Engel und Dämonen - Episode I

Es gibt 2 Antworten in diesem Thema, welches 1.221 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (5. Juni 2023 um 21:00) ist von Admirarium.

  • Engel und Dämonen Episode I
    von Tom Stark

    Wir schreiben das Jahr 2194.
    Vergleicht man es mit dem Jahr 2000, dann sind die technologischen Fortschritte vermutlich nicht weltbewegend, schon gar nicht, wenn man den Fortschritt von 1900 auf 2000 betrachtet.
    Gut, es gab einige Entwicklungen was nachhaltige Energien betrifft, aber das war ohnehin unverzichtbar, in der Genetik gab es einige bahnbrechende Neuerungen und anstatt altmodischer Bildschirme benutzt man jetzt Holopics oder Holoscreens. Die Computer wurden natürlich kleiner und passen heutzutage in ein subdermales Implantat unter der Handoberfläche.
    Aber wir sind weder weiter in den Weltraum vorgestoßen, noch produzieren wir keinen Müll mehr. Wir haben noch nicht einmal schwebende Autos (jedenfalls nicht so richtig) oder können uns das Essen aus einem 3D-Drucker herstellen lassen. Auch das Beamen ist weiterhin ein Wunschtraum.
    Trotzdem würde ein Mensch aus dem Jahr 2000 sich sehr wundern, denn 2021 geschah etwas, was wirklich keiner kommen sah: Engel und Dämonen betraten die Welt.
    Wie genau es passierte, kann heute keiner mehr sagen, doch irgendwann wurden die ersten Menschen mit Flügeln geboren und ehe man sich versah, hatte man sie Engel getauft. Ich wette zuerst dachte man an genetische Experimente, doch das Phänomen trat weltweit auf und diese Engel hatten außer ihrer Flugfähigkeit noch weitere bemerkenswerte Eigenschaften.
    Zwei Jahre später entdeckte man die ersten Anderen. Ähnlich wie die Engel hatten sie bemerkenswerte Eigenschaften und die Fähigkeit ihr Aussehen zu tarnen ist nicht die Aufsehenerregendste. Auch für sie hatte man schnell einen Namen gefunden: Dämonen.

    In den ersten fünfzig Jahren war das Nebeneinander von drei Menschenrassen zwar von den üblichen Vorurteilen geprägt, aber die Wirtschaft stürzte sich mit Eifer auf die Bedürfnisse dieser neuen Kundenstämme und wie so oft, wenn die Wirtschaft etwas will, dann ist es auch bald aktzeptiert.
    Doch dann stellte sich heraus, dass Engel und Dämonen nicht starben. Ich will nicht sagen, dass sie nicht sterben können, obwohl sie wirklich zäh sind, sondern dass sie einfach keine Alterserscheinenungen zeigen. Selbst heute, nach etwa hundertsiebzig Jahren ist noch kein Fall bekannt, wo ein Engel oder ein Dämon an Altersschwäche verstorben wäre.
    Allerdings sorgen Engel und Dämonen selbst dafür, dass sie nicht überhand nehmen, denn mit dem Drei-Arten-Vertrag von 2101 begann der Krieg.
    Nachdem Engel und Dämonen einen Sonderstatus bekamen, hörten die Engel nach und nach auf, sich an die menschlichen Gesetze zu halten und übernahmen in ganzen Ländern und sogar Kontinenten die Herrschaft, natürlich nur das Wohl der gesamten Menschheit im Auge.
    Die Menschen sind zwar noch in der Überzahl und das alleine hält die Engel davon ab mit noch viel strengerer Hand zu herrschen. Auch muss man zugeben, dass nicht alle Engel schlechte Herrscher sind, ganz im Gegenteil. Viele Probleme wurden unter der monarchistischen Führung eines Engels beseitigt.
    Das Problem ist, dass auch die Dämonen irgendwann ihren eigenen Staat forderten, doch die Engel waren bereits an den Schalthebeln der Macht und nicht bereit ihre Herrschaft zu teilen. Es wurde eine beispiellose Jagd auf die Dämonen veranstaltet und diese damit in den Untergrund getrieben.
    Seitdem führen sie einen Freiheitskampf und eines ist inzwischen gewiss: Die Engel bedauern es längst, die Dämonen nicht auf ihre Seite gezogen haben, als es noch möglich war.


    Blogeintrag, Achilles Garibaldi, 04-09-2194

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

    Einmal editiert, zuletzt von Tom Stark (4. September 2014 um 04:38)

  • Kein alltäglicher Tag

    Wie jeden Morgen stehe ich früh auf um vor der Arbeit noch eine Runde zu laufen. Es gibt zwar diese Homefitness-Holo-Scheiben, die alles Mögliche simulieren, von der Wildwasserfahrt bis hin zu einer Besteigung des K7, aber ich liebe es zu sehen, wie die wenigen altmodischen Läden der Einzelhändler öffnen, wie aus meiner Lieblingsbäckerei der Duft frischer Brote heraus weht und nicht zuletzt kann ich mit Priscilla Everton, meiner hübschen Nachbarin ein paar Worte wechseln.
    Ich gebe gerne zu, dass ich auf Pris stehe, und es ist nicht so, als ob sie mir ganz die kalte Schulter zeigen würde, doch sie ist mit Robert Seahawk verlobt, der blöderweise ein Engel ist.
    Auf der einen Seite ich, ein Mensch, vielleicht nicht unattraktiv aber als Dozent für Geschichte des zwanzigsten Jahrhundert beruflich auch nicht gerade der Frauenmagnet (sieht man von Studentinnen ab, mit denen ich selbstredend nie etwas anfangen würde) und auf der anderen Seite, dieses Bild von einem Mann, was zusätzlich mit imposanten halbdurchsichtigen türkisfarbenen Flügeln punkten kann.
    Verdammt, wäre ich eine Frau, ich würde mich auch lieber mit dem zukünftigen Chef der Marketingsabteilung von Angeldust Europe verloben. Hinzu kommt erschwerend, dass Rob ein wirklich netter Kerl ist, und ich sage das nicht nur, weil er mein Freund ist und ich dank ihm Dauerlogenkarten zu allen Spielen der FC Bayern Angels habe. Natürlich würde ich Rob nie seine Verlobte ausspannen, selbst wenn ich es könnte, was ich nicht kann. Aber ein bisschen hingucken muss einfach erlaubt sein.

    Also zwinkere ich Pris zu, während ich ihr versichere, dass wenn Rob sie nicht bald zu einer ehrbaren Frau macht, ich es selbst tun würde. Sie lacht heiter, was ich an ihr besonders mag. Niemand lacht so ehrlich über meine Witze, wie Pris, selbst wenn sie flach wie eine Flunder und so alt sind, dass sie einen Methusalembart haben.
    Noch eine halbe Stunde bis zu meinem Taxi.
    Heutzutage fährt niemand mehr selbst, wenn er es irgendwie einrichten kann, den öffentlichen Personennahverkehr zu benutzen. Die steuerlichen Vorteile, wenn man genügend PNV-Kilometer zusammenbekommt, sind einfach nicht zu verachten.
    Meistens teile ich mein Taxi mit Herbert Heidel, einem Kollegen aus der mathematischen Fakultät.
    Doch als ich heute, frisch geduscht und einem guten Frühstück im Bauch einsteige, sitzt da nicht Herb, sondern eine Frau.
    Sie mustert mich und ich setze mich automatisch aufrecht hin.
    Ob ihr dieser blonde Vierzigjährige gefällt, der zwar mit ordentlich gestutztem Vollbart aber eher lässigen Kleidungsstil, bestimmt weder nach Karriere noch Geld aussieht, ist schwer zu sagen.
    Mir hingegen fallen in erster Linie ihre Augen auf. Sie haben ein helles Blau, was schwer zu beschreiben ist. Die Frau ist vielleicht Dreißig, aber ich tue mir schwer so etwas einzuschätzen und ebenfalls blond, auch wenn ich am Haaransatz meine zu erahnen, dass sie eigentlich dunkle Haare hat. Sie trägt ein modisches Kostüm, einer diese modernen Einteiler, die man quasi überall sehen kann, der in verschiedenen Violett-Tönen schimmert. Die Arme und die Beine sind ab den Ellenbogen und den Knien frei und zeigen mir eine ungewöhnliche Bräune, wie von jemand der sich oft im Freien aufhält. Seltsam, so hätte ich sie gar nicht eingeschätzt.
    Wie gewaltig der erste Eindruck trügen kann, lerne ich ohnehin in den nächsten Minuten auf die harte Tour.

    »Guten Morgen. Wollen Sie auch zur Uni?«
    Ihr Blick zeigt Verwirrung und eine Falte erscheint zwischen ihren Augenbrauen. Sie rümpft die Nase und erwidert mit strengem Tonfall: »Ich wüsste nicht, was Sie mein Ziel angeht!«
    Du liebe Güte, ein Mimöschen! Da will man höflich Smalltalk betreiben, was ich zugegeben nicht gerade gut kann, und dann wird man so abgekanzelt.
    »Schon gut, heute wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden? Ich wollte nur höfliche Konversation machen.«, entgegne ich auch ein bisschen defensiv.

    »Wir kommen gleich zum Checkpoint.« Lässt uns der Autopilot wissen. Jeden Morgen dasselbe. Bevor man nach Downtown hinein kann, muss man sich ausweisen. Man könnte ja ein Dämon sein, der versucht die Zivilisation durch das Sprengen der historischen Fakultät in die Knie zu zwingen.
    Als wir uns nähern, werden die Fenster heruntergefahren und ich sehe Paul Hendrik, der wie jeden zweiten Tag hier seine Schicht absolviert.
    Paul ist ein stinknormaler Euro-Cop und wir kennen uns mittlerweile sieben Jahre, solange wie ich an der Uni lehre. Er hat eine Frau, Soscha, und zwei Kinder, Elena und Saul, der zum Glück der Familie als Engel geboren ist. Familien mit einem Engel haben wirklich den Jackpot gezogen. Förderungen aus allen Richtungen, Vergünstigungen und rasches Vorankommen im Beruf. Paul hat mir erst kürzlich anvertraut, dass er zur Staatssicherheit gehen kann, sobald Saul die Grundschule hinter sich hat. Dieser Glückspilz.
    Ich tippe mir grüßend an die Stirn, als wir anhalten und er grinst mir freundlich zu. Eigentlich ist es Vorschrift alle Personen zu scannen, doch bei alten Bekannten sind die Cops gerne nachlässig. Dieser Tiefenscan ist auch nicht gerade angenehm, aber wie sonst, will man einen Dämonen im Tarnstadium erkennen?
    Er will uns schon durchwinken, als ihm auffällt, dass heute nicht Herb neben mir sitzt. Neugierig beugt er sich zu uns herab. »Na, wen haben wir denn da?«
    Bevor ich verstehe was los ist, spüre ich die Hand meiner Mitfahrerin auf meinem Oberschenkel. Als ob mich ein elektrischer Schlag trifft, setzt schlagartig mein Hirn aus und ich bin unfähig auch nur das Geringste zu unternehmen.
    »Ich bin Theresa, Theresa Giovanni. Wir sind seit zwei Monaten zusammen und arbeiten auch gemeinsam an der Uni.«
    »Ja, so ist es, ich wollte sie gerade vorstellen.«, sage ich, obwohl ich schwöre, dass ich das weder will noch in der Lage bin irgendetwas dagegen zu tun. Ich fühle, wie sich mein Gesicht zu einem verliebten Grinsen verzieht und sie mich daraufhin küsst. Und was für ein Kuss das ist!
    »Oh, hehe. Schön Sie kennenzulernen. Na, dann halte ich euch nicht länger auf. Schönen Tag noch.«

    Als wir den Checkpoint weit hinter uns gelassen haben, lässt sie meinen Oberschenkel wieder los und ich bekomme die Gewalt über meinen Körper zurück.
    »Es tut mir leid.«, sagt sie, aber es klingt ziemlich lahm.
    »Das war gar nicht nett.«, entfährt es mir, zugegeben, eine seltsame Reaktion, aber mein Oberstübchen ist auch gerade erst wieder dabei sich zu sortieren.
    Entsprechend werde ich nun gemustert. Erneut.
    »Doch, wirklich.« Es klingt nun tatsächlich ehrlich.
    »Ich will weder Ihnen noch sonst jemand etwas Böses. Aber ich muss dringend jemand treffen. Es hängen Leben davon ab.«
    Irgendwie glaube ich ihr, so absurd es scheint. Nach so vielen Jahren im Lehrberuf, bekommt man eine Nase dafür, ob man angelogen wird oder nicht. Das, oder man wird zum Gespött des ganzen Campus.
    »Tja, ich bin weder von der Polizei, noch der Staatssicherheit. Nicht einmal die Uni hat mich als Beamter fest angestellt, also muss ich Sie rein rechtlich auch nicht aufhalten.«
    Sie verzieht den Mund, als wollte sie sagen, dass ich das auch gar nicht könnte, selbst wenn ich wollte, aber sie ist so zartfühlend mir das nicht um die Ohren zu hauen.
    »Auch wenn ich Ihnen gerne glauben würde, muss ich darauf bestehen, dass Sie mich begleiten. Es hängt einfach zu viel davon ab.«
    Ich zucke leichthin die Schultern. »Das bedeutet wohl, dass mein Einführungskurs in neure/neuste Geschichte heute Morgen ausfällt. Ich kann förmlich die enttäuschten Gesichter meiner Studenten vor mir sehen.« Sie versteht den ironischen Unterton genau richtig und ich meine sogar eine gewisse Erleichterung in ihren Augen zu sehen. Habe ich übrigens schon erwähnt, dass ich noch nie schönere blaue Augen gesehen habe?

    »Gut, dann steigen wir hier aus. Bitte bleiben Sie in meiner Nähe und tun Sie nichts Unbedachtes. Mein Kontakt kennt Sie nicht und er ist sehr verzweifelt. Verzweifelte Menschen neigen zu verzweifelten Taten.«
    Das muss sie mir als Historiker nun wirklich nicht sagen.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

    Einmal editiert, zuletzt von Tom Stark (4. September 2014 um 05:54)

  • Blogeintrag, Achilles Garibaldi, 04-09-2194

    DIe Art dieses Blogeintrages gefällt mir recht gut und ich könnte mir vorstellen, wenn die ganze Geschichte in dieser Art der erzählt, vielleicht sogar nur punktuell, da ihren Charme gewinnen kann.

    Da es allerdings inzwischen einige Jahre her ist, seit in diesem Threat etwas passiert ist, möchte ich hier erstmal loswerden: Ich hoffe es wird weitergehen. Insbesondere der erste der zwei Teile hat es mir doch angetan.

    Bitte lagern Sie explosive Materialien nicht in der Nähe von Feuerbällen und wecken Sie den Drachen erst, wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen sind.