohne Vorwarnung kniff sie ihm in die Wange und zupfte an seiner Haut herum."Ich weiß nicht, wie detailliert es ist, aber es reicht, um etliche Menschen zu täuschen", antwortete Trevor mit ihrer Stimme und ließ sie ihn mustern. "Und nein, es ist kein Illusionszauber. Ich bin ein Formwandlern."
"Oooh!", stieß AndreA fasziniert aus und begann, ihn zu umrunden. "Ich habe von euresgleichen gehört, aber nie zu hoffen gewagt, mal einen wie dir zu begegnen. Wie genau machst du das mit dem Verwandeln? Ist das Magie? Oder ist das wie ein Muskel, als ob ich meinen Arm bewege? Und wie oft kannst du das machen? Ist das anstrengend? Wie lange kannst du verwandelt bleiben? War dein Aussehen vorher auch nur eine Verwandlung, oder hast du auch ein echtes Aussehen? Musst du jemandem zum Verwandeln sehen, oder reicht auch die Vorstellung? Oder kannst du verschiedene Formen im Körpergedächtnis behalten wie ein Lautenspieler die Noten in seinen Fingern?"
Perplex starrte Trevor die kleine Frau vor sich an, die gar nicht mehr aus ihrem Redefluss herauskam. Er verwandelte sich wieder zurück und versuchte, die Fragen zu sortieren. Er beantwortete sie ihr, so gut er konnte. So ganz genau wusste er auch nicht, wie oder warum er sich verwandeln konnte. Er hatte sich das niemals gefragt, denn immerhin fragte sich auch kaum ein Mensch, warum er atmete. Zudem konnte er sich auch nur im Menschen verwandeln, die er sah oder an die er sich erinnerte.
"Das ist ... wirklich faszinierend." Sie beendete ihre Untersuchung und blieb vor ihm stehen. "Okay, ich habe mich entschieden. Ich will wissen, wie deine Magie funktioniert. Jedes kleinste Detail! Erlaube mir, dich weiter studieren zu dürfen!"
"Studieren? Mich?" Trevor musterte sie. "Das klingt nicht so, als wärst du darin ... unerfahren."
"Ich hab mein Leben lang nichts anderes gemacht. Wenn jemand etwas enträtseln kann, dann ich."
Trevor schaute sie weiterhin skeptisch an. "Und das bedeutet?"
"Ich beherrsche ebenfalls ... ein wenig Magie", gab sie zu. "Keine Sorge, du musst dich nur ein paarmal hin und her verwandeln und ich schau mir an, was dabei so passiert. Alles ganz einfach."
"Jetzt? Hier? Vermutlich ist das Schiff dafür b... besser geeignet."
"Natürlich nicht jetzt und hier", erwiderte sie schnell. "Dafür sollten wir ungestört sein.""Aha ..." Trevor zog beide Brauen hoch. "Und soll ich dich weiter Andre nennen oder ..."
"Agatha. Agatha lautet mein Name. Auch wenn es mir lieber ist, wenn du in der Öffentlichkeit bei Andre bleibst." Sie verdrehte genervt die Augen. "Manche Kerle können ... lästig sein, wenn du verstehst, was ich meine. Ich will Komplikationen lieber aus dem Weg gehen."
Trevor nickte. "Wem sagst du das ...", gestand er zunächst leise. "In Ordnung, Agatha, dann bleibt es vorerst bei Andre, wenn andere dabei sind." Trevor verwies mit seinem Kopf Richtung Hafen und setzte seinen Helm wieder auf, anstatt ihn nutzlos durch die Gegend zu tragen. "Dann sollten wir uns am besten auf den Weg machen."
-
Trevor starrte auf die getigerte Katze hinunter. Gut sichtbar steckte ein Dolch im armen Tier.
Muss wohl im Trubel passiert sein … Armes Ding …
„Wir sollten das Vieh erlösen!“, meinte Edmund.
„Nein!“, stieß der fremde Matrose aus. „Ich … kümmere mich schon um ihn.“
Ihn? Also ein Kater!
„Worum willst du dich da kümmern? Dieser Kater ist dem Tod geweiht“, erwiderte Nelli.
„Ach, der hat schon mehr als das überlebt!“ Der schmächtige Matrose schnappte sich den Kater, grinste übertrieben drein und begann, sich umzusehen. „Wo kann ich ihn behandeln?“
„In der Küche. Da steht auch ein Kochtopf“, erklärte Edmund, dessen Blick seine Absicht verriet.
Wilmor fauchte.
Trevor musste zugeben, dass Katzen nicht direkt auf seinem Speiseplan standen, aber nach Tagen mit Fisch und Obst hätte er allmählich auch gerne etwas anderes auf seinem Teller gesehen.
Der Blick des Matrosen wurde finster. „Wilmor wird nicht gegessen!“
„Du kannst ihn sicherlich in einem der Zimmer … behandeln … erlösen“, wandte Esther freundlich ein, schien sich aber auch unsicher, was es bei einem Dolch im Rücken zu retten gab.
Trevor betrachtete die Gruppe. „Vermutlich ist es besser, du nimmst mein Zimmer. Als zwei Seemänner … werden wir uns schon einig“, schlug er vorsichtig vor.
Bei Edmund war er sich nicht sicher, ob er dem Tier nicht umgehend heimlich das Fell abzog und zu Kater-Ragù verarbeitete. Ester war eine junge Frau und Nelli … Der Matrose war erst einen kurzen Moment auf dem Schiff. Er war noch nicht bereit für Nelli.
Umgehend zeigte Trevor dem Fremden sein Zimmer, woraufhin dieser hinein ging und dem Formwandler nach einem knappen „Danke“ die Tür vor der Nase zuschlug. Verdutzt blieb er vor der Tür stehen. „Ehm … brauchst du Hilfe?“
„Nein!“
„Soll ich dir ein paar Verbände bringen?“
„Nein! Halt! Doch! Das wäre sehr freundlich!“
Trevor ging zögerlich los, holte ein paar Verbände aus der Vorratskammer und war gerade dabei, die Tür wieder zu schließen, als dahinter Nelli auftauchte. Ein spitzer Schrei entfuhr ihm, und die Verbände flogen wahllos durch die Gegend.
„Irgendetwas stimmt mit diesem Matrosen nicht!“, sagte sie ohne Umschweif.
Schwer atmend von dem Schreck, schaute Trevor auf Nelli hinunter. „Ayeee?!“
„Sei vorsichtig!“
„Werde ich sein“, antwortete Trevor und hob die Verbände wieder auf. „Er ist sicherlich nur etwas durcheinander. Immerhin wurde sein Schiff gerade von einem riesigen Kraken zerlegt.“
„Möglich, aber ich habe da so ein Gefühl.“
Musternd betrachtete Trevor die alte Frau. „Ein Gefühl?“
„Ein Gefühl!“
„Welcher Art?“
„So ein Gefühl eben. Dieses schmerzende, brennende Gefühl im Bauch, wenn etwas nicht stimmt.“
„Das nennt man Sodbrennen“, kam aus der Tür zur Küche, in der nun Edmund stand, knapp gefolgt von Esther.
„Ich bin alt genug, Sodbrennen von einem unheilvollen Vorboten unterscheiden zu können, Junge“, widersprach Nelli und bedachte Edmund mit einem ernsten Blick.
„Wenn du meinst …“, gab Edmund schnaubend von sich.
Esther atmete sichtlich erschöpft durch. „Vielleicht sollten wir erst einmal abwarten, bevor wir ihn und den Kater direkt wieder ins Meer werfen. Wir haben ihn gerettet, also sind wir jetzt auch ein bisschen für ihn verantwortlich.“
„Großartig. Noch mehr Mäuler …“, nuschelte Edmund und fuhr sich genervt über sein Gesicht. „Das eines klar ist: Von dem Schatz bekommt er nicht eine Münze.“
Trevor schenkte Esther ein Lächeln. Zumindest eine Person, die nicht direkt in allem etwas Schlechtes sah. „Wir sollten dafür sorgen, schnell von hier wegzukommen“, gab Trevor zu bedenken. „Wer weiß, ob der Kraken noch einmal auftaucht.“
Darin war sich die Gruppe zumindest einig. Noch einmal wollten sie dem Ding nicht begegnen. Also beschlossen sie, so schnell es ging, die Segel zu setzen und von diesem Teil des Meeres zu verschwinden.
Trevor ging indes zu seinem Zimmer, aus dem er ein lautes Mauzen zu hören war. Er klopfte, und kurz darauf ging die Tür einen Spalt auf.
Musternd betrachtete der Matrose den Formwandler, schnappte sich die Verbände und verschloss die Tür wieder. „Gern geschehen!“, rief Trevor hinterher und begab sich an Deck.
Der Rest der Gruppe war dabei, für die schnelle Flucht zu sorgen und nach dem Zustand des Schiffes zu schauen. Es war zum Glück – und Esther - einigermaßen heil geblieben. Eine ganze Weile trieben auf ihrem Weg noch die Trümmerteile des anderen Schiffes neben ihnen her, aber bald schon erinnerte nichts mehr an den Angriff.
Das war auch der Moment, in dem der Matrose an Deck kam. Er hielt den Kater in Händen, der fast vollständig von den Verbänden umwickelt war.
Erstaunt sahen alle das Tier an.
„Ich sagte doch, dass er schon Schlimmeres überlebt hat.“
„Wie überaus … erstaunlich“, murmelte Edmund neben Trevor, der sein Abendessen dahingehen sah.
„Übrigens, mein Name ist Andre. Ich hatte mich wohl im Trubel vergessen vorzustellen“, fuhr der Matrose fort. „Und vielen Dank für die Hilfe.“ Er ließ den Kater hinunter, der daraufhin munter davonlief.
Skeptisch sah Nelli dem Tier hinterher. „Das ist wirklich … erstaunlich.“
„Wir haben gerne geholfen“, erwiderte Esther und stellte alle vor.
Der Matrose sah jeden abwechselnd an und nickte dem Genannten zu. „Sooo“, sagte Andre nach einem Moment des peinlichen Schweigens. „Und wo soll es hingehen?“
„Egal!“, antwortete Edmund. „Hauptsache, es ist Land, es gibt etwas zu essen und Geschäfte.“
Wahrscheinlich war es erstmal klüger, dem Fremden nicht alles haarklein zu erzählen. Allem voran nicht von dem Schatz, der sich im Laderaum befand.
Andre merkte sicherlich, wie er von allen betrachtet wurde.
Trevor musste zugeben, dass er bei seiner Statur sicherlich noch nicht lange auf See unterwegs war. Es wunderte ihn beinahe, dass Andre die Katze nicht schon längst selbst gefressen hatte. Die schmächtigen Arme, die dünnen Beine … Selbst Edmund sah neben dem jungen Mann fett aus. Aber diesen Vergleich verkniff sich Trevor, laut auszusprechen. Nicht ein einzelnes Barthaar war im Gesicht zu sehen … Trevor zuckte, ob seiner Gedanken, mit den Schultern. Vielleicht war er noch sehr jung?
Die Sonne neigte sich, und sie beschlossen, abwechselnd Wache zu halten und für den richtigen Kurs zu sorgen. Alle außer Andre. Dieser war erst einmal außen vor, denn niemand wusste, ob er das Schiff nicht vielleicht in eine andere Richtung lenken würde. Wenn sie die bisherige Reise etwas gelehrt hatte, dann, dass fremden Matrosen nicht immer zu trauen war.
Trevor übernahm bereitwillig die erste Wache, solange sich Andre in seinem Zimmer, in seinem Bett ausruhte. Mitten in der Nacht zog er dann Edmund an seinen Beinen aus dem Bett, dass dieser die zweite Wache übernahm. Schlaftrunken wankte dieser an Deck, fluchte leise vor sich, was Trevor mit einem Grinsen bedachte. Aber auch bei ihm machte sich Müdigkeit breit, sodass er sich in das Zimmer begab, in dem Andre feste schlief. Zumindest wirkte es so. Mit einem Kissen und einer kratzigen Decke gewappnet, entledigte sich Trevor teils seiner Kleindung und legte sich auf den Boden. Er hatte schon unbequemer geschlafen … Dachte er zumindest. Just in diesem Moment, mauzte es neben ihm.
Der Kater lief zuerst auf ihm herum und legte sich dann dreist auf sein Gesicht. „Großartig …“, murmelte Trevor und schob den Kater weg. -
Trevor schaute Esther nach, die sich auf den Weg zurückbegab. Dann betrachtete er die Münzen, die verstreut herumlagen und wandte sich Edmund zu. „Zumindest grenzt Esthers Fund unseren Suchraum ein.“
„Das stimmt“, meinte Edmund.
Die beiden schauten sich um und bewegten Sträucher zur Seite, schauten noch einmal in das Loch, in das Esther gerutscht war. Dass die Besatzung die Kiste in das Loch geworfen hatte, schloss Trevor aus. Wahrscheinlich wäre sie auf halben Weg steckengeblieben.
„Hier ist was!“, rief Edmund, und Trevor begab sich umgehend zu ihm.
„Was ist es?“
„Sieht aus wie ein schmaler Höhleneingang.“
Edmund war ein paar Meter den Hügel hinuntergelaufen und hatte unweit von ihnen einen Eingang entdeckt.
„Na, das sieht schon eher wie eine Stelle aus, an der man eine Kiste voller Gold lagern würde.“
„Vermutlich haben sie auf den Weg nach unten ein paar Münzen verloren“, mutmaßte Edmund. „Nur haben wir kein Licht.“
„Das stimmt.“
Beide hörten leises Plätschern aus dem inneren der Höhle. Anscheinend lief Wasser aus den Wänden und tropfte zu Boden. Aber ohne Fackel war nichts zu erkennen.
Sollten sie schnell zurücklaufen und Stoff holen? Eine Lampe vom Schiff?
Trevor stöhnte. Den ganzen Weg zurücklaufen … Das würde sie kostbare Zeit kosten. Deswegen riss er sich kurzerhand die Ärmel seines Hemdes ab und wickelte den Stoff um einen Ast. Mit den Feuersteinen, die er bei sich trug, zündete er die improvisierte Fackel an.
Edmund grinste. „So geht es natürlich auch.“
Beide ließen den schmalen Eingang hinter sich und betraten die Höhle. Spinnenweben hingen von der Decke, und Edmund umging diese mit einer Eleganz, die beinahe bewundernswert war. Trevor hatte aufgrund seiner Größe und Masse nicht die Möglichkeit und befreite sich lieber nach und nach von den klebrigen Fäden.
Plötzlich stand Trevor vor einem Abgrund. „Hier geht es nicht …“, setzte er an, aber weiter kam er nicht, als Edmund ihm im Halbdunkel anrempelte. „Pass doch …“ Fluchend ergriff er den Händlersohn und wollte sich an ihm festhalten.
„Spinnst d…“, schrie Edmund auf, aber wurde davon unterbrochen, dass er Trevors Körpergewicht nichts entgegenzusetzen hatte.
Was auch Trevor schnell merkte, und beide den Abhang hinunterrutschten.
Schreiend und wehklagend glitten sie den Hang hinunter, wodurch auch die Fackel erlosch.
Als beide kaum noch Atem zum Schreien hatten, landeten sie auf etwas Weichem.
Dem Schreien wich Husten. Irgendetwas war in der Luft, das die Atemwege reizte.
„Großartig“, sprach Edmund und stöhnte schmerzerfüllt. „Jetzt sitzen wir in einem Loch!“
„Ich kann die Hand nicht vor Augen sehen, so ein Mist“, ergänzte Trevor.
„Wo ist diese Fackel?“, fluchte Edmund und begann anscheinend wie Trevor, die Umgebung abzutasten.
„Ich hab sie!“, gab Edmund von sich.
„D… Das ist nicht die Fackel!“
„Oh …“
Kurz herrschte Schweigen.
„Würdest du deine Hand da bitte wegnehmen?“, fragte Trevor und bemerkte gleichzeitig, wie sich unwillkürlich seine Mundwinkel bewegten.
Bevor Edmund darauf antwortete, brachen beide in heiteres Gelächter aus.
„Warum lachst du?“, wollte Edmund von Trevor wissen.
Der hatte aber darauf keine Antwort. Er musste einfach lachen, obwohl an der Situation nichts komisch war. Sie hockten orientierungslos in einer Höhle fest.
Beide krochen auf dem sandigen Boden herum, ohne zu wissen, in was sie alles griffen – und das schien nicht mal Edmund zu stören. „So habe ich mir mein Grab nicht vorgestellt“, gestand dieser und lachte weiter.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihnen. Das merkte Trevor deutlich daran, dass er nicht aufhören konnte zu lachen. Edmund ebenfalls nicht. Normalerweise hätte Trevor kreative Hasstiraden zu ihrer Situation von Edmund erwartet, aber dieser lachte, kicherte und gluckste, während er das Offensichtliche aussprach.
„Vermutlich hat das was mit dem Zeug in der Luft zu tun, was wir eingeatmet haben …“, erinnerte Edmund Trevor an ihre Landung.
Natürlich, das musste es gewesen sein. „Wir müssen uns zusammenreißen!“, erwiderte Trevor, aber sein Lachen untergrub die Ernsthaftigkeit seiner Aussage.
„Siehst du auch diese bunten Farben? Ich glaube, ich kann Gerüche sehen“, sprach Edmund.
Trevor sah keine bunten Farben, dafür aber ein violettes Pferd, dass durch die Luft ritt. „Darum kümmere ich mich später …“, murmelte der Formwandler.
Sie krochen weiter, nachdem sie die Fackel nicht finden konnten. Den Abhang hinaufzuklettern, den sie runtergerutscht waren, war hoffnungslos – erstrecht ohne Licht. Aber vielleicht gab es noch einen Ausgang. Wenn der Schatz hier unten war, mussten die Schiffbrüchigen auch irgendwie hinausgekommen sein.
„Gibt es tanzende Pilze?“, fragte Edmund unterdessen.
„Siehst du welche?“, wollte Trevor wissen.
„… Vielleicht …“
Wieder kicherten beide. Trevor versuchte währenddessen, den blauen Bären, der in der Dunkelheit saß, zu ignorieren. Beide Männer wussten, dass es nicht real war, was sie sahen. Aber ihr Verstand ging trotzdem auf diese Halluzinationen ein. Sie konnten sich nicht wehren. Sie begannen immer wieder zu lachen, sich mit den Gnomen und Feen zu unterhalten oder diese Wesen nach dem Weg zu fragen. Edmund versuchte sogar, hin und wieder zu reimen. Von ihrem Tod in der Höhle, aber auch das konnten beide kaum ernst nehmen, wenn sie sich darüber amüsierten.
Doch dann sahen Trevor und Edmund das gleiche, nachdem sie um eine Ecke gebogen waren. Da war Licht – und das konnte keine Halluzination sein, denn beide sahen es.
Um eine weitere Ecke in etwas Entfernung schimmerte das Licht von Feuer.
Ohne sich wirklich zu fragen, wer dieses Feuer am Leben hielt, richteten sich beide auf und folgten dem Licht wie Motten.
Nachdem sie um die Ecke gebogen waren, standen sie in einer großen Höhle, erhellt von mehreren Fackeln und Feuerschalen. Große Felsen dienten anscheinend als Ablagen, überall lag Gerümpel herum, das Edmund und Trevor als Überbleibsel eines Schiffes ausmachten. Aber dann sahen sie auch die Kiste am anderen Ende. Das Gold darin schimmerte rötlich und zauberte bunte Reflektionen an die Höhlenwand. Das, oder ihre Halluzinationen verursachten das göttliche Bild ihres Ziels.
„Wunderbar! Wir haben ihn gefunden … den Schatz! Ich werde mir erstmal neue Kleidung kaufen und zu einem Barbier gehen. Ich sehe aus wie ein Hinterweltler …“, schwärmte Edmund.
Trevor folgte ihm und wollte auch schon von einer Rüstung anfangen, als sie das Rasseln von Ketten hörten.
„Ich hoffe nur, diese Fantasien hören auf“, motzte Edmund und wedelte mit seiner rechten Hand vor seinem Gesicht herum. „Diese dummen, geldgierigen Schmetterlinge … Die wollen nur unseren Schatz!“
Trevor hatte seine Probleme damit, das Pferd, das immer noch penetrant um sie herumritt, loszuwerden. Ständig duckte er sich unter den Hufen hinweg. „Dir folgt zumindest kein violettes fliegendes Pferd!“
Wieder erklang Rasseln. Und mit dem Rasseln bog um eine andere Ecke der Höhle eine seltsame Gestalt. Die Kleider hingen in Fetzen vom Körper – und der rechte Arm schien zu fehlen.
„Ehm … Edmund?“, sprach Trevor, während Edmund den Inhalt der Schatzkiste untersuchte.
„Münzen, Ringe, Ketten und …“
„Edmund?“, wiederholte Trevor lauter und tippte dem Händlersohn wild auf die Schulter. „Siehst du das Ding da?“
Edmund wandte sich genervt um. „Was sehe ich?“, schimpfte er. „Dieses entstellte Etwas? Wir wissen doch beide, dass wir unter dem Einfluss von irgendwas stehen.“
„Ja, aber … wir sehen es beide!“
Edmund schluckte trocken. „Hat deine Halluzination Kleidung der letzten Saison an?“
„Eher der vorletzten“, nuschelte Trevor.
Der Händlersohn legte eine Perlenkette beiseite. „Hässlich?“
„Schon!“
„Ketten?“
„Japp!“
Jetzt schrien beide zur Abwechslung, während jemand anderes lachte.
„Da sind uns Diebe ins Netz gegangen“, sprach eine fremde Stimme und eine zweite Gestalt kam in die Höhle. Dieser jemand sah nicht frischer aus als die Gestalt, die an einem Fuß an einer Kette hing.
Erst jetzt nahmen Trevor und Edmund den Gestank in der Höhle wahr.
„Frischfleisch für die nächsten Wochen …“, sprach der Fremde weiter und grinste, wodurch seine faulen Zähne zutage kamen.
Trevor versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, aber der tanzende blaue Bär im Hintergrund machte es ihm nicht einfach. Er musste seine Stärke fokussieren, aber das Misslingen brachte ihn nur wieder zum panischen Lachen.
Edmund verlor anscheinend keine Zeit und warf dem Kerl einen goldenen Krug gegen den Kopf.
Trevor wandte sich ihm zu und formte lediglich ein tonloses „Warum?“
„Die wollen uns fressen! Wollen wir noch auf das Rezept warten, das er benutzen wird? Solche Leute kauen einem doch immer erst ein Ohr ab, bevor sie versuchen, einen zu töten. Ersparen wir uns das. Töte sie einfach!“ Dann lachte Edmund. „Ohr abkauen … verstehst du?!“
„Ja, aber mit was denn?“, schrie Trevor, während der blaue Bär hinter Edmund auftauchte. „Ich habe keine Waffen bei mir!“ Trevor kicherte. „Der Wortwitz war aber gut … Ohr abkauen, weil sie Kannibalen sind. Ich verstehe …“
Zwei weitere Gestalten tauchten hinter dem auf, der sich den Kopf rieb. „Fesselt und tötet sie. Die Reihenfolge ist egal …“
Trevor schaute sich hektisch um, ob er etwas als Waffe benutzen konnte und ergriff einen Knochen vom Boden.
„Ist das ein Oberschenkel?“, wollte Edmund wissen.
„Ist das wichtig?“, fragte Trevor, aber rümpfte selbst die Nase, als er die verwesenden Fleischfetzen daran bemerkte. „Der ist nicht mal ordentlich abgekaut. Schämt euch!“
Die drei nicht in Ketten liegenden Gestalten rannten umgehend auf Edmund und Trevor zu.
Edmund ergriff alles Schwere, das in seiner Nähe lag und warf es nach den Kannibalen.
Trevor hingegen ging auf sie zu und haute dem ersten den Knochen über den Schädel. Er musste die Enge zwischen dem Gerümpel ausnutzen, dass sie nicht gleichzeitig angreifen konnten.
„Ducken!“, rief Edmund und warf einen Kerzenständer samt brennenden Kerzen.
Trevor duckte sich, und der Kerzenständer flog einem der Kannibalen mitten ins Gesicht, wodurch seine verdreckten Haare Feuer fingen. Schreiend drehte sich dieser im Kreis und sprang kopfüber in einen Kessel.
Trevor schlug danach mit dem Knochen zu. Blut spritzte dem Formwandler ins Gesicht, während der Kannibale vor ihm mehrere Zähne verlor. Der Formwandler trat dem Kerl gleichauf gegen den Oberkörper, aber dieser fiel nur dem Hinteren in die Arme, der ihn umgehend wieder Trevor entgegenschubste.
Edmund rannte in die andere Richtung. Ihm gingen anscheinend die Wurfgeschosse aus, sodass er nach etwas anderem Ausschau hielt.
Trevor versperrte den beiden den Weg und wog den Knochen in seiner Hand. Gezielt schlug er wiederholt zu, bis der morsche Knochen abbrach. Mit zertrümmerten Gesicht ging aber zumindest der erste Kannibale zu Boden, sodass Trevor seine Chance sah, Edmund zu folgen.
Der Kannibale, dessen Haupt gebrannt hatte, richtete sich dampfend wieder auf und hatte überall Fetzen von Fleisch an sich hängen. „Meine Haare! Meine wunderschönen Haare“, beschwerte er sich.
„Das nanntest du Haare?“, hinterfragte Edmund lautstark. „Sei froh, ich habe dich von dem Vogelnest befreit.“
Auch wenn Edmund souverän konterte, konnte Trevor die Panik in dessen Augen sehen. Aber ihm ging es nicht anders. Gegen Kannibalen hatte der Pirat noch nie gekämpft. Er hatte von solchen Leuten gehört, die nach einem Schiffbruch Unaussprechliches getan hatten, aber noch nie sollte er selbst auf dem Mittagstisch solcher Menschen landen. Es mussten Männer der Crew sein, die noch lebten. Anders konnte er sich ihre Anwesenheit nicht erklären.
Zudem ließ die Wirkung ihrer Halluzinationen allmählich nach, wodurch Trevor und Edmund immer mehr erkannten, wo sie sich befanden. Hatten sie zuvor nur das Schimmern des Goldes wahrgenommen, hingen nun plötzlich Gliedmaßen von der Höhlendecke, überall war getrocknetes Blut zu sehen – und zu riechen.
„Vorher war es angenehmer“, stellte Edmund fest, und dem konnte Trevor nur zustimmen.
„Hier!“, meinte Trevor und drückte Edmund den abgebrochenen Knochen in die Hand.
Sichtlich unterdrückte Edmund den Kotzreiz. „Widerlich …“
Trevor durchwühlte rasch das Gerümpel vor ihnen und fand ein kleines Messer. Dieses gab er dann Edmund und nahm lieber wieder den Knochen an sich. Die beiden Kannibalen kamen von beiden Seiten um den Felsen herum. „Ihr kommt hier nicht mehr raus. Wir haben den Ausgang versperrt, um die Steuern des Königs zu beschützen“, erklärte der menschenfressende Kassenwart.
„Hah! Aber es gibt einen Ausgang!“, wiederholte Edmund euphorisch.
Trevor und Edmund standen Rücken an Rücken, um beide Seiten abzudecken. Der Händlersohn fuchtelte wild mit dem Messer vor sich her, während Trevor dem Kassenwart das spitze Ende des Knochens entgegenhielt.
„Tut uns leid, wir sind ungenießbar“, meinte Trevor.
„Du vielleicht, aber bei dir muss man das Muskelfleisch nur lange genug kochen …“
Trevor stach zu, aber der Kannibale wich aus. Er warf dabei die Feuerschale neben sich um und steckte die Stofffetzen am Boden in Brand.
Trevor schlug mit seiner Faust zu und traf diesmal den Kannibalen. Ein zweiter Schlag brachte den Kerl zu Boden, weshalb er sich zu Edmund wandte und diesen neben sich stellte. Noch einmal stach Trevor mit dem Knochen zu und traf den Kerl, dessen Haupt gebrannt hatte, im Kehlkopf. Ein Schwall Blut trat hervor, der Edmund mitten im Gesicht, und Trevor am Oberkörper traf.
Der Kannibale röchelte, und Trevor rammte ihm den Knochen tiefer in den Hals, weshalb ein zweiter Blutschwall auf ihnen landete.
Geradezu apathisch stand Edmund da und spuckte das Blut aus. Nur sein rechtes Augenlid zuckte. Trevor war sich nicht sicher, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war.
Unterdessen rappelte sich der Kannibale hinter ihnen wieder auf.
Edmund und Trevor wandten sich ihm zu. Edmund betrachtete das Messer, dann seine Kleidung. Danach nahm er Anlauf, schrie und schubste den Kerl rücklings ins Feuer am Boden.
Trevor stand erstaunt da. Edmund schien wirklich die Schnauze voll zu haben – und das nicht nur vom Blut. Aber nach der heroischen Tat, stolperte der Händlersohn über einen kleinen Felsen direkt in die Arme des angeketteten Kerls, der wohl teils die letzte Mahlzeit war. Zumindest hätte das den fehlenden Arm erklärt. Dabei flog das Messer quer durch den Raum. Trevor ignorierte den brennenden Kannibalen, der wild mit seinen Armen herumfuchtelte und in die Richtung rannte, aus der Edmund und Trevor gekommen waren. Stattdessen ergriff der Formwandler den Knochen, der noch im Hals des anderen steckte und lief auf beide zu.
Ein spitzer Schrei erklang von Edmund, als der angekettete Kannibale ihn zu Boden warf. Anscheinend versuchte der Kannibale, Edmund in die Nase zu beißen. Gesicht an Gesicht biss der angekettete Kerl ins Leere, solange, bis ihm Trevor den Knochen in den Hinterkopf rammte. Zumindest landete dieses Blut nur auf Edmunds Kleidung und diesmal nicht in seinem Gesicht.
„Das ist alles widerlich!“, schrie der Händlersohn und warf den Toten von sich. „Wie kann man so leben?“
Trevor zuckte mit seinen Schultern. „Vermutlich sind sie wahnsinnig geworden.“
„Ach wirklich?! Mir kamen sie ganz bei Sinnen vor ...“
Trevor reichte Edmund seine Hand und half ihm auf. "Dann stell keine Fragen, wenn du die Antwort kennst."Beide waren über und über mit Blut bedeckt und sahen oder rochen selbst nicht besser als die Kerle aus der Höhle. „Aber wir haben den Schatz“, versuchte Trevor die Stimmung zu verbessern.
Edmund wimmerte. „Ich will mich nur noch waschen. Diesen Geruch werde ich nie wieder los, das weiß ich.“
„Lass uns erstmal hier rauskommen!“, erwiderte Trevor und klopfte Edmund aufmunternd auf die Schulter.
Rasch sammelten sie alles Gold ein, verstauten es in der Kiste und schlossen sie. Der Ausgang befand sich sicherlich in dem Teil der Höhle, aus dem die Kannibalen gekommen waren. Allerdings bereuten die beiden schnell, nicht mehr gänzlich unter dem Einfluss der Substanz zu stehen, die sie eingeatmet hatten. Haut hing an Leinen von der Decke. Sicherlich war über die Hälfte der Crew gegessen worden. Knochenberge lagen herum und es stank bestialisch. Selbst Trevor musste sich zusammenreißen. Der Geruch brannte ihm in den Augen. Edmund schnappte sich ein einigermaßen – nicht blutverseuchtes – Tuch und wickelte es sich um Nase und Mund.
„Halte nach einem großen Felsen Ausschau“, meinte Trevor. Er war sich sicher, dass die Besatzung damit den Ausgang versperrt hatte.
Zu ihrem Unmut befand sich nur ein großer Felsen in der Höhle. Und dieser befand sich hinter dem größten Berg an Fleisch und Knochen.
„Es war klar … so klar“, nuschelte Edmund wütend hinter seinem Tuch.
Trevor hielt sich seinen Arm schützend vor die Nase und schaute sich den Felsen genau an. Durch einen kleinen Ritz erkannte er Tageslicht. „Ja, das ist der Fels … Allerdings müssen wir die Leichenteile wegschaffen, damit ich ihn schieben kann.“
„Du hast nicht zufälligerweise noch eine Schippe in deiner Hose?“
„Wenn, würde ich mir Gedanken machen“, erwiderte Trevor nachdenklich.
Wenn sie in die Freiheit wollten, kamen sie nicht drum herum. Sie mussten den Ausgang freischaffen.
„Kein Wort hierrüber … zu niemanden!“, forderte Edmund.
„Keine Sorge … Es ist auch nicht mein glorreichstes Erlebnis.“
Tatsächlich schafften es beide, den Ausgang so weit zu befreien, dass Trevor den Felsen wegschieben konnte. Sie ergriffen die Kiste und machten, dass sie aus der Höhle kamen.Es dauerte eine Weile, bis sie mit der Schatzkiste durch den unwegsamen Dschungel gelangt waren. Am Strand angekommen, ließen beide die Kiste hinter Esther und Nelli fallen, welche sich mit großen Augen zu ihnen herumdrehten.
„Was ist denn … mit euch passiert?“, fragte Nelli schockiert, während Esther versucht war, sich die Nase zuzuhalten. Wer wollte es ihr verübeln?
„Nichts!“, sprachen Edmund und Trevor mit einer Stimme. „Wir wollen nicht darüber reden!“
Trevor schnipste ein Stück Fleisch von seiner Schulter, und Edmund ergriff ein Stück Haut von seiner Kleidung und warf es angewidert zur Seite.
„Wir haben den Schatz gefunden!“, ergänzte Trevor und lachte unsicher mit hoher Stimme. „Und jetzt gehen wir uns waschen. Einfach … nur … waschen.“
Die beiden ließen die verwundert dreinblickenden Frauen hinter sich und liefen geradewegs zum Strand.Edmund fuchtelte gehend mit seiner rechten Hand vor sich herum. "Scheiß Schmetterlinge ... haut ab!"
„Wie war dein Tag so?“, wollte Trevor von Edmund wissen.
„Ich bin froh, gerade keine Gerüche mehr sehen zu können …“
Trevor nickte, während das violette Pferd Richtung Sonnenuntergang ritt. -
Der späte Nachmittag war hereingebrochen. Trevor und Edmund standen vor dem Gerüst und begutachteten ihre Arbeit. Edmund und Esther wirkten ausgeruhter, als noch die Tage zuvor. Nelli hatte jeden Morgen einen Tee für die Gruppe gekocht, der sie besser schlafen ließ. Trevor hatte allerdings auf den Tee verzichtet. Wer zwischen knapp hundert Männern unter Deck schlafen konnte, dem machte etwas Sonnenlicht auch nichts aus. Zudem wollte er nicht, dass irgendetwas seinen Geist beeinflusste. Nicht jetzt, wo er lernte, sich und seine Fähigkeiten zu beherrschen. Und sein seit einiger Zeit immer wiederkehrender Traum störte ihn nicht. Es war weder ein Albtraum noch etwas anderes. Er sah lediglich ein weißes Blatt Papier vor sich, das aus der Finsternis hervorstach. Jede Nacht aufs Neue tropfte schwarze Tinte auf dieses Blatt und floss zu einem aufrechtstehenden Bären, dessen Beine sich in Ketten befanden. Er wusste nichts damit anzufangen, aber vielleicht waren Träume auch nur das, was sie waren – Träume.
Edmund nickte die Zeichnung ihres Gerüstes ab. Alles wirkte solide. Es sollte das Schiff tragen können. Trevor hoffte nun innerlich, dass das Schiff die Tortur mitmachen würde. Sie würden es mit dem Heck voran an auf das Gerüst ziehen. Der Bug war zu sehr beschädigt, um zwei dicke Taue daran zu befestigen.
„Dann kann es wohl losgehen …“, erklang Nellis Stimme hinter den beiden.
Trevor schluckte trocken. Ob er es schaffte, das Schiff überhaupt zu ziehen? Er konnte es nicht sagen. Das war mehr als ein paar Holzstämme umherzuziehen oder zu tragen. Allerdings war es sein Vorschlag gewesen, es so zu versuchen. Er selbst hatte sich diese Aufgabe aufgebürdet. Jetzt einen Rückzieher zu machen, kam daher nicht infrage.
„Ist Esther so weit?“, wollte der Formwandler wissen und schaute sich nach der Magierin um, die das Schiff mit einem Schild schützen sollte. Gerade das beschädigte Bug wollten sie nicht ohne Schutz auf die Holzstämme ziehen.
Die junge Frau hatte sich bereits neben dem Gerüst positioniert und schien darauf zu warten, dass es losging.
Abschätzend schaute er sie an. Beide teilten einen Gesichtsausdruck, als gestanden sie sich ihre Bedenken gegenseitig ein. Trevor lächelte ihr schlussendlich zu, nickte und begab sich zu den Tauen. Wie schon zuvor, legte er sich diese über Kreuz über seinen blanken Oberkörper; seine Haut nur geschützt durch ein paar Stofffetzen.
Nelli gesellte sich zu Esther. Vermutlich war sie ihre emotionale Stütze, während Edmund sich wortlos in etwas Entfernung vor Trevor positionierte. Der Händlersohn sollte dem Formwandler zurufen, wenn etwas schiefging oder es genug war, denn Trevor besaß am Hinterkopf keine Augen.
Bevor Trevor begann zu ziehen, lockerte er durch Schütteln seine Oberarme. Vermutlich versuchte er nur, Zeit zu schinden. Sein Herz schlug ihm bis in den Hals. Wenn er versagte, mussten sie sich was anderes einfallen lassen – und das konnte wiederum Tage kosten.
Ein paar Mal atmete er tief ein und aus.
Dann mal los …
Langsam lehnte er sich in die Taue und begann, zu ziehen. Wie sonst auch, versuchte er seine Gedanken auf seine Zeit als Pirat zu fokussieren. Dass er nun viele Anordnungen von Johnny besser verstand. Vor allem, warum Johnny gewisse Äußerungen und Befehle ihm gegenüber ausgesprochen hatte. Er kam zum Schluss, dass in all den Jahren, Johnny angefangen hatte, sich vor seinem eigenen Sohn zu fürchten. Trevor hatte seinen Kapitän stolz machen wollen, weswegen er sich mehr Mühe im Zweikampf gegeben hatte als die anderen. Der Formwandler hätte sich aber nie vorgestellt, dass ihm das eines Tages zum Nachteil gereicht hatte. Ja, er hatte irgendwann Johnny im Kampf geschlagen. Irgendwann konnte er ihm nichts mehr beibringen und alles weitere erlernte Trevor im Kampf. Vielleicht befürchtete Johnny auch, dass Trevor mit wachsenden Talenten irgendwann seinen Vater ablösen würde. Als Kapitän des Schiffes. Andererseits fragte sich Trevor, warum sein Vater ihn dann gerettet hatte. Warum hat er ihn nicht wie die anderen von der Marine gefangen nehmen lassen? Viele Dinge verwirrten Trevor, was wiederum seine Wut kanalisierte.
Es tat sich noch nicht viel. Der Formwandler hatte alle mühe damit, auf dem Sand festen Stand zu finden, sodass er überhaupt vorankam.
Gib dir etwas mehr Mühe!
Trevor zog und zog, aber kam nicht voran. Er spürte, dass seine Muskeln brannten, dass er all seine Kraft in das Ziehen legte, aber es schien nicht zu reichen. Vielleicht war es für einen Formwandler schlichtweg zu viel … zu schwer …
Ein Schrei entwich ihm, woraufhin er die Brauen in Edmunds Gesicht nach oben gehen sah. Vermutlich verstand der Händlersohn, dass es nicht funktionieren wollte.
Esther stand vermutlich wartend neben dem Schiff. Bereit, ihren Schild aufzubauen, sobald es begann, sich zu bewegen. Nur leider tat es das nicht.
„Du wirst versagen“, hörte Trevor seine innere Stimme zu ihm sagen. „Wie mit allem!“
Die drei zählten auf ihn, und er würde sie enttäuschen. Wie er auf Dauer anscheinend jeden enttäuschte. Dennoch zog er weiter. Die kleine Gruppe hatte so viel für ihn getan, dass er nicht umgehend aufgeben wollte. Edmund hatte ihn aus der Kiste befreit. Esther sich um seine Wunden gekümmert und Oma viel ihrer eigenen Lebensenergie hergegeben, um ihn Vollidioten zu heilen. Er konnte jetzt nicht einfach schulterzuckend aufhören. Er biss die Zähne zusammen, raunte zunehmend lauter und zog …
Plötzlich merkte er, wie er einen Schritt nach vorne schaffte. Einen Schritt, aber es war ein Anfang.
Nach dem ersten folgte wie durch ein Wunder der zweite Schritt, aber Trevor verstand nicht umgehend, warum es plötzlich zu funktionieren schien. Dann schaute er in das Gesicht von Edmund und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Er dachte an die Gruppe. Daran, was sie für ihn bereits getan hatten, daran, was er nun für sie tun konnte. Dass er nicht seinetwegen nicht versagen wollte, sondern wegen ihnen.
„Esther hat das Schild aufgebaut!“, schrie Nelli. „Zieh weiter, Junge!“
Und das tat er. Er verlagerte seine Gefühle; rief sich Bilder ihrer Reise ins Gedächtnis. Davon, wie Edmund ihn hatte neu einkleiden lassen, wie Esther die Kiste von Trevor weggedrückt hatte … von dem Abend unter Deck, an dem sie alle mehr getrunken hatten, als gut für sie war. Von Edmunds und seinem Tavernenausflug, von dem Kuss mit Esther, Nellis stets aufmunternden Worten und ihrer teils verstörenden Wandlung in eine junge Frau … Ihr Lachen, ihre Streitigkeiten und Entschuldigungen … Es konnte nicht immer nur Wut sein, die Trevor beherrschte. Da waren auch andere Gefühle. Gefühle, die viel mehr Macht besaßen als blanker Hass.
„Noch weiter!“, brüllte unterdessen Edmund.
Ein plötzlicher Ruck signalisierte Trevor, dass er anscheinend das Schiff gerade auf die Rampe gezogen hatte. Jetzt galt alles oder nichts. Schritt für Schritt versenkte er seine Füße im Sand, versuchte, genug Halt für den nächsten zu finden. Aber auf der Rampe wurde das Ziehen nicht leichter. Ganz im Gegenteil. Er musste alle Kraft aufbringen, die er in sich finden konnte und dabei durfte er seine Konzentration nicht verlieren. Dabei merkte er, wie die Stofffetzen verrutschten. Die rauen Taue rissen an seiner Haut an Schulter und Oberkörper, aber eine Pause einlegen war nicht möglich.
Der Sand rutschte unter seinen Füßen weg, woraufhin er einen Schritt zurückfiel. Wiederholt ließ er einen Schrei los. Das konnte nicht wahr sein …
Doch plötzlich merkte er einen Widerstand an seinem Rücken. Kurz riskierte er einen Blick zurück, bei dem er bemerkte, dass Esther einen zweiten Schild aufgebaut hatte. Einen hinter seinem Rücken, der ihn davon abhielt, weiter zurückzufallen.
„Bitte beeile dich!“, hörte er die Magierin rufen. „Beide Schilde kosten zu viel Energie!“
Trevor schaute wieder voraus und hatte nicht vor, Esthers Hilfe allzu lange zu benötigen. Mit dem Schild im Rücken, fand Trevor schneller festen Stand und zog das Schiff immer weiter auf das Gerüst. Dabei schnaubte er sicherlich wie ein Bulle. Nicht viel anders kam er sich mit der Last im Rücken vor. Sicherlich ein amüsanter Anblick.
Auf dem letzten Stück galt es, noch einmal die Zähne zusammenzubeißen und alles zu geben.
Trevor konnte den Kraftakt nicht verbergen und stieß unkontrolliertes Brüllen aus. Es half ihm ebenfalls, über die Schmerzen auf seiner Haut hinwegzusehen, bei denen er das Gefühl hatte, seine Haut wurde ihm bei vollem Bewusstsein vom Körper gerissen.
„Nicht mehr viel …“, wies ihn Edmund lautstark an. „Noch ein kleines Stück!“
Endlich …
Trevor schnaufte und tat drei Schritte, ehe Edmund rief, dass es genug sei.
Das Schiff stand sicher auf dem Gerüst, und Trevor sackte auf seine Knie in den Sand. Augenblicklich streifte er sich die Taue vom Körper und senkte seinen Kopf. Er spürte, wie Blut an seinen Schultern und an seinem Bauch hinunterfloss, aber entgegen den vorherigen Schmerzen, handelte es sich bei seinen Verletzungen nur um Schürfwunden. Nichts, das nicht schnell verheilen würde.
Trevor hörte Edmunds Schritte im Sand. „Ich hätte nicht gedacht, dass unser Gerüst hält“, meinte der Händlersohn
Trevor lachte. „Wenn das deine einzigen Bedenken waren …“
Der Formwandler öffnete seine Augen und starrte beharrlich vor sich in den Sand. Es kostete all seine Selbstbeherrschung, nicht vor Erleichterung einfach zu weinen. Die Erkenntnis, dass nicht nur Wut, sondern ebenso das Gefühl von Sorge, Freundschaft und Geborgenheit seine Kräfte auslösen konnten, übermannten ihn geradezu. Das hieß vor allem, dass er nicht das Monster sein musste, vor das ihn sein Vater gewarnt hatte. Seine Stärke konnte ebenso durch etwas Gutes hervorgerufen werden. Er konnte damit Gutes tun. Mehr, als sie zum Töten anderer einzusetzen. Das Schiff aus dem Wasser zu ziehen hatte mehr mit ihm gemacht, als ihm nur das Ausmaß der Fähigkeiten von Formwandlern zu offenbaren. Auch, wenn er sich geschwächt und ausgelaugt fühlte. Er fühlte sich gut. Hungrig, aber gut.
„Nein, aber es wäre frustrierend gewesen, wenn nach der Schinderei das Gerüst samt Schiff einfach umgefallen wäre.“
Trevor schloss noch einmal seine Augen und warf seine Stirn in Falten. Er konnte nicht verhindern, dass sich eine einzelne Träne löste, über seine Wange floss und sich schlussendlich mit dem Blut auf seinem Oberkörper vermischte.
„Kein Grund zu heulen, du bekommst auch eine Extraportion Essen“, erwiderte Edmund und reichte ihm die Hand.
Trevor ergriff sie und stand auf. „Ich heule nicht … Ich schwitze … durch meine Augen.“
Edmund lachte. „Natürlich.“
„Das hat doch wunderbar funktioniert“, hörte er Nelli sagen, deren Stimme sich näherte.
Schnell wischte sich Trevor die Tränenspur von der Wange und nickte. Noch einmal atmete er tief durch und wandte sich den beiden Frauen zu.
„Ohne Esthers Hilfe hätte ich das aber nicht geschafft“, gestand der Formwandler und grinste.
Esther lächelte und wirkte etwas zurückhaltend. „Ich bin froh, dass es so gut … geklappt hat!“ Sie musterte ihn. „Geht es dir gut?“
Trevor sah überrascht an sich hinunter. „Ja, alles in Ordnung. Taue sind nicht aus Seide … leider. Und dir?“
Sie nickte. „Mir geht es gut!“
„Darum sollten wir uns kümmern“, wandte Nelli ein und zeigte auf die Schürfwunden, aber Trevor winkte ab.
„Nein, das ist schon gut. Das heilt auch ohne Hilfe. Ich werde mich nur waschen gehen.“
„Ich habe noch so viel Salbe übrig“, konterte Oma. „Die muss weg, bevor sie ranzig wird.“
Trevor lächelte beschwichtigend und gab nach. Bevor er schlafen ging, war sicherlich Zeit, sich etwas Salbe aufzutragen, bevor er sich anhören musste, dass sich jede Art Wunde entzünden konnte.
„Dann können wir anfangen, das Schiff richtig zu reparieren“, verkündete Edmund, und alle stimmten zu.
„Wir sollten gleich nach dem Essen anfangen“, erwiderte Trevor, und sein Magen stimmte diesem Vorschlag lautstark zu. Anscheinend verbrauchten seine Fähigkeiten ähnlich der Magie Energie. Bei Trevor äußerte sich das durch einen gesteigerten Appetit und Schwindel, wenn er seinem Hunger nicht nachkam.
Trevor lief zum Süßwasserteich, von wo aus sie ihr Trinkwasser bezogen und schüttete sich aus Eimern etwas Wasser über den Körper, sodass das Blut abgewaschen wurde. Sich noch mit Salzwasser quälen wollte er dann doch nicht. Danach lief er zurück und gesellte sich zu den anderen zum Essen. Dabei besprachen sie, welchen Teil des Schiffes sie sich zuerst widmen wollten. Alle waren für das Bug. Denn, wenn ihnen das Material ausging, waren ein paar Löcher oberhalb der Wasserkante egal, aber unten musste das Schiff dicht werden. Somit begannen sie, die alte Nussschale wieder instand zu setzen.
Immer wieder kam Nelli auf ihre Kosten, wenn Edmund sich mit dem Hammer auf seine Finger haute. Trevor fand es erstaunlich, wie oft das einem einzelnen Menschen passieren konnte. Aber vermutlich konnten sie schon froh sein, dass er den Hammer richtig herum hielt. Trevor reichte Esther das Kalfaterwerkzeug. Damit sollte sie die Kauder- und Baumwollstreifen, die sie gefunden hatten, in die Ritze der Planken klopfen, nachdem Edmund sie angebracht hatte. Das alles war nicht einfach. Weder die eine noch die andere Arbeit. Allerdings zog es Trevor vor, sich alleine um das heiße Pech zu kümmern, das danach mit einem Dweiel – einer Art Stoffbommel an einem Stock – aufgetragen wurde, um alles abzudichten. Er wollte nicht riskieren, dass sich einer von ihnen verbrannte. Und bei den handwerklichen Künsten von Esther und Edmund, sah Trevor das leider kommen. Das sagte er ihnen aber nicht. Viel lieber lobte er sie für das, was sie schafften, und rügte sie nicht dafür, was sie nicht an einem Tag erlernten. Das hatte er an Bord eines Schiffes immerhin auch nicht. Die Arbeitseinteilung sorgte zudem dafür, dass sie schnell vorankamen, während Nelli sich um das Innere des Schiffes kümmerte. Die kleinen Zimmer unter Deck wurden von ihr akribisch gesäubert, alte Kissen und Decken gewaschen und nach kurzer Zeit erstrahlte die alte Nussschale geradezu in neuem Glanz.
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Trevor war nach dem Gespräch mit Esther ins Lager zurückgekehrt. Nelli wollte noch einmal zu einer Entschuldigung ansetzen, aber der Formwandler wiegelte dies gleich ab. Nelli traf immerhin wirklich keine Schuld. Er legte der Alten seine Hand auf die Schulter und lächelte sie an. „Vergiss es einfach. Das werde ich auch tun.“
Nelli musterte ihn sichtlich besorgt, zuckte aber schließlich mit den Schultern. „Wenn du meinst, Bursche.“
„Übrigens …“, kam von Edmund aus der anderen Richtung. „… dein Vater bleibt auf der Insel. An Bord dulde ich keine Geister!“
Trevor begann zu lachen. Das war ihm auch am liebsten. Und er war froh, dass Edmund keine Fragen stellte. Der Händlersohn hatte bereits die Zeichnung für das Gerüst in der Hand, auf die Trevor einen Blick warf. Beide waren sich einig, dass es Zeit wurde, von der Insel zu verschwinden.
Die paar Seile, die sie gefunden hatten, würden sie noch brauchen, deswegen warf er den Frauen einen Blick zu. „Wir brauchen lange Seile!“, meinte Trevor dann. „Am besten ist, wir nutzen, was der Dschungel hergibt! Ihr könnt Lianen sammeln und sie zu langen Seilen drehen. Damit ziehen Edmund und ich dann das Holz aus dem Dschungel!“
„Das machen wir, Junge“, bestätigte Nelli.
Esther nickte, und Trevor kam nicht umhin, ihre roten Wangen zu bemerken. Erstaunt zog er die Brauen hoch.
„Vielleicht solltest du erstmal eine Weile aus der Sonne, bevor dein Gesicht verbrennt“, schlug er Esther vor.
„Das kommt nicht von der Sonne …“, antwortete Nelli kichernd.
„Mir geht es gut!“, erwiderte Esther und schaute die Alte von der Seite an.
Trevor zuckte mit den Schultern. Vielleicht hatte sie nicht ausreichend getrunken oder Ähnliches.
Räuspernd stand Edmund neben Trevor und erhob seinen Finger. „Sehe ich aus, als würde ich bei dieser Hitze Holz aus dem Dschungel ziehen?“
Trevor rollte mit seinen Augen.
„Du kannst auch gerne den Frauen bei der Seilherstellung helfen, wenn das dem edlen Herrn genehmer ist?!“, murrte Nelli.
Esther sah Edmund derweil an. „Ihr wollt doch auch von der Insel runter. Also solltet Ihr vielleicht mitanpacken“, ergänzte sie.
Trevor hob schlichtend seine Hände, bevor die Frauen Edmund noch als Galionsfigur ans Schiff binden würden. „So meinte ich das auch gar nicht. Die schweren Sachen übernehme ich! Allerdings kann Edmund bereits andere Bäume fällen, während ich die Gefällten zusammentrage, festbinde und dann hierherbringe.“
„In welcher Welt ist Bäume zu fällen eine leichte Arbeit?“, wollte Edmund wissen.
Aber auf diese Diskussion ließ sich Trevor nicht ein. Ein bisschen würde der Händlersohn schon schwitzen müssen. Und wenn Trevor die Gesichter der Damen betrachtete, würde er das spätestens, wenn er mit ihnen ging.
Trevor legte sein Hemd ins Lager. Die Hitze würde sicherlich auch ihm zu schaffen machen, und das Hemd zerreißen wollte er auch nicht, wenn er die Stämme hinter sich herzog.
Er schnappte sich die Axt, ein paar Stofffetzen und Edmund am Kragen dessen Hemdes und zog ihn kurzerhand hinter sich her.
Nelli und Esther verschwanden derweil im Dschungel, um sich direkt an die Seile zu machen.
„Was soll das?“, beschwerte sich Edmund und richtete seine Kleidung, nachdem Trevor ihn losgelassen hatte.
„Ich wollte nur sichergehen, dass du nicht doch noch Seile flechten gehst!“
„Ich werde keine Bäume fällen!“, wiederholte Edmund und ging Trevor nach.
„Und wie du das wirst!“, widersprach der Formwandler ernst. Trevor wusste nicht für was, aber schaden konnte Edmund das Wissen darüber nicht. Wenn der Händlersohn mit der Arbeit nicht nachkam, konnte er ihm immer noch helfen.
An einigen Bäumen zeigte Trevor Edmund, wie man Bäume fällte. Dass die Fallkerbe wichtig war, und er den Baum nicht komplett bis zur Kerbe durchhacken sollte. Die Bruchkante sollte stehenbleiben, damit der Baum nicht doch noch unkontrolliert umfiel. Trevor würde dann am Seil den Baum kontrolliert umziehen. So war auch sichergestellt, dass sich Edmund aus der Gefahrenzone begeben konnte.
Edmund schien genervt und nicht wirklich zuzuhören.
Trevor war klar, dass der Händlersohn solche Arbeiten nicht gewohnt war. Er bekam das Gefühl, es mit einem trotzigen Schiffsjungen zutun zu haben. Das half ihnen aber auf der Insel nicht weiter. Wenn Trevor all diese Arbeiten alleine erledigen musste, würde es noch länger dauern, von der Insel herunterzukommen. „Ich hoffe, du hast zugehört“, fuhr Trevor fort. „Wenn nicht, brauchst du dir vielleicht über harte Arbeit alsbald keine Sorgen mehr zu machen.“
„Jaja“, erwiderte Edmund und winkte ab.
Trevor reichte ihm die Axt und betrachtete die gefällten Bäume. Diese hatten sie bereits entastet, sodass der Formwandler sie direkt zum Lager bringen konnte. Nur … Konnte er diese Stämme wirklich einfach anheben, um sie am Strand zu stapeln?
Trevor begab sich zum unteren Ende des Stammes und versuchte, ihn anzuheben. Wie ein Kind an einem zu schweren Stein hing er an dem Ende und schaffte es nicht. Immer wieder setzte er an, aber das Holz bewegte sich keinen fingerbreit.
Urplötzlich hörte Trevor ein Lachen aus Edmunds Richtung, der den Anblick des Formwandlers anscheinend mehr als amüsant fand. „Schön, wenn es dich amüsiert …“, presste Trevor zwischen seinen Zähne empor, während er immer noch versuchte, den Stamm anzuheben.
„Was genau versuchst du da?“, wollte Edmund wissen.
„Ich versuche, den Baumstamm hochzuheben!“
„Klappt wohl nicht ganz“, kam spöttisch zurück.
„Das Gleiche könnte ich über deine Fällarbeiten sagen …“, antwortete Trevor.
„Ich habe noch nicht mal angefangen …“
Trevor stöhnte. Irgendwie hätte ihm das klar sein müssen. „Dann fang an!“, befahl er.
„Ich nehme keine Befehle von einem Piraten entgegen!“ Edmund griff aber trotzdem nach der Axt.
Trevor knirschte mit seinen Zähnen. „Hör auf, dich wie ein reiches Kind zu benehmen, das man zwingt, seine eigenen Räumlichkeiten zu säubern! Wir arbeiten hier alle zusammen am gleichen Ziel!“
„Was ist dein Problem? Ich habe die blöde Axt doch genommen! Wag es nochmal mich als Kind zu bezeichnen, und du kannst deine blöden Bäume allein fällen!“
„Ich. Habe. Kein. Problem!“, maulte Trevor, hob den Stamm an, allerdings so schwungvoll, dass er rotierend aus dem Dschungel katapultiert wurde. Sichtlich überrascht starrte der Formwandler dem Stück Holz nach, das im Sand zum Erliegen kam. „Geht doch!“, stieß Trevor danach erfreut aus und wandte sich Edmund zu. „Mach ruhig weiter!“
Edmund sah Trevor blinzelnd an. „Womit?“
„Mich wütend zu machen. So scheint es zu funktionieren.“
„Funktioniert was?“
„Die Stärke eines Formwandlers hervorzurufen. Oder was glaubst du, warum ich einen halben Baum anheben konnte? Das ist das, was mein Vater mir unbedingt ausrichten wollte … Dass ein Formwandler mehr kann, als andere Menschen nachzumachen …“
„Aha. Dein Vater.“ Edmund verdrehte die Augen, hob die Axt an und wandte sich einem Baum zu. „Der Geist ...“, fuhr Edmund spöttisch fort und schlug mit der Axt zu. „Ihr seid doch alle nicht mehr zurechnungsfähig! Diese schräge Alte belügt dich mit irgendwelchem Klamauk, und du glaubst ihr den Schwachsinn auch noch!“ Die Axt verkeilte sich im Baum, und Edmund versuchte sie herauszuziehen, indem er seinen Fuß gegen den Stamm stemmte.
Trevor stemmte unterdessen seine Arme in die Hüfte. „Sie hat nicht gelogen. Der Geist war Johnny, der sich als mein Vater herausgestellt hat. Er wusste Sachen, die ich keinem von euch erzählt habe. Wie den Vorfall von der Rosalie. Das war etwas zwischen ihm und mir. Oma mag viele Talente haben, aber das hätte sie nicht wissen können.“ Trevor lachte. „Und nach allem, was wir durchgestanden haben, zweifelst du an ein paar Geistern? Und das ich den Baum gerade zum Strand geworfen habe, erscheint mir auch ziemlich echt.“
„Was weiß denn ich?! Nur, dass ich auf einer verfluchten Insel mit verfluchter Hitze und einer Hand voll Spinnern festsitze, die nicht mehr alle beisammen haben! Ihr seid alle komplett wahnsinnig! Ich kann wahrscheinlich froh sein, wenn ich das überlebe und nicht ende wie der Steuermann!“
Edmund schien mit allem überfordert zu sein, aber anstatt innerlich das Verhalten zu entschuldigen, nutzte Trevor die gefallenen Anschuldigungen. Er ging zum nächsten Baum, umfasste das Gefühl, das die Worte ihn ihm auslösten und hob langsam den Baumstamm an. Und diesmal gelang es ihm auf Anhieb. Trevor platzierte ihn auf seiner Schulter, balancierte ihn aus und lief damit zum Rand des Dschungels. Hier ließ er ihn fallen und kehrte zu den anderen zurück. Mit jedem Mal, den er einen Baumstamm hochhob, wurden sie leichter. Er beachtete Edmund nicht. Sprach zu ihm kein Wort, damit er dieses Gefühl in sich nicht losließ.
Er befürchtet, zu enden wie der Steuermann …
Wir sind ein Haufen Spinner? Dann ist er unser König!
Er durfte die Wut nicht verebben lassen. Deshalb musste er aufhören, sich durch Gedanken noch selbst zum Lachen zu bringen. Trevor schulterte den letzten Baumstamm, den Edmund gefällt und entastet hatte und ging zum Strand.
„Hier sind die …“, hörte er plötzlich eine Stimme neben sich und wandte sich dieser überrascht zu. Ein spitzer Schrei folgte und er sah, wie sich Esther unter dem Stamm durchduckte.
Trevor ließ sofort das Holz über seinen Rücken auf den Boden fallen, wo es hinter ihm im Sand landete. Direkt vor den anderen Holzstämmen, die er bereits hier platziert hatte. „Entschuldige, ich habe dich nicht gesehen. Alles in Ordnung?“
„Ja … alles in Ordnung, denke ich …“, antwortete sie mit zittriger Stimme und streifte sich eine Haarsträhne zurück. „Hier sind die Seile.“
„Danke …“ Trevor musterte sie. „Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich musste mich nur konzentrieren und hatte anscheinend alles andere ausgeblendet.“ Er begann umgehend, die Baumstämme zusammenzubinden, sodass sie ein großes Paket ergaben.
„Es ist ja nichts passiert“, erwiderte sie und musterte die Baumstämme. „War das nicht anstrengend? Die Stämme müssten doch schwer sein?“
Trevor nickte. „Sind sie auch. Zumindest, wenn ich nicht … konzentriert genug bin. Aber Formwandler können anscheinend mehr, als die Form anderer Menschen anzunehmen. Das ist das, was mein Vater mir eigentlich in unserer Situation sagen wollte.“ Und wiederholte somit, was er bereits Edmund gesagt hatte.
Esther sah Trevor an. „Scheinen nützliche Fähigkeiten zu sein.“
„So nützlich wie sie sein können, wenn man nicht als richtiger Formwandler erzogen wurde, weil der eigene Vater einem nicht vertraute. Aber ja, etwas mehr Muskelkraft schadet uns wohl nicht.“ Er legte sich die Seile zurecht, die er nutzen wollte, um die Stämme zu ziehen. Sie sollten in etwas Entfernung seine Brust überkreuzen. Ähnlich wie bei einem Kaltblut, das eigentlich für solche Arbeiten genutzt wurde. Aber Trevor ging nicht davon aus, irgendwo auf der Insel ein Lastentier zu finden.
Die junge Magierin dachte anscheinend nach. „Das tut mir leid mit deinem Vater.“ Sie zögerte etwas, bevor sie weitersprach. „Falls du Hilfe brauchst oder mit jemanden reden willst … Ich höre dir zu.“
Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein zaghaftes Lächeln ab, das bei Trevor Stirnrunzeln verursachte.
Sie muss verschwinden! Sie ist viel zu nett! So kann ich meine Fähigkeiten vergessen! Vor allem, wenn sie mich anlächelt wie einen verletzten Hundewelpen.
Das Gefühl, das er vorher umklammert hatte, war gänzlich verschwunden und während er Esther ansah, konnte er es auch nicht in sich finden.
Im gleichen Moment kam Edmund mit geschulterter Axt aus dem Wald. „Ich glaube, ihr beiden solltet endlich mal zur Sache kommen, das kann man sich ja nicht anschauen …“, sprach der Händlersohn im Vorbeigehen.
„Bitte was?“, entglitt es Trevor, der dabei war, sich die Seile umzulegen und die Stofffetzen zwischen seiner Haut und den Seilen zu platzieren. Hatte er was nicht mitbekommen?
„Was meint er?“, murmelte Esther neben Trevor ebenso unwissend.
„Sowas staut sich an. Ist sicher nicht gesund. Kein Wunder neigst du zur Gewalttätigkeit.“
Trevor fiel metaphorisch das Kinn in den Sand. Er starrte Edmund an, der sich anscheinend auf den Rückweg begab.
Unterdessen spannte Trevor die Seile. „Ich staue dir gleich was …“, antwortete er und sah abwechselnd von Esther zu Edmund.
Die Gräfin schien nicht wirklich zu verstehen, was der Händlersohn da von sich gab. Also, entweder wollte sie es nicht verstehen oder tat es nicht.
„Was? Hat die Gräfin dir eine Abfuhr gegeben?“ Edmund klopfte Trevor grinsend auf die Schulter. „Armer kleiner Pirat. Das wird schon noch.“
Trevor schnappte nach Edmund, aber dieser sprang lachend zur Seite und bedachte den Formwandler mit einem mitleidigem Blick. Trevor begann, sich in Bewegung zu setzen, vor allem, weil er Edmund an den Kragen wollte. „Dir ist klar, dass du die Gräfin beleidigst und nicht mich …“
„Ich beleidige niemanden. Ich gebe nur den Ratschlag. Wo bietet sich das besser an, als auf einer einsamen Insel.“
„Ich kann dir versichern, dass es da nichts gibt, das einen Ratschlag bedarf! Vor allem nicht von dir“, äußerte Trevor und zog die Stämme hinter sich her.
Edmund grinste weiter. „Ja, offenbar. So viele Ratschläge kann man dir gar nicht geben, wie du sie bräuchtest.“
„So viele gleich … Da bin ich wahnsinnig gespannt …“, nuschelte Trevor hörbar sarkastisch. Spürbar lastete das Gewicht auf seiner Brust, aber er ignorierte es gekonnt.
„Wo soll ich anfangen?“
„Wie wäre es mit dem gravierendsten Punkt?“, schlug Trevor schwer atmend vor, während sich alle seine Muskeln anspannten.
„Der gravierendste Punkt? Bitte! Es wäre sicherlich hilfreich, keine Baumstämme durch die Gegend zu tragen als wären es Zahnstocher! Das ist nicht normal! Oder Leute zu morden wie ein völlig Gestörter! Da will ich gar nicht wissen, was du mit dem jemanden machst, mit dem du vögelst!“
„Derjenigen!“, blökte Trevor. „Wenn überhaupt wäre es eine Frau!“
„Von mir aus! Aber oh Wunder, auch Frauen finden es nicht gerade erheiternd, wenn vor ihren Augen ein Schädel zu Mus geschlagen oder aufgespießt wird! Du bist völlig übergeschnappt!“
Trevor schwieg erstmal. Dem Punkt konnte er wohl kaum widersprechen. Allerdings waren Frauen bei solchen Dingen auch seltener dabei. Zumindest sollten sie das nicht sein. Dass es in ihrer Situation anders gekommen war, dafür konnte Trevor nichts. Zum Thema Beischlaf war das auch unerheblich. Nelli war Trevor ein paar Tage zu alt und mehr eine Großmutter. Und Esther? Allein daran einen Gedanken zu verschwenden, wäre völlig unnütz gewesen. Trevor musste zugeben, dass bei Esthers Anblick sicherlich einige Männer mit dem Gedanken des Umwerbens spielten, aber … Für Trevor war das Aussehen einer Frau zwar nicht unwichtig, was Esther aber vielmehr von vielen anderen unterschied, war ihr guter Charakter. Hilfsbereit, besorgt. Das hatte Trevor bisher selten am eigenen Leib erfahren. Das änderte aber nichts daran, dass die Gräfin für Männer wie ihn unerreichbar war. In seinem Fall konnte er höchstens eine Obdachlose beeindrucken. Und die waren nicht dafür bekannt, sonderlich ansehnlich noch höflich zu sein.
Konzentration!
Er konnte den Lagerplatz bereits sehen. Er musste nur noch ein Stück durchhalten. Hinzu kam, dass er den Schwindel unterdrücken musste, der sich allmählich in sein Bewusstsein kämpfte. Schwere Lasten zu tragen war alles andere als leicht auf Dauer. „Noch mehr so weise Ratschläge?“, presste er hervor und zog weiter.
„Eigentlich schon. Aber ich habe auch keine Lust mehr weiterhin Atem an jemanden zu verschwenden, der es sowieso nicht wert ist. Ein dreckiger Pirat, der einem in den Rücken fällt! Ich hätte dich damals in dem Käfig lassen sollen. Im Nachhinein war der Käfig sogar gut, um alle um dich herum vor dir zu schützen ... Du beschützt niemanden vor Gefahren, du bist die Gefahr!“
Trevor blieb stehen und hob die rechte Augenbraue. „Echt jetzt?“, fragte er und atmete ein paarmal tief durch. Wenn er sich genauer umsah, reichten die paar Meter zum Schiff und Lager aus. Er befreite sich von den Seilen und fuhr sich über sein Gesicht. Seine Sicht war bereits verschwommen und er brauchte eindeutig eine Pause. Die acht Holzstämme, die er zum Schiff gebracht hatte, waren fürs Erste genug. Später ging es sicherlich wieder. „Du hättest vielleicht beim Thema Frauen bleiben sollen“, sprach Trevor weiter, als ihm mehr Atem zu Verfügung stand.
Edmund seufzte. „Heißt das, ich darf aufhören, dich wütend zu machen? Ich habe nämlich keine Lust mehr.“
Trevor nickte. „Ich habe auch keine Lust mehr, wütend zu sein. Ich muss mir dazu etwas anderes einfallen lassen.“
„Super. Ich weiß nicht mehr, was ich mir noch aus den Fingern saugen soll.“
Esther kam ihnen nach und schaute beide fragend an. „Was genau war das?“
Die Männer sahen sich an, dann schauten sie zu Esther. „Was genau meinst du?“, fragten sie synchron.
„Diese Beschimpfungen und diese Aussprache! Musste das sein?“ Sie klang nicht wirklich wütend, wenn das Trevor beurteilen musste. Mehr verwirrt. Vielleicht doch eher beides?
„Trevor kann nur, wenn er wütend ist“, erklärte Edmund trocken und zuckte mit seinen Schultern.
Trevor plusterte seine Wangen auf und wurde wahrscheinlich rot im Gesicht. „Musst du das so formulieren?“, beschwerte er sich. „Wenn, dann erkläre es richtig …“ Der Formwandler wandte sich Esther zu. „I… Ich kann diese Kräfte bisher nur … hervorrufen, wenn ich wütend bin.“
„Stimmt, das andere kann ich nicht beurteilen“, mischte sich Edmund grinsend ein.
Trevor seufzte. „Ich musste mich wieder konzentrieren, nachdem du die Seile gebracht hattest. Deswegen half mir Edmund dabei.“
Bei Esther war trotz der Erklärung noch ihre Zornesfalte zu sehen. Aber sie atmete einmal tief durch und nickte verstehend.
Die drei liefen zum Lager, wo Nelli Wasser und etwas Obst bereitgestellt hatte. Als sie Trevor sah, nickte sie anerkennend und schlug ihm auf die Schulter. „Gut gemacht, Junge. Ihr alle habt das gut gemacht!“
Trevor nahm das lächelnd hin und trank etwas Wasser aus einer Holzschale.
Es würde noch ein paar Tage dauern, bis sie genug Holz für das Gerüst zusammen hatten, aber alle schienen optimistisch, es zu schaffen.
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Trevor betrat den Dschungel. Er hatte gar keine Ahnung, wohin er laufen sollte oder wollte. Das Einzige, was er wusste, war, dass er irgendwo Ruhe finden wollte. Ein Sturm tobte in seinem Kopf, den er so noch nie zuvor verspürt hatte. Nicht nur, dass sein Kapitän, nein Vater, ihn jahrelang belogen hatte … Johnny hatte ihn gehalten wie ein wildes Tier, das er nur von der Leine gelassen hatte, wenn es anscheinend zu seinem Vorteil gewesen war. Nun dachte der tote Seebär, dass Trevor ohne ihn anscheinend vollkommen außer Kontrolle geraten würde. Mürbe lehnte er sich an einen Baum und rutschte auf den Boden. Seine offenen Handflächen ruhten auf seinen angewinkelten Knien, und er betrachtete sie ausgiebig. Ja, es klebte Blut an diesen Händen, aber er hatte nie grundlos getötet. Die oftmals übertriebene Art diente nur dazu, ihm andere Schläger, Mörder oder Piraten vom Hals zu halten, aber er hatte sich nie zu ihnen gezählt. Hätte so jemand eine junge Frau vor einer Entführung bewahrt? Vermutlich nicht. Trevor schloss seine Augen und hob seinen Kopf Richtung Baumkronen. Vielleicht war er etwas zwischen ihnen, denn als Held würde er sich auch nicht bezeichnen. Etliche Kämpfe passierten sein inneres Auge, und unfreiwillig warf er seine Stirn in Falten. Eines musste er zugeben: Es lag ihm tatsächlich im Blut!
Aber musste das etwas Schlechtes sein? Sein Vater hatte sich gegen das Leben eines Formwandlers entschieden. Trevor kannte das Leben von ihnen nicht und er hatte auch nicht vor, ein Leben wie sie zu führen. Aber vielleicht konnte er den Teil akzeptieren, der seinen neuen Freunden und ihm weiterhelfen würde. Er war nun mal der Einzige unter ihnen, der Kampferfahrung vorweisen konnte. Dafür konnte er nicht zaubern oder Tränke brauen.
Plötzlich spürte Trevor einen Wassertropfen in seinem Gesicht und er öffnete daraufhin seine Augen wieder. Dunkle Wolken waren aufgezogen und Donnergrollen war zu vernehmen.
Hoffentlich ziehen sich die anderen ins Schiff zurück!
Kaum waren die ersten Tropfen gefallen, schienen die Wolken aufzureißen und ein starker Regen setzte ein. Der ganze Dschungel trommelte, und Trevor blieb sitzen. Wasser lief ihm am Gesicht hinunter, das er nur gelegentlich mit seiner Hand von seinem Kinn wischte.
„… und du hast das Gefühl, die Magierin fühlt sich allein mit dir wohl?“, hallte es in Trevors Kopf wider. „Wenn das in ihren Kreisen herauskommen würde, würde diese junge Frau vollständig ihr Ansehen verlieren.“ Das waren Sätze, gegen die sich Trevor nicht wehren konnte. Taten, für die es keine wirkliche Entschuldigung gab. Er konnte solch einen Vorfall nur für sich behalten und hoffen, dass es andere ebenso taten. Er war nicht hochgeboren, aber das hatte er sich nicht ausgesucht. Niemand konnte sich aussuchen, als was oder wer er zur Welt kam. Dennoch bestimmte die Welt den Platz eines jeden. Jemand wie er wurde nicht plötzlich geachtet. Das Einzige, was ihm übrigblieb, war, dass er gefürchtet wurde. So war es zumindest in seiner bisherigen Welt gewesen. Piraten brauchten nicht nur ein loyales Gefolge, sie brauchten auch einen Ruf, der ihre Schiffe beschützte. Trevor war sich im Klaren darüber, dass er nie wieder ein Pirat sein wollte. Dennoch galt für ihn wahrscheinlich das gleiche. Wenn er die kleine Gruppe beschützen wollte, dann ging das nicht mit Geld oder einem Gefolge. Es ging nur darüber, wer er war und was er konnte. Er musste damit ins Reine kommen. Er musste sich entscheiden! Trevor hatte immer versucht, der gute Kerl zu sein. So zu sein, wie seine Mutter ihn haben wollte. Danach hatte er versucht, so zu sein, wie Johnny ihn haben wollte. Vielleicht musste damit Schluss sein. Es war an der Zeit, herauszufinden, wie er sein wollte. Edmund, Nelli und Esther waren immerhin bisher nicht schreiend vor ihm weggelaufen. Und Esther hatte ihm den Dolch zurückgegeben. Würde sie in seiner Nähe Todesängste ausstehen, hätte sie ihm wohl kaum eine Waffe in die Hand gedrückt. Jetzt war ihm offenbart worden, dass er noch viel mehr konnte, als geschickt eine Waffe zu schwingen. Über das Ausmaß seiner Fähigkeiten war er sich nicht bewusst, aber er würde es auch nicht herausfinden, wenn er hier sitzenblieb.
Trevor rappelte sich auf und schaute sich durchnässt um. Der Baum, an dem er gelehnt hatte, war vom Stamm her gerade so breit, dass er als einer der Pfosten für das Gerüst herhalten konnte. Davon brauchten sie ein paar. Gut war, dass ihm keiner zusah. Zur Sicherheit schaute er sich aber noch einmal um. Danach stemmte er sich gegen den Baum und begann, zu drücken. Mit aller Kraft versuchte er, den Baum umzuwerfen, aber es geschah … nichts. Durch den Regen wurde die Rinde rutschig, was es nicht einfacherer machte.
Von wegen stärker ….
Trevor konnte von dieser Stärke nichts spüren. Er hing wie jeder andere Sterbliche an dem Baum. Aus der Ferne würde es jeder wahrscheinlich für eine innige Umarmung halten.Drei Stunden später … hing Trevor immer noch am gleichen Baum. Mittlerweile war es dunkel geworden. Er sah kaum die eigene Hand vor Augen. Schwer atmend hing er mit der Schulter am Stamm und das Mistding hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Sein Haarband hatte er irgendwo verloren, sodass ihm sein langes, dunkles Haar am Rücken und im Gesicht klebte. Zumindest hatte es aufgehört zu regnen, und es war schwül geworden. Trevor konnte nicht mehr unterscheiden, ob er geschwitzt oder nassgeregnet war. Vermutlich war es eine Mischung aus beidem.
„So funktioniert das nicht!“, sprach er zu sich selbst und richtete sich auf. „Ich weiß ja nicht, was du für eine Stärke gemeint hast, aber allem Anschein nach besitze ich sie nicht!“
Anstatt auf Trevor herumzuhacken, hätte Johnny ihm lieber genau beschreiben sollen, wie er sie nutzen konnte. Geister … Der Formwandler war also genauso hilfreich wie vorher. Sie würden mühselig jeden einzelnen Baum fällen und an den Strand transportieren müssen. Trevor war sich bewusst, dass das Tage, wenn nicht Wochen, dauern konnte. Wütend schlug er deswegen gegen den Baum, woraufhin ein Stück Rinde abplatzte. Überrascht zog Trevor die Brauen hoch und kniff die Augen zusammen. Im wenigen Licht des Mondes, der durch das Blätterdach schien, erkannte er seine die kahle Stelle des Baumes und die Delle, die er ins Holz gehauen hatte. „Wut …“, erinnerte er sich. Johnny sagte, dass Wut sein Antrieb war. Aber wie sollte er diese kontrollieren? Wütend zu sein war wie Lachen. Das geschah einfach.
Werd wütend, Trevor …
Während er versuchte, sich einen Weg auszudenken, wütend zu werden, sammelte er lange Lianen, die er zu einem dicken Tau verband. Wütend zu werden, konnte nicht so schwer sein. Oder? Er rief sich alle Beschimpfungen sind Gedächtnis, die man ihm jemals gegen den Kopf geworfen hatte, band das eine Ende des Taus währenddessen um sich und ging zum Baum zurück. Das andere Ende band er um den schmalen Baum. Und das so weit oben, dass er davon ausging, den Baum umziehen zu können. Als alles fertig war, startete er einen neuen Versuch. Trevor zog und zog. Dabei dachte er daran, wie Johnny ihn als außer Kontrolle geratenes Etwas beschrieben hatte. Dass er ein Nichts war. Und was soll man sagen? Es half! Er merkte, wie der Baum ein bisschen nachgab und sich in seine Richtung neigte. Aber bevor Trevor einen Erfolg verbuchen konnte, riss das Seil.
„So eine verfickte Scheiße!“, brüllte er. „Wie soll Mann hier Bäume fällen?“
„Mit einer Axt?“, hakte seine innere Stimme trocken nach. Natürlich, aber die lag im Lager. Aber Trevor musste zugeben, dass die Lösung vielleicht nicht war, einen Baum umzuziehen, sondern sie erstmal herkömmlich zu fällen. Er konnte danach aber versuchen, mehr als einen gleichzeitig aus dem Dschungel zu ziehen. Edmund konnte sie immerhin auch entasten, während Trevor welche zum Strand brachte. Diese Erkenntnis war schlau, aber trotzdem nervte Trevor der Baum. Der würde bei Tageslicht als erstes fallen, so viel stand fest.
Apropos Tageslicht … Kaum hatte sich Trevor damit abgefunden, dass er Bäume fällen musste wie ein Normalsterblicher, bemerkte er den rosafarbenen Himmel. Doch bevor er zurückging, wollte er zunächst den Schweiß loswerden. Also lief er erstmal zum Strand, von wo aus er das Schiff sehen konnte. Dort angekommen, streifte er sich das Hemd vom Körper, das an ihm hing wie eine zweite Haut. Danach waren seine Stiefel dran, die er im Sand liegen ließ. Das Hemd tauchte er kurzerhand unter Wasser, rang es aus und warf es dann zu den Stiefeln. Die Hose war auch schmutzig, aber nach all den Vorwürfen seines Vaters, wollte er vermeiden, nackt gesehen zu werden. Ihm persönlich war das ja egal, aber wenn die Obrigkeiten schon bei einem Kuss einer anderen Person den Rang und Namen absprachen … Was geschah dann, wenn Trevor nackt herumlief?
Sie können sich umdrehen, scheiß drauf!
Trevor knurrte. Es waren Damen anwesend. Da war es wohl falsch, sich wie die Axt im Wald zu benehmen. Nörgelnd lief er ins Wasser und das samt Hose. Im hüfthohen Wasser versuchte er, etwas die Moosflecken abzureiben, was aber nicht einfach war. Deshalb schaute er sich um, zog die Hose zumindest unter Wasser aus und rieb den Stoff vehement gegeneinander. Das tat er so lange, bis die Flecken auf dem dunklen Stoff verblassten.
Geht doch …
Zufrieden mit seiner Arbeit knäulte er die Hose zusammen und warf sie an den Strand. Er warf sie … AN DEN STRAND! Das klatschende Geräusch seiner Hand gegen die Stirn vertrieb die Möwen in der Nähe.
„Ich bin das nicht gewohnt!“, rechtfertigte er sich vor sich selbst. Was sollte man tun? Aus einem Gossenkind machte niemand binnen weniger Tage einen Gentleman. Aber noch war niemand wach, wie es schien. Deshalb wusch sich Trevor zunächst und hoffte das Beste. -
Zwei Tage waren vergangen, seit Nelli Trevor geheilt hatte. Die alte Dame erholte sich rasch, aber der Formwandler kam nicht umhin, sich mehrfach zu bedanken und sie zu bitten, das nicht mehr zu tun. Nelli quittierte allerdings jeglichen Einwand mit einem zaghaften Lächeln.
„Du hast dein Leben noch vor dir“, hatte sie gesagt. „Pass aber etwas besser darauf auf!“
Trevor konnte nur nicken. Dann war diese Zusage zumindest nicht gänzlich gelogen. Wenn er in die Runde sah, würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als sich immer wieder ins Kreuzfeuer zu werfen. Jeder besaß seine Talente, und seines war eben …
Er atmete durch und starrte auf die Zeichnung, die Edmund und er angefertigt hatten. Zu ihrem Glück war noch etwas Tinte in einem Tintenfass an Bord der Nussschale verblieben, sodass sie das Notwendigste hatten aufschreiben können, was ihre Konstruktion anging. Das Schiff musste auf ein Gestell, damit sie auch den Rumpf reparieren konnten. Dazu benötigten sie eine Menge Holz. Holz, das es zu schlagen galt.
Trevor fuhr sich über die Stirn. Das würde etwas dauern und es war bereits Nachmittag. Die Hitze trieb allen den Schweiß auf die Stirn, weshalb sie einfacheren Arbeiten nachgingen.
Er setzte sich neben Nelli und schärfte zunächst die Axt, die er zum Schlagen der Bäume benötigte. Er beträufelte den gefundenen Schleifstein mit etwas Wasser und begann, die Schneide der Axt darüber zu reiben.
„Ich glaube, ich bin fit genug, mit dem Nähen der Segel anzufangen“, erklärte Nelli.
Trevor schmunzelte. „Du kannst dir Zeit lassen“, erwiderte er. „Zuerst brauchen wir mal einen Mast!“
Die Alte gluckste. „Was erledigt ist, ist erledigt.“
Aus der Ferne sah man erneut Esther an ihren Schilden üben, während Edmund am Fischen Gefallen gefunden zu haben schien. Und er wurde immer besser. Dafür hatte Trevor ihm das Messer zum Ausnehmen ebenfalls geschliffen und so vom Rost befreit.
„Erinnerst du dich noch an unsere Unterhaltung?“, wollte Nelli plötzlich wissen. „Über die mit den Geistern?“
Trevor stoppte und sah Nelli an. „Aye …“, antwortete er zögerlich.
Sie richtete sich etwas auf, trank etwas und sah ihn dann eindringlich an. „Ich war da nicht ganz ehrlich zu dir, Junge. Dich verfolgt ein Geist. Naja, vielmehr will er Klarheit schaffen“, fuhr sie fort.
Trevor schluckte trocken. Es gab nicht viele, die ihn vermutlich verfolgen würden. Eigentlich fiel ihm nur einer ein. „Ist es Johnny?“
Nelli war es nun, die nickte.
„Und was will er?“
„Zu Lebzeiten hat er verpasst, dir einiges zu sagen. Er würde das gerne nachholen wollen.“
Trevor runzelte die Stirn. Was sollte das sein? Eine Entschuldigung, dass sie ihn einfach über Bord geworfen hatten? Sollte er sich für seine Rettung vielleicht bedanken? Was wollten Tote von einem? Nicht, dass Trevor sich nicht gerne von ihm verabschiedet hätte, aber …
„Ich könnte ihn mit dir sprechen lassen, wenn du das möchtest.“
„Nicht, wenn es dich schwächt. Du hast genug für mich getan“, erwiderte Trevor bestimmt. „Ich wüsste nicht, was so wichtig sein sollte, dass ich es jetzt erfahren muss.“
„Da gibt es anscheinend einiges“, antwortete Nelli und ließ ein schiefes Lächeln folgen. Wenn sie so schaute, wusste Trevor nicht, ob er es überhaupt erfahren wollte. Er schaute zu den anderen, die ihrer Arbeit nachgingen. Wenn man es so bezeichnen konnte. „Aye“, wandte er dann ein. „Ich will schließlich nicht, dass dich Johnny vehement nervt.“
Ein leises Lachen folgte von der Hexe. „Er kann ziemlich penetrant sein, das stimmt wohl.“
Trevor nickte. „Dann … lass ihn schnell erzählen, was er zu erzählen hat, bevor Edmund und Esther zurückkommen.“
Nelli atmete tief durch und richtete sich etwas auf. Sie schien sich zu konzentrieren. Ihre Atmung wurde ruhiger und sie schloss ihre Augen.
Trevor bemerkte, wie sein Herz etwas schneller schlug. Er wusste nicht, ob er es gut fand, dass Tote doch nie ganz fort waren. Eigentlich sollte er sich freuen, dass er noch einmal mit Johnny reden konnte, aber aus irgendeinem Grund tat er es nicht. Eine Vorahnung machte sich in ihm breit, die er sich nicht einmal gedanklich eingestehen wollte.
„Trevor?“, erklang es plötzlich von Nelli. Die Tonlage war so anders, dass der Formwandler sofort wusste, dass nicht Nelli zu ihm sprach. „Kannst du mich verstehen?“
„Aye …“, antwortete Trevor zögerlich und starrte Nelli an. „Johnny?“
Der Geist in Nellis Körper lachte und nickte. „Äußerst interessant … Ich stecke im Körper der alten Vettel!“
Trevor zog seine Brauen zusammen. „Als das würde ich Nelli nicht bezeichnen …“
„Schon gut, schon gut, ich sollte dankbar sein.“
Der Formwandler schwieg zunächst, aber dann überwand er sich, zu fragen, was so wichtig sei, dass Johnny Nelli verfolgte.
„Eigentlich hätte sie dir das auch alles erzählen können“, meinte Johnny, „aber sie wollte nicht. Deshalb … muss ich das wohl selbst tun …“
Trevor zog die Brauen hoch. „Solltest du dann nicht anfangen, zu reden?“, fragte er.
Johnny atmete tief durch. „Junge, ich hätte dir vielleicht früher sagen sollen, dass ich dich nicht aus reinem Zufall vor sechszehn Jahren gefunden habe.“
Trevor hörte zu, bemerkte aber den Knoten, der sich in seinem Bauchraum bildete.
Johnny stockte kurz. „Ich war ein Formwandler auf der Suche nach seinem einzigen Sohn …“
Keine Reaktion. Trevor starrte seinen ehemaligen Kapitän nur an. Es war, als hätte er es immer gewusst, was Johnny ihm damit sagen wollte. Trevor war kein Kind mehr, dass umgehend freudestrahlend oder schockiert aufsprang. Vielmehr musste er zugeben, dass sich Wut in seinem Inneren breitmachte. Er drückte sie hinunter, wie eine leere Flasche unter Wasser, aber an seinen zitternden Händen erkannte er, dass sich dieses Gefühl nicht gänzlich ersticken ließ.
„Hast du dazu nichts zu sagen?“, wollte Johnny wissen.
Trevor schüttelte nur langsam seinen Kopf. „Fahre fort …“, entgegnete er dann.
Noch einmal atmete Johnny tief durch. „Ich wollte dich nicht wie einen normalen Formwandler großziehen. Ich hatte irgendwann erkannt, dass unser Leben leer ist. Wir ziehen jedes Jahr los, in dem wir entweder Söhne zeugen oder sie einsammeln. Dann verfrachten wir sie auf eine Insel, auf der wir sie zu Kriegern erziehen. Nur für was? Um uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen? Um jeden Tag auf das Neue zu beweisen, wer der Stärkere ist? Ich wollte das irgendwann nicht mehr. Eigentlich von Anfang an nicht.“
Er rechtfertigt sich … Das heißt, das war noch nicht alles.
Trevor ballte seine Hände zu Fäuste. Damit versuchte er auch, seine zitternden Hände zu verbergen. Ein Kloß steckte ihm im Hals. Er fühlte sich unwohl, konnte aber noch nicht sagen, woran es lag. Vielleicht daran, dass das Gespräch nicht wie ein wohlwollendes Wiedersehen klang, sondern mehr nach einer Belehrung.
„Aber wenn ich dich sehe, dann weiß ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich wollte dich zu einem guten Menschen erziehen. Einem besseren Menschen als ich war. Aber deine Natur ist eine völlig andere als meine.“
„Meine Natur?“, wiederholte Trevor mit gebrochener Stimme.
„Ich konnte fast zwanzig Jahre mein Formwandlerdasein verstecken. Ich lebte nur als Pirat. Nicht stärker oder besser als meine Crew. Du kannst das nicht.“
„Woher willst du wissen, was ich kann oder nicht kann?“
„Ich habe es am Bord des Schiffes dieses … peinlichen Händlersohnes gesehen. Du kannst nicht aus deiner eigenen Haut, egal, wie häufig du deine Form wandelst.“
„Er ist nicht peinlich …“, war alles, was Trevor antwortete.
„Du bist unberechenbar! Du bist mein Sohn, aber auch der Sohn deiner Mutter. Sie war nicht irgendwer, sondern die Tochter eines Formwandlers. Das heißt, du bist durch und durch ein Krieger. Nicht nur einseitig, wie in den meisten Fällen.“
„Was?“, unterbrach Trevor Johnnys Ausführungen. „Sie war … was?“
„Sie sagte es mir, nachdem wir einige Zeit zusammengelebt hatten. Am Anfang dachte ich, es sei der Fang für mich, aber … auch wenn Frauen sich nicht wandeln können, sie geben die Talente eines Formwandlers weiter, auch wenn sich diese Nachkommen ebenfalls nicht wandeln können. Sie sind hitzköpfiger und geschickt im Umgang mit Waffen. Es liegt ihnen ebenso im Blut wie uns.“
„Großartig …“
„Hinzukommt, dass Formwandler noch andere Talente haben. Sie sind stärker als Menschen. Etwas, das ich nicht bereit war, dir zu sagen …“
„Und warum? Weil ich … unberechenbar bin? Weil ich nicht so bin wie du?“
„Trevor … ich konnte es nicht nach der Sache mit der Crew von Dexter dem Pickligen!“
Kapitän Dexter. Eine der unliebsameren Erinnerungen in Trevors Leben. Dennoch bereute er nichts und verzog wütend sein Gesicht. „Sie hatten es verdient!“, erwiderte der junge Formwandler.
„Hatten sie nicht, und das weißt du!“, konterte Johnny.
„Sie haben drei unserer Leute getötet …“
„Auf Landgang!“
„Was spielt das für eine Rolle?“, wurde Trevor laut.
„Wir Piraten unterliegen Regeln. Dinge, die auf Landgang geschehen, bleiben an Land! Du hattest kein Recht Richter und Henker zu spielen. Ich hätte dich dafür ersäufen müssen.“
„Dann ist ja gut, dass mich dabei niemand gesehen hat, richtig? Nicht, dass du deinen eigenen Sohn hättest hinrichten lassen müssen.“
Trevors Wut wuchs. Er war damals achtzehn gewesen. Weit entfernt von dem Mann, der er heute war. Oder?
„Wut! Genau das ist es bei dir. Deine Stärke tritt zutage, wenn du wütend bist. Oder glaubst du, für einen normalen Menschen wäre es leicht, einfach einen Kopf auf einer Reling zu zerquetschen? So leicht, wie es dir fällt?“
Trevors Kieferknochen bebten. Was wollte Johnny ihm sagen? Dass er ein Mörder war? Ein Wahnsinniger? Ja, er hatte sich nachts auf die Rosalie geschlichen und drei von Dexters Männern am Großmast erhängt, aber nur jene, die seine Freunde getötet hatten. Das war nicht grausam in Trevors Augen gewesen, sondern Gerechtigkeit. Johnny hatte gar nichts tun wollen. Wollte Johnny ihm damit zu verstehen geben, dass Trevor ein schlechter Mensch war? Wenn er sich überhaupt als solches bezeichnen durfte.
„Und jetzt reist du mit einer adligen Magierin, einem verwöhnten Wassermann und einer alten Frau durchs Land. Du solltest sie loswerden, bevor sie dich verkaufen …“
„Das würden sie nicht tun!“, widersprach Trevor vehement. „Sie sind … Freunde.“
„Freunde, solange ihr alle in einem Boot sitzt. Was glaubst du, passiert, sobald sie Land sehen? Glaubst du, sie werden keine Angst vor dir haben, wenn sie dich erstmal richtig kennen? Wenn sie erkennen, zu was du fähig bist? Wie du sein kannst?“
„Das haben sie bereits gesehen, wenn es nach deiner Äußerung geht.“
„Aye, und du hast das Gefühl, die Magierin fühlt sich allein mit dir wohl? Ich finde nicht, dass das danach aussieht. Vor allem, da auch der Kuss erzwungen und ohne ihre Erlaubnis geschehen ist. Wenn das in ihren Kreisen herauskommen würde, würde diese junge Frau vollständig ihr Ansehen verlieren.“
„Das war nicht das, woran ich in diesem Moment gedacht habe. Sondern, daran …“
„Dass es für dich die Gelegenheit war? Du denkst nicht nach!“
„Ihr Leben zu retten!“, schimpfte Trevor laut. Natürlich war er nicht unglücklich über den Umstand, eine junge Frau geküsst zu haben, die vor allem nicht an einem Hafen herumlungerte, aber dennoch … In dem Moment, als es geschehen war, hatte er nur im Sinn, ihr Leben zu bewahren. Etwas unkonventionell, das musste er zugeben, aber da kamen ihm die Regeln der Piraten zugute. Nicht wie sonst. Und er war sich sehr wohl darüber bewusst, dass er weit unter ihrem Niveau war. Es war nicht so, dass er sich irgendetwas zwischen den beiden ausmalte. Und selbst wenn, ging es Johnny nichts an!
Johnny stöhnte. „So sollte das alles gar nicht laufen …“, nuschelte er. „Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass du hilfreich sein kannst, wenn es darum geht, das Schiff zu reparieren. Dass du deine Stärke finden musst. Dass du sie vor allem kontrollieren musst.“
„Aye, stattdessen bezeichnest du mich als Mörder und Vollidioten. Gute Entwicklung.“
„Du bist eben teils noch ein Kind, das in einem viel zu starken Körper steckt! Du denkst immerhin auch, dass diese Leute deine Freunde sind. Freunde … wie in einem Kinderbuch. So läuft es im Leben aber nicht!“
Mittlerweile drehten sich in der Ferne bereits Edmund und Esther zu den beiden um.
Trevor wollte sich gar nicht ausmalen, was die beiden dachten. Wenn sie ihn nicht vorher schon für bescheuert gehalten haben, dann sicherlich ab jetzt.
„Sagt der Mann, der tot ist!“, spie Trevor zwischen zusammengebissenen Zähnen empor und schaute Johnny wieder an. „Deine Methode lief nicht so gut.“
„Was erlaubst du dir …“, erwiderte Johnny. „Ich habe dein Leben gerettet und mehrfach verschont, obwohl ich anders hätte handeln müssen!“
„Du bist mein Vater! Ich würde meinen Kindern das nicht vorhalten, sondern jederzeit tun.“
„Oh natürlich. Du wirst ein großartiger Vater! Das ist auch alles so furchtbar einfach“, frotzelte Johnny abfällig. „Vor allem in der Welt, in der wir leben.“
Trevor stand auf und fuhr sich durch sein Haar. Besser wurde die Unterhaltung nicht. „Für einen schlechten Vater hältst du mich also auch. Sehr gut.“
„So meinte ich das nicht“, erwiderte Johnny. „Aber du denkst immer noch, dass du leben kannst, wie sie …“ Johnny zeigte auf Edmund und Esther in der Ferne. „Mit einem netten Haus, einer Familie, Geld und Ansehen … Ich weiß, ich wollte dir eine Art Familie vermitteln, das habe ich vielleicht auch zu sehr, denn ich habe gleichzeitig dafür gesorgt, dass du vergisst, was du bist. So ein Leben ist für Formwandler nicht vorgesehen. Schon lange nicht mehr.“
„Und wenn ich es ändern kann?“
„Noch mehr Träume!“
Trevor atmete tief durch. „War es das dann? Du hältst mich für einen unberechenbaren Mörder, der aber gleichzeitig so naiv ist, zu hoffen, dass ich anders leben kann, als ständig auf der Flucht zu sein? Aye, und eine adlige Frau habe ich auch … befleckt? Sagt man das so? Weil ich unter jedermanns Niveau bin. Selbst unter dem Niveau meiner noch ungeborenen Kinder“, zählte Trevor lautstark zusammen. „Dann ist es wohl besser, wenn sie mich verkaufen!“
„Das klingt so jetzt alles ziemlich hart …“, gab Johnny stotternd zu. „Und ganz so meine ich es nicht. Du musst dennoch lernen, mit deiner Art umzugehen.“
„Mit meiner Art, natürlich … und meiner Stärke und solchem Zeug auch. Am besten, ich ändere meinen vollständigen Charakter. Meine Art …“ Trevor musste sich nach den Worten seines Vaters zusammenreißen. Als solchen Vollversager hatte er sich nicht einmal betrachtet. Hatte er überhaupt mal etwas richtig gemacht? Irgendwann? „Es ist nicht so, dass ich aus reiner Mordlust töte. Ich tue es, wenn mir keine Wahl bleibt.“
„Und dann machst du daraus dein persönliches Kunstwerk. Dein Katz- und Mausspiel, weil du es kannst. Weil du weißt, dass du vielen überlegen bist. Und das ist die Arroganz der Formwandler.“
Trevor biss sich auf die Unterlippe.
Arrogant bin ich jetzt auch noch.
Noch einmal sah Trevor zu Edmund und Esther. Die beiden standen mittlerweile beieinander und sahen zu Trevor. Auch schienen sie sich zu unterhalten. Das würde später ein seltsames Gespräch werden, den Streit mit „Nelli“ zu erklären. Wenn sie nicht die Hälfte mitgehört hatten. Was einen Gedanken in seinen Kopf pflanzte.
Daraufhin wandte sich Trevor vollständig von Johnny ab.
„Was machst du? Wo willst du hin?“, fragte Johnny.
„Weg von dir!“, antwortete der Formwandler, aber nicht, ohne sich noch einmal zu ihm herumzudrehen. „Ich will, dass du dich für immer verpisst. Auch aus Nellis Nähe!“
„Was?“, fragte Johnny erneut und klang überaus erstaunt.
„Du liegst falsch! Mit allem!“, konterte Trevor mit beinah bedrohlich ruhiger Stimme. Und er wusste selbst nicht, vorher diese kam. Vielleicht davon, dass er Edmund und Esther beobachtet hatte. „Bin ich gut darin, zu töten? Ja, bin ich! Aber deswegen sind wir auf dieser Insel. Naja, Edmund und der Rest haben sich auch gut geschlagen … aber trotzdem … Ich habe ein Gewissen, es entspricht nur nicht deinen Vorstellungen, weil ich niemals ein Pirat war. Wie du sagst, ich komme nicht aus meiner Haut heraus. Ich war nie ein Pirat, zu dem du mich machen wolltest. Ich bin ein Formwandler! Und jene haben früher für andere gekämpft … und das tue ich wieder. Und ich tue es auf meine Art, damit andere es sich zweimal überlegen, mich herauszufordern oder Menschen, die mir nahestehen, zu bedrohen. Ich war bereit, zu sterben, aber sie haben es nicht zugelassen! Hätten sie das getan, wenn sie mich so sehr fürchten? Und was den Kuss angeht … Wenn irgendeiner der überlebenden Piraten auch nur auf die Idee käme, irgendetwas zu erzählen, was bei der Meuterei geschehen ist, weiß ich, dass ich Zungen zum Schweigen bringen könnte. Denn aye, das kann ich wirklich, wirklich gut. Das alles hat vielleicht nicht dir geholfen, aber ich kenne ein paar Personen, denen es das hat und weiterhin wird!“
Über Trevors Körper glitt ein musternder Blick. „Du bist wie dein Großvater … nicht nur optisch“, kam flüsternd von Johnny. „Er würde dich vermutlich vergöttern. Aber ich kann dir sagen, dass man so nicht unter Menschen leben kann.“
„Als Pirat aber auch nicht. Und wer weiß, ob ich das jemals werde …“, erwiderte Trevor mit fiesem Grinsen und lief Richtung Dschungel. Er musste erstmal alles verarbeiten. Zudem wollte er zunächst nicht dabei sein, wenn sich Edmund und Esther trauten, zu Nelli zu gehen.
Trevor wollte die nächsten Stunden nichts erklären müssen. Vielleicht war Nelli so nett, das zu übernehmen, sodass er die Gelegenheit besaß, seinen Verstand zu klären. Jetzt bereute er es fast, dass sie keinen Rum hatten, mit dem er sich in den Urwald setzen konnte. Vermutlich wäre das auch nicht wirklich hilfreich gewesen. Wie auch immer … Er brauchte einen Moment, um sich selbst von dem zu überzeugen, was er Johnny, seinem Vater, gesagt hatte. Dazu brauchte es Ruhe!
„Trevor …“, erklang es hinter ihm. „Hör nicht auf ihn! Hätte ich gewusst, was dieses nutzlose Stück Abschaum zu sagen hatte …“
„Alles gut, Oma“, erwiderte Trevor beschwichtigend, der wusste, dass Nelli nichts für die Äußerungen seines Vaters konnte. „Mir geht es gut!“ -
Trevor und Edmund suchten den Strand zunächst nach Nelli ab. Esther schaute in der Umgebung des Schiffes und des Lagers. Am Ende trafen sich alle am Lagerfeuer, aber von Nelli fehlte weiterhin jede Spur.
„Wo könnte sie nur hin sein?“, fragte Esther laut in die Runde.
„Hatte sie nicht gesagt, wir sollten ihr nicht folgen?“, fügte Edmund an. „Dann wird sie vermutlich nicht in der Nähe des Lagers sein.“
„Dem stimme ich zu“, erwiderte Trevor. „Sie ging den Strand entlang. Vielleicht ist dann in den Dschungel gelaufen.“
„Wie sollen wir sie da nur finden?“, wollte Esther wissen. „Es ist ja nicht so, dass der winzig wäre.“
„Edmund und ich werden suchen gehen. Du, Esther, solltest im Lager bleiben, falls wir sie verpassen.“, beschloss Trevor und sah Edmund abwartend an. Dieser nickte einverstanden.
„In Ordnung …“, antwortete die Magierin. „Ich könnte sie auch …“
Urplötzlich verspürte Trevor ein Ziehen in der Brust. Er krümmte sich vor Schmerzen nach vorne, was Esther in ihrem Satz unterbrach.
„Stimmt was nicht?“, hakte Edmund nach.
„Weiß nicht!“, brummte Trevor zwischen zusammengebissene Zähne empor. „Es fühlt sich an …“ Ein stechender Schmerz brachte den Formwandler auf die Knie. Es knirschte und knackte in seinem Brustkorb, sodass ihm kurzerhand ein lauter Schrei entglitt.
Die anderen beiden standen erschrocken herum und wussten nicht, was sie tun sollten.
Trevor wusste das auch nicht. Aber so schnell, wie der Schmerz gekommen war, war er auch vorbei. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er seine Brust abtastete. „Ich glaube, meine Rippen sind … wieder da, wo sie hingehören.“
„Nelli?“, entfuhr es Edmund besorgt. Immerhin wollte sie dem Formwandler bei seinen Verletzungen helfen. Aber mit so einer Magie hatte wohl niemand gerechnet.
„Es gibt Zauber, die einem Magier oder Magierin Energie entziehen und auf jemand anderen übertragen. Vielleicht hat das Nelli gewirkt, um Trevor zu helfen. Und wenn sie einen solchen Zauber genutzt hat, ist sie auf jeden Fall jetzt sehr geschwächt..“
„Und liegt vielleicht irgendwo im Dschungel …“, nuschelte Edmund mit beinah bleichem Gesicht. „So hatte ich das nicht gemeint, als ich sie bat, zu helfen.“
„Ich auch nicht“, gab Trevor stöhnend zu und erhob sich wieder. „Das wäre auch so geheilt.“
„Dass hier jeder übertreiben muss!“, krakeelte Edmund. „Jeder hier geht mit seinem Leben um, als hätte er neun davon … wie eine Katze …“
„Ich könnte versuchen, mit einem privaten Gegenstand, Nelli aufzuspüren“, schlug Esther vor. „Dann sucht ihr nicht ins Blaue.“
„Das wäre eine gute Idee, wenn wir die Zeit hätten, Esther, wir sollten aber gleich losgehen. Du kannst aber für den Zauber alles vorbereiten, falls wir nicht fündig werden“, erwiderte Trevor.
Esther nickte und schaute sich nach Sachen von Nelli um, während Edmund und Trevor umgehend in die Richtung liefen, in der Nelli verschwunden war.
Umgehend fingen die beiden Männer an, Nellis Namen zu rufen. Sie folgten noch einmal dem Weg, in den die Hexe verschwunden war.
„Hier …“, stieß Edmund nach kurzer Zeit aus und verwies auf plattgetretenes Gestrüpp neben sich.
Die Männer tauschten Blicke und folgten sofort dem Pfad. Sie riefen weiter nach Nelli, während sie in der Dunkelheit herumstolperten. Nur der Mond erhellte den Dschungel etwas, sodass sie nicht jede Wurzel mitnahmen.
Nach ein paar Schritten blieb Trevor stehen und bemerkte ein Jucken an der Schulter, woraufhin er seine Schusswunde betrachtete. Sichtlich verschmälerte sich die Verletzung, was wohl bedeutete, dass nicht nur seine Brüche ungewöhnlich schnell verheilten. „Wir sollten uns beeilen …“, sprach er an Edmund gewandt, der mit erhobener Augenbraue ebenfalls Trevors Schulter betrachtete.
„Erinnere mich daran, Nelli nie wieder um eine schnelle Heilung zu bitten“, nuschelte Edmund und lief weiter.
„Keine Sorge, ich werde diese Art Hilfe auch nicht mehr annehmen“, antwortete Trevor und folgte dem Händlersohn.
Sie riefen weiter. Esther hörte sie sicherlich bis zum Lager, so laut, wie die beiden schrien. Und irgendwann rochen sie Rauch. Als sei ein Lagerfeuer gerade erloschen. Beide liefen in alle Richtungen, um herauszufinden, aus welcher Richtung der Geruch kam und einigten sich schnell auf den Norden. Sie beschleunigten noch einmal ihre Schritte, stolperten und riefen erneut den Namen der Hexe, ehe sie auf einer kleinen Lichtung landeten. Der Schein des Mondes erhellten den daliegenden Körper, der sich nicht regte.
„Ist sie tot?“, brach es aus Edmund heraus, und Trevor ging an ihm vorbei, um nach der Alten zu sehen.
„Sie atmet!“, stellte der Formwandler gleichauf fest, und die Erleichterung in Edmunds Gesicht war nicht zu übersehen. Aber auch Trevor amtete erleichtert aus. „Sie scheint … ohnmächtig zu sein.“ Trevor rüttelte leicht an Nellis Schulter, aber sie erwachte nicht.
„Dann bringen wir sie schnell ins Lager“, sagte Edmund. „Soll ich sie tragen?“
Trevor musterte Edmund. Dazu fähig war er sicherlich, auch wenn es ihm schwerer als Trevor fallen würde. War er schon fit genug, Nelli zu tragen? Er beschloss, lieber kein Risiko einzugehen und nickte. „Ich helfe dir!“
Trevor hob Nelli hoch, sodass Edmund sie Huckepack tragen konnte. Dann ging der Formwandler vor, um Äste und Gehölz aus dem Weg zu schaffen, damit Edmund nicht hinfiel. Es dauerte eine Weile, bis sie aus dem Dschungel herauskamen. Edmund konnte das Gewicht von Nelli ohne große Probleme tragen, aber der unwegsame Pfad erschwerte das Vorankommen. Zwischendrin hörte Trevor den Händlersohn immer wieder fluchen, wenn dieser mit einem Fuß an einer Pflanze hängen blieb oder ihm ein Ast im Dunklen durch das Gesicht peitschte.
Trevor trat große Äste oder legte Steine beiseite, sodass Edmund einigermaßen sicheren Fußes vorankam.
„Die Alte amtet mir in den Nacken ... Das ist zwar gut, dass sie noch atmet, aber es ist schon warm genug ...", beschwerte sich Edmund.
Trevor lachte. „Daran, dass dir Frauen in den Nacken atmen, müsstest du doch gewohnt sein. Nur scheinen sie ihn dir danach meist auch brechen zu wollen.“
Edmund antwortete mit einem tonloses Lachen.
Und nein, Trevor hatte Laune der Schankmagd nicht vergessen, der er begegnet war.
Sei nur still. Dir atmen lediglich behaarte Riesen ins Gesicht, bevor die nächste Schlägerei beginnt.
„Da vorne ist der Ausgang“, lenkte Trevor vom Thema ab und schob noch ein paar Äste zur Seite, um Edmund den Weg zum Strand freizuhalten.
Es dauerte nicht lange, bis Esther sie entdeckte. Sie fragte umgehend, wie es Nelli ging, aber dazu konnten die beiden auch nicht viel sagen. Sie legten die Hexe auf ein paar Decken nahe am Feuer. Nellis Atmung war regelmäßig, das beruhigte alle. Trotzdem wirkte sie im wenigen Licht des Feuers ausgelaugt, ihre Haut war fahl und sie war nicht wach zu bekommen. Vermutlich mussten sie warten, bis Nelli etwas zu Kräften gekommen war. Esther holte Wasser und etwas Obst, das sie Nelli verabreichen wollte, sobald sie erwachte. Die drei setzten sich um das Feuer und schwiegen sich an. Keiner schien zu wissen, was er sagen sollte. Trevor erstrecht nicht, da Nelli sich nur in diesem Zustand befand, weil sie ihm helfen wollte. Einerseits war er dafür dankbar, andererseits war ihm die Art der Hilfe etwas zu viel. Und er sah auch an Edmunds Gesicht, dass dieser nicht gewollt hatte, dass Nelli zu diesem Mittel greift, um den Formwandler fit zu bekommen.