Beiträge von Kyelia im Thema „Seemannsgarn“

    Die Sonne ging gerade erst auf, als eine Kutsche durch den Hafen ratterte und nach einigen Zwischenstopps, um nach dem Weg zu fragen, bei ihrem Schiff hielt.
    Edmund hatte den Weg der Kutsche mit gerunzelter Stirn und müden Augen von der Reling aus beobachtet. Sein Kopf dröhnte.
    Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber sicher keinen Boten, der sie ins Anwesen der Herzogsfamilie einlud.
    Edmund rümpfte genervt die Nase, gähnte und betrachtete den Diener mit erhobener Augenbraue. Erstaunlich, vor einigen Monaten hätte er sich über diese Einladung noch gefreut. Ein weiches Bett, Frauen. Gutes Essen, Frauen. Ein warmes Bad, Frauen.
    Aber jetzt fragte er sich, ob es Esther und Trevor vermasselt hatten.
    Hätte nicht vor Morgen damit gerechnet …
    Er strich sich die Haare aus der Stirn. Dankbar, dass Nelli sie ihm geschnitten hatte. Andererseits standen die deutlich kürzeren Haare wahrscheinlich gerade in alle Richtungen ab. Der Wind machte es kaum besser.
    „Wo sind die Gräfin und ihre Leibwache?“, fragte er.
    Der riesige Kerl sah ihn durchdringend an. Wohl leicht genervt, dass Edmund keine Anstalten machte, ihm zur Kutsche zu folgen.
    „Die Gräfin erwartet Euch im Schloss. Sie bat meine Herrn nach Euch zu holen.“
    Klingt zumindest nicht so, als wären die beiden gefangen genommen worden. Aber es schloss eine Falle nicht aus. Seit wann war er so misstrauisch?
    Hinter ihm erklangen Schritte.
    „Ich dachte, die beiden machen das alleine.“ Er wandte sich an Nelli, die neben ihm an die Reling trat und zu dem Diener blickte.
    Ein Ruck an seinem Bein und Nella begann an seinem Hosenbein hochzuklettern. Was dem Boten eine gerunzelte Stirn entlockte.
    Edmund ignorierte es.
    „Vielleicht brauchen sie deinen unvergleichlichen Charme und mein Wissen?" Nelli grinste und es klang nicht unbedingt als wollte sie ein Kompliment machen.
    Was denn jetzt schon wieder?
    Edmund kniff wütend die Augen zu Schlitzen. Es war noch viel zu früh und er hatte die halbe Nacht nicht geschlafen für solche dummen Aussagen! Sollte die Alte ihm nicht auf die Nerven gehen! Ohne Trevor oblag ihm die Wache alleine, was seinen sowieso bereits kreisenden Gedanken nicht gut tat. Immer wieder ging ihm durch den Kopf, dass er Nalu beinahe dazu gedrängt hatte, Menschen zu töten.
    Er kniff sich die Nasenwurzel, atmete mehrmals aus und sah zurück zu dem Diener.
    „Was wollen deine Herren von uns?“
    Der Mann zuckte die Schultern. Ein recht kräftiger Kerl für einen Kutscher. Hässlich, unansehnlich und erstaunlich bullig.
    „Ich soll euch nur abholen.“
    Edmund bemerkte den skeptischen Blick zu ihrem Schiff. Es war sehr offensichtlich, was er über ihre zusammengezimmerte Schaluppe dachte.
    „Glotz nicht so blöd, davon wirst du nicht schöner.“, kommentierte Edmund genervt.
    „Wir kommen natürlich gerne mit“, bestimmte Nelli und hob Nella auf. Ihr Blick war belehrend, was ihn gereizt ausatmen ließ.
    Er hatte sich auf sein Bett gefreut. Er hatte keine Lust auf eine Kutschfahrt durch die Heide. Das Dröhnen in seinem Kopf wurde stärker.

    Er hielt Nelli zurück, die bereits von Bord gehen wollte und sah den Kutscher an.
    „Warte hier, wir machen nur alles fertig.“
    Er zog Nelli hinter sich her.
    „Du willst doch nicht in der Kleidung gehen?“ Von ihm ganz zu schweigen. Er trug nur Hemd und Hosen.
    „Was ist damit?“ Nelli sah an sich herab. „Ich finde es gut.“
    Mal abgesehen davon, dass sie wieder mal eines von seinen Hemden trug. Immerhin nutzte sie mittlerweile ihre eigenen Hosen. Wohl bereits ein Gewinn.
    Aber so konnte man sich kaum vor den Adel stellen. Und er wollte auch nicht blind in eine mögliche Falle laufen. Und für den Fall, dass die anderen Probleme hatte, auch nicht unvorbereitet gehen.
    Wenn die beiden bis zu den Knien in der Scheiße stecken …
    Er machte unter Deck Nelli auf seine Gedanken aufmerksam.
    „Esther meinte doch, dass sie mit dieser Herzogsfamilie befreundet ist“, erinnerte Nelli. „Glaubst du nicht, du übertreibst?“
    „In Anbetracht dessen, dass wir Unglück magisch anziehen“, damit meinte er eigentlich vor allem sich selbst, „halte ich es nicht für übertrieben, mit allem zu rechnen.“
    Nelli sah erst aus, als wollte sie wiedersprechen, dann zuckte sie aber die Schultern.
    „Hast Recht.“ Sie packte Nella und lief mit ihr zu ihrem Zimmer.
    „Kannst du das wiederholen?“, rief er ihr nach, erntete aber nur Singsang von Nella.

    Wenige Minuten später waren sie beide fertig und gingen vom Schiff. Edmund hatte eine der Pistolen und einen Degen mitgenommen. Den Degen hatte er lange in den Händen gehalten, ehe er sich dazu entschlossen hatte, ihn mitzunehmen. Nach allem machte ihm der Gedanke Angst, die Waffen einzusetzen. Nach der Sache mit Nalu war er sich nicht mehr so sicher, ob es ihm wirklich etwas ausmachte, andere zu verletzten. Was war, wenn Trevor auf ihn abgefärbt hatte und ihm das Töten zukünftig egal war, vielleicht sogar Freude bereitete.
    Edmund blieb auf der Planke stehen, die vom Schiff führte. Aber ohne Trevor war er für Nellis Schutz verantwortlich. Punkt. Er nahm die Waffen mit!
    Neben ihm glitt Nalu aus dem Wasser, lief das Wasser über das Hafenbecken schwappen und das Schiff schwanken. Dabei verloren Nelli und er das Gleichgewicht. Er schaffte es noch, Nelli mit einem Griff am Fallen zu hindern, ehe er selbst abrutschte und der Länge nach die Planke hinabrutschte. Nun gesellte sich zu dem Dröhnen in seinem Schädel auch noch ein Pochen.
    Dieses dumme Vieh!
    Wie eine Katze, die aus dem Nichts auftauchte, und einem dann zwischen die Beine rannte.
    Der Kutscher sprang zurück, schrie und polterte neben Edmund auf den Boden.
    Nalu blubberte.
    Was sollte der Scheiß?!
    Nalu blubberte.
    Du hättest mich fast umgebracht!
    Nalu glubschte ihn an.
    Aber auch nur gerade so!
    „Geht es dir gut?“ Nelli sah auf ihn herab. Edmund strich seine Kleidung glatt.
    „Nein“, murrte er. Dann wandte er sich an den Kutscher, der zitternd auf den Kraken zeigte. „Mach dir nicht ins Hemd.“
    Wir sind eine Weile weg, meinte Edmund im Weitergehen.
    Nalu warf ihm eine scharfkantige Muschel an den Kopf und schlug wütend mit einem Arm nach der Rampe. Diese krachte und fiel ins Wasser.
    „Spinnst du!?“, pflaumte Edmund den Krake an. Wie sollte er Trevor erklären, dass Nalu sein Schiff kaputt gemacht hatte?
    Leg es dahin zurück, wo es war!
    Wütend funkelte er den Krake an. Nalu starrte wütend zurück.
    Ich mach Calamari-Ringe aus dir!
    Er deutete mit dem Finger auf das Brett und das Schiff. Nalu brummte, packte das Brett mit einem Tentakel und krachte es unsanft aufs Deck des Schiffes.
    Wie ein zickiges Kind.
    Edmund schüttelte den Kopf.
    „Passt auf, dass das Schiff noch schwimmt, wenn wir zurückkommen.“ Und … greif bitte niemanden an.
    Edmund wandte sich ab. Nalu zog sich grummelnd zurück.
    „Was ist jetzt? Beweg deinen Arsch“, pflaumte er den Kutscher an. „Oder muss ich die Kutsche selbst lenken?“
    Der Mann wirkte, als würde er sein Leben in Frage stellen, während er auf die Stelle blickte, an der Nalu unter Wasser den Hafenboden nach – was auch immer – absuchte. Glücklicherweise hatte sich Edmund mit den Soldaten einigen können. Hauptsache niemand beschoss den Krake oder ihr Schiff, während sie weg waren. Oder klaute ihren Schatz.
    Es gefiel ihm eigentlich gar nicht, das Schiff hier alleine herumstehen zu lassen. Weshalb er beschloss, während Nelli dem Kutscher wieder auf die Beine half, zum Hafenmeister zu laufen, um dort – erneut – jemanden zu bezahlen, der – auf unbestimmte Zeit – auf ihr Schiff und den Kraken aufpasste.
    Nur weil Trevor und Esther es nicht alleine hinbekamen. Der Plan war ein anderer gewesen…

    Eine gute halbe Stunde später saßen sie endlich in der Kutsche. Der Bote war noch etwas bleich, lenkte sie aber durch die Straßen.

    Edmund saß schweigend in den Polstern, die zu weich waren, um bequem zu sein. Und irgendwie nur jedes Schlagloch verstärkten. Es fühlte sich gut an, vom Schiff und dem Meer weg zu sein. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich wohler, wenn er das Meer nur von weitem sah. Aber so war auch Nalu weit weg. Die Gedanken begleiteten ihn aber leider.
    Auf der anderen Seite bewegte sich die Kutsche in einem Tempo, bei dem er genauso gut hätte nebenher laufen können. Oder kriechen.
    Pflaster rüttelte sie ordentlich durch. Nella versuchte die ganze Zeit aus dem Fenster zu fliehen, was Nelli krampfhaft verhindern wollte. Da in der Kutsche aber nicht allzu viel Platz war, stießen beide immer wieder gegen ihn.
    Genervt lehnte sich Edmund zurück. Hoffentlich dauerte die Fahrt nicht allzu lang. Der beengte Raum gab ihm viel zu viel Zeit zum Grübeln, schlafen konnte er durch das Rütteln aber nicht und Nella zerrte nun schon das vierte Mal an seiner Jacke. Das Rütteln verstärkte das Dröhnen in seinem Kopf als würde es vibrieren. Er nahm den Kopf von der Rückwand.
    Er hasste Kutschfahrten. Es rüttelte, stank und war beengt, laut und unbequem.
    Er blickte durch das Fenster auf das Meer, das langsam in die Ferne rückte. Er konnte immer noch nicht erklären, was vor einigen Tagen vorgefallen war. Warum hatte er gewollt, dass Nalu diese Leute verletzte? Warum hatte Nalu es umgesetzt?
    Er rieb sich die Stirn.
    Diese Typen hätten sterben können, er hatte es in diesem Moment in Kauf genommen. Weil er die Kontrolle verloren hatte. Aber warum? Wegen diesem dummen Streit, den Provokationen? In der Regel waren seine Streitereien mit Nelli schlimmer. Was war, denn er dabei in Zukunft ebenso die Kontrolle verlor? War es wirklich nur Nalu gewesen, der seine Wut verspürt und gehandelt hatte? Oder war er es gewesen? Er musste das unter Kontrolle bringen. So etwas durfte nicht erneut passieren.
    Er brachte doch wirklich immer nur Probleme. Egal wo er stand und ging, verursachte er Chaos. Wäre er nicht gewesen, wären sie nie auf der Insel gewesen. Und alles andere wäre ebenso niemals passiert. Er war es doch, der allen immer nur im Weg stand. Ohne ihn wären alle besser dran.
    Er schob Nella weg, die in seinen Taschen kramte.
    Er trug nichts zu der Reise bei. Außer allen immer mehr Ärger aufzubinden. Mehr Probleme, mehr Weg, mehr Gefahren. Und nun hatte er auch noch einen Kraken an der Backe, der auf seine Wut reagierte. Oder er auf Nalus Wut.
    Er schob Nella erneut weg, als sie an der Pistole herumfummelte.
    Er schnaufte.
    Nelli pflückte Nella von ihm runter, als diese nicht von seiner Kleidung ablassen wollte.
    Edmund betrachtete das Holzwesen mit bösem Blick, ehe er wieder aus dem Fenster sah.
    Dieses dumme Wesen…
    „Hey, schau sie nicht an, als würdest du sie gleich aus der Kutsche werfen wollen."
    „Bring mich nicht auf Ideen!", murrte er. Obwohl er es nicht so meinte. Das Ding war wahrscheinlich nützlicher als er. „Warum nehmen wir sie überhaupt mit?!“
    „Weil wir sie nicht alleine lassen können.“
    Edmund rümpfte die Nase. „Sie hat meine Kleidung zerknittert!"
    „Man sieht überhaupt nichts. Das sieht genauso aus wie vorher.“ Nelli verdrehte die Augen.
    Das konnte auch nur von ihr kommen. Was wusste schon eine alte Lumpenhexe von Kleidung?
    Es war schon schwer genug gewesen, sie in eines der guten Kleider zu reden.
    „Du hast keine Ahnung." Edmund blickte wieder aus dem Fenster. War das immer noch die gleiche Straße? In der Geschwindigkeit würde nicht nur Nelli an Altersschwäche sterben, ehe sie ankamen.
    Er seufze.
    „Glaub mir, ich erkenne Falten, wenn ich sie sehe...“
    …sieht man
    Er schwieg. Ja, Nelli bekam bereits wieder die ersten Falten. Nur leichte, aber es war ersichtlich.
    „Du sagst doch immer, ich bin die Fachfrau für Falten“, bohrte Nelli weiter. Der Weg würde lang werden. Sehr lang. Wie konnte sie darüber Witze machen, als wäre es nichts?!
    Er reagierte nicht.
    Nelli verdrehte erneut die Augen und behielt Nella auf dem Schoß. Immerhin erkannte sie, dass er nicht reden wollte.

    Edmund schweig die nächste Stunde komplett, in Grübeleien versunken und versuchte, das Dröhnen in seinem Kopf zu ignorieren. Was war das? Wurde er krank?
    Der Rotschopf summte leise Nella in den Schlaf, seit sie die Stadt verlassen hatten. Nella wirkte nicht, als würde es schlafen wollen. Aber immerhin saß das Ding nun still.
    Edmund lauschte dem Summen. Die Alte hatte eine schreckliche Stimme. Kratzig und rau. Aber dem Baumwesen gefiel es. Mit Glubschaugen sah das Ding Nelli an. Die Szene wirkte beinahe friedlich, wie eine Mutter und ihr Kind.
    Widerlich.
    Edmund entging ihre Haltung nicht, die auf Rückenschmerzen hindeutete. Zwar schmerzte ihm auch bereits der Hintern, aber Nelli alterte deutlich. Sie versuchte es zu verstecken, sagte nichts, aber sie alterte. Die Falten... Auch die ersten hellen Strähnen durchzogen bereits wieder das Rot ihrer Haare. Graue Haare. Nicht viele. Aber deutlich mehr als vor einer Woche. Sie alterte schnell. Zu schnell.
    Und sie blieb ruhig, als wäre es das normalste der Welt, innerhalb weniger Wochen um mehrere Jahre zu Altern. Für die Hexte war es das wahrscheinlich. Normal.
    „Hör auf zu summen.“
    „Warum?“
    „Es nervt.“
    Nelli betrachtete ihn böse. Aber sie schwieg, verdrehte die Augen.
    Danach herrschte endlich Ruhe. Nelli hielt die Klappe. Nella zappelte auf ihrem Schoß, aber war wenigstens still.
    Vermutlich wäre eine Pause angebracht. Nellis Rücken würde es brauchen. Etwas die Beine vertreten und den Rücken strecken.
    Gemächlich zog die Landschaft weiterhin an ihnen vorbei. Wie lange würde es nochmal bis zu diesem Herzog dauern? Bei dem Tempo. Bis zu seiner eigenen Beerdigung.
    Er betrachtete Nelli grimmig. Es sah nicht so aus, als würde Nelli noch ewig durchhalten, auch wenn sie es nicht direkt sagte. Er wurde den Gedanken nicht los, dass sie abgeschlossen hatte. Ließen sie sich zu viel Zeit? Hatte sie deshalb bereits aufgegeben?
    Dann lieber Rückenschmerzen als der Tod.
    Edmund stand auf, klopfte an die Wand des Kutschers.
    „Hey! Wie lange dauert das hier noch?!“, pflaumte er lautstark und wartete auf die Rückmeldung des Kutschers.
    „Was ist dir heute eigentlich über die Leber gelaufen?“, mischte sich Nelli ein, „Du bist ja noch unausstehlicher als sonst...“ Was sollte das denn heißen? Dass er nutzlos war, wusste er, auch wenn man es ihm nicht permanent um die Ohren warf. „Setz dich hin und warte ab. Macht keinen Unterschied ob wir eine Stunde früher oder später da sind.“
    Er wusste es. Nelli sah keine Eile. Warum? Hatte sie mehr Zeit, als er schlussfolgerte? Oder gab sie wirklich auf?
    „Es sind noch ein paar Stund-“, setzte der Kutscher an.
    Edmund wandte sich wieder nach vorn.
    „Dann sieh zu, dass deine beiden Gäuler einen Schritt schneller laufen! Ich hatte hier nicht vor an Altersschwäche zu sterben, nur weil du und deine Klepper eine Kaffeefahrt machen wollen!“
    War das unfair dem Kutscher und den Pferden gegenüber? Vermutlich. War es ihm egal? Ja!
    Seiner Ansicht nach lief ihnen hier eindeutig die Zeit wie Wasser durch die Finger. Schlimm genug, dass sie nun schon über einen Tag Verzögerung hatten. Vor ein Paar Wochen war Nelli noch in ihren Zwanzigern gewesen, nun kratzt sie offenbar an den Vierzigern. Das war keine Einbildung.
    Die Kutsche bewegte sich tatsächlich schneller. Nicht viel, aber spürbar.
    Lächerlich!
    Nelli packte ihn am Arm und zerrte ihn auf den Sitz zurück.
    „Hör auf dich zu benehmen, als würde dir die Welt gehören! Wir kommen an, wenn wir ankommen! Mit deinem Geschrei beschleunigst du gar nichts!"
    Edmund wollte etwas erwidern.
    Doch Nelli unterbrach ihn. „Jetzt entspann dich mal etwas.“
    Edmund brummte und blickte in ihre grauen Augen.
    Verdammt. Etwas ähnliches hatte seine Mutter mal zu seinem Vater gesagt.
    War er ihm etwa doch ähnlich?
    Er formte die Hand zur Faust. Nein, das stimmte nicht. Er war nicht wie sein Vater. Ganz bestimmt nicht.
    Edmund wollte ansetzen, Nelli nach ihrer Meinung zu fragen. Aber er schluckte den Impuls runter. Und sah lieber wieder aus dem Fenster.
    Das war Blödsinn.
    Er war nicht wie sein Vater. Er war nutzlos. Er wusste, dass es so war. Er wollte es aber nicht aus dem Mund seiner Freunde hören.
    Es reichte ihm, dass es ihm sein Vater immer und immer wieder gesagt hatte. Von den Leuten, bei denen er sich wohl fühlte, wollte er es nicht hören.
    Seine Nägel gruben sich in seine Hand.
    Irgendwie musste er für sie nützlich sein. Deshalb war es wichtig, dass sie Nelli retteten. Er wollte hier nicht auch noch versagen. Er würde nicht versagen! Nicht hierbei. Er würde nicht zulassen, dass einer seiner Freunde starb.
    Nur weil ein dummer Kutscher bei der Arbeit einschläft!
    „He Kutscher! Wenn du es schaffst, noch eine Stunde rauszuholen, dann können wir über eine doppelte Bezahlung reden, egal, was du hierfür bekommst.“
    Der Kutscher schwieg lange. „Ja klar…“
    „Unser Schiff sieht vielleicht nicht so aus, aber du hast den Kraken gesehen, oder?“, rief Edmund zurück. „Mal abgesehen davon, dass der Krake einiges wert ist, bewachen Seemonster immer Schätze, stimmts?“
    Der Kutscher schwieg.
    Edmund grinste.
    „Also?“
    Es dauerte eine Weile. Aber dann ging ein Ruck durch die Kutsche. Sie bewegte sich nun deutlich schneller. Sodass sie im Inneren geschüttelt und durcheinandergeworfen wurden.
    „Toll gemacht!“, zischte Nelli und hielt das Baumwesen schützend fest.
    Komm darüber hinweg, Rotschopf!
    Immerhin hielt ihn das Gerüttel vom Denken ab. Sein Kopf pochte nun heftig.


    Ohne Pause kamen sie vergleichsweise früh am Anwesen an. Man erkannte es bereits von weitem. Und die Wachen am Tor ließen sie ein. Ein Grund mehr, das alles für eine Falle – oder zumindest keine gute Idee zu halten.
    Die Kutsche hielt.
    Edmund glitt als erster heraus. Dankbar darüber endlich stehen zu können. Er war das lange Sitzen definitiv nicht gewohnt. Seine Beine waren taub und sein Hintern kribbelte. Kurz hatte er sogar Probleme auf den Beinen zu bleiben. Das Dröhnen und der Druck in seinem Kopf hatte sich weiter verstärkt. Sodass seine Sicht kurz unscharf wurde.
    Er rieb sich die Augen. Er brauchte wirklich dringend ein paar Stunden Schlaf.
    Er sah sich um. Zumindest wurden sie nicht mit gezogenen Waffen empfangen.
    Anschließend wollte er Nelli helfen, aber die drückte ihm nur das Baumwesen in die Arme und kletterte ebenfalls aus der Kutsche. Sie streckte sich, ließ ihre Knochen knacken. Und durchbohrte ihn mit einem Blick, der in der Lage gewesen wäre, zu töten.
    Er zuckte die Schultern. Sie hatten genug Zeit verloren. Kam nicht in Frage, dass sie noch mehr Zeit vertrödelten. Das musste die Alte doch erkennen. Ich lass dich nicht sterben, Rotschopf …  
    Wenn die anderen sahen, wie Nelli in den letzten Tagen weiter abgebaut hatte, würden sie seiner Entscheidung sicher zustimmen. Und hoffentlich zügig handeln. Denn von Nelli ging keine nötige Eile aus. Diese verdammte Ruhe machte ihn wahnsinnig!
    Er zog Nellis Schirm aus der Kutsche und reichte ihn ihr. Das Ding hatte sie doch als Gehstockersatz gekauft, oder?
    Nelli nahm den Schirm. Und stützte sich tatsächlich etwas darauf. Die Kutschfahrt hatte es offenbar nicht besser gemacht. Aber das würde vergehen. Ihr Sterben nicht.
    Der Kutscher sah auf Edmund: „Gut mehr als eine Stunde früher.“
    Edmund nickte.
    „Ich wusste doch, dass deine Pferde schneller laufen können…ohne dass sie dabei verletzt wurden…“
    „Was ist mit der Belohnung? Ihr sagtet, wie reden nach dem Ankommen darüber.“ Der Mann sprang von der Kutsche.
    „Klar reden wir darüber.“ Edmund verschränkte die Arme und sah den Mann herablassend an. Eigentlich war es seine Aufgabe gewesen, sie hierher zu bringen. Und das nicht erst wenn sie beide tot waren.
    „Ihr sagtet das Doppelte.“
    Ich sage viel…
    Edmund neigte den Kopf, dann zuckte er die Schultern. Dafür erntete er direkt einen Schlag mit dem Schirm über den Kopf.
    „Bezahl ihn, du Idiot! Erst den armen Mann hetzen und sich dann nicht an die Absprachen halten!“
    Innerlich durchzog ihn Zufriedenheit. Das passte eher zu Nelli.
    Edmund warf dem Mann einen Geldbeutel zu. Dort war genug drin, dass er sich kaum beschweren durfte.
    „Ganz der Großkotz. Schnösel bis in die Haarspitzen“, murmelte Nelli und klang dabei schon fast enttäuscht. Oder bildete er sich das nur ein?
    „Beruhig dich, Rotschopf. War doch nur ein Witz.“ Er zuckte die Schultern.
    „Haha, sehr witzig."
    Fand ich schon…
    „Jetzt übertreib mal nicht." Er hatte gerade keine Lust, sich mit ihr zu streiten.
    „Das kann nur von jemandem kommen, der mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde und sich nie Gedanken um Geld hat machen müssen.“
    Ist ja nicht so, als würde der Typ am Hungertuch nagen …. Er wird ja so oder so bezahlt…
    Der Kutscher öffnete den Beutel, grinste dann gierig nickend und machte sich daran, die Pferde abzuspannen.
    Edmund winkte ab und sah über den Innenhof des Schlosses, ihm war ein wenig schwindelig, aber immerhin ließ das Dröhnen in seinem Kopf ein wenig nach.
    Die Wachen sahen in ihre Richtung. Und es näherte sich ein Trupp, der deutlich höherrangiger aussah, als einfache Wachen. Wo waren Esther und Trevor?
    Ich habe ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache…

    Edmund murrte vor sich hin, während er das Spülwasser über die Reling ins Hafenbecken schüttete. Mittlerweile bereute er es, Esther mit Trevor losgeschickt zu haben. Was hatte ihn bitte geritten, auf ein weiches Bett, Luxus und gutes Essen zu verzichten? Nur weil Esther etwas von Trevor wollte? Und? Nur weil sie bisher keusch wie ein Klosterfenster endlich einen flüchtigen Blick auf weltlichere Freuden warf? Und warum um alles in der Welt ausgerechnet Trevor?
    Und zu allem Übel blieb er nun auch noch mit dieser sterbenden Versuchung zurück.
    Ganz klar, er hatte ein zu großes Herz.
    Blasen stiegen auf und ein großer Schatten unter ihrem Schiff begann zu leben. Nalu war im Schatten ihres Schiffes kaum zu erkennen. Wie auch immer das riesige Vieh das anstellte. Er störte sich keinesfalls daran, dass das Hafenbecken eher seicht war und kroch eifrig auf dem Grund herum. Wahrscheinlich gab es eine Menge Muscheln und was auch immer die Leute hier sonst ins Wasser schütteten. Dabei hielt er sich aber erstaunlich gut in der Nähe ihres Schiffes auf, weshalb noch keinem der Riesenkrake aufgefallen war.
    Edmund schüttelte es.
    Sag mal, musst du diesen Scheiß fressen? Im wahrsten Sinne des Wortes.
    Nalu blubberte.
    Du bist widerlich.
    Ihn traf ein Stein am Kopf.
    Dieses saudumme Vieh!
    Einem zweiten Stein wich er aus.
    „Ha!“
    Der Dritte traf ihn wieder mitten gegen die Stirn. Blut tropfte ihm auf den Hemdkragen.
    Edmund knurrte und rieb sich die Nasenwurzel. Entweder ging ihm das Pflanzenpüppchen auf die Nerven oder der Krake. So langsam entglitt ihm hier die Autorität. Die er ehrlicherweise nie besessen hatte. Aber nun tanzen ihm auch noch diese minderbemittelten Wesen auf der Nase herum.
    „Was ist dein Problem?! Kannst du deine dummen Steine nicht auf jemand anderen werfen?!“, blaffte er Nalu an. Der Krake blieb unter der Oberfläche, die großen dunkeln Augen aber gut sichtbar. „Hier sind eine Menge Menschen im Hafen! Lern doch an diesen das Zielen!“
    Nalu blubberte.
    Edmund gestikulierte dem Tier zu.
    „Ist mir Wurscht, ob du Hunger hast! Wer bin ich, dein Koch?! Sieh zu, dass du dir etwas fängst!“ Er deutete zum offenen Meer. „Dort gibt es ein Buffet. Du musst dich nur daran bedienen!“
    Nalu blubberte.
    „Wie jetzt, das ist dir zu anstrengend?! Spinnst du?“
    Nalu blubberte.
    „Und was soll ich da machen?“
    Nalu blubberte.
    „Sehe ich aus als hätte ich vor, eine Schiffladung Fisch zu angeln?“
    „Aye, Kleiner!", erklang eine Stimme. Edmund sah sich um und sah zwei Seemänner auf dem neben ihm ankernden Schiff. Zwei Kerle, nicht sonderlich groß, aber genauso breit. Mehr Muskel als Mann. Und mehr hässlich und ungewaschen als Kleidung. Die beiden gaben deutlich mehr preis, als man von ihnen sehen wollte. Selten eine so behaarte Brust gesehen. Und selten eine so ungewaschene Hose.
    Edmund rümpfte die Nase. Ihr Geruch überdeckte sogar den Gestank von Algen im Hafenbecken. Und selbst von hier konnte Edmund ihre schlechten Zähne erkennen. Seereisen waren kein Idyll, aber es schadete nicht, das Stück Seife, das man mit sich führte, auch mal in die Hand zu nehmen.
    Ich ziehe nur noch widerliches Gesindel an. Was ist aus meiner Aura geworden?
    Nalu blubberte.
    Unfassbar, dass ich dir das Zugeständnis mache, aber du riechst besser.
    Und der Krake stank bereits schlimmer aus dem Maul als jeder Fischkutter.
    „Hast wohl zu lang in der Sonne gestanden, was Schönling?“, rief der Linke.
    Edmund hob die rechte Braue.
    „Oder den Rum nicht vertragen?“, ergänzte der Rechte. „Der ist wohl nur teuren Fusel gewohnt.“
    Die beiden lachten.
    Edmund hob zusätzlich die linke Braue. Ich bevorzuge besseres als billigen Rum. Aber guter Rum ist gar nicht so schlecht.
    Vielleicht war ein Abstecher in den Hafen keine so schlechte Idee. Eigentlich hatte er Nelli nicht alleine lassen wollen. Aber sie hatte das Baumpüppchen und Nalu. Passieren konnte der Hexe nichts. Und er wäre nur ein paar Stunden weg.
    „Wenn Ihr mich kränken wollt, bemüht Euch wenigstens etwas“, rief er zu den beiden hinüber. „Euch hat die Sonne wohl das Hirn ausgedörrt.“
    Die beiden sahen einander an.
    „Hör ihn euch an“, grölte der Linke. „Spricht wie ein pikiertes Arschloch.“
    „Aye“, nickte der Rechte. „Der hat sicher auch Angst, sich die Stiefel schmutzig zu machen.“
    Edmund musterte sie nochmal von den salzverkrusteten Füßen, mit deren Fußnägel man Muster ins Holz schnitzen konnte, bis zu den verfilzten Haaren, die jede Möwe als Nest akzeptieren würde.
    „Im Gegensatz zu Euch“, erwiderte er ruhig, „weiß ich, wann Schmutz abzuwaschen ist.“
    Der Linke knurrte. „Pass auf, Schönling. Der Hafen ist kein Ballsaal.“
    Was glauben diese Vollidioten, wen sie da vor sich haben?
    „Euer Geruch ließ bereits darauf schließen“, meinte er trocken.
    Der Rechte spuckte zur Seite. „Wir könnten dem Schönling ein paar Manieren beibringen.“
    Edmund lächelte schmal.
    „Ich bezweifle, dass ihr beiden im Besitz von Manieren seid.“
    Der Linke ballte die Fäuste. „Du hältst dich wohl für was Besseres?“
    Edmund legte den Kopf leicht schief.
    „Ich halte mich für sauber, nüchtern und weitaus intelligenter als ihr. Wenn ihr das als Überlegenheit empfindet, liegt das kaum in meiner Verantwortung.“
    Ein kurzes Schweigen, dann verzog der Linke den Mund. „Er denkt wirklich, Worte machen ihn schwerer.“
    Der Rechte musterte Edmund.
    „Weißt du überhaupt, wie sich ein ehrlicher Tag anfühlt?“
    Edmund antwortete nicht sofort.
    Der Seemann hob seine Hand. Die Finger waren rissig, die Haut rau und grau vom Salz.
    „Das hier“, ruft er spottend, „ist von Tauwerk. Von Wind. Von Arbeit.“ Er nickte zu Edmund hinüber. „Was hat dich geformt? Spiegelglas?“
    Edmund verschränkte die Arme. Er wusste nicht warum ihn die Worte zu wütend machten. Aber sie taten es. Was glaubten diese Idioten eigentlich mit wem sie sprachen?
    Der Linke stemmte die Hände in die Hüften.
    „Na? Hat’s dir die Sprache verschlagen, Schönling?“
    Edmunds Kiefer spannte sich. Was für Schwachköpfe. Und er ließ sich auch noch auf dieses dumme Gespräch ein. Er atmete tief durch. Er stand darüber. Weit darüber. Sehr weit sogar.
    Edmund hob das Kinn und rümpfte die Nase. „Ich schulde Euch keine Rechtfertigung.“
    Die beiden Männer lachten. Und Edmund hasste es. Er spürte die Hitze in seinen Nacken kriechen. Und sie kam nicht von der Sonne. Er wollte diesen Idioten keinen Triumph gönnen. Es fühlte sich an, als hatte er verloren. Am liebsten hätte er ihnen entgegengebrüllt, dass er in den letzten Wochen ebenso bei Wind und Wetter auf dem Schiff gearbeitet hatte. Dass er putzte, kochte, kämpfte, wenig schlief.
    Er formte die Hände zu Fäusten. Aber war es seine Aufgabe, sich vor Idioten zu rechtfertigen? Nein. Und er stand immer noch über diesen Dingen. Er löste die verschränkten Arme und strich unsichtbaren Staub von seinem Ärmel. Und wandte sich erhobenen Hauptes ab. Das Kinn hoch erhoben, zu stiel, zu trotzig. Aber er war dennoch stolz darauf.
    Nalu blubberte.
    Schwachköpfe,kommentierte Edmund in Gedanken das Blubbern des Kraken.
    Nalu blubberte erneut.
    Der Linke rief ihm nach, als er gerade nach dem Eimer mit Spülwasser greifen wollte.
    „Sag mal, Schönling… riecht dein feiner Zwirn eigentlich nach Parfum oder nach Angst?“ Beide lachten heftig. „Ich wette, du würdest schon beim ersten Sturm weinen, wie ein Kind!“
    Die beiden und ihre Freunde brachen in schallendes Gelächter aus.
    Edmunds Schritte verlangsamten sich minimal, er verharrte in seiner Bewegung und zog die Nase kraus, knurrte genervt.
    „Was hast du denn bisher im Leben getan, Schönling?“, höhnte der Linke erneut und drückte seinen salzverkrusteten Finger immer tiefer in die Wunde. „Wein gekostet, Seide getragen und dich in Spiegeln bewundert? Oder hast du auch mal richtig geschwitzt, wie Männer?“
    „Du hast dir vermutlich nicht mal den Dreck unter deinen Fingernägeln verdient“, fügte der Rechte hinzu, „Wobei deine Nägel wahrscheinlich manikürt sind.“
    Edmund atmete durch die Nase ein. Wie konnten diese Kerle es wagen? Sie sprachen, als würden sie ihn kennen! Dabei hatten sie keine Ahnung! Sie redeten wie sein Vater! Als wäre er zum Leben unfähig. Wo lag das Problem, die Seife auch mal in die Hand zu nehmen, an der diese beiden wohl nur vorbeigelaufen waren?! Wo lag das Problem darin, auf sich und sein Aussehen zu achten? War man deshalb gleich zu dumm?! Wo lag das Problem, das Leben der Pflicht vorzuziehen? Anderen zu helfen, anstatt ihnen das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen und ihre Existenz zu zerstören? Wo lag das Problem, sich auch als Mann mal zu fürchten? Wo lag das Problem darin, kochen und nähen zu können? Sich mehr für Sterne und Astronomie zu interessieren, als für irgendwelche dummen Adelstitel?
    Er sah auf seine mittlerweile ebenfalls rauen Finger. Er konnte nichts dafür, dass sie immer noch zarter waren, als die von Trevor. Er war ebenso aufgewachsen. Und sein Blut verhinderte Narben und Blasen. Wie sollte sich da Hornhaut bilden? Was wollten andere eigentlich ständig von ihm? Er war zu arrogant, zu faul, zu klein, zu schmal, zu dumm, zu zart. Was wussten diese Kerle schon … Er war nun mal nicht so, wie andere es wollten! Wie sein Vater es wollte! Er war eben er!
    Er spürte, wie ihm die Wut durchflutete.
    Er wandte sich langsam wieder um. Er wollte zurückschreien, diesen beiden Idioten die Wahrheit ins Gesicht schleudern. Aber jedes Wort, das er fand, machte ihn nur kleiner, nicht größer. Er war zu klein, zu schmal, zu dumm zu arrogant … ohne die anderen wäre er niemals so weit gekommen. Er wäre bereits bei der Meuterei gestorben. Weil er dumm war. Weil er schwach war. Weil er feige war …
    Er zitterte vor Wut und seine Augen blitzten. „Ihr beiden Schwachköpfe glaubt, nur weil ihr stinkt und schwitzt, seid ihr besser?“ Er brüllte nicht, er zischte, erstaunlich ruhig, gedämpft.
    „Nein, wir sind Männer, die sich ihr Brot verdienen“, meinte der Rechte. „Ohne sich hinter Titeln zu verstecken.“
    Die beiden kannten weder seinen Namen noch Titel – den er nicht hatte. Ein Titel bedeutete ihm einen Scheißdreck! Sein Vater liebte Titel. Sein Vater hatte immer geplant, ihn in den höheren Stand zu verheiraten. Um selbst aufzusteigen. Dabei brachte ein Titel mehr Verantwortung mit sich, als er bereit war zu geben.
    Nalu...? Hörst du mich?
    Nalu blubberte.
    Gut …. Die haben Fisch an Bord. Du hattest doch Hunger …. Hol ihn dir.
    Es dauerte keine zwei Sekunden, da hörte er das Schreien der Männer. Tentakel umgriffen das Schiff und schwenkten es wie eine übereifrige Mutter das Kind auf der Schaukel. Oder ein fettes Kind die Keksdose. Die Männer brüllten vor Angst und Panik und sprangen ins Wasser. Nalu zog sich derweil an Bord und versenkte dabei das halbe Schiff im Hafenbecken mit seinem Gewicht. Einige der Seeleute wussten gar nicht wie ihnen geschah, während Nalu sie einzeln vom Schiff zupfte, ansah, nicht als Fisch einstufte und sie dann ins Meer warf.
    Edmund funkelte sie an. Seine Augen blitzten.
    War das übertrieben?
    Ja.
    Befriedigte ihn das Ergebnis dennoch?
    Auch ja.
    Etwas schlug ihm heftig auf den Hinterkopf. Edmund wandte sich vom Schiff ab.
    „Du bist so ein Kindskopf! Pfeif ihn zurück! Du machst mal wieder nur Probleme!" Nelli brüllte ihn an und schlug mit dem Kochlöffel nach ihm. „Du solltest nur das Spülwasser wegschütten! Und ich wundere mich, was so lange dauert!"
    Edmund funkelte Nelli noch immer wütend an. Aber diese Wut war anders. Einfacher. Lauter. „Die haben angefangen!"
    „Und du musst weitermachen?!"
    „Ich habe versucht, es zu ignorieren!"
    Hatte er! Und es hatte fast eine Minute lang funktioniert! Er fand das schon sehr erwachsen! Von wegen Kindskopf!
    Nelli schlug ihn erneut mit dem Löffel.
    Warum schlagen denn jetzt alle nach mir?!
    Edmund riss ihr den Kochlöffel aus der Hand. „Geht's noch?!"
    „Du sollst Nalu zurückpfeifen!"
    „Er ist kein Schoßhündchen!"
    „Pfeif! Ihn! Zurück!" Nelli hatte einen zweiten Löffel dabei. Warum auch immer. Auch dieser Löffel traf Edmund voll ins Gesicht. Mehrmals. Bis er ihr auch diesen aus der Hand riss. Derweil waren hinter ihnen Schreie und Nalus Grölen zu hören. Das Knacken von Holz.
    Edmund funkelte Nelli an. Diese funkelte zurück.
    Hatte die Alte schon immer so graue Augen? Als würde man in dichten Nebel mitten auf dem Meer blicken. Undurchdringlich, bedrohlich und voller Geheimnisse und Wissen.
    Hinter ihnen knackte es. Der Mast des anderen Schiffes brach.
    Er wandte sich von Nelli ab, räusperte sich.
    Du hast sie gehört …
    Nalu zog sich vom Schiff zurück und kam zu ihnen zurück. Den Mast des Schiffes in einem Tentakel hinter sich herziehend.
    „Was willst du denn damit?", murrte er den Krake an.
    Nalu blubberte.
    „Quatsch. Gib das zurück! Wir haben schon einen Mast!“
    Nalu blubberte.
    „Nein! Das ist eine Schaluppe! Die haben nur einen Mast!"
    Nalu blubberte traurig und ließ den Mast donnernd auf das andere Schiff fallen. Er brummte und sah ihn aus einem großen Auge an.
    „Guck nicht so.“ Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass der Krake wirklich auf seine Worte gehört hatte. Dass er das andere Schiff wirklich angegriffen hatte, ohne jemanden – schwer – zu verletzten oder das Schiff vollkommen zu zerstören. Ganz, als hätte der Krake nur gespielt und es nicht ernst gemeint.
    Er sah zum Schiff. War es wirklich so? Hatte Nalu das Schiff angegriffen, weil er diesen Typen hatte wehtun wollen?
    Nalu blubberte.
    „Geht es dir gut?“, wollte Nelli wissen und klang dabei nicht mehr wütend, sondern besorgt.
    Nein.Was zum Teufel war das? Warum hatten ihn die Worte so wütend gemacht? Nicht seine übliche Wut, sondern echter Zorn. Zorn, der in Kauf genommen hätte, dass einer der Männer ernsthaft verletzt wurde. Oder von einem Kraken gefressen…
    „Ja.“
    Sie sollte sich keine Gedanken machen. Das war nicht nötig. Sie war am Sterben, nicht er. Seine Probleme und sein Zorn standen hinten an. Nachdenklich sah er auf den Krake. Der Krake sah stumpf zurück. Irgendwas funkelte in seinem großen Auge. Ein Glanz, den Edmund nicht deuten konnte.

    „Hey!“ Eine Stimme durchbrach seine Gedanken.
    Als er aufblickte, erkannte er einen Soldaten, der sich dem Hafenbecken vorsichtig näherte. Er wirkte nicht sonderlich freundlich, guckte grimmig, was dem doch ganz ansehnlichen Gesicht nicht zu Gute kam. Dafür war seine Uniform perfekt gepflegt und das Metall strahlte poliert in der Sonne. Das perfekte Gegenteil zu den dreckigen Matrosen.
    „Was ist das?!" Die Stimme des Mannes war dunkel und schwankte zwischen Verunsicherung und Angst, Sorge und doch Autorität. Er deutete zu Nalu.
    „Ein Krake“, stellte Edmund hilfreich klar. Wer Augen im Kopf hatte, dürfte das sehen.
    „Das sehe ich!“, brüllte der Soldat zurück.
    Schau an, ein Klugscheißer...
    „Gehört das Vieh zu euch?!"
    Nalu blubberte. Warf aber keinen Stein. Irgendwie beruhigend. Aber doch nervig, dass der Krake nur ihn mit Steinen bewarf. Das durfte er ruhig auch mal anderen an den Kopf werden.
    Nicht jetzt, forderte er schnell, ehe er den Krake nochmal auf dumme Ideen brachte. Er wusste ja nicht, wie viel das Tier wirklich von seinen Gedanken mitbekam.
    „Eigentlich nicht, aber wir werden ihn nicht mehr los."
    Nalu umschmiegte ihr Schiff und brachte es damit zum Schwanken und senkte es stark nach unten. Edmund hielt sich an der Reling fest, versuchte dabei nicht umzufallen und weiterhin lässig zu wirken.
    Nalu brummte. Was soll das heißen, ich sehe lächerlich aus?! Nalu blubberte. Hast du dich mal angesehen?!
    Nalu wog den Kopf und schob sich dann weiter aufs Schiff.
    „Hör auf damit! Du kannst dich hier nicht verstecken!“
    Nalu blubberte.
    „Nein, du passt nicht unter mein Bett!“
    Nalu blubberte.
    „Auch nicht, wenn du dich klein machst!"
    Nalu blubberte erneut, ließ aber etwas vom Schiff ab, verkrümelte sich unter Wasser und zurück in den Schatten.
    Als Edmund zum Soldaten sah, glotzte der ihn an, als wäre er nicht mehr ganz klar im Kopf.
    Vielleicht war er das auch nicht mehr. Er sprach mit einem Krake. Verstand diesen … nicht wirklich. Aber irgendwie schon. Und eben hätte er beinahe ein Schiff versenkt.
    Edmund lächelte süßlich.
    „Entschuldigt, der Krake ist etwas übereifrig und noch jung“, denke ich, „aber er tut keinem etwas, versprochen. Er mag einfach Fisch." Er zuckte lächelnd die Schultern. Er sah zu Nelli. Die stand hinter ihm, verdrehte die Augen und verschränkte die Arme. Ihrem Blick war das „Ich habs dir ja gesagt“ anzusehen, ohne, dass sie es aussprechen musste. Obwohl auch echte Sorge in ihrem Blick lag. Wobei er nicht wusste, ob diese ihm, Nalu oder den Seeleuten galt. Ja, guck nicht so doof, ich verstehe das Problem.
    Der Soldat trat etwas näher, den Blick auf den Schatten unter ihrem Schiff gerichtet, dann rief er zu Edmund hinauf: „Ähm...ist er...angemeldet?"
    „Angemeldet?", Edmund lehnte sich auf die Reling, stützte den Kopf in die Hand.
    „Nun, jedes Schiff im Hafen muss angemeldet werden."
    So korrekt wie die Kleidung sitzt, hält der wohl auch an Regeln fest. Was?Nun musste er wirklich aufpassen, dass nicht wegen Nalu noch eine ganze Mannschaft Soldaten hier anrückte und ihn vertreiben wollte – oder schlimmeres. Nun …. Der Kerl war interessant genug, um Ablenkung zu sein.
    „Er ist ein Krake, kein Schiff." Wäre doch gelacht, wenn er da nicht wieder herauskam. Wenn er es schaffte, mit einem Krake zu reden, dann war ein Soldat ja wohl kein Problem. Die Matrosen waren ja mächtig nach hinten losgegangen. Aber er hatte keine Nerven und keinen Kopf, sich in diesem Moment mit seinem Ausbruch zu beschäftigen. Irgendwas sagte ihm, dass ihn diese Gedanken nur deprimieren und nicht weiterbringen würden.
    „Er ist groß wie ein Schiff."
    War es sinnvoll, sich mit dem Soldaten darüber zu streiten?
    „Wie viel?"
    „Zehn Silber...Wie für ein Schiff."
    „Drei...er ist schließlich kein Schiff. Und nimmt deutlich weniger Platz weg."
    „Aber er richtet mehr Schaden an, als ein Schiff."
    Edmund wog den Kopf. „Er hätte deutlich mehr Schaden anrichten können. Er ist zahm.“ Mehr oder weniger. Vor allem aber Stur.
    Nalu blubberte.
    Ich bin nicht stur.
    „Acht“, meinte der Soldat. Edmund grinste zielsicher. Der Kerl ließ sich also wirklich auf seine Worte ein. Perfekt. Der Kerl war manipulativ und anfällig.
    „Euch acht Silber zu geben, repariert den Schaden am Schiff eines anderen aber nicht. Vier und die anderen bekommen ihren Mast zurück."
    Der Soldat sah ihn an, dann zu Nalu, dann zu dem anderen Schiff, das auf Halb Acht im Hafen hing. Einige Seeleute trieben noch panisch im Meer und versuchten sich zurück aufs Schiff zu ziehen, andere waren bereits aus dem Wasser gekrochen und starrten panisch zu Nalu, der wachsam zurückblickte. Dann sah der Soldat wieder zu ihm.
    „Ihr könnt mir dem Krake reden?"
    Edmund zuckte die Schultern, etwas zwischen Zustimmung und einem Vielleicht.
    „Er hört auf Euch?"
    Mehr oder weniger.
    „Ja“, meinte er dennoch. Jetzt die komplizierte Beziehung zwischen ihnen zu erläutern, würde zu nichts führen. Edmund wusste ja selbst noch nicht, was das war und wie genau es funktionierte. Außerdem musste er kaum erklären, dass er sich regelmäßig mit einem Krake stritt. Und der ihn mit Steinen bewarf.
    „Wie?"
    Wenn ich das nur wüsste.
    Nalu blubberte.
    Edmund sah in seine Richtung, dachte nach, dann lächelte er.
    Wenn es am Nymphenblut liegt, kann Vater das auch? Warum hatte er nie etwas gesagt? Wenn es so wäre, hätte sein Vater darauf bestanden, dass er es erlernen würde. War das nicht immer das Ziel seines Vaters gewesen? Sich jeden Vorteil zu nutze zu machen? Wobei er, Edmund, doch zu dumm dafür war, weil „ihm sein Spiegel“ immer wichtiger war. Der Alte Sack hatte doch selbst mehr Zeit mit seiner Kleidung verbracht, als normal gewesen wäre.
    „Ich bin eben charmant, das erkennt sogar ein Krake.“
    Der Soldat sah ihn an, musterte ihn, runzelte die Stirn. Ganz als versuchte er, Lücken zu schließen.
    Edmund lächelte.
    „Versucht Ihr mich zu täuschen? Ihr … "
    Pass auf was du sagst...dünnes Eis.
    „Ich könnte Euch bei einem guten Rum davon erzählen und ich bin mir sicher, wir finden dabei auch noch eine Lösung für das kleine Problem.“
    Der Soldat verschränkte die Arme, die Stirn leicht gerunzelt und sein Blick skeptisch.
    „Rum? Ich habe Wachen zu halten. Ihr wollt mich bestechen.“
    Edmund lächelte schmal.
    „Bestechen? Ich? Euch? Niemals. Ich biete Euch lediglich… eine Einladung.“ Er lächelte. Die Haltung des Soldaten veränderte sich bereits. Auch, wenn er schnaubte.
    „Ich lehne ab. Ich habe keine Zeit für eure Spielchen.“
    Edmund lehnte sich auf die Reling, das Lächeln charmant und leicht spitz.
    „Spielchen? Ach was. Es ist lediglich eine Gelegenheit, den Tag angenehmer zu gestalten und vielleicht, nur vielleicht, ein kleines Problem zu lösen. Ich verspreche, der Rum ist von so guter Qualität, dass sogar ein Soldat von Eurem Kaliber… zustimmen muss.“
    Der Soldat schnaubte erneut, doch ein kleines Funkeln in den Augen verriet, dass der Gedanke ihn doch reizte.
    „Na gut“, murmelte er schließlich, „nur einen Becher. Und ich hoffe, Eure Erklärung ist interessant genug!“
    „Nur einen Becher?“, wiederholte Edmund süffisant. „Wie armselig bescheiden von Euch. Ich nehme das als
    Er sprang vom Schiff und sah zu dem anderen hinüber. „Wenn ihr der Revenge zu nahe kommt, versenkt der Krake euer Schiff, samt Inhalt, damit das klar ist!“, brüllte er zu den Matrosen hinüber, eine deutliche Drohung, die er so ernst klingen ließ, wie es nur möglich war.
    Keine Ahnung, was der Krake macht, wenn ich nicht mehr da bin.
    „Bis später, Rotschopf.“ Er winkte Nelli zu. Die Alte kam schon eine Weile zurecht.
    Er klopfte dem Soldaten auf die Schulter. Etwas Ablenkung war genau, was er nun brauchte.
    „Keine Sorge. Ich sorge dafür, dass er schmeckt, als hätte er Magie im Fass. Und vielleicht finden wir dabei sogar eine Lösung für das kleine Problem.“

    Edmund bereute seine Worte in dem Moment als sie seinen Mund verlassen hatten. Nelli sah wütend aus. Sehr wütend. Sehr viel wütender als er es von ihr gewohnt war. Zumindest verriet die tiefe Zornesfalte auf ihrer Stirn einiges. So wütend hatte er den Rotschopf bisher nie gesehen. Beinahe beunruhigend. Wenngleich ihre Haare dadurch noch roter wirkten … beängstigend schön.
    Nelli riss ihn aus seinen Gedanken, indem sie ihm ein unfassbar hässliches Pflanzenpüppchen in die Hände drückte. Das Ding guckte ihn dümmlich an und sah mit seinem einzelnen roten Ahornblatt auf dem Kopf einfach nur lächerlich aus.
    „Hier! Du wolltest das Ding, also kümmere dich darum!“, behauptete Nelli mit eisiger Stimme und machte auf dem Absatz kehrt.
    Verwirrt sah er Nelli nach als diese davonstampfte.
    Er blickte auf das Püppchen in seinen Händen. Was war das? In seinen Erinnerungen tauchten wage Bilder der kleinen Kreaturen auf. Aber warum um alles in der Welt war eines davon nun auf dem Schiff? Und warum hatte Nelli so schlechte Laune?
    Er sah zu Esther. Diese klärte sie mit ruhigen Worten darüber auf, was überhaupt passiert war. Irgendwie bekam er den Eindruck, dass dabei zum einen völlig übertrieben wurde und andererseits Sachen auch weggelassen wurden. Er selbst erinnerte sich an kaum etwas. Das letzte, was ihm im Kopf schwebte, waren diese Baumwesen und das Kicherblumenfeld.
    So ein dämlicher Name für eine dämliche Blume …
    Da aber Esther die Geschichte erzählte, war diese Geschichte zumindest glaubhafter als sie es bei Nelli gewesen wäre. Der Hexe hätte er kein Wort geglaubt.
    Ein Blick zu Trevor verriet ihm aber, dass er dem Ganzen ebenfalls nicht ganz folgen konnte. Offenbar erinnerte er sich auch nicht. Vielleicht besser so. Erklärte aber warum Nelli so wütend war.
    Edmund blickte erneut auf das Baumwesen, das ihn aus den Knopfaugen ansah, als wäre es dahinter düstere Nacht.
    Toll, und was mach ich jetzt damit?
    Er setzte das Ding ab, was der Baum nutzte, um ihm ins Bein zu beißen.
    „He! Wer kam auf die dämliche Idee, das Ding mit zu nehmen?“, fauchte er und schüttelte es von seinem Bein ab.
    „Du“, kommentierte Esther trocken. „Hat Nelli doch eben gesagt.“
    Edmund sah sie an. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Warum um alles in der Welt, sollte er so ein Ding freiwillig mitnehmen?
    „Es heißt Nella von und zu Laubhaufen“, meinte Esther.
    Welcher komplett Gestörte hat sich denn diesen saudummen Namen aus dem Hintern gezogen?
    „Ehe du fragst“, fügte Esther an, „auch das war deine Idee.“
    Unmöglich!
    Die Gräfin lächelte irgendwas zwischen süßlich und gehässig und wandte sich dann ebenfalls zum Gehen. „Im Übrigen muss das Deck geschruppt werden, Nalu hat dort seinen ganzen Unrat abgeladen.“
    Wer war denn nun Nalu? Hoffentlich nicht noch mehr von diesen Dingern! Was war ihm in den letzten Stunden eigentlich noch alles entglitten?
    Nie wieder laufe ich auch nur an so einer blöden Kicherblume vorbei!
    Er sah zu Trevor. Doch der zuckte auch nur die Schultern.

    Die nächsten Tage herrschte erstaunliche Ruhe auf dem Schiff. Die Frauen waren genervt, und die Gespräche wurden aufs Nötigste reduziert. Selbst Edmund getraute sich am ersten Tag nicht viel zu reden. Lediglich das dumme Baumvieh namens Nella bekam er immer wieder in die Hände gedrückt, wenn es irgendwo im Weg herumstand oder sich durch die Vorräte wühlte. Anfangs hatte er noch geglaubt, es hatte Hunger und würde deshalb alles anknabbert. Aber Esther hatte ihm erzählt – da Nelli auch auf diese Nachfragen jegliche Kommunikation verweigerte -, dass diese Wesen wohl Photosynthese betrieben und nur mit Wasser gegossen werden mussten. (Was ihren Süßwasservorrat arg in Mitleidenschaft ziehen würde. Auf Kurz oder Lang) Allerdings war das Ding ähnlich nervig und begierig wie ein Kleinkind und musste sich alles in den Mund stecken und bedurfte permanenter Aufmerksamkeit. Es sei denn, er wollte alle Früchte durchgekaut und ausgespuckt vorfinden. Immerhin lenkte das Ding ihn von der permanenten Ruhe ab. Den ersten Tag hatte er dieses Schweigen noch genossen. Immerhin hieß das, dass Nelli ihn nicht nervte oder ihn foppte. Aber nach drei Tagen wurde es sowohl beängstigend als auch langweilig. Bereits am zweiten Tag ging ihm diese Stille aber heftig auf die Nerven. Und da Nelli ihm nicht zum Ärgern zur Verfügung stand, musste Esther leiden.
    Ein neues Hobby konnte es durchaus werden, ihre Sachen zu verstecken und ihr vergnügt dabei zu zu sehen, wie sie ihren Zauberstab überall auf dem Schiff suchte, ohne zu wissen, wer ihn versteckt hatte. Mal abgesehen davon, dass er ihn die meisten Zeit mit sich herumtrug, konnte sie ihn auch gar nicht finden.
    Edmund schleppte das Baumwesen in die Küche, wo Nelli gerade einen Tee zubereitete. Kaum, dass er hereinkam und zum Reden ansetzte, stand sie jedoch auf und ging an ihm vorbei. Nella warf sich vor der Alten auf die Knie, was diese beinahe noch ins Stolpern brachte und damit den dramatischen Abgang torpedierte. Allerdings erntete nicht Nella, sondern er dafür einen tödlichen Blick.
    „Was? Ich liege nicht vor dir auf dem Boden und singe…“ Der kleine Baumwicht tat das ständig, sowohl bei Nelli als auch bei Eshter. Er/Sie/Es Nella warf sich vor den beiden auf den Boden und begann einen Singsang.
    Nelli ignorierte ihn, ging nicht mal mit einem Blick darauf ein. Okay, sie war immer noch stinksauer.
    Edmund beschloss, dass die Zeit noch nicht reif war. Und so ging es die nächsten Tage weiter. Egal, was Edmund fragte oder wollte, Nelli tat entweder als würde sie ihn nicht hören, verließ den Raum, das Deck oder warf ihm die Tür vor der Nase zu. Zweimal hatte ihm deshalb schon die Nase geblutet. (Und Nelli hatte es nicht mal für nötig gehalten ihn zu versorgen!) Oder aber schenkte ihm einen so bohrend bösartigen Blick, dass er nachts noch Albträume davon hatte.
    Die Alte ist aber nachtragend, murrte er gedanklich.

    Am vierten Tag blickte er aufs Meer. Der Krake, Nalu, spielte unweit von ihnen in der Ferne mit einem Schwarm Möwen. Wer da wen ärgerte, war schwer zu sagen. Es war das Kreischen und Plärren der Vögel zu hören, dann wieder das Brummen des Kraken. Irgendwo flogen Steine.
    Edmunds Blick wanderte zu den kleineren Inseln im Hintergrund. Irgendein Archipel, das er und Nelli ausgeschlossen hatten und wo sie mit Sicherheit keine ihrer Kräuter finden würden. Die größte Hoffnung lag in diesem Markt, von dem Elizabeth gesprochen hatte. Und wehe dort würde es auch diese dumme Kicherblume geben, dann hätten sie sich den ganzen Aufriss sparen können.
    Ein Wasserstrahl traf ihn im Gesicht.
    Edmund funkelte den Kraken böse an. Der duckte sich augenblicklich weg und ließ Blasen aufsteigen. „Ich habe keine Lust zum Spielen…“, knurrte er. Der Krake sah ihn aus seinen Glubschaugen an und spritzte ihn erneut mit Wasser voll. Genervt wischte sich Edmund das Gesicht trocken. „Ich habe doch gesagt, ich will nicht -“ Er wurde unterbrochen, von dem Baumwesen, das ihm mit seinen Ästen in die Beine boxte. Er schüttelte es ab. „Lass das!“ Nach einer Diskussion mit Esther hatte er ein Hemd von ihr für das Ding ergattern können. Deshalb trug das Vieh nun auch ein Damenhemd mit Kragen, was an dem Winzling aussah wie ein Kleidchen. Zwar wirkte es nun aus, als hätten sie irgendwo ein hässliches Kind entführt, aber da sich Edmund nicht sicher war, wie das Ding – herausgerissen aus dem Inselklima – mit der salzigen Seeluft und direktem Wasser klarkam, empfand er es als besser, es zumindest ein wenig davor zu schützen.
    Wieder traf ihn erst ein Stein und dann eine Fontäne des Kraken. Tropfnass stand er an Deck. Sein Auge zuckte, als ihm die Haare im Gesicht klebten. Der Krake blubberte und lachte ihn offenbar aus und das Baumwesen zupfe an seinem Hosenbein und versuchte ihn zu beißen.
    Nicht anschreien … bringt sowieso nichts.
    Er wischte sich die Haare aus der Stirn. Irgendwie hatte Nelli es geschafft, seine Haare noch weicher zu machen, als sie es sowieso schon waren. Durch das Salzwasser der letzten Tage war der Effekt aber bereits wieder verloren. Allerdings hatte Nelli bisher nie auf seine Nachfragen reagiert. Ob es heute möglich war mit ihr zu reden? Es waren immerhin schon wieder zwei Stunden vergangen, seit er sie das letzte Mal genervt hatte. Konnte es sein, dass er in den letzten Tagen vermehrt ihre Aufmerksamkeit gesucht und sie deshalb genervt hatte?
    Quatsch!
    Im Grunde hatte die Alte jedes Recht sauer zu sein. Sie hatten sie an Bord gelassen, damit sie sich schonte. Er hatte sogar am meisten mit Nelli darüber diskutiert. Und dann hatte Nelli doch an Land gehen müssen, um ihren zugekleisterten Verstand aus dem Dschungel zu kehren.
    Edmund packte das Baumwesen und trug es unter Deck.
    Er würde die Hexe zum Reden bringen! Koste es, was es wollte! Er stellte das Baumwesen unter Deck wieder ab, was das Ding nutzte, ihm direkt zwischen und vor den Beinen herumzurennen, weshalb er beinahe gegen die Wand geklatscht wäre.
    „Sitz!“, pampte er Nella so laut an, dass das Wesen zusammenzuckte und ihn aus den Knopfaugen ansah und sich tatsächlich auf den Hintern fallen ließ. Edmund atmete erleichtert auf und funkelte Nella nochmal böse an, ehe er an Nellis Tür klopfte. Es gab keine Reaktion. Aber da sie nicht an Deck war und es nicht ihre übliche Zeit für Tee war, musste Nelli in ihrem Zimmer sein.
    Warum kenne ich ihre Teezeiten?
    Er öffnete und schob den Kopf ins Zimmer. Nelli saß an dem kleinen Tisch und hantierte irgendwas mit einem ihrer Bücher und den Tränken herum. Sortierte sie die Dinger?
    „Rotschopf?“, fragte Edmund vorsichtig. „Ich weiß, du bist immer noch sauer auf mich, aber kann ich dennoch fragen …“
    Nelli sah ihn nicht mal an, als er ins Zimmer kam. Hatte sie ihn nicht gehört? Doch ganz sicher. Und immerhin war kein Blick auch schon positiv zu werten. Der Rotschopf wurde also langsam wieder warm mit ihm. Auch kein Wunder. Man konnte ihm schließlich nicht lange wütend sein.
    Also die besten Voraussetzungen, dass er nachfragen konnte, was die Alte mit seinen Haaren gemacht hatte. Erneut. Den Gedanken einmal mehr beiseite geschoben, dass Nelli ihn nackt gesehen hatte. Ein Umstand, der ihm seltsam unangenehm war. Er schob es darauf, dass er zu dem Zeitpunkt nicht bei Verstand und nicht mal bei Bewusstsein gewesen war. Weil andernfalls hätte es ihn nicht gestört. Wobei ihm die junge Nelli doch unangenehm war.
    Hör auf darüber nachzudenken! Fokus!
    „Du hast doch meine Haare gewaschen...was genau hast du ..."
    Nelli schob ihm kommentarlos eine Phiole zu.
    Edmund wertete es als Einladung und betrat das Zimmer. „Was ist das? Gift?", foppte er, einfach um das Gespräch weiter zu treiben und irgendeine Reaktion aus Nelli herauszulocken.
    „Eine Essenz aus Kamille, Bananenblüte und Kokosmilch", gab sie trocken zurück.
    Sie redet wieder mit mir! Ha! Ich wusste doch, dass sie mir früher oder später verzeihen würde.
    „Die Zutaten sind nicht giftig ... ", schlussfolgerte er. Er nahm die Phiole und schwenkte sie im Licht des Bullauges. Und damit hatte sie seine Haare weich bekommen? Mit Bananen? Er würde wohl doch lieber in dem Buch, das Nelli ihm mal gegeben hatte, nachschlagen, um sicherzugehen. Nicht, dass ihm danach die Haare ausfielen.
    „Danke“, murmelte er. Er wusste nicht so recht für was er sich bedankte. Dass sie ihm das Zeug gegeben hatte, dass sie wieder mit ihm redete. Oder dass sie sich nach allem die Mühe mit seinen Haaren überhaupt gemacht hatte.
    Nelli nickte lediglich und wandte sich wieder ihrem Buch zu, sortierte scheinbar willkürlich Fläschchen hin und her.
    Edmund drehte sich zum Gehen, zögerte dann aber doch. Wenn er jetzt ging, dann war die Chance vertan, oder? „Bist du noch wütend?“
    „Rate doch mal."
    Die Art wie sie es sagte, sagte alles.
    „Also, ja.“
    „Scheint so."
    Edmund zögerte erneut, er wendete das Fläschchen in seinen Fingern und biss sich auf die Zunge. „Bringt eine Entschuldigung noch was?" Die ersten Tage Nelli-Schweigen hatten ihm gefallen. Endlich Ruhe und Frieden. Aber mittlerweile – er wagte es gar nicht es laut auszusprechen – fehlte es ihm. Wenn er wollte, dass sie wieder normal war, dann löste das wohl nur Zeit oder Worte. Und Edmund war ungeduldig. Vor allem weil ihm die Ruhe auf dem Schiff auf die Nerven ging … und wenn er ehrlich war, dann vermisste er die Streitereien mit Nelli. Esther war nicht mal ansatzweise ein Ersatz für sie. Sie ließ sich einfach nicht provozieren. Nicht so.
    „Du könntest es versuchen." Nelli schaute jetzt wenigstens auf.
    Edmund kratzte sich am Kopf. Wie ich sowas hasse.
    „War blöd nicht auf dich zu hören...", setzte er an.
    „Das ist richtig."
    „Das nächste Mal, kommst du mit an Land und darfst mir direkt eins überbraten, wenn ich wieder auf dumme Ideen komme." Er grinste sie schief mit seinem besten Edmund-Lächeln an. „Tut mir echt leid, dass ich darauf bestanden habe, dass du hierbleibst und deine Hinweise ignoriert habe.“ So jetzt ist es raus. Damit war das Ganze hoffentlich Geschichte! Wie er Entschuldigungen verabscheute. Es hieß immer, dass er etwas falsch gemacht hatte. Dabei machte er nichts falsch. Und vor allem gab er es nicht zu. Niemals.
    Nelli lächelte leicht. Endlich!
    „Entschuldigung angenommen."
    Er war erleichtert über diese Worte. Mehr als er sein sollte. Mehr als er erwartet hatte. Obwohl ihm nun klar war, dass Nelli ihn ab jetzt wieder ärgern würde, beruhigte ihn der Gedanke und ihr Lächeln. Besser als ihr eisiger Blick des Todes.
    Er grinste ebenfalls. Dann hatte sich die Entschuldigung wirklich gelohnt. Er war seltsam froh, es gesagt zu haben.
    Sie deutete auf das Fläschchen. „Nach dem Waschen einmassieren und kurz wirken lassen, dann vernünftig ausspülen."
    Edmund nickte. Dann würde er das – nach einem Kontrollblick ins Buch – versuchen. Nicht, dass er umsonst roch wie ein Obstkorb.
    „So! Da du mir verziehen hast!“, rief Edmund breit grinsend aus. Er steckte sich das Fläschchen in die Hosentasche, damit Nelli nicht auf die Idee kam, es ihm wieder wegzunehmen. Er ging aus dem Raum und packte das Püppchen, das dort immer noch saß. „Und da du mich wieder lieb hast, kannst du dich ja weiter um das da kümmern! Ich habs nicht so mit Pflanzen. Lässt überall die Rinde fallen und versucht ständig ins Meer zu springen.“ Er drückte Nelli die Baumpuppe in die Hand. „Achtung, sie piekt gerne mit ihren spitzen Ästen in die Beine!“ Er grinste nochmal, dann verschwand er eilig aus dem Raum, ehe Nelli ihm das Ding zurückgeben konnte.
    Gleich drei Probleme gelöst. Der Tag war produktiver als die letzten beiden.
    Nelli rief ihm noch etwas hinterher, was im besten Fall eine Beleidigung war. Er hörte ihre Stimme nur hinter sich, grinste aber trotzdem: Musik in seinen Ohren. Immerhin war er das komische Ding vorerst los und wenn er es für Nelli von der Insel mitgebracht hatte, wie sie und Esther behaupteten, dann konnte sich auch Nelli darum kümmern. „Viel Spaß beim Gärtnern“, rief er zurück, ehe er aufs Deck ging.

    In der nächsten Woche schoben sich Nelli und Edmund das Baumwesen immer wieder hin und her. Blöderweise erhielt er Nella immer, wenn er schlafen wollte. Dafür rächte er sich damit, dass er das Baumwesen in Nellis Zimmer schubste, immer, wenn diese gerade an ihren Tränken oder Büchern und Listen saß, sodass alles einmal quer durcheinandergeriet. Immerhin waren seine Haare nun so weich wie nie.
    Da das Wetter schön war, kein Sturm in Sicht nicht mal Wolken, und der Wind konstant blies, kamen sie gut voran und mussten kaum eingreifen, nur hier und da den Kurz korrigieren und nach Riffen Ausschau halten. Sie würden wohl eher in Felsschlund ankommen, als erwartet.
    Edmund nutzte daher die Gelegenheit, sich mit dem zweiten Anhängsel zu beschäftigen, das sie seit einer Weile begleitete und es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, ihn mit einem Wasserstrahl oder Steinen aus der Takelage zu schießen. Wobei Nalu erstaunlich treffsicher war.
    Nelli hatte ihm erzählt, dass er wohl im Rausch, mit dem Krake kommuniziert hätte. Was er für einen Scherz hielt. Und er würde garantiert nicht den Kopf unter Wasser halten und Blasen machen, wie Nelli es von ihm wollte. Diese rothaarige Hexe hatte sie ja nicht mehr alle und suchte nur etwas, um sich über ihn lustig zu machen. Vor allem da sie sich die letzten Tage weitaus häufige gegenseitig aufzogen als sonst. Als hätten sie etwas nachzuholen.
    Nun versuchte er also dem Kraken irgendwie zu vermitteln, dass dieser ihm einen Fisch aus dem Wasser bringen sollte. Was Nalu mit Korallen und Steinen kommentierte, die er ihm an den Kopf schmiss.
    „Du musst das einfühlsamer machen“, kommentierte Nelli.
    Einfühlsamer? Ich zeig dir gleich einfühlsam!
    „Woher willst das denn wissen?“
    „Alles funktioniert besser, wenn man es einfühlsam macht“, meinte Nelli und schob ein, „Trottel“ hinterher.
    Ja, klar … Einfühlsam…
    „Natürlich“, murrte Edmund sarkastisch, „Ich setz mich kurz hin, frag ihn nach seinen Gefühlen und wir reden über seine innere Einstellung zu Fischen.“
    „Das wäre schon mal ein guter Anfang."
    Das konnte unmöglich ihr Ernst sein. Aber dann sollte der Rotschopf eben ihren Spaß haben.
    Er hockte sich hin, sah Nalu ernst an.
    „Gut, willkommen in der Gruppentherapie auf der Revenge. Der Rotschopf wünscht ein Gespräch über unsere tiefsten Gefühle. Gibt es einen Grund, warum du mir keine Fische aus dem Meer holen möchtest? Magst du keinen Fisch? Willst du spielen?“ Bist du einfach nur zu doof, um zu verstehen, was wir sagen?
    Nalu sah ihn hohl an. Edmund sah genervt und ungeduldig zurück. Was erwartete er?
    Eine Ladung Seetang klatschte ihm ins Gesicht. Und irgendwas Hartes traf ihn ebenfalls. Hinter ihm konnte er von Nelli ein amüsiertes Schnauben hören. Er wischte sich den Seetang aus dem Gesicht und den Haaren.   
    „Bist du jetzt glücklich?!“
    „Vielleicht solltest du es doch noch mal mit Blubbern versuchen?“
    Nach Steinen und Seetang ist Blubbern der nächste logische Schritt. Klar. Warum versuche ich es nicht gleich mit Singen und Tanzen? Vielleicht wirft das dumme Ding mir dann nur noch kleine Felsen an den Kopf!
    Er funkelte Nelli an. „Großartige Idee. Willst du es vormachen, damit ich es nicht wieder falsch mache oder reicht es, wenn ich mich weiter lächerlich mache?“
    „Was? Das letzte Mal hat das sehr gut funktioniert!" An das letzte Mal konnte er sich nicht erinnern und niemand wusste, ob es dieses letzte Mal überhaupt gab! Am Ende machten sich Esther und Nelli nur einen Scherz daraus und er blamierte sich hier nach Strich und Faden!
    „Noch mehr so brillante Ideen?“, knurrte er.
    „Vielleicht ist eure Kommunikation eher telepathisch?"
    „Klar. Telepathisch…“, knurrte er. Was war das denn für eine Schnapsidee? Nur weil irgendwo in seinen Genpool eine Nymphe steckte, konnte er sich nicht gleich telepathisch mit einem Tinte spuckenden Ungeheuer über Fisch unterhalten!
    Was soll ich jetzt machen? Über Fisch nachdenken?
    Nalu blubberte begeistert und tauchte ab. Das riesige Geschöpf brachte dabei das ganze Schiff zum Schwanken. Ein Tentakel patschte Edmund mitten ins Gesicht und wischte ihn beinahe vom Deck, über die Reling. Er stolperte rückwärts, trat auf etwas Glitschiges und wedelte mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, dabei stolperte er auch noch über Nella, die ihm mal wieder zwischen die Beine lief. Er war reichlich begeistert von sich, dass ihn weder das schwankende Schiff, noch Nalu, noch der wandelnde Busch zu fallen gebracht hatten. Gerade, als er seine innere Mitte wiedergefunden hatte, klatschte ihm erneut etwas derartig schwungvoll ins Gesicht, dass es ihn doch zu Boden schickte. Er landete hart auf dem Hintern, irgendwas Übelriechendes landete auf seinem Kopf und tropfte ihm ins linke Auge.
    Er wollte gerade loszetern, als sich ihm ein Schatten näherte. Als er aufsah, konnte er gerade noch sehen, wie ihm ein riesiger Hai entgegenflog. Der Knorpelfisch – völlig überfordert mit seiner Flugstunde - begrub ihn zappelnd unter sich und schnappte in seinen letzten Momenten hungrig nach der ungewöhnlichen Beute. Edmund rang eine Weile mit dem Fisch, boxte auf ihn ein, was dieser aufgrund des falschen Elementes nur verlieren konnte – während neben ihm immer mehr Fische landeten.
    Als er sich unter dem Hai und den unzähligen Fischen freigrub, lachte Nelli so sehr, dass sie sich an der Reling festhalten musste. Edmund starrte auf die Fische, dann auf den Hai. Erstaunlich: Keiner seiner „Freunde“ hatte es für nötig gehalten, ihm wegen dem Hai zu helfen. Toll.
    Sein Auge zuckte bei Nellis Gelächter, als von irgendwoher auch Esthers Lachen erklang. Schön, wenn er wieder alle unterhalten konnte.
    Dummes Vieh!
    Nalu bewarf ihn erneut mit einem Stein.
    „Er mag dich“, stellte Nelli trocken fest und prustete so laut, dass sie zusammenbrach.
    Jetzt vermisse ich die ruhigen Tage eisernes Schweigen …
    Er wischte sich den übelriechenden Schleim aus der Kleidung und den Haaren. Er wollte gar nicht wissen, was das war … sah aus wie Rotz, stank nach schlimmerem … Er schob sich die Haare aus dem Gesicht.
    „Nie hörst du auf mich!“, kicherte Nelli.
    „Jaja …“, murrte er. Dann kratzte er sich am Hinterkopf. Und was nun? Er sah Nalu an.
    Wehe du wirfst nochmal einen Stein nach mir.
    Nalu sah ihn an. Blubberte.
    „Siehst du, er hat dich verstanden!" Nelli griff sich einen der Fische und betrachtete ihn.
    „Ja. Großartig. Er versteht mich. Er respektiert mich nur nicht und ignoriert mich genauso konsequent wie ihr.“
    „Weil man sich Respekt erarbeiten muss. Den bekommt man nicht geschenkt. Götter, ich dachte, das hättest du mittlerweile verstanden!"
    Nun kam der Rotschopf wieder mit ihren Belehrungen. Fehlte nur der erhobene Zeigefinger und der arrogante Blick seines Lehrers, der ihm irgendwas Nutzloses über die Welt erklären wollte. Natürlich wusste er mittlerweile, dass Respekt nicht von Nichts kam. Aber sie sprachen hier von einem Kraken nicht von einem Menschen.
    „Das ist ein Krake, nicht die Stadtwache von Silberberg!“ Erneut klatschte ihm etwas an den Kopf. Er wandte sich genervt an Nalu. „Kannst du das mal lassen? Das funktioniert hier auch in zwei Richtungen! Meinen Respekt bekommst du auch nicht „geschenkt“!“
    „Und? Die Stadtwache kannst du kaufen. Nalu nicht“, argumentierte Nelli.
    Warum stand die Hexe eigentlich auf der Seite von dem Ungeheuer?
    „Nalu will ich auch nicht kaufen!“ Er gestikulierte zu dem Kraken und wischte sich dann die Nasenwurzel. Nalu blubberte.
    „Vermutlich ist er einfach ein bisschen sensibler. Sei nett zu ihm."
    Nett? Was sollte das heißen? Er war immer nett! Ständig! Immerhin durchwühlte er nächtelang Karten und Logbücher wegen Nellis dummen Kräutern, für ihren dummen Trank, damit sie nicht sterben musste! Und er ließ Nelli ständig seine Kleidung tragen! Und sagte nicht mal etwas zu den Grauen Haaren, die ihren Rotschopf bereits wieder durchzogen! So nett war er! Er hörte sich Esthers Geheule über Trevor und Thomas an, ließ sie in seinem Bett schlafen! Er behielt ihr Geheimnis für sich! Und stellte seine eigene Suche nach der Eleftheria hinten an. Er war nett!
    Dieser neunmalkluge Rotschopf hatte nichts Besseres zu tun, als ihm vorzuwerfen, er wäre es nicht?! Reagierte er gerade über? Ja! War es gerechtfertigt? Durchaus!
    „Ach so. Nett. Entschuldige bitte, dass ich mich nicht bedanke, während er mich mit Steinen bewirft!“, knurrte Edmund sie an.
    „Ich glaube, er braucht klare Anweisungen, was du von ihm willst. Und ein 'Bitte' hat auch noch nie geschadet. Du musst es ja nicht mal aussprechen. Nur denken."
    Nalu blubberte, als würde er zustimmen.
    Ach halt du den Mund! Er funkelte den Kraken an, der sich unter seinem Blick wegzuducken versuchte.
    „Okay, ein Bitte also", gab Edmund von sich. „Dann hätte ich Bitte meine Kleidung zurück, die du trägst. Meine Hosen, meine Hemden." Sein Bitte betonte er dabei besonders süffisant und beugte sich ihr grinsend entgegen. Die Hexe besaß seit ihrer Verjüngung keine eigenen Kleider mehr und griff ständig auf seine Sachen zurück. Warum nicht auf Esthers … okay … oder Trevors … okay auch nicht. Aber sie hätte sich eigene Sachen kaufen können. Hatte sie aber nicht.
    „Das bezog sich auf den Kraken, aber bitte…" Nelli stand auf und zog sich das Hemd über den Kopf.
    Ich hätte es wissen müssen.
    Edmunds Überreaktion verpuffte augenblicklich bei Nellis Anblick. Zu viel nackte Nelli-Haut, die viel zu jung, zu weiß und viel zu glatt war für eine 180 Jährige. Plötzlich brannte die Sonne unerträglich heiß auf ihn herab, vor allem auf seinen Kopf und seine Ohren. Sein Blick wanderte unwillkürlich über die Linie ihrer Schultern, sah wie sich die Sonne auf ihrer Haut spiegelte und er spürte, wie sich seine Gedanken in widersprüchliche Richtungen verzettelten. Jede Bewegung von Nelli flüssig, selbstsicher und mühelos.
    „Ich schätze, du kannst sie erstmal behalten“, räusperte er sich. „Immerhin hast du vorerst nichts passendes …“
    „Es sei denn, du möchtest das ich die Lumpen - wie du sie genannt hast - trage, die ich vorher anhatte.“
    „Nein … passt schon.“ Edmund zwang sich dazu wegzusehen, was nicht so leicht war.
    „Danke. Sehr... nett von dir“, gab Nelli spitz von sich und zog sich die Sachen wieder an. Gnädigerweise. Allerdings schien es ihr entweder egal zu sein, oder es war Absicht, dass sie das Hemd nicht wieder in die Hose steckte und auch die Knöpfe nicht komplett schloss. Sein erster Impuls war es, hinzugehen und die Knöpfe selbst zu schließen. Sein Herz klopfte absurd schnell bei dem Gedanken.
    Edmund presste die Lippen zusammen, als hätte er gerade Gift verschluckt.
    Das kann sie nicht ernst meinen, dachte er. Das halboffenes Hemd war eine klare Provokation – ein Angriff auf seinen Stolz, seine Kleidung, seine Selbstbeherrschung. Ein Verbrechen an der Mode. Ein Verbrechen gegen seine Kleidung. Und er konnte nicht anders als zu denken, dass es ihr verboten gut stand.
    Edmund verschränkte die Arme und zwang seinen Blick demonstrativ auf den Kraken. Es war definitiv wärmer als vorher!
    Denk an was anderes!
    Nalu blubberte und klang irgendwie gehässig. Toll, nun lachte ihn schon der Krake aus!
    Nelli zog eine Augenbraue hoch, eindeutig zu zufrieden mit sich.
    Edmund schluckte den Impuls herunter. Er räusperte sich und sammelte einen Teil der Fische ein.
    „Verdammt…“, murmelte er, die Stimme leise, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem.
    „Warum… regt mich das so auf…?“
    Er schüttelte den Kopf, wollte den Gedanken abschütteln.
    Soll sie mein Hemd doch tragen wie sie will! Kümmert mich nicht! Bah!
    Mit einem leisen Fluch zwischen den Zähnen verschwand er unter Deck. Warum dachte er überhaupt darüber nach? Eigentlich hatte er doch Nelli ärgern wollen. Aber stattdessen hatte sie es wieder geschafft, ihn zu provozieren.

    Er sah gerade noch, wie Trevor den Hai nahm, ihn an der Schwanzflosse über die Reling ins Wasser warf. Und Nalu ihn fing und zurückfeuere. Trevor schimpfte und warf den Hai auf der anderen Seite des Schiffes ins Meer.
    Futter, zischte Edmund. Entgegen seiner Erwartung fing Nalu den Hai erneut, zog ihn ins Wasser und dem Blut nach zu urteilen auch direkt in sein Maul.

    Edmunds Mundwinkel hoben sich zu einem schelmischen Grinsen.
    „Du brauchst also meine Hilfe?“
    Dass Nelli seine Worte lediglich mit Ignoranz zur Kenntnis nahm, war ein deutlicher Hinweis drauf, dass etwas nicht stimmte. Die Hexe setzte sich an den langen Tisch genau neben ihn. Abgesehen davon, bat Nelli NIE um Hilfe.
    Sein Grinsen wurde von einer erhobenen Augenbraue abgelöst.
    „Nicht nur deine allein, von euch allen. Ich brauche Zutaten für meinen Trank."
    Sehr präzise, Rotschopf… Wenn er jetzt Zutaten für einen von ihren dummen Witzen sammeln sollte, würde er ihr den Kopf abreißen.
    Er wartete darauf, dass sie weitersprach, aber Nelli schien gesagt zu haben, was sie sagen wollte und schwieg. Irgendwas stimmte ganz und gar nicht und bereitete ihm sofort Bauchschmerzen, die er nicht benennen konnte. Wahrscheinlich hatte er etwas Falsches gegessen.
    „Geht das etwas konkreter? Welchen „deiner“ Tränke meinst du?“
    „Der Trank, der mich am Leben hält.“
    Wieder wartete Edmund darauf, dass Nelli weitersprach. Aber wieder schien die sie schweigen zu wollen. Ließ sie sich nun alles aus der Nase ziehen?
    Esther setzte zur Nachfrage an, aber Edmund grätschte dazwischen.
    „Okay, hör zu“, forderte er mit Nachdruck. Mit Nelli stimmte etwas ganz und gar nicht. Was würde die Alte sonst so herumdrucksen? „Wenn du willst, dass ich dir bei irgendwas helfe, nach dieser Aktion mit den Kleidern, musst du mit der Sprache rausrücken. Und zwar alles. Nicht nur mit Halbsätzen um dich werfen.“ Im Grunde stand seine Hilfe bereits fest, egal was nun genau Nellis Problem war, aber etwas mehr Information wäre hilfreich. Nelli bat nicht aus dem Nichts heraus um Hilfe, wenn das Problem nicht größer war, als nur ein paar fehlende Kräuter. Durch Nellis eingeprügelte Lehren, wusste er zumindest, dass ein paar der Kräuter aus ihrem Trank nicht an jeder Hausecke zu finden waren. Aber wieso diese plötzliche Dringlichkeit?
    Nelli rutschte sichtlich unbehaglich auf dem Stuhl hin und her, kaum zu übersehen, dass es ihr unangenehm war. Sie vermied es, sie anzusehen und blickte stattdessen im Raum herum. Sie suchte so lange nach den richtigen Worten, dass Edmund schon fürchtete, sie hatte vergessen, wie man Sätze formte.
    „Ich brauche verschiedene Zutaten und Kräuter für meinen besonderen Trank. Meine Zeit wird langsam knapp. Ich weiß nicht, wie lange der Trank von Sybilla hält, müsste ich schätzen, würde ich zwei Monate sagen. Diese Tränke verlängern mein Leben."
    Heißt das, du blödes Weib wärst ohne den Trank von dieser anderen Schrulle schon tot?
    Edmunds Augenbraue wanderte noch ein wenig höher. Irgendwie überraschte ihn die Information nicht. Der Alten lief also die Zeit ab. Und das nicht erst seit kurzem. Ihm war zuletzt häufiger aufgefallen, dass die Alte mehr fror als sonst, sich noch mehr in Tücher eingehüllt hatte und auch deutlich müder gewirkt hatte. Allerdings war er davon ausgegangen, dass sie einfach nur eine Erkältung hatte. Bei 180 Jahren wirkte die Alte zu unsterblich, als das ihm der Gedanke gekommen wäre, ihr Leben könnte sich dem Ende nähern.
    „Das weißt du nicht erst seit gestern, stimmts?“, forderte er zu wissen.
    Sie schüttelte den Kopf. „Nein, schon ein paar Wochen. Ich wollte auf dem Schiff alles vorbereiten und hab dann gesehen, dass die kleine Giftkröte die meisten meiner Kräuter für diesen Liebestrank verschwendet hat."
    Dieser beschissene Trank. Wenn er das gewusst hätte, hätte er die Herzogin persönlich von Bord und in den Rachen des Kraken getreten. Aber selbst jetzt war er nicht bereit, Esther und Nelli in den Hintern zu schieben, dass sie Recht gehabt hatten.
    „Und ohne diese Tränke ... stirbst du?“, wollte Trevor wissen.
    Nelli nickte langsam.
    Die Information ausgesprochen, schwebte eine Weile über ihren Köpfen und ließ die Luft im Raum schwer werden. Aus einer unsterblichen Nelli war in diesem Moment eine Sterbende geworden.
    Erstaunlich. Vor ein paar Monaten hätte ich mich darüber noch gefreut.
    Nun bereitete der Gedanke ihm noch mehr Bauchschmerzen. Was auch immer er gegessen hatte, war wirklich schwer verdaulich. Vermutlich war es das Brot gewesen. Hatte irgendwie säuerlich geschmeckt.
    Trevor wog den Kopf und fragte vorsichtig optimistisch: „Wie schwer kann das schon sein? Sammeln wir eben Kräuter.“
    Edmund verschränkte die Arme und lehnte sich kurz zurück. Das war sehr optimistisch formuliert. Bei einigen Kräutern war er sich sicher, dass man sie in diesen Breitengraden nicht finden würde. Aber dazu konnte Nelli vermutlich deutlich mehr sagen, als er. Er kannte die konkrete Zusammensetzung ihrer Tränke schließlich nicht.
    „Ich kann eine Liste machen. Ein paar Zutaten können wir sicher hier kaufen, ein paar müssen wir suchen...", meinte Nelli.
    Edmund schloss für einen Moment die Augen, ehe er an die prunkvolle Decke blickte. Damit war das entspannte Leben im Palast vorbei. Er vermisste das warme Bett, die heißen Bäder und das Durchschlafen der Nächte jetzt schon … Er hatte sich bisher nicht mal die Zeit genommen, sich jemand für sein nächtliches Bett zu nehmen.
    Edmund seufzte. Ich glaube, ich werde krank. Das würde ihm auch die Bauchschmerzen erklären.
    „Gut wir legen morgen ab“, legte er fest, durchbrach damit die schwere Stille im Raum und erhob sich. „Rotschopf, du erstellst deine Liste mit den Kräutern und Zutaten, die du hier auf dem Markt nicht findest, bestenfalls mit Ergänzungen, wo diese wachsen. Dann schauen wir, was wir davon in diesem unheiligen Seegebiet besorgen können und was schwerer aufzutreiben sein wird.“
    Er sah zu Esther. „Du wirst dich um die Ladung der Revenge kümmern“, erklärte er in einem Ton, der keinerlei Widerspruch duldete. Wenn Nelli Recht hatte, dann konnten sie sich nicht ewig Zeit lassen. Der Rotschopf musste ja auch so lange die Klappe halten, bis es langsam knapp wurde. Sie kannten sich in diesem Seegebiet zu wenig aus, um festlegen zu können, wie lange es dauerte, die Kräuter zu sammeln. Also durften sie nicht zu viel Zeit verstreichen lassen. Davon abgesehen, hockten sie hier schon viel zu lange. Die Eleftheria war immer noch verschollen und wenn der Maier merkte, dass seine Sachen weg waren, würde der ihnen auch folgen. „Proviant und das benötigte Material erwarte ich morgen früh vollständig an Bord. Die Inventurlisten und Lagerdaten liegen in meinem Zimmer; nimm sie dir. Sorg dafür, dass ausreichend Baumaterial geladen wird – wir wissen nicht, was uns erwartet.“ Wenn sie die letzten Stunden alle anpackten, dann dürfte die Abreise am nächsten Tag zu schaffen sein.
    Er wartete Esthers Reaktion nicht ab und wandte sich ebenso bestimmend an Trevor. „Im Moment laufen noch kleine Reparaturarbeiten. Du sorgst dafür, dass die Handwerker bis morgen fertig sind. Ich habe keinerlei Interesse daran, mit einem halbkaputten Schiff aufzubrechen.“
    Er machte sich bereits auf den Weg zur Tür. Er würde die neue Herzogin nach Seekarten fragen. Wenn Nelli ihm die Listen mit den Kräutern gab, konnte er so vielleicht schauen, welche Inseln in Frage kamen. Außerdem kannte sich Elizabeth in diesem Gebiet deutlich besser aus. Vielleicht hatte sie Ideen und Hinweise.
    „Ich kümmere mich darum. Aber nächstes Mal würde ein 'Bitte' nicht schaden“, rief Esther ihm pikiert nach, „Und dein Ton lässt zu wünschen übrig!“
    Edmund murrte beim Gehen, ein genervtes Bitte, beweg deinen Hintern“ und verschwand.


    Eine gute Stunde später hockte er mit einer Vielzahl an zusätzlichen Karten in seinem Zimmer. Ein paar seiner Bücher hatte er sich bereits vor Tagen vom Schiff bringen lassen. Jetzt lagen noch andere aus der Bibliothek des Palastes vor ihm. Er hatte sich bereits die letzten Tage viel mit den Sachen beschäftigt. Dieser Palast bot zum ersten Mal so viel Kartenmaterial und Bücher, wie er bisher in diesem Seegebiet noch nirgendwo in die Finger bekommen hatte. Nicht nur für Nelli und ihre Kräuter war das wertvoll. Mithilfe der Karten und Informationen hatte er auch herausfinden wollen, wohin man die Eleftheria mit großer Wahrscheinlichkeit gebracht haben könnte.
    Elizabeth hatte ihm ein eine Menge Informationen genannt und Orte, die eventuell in Frage kamen.
    Jetzt lagen noch mehr Unterlagen vor ihm, die ihm so langsam Kopfschmerzen bereiteten. Die letzten Tage hatte er bereits einige Karten abgezeichnet und Logbucheinträge kopiert. Nun hatte er dafür nur noch ein paar Stunden.
    Elizabeth hatte ihm etwas von einem großen Markt auf einer Insel namens Felsschlund erzählt, auf dem besonders viele und besonders seltene Kräuter zu finden waren. Es gab dort wohl auch einen Händlerzirkel, der sich auf Kräuter spezialisiert hatte. Von allen Sachen klang das am Vielversprechendsten.
    Er hatte die Karten auf dem Boden ausgebreitet und an den Ecken beschwert, hockte auf dem Boden und las in einem Buch auf seinem Schoß. Warum zur Hölle nannte man die Insel Felsschlund?
    Es klopfte an der Tür.
    Der Tatsache geschuldet, dass die Tür geöffnet wurde, ehe er reagieren konnte, machte bereits klar, dass es Nelli sein musste.
    „Du wolltest die Liste?"
    Er streckte lediglich die Hand aus, ohne von dem Absatz, den er gerade las, aufzusehen.
    Um die Insel herum gibt es also eine Menge Riffe und einen Felskranz, durch den man sich der Insel unproblematisch nähern kann…der aussieht wie ein Schlund … die Leute hier sind wirklich einfallsreich.
    „Ich hab auch dazu geschrieben, wo man was findet. Das sollte es einfacher machen.“ Sie reichte ihm das Papier. Er griff es und legte es neben sich auf dem Boden ab.
    Wir müssen also von Nord-West an die Insel heranfahren … das kostet nochmal Zeit.
    „Das war ja auch, worum ich dich gebeten habe…“, meinte er abwesend, ohne aufzusehen.
    „Na dann“, meinte Nelli. Er dachte eigentlich, dass sie gehen würde. Doch Nelli tat Nellidinge und setzte sich genau neben ihn auf den Boden. Er zog noch seine Schreibfeder weg, ehe sie ihren Hintern darauf platzieren konnte, las den Satz zu Ende und hob dann den Blick, fragend.
    „Wie genau berechnest du jetzt die Route?"
    Edmund blinzelte. Wollte sie sich schon wieder über ihn lustig machen?
    Und warum sitzt sie so nah? Da waren die Bauchschmerzen wieder.
    Er rückte ein klein wenig von ihr weg und streckte sich nach einem anderen Buch. Eigentlich hatte er es schon grob durchgeblättert und für vorerst irrelevant befunden, aber es gab ihm die Möglichkeit von Nelli wegzuschauen. Irgendwie fühlte er sich mit ihr allein in einem Raum nicht wohl. Tat er nie, aber nun, da sie jung aussah, noch weniger.
    „Elizabeth hat etwas von einem großen Kräutermarkt erzählt. Vielleicht finden wir dort schon alles. Allerdings liegt die Insel nicht gerade nebenan. Bei gutem Wind sind das zwei Wochen. Aber es scheint als müssten wir uns ihr von Nord-Westen nähern, also könnte es auch länger dauern. Deshalb würde ich schauen, welche Inseln auf dem Weg dorthin die geografischen und geologischen Voraussetzungen für deine Kräuter haben. Dann können wir da schon mal schauen, ob wir fündig werden, das würde uns Geld sparen …“ Nelli musste ja nicht wissen, dass er diesen Quell an Informationen auch für die Suche der Eleftheria verwendete.
    Sie nickte aufmerksam. „Wir sind hier mehr in tropischen Gefilden, richtig? Einige der Kräuter können wir sicher kaufen."
    Ja, vermutlich sogar zu deutlich geringeren Preisen, als in unserer Heimat. Aber mir machen die Kräuter sorgen, die es bei uns in rauen Mengen gibt, hier aber selten sind…
    „Das ist meine Hoffnung für den Kräutermarkt.“ Er beugte sich über eine der Karten und versuchte Nelli auszublenden. Was deutlich schwerer war als erhofft. Kam diese rothaarige Pest noch näher?
    „Wo ist der Markt denn?" Wollte sie neugierig wissen und blickte ihm über die Schultern. Das war definitiv keine Einbildung, der Feuerteufel rückte näher.
    Als Edmund den Blick hob, sah Nelli neugierig auf die Karten. Irgendwer war heute auf die Idee gekommen, ihre Haare zu flechten und so kunstvoll hochzustecken, dass sie beinahe wie eine Krone wirkten. Welche Zofe auch immer sich die Mühe gemacht hatte, sie verstand ihr Handwerk. Es passte erstaunlich gut zu Nelli. Die Kleiderwahl wiederum passte zu Nelli, aber nicht zur Frisur. Eindeutig keine Wahl einer Zofe.
    Edmund zog eine Karte heran, ignorierte die Bauchschmerzen und deutete auf eine kleine Insel. Rückte wieder von Nelli weg. „Da. Felsschlund.“
    „Und wo sind wir?" Nelli runzelte die Stirn. Sie legte den Kopf schief, wodurch sich eine Haarsträhne löste und schaute sich die Karte genauer an - und kam damit wieder näher.
    Edmund hob kritisch die Augenbraue. Meinte sie das ernst? Seit wann interessierte sich Nelli für Karten? Auch wenn es um ihre Kräuter ging. Vertraute sie ihm nicht? Oder glaubte sie nicht, dass er das auch alleine schaffen würde? Die letzten Tage hatte er hier alleine gesessen.
    Er zog eine weitere Karte heran und deutete auf das Herzogtum. Er verschränkte die Arme und beobachtete Nelli nachdenklich.
    „Oh... und wie kommen wir jetzt nach da?"
    „Mit dem Schiff?"
    „Sehr witzig..."
    Was denn, du hast doch gefragt? Schwimmen werden wir sicher nicht …
    Edmund neigte den Kopf zur Seite und musterte Nelli. Er konnte nie sagen, was der Alten im Kopf herum ging. Und jetzt nochmal weniger. „Rotschopf...", murrte er durch zusammengepresste Zähne.
    „Was denn? Du zeigst da auf zwei verschiedene Karten. Ist doch logisch, dass ich frage."
    Ist es nicht …
    Edmund seufzte, dann kramte er einige Karten zusammen und legte sie ungefähr aneinander, bis die Strecke zwischen der Insel der Herzogsfamilie und Felsschlund erkennbar war.
    „Und wie bestimmst du jetzt, bei welchen Inseln wir zwischendurch anlegen?"
    Edmund wog nachdenklich den Kopf, mit Blick auf die Karten, dann nahm er Nellis Liste, überflog sie, griff nach dem ersten Buch. „Recherche. Ich schaue, welche Insel die richtigen Bedingungen für deine Kräuter haben könnte." Er wog den Kopf. „Das Wetter hier ist recht konstant. Allerdings macht mir die aktuelle Bewegung der Wolken und der Wind Sorgen...wir werden einen Umweg fahren müssen, ich habe keine Lust in einen Zyklon zu fahren...Außerdem müssen wir zwischendurch die Vorräte auffüllen, also suche ich nach Inseln mit Hafen."
    Bildete er sich das nur ein, oder hörte Nelli wirklich interessiert zu? „Kann ich dir helfen?"
    Helfen? Er blickte Nelli an. „Wenn du mich nerven willst, Rotschopf..."
    „Ich will helfen. Hab ich doch gesagt."
    Edmund schloss einen Moment die Augen, dann rutschte er erneut von Nelli weg, und reichte ihr einige Bücher. „Gut Kupferkrönchen, dann liest du jetzt die Logbücher und schaust, welche Inseln zu deinen Kräutern passen. Wenn du was findest, sag mir bescheid.“ Er selbst nahm Tinte und Pergament und begann - am anderen Ende des Raumes - die Karten abzuzeichnen und die interessanten Passagen der Logbücher abzuschreiben.
    Nelli nickte, nahm die Bücher und begann zu lesen und Notizen neben ihrer Liste zu machen. Hin und wieder warf sie ihm Informationen zu, die er auf den Karten einzeichnete oder heraussuchte und verwarf.
    Edmund arbeitete eine ganze Weile ruhig und konzentriert, das blöde Gefühl mit Nelli allein im Raum zu sein, verflog langsam.
    „Warum hast du eigentlich nichts gesagt? Dir ging es schon länger als „nur ein paar Wochen“ nicht gut, oder?", fragte er schließlich in die Stille des Raumes hinein. Der Gedanke drehte schon eine Weile Kreise in seinem Kopf.
    „Es hat sich nie der richtige Zeitpunkt gefunden. Es waren immer andere Sachen wichtiger, wir waren auf der Flucht oder in Gefangenschaft...", gab Nelli von sich.
    Er sah nicht auf, hielt aber verwirrt in der Arbeit inne.   
    „Und du hältst dich für nicht wichtig genug, das mal irgendwann zu erwähnen?"
    Als er keine Antwort erhielt, wandte er sich um und sah sie fragend an.
    „Es gibt wichtigeres."
    „Ich hoffe, du weißt, dass das nicht stimmt." Was redet die da? Wenn jemand so unwichtig war, dass es an Nutzlosigkeit grenzte, dann er. Ohne ihn wären sie nicht so weit vom Kurs abgekommen und sie hätten deutlich weniger Probleme gehabt. Wahrscheinlich wären sie bereits auf dem Heimweg.
    „Ich bin alt, Edmund. Sehr alt. Ich hab meine Relevanz in dieser Welt schon vor einer Weile verloren, aber ich klammere mich ans Leben."
    „Das ist dein gutes Recht. Außerdem hast du deine Relevanz nicht verloren..." Edmund grinste. „Seit du dich auf mein Schiff eingeschlichen hast, ist es deine Aufgabe, MICH ins Grab zu bringen. Also überlebst du gefälligst auch mich."
    Nelli musste schmunzeln. Passte deutlich besser zu ihr als dieser deprimierte Ausdruck. „Es macht aber auch einfach Spaß dich zu ärgern."
    Edmund verdrehte die Augen, sein Mundwinkel zuckte aber ebenfalls etwas. „Mich zu ärgern, macht also Spaß?"
    „Schon ein bisschen ja. Irgendwas an mir bringt dich ja sehr schnell zur Weißglut."
    Edmund hob die Augenbraue, dann wandte er sich wieder an seine Karte. „Du hast das Talent mich bei jeder Gelegenheit wie ein Idiot fühlen zu lassen."
    „Dabei halte ich dich nicht mal für einen. Ich halte dich sogar für ziemlich clever, ob du es glaubst oder nicht."
    Edmund lachte und grinste. „Oh das ist gut. Mach weiter. Ich höre gerne, wie toll ich bin.“
    „Aber du bist überheblich, arrogant, selbstgefällig, eitel, anmaßend und mit zu viel Ego gesegnet, deswegen muss man dich manchmal auf den Boden der Tatsachen zurückholen", fügte sie trocken hinzu. Musste sie das auch noch an den Fingern mitzählen?
    Edmund musste dennoch lachen, obwohl die Bauchschmerzen wieder etwas zunahmen.
    „Das wirst du jetzt genau einmal von mir hören und das vergisst du schnell wieder: Abgesehen von deiner Aufgabe mich zu nerven, ist es gut, dass du bei uns geblieben bist. Wir alle haben ein großes Talent dafür, uns zu verletzen und in Schwierigkeiten zu bringen. Und ohne dich wären wir nie so weit gekommen. Wenn du wieder mal der Meinung bist, deine Probleme wären nicht wichtig genug, dann erinnere dich daran. Wäre schön, wenn du uns noch eine Weile erhalten bleibst."
    Sie lächelte leicht. „Danke, Edmund."
    Die nächsten Stunden arbeiteten sie an den Karten, Büchern und Logbüchern. Die Ruhe, die dabei entstand, glich der Zusammenarbeit in der Küche, wenn sie kochten oder Nelli ihm wegen der Kräuterkunde auf die Nerven ging. Insgeheim schoss Edmund der Gedanke in den Kopf, dass die Alte ihm deshalb so viel beibrachte, weil sie bereits abgeschlossen hatte. Den Gedanken verwarf er jedoch wieder. In dem Fall hätte sich der Rotschopf sicherlich jemand anderen rausgesucht.


    Als am Abend Trevor ins Zimmer kam, um mitzuteilen, dass die Bauarbeiten am Schiff abgeschlossen waren, setzte Edmund ihn über die Routenplanung in Kenntnis.

    Edmund durchwühlte die Kleider und Roben im Schrank. Zum einen, weil er sich dahinter zu verstecken versuchte. Zum anderen, weil es ihn ablenkte. Die Wogen zwischen ihnen (Nelli und ihm) und Trevor und Esther waren etwas ins Wanken geraten. Sie hatten sich zwar bei Esther erkundigt, ob es dieser so weit gut ging und Nelli hatte ihre Wunden versorgt. (Die Gesichter von Trevor und Esther waren großartig gewesen, die junge Nelli vor sich zu haben.) Genießen konnte es Edmund in dem Moment nicht. Irgendwie kam er sich vor, als hätten sie die beiden im Stich gelassen.
    Warum war Esther auch an die einzige mit Restgehirn geraten?
    Dabei waren er und Nelli zu dem Schluss gekommen, dass wenn sie es geschafft hatten, der Herzogsfamilie zu entkommen, es Trevor und Esther auf jeden Fall auch geschafft hatten. Blöder Fehlschluss.
    Hätten diese Idioten es doch nur nicht gewagt, die Revenge zu plündern. Als er davon erfahren hatte, waren er und Nelli auf dem schnellsten Weg zum Hafen gelaufen. Ein zweites Schiff ließ er sich sicherlich nicht wegnehmen. Zumal es Trevors Schiff war.
    Sie waren auf nur wenig Widerstand getroffen. Die Soldaten, die ihr Schiff ausräumen sollten, hatten erstaunlich schnell kleinbei gegeben, als sie erfuhren, dass die Herzogsfamilie quasi gestürzt worden war und Elisabeth nun die Zügel hielt. Vertrauen wollte er dem Frieden aber noch nicht.
    „Diese verrotteten Koboldhaie …“ Das wichtigste war da, aber es fehlten Nahrung und Kräuter von Nelli, Ersatzlaken, Ersatzsegel und Werkzeuge. Immerhin haben diese plattgesichtigen Intelligenzallergiker unsere Kiste mit Gold nicht gefunden…
    „Ich habe etwas!“, rief Nelli euphorisch, was Edmund augenblicklich Kopfschmerzen bereitete.
    Schlechtes Zeichen!
    Er und Nelli hatten sich jedenfalls erstmal zurückgezogen und daran gemacht, das Schloss zu durchwandern. Elisabeth hatte ihnen freie Hand gegeben, sich umzusehen und sich ganz wie Zuhause zu fühlen. Das nutzten sie direkt, um in den Gemächern der Herzogin nach neuer Kleidung für Nelli zu suchen. Im Moment trug diese Hexe nämlich seine Sachen, wohl vor allem, weil es ihn nervte.
    Edmund zog ein Kleid aus dem Schrank, besah es sich, hing es zurück. Dann fiel ihm eine Robe in die Finger, die er zu Nelli auf den Paravent warf. In Kombination mit der Hose, die er dort bereits abgelegt hatte, sollte das funktionieren. Die Hose hatte er in den Räumen des Herzogs gefunden. Beides in Dunkelblau, beinahe schwarz. Für sich selbst hatte er bei dem Herzog ebenfalls geschaut. Aber entweder hatte er auf See einen Meilenstein der Mode verpasst, oder irgendwas war in ihm kaputt gegangen oder geheilt worden. Oder er war schlicht zu jung. Aber der Stil, den der Herzog trug, erinnerte ich an seine eigene Großmutter. Seidenkleidung, die fast ausschließlich aus Rüschen und Verzierungen bestanden. Selbst für ihn zu viel.
    Nelli kam hinter dem Raumteiler hervor, in etwas, das irgendwo zwischen Segeltuch und Paradiesvogel angelehnt war. Es war ein Kleid bestehend aus wahrscheinlich tausenden von Federn unterschiedlicher Vögel, allem voran Pfauen und Papageien. In Kombination mit ihren roten Haaren schmerzte ihn der Anblick in den Augen. Warum besaß eine Herzogin so etwas und warum wählte Nelli ausgerechnet das? Wohl um mich zu nerven! Oder erblinden zu lassen!
    Oder eher, weil der Ausschnitt von dem Ding ungehörig tief war und seine Aufmerksamkeit sicherlich nicht zu ihrem Gesicht lenkte.
    Was ihn erneut zu der Frage brachte, warum eine Herzogin sowas besaß? Ganz klar, dass diese Truten sehr auf sich bedacht und wenig adlig waren.
    Edmund wandte den Blick ab. „Du siehst aus wie etwas, das mal ein Sofakissen werden sollte, aber trotz seiner Einzigartigkeit zu hässlich war und in den Müll geworfen wurde.“
    „Also passt es zu mir?“
    „NEIN!"
    „Du hast gesagt, es ist einzigartig."
    „JA! Einzigartig HÄSSLICH! Zieh das aus! Das ist schrecklich!" Nelli hing in dem Fetzen wie ein Truthahn, bei dem der Koch vor dem Stopfen die Lust verloren hatte, ihn zu Ende zu rupfen. Wie etwas, das von einer Kutsche überfahren und dann neben den Weg geschmissen worden war, um dort zu verwesen.
    „Kein Grund gleich so rum zu schreien. Nur weil es nicht dein Geschmack ist..."
    Nicht mein Geschmack? Wie kann das irgendjemandes Geschmack sein?! Das sollte verboten werden.
    Edmund rieb sich die Nasenwurzel. Seit wann war er hier der Erwachsene? „Du kannst aussehen wie ein toter, gerupfter Truthahn mit Aufmerksamkeitsdefizit, wenn du wieder alt bist..." alternativ ich blind genug, den Anblick zu ertragen. Und alle anderen auch.
    „Wenn..."
    Ja, wenn … „Nun Altern ist ein natürlicher Prozess, irgendwann wird man eben alt." Er grinste und hielt die Augen stur auf ihr Gesicht gerichtet. Womit er sich sehr willensstark vorkam.
    „Mhm, da hast du noch nicht viel Ahnung von, Junge."
    Dieses „Junge“ über Lippen, die kaum älter aussahen, als er selbst … Hör auf, auf ihre Lippen zu starren! Auch nicht in ihre Augen, oder … Edmund blickte schräg an ihrem Kopf vorbei.
    „Wenn du so weitermachst, lerne ich in den nächsten Minuten wie man älter wird! Ich glaube, mir wachsen schon die ersten grauen Haare!"
    „Wäre gut für dich! Frauen finden das oft attraktiv."
    Musst du ja wissen!
    „Finde ich nachher sicher heraus. Jetzt zieh dich um!“ Hör auf von Attraktivität zu reden!
    „Zu Befehl." Nelli grinste und verschwand endlich hinter dem Paravent, um hoffentlich dieses scheußliche Etwas zu entsorgen. Er stieß erleichtert die Luft aus. Diese Nelli machte ihn noch viel mehr mürbe, als die Alte Nelli.
    „Willst du mir helfen, Jungchen?“, tönte Nelli hinter dem Raumteiler hervor. Edmund erzitterte spontan bei dem Gedanken und überlegte ernsthaft, ob es zu spät war, doch wieder auf die Revenge zu gehen oder sich in den Rachen des Kraken zu werfen.
    „Wenn das bedeutet, dass du endlich etwas Vernünftiges anziehst, dann mach ich das sogar…“ Warum sagst du sowas? Halt doch die Klappe!
    Blöderweise stimmte Nelli dem auch noch zu. Natürlich tat sie das! Ihr spielte es ja in die Karten. Sie machte sich die ganze Zeit lustig über ihn und er ließ es zu.
    Er zögerte. Warum? Anstand hielt ihn sicherlich nicht zurück. Anstand nicht, etwas anderes schon…
    „Ich warte“, säuselte Nelli.
    Die Alte provoziert mich!
    Im Grunde war es nun auch egal, das Schiff hatte den Hafen definitiv verlassen. Gerade als er um den Raumteiler herumtrat und dabei alle seine Lebensentscheidungen in Frage stellte, zog sich Nelli das kunterbunte Etwas über den Kopf und entblößte fröhlich ihren Körper als wäre sie allein im Raum und hätte nur auf den Moment gewartet.
    Er blieb stehen. Glotzte. Und wusste nicht mal warum. Immerhin war Nelli sicherlich nicht die erste nackte Frau, die er zu Gesicht bekam. Aber mit Sicherheit die dreisteste, die ihre Spielchen mit ihm trieb.
    „Hallo? Ich bin eine Lady, Augen zu", flötete sie und warf ihm das Kleid an den Kopf.
    Edmund schüttelte den Kopf und fing das Kleid auf. Er musste sich kurz in Erinnerung rufen, dass es Nelli war, die da nackt vor ihm stand. Und damit immer noch eine 180-jährige Hexe, die nur optisch aussah wie eine junge Frau. Leider war die junge Nelli verdammt gutaussehend. Und das wusste sie. Die Alte ärgerte ihn absichtlich. Er hatte ihr bereits Kleidungsstücke herausgesucht, die zu ihr passen könnten. Aber sie kam immer mit eigenen Zusammenstellungen. Entweder ein Hauch von Nichts, ein zusammengeworfener Haufen Stoff oder viel zu weit oder eng. Und es war nicht das erste Mal, dass sie sich einfach auszog. Die Zofen hatten deshalb schon den Raum verlassen. Nur er war geblieben. Blöderweise kam er einfach nicht von ihr weg.
    Hilfe …
    „Lady? Wo genau soll bei dir denn eine Lady stecken?!“, blaffte er und lenkte damit seine Gedanken auf das eigentliche Problem zurück und von Nellis Körper weg.
    „Soll ich dir das anatomisch erklären, wo sie stecken könnte?"
    „Ich will gar nicht wissen, wo du sie hingesteckt haben willst." Er zerrte das dunkelblaue Kleidungsstück vom Raumteiler, das er zuvor dort hingelegt hatte. Und warf es ihr entgegen. „Ich hoffe aber sie steckt tief genug, damit ihr beide euch da reinquetschen könnt!"
    Nelli lachte.
    In dem Moment öffnete sich die Tür. Er verharrte.
    Toll, wie erkläre ich das jetzt?
    Als Edmund sich um den Paravent herumbeugte, sah er Trevor, der den Kopf zur Tür hereinsteckte und ihn verwirrt ansah.
    „In Nelli steckt eine Lady“, plapperte Edmund völlig überfordert. Als würde das irgendwas erklären. Aber dass plötzlich Trevor da stand, brachte ihn aus dem Konzept. Nelli brachte ihn aus dem Konzept!
    Klingt ausgesprochen viel schlimmer ….
    „Hat sie die gegessen oder ...?", wollte Trevor wissen.
    „Das wäre der nächste Schritt“, lachte Nelli.
    Warum passiert das alles? Edmund betrachtete das kunterbunte Kleid in seiner Hand und warf es anschließend auf den Nicht-zu-gebrauchen-und-warum-besaß-man-sowas-überhaupt Haufen, der unordentlich neben ihm auf dem Boden lag. Er wollte etwas Beschwichtigendes sagen, aber Nelli war schneller.
    Wendy hilft mir“, meinte sie fröhlich.
    Nenn mich nicht so!
    „Ich würde ja auch, aber irgendwie habe ich Angst, dass danach noch ein Pirat in dir steckt ...", er sagte das so trocken, das nun auch Nelli um den Raumtrenner herumblickte. Nackt wie sie war und Trevor ansah. „Das klang jetzt ... irgendwie falsch“, ruderte der zurück. „Ich meinte, wegen gefressen werden…“
    Nelli lachte gackernd. Da stand eine nackte Nelli und schaffte es dennoch zwei Kerle in Verlegenheit zu bringen, anstatt sich selbst.
    Edmund warf ihr einen finsteren Blick zu und trat einen Schritt von ihr weg. War das irgendeine Art von Rache? Sie quälte ihn. Ach, soll die Alte das doch allein machen. Er trat um den Raumtrenner herum, froh der Situation entkommen zu sein. Innerlich dankte er Trevor, für die Erlösung. Mehr oder weniger. Immerhin war er nun nicht mehr allein mit Nelli.
    Er lehnte sich wieder an die Kommode, an der er zuvor gestanden hatte. Darauf hatte er einen zweiten Stapel begonnen mit Nichts-für-die-Hexe-aber-zu-Esther-würde-es-passen Stapel. Hauptsächlich Kleider, in denen Nelli aussah, wie eine verkleidete Bache. Kleider, die eher zu einer zierlichen Edeldame wie Esther passten. Bis obenhin zugeknöpft.
    „Wie geht es Esther?“, fragte er Trevor mit Blick auf den Paravent, um vor allem sich, aber auch Trevor abzulenken. Nicht, dass der noch auf die Idee kam, nachzufragen, weshalb er nun genau allein mit einer nackten Nelli hinter einem Raumtrenner Verkleiden spielte.
    „Anscheinend gut, aber sie wirkt etwas verschlossen!"
    „Esther und verschlossen? Das ist ja ganz was Neues …“ Aber das Cecilia Esther derart gequält hat, machte ihn ebenfalls sauer. Hätte er gewusst, dass es der Magierin so schlimm ging, wären Nelli und er sicher nicht zum Schiff gegangen. Er hatte nicht gedacht, dass Esther solche Schwierigkeiten bekommen würde. Er korrigierte seine Gedanken: Hätte er gewusst, was Cecilia machen würde, hätte er Nellis Vorschlag direkt angenommen und diese dreckige Wachtel im Meer entsorgt.
    „Die Sache mit Cecilia war eine neue Erfahrung für sie. Vermutlich braucht sie etwas Zeit, das zu verarbeiten." Trevor lehnte sich neben ihn an die gleiche Kommode und verschränkte die Arme. Er wirkte sehr viel nachdenklicher als sonst. Aber immerhin schien er nicht böse auf ihn zu sein. Also war zwischen ihnen wieder alles gut?
    „Und warum bist du dann hier, und nicht bei ihr?"
    „Das gleiche könnte ich dich fragen."
    Warum er nicht bei Esther war? Stellte Trevor diese Frage wirklich und wollte eine ernste Antwort darauf haben?
    Ich bin vermutlich die letzte Person, die sie sehen will." Immerhin war uns das Schiff wichtiger … ?
    „Und ich bin nicht ihre Leibwache. Ich dränge mich niemanden auf."
    Edmund sah Trevor von der Seite an. War der Kerl doof?
    „Dann stört es dich ja auch sicherlich auch nicht, wenn ich nachher bei ihr vorbeischaue und ihr ebenfalls helfe, sich neu einzukleiden.“ Er wedelte mit einem Grinsen wage in Nellis Richtung.
    Trevor lachte leise auf.
    „Wenn du Todessehnsucht hast, nur zu." Er rieb sich über die Brust. „Ich hatte für heute genug Frauen um mich herum."
    Nicht die Reaktion mit der er gerechnet hatte. Er musterte Trevor nachdenklich.
    „Erstens: gibt es kein „ich hatte für heute genug Frauen um mich herum““, maximal ein, „ich hatte zu viel Nelli um mich herum“,zweitens: ist es Esther, ich fliege aus dem Zimmer, ehe ich den Satz zu Ende formulieren kann.“
    Trevor lachte.
    „Sie scheint in diesem Schloss etwas gefunden zu haben, das sie interessiert. Vermutlich etwas mit Magie ... Lassen wir sie sich etwas entspannen. Was deinen ersten Punkt angeht ...wird sich zeigen." Trevor griff zu der Karaffe mit Wein, die irgendwann ein Diener dort abgestellt hatte. Bisher hatten weder Edmund noch Nelli sie angefasst. Irgendwie traute er dem Essen und Trinken hier noch nicht recht über den Weg.
    Und ich halte es für eine blöde Idee Wein zu trinken, solange ich mit Nelli allein bin …
    Er machte Trevor auf den Gedanken aufmerksam. Beide schnüffelten sie an dem Wein.
    Während sie den Wein untersuchten, kniff Edmund skeptisch die Augen zusammen und schnupperte.
    „Nicht, dass ich es dir nicht gönnen würde, aber du hast also gebadet...in Frauenbegleitung?“ So weit war er an diesem Tag noch nicht gekommen. Irrsinnigerweise hatte er noch nicht einmal darüber nachgedacht. Stattdessen flimmerte ihm ständig eine Nelli vor den Augen herum…
    „Ehm, ja, aber ich hab sie alle rausgeworfen, außer einem Mädchen. Jene half mir, das Blut aus ...", Trevor zeigte auf seinen Zopf und trank einen vorsichtigen, kleinen Schluck vom Wein, „... zu bekommen. Nicht solch eine Hilfe. Ich wollte auch etwas ... verschnaufen, wenn du verstehst."
    „Dann bist du ja jetzt ausgeruht genug für Esther und die Frauen noch nicht erschöpft genug für mich.“ Er grinste.
    Nun sah Trevor ihn skeptisch an.
    „Warum willst du die ganze Zeit, dass ich nach Esther sehe? Sie ist eine erwachsene Frau und fähig, mich um Hilfe zu bitten, wenn sie sie braucht." Er trank erneut einen etwas größeren Schluck. Da nichts passierte, war der Wein wohl in Ordnung.
    Edmund räusperte sich. „Wir wissen beide, dass Esther nicht um Hilfe fragt, obwohl sie sie braucht.“
    Trevor trank das Glas leer. „Du hast ein schlechtes Gewissen, oder?"
    Edmund grummelte nur vor sich hin. Was sonst? Immerhin hatte er darauf bestanden, Cecilia nicht über Bord zu werfen. Und er und Nelli hatten geglaubt, Trevor und Esther wären sicher und hatten das Schiff VOR die beiden gestellt.
    Trevor seufzte und rieb sich die Nasenwurzel. „Na schön, ich schaue nach ihr und lege ein gutes Wort ein."
    Ehe Edmund mehr sagen konnte, kam Nelli hinter dem Paravent hervor, drehte sich einmal im Kreis und präsentierte ihr neustes Verbrechen gegen die Mode.
    Edmund wollte sich gerade beschweren. Aber zu seinem Erstaunen trug die Hexe tatsächlich das Kostüm, das er ihr herausgesucht hatte und keine willkürlichen Verstümmelungen der Mode. Die dunkelblaue Robe, verziert mit nur wenigen Stickereien und Seidenbeschlägen und bestehend aus nur zwei Schichten, anstatt aus sechs oder sieben, schwang locker um ihre Gestalt, abgerundet von der Hose. Ein Korsett gab es keines und das Dunkelblau brachte ihre Haare förmlich zum Leuchten.
    Einzig das Etwas auf ihrem Kopf störte das Bild. Es war ein hochmoderner ebenfalls dunkelblauer Hut, mit Stickereien und einem eleganten Wust aus schwarzen und blauen Federn. Er stand ihr durchaus, aber der Hut war einfach zu viel.
    „Da stirbt was auf deinem Kopf“, murmelte Edmund. Das Ding war schick, passte aber überhaupt nicht zu dem Bild, das er von Nelli hatte. Wenn er aber ehrlich war, dann passte das ganze Outfit nicht zu ihr. Nicht, weil es ihr nicht stand, sondern weil es ihr viel zu gut stand, er aber immer noch die Hexe in ihr sah. Oder sehen wollte. Keine Lady.
    Verdammt, das steht ihr viel besser als erwartet.
    „Das ist Mode, du Banause!“
    Welche Ahnung hatte denn bitte Nelli von Mode? Eine Hexe, die bisher nur verschiedene Schichten an Stofffetzen als Kleidung bezeichnet hatte!
    „Sag du mir nicht, was Mode ist!“, ranzte er zurück.
    „Du weißt es ja offensichtlich auch nicht!“
    „Doch! Aber der Hut verdeckt deine … Haare!“ Beinahe hätte er „schönen Haare“ gesagt. Er hielt sich aber gerade noch zurück.
    Nelli löste die Frisur und schüttelte ihren Kopf, sodass ihre Haare unter dem Hut heraus und über ihren Rücken wallten. „Guck, noch genug da."
    Edmund verstummte und wandte sich ab.
    Verdammt …
    Seine wirren Gedanken wurden von Trevors Anblick abgelenkt. Der Pirat versuchte sich gerade in eine der Rüschenjacken zu zwängen. Abgesehen davon, dass sie viel zu eng war, als Trevor sich aufrichtete, platzte der oberste Knopf über seiner breiten Brust ab. „Wo bleibt der Tee? Und mit Tee meine ich Wein!“ Er setzte sich noch einen der Federhüte auf und nahm die Form des Herzogs an. „So etwas trägt nun mal der Geistesgestörte von heute ...“
    Während Nelli in ein Lachen ausbrach, das alles andere als damenhaft war oder zu ihrem Aussehen passte, klatschte sich Edmund die Hand an die Stirn. Ich stehe hier allein da …
    „Was jetzt? Kann ich das anbehalten?“, wollte Nelli wissen. Was fragte sie auch noch so blöd?
    Edmund kreuzte den Blick mit Trevor. Nach einem kurzen Augenblick nickten sie beide.
    Gut, ich bin nicht der einzige …
    „Sieht gut aus“, meinten sie synchron.
    „Hervorragend“, flötete Nelli. „Helft ihr mir wieder aus dem Kleid heraus?“
    „Du bist doch auch allein reingekommen!“, schnauzte Edmund. Einen Teufel würde er tun, nochmal darauf hereinzufallen!
    „Dann behalte ich es eben an.“ Nelli wandte sich fröhlich hin und her und musterte sich im Spiegel. „Vielleicht kann man es noch etwas anpassen, kürzen vielleicht? Oder den Ausschnitt tiefer?“
    Abbruch!
    „Nein!“, platzte Edmund dazwischen. Er schnappte sich den Stapel mit den Kleidern, die er für Esther bereitgelegt hatte und ging zur Tür. Er brauchte jetzt frische Luft und ein stumpfes Gespräch mit Esther! „Bis später!“
    Viel Spaß mit ihr Trevor!

    Erst als er ein paar Flure entfernt war, atmete er durch. Sich auf diese Weise mit Nelli zu streiten, würde noch eine ganz neue Kategorie von nervig werden. Warum hatte er ihr den Trank gegeben? Das wird noch ein Problem. Großartig.

    An Esthers Zimmer angekommen, klopfte er und wartete. Ihm öffnete eine Zofe.
    Er hob die Augenbrauen.
    „Ist Esther da?“ Blöde Frage. Wo sollte sie schon sein?
    Die Zofe blickte über die Schulter ins Zimmer und ließ ihn dann rein. Edmund quetschte sich mit den Kleidern an ihr vorbei.
    Esther saß in einem übertriebenen Sessel, der ihn an den Ohrensessel seiner Großmutter erinnerte. Wohlbemerkt auch ihr Morgenmantel. Da Esther aber mit ihrer geschienten Hand einen durchaus angeschlagenen Eindruck erweckte und das auch durfte, hielt er den Mund. Immerhin stand sie auf und kam ihm etwas entgegen.
    „Also, wir haben Kleider für dich ... gefunden. Ich denke, die könnten dir passen. Und wegen dem da", er machte eine Geste, die Esthers Gestalt einschloss, „wenn ich gewusst hätte, dass Cecilia DAS machen würde, hätte ich deinen und Peternellas Vorschlag nicht ignoriert und den Arsch dieser Inzesthure eigenständig ins Meer befördert.“ Er wandte sich an die Zofe. „Tschuldige.“ Immerhin beleidigte er ihre frühere Arbeitgeberin und auch wenn Elisabeth diese Frauen als zuverlässig bezeichnete, sicher war er sich noch nicht. Gut, dass sie Esther unbeaufsichtigt in ihren Händen ließen …
    Die Zofe zuckte die Schultern. „Ist okay, die Herrinnen waren genau das.“
    Esther wedelte mit der gesunden Hand, um der Zofe zu signalisieren, dass sie Edmund die Klamotten abnehmen sollten. Das tat sie auch.
    „Ich danke dir“, sagte Esther mit einem schiefen Lächeln, „Und mach dir um mich keine Gedanken. Du konntest nicht wissen, was diese Familie tun würde. Nelli und ich hatten auch nur eine Ahnung ... Und hätten wir Unrecht gehabt ... Nunja, dann müsste ich mich jetzt bei dir entschuldigen."
    „Das wäre mir lieber.“ Er kratzte sich am Hinterkopf. Entschuldigungen waren definitiv nicht sein Ding.
    „Mir gefällt das so schon ganz gut.“
    Natürlich gefiel es ihr. Immerhin war er es nun, der vor ihr kroch.
    Im Hintergrund stolzierte Nelli in ihrem neuen Gewandt und schwingenden Hüften an der offenen Zimmertür vorbei. Und genau hinter ihm raunte die Alte etwas von: „Wollen wir mal schauen, was heute noch so in mir steckt."
    Edmund und Esther erstarrten. Wobei Esther aussah, als würden ihr die Augen gleich aus dem Kopf quellen. Eine der Zofen hustete. Nelli lief weiter. „Außer einer Lady und einem Piraten…“
    Esther glotzte. Und Edmund spürte tatsächlich, dass ihm heiß im Gesicht wurde. Ob nun aus Zorn, oder weil der Tag von vorn bis hinten scheiße gelaufen war.
    „Hör auf, das so zweideutig zu formulieren!“, brüllt er Nelli hinterher. Doch die gackerte nur und schien den Spaß ihres Lebens zu haben.
    Ich bauch jetzt ein heißes Bad … ein sehr langes und heißes Bad …Er ließ Esther stehen und lief Nelli schroff belehrend nach.

    Edmund kam zu sich, als man ihn eine Treppe hinuntertrug. Er hing kopfüber über einer Schulter wie ein Sack Mehl. Blut tropfte ihm ins Auge und hinterließ eine Spur.
    Er wurde zurechtgerückt und stieß dabei mit dem Kopf irgendwo gegen.
    Nicht so grob!
    Offenbar war er bereits mehrfach mit dem Kopf irgendwo angestoßen. Das erklärte das Blut im Auge.
    Seine Sicht klärte sich, bewegen konnte er sich jedoch nicht, nicht mal den kleinen Finger. Das Gift hatte sehr gut gewirkt.
    Er blickte nach unten und direkt auf einen Hintern in Rüstungshose.
    Nicht Trevors Hintern, stellte er fest. Der war deutlich straffer und knackiger. Schade …
    Wenn es allerdings nicht Trevor war, der ihn herumtrug, wer dann? In seinem Blickfeld tauchten immer wieder Stiefelspitzen auf, die ihnen folgten. Dummerweise wollte ihm sein Körper noch nicht gehorchen. Aber er spürte deutlich wie die Betäubung mit jeder Minute nachließ.
    Mit Metall gestärkte Stiefel, billig verarbeitet und das Leder war rissig. Vermutlich die Stiefel eines Wachmannes. Gut gepflegt, aber nicht viel wert und mittlerweile alt.
    „Der Kerl ist schwerer als er aussieht“, beschwerte sich jemand – er wurde auf der Schulter erneut zurecht gerückt, als wäre er eine Puppe.
    Willst du sagen, ich bin fett, oder was?
    Das war doch die Stimme von einem der Wachen. Wie hieß der noch gleich … ? Hatte sich Ihnen überhaupt jemand vorgestellt? Nicht einmal die Familie, oder? Wenn er sich recht erinnerte, fragte er sich, warum sie überhaupt im Schloss waren. Eigentlich hatten sie Cecilia nur durchs Tor treten und dann verschwinden wollen. Was war eigentlich passiert, dass sie sich dazu hatten breitschlagen lassen?
    Und das Essen war nicht mal gut!

    Zugegeben war er neugierig gewesen. Alle Häuser, an denen sie vorbeigekommen waren, waren wie ausgestorben, Bürger hatten sich versteckt oder waren regelrecht geflohen. In diesem Herzogtum stimmte etwas ganz und gar nicht. Und diese Erkenntnis traf ihn nicht nur, weil man ihn gerade vergiftet hatte und er über einer Schulter durch finstere Flure getragen wurde.

    „Jetzt hör auf zu jammern, Gustav.“ Eine Frauenstimme. Sie waren also mindestens zu dritt.
    „Sehr wohl, Herrin!“, beschwerte sich wohl Gustav. Also mindestens zwei Wachen und es war eine „Herrin“ dabei. Aus der Stimme des Wachmanns hörte er Respekt, aber nicht sonderlich viel. Da waren Zweifel. Also schon mal nicht die Herzogin selbst. Man musste ja auch mal Glück haben.
    Zwei Wachen und vermutlich eine von Cecilias Schwestern. So dumm, ihm seine Waffen zu lassen, waren sie sicherlich nicht gewesen. Und er war nicht Trevor, der sich einfach herausprügeln konnte. Abgesehen davon, dass er im Moment lediglich gucken, hängen und sabbern konnte.
    Dann musste er wohl abwarten.

    Sie kamen in einem Keller an.
    Sie trugen ihn über groben Stein, der feucht glänzte und modrig roch. Warum musste es ein stinkender Keller sein? Warum kein schöner warmer Raum mit Wandteppichen? Schlimm genug, dass man ihn immer herumtrug, als wäre er ein störrisches Kind. Da wäre es ihm ja fast lieber gewesen, man hätte ihn an den Füßen die Treppen hinuntergeschleift. Das hätte der Sache mehr Drama gegeben. So kam er sich nur vor, als hätte er etwas falsch gemacht und wurde dafür auf sein Zimmer getragen.
    Hierfür werde ich mir ewig etwas von Nelli und Esther anhören dürfen …
    Immerhin wirkte das dumme Gift, das sie ihnen gegeben hatten nicht sonderlich gut. Er musterte also aufmerksam die Umgebung und merkte sich den Weg, lauschte den Geräuschen und den Gesprächen zwischen den Anwesenden und bemerkte, wie er bereits die Fußzehen wieder bewegen konnte.
    Er versuchte herauszufinden, ob die anderen irgendwo in der Nähe waren. Aber er hörte und sah nichts von ihnen.
    Hoffentlich geht es den anderen gut…
    Er hörte weitere Schritte von schweren Stiefeln.
    Am Ende des Flurs wurde er an einer weiteren Wache vorbei in einen Raum getragen. Die Stiefelspitzen blieben draußen.

    Der Raum roch als hätte Nelli einen Kräutersud zubereitet und gleichzeitig der Krake in den Raum gerülpst – eine seltsam vermoderte, süßliche Mischung aus allem, was eklig war.
    „Legt ihn da ab!“, forderte eine kratzige Stimme. Entweder war der Besitzer niemand, der viel redete oder genau das Gegenteil war der Fall. Vielleicht hatte die Stimme auch nur zu viel von dem ätzenden Geruch eingeatmet.
    Er wurde auf einen Steintisch geworfen und jemand machte sich an seinen Füßen zu schaffen, so weit er es spürte, wurden Fesseln entweder angebracht oder entfernt. Vermutlich eher ersteres.
    Gustav lehnte sich zu ihm. „Oh, er ist wach.“
    Edmund starrte Gustav an. Tatsächlich, wie auch in seiner Stimme, lag neben Überraschung auch Zweifel in seinen Augen.

    Gustav wurde beiseite geschoben und stattdessen schob sich das Gesicht von Cecilias Schwester in seine Sicht. Die gleichen blonden Haare und blauen Augen. Wie konnte eine Person so aussehen und so einen schrecklichen Charakter haben? Aber je länger Edmund die Frau betrachtete desto mehr bekam er das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ihr Aussehen war irgendwie … unnatürlich. Ein Gedanke, der ihm bereits beim Essen gekommen war.
    „Erstaunlich. Das Gift hätte einen Wal betäuben können.“ Die Schwester betrachtete Edmund.
    Die kratzige Stimme meldete sich zu Wort. Ein altes Weib trat in sein Blickfeld, die noch deutlich älter und faltiger aussah als Nelli. Eine wandelnde Leiche. Oder eher Mumie. Entweder war sie wirklich älter als Nelli, oder hatte sich noch schlechter gehalten.
    „Sind wir froh, dass er nicht tot ist. Das Gift muss aus seinem Kreislauf wieder heraus. Umso schneller, desto besser.“
    „Meinst du, Cecilia hat recht?“ Eine weitere junge Stimme erklang. Noch eine der Schwestern. Ebenfalls blond und mit blauen Augen und dieser Porzellanhaut, die sie alle hatten.
    Wie viele gibt es von denen? Ist da irgendwo ein Nest?!
    „Das finden wir heraus.“ Der alte Hodensack packte sein Gesicht, wandte es, betrachtete ihn wie Ware auf dem Viehmarkt. Dabei kniff sie die Augen zusammen, als würde sie nichts erkennen. Dann griff sie nach seinem Arm, schob den Ärmel hoch und schnitt mit einer Klinge durch seine Haut. Es blutete sofort und die alte Schachtel fing das Blut mit der Schüssel auf.
    „Geht es euch noch gut?“, pampte Edmund. Froh darüber, dass die Betäubung nachließ. Jetzt merkte er auch, dass man ihn gefesselt hatte. Seinen Arm wegziehen, konnte er also nicht. Miststück! „Wisst ihr eigentlich, was das für Flecken macht? Außerdem“, er wandte sich an Gustav, „bin ich nicht fett!“, er drehte sich zurück zu Cecilias Schwester, „also vergleich mich nicht mit einem Wal!“
    Die Adlige sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an, während der Hodensack sich nicht um ihn kümmerte, stattdessen die Wunde betrachtete. Dann träufelte sie zwei Tropfen einer Tinktur in die Schüssel zu seinem Blut. Es färbte sich zu einer Mischung aus rosa und blau.
    „Definitiv ein magisches Wesen mit einer Verbindung zu Wasser. Die Wunde verheilt bereits“, sie packte sein Gesicht, wandte es erneut hin und her, „gutes Aussehen, und eine deutlich wahrzunehmende, anziehende Aura.“ Sie musterte seine Haut, glotzte ihm mit ihren toten Fischaugen in die Augen und schnüffelte an seinem Nacken. „Keine Schuppen, aber seine Haut fasst sich robuster an. Ich denke, er hat Cecilia die Wahrheit gesagt.“
    Hallo? Privatsphäre!
    „Wenn er wirklich Nymphenblut besitzt, dann könnten wir uns die weiteren Tests doch sparen, oder?“, fragte die Schwester von Cecilia, die ihn in den Keller begleitet hatte. „Dann ist Nymphenblut definitiv kompatibel mit Menschenblut.“
    Er bewegte sich leicht in den Fesseln. Von was um alles in der Welt redeten diese Wahnsinnigen eigentlich? Er war umso mehr froh, dass er nichts von der Suppe gegessen hatte, denn die würde ihm nun wieder hochkommen. Abgesehen von dem Auge, dass darin geschwommen war und dem sauren Geschmack, als wäre sie schon lange überfällig.
    Die Alte tätschelte seine Wange.
    „Kannst du das mal lassen, du ausgedörrter Haufen Froschlaich?!“, pflaumte er los.
    Die Alte watschelte davon, zurück zum Tisch und schleppte die Schüssel mit sich.
    „Ein Test ist unerlässlich. Oder willst du sterben, Mädchen?“ Die Alte kam mit einem frischen Gefäß zurück. „Dorothea, trete mal kurz beiseite.“
    Die Tochter des Herzogs, die bereits im Keller gewartet hatte, trat weg. Wohl Dorothea. Die andere verschränkte die Arme und blickte woanders hin. Wohl beleidigt.
    „Dann beeil dich, Alte. Mutter wartet nicht gerne und ich würde auch gerne endlich Resultate sehen.“
    „Mich zu hetzen, bringt nichts.“
    „Hört auf mich zu ignorieren!“, forderte Edmund genervt. Die Alte packte erneut seinen Arm und am liebsten hätte er ihr dafür seine Faust ins Gesicht geschlagen. Das wirst du bereuen! Der vertrocknete Haufen Existenz schlitzte erneut seinen Arm auf und befüllte damit die Schüssel. Er würde eine Menge Zitronen brauchen, um die ganzen Blutflecken aus der Kleidung zu bekommen. „Hey, das Hemd ist neu!“
    „Stehlen einem Nymphen eigentlich wirklich die Seele bei einem Kuss?“, fragte die -offenbar dumme - Schwester und musterte ihn neugierig.
    Was für eine bescheuerte Frage ist das denn!?
    „Find es doch raus!“, zischte Edmund und funkelte die Frau finster an.
    Die Hexe sah sie an. „Das sind Ghule, Judith!“
    „Nymphen sind keine Seelenräuber“, meinte plötzlich eine weitere Stimme. Edmund konnte gerade so weit den Kopf drehen, sodass er sehen konnte, dass zwei weitere Personen den Raum betraten. So langsam wurde es voll hier.
    Kommt nur alle herein. Wir haben hier einen riesen Spaß!
    Zu den Neuankömmlingen in dieser lustigen Runde gehörten die Herzogin und eine entstellte junge Frau. Sie schien teilweise gelähmt zu sein, da sie ihre rechte Seite nachzog. Die hinkende Frau stellte eine Kiste neben ihm ab. Sie betrachtete ihn aus den gleichen blauen Augen, wie es in der Herzogfamilie scheinbar jeder hatte. War sie auch mit ihnen verwandt? Allerdings schien wohl für diese Schwester von der Schönheit nichts mehr übrig gewesen zu sein. Sie hatte Narben im Gesicht, ihre Haut war seltsam schuppig und die rechte Gesichtshälfte ebenfalls gelähmt.
    „Sei still, Elisabeth. Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt.“ Die Stimme der Herzogin war eiskalt. Direkt wurde es im Keller um einige Grad kühler. Die entstellte Frau, die wohl zuvor gesprochen hatte und Elisabeth hieß, zog den Kopf ein.
    Edmund musterte Elisabeth. Diese blickte zurück. Da lag etwas Entschuldigendes in ihrem Blick.
    „Du bist sehr gesprächig für jemanden, der bereits tot sein sollte.“ Die Herzogin betrachtete ihn mit verschränkten Armen.
    Was ist das hier? Ein Kuriositäten-Kabinett? „Hört auf mich anzuglotzen!“
    „Wieso lebt er noch?“ Die Herzogin wandte sich an ihre Töchter. Diese zuckten zusammen.
    „Wir waren erstaunt, dass er bereits wieder wach war und haben es vergessen. Ich kümmere mich gleich darum.“ Judith nahm ein Messer.
    Leg das wieder weg ...
    „So schnell seine Wunden heilen und die Wirkung des Giftes nachgelassen hat, dürfte der Großteil bereits auch abgebaut sein“, warf die Hexe ein.  
    Und das war der Moment, in dem Edmund normalerweise Angst bekommen sollte. Aber irgendwie hatte er in den letzten Monaten zu viel Scheiße durchgemacht, um sich wirklich um sein Leben zu sorgen. Erstaunlich, wenn er darüber nachdachte. Wann hatte er sich daran gewöhnt?
    „Ehe man mich jetzt ausbluten lässt wie einen Fisch, könnte mir einer mal verraten, was das hier soll?“
    Elisabeth schüttelte leicht den Kopf. Oder bildete er sich das nur ein?
    Sie wurde von Judith beiseite geschubst.
    Ach toll, ausgerechnet die Doofe!
    „Dein Blut wird mir helfen, meine ewige Jugend beizubehalten!“, warf jedoch die Herzogin ein, ehe Judith dummes Zeug regen konnte. Wobei … apropos dummes Zeug.
    An was hat die denn geschnüffelt?
    „Hast du zu viel von deiner Tintenfisch-Suppe gegessen?“, gab er von sich und hob die Augenbrauen. Gut. Diese Leute waren durchgeknallt. „Nymphen sind jetzt nicht gerade für Langlebigkeit bekannt. Wie wäre es stattdessen mit dem Blut einer Riesenschildkröte oder eines Tiefseehais?“ Er wusste, dass es solche Tränke gab, die einen verjüngten – dank Nelli. Also waren Tränke, die das Aussehen positiv – oder negativ – veränderten, wohl auch machbar. Was man in den Trank hineintun musste, wusste er allerdings noch nicht. Irgendwas sagte ihm aber, dass da kein Nymphenblut hineingehörte und mit Sicherheit nicht seines. Und wenn sie vorhin von Tests gesprochen haben, schien das eine neue Mischung zu sein. Diese Irren machten das also öfter. Und offenbar hatte diese ganze Prozedur niemand überlebt. Andernfalls hätte man außerhalb des Reiches Gerüchte gehört.
    Schlussfolgerung. Die atmen hier zu viel dreckige Luft! Er musste dringend von hier verschwinden. Nur wie?
    „Schweig still, Nymphe.“
    Von dir lass ich mir nichts sagen.
    „Und der Trank ist für wen? Eure Schwester?“ Er deutete zu der Entstellten. Vorerst musste er Zeit gewinnen…und etwas austesten. Sein Vater war darin immer gut gewesen. Er selbst konnte seine Kräfte aber immer nur unbewusst einsetzen. Ob ihm das gelang, wenn er es wollte? Nun, entweder er versuchte es und ging dabei drauf, oder er versuchte es nicht, und ging dabei drauf.
    Elisabeth schüttelte erneut leicht den Kopf, während die Herzogin lachte.
    „Die?! Quatsch! Der Trank ist für uns!“, zischte Dorothea. Sie und Judith lachten laut auf. Die Herzogin schüttelte nur abfällig den Kopf, während Elisabeth den Kopf senkte und der Hexe zur Hand ging.
    Edmund tat überrascht.
    „Euch? Was? Aber du hast ihn doch gar nicht nötig.“ Er lächelte Dorothea charmant an. „Ihr seid doch bereits der Blickfang auf jedem Fest.“ Schönheit, gepaart mit mehr Arroganz, als ich jemals zusammenkratzen könnte. „Vermutlich rennen euch die Verehrer und Verehrerinnen in Scharen nach.“
    Dorothea straffte bei seinen Worten die Schultern und Judith erstrahlte förmlich.
    Die lassen sich beeinflussen …

    Ein Plan formte sich. Er sah sich um, Gustav stand neben der Tür. Davor und auf dem Gang standen noch mindestens zwei weitere Wachen. Darum konnte er sich gleich noch Sorgen machen, aber eine Wache sollte selbst für ihn kein Problem werden. Den Faktor, den er am wenigsten einschätzen konnte, war die Alte. Wenn sie wirklich eine Hexe war, dann war sie vermutlich die Gefährlichste im Raum.
    Er sah zu ihr. Die Alte war gerade mit ihrem Kräutersud und seinem Blut beschäftigt.
    Und die Herzogin? Ebenfalls schwer einzuschätzen.
    Sein Blick begegnete dem der entstellten Schwester. Elisabeth musterte ihn, kniff die Augen zusammen, als versuchte sie zu erkennen, was er plante. Da sich ihre Wangen rosa färbten, sollte sie jedoch sein kleinstes Problem sein. Sie würde ihm nicht in die Quere kommen.
    „Also ist das euer Geheimnis?“, fragte er. „Ein Trank aus Nymphensuppe, der euch schön macht?“
    Die Schwestern lachten. Judith wedelte mit der Hand. „Wir erhalten damit nur, was bereits gegeben ist. Wie du bereits festgestellt hast: wir sind der Blickfang, wo immer wir auftauchen.“
    Ein Fakt, der auch auf einen Zyklop im Ballkleid zutreffen würde, aber wenn ihr meint.
    „Wen findest du schöner?“, fragte Judith.
    „Natürlich mich!“ Dorothea drückte ihre Schwester weg. Die beiden stritten.
    „Ihr seid beide wunderschön. Ihr habt eindeutig das Aussehen eurer Mutter. Ihre Porzellanhaut, das glatte, schöne Gesicht und die vollen Lippen, langen Wimpern und strahlenden Augen.“ Die beiden Schwestern strahlten unter seinen Worten und reckten sich stolz. Er grinste und suchte zu beiden Augenkontakt. „Wenn Perfektion einen Namen hätte, würde er den eurer Mutter tragen.“
    „Mutter?“ Dorothea sah zu der Herzogin, dann zu Edmund zurück. „Willst du damit sagen, sie wäre schöner als ich?“
    Edmund lächelte unschuldig. „Ihr seid ebenfalls sehr schön, aber wie gesagt, wahre Perfektion erreicht nur eure Mutter.“
    Hoffentlich war das ausreichend, andernfalls kotz ich gleich.
    Die beiden Schwestern wurden sichtbar zornig. Ihre Augen glühten regelrecht.
    „Lasst euch von ihm nicht anstacheln. Er manipuliert euch“, mischte sich die Hexe ein.
    Halt die Klappe, Wachtel!
    „Manipulieren? Ich? Euch? Ach was“, gab er unschuldig von sich. „Darf ich keine Komplimente mehr machen? Oder stört es dich, dass ich dich noch nicht bewundert habe?“ Er lächelte sie süßlich an.
    „Wenn du das wagst, ist klar, dass du lügst.“
    Edmund neigte den Kopf. „Warum? Klar, du bist ins Alter gekommen, aber ich bin sicher, dass du früher mal sehr schön warst. Deine Augen sind jedenfalls voller Weisheit und mit dem Alter kommt die Erfahrung, oder?“
    Die Hexe kniff die Augen zusammen. Er grinste.
    „Eben. Und meine Erfahrung sagt, dass du lügst.“
    Und meine sagt mir, dass du eine verbitterte alte Vettel bist!
    „Ich lüge? Wo denn?“ Edmund grinste. Gut bei ihr würde er nicht weiterkommen, aber sie war schließlich auch nicht das Ziel, er musste nur überzeugend genug sein. „Du bist nur eifersüchtig, weil du in diesem Raum voller junger Schönheiten nur da bist, diesen zu helfen, noch schöner zu werden, anstatt den Trank selbst zu nehmen.“ Er sah zu Elisabeth, die neben der Hexe stand und ihn neugierig und irgendwie bewundernd musterte. Toll, die Hässliche haben wir schon mal.
    „Moment“, mischte sich Judith ein, „du findest Mutter wirklich schöner? Aber ich bin viel jünger!“
    Und dümmer.
    Edmund lächelte unschuldig. „Ja, das ist richtig. Du und deine Schwester, ihr habt die gleiche Voraussetzung, aber bei ihr ist da noch so ein Hauch Anmut in den Augen.“ Im Grunde war es keine Anmut, sondern irgendwas, das er nicht benennen konnte. Und es machte sie nicht schöner, sondern gruseliger. Als würde man einer jungen Frau ins Gesicht aber einer Greisin in die Seele blicken.
    „Genug jetzt!“, mischte sich die Herzogin ein. Doch damit kam sie wohl zu spät. Judith funkelte erst ihn, dann ihre Schwester finster an.
    Drei gewonnen, fehlen noch drei.
    Er sah zu Gustav.
    „Wie weit bist du, Sybilla?“ Die Herzogin wandte sich an die Hexe. Diese hantierte noch herum, dann hielt sie der Herzogin ein Fläschchen entgegen.
    Als die Herrscherin danach greifen wollte, kam ihr Judith zuvor. „Das ist meins!“
    „Schleich dich, Kind!“, zischte die Herzogin und versuchte ihr das Fläschchen aus der Hand zu nehmen. Doch Judith war schneller und wich ihr aus.
    „Du hattest genug, das hier ist für mich!“
    Dorothea schubste ihre Schwester. „Nein, es ist für mich!“
    Unter den Schwestern entbrannte ein Streit, in den sich auch Gustav einmischte. Der Wachmann versuchte, die Schwestern voneinander zu trennen, was leichter gesagt war, als getan. Er kassierte zwei Hiebe und 3 Entlassungen. Währenddessen diskutierte die Herzogin mit Sybilla, dass diese ein weiteres Fläschchen anfertigen sollte.
    Das wäre amüsanter, wenn weniger Kleidung und mehr Schlamm im Spiel wären.
    Keiner der Anwesenden achtete mehr auf ihn. Er sah zu Elisabeth, flehend und mit einer stummen Aufforderung. Elisabeth kam zu ihm, löste die Fessel an seiner rechten Hand. „Du solltest gehen.“ Ihre Stimme war sanft.
    Ich hatte nicht vor, hier Urlaub zu machen.
    Mit der freien Hand friemelte er den Knoten an seiner linken Hand auf und befreite anschließend seine Beine.
    „Stopp!“, brüllte plötzlich die Herzogin und sah in seine Richtung.
    Zu spät!
    Edmund sprang vom Tisch und brachte ihn zwischen sich und die Herzogin.
    „Lasst euch von mir nicht stören“, meinte er und sah sich im Raum um. „Ihr habt doch, was ihr wolltet.“
    Die Herzogin befahl Gustav ihn wieder gefangen zu nehmen. Der Wachmann zögerte sichtbar, kam dann aber auf ihn zu und versuchte ihn über den Tisch hinweg zu fassen zu bekommen.
    Hoffentlich funktioniert das, andernfalls muss ich doch zu Gewalt greifen. Und darauf hatte er keine Lust.

    Edmund beugte sich nach vorn, sah Gustav in die Augen, fixierte ihn und suchte in seinen Augen nach einem Anzeichen, dass er zu ihm durchdringen konnte. Was nicht so leicht war, wie er dachte. Dann hatte er ihn.
    Er schob sich geschickt an Gustav vorbei.
    „Halt dich da raus“, forderte er nah an seinem Ohr und entwendete dem Mann seine Waffe vom Gürtel. Selbst in Edmunds Ohren klang seine Stimme seltsam anders. Eher singend.
    Die Wache stolperte zurück, starrte ihm in die Augen und blieb verwirrt stehen, unfähig den Augenkontakt zu unterbinden. Bleib da stehen.“
    Gustav nickte langsam.
    Aus dem Augenwinkel sah er Judith und konnte sich gerade noch wegducken, als diese mit dem Messer auf ihn einstechen wollte.
    Er trat zurück, das Schwert auf die Frauen gerichtet.
    Toll … Sollte er nun wirklich gegen Frauen kämpfen? Wo waren die anderen? Die hatten sicherlich keine Hemmungen.
    „Jetzt mach was!“, befahl die Herzogin dem Wachmann. Doch Gustav bewegte sich keinen Millimeter.
    Guter Junge …
    „Was ist? Hast du Angst uns anzugreifen?“, fragte die Hexe herausfordernd, während die Herzogin auf den Wächter einschimpfte. Sie stand an ihrem Tisch und ihre Finger griffen nach einem der ganzen Phiolen, die dort standen. Vermutlich irgendwas, das ihm mächtig um die Ohren fliegen sollte.
    „Ich kämpfe nicht gerne“, meinte er, dann lächelte er. Aber das muss ich meistens auch nicht. Er sah zu Dorothea, die in dem ganzen Durcheinander das Fläschchen mit dem Trank wieder aus den Fingern verloren hatte. „Schau Dorothea, Sybilla hat noch ein Fläschchen von deinem Wundermittel. Hol es dir!“ Er deutete zu der Hexe, die ihn kurz überrascht ansah.
    Dorothea betrachtete ihn, er fixierte ihre Augen, dann wandte sie sich beinahe mechanisch zu der Hexe, ihre Augen glitten zu der Phiole in deren Fingern.
    „Gib es mir!“, forderte sie und stürzte sich auf die Hexe. Die Alte fluchte laut los und versuchte, Dorothea von sich fernzuhalten. Die Adlige riss einige der Tränke und Behälter vom Tisch.

    Edmund nutzte den Moment der Ablenkung. Er näherte sich Judith, suchte auch zu ihr den Augenkontakt, wand sich an ihr jedoch vorbei. Sie folgte ihm mit den Augen.
    Damit ist sie offiziell die Dümmste im Raum.
    Er hielt ihre Händen, in denen noch das Messer lag, zog sie an sich. Er hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen, sah ihr in die Augen und flüsterte: „Wenn deine Mutter nicht wäre, wärst du die Schönste in der Familie.“ Judith starrte ihn an, dann verdunkelte sich ihr Blick und sie sah zu ihrer Mutter. Der Griff um das Messer wurde fester. Mit einem Kreischen warf sie sich auf ihre Mutter.

    Derweil war Dorothea damit beschäftigt, der Hexe ihre eigenen Kräuter an den Kopf zu werfen und den Tisch kreischend dem Erdboden gleich zu machen. Dabei fiel der Hexe die Phiole aus der Hand und diese explodierte in einem grellen Lichtblitz.
    Verfluchte Scheiße! Edmund riss sich gerade noch rechtzeitig die Hände vor das Gesicht.
    Um ihn herum kreischte und stöhnte es, er selbst sah nur noch Umrisse.
    Er wandte sich um, stolperte aber über irgendwas am Boden und krachte der Länge nach hin. Sein Kopf stieß irgendwo gegen, es polterte. Es dauerte einige Sekunden, da klärte sich seine Sicht. Schemenhaft erkannte er den kaputten Tisch vor sich, die Adligen Frauen, die sich die Augen rieben.
    Edmund sah sich um, die meisten Gefäße, die vom Tisch geschleudert worden waren, waren heil geblieben. Er griff nach einem davon und öffnete es. Der Geruch kam ihm bekannt vor. Nelli hatte ebenfalls etwas von diesem Zeug. Wie hieß es noch gleich?
    Yopo, glaub ich. Das könnte funktionieren …
    Er hielt sich den Ärmel seiner Jacke vor die Nase. In diesem Loch gab es nicht mal ein Fenster.
    „Ich sehe im Übrigen viel besser aus als ihr alle zusammen."
    Er öffnete das Gefäß und warf den Inhalt über den Tisch in den Raum zu den Frauen. Beinahe explosionsartig verteilte sich eine Staubwolke im Raum. Die Hexe hustete und fluchte. Und kam um den Tisch herum. Elisabeth stellte ihr jedoch das Bein, sodass die Alte fiel und einen großzügigen Atemzug des Halluzinogens inhalierte. Die entstellte Adlige hielt sich ein Tuch vor das Gesicht.
    Edmund kam derweil wieder auf die Füße.
    „Der Schlüssel für den Raum?“, fragte er durch den Stoff an Elisabeth gewandt. Diese schüttelte den Kopf.
    „Die Wachen draußen.“
    Großartig … Warum hatten die eigentlich noch nicht reagiert?
    Er wandte sich zu dem zerstörten Tisch. Vielleicht war dort etwas, mit dem er das Schloss zerstören konnte. Auf seiner Suche fiel ihm der Trank der Alten in die Hände.
    Ich schätze, den brauchen sie jetzt nicht mehr.
    Er steckte ihn ein. Immerhin war da sein Blut drin.
    Judith kreischte auf und schrie etwas von Dämonen, die sie angriffen. Sie schlug um sich, stocherte mit dem Messer in der Luft herum und traf dabei Dorothea. Die Adlige schrie als würde sie bei lebendigem Leib verbrennen. Die Herzogin hielt sich die Ohren zu. Sie blutete am Arm und der Schulter. Wahrscheinlich hatte Judith sie dort bereits mit dem Messer erwischt.
    Gustav faselte dagegen etwas von Vögelchen und blickte verträumt zur modrigen Decke.

    Vor der Tür wurde ebenfalls Tumult laut und ließ Edmund innehalten. Dann flog die Tür aus ihren Angeln, traf dabei die Herzogin mitten im Gesicht und schleuderte sie an die gegenüberliegende Wand.
    Ups.

    Edmund stellte Esther einen Becher Tee vor die Nase. Die Magierin saß bereits die letzten Stunden vor Thomas‘ Tagebuch. Ihrer Aussage nach, um mehr über die Artefakte zu erfahren. Aber wenn Edmund eine Wette abschließen müsste, würde er eher darauf wetten, dass sie sich damit ablenken und Trevor aus dem Weg gehen wollte. Zumindest ging es ihm so mit Nelli. Lieber nicht über den Weg laufen, bis er wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Obwohl er wusste, dass es an Cecilias Trank lag, so hatte er sich noch nie gefühlt. Irgendwie komisch, aber irgendwie auch … nicht. Blöderweise war das Schiff nicht sonderlich groß. Weshalb er auch mit Nelli zusammen in der Küche gestanden hatte.
    „Was soll das sein?“, fragte Esther misstrauisch. „Beruhigungsmittel?“
    Nee, Bestechungstee …
    „Es ist einfach nur Tee“, gab Edmund von sich. Mit beruhigender Wirkung, aber darüber nun mit Esther zu diskutieren, hielt er für wenig zielführend. Sollte Nelli das machen, er lieferte nur aus.
    Esther sah ihn weiterhin skeptisch an.
    „Was? Ich habe dir keinen Liebestrank untergejubelt, also warum schaust du mich an, als hätte ich es vor?“ Das Letzte, was er wollte, war eine verliebte Esther an den Hacken kleben zu haben. Oder Esther überhaupt.
    „Entschuldige. Danke für den Tee."
    Allem voran, war der Becher eigentlich für Trevor gedacht, aber der hatte sich geweigert, Tee von ihm anzunehmen. Also bekam Esther die Tasse. Aber das musste er ihr ja nicht unnötig auf die Nase binden. Und Nelli würde er das auch nicht sagen.
    Edmund hielt Esther die Hand hin und sah sie auffordernd an, damit sie ihm den Schlüssel für die beiden Schlösser an Cecilias Tür gab.
    „Ich will der Prinzessin vor meiner Nachtwache das Essen vorbeibringen.“
    „Von mir aus, ich komme mit und schließe dir die Tür auf.“
    Neeeeeein, ich kann dich nicht gebrauchen….
    „Du kannst mir den Schlüssel auch geben und ich schließe selbst auf. Dann kannst du mit...was auch immer du hier machst...weitermachen." Er hatte vor, der Prinzessin etwas auf den Zahn zu fühlen, das ging kaum, wenn eine genervte Esther hinter ihm die Hufe scharrte.
    „Kommt nicht in Frage. Entweder ich komme mit und schließe auf oder die Prinzessin muss hungern. Deine Entscheidung.“
    Ernsthaft? Wenn es nach ihm ginge, dann wäre er ganz bei Nelli: Sollte die Schnepfe doch im Zimmer verrotten und sterben. Aber sie war eben eine Schnepfe mit Einfluss und Geld und einen Herzog verärgerte man nicht, in dem man seine Tochter umbrachte. Und bei ihrem Glück fand er heraus, wer seine Tochter auf dem Gewissen hatte.
    „Ich weiß ja nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber ich kann mich durchaus verteidigen.“
    „Doch, es ist mir aufgefallen. Da ich aber die Schlüssel habe, kann das egal sein.“
    „Schlüssel können den Besitzer wechseln."
    „Nicht in diesem Fall.“
    Edmund seufzte. Gegen derart viel Sturheit kam nicht mal er an. Und Esther niederknüppeln, nur um an den Schlüssel zu kommen, um allein mit der Prinzessin zu sein, traute er sich auch nicht. Zwischen ihnen war schon genug dicke Luft. Dann musste er das eben an einem anderen Tag umsetzen. „Gut, dann komm eben mit." Er nahm das Tablett mit dem Essen und Esther dackelte ihm nach wie ein Wachhund mit extrem kurzer Zündschnur.
    Edmund schwieg eine Weile und musterte Esther von der Seite. Den Bannzauber wieder von Cecilias Gefängnis zu nehmen, war eine gute Entscheidung. Esther sah fix und fertig aus, Augenringe und bis zum nächsten Hafen war es noch ein Stück. Er hatte keine Ahnung von Magie, aber Esther hätte den Zauber vermutlich nicht bis dahin aufrechterhalten können. Auch, wenn sie es versucht hätte.
    Sturer Esel.
    Davon ab blieb es dabei: Cecilia war eine Prinzessin, kein Berserker, der mit einer Axt durch die Türe brach. Ein Schloss sollte sie aufhalten.
    „Wie geht es dir?"
    Esther sah ihn misstrauisch an, runzelte die Stirn.
    „Außer, dass uns ein verrückter Magier im Nacken sitzt, wir eine Kiste voll Relikte an Bord haben und eine an magischen Wesen interessierte Prinzessin nach Hause bringen müssen ... gut, wieso?"
    Danke, für die Zusammenfassung. Sei froh, dass nicht noch Mord an einer Prinzessin dazukommt …
    „Weil du Augenringe hast. Sieht nicht schön aus. Du solltest mehr schlafen und dir weniger Sorgen machen.“ Esthers Aussehen hat während der Reise gut gelitten…
    Esther nickte. „Vielleicht hat Nelli was für mich, was mich besser schlafen lässt.“
    Edmund balancierte das Tablett auf einer Hand und kramte mit der anderen in seiner Hosentasche. Er zog eine kleine Phiole heraus. „Versuch es damit."
    „Was ist das?“, fragte Esther skeptisch.
    Warum ist die blöde Kuh immer skeptisch, egal, was ich ihr gebe? Nimm einfach!
    „Es ist ein Schlafmittel.“
    „Wieso hast du Schlafmittel in deiner Hosentasche?" Weil das eigentlich für mich ist. Sie nahm die Flasche entgegen. „Ich werde es probieren, danke."
    „Ich habe es vorhin selbst gebraut...", meinte Edmund mit einem Grinsen. Ein wenig stolz war er auf den Umstand ja schon. Auch, wenn Nelli viel gemacht hatte. „Unter Nellis Anweisung natürlich." Was sowieso schon schlimm genug war, vor der aktuellen Situation aber nochmal deutlich schlimmer ….

    „Für ... mich?“
    Klar, alles für dich …
    „Eigentlich haben wir es gebraut, weil es einer der einfachsten Tränke ist, laut Nelli. Und ich nicht viel falsch machen kann. Aber die Wahl war zwischen einem Schlaftrank und irgendwas gegen stinkende Füße. Da hielt ich den Schlaftrank im Augenblick für nützlicher." Vor allem für mich nützlicher.
    Esther lachte. „Ja, dann lieber das Schlafmittel.“

    Sie kamen an Cecilias Tür an. Er wartete neben der Tür, bis Esther die Tür aufgeschlossen hatte. Dann betrat er das Zimmer, Esther blieb direkt hinter ihm wie eine hässliche Warze.
    Cecilia saß auf einem der Stühle und hatte, was auch immer gemacht. Als er und Esther ins Zimmer kamen, lächelte sie, dann wanderte ihr Blick zu Esther weiter. Kurz zuckte eine finstere Note durch ihre Augen, dann lächelte sie wieder.
    „Einen wunderschönen guten Abend, ich hoffe, Ihr habt Hunger“, meinte Edmund und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. „Der Sturm hat uns einige Vorräte gekostet, aber das sollte Euch hoffentlich dennoch schmecken.“
    Cecilia erhob sich anmutig. „Oh, ich bin sicher, es wird schmecken. Noch besser würde es mir sicherlich an Deck schmecken. Es scheint eine klare Nacht zu sein.“
    „Ich fürchte, ich kann die anderen nicht dazu überreden, Euch an Deck zu lassen.“
    Cecilia schmollte und seufzte enttäuscht.
    „Fehlt es Euch hier an etwas?“
    „An Gesellschaft.“ Cecilia lächelte zuckersüß und der Glanz in ihren Augen war traurig.
    „So?“ Edmund lächelte charmant zurück. „Nun, ich kann ja hier bleiben, während Ihr esst.“ Und dich fragen, was du mit magischen Wesen so vor hast. Trevor bekommst du nicht!
    „Ich bring Euch ein Buch“, mischte sich Esther mit kühler Stimme ein und zog Edmund wieder durch die Tür nach draußen. Sie schloss die Tür ab.
    Edmund hob die Augenbrauen und sah Esther auffordernd an.
    Esther hob nur die Nase und ging den Flur zurück. Ihm entging jedoch nicht, dass ihre Fäuste geballt waren und sie nicht zu ihrem Zimmer, sondern zum Deck lief.
    Es gab nun zwei Möglichkeiten: Es kümmerte ihn nicht und er ging zurück in die Küche. Oder es kümmerte ihn nicht, aber er fragte dennoch nach und entging damit einer weiteren seltsamen Stille mit Nelli in der Küche.
    Edmund folgte Esther.
    „Du machst dir viel zu viele Sorgen um alles. Wir sind ein Team." Dann konnten sie sich kollektiv Sorgen machen und alles war noch viel schlimmer, weil sie sich in die Sache hineinsteigerten.
    Okay, mach dir lieber allein Sorgen, dafür schlafe ich ruhig…
    „Ich versuche es, aber ich habe euch auch was versprochen."
    „Versprochen?", fragte Edmund verwirrt und aus seinen Gedanken gerissen.
    Esther wich ihm aber aus. „Ich versuche es, reicht das fürs Erste?"
    Interessierte es ihn genug, um nachzubohren?
    „Mehr verlangt niemand." Er lächelte. Es interessierte ihn. „Weißt du, ich bin sicherlich kein Experte, wenn es um Freundschaften geht, aber ich schätze die Situation heute ist eine andere als vor ein paar Monaten, als wir uns kennengelernt haben. Also: Wenn du mal reden willst, höre ich zu. Keine Ahnung, ob ich dann hilfreiche Lebensweisheiten habe, aber zuhören kann ich zumindest. Hilft vielleicht auch beim Einschlafen. " Und vielleicht habe ich dann etwas, das ich gegen dich verwenden kann.
    „Danke, das weiß ich zu schätzen ... wirklich.“ Esther grinste. „Aber bitte, fang nicht an, Gedichte aufzusagen."
    „Erstens: Autsch. und zweitens: meine Gedichte sind grandios, klar?“
    „Ich habe eine Abneigung gegen Gedichte. Zu viele alte Männer haben damit versucht, meine Aufmerksamkeit zu bekommen.“
    Edmund wog den Kopf. „Schön, dass du mich mit einem alten Kerl vergleichst."
    Esther kicherte. „So war das nicht gemeint. Aber ... Ich kann es einfach nicht mehr hören. Und jedes Mal, wenn ich ein Gedicht höre, muss ich an diese absurden Momente denken."
    Mittlerweile waren sie an Deck angekommen. Er lehnte sich an die Reling und betrachtet sie nachdenklich, grinste dann und sang: „Liebe Freundin, hör mir zu, ich hab heut einen Clown im Schuh. Liebe Freundin, lach nur laut, denn Lachen ist, was uns erbaut. Vergiss den Kummer, sei bereit, für Freude und für Heiterkeit!“
    Esther blickte ihn kurz an, dann lachte sie laut los. „In Ordnung, DAS habe ich noch nie gehört."
    Edmund grinste. „Also kein alter Sack, der dir ausgelutschte Gedichte vorträgt? Was erwartest du dann von einem Mann?"
    Wieder dieser skeptische Blick. Dabei hatte er ihr diesmal gar keinen Tee angeboten. „Das willst du wissen?"
    „Sonst hätte ich nicht gefragt." Was ist falsch mit dir?
    „Ich wüsste nicht, was dich das angeht ...“
    Dass man ihr auch alles aus der Nase ziehen musste. Er lächelte charmant und neigte den Kopf. „Hast du Angst, dass ich dich dafür auslache? Werde ich nicht.“ Jedenfalls nicht sofort. „Es interessiert mich einfach nur."
    „Nun, ich habe noch nie richtig darüber nachgedacht ... Aber ich schätze, mutig sollte er sein, Humor haben, treu sein und er dürfte kein Problem damit haben, die zweite Geige in der Grafschaft zu spielen. Er sollte in der Lage sein, mich schützen können ... Auch, wenn ich mich selbst beschützen kann“, sie grinste, „gutes Aussehen wäre selbstverständlich auch ganz nett.“ Esthe schüttelte verlegen lächelnd den Kopf. „Warum erzähle ich dir das überhaupt ..."
    „Also Trevor“, fasste Edmund zusammen.
    „Wie bitte?"
    Edmund zählte an den Fingern mit, hob sie vor Esthers Nase. „Mutig, humorvoll, treu, sieht gut aus, kann dich schützen und ordnet sich Entscheidungen auch mal unter."
    „Trevor ist ohne Frage ein guter Mann. Jede Frau kann sich glücklich schätzen, ihn an ihrer Seite zu haben“, sie nickte, „Und er verdient eine Frau, die ihm das dankt und die gleiche Wertschätzung entgegen bringt."
    Wow … Edmund hob die Augenbraue und musste sich das Lachen verkneifen. „Ist er so ein schlechter Küsser, hm?"
    „Bitte was?" Esther runzelte die Stirn. „Trevor hat es dir also erzählt?"
    „Mehr oder weniger." Er zuckte die Schultern. Er hatte mit Trevor gesprochen, viel hatte er nicht gesagt, aber den Sturm zusammengefasst und den Rest konnte er sich denken. Da Esther es nicht leugnete … „Also? Ich verspreche auch, dass ich mich nicht lustig mache."
    „Das geht dich wirklich nichts an, Edmund.“
    So schlecht also….
    Er zuckte die Schultern. „Also suchst du einen Trevor."
    „Ich suche gar keinen Mann." Sie zuckte ebenfalls die Schultern. Entweder weil er einen Punkt getroffen hatte, oder es ihr wirklich egal war. So wie er Esther kannte, wohl eher letzteres.
    Aber solche Gespräche entspannen den Kopf mehr als darüber nachzudenken, was das Auge von Zyredon kann."
    „Das mag schon sein, aber es ziemt sich für mich nicht, darüber zu reden“, sie lächelte kurz und lehnte sich ebenfalls an die Reling. „Außerdem weiß ich schon, was das Auge kann."
    „Es ziemt sich auch nicht als Tochter eines Grafen und als einzige Erbin einer Grafschaft mit zwei alleinstehenden Männern über die Meere zu segeln. Also über den Punkt bist du hinaus."
    Esther wo den Kopf, nachdenklich. „Das stimmt." Dann schüttelte sie bestimmt den Kopf und worüber auch immer sie nachgedacht hatte, ab. „Nimm es mir nicht übel Edmund, aber ich werde dir nichts erzählen. Irgendwann vielleicht, aber nicht jetzt."
    „Spielverderberin... aber gut. Was kann das Auge?“
    „Es lässt denjenigen, der hineinsieht, nichts anderes als die Wahrheit sagen.“
    „Großartig, halt das Ding bloß fern von mir.“
    „ich glaube, es ist für alle besser, wenn die Relikte in der Kiste bleiben“, meinte sie.
    Was man wohl alles mit dem Stein herausfinden könnte? Vielleicht wäre es doch ganz witzig, den anderen das Ding mal unter die Nase zu halten und unangenehme Fragen zu stellen.
    Esther hob die Augenbraue und sah Edmund an. „Ich habe die Kiste versiegelt, da kommt außer mir keiner ran.“
    „Pff“, stieß Edmund aus. „Du bist echt langweilig.“
    Esther zuckte die Schultern.
    „Aber man muss ja wissen, ob der Stein funktioniert, also könnten wir ihn doch bei Cecilia test-“ Er hielt inne, als er einen Schatten aus dem Augenwinkel sah, der sich hinter Esther über die Reling schob. Reflexartig griff er nach Esther, wollte sie wegziehen. Doch in dem Moment wurde das Schiff zur Seite gerissen und schwanke derart heftig, dass er sie schubste und dabei selbst über die Reling rutschte. Etwas packte ihn am Bein und zerrte ihn vom Schiff ins Wasser. Er wollte sich noch an der Reling festhalten, aber die Kraft war zu stark. Das letzte, was er höre, war Esther, die laut aufschrie.

    Er strampelte verzweifelt, um ihn herum nur Wasser, lediglich durchleuchtet vom Mondlicht. Als er um sich sah, erkannte er einen riesigen Schatten, der sich abzeichnete. Es dauerte einen Moment, bis er realisierte, dass das wabberten Gebilde um den Schatten herum Arme waren. Und einer dieser Arme hatte sich um sein Bein geschlungen und zog ihn unter Wasser. Ein Krake! Riesengroß und im Begriff ihn zu fresse!
    Warum immer ich?!
    Edmund versuchte seinen Fuß zu befreien. Warum traf es eigentlich immer ihn? Das Vieh hätte auch Esther nehmen können!
    Verdammter Mist! Das Vieh hatte Esther gewollt und er hatte sich dazwischen geworfen!
    Der Tentakel umschlang ihn und zog ihn näher, bis er ein riesiges im Mondlicht leuchtendes Auge sah, die Pupille musterte ihn.
    Was soll das? Vorher noch anschauen, was man frisst, oder was? Ich sehe vielleicht köstlich aus, aber das sind nur Knochen. Du spürst mich nicht mal, wenn du mich kaust.
    Der Tentakel schwenkte ihn durchs Wasser als würde er versuchen mit ihm Fische zu erschlagen.
    Hör auf mit dem Essen zu spielen!
    Sofort wurde er losgelassen. Etwas überrascht, orientierte er sich und schwamm nach oben. An der Wasseroberfläche holte er Luft. Er blickte sich um, Wellen schlugen, Blasen tauchten auf. Das Schiff war in einiger Entfernung.
    „Scheiße!“
    Ob ich schneller schwimme, als ein Krake?
    Die Frage beantwortete sich, als er erneut gepackt wurde.
    Hör auf damit!
    Wieder schwenkte der Krake ihn. Warum fraß er ihn nicht einfach?
    Er wurde unter Wasser gezogen, dann wieder an die Oberfläche.
    Jetzt hör doch mal auf, mir wird schlecht!
    Er schwankte kopfüber vor dem riesigen Auge. Wieder musterte das Auge ihn. Edmund hob die Augenbraue. Die Panik verflog. Offenbar wollte das Vieh ihn nicht fressen. Aber was wollte es dann? Irgendwie kam ihm das Vieh bekannt vor. Die hässliche Visage hatte er doch schon mal gesehen … oder besser gesagt, den Rachen von dem Ding!
    Der Krake grummelte, Blasen stiegen aus dem Wasser auf, einer seiner Fangarme drang an die Oberfläche. Oder besser was, was davon übrig war. Ein Teil des Tentakels fehlte. Die Wunde wirkte noch frisch.
    Du bist verletzt.
    Der Krake grummelte, schwenkte ihn über dem verstümmelten Tentakel herum.
    „Ja, schön, toller Arm!“
    Der Krake grummelte lauter, schwenkte ihn mehr. Bildete er sich das nur ein? Oder wollte das Veh wirklich auf seine Wunde aufmerksam machen und suchte Hilfe?
    „Was willst du, Krake? Ich bin kein Heiler, schwenk doch die Hexe herum.“
    Er wurde wieder stärker geschwenkt.
    „JA! Ist ja gut! Aber du musst mich zum Schiff zurückschwimmen lassen!“
    Ließ er nicht. Stattdessen zog das Vieh ihn wieder unter Wasser, schlug Wellen und Strudel und er wurde mitgeschleift. Als nächstes wurde er aus dem Wasser herauskatapultiert und flog durch die Luft. Ehe er weibisch schreiben konnte, knallte er irgendwo gegen Holz, hörte seinen Namen und dann ein Aufstöhnen, als er gegen einen Schrank prallte, über das Deck rollte und an der gegenüberliegenden Reling zum Liegen kam.
    „Autsch“, kommentierte Trevor.
    Edmund rappelte sich auf. Er war wieder auf dem Schiff. Trevor halb unter ihm, halb zwischen ihm und der Reling. Offenbar hatte er ihn aufgefangen. Oder zumindest den Sturz abgefangen.
    „Danke.“
    Trevor grummelte.
    „Geht es euch gut?“ Esther trat an sie heran, ehe sie plötzlich aufschrie. Das Schiff schwankte und geriet in starke Schräglage, sodass Esther fiel. Edmund hielt sich an der Reling fest, während Trevor Esther festhielt.
    „Ich hab Besuch dabei“, gab Edmund kühl von sich, als sich der riesige Krake über die Reling zog und sie alle aus seinem großen Auge musterte. Sofort sprang Trevor auf die Beine, zog den Säbel. Edmund hielt ihn zurück und schob sich vor Nelli.
    „Bist du nun Freund oder Feind?", fragte Trevor.
    Was soll denn die Frage? Er dachte kurz nach. Ist das der Krake von dem Trevor erzählt hat? Der ihnen angeblich während dem Sturm geholfen hatte Er hatte ihn für irre gehalten, verzaubert von dem Trank. Was war, wenn es stimmte? Andernfalls wäre er ja tot. Oder? Aber warum … ?
    „Er ist verletzt“, meinte Edmund und wrang sich das Hemd aus. Er war klatschnass und die Haare klebten ihm in der Stirn. „Er will Hilfe.“ Als hätte der Krake ihn verstanden, schwenkte er seinen verletzten Tentakel auf das Deck und klatsche ihn vor seine Füße. „Bitte sag, dass du ihm helfen kannst, Peternella.“ Er wollte nicht wissen, was das Vieh mit ihnen machte, wenn sie es nicht konnten. Das Auge des Kraken musterte sie alle aufmerksam, während Nelli den verwundeten Arm von weitem musterte. Esther hielt ihren Zauberstab in der Hand, auf den Kraken gerichtet.
    Neli zog die Augenbrauen hoch. „Was hat er denn?“ Sie kam näher, streckte vorsichtig die Hand nach dem Kraken aus. Der Krake zog den Arm weg, als sich Nelli näherte, schlug sogar nach ihr.
    Edmund ging dazwischen, ehe er darüber nachdenken zu können. Weil das schon mal so gut geklappt hat. „Sie will dir helfen!“
    Der Krake grummelte unzufrieden.
    „Na hör mal! Du kannst froh sein, dass wir dir überhaupt helfen! Du hast mich beinahe ertränkt. Und meine Frisur zerstört!“
    Der Krake wich getroffen etwas zurück, kroch dann mit dem Tentakel wieder etwas auf ihn zu.
    „Ich will dir nur helfen!" Nelli hob beide Hände. Der Krake musterte sie durch sein großes Auge.
    „Wenn du doch keine Hilfe willst, dann hau ab.“ Edmund funkelte den Kraken finster an, obwohl ihm der Arsch auf Grundeis ging.
    Der Krake schob Nelli den verletzten Tentakel zu. Sie betrachtete ihn von weitem. „Da werde ich Kräuter brauchen.“ Sie ging und während sie weg war, wich keiner von ihnen auch nur einen Zentimeter von der Stelle. Die Situation war milde ausgedrückt: komisch. Das Schiff hing schief im Wasser, Trevor und Esther hielten ihre Waffen griffbereit, der Krake hing an der Reling, wie hässliche Deko und alle starrten sich gegenseitig an.
    Nelli kam zurück und näherte sich dem Kraken erneut. Der wich zurück, grummelnd.
    „Du solltest deinem Freund mal sagen, dass ich ihm nur helfen kann, wenn er mich ran lässt. Oder du musst das selbst machen."
    „Ich?“ Edmund sah sie an. Die Alte hat ja wohl den Verstand verloren. Und das von ihm, der vor ein paar Stunden noch irgendwelche Gedichte gesalbt hatte, um Nelli – eine uralte Hexe – anzumachen. „Du bist die Heilerin.“
    Der Krake grummelte, legte ihm den Tentakel vor die Füße.
    „Das ist dein Freund. Und er möchte nicht von mir angefasst werden.“
    „Er ist nicht wirklich mein Freund“, grummelte Edmund genervt.
    „Jetzt kümmer dich schon drum. Ich sag dir, was du tun sollst.“
    „Hast du dir das Vieh mal angeschaut?! Das fasse ich nicht an!“ Für die Aussage kassierte er ein tiefes beleidigtes Brummen von dem Krake und den Stoß eines Tentakels direkt in seinen Bauch.
    „Es lässt sich aber von mir nicht helfen! Jetzt stell dich nicht so an. Er braucht Hilfe, aber vertraut dir mehr als mir.“
    Das ist ja nicht mein Fehler …
    Edmund seufzte und hielt die Hand auf, damit Nelli ihm alles in die Hand drücken konnte.
    „Wehe du bringst mich um.“ Er blickte den Kraken böse an, ehe er sich ihm vorsichtig näherte und vor den Tentakel hockte. Unter Nellis Anleitung versorgte er die Wunde des riesigen Viehs. Anfangs wollte er die Haut des Dings gar nicht berühren. Aber der Krake war weniger schleimig und matschig als er erwartet hatte. Tatsächlich fühlte er sich auch nicht anders an, als jeder andere Fisch, nur eben nicht tot. Er folgte Nellis kleinlichen Anweisungen so gut er konnte, beträufelte die Wunde mit der Flüssigkeit und salbte sie ein. In der Zeit umrundete Trevor den Kraken und musterte ihn von beiden Seiten. Die Augen des Kraken folgten dem Piraten. Und gleichzeitig Edmund Versorgung.
    Als er fertig war, lehnte er sich zurück.
    „Das dauert jetzt ein bisschen, aber dann sollte die Wunde auch schließen. Gut gemacht.“
    Toll ein Lob von der Hexe … Viel schlimmer, dass es ihm gefiel.
    Der Krake bewegte den Tentakel. Dann wickelte sich plötzlich ein anderer um ihn und drückte ihn, schüttelte ihn leicht. Während ein Tentakel Nelli kurz tätschelte.
    „Ist ja gut! Freut mich, wenn wir helfen konnten.“
    Der Tentakel ließ von ihm ab, das Auge musterte ihre Gruppe weiter und der Krake stieß ein tiefes, dankbares Brummen aus. Er schlang sich um das Schiff und kurz glaubte Edmund, dass er sie nun doch zerdrücken und fressen wollte. Aber nichts davon geschah. Das Vieh hielt sich einfach nur fest, schleppte sich weiter an Deck.
    „Hey! Du kannst hier nicht drauf!“, rief er. Der Krake verharrte, das Auge richtete sich auf ihn. „Ähm … du bist zu schwer und groß.“ Der Krake grummelte beleidigt. „Ist mir egal! Geh zurück!“ Der Krake grummelte erneut. „Du versenkst uns noch.“ Der Blick des Kraken wirkte beleidigt, aber er rutschte wieder ins Wasser zurück. Bei jeder Bewegung schwankte das Schiff bedenklich.
    Was tat er da eigentlich? Warum sprach er mit dem Vieh, als würde er ihn verstehen? Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. Bildete er sich das nur ein, oder reagierte er wirklich auf ihn? Beobachtete er ihn? Hörte er auf ihn?
    Im nächsten Hafen musste er unbedingt den Schnapsvorrat auffüllen...Zum Glück waren es nur noch ein paar Tage...

    Es war deutlich leichter ein Schiff zu steuern, das nicht jeden Augenblick auseinanderzufallen drohte. Dennoch blieb das Schiff ein Schrotthaufen, der sich langsamer und behäbiger bewegte als eine Seekuh nach einer Fressattacke.
    „Bei der Geschwindigkeit überholt uns noch ein Seestern“, murrte Edmund. Er balancierte auf dem Mast und kontrollierte die Seile und Knoten der Segel vor dem Einbruch der Nacht. Hier oben war es windig und ständig wehten ihm die Haare um die Ohren. Er hätte sich die Haare kürzer schneiden lassen sollen, oder lang genug, um sie ordentlich zusammen zu binden!
    Zweimal hatte ihn bereits eine Möwe als potentiellen Nistplatz angeflogen.
    Mistviecher ….
    Er sah sich um. Die See war ruhig, der Himmel wolkenlos und die Sonne verschwand am Horizont rötlich-lila. Nur in der Ferne waren einzelne grobe Schäfchenwolken zu erkennen, die sich über den Horizont erstreckten und bisher nur schwer zu erkennen waren. Er schirmte die Augen ab und versuchte zu sehen, wohin sich die Wolken bewegten. Allerdings waren sie zu weit weg.
    „Das könnte schlechtes Wetter geben…“ Er würde Trevor suchen und diesen darauf hinweisen. Zumindest im Auge behalten, sollten sie es. Er wollte gerade vom Mast klettern, als er aus dem Augenwinkel einen Schatten bemerkte. Als er den Kopf in die Richtung drehte, war dort aber nichts zu sehen, außer einem Felsen, der leicht aus dem Wasser ragte und von der Sonne lila-orange gefärbt war.
    Eine der lästigen Möwen startete einen neuen Versuch, ihm an die Haare zu gehen. Er wurde von der Seite angeflogen und fuchtelte genervt mit dem Arm in der Luft.
    „Verpiss dich, du dreckiges Mistvieh, oder ich mach Ragout aus dir!“, brüllte er die Möwe an. Er erwischte den Vogel natürlich nicht und er flog laut gackernd weite Kreise. „Lach nur …“
    Er fixierte nochmal den Felsen, den er aber im Meer gar nicht mehr fand. Verwirrt sah er sich um, konnte den Felsen aber nicht mehr finden. Hatten sie ihn schon passiert? Wurde er nicht mehr angestrahlt, oder zwischen dem Wasser nicht mehr zu erkennen?
    Edmund zuckte die Schultern.
    Hoffen wir, dass da nicht noch mehr unter der Wasseroberfläche sind…
    Er kletterte vom Mast und wischte sich die Hände an den Hosen ab. Bei den ganzen Schwielen daran unterschieden sich seine Hände mittlerweile auch nicht mehr vom Holz des Mastes.
    Wie die eines Bauern….
    Auf dem Weg in die Kombüse überlegte er, ob es eine gute Idee war, Nelli um eine Creme zu bitten. Wenn sie ihm schon irgendwelche Kräuterkunde einprügeln wollte, dann wenigstens wichtige Dinge – wie weiche Haut. Auf der anderen Seite befürchtete er, dass ihm dann wieder hässliche Blasen wachsen würden, wenn er Nelli um Hilfe bat.

    Edmund betrat die Kombüse und sah dort Cecilia am Kessel stehen. Er hob die Augenbraue. Irgendwie passte das Bild nicht ganz zusammen. Wobei: er selbst und eine Küche passten auch nicht zusammen. Und doch fühlte er sich dort mittlerweile sogar wohler, als er jemals zugeben würde.
    „Ah Edmund“, säuselte Cecilia. „da seid Ihr ja. Das ist gut.“ Sie drehte sich elegant um, der Stoff des Kleides schwang ihr nach. Esther hätte mit dieser Bewegung sicher die halbe Einrichtung aus den Regalen geräumt, Cecilia schaffte es aber problemlos, sich an Tellern und Bechern vorbeizuschlängeln, ohne, dass auch nur etwas klapperte oder wackelte.
    Ist nicht so, dass das Schiff viel Platz bietet, um „nicht da zu sein“.
    Er setzte ein gewinnendes Lächeln auf. „Ihr habt mich also vermisst? Eure Schönheit hat mir ebenfalls gefehlt.“
    Cecilia kicherte hinter vorgehaltener Hand. Sie war in vielen Belangen deutlich adliger als Esther. Ihre Haltung war akkurater, ihr Ausdruck vornehmer und ihre Anmut strahlender. Inmitten der Schlichtheit der Revenge und der Hölle der letzten Woche, dem Leben auf dem Meer, wirkte sie derart fehl am Platz wie ein Pfau im Sumpf. Was sie einerseits unglaublich anziehend machte, auf der anderen Seite war sie das Sinnbild dessen, was er an der gehobenen Gesellschaft nicht mochte: Langeweile und Ernst. Dagegen war Esthers Langeweile beinahe schon spannend.
    Zu viele Esthervergleiche!
    „Ihr seid ein Charmeur.“ Cecilia hielt ihm einen Becher entgegen. „Ich habe Tee gekocht.“ Ihre Augen strahlten wunderschön wie Edelsteine. „Weil Ihr mich mit Euch nehmt und so hart arbeitet.“
    „Das mache ich selbstverständlich gerne für eine so bewundernswerte Herzogstochter“, gab Edmund mit einem Lächeln von sich. Und vor allem für die Belohnung deines Vaters …
    Er nahm den Tee entgegen.
    „Der Tee ist nach einem Familienrezept gekocht.“ Cecilia sah ihn aus großen Augen abwartend an.
    Edmund nahm einen bitteren Geruch wahr, tat jedoch ihr zu liebe einen Schluck. Und musste seine ganze Zurückhaltung aufbringen, um ihr das Gesöff nicht direkt wieder ins Gesicht zu spucken. Der Tee war bitter … derart bitter, dass er das Gefühl hatte, etwas würde sterbend über seine Zunge kriechen.
    Meine Fresse! Deine Familie ist wohl geschmacksblind!!
    „Der Geschmack ist neu ... interessant und erquickend.“ Er hielt seine Gedanken zurück, behielt sein charmantes Lächeln bei und ließ sich nicht anmerken, dass ihm gerade etwas Verwestes in den Rachen kletterte.
    „Er schmeckt Euch?“
    „Ja“, presste Edmund hervor. „Zauberhaft…“ Er lächelte Cecilia an, welche fröhlich zurücklächelte und wohl darauf wartete, dass er weiter von dem Tee trank. Allerdings bekam er bereits bei dem Gedanken Ekelblasen.
    Lieber sauf ich einen von Nellis Tränken …
    „Der Abend scheint sehr schön zu werden. Wollen wir den Tee nicht gemeinsam an Deck genießen?“, schindete er Zeit, „Habt Ihr schon einmal den Sonnenuntergang auf dem Meer gesehen? Wenn Ihr wollt, können wir das gemeinsam tun.“ Und das Bittergurkenähnliche Gesöff über Bord kippen.
    Cecilia wollte etwas sagen, wurde aber von Trevor unterbrochen, der gerade in die Kombüse trat.
    Edmund funkelte ihn an. Du störst…!
    „Hey, wo sind die anderen, ich denke da kommt …“ Trevors Blick fiel auf den Becher in Edmunds Hand. „Oh prima, etwas zu trinken, ich habe echt Durst.“
    Edmund drückte Trevor den Becher in die Hand. Dieser stürzte ihn erleichtert in einem Zug hinter, verharrt dann aber. Seine Augen weiteten sich und er begann zu husten. Was Edmund mit einem zufriedenen Grinsen zur Kenntnis nahm. Wenn er litt, konnte das auch der Pirat. Außerdem hatte der Kerl den Moment versaut.
    „Meine Fresse, das ist das Widerlichste, was ich jemals getrunken habe! Ich habe das Gefühl, irgendwas stirbt in meinem Mund!“, rief Trevor auf und wischte sich mit der Hand die Zunge ab.
    „Cecilia hat den Tee gemacht“, kommentierte Edmund.
    „Oh … ähm“, Trevor blickte zu Cecilia hinüber, die ihn aus traurigen Augen ansah. Er räusperte sich sichtlich beschämt. Irgendwie war es witzig, dass der Massenmörder-Pirat in Cecilias Nähe immer zu einem stotternden Kleinkind wurde. Noch witziger war, wenn der Pirat rot wurde vor Verlegenheit. Stand ihm. Aber am witzigsten war, dass er sich mit dieser Reaktion bei Cecilia sicher nicht beliebt machte. „Ich meine … der Tee ... ist wirklich … belebend.“
    „Was wolltest du eigentlich sagen?“, unterbrach Edmund ihn.
    „Ach ja … da kommt …“, setzte Trevor an, wurde aber von Esther unterbrochen, die vor Nelli in die Küche kam. Esther trug das Zauberbuch von diesem dreckigen Zauberer bei sich und schien etwas sagen zu wollen. Sie rümpfte allerdings leicht die Nase, als sie Cecilia entdeckte. Der Ausdruck in ihrem Gesicht blieb nur kurz, verschwand schnell wieder.
    „Ich muss mit euch allen reden. Allein und unter acht Augen.“
    Adieu Zweisamkeit. Hallo störende Faktoren meiner persönlichen Hölle. Edmund verdrehte genervt die Augen.
    Cecilia zögerte und schien nicht gehen zu wollen. Bis Esther klar machte, dass sie als Crew etwas besprechen mussten. Es ging wohl um eine Entdeckung aus ihrem Buch.
    Derweil rümpfte Nelli die Nase und schnupperte in der Luft. Sie runzelte die Stirn, während Cecilia sichtlich unzufrieden an ihr vorbei durch die Tür ging. Edmund sah ihr nach, blieb dann an Nelli hängen.
    „Warum riecht es hier so?“
    Trevor meinte, dass Cecilia Tee gekocht hatte, während sich Edmund auf die Zunge biss.
    „Tee?“, fragte Nelli und blickte in Richtung ihrer Vorräte. Die Alte strahlte heute regelrecht und schwebte mit ihrem Gehstock durch die Küche auf ihre Kräuter zu. Dabei zog sie den Duft von getrocknetem Lavendel und erloschenem Feuer hinter sich her. Sie öffnete das Regal mit ihren Vorräten, dabei musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Sie hätten bei der Reparatur und dem Umbau direkt dafür sorgen sollen, dass ihre Begleiterin besser an die Regale herankam. Es ärgerte ihn, dass er nicht daran gedacht hatte.
    Warum zum Teufel ärgert mich das? Kann mir doch egal sein, wie die Alte an ihre Gifte kommt ...
    Nelli streckte sich nach den Dosen und kontrollierte sie.
    Edmund trat neben sie, ehe er etwas dagegen tun konnte. Sein Körper bewegte sich quasi von allein und half ihr dabei die Gefäße aus dem Schrank zu holen, die zu weit oben standen.
    „Lass mich dir helfen.“ Er reichte ihr die kleinen Döschen mit einem reizenden Lächeln.
    „Danke“, meinte Nelli und sah ihn ein bisschen verwundert an. Die Verwunderung gefiel ihm, ließ sie jünger wirken als sie eigentlich war. Ihre Augen sahen von nahem ebenfalls viel lebendiger aus als er gedacht hatte und ihre Haare weiß und weich wie Seide rahmten das zierliche Gesicht ein.
    Er stellte eines der Döschen ab. „Honigkraut - Süß wie du, Nelli.
    Bei Neptun, wo kommt das denn her?
    Nelli zog die Augenbrauen hoch und sah dabei schöner aus als jeder Stern im Himmel. Was dachte er da eigentlich? Nelli sah aus wie ein alter Lappen, den man hinter dem Herd gefunden hatte. Nein. Wie ein Baby-Manatis. Ein klein wenig falig, aber süß und zum Verlieben.
    „Geht es dir gut?“
    „Natürlich geht es mir gut, obwohl ich mich auch liebend gerne von dir gesund pflegen lassen würde.“ Er griff nach ihrer Hand, sanft und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. „Darf ich dir etwas verraten, Nelli?“
    Nelli räusperte sich, plötzlich etwas verlegen. „Jaaa?“, fragte sie gedehnt.
    „Du bist der Glanz, der mein Leben erhellt, wie goldenes Licht, das die Dunkelheit zerschellt. In deinen Augen spiegelt sich das Licht, ein Funkeln, das selbst die Sterne spricht.“
    Nelli legte ihm die freie Hand an seine Stirn. „Bist du sicher, dass es dir gut geht? Setz dich, ich mach dir einen Tee.“
    Er setzte sich nicht, blieb vor ihr stehen.
    „Deine Berührung ist so warm und sanft. So viel schöner als jeder Tee.“
    „Mhm...“, Nelli ließ die Hand sinken, „Was hast du als letztes gegessen oder getrunken, Edmund?"
    „Ich lebe von meiner Liebe zu dir.“
    Nelli sah hilfesuchend zu Trevor und Esther.
    „Das wäre ja neu...“, murmelte Nelli und schob ihn auf einen Hocker. Er folgte ihrer Forderung griff jedoch nach ihren Händen und ging vor ihr auf die Knie.
    „Der Himmel brennt in tausend Sternen, ein Meer aus Licht, so fern und nah. Dein Lächeln strahlt, so wunderschön, wie alte Seefahrerträume da. Die Zeit vergeht, doch deine Schönheit bleibt unvergänglich, ewig jung. Ein Zauber liegt in deiner Nähe, ein Lied, das ich für dich gesungen. Und wenn die Wellen uns umspülen, Und Sturm und Wind uns trennen wollen, Dann halt ich fest an deiner Hand, Bis uns die Ewigkeit verschlossen. Die Sterne funkeln, hell und klar, reflektiert in deinen Augen. Ein alter Traum, ein Wunsch so nah, mit dir die Zeit zu überdauern. Die Seefahrt des Lebens, gemeinsam, durch stürmische und ruhige See. Dein Lächeln, mein Anker im Sturm, für alle Ewigkeit bei mir“, sang er.

    Zu sagen, dass Edmund nicht begeistert war, weil Nelli ausgerechnet jetzt meinte, ihm irgendwas über Tränke und Pulver beizubringen, wäre untertrieben gewesen. Er hasste es, nicht zu wissen, was um das Schiff herum passierte. Als hätten sie im Moment keine anderen Probleme, als irgendwelche Kräuter zusammenzukippen und seine Töpfe damit einzusauen. Allerdings hatte Nelli seine Unruhe bereits bemerkt und noch weniger als Hexenkram zu lernen, wollte er, dass sie dachte, er würde sich Sorgen machen.
    Zugeben, dass er das Gebraue interessant fand und es ihn beruhigte und ablenkte, würde er dennoch nicht.
    „Fertig“, verkündete Nelli schließlich.
    Edmund schüttelte die Gedanken ab und betrachtete das mehrfarbige Gebräu in seinem Topf.
    Es roch ja nicht schlecht, aber … „Was haben wir da eigentlich gemacht?“ Er hob die Augenbrauen und betrachtete die Hexe, die aber nur verschmitzt grinste.
    „Anhand der Zutaten, mein Schüler, was meinst du, was der Trank bewirkt?“
    „Nenn mich nicht deinen Schüler, altes Weib…“, grummelte Edmund genervt. Wenngleich das Buch interessant war und das Trankmixen dem Kochen ähnelte, gefiel es ihm überhaupt nicht, als Schüler bezeichnet zu werden.
    Das erinnert mich an diesen Dreckssack von einem Hauslehrer …
    Der Kerl war völlig stumpf gegenüber der Nymphen-Aura gewesen und hatte ihn immer wieder als dumm und unfähig beschimpft. Dabei war der Unterricht genauso spannend gewesen, wie Hornhaut mit dem Bimsstein vom Fuß zu schrubben. Wer konnte es ihm da verübeln, dass sein 10-Jähriges Ich erst gar nicht zum Unterricht erschienen war?
    „Keine Ahnung, es verleiht Flügel?“
    Nelli verdrehte die Augen und seufzte.
    „Nein, das ist ein Vergessenstank.“
    „Ein Vergessenstrank?“ In dem Alter braucht die noch einen Trank dafür?
    „Es schadet wohl nicht, die Handwerker vergessen zu lassen, was sie hier gesehen haben.“ Nelli grinste zufrieden und rührte in dem Topf herum. „In ein paar Stunden sollte er fertig sein.“
    Keine dumme Idee …
    Er sollte darüber nachdenken, einen extra Satz Geschirr für Nelli anzuschaffen. Auf Dauer war es nicht gut, wenn er in den gleichen Gefäßen kochte, in denen Nelli ihren Sud zubereitete. Am Ende vergaßen sie beim Essen, was sie aßen.
    Er wollte Nelli gerade fragen, als er Schritte hörte.
    Als er sich umdrehte, betraten Trevor und Esther die Küche.
    Alles erledigt“, meinte Esther.
    Und scheinbar reibungslos, nahm Edmund zur Kenntnis. Er musterte beide. Sie waren unverletzt. Und ohne Verletzungen.
    „Was macht ihr da?“ Trevor reckte den Hals zum Topf. Er kniff die Augen zusammen, als würde er überlegen, ob es gut oder schlecht war, dass Nelli und Edmund beisammenstanden, ohne sich zu streiten.
    „Wahllos Kräuter zusammenklumpen, die alle gleich aussehen." Ich glaube, das Mütterchen verspottet mich die ganze Zeit, in dem sie mir die gleichen Kräuter immer wieder vorlegt und mir irgendwas anderes Ausgedachtes dazu erzählt.
    „Edmund ablenken", meinte dagegen Nelli im gleichen Atemzug.
    Er musste nicht abgelenkt werden. Alles hier geschah gegen seinen Willen! „Jetzt, da Trevor da ist, lenk ihn doch ab!"
    „Da Trevor den Handwerkern hilft und nicht im Weg herumsteht, muss ich ihn nicht ablenken.“ Nelli kicherte vor sich hin und vollendete damit das typische Bild einer Hexe, die bei Feuerschein in schummerigem Licht in einem großen Topf rührte. In einem Haus im Wald.
    „Ich stehe nicht im Weg!“, kommentierte Edmund und verschränkte die Arme. Während sich Trevor in der Enge der kleinen Küche an ihm vorbeidrängte, um neben Nelli zu treten.
    „Was soll der Trank bewirken?“, Esther begutachtet neugierig den Topf.
    „Der Trank soll uns noch ein paar zusätzliche Minuten verschaffen, wenn dieser Magier, Thomas, den ersten Schwindel mit den Kisten bemerkt.“ Nelli rührte noch einmal, dann legte sie den Deckel auf.
    Esther hob die Augenbraue.
    „Es ist ein Vergessenszauber für die Handwerker“, erklärte Edmund, was er eben "gelernt" hatte. Kurz erklärte er, was Nelli damit plante. Dann grinste er als ihm ein Gedanke kam. „Und vielleicht müssen wir auch nichts bezahlen … wenn sie von dem Auftrag nichts mehr wissen.“
    „Gute Idee“, stimmte ihm Esther zu seiner Überraschung zu. Er wollte gerade fragen, welchem Teil davon sie zustimmte, als ihn bereits ein Hieb am Hinterkopf traf. Ein Schmerzlaut von Esther verriet zudem, dass sie einen ähnlichen Schlag abbekommen haben musste.
    „Diese Handwerker dort draußen mussten Edmund die letzten Tage ertragen und ihr überlegt, sie nicht zu bezahlen?“, zischte Nelli. „Abgelehnt!“ Sie schwenkte ihren Stock drohend und wirkte nicht, als würde sie sich umstimmen lassen.
    Was heißt denn hier „ertragen“?
    „Du hast recht. Dafür sollten wir ihnen sogar noch einen Bonus geben“, gab Esther mit einem schadenfrohen Zucken im Mundwinkel zu.
    Fall mir nur in den Rücken, blöde Magierin …
    Die blöde Magierin rieb sich den Hinterkopf, dabei war sich Edmund sicher, dass die Alte die Adlige nicht so fest geschlagen hatte wie ihn. Aber mit ihm konnte man es ja machen.
    „Das war doch nur ein Witz“, nuschelte er nur, notierte sich die Idee aber dennoch gedanklich.
    Trevor grinste derweil vor sich hin und legte Edmund einen Arm um die Schulter.
    „Ehe wir uns wieder an die Gurgel gehen, wie wäre es, wenn wir beiden etwas Spazierengehen, Edmund?“
    Edmund war verwirrt.
    „Spazierengehen?“
    Trevor nickte nur.
    Edmund war nicht begeistert. „Warum habe ich das Gefühl, dass ihr mich von den Handwerkern fernhalten wollt und ich deshalb keine andere Wahl habe, als ja zu sagen?“
    „Gut erkannt“, meinte Nelli mit einem Grinsen, das ihm nicht gefiel.
    „Aber wir sollten nicht weggehen. Wenn Thomas hier …“, versuchte Edmund das Unheil abzuwenden. Aber Nelli fiel ihm ins Wort.
    „…dann könnt ihr beiden sowieso am wenigsten ausrichten…“
    Autsch …
    Aber Edmund wäre nicht Edmund, wenn er sich einfach so geschlagen geben würde. Er setzte also erneut zu einem Widerspruch an. Trevor kam ihm aber zuvor, packte ihn und warf ihn über die Schulter wie einen Sack Mehl.
    „Sag mal geht es dir noch gut?“
    „Du kommst jetzt mit!“, meinte Trevor trocken und verabschiedete sich für die nächsten Stunden bei Nelli und Esther.
    „Irgendwie glaube ich nicht, dass du mich in dein Bett trägst … also wo gehen wir spazieren?“
    Trevor antwortete darauf nicht, was Edmund jedoch recht war. Schweigend ertrug er, von Trevor vom Schiff getragen zu werden, als wäre er ein – zugegeben sehr schickes – Accessoires.
    Erst im Hafen setzte Trevor ihn ab.
    „Wir suchen uns jetzt einen Platz und üben dort.“
    „Warum machen wir das nicht auf dem Schiff?“
    „Willst du, dass Omma es kommentiert?“
    Edmund setzte an, konnte das Argument aber nicht entkräften.
    Er war sich noch immer nicht sicher, ob er das wirklich konnte und wollte. Ja, er hatte vorgehabt, Trevor um Hilfe zu bitten. Aber konnte er das auch? Wieder mit einem Schwert kämpfen, wenn es sein musste?
    „In Ordnung, ehe ich es mir wieder anders überlege.“


    Er folgte Trevor durch die Straßen der Hafenstadt.
    „Hast du denn eine Vorstellung, wo du-“
    Trevor zerrte ihn so plötzlich von der Straße in einen Hauseingang, dass er das Gleichgewicht verlor und in den ehemaligen Piraten krachte. Etwas knirschte und polterte. Dann drehte sich die Welt um die eigene Achse. Das wohlbekannte Gefühl in seinem Rücken, seinen Schultern, seiner Brust und seinem Hintern verriet ihm, dass sie soeben eine Treppe nach unten krachten. Eine Treppe aus Stein, wohlbemerkt. Irgendwo auf halben Weg bekam er Trevors Fuß in die Nieren und seine Schulter in den Nacken.
    Er kam zuerst unten an und wurde dann von einem Berg überrollt, der ihn auf den Boden nagelte.
    „Ich mag keinen Schmerz spüren“, brachte er hervor. Tatsächlich war ihm lediglich von dem Hin und Her schwindelig. „Wenn du schon auf mir liegst, dann zieh dich wenigstens aus! Ansonsten runter von mir!“
    Trevor reagierte sofort.
    „Oh entschuldige.“ Er stemmte sich hoch und bewegte seinen Hintern von ihm runter. Dann krümmte er den Rücken und ließ den Nacken knacken. Edmund sprang ebenfalls auf und klopfte die Kleidung ab.
    „Was war das denn?!“
    „Ich meine am Ende der Gassen einige Männer von unserem neuen "Freund" gesehen zu haben…“ Völlig ruhig blickte Trevor die Treppen nach oben. Lediglich die gerunzelte Stirn verriet, dass er sich Sorgen machte.
    „Ähem“, räusperte sich jemand im Halbdunkel.
    Edmund sah sich in dem düsteren Kellerraum um, der nur von zwei Fackeln beleuchtet wurde. Es gab mehr Schatten als Licht. Überall standen Kisten und Fässer herum, Regale bis zur niedrigen Decke. Und in Mitten dessen standen fünf Männer, die ihre Waffen auf sie richteten. Zwischen ihnen hockten zwei Gestalten, beide gefesselt. Die Frau hatte einen Sack über dem Kopf und der Mann einen Knebel im Mund. Er wehrte sich heftig gegen die Seile an seinen Händen und starrte aus – DREI! – Augen durch den Raum.
    „Wer seid ihr und was macht ihr ihr?!“, zischte einer der Männer. Sein Aussehen war unbedeutend, zu sehr war Edmund von der Tatsache irritiert, dass er einem dreiäugigen Mann ins Gesicht starrte. Das dritte Auge trug er direkt auf der Stirn und war das einzige, das ihn ansah, da die anderen beiden nach außen wegschielten. Und entweder die Wände oder den Bereich HINTER dem Mann betrachteten.
    „Das gleiche könnten wir euch auch fragen.“ Trevor verschränkte die Arme und tat als wären nicht sie diejenigen, die gerade unangekündigt in einen Keller gefallen waren.
    „Das geht euch nichts an!“, fauchte der Mann hinter der Frau. Er verpasste ihr einen Tritt, was diese aufwimmern ließ.
    „Ich denke schon.“ Trevor rückte nicht ab und griff nun seinerseits zu einer der Waffen, die er am Gürtel trug. Verunsichert über die Ruhe, die Trevor dabei ausstrahlte, sahen sich die Männer nacheinander an. Die Zeit nutzte Edmund, um Trevor mit dem Ellenbogen in die Seite zu stoßen.
    „Was soll das?“, flüsterte er.
    „Ich glaube, die handeln hier gerade mit Menschen.“
    „Na und? Lass uns verschwinden.“ Er deutete über die Schulter die Treppe hinauf.
    „Er guckt so traurig. Wir sollten ihm helfen.“ Trevor verwies auf die Gestalt mit den vielen Augen.
    „Er guckt traurig? Ich bin mir nicht mal sicher, ob eines der Augen überhaupt in unsere Richtung guckt."
    „Du hast mir auch geholfen“, argumentierte Trevor dagegen.
    „Ich habe dich für ein Kind gehalten.“
    „Was es nicht besser macht, wenn ein erwachsener alleinstehender Mann ein Kind kauft."
    „Beim nächsten Mal lass ich dich sitzen!"
    „Komm schon Edmund, die hier brauchen auch Hilfe.“
    Was redete er überhaupt auf Edmund ein? Als würde Trevor seine Hilfe wirklich brauchen!
    „Ja, wie wir auch und uns hilft auch keiner! Wir haben augenscheinlich genug eigene Probleme.“ Er winkte ab. Als ob er zwei hässlichen dreiäugigen Leuten helfen würde. Besser sie als andere.
    Ihm gefiel der Gedanke nicht, diese Leute hier zu lassen, aber einmischen bedeutete sein Leben für diese Fremden in die Waagschale zu werfen. Oder Gold. Und letzteres hatten sie gerade nicht dabei und erstes wollte er nicht für Fremde über Bord werfen, die kein Augenschmauß waren.
    Trevor sagte nichts mehr. Mit einem Grinsen reichte er ihm die zweite Waffe, die er bei sich trug und wohl für ihn und den Übungskampf gedacht war. Ein alter Säbel.
    Wo hat er das eigentlich her?
    Edmund wich dem Blick aus.
    Von dir lasse ich mir kein schlechtes Gewissen machen. Ich helfe denen nicht. Niemals!
    Einer der Männer trat näher.
    Die Frau wimmerte.
    Eines der Augen des Dreiäugigen blickte ihn hilfesuchend an.
    „Ich hasse dich...“, murrte Edmund. Warum geriet er immer in Schwierigkeiten, wenn er mit Trevor unterwegs war? Am Ende war er immer betrunken, stand unter dem Einfluss von Pilzen oder seine Kleidung war voller Blut. Wahlweise auch alles davon.
    „Du wolltest doch üben."
    Edmund entrang sich ein freudloses Lachen. Doch nicht so, du Depp!
    „Ja, aber dafür bist du mir was schuldig.“
    „Setz es auf meine Rechnung."
    „Die Liste wird länger...“ Er nahm den Säbel entgegen, den Trevor ihm reichte. Ein Säbel war deutlich schwerer als ein Degen. Er lag anders in der Hand und wirkte irgendwie gröber.
    „Das ist eine Hiebwaffe. Du solltest damit Schläge von oben, unten oder der Seite ausführen. Ich rate dir einen festen aber lockeren Stand - leicht in die Knie gehen. Damit bist du beweglicher und kannst leichter reagieren.“
    Edmund rollte die Augen. Was zum Teufel soll ein fester, lockerer Stand sein?
    „Noch mehr so hilfreiche Tipps?“, zischte er zu Trevor.
    „Ihr wollt also Ärger machen!“, meinte der Mann, der vorgetreten war. Ein Bärtiger, der auch als Bär mit Räude hätte durchgehen können, sah sie finster an. „Die Ware gehört uns!“
    Edmund sah den Mann genervt an.
    „Er da will Ärger“, er deutete auf Trevor, „und da ich nicht in der Lage bin, ihn aufzuhalten, wünsche ich viel Spaß.“ Grinsend trat er einen Schritt beiseite und ließ Trevor den Vortritt. Der sah ihn kurz an, zuckte dann aber die Schultern.
    „Lasst die Leute frei.“
    „Und das schöne Geld damit verlieren? Nein.“ Die Männer lachten, dann kassierte der Bär bereits Trevors Faust.
    Edmund seufzte, als zwei blutige Zähne an ihm vorbeiflogen.
    Wie ein Tier…
    Hinter Trevor näherte er sich ebenfalls den Kerlen. Und ehe einer von ihnen - ein Mann mit hässlichen Narben im Gesicht - seinem Freund in den Rücken fallen konnte, mischte er sich in den Kampf ein. Er parierte die Waffe von Narbengesicht. Dabei fiel ihm auf, wie rostig das Ding war, mit dem der Typ kämpfte. Er sollte wohl vermeiden, sich davon treffen zu lassen. Den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, zerrte Narbe seine Waffe zurück, schwankte stark und hieb hektisch von der Seite auf sein Bein ein. Edmund entging dem Angriff, der ihm lediglich den Stoff am Hosenbein aufschlitzte.
    „Die war neu!“, gab er von sich.
    Rücken an Rücken mit Trevor versuchte er sich mit der neuen Waffe gegenüber dem Kerl zu verteidigen. Was nicht so leicht war, da der Kerl mehr schwankte, als was er stand. Weshalb Edmund sich darauf konzentrierte, in Bewegung zu bleiben und den perfekten Zeitpunkt zu finden. Und irgendwie seine eigene Waffe kennenzulernen.
    „Du bist zu passiv“, meinte Trevor. „Du kämpfst wie ein Fechter.“
    „Woher willst du das wissen? Hast du Augen am Hinterkopf?!“ Edmund duckte sich unter einem Schlag weg und fuchtelte seinerseits in Richtung des Mannes.
    „Fechten sieht immer aus, als würden Krabben einen Balztanz aufführen.“
    „Vergleichst du mich gerade, mit einer balzenden Krabbe?“
    Irgendwo hinter ihm ertönte das Geräusch von Metall, das durch Fleisch schnitt.
    „Ich will nur sagen, dass du aufhören sollst zu tänzeln.“
    Ich tänzel dir gleich ins Genick …
    Dennoch versuchte er weniger „zu tänzeln“, festigte sich Haltung und bewegte sich nur noch, um auszuweichen und zu parieren. Was ihnen – er würde es nie zugeben – deutlich mehr Raum brachte, da es zu wenig Keller für zu viele Leute gab. Von denen auch noch zwei untätig gefesselt mitten auf dem Boden hockten und er Augen aufhalten musste musste, nicht über sie zu stolpern. Oder sich von Dreiauge ablenken zu lassen, der allen Bewegungen im Raum gleichzeitig folgte.
    Sich weniger zu bewegen, sparte also Raum. Dadurch musste er sich aber noch mehr konzentrieren.
    Ach, scheiß drauf!
    In Ermangelung einer anderen Strategie und weil ihm das taumelnde Narbengesicht langsam auf die Nerven ging, weil er sich nicht treffen ließ, passte Edmund den nächsten Schlag ab und ließ sich von dem herumgewedelten Rostsäbel treffen. Der Säbel bohrte sich in seine Seite, was seinen Gegner genug überraschte, damit dieser verwundert stehen blieb. Entweder war er überrascht, dass er getroffen hatte, oder aber darüber, dass Edmund nicht mal mit der Wimper zuckte. Sein Blick glitt jedenfalls irritiert zwischen Waffe, Wunde und Edmund hin und her.
    „Das schöne weiße Hemd“, murrte Edmund, nutzte die Gelegenheit aber und schlug nach dem Arm des Mannes, ehe er es sich anders überlegen konnte. Zwar wäre auch der Oberkörper des Mannes ein hervorragendes Ziel gewesen, aber er wollte Narbengesicht nicht töten.
    Da er nicht Trevor war, gelang es ihm zwar nicht, dem Mann die Hand abzuschlagen, aber immerhin schrie dieser schmerzerfüllt auf und taumelte von ihm zurück, wodurch er seine Waffe losließ. Schreiend hielt er seine Wunde.
    „Geht es dir gut?“, vergewisserte sich Trevor, während er seinen letzten Gegner entwaffnete. Dessen Schwert flog durch den Raum.
    In der Zeit, in der ich mit einem zu kämpfen hatte, hat der Kerl einfach vier Gegner besiegt …
    Edmund seufzte und drückte an der Wunde herum, ehe er den Säbel aus seiner Seite zog. Es blutete.
    „Sehe ich aus, als würde es mir gut gehen? Meine Kleidung ist voller Blut.“ Womit sich die Annahme wieder einmal bestätigte. Kein Ausflug mit Trevor ohne, dass er dreckig zurückkehrte.
    Trevor nahm sein Elend nickend zur Kenntnis.
    Dann frag doch nicht.
    Trevor packte den entwaffneten Mann im Genick. Einen Atemzug später knackte es und der Mann sackte schlaff zu Boden.
    Unter dem Sack schrie die weibliche Stimme auf. Und Edmund konnte sie verstehen. Das Geräusch eines brechenden Genicks, war nichts für schwache Nerven. Und ging mehr durch Mark und Bein als das Schlagen von Metall auf Metall oder wenn Metall durch Haut fuhr.
    „Geht das auch etwas sanfter?!“
    Trevor sah ihn verwirrt an.
    „Man kann ein Genick nicht sanft brechen.“
    „Eben!“
    Warum bin ich nochmal mit dem befreundet?
    „Also ich…“ Narbengesicht wollte sich gerade davon machen.
    „Halt die Klappe!“, fuhr Edmund ihn an. „Ich bin noch nicht fertig mit dir, du schuldest mir ein neues Hemd!“, zischte Edmund ihn an. Woraufhin der Mann verstummte. Endlich mal jemand, der machte, was er von ihm wollte.
    „Am besten tötest du ihn schnell“, kam es von Trevor hinter ihm. Edmund blickte über die Schulter, wo er erwartungsvoll beobachtet wurde. Was war das hier? Eine Ausstellung?
    „Zum einen klingst du als würdest du das zu sehr zelebrieren und zum anderen bin ich kein Barbar.“ Edmund fixierte Narbengesicht und verwies den Mann mit einem Fingerzeig in die Ecke. Kurz verharrte der Menschenhändler, dann wankte er mit gesenktem Kopf davon. Er hockte sich hin, zog sich einen Sack über den Kopf und hielt sich dann die Wunde, während er vor und zurückschaukelte.
    Erstaunlich, dass das funktioniert hat.
    „Reicht das so oder muss ich ihn töten?“
    Trevor betrachtete Edmund einen Moment, dann den Typen und zuckte die Schultern.
    „Wenn er uns in den Rücken fällt, gebe ich dir die Schuld.“
    Edmund verdrehte die Augen. Er war gedanklich noch damit beschäftigt, warum der Kerl überhaupt auf seine Worte gehört hatte. Das machte sonst niemand. Es erinnerte ihn etwas an seinen Vater. Wobei, dann hätte er ihn umbringen müssen, oder? Bei dem Gedanken schüttelte es ihn.
    Verwerfen wir das.
    Das Letzte, was er wollte, war in einem dunklen Keller, umgeben von Tod, an seinen Vater zu denken.
    „Es ist nun alles in Ordnung. Ihr seid in Sicherheit.“ Trevor wandte sich an die beiden Gefangenen und schritt auf sie zu. Die Frau mit dem Sack über dem Kopf wich hysterisch heulend zurück.
    „Tut mir nichts“, flehte sie. „Bitte.“
    „Glaubt Ihr, wir haben den Aufwand betrieben, um Euch jetzt etwas an zu tun?“ Edmund verschränkte die Arme. Als würde er seine Kleidung vollbluten und in einem dreckigen Keller kämpfen, um dann eine gefesselte Frau zu verprügeln.
    Trevor warf ihm für die Aussage einen Blick zu, der irgendwie wertend wirkte, aber das war sicherlich Einbildung.
    „Was?“, zischte er zurück. War seine Einschätzung etwa falsch? Er wollte ihr doch unbedingt helfen.
    Trevor schüttelte seufzend den Kopf. Mit langsamen Schritten ging er auf die Frau zu, hob beschwichtigend die Hände – als könnte sie das sehen – und sprach beruhigend auf sie ein. Irgendwas von, sie solle Edmund ignorieren, sie würden ihr nichts tun und würden ihr helfen.
    Die Frau wirkte nicht wirklich ruhiger dadurch, aber der Tatsache geschuldet, dass ihr in den letzten Minuten niemand wehgetan hatte, schien zumindest etwas Vertrauen zu wecken. Es genügte, damit sie aufhörte zu wimmern.
    „Ich werde dir jetzt den Sack abnehmen.“
    Gröber, als Edmund nach dem ganzen Getue erwartet hatte, riss der ehemalige Pirat der Frau förmlich den Sack vom Kopf, wodurch lange blonde Locken zum Vorschein kamen.
    Grobmotoriker …
    Trevor erstarrte.
    Überrascht hob Edmund die Augenbrauen, als er an Trevor vorbeiblickte. Immerhin wusste er nun, warum die Kerle die Frau hatten verkaufen wollen. Nicht etwa, weil sie drei Augen hatte, wie der andere Kerl.
    „Es tut mir leid. Hab ich Euch Haare ausgerissen?“, stotterte Trevor plötzlich verunsichert vor sich hin und zupfte die Haare aus dem Sack.
    Ach was, dem Sack sind einfach nur endlich Haare gewachsen...
    Die grünen Augen der Frau blickten aus einem puppenähnlichen Gesicht ängstlich zu Trevor und dann zu ihm. Erst dann betrachtete sie die toten Männer. Ein Anblick, der sie nicht gerade aufheiterte.
    Wehe, du fängst jetzt wieder an zu heulen…
    Edmund musterte die Frau eingehender. Ihr Gesicht war leicht verdreckt und sie wirkte etwas abgemagert, was ihrer Schönheit aber keinen Abbruch tat. Ihre Kleidung war zwar zerrissen und dreckig, wirkte aber hochwertig und maßgefertigt und passte nicht in die Umgebung. Vielleicht war sie die Tochter eines reichen Händlers oder eines Adligen?
    Das ändert die Situation natürlich.
    „Wie wäre es, wenn du der Dame mal etwas Platz lassen würdest“, meinte Edmund und zog den Haufen bemitleidenswertem Stück Mann, der eben noch selbstbewusst vier Typen niedergeknüppelt hatte, bei einer Frau aber zu stottern begann, zurück. „Ich entschuldige mich für die bisherige grobe Behandlung, aber Ihr müsst wirklich keine Angst mehr haben. Die Männer können Euch nichts mehr tun und wenn Ihr erlaubt, nehme ich Euch auch die Fesseln ab.“ Er setzte sein Lächeln auf, von dem er wusste, dass es charmant und freundlich wirkte (und das bei Esther rein gar nichts brachte, außer sie wütend zu machen). „Ich bin im Übrigen Edmund Wendel Vinzenz von Stein, aber Ihr dürft mich gerne Edmund nennen.“ Er deutete beiläufig auf Trevor. „Ach und der grobe Schläger da ist Trevor.“
    „Grober Schläger?“, echauffierte sich Trevor. Immerhin erwachte er so aus seiner Starre. Was zog der Kerl beim Anblick von Frauen eigentlich immer den Schwanz ein?
    „Die Leute sind ja nicht spontan tot umgefallen.“
    „Das macht mich noch nicht zum Schläger.“
    „Wenn dir Mörder lieber ist?“
    Trevor seufzte lediglich. „Dann weist der grobe Schläger einen gewissen Edmund Wendel Vinzenz von Stein darauf hin, dass man die beiden Gefangen eventuell nach draußen begleiten sollte.“
    Edmund warf dem Piraten noch einen bösen Blick zu.
    „Dann nehm du dir doch schon mal einen Augenblick und helf dem...da." Beiläufig deutete er auf den Mann, der mit seinen drei Augen … blickte. Trevor rollte mit seinen zwei Augen, kümmerte sich dann aber um den hässlichen Typen.
    Er selbst wandte sich wieder an die Frau, hockte sich zu ihr und reichte ihr die Hand, während er beruhigend auf sie einredete. Vielleicht würde der Tag doch noch besser werden.
    „Also erlaubt Ihr, dass ich Eure Fesseln abnehme? Ich verspreche auch, Euch nicht weh zu tun.“
    Die Frau starrte ihn an, als würde sie etwas in seinem Blick suchen und sich über etwas Klarheit verschaffen wollen. Dabei blitzten immer noch Tränen in ihren Augenwinkeln. Sie nickte.
    Vorsichtig nahm er ihr die Seile ab, die ihr in die Haut geschnitten und dort Wunden hinterlassen hatten. Er fuhr kurz mit den Fingerkuppen über Haut und Wunden.
    Zarte Haut, keine Narben und nie gearbeitet. Eindeutig keine Bäuerin.
    „Wir kennen jemand, die sich die Wunden anschauen kann, wenn Ihr wollt.“
    Edmund reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Sie zögerte und schien mit sich zu ringen.
    „Habt keine Angst, ich beiße nicht.“
    Die Frau holte Luft und nickte dann, ehe sie sich von seinem Lächeln und seinen Worten beruhigen ließ und endlich seine Hand ergriff. Sie war kalt.
    „I-Ich danke Euch für Eure Hilfe“, gab die Frau von sich, als sie vor ihm stand und er ihre Hand losgelassen hatte. Ihre Stimme zitterte noch, wurde aber mit jedem Wort fester. Sie knickste leicht und senkte höflich den Kopf. „Diese Männer haben mich vom Hof meines Vaters entführt und hierher verschleppt.“ Sie sah sich um. „Wo auch immer hier ist“, setzte sie geknickt nach. „Mein Name ist Cecilia von Dornburg, Tochter von Herzog von Dornburg und ich danke Euch, dass Ihr mir die Freiheit zurückschenkt.“ Dabei lächelte sie leicht zu Trevor und Edmund. Edmund nickte. Aussehen und Verhalten deckten sich mit seiner ersten Einschätzung. Adel.
    Mmhh..
    Hinter ihm wurde plötzlich etwas von „Freiheit“ geschrien. Es polterte, dann rannte Dreiauge durch den Raum, fand zielsicher die Treppe mit seinem Rundumblick und war AUGENblicklich aus dem Keller verschwunden.

    Die Revenge stach bereits von weitem ins Auge. Zwischen den ganzen Schiffen im Hafen wirkte der Einmaster beinahe verloren. Vor allem, da das Schiff deutlich beschädigter war, als alle anderen und sich Handwerker mit ihren Karren davor stapelten.
    „Ein Monster? Vor der Insel?", vernahm Edmund einen alten Seemann, als sie gerade an diesem vorbeiliefen. Der Mann stand mit einer Gruppe anderer Seeleute zusammen. Mit seiner Pfeife erinnerte er Edmund ein wenig an den Steuermann der Eleftheria. „Das müssen Gerüchte sein. Die Monster trauen sich nicht so weit an die Inseln heran."
    „Jack behauptet, es wäre ein Krake gewesen."
    „Ein Krake?“
    „Ja, einen so großen habe er noch nie gesehen."
    Edmund warf Esther einen knappen Blick zu. Ob das wohl der Krake war, der ihnen auf dem Weg hierher auch schon begegnet war?
    Esthers Blick war deutlich zu entnehmen, dass sie wohl ähnlich dachte.
    Blieb zu hoffen, dass das Vieh blieb, wo es war. Nur was wollte das Ding so nah an den Inseln?
    Weil Esther neben ihm schon wieder schwankte, schob er sie eilig weiter. Er kassierte zwar einen eingeschnappten Blick, aber das war ihm egal. Am Ende klappte dieser Sturschädel noch zusammen und er durfte sie zum Schiff schleifen. Und dann wäre er wieder der Doofe. Er kam sich sowieso schon nutzlos vor. Das Letzte, was er an diesem Tag brauchte, war ein Vortrag der Alten, er hätte besser auf Esther aufpassen sollen. Wie denn, wenn ihm hier niemand etwas zutraute?


    An der Revenge angekommen, sah er sich eilig an Deck um.
    „Peternella“, rief Edmund über das Deck. Die Alte stand wie ein böses Omen hinter Trevor, der den umherlaufenden Handwerkern Anweisungen gab.
    Es war gut zu sehen, dass Trevor wieder fit war. Nur die dicken Verbände an seinen Händen zeugten noch von den Verletzungen. Wirken gleichzeitig aber wie Handschuhe zum Boxen und weckte bei den Handwerkern offenbar Unbehagen
    „Esther braucht deine Hilfe“, setzte Edmund nach, ehe Esther etwas sagen konnte.
    Halt bloß die Klappe und diskutier das gerne mit der Alten, ich bin raus!
    „Ich habe die Wunde notdürftig verbunden und ehe du mich dafür anschreist, ich habe Esther schon zur Sau gemacht. Sie hatte mich ausgesperrt.“
    „Du hast sie verbunden?", fragte Nelli und klang dabei überraschter als es Edmund lieb war. Ihm traute hier aber auch niemand etwas zu! Esther hatte nicht gewollt, dass er mitkam. Dann hatte sie ihn ausgeschlossen . Ihn dann zurechtgewiesen, er könne ihr sowieso nicht helfen. Und nun bekam er auch noch eins auf den Deckel, weil er versucht hatte, ihre Wunde zu versorgen?
    Danke Edmund, dass du mitgekommen bist. Danke Edmund, dass du mich und die Kiste den halben Weg zurückgeschleift hast. Danke Edmund, dass du die Wunde zumindest verbunden hast. Ach kein Problem, das habe ich gerne gemacht.
    Nelli zog eine Augenbraue hoch. „Euch kann man auch keine fünf Augenblicke allein lassen.“ Sie rieb sich über die Nasenwurzel. „Lass mich sehen.“
    Edmund schob Esther in Nellis Richtung.
    „Aber dafür habe ich die Kiste geöffnet“, verkündete Esther stolz, während Nelli ihre Wunde näher betrachtete und an dem Verband herumfummelte. Genervt verdrehte Edmund die Augen.
    „Diese blöde Kiste…“, zischte er und machte auf dem Absatz kehrt. Er würde die Kiste unter Deck abstellen und dann vielleicht Trevor helfen.
    „Ich sollte mir das in Ruhe anschauen.“ Nelli schob Esther mit sanfter Gewalt unter Deck in die Kombüse.
    Edmund stellte dort die Kiste ab und atmete auf.
    Endlich setzen…
    „Welchen Teil von In Ruhe hast du nicht verstanden?“, wandte sich Nelli an ihn als er sich gerade setzen wollte. Sie wies Esther an, sich auf den Tisch zu setzen.
    Ich war zuerst hier ….
    „Werde ich jetzt auch noch aus der Küche geworfen?“, fuhr Edmund die Alte genervt an. War er denn überall überflüssig?
    „Es sei denn zu willst zusehen und lernen...“
    Verwirrt hob Edmund die Augenbrauen. Das ist neu.
    „Ich will eigentlich, dass er geht“, mischte sich Esther ein. Sie sah aus als würde sie sich bereits unwohl fühlen.
    „Du hast kein Mitspracherecht.“ Nelli wedelte mit dem Stückchen Stoff herum, mit dem Edmund zuvor die Wunde verbunden hatte. „Das ist vielleicht eine Lehre, das nächste Mal vorsichtiger zu sein.“
    Was ist gerade passiert? Warum erlaubt Nelli, dass ich ihr zuschaue? Mit dem Gedanken beschäftigt, was in Nelli gefahren war, ließ sich Edmund auf dem Stuhl nieder und hob die Augenbrauen. Es würde sicherlich für das nächste Mal nicht schaden, mehr zu wissen. Bisher hatte er Nelli immerhin nur von weitem über die Schulter geschaut.
    „Sitz da nicht herum, entweder schaust du richtig zu oder gehst!“ Nelli zupfte Esthers Robe von der Schulter und zog dann ihre Utensilien aus den Schränken. „Aber wage es ja nicht, etwas anderes als die Wunde anzuschauen!“
    Das klingt schon eher nach der Alten.
    Edmund grinste. Es war ja nicht so, als wäre wirklich etwas Interessantes zu sehen.
    „Schade, dabei habe ich noch nie so viel nackte Haut bei Esther bewundern dürfen.“ Weiter kam er nicht, da hatte ihm Nelli bereits den Stock auf den Hinterkopf geschlagen.
    „Geschieht dir recht“, nuschelte Esther neben ihm, während Edmund die Schultern zuckte und weiterhin vor sich hin grinste.
    Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn. Einer der Handwerker stand dort und sah etwas befremdet in den Raum.
    „Da stehen Soldaten und ein Kerl vor dem Schiff, die mit jemandem reden wollen, der hier das Sagen hat.“ Der Mann sah in den Raum.
    „Wo ist denn Trevor?“ , wollte Edmund verwirrt wissen. Eben war der Kerl mit seinen weißen Verbandhandschuhen doch noch an Deck gewesen.
    Der Mann zuckte die Schultern.
    „Toll, wo ist der Kerl, wenn man ihn mal braucht?!“ Edmund sah zu Nelli, doch die zuckte die Schultern.
    Edmund seufzte.
    „Sag ihm, es kommt gleich jemand.“ Er machte eine scheuchende Bewegung mit der Hand und wartete, dass der Mann verschwunden war. Dann wandte er sich erneut an die anderen.
    „Ziehen wir Streichhölzer?“
    „Esther ist verletzt und ich bin damit beschäftigt, eine Verletzte zu versorgen“, meinte Neli mit einem Grinsen. „Und du willst doch keine Frauen vorschicken, oder?“
    Nein, sondern eine Hexe und eine Magierin ... aber klar, dafür ist die Nymphe wieder gut.
    „Was ist, wenn die wegen der Kiste hier sind? Was machen wir jetzt?!“
    „Keine Panik schieben, wäre ein Anfang“, gab Nelli trocken von sich.
    „Danke für den Hinweis“, zischte Edmund. „Versteckt wenigstens die Kiste und deren Inhalt, ich schau mal, was die wollen und wo Trevor steckt.“ Er musste den ehemaligen Piraten schließlich auch noch etwas fragen.

    Als er an Deck kam, hatten die Handwerker in ihrem Tun innegehalten und drei Soldaten standen zwischen ihnen und sahen sich auf dem Schiff um. Und daneben die gedrungene Gestalt des Magiers, dem er bereits in der Nacht begegnet war. Auch bei Licht betrachtet, sah der Kerl nicht besser aus. Im Gegenteil schmeichelte ihm das gar nicht. Der Kerl trug die gleiche Kleidung wie in der Nacht. Die Haare klebten ihm fettig im Gesicht und er wirkte immer noch wie ein Gerippe mit Augenringen. Wie alter Käse, den man unter der Küchenzeile gefunden hatte, nachdem er dort vor hundert Jahren hintergefallen war.
    Zumindest war nun klar, weshalb diese Leute bei ihnen auf dem Schiff waren. Stellte sich nur die Frage, ob sie wussten, dass sie die Kiste hatten oder ob sie diese noch suchten.
    Immerhin steht das Schiff noch nicht in Flammen. Ein gutes Zeichen.
    Am liebsten wäre er einfach auf dem Absatz umgekehrt und wieder zu den anderen zurück. Aber man hatte ihn bereits entdeckt, weshalb er innerlich die Augen verdrehte und ein Lächeln aufsetzte.
    Edmund ist zu nichts zu gebrauchen, aber ihn vor die Füße eines wütenden und bestohlenen Magiers zu werden, das geht!
    „Mir wurde gesagt, Ihr wollt mit jemandem sprechen?“
    Edmund musterte den Magier, der ihn stechend ansah, als bohrte er sich in seinen Geist. Vielleicht tat er das auch.
    Wäre blöd, wenn der Kerl Gedanken lesen kann. Er lächelte ihm zu. Dann wüsste er ja, dass ich ihn für unglaublich hässlich halte.
    „Wie kann ich Euch helfen? Die Legegebühr ist beglichen.“
    „Wir sind nicht wegen der Legegebühr hier. Wir-“
    „-Ich wurde heute Nacht bestohlen!“, fuhr der Magier dem Soldaten über den Mund. Er fixierte Edmund mit einem Blick, der tödlich hätte sein können.
    Der Kerl weiß es, ich bin so tot!
    „Das ist aber ärgerlich.“ Edmund verschränkte die Arme und lächelte unschuldig, während im innerlich das Herz in die Hosentasche sackte. Bleib entspannt! „Ich hoffe, es wurde nichts Wichtiges gestohlen?“
    Der Kerl musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.
    „Doch. Und ich bestehe darauf, dass ich Euer Schiff durchsuchen kann.“ Er schnippte mit dem Finger und deutete den Wachen an, dass sie anfangen sollten zu suchen. Diese rührten sich jedoch nicht, was Edmund belustigt zur Kenntnis nahm.
    „Ihr glaubt, wir hätten Euch bestohlen? Sollte ich mich beleidigt fühlen?“
    „Routine“, murrte der Wachmann, als er neben ihn trat. Er sah sich um und beobachtete die Handwerker. Insgesamt schien er eher genervt. Nur konnte Edmund nicht einschätzen, ob es an ihm oder Thomas lag. „Wo ward Ihr gestern Abend und heute Nacht?“
    „An Bord“, log Edmund. Er behielt den Wachmann im Auge.
    „Ihr wart also nicht unterwegs? Habt Ihr etwas mitbekommen? Ist Euch im Hafen etwas seltsam vorgekommen?“
    Also wissen sie nichts. Das ließ Edmund aufatmen und an Selbstbewusstsein gewinnen. Oder zumindest glauben die Wachen dem Magier nicht einfach blind.
    „Die letzte Reise war anstrengend, da sind wir alle froh über Schlaf.“ Er lehnte sich mit dem Rücken an die Reling.
    „Wir untersuchen jedes Schiff im Hafen. Ihr habt sicherlich nichts dagegen, wenn wir uns umsehen?“
    Edmund musterte den Mann und die beiden anderen Soldaten.
    „Meinetwegen schaut euch um“, er zuckte gleichgültig die Schultern.
    Die ganze Zeit war Esther mit der Kiste unterwegs gewesen. Und ausgerechnet jetzt tauchten sie hier auf, kurz nachdem sie die Kiste zurückgebracht hatten. Das war definitiv kein Zufall. Wusste dieser Thomas, dass sie ihm die Kiste gestohlen hatten? „Tut mir nur einen Gefallen und belästigt die Handwerker nicht, und die Alte Frau unter Deck besser auch nicht. Der Kapitän schätzt es nicht, wenn man seine Oma aufwühlt.“
    Als ihm der unangenehme Schweißgeruch des Magiers in die Nase stieg, wusste er, dass der Magier neben ihm stand, ohne sich dafür umdrehen zu müssen. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
    Er konnte nur hoffen, dass Nelli Kiste, Buch und Fernrohr schnell versteckt hatte.
    „Das Schiff ist in keinem guten Zustand“, stellte der Wachmann fest.
    Ach was. Gut, dass du es sagst, wäre mir glatt entgangen.
    „Wir sind in einen Sturm geraten.“
    „Was transportiert ihr?“
    „Im Moment nichts mehr. Um nicht zu sinken, mussten wir viel Fracht über Bord werfen.“
    „Die Schäden sind groß. Warum kein neues Schiff kaufen?“
    „Der Kapitän hängt an dem Schiff. Familienerbstück.“
    Der Wachmann nickte und musterte ihn, als suchte er die Lüge in seiner Aussage.
    Edmund lächelte zurück.
    „Ihr kennt diesen Mann?“ Er deutete zu Thomas. Der Magier sah ihn finster an, Edmund unterdrückte den Impuls die Nase hochzuziehen.
    „Leider nicht“, meinte er, dann tat er überrascht. „Müsste ich?“
    Von Thomas erhielt er nur einen stechenden Blick, aber keine Antwort.
    „Und Ihr seid?“ Der Wachmann wandte sich wieder an Edmund.
    „Entschuldigt, ich habe mich nicht vorgestellt. Ich bin Piet“, meinte Edmund. Er hielt es für besser, seinen Namen nicht zu erwähnen. Wenn Thomas wusste, wer er war, dann auch, dass er es war, der das Fernrohr hatte verkaufen sollen. Und damit auch, wer es zurückgestohlen hatte. Dann erklären zu müssen, wer das Eigentum an dem Teil hatte, würde nur nerven, weil alle Nachweise auf der Eleftheria waren. Und diese…wer wusste schon wo. „Ich bin hier nur das Mädchen für alles. Während mein Kapitän in der Stadt neue Matrosen sucht, vertrete ich ihn. Wenn Ihr mehr wissen wollt, müsst Ihr Euch wohl an ihn wenden.“ Er kratzte sich mit dem Finger an der Schläfe. „Er wird nicht begeistert sein, dass nun das Schiff durchsucht wird und damit die Arbeiten aufgehalten werden. Der Kapitän kann manchmal unausstehlich sein.“
    Der Wachmann beobachtete ihn noch einen Moment, dann nickte er und wies seine Leute an, sich zu beeilen. Hoffentlich hatte das gereicht, um Nelli Zeit zu verschaffen. Andernfalls wären sie gleich sowieso tot.
    „Ich weiß, dass die Kiste hier ist“, raunte der Magier neben ihm, sodass ihm dessen Mundgeruch ins Gesicht schlug.
    Ich glaub, ich übergebe mich gleich…
    „Von welcher Kiste redet Ihr, Herr… ähm…Magier?“ Er versuchte unschuldig zu klingen.
    „Ich spüre es!“, ließ sich dieser nicht beirren, „Und wenn ich herausfinde, dass ihr gestern bei mir eingebrochen seid, dann werde ich euch alle beseitigen.“
    Thomas starrte ihm in die Augen, als würde er dort etwas suchen. Edmund gab sich Mühe zurückzuschauen. Was ihm allerdings deutlich schwerer fiel.
    Du glaubst nicht wie gerne ich dich über Bord werfen will. Ein Degen zwischen die Rippen.
    Ob er dann für ein Fischsterben vor der Insel verantwortlich wäre? Müll gehörte ja nicht ins Meer.
    Das Risiko gehe ich ein.
    „Das ist aber nicht nett, auf fremder Leute Schiffe gehen und sie bedrohen.“ Edmund zwang sich zu einer ruhigen Stimme. „Aber wahrscheinlich verständlich. Ich wäre auch sauer, wenn man meine Sachen stiehlt und würde alles tun, um sie zurück zu bekommen.“ Er musterte ihn. „Vermutlich bedeutet euch diese…Kiste - (?) sagtet Ihr - viel, wenn Ihr dafür so weit geht. Ein Geschenk für Eure Frau? Wartet sie auf Eure Rückkehr?“ Das Einzige, was da wartet, ist das Badewasser. Und das schon seit Jahren. Vergeblich. „Ich wünschte wirklich, ich könnte Euch weiterhelfen, aber ich fürchte, bei uns werdet Ihr nicht finden, was Ihr sucht.“ Das hoffte er zumindest.  
    Vorsichtshalber schob Edmund die Hand in die Hosentaschen, ehe er doch noch auf die Idee kam, den Kerl an den dürren Schultern zu packen und über Bord zu werfen.
    Thomas musterte ihn. „Ratte.“
    Er weiß es genau …
    Edmund wog den Kopf, dann grinste er den anderen an und tat als hätte er ihn nicht gehört. Stattdessen setzte er sich auf die Reling. Hauptsächlich, um seine Nervosität zu verbergen.
    Ablenken!
    „Ihr habt eine lange Reise hinter Euch, oder? Was macht ein Magier so weit weg der Heimat?“
    Thomas antwortete ihm nicht, sah ihn einfach nur an. Edmund blickte zurück, geduldig, obwohl er nicht mit einer Antwort rechnete.
    „Forschung.“
    Er lächelte. Etwas daran, wie der Kerl das sagte, bereitete ihm eine Gänsehaut. Er konnte es nicht benennen, aber er kam sich seltsam beobachtet vor. Wie ein Fisch im Netz.
    „Macht Ihr Magier das nicht eigentlich vom Schreibtisch aus?“
    „Manche Erkenntnisse trifft man nur, wenn man sich selbst ein Bild macht.“
    Aber allein in einer Kammer, könntest du anderen ersparen, sich ein Bild von dir zu machen.
    „Das stimmt wohl“, Edmund hoffte inständig, dass das Gespräch bald beendet war. Er konnte nicht sagen, was im Kopf dieses Mannes vor sich ging. „Dann seid Ihr also Forscher.“ Er tat interessiert. „Meeresforschung?“
    „Kulturen.“
    Ich merk schon, du bist gesprächig.
    „Also Menschen?“
    „Unter anderem, aber vor allem Artefakte.“ Thomas starrte ihn an, als wollte er seine Reaktion testen, doch Edmund liest sich nichts anmerken und hob nur interessiert die Augenbrauen. „So ein Artefakt, wie mir heute Nacht gestohlen wurde“, setzte Thomas nach. Er blickte über das Schiff und stierte zwei Handwerker in Grund und Boden, die daraufhin eilig verschwanden. Edmund nahm es ihnen nicht übel. Er hätte sich auch gerne aus der Dunstwolke dieses Widerlings verzogen.
    „Dann ist es also sehr wertvoll?“
    „Ja.“
    Der Wachmann kam mit ein paar Gegenständen und Büchern zurück an Deck. Auf den ersten Blick erkannte Edmund, dass es sich dabei weder um die Kiste noch um das gestohlene Buch handelte. Er versuchte sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen.
    „Gehört etwas davon Euch?“ Der Wachmann hielt ihnen die Gegenstände entgegen.
    Thomas besah sich die Bücher und die Kiste. Und schüttelte dann den Kopf. Als er sich zu Edmund wandte, loderte etwas in seinem Blick, das er nicht benennen konnte, was ihm aber durch Mark und Bein ging. Fakt war, wenn der Kerl ernst machte, konnte Edmund ihm nichts entgegen setzen. Und Trevor vermutlich ebenso wenig. Im Moment war nicht einmal Esther in der Lage, etwas gegen den Mann auszurichten.
    „Das Schiff ist sauber. Keine Kiste, wie Ihr sie beschrieben habt und das sind die einzigen Bücher.“
    „Das kann nicht sein!“, schimpfte Thomas. „Ich will mich selbst überzeugen!“
    In Ordnung, verschwinde vom Schiff, Magier!
    „Und ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr nun gehen würdet“, versetzte Edmund. „Mein Kapitän wird vermutlich bald wieder da sein und wenn wir dann alle herumstehen und Löcher in die Planken stehen, wird er sauer.“ Er grinste den Wachmann an. „Falls noch etwas ist, liegen wir noch ein paar Tage im Hafen. Eilig haben wir es nicht.“
    Thomas sah aus, als wollte er noch etwas sagen. Die beiden anderen Soldaten verließen aber bereits das Schiff.
    „Hier ist nichts. Nur eine alte Frau unter Deck, eine Menge Handwerker und ein leerer Lagerraum.“ Der Soldat trat ebenfalls an Edmund vorbei.
    Auffordernd hob Edmund die Augenbrauen und wies mit der Hand die Planke hinab, als sich Thomas nicht bewegte.
    „Ich will Euch ja nicht drängen, aber es liegen noch andere Schiffe im Hafen. Ich wünsche Euch viel Erfolg bei der Suche. Ihr wisst ja, wo Ihr uns findet.“
    „Irgendwas stimmt nicht“, gab Thomas von sich. „Die Kiste ist hier. Das spüre ich. Und ich werde sie finden.“
    „Ist das eine Drohung?“ Edmund behielt sein Lächeln bei, fixierte den Magier aber streng. Dieser starrte zurück. „Dann lasst Euch meinerseits gesagt sein, dass ich es überhaupt nicht leiden kann, wenn man grundlos meine Freunde bedroht.“
    Thomas blickte ihn noch eine Weile an, nur kurz zuckte sein Gesicht, dann wandte er sich ab und verließ wortlos das Schiff.
    Vollkommen leere Drohungen aussprechen? Kann ich! Was sollte er schon machen, wenn der Magier wirklich ernst machte? Schreiend davonlaufen? Mit einem Messerchen auf ihn zielen?
    Blieb die Frage, warum Thomas nicht ernst macht? Weil es zu viele Zeugen gab? Dann hieß das, er würde in der Nacht wiederkommen, oder?
    „Das war knapp.“ Trevor tauchte neben ihm auf und blickte dem Magier ebenfalls nach.
    Ich bezweifle, dass es gut war, was ich gesagt habe. Edmund fuhr sich seufzend über das Gesicht und durch die Haare. „Er weiß, dass die Kiste hier ist. Keine Ahnung wie und warum. Ich bin kein Magier. Aber er weiß es.“
    Verzweifelt sah er Thomas nach. Und er weiß, dass ich auf seinem Schiff war …
    „Wo warst du?“, wandte er sich an Trevor.
    „Verrate es nicht Nelli“, meinte Trevor, „aber ich habe die Chance genutzt, dass sie nicht mehr hinter mir stand und habe den Handwerkern bei den Segeln geholfen. Und ich habe den Kerl von oben im Auge behalten.“
    Danke für nichts, Käpt'n.
    Edmund verzichtete darauf, seinen Freund darauf hinzuweisen, dass Nelli ihnen beiden dafür den Kopf abreißen würde.
    „Ich verrate nichts.“
    Ich glaube nicht, dass er damit rechnet, dass wir die Kiste öffnen konnten, überlegte er dann in Gedanken. Also sucht er die Kiste, nicht den Inhalt. Ich schlage vor, wir verschaffen uns etwas Zeit, in dem wir ihn eine Karotte jagen lassen.
    Dann wandte er sich an Trevor. Ihn plagte bereits seit Tagen ein Gedanke und nachdem er mit Esther zurückgekommen war, war dieser deutlich präsenter noch. Allerdings verlangte es ihm einiges, endlich über diesen Schatten zu springen. Ein Schatten, der sich bereits seit der Meuterei vor ihm auftat, wie eine Schlucht. Aber wenn sie es nun wirklich mit Thomas zu tun bekamen, dann konnten sie nicht alles Esther überlassen, oder? Er stand oft genug am Rand und konnte nichts machen als zusehen und hohle Drohungen aussprechen.
    „Sag mal, Trevor?“ Nur wie sollte er es ansprechen? „Würdest du…“ Warum war es so schwer, um Hilfe zu bitten? Nervös trat er von einem Bein auf das andere und schob die Hände in die Hosentaschen. „Also ich habe mich gefragt, ob…“ Er stieß die Luft aus. Sprich es einfach aus, was soll passieren: Kannst du mir beibringen, wie man richtig kämpft? Aber was sollte er machen, wenn Trevor ja sagte?
    „Ich kann dir zeigen, wie man sich verteidigt, ja ...“ Edmund sah Trevor überrascht an. Woher wusste er, was er hatte fragen wollen? Im Grunde war er aber froh, dass er es nicht aussprechen musste. „Sag nur wann und wo.“
    „Sobald es dir besser geht?“, murmelte Edmund noch etwas überfordert.
    Trevor schaute seine Hände an. „Zeigen kann ich es dir auch jetzt schon.“
    War er mittlerweile über die Meuterei hinweg? War er bereit, wieder eine Waffe gegen einen anderen Menschen zu erheben?
    „Jetzt? Ja. Also ich denke, ich bin zu müde und du bist ja auch noch verletzt, und ja, die Handwerker brauchen ja auch ... ähm...Hilfe und i-ich sollte mich erstmal um die Kiste kümmern.“ Er nickte seiner eigenen Aussage zu. „Ja, genau…ähm, vielleicht morgen früh. Wenn wir da noch leben.“
    „Aye“, meinte Trevor und hob die Augenbrauen.
    Edmund nutzte den Moment, um sich aus dem Staub zu machen. Es hatte ihn schon genug Überwindung gekostet, nachzufragen. Auf den Rest musste er sich mental erst vorbereiten.
    In der Küche drückte ihm Nelli breit grinsend ein Buch über Kräuter in die Hände.
    „Bis Seite 100 alles auswendig lernen, Lehrling.
    An welcher Stelle habe ich denn erwähnt, den Lehrling zu spielen?
    „Was?!“
    „Der Verband war gar nicht übel“, meinte sie.
    Ach, jetzt kommt die Alte mit Honig! Jetzt, nachdem ich mein Leben riskiert und wahrscheinlich weggeworfen habe!
    Seine weiteren Beschwerden ignorierte die Alte und verschwand pfeifend aufs Deck. Genervt klemmte sich Edmund das Buch unter den Arm. Er würde sich die Kiste schnappen, den Inhalt Esther zur Verwahrung geben und dann die Kiste irgendwo in der Stadt verstecken. Das verhalf ihnen hoffentlich noch etwas Zeit. Und dann würden sie sich etwas überlegen müssen oder schnell die Insel verlassen.

    Edmund schnaufte, was in seiner Rattengestalt erneut in einem Quieken endete. Das ganze Ding würde die Hexe noch bereuen. Sie hätte ihn viel stärker instruieren müssen!

    Er tippelte über den Tisch, betrachtete die Bücher, die losen Zettel und das ganze restliche Chaos. Der Schreibtisch war ein Grauen! Wie sollte man hier arbeiten? Das konnte unmöglich funktionieren! Ein heilloses Durcheinander. Oder war das Absicht? Wenn man selbst nichts mehr fand, dann fand auch ein Spion nichts? Und wenn es nur derb genug stank, dann fiel der Einbrecher gleich um? Bei ihm fehlte jedenfalls nicht mehr viel.

    Dumme Rattennase!

    Edmund blieb auf einer Karte stehen und betrachtete diese. Es war eine Seekarte, relativ neu. Zwei weitere lagen darunter und deckten so ziemlich alles von der bekannten Welt ab. Einige Stellen waren mit Kreisen und Punkten markiert, abgehakt oder durchgestrichen. Irgendwelche Krakel, von denen er nicht sagen konnte, ob es sich um eine Sauklaue oder eine andere Sprache handelte, beschriften die einzelnen Markierungen. Er nahm es auf und versuchte, sich so viel wie möglich zu merken.

    Aber hier waren sie wegen dem Fernrohr. Oder einem Hinweis darauf. Deshalb wandte er sich ab und schlängelte sich seinen weiteren Weg vorbei an etwas, das vermutlich mal Obst gewesen war. Mittlerweile aber deutlich süßlicher und widerlicher roch. Die Rattennase tat ihm dabei keinen Gefallen.

    Ich will den Kerl nicht sehen, der so lebt. Oder eher vor sich hin vegetierte.

    Beim Versuch auf einen Stapel Bücher (irgendwas über Magie und es waren ähnliche Zeichen darauf zu erkennen, wie auf der Karte – sicher interessant für Esther, er konnte damit leider nichts anfangen. Magier eben...) zu klettern, stieß er versehentlich ein Tintenfässchen um, das sowieso schon abenteuerlich am Rand eines Papierstapels gethront hatte. Der Inhalt ergoss sich abstrakt über die Karten und die Speisepläne.

    Dann wohl kein Kohl für die Mannschaft. Kein Verlust. Und man sollte es ihm danken. Immerhin erstickten die Männer dann nur noch in ihrem eigenen Mief, aber wenigstens stank es nicht nach Kohl. Egal, aus welcher Öffnung der gekommen wäre.

    Das Tintenschwarz verteilte sich über die Karten. Blöderweise tappte er auch noch in die Tinte und hinterließ Rattenspuren. Rein zufällig und ohne jede Absicht – natürlich – hüpfte er nochmal quer über die Karten. Allein dafür, dass man ihm das Fernrohr geklaut hatte. Was auch immer der Kerl auf seinen Karten markiert hatte, er hatte es sich hoffentlich gut gemerkt.

    Zufrieden mit sich und seinem Kunstwerk, lehnte sich Edmund zurück und lugte dann über die Tischkante. Der Tisch hatte Schubladen. Und unter einer von ihnen lugte eine Ratte hervor. Wunderte ihn bei diesem Saustall nicht. Die Ratte starrte zurück. Er starrte die Ratte an. Irgendwas an ihrem Blick behagte ihm nicht, weshalb er sich schließlich abwandte und zu Nelli sah. Die Hexe im Körper des Matrosen widmete sich gerade der Bar.

    „Geht’s noch?!“, maulte er. Nelli verstand ihn nicht, blickte aber dennoch grinsend in seine Richtung.

    „Wenn wir schon mal hier sind.“ Sie zuckte die Schultern.

    Das war wohl nicht ihr Ernst! Wütend gestikulierte er in Richtung der Schubladen, um sich verständlich zu machen. Sobald er diesen Rattenkörper los war, würde er ihr was erzählen!

    Nelli füllte sich jedoch in aller Ruhe ein Kristallglas. Und trank. Edmund musste sich ein Würgen unterdrücken. Wenn er den Schreibtisch so betrachtete, wusste er nicht, ob er aus einem der Gläser einen Schluck nehmen würde. Wer wusste schon, welche Krankheiten sie sich mit ihrer Anwesenheit hier einholten?

    Eine der Flaschen wanderte noch in Nellis Tasche, dann erbarmte sie sich und kam zu ihm.

    Er deutete kommentarlos, aber mit strafendem Blick auf die Schubladen.

    Nelli öffnete sie nacheinander. Sie beinhalteten: Hauptsächlich weiteren Müll und Papier. Unbezahlte Rechnungen, Materiallisten. Eine weitere Flasche ohne Etikett. Die Hexe schnüffelte darin und ließ sie dann ebenfalls in den Taschen verschwinden.

    Die letzte Schublade war abgeschlossen. Das sah schon vielversprechender aus. Nur wie kamen sie an den Inhalt? Möglichst, ohne alles zu zerstören und den Besitzer direkt darauf hinzuweisen, dass sie hier gewesen waren. In dem Durcheinander würde es grundsätzlich nicht auffallen, ein zerstörter Tisch schon.

    „Du hast nicht zufällig einen Dietrich dabei?“, wollte Matrosen-Nelli wissen.

    „Doch klar, in meinen vielen Jackentaschen“, knurrte er. Da er nur fiepte, zuckte er die Schultern.

    Nelli seufzte und sah sich dann um. Sie stand auf und begann zu suchen. „Dann benötigen wir den Schlüssel, also mach dich mal nützlich.“

    Edmund blieb trotzig sitzen. Bisher hatte vor allem er sich nützlich gemacht. Die Hexe hatte gesoffen und Flaschen eingesteckt und sich über sein Fiepen beklagt. Also wenn nun jemand etwas machen konnte, dann wohl sie. Und davon abgesehen glaubte er kaum, dass der Kerl den Schlüssel hier in diesem Chaos verschlampert hatte. Es war wahrscheinlicher, dass er ihn mit sich trug.

    Das wiederum versuchte er Nelli zu erklären. Die natürlich gar nichts verstand.

    Als er von hinten angestupst wurde, wollte er sich erst bei Nelli beschweren, doch diese kramte noch durch die anderen Schubladen. Als sich Edmund umwandte, hockte die andere – wie sich nun herausstellte schwarz-weiße - Ratte genau hinter ihm und musterte ihn aus Knopfaugen.

    „Was?“

    Die Ratte schmiegte sich an ihn, schob ihn dabei beinahe vom Tisch.

    „Jetzt geht’s aber los!“

    Er schob sie von sich, direkt in eine zweite, graue Ratte hinein, die an einem der Tischbeine hochgeklettert kam.

    „Lass das!“

    Entweder war die Ratte jedoch zu dumm, oder aufdringlich. Jedenfalls sah sie keinen Grund ihn in Ruhe zu lassen. Stattdessen begann die zweite Ratte sich von der anderen Seite ebenfalls an ihm zu reiben.

    „Leute echt, wo wart ihr zuletzt? Ihr stinkt widerlich!“

    Er versuchte die beiden Ratten zu ignorieren. Was leichter gesagt war, als getan, da diese ihm am Hintern schnüffelten. Böse Blicke brachten auch nichts.

    Nelli derweil bog sich vor lachen, was er genervt zur Kenntnis nahm und dann die Chance ergriff, auf ihren Arm zu hüpfen und von dort auf ihre Schulter zu klettern. Dass Nelli ihn nicht postwendend wieder von sich warf, verbuchte er als Erfolg und streckte den beiden Ratten die Zunge raus. Irgendwie blickten beide etwas pikiert.

    Nicht mein Problem.

    Derweil machte sich Nelli mit einem Messer an den Schubladen zu schaffen. Etwas Besseres war der Alten nicht eingefallen?

    Edmund knirschte mit den Zähnen. War das überhaupt eine gute Idee, was war, wenn der Magier die Schublade gesichert hatte?

    Er kam nicht dazu, den Gedanken bis zum Ende durchzugehen. Als Nelli bereits fluchend vor einem bläulichen Lichtblitz zurückschreckte. Es knallte. Der Tisch begann blau zu qualmen und die Ratten flüchteten quietschend, leider in Nellis Richtung. Säuerlich registrierte Edmund kurze Zeit später, dass ihm die beiden wieder auf die Pelle rückten.

    „Verdammt noch eins“, maulte Matrosen-Nelli.

    Edmund verzichtete auf den Hinweis, dass der Schreibtisch qualmte und vermutlich gleich zu brennen begann. Stattdessen biss er sich auf die Zunge. Nelli war blau im Gesicht und auch einige Haarsträhnen glänzten blau. Ein Blick an sich herunter verriet ihm, dass er ebenfalls Blau war …

    Klasse…

    Wenn sie nicht bereits aufgefallen waren, dann würde ein Lichtblitz mit anschließender Rauchentwicklung sicherlich bald Leute anlocken. Und so blau, wie sie waren, wäre es schwer, es zu leugnen.

    Wenn schon nicht die eigene Mannschaft, dann die der anderen Schiffe, die im Hafen lagen. Ein Feuer auf einem Holzschiff war immer ungünstig.

    Er versuchte diese Erkenntnis mit Matrosen-Nelli zu teilen. Dieser nickte. Ob Nelli ihn nun verstanden hatte oder zu dem gleichen Ergebnis gekommen war, wusste er nicht. Aber sie hockte sich hin und wedelte den Rauch etwas weg. Als dieser sich verzog, war erkennbar, dass die Schublade immerhin geöffnet war. Das wäre noch die Höhe gewesen: Die Mannschaft angelockt, das Schiff abgebrannt und sie standen ohne irgendwas das. Wobei das immer noch der Fall sein konnte. Was sollte er machen, wenn das Fernrohr nicht in der Schublade war und das Schiff wirklich abbrannte? Seinem Vater zu erklären, dass er sein Schiff und die Ware verloren hatte, war das eine. Ihm erklären zu müssen, dass er es geschafft hatte, die Waren ZWEIMAL zu verlieren, etwas völlig anderes.

    Er kniff die Augen zusammen. Nicht, weil er feige war und Angst hatte, dass die Schublade wirklich leer war. Sondern weil der Rauch ihm in den Augen schmerzte. Und weil die beiden Rattendamen sich schon wieder lästig an ihn kuschelten. Was glaubten die eigentlich, wer er war?

    „Sucht euch einen anderen Vater für eure Plagen!“

    Er schob beide beiseite und tappte auf Nellis Arm nach unten.

    Diese streckte die Hand nach dem Inhalt der Schublade aus und beförderte eine Kiste zu Tage. Es handelte sich um eine schlichte kleine Truhe aus Holz, die mit diversen Zeichen und Strukturen bekritzelt war. Zum einen waren sie hineingeritzt, zum anderen darauf geschrieben. Einige sahen aus, als wären sie durchgestrichen. Irgendwas an dieser kleinen Kiste war seltsam. Als würden sich in ihrer Nähe alle Haare aufstellen.

    „Magisch“, kommentierte Matrosen-Nelli.

    Edmund nickte fachmännisch und schob dabei die schwarzweiße Ratte erneut von sich. Die Frage blieb nun, ob sich darin sein magisches Fernrohr befand. Oder die Kiste allein magisch war. Und darin nur noch mehr Ramsch und Müll.

    Nelli versuchte die Truhe zu öffnen. Doch Wunder – immerhin funktionierte bei ihnen nie etwas auf Anhieb und problemlos – ließ sie sich nicht öffnen. Das war doch schon wieder typisch...

    „Nimm es mit“, murrte er und gestikulierte wieder herum. Das war so dermaßen lästig. Dieses Gestikuliere. Das ihn niemand verstand. Das Geschmuse und an ihm Herumgekratze und Gebeiße der beiden anderen Ratten.

    Er schob sie beiseite.

    Ob Nelli ihn verstand, wusste er nicht. Es konnte gut auch sein, dass sie sein Gefuchtel als Beschwerde den beiden anderen Ratten gegenüber deutete. Gerade trat er eine der Ratten von Nelli hinunter.

    Er kam jedoch nicht dazu, sein Anliegen nochmals zu verdeutlichen. Er vernahm Schritte im Flur vor der Tür, die sich eilig näherten.

    War ja klar …

    Es herrschte Stille. Dann Stimmen.

    Nelli und er sahen sich an. Dann klemmte sich Nelli kurzerhand die ganze Kiste unter den Arm und sah sich im Raum um.

    Edmund tat es ihr gleich. Wenn die Matrosen schon im Flur waren, dann würde es nur noch ein paar Sekunden dauern, ehe sie hier auftauchten. Sie konnten also nicht über den Flur zurück an Deck. Im Raum selbst gab es nur einen Schrank. Und in dem würde man sicherlich zu erst nachschauen. Wenn sie überhaupt hineinpassten. Bei dem Chaos im Zimmer war der Schrank wahrscheinlich bis oben hin mit Schrott zugestapelt.

    Ein Fiepen riss ihn aus seiner Suche. Er wollte schon wütend nach den beiden Ratten treten. Doch die beiden hockten vor dem Fenster, schoben es etwas auf und verschwanden nach draußen.

    Edmunds Blick glitt an Nelli hoch und runter. Auch sie sollte dort durchpassen.

    Er zupfte an ihrer Kleidung und hüpfte ebenfalls zum Fenster.

    Nelli kam dazu, öffnete es und sofort pfiff ihnen wieder der Wind entgegen. Unter ihnen brachen sich die Wellen. Das Heck zeigte zum offenen Meer hinaus.

    „Kommt gar nicht in Frage“, kommentierte Nelli und trat einen Schritt zurück.

    „Das oder du wirst erwischt, altes Weib!“

    Nelli sah ihn als, als wäre er wahnsinnig. Dabei sprach sie hier mit der Ratte.

    Apropos Ratte …

    Die schwarzweiße Ratte und die graue kamen zurück, liefen über ein Tau, dass sich an der Schiffswand entlangschlängelte und dann außer Sicht verschwand. Dort konnte sich Nelli festhalten und den schmalen Vorsprung als Tritt benutzen.

    Die Schritte wurden lauter.

    Edmund betrachtete Nelli und deutete wortlos aus dem Fenster.

    Nelli fluchte, kroch dann aber ungelenk und zitternd durchs Fenster. Den Blick immer nach unten auf das Wasser gerichtet.

    „Nicht nach unten blicken“, fiepte er und kassierte dafür einen bösen Blick des Nelli-Matrosen. Verstanden hatte sie ihn sicherlich nicht, aber vermutlich war es egal, welche hilfreichen Tipps er ihr gab. Manche Menschen wussten Hilfe eben nicht zu schätzen.

    Nelli bewegte sich derart langsam und fischte nach dem Tau, dass Edmund bereits fürchtete, die Zeit wäre eingefroren. Ebenso langsam schob sie sich an der Schiffswand entlang. Immer langsam einen Schritt nach dem anderen auf dem schmalen Vorsprung.

    Edmund warf einen Blick zurück zur Tür. Die Klinke wurde bereits nach unten gedrückt. Wenn Nelli in dem Tempo weitermachte, wurde sie doch noch erschossen. Oder einfach ins Meer geschubst. Oder starb an Altersschwäche.

    Ehe er es sich anders überlegen konnte, pfiff er Nelli etwas zu und hüpfte dann vom Fensterrahmen. Dann musste er ihr eben etwas Zeit verschaffen. Die beiden Ratten folgten ihm, was er sowohl genervt als auch erleichtert zur Kenntnis nahm. Wenn man nach ihnen schlug, bestand die Möglichkeit die richtige Ratte zu treffen nun immerhin nur noch 33%.

    Als die Tür aufging und er das erste Paar Stiefel sah, hüpfte er daran empor und biss dem Mann kurzerhand ins Bein. Der Kerl schrie auf und stolperte zurück. Während Edmund über ihn hinweglief, sich hasste und er sich am liebsten den Mund ausspülen wollte. Wenn Nelli abrutschte und dabei im Wasser ersoff, würde er sie eigenhändig an Land zerren, wiederbeleben und dann töten!

    Er sprang von dem einen Matrosen zum nächsten und blickte dann direkt in das hässlichste Gesicht, das er jemals gesehen hatte. Für einen Moment glaube er, dass die beiden Typen eine Leiche mit sich herumschleppten. Dann öffnete die Leiche jedoch den Mund und fixierte ihn mit den Augen. Verständnis flackerte darin. Irgendwie war er die gleiche Kategorie wie der Haufen Hackfleisch in der Schubkarre. Nur hässlicher.

    Und dass das möglich war, hätte er nicht erwartet.

    Die Leiche schrie etwas, das Edmund geflissentlich ignorierte und dem Typen kurzerhand ins Gesicht sprang. Offenbar schmerzten die Krallen einer Ratte. Denn der Typ wimmerte auf.

    Die beiden Rattendamen folgten ihm, weshalb nun zwölf Rattenfüße (acht davon vermutlich völlig verpestet, vier mit Tinte beschmiert) über den schreienden und um sich schlagenden Leichnam rannten.

    Als auch die anderen Männer nun auf den Kerl einschlugen, hüpfte Edmund von ihm herunter. Die Ratten folgten ihm. Einen Augenblick genoss er den Anblick der auf die hässliche kreischende Wasserleiche einprügelnden Männer. Dieser wehrte sich und fluchte, beschimpfte die beiden Männer.

    Edmund rollte sich beinahe vor Lachen über den Boden.

    Als sie bemerkten, dass da keine Ratten mehr waren und sich ihre Aufmerksamkeit auf ihn richtete, rannte er davon.

    Er hörte hinter sich die Worte „Rauch“, „Feuer“ und „Ratten“. Wobei das letztere eigentlich niemanden verwundern sollte.

    An Deck wuselten noch ein paar Männer herum, die wohl alarmiert ebenfalls aus der Stadt zurückgekommen oder geordert worden waren. Einer von ihnen hatte einen Eimer bei sich. Sein Blick richtete sich sofort auf Edmund, als erkannte er, dass von den drei Ratten nur er keine echte war. Edmund hatte jedoch wenig Zeit, sich darüber noch Gedanken zu machen. Wie weit wohl Nelli gekommen war? Hoffentlich bereits wieder im Hafen. Er traute sich aber dennoch nicht, auf die Seite vom Schiff zu laufen, an der sie geflüchtet war, um dort nachzuschauen. Wäre ja blöd, wenn sie doch noch ins Augenmerk der Mannschaft fiel.

    „Ratte!“, schrie die Leiche. Außer Atem kam diese hinter ihm an Deck gehetzt. „Schnappt sie.“

    „Welche?“, kam es von irgendwoher.

    „Alle!“

    Edmund hüpfte über die drei alten Kerle, die Trevor außer Gefecht gesetzt hatte. Einer von ihnen trug jetzt das Kleid, was Trevor zuvor anhatte. Die beiden anderen wurden gerade von ihren Kollegen wachgetreten.

    Neben ihm schlug ein Säbel in den Boden. Gefolgt von einem Messer.

    Ja, hatten die sie noch alle?

    „LEBEND!“, brüllte die Leiche. Die Erkenntnis kam ja früh. Was wäre, wenn der Säbel ihn bereits gespalten hätte?

    Vor ihm tauchte ein Prügel von einem Kerl auf, der vermutlich mehr wog als das ganze Schiff. Jedenfalls bebte selbiges unter seinen Schritten und es gab ein Seebeben, als er sich bäuchlings auf ihn zuwarf.

    Zum Glück war es nicht allzu schwer dem Fettklotz auszuweichen. Dann hüpfte er auch schon über die Reling ins Wasser.

    Das Wasser schlug über ihm zusammen. Um ihn herum löste sich eine blaue Wolke. Immerhin war das Zeug wasserlöslich. Was nicht wasserlöslich war, war er selbst. Was das Wasser sichtlich zu stören schien. Und so ein Rattenkörper hatte dem nichts entgegenzusetzen. Edmund blieb unter Wasser. Von den Wellen wurde er fröhlich mitgeschleudert. Irgendwo klatschte er gegen eine Kante und eine Mauer, dann tauchte er unter einem anderen Schiff hindurch. Und verschwand damit hoffentlich aus der Sicht der Mannschaft.

    An einem der Schiffe gelang es ihm schließlich, seine Krallen in eines der Taue zu schlagen und sich aus dem Wasser zu ziehen. Als er sich in Bewegung setzte, sah er gerade noch wie ein langer Tentakel hinter dem Schiff unter Wasser verschwand.

    Vermutlich Einbildung. Hoffentlich Einbildung…

    Er schüttelte den Kopf und kletterte dann klatschnass auf den Hafensteg. Dort blieb er eine Weile liegen und schnaufte durch.

    Tja, lief doch prima... Das hat unverhofft sogar Spaß gemacht.

    Langsam machte er sich zwischen Kisten und Füßen auf den Weg zurück. Dort sah er noch immer die wütende Mannschaft und einen hässlichen Kerl ins Wasser starren. Außer Sicht, hinter ihnen, sprang gerade ein alter Matrose in Trevors Arme. Der grimmige Gesichtsausdruck der alten Hexe war bis hierher zu hören.

    Was ebenfalls zu hören war, waren die tapsenden Schritte von zwei Ratten.

    Als Edmund sich umdrehte, seufzte er.

    „Ja, ihr ward eine große Hilfe… Toll gemacht. Ganz großartig. Aber wehe ihr betretet mein Schiff. Ich dulde da kein Ungeziefer.“

    Außer mich selbst ...

    Beide legten den Kopf schief und folgten ihm.

    Ja, leckt mich am Arsch ... Nicht wörtlich gemeint!"

    Edmund strich sich die noch feuchten Haare aus dem Gesicht. Anstatt zu schlafen, war er ein paar Runden am Strand außerhalb der Stadt schwimmen gegangen. Nichts entspannte mehr, als auf dem Wasser dahinzutreiben. Und es war der beste Zeitpunkt um den Kopf leer zu bekommen und sich einen Racheplan für Agatha zu überlegen.
    „Hier“, riss Trevor ihn aus seinen Gedanken. Er reichte ihm ein kleines Gefäß, in welches Nelli zuvor ihren Trank abgefüllt hatte
    Edmund nahm ihm das Fläschchen nur wiederwillig ab und drehte es mit gerunzelter Nase in der Hand. Warum nochmal schickten sie nicht Trevor? Der konnte sich auch ohne Gift verwandeln. Und der tat das sicherlich lieber als Edmund.
    Edmund fühlte sich als Edmund sehr wohl. Er mochte seinen Körper. Er brauchte keinen anderen. Auch nicht für wenige Stunden. Für welchen Körper sollte er sich auch sonst entscheiden? Etwas Hässliches oder Gewöhnliches wollte er nicht. Gab es etwas, was er verbessern wollte, wenn er könnte? Auch nicht.
    Vielleicht sollte er sich einfach jemanden aus seiner Heimat vorstellen?
    Sofort schossen ihm Bilder von seinem Vater in den Kopf.
    Sicher nicht!
    Seine Mutter fiel wohl leider auch weg. Eine Frau würde zu schnell auffallen.
    Stief kannte dort vielleicht auch jemand.
    Ihm kam der Handwerker in den Kopf, der sich am nächsten Tag die Revenge anschauen würde. Die dichten Augenbrauen, die Runzeln und Pockennarben im Gesicht. Die Hakennase. Nein! So wollte er definitiv nicht aussehen! Auch nicht für ein paar Stunden! Er wollte Edmund bleiben!
    „Dann…“, Nelli hielt den Trank hoch, „Prost.“
    Widerwillig tat Edmund es ihr gleich. Er konnte keinen Rückzieher machen. Trevor und Esther hatten ihren Teil erledigt. Und irgendwas würde er auch tun müssen. Andernfalls fühlte er sich noch nutzloser bei der Sache als sowieso schon.
    Und Nelli dachte, sie wäre unnütze Ladung. Dabei war er diese unnütze Ladung!
    Aber warum war er für diesen Teil des Planes eingeteilt worden? Warum hatte er nicht mit Trevor zusammen den Matrosen entführen können?
    Und konnte er sich nicht einfach einen Bart ankleben? Er würde sogar freiwillig ein altes Hemd anziehen!
    Verdammt seist du…!
    „Und konzentriere dich“, meinte Nelli. „Denk ja nicht an Seife!“
    Was glaubte sie eigentlich, was er hier versuchte? Und was brachte sie ihn überhaupt auf die Idee mit der Seife? Und warum sollte er sich vorstellen Seife zu sein? … Wobei, Seife war sauber.
    Nein, ich nehme den Handwerker!
    Widerlich!

    „Was glaubst du, was ich hier mache, Hexlein!“
    Handwerker, Handwerker!
    Er setzte den Trank an. Die ganze Sache konnte doch nur schiefgehen.
    Er kippte den Trank. Das Zeug schmeckte widerlich! Irgendeine Mischung aus dem, was man zum Putzen nutzte – und zwar nicht die Seife, sondern die Bürste – und ungepflegten Männerfüßen.
    Er verzog das Gesicht und wollte sich beschweren.


    In dem Moment polterte Wilmor vom Deck in die Küche und räumte dabei einige Töpfe aus dem Regal. Sie schepperten zu Boden.
    Der Kater jagte einen großen grauen Fellklumpen vor sich her, der erst ihm, dann Trevor und schließlich Esther durch die Beine sprang. Letztere schrie erschrocken auf. Ob wegen der Ratte, dem Kater, der Überraschung oder einer Mischung aus allem, wusste Edmund nicht. Ihr war wohl zu Gute zu halten, dass sie nicht den erstbesten Stuhl nahm und sich kreischend daraufstellte und laut „Ratte“ schrie.
    „Mistvieh“, beschwerte sich Edmund und trat mit dem Fuß in Wilmors Richtung. Er erwischte die Zombiekatze nicht, erntete aber einen bösen Blick der Nekromantin. Was ihm herzlich egal war.
    „Halt das Vieh aus meiner Küche fern, wenn du nicht willst, dass er als Fischköter endet!“
    War es klug ihr zu drohen? Auch egal...

    Die Ratte verschwand unter einem Schrank, unter den Wilmor nicht passte und stecken blieb. Dort konnte Agatha ihre Bestie wieder einsammeln.
    „Toll, jetzt habe ich eine Ratte hier drin“, schimpfte Edmund und warf die leere Flasche nach dem Schrank.

    Und er hätte getroffen, da war er sich sicher. Aber etwas zog ihm den Boden unter den Füßen weg, weshalb ihm die Flasche entglitt und er ungelenk auf dem Boden aufkam. Der Schmerz, der ihn daraufhin durchfuhr, war allem voran ungewohnt und mehr als unangebracht, dafür, dass er nur gestürzt war. Es fühlte sich an, als würde er auseinander genommen und neu zusammengesetzt.
    Dann war es vorbei.
    Und die teils erschrockenen und die teils belustigten Gesichter verrieten ihm bereits, dass irgendwas mächtig schief gelaufen war, noch ehe er seine neue Perspektive begriff. Jetzt konnte er die anderen nur noch von den Füßen aus betrachten.

    „Wie schlimm ist es?“, wollte er wissen. Seine Stimme klang aber eher wie ein Quietschen.
    Bitte kein Stück Seife, beschwor er sich. Allerdings fühlte er sich nicht wie ein Stück Seife. Auch wenn er so groß war. Ein Blick an ihm herunter, verriet ihm, dass er keine Seife war.
    „Tja“, machte Trevor und ehe sich Edmund versah, packte der ehemalige Pirat ihn im Nacken und hob ihn hoch, damit er genau vor seinem Gesicht hing. „Malen wir ihn an, damit wir ihn von der anderen Ratte unterscheiden können?“ Trevor lachte. „Nicht, dass wir ihn versehentlich erschlagen.“
    Trevor bedachte ihn und drehte ihn umher. Edmund stieß einen Fluch aus, der in einem rattigen Quietschen endete. Er seufzte genervt. Wie lange hielt das Zeug nochmal? Und warum hatte er sich überreden lassen?
    Agatha tippte ihn mit dem Finger an.
    „Willst du Wilmor immer noch verbieten, die Küche zu betreten? Den Versuch würde ich gerne sehen.“ Sie grinste ihn breit an und gerne hätte er sie dafür getreten. Er zappelte jedoch nur in Trevors Griff. „Das mit dem Anmalen finde ich gut. Oder wir rasieren ihn.“
    Trevor und Agatha lachten amüsiert auf und auch Esther grinste breit.

    Schön, dass die anderen wieder ihren Spaß hatten.
    Er schnappte nach Agathas Finger und wehrte sich gegen Trevors Griff.
    Die beiden lachten nur weiter, während Trevor ihn auf seine Schulter setzte. Kurz war Edmund versucht, ihm ins Ohr zu beißen, aber der gierige Blick von Wilmor hielt ihn davon ab. Er verzichtete dennoch darauf, sich bei Trevor für den Platz auf der Schulter und damit außerhalb der Katerreichweite zu bedanken.
    Blöde Idee und blöder Trank.

    Denk an das, in das du dich verwandeln willst, Edmund. Das ist ganz einfach, Edmund. Da kann nichts schiefgehen, Edmund. Konzentriere dich, Edmund.

    Ihr könnt mich alle mal!

    Der Matsch redete. Er redete, obwohl er nicht mal mehr Lungen hatte – jedenfalls keine funktionstüchtigen. War das überhaupt möglich? Aber was stellte er überhaupt noch irgendwas in Frage?
    Ich kann nie wieder Fleisch essen, schoss es Edmund durch den Kopf. Er wandte den Blick ab. Hatte er schon zuvor damit zu kämpfen gehabt, sich nicht zu übergeben, dann machte es der jetzige Anblick nicht besser.
    Zudem zitterten seine Knie noch immer und ihm war schwindelig. Es fühlte sich an, als hätte er soeben drei Tage mit Nellis Schnaps durchgefeiert. Und das in nicht mal zwei Minuten.
    Zwar spürte er, wie die Kraft bereits in seinen Körper zurückkehrte. (Und Hunger. Trotz des redenden Hackfleisches in ihrer Mitte.) Aber Andrés komischer Zauber hatte ihm die Kraft quasi aus dem Körper gelutscht. Als würde Wasser aus einem Fass fließen. Eine Vorwarnung wäre nett gewesen. Dann hätte er dem nicht zugestimmt. (Wo sicherlich das Problem lag.) Stattdessen hatte man sein Vertrauen missbraucht.
    Er sah wie Nelli schwankte. Allerdings schien es bei ihr andere Gründe zu haben. Hoffte er jedenfalls. Lieber seine Energie als ihre.
    Sie starrte André mit weit aufgerissenen Augen an, dann wandte sie sich abrupt ab und verließ taumelnd das Deck. Sie brabbelte etwas vor sich hin, dass er nicht verstand. Dass Nelli flüchtete, war ungewöhnlich. Und eine Warnung.
    „Er gehört ganz euch!“, meinte André.
    Als Edmund sich dem Kerl zuwandte, besaß der auch noch die Frechheit zu grinsen.
    Bastard, elender!
    Edmund erhob sich, als er sicher war, dass seine Beine ihn wieder tragen würden und klopfte sich den Staub aus der Kleidung. Offenbar regenerierte sein Körper auch solche Gemeinheiten schnell.
    Er brachte einen gesunden Abstand zwischen sich und den Kreis. Sicher war sicher.
    „Geht es dir gut?“, wandte er sich an Esther.
    Diese nickte nur. Sie stand noch immer zur Salzsäule erstarrt an Deck und glotzte auf den Schubkarren. Naja, auch kein dümmerer Ausdruck als sonst …
    „Es hat funktioniert!“, stellte Trevor begeistert fest und trat an den Schubkarren heran. In dem sich der Matrose lautstark darüber beschwerte, dass er weder Arme noch Beine spüren konnte und dass er nur in der Lage war in den Himmel zu starren. Dass er aus nichts anderem bestand als einem Haufen, schien er noch nicht bemerkt zu haben. Vielleicht auch besser für die arme Sau…
    Ihn überraschte, dass ihm der Kerl leid tat- Aber sowas wünschte man seinem schlimmsten Feind nicht.
    „Dein Ernst?!“, zischte Edmund an Trevor gewandt. Ja, es war erstaunlich, dass es André geschafft hatte, einen Haufen Mensch wieder ins Leben zu rufen. Aber ihm hatte es den Boden unter den Füßen weggezogen. Nelli hatte die Flucht ergriffen und Esther war eingefroren und damit noch abweisender als sonst! Schön natürlich, dass Trevor nicht mal ein Haar falsch vom Kopf abstand! Fetter Sack!
    Er warf André einen finsteren Blick zu. Er ballte die Hände und die Wut, die über diese Unverschämtheit in ihm zu lodern begann, vertrieb jede Müdigkeit.
    „Was hast du gemacht?“, schnauzte er den Matrosen an. Das Schiff schien etwas zu schwanken und Edmund glaubte, in der Ferne ein Grollen zu hören. Allerdings schien von den anderen keiner etwas mitzubekommen. Bildete er sich das nur ein? Oder zog ein Gewitter auf?
    „Ist das nicht offensichtlich? Euer Problem gelöst. Der … Mann lebt wieder.“
    Das sagt der so als wäre es normal!
    „Lebt ...“, kommentierte Edmund trocken. Ein Mensch, der lebte, sah in seinen Augen anders aus. Und sollte es auch. Sowas war … keine Ahnung, was das war. Außer eklig! „Ich korrigiere meine Frage: WIE und was GENAU hast du gemacht?!“
    André musterte ihn abschätzig. Irgendwas Ungläubiges lag in seinem Blick, was Edmund nicht so ganz deuten konnte und das ebenso schnell verschwand, wie es gekommen war. Entweder lag es an der Frage, oder der Kerl war verwundert darüber, dass Edmund schon wieder stand.
    Der Blick wanderte zu dem Wiederbelebten. Edmund weigerte sich weiterhin diesen anzuschauen, und taxierte stattdessen André. Dessen Augen leuchteten freudig auf.
    „Ich bin eine Nekromantin.“
    Edmund kramte das spärliche Wissen zusammen, das ihm über Nekromantie bekannt war. Was im Grunde auch nur daraus bestand, dass es Magier gab, die Tote wiederbeleben konnten. Tja … schien zu stimmen. Dann stolperte er über das „in“ in Nekromantin. Was ihn bei genauerer Betrachtung aber auch nicht überraschte. Immerhin konnte er nun beim Namen nennen, was genau ihn an André(a) bisher gestört hatte.
    „Das beantwortet meine Frage nicht“, meinte er schlicht, ohne seinerseits auf die Bedeutung der Worte einzugehen. Wenn es André(a) überraschte, dass es ihn nicht überraschte, dann versteckte sie das überraschend gut. André(a) zuckte lediglich die Schultern und grinste.
    „Ich dachte mir, du hast am meisten überflüssige Energie, die wir dem Toten schenken können.“
    Edmund musterte André(a) wütend.
    Dann wandte er sich an Trevor. Warum blieb der eigentlich so still?
    „Mir quetscht André …“
    „Agatha“
    , schob die Nekromantin hilfreich ein.
    „Ist mir egal“, schnauzte Edmund in ihre Richtung, ehe er sich wieder an Trevor wandte, „die Energie aus dem Körper bis ich am Boden liege und dich juckt es nicht mal?! Toller Freund!“
    „Da du immer noch meckern kannst, wird es schon nicht so schlimm sein.“
    Trevor grinste ihn an. Es sollte wohl schlichtend wirken, bewirkte aber nur, dass sich Edmund noch mehr reinsteigerte.
    „Das ist doch überhaupt nicht der Punkt!“ Der Kerl in der Schubkarre war ebenfalls tot gewesen, konnte sich aber ganz ausgezeichnet beschweren. War das also auch nicht so schlimm?
    „Das war doch das, was wir wollen.“
    Edmund sah ihn ungläubig an. Hatte er wirklich gar nichts gespürt? Juckte es ihn nur nicht? Oder hatte Agatha es nur auf ihn abgesehen? Und war Trevor das etwa völlig egal? Von wegen Freundschaft. Von wegen beschützen. Irgendwas sagte ihm, dass Trevor es gewusst hatte.
    Wir wollten den Kerl in einem Stück! Nicht als Gulasch!“
    Warum schmerzte es ihn eigentlich so, dass sich niemand mal Sorgen um ihn machte? Oder wenigstens erkundigt, ob es ihm gut ging? Stattdessen wurde einfach akzeptiert, dass Agatha fröhlich Energie nahm und damit herumzauberte. Und Tote zurück ins Leben holte! Wer wusste schon, welche Folgen das noch haben konnte! Und es interessierte niemanden! Hatte sie die anderen etwa verzaubert?
    Trevor seufzte und wandte sich an Agatha. „Du hättest vielleicht wenigstens sagen können, was du vorhast“, schlichtete er. „Oder auch von mir den größeren Anteil Energie für das Ritual nehmen können.“
    Edmund entspannte sich etwas. Trevor war also doch nicht verzaubert worden.
    „Ja, hätte ich. Und ja. Aber hättet ihr dann noch mitgemacht? Ihr bekommt eure Antworten, seid glücklich damit. Wer weiß, ob es geklappt hätte, wenn wir noch ewig diskutiert hätten. Niemand von euch war in Gefahr.“
    Edmund gab ein abwertendes Schnauben von sich. Das konnte sie behaupten. Aber das Gegenteil beweisen konnten sie ihr nicht.
    „Das wirst du noch bereuen“, knurrte Edmund.
    „Bereuen? Dafür, dass ihr dank mir jetzt den Typen ausquetschen dürft? Kann ich doch nichts dafür, wenn du das bisschen Magie schlechter verkraftest als Großmütterchen.“
    Edmund glaubte Agatha kein einziges Wort. Von wegen schlechter verkraftet! Und ausgequetscht wurde der Kerl bereits von einer Kiste.
    Versuche mehr zu vertrauen … Und was hatte es ihm gebracht?
    Notiz an mich: Vertraue niemandem, wenn er sagt >Stell dich in den Kreis<.
    Er sah zu Agatha.
    Und vor allem vertraue nie wieder ihr.
    Alles an ihr war bisher gelogen gewesen. Und auch, wenn er damit gerechnet hatte, dass sie etwas versteckte, was hatte er ihr getan, dass sie es auf ihn abgesehen hatte?!
    Er spürte die Blicke der anderen auf sich ruhen. Auch Esther hatte sich aus ihrer Starre gelöst.
    Er blickte zurück.
    „Was?!“ Er verschränkte abwehrend die Arme. Wenn sie darauf warteten, dass er nochmal umfiel, dann konnten sie lange warten. Zum Gespött machte er sich nicht freiwillig!
    „Tja, wir sollten ihm wohl Fragen stellen, da er schon mal wieder wach ist“, meinte Trevor. Er bedachte den Matrosen aus zusammengekniffenen Augen, als erwartete er jeden Moment einen Angriff.
    „Ja und?“
    „Es ist dein Schiff … Und sie waren auf deine Ladung aus“,
    half ihm Trevor auf die Sprünge.
    Ach jetzt bin ich plötzlich wieder interessant? Macht euren Kram doch allein!
    Eingeschnappt drehte er den Kopf weg. Er wollte das sowieso nicht. Das hieß, er müsste näher herantreten und sich mehr mit dem Toten beschäftigen, als ihm lieb war. Das hieß, er müsste sich mit der Meuterei auseinandersetzen. Das konnte er nicht. Sauer auf diese Leute zu sein, war das eine. Zu sehen, wie einer von ihnen zertrümmert in einem Karren lag und sich versuchte, aufzurichten, war etwas völlig anderes. Am liebsten wäre er hinter Nelli her und hätte sich in sein Bett verkrochen.
    Doch er blieb stehen. Und starrte auf den Wiederbelebten, der sich soeben darüber beschwerte, dass er in einem Karren lag und sie ihm nicht zuhörten. So langsam schien ihm seine Situation bewusst zu werden.
    „Also wenn du nicht langsam aus dem Knick kommst, stirbt der Kerl in der Zwischenzeit nochmal – diesmal eines natürlichen Todes.“
    Agathas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
    „Klappe auf den billigen Plätzen“, zischte er.
    Verdammt nochmal. Er konnte keinen Rückzieher machen. Der Kerl war die einzige Möglichkeit, herauszufinden, wo die Eleftheria war. Die einzige Möglichkeit das Fernrohr zurückzubekommen. Und die einzige Chance, je wieder nach Hause zurückkehren zu können. Denn ohne seinen Auftrag beendet zu haben, würde er sich nie wieder bei seinem Vater sehen lassen können. Und wenn die anderen wollten, dass er die Fragen stellte, konnte er sich nicht einfach weigern. Er war kein Feigling.
    Zögerlich trat er an den Karren heran, so weit er sich traute. Überall war Blut, Eingeweihte, Fleisch, Muskeln und Knochen. Und ….
    Edmund unterdrückte einen neuerlichen Würgreiz, als sich ein Auge bewegte. Der Kerl konnte den Kopf nicht mehr bewegen. Vermutlich war sein Hals gebrochen. Und viel war von dem Gesicht auch nicht übrig. Irgendwie kam er ihm aber dennoch bekannt vor. Er war auf der Eleftheria gewesen. Definitiv.
    „Ähm … klare Nacht, was?“ Er war froh, dass seine Stimme nicht zitterte und er einigermaßen gefasst wirkte. Sicherheitshalter verschränkte er dennoch die Arme vor der Brust. Er wollte wegrennen.
    Die Reste des Gesichts verzogen sich. Der Mann wirkte verwirrt, dann erstaunt und schließlich wandelte sich der Ausdruck in Schock.
    „D-Du. I-Ihr … ein Geist!“, schrie der Mann und wollte fliehen.
    Klar, ich bin der Geist … in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut?
    Der Karren schwankte, als sich der Haufen bewegte, aber es gelang ihm nicht einmal, ein wenig wegzurutschen. Es war schon verwunderlich wie er es schaffte zu atmen und zu sprechen, geschweige denn Sätze zu bilden…
    Edmund atmete durch.
    „Hervorragend“, kommentierte er dann. „Wie ich sehe, hast du mich erkannt. Das ehrt mich.“ Er legte ein falsches Lächeln auf seine Lippen und kaschierte damit seinen Ekel. Der Geruch von Blut bohrte sich in seine Nase und erinnerte ihn an die Meuterei.
    Nicht jetzt!
    „Ich schwöre, ich wollte das nicht! Bitte räche dich nicht an mir! Geh weg! Das war Armods Idee!“
    Edmund hätte wütend auf den Kerl sein sollen. Weil er ihn verraten und zusammen mit den Piraten gemeutert hatte. Aber wie sollte er wütend auf jemanden sein, der nun in ein Einmachglas passte?
    Prima, jetzt kann ich auch nichts Eingelegtes mehr essen.
    „Es ist mir relativ egal, wessen Idee es war“, Edmund schluckte, „aber da du Armod gerade erwähnst-“
    Der Matrose schrie, rief um Hilfe und brabbelte immer weiter vor sich hin. Irgendwas von Flüchen, Gebeten und Geistern aus der Vergangenheit, die ihn unablässig verfolgten.
    „Jetzt halt die Klappe!“, schrie Edmund zurück. Für sowas hatte er an diesem Tag wirklich keine Geduld mehr. Warum musste er das machen? Warum übernahm das keiner der anderen? Er schien doch hier sowieso nur der Depp zu sein, den man als Energiequelle nutzen konnte!
    Der Tote lachte hysterisch. „Ich habe zu viel gesoffen, oder? Ich liege irgendwo und habe Albträume!“ Er lachte wieder.
    „Verdammt!“, stieß Edmund frustriert aus. Konnte nicht einmal jemand das machen, was er sollte? Einmal! Die Wut auf den Kerl kehrte zurück. Zusammen mit dem Zorn über Agathas Frechheit. Und erneut geriet das Schiff ins Schwanken, weshalb er einen Schritt zur Seite und näher an den Karren stolperte. Irgendwo in der Ferne meinte Edmund wieder das Dröhnen zu hören. Er ignorierte es. „Du wurdest von einer verdammten Kiste erschlagen und kannst froh sein, wenn wir dich nicht ins Hafenbecken zu den anderen verwesenden Abfällen kippen! Mehr als ein paar beschissene Reste sind von dir nicht übrig!“ Edmund trat noch einen Schritt näher und stierte dem Mann ins Gesicht. „Und jetzt beantworte gefälligst meine Fragen!“
    In dem unverletzten Auge des Mannes zeigte sich zwar Angst, aber vor allem Trotz und Wut. Dann schien ihm endlich klar zu werden in welcher Situation er sich befand. Oder er sah es in Edmunds Augen. Wie auch immer. Der Kerl fing an zu schreien als würde man ihn bei lebendigem Leib grillen. Edmund trat erschrocken einen Schritt zurück, während Trevor seinerseits einen nach vorn tat und an seiner Seite Position bezog.
    „Ihr gemeinen Hunde! Ihr elenden Schweine! Was habt ihr mit mir gemacht?! Ihr solltet tot sein und nicht ich! Ich habe gesehen, wie ihr auf dem Ruderboot davon getrieben seid! Warum seid ihr hier? Und warum tut ihr mir das an?“ Er schrie, wurde heißer und immer lauter. „Ihr Monster! Ihr seid ebenfalls tot, oder?! Das ist meine Verdammnis!“
    Edmund ließ sich nicht anmerken, wie ihm bei jedem Wort die Galle hochkam und das Herz in die Hose rutschte. Diese Blöße würde er sich nicht geben.
    So viel zu unauffällig.
    Da waren Trotz und Wut in seinem Blick gewesen. Aber auch noch etwas anderes. Ein Wille, der eigentlich schon gebrochen war und dem man nur noch den Rest geben musste. Der Kerl hatte Angst. Angst vor dem Tod. Angst vor dem, was aus ihm geworden war. Angst vor dem, was er getan hatte.
    Trevor trat an den Matrosen heran und ließ die Fingerknöchel knacken. Wenn Trevor ihn nun umbrachte – konnte man einen Toten töten? – dann standen sie wieder mit nichts da. Und er wollte nicht mit Nelli auf gut Glück auf ein fremdes Schiff klettern. Oder als Versager dastehen, weil er es nicht geschafft hatte, etwas aus dem Kerl herauszubekommen.
    Edmund straffte die Schultern.
    „Hör mal-“, begann Trevor. Doch er verstummte, als Edmund sich an ihm vorbeidrängte. Er wünschte sich sehnlichst, er hätte sich Handschuhe angezogen. Stattdessen legte er dem Wiedergeborenen die bloße Hand auf den Mund. Und blendete aus, dass das Fleisch unter seiner Berührung nachgab.
    Wieder stieg ihm der Blutgeruch in die Nase. Er verdrängte es und blendete den Matrosen aus. Er schob alle Gefühle zurück. Er war nicht nutzlos. Und er war nicht einfach nur eine Witzfigur, die man benutzen konnte.
    Er fixierte das intakte Auge des Mannes. Sein Vater hatte ihn immer wieder gezwungen, ihm bei seinen Verhören zuzuschauen. Sein Vater hatte ihm die Courage abgesprochen, es selbst durchzuziehen. Hatte ihn immer wieder als zu weich betitelt.
    „Du solltest besser still sein“, mahnte Edmund. Er war zuerst überrascht, wie kalt seine Stimme klang, dann war er mit dem Ergebnis zufrieden. Diesmal würde er sich nicht abweisen lassen. Diesmal nicht. Immerhin hatte auch er dazu gelernt. Wenngleich er Menschen ungern auf diese Weise manipulieren wollte. Er durfte es einfach nicht an sich heranlassen. Er streifte das Mitgefühl ab, das er für diesen Kerl empfand.
    Das war kein Mensch mehr. Der Verräter war nie einer gewesen. Er hatte sein Mitleid nicht verdient.
    „Im Gegensatz zu dir, können wir weglaufen, wenn wir erwischt werden.“ Er lächelte bösartig. Das Ding hatte Angst? Angst vor dem Tod? Angst vor seinem aktuellen Zustand? Das ließ sich nutzen. „Ich weiß ja nicht, was man hier mit Abschaum macht – vermutlich als Fischfutter verwenden.“ Das Etwas hörte auf zu brüllen. Stumm starrte es zurück, Panik quoll in den Augen. „Das erscheint mir doch gerecht. Oder was meinst du, Verräter?“ Edmund kicherte trocken. „Nachdem du uns auch als Fischfutter zurücklassen wolltest.“
    Es zuckte, Tränen lösten sich aus dem Auge und Verzweiflung lag darin. Es wollte sich seinem Blick entziehen, konnte es aber nicht.
    Edmund verstärkte den Druck. Er rümpfte abfällig die Nase.
    „Aber wenn du kooperierst, vergesse ich vielleicht deine Beteiligung an der Meuterei und sorge dafür, dass du dein restliches Leben nicht als Abfall fristen musst.“ Aber welches Schwein frisst schon Dreck?
    Der Verräter war verloren. Und das geschah ihm recht. Dennoch blitzte in dessen Auge etwas auf. Es versuchte zu nickten.
    Edmund bedachte den Abschaum noch eine Weile. Warum hatte er mit diesem Ding überhaupt Mitleid gehabt? Es hatte ihn verraten. Ob aus Angst. Oder Berechnung. Völlig gleich. Nun war es nichts weiter als menschlicher Abfall. Ein Insekt, das unter einem Schuh zertreten wurde.
    Er nahm die Hand weg. Blut klebte daran. Die Bewegung gab ein schmatzendes Geräusch von sich. Er nahm es ungerührt zur Kenntnis und wischte die Hand gleichgültig an Trevors Kleidung ab, ohne den Blick von dem Ding zu nehmen.
    Trevor brummte lediglich, sagte aber nichts.
    „Ich wiederhole mich nur ungern und ich rate dir, ehrlich zu sein, andernfalls platzt der Deal“, setzte Edmund neu an und konzentrierte sich auf das Auge, „Wo ist mein Schiff? Wo ist die Eleftheria?“ Zuerst musste er sichergehen, ob sich das Fernrohr noch auf dem Schiff befand.
    Der Blick des Verräters zuckte, wollte nach links oder rechts ausweichen, doch Edmund fing den Blick immer wieder ein, bis das Auge auf ihm verharrte. Ängstlich weitete es sich, starrte ihn an.
    „Sie war hier“, flüsterte es. Es klang nicht mehr wie zuvor. Nicht mehr aufgebracht, nicht mehr bösartig oder verwirrt. Nur noch heiser, nur noch abwesend, fast mechanisch. „… im Hafen. Aber Armod Metallfaust ist mir ihr weitergefahren.“
    „Wann?“
    , bohrte Edmund unbeeindruckt weiter.
    „Vor ein oder zwei Wochen schon.“
    „Warum bist du dann noch hier?“
    Bestand die Möglichkeit, dass die Eleftheria bald zurückkehrte?
    „Ich habe die Mannschaft gewechselt.“
    Einmal Verräter, immer Verräter.
    „Das sehe ich selbst!“, meinte Edmund und verschränkte erneut die Arme. „Warum“, er beugte sich etwas tiefer und starrte dem Ding ins Auge, „hast du die Mannschaft gewechselt?!“
    Es sah aus, als wollte es zurückweichen, was ihm natürlich nicht möglich war.
    „Armod hat uns tagelang auf dem Schiff suchen lassen. Wir mussten jede Planke und jedes Fass umdrehen und prüfen. Dabei hat er uns nicht mal gesagt, nach was genau wir suchen. Mit jedem Tag, den wir erfolglos waren, wurde Armod wütender. Zwei Leute hat er über Bord geworfen. Drei Leute zu tote gequält. Ich hatte Angst, dass ich der nächste bin.“
    Dann hat der Dreckskerl mich bei der Meuterei also auch aus Angst verraten… Geld hätte er noch verstanden. Aber Angst?
    „Nach deiner Leidensgeschichte habe ich nicht gefragt!“ Die Worte kamen Edmund gelangweilt von den Lippen.
    „Aber du …“, setzte das Ding an.
    Edmund unterbrach es. „Hat Armod gefunden, was er gesucht hat?“
    Das Ding schwieg und sah ihn nur an. Der Blick flackerte.
    „Ich habe dich etwas gefragt“, fauchte Edmund. Es war nicht nötig die Stimme zu heben. Es zuckte auch so zusammen. Jedenfalls so weit es sein Zustand zuließ. Dem Ding entfloh ein Stöhnen. Ob es Schmerzen spüren konnte? Vermutlich nicht. Andernfalls würde es die ganze Zeit erbärmlich schreien. Das fand Edmund durchaus schade. Er hätte es ihm gegönnt.
    „Ja“, erklang die Stimme abwesend, „hat er.“ Der Blick fokussierte sich wieder auf Edmund. Doch irgendwas in dem Auge war nun anders. Es glänzte nicht mehr. „Aber … da waren wir schon hier im Hafen. Wir wurden … angegriffen und hatten Schäden … am Schiff. Bei der Reparatur … haben Handwerker ein Kästchen gefunden.“
    Edmund entging nicht wie die Stimme kehliger wurde und wie der Atem zu rasseln begann. Offenbar lief ihm die Zeit weg.
    „Wo ist dieses Kästchen jetzt?“
    „Mein … Kapitän hat es.“

    Edmund sah auffordernd zurück. „Wer ist dein Kapitän?!“
    Kurz zuckte der Blick widerwillig, doch dann antwortete es ohne zu zögern: „Thomas von Talar.“
    Edmund ließ sich nichts anmerken.
    Das konnte nicht sein. Es war sein Auftrag gewesen, von Talar in Samira zu treffen, um ihm dort das Fernrohr zu verkaufen … Aber wenn Thomas das Kästchen bereits hatte, hatte er auch das Fernrohr. Aber warum? Sein Vater und von Talar hatten doch einen Handel.
    „Hat von Talar diesen Armod auf mein Schiff geschickt?“
    „Das weiß ich … nicht.“
    Sein Blick flackerte bei der Aussage. Es wirkte nervös.
    „Du lügst“, stellte Edmund trocken fest.
    „Armod hat … seine Pläne nie offen ausgebreitet.“
    „Aber?“,
    bohrte Edmund nach. Das Auge wollte sich von ihm losreißen. Er wollte ihm nicht antworten. Aber Edmund ließ es nicht zu.

    Der Matsch stöhnte leicht.
    „Ich habe … ihn mal mit einem seiner Leute … reden hören. Frank. Er hat von einem Magier … gesprochen. Von Talar ist Magier.“
    Das hatte nichts zu bedeuteten. Aber die Möglichkeit bestand.
    „Hat er die Kiste schon geöffnet?“
    „Ich … weiß es nicht.“

    Edmund musterte den Ausdruck in dem Auge. Es sagte die Wahrheit.
    „Du behauptest ziemlich viel nicht zu wissen.“ Er legte den Kopf schräg und bohrte den Blick in den des Dings. „Und ich weiß nicht, ob ich dir glauben will.“
    Es schluchzte. „Ich sage die Wahrheit!“
    Warum hätte von Talar einen Piraten schicken sollen? Wollte er das Geld nicht zahlen? Hatte er geglaubt, mit dem Diebstahl günstiger wegzukommen? Edmund ballte die freie Hand zur Faust. Sie wären fast gestorben.
    Edmund ging nicht darauf ein. „Du hast gesagt, Armod wäre vor zirka zwei Wochen weitergesegelt. Wo ist die Eleftheria jetzt?“
    „Ich weiß nicht, wohin er unterwegs ist.“
    Edmund packte den Kopf des Dings an den Haaren und zog ihn etwas aus dem Matsch, um sich nicht unnötig vorbeugen zu müssen. Blut tropfte in den Karren.
    „Denk dir mal etwas anderes aus!“, fuhr er es kalt an. „Ich will nicht mehr hören, dass du etwas nicht weißt!“ Er suchte im Auge des Verräters eine Antwort. Fand darin aber vor allem Furcht. „Denk nochmal nach! So bist du nutzlos für mich. Und warum sollte ich dir helfen, wenn du nutzlos bist?“ Er grinste ihm ins Gesicht. „Deine Position ist nicht die beste und du verspielst deinen Wert für mich immer weiter.“
    Es wimmerte.
    Erbärmlich…
    „Ich-“
    „Überlegen dir genau, was du jetzt sagst“
    , schlug Edmund emotionslos vor.
    Es begann zu weinen.
    „E-Es … wurde gemunkelt …, dass … er irgendwas … für den Kapitän … besorgen soll. Etwas Mächtiges… er sprach von … einem Artefakt.“
    „Besorgen für wen?!“ Edmund hob seine Stimme weiterhin nicht, sondern funkelte den Matsch nur durchdringend an. „Jetzt lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. In deinem Zustand wollen wir die Teile doch lieber da lassen, wo sie sind, oder?“ Er rückte etwas an dem Kopf, ehe er ihn fallen ließ. Schmatzend fiel der Kopf zurück. Das Ding schrie auf.
    „von… Talar…“, antwortete es dann. „Was er wollte…das Etwas…es hat etwas damit zu tun, was…in dem Kästchen…“ Es brach mitten im Satz ab und starrte ihm in die Augen. Eine Träne löste sich aus dem Augenwinkel, dann keuchte das Ding und sein Auge wurde milchig und … stumpf? Es schrie wieder und plötzlich kam Bewegung in die Masse. Stöhnend und kichernd schob sich der Menschenschleim aus dem Karren. Warum konnte er sich plötzlich bewegen?
    Trevor trat vor Edmund und er machte ihm Platz.
    Das war es dann wohl…
    Trevor stieß den Klumpen mit dem Fuß zurück in den Karren, wodurch er den letzten Rest Schädel zertrat und packte den Karren. Als würde er nur das Bett aufschütteln, bugsierte er ihn mit Inhalt ins Hafenbecken. Um genau zu sein, warf er den Schubkarren, sodass er mehrere Schritte von ihrem Schiff entfernt in die Bucht klatschte.
    Edmund sah ihm nach. Es ärgerte ihn, dass der Kerl im Grunde nichts gewusst hatte. Und nur Mutmaßungen hervorgebracht hatte, die für sie nur weitere Mutmaßungen nach sich ziehen würde. Sie hatten nichts Handfestes. Und welches Artefakt suchte Armod jetzt? Mit SEINER Eleftheria!
    „Alles gut?“
    Erst Trevors Worte rissen Edmund aus seiner Starre. Er blinzelte und rieb sich die Augen.
    Er nickte nur als Antwort. Er hatte Kopfschmerzen, ihm war schwindlig und er zitterte. Die innere Kälte fiel von ihm ab und machte dem Ekel Platz, der ihm zwar eine Gänsehaut einbrachte, aber gleichzeitig den Schweiß über Rücken und Stirn trieb.
    Abwesend fuhr er sich durch die Haare. Zu spät bemerkte er, dass es ausgerechnet die Hand war, mit der er zuvor den Kopf angehoben hatte.
    Als er die Hand betrachtete, klebten noch immer Blutreste daran und vermutlich nun auch in seinen Haaren. Dass er sich dreckig fühlte, lag jedoch nicht an dem Blut. Das juckte ihn seltsamerweise nicht.
    „Ich schau mal nach Nelli“, murmelte er tonlos und verließ ohne nochmal zu den anderen zu schauen das Deck.

    Da Nelli nicht in der Küche war, klopfte er schließlich an ihre Tür.
    „Lebst du noch?“, murrte er durch die Tür. Während er auf eine Antwort wartete, fielen ihm zweimal die Augen zu.

    Zurück am Hafen, atmete Edmund die feuchte Luft ein und stellte die Kiste vor sich auf den Boden. Auf dem Rückweg zum Schiff hatte er auf Empfehlung des Wirts vom Fetten Sack noch Nahrungsmittel gekauft. Nicht viel, aber genug für Abendessen und Frühstück.
    Erstaunlich, dass er freiwillig darüber nachdachte, für die anderen zu kochen. Das war mittlerweile schon zur Routine geworden.
    Vielleicht hätte ich von Anfang an Koch werden sollen.
    Und diesen Gedanken schob er nun auf den Restalkohol. Von dem er genau wusste, dass er nicht mehr da war. Nur das Hochgefühl und die gute Laune waren geblieben. Der Nachmittag war lustig gewesen, er endlich mal wieder unter Leuten, die nicht mit Bäumen warfen, mit Toten sprachen oder einen unheimlichen Kater mit sich herumtrugen. - Oder so verstockt waren, dass man sie für einen Baum halten konnte.
    Wie sonst ließ sich erklären, dass er beim Einkauf an die anderen gedacht hatte?
    Jetzt gebe ich mein Geld schon für andere aus.
    Neben ihm zog jemand die Luft ein. Als Edmund sich dem Mann zuwandte, stand der mit weit aufgerissenen Augen sprachlos neben ihm. Und stammelte unverständliche Wort vor sich hin. Die Beine zitterten ihm, als stünde er vor einem Nervenzusammenbruch.
    Edmund ließ ihn.
    Es war nicht leicht gewesen, einen Schiffshandwerker zu finden, der überhaupt bereit war, mit ihm mitzukommen, um das Objekt der Probleme überhaupt anschauen zu wollen. Wobei das nicht stimmte. Es gab genug, die mitkommen aber nur gaffen wollten. Die standen irgendwo hinter ihnen, in einem sicheren Abstand, damit ihnen ja niemand dieses Projekt aufhalsen konnte.
    Frechheit.
    Ihr kleiner Schrotthaufen hatte für Aufsehen gesorgt und mittlerweile seine eigene kleine Fangemeinde. Diese sorgte dafür, dass er sich von zwei Handwerkern hatte auslachen lassen müssen. Einer wollte ihm direkt ein neues Schiff andrehen – was in Anbetracht der Lage kein dummer Vorschlag war – er nach reichlicher Überlegung aber ablehnte. Ein Neues Schiff würde dauern und zu viel kosten. Und sowohl Zeit als auch Geld und vor allem seine Nerven waren endlich. Zumal er niemandem Geld in den Rachen stopfte, der ihn zuvor noch ausgelacht hatte.
    Er warf den Leuten hinter sich einen Blick zu. Diese taten augenblicklich unbeteiligt, obwohl sie zuvor noch offensichtlich geglotzt hatten.
    Der letzte Handwerker, den er an diesem Tag angesprochen hatte, japste neben ihm weiter vor sich hin. Dabei erinnerte er stark an einen Karpfen, der versuchte Fliegen aus der Luft zu schnappen. Kurz war sich Edmund nicht sicher, ob es wirklich so war.
    „Was ist das?“ Der Kerl fand seine Stimme wieder. Grauen lag darin, während er wild in Richtung Revenge gestikulierte. Edmund hob die Augenbraue.
    „Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, das ist eine Schaluppe“, Edmund wog den Kopf, „zumindest der größte Teil davon.“ Der Rest bestand aus willkürlich zusammengeschusterten Teilen anderer Dinge - und Bäumen.
    Ein Raunen ging durch die Leute hinter ihm.
    Edmund unterdrückte ein Grummeln, begann aber mit dem Fuß zu wippen.
    Aufmerksamkeit auf seine Person zu ziehen, war nicht immer hilfreich.
    Um den Leuten nichts vor den Latz zu knallen, verschränkte er die Arme und betrachtete das geraffte Rahsegel. Kam ihm das nur so vor, oder bestand es nun aus noch mehr Flicken als zuvor? Offenbar hatte es jemand geflickt. Der Tatsache geschuldet, dass es Nelli nicht dort hoch schaffte, musste es wohl Trevor gewesen sein.
    Der Handwerker stotterte sich irgendeinen Blödsinn zusammen und fuhr sich durch die Haare, während er storchbeinige über den Steg lief und das Schiff musterte. Immer wieder blieb er stehen, brabbelte etwas und schüttelte den Kopf, weinte beinahe und zog sich erneut an den Haaren. Einmal verweilte seine Hand über dem Holz des Rumpfes, dann nahm er sie jedoch weg, ohne die Wand berührt zu haben. Als ob er Angst hätte, das Schiff würde zu Staub zerfallen, wenn er es berührte.
    Zeig mal ein bisschen Respekt, du Wurst! Immerhin hatten sie das Schiff mühevoll zusammengeflickt.
    Hinter ihm vernahm er Stimmen, die entweder vor sich hinkicherten, oder abfällige Bemerkungen von sich gaben.
    Der arme Jörg. Was hat er sich da aufgehalst?
    Das will er nicht wirklich machen.
    Das Ding ist nicht mehr zu retten.
    Sind die wahnsinnig?

    Es wurden Geldwetten abgeschlossen, wann das Schiff sank. Von "noch heute Nacht" bis "zwei Tage" war alles dabei.
    Edmund wandte sich den Leuten erneut zu, die sofort mit tuscheln innehielten.
    „Verpisst euch!“, maulte er die Schaulustigen an. Mit dem Finger deutete er in Richtung der Häuser, während er die Leute nacheinander aus zusammengekniffenen Augen ansah. „Wenn ihr nichts Konstruktives beizutragen habt, dann verschwendet nicht meine Zeit mit euren Visagen und Kommentaren! Reißt eure Fressen gefälligst woanders auf!“
    Toll, nun klang er auch noch wie sein Vater.
    Immerhin dünnte sich die Menge aus. Einige flüchteten regelrecht vom Hafen, andere bedachten ihn mit einem letzten Blick, sagten aber nichts mehr, ehe sie ebenfalls verschwanden, um irgendwo anders Maulaffenfeil zu halten.
    „Ä…ähm…“, meldete sich hinter ihm der Handwerker zu Wort. Als sich Edmund wieder an ihn wandte, stand er da, als hätte er sich eingeschissen und schämte sich dafür.
    „Was?!“
    Der Kerl duckte sich unter seinem Blick weg, ehe er die Schultern raffte und sich zu seiner vollen Größe aufbaute, mit der er gut an Trevor heranreichte.
    „Ich habe noch nie so etwas Furchtbares gesehen. Eigentlich hättet Ihr schon längst sinken müssen. Ein Wunder, dass Ihr es hierher geschafft habt.“
    Edmund unterdrückte den Impuls den Kerl vom Steg ins Hafenbecken zu treten. Alle taten so, als hätte er selbst keine Augen im Kopf. Er wusste, dass das Schiff ein einziger Flicken war, aber immerhin hatten sie es zusammengebaut. Und es hatte bis zu den Inseln gehalten. In einem Seegebiet, gegen das schon andere Schiffe versagt hatten.
    Unterm Strich doch keine schlechte Bilanz.
    „Könnt Ihr jetzt helfen, oder nicht?“, zischte er.
    Der Handwerker sah ihn an als hätte er Möwenscheiße im Gesicht.
    „Das … das ist kein Schiff.“
    Es war ein schwimmender Sarg! Und das wussten sie alle! Aber dieser schwimmende Sarg tat dennoch das, was er sollte. Er schwamm! Und das sehr offensichtlich vor ihnen im Hafenbecken!
    „Der Fachmann seid Ihr und ich nur der Kunde…“ Edmund beruhigte sich. So kam er nicht weiter. Wenn er wollte, dass sich jemand dem Schiff widmete, dann brachte herumschreien nichts. Deshalb zuckte er die Schultern. „…Aber es hat einen Rumpf, einen Mast, Segel, Ruder und es liegt auf dem Wasser. Ich würde sagen, es ist ein Schiff.“
    Der Mann bedachte ihn wieder mit diesem Blick, als fürchte er, dass Edmund den Verstand irgendwo auf See verloren hatte. Wahrscheinlich hockte der Bastard wirklich noch auf der Insel fest.
    „Ihr solltet Euch ein neues Schiff kaufen.“
    Edmund verdrehte die Augen. Spielen die hier alle die gleiche Melodie immer und immer wieder? Er musste irgendwie die Eleftheria wiederfinden. Wenn er seinen Vater enttäuschte, dann …
    „Ich habe weder Lust noch Zeit mir in dieser Stadt die Beine in den Bauch zu stehen und zu warten, bis ein neues Schiff fertig ist.“ Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Aber ich verstehe das natürlich. Das ist eine schwierige Aufgabe und ich kann nachvollziehen, dass Ihr Euch dem nicht gewachsen seht“, er lächelte den Typen an und suchte seinen Augenkontakt. „Ich werde wohl also nach einem fähigeren Handwerker suchen müssen.“ Der Kerl zuckte zusammen, starrte ihm in die Augen und begann zu schwitzen. Edmund blickte zurück. Ein Bad im Hafenbecken würde dem Kerl nicht schaden … und dort stank es nach Algen! Aber immerhin nicht nach Schweiß! Dennoch lächelte er freundlich, bis der Kerl seinem Blick hüstelnd auswich. Er räusperte sich.

    „Ich werde morgen mit meinem Partner wiederkommen. Er hat Erfahrung mit … schweren Fällen. Wir schauen uns das Schiff dann nochmal gemeinsam an.“

    Edmund war zufrieden. „Dann sind wir im Geschäft?“
    Der Mann nickte langsam und betrachtete das Schiff bedauernd. So glücklich sah er nicht aus. Eher überrascht über seine eigenen Worte und seine Entscheidung. Selbst Schuld! „Scheint so.“
    „Prima.“ Edmund bückte sich nach der kleinen Kiste. „Dann bis morgen.“
    Mit diesen Worten ließ er den Blödmann einfach stehen und lief über die Rampe an Deck. Er wollte Trevor Bescheid geben. Denn im Grunde war es dessen Schiff.
    Allerdings lief er erst Esther über den Weg, die offenbar an der Reling gestanden hatte. Wie viel sie von allem mitbekommen hatte, wusste er nicht. Und es war ihm auch egal.
    Er musterte Esther nachdenklich. Etwas an ihr war anders. Sie sah anders aus. Aufrechter. Als hätte sie jemand an einem Faden hochgezogen oder den Stock in ihrem Hintern zurechtgeschoben. Sie ging jedenfalls noch ein gutes Stück selbstbewusster, als sie es wohl vom Hof gewohnt war.
    „Schicke Robe“, meinte er dann. „Die Farbe schmeichelt deinen Augen.“ Und vor allem seinen Augen. Was viel wichtiger war.
    Esther sah nachdenklich an sich herunter und lächelte dann.
    „Danke ... Ist es nicht ... zu viel?“
    Zu viel? Er war verwirrt. Was meinte sie denn nun? Zu viel von was? Dunkle Farben? Muster? Ärmel? Hosen? Leder? Da wollte er einmal höflich sein und sie löcherte ihn mit Fragen, auf die er keine Antwort wusste.
    „Zu viel was? Stoff? Für meinen Geschmack, definitiv“, meinte er mit einem Grinsen.
    Esther verengte die Augen.
    Das war dann wohl die falsche Antwort. Dabei war das doch nicht böse gemeint! Dass sie sich immer bis oben zuknöpfte musste nicht sein. Er wollte es gerade klar stellen, doch Esther kam ihm zuvor.
    „Ich wollte wissen, ob der Aufzug lächerlich aussieht ... aber es wundert mich nicht, dass du in eine andere Richtung denkst.“
    Definitiv die falsche Antwort. Und schon war sie wieder zickig. Wie immer. Aber diesmal würde er sich seine Laune nicht von ihr verderben lassen. Nur weil Esther humorlos durchs Leben ging und sie von Anfang an etwas gegen ihn hatte, dabei hatte er ihr nicht einmal einen Anlass dazu gegeben.

    Jetzt nehme ich hier nichts mehr zurück! Schlimm genug, dass er es in Erwägung gezogen hatte.
    „Würdest du lächerlich aussehen, hätte ich dir sicherlich kein Kompliment gemacht“, fuhr er sie deshalb an. So viel dazu, dass er sich die gute Laune nicht kaputt machen lassen wollte. Von Null auf hundert reichte eine Esther. Selbst das Gemurmel der Leute hatte er sich länger angehört.
    Esther verstummte.
    Er trat an ihr vorbei an Deck und bemerkte dabei, wie sie verlegen lächelte und sich eine Haarsträhne zurückstrich.
    Was denn jetzt? War es Zeit zu rennen? Irgendwie wurde er nicht schau aus ihr.
    „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Gegenstand deiner ... Phantasie sein möchte. Dennoch ... Dein Kompliment bedeutet mir viel.“
    Schon war er wieder verwirrt. Erst war sie verlegen, dann sauer, dann wieder verlegen... Hatte Esther ihre Tage?
    Was denn für Phantasien? „Für sowas bleiben nur du und Nelli. Und da fällt die Wahl nicht schwer.“ Und Trevor. Aber da schmerzte schon eine Phantasie. Die Vorstellung von Nelli ließ ihn würgen. Und Esther war in etwa so erotisch wie eine Hand voll Matsch. Die Wahl fiel also auf keinen!
    Aber gut zu wissen, was sie von ihm dachte. Hatte er ihr je einen Anlass dafür gegeben?
    Von welchen Phantasien sprach sie überhaupt?
    Er kniff nachdenklich die Augen zusammen, während Esther die Arme verschränkte und ihn ihrerseits musterte. Ehe ein leichtes Schmunzeln an ihren Lippen zupfte.
    Das ist dann der Moment, in dem es unheimlich wird!
    „Ich könnte Nelli darum bitten, dass sie sich wieder jung macht. Was hältst du davon?“
    Sag ich ja, unheimlich!
    Hatte Esther tatsächlich gerade einen Witz gemacht? Keinen guten, aber vielleicht war doch nicht alles verloren?
    Auch wenn ihm bei dem Gedanken an Nelli und wie sie damals auf der Eleftheria plötzlich in seiner Küche gestanden hatte, eine Gänsehaut überkam, musterte er Esther mit zusammengekniffenen Augen über die Kiste in seinen Armen hinweg. Sie sagte nichts. Er sah sie nur an.
    Das war nicht von ihr beabsichtigt gewesen. Auf keinen Fall.
    Esthers Gesicht zeigte zunehmend Verunsicherung, weshalb er den Kopf zur Seite legte.
    „Nichts“, meinte er daher vorsichtig.
    „Wirklich? Ich bin mir sicher, Nelli hätte ihren Spaß dabei und du könntest deine ... Phantasie ausleben?“
    Dass Nelli ihren Spaß hätte bezweifelte er nicht. Sie hatte an allem ihren Spaß, bei dem er litt. Und da würde er leiden. Er litt schon bei der Erinnerung daran.
    Aber was sollte das jetzt werden? Nahm sie es ihm noch übel und wollte ihn in die Falle locken? Oder lenkte sie nun das Gespräch wirklich in diese Richtung? Aber warum? Und was war ihr Problem mit irgendwelchen Phantasien?
    „Offenbar willst du, dass ich an Albträumen leide.“ Er wog den Kopf und rückte die Kiste in seinen Armen zurecht. So langsam wurde dieses dumme Ding schwer.
    „Nein. Ich will nur verhindern, dass ich Gegenstand deiner Phantasien werde.“
    Jetzt musste Edmund doch lachen. Wenn sie weiterhin auf diesem Thema herumritt, dann war sie selbst schuld. Als wäre Esther jemals in der Lage Gegenstand seiner Phantasien zu sein. Bildete sie sich das wirklich ein, oder meinte sie das im Scherz? Da Esther nicht in der Lage dafür war, Witze zu reißen, musste sie das ernst meinen. Als müsste er sich Dinge zurechtträumen. So nötig hatte er es nicht. Davon abgesehen war Esther kein Stück erotisch.
    „Das kannst du wohl kaum verhindern“, witzelte er dennoch. Wenn sie das Spiel spielen wollte: Bitte!
    „Sei dir da nicht zu sicher“, Esther stürzte die Lippen, „Aber gut, dann lasse ich dir mal deine Phantasien ... Nicht, das du vor lauter Albträumen nicht mehr schlafen kannst.“ Sie zwinkerte, was irgendwie komisch aussah und dafür sorgte, dass er nur die Augenbraue hob.
    „Ich wüsste noch andere Sachen, die mich nicht schlafen lassen würden. Uns beide nicht“, gab er säuselnd von sich.
    „Träum weiter.“ Sie verschränkte die Arme.
    „Von uns beiden?“ Er lachte amüsiert. „Liebend gerne!“
    So alt kann ich gar nicht werden, wie ich sein müsste, um so langweilig zu sein. Aber hey, besser als die Albträume, die ihn jede Nacht quälten. Der Grund, warum er bisher an jedem Geschäft, das Waffen verkaufte, vorbeigelaufen war. Wobei. Die Vorstellung an Esther half vielleicht beim Einschlafen.
    Mit seinem Grinsen trat er an Esther vorbei, die verstummt war und ihn betäubt anglotzte. Auf Esthers Höhe raunte er ihr beim Vorbeigehen noch zu: „In meinen Träumen bist du im Übrigen nackt.“ Warum Zeit mit ihr verschwenden, wenn andere nicht nur Vorstellung blieben? Aber der entsetzte Aufdruck in ihrem Gesicht war Trevors Gewicht in Gold wert. Er lachte heiter.
    Dass Esther ihm dafür eine Ohrfeige verpasste, hatte er jedoch nicht erwartet. Bei jeder anderen ja, aber bei Esther nicht. Dementsprechend glotzte er sie einen Moment verwirrt an. Esther stand der Zorn hochrot zu Kopf, dennoch schien sie nicht weniger überrascht, als sie auf ihre Hand blickte. In seinem Gesicht wiederum spürte er lediglich ein Kribbeln.
    Sieh an, die ewige Jungfer hat sogar verstanden, um was es ging.
    Er musste erneut lachen.
    „Und ich dachte, heute wärst du locker genug, damit ich dich endlich in mein Bett locken kann“, witzelte er weiter. Wofür sie ihm direkt noch eine verpasste. So langsam kam Esther in Fahrt.
    „Ich habe-“, weiter kam er nicht, da ihm Esther noch eine dritte Schelle verpasste. Was ihn aber nur noch lauter lachen ließ.
    „Noch ein Kommentar und ich werfe dich über Bord!“ Esthers Hand zuckte bereits gefährlich zu ihrem Zauberstab. Was Edmund mit einer erhobenen Augenbraue zur Kenntnis nahm. An Drohungen musste sie noch arbeiten, denn ihr Gesichtsausdruck, der jede Tomate vor Neid hätte erblassen lassen, wirkte eher lächerlich, anstatt gefährlich.
    Der Anblick trieb ihm die Lachtränen in die Augen. Als ob ihn eine Ohrfeige – oder drei – schaden würden.
    „Ist ja gut, du Spaßbremse“, meinte er. „Mit dir würde man sich sowieso nicht amüsieren. Keine Ahnung, woher du die Überzeugung und das Selbstbewusstsein nimmst, ich könnte mir etwas mit dir vorstellen.“ Gut, das war vielleicht etwas hart formuliert. Aber nun mal die Wahrheit. Selbst Schuld, wenn sie ihm irgendwelche Phantasien einredete! Als hatten sie keine anderen Probleme! Schön zu wissen, wie und was sie über ihn dachte.

    Den vierten Schlag sah er kommen und drehte sich elegant von Esther weg. Diese rümpfte die Nase und lief ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.
    Natürlich. Nun war er wieder der Böse, obwohl sie damit begonnen hatte, ihm irgendwelche Motive in die Schuh zu schieben.
    Er wollte ihr nach, unter Deck, um endlich diese elende Kiste abzustellen, blieb aber verwirrt vor Trevor stehen, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Der musterte ihn mit erhobener Augenbraue und das „Was war das denn?“ schwebte regelrecht zwischen ihnen, ohne, dass es einer von ihnen aussprechen musste.
    „Guck nicht so“, Edmund verdrehte die Augen, „diesmal habe nicht ich angefangen.“ Er zuckte die Schultern und wollte an Trevor vorbei. Humor war keine höfische Erziehungsmethode. In seiner eigenen Erziehung hatte das auch keinen Platz gefunden. Allerdings bildete er sich ein, dass es bei ihm nicht ganz so schlimm war. Oder? Er konnte nicht behaupten, dass er die letzten Jahre sonderlich viel zu lachen gehabt hätte. Da hatte er auf der Insel und mit den anderen in den paar Wochen mehr Spaß gehabt.
    Nur vielleicht teilte Esther seinen Humor nicht. Oder überhaupt irgendwelchen. Musste er sich jetzt entschuldigen? Es waren doch ihre Unterstellungen gewesen!
    Sag ja, anziehend wie ein Sack Sägemehl.
    „Esther wollte dich eigentlich gerade suchen gehen“, meinte Trevor, „und jetzt schien sie ziemlich sauer.“ Er schob sich in seinen Weg und musterte ihn kritisierend. Es war klar, dass zwischen den Worten eine Botschaft lag. Das konnte er an Trevors Blick erkennen.
    Edmund legte seufzend den Kopf in den Nacken.
    „Ja“, meinte er gedehnt. „Ich schau, dass ich mich bei ihr entschuldige“, irgendwann, vielleicht, aber eher nicht, „ist der Herr damit zufrieden?“
    Trevor musterte ihn, als wusste er genau, dass Edmund nicht vorhatte, sich wirklich zu entschuldigen. Er sagte jedoch nichts mehr, was schlimmer war als jede Zurechtweisung.
    Ist ja gut, ich werde mich entschuldigen… Und wer entschuldigte sich bei ihm? Er hatte mit dem Thema doch nicht mal angefangen?!
    „Weshalb hat Esther mich suchen wollen?“, bohrte er nach, um das Thema zu wechseln.
    Trevor bedachte ihn noch einen Moment, als wollte er sichergehen, dass Edmund die stumme Botschaft wirklich verstanden hatte. Dann wurde er noch ernster.
    „Es geht um dein Schiff.“
    „Die Revenge gehört dir. Ich habe mich schon um einen Handwerker gekümmert. Ihr könntet auch was machen.“

    Trevor musterte ihn durchdringend.
    „Ich meinte ja auch nicht die Revenge, sondern die Eleftheria.“ Damit hatte er seine Aufmerksamkeit. „Esther hat einen der Matrosen aufgespürt, die bei der Meuterei dabei gewesen waren.“ Das wischte ihm das Grinsen aus dem Gesicht. Er krampfte die Finger um die Kiste. Mit einem Mal war auch der letzte Rest guter Laune aus seinem Kopf verschwunden.
    „Wo?“, wollte er wissen. Wenn einer dieser Piraten hier war, dann vielleicht auch die anderen? Vielleicht war das Fernrohr hier? Oder die Eleftheria? Oder er wusste, wo sich beides befand?
    Trevor deutete den Hafen hinab in eine Richtung und faste zusammen, was Esther gesehen und gehört hatte und faselte irgendwas von einem Schiff namens Telara. Edmund folgte seiner Beschreibung. Die Eleftheria war also nicht im Hafen. Wie wahrscheinlich war es da, dass das Fernrohr hier war? Sicherlich hatte es nicht dieser eine Matrose bei sich. Hatten sie es überhaupt gefunden? Was sollte er jetzt machen?
    Scheiße!
    Zu gerne wäre er losgelaufen und hätte den Kerl zur Rede gestellt. Aber er hatte ja noch nicht mal mehr eine Waffe! Und selbst wenn, stand er sich damit nur selbst im Weg.
    Mit Gewalt würde er rein gar nichts erreichen. Zumal er selbst nicht für Gewalt taugte. Das hatte die Meuterei wohl eindrucksvoll bewiesen.
    Edmund folgte Trevor unter Deck in die Küche, wo er endlich die Kiste mit den Vorräten abstellte. In der schlichten Küche stieß er auf Nelli. Und auch André saß mit Wilmor in einer der Ecken. Der "Kerl" war also auch noch da. Je intensiver er den Matrosen musterte, desto sicherer war er sich, dass etwas nicht stimmte. Aber solang er nicht von allein kam... Seis drum.
    Darum konnten sie sich auch später kümmern.
    Trevor lehnte sich an den Türrahmen und blickte finster in die Küche.
    „Wie ich sehe, weiß er Bescheid“, meinte Nelli, nachdem Edmund die Kiste auf den Tisch geknallt hatte und diese finster betrachtete. Also wusste die Alte auch Bescheid. Wahrscheinlich wusste sogar der Kater mehr als er! Warum erfuhr er eigentlich immer alles als letzter?
    Weil du nicht zugehört hast!
    „Was machen wir jetzt?“, wollte Nelli wissen. Edmund runzelte die Stirn.
    Wir? Es war sein Schiff. Die anderen hatte damit eigentlich nichts zu tun.
    „Ich konnte aus ihm nichts rausbekommen.“ Esther betrat ebenfalls die Küche. Sie wich seinem Blick auf und setzte sich betont weit weg von ihm an den Tisch nieder.
    Edmund seufzte genervt.
    „Ihr müsst euch da nicht mit reinhängen, das ist – "
    „-auch unser Problem“,
    fuhr ihm Nelli augenblicklich über den Mund.
    „Ich habe auch noch ein Hühnchen mit denen zu rupfen“, stimmte Trevor ihr zu.
    Esther nickte langsam.
    Edmund wollte protestieren, schwieg aber. Im Grunde hatte er ja gewusst, dass die anderen ebenfalls ihren Zorn auf die Mannschaft hegten. Und sie hatten gesagt, dass sie ihn unterstützten. Aber es war dennoch irgendwie beruhigend, dass sie es wirklich taten. Zugeben würde er es jedoch nicht. Niemals.
    „Jemand noch Hunger?“, fragte er deshalb in die Runde. Trevor und André hatten mit ihm bereits gegessen, aber er wusste nicht, wie es bei Nelli und Esther aussah. Und er brauchte Ablenkung und etwas, womit er seine Hände beschäftigen konnte. Ohne loszurennen und diesem Piraten in den Arsch zu treten.
    Trevor nickte. André zuckte die Schultern, schien aber nicht abgeneigt.
    „Kann ich dir dabei helfen?", bot Nelli an. In seine Gedanken vertieft, zuckte Edmund nur die Schultern. Was sollten sie als nächstes machen?
    Nelli reihte sich neben ihm ein und begann das Gemüse aus der Kiste zu nehmen und es zu waschen. Und sie übernahm direkt die Aufgabe, die er am meisten hasste, weil es ihm die Tränen in die Augen trieb: Zwiebeln schneiden.
    Auch André bot sich – zwar widerwillig – an, beim Schneiden zu helfen. André bekam die Kartoffeln zum Schäle. Noch so eine Aufgabe, die Edmund hasste.
    „Das ist zu groß!“, murrte er bei einem Blick auf die Zwiebelstücke, die Nelli ihm reichte. Ohne zu widersprechen, schnippelte sie nochmal an der Zwiebel. „Jetzt ist es viel zu klein!“ Diesmal motzte er und nahm ihr das Messer aus der Hand, um es sauer in eines der Schneitbretter zu stoßen. Sein Blick glitt zu André. Doch über das Gehacke von ihm wollte er sich nicht aufregen. Was vor allem an dem bösen Blick des Katers lag. Außerdem wollte Edmund keine Bekanntschaft mit dem Messer machen, so wie Wilmor.
    „Willst du es mir vormachen?“ Nelli hob die Augenbrauen.
    „Ich mach das selbst!“, meinte er, sah das Messer aber nur düster an. Was machte der Pirat hier? Wer war seine neue Crew und warum hatte er die alte verlassen? Wer war es? Einer von denen, die seine Mannschaft gemeuchelt hatten? Er schluckte. Das ganze Blut war wieder in seinem Kopf, vor seinen Augen. Vielleicht sollte er sich doch wieder bewaffnen. Von allen in ihrer kleinen Gemeinschaft konnte er sich am wenigsten wehren. Selbst Nelli war mit ihrem Stock und den Tränken bedrohlicher. Wenn schon keinen Degen, dann vielleicht ein Messer oder einen Dolch?
    „Wie du meinst, Edmund. Ich kann auch das Wasser umrühren, da kann ich nicht so viel falsch machen“, hörte er Nelli sagen.
    „Wie wollen ja nicht, dass es heißer wird als du“, meinte er abwesend und tippte mit dem Finger auf die Arbeitsfläche.
    „Also lauwarm?“
    „Es sollte wenigstens kochen“
    , gab er erneut von sich, ohne auf Nelli zu achten. Was quatschte sie ihm nun Tomaten auf die Ohren?
    „Oh, Wasser zum Kochen bringen, kann ich.“
    „Hervorragend.“
    Er nahm das Messer wieder in die Hand, schob alles in einen anderen Topf und briet das Gemüse an. André reichte ihm die Möhren, die er mit einem kurzen genervten Blick zur Kenntnis nahm. Was war der Typ? Schlachter?
    Nelli verdrehte die Augen, kümmerte sich aber um das Wasser. In der Küche breitete sich ein tiefes Schweigen aus, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhing und versuchte, einen Plan zu schmieden.
    „Schicke Kleidung im Übrigen“, meinte er schließlich und begann an einer Möhre herumzuschnippeln. „Passt besser als der Stoffriedhof, den du vorher spazieren getragen hast. So ist wenigstens nur noch der Inhalt überreif.“
    „Ich dachte, ich tu mal was, damit ich mir dein Gemecker nicht mehr anhören muss. Außerdem hätte nicht viel gefehlt und ich hätte beim nächsten Windstoß nackt dagestanden. Und gegen Blindheit habe ich leider keinen Trank für euch.“

    Bei der Vorstellung schüttelte es ihn.
    „Plan: Wir werfen dich nackt auf das Schiff und warten, was passiert.“
    Trevor lachte lauthals auf, und lockerte damit die Atmosphäre im Raum „Das wird eingefleischte Seemänner nicht abschrecken. Allein ich habe Dinge gesehen, Edmund … Dinge.“ Dabei weitete er theatralisch die Augen. Die Stimmung kühlte ab und Edmund bekam das Gefühl, dass sie das schon irgendwie schafften. Das hatten sie doch bisher auch. Was war es da, den Piraten - oder zumindest einem davon - zu begegnen. Die Meuterei lag Wochen zurück.
    „Ich hatte Einblicke in den Rachen eines Kraken. Erzähl du mir mal nichts.“
    „Das Wasser kocht“,
    mischte sich Nelli schmunzelnd ein und deutete auf den Topf.
    „Das ist schön für das Wasser. Aber ich brauche gar kein kochendes Wasser.“ Er schob die Möhre in einen anderen Topf und schmorrte das Gemüse mit den anderen Sachen.
    „Aber…“, setzte Nelli an, musterte ihn und grinste dann, „Schön die alte Frau bespaßen. Du hättest auch sagen können, dass ich mich einfach wieder hinsetzen soll.“
    Edmund zuckte die Schultern.
    „Wenn das Wasser schon mal kocht, dachte ich, kannst du auch einfach Tee machen.“
    Nelli schüttelte lachend den Kopf.
    „Gut, mache ich eben Tee.“ Sie beugte sich nach dem Fach mit ihren Kräutern. Das Sie offenkundig gefüllt hatte. Zumindest kam ihm ein angenehmer Duft entgegen. „Im Übrigen ist deine neue Kleidung auch gut gewählt.“
    „Natürlich ist sie das!“

    Im Hintergrund hörte er Esther irgendwas zischen. Offenbar nahm sie es ihm immer noch übel, dass er versucht hatte, ihr ein Kompliment zu machen. Warum drückte sie sich auch nicht deutlicher aus? Nun musste er sich bei ihr entschuldigen und er wusste nicht mal wie…
    „Sie steht dir. Vor allem die Farben.“
    „Schwarz und Gold sind keine Farben.“
    Nelli verdrehte die Augen. „Aber selbst elegante Kleidung kann nicht verstecken, dass du ein Klugscheißer bist.“
    Sie diskutierten noch eine Weile hin und her, während das Essen garte und briet und André irgendwie zwischen ihnen stand. Völlig fehl am Platz.

    Erst, als Edmund alles auf den Tisch stellte, setzten sie sich und überlegten, während dem Essen, wie sie nun gegen den Piraten vorgehen wollten.
    „Wir sollten Aufmerksamkeit vermeiden“, meinte Esther. Es war das erste mal seit einer halben Stunde, dass sie etwas sagte. Klang sie noch immer sauer?
    Edmund hob die Augenbrauen. „Oh ja, weil wir darin so gut sind. Wir fallen quasi gar nicht auf. Wollt ihr wissen, wie die Leute über uns reden, ehe sie vor lachen zusammenbrechen? Allem voran, die Handwerker bei denen ich schon war?“
    „Wir wissen nicht, welchen Rattenschwanz es nach sich zieht, wenn wir das Schiff einfach stürmen“, gab Trevor von sich. „Wir sollten also nicht blindlings reinstürmen.“ Offenbar wollte er es vermeiden, dass jemand von ihnen verletzt wurde. Was Edmund begrüßte. Er hatte auch nicht vor zuzulassen, dass sich einer von ihnen verletzte. Vor allem die anderen.
    Er zuckte die Schultern.
    „Oder wir nutzen es aus, dass wir eh schon Aufmerksamkeit auf uns ziehen… oder zumindest unser Schiff.“

    Eigentlich hatte Edmund vorgehabt, sich um einen Handwerker zu kümmern, der die Löcher in der Revenge flickte. Bestenfalls mit Fachwissen und Material, das nicht gammelte oder schon beim Anschauen zerfiel. Ihr Schiff – wenn man es überhaupt so nennen wollte – sah sowieso schon aus, als hätte es ein impulsives Kleinkind zusammengenagelt und anschließend als Zielscheibe genutzt. Mehr Schrott als Schiff.
    Aber Kleidung, eine Rasur und ein Haarschnitt mit Bad waren wichtiger. So viel wichtiger als ein Schiff, das ihnen kaum jemand klauen würde. Und wenn doch, tat ihm der arme Trottel jetzt schon leid.
    „Du träumst“, hauchte ihm die Stimme der Frau ins Ohr, die hinter ihm hockte. Sie zupfte an seinen Locken und schnitt ab, was an die Verwilderung auf der Insel erinnerte. Oder zumindest, was sie dafür hielt. Es gefiel ihm nicht, ihr zu vertrauen. Und keinen Spiegel zu haben. „Ich hoffe doch von mir?“
    Das Nein lag ihm bereits auf der Zunge. So gut, war sie auch nicht gewesen, dass er auch noch von ihr träumen musste. Er verkniff es sich.
    Reize niemals eine Frau, die mit einer Klinge in der Nähe deines Halses hantiert.
    „Natürlich“, log er, setzte sein charmantestes Lächeln auf und warf ihr einen Blick über die Schulter zu. Das heiße Wasser aus der warmen Quelle ließ ihre Wangen rötlich schimmern, ebenso die vollen roten Lippen. Der Rest ihres Körpers verschwand leider zwischen einem Vorhang brauner Haare. Allerdings hatte er genug gesehen, um zu wissen, dass sie ganz passabel aussah. Nichts, was er später nochmal anfassen würde und vor allem nichts, von dem er träumte. Was ein abwegiger Gedanke.
    „Dann wirst du jetzt dein Schiff zurückholen, richtig?“ Die zweite Brünette neben ihm legte den Kopf schräg auf ihre Arme auf dem Quellenrand und sah ihn verträumt aus ihren blauen Augen an. Sie trieb auf der Wasseroberfläche und bewegte leicht die Füße. Er wandte den Blick über ihren Rücken hinweg ab, bei dem sich die Wirbel unter der Haut sanft abzeichneten. Auch akzeptabel. Mehr nicht. Aber von der Tochter eines Schneiders, die ihm eigentlich nur seine neue Kleidung ins Badehaus hatte bringen sollen, war auch nicht mehr zu erwarten. Aber wer war er, sich zu beklagen? Ihren Namen hatte sie ihm auch genannt. Irgendwas mit einem A am Ende. Auch egal. Der Einfachheit halber war sie einfach Blauauge.
    „Ja“, meinte er abwesend und suchte mit den Augen den Raum ab. Seine Kleidung lag keine drei Schritte entfernt. So langsam sollte er verschwinden. Die beiden quasselten ihm sonst noch den Schmalz aus den Ohren.
    „Ich bin fertig“, meinte die Brünette hinter ihm. Auch ihr Name endete auf irgendwas mit E. Als ob er sich die Arbeit machen würde, sich diesen zu merken.
    E-Irgendwas legte die Schere weg, beugte sich vor, legte den Kopf auf seine Schulter und strich ihm über die Brust.
    Der Fluchtinstinkt, der ihn dabei ereilte, war in etwa so groß, wie die Angst, dass Esther nochmal auf die Idee kam zu kochen. Verdammt groß!
    Was war er? Eine Puppe, die man nach Lust und Laune antatschen konnte?
    E-Irgendwas seufzte zufrieden und schmiegt sich an ihn.
    Wie aufdringlich konnte man sein?
    „Es muss zauberhaft sein, mit seinen Freunden über das blaue Meer zu fahren“, meinte Blauauge mit leuchtenden Augen.
    Ja, zauberhaft, das war auch der Ausdruck, den er für die Tortur der letzten Monate wählen würde.
    Edmund streckte sich, entzog sich der Berührung und stieg aus dem Wasser. E-Irgendwas schmollte, lehnte sich dann aber an den Rand neben Blauauge.
    Beide beobachteten ihn.
    Er genoss es. Alles andere wäre gelogen gewesen. Auch wenn er aussah wie eine Scheibe Weißbrot, bei der man beim Grillen die Hälfte vergessen hatte. Er hätte das Hemd doch ausziehen sollen! Oder im Schatten bleiben! Oder sich komplett verhüllen sollen! Neben den vielen Schwielen an den Händen war er jetzt auch noch braun wie ein Arbeiter! Zumindest an den Armen. Zum Teufel mit dieser zugeschissenen Insel voller Kannibalen!
    Toll, nun genoss er es nicht mehr, von den beiden angeglotzt zu werden.
    Verhüllen war eine herausragend gute Idee.
    „Es ist bemerkenswert, dass ihr es geschafft habt, nur zu viert mit einem Schiff bis hierher zu segeln“, meinte Irgendwas mit E, „ihr seid wahrlich unglaublich.“
    „Seine Freunde sind schon okay, aber ohne Edmund wären sie doch nie so weit gekommen“, schwärmte Blauauge. „Vater sagt immer, man braucht einen hervorragenden Navigator, um durch die Stürme und die vielen Riffe zu kommen.“
    Endlich erkannte mal jemand sein Können an! Auch wenn es eine unwissende Schneiderstochter war und ihr Vater wahrscheinlich nicht mehr vom Meer kannte, als der Blick aus dem Klofenster! Naja, er nahm, was er bekommen konnte. So tief war er inzwischen gesunken.
    Edmund klaubte die schwarze Hose von einem Stapel und schlüpfte hinein. Sie passte perfekt, ebenso wie das weiße Hemd. Immerhin sein Handwerk verstand der Schneider.
    „Gehst du zurück zu deinen Freunden?“ Irgendwas mit E am Ende sah ihn neugierig an.
    Und wieder verleiteten ihre Worte ihn dazu, Nein zu sagen. Die anderen waren nicht seine Freunde. Trevor vielleicht. Der Rest war nerviger als in einem Ameisennest zu sitzen.
    „Erstmal muss ich etwas essen.“ Und er brauchte Wein. Viel davon, um die letzten Wochen und seine „Freunde“ zu vergessen. „Ihr habt nicht zufällig eine Empfehlung?“ Er lächelte die beiden Frauen an. Erfreulicherweise erröteten sie. Sein Aussehen machte also doch noch Eindruck. Zuletzt war er sich bei seinen versteiften Wegbegleitern nicht mehr so sicher gewesen. Vielleicht wirkte man aber auch nur gewaschen nicht mehr wie ein Streuner.
    „Ein Freund meines Vaters hat ein Gasthaus“, meinte Blauauge, Zum Goldenen Pfau heißt es. Vater schwärmt von dem Wildbraten und dem Wein da.“
    Irgendwas mit E am Ende nickte zustimmend. Wild und Wein klangen gut. Nach den langen Wochen voller Fisch, und Obst eine willkommene Abwechslung. Katze hatte er ja nicht bekommen.
    „Hervorragend.“ Edmund knöpfte die Weste zu und zog sich das neue Jackett mit den goldenen Stickereien über. Der schwarze Stoff war ebenso wie die Hose deutlich robuster als seine letzte Kleidung und hielt hoffentlich mehr aus.
    „Sagt mal, gibt es hier in der Nähe einen Händler, der auch Bücher verkauft?“
    Er wollte schauen, ob er Lektüre über das Wetter fand. Wenn er weiter den Navigator mimen wollte, war etwas mehr Wissen bezüglich der Stürme hilfreich. Vielleicht konnte ihm auch jemand sagen, in welcher Ecke dieses Seegebietes, die meisten Stürme auftrafen.
    Blauauge wog den Kopf.
    „Versuch‘ es mal bei Karls, der hat eine der größeren Sammlungen, andernfalls bleibt nur noch der Bürgermeister übrig“, sagte E-Irgendwas. Etwas Bedrücktes lag in ihrem Gesicht. Edmund hob die Augenbrauen.
    „Du kannst ihn nicht zum Bürgermeister schicken.“ Blauauge schien besorgt. Das klang ja schon wieder erbauend. Sie sah wieder zu Edmund. „Er ist ziemlich … verschlossen, lässt sich nie blicken, schickt immer nur seine Männer aus und würde wohl auch keines seiner Bücher verkaufen. Er ist…“
    „… kein sonderlich netter Mensch“
    , ergänzte E.
    Beide Frauen verzogen das Gesicht.
    Na dann, hineinhängen würde er sich da sicherlich nicht. Er hatte selbst genug Probleme, da brauchte er nicht noch mehr. Und einen „nicht sonderlich netten Mensch“ hatte er bereits daheim sitzen. Blieb zu hoffen, dass er bei dem Händler Karls Glück hatte.
    Es ließt sich an einer Hand abzählen, wann er das letzte Mal Glück gehabt hatte.
    Keine erfreulichen Aussichten.
    „Wie heißt der Bürgermeister denn?“ Nur für den Fall, dass er dem Clown begegnete.
    „Bürgermeister Rainer Karl von Kopf.“
    „Der Kerl heißt …“, Edmund fuhr sich über die Schläfen. „Gut, das werde ich mir merken können.“ Kein Wunder war der Kerl kein netter Mensch. Bei dem Namen? Ob der Karl auch kahl war? Reiner Glatzkopf.
    „Edmund?“, Blauauge schmollte ihn von unten an wie ein treudoofer Köter, „wenn uns die Sehnsucht packt, bist du dann heute Abend noch im Goldenen Pfau?“
    „Klar“
    , log er prompt und lächelte. Sollten sie doch Sehnsucht haben. Mehr als von weiten würden sie ihn nicht mehr bewundern dürfen. Es sei denn, er fand niemanden neuen. Was unwahrscheinlich war.
    Er schnappte sich seine restlichen Sachen – die traurigerweise nur aus zwei neuen Karten, Papier und Tinte bestanden, und dem Kompass, den er von Trevor bekommen hatte. Der Händler im Laden hatte versucht, ihm einen neuen anzudrehen. Und Edmund wusste bis jetzt nicht, warum er es abgelehnt hatte. Der Kompass war alt, hässlich - und Trevor hatte ihm das Ding gegeben. Also behielt er ihn.
    Er verstaute den Kompass in einem Beutel am Gürtel.
    Dann prüfte er seine Frisur in einem der Spiegel. Er musste zugeben, für die Tochter eines Badeshausbesitzers hatte E sich gut geschlagen. Schulterlang war jedoch ein Witz. Das war maximal noch eine Handbreite. Und die Seiten hatten sie ordentlich eingekürzt
    „Gefällt es dir?“, wollte E wissen.
    Edmund wog den Kopf.
    „Ungewohnt, aber ja.“ Er strich sich die Haare zurück. Blieb abzuwarten, wie sie aussahen, wenn sie trocken waren. Und ob er ihr dann die Haut von den Knochen ziehen musste, weil sie seine schönen Haare ruiniert hatte.
    „Das freut mich. Du siehst gut aus“, schmeichelte ihm E-Irgendwas.
    „Ich sehe immer gut aus“, meinte Edmund. Dann erkundigte er sich bei den beiden Frauen nach dem Weg zum Goldenen Pfau und verabschiedete sich mit einem letzten höflichen Lächeln.
    Auf Nimmerwiedersehen und danke für die Auskünfte!

    Auf der Straße vor dem Badehaus atmete er die salzige Luft ein. Nach den letzten Wochen kam es ihm regelrecht seltsam vor, wie einfach bisher alles funktioniert hatte. Er war weder davongejagt worden. Noch hatte man versucht ihn zu töten. Das stank zum Himmel. Gewaltig.
    Edmunds Magen knurrte und erinnerte ihn daran, seinen Weg vorzusetzen. Das Schiff konnte noch warten. Oder irgendeiner von den anderen kümmerte sich darum. War es seine Aufgabe? Nein.
    Er wollte gerade in eine Gasse abbiegen, als ihm eine bekannt Gestalt ins Auge sprang, die sich mit einem pelzigen Klumpen durch die Menschen der Gasse schlängelte. Auch nach mehreren Tagen war ihm dieser Andre immer noch suspekt. Irgendwas stimmte mit dem Kerl nicht. Seine Anwesenheit ließ ihn nicht vernünftig schlafen. Von Trevor, der ihn mitten in der Nacht aus dem Bett schleifte, einmal abgesehen.
    Wie hatte dieser Typ den Angriff überleben können – samt Katze -, während alle anderen auf seinem Schiff gestorben oder gefressen worden waren?
    Edmund entschied sich kurzerhand für einen längeren Weg und lief lässig auf Andre zu, bis er ihm beschwingt in den Weg treten konnte. Der Kerl war sogar noch kleiner und schmächtiger als er. Was ein Wicht. Wenn sein Vater jemanden als weibisch bezeichnen wollte, dann ja wohl ihn.
    „Wie ich sehe, hast du das Schiff auch verlassen.“ Edmund grinste vor sich hin.
    „Ja“, meinte Andre lediglich. Der Kater fauchte Edmund an. Er ignorierte es.
    „Wohin soll es denn gehen?“ Vielleicht konnte er mehr aus diesem Typen herausbekommen.
    Wäre doch gelacht!
    „Weiß ich noch nicht.“ Andre wollte an ihm vorbei. Doch so schnell ließ sich ein Edmund nicht abwimmeln. Mit den Händen in den Taschen schlenderte er neben Andre her.
    „Dann stört es dich sicherlich nicht, wenn ich dich begleite, oder?“
    Es war genau die entgegengesetzte Richtung, in die er eigentlich wollte. So ein Mist!
    „Doch tatsächlich stört mich das“, kam es prompt als Antwort.
    Edmund fühlte sich nicht vor den Kopf gestoßen. Gar nicht. Überhaupt nicht.
    „Zum Glück war das nur eine Höflichkeitsfrage. Ich begleite dich trotzdem.“
    Edmund wartete keine Antwort ab und setzte sein charmantes Lächeln wieder auf.
    Das hilft immer.
    Andre sah ihn einen Moment verwirrt an dann erwiderte er: „Hör zu, ich bin dankbar für die Rettung, wirklich. Doch mehr ist nicht nötig. Ich komme ab jetzt alleine klar.“
    Oder auch nicht…
    Warum war er eigentlich nur noch von störrischen Idioten umgeben? Einer nerviger als der andere. War sein Aussehen gar nichts mehr wert?
    Und toll, dass sich der Kerl für die Rettung bedanke. Aber was war mit dem Rest? Er hatte für ihn gekocht! Und darauf verzichtet, die Katze zu braten! Etwas mehr Dankbarkeit war da sicher nicht zu viel verlangt. Vor allem ihm gegenüber!
    Wenigstens ein nettes „Gespräch“! Ein nettes Gespräch, bei dem er Andre ein paar Informationen aus der Nase ziehen und er damit dann bei den anderen angeben konnte. Auch sie hatten schon ihr Glück strapaziert, herauszufinden, was Andre verbarg. Es wäre doch gelacht, wenn er an dem Witzbold scheiterte.
    „Schade“, gab er von sich, „und ich dachte, ich kann dich vielleicht überreden, mit mir Essen zu gehen.“
    Diesen Moment nutzte Andres Magen, um lauthals auf sich aufmerksam zu machen.
    „Also, ich..."
    Erwischt. Edmunds Lächeln wurde noch eine Spur breiter.
    „Mir wurde ein Gasthaus empfohlen. Und ich würde dich natürlich auch einladen, so unter Freunden. Aber wenn du lieber allein zurechtkommst ... “ Er zuckte die Schultern.
    Andre kniff die Augen zusammen.
    „Komme ich auch!“ Sein Magen knurrte nochmals.
    Es hörte sich nicht so an, als würde er zurechtkommen.
    Beim Arsch der verdammten Tiefseegötter! Der war doch noch verkopfter als sie alle zusammen!
    „Jetzt stell dich nicht so an. Ich verspreche auch, dass ich meine Hände bei mir lasse.“ Er kreuzte die Finger hinter dem Rücken. Nur für alle Fälle.
    Für ein paar Informationen jemanden zum Essen einzuladen, entsprach nicht seinem üblichen Vorgehen. Aber warum nicht auch was Anderes versuchen?
    Andre haderte sichtlich mit sich.
    „Na schön“, sagte er schließlich. „Alles auf deine Kappe. Und danach gehen wir getrennte Wege.“
    Wenn der Kleine ihm gab, was er wollte, konnte er getrost bis zum Ende der Welt gehen oder sich im Hafen ertränken. War ihm dann auch egal.
    „Abgemacht“, meinte Edmund mit einem siegreichen Grinsen.
    Er legte ihm den Arm um die Schultern und schob ihn so die Straße entlang zurück in die andere Richtung.
    Andres Gesicht hätte ein Unwissender als bereuende Grimasse deuten können. Aber da Andre die seltene Gelegenheit hatte, mit ihm, Edmund, zu essen, und er auch noch für den Wicht bezahlte, konnte das nicht sein.
    „So viel zu, ‚ich lasse meine Hände bei mir‘“, hörte er Andre grummeln.
    „Ein freundschaftlicher Arm um die Schulter ist doch kein Problem, oder?“ Edmund grinste zufrieden vor sich hin. „Ich reiße dir immerhin nicht die Kleidung vom Leib.“
    Die Lumpen konnte der sich wenn schon selbst vom Leib reißen.
    „Versuch es und du endest wie Wilmor.“
    Der mumifizierte Kater auf Andres Arm maunzte zustimmend. Edmund betrachtete das hässliche Vieh geringschätzig.
    „Als was genau? Als Katze?“
    „Als halbtote Mumie.“

    Edmund hob irritiert die Augenbrauen.
    „Wenn dann schon als gutaussehende halbtote Mumie", betonte er. Immerhin sah er nicht so zerrupft aus. Und wie genau meinte er das? Lebte das Vieh oder war es tot?
    Andre maß ihn mit einem zweifelnden Blick, sagte aber nichts.
    Edmund nahm seinen Arm zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, während er Andre aus dem Augenwinkel bedachte.
    Was ein gesprächiger kleiner Mistkerl. Wie viel Wein wohl nötig war, um seine Zunge zu lockern?
    „Das ist keine normale Katze, oder?“, setzte er deshalb nach und nickte zu dem Tier.
    „Ja“, sagte Andre einsilbig. „Denn sie ist ungewöhnlich männlich für eine Katze. Für einen Kater ist sie ganz normal.“
    Ja, dann eben nicht.
    Du siehst auch zu weiblich aus, um männlich zu sein, Möchtegernmatrose.
    Offenbar würde er viel Wein benötigen. Vor allem für sich. Um den Kerl weiter zu ertragen.

    Für den Rest des Weges verzichtete Edmund auf weitere Gespräche. Und man sagte ihm, er wäre einsilbig. Pah!
    Vor der nächsten Straßenecke ragte schließlich ein großes Gebäude auf, das mit seiner frischen blauen Fassade auf sich aufmerksam machte. Ein goldener Pfau war auf ein Schild gemalt. Und die Fensterrahmen und – läden gelb abgesetzt.
    Unauffällig.
    Das Gasthaus machte von innen einen ähnlichen Eindruck wie von außen. Ordentlich. Gepflegt. Und mit verziertem Goldstuck an den Wänden und blauen Polstern auf den Stühlen. Der Raum war gut gefüllt, war aber nicht überrannt.
    Edmund fasste einen Tisch in der Mitte ins Auge, der ihm perfekt erschien. Er wollte gerade darauf zusteuern, als ein in Rosarot gekleideter Fettsack mit grell geschminkten Augen auf sie zukam.
    „Willkommen, Willkommen“, rief er bereits von weitem. Er breitete die Arme aus und wirkte dadurch wie ein Walross, das sich mit einem Papagei gepaart hatte, und nun auf sie zurollte. „Wie kann ich euch helfen? Ein Tisch für zwei?“
    Edmund überwand den ersten Schreck schnell und verzichtete auf den Hinweis, dass das bunte Outfit ein Verstoß gegen jedes vorhandene und nicht vorhandene Modebewusstsein darstellte. Zum Grellen Fettsack verkaufte sich aber wohl schlechter als Zum Goldenen Pfau. Tja…
    „Wir würden den Tisch nehmen.“ Edmund deutete auf den auserkorenen Platz.
    „Selbstverständlich!“ Der Paradiesvogel klatschte in die Hände. „Kann ich etwas zum Essen anbieten?“
    „Der Wildbraten soll wohl gut sein. Und Wein.“
    Der Fette nickte und verschwand zwischen den Tischen. Erstaunlich wie wendig er war. Ein bunter Haufen Stoff flatterte hinter ihm her und brachte fast eine Schankmaid zum Stolpern.
    „Eine ganz tolle Empfehlung“, gab Andre von sich, kaum, dass sie saßen. Und klang dabei seltsam angewidert.
    „Ich weiß nicht, was du hast. Der Fettsack sieht doch aus, als würde das Essen schmecken. Und mit genug Wein verschwimmt auch sein Anblick.“
    Edmund lehnte sich auf dem gepolsterten Stuhl zurück und betrachtete die anderen Gäste. Dabei entging ihm nicht, dass Andre die Augen verdrehte. Wobei sein Mundwinkel verräterisch zuckte.

    Verdammt viel Wein…

    Edmund schenkte seinen Tischnachbarn ein offenes Lächeln, als er hörte, wie sich diese über ihre Reiseroute austauschten und von Monstersichtungen sprachen.
    „Seid ihr auch einem Meeresmonster begegnet?“, mischte er sich in das Gespräch der anderen ein.
    „Nein“, meinte einer der Frauen. „Aber sagt nur, Ihr seid einem dieser Ungeheuer begegnet?“ Ihre Augen weiteren sich.
    Edmund nickte zufrieden. „Einer Riesenkrake.“ Er deutete auf Andre, der sich auf seinem Stuhl etwas kleiner machte. „Sein Schiff wurde völlig zerstört. Aber wir haben es geschafft zu entkommen und ihn zu retten.“
    Links beugte sich ein Mann näher, sichtlich interessiert.

    „Ach iwo, das hättet ihr nie überlebt“, meinte ein anderer Mann.

    „Gehört Euch das zerstörte Schiff im Hafen?“, wollte der Linke Mann wissen.
    Als Edmund grinsend erneut nickte, hatte er die Aufmerksamkeit einiger Leute, die gebannt auf eine spannende Geschichte warteten. Vielleicht musste er auch am Ende gar nichts bezahlen. Blieb abzuwarten, wie der Abend verlief.

    Edmund bewegte sich immer noch nicht. Stattdessen hielt er den Blick auf den riesigen Kraken gerichtet, der gerade das Schiff in der Ferne zerstörte, als wäre es Kinderspielzeug. Es gab also doch Seeungeheuer... das oder er hatte hetig eines auf den Schädel bekommen.
    „Ich hätte nicht gedacht, dass ich die Insel doch noch vermissen würde…“, entfuhr es ihm.
    „Beweg dich endlich!“, schrie Trevor von irgendwo auf dem Schiff zu ihm rüber.
    Edmund wollte fragen, wohin er sich denn bewegen sollte, verzichtete aber darauf. Wenn selbst das riesige Schiff keine Chance hatte, was sollten sie dann mit ihrem schwimmenden Sarg anfangen? Vielleicht meinte er auch, dass er von Bord springen und zur Insel zurückschwimmen sollte? Oder wohin sonst hatte er denn vor zu verschwinden? Das Meer war ja wohl offenkundig das Revier dieser ... Dinger! Und wenn das Vieh sie bemerkte, konnten sie sich bewegen, wohin sie wollten, da war nichts mit Flucht! Und spätestens dann wurde das Schiff wirklich zu ihrem Sarg.
    Sein Blick glitt zu dem anderen Schiff. Der Krake war damit beinahe fertig und zertrümmerte gerade fröhlich eine Schiffswand.

    „Heute noch, wenn es geht!“, versetzte Trevor nochmal. Und Edmund musste aufpassen, kein gedehntes "Jaha" auszustoßen.
    Mechanisch lief er schließlich zum Steuerrad und ließ den Blick über ihre Schrottschüssel schweifen. Esther und Nelli behielten am Heck ebenfalls den Kraken im Blick, während sich Trevor über die Seile zu den Segeln bewegte.
    „Hat jemand einen Plan?“, rief er Trevor zu, während er das Steuerrat drehte und das Schiff nach Backbord fahren ließ. Trevor richtete derweil die Segel neu aus, damit diese weiterhin im Wind standen.
    „Weg hier.“
    „Toller Plan!“
    , gab Edmund zurück. Da stellte der Kerl ihn an als wäre er ein Lakai und dann hatte er nicht einmal einen Plan!
    „Entschuldige, das nächste Mal, nehme ich ein paar Bäume mit, um sie nach Riesenkraken zu werfen!“
    War das Angst, die er in Trevors Stimme vernahm? Das konnte wohl kaum sein. Denn wenn selbst der Formwandler Angst hatte, was sollte er dann machen? Wenn hier einer ein Anrecht auf Angst hatte, dann war es ja wohl er. Und nicht der Kerl, der Bäume werfen konnte!
    „Da sind Menschen!“, meinte Esther. Die Adlige senkte das Fernglas, das sie auf dem Schiff gefunden hatten. Die Linse war milchig, aber offenbar erkannte man immer noch genug.
    Was auch sonst? Selten fuhr ein Schiff ohne Besatzung.
    „Und?“, fragte er deshalb zerknirscht.
    „Müssen wir ihnen nicht helfen?“
    Esther sah sie der Reihe nach an.
    „Klar schwimm rüber“, kommentierte Edmund bissig. „Sie freuen sich sicherlich dabei zuzuschauen, wie du ebenfalls zu Kleinholz verarbeitet wirst!“
    Zu seinem Erstaunen stimmte ihm sogar mal jemand zu. Trevor nickte.
    „Wir können nach dem Angriff nach Überlebenden schauen, aber niemandem nützt es, wenn wir auch in die Tiefe gerissen zu werden.“
    Wären sie nicht dem Tod geweiht gewesen, hätte sich Edmund sogar dazu herabgelassen, sich bei Trevor für den Zuspruch zu bedanken.

    Esther dagegen sah aus, als wollte sie weiter protestieren und auch Nelli erhob den Finger. Doch im Gegensatz zu der Jüngeren nickte die Hexe schließlich.
    „Wir kommen zurück“, versicherte Trevor an Esther gewandt. Womit die Magierin zwar nicht zufrieden, aber einverstanden war.


    Edmund blickte zu dem sinkenden Schiff und für einen kurzen Moment hatte er tatsächlich die irrsinnige Hoffnung, dass sie aus der Sache lebend herauskommen würden. Dann ging ein Ruck durch das Schiff und neben ihnen schoss ein Tentakel aus dem Wasser. Im gleichen Moment riss Esther ihren Zauberstab in die Höhe und ein Schutzschild entstand um sie herum. Der Tentakel knallte gegen das Schild und ließ es aufleuchten. Esther keuchte auf und geriet ins Schwanken. Nur mit Mühe konnte sie sich auf den Beinen und den Schild aufrecht erhalten.
    „Es gibt einen zweiten!“, rief Trevor aus. Das war eine Aussage, der es an Offensichtlichkeit nicht mangelte.
    „Wie kommst du denn darauf?“, ranzte Edmund zurück, bereits mit der Überlegung beschäftigt, ob er von Bord springen sollte. Stattdessen krallte er sich am Steuerrad fest, als würde ihm das lächerliche Ding irgendwas nützen.
    „Ich kann das nicht lange halten!“, rief Esther ihnen zu. Zwei weitere Tentakel wollten sich um das Schiff schließen und prallten auf ihren Schild.
    Und was sollen wir jetzt machen?
    Edmund blickte zu den Segeln. Der Schutzschild schützte sie vor dem Angriff, dem sie sicherlich nicht davon fahren konnten. Aber der Schild verhinderte auch, dass der Wind die Segel überhaupt aufblähen konnte. Sie saßen in der Falle. Ohne Wind konnten sie nicht weiterfahren, aber ohne Schild würden sie einfach zerdrückt.

    Er war nicht für Gewalt, aber eine Kanone wäre in diesem Moment sicherlich hilfreich.

    Was genau war eigentlich mein Problem mit der Langeweile in Sonnental?! Ob der Moment gut war, sich irgendwo ängstlich einzuigeln und auf das Beste zu hoffen?

    Trevor entfuhr ein verzweifelter und langatmiger Fluch.
    „Okay, Trevor. Du bist dran! Ich setze darauf, dass du das Vieh im Faustkampf besiegst!“, rief Edmund ihm zu.
    Offenbar war es an Deck auch nicht mehr sicher. Dann also doch ins Meer und um sein Leben schwimmen? Sollte er sich noch die Schuhe ausziehen, ehe er sprang?
    Allein der Gedanke an dieses Vieh im Wasser ließ es ihm übel aufstoßen. Auf der anderen Seite: wie viel Interesse konnte das Ding an einer einzelnen wegschwimmenden Gestalt haben, wenn es doch ein Schiff zerlegen konnte? Wieder andererseits, was hatte das Ding überhaupt für ein Interesse an ihrem Schiff, wenn es sicherlich irgendwo etwas Nahrhafteres zu Fressen gab als Holz? Oder schmeckte Kraken Holz? Oder wollte das Ding an ihre Vorräte! Sauerei!
    „Nur, dass der Kraken mehr Fäuste hat“, stieß Trevor frustriert aus. Er holte einen Säbel unter Deck hervor und drückte Edmund zu seinem Unmut ebenfalls eine Waffe in die Hand. Eher widerwillig und mit spitzen Fingern umgriff Edmund die Klinge. Er wollte nicht kämpfen. Und vor allem nicht gegen einen Kraken. Das Ding war ihm acht zu zwei überlegen.
    Edmund unterdrückte den Drang panisch über das Deck zu rennen. Und nahm sich kurz die Zeit, die Tentakel näher zu mustern. Für einen Kraken hatten sie eine seltsam lilablaue Färbung. Ob das Ding auch noch giftig war?
    „Was machen wir jetzt?“, wiederholte Nelli Edmunds Gedanken. Die Alte klammerte sich an die Reling. „Esther kann das nicht ewig halten!“


    Ironischerweise geriet in eben diesem Moment die Revenge ins Schwanken, als einer der Tentakel erneut auf das Schiff einschlug.

    Edmund verlor das Gleichgewicht und rutschte über das Deck. Der Schutzschild um das Schiff verschwand, als Esther ins Straucheln geriet. Unmittelbar neben ihr schlug einer der riesigen Arme auf das Holz und ließ dieses verdächtig knirschen. Vermutlich brach das Schiff nur nicht, weil Esthers Schild noch den Großteil des Schwungs abgefangen hatte.

    Sowohl Esther als auch Edmund purzelten über das Deck. Unter dem Schiff erklang ein Grummeln, das durch das Holz vibrierte. Ganz so als würde das Vieh freudig lachen.
    Mistvieh!
    Als Edmund endlich zum Liegen kam, fiel sein Blick auf Trevor, der mit einem der Krakenarme focht. Neben ihm schlug Nelli mit ihrem Stock auf einen anderen Tentakel ein und beschimpfte das Vieh mit allem, was ihr verbal zur Verfügung stand. Was diesen aber wenig zu jucken schien. Stur umarmte der Krake weiterhin das Schiff und schlang sich um den Mast. Sie hatten bedenklich Schräglage, weshalb alles umherrutscht.

    Esther suchte derweil panisch den Boden ab. Hatte die ihren Stab etwa schon wieder verloren? Wie konnte sie ständig ihren Zauberstab aus den Händen verlieren? Wenn man einen Magier schon mal brauchte, ließ er seine Waffe einfach fallen!
    Irgendwann binde ich das Teil an ihr fest!
    Edmund stemmte sich hoch, bekam aber im gleichen Moment die Füße weggezogen. Etwas schlang sich um sein Bein. Der Säbel fiel ihm aus der Hand, als er mit dem Körper aufschlug und in die Höhe gezogen wurde.

    Er schrie auf, als er den Boden unter den Füßen verlor. Warum war ausgerechnet er der Erste, der sterben musste? Warum nicht die alte Hexe? War sie zu zäh? Dann Esther! Oder wenigstens Trevor! Warum ausgerechnet er? Das war ja wohl nicht gerecht!
    „Die anderen schmecken viel besser“, schrie er.
    Die Reise war eine kurze gewesen und tatsächlich war das Schiff nicht einfach abgesoffen, wie er es eigentlich erwartet hatte, sondern wurde von einem vermaledeiten Kraken aufgefuttert. Scheinbar hatte sich wirklich alles und jeder gegen ihn verschworen!
    Irgendwer schrie seinen Namen. Aber das war ihm herzlich egal. Fiel diesen Schwachköpfen nichts Besseres ein, als seinen Namen zu rufen?
    Wieder drang ein Brummen unter dem Schiff hervor. Edmund sah, wie Trevor auf den Tentakel einstach, der ihn festhielt. Leider recht erfolglos. Es machte den Kraken nur wütender und sorgte dafür, dass Edmund wenig elegant durch die Gegend geschleudert wurde. Das Blau des Himmels und des Wassers verschwamm in einen einheitlichen Brei. Ihm wurde übel.
    „Wenn dir nichts Besseres einfällt, dann hör auf damit!“, schrie er.
    Das Schleudern hörte auf, weshalb Edmund erschöpft in der Luft hängen blieb. Er kämpfte dagegen an, dass sich weiterhin alles um ihn herum drehte.
    Neben dem Schiff tauchte der riesige Kopf des Viehs auf und musterte Trevor. Wie Edmund fand beinahe vorwurfsvoll.
    Ja, entschuldige, dass sich die Beute wehrt, du dummes Vieh!
    Die Augen des Kraken richteten sich auf ihn und sein Maul öffnete sich. Ein Brüllen erklang. Und der Gestank nach Fisch drang ihm entgegen. Dann wurde er schon wieder durchgeschüttelt.
    Das war nicht so gemeint!
    Kurz bevor er sich doch noch übergeben musste, hielt die Bewegung des Kraken erneut inne. Und Edmund fühlte sich wie ein Fisch, der kopfüber zum Trocknen aufgehängt worden war.
    Er blickte in den schwarzen Schlund.
    Das stinkt ja schlimmer als die Absteigen in Sonnental! Edmund verzog das Gesicht und hielt sich die Hand vor Nase und Mund. Allein der Stand reichte, damit er nun wirklich spürte, wie ihm sein Essen hochkommen wollte. Das Vieh hätte sich zumindest die Zähne putzen können, ehe er die Tentakel an ihn legte und auch noch im Begriff war, ihn zu fressen! Schäm dich!
    Wieder wurde er herumgeschwenkt, weshalb er sah, wie seine anderen drei Begleiter mit den restlichen sieben Fangarmen kämpften. Irgendwo brach sogar ein Stück aus dem Schiff.
    „Könntet ihr mal aufhören, mit dem Vieh zu spielen und mir helfen?!“
    Mit den Fäusten versuchte er auf die schleimige Haut des Kraken einzuboxen. Was schwerer war, als gedacht, da sich die Haut anfühlte wie das, was sich auf der Milch bildete, wenn man diese ohne Rühren erhitzte.
    Lass mich runter und verpiss dich, verdammt!
    Der Tentakel senkte sich. Und Edmund sah sich schon im Schlund des Viehs verschwinden, klatschte dann aber zu Boden.
    Der Krake hatte ihn wieder an Deck des Schiffes fallen lassen.
    Verwirrt sah sich Edmund um. Die Tentakel zogen sich zurück und ließen seine Kameraden ebenso überrascht an Deck stehen, wie er sich fühlte.
    Lediglich ein Tentakel klammerte sich weiterhin an der Reling fest. Der Kopf des Kraken blickte darüber und musterte das Deck. Dann ihn.
    Edmund kroch zurück. Die schwarzen Augen des Ungetüms folgten ihm. Wieder erklang das Brummen. Es war laut genug, dass es weit über das Meer schallen musste.
    Irgendwas am Blick des Viehs verunsicherte ihn.
    „Der andere Krake verschwindet“, hörte er Nelli irgendwo hinter sich flüstern.
    Die Augen des Tiers glitten kurz zu Nelli. Dann tauchte es unter die Wasseroberfläche. Erneut das Brummen, diesmal erfolgte eine Antwort aus der Richtung, in der das andere Schiff gesunken war. Unterhielten sie sich? Hatten die beiden beschlossen, sie in Ruhe zu lassen? Hatte das Holz nicht geschmeckt?
    Das Wasser schwabbte gegen das Schiff und ließ es noch einen Moment hin und her schwanken, dann blieb es ruhig im Meer liegen.
    „Ähm…“, war alles, was Edmund herausbrachte, ehe er sich nach den anderen umsah. Der Schock stand ihnen allen ins Gesicht geschrieben.

    „Dann können wir wohl doch noch nach Überlebenden schauen“, durchbrach Nelli mit kratziger Stimme das Schweigen.

    Während sich Edmund nun doch erhob und zur Reling hechtete, um sich zu übergeben. Die stürmigste See war nichts im Vergleich zu einem Kraken, der einen schüttelte wie ein nasses Laken und stank wie eine ganze Höhle toter Schwachköpfe!

    Edmund schimpfte und fluchte, als er das Hemd schrubbte. Es war eine Sache, durch eine Höhle auf einer einsamen Insel zu irren, in der ihm singende Feen, tanzende Pilze und menschenfressende Halsabschneider auf die Nerven gingen…
    Kurz musste er über das Wortspiel kichern…
    Halsabschneider..
    Er räusperte sich.
    Das war das eine. Aber welcher Kerl mit geistiger Umnachtung war auf die Idee gekommen weiße Hemden für Arbeiter zu nähen? Sie verfärbten in der Sonne. Sie wurden dreckig. Und Blut machte darauf Flecken, die einfach nicht auszuwaschen waren.
    Da spielte es auch keine Rolle, dass Baumwolle und Leinen von Natur aus weiß war! Oder eben bereits ausgebleicht aussah mit diesem scheußlichen Gelbstich…
    „Das bekommst du so nicht raus", meinte Trevor, der es bereits aufgegeben hatte, seine Sachen weiter zu malträtieren. Sein Hemd hielt er in der Hand, den Rest trug er wieder am Leib. Störte ihn der Dreck etwa gar nicht?
    Wobei … zurückgedacht, macht ihm das Blut vermutlich nichts aus. Mir aber schon!
    „Ach, was du nicht sagst.“ Edmund knirschte die Zähne.
    „Zitrone hilft", meinte Nelli. Die Hexe, die so nicht genannt werden wollte, aber nun mal genau das war, kam an die Quelle und musterte die beiden Männer.
    „Ich Idiot“, zischte Edmund, verzichtete darauf, sich die Hand vor den Kopf zu schlagen, „ich besorge gleich welche auf dem Markt für schiffbrüchige Reisende!“
    Das Blut von Geisteskranken hatte ihn von Kopf bis Fuß verschmutzt. Von anderen Körperfetzen ganz zu schweigen, durch die er sich hatte graben müssen. Das Gefühl bekam er nie mehr von der Haut. Den Anblick nicht mehr aus dem Kopf. Und diesen verdammten Fleck nicht mehr aus diesem bescheuerten Hemd! Und nun noch diese dumme Randbemerkung der Alten!
    Denkbar schlechter Zeitpunkt für Ratschläge, altes Weib!
    „Was machst du hier überhaupt, Oma?“, warf Trevor ein, wohl, um eine nahende Grundsatzdiskussion zu unterbinden.
    Warum nannte er die Alte immer Oma? Er war doch gar nicht mit ihr verwandt?!
    Oder doch?
    Sie war alt. Also passte „Alte“ doch viel besser. Und sie war eine Hexe, aber so wollte sie nicht genannt werden. Beim Namen nannte doch auch Trevor sie nicht. Und dennoch hatte sich die Alte über Oma noch nicht beschwert.
    „Ich wollte baden, und dachte, ich schau mal, wie weit die Geheimniskrämer sind.“ Sie hob auffordernd die Augenbrauen, bohrte aber nicht weiter. Besser so. Weder Edmund noch Trevor würden darüber reden. Auch, wenn ersichtlich war, dass Nelli gerne gewusst hätte, was passiert war. Und vermutlich war sie auch hier, um sich zu vergewissern, dass keiner von ihnen verletzt wurde.
    Was ihn am meisten daran nervte!
    Ihm brannte noch der Scham der Situation am Strand in den Wangen, wenn er nur daran dachte. Das kratzte an seinem Ego!
    Edmund gab das Schrubben an seinem Hemd auf und erhob sich.
    „Tu dir keinen Zwang an. Ich bin sowieso weg.“
    Er griff nach dem erstbesten Hemd auf der Leine und warf es sich über. Es kratzte, war zu weit und hing an ihm wie ein Kleid. Entweder war er kleiner als gedacht, oder die damalige Mannschaft hatte Riesen beschäftigt. Was ihm bei dem Erlebnis in der Höhle auch nicht mehr verwundert hätte.
    „Ach, du musst nicht gehen. Ich habe auch kein Problem damit vor euch nackt zu baden.“ Auf Nellis Gesicht bildete sich ein Grinsen, das aus einer Mischung aus Belustigung, Bösartigkeit und vor allem Falten bestand.
    „Ich habe aber ein Problem damit, dich nackt zu sehen, O- … altes Weib!“
    Beinahe hätte er es auch gesagt!
    Wo kam das denn her?
    Edmund wandte sich um, knöpfte das Hemd zu und winkte ab. „Frag nochmal, wenn du wieder dein Teufelszeug der Jugend getrunken hast! Dann helfe ich dir vielleicht sogar beim Ausziehen.“
    Den schweren Schritten hinter sich zu urteilen, hatte auch Trevor wenig Lust darauf, der Alten beim Baden zuzuschauen. Oder er wollte nur am Schiff weiterarbeiten.
    Edmund betrachtete Trevor nachdenklich. Die Alte beschwerte sich, dass er sie Hexe nannte. Dabei war sie das. Trevor nannte sie Oma. Darüber beschwerte sie sich nicht. Bei ihrem Namen nannte aber auch Trevor sie selten bis nie. Warum also verlange es die Hexe von ihm?
    „Warum nennst du die alte Hexe immer Oma?“, rutschte es ihm heraus, ehe er die Worte hätte zurückhalten können. Sofort ärgerte er sich darüber, konnte es aber schlecht zurücknehmen.
    „Sie erinnert mich an meine Oma. Eigensinnig, stur, überlebt die meisten um sich herum ..."
    „Das trifft es erstaunlich gut“,
    sie ist stur und überlebt uns noch alle, „aber was hat sie gegen altes Weib? Sie ist ja auch alt...Was ist an "Oma" besser?"
    Trevor blickte ihn an, als würde er gerade mit einer stinkenden Socken als Hut Limbo über Murmeln tanzen. Irgendwas zwischen Unglaube und Verwirrung.
    „Ich meine es als eine Art Kosename, da sie mich 'Junge' nannte. Ich degradiere sie mit dem Namen oder beleidige sie nicht damit. Stell dir vor, ich würde dich die ganze Zeit Lauch nennen oder halbe Portion ... Angsthase, Schisser, Mädchen, Gnom, Meerjungfrau ... Muttersöhnchen ..."
    Autsch…
    „Das waren ein paar Bezeichnungen zu viel ...", gab Edmund zerknirscht von sich. Ich nenne dich doch auch nicht Monster, du dämlicher Pirat!
    „Ich wollte es nur untermalen ..." Trevor lächelte. „Jemanden ständig auf Schwächen hinzuweisen ist nicht nett. Sei es das Alter, körperliche Merkmale oder die abwertende Bezeichnung von Heilerinnen."
    „Jaja", winkte Edmund ab. Jetzt nervte ihn die Belehrung. Er war doch nicht dumm. Aber das Alter als eine Schwäche hinzustellen, war nicht seine Absicht gewesen. Im Grunde sah er dies auch nicht als Schwäche und so weit er es bisher einschätzen konnte, war die Hexe deshalb auch nicht schwach … Immerhin besaß sie den Schneid ihm auf die Nerven zu gehen! „Ich habe es ja verstanden", knurrte er genervt. „Das mit der Hexe hat sie ja erklärt, aber", er überlegte kurz, „Peternella klingt nun mal dumm und ... " Nelli geht mir einfach nicht über die Lippen ...
    „Dann nenn sie doch auch Oma, wenn sie dich 'Junge' nennt." Trevor zuckte die Schultern.
    „Aber sie ist nicht meine Oma!", gab Edmund entrüstet zurück. Der Gedanke war abwegig! Weit abwegiger als der Name Peternella oder Nelli! Auch wenn es ihm vorhin beinahe über die Lippen gekommen war!
    „Dann bleibt dir nur Nelli.“
    Das habe ich befürchtet…
    Das war nicht fair. Die Alte nannte ihn Wendy und er musste sich ihrer Anweisung beugen, weil er sie sonst beleidigte? Irgendwas in ihm weigerte sich, dem nachzugeben. Womit hatte sie sich das denn verdient? Sie nervte ihn doch nur! Nichts hatte sie sich verdient! Vor allem nicht seinen Respekt!
    „Ich denk drüber nach", grummelte er nur, als sie am Lager ankamen. Fakt war, ‚Nelli‘ kam nicht in Frage! Eine Verniedlichung hatte das klapprige Ledergestell von allen Bezeichnungen am wenigsten verdient!

    Edmunds Blick glitt zum Schiff. Und mit einem Mal war der irrsinnige Gedanke an die Hexe aus seinem Kopf verschwunden.
    „Was glaubst du, wie lange wir noch brauchen?“, wollte er von Trevor wissen.
    Dieser wog den Kopf, sah vom Schiff zu ihm, dann zum Schiff zurück und dann wieder zu Edmund.
    Doppel-Autsch …
    „Vielleicht eine Woche?“, nochmal musterte er ihn. „Vielleicht auch zwei."

    Dreifach-Autsch ...

    Edmund schluckte die Beschwerde darüber, dass dieser Erkenntnis erst eine Musterung von ihm vorausgehen musste, hinunter. Die Freude endlich die Insel hinter sich zu lassen, war dafür einfach zu groß.
    Nur noch eine Woche ... oder zwei....
    „Und wohin dann?“ Esther trat zögerlich an sie heran. Ihrem Blick lag ein Ausdruck bei, der durchaus besorgt wirken könnte, Edmund aber nicht weiter interessierte. Nach der Insel würde er diese Gestalten hinter sich lassen und dann konnten sie besorgt dreinblicken wie sie wollten. Und in Nellis Fall omamäßig andere „Jungen“ nerven.
    „Wenn wir uns nicht verrechnet haben“, damit meinte er sich und Trevor, „dann sind wir vom ursprünglichen Ziel zu weit abgekommen. Mit dieser Nussschale kommen wir dort wohl nicht an. Realistisch gesehen, sollten wir die ersten bewohnten Inseln ansteuern und dort werde ich schauen, wie es weitergeht.“
    „Ich schätze, wir sollten dann Ausrüstung und Vorräte auffüllen und das Schiff ordentlich reparieren lassen", schob Trevor nach.
    Edmund wollte erwidern, dass er kein Wir sah, nachdem sie wieder im bewohnten Teil der Welt angekommen waren, aber Esther unterbracht ihn, ehe er etwas sagen konnte.
    „Wie heißen die Inseln?“
    Sie sah zwischen ihnen beiden hin und her. Was interessierte sie sich plötzlich so sehr für ihren Kurs?
    „Laut der Karte des Kapitäns, Weiße Felseninseln, ein relativ großes Gebiet, mit offenbar größeren Inseln.“

    Ein Gebiet mitten in diesem verfluchten Schwarzen Fleck, das angeblich bewohnt war. Ihm aber rein gar nichts sagte. Auf den Karten Zuhause und seiner eigenen, die leider noch auf der Eleftheria war, auch nicht eingezeichnet. Logisch, schließlich ging man davon aus, dass es keine bewohnten Inseln im Schwarzen Fleck gab. Aber da über dieses Seegebiet sowieso zu wenig bekannt war, weil fast alle Schiffe hier sanken, war das auch nicht verwunderlich.

    Die meisten Seeleute umsegeln das Gebiet offenbar nicht umsonst, grummelte Edmund innerlich.

    Edmund stampfte durch den Wald und knete dabei seine Kleidung in den Händen. Nun war es so weit und er würde seine Kleidung doch beerdigen müssen. Sie war vom Schiffbau und der Zeit auf der Insel deutlich ramponierter und vor allem blutiger als ihm lieb war.
    Grummelnd richtete er den kratzigen Stoff des Hemdes. In dem Haufen Kleidung, den die Mannschaft der Nussschale nach ihrem Tod zurückgelassen hatte, war es schwer gewesen, etwas zu finden, in dem er nicht hing wie ein nasser Sack, oder bei dem ihm die Hose nicht viel zu kurz war. Kratzig war jeder Stoff gewesen.
    Bleibt zu hoffen, dass mir deshalb keiner dieser angeblichen Hexen-Geister an den Hacken klebt, weil ich seine Kleidung trage.
    Nun war er wirklich am Tiefpunkt angekommen… Er trug Arbeiterkleidung, arbeitete und war auch noch braun! Und glaubte an Geister!
    Immerhin musste er der einfachen Kleidung lassen, dass die Taschen größer waren. Im Gegensatz zu seiner eigenen Kleidung dienten diese nicht nur der Zierde und es konnten lockert hundert Dinge darin herumgeschleppt werden, ohne, dass der Stoff riss. Was nichts daran änderte, dass er sich in der Kleidung nicht wohlfühlte!
    Als er zum Lager zurückkam, hörte er bereits von weitem das Gerede der anderen. Es ging um das Schiff, den weiteren Plan und Vorräte. Und ebenfalls darum, was alle machten, wenn sie wieder in der Zivilisation angekommen waren.
    Edmund blieb einen Moment stehen und vergaß auch seine Kleidung. Die deutlich lockerere Stimmung der letzten Tage gefiel ihm. Sie saßen nun öfter zusammen und unterhielten sich, und auch wenn es lediglich um den Schiffbau ging und er mit Nelli ständig aneinandergeriet, schienen alle etwas entspannter. Nellis Tee, so widerlich das Gesöff auch schmeckte, zeigte seine Wirkung. Dazu kam der deutliche Fortschritt beim Schiff.
    Vielleicht können wir diese verfluchte Insel bald hinter uns lassen.
    Schweigend trat er ans Lager heran, betrachtete den Kleidungsklumpen nochmal, ehe er ihn seufzend in die Flammen des Feuers warf, auf dem das Essen kochte, und sich auf seinem Lager niederließ. Genervt blies er sich Haarsträhnen aus dem Gesicht und sah der Kleidung zu wie sie vom Feuer gierig gefressen wurde.
    „Ah, der feine Herr hat sich umgezogen“, gab Nelli von sich und hängte ihren Topf mit Wasser neben den bereits vorhandenen an das Gestell.
    „Ah, das alte Weib ist immer noch am Leben“, gab er zurück, ohne von seiner Kleidung aufzublicken. Er hatte keine Ahnung, was er ihr getan hatte, dass sie ihn immer wieder aufziehen musste. Aber so langsam gab er seine ablehnende Haltung ihr gegenüber auf. Immerhin schien sie ganz in Ordnung zu sein, oder so ähnlich. Und die Verrückte ließ sich von seiner Laune sowieso nicht beeindrucken und neckte nur noch mehr und bohrte nach.
    „Ach, sei nicht so“, lachte Nelli, „dich entstellt doch auch diese einfache Kleidung nicht.“ Von jedem anderen hätte es ein Kompliment sein können. Doch aus Nellis Stimme sprach nichts als Schalk. Pff. Er nahm es dennoch als Kompliment! Natürlich konnte nichts ihn entstellen.
    „Ich bin ja auch nicht du. Du entstellst die Kleidung…“
    Nelli ließ sich von seinem - wie er fand - hervorragenden Konter nicht beeindrucken.
    „Ich bin auch nicht darauf angewiesen. Ich überzeuge mit meinen Fähigkeiten und nicht meinem Aussehen.“
    Edmund legte den Kopf zur Seite. Was sollte denn diese Bemerkung bedeuten?
    „Eine Aussage, die du erst jetzt im Alter triffst, oder auch schon in deiner Jugend?“
    „Nein, da hatte ich ja beides.“

    Die Aussage überraschte ihn doch genug, damit er sich ein Lachen nicht verkneifen konnte. „Zum Glück bist du so bescheiden.“
    „Ich bin zu alt für Bescheidenheit.“
    „Endlich mal eine Gemeinsamkeit“
    , gab Edmund von sich.
    Er wandte sich wieder an den Stoff, der im Feuer kaum noch zu sehen war und warf dann einen Blick in den Topf mit dem Essen. Als er sich sicher war, dass es noch ein paar Minuten benötigen würde, setzte er sich zurück und beobachtete Esther dabei, wie sie Nägel sortierte – aussortierte, was sie nicht mehr nutzen konnten und das beiseitelegte, was sie für die heutige Nacht benötigen konnten. Sie schien so konzentriert, dass sie das Gespräch gar nicht mitbekommen hatte. Zumindest strich sie sich gedankenverloren eine Strähne aus dem Gesicht. Dennoch lag ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen.
    Es war erstaunlich, dass die Gräfin ehrlich lachen konnte. Das hatte er bisher nicht erwartet. Und eigentlich hatte er sie Tage zuvor, als sie ihn ins Wasser gezogen hatte, auch anschreien wollen, aber dann hatte sie derart dumm aus der Wäsche geblickt, dass er es nicht mehr konnte. Und er musste zugeben, dass es ihm besser gefiel, wenn die anderen lachten und gute Laune hatten.
    Und außerdem fand er es lustig Esther aus dem Konzept zu bringen. Die Röte im Gesicht stand ihr.
    „Willst du mir vielleicht helfen?“
    Edmund hob den Blick. Esther hatte sich zurückgelehnt, entkrampfte etwas ihre Finger und sah ihn fragend an. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er Esther immer noch angeschaut hatte.
    „Wobei?“ Er blickte auf die Nägel. Ihm wäre es lieber gewesen, es würde gar keine Nägel mehr geben, dafür hatte er sich in den letzten Tagen einmal zu oft auf die Finger gehauen. Oder unter Trevors Anweisung schiefeingeschlagene Nägel wieder aus dem Holz ziehen müssen.
    Esther zog die Augenbraue in die Höhe. „Nägel sortieren?“
    Edmund stützte das Kinn in die Hände und unterdrückte das Grinsen.
    „Ich denke, das schaffst du auch allein.“
    „Du hast so interessiert ausgesehen
    “, meinte Esther und wandte sich wieder der Arbeit zu, „Da dachte ich, du willst mir vielleicht zur Hand gehen.“
    Edmund biss sich auf die Zunge, um nicht loszulachen. Aber die Gelegenheit war günstig.
    „Interessiert ja. Aber nicht an den Nägeln“, gab er neckend von sich.
    „Ach?“ Esther hob wieder den Blick und sah ihn kurz an. „Und was interessiert dich sonst?“
    „Nicht was, sondern wer.“
    „Klappe, Wendy!“,
    forderte Nelli und schlug ihren Krückstock nach ihm, ehe Esther auf seine Bemerkung hätte antworten können. Allerdings bemerkte er noch, wie Esthers Gesicht rot anlief.
    „Wendy?“, wollte Trevor wissen, was der Hexe ein breites Grinsen hervorlockte.
    „Hör auf mit dem Mist!“, ranzte Edmund deshalb Nelli an. Er spürte den Schlag zwar, fühlte sich von dem Namen aber deutlich mehr belästigt. „Wendel war mein Großvater! Von mir aus verstümmel den Namen des grantigen Alten, aber nicht in meinem Zusammenhang, altes Weib!“
    „Oh, wir sind heute aber wieder sensibel, Wendy“, neckte Nelli grinsend weiter.
    „Ich bin nicht sensibel!“
    Nelli sagte nichts mehr, aber das Grinsen verriet genug darüber, was sie sich dachte.
    Edmund dagegen unterdrückte das Seufzen und spähte nochmals in den Topf mit dem Essen.
    „Bedient euch, das Essen müsste fertig sein“, meinte er, lehnte sich selbst aber zurück und fischte das Logbuch und die Seekarte aus seinem Lager. Immerhin sah es nun wirklich so aus, als würden sie diese Insel verlassen. Das Schiff hatte in den letzten Tagen viel Form angenommen und mit etwas Glück würde es sogar auf dem Wasser liegen. Wenn er ehrlich war, hatte er nicht damit gerechnet. Aber umso zuversichtlicher wurde er nun. Ein Ende war zu sehen, weshalb sie sich nun auch des Öfteren eine Pause in der Nacht gönnten – so wie in diesem Moment.
    Um zu vermeiden, nochmal Nellis Stock ins Gesicht zu bekommen, öffnete er das Logbuch auf der Seite, auf der er tags zuvor aufgehört hatte zu lesen. Die längeren Pausen ermöglichten es, sich mit diesem Gekrakel zu beschäftigen. Gemeinsam mit Trevor hatte er so bereits auf der Seekarte – die für ein so winziges Handelsschiff erstaunlich aktuell und hochwertig war – ihre ungefähre Position markiert. Immer noch mitten im Schwarzen Fleck und mit der Nussschale somit Stürmen ausgeliefert.
    Edmund betrachtete nachdenklich das Schiff. Wenn sie in dem Ding ein ähnlicher Sturm traf wie die Eleftheria, würde auch Esther nichts retten können. Dann sanken sie mitten auf dem Meer. Sie mussten sich also entsprechend absichern. Aber womit? Und wogegen? Er hoffte dazu Hinweise im Logbuch zu finden.
    Edmund blickte wieder in das Buch und schlug die Seite um. Immerhin ließ sich das Kauderwelsch und diese hässliche Schrift nach einer Weile entziffern. Wenngleich sich Edmund nicht sicher war, ob es daran lag, dass er sich langsam an die Sauklaue gewöhnte, oder ihm die Insel das Hirn malträtierte.
    Beim Blättern stellte er fest, dass er offenbar das Ladungsregister vor sich hatte. Bei den neusten Einträgen fand er einige der Sachen, welche sie für den Bau genutzt hatten und bis auf die Lebensmittel konnte er alles bestätigen.
    Seine Augen verharrten bei einer Zeile mit Segeltuch. Soweit er es mitbekommen hatte, hatten sie keines gefunden. Andernfalls hätten die Frauen nicht die letzten Tage herumnähen müssen.
    Und welcher Irre benötigt eine Tonne Segeltuch?
    „Genug der Pause. Ich mache weiter", meinte Trevor und als Edmund aufblickte, merkte er, dass er mittlerweile allein im Lager hockte. Ein Blick zum Schiff zeigte ihm, dass die Alte und Esther bereits dort waren und an Deck kletterten. War er so vertieft gewesen?
    Trevor ließ die Arme kreisen und sah ihn auffordernd an. „Machst du auch noch etwas?“
    Edmund entfuhr ein Knurren. Warum betonte er das so? In den letzten Tagen hatte er doch auch ständig mitgearbeitet! Okay, er hatte anfangs mehr kaputt gemacht, als repariert, aber mittlerweile funktionierte es doch ganz gut. Im Nägel aus dem Holz ziehen, war er erstaunlich gut.
    Edmund schloss seufzend das Logbuch, legte es auf dem Lager ab und erhob sich, um Trevor zu folgen.
    „Sag mal, hast du irgendwo eine Tonne Segeltuch gefunden?“
    Trevor hob die Brauen.
    „Das wäre mir aufgefallen.“
    Edmund nickte nachdenklich.
    „Im Logbuch ist davon etwas verzeichnet.“ Er wog den Kopf… „Entweder ist das Segeltuch irgendwo im Dschungel und wir haben es nicht gesehen", aber wer schleppt denn bitte Segeltuch quer über eine Insel…und wozu?, „oder das Logbuch ist fingiert.“
    Edmund blieb neben der Strickleiter stehen, die an Deck des Schiffes führte und überlegte. Er selbst hatte in seinem Logbuch auch nie etwas über seine wichtige Fracht geschrieben. Das Fernrohr tauchte dort nicht auf, damit niemand wusste, was er transportierte, außer ihm selbst. Der Plan war offenbar nicht aufgegangen. Aber Armon sollte nun ebenso wenig mit anfangen können. Ob der Kapitän dieses Schiffs ähnlich gedacht hatte? Und was war dann die Ladung, wenn nicht Segeltuch?
    „Wie wahrscheinlich ist es, dass das Schiff etwas Anderes geladen hatte?“
    Trevor wog den Kopf.
    „Sehr wahrscheinlich. Das Gewicht zu verzeichnen ist wichtig, das Schiff auf einer Seite nicht zu überladen. Wenn es also kein Segeltuch war, was hier geladen war, dann sicherlich etwas, das sie nicht an Bord lassen wollten ...“
    Edmund verschränkte die Arme und betrachtete das Schiff nachdenklich. Es war nicht sonderlich groß, um sperrige Sachen transportieren zu können. Es mussten also kleinere Sachen sein, die sich leicht verstauen ließen, aber Eigengewicht mit sich brachten. „Etwas, das in etwa das gleiche Gewicht wie eine Tonne Segeltuch hat", murmelte er vor sich hin.
    Trevor nickte nur.
    „Du hast mehr Erfahrung. Was würdest du verstecken wollen?"
    Trevor runzelte die Stirn und warf einen Blick zum Wald zurück.
    „So viel ich weiß, hat mein ... hat Johnny manchmal kleine Handelsschiffe überfallen, wenn er das Gefühl hatte, es war eine Tarnung. Mit ihnen wurden heimlich Schmucklieferungen transportiert, Geschenke anderer Reiche oder ... Steuern. Bei diesen Überfällen war ich allerdings nie dabei. Da war eine kleine Mannschaft ausreichend. Vielleicht ist es hier etwas Ähnliches.“
    Edmund lachte.
    „Du hast nicht zufällig eine riesen Kiste voll Gold gefunden?"
    Trevor stimmte in sein Lachen ein. „Wenn ich das hätte, hättest du das mitbekommen. Aber nein, vielleicht ist sie auch nicht an Bord. Nicht mehr ..."
    „Und wo würdest du eine riesen Kiste voll Gold verstecken?“ Edmund musterte ihn von der Seite.
    „Vergraben das Piraten nicht eigentlich immer?“ Trevor grinste.
    Was war das denn für eine Kindergeschichte? Aber bitte, das konnte er auch.
    „Malen Piraten nicht auch Karten mit Schrittangaben, wo sie den Schatz vergraben haben? Die Insel ist riesig“, erwiderte Edmund sarkastisch.
    „Das ist nur ein Gerücht. Warum sollten sie irgendjemanden verraten wollen, wo ihr Gold begraben liegt? Nein, das haben sie im Kopf. Wenn die Besatzung irgendetwas verbuddelt hat, dann bekommen wir das nicht so einfach heraus."
    „Die Betonung liegt auf Wenn.

    Trevor musterte ihn, dann den Dschungel hinter ihnen und den Sandstrand, dann nickte er. „Der Boden ist allerdings sehr felsig. Ich glaube nicht, dass sie ihn gut vergraben konnten. Vielleicht haben sie eher einen ... Unterschlupf genommen.“
    Edmund sah Trevor an, ehe er die Strickleiter ergriff und nach oben kletterte. Das Schwanken verriet ihm, dass Trevor ihm folgte.
    Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Schiff tatsächlich irgendwas geschmuggelt hatte? Und wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass es Steuern oder Geschenke waren? Was war mit Gewürzen? Andere, teurere Stoffe? Und wenn ja, wie sollten sie diese Sachen finden? Wenn sie nicht einmal wussten, wonach genau sie suchen mussten. Und wollten sie das überhaupt?
    Als er oben ankam, wartete er auf Trevor und wog weiter den Kopf.
    Fakt war, an Bord befand sich nichts, was Segeltuch oder dem Gewicht von eben diesem glich. Auch bei dem, was sie abgeladen hatten, war nichts dabei gewesen. Wenn die Matrosen es also vom Schiff getragen und versteckt hatten, musste es durchaus etwas Wertvolles sein. Aber warum hätten sie sich diese Mühe machen sollen?
    „Diese Matrosen“, begann er, „Wenn wir zu viert ein Schiff reparieren können, hätten sie das auch gekonnt. Sie hatten schließlich alles dabei.“
    „Vielleicht kamen sie nicht dazu“, meinte Trevor und zuckte die Achseln.
    „Aber warum?"
    „Das fragst du im gleichen Atemzug, wenn es vielleicht um eine Kiste Gold ging?"
    „Was bringt einem eine Kiste voll Gold auf einer Insel wie dieser?"
    Edmund hob die Augenbrauen. Ohne eine Möglichkeit von der Insel herunterzukommen, brachte auch eine Kiste Geld nichts. Und auch, wenn sein Vater darüber wohl anders denken würde. Es würde auch nichts bringen, alle anderen dafür zu töten.
    „Darüber macht man sich Gedanken, wenn einem die Kiste voll Gold gehört."
    Das machte keinen Sinn. Dann war es vielleicht zu spät.
    Wir allerdings haben das Schiff bald fertig, überlegte er. Und vielleicht wäre es sogar seetauglich.
    „Was ist mit dir?“, grinste Edmund.
    „Mit mir?"
    „Gold ... Pirat... nur drei andere Schwächlinge, die du beseitigen müsstest..."
    Er zählte an den Fingern mit. Trevor sah ihn kurz verwirrt an und lachte dann los.
    „Wie mein Vater sagte ... Ich war nie wirklich ein Pirat. Und ein Söldner bin ich auch nicht. Ich wäre so dumm und würde teilen."
    Teilen …
    Edmund nickte als Antwort auf Trevors Aussage.
    „Was heckt ihr beiden denn schon wieder aus?“, wollte Nelli wissen. Die Alte kam gerade vom Steuerrad gelaufen und musste die Hälfte des Gespräches mitgehört haben. Uralt, aber wehe es geht um Geld!
    „Edmund ist auf eine Ungereimtheit im Logbuch gestoßen und wir überlegen, was es sein könnte“, meinte Trevor.
    „Eine Ungereimtheit?“, wollte Esther wissen. Die Gräfin kam durch die Tür zum Unterdeck.
    „Es wäre zu vermuten, dass das Schiff nicht nur ein einfaches Handelsschiff war, sondern etwas Wertvolleres transportiert hat“, gab Edmund abwesend von sich, immer noch mit der Überlegung beschäftigt, was es sein konnte … Es fuchste ihn, es nicht zu wissen. Ob es Armod mit seinem Logbuch ebenso ging? Das Wissen, dass das Artefakt auf dem Schiff war, aber es nicht zu finden? Oder hatte er es bereits gefunden? Der Gedanke ließ es ihm kalt den Rücken hinunterlaufen.
    Trevor lachte.
    „Einen Schatz vielleicht.“
    „Einen Schatz?“,
    fragte Esther?
    „Wer weiß“, meinte Trevor.
    Nelli zuckte gleichgültig die Schultern. „Und wenn schon. Zusätzlicher Ballast, den wir transportieren müssen.“
    „Dann lassen wir dich hier“,
    Edmund zuckte ebenfalls die Schultern. Sein Interesse an der Ware lag viel mehr darin, was genau so wichtig war, dass es im Logbuch keine Erwähnung fand. Außerdem hatten sie nach der Meuterei nichts mehr und sollten sie jemals mit dieser Nussschale lebend in einem Hafen ankommen, wollte er sich nicht mehr fühlen wie ein Bauer und essen wie einer. „Und kaufen dir im nächsten Hafen von dem Geld einen hübschen Grabstein. Granit oder Marmor?"
    „Reizend, dass du so viel Geld für mich investieren willst. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Ich dachte, du würdest mich nur unter einer Palme verscharren.“
    „Das wäre auch eine Variante.“
    Er grinste die Hexe an und zuckte dann die Schultern. Sie waren zu viert bis hierhin gekommen, also würden sie auch zu viert die Insel verlassen. Auch, wenn er diese Überzeugung anfangs noch nicht vertreten hatte. Was hatte sich geändert? „Wir wissen nicht, was es ist und ob es überhaupt wertvoll ist. Nur dass es interessant genug ist, um es nicht im Logbuch zu verzeichnen. Ich halte es daher für sinnvoll zu schauen, ob man etwas findet. Ich schätze, eine Weiterreise kann sich jeder von uns nur mit etwas Geld leisten.“
    Trevor schob sich zwischen sie.
    „Ich schlage vor, wir kümmern uns erstmal um das Schiff. Im Dunkeln durch den Dschungel zu laufen, ist keine gute Idee und“, Trevor warf Edmund einen grinsenden Blick zu, „ohne Schiff kommen wir mit dem Schatz auch nicht weit.“
    Edmund nickte und verkroch sich wieder in seine Überlegungen. War das vielleicht ein guter Moment, um den anderen zu sagen, was Armod damals gefordert hatte? Was war, wenn die Eleftheria bereits gesunken war? Dann wäre das Fernrohr weg. Oder Armod hatte es gefunden. Ein Schiff war deutlich kleiner als eine Insel. Dort etwas zu verstecken, hatte seine Grenzen. Und irgendwie hatte Armod ja auch herausgefunden, dass er etwas Wertvolles transportierte. Nur wie? Hatte es ein Leck gegeben? Irgendwoher mussten die Piraten von der Waren gewusst haben…
    Er dachte kurz daran, was Esther ihm geraten hatte. Dass sie Nelli und Trevor einweihen sollten, was die Eleftheria geladen hatte. Dass er das auch mit ihnen teilen sollte. Sie hatten ein Recht es zu erfahren, oder? Als magisch Gezeichnete waren sie vom Einfluss des Fernrohrs betroffen, oder? Und er konnte ihnen vertrauen. Oder? Für den Fall, dass Armod es fand … würden sie es wissen wollen.
    Er biss sich auf den Lippen herum.
    „Was ist?“, wollte Esther wissen und sah ihn fragend an.
    „Ein nachdenklicher Edmund … die Welt steht kurz vor dem Untergang“, lachte Nelli.
    Wenn Armod das Fernrohr gefunden hat, könnte das durchaus sein.
    „Ich, muss euch noch etwa sagen, ehe wir weiter machen.“ Kurz sah er zu Esther, „Esther weiß davon.“ Er lehnte sich an die Reling, um seine Nervosität zu verschleiern. „Diese besondere Ladung, von der Armod auf der Eleftheria gesprochen hat, und wegen der ich gemeutert wurde, war…ist das Fernrohr von Chresvol, das ich in Samira an … einen Magier verkaufen sollte.“ Er musste sich zwingen, um den anderen weiter ins Gesicht blicken zu können. „Wenn ich dem Kerl das Fernglas gegeben hätte, dann wäre all das vielleicht nicht passiert. Aber ich konnte nicht … “
    „Das Fernrohr von Chresvol?“ Trevor sah ihn verwirrt an. „Was soll das sein?“
    „Angeblich lassen sich damit magische Wesen aufspüren.“
    „Dann ist es gut, dass du es behalten hast. Das darf nicht in falsche Hände geraten. Das ist viel zu gefährlich“,
    brummte Nelli.
    Edmund nickte. Er hoffte inständig, dass sie das Fernrohr wiederfanden und er es dem Käufer übergeben konnte, dem sein Vater das Teil versprochen hatte.
    „Kann man denn dem Käufer trauen?“
    Nervös tippte Edmund mit dem Finger auf die Reling.
    „Ich kenne den Käufer nicht. Vater hat alles mit ihm verhandelt. Ich sollte nur das Fernrohr überbringen.“
    Trevor nickte mit unverhohlener Skepsis in der Mimik.
    „Also ich kenne seinen Namen. Aber ob man ihm trauen kann, weiß ich nicht“, sah sich Edmund deshalb kleinlaut in der Position sich rechtfertigen zu müssen.
    „Ich bin vielleicht auch voreingenommen. Immerhin ist das sicherlich ein Fernrohr, mit dem man auch Formwandler aufspüren kann."
    Edmund räusperte sich. „Und Nymphen... Hexen... Magier...alles mit einem Funken Magie im Körper."
    Trevors Gesichtsausdruck wurde noch eine Spur skeptischer.
    „Vielleicht sollten wir uns vor der Übergabe den Kerl erstmal anschauen. Nur ... zur Sicherheit.“
    Edmund runzelte die Stirn. Was hieß hier „wir“? Es war schließlich seine Ware.
    Wer ist der Käufer?“, wollte Esther wissen.
    Edmund zögerte. Konnte er es ihnen anvertrauen? Sein Vater hatte ihm immer eingeschärft, dass der Käufer für andere tabu war.

    „Edmund?“, bohrte Esther nach.
    Andererseits … was will er machen?
    „Der Kerl heißt Thomas von Talar. Ein Magier.“
    Esther zog die Luft ein. „Wirklich? Thomas von Talar?“
    „Ja?“ Skeptisch runzelte nun Edmund seinerseits die Stirn und auch Trevor und Nelli beäugten Esther. „Du kennst ihn?“
    Esther wandte den Blick ab, nickte aber. „Ja.“
    Edmund wollte nachbohren, aber etwas sagte ihm, dass sie nicht darüber reden wollte. Scheinbar ging es den anderen beiden ebenso, denn keiner fragte nach. Jedenfalls klang es nicht, als wäre dieser Kerl die richtigen Hände. Aber sein Vater hatte sich erkundigt, oder? Er würde so einen Gegenstand niemanden geben, der etwas Schlechtes damit vorhatte. Auch wenn der Handel viel Geld einbrachte, oder? Und vielleicht irrte sich Esther auch. Oder sie sprachen von zwei verschiedenen Thomas von Talar.
    Also schwieg er und schnappte sich einen der Hämmer. Er hätte das Thema nie anfangen dürfen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee die anderen einzuweihen.
    „Entschuldigt mich“, murmelte Esther und stieß hörbar die Luft aus. Ohne jemanden anzuschauen, verließ sie das Schiff über die Leiter mit gesenktem Kopf und lief zum Lager.
    „Habe ich etwas Falsches gesagt?“, wollte Edmund wissen.
    „Ich denke nicht“, meinte Nelli.
    Etwas verwirrt blieben sie drei zurück.

    Trevor bugsierte die Baumstämme mit einer Leichtigkeit umher, die Edmund beinahe neidisch machte. Aber auch nur beinahe. Immerhin war er deshalb nicht gezwungen, diese Bäume umherzuschleppen. Er spielte sogar mit dem Gedanken, sich einfach wieder in den Schatten zu setzen und dem Piraten dabei zuzuschauen, wie er allein arbeitete. Aber irgendwas sagte ihm, dass von den drei anderen keiner zugelassen hätte, dass er saß, während Trevor arbeitete. Es wäre dennoch deutlich entspannter gewesen als in der Abendhitze Löcher am Strand auszuheben. Warum war es immer noch so warm? Die Mittagshitze hatten sie abgewartet und erst am Abend wieder angefangen. Aber das schien die Hitze nicht zu stören! Wahrscheinlich bekam er gerade einen Sonnenbrand! Das Hemd klebte ihm am Körper und es gab kaum noch eine Stelle, an der kein Sand war!
    Diese Insel ist der Horror! Im Gegensatz zu Trevor brauchte er auch niemand anderen, der ihn wütend machte. Diese ganze Insel ging ihm derart auf die Nerven, dass sich die Schaufel quasi von selbst in den Sand rammte.
    Trevor setzte den Stamm vor ihm neben dem ausgehobenen Loch ab und seufzte ebenfalls auf. Woher genau der Wandler nun seine Inspiration nahm, diese komischen Kräfte zu animieren, wollte Edmund gar nicht wissen. Er war nur froh, dass er nicht mehr gezwungen war, ihn wütend zu machen. Am Ende wurde er wirklich noch geköpft – und er hatte Trevor deutlich lieber auf seiner anstatt auf der Gegenseite.
    „Ich habe meine Schaufel bei den Fässern stehen lassen“, meinte Trevor. „Ich bin gleich wieder da, dann heben wir den Stamm ins Loch und graben es wieder zu.“
    Edmund kam nicht dazu, etwas zu sagen, da löste der Formwandler seinen Griff auch schon von dem Baumstamm und lief los.
    Überfordert und aus seinen Gedanken gerissen, ließ Edmund seine eigene Schaufel fallen und versuchte noch den Stamm irgendwie gerade zu halten. Allerdings wog der Baum deutlich mehr als er und schob ihn einfach über den Sand.
    Trevor schien aus dem Augenwinkel heraus noch zu merken, dass er den Stamm nicht hätte loslassen sollen, doch für seine Hilfe war es bereits zu spät. Der Pfosten kippte und weil Trevor nachgreifen wollte, gab er dem Baum noch den letzten Schubs.
    Edmund machte einen Schritt zur Seite, kam im Sand aber nicht schnell genug voran und wurde vom Baum mitgezerrt und unter ihm begraben. Er landete unbequem auf dem Rücken und das Gewicht prallte ihm ins Gesicht und auf die Rippen, drückte ihm die Luft aus den Lungen. Dass irgendetwas brach, konnte er zudem spüren und hören.
    Wie ich dieses Geräusch hasse!
    Benommen blieb er liegen.
    „Scheiße!“, hörte er Trevor fluchen und dann verschwand der Baumstamm auch schon wieder von seiner Brust. „Geht’s dir gut? Ich habe völlig vergessen, dass der Stamm schwer ist!“
    Ach was … wäre mir gar nicht aufgefallen, murrte Edmund in Gedanken. Fliegengewicht.
    „Wie kann man vergessen, dass ein Baum viel wiegt!“, stieß er aus. Dabei merkte er, dass ihm das Atmen deutlich schwerer fiel als vorher. Irgendwas drückte ihm unangenehm auf die Lunge. Im wahrsten Sinne des Wortes geplättet, setzte sich Edmund auf und atmete mehrere Male durch. Blut tropfte ihm in den Schoß, weshalb er sich ins Gesicht griff.
    Nicht schon wieder die Nase …
    „Ich werde mal Nelli holen!“, meinte Trevor und war bereits losgelaufen, ehe Edmund den Blick heben konnte.
    Verwirrt sah er Trevor nach und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Blut, das er im Übrigen auch im Mund schmeckte. Wahrscheinlich hatte er sich beim Sturz auf die Zunge gebissen. Seufzend spuckte er aus und erhob sich, den Blick auf den Baum gerichtet, dem er nun den Blutfleck auf seiner Kleidung zu verdanken hatte. Er sollte lieber zusehen, dass er die Flecken schnell wieder los wurde, ehe er doch noch gezwungen war, die Kleidung der toten Mannschaft überzustreifen.
    Wozu genau er nun Nelli brauchte, war ihm allerdings unschlüssig.
    Mit dem Fuß trat er gegen den Stamm und verfluchte alles: von der Insel über seine Mitgestrandeten bis zur Reise allgemein. Und zu guter Letzt den Dschungel mit seinen absurd schweren Bäumen!
    Genervt wandte er sich zum Wasser. Dort angekommen, hockte er sich hin, um sich das Blut aus dem Gesicht zu waschen, und wäre dabei beinahe vornüber gefallen, als er Nellis Stimme plötzlich hinter sich hörte.
    „Ich hoffe, du beschwerst dich nicht nochmal über einen von uns“, sagte sie. Edmund verdrehte die Augen ehe er sich an die Alte wandte. Dabei überkam ihn leichter Schwindel.
    „Ich kann auf deine Belehrungen gerne verzichten, Hexe!“, murrte er und schüttelte den Kopf, ehe er sich zurückwandte und weiter das Gesicht sauber machte.
    Nelli hob die Augenbrauen und musterte ihn und wenn er sich nicht täuschte, lag Sorge in ihrem Blick. Warum? Wegen dem bisschen Blut? Da war bei der Meuterei deutlich mehr davon geflossen. Nur ließ sich dieses Blut einfach abwischen. Es war schließlich sein eigenes.
    „Glotz nicht so!“
    „Was sagtest du, wie das passiert ist?“
    , wandte sich Nelli etwas verwirrt an Trevor, der stirnrunzelnd neben ihr stand. Hinter ihnen tauchte auch Esther auf und schlug die Hand vor den Mund. Warum taten alle so, als wäre er bereits tot? Das war doch nur ein Baum gewesen! Ein verdammt schwerer, ätzender, verfluchter Baum!
    „Trevor hat einen Baum auf mich fallen lassen“, gab Edmund von sich und deutete auf den Pfosten. Mit der anderen Hand rieb er sich über die Nase und rückte sie wieder gerade.
    „Er ist nicht gefallen. Er hat dich umgedrückt.“
    „Ich bin eben kein Formwandler mit übermenschlicher Stärke!“
    , blaffte Edmund zurück. Erneut sammelte sich das Blut in seinem Mund. Doch mehr als ein Biss auf die Zunge? Er spuckte auch dieses Blut aus, ehe er sich wieder erhob.
    Du schuldest mir eine Rippe, Pirat!
    „Dafür braucht man keine übernatürliche Kraft“, meinte Trevor klang dabei aber mehr besorgt als ärgerlich.
    „Um einen Baumstamm festzuhalten, der dreimal so hoch ist wie man selbst? Doch, ein normaler Mensch hält das nicht mal eben so unvorbereitet fest!“
    Er krempelte etwas die Ärmel des Hemdes nach oben und versuchte dann den Fleck etwas zu beseitigen. Was nichts brachte.
    Toll…das war es dann auch mit der Hose! Super Tag!
    „Ich sollte mir das anschauen“, ging Nelli dazwischen.
    Verwirrt runzelte Edmund die Stirn.
    „Das ist nichts. Ich habe das Blut abgewaschen, wir können also weitermachen.“ Edmund wollte an Nelli vorbei, doch die alte Hexe hielt ihn am Arm fest. „Komm schon, Hexe. Ich habe keine Lust hier noch ewig in der Sonne herumzustehen.“ Allem voran, weil ihm langsam schwindlig wurde und er noch immer Probleme beim Atmen hatte. Vermutlich sollte er erst einmal etwas trinken.
    Nelli hob die Augenbrauen und runzelte die Stirn noch etwas mehr, was bedeutete, dass zu den vielen Falten noch mehr dazukamen. Erstaunlich, dass das möglich war …
    „Das sieht aus wie ein Nasenbruch“, meinte sie überflüssigerweise und deutete auf sein Gesicht. Bei dem Geräusch, das sein Gesicht gemacht hatte, hatte er sich das bereits gedacht. Die Nase oder der Kiefer. Aber der Kiefer hatte sich beim letzten Mal anders angehört. Und er hatte damals tagelang nicht reden können!
    „Das ist nicht das erste Mal. Das heilt schnell.“ Er winkte ab. Konnten die nicht einfach alle gehen und ihn in Ruhe lassen? Was war an einem Nasenbruch so schlimm? Wie war das? Sie hatten alle eine Arbeit zu erledigen und wollten von der Insel runter?
    „Du hast auch eine Platzwunde, nicht, dass es den Knochen erwischt hat.“
    Wie nervig konnte diese Alte denn bitte noch werden? Es war doch nichts! Sollten sie sich nicht lieber Gedanken darum machen, dass Trevor fahrlässig mit den Baumstämmen herumspielte? Erst warf er sie, dann hätte er beinahe Esther umgeklatscht und auf ihn hatte er den Baumstamm schließlich fallen lassen.
    „Das heilt!“, meinte er und schüttelte Nellis Hand von seinem Arm. Lästiges altes Weib!
    „Und...“
    „Nein!“, ging er sauer dazwischen, „Mir geht es gut!"
    Er marschierte auf Trevor zu, der unschlüssig zwischen ihnen hin und her blickte, dann aber die Schultern zuckte. Immerhin einer, der ihn verstand.
    „Das entscheide ich!“, schimpfte Nelli weiter und deutete mit dem Finger in den Sand neben sich. „Hinsetzen und lass mich das untersuchen! Je mehr du diskutierst, desto länger wird es dauern.“
    ER diskutierte doch überhaupt nicht! Sie hatte angefangen, weil sie seine Meinung nicht akzeptierte! Dabei war das sein Körper! Und erfahrungsgemäß heilte alles narbenfrei ab.
    „Das ist nur ein bisschen Blut! Ich habe mir vermutlich auf die Zunge gebissen!“ Sein Mund füllte sich in diesem Moment erneut, weshalb er ausspucken musste. Davon abgesehen nahm ihm diese dumme Diskussion langsam den Atem.
    Trevor klinkte sich derweil betreten aus und arbeitete weiter, in dem er den Baum in das Loch hob und begann, das Loch drumherum wieder mit Sand zu füllen. Nur ab und an, warf er noch einen Blick in ihre Richtung. Wohl um sicher zu gehen, dass der Streit nicht eskalierte. Ein Streit, den es nicht geben würde, wäre die alte Schachtel nicht so stur!
    „Du hast dir die Nase gebrochen. Und du kannst froh sein, wenn du dir die Zunge nicht durchgebissen hast!“
    „Habe ich aber nicht!“
    Demonstrativ streckte er der Hexe die Zunge entgegen. Sprach er eine andere Sprache?
    „Bist du bei jedem Arzt so sperrig?“
    Ja! Weil Ärzte immer überreagierten! Und er in der Vergangenheit immer gezwungen gewesen war, Verbände und Stützen länger zu trage, als er sie gebraucht hätte. Damit niemand merkte, dass Wunden schneller heilten, als es normal gewesen wäre.
    „Bei jedem Arzt über 90!“, zischte er. Dass er außerdem nicht wollte, dass die Alte ihn anfasste, war Punkt Nummer zwei.
    „Ich hab mehr Erfahrung als alle deine Ärzte zusammen. Und jetzt halte gefälligst still!“ Die Alte rückte wieder näher an ihn heran und machte erneut Anstalten, ihn am Arm festzuhalten, weshalb Edmund zurückstolperte.
    „Du bist auch älter als alle meine Ärzte zusammen!"
    Du bist auch irrsinniger als alle meine Ärzte zusammen! Diese sind nie nächtlich durch den Wald getanzt und lagen dann bewusstlos in der Gegend herum.
    „Ein verdammter Baum ist auf dich gefallen. Normalerweise sollten wir diese Diskussion nicht mal führen!"
    Dann hör doch endlich auf diese Diskussion zu führen!
    „Kümmere dich um dich selbst und setz dich lieber in den Schatten, Hexe.“
    „Gut. Du kannst das jetzt entweder ruhig über dich ergehen lassen oder ich sorge dafür, dass du fest gehalten wirst. Auf deine Spielchen hab ich keine Lust mehr."
    Edmund wollte sagen, dass nicht er derjenige war, der hier Spielchen spielte. Allerdings hatte ausgerechnet in diesem Moment Esther das Bedürfnis sich einzumischen.
    „Ihr solltet tun, was Nelli sagt, oder ich halte Euch fest ...“
    Edmund hob grinsend die Augenbraue.
    „Klar...“, gab er sarkastisch von sich. Als wären die beiden Frauen in der Lage, ihn aufzuhalten. Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg zu Trevor. Davon würde er sich nicht weiter aufhalten lassen. Er hatte keine Lust mehr, weiterhin in der Sonne herumzustehen. Und mit dem Gerüst wollte er auch endlich fertig werden. Das Ganze ging schon viel zu lang.
    „Na schön. Ihr habt es nicht anders gewollt“, hörte er Esther sagen und er sah wie sie ihren Zauberstab zog, dann konnte er sich nicht mehr bewegen. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr und bewegte sich von sich aus einfach zurück zu den Frauen. Egal, wie sehr er sich dagegen wehrte.
    „Aber sonst geht es Euch gut?!“, keifte er Esther wütend an. Was glaubte sie eigentlich, wer sie war? Er musste tief Luft holen, um genug Atem für die nächsten Worte zu besitzen. „Aufhören! Sofort!“
    „Mir geht es sehr gut“
    , meinte Esther und konzentrierte sich darauf, dass er gegen seinen eigenen Willen vor Nelli stehen blieb. „Euch aber anscheinend nicht ...“
    „Lasst das!“
    , schrie er. Traf damit aber nur auf kühle Gesichte.
    „Ich habe dich gewarnt, Jungchen...“
    Edmund war genervt.
    „Du bekommst schlecht Luft und spuckst die ganze Zeit Blut aus. Das ist nicht normal!“, fauchte Nelli derart genervt, dass selbst er zusammenzuckte. Was machte sich die Alte schon wieder solche Sorgen? „Du musst nur mal kurz stillhalten. Danach kannst du dich gerne wieder unter umfallende Bäume legen, wenn du darauf Lust hast.“
    Edmund stieß ein Knurren aus und sah sowohl Esther als auch Nelli böse an. Was sollte das bitte heißen? Dass er schon wieder zu unfähig war, Trevor bei der Arbeit zu helfen? Ja, er war deutlich langsamer! Ja, er musste nach jedem gefällten Baum eine Pause machen! Ja, er konnte keine Bäume herumtragen und offenbar nicht einmal festhalten! Er war für körperliche Arbeit nun einmal nicht gemacht! Und er machte es dennoch! Sollten sich die Frauen doch hinstellen und dieses dumme Gerüst bauen!
    „Jetzt sei brav und lass dich ansehen. Glaubst du, ich habe Lust, nochmal mit der Dunkelheit um ein Leben zu feilschen?“
    Edmund grummelte immer noch unwillig. Wie lange wollte sie ihm das noch vorhalten? Er hatte seine Aussage nicht so gemeint! „Es hat dich niemand darum gebeten.“
    Nelli musterte ihn eine Weile nachdenklich und Edmund war fast sicher, dass sich die Diskussion nun endlich erledigt hatte. Das waren doch nur Kratzer!
    „Ich würde es wieder tun, wenn ich einen von euch damit retten kann. Hinlegen.“
    Edmund starrte lediglich zurück.
    „Ich setze mich, das muss reichen!“ Es sollte ihm immerhin keiner nachsagen, dass er nicht auch für Kompromisse bereit war… wenn er schon von einem Zauber gefesselt in der Gegend herumstand.
    Nelli warf Esther einen Blick zu. „Ich sagte: hinlegen“, meinte sie an die Magierin gewandt, dann drehte sie sich zurück zu ihm. „Kannst du auch mal irgendwas machen, ohne zu widersprechen?"
    „Nein.“

    Noch während er sprach, legte er sich auch schon gegen seinen Willen hin. Tatsächlich war er kurz überrascht, dass ihn die Situation noch mehr nerven konnte, als sie es sowieso schon tat. Mit dem Rücken im Sand, das Gesicht zum Himmel gewandt und die Alte, die sich erst über sein Gesicht beugte und dort herumtatschte und dann das Hemd aufknöpfte, um seine Brust zu untersuchen. Das war sehr nah dran, schlimmer zu sein, als unter einem Baum zu klemmen! Vor allem, wenn man nicht die Möglichkeit hatte, die Hände wegzuschlagen!
    „Oh super, ich wollte schon immer von einer 180-jährigen Hexe befingert werden“, gab er deshalb ironisch von sich.
    „Das nennt sich untersuchen. Und glaub mir, ich habe schon ganz andere Körper gesehen.“
    Er spürte ihre Finger auf seiner Brust herumdrücken. Was genau sie damit erreichen wollte, wusste er nicht, nur, dass er davon husten musste.
    „Das glaube ich dir gern“, angewidert verzog er das Gesicht. Oder hätte es getan, wenn Esthers dummer Zauber ihn gelassen hätte. Probehalber versuchte er einen Finger zu bewegen, was nicht funktionierte. Soweit es ging, wandte er den Blick zu Esther, welche weiterhin den Stab erhoben hielt und ihn konzentriert ansah. Als sie seinen Blick bemerkte, wandte sie sich etwas ab, behielt aber weiterhin die Konzentration auf ihn gerichtet.
    Nachdenklich musterte Edmund sie eine Weile stumm.
    „Ihr beiden könnt aber gerne tauschen“, meinte er schließlich mit einem bitteren Grinsen.
    „Träum weiter, Jungchen“, gab Nelli von sich und schüttelte mit einem Schmunzeln den Kopf.
    Esther legte den Kopf schief und musterte ihn.
    „Tut mir leid, aber daraus wird nichts. Wer sollte sonst den Bann aufrecht halten? Außerdem ist Nelli die Heilerin.“ Ihre Stimme klang dabei so trocken als hätte sie mit Sand gegurgelt.
    Es überraschte Edmund, dass Esther in der Lage war zu kontern. Und sie seine Absicht durchschaut hatte. Trotz der herabwürdigenden Situation musste er sich ein Lachen verkneifen.
    „Schade“, meinte er lediglich, „wo ich doch bereits willig und in Euren Bann gezogen halbnackt vor Euch liege.“
    Esther zögerte sichtlich, räusperte sich dann aber. „Seid versichert“, meinte sie trocken, „mir genügt das.“ Die leichte Röte in ihrem Gesicht kam jedoch nicht nur von der Sonne.
    Edmund bemerkte es und beschloss noch weiter zu bohren.
    „So Eine seid Ihr also, Gräfin?“, neckte er deshalb. „Ich bin doch überrascht. Bringt Ihr Trevor ebenfalls auf diese Weise dazu, vor Euch zu liegen?“
    Esther zog die Augenbrauen zusammen.
    „Jetzt werdet Ihr anmaßend“, gab sie von sich, „ich verbitte mir solche Unterstellungen!“
    Sieh an, da steckt ja doch eine Gräfin im Korsett!
    Beinahe hätte er laut aufgelacht, als er den säuerlichen Unterton in ihrer Stimme vernahm. Irgendwie schaffte sie es nicht ihm damit Angst zu machen. Und das obwohl er sich nicht bewegen konnte. Die Frage war, wie weit er gehen konnte, ehe sie ihn zwang, ins Wasser zu springen, um sich dort selbst zu ersäufen, oder aber sie die Konzentration über ihren Zauber verlor. Ehe er jedoch dazu kam, es weiter zu provozieren, zupfte Nelli ihm an den Haaren.
    „Genug davon“, meinte sie und schob ihre runzlige Gestalt mit Absicht so, dass Edmund aus seiner Position heraus Esther nicht mehr sehen konnte.
    Schreckliche Alte!
    „Spielverderberin“, murrte er nur.
    Nelli erwiderte nichts mehr, grinste aber vor sich hin und untersuchte die Rippen konzentriert, während Edmund in den Himmel blickte, der sich zum Glück langsam rot verfärbte, und dem Schaufelgeräusch von Trevor lauschte. Seltsamerweise war die Hexe bei ihrer dummen Untersuchung deutlich vorsichtiger als er es erwartet hatte.
    „Du verhältst dich wie meine Mutter", sprach er nach einer Weile. Diese gab auch nie auf, wenn er sich verletzt hatte. Und dabei hasste er Ärzte. Allerdings hatte er bei diesen mehr Zeit in seiner Kindheit verbracht, als ihm lieb war.
    „Wenn du dich wie ein kleines Kind verhältst, muss ich das wohl.“
    Edmund seufzte und richtete die Augen auf Nelli.
    „Wieso bezeichnet mich hier jeder als Kind, nur, weil ich eine Meinung habe, die keiner akzeptiert?“
    „Weil du nun mal bockig und stur bist.“
    Nelli seufzte genervt, ließ dann aber von ihm ab und sprach weiter, ehe er seine Gedanken zu ihrer Aussage laut aussprechen konnte. „Du müsstest tot sein“, überlegte sie sicherlich verwirrt laut, „Keine Ahnung, warum du es nicht bist.“ Das klingt wie eine Drohung! „Da sind etliche Rippen angeknackst, die eigentlich gebrochen sein müssten.“
    Und dafür hatte die Alte eine Untersuchung gebraucht? Dafür musste man erst Heiler werden? Er hatte das Knacken schließlich gehört. Hätte sie ihn gefragt, hätte er ihr genau das gesagt. Gut, vermutlich nicht genau das. Aber das irgendwas gebrochen war, war nicht so unwahrscheinlich.
    „Ich sag doch. Das ist nichts. Und in zwei oder drei Tagen ist das auch verheilt.“ So war es schon immer gewesen. Okay, die Brüche würden vielleicht ein paar Tage länger benötigen. Aber was machte das auf der Insel schon für einen Unterschied? Es behinderte ihn schließlich nicht. Mal abgesehen vom schweren Atem. Wobei: ob die Möglichkeit noch bestand, dass er sich theatralisch in den Schatten warf?
    „Warum ist das so?“
    Konnte sie ihn nicht endlich in Ruhe lassen? Sie hatte doch, was sie wollte!
    „Woher soll ich das wissen? Bin ich Wissenschaftler? Das liegt vermutlich am Nymphenanteil meiner Familie...“
    Nelli hob eine Augenbraue. „Ach ja, das erklärt einiges.“ Nachdenklich stützte sie das Kinn in die Hand und musterte die Platzwunde an seinem Kopf.
    „Das ist nicht das erste Mal, dass ich mir etwas breche oder irgendwas über mir zusammenbricht. Darf ich aufstehen?“
    Nelli legte den Kopf schief, betrachtete ihn noch eine Weile, ehe sie sich erhob. „Das musst du Esther fragen...“
    Esther legte ebenfalls den Kopf schief und erst glaubte er, er müsste sie wirklich anflehen, damit sie ihn freiließ, dann spürte er aber wie der Bann von ihm abfiel. Esther senkte den Zauberstab.
    Ehe die Frauen wieder auf die Idee kamen, ihn zu bannen, erhob sich Edmund.
    Toll, jetzt klebt mir noch mehr Sand am Körper! Vermischt mit Schweiß!
    Dass ihm schwindlig wurde, ignorierte er die Blöße würde er sich nicht geben!

    Auf dem Rückweg von der Quelle hielt Edmund nach Kräutern Ausschau, mit denen der Fisch nicht zu fad schmecken würde. Viel Auswahl gab es auf der Insel dafür nicht. Zwar kannte er sich etwas mit dem Gestrüpp aus, aber die meisten Kräuter, die seine Mutter beim Kochen verwendet hatte, waren getrocknet und keiner von ihnen hatte sie vorher aus der Erde rupfen müssen. Dennoch sammelte er ein paar zusammen, deren Aussehen er glaubte zu erkennen. Beinahe bedauerte er es, dass Nelli bewusstlos war und ihm daher nicht sagen konnte, was davon genießbar war und was man lieber meiden sollte, wenn man nicht vorhatte, sich selbst umzubringen. Auf der anderen Seite konnte er auf ihre Belehrungen auch gut verzichten.
    Sein Weg führte vorerst zum Wrack. Dort hatten sie die auf dem Schiff gefundenen Sachen deponiert und auch, wenn er nicht wusste, wie man einen Fisch ausnahm, ein Messer war sicherlich erstmal ein guter Anfang. Er meinte irgendwo in dem Durcheinander eines gesehen zu haben.
    Er stellte den Eimer ab und begann in dem Chaos zu suchen – was ihn nebenbei wahnsinnig machte, konnte man das nicht aufräumen?
    In der ersten Kiste wurde er nicht fündig und in der zweiten fand er lediglich ein verrostetes Messer.
    Das Knirschen von Sand ließ ihn innehalten.
    „Brauchst du Hilfe?“
    Edmund wandte sich um. Trevor kam auf ihn zu, bewaffnet mit einem Tuch und einem Dolch.
    „Ähm …“, machte Edmund geistreich, zögerte dann aber, „hast du eine Idee, was man gegen Rost machen kann?“ Er zeigte Trevor das Messer.
    „Ein neues Messer besorgen!“ Trevor lachte. „Ansonsten Essig und Öl.“
    Edmund spürte wie sein Auge zu zucken begann. Wollte der Kerl ihn zum Narren, oder was?
    „Leider mangelt es mir auf der Insel ein wenig an Möglichkeiten“, stieß er durch die zusammengepressten Zähne hervor.
    Trevor lächelte nachgiebig und reichte ihm den Dolch, von dem Edmund meinte, dass diesen bisher Esther bei sich getragen hatte.
    „Ich habe ihn eben gereinigt. Versuch es mal damit.“
    Edmund hob die Augenbraue. Das klang selbst für ihn nach keiner guten Idee.
    „Und ich schau mal, was ich mit dem Messer machen kann, vielleicht finde ich in den spärlichen Vorräten eine Drahtbürste.“
    Sie tauschten Dolch gegen Messer.
    „Was hast du damit eigentlich vor?“
    Edmund wog den Dolch in den Händen.
    „Einen Fisch ausnehmen.“
    Trevor runzelte die Stirn und wollte scheinbar etwas sagen, schwieg dann aber breit grinsend. Besser war es. Irgendwelche Klugscheißerkommentare konnte er wirklich nicht gebrauchen. Ehe es sich Trevor anders überlegen konnte, packte Edmund den Eimer und machte sich mit Dolch und Wasser wieder auf den Weg zum Lager. Sie würden schon sehen!

    Als Edmund zum Lager zurückkam, schlief Nelli noch immer. Esther stand am Strand etwas vom Lager entfernt und hantierte mit ihrem Zauberstab herum. Eine Weile beobachtete er sie stirnrunzelnd. Langsam war er sich sicher, dass sie alle zu viel Zeit in der Sonne verbrachten.

    Etwas unschlüssig hockte er sich vor den Fisch, reinigte ihn mit dem Wasser und brachte den Rest davon in einem verbeulten Topf zum Köcheln. Vielleicht ließ sich daraus noch etwas machen. Davon abgesehen, vertraute er der Quelle auch nicht.

    Dann wusste er aber nicht, wie er weiter verfahren sollte. Zwar hatte ihm seine Mutter einiges beigebracht, einen Fisch auszunehmen hatte aber nie dazu gehört. Zum einen, weil der Fisch meist schon ausgenommen war und zum anderen weil seine Mutter nicht wollte, dass er sich mit dem Blut beschmutzte. Aber so weit er wusste, musste man den Fisch ausnehmen.
    Nachdenklich drehte er den Fisch einige Male hin und her. Hinter ihm brannte sich langsam die Sonne in seinen Rücken und machte ihm klar, dass er sich nicht mehr ewig Zeit lassen konnte, wenn er nicht wollte, dass der Fisch vorher zu laufen begann. Tatsächlich überlegte er einen Moment, ob Bananen und Kokosnüsse nicht doch die bessere Alternative waren.
    „Du musst hinten anfangen“, erklang Nellis Stimme hinter ihm und erschreckte ihn derart, dass er beinahe Fisch und Dolch von sich geworfen hätte.
    Die Luft einziehend wandte er sich um. Die Alte hatte leicht den Kopf auf ihrem Lager gedreht und betrachtete ihn müde.
    „Das weiß ich selbst!“, zischte er zurück, ließ dann aber den Dolch sinken. „Du bist wach.“ Es erleichterte ihn ungemein, dass die Alte ihre dumme Aktion im Wald überstanden und dabei nicht den letzten muffigen Atem ausgehaucht hatte.
    „Mhm, offensichtlich. Klingt so, als würde dich das wundern...“
    Natürlich wunderte ihn das! Immerhin hatte Nelli ihre eigene Gesundheit für Trevor geopfert! Er hatte angenommen, dass sie starb!
    „Ich habe eher gedacht, dass wir dich auch begraben müssen.“
    „Da hast du dich wohl zu früh gefreut.“

    Edmund unterdrückte ein Seufzen. Das Letzte worüber er sich gefreut hätte, wäre gewesen, die Alte zu begraben. Er hatte schließlich nicht gewollt, dass sie ihr Leben für das von Trevor gab. Aber Nelli musste auch nicht wissen, dass er froh war, dass sie noch lebte.
    „Mach sowas nochmal und ich sorge eigenhändig dafür, dass du in einem finsteren Erdloch verschwindest, Hexe.“
    Nelli startete einen Versuch, sich aufzurichten, lehnte sich aber schwer seufzend zurück.
    „Was willst du eigentlich von mir? War es jetzt wieder falsch, dass ich geholfen habe?“
    Edmund wollte sie anbrüllen, dass sie dumm gehandelt hatte, dass es völliger Schwachsinn gewesen war und dass sie sich alle Sorgen um sie gemacht hatten. Und er das nicht gemeint hatte, als er fragte, ob sie etwas wüsste, um Trevor zu helfen. Stattdessen schwieg er und starrte die Alte nur sauer an. Nelli lag noch immer auf ihrem Lager, eine zerpflückte Decke als Stütze unter ihrem Kopf. Sie wirkte schwach und als konnte sie sich nur mit Mühe überhaupt wachhalten. Seine Standpauke würde er also auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.
    „Wenn du das nächste Mal vorhast, irgendwo bewusstlos im Wald herumzuliegen, dann gib vorher Bescheid.“ Er legte den Dolch beiseite, um die Arme verschränke zu können. „Das gibt uns die Möglichkeit dich selbst bewusstlos zu schlagen. Das hätte den beiden anderen die Sorgen erspart.“
    Nelli biss die Zähne zusammen und stemmte sich auf ihrem Lager in einem weiteren Versuch hoch. Edmund wäre beinahe aufgestanden und hätte ihr geholfen. Stattdessen beobachtete er Nelli skeptisch bei ihren Versuchen. War das eine gute Idee? Sollte sie nicht doch lieber weiterschlafen? Andererseits war sie die Heilerin und wusste es wohl am besten.
    Gerade als er doch aufstand, um das sture Weib zumindest zu stützen, hatte sie es allein geschafft, weshalb er sich ein wenig blödsinnig vorkam, wie er nun mitten im Lager stand. Um davon abzulenken streckte er die Glieder, als wäre dies sein Plan gewesen und tauchte einen der gefundenen Becher ins Trinkwasser, um diesen Nelli zu reichen. Wenn sie mit Trinken beschäftigt war, konnte sie ihm nicht auf die Nerven gehen.
    „Danke.“ Nelli schaute ihn ruhig an und nickte ihm leicht zu, ohne auf seine Worte einzugehen.
    Edmund hob die Augenbraue. „Für was bedankst du dich denn, Hexe?!“
    „Das ihr mich gerettet und euch um mich gekümmert habt.“
    Edmund stieß ein Zischen aus.
    „Die anderen haben sich um dich gekümmert.“
    „Aber weder Esther noch Trevor werden mich aus dem Wald getragen haben.“

    Edmund verzog den Mund. Als würde er ihr das auch noch auf die Nase binden! Sollte sie glauben, was sie wollte.
    Knurrend wandte er sich ab und wieder an den Fisch.
    Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, wie Nelli selbstgefällig vor sich hingrinste.
    „Du bist schon merkwürdig. Ich tue das, was du sagst und es ist nicht richtig. Ich bedanke mich und es ist nicht richtig.“
    Dann halt doch die Klappe! Ich werde dir garantiert nicht sagen, dass ich mir Sorgen um dich gemacht habe!
    Er versuchte Nelli zu ignorieren und drehte stattdessen den Fisch noch zweimal hin und her und setzte den Dolch erneut an.
    „Die Klinge nach außen, und am After anfangen.“
    „Ich sagte doch, ich weiß das selbst!“,
    keifte Edmund zurück. Hätte die Hexe nicht ohnmächtig bleiben können, bis er mit dem Fisch fertig war? Oder einfach bis sie das Schiff repariert hatten? Es war ja nicht so, als konnte die Hexe dabei helfen. „Trink lieber, der Tag wird warm!“
    Er rümpfte die Nase, drehte dann aber den Dolch und setzte ihn am After an.
    „Nur flach schneiden, die Klinge immer nach außen, und nur die Haut durchtrennen.“
    Edmund hielt in der Bewegung inne und sah Nelli über die Schulter finster an. Diese lächelte unschuldig, schwach aber unschuldig. Der Schalk klebte ihr dennoch in den müden Augen.
    „Glaubst du, es ist ratsam mich zu reizen, während ich ein Messer in der Hand habe, Alte?!“
    Zurück beim Fisch, folgte er dennoch der Anweisung und rümpfte angeekelt die Nase.
    Denk einfach daran, dass du keine Kokosnüsse essen musst, wenn du das jetzt machst!
    „Soll ich dir das abnehmen?“
    „Nein.“
    „Gut"
    , Nelli grinste selbstgefällig, „dann pass auf, dass du die Gallenblase nicht erwischst.“ Edmund spürte, wie sein Auge erneut zu zucken begann. Wollten ihn die Leute heute alle für blöd verkaufen?
    Er war aber zu sehr mit dem Ekel beschäftigt, um sich über die Worte der Hexe zu beschweren. Stumm und widerwillig folgte er ihren Anweisungen, verfluchte innerlich alles. Er war froh, dass die Hexe in seinem Rücken saß und das Gesicht nicht sehen konnte, dass er zweifelsfrei zog. Der Fisch war von außen schon schleimig, eklig und widerlich gewesen. Aber von Innen …
    „Und jetzt mit den Fingern die Innereien herausziehen.“
    Gerade wollte Edmund sich umdrehen und die Hexe fragen, ob sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Als würde er dieses … Zeug wirklich mit den Händen anfassen. Allerdings trat im selben Moment Esther wieder an das Lager heran.
    „Nelli, du bist wieder wach“, meinte die Magierin sichtlich erleichtert. „Das freut mich.“ Sie ging sachte lächelnd neben ihr in die Hocke. „Wie geht es dir?“
    „Unkraut vergeht nicht.“
    Die Alte lächelte und nickte dann in Edmunds Richtung. „Außerdem werde ich gut unterhalten. So etwas verpasst man nur ungern.“
    Beide Frauen blickten nun in seine Richtung, weshalb Edmund verschlossen zurückstarrte. Warum grinste nun auch noch Esther? Hatten die beiden nichts Besseres zu tun?!
    „Halt die Klappe“, zischte er und wandte sich zurück an den Fisch. Warum hatte Esther ausgerechnet in diesem Moment zurückkommen müssen? Sich vor Nelli lächerlich zu machen, war das Eine. Aber vor Esther war keine Option! Fehlte nur noch, dass auch Trevor vom Wrack zurückkam und sich über ihn lustig machte!
    In seinem Rücken kicherte Nelli.
    „Der feine Herr versucht einen Fisch auszunehmen und ich bin gespannt, ob er die Innereien mit seinen zarten Fingerchen auch berühren kann, ohne ohnmächtig zu werden.“
    Dass Esthers Grinsen durch die Worte noch breiter wurde und sie sich nun genau neben ihn stellte, machte die Situation nicht besser.
    Edmund biss sich auf die Zunge, um die Beleidigungen für sich zu behalten.
    „Ich bin zuversichtlich, dass er es schafft“, sprach Esther, das Grinsen aber immer noch im Gesicht, was ihre Aussage für ihn nur unglaubwürdiger machte.
    Denen würde er es schon zeigen!
    Er unterdrückte das Wimmern, das ihm schon auf der Zunge lag und kam dann Nellis Erklärung nach, wie genau er das eklige Zeug anfassen musste, um es dem Vieh aus dem Rachen und Bauch zu ziehen. Hätten die beiden Frauen nicht neben ihm gehockt, er hätte das Vieh mit spitzen Fingern zurück ins Meer geworfen und sich die nächste Kokosnuss gegriffen. Nun konnte er sich die Blöße nicht geben.
    Es war blutig, glibbrig und zu gern hätte er alles vor Nellis Füße geworfen. Stattdessen biss er die Zähne zusammen. Die Erinnerung an das Gefühl würde er nie wieder aus dem Kopf bekommen! Wie konnte etwas so eklig sein?
    Mit einem Schmatzen lösten sich die Organe vom restlichen Fisch und eilig warf Edmund die Innereien in den leeren Eimer. Angewidert wischte er dann seine Hände an der Hose ab.
    Ihm entfuhr ein Fluch, als er merkte, dass es sich nicht gehörte, den Schleim von Fischinnereien an die Hose zu schmieren … und er nun den Schleim von Fischinnereien an den Hosen spazieren trug!
    Nelli stieß ein Geräusch aus, das Anerkennung hätte sein können, in Edmunds Ohren aber eher nach Belustigung klang.
    „Er hat es geschafft.“
    Genervt sah er die alte Frau an.
    „Anstatt dich über mich lustig zu machen“, er deutete auf das Tuch, in dem er die Kräuter gesammelt hatte, „sag mir lieber, was man davon nutzen kann und was nicht. Auf der Insel gibt es nicht viel." Dann war die Alte zumindest zu irgendwas gut! Und er konnte Esther ignorieren! Ihre Reaktion auf diese Lächerlichkeit wollte er gar nicht sehen.
    „Mich über dich lustig machen? Nichts liegt mir ferner“, schmunzelte sie und angelte nach dem Tuch. Mit zwischen den runzeligen Lippen geklemmter Zunge begann sie zu sortieren. „Das hier hat keine sonderliche Heilwirkung, schmeckt aber im Essen. Das hier hilft gegen Durchfall. Das hier ist gut, um Schmerzen zu stillen. Das ist Unkraut. Das hier giftig.“ Sie legte die einzelnen Pflanzen vor sich aus, so dass Edmund sie gut sehen konnte.
    Edmund beäugte die Gewächse und versuchte sich das Aussehen und Nellis Gesagtes zu merken. Aber am Ende sah alles davon recht ähnlich aus. Davon abgesehen: Waren nicht alle Kräuter Unkraut?
    „Und was davon passt zu Fisch?“, fragte er genervt.
    „Das da.“ Sie deutete mit ihrem knorrigen Zeigefinger auf das erste Kraut. „Du musst schon zuhören.“
    Ich habe zugehört, du alte Vettel!
    Beleidigt rümpfte er die Nase. „Gut, dann also das erste“, er griff danach. „Und du schluckst am besten das letzte.“ Stumm wandte er sich anschließend wieder an den Fisch, den er mit dem Dolch teilte und auf Stöcken über das Feuer hing. Er wurde gerade fertig, als Trevor vom Wrack zurückkehrte.