Die Sonne ging gerade erst auf, als eine Kutsche durch den Hafen ratterte und nach einigen Zwischenstopps, um nach dem Weg zu fragen, bei ihrem Schiff hielt.
Edmund hatte den Weg der Kutsche mit gerunzelter Stirn und müden Augen von der Reling aus beobachtet. Sein Kopf dröhnte.
Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber sicher keinen Boten, der sie ins Anwesen der Herzogsfamilie einlud.
Edmund rümpfte genervt die Nase, gähnte und betrachtete den Diener mit erhobener Augenbraue. Erstaunlich, vor einigen Monaten hätte er sich über diese Einladung noch gefreut. Ein weiches Bett, Frauen. Gutes Essen, Frauen. Ein warmes Bad, Frauen.
Aber jetzt fragte er sich, ob es Esther und Trevor vermasselt hatten.
Hätte nicht vor Morgen damit gerechnet …
Er strich sich die Haare aus der Stirn. Dankbar, dass Nelli sie ihm geschnitten hatte. Andererseits standen die deutlich kürzeren Haare wahrscheinlich gerade in alle Richtungen ab. Der Wind machte es kaum besser.
„Wo sind die Gräfin und ihre Leibwache?“, fragte er.
Der riesige Kerl sah ihn durchdringend an. Wohl leicht genervt, dass Edmund keine Anstalten machte, ihm zur Kutsche zu folgen.
„Die Gräfin erwartet Euch im Schloss. Sie bat meine Herrn nach Euch zu holen.“
Klingt zumindest nicht so, als wären die beiden gefangen genommen worden. Aber es schloss eine Falle nicht aus. Seit wann war er so misstrauisch?
Hinter ihm erklangen Schritte.
„Ich dachte, die beiden machen das alleine.“ Er wandte sich an Nelli, die neben ihm an die Reling trat und zu dem Diener blickte.
Ein Ruck an seinem Bein und Nella begann an seinem Hosenbein hochzuklettern. Was dem Boten eine gerunzelte Stirn entlockte.
Edmund ignorierte es.
„Vielleicht brauchen sie deinen unvergleichlichen Charme und mein Wissen?" Nelli grinste und es klang nicht unbedingt als wollte sie ein Kompliment machen.
Was denn jetzt schon wieder?
Edmund kniff wütend die Augen zu Schlitzen. Es war noch viel zu früh und er hatte die halbe Nacht nicht geschlafen für solche dummen Aussagen! Sollte die Alte ihm nicht auf die Nerven gehen! Ohne Trevor oblag ihm die Wache alleine, was seinen sowieso bereits kreisenden Gedanken nicht gut tat. Immer wieder ging ihm durch den Kopf, dass er Nalu beinahe dazu gedrängt hatte, Menschen zu töten.
Er kniff sich die Nasenwurzel, atmete mehrmals aus und sah zurück zu dem Diener.
„Was wollen deine Herren von uns?“
Der Mann zuckte die Schultern. Ein recht kräftiger Kerl für einen Kutscher. Hässlich, unansehnlich und erstaunlich bullig.
„Ich soll euch nur abholen.“
Edmund bemerkte den skeptischen Blick zu ihrem Schiff. Es war sehr offensichtlich, was er über ihre zusammengezimmerte Schaluppe dachte.
„Glotz nicht so blöd, davon wirst du nicht schöner.“, kommentierte Edmund genervt.
„Wir kommen natürlich gerne mit“, bestimmte Nelli und hob Nella auf. Ihr Blick war belehrend, was ihn gereizt ausatmen ließ.
Er hatte sich auf sein Bett gefreut. Er hatte keine Lust auf eine Kutschfahrt durch die Heide. Das Dröhnen in seinem Kopf wurde stärker.
Er hielt Nelli zurück, die bereits von Bord gehen wollte und sah den Kutscher an.
„Warte hier, wir machen nur alles fertig.“
Er zog Nelli hinter sich her.
„Du willst doch nicht in der Kleidung gehen?“ Von ihm ganz zu schweigen. Er trug nur Hemd und Hosen.
„Was ist damit?“ Nelli sah an sich herab. „Ich finde es gut.“
Mal abgesehen davon, dass sie wieder mal eines von seinen Hemden trug. Immerhin nutzte sie mittlerweile ihre eigenen Hosen. Wohl bereits ein Gewinn.
Aber so konnte man sich kaum vor den Adel stellen. Und er wollte auch nicht blind in eine mögliche Falle laufen. Und für den Fall, dass die anderen Probleme hatte, auch nicht unvorbereitet gehen.
Wenn die beiden bis zu den Knien in der Scheiße stecken …
Er machte unter Deck Nelli auf seine Gedanken aufmerksam.
„Esther meinte doch, dass sie mit dieser Herzogsfamilie befreundet ist“, erinnerte Nelli. „Glaubst du nicht, du übertreibst?“
„In Anbetracht dessen, dass wir Unglück magisch anziehen“, damit meinte er eigentlich vor allem sich selbst, „halte ich es nicht für übertrieben, mit allem zu rechnen.“
Nelli sah erst aus, als wollte sie wiedersprechen, dann zuckte sie aber die Schultern.
„Hast Recht.“ Sie packte Nella und lief mit ihr zu ihrem Zimmer.
„Kannst du das wiederholen?“, rief er ihr nach, erntete aber nur Singsang von Nella.
Wenige Minuten später waren sie beide fertig und gingen vom Schiff. Edmund hatte eine der Pistolen und einen Degen mitgenommen. Den Degen hatte er lange in den Händen gehalten, ehe er sich dazu entschlossen hatte, ihn mitzunehmen. Nach allem machte ihm der Gedanke Angst, die Waffen einzusetzen. Nach der Sache mit Nalu war er sich nicht mehr so sicher, ob es ihm wirklich etwas ausmachte, andere zu verletzten. Was war, wenn Trevor auf ihn abgefärbt hatte und ihm das Töten zukünftig egal war, vielleicht sogar Freude bereitete.
Edmund blieb auf der Planke stehen, die vom Schiff führte. Aber ohne Trevor war er für Nellis Schutz verantwortlich. Punkt. Er nahm die Waffen mit!
Neben ihm glitt Nalu aus dem Wasser, lief das Wasser über das Hafenbecken schwappen und das Schiff schwanken. Dabei verloren Nelli und er das Gleichgewicht. Er schaffte es noch, Nelli mit einem Griff am Fallen zu hindern, ehe er selbst abrutschte und der Länge nach die Planke hinabrutschte. Nun gesellte sich zu dem Dröhnen in seinem Schädel auch noch ein Pochen.
Dieses dumme Vieh!
Wie eine Katze, die aus dem Nichts auftauchte, und einem dann zwischen die Beine rannte.
Der Kutscher sprang zurück, schrie und polterte neben Edmund auf den Boden.
Nalu blubberte.
Was sollte der Scheiß?!
Nalu blubberte.
Du hättest mich fast umgebracht!
Nalu glubschte ihn an.
Aber auch nur gerade so!
„Geht es dir gut?“ Nelli sah auf ihn herab. Edmund strich seine Kleidung glatt.
„Nein“, murrte er. Dann wandte er sich an den Kutscher, der zitternd auf den Kraken zeigte. „Mach dir nicht ins Hemd.“
Wir sind eine Weile weg, meinte Edmund im Weitergehen.
Nalu warf ihm eine scharfkantige Muschel an den Kopf und schlug wütend mit einem Arm nach der Rampe. Diese krachte und fiel ins Wasser.
„Spinnst du!?“, pflaumte Edmund den Krake an. Wie sollte er Trevor erklären, dass Nalu sein Schiff kaputt gemacht hatte?
Leg es dahin zurück, wo es war!
Wütend funkelte er den Krake an. Nalu starrte wütend zurück.
Ich mach Calamari-Ringe aus dir!
Er deutete mit dem Finger auf das Brett und das Schiff. Nalu brummte, packte das Brett mit einem Tentakel und krachte es unsanft aufs Deck des Schiffes.
Wie ein zickiges Kind.
Edmund schüttelte den Kopf.
„Passt auf, dass das Schiff noch schwimmt, wenn wir zurückkommen.“ Und … greif bitte niemanden an.
Edmund wandte sich ab. Nalu zog sich grummelnd zurück.
„Was ist jetzt? Beweg deinen Arsch“, pflaumte er den Kutscher an. „Oder muss ich die Kutsche selbst lenken?“
Der Mann wirkte, als würde er sein Leben in Frage stellen, während er auf die Stelle blickte, an der Nalu unter Wasser den Hafenboden nach – was auch immer – absuchte. Glücklicherweise hatte sich Edmund mit den Soldaten einigen können. Hauptsache niemand beschoss den Krake oder ihr Schiff, während sie weg waren. Oder klaute ihren Schatz.
Es gefiel ihm eigentlich gar nicht, das Schiff hier alleine herumstehen zu lassen. Weshalb er beschloss, während Nelli dem Kutscher wieder auf die Beine half, zum Hafenmeister zu laufen, um dort – erneut – jemanden zu bezahlen, der – auf unbestimmte Zeit – auf ihr Schiff und den Kraken aufpasste.
Nur weil Trevor und Esther es nicht alleine hinbekamen. Der Plan war ein anderer gewesen…
Eine gute halbe Stunde später saßen sie endlich in der Kutsche. Der Bote war noch etwas bleich, lenkte sie aber durch die Straßen.
Edmund saß schweigend in den Polstern, die zu weich waren, um bequem zu sein. Und irgendwie nur jedes Schlagloch verstärkten. Es fühlte sich gut an, vom Schiff und dem Meer weg zu sein. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich wohler, wenn er das Meer nur von weitem sah. Aber so war auch Nalu weit weg. Die Gedanken begleiteten ihn aber leider.
Auf der anderen Seite bewegte sich die Kutsche in einem Tempo, bei dem er genauso gut hätte nebenher laufen können. Oder kriechen.
Pflaster rüttelte sie ordentlich durch. Nella versuchte die ganze Zeit aus dem Fenster zu fliehen, was Nelli krampfhaft verhindern wollte. Da in der Kutsche aber nicht allzu viel Platz war, stießen beide immer wieder gegen ihn.
Genervt lehnte sich Edmund zurück. Hoffentlich dauerte die Fahrt nicht allzu lang. Der beengte Raum gab ihm viel zu viel Zeit zum Grübeln, schlafen konnte er durch das Rütteln aber nicht und Nella zerrte nun schon das vierte Mal an seiner Jacke. Das Rütteln verstärkte das Dröhnen in seinem Kopf als würde es vibrieren. Er nahm den Kopf von der Rückwand.
Er hasste Kutschfahrten. Es rüttelte, stank und war beengt, laut und unbequem.
Er blickte durch das Fenster auf das Meer, das langsam in die Ferne rückte. Er konnte immer noch nicht erklären, was vor einigen Tagen vorgefallen war. Warum hatte er gewollt, dass Nalu diese Leute verletzte? Warum hatte Nalu es umgesetzt?
Er rieb sich die Stirn.
Diese Typen hätten sterben können, er hatte es in diesem Moment in Kauf genommen. Weil er die Kontrolle verloren hatte. Aber warum? Wegen diesem dummen Streit, den Provokationen? In der Regel waren seine Streitereien mit Nelli schlimmer. Was war, denn er dabei in Zukunft ebenso die Kontrolle verlor? War es wirklich nur Nalu gewesen, der seine Wut verspürt und gehandelt hatte? Oder war er es gewesen? Er musste das unter Kontrolle bringen. So etwas durfte nicht erneut passieren.
Er brachte doch wirklich immer nur Probleme. Egal wo er stand und ging, verursachte er Chaos. Wäre er nicht gewesen, wären sie nie auf der Insel gewesen. Und alles andere wäre ebenso niemals passiert. Er war es doch, der allen immer nur im Weg stand. Ohne ihn wären alle besser dran.
Er schob Nella weg, die in seinen Taschen kramte.
Er trug nichts zu der Reise bei. Außer allen immer mehr Ärger aufzubinden. Mehr Probleme, mehr Weg, mehr Gefahren. Und nun hatte er auch noch einen Kraken an der Backe, der auf seine Wut reagierte. Oder er auf Nalus Wut.
Er schob Nella erneut weg, als sie an der Pistole herumfummelte.
Er schnaufte.
Nelli pflückte Nella von ihm runter, als diese nicht von seiner Kleidung ablassen wollte.
Edmund betrachtete das Holzwesen mit bösem Blick, ehe er wieder aus dem Fenster sah.
Dieses dumme Wesen…
„Hey, schau sie nicht an, als würdest du sie gleich aus der Kutsche werfen wollen."
„Bring mich nicht auf Ideen!", murrte er. Obwohl er es nicht so meinte. Das Ding war wahrscheinlich nützlicher als er. „Warum nehmen wir sie überhaupt mit?!“
„Weil wir sie nicht alleine lassen können.“
Edmund rümpfte die Nase. „Sie hat meine Kleidung zerknittert!"
„Man sieht überhaupt nichts. Das sieht genauso aus wie vorher.“ Nelli verdrehte die Augen.
Das konnte auch nur von ihr kommen. Was wusste schon eine alte Lumpenhexe von Kleidung?
Es war schon schwer genug gewesen, sie in eines der guten Kleider zu reden.
„Du hast keine Ahnung." Edmund blickte wieder aus dem Fenster. War das immer noch die gleiche Straße? In der Geschwindigkeit würde nicht nur Nelli an Altersschwäche sterben, ehe sie ankamen.
Er seufze.
„Glaub mir, ich erkenne Falten, wenn ich sie sehe...“
…sieht man
Er schwieg. Ja, Nelli bekam bereits wieder die ersten Falten. Nur leichte, aber es war ersichtlich.
„Du sagst doch immer, ich bin die Fachfrau für Falten“, bohrte Nelli weiter. Der Weg würde lang werden. Sehr lang. Wie konnte sie darüber Witze machen, als wäre es nichts?!
Er reagierte nicht.
Nelli verdrehte erneut die Augen und behielt Nella auf dem Schoß. Immerhin erkannte sie, dass er nicht reden wollte.
Edmund schweig die nächste Stunde komplett, in Grübeleien versunken und versuchte, das Dröhnen in seinem Kopf zu ignorieren. Was war das? Wurde er krank?
Der Rotschopf summte leise Nella in den Schlaf, seit sie die Stadt verlassen hatten. Nella wirkte nicht, als würde es schlafen wollen. Aber immerhin saß das Ding nun still.
Edmund lauschte dem Summen. Die Alte hatte eine schreckliche Stimme. Kratzig und rau. Aber dem Baumwesen gefiel es. Mit Glubschaugen sah das Ding Nelli an. Die Szene wirkte beinahe friedlich, wie eine Mutter und ihr Kind.
Widerlich.
Edmund entging ihre Haltung nicht, die auf Rückenschmerzen hindeutete. Zwar schmerzte ihm auch bereits der Hintern, aber Nelli alterte deutlich. Sie versuchte es zu verstecken, sagte nichts, aber sie alterte. Die Falten... Auch die ersten hellen Strähnen durchzogen bereits wieder das Rot ihrer Haare. Graue Haare. Nicht viele. Aber deutlich mehr als vor einer Woche. Sie alterte schnell. Zu schnell.
Und sie blieb ruhig, als wäre es das normalste der Welt, innerhalb weniger Wochen um mehrere Jahre zu Altern. Für die Hexte war es das wahrscheinlich. Normal.
„Hör auf zu summen.“
„Warum?“
„Es nervt.“
Nelli betrachtete ihn böse. Aber sie schwieg, verdrehte die Augen.
Danach herrschte endlich Ruhe. Nelli hielt die Klappe. Nella zappelte auf ihrem Schoß, aber war wenigstens still.
Vermutlich wäre eine Pause angebracht. Nellis Rücken würde es brauchen. Etwas die Beine vertreten und den Rücken strecken.
Gemächlich zog die Landschaft weiterhin an ihnen vorbei. Wie lange würde es nochmal bis zu diesem Herzog dauern? Bei dem Tempo. Bis zu seiner eigenen Beerdigung.
Er betrachtete Nelli grimmig. Es sah nicht so aus, als würde Nelli noch ewig durchhalten, auch wenn sie es nicht direkt sagte. Er wurde den Gedanken nicht los, dass sie abgeschlossen hatte. Ließen sie sich zu viel Zeit? Hatte sie deshalb bereits aufgegeben?
Dann lieber Rückenschmerzen als der Tod.
Edmund stand auf, klopfte an die Wand des Kutschers.
„Hey! Wie lange dauert das hier noch?!“, pflaumte er lautstark und wartete auf die Rückmeldung des Kutschers.
„Was ist dir heute eigentlich über die Leber gelaufen?“, mischte sich Nelli ein, „Du bist ja noch unausstehlicher als sonst...“ Was sollte das denn heißen? Dass er nutzlos war, wusste er, auch wenn man es ihm nicht permanent um die Ohren warf. „Setz dich hin und warte ab. Macht keinen Unterschied ob wir eine Stunde früher oder später da sind.“
Er wusste es. Nelli sah keine Eile. Warum? Hatte sie mehr Zeit, als er schlussfolgerte? Oder gab sie wirklich auf?
„Es sind noch ein paar Stund-“, setzte der Kutscher an.
Edmund wandte sich wieder nach vorn.
„Dann sieh zu, dass deine beiden Gäuler einen Schritt schneller laufen! Ich hatte hier nicht vor an Altersschwäche zu sterben, nur weil du und deine Klepper eine Kaffeefahrt machen wollen!“
War das unfair dem Kutscher und den Pferden gegenüber? Vermutlich. War es ihm egal? Ja!
Seiner Ansicht nach lief ihnen hier eindeutig die Zeit wie Wasser durch die Finger. Schlimm genug, dass sie nun schon über einen Tag Verzögerung hatten. Vor ein Paar Wochen war Nelli noch in ihren Zwanzigern gewesen, nun kratzt sie offenbar an den Vierzigern. Das war keine Einbildung.
Die Kutsche bewegte sich tatsächlich schneller. Nicht viel, aber spürbar.
Lächerlich!
Nelli packte ihn am Arm und zerrte ihn auf den Sitz zurück.
„Hör auf dich zu benehmen, als würde dir die Welt gehören! Wir kommen an, wenn wir ankommen! Mit deinem Geschrei beschleunigst du gar nichts!"
Edmund wollte etwas erwidern.
Doch Nelli unterbrach ihn. „Jetzt entspann dich mal etwas.“
Edmund brummte und blickte in ihre grauen Augen.
Verdammt. Etwas ähnliches hatte seine Mutter mal zu seinem Vater gesagt.
War er ihm etwa doch ähnlich?
Er formte die Hand zur Faust. Nein, das stimmte nicht. Er war nicht wie sein Vater. Ganz bestimmt nicht.
Edmund wollte ansetzen, Nelli nach ihrer Meinung zu fragen. Aber er schluckte den Impuls runter. Und sah lieber wieder aus dem Fenster.
Das war Blödsinn.
Er war nicht wie sein Vater. Er war nutzlos. Er wusste, dass es so war. Er wollte es aber nicht aus dem Mund seiner Freunde hören.
Es reichte ihm, dass es ihm sein Vater immer und immer wieder gesagt hatte. Von den Leuten, bei denen er sich wohl fühlte, wollte er es nicht hören.
Seine Nägel gruben sich in seine Hand.
Irgendwie musste er für sie nützlich sein. Deshalb war es wichtig, dass sie Nelli retteten. Er wollte hier nicht auch noch versagen. Er würde nicht versagen! Nicht hierbei. Er würde nicht zulassen, dass einer seiner Freunde starb.
Nur weil ein dummer Kutscher bei der Arbeit einschläft!
„He Kutscher! Wenn du es schaffst, noch eine Stunde rauszuholen, dann können wir über eine doppelte Bezahlung reden, egal, was du hierfür bekommst.“
Der Kutscher schwieg lange. „Ja klar…“
„Unser Schiff sieht vielleicht nicht so aus, aber du hast den Kraken gesehen, oder?“, rief Edmund zurück. „Mal abgesehen davon, dass der Krake einiges wert ist, bewachen Seemonster immer Schätze, stimmts?“
Der Kutscher schwieg.
Edmund grinste.
„Also?“
Es dauerte eine Weile. Aber dann ging ein Ruck durch die Kutsche. Sie bewegte sich nun deutlich schneller. Sodass sie im Inneren geschüttelt und durcheinandergeworfen wurden.
„Toll gemacht!“, zischte Nelli und hielt das Baumwesen schützend fest.
Komm darüber hinweg, Rotschopf!
Immerhin hielt ihn das Gerüttel vom Denken ab. Sein Kopf pochte nun heftig.
Ohne Pause kamen sie vergleichsweise früh am Anwesen an. Man erkannte es bereits von weitem. Und die Wachen am Tor ließen sie ein. Ein Grund mehr, das alles für eine Falle – oder zumindest keine gute Idee zu halten.
Die Kutsche hielt.
Edmund glitt als erster heraus. Dankbar darüber endlich stehen zu können. Er war das lange Sitzen definitiv nicht gewohnt. Seine Beine waren taub und sein Hintern kribbelte. Kurz hatte er sogar Probleme auf den Beinen zu bleiben. Das Dröhnen und der Druck in seinem Kopf hatte sich weiter verstärkt. Sodass seine Sicht kurz unscharf wurde.
Er rieb sich die Augen. Er brauchte wirklich dringend ein paar Stunden Schlaf.
Er sah sich um. Zumindest wurden sie nicht mit gezogenen Waffen empfangen.
Anschließend wollte er Nelli helfen, aber die drückte ihm nur das Baumwesen in die Arme und kletterte ebenfalls aus der Kutsche. Sie streckte sich, ließ ihre Knochen knacken. Und durchbohrte ihn mit einem Blick, der in der Lage gewesen wäre, zu töten.
Er zuckte die Schultern. Sie hatten genug Zeit verloren. Kam nicht in Frage, dass sie noch mehr Zeit vertrödelten. Das musste die Alte doch erkennen. Ich lass dich nicht sterben, Rotschopf …
Wenn die anderen sahen, wie Nelli in den letzten Tagen weiter abgebaut hatte, würden sie seiner Entscheidung sicher zustimmen. Und hoffentlich zügig handeln. Denn von Nelli ging keine nötige Eile aus. Diese verdammte Ruhe machte ihn wahnsinnig!
Er zog Nellis Schirm aus der Kutsche und reichte ihn ihr. Das Ding hatte sie doch als Gehstockersatz gekauft, oder?
Nelli nahm den Schirm. Und stützte sich tatsächlich etwas darauf. Die Kutschfahrt hatte es offenbar nicht besser gemacht. Aber das würde vergehen. Ihr Sterben nicht.
Der Kutscher sah auf Edmund: „Gut mehr als eine Stunde früher.“
Edmund nickte.
„Ich wusste doch, dass deine Pferde schneller laufen können…ohne dass sie dabei verletzt wurden…“
„Was ist mit der Belohnung? Ihr sagtet, wie reden nach dem Ankommen darüber.“ Der Mann sprang von der Kutsche.
„Klar reden wir darüber.“ Edmund verschränkte die Arme und sah den Mann herablassend an. Eigentlich war es seine Aufgabe gewesen, sie hierher zu bringen. Und das nicht erst wenn sie beide tot waren.
„Ihr sagtet das Doppelte.“
Ich sage viel…
Edmund neigte den Kopf, dann zuckte er die Schultern. Dafür erntete er direkt einen Schlag mit dem Schirm über den Kopf.
„Bezahl ihn, du Idiot! Erst den armen Mann hetzen und sich dann nicht an die Absprachen halten!“
Innerlich durchzog ihn Zufriedenheit. Das passte eher zu Nelli.
Edmund warf dem Mann einen Geldbeutel zu. Dort war genug drin, dass er sich kaum beschweren durfte.
„Ganz der Großkotz. Schnösel bis in die Haarspitzen“, murmelte Nelli und klang dabei schon fast enttäuscht. Oder bildete er sich das nur ein?
„Beruhig dich, Rotschopf. War doch nur ein Witz.“ Er zuckte die Schultern.
„Haha, sehr witzig."
Fand ich schon…
„Jetzt übertreib mal nicht." Er hatte gerade keine Lust, sich mit ihr zu streiten.
„Das kann nur von jemandem kommen, der mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde und sich nie Gedanken um Geld hat machen müssen.“
Ist ja nicht so, als würde der Typ am Hungertuch nagen …. Er wird ja so oder so bezahlt…
Der Kutscher öffnete den Beutel, grinste dann gierig nickend und machte sich daran, die Pferde abzuspannen.
Edmund winkte ab und sah über den Innenhof des Schlosses, ihm war ein wenig schwindelig, aber immerhin ließ das Dröhnen in seinem Kopf ein wenig nach.
Die Wachen sahen in ihre Richtung. Und es näherte sich ein Trupp, der deutlich höherrangiger aussah, als einfache Wachen. Wo waren Esther und Trevor?
Ich habe ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache…