Schreibwettbewerb November 2012 - Voting & Siegerehrung

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    • Schreibwettbewerb November 2012 - Voting & Siegerehrung

      Hallo Forumsmitglieder ! :)

      Darkness und ich sind zu einer Entscheidung und einem Ergebnis des Schreibwettbewerbs gekommen. Es waren richtig gute Geschichten dabei, aber eine hat uns am meisten gefallen und sofort überzeugt. Damit geben wir den glücklichen Gewinner bekannt:

      *TROMMELWIRBEL* :mamba2: :golly:


      Spoiler anzeigen
      Conquisator und seine Geschichte "Wächter der Menschen" ! Herzlichen Glückwunsch ! :)




      Alle Geschichten werden in einer Antwort unter diesem Beitrag veröffentlicht.

      Danke für eure Teilnahme, hoffentlich werden das nächste mal noch zahlreichere Geschichten geschrieben :)

      LG Cethaya.
      »Dies ist das wunderbarste Gefühl, das mein Herz jemals würdig gewesen ist zu empfinden;
      und es ist meinem Herzblut gänzlich geringwürdig,
      dass dieses Gefühl nur ein Trugbild ist.«
    • Geschichte von @Conquisator:


      Wächter der Menschen


      „Ruhig, mein Großer. Ruhig...“, flüsterte Saul beruhigend auf sein Pferd ein und tätschelte dem
      nervösen Tier den langen Hals. Belohnt wurde er zwar nur mit einem ängstlichen Schnauben, aber
      immerhin hörte das Reittier auf immer wieder zur Seite zu tänzeln. „Ich wäre auch lieber ganz
      woanders“, fuhr der Hauptmann fort und streichelte seinem treuen Gefährten über die lange Mähne,
      „aber ich muss ihn finden.“ Entschlossen hob er den Kopf und blickte zu Rasmus hinüber, der an
      seiner Seite ritt.
      Der Leroner saß angespannt im Sattel und schien seine Umgebung keine Sekunde lang aus den
      Augen zu lassen. Das gedämpfte Licht seiner Laterne, die am Sattel befestigt war, spiegelte sich in
      seinem blankpolierten Stahlharnisch wieder. Durch den Morgentau glitzerten seine hellen Haare
      nass und fielen ihm ins Gesicht. Sein scharfer Blick glitt über die morgendlichen Nebelschwaden,
      die eine freie Sicht nahezu unmöglich machten. Seine freie Hand ruhte auf dem Griff seines
      Langschwerts und schien nur darauf zu warten die Waffe zu ziehen. Fast, als rechnete er mit einem
      Angriff.
      „Er muss es auch spüren“, dachte Saul und packte seine Zügel fester. Dieser Ort war böse. Jeder
      Lufthauch, jedes noch so geringe Geräusch sandte eine stumme Drohung aus, der man sich nicht
      entziehen konnte. Er meinte geradezu ihren kalten Hauch in seinem Rücken zu spüren. Wie eine
      Spinne schien die Kälte an ihm hochzuklettern und sich in seinem Nacken festzusetzen. Kurz wagte
      er es, sich zu seinen anderen Kameraden umzudrehen.
      Trotz des schwachen Lichts ihrer Messinglaternen konnte er ihre kreideweißen Gesichter erkennen.
      Mehr als nur ein Augenpaar starrte starr auf den Rücken des Reittiers und wagte es nicht mehr in
      den dichten Nebel zu blicken. Die Flagge der mitgeführten Standarte Westlerons hing schlaff an
      dem Masten und verbarg ihr Wappen. „Sie alle spüren die Gefahr“, erkannte Saul und wandte sich
      wieder dem Weg zu.
      Der schmale Pfad, dem sie nun schon seit Stunden folgten, war kaum mehr als ein nachlässig
      ausgetretener Strich in der Landschaft. Kaum geeignet einem Reisenden Orientierung zu bieten,
      oder gar irgendwohin zu führen. Dennoch hatte das Expeditionskorps ihn auskundschaften lassen.
      Und mit dieser Aufgabe hatten sie niemand geringeres als seinen Sohn betraut.
      Er war gerade mit seinen Soldaten im Osten des neu erschlossenen Plateaus gewesen, um ein paar
      aufständische Stämme niederzuwerfen. Die halbnackten Wilden hatten ein Kohlebergwerk
      überfallen und alle Leroner in der Mine umgebracht. Nach der erfolgreichen Strafexpedition war er
      ins Hauptlager zurückgekehrt und hatte erst dort von der Entscheidung des Oberkommandos
      erfahren. Zusammen mit der Nachricht, dass der Spähtrupp, nahe am Abgrund verschwunden war.
      „Ich muss ihn finden“, beschwor sich Saul immer wieder, „Ich glaube erst das er tot ist, wenn ich
      seine Leiche sehe.“ Angestrengt versuchte er die wabernden Nebelschwaden zu durchdringen und
      wünschte er hätte einen Mönch mitgenommen. Der hätte mit einem bloßen Gedanken die
      Nebelwand lichten können.
      „Hauptmann“, hörte er Rasmus vorsichtig sagen, „Wir sollten hier rasten und warten bis sich der
      Nebel auflöst. Außerdem brauchen die Männer eine Pause. Wir sind seit zehn Stunden in Bewegung
      und...“
      „Was und...!“, fauchte Saul wütend und zeigte anklagend auf seinen Begleiter, „Sollen wir warten
      bis mein Sohn tot ist!“
      „Nein, ich meinte nur...“
      „Was du meinst ist mir egal! Ich werde mich nicht geduldig hier hinsetzen und vielleicht damit das
      Leben meines Sohns riskieren“, brüllte Saul aufgebracht und drohte dem Soldaten mit der Faust,
      „Wir machen weiter, du...!“
      „Hauptmann“, unterbrach ihn die ängstliche Stimme eines anderen Kriegers, „Da ist etwas. Es sieht
      aus wie...“ Dem Mann stockte der Atem.
      Saul riss sein Pferd herum und sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm des Reiters. Im ersten
      Moment konnte er nichts erkennen, dann jedoch schälte sich langsam etwas schwarzes aus dem
      feuchten Dunst. Saul erkannte sofort den Kadaver eines Pferdes und stieg hastig ab, um den Körper
      zu untersuchen. Der nasse Boden schmatzte unwillig unter seinen Stiefeln, während er eilig zu der
      Leiche hinüberstapfte. Ohne sich umzusehen, wusste er, dass Rasmus ihm mit einer Laterne folgte.
      Der Gestank war beinahe überwältigend. Der metallene Geruch des geronnenen Blutes vermengte
      sich mit dem des faulenden Fleisches. Ein Schwarm Fliegen stieg in einer schwarzen Wolke über
      dem Kadaver auf und offenbarte ein Bild des Grauens. Der Bauch des toten Tiers war mit brutaler
      Gewalt aufgerissen worden, sodass die zerfetzten Innenreihen in einem zerquetschten Pulk aus dem
      Körper herausquollen. Unzählige milchweiße Maden wuselten durch die ausgeweidete Leiche,
      wodurch es an manchen Stellen so aussah, als würde das Pferd sich bewegen. Die Tier hatte die
      Lefzen weit zurückgezogen und die Augen in panischer Angst geöffnet.
      Saul hörte Rasmus hinter sich entsetzt keuchen, beachtete jedoch den grausigen Anblick nicht
      weiter. Er suchte nach etwas anderem. Teilnahmslos glitt sein Blick über den zerstörten Rücken des
      Reittiers und blieb an dem blutverschmierten Sattel hängen. Die Taschen schienen nicht geplündert
      worden zu sein. Zielstrebig griff er, den Leichengestank und die umherschwirrenden Fliegen
      ignorierend, in die Satteltasche und beförderte nach kurzer Zeit ein kleines Emblem zu Tage. Es
      zeigte den leronischen zweigeteilten Schild auf dem ein großes W prangte.
      „Verteilt euch!“, befahl Saul hoffnungsvoll während er zu seinem Pferd zurückeilte, „Bildet
      Zweiergruppen! Sie müssen hier ganz in der Nähe sein!“
      „Herr“, bat Rasmus entschlossen, „Lasst mich euch begleiten.“
      Saul nickte ihm einladend zu und war im Nuh zurück auf seinem Pferd. Endlich hatten sie eine Spur
      gefunden. Ohne sich weiter um seine Männer zu kümmern preschte er los und ließ die Soldaten
      schnell hinter sich.
      Plötzlich war er allein. Seine Euphorie legte sich so schnell, wie sie gekommen war. Die Angst
      kehrte zurück. Sein Pferd schnaubte nervös und tänzelte ängstlich auf der Stelle. Langsam sah Saul
      sich um. Die Nebelschwaden schienen noch dichter geworden zu sein, sodass sich sein Sichtfeld auf
      nur wenige Meter beschränkte. Zudem verschluckte sie jedes Geräusch. Eine gespenstische Stille
      breitete sich um ihn herum aus. Als wäre er allein auf der Welt. Sein rascher Atem verfestigte sich
      zu kleinen Rauchschwaden, die in dem Nebel verblassten. Irgendwie fühlte er sich beobachtet.
      Gegen seinen Willen begann er zu zittern.
      „Verdammt“, fluchte er leise, „Ich hätte auf Rasmus warten sollen.“ Das Bild des Pferdekadavers
      schob sich in sein Bewusstsein. „Verdammt“, fluchte er abermals, „Wir hätten uns nie trennen
      sollen. Was auch immer das Pferd so zugerichtet hat, könnte noch hiersein.“ Er glaubte nicht mehr,
      dass Menschen die Späher angegriffen hatten. Das leronische Pferd war regelrecht zerfetzt worden.
      Abermals lief ihm ein eiskalter Schauder den Rücken herunter. Dieser Ort war böse. Die Gegend
      nah am Abgrund konnte nur verflucht sein.
      Ein lautes Knacken ließ ihn erschrocken aufhorchen. Ohne nachzudenken zog ein sein Schwert und
      hielt nach der Ursache des Knackens Ausschau. Ein weiterer schwarzer Schatten tauchte
      unmittelbar vor ihm im Nebel auf. Sein Pferd bäumte sich panisch auf und hätte Saul fast
      abgeworfen. Nur mit Mühe gelang es ihm das Tier wieder zu beruhigen.
      „Wer ist da?“, fragte er laut, aber nicht so kräftig wie er gewollt hatte. Der Schatten verharrte ihm
      Nebel, kam dann aber mit schleppenden Schritten näher. Die Augen seines Reittiers schienen vor
      Panik aus ihren Höhlen zu quellen und Saul erkannte in ihnen den gleichen Blick wie in dem
      Kadaver des anderen Tieres. „Wer bist du?“, schrie er schrill und kämpfte den verzweifelten Zwang
      wegzulaufen nieder.
      „Ich habe keinen Namen“, drang die träge Stimme des Schattens durch den Nebel, während er
      näherkam, „Ich habe ihn vergessen.“ Ein Windhauch teilte den dichten Dunst und gab den Schatten
      frei.
      »Dies ist das wunderbarste Gefühl, das mein Herz jemals würdig gewesen ist zu empfinden;
      und es ist meinem Herzblut gänzlich geringwürdig,
      dass dieses Gefühl nur ein Trugbild ist.«
    • Sauls Nackenhaare stellten sich auf, als er den Golem erkannte, der ihn aus leeren Augenhöhlen
      heraus anstarrte. Die Kreatur aus Matsch und Lehmklumpen ähnelte dem Menschen nur dank
      seinem Körperbau. Der unförmige Mund war leicht geöffnet und bewegte sich nicht als die Figur
      weitersprach.
      „Du bist ein Mensch“, hauchte der Golem langsam und näherte sich dem Hauptmann, „Ich will
      auch ein Mensch sein!“ Mit ungeahnter Geschwindigkeit stürzte sich das Ungeheuer auf Saul.
      „Halt!“ Ein weiterer Schatten war aufgetaucht.
      Überrascht blickte der Hauptmann zwischen dem Neuankömmling und dem Golem hin und her.
      Nur wenige Meter vor ihm war das Monster in einer grotesken Haltung erstarrt. Er wagte es
      dennoch nicht das Ungeheuer aus den Augen zu lassen und versuchte es und den anderen Schatten
      gleichzeitig im Blick zu behalten. Seine Augen weiteten sich vor entsetzen, als er die andere
      Kreatur erkannte.
      Sein Blick glitt fassungslos über den Golem. Die Teile eines ramponierten Lederharnisches
      bedeckten nur wenige Stellen des Lehmkörpers. Es sah aus, als hätte sich der Golem versucht eine
      menschliche Haut überzuziehen. Aus zahlreichen Rissen quoll Lehm hervor. „Ich will auch ein
      Mensch sein!“, schoss es durch Sauls Gedanken. Dann wagte er es dem Monster in die Augen zu
      sehen und der Anblick lies ihm das Blut in den Adern gefrieren.
      „Parrik“, sprach er fassungslos, nach endlos langen Sekunden, den Namen seines Sohnes aus. Das
      verunstaltete Gesicht seines Kindes starrte ihm entgegen. Nasse Erde tropfte aus einem breiten
      Krater an der Stirn des Golems und lies das menschliche Antlitz so aussehen als würde Parrik
      weinen.
      Ein heftiges Zittern ergriff Sauls Körper. „Was hast du meinem Sohn angetan?“, flüsterte er
      verzweifelt und versuchte die Tränen zurückzuhalten, die in immer rascherer Folge auf den Sattel
      tropften. „Du verdammter Bastard!“, brüllte er plötzlich wütend und sprang vom Pferd, „Was hast
      du mit meinen Sohn getan? Du wirst dich nicht mit seiner Haut schmücken!“ Sein Langschwert
      beschrieb einen langen Bogen und drang mit einem schmatzenden Geräusch in die Schulter des
      Golems ein.
      „Was tust du, Vater?“, sagte Parrik und griff nach der Waffe in seiner Schulter und brach sie mit
      einer kleinen Bewegung auseinander.
      Saul traute seinen Ohren nicht, als er zurück stolperte und den nutzlosen Griff der Waffe fallen lies.
      Der Golem sprach mit der Stimme seines Sohnes. Tiefer Schmerz verzerrte das Gesicht des
      Hauptmanns zu einer unmenschlichen Fratze. „Du bist nicht Parrik“, schrie er und sank verzweifelt
      in die Knie, „Mein Sohn ist tot.“
      „Komm mit mir, Vater.“ Der Golem breitete die Arme aus und schritt auf Saul zu. „Wir können
      wieder zusammen sein.“
      Angewidert zuckte Saul zurück und ein silbern glänzender Pfeil flog an ihm vorbei und drang dem
      Golem mitten in den geöffneten Mund. Überrascht drehte sich der Hauptmann nach dem Schützen
      um, beobachtete aber noch aus dem Augenwinkel, wie das Ungeheuer unmenschlich gurgelnd
      zurücktaumelte. „Vater“, hörte er wieder die Stimme seines Sohnes, diesesmal aber nicht aus dem
      hässlichen Gesicht des Golems, sondern von einer anderen Gestalt, die unnatürlich leuchtend aus
      dem Nebel hervortrat. „Parrik“, flüsterte er ungläubig und richtete sich auf, „Du lebst?“
      Inzwischen war in den erstarrten Golem erneut Leben erwacht. Wie ein tollwütiges Tier knurrend
      stürmte er der Lichtgestalt entgegen, die ruhig einen weiteren Pfeil am die Sehne legte. Nur wenige
      Meter später war auch die Lehmkreatur röchelnd verendet und Parrik trat auf Saul zu.
      „Du lebst“, hauchte der Hauptmann unter Tränen und versuchte seinen Sohn zu umarmen, griff aber
      ins Lehre, „Was...?“
      „Du musst ohne mich gehen, Vater“, sagte Parrik traurig, „Ich kann nicht mit dir gehen.“ Sein Blick
      glitt verstehend über das verzweifelte Gesicht seines Vaters. „Sie haben nur meinen Körper, nicht
      aber meinen Geist“, er klopfte sich bestätigend auf die, nun nur noch mild leuchtende, Brust, „Denn
      der steht hier.“
      „Du bist ein Geist“, erkannte Saul und die Endgültigkeit seine Worte raubte ihm den Atem, als er
      feststellte, „Also bist du doch tot.“
      „Ich habe eine größere Aufgabe übernommen, als dem Rat Lerons zu dienen“, erwiderte Parrik
      ruhig und packte seinen Vater an den Schultern, „Ich habe mich den Reihen derer angeschlossen,
      welche die Menschen vor den Monstern des Abgrunds schützen.“ Wie zur Bestätigung traten
      weitere Lichtgestalten aus dem wabernden Dunst.
      Saul erkannte einige leronische Rüstungen, aber auch viele Eingeborene befanden sich unter den
      Streitern. Ihre Blicke richteten sich auf die unzähligen Golems, die sich ihren Weg durch die
      Landschaft pflügten.
      „Du musst jetzt gehen“, sagte Parrik laut zu seinem Vater, „Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“
      »Dies ist das wunderbarste Gefühl, das mein Herz jemals würdig gewesen ist zu empfinden;
      und es ist meinem Herzblut gänzlich geringwürdig,
      dass dieses Gefühl nur ein Trugbild ist.«
    • Geschichte von @Mogy:


      Meisterwerk



      Die Schaufelspitze grub sich gnadenlos in die Erde, versank in ihr, und
      erhob sich wieder, gefüllt mit tausenden braunen Kügelchen, die an den
      Rändern wieder herunterrollten. Schweiß tropfte von Antas Stirn hinab
      auf den Boden, durch den er zwanghaft versuchte, sich durchzugraben.

      Die Nacht war noch jung und doch so düster, dass die Schatten der
      hochgewachsenen Gräser und Büsche seines Grundstücks seine Silhouette
      verschluckten. Kein Mond stand am Himmel, kein Licht drang durch die
      Fenster der Nachbarhäuser. Es war die ideale Nacht, zu tun, was er tun
      musste, und dennoch rann ihm unaufhörlich der Schweiß die vernarbte Haut
      hinunter. Der Wind heulte durch die kanalförmige Straße, an der sein
      Grundstück gelegen war, und fegte das Laub durch die Luft, das über die
      letzten Monate zu Boden geglitten war. Anta war nicht mehr als ein
      weiterer Schatten dieser düsteren Straße, in der jeder sein Geheimnis
      pflegte wie ein exotisches Pflänzlein. Doch in diesem Augenblick war es,
      als kreischte der Wind nur für ihn in seinem warnenden Tonfall. Als
      wenn die Götter nicht wollten, dass er seine Pläne in die Tat umsetzte.
      Sein Herz donnerte ihm lautstark gegen die Brust und flehte ihn an, die
      Schippe fallen zu lassen und einfach von diesem Ort wegzugehen. Doch er
      konnte jetzt weder auf den Wind noch auf sein Herz hören. Es war bereits
      zu spät. Der leblose Arm seines Opfers lag neben ihm im Dreck und
      zeigte klagend mit seinen Fingern nach seinem Mörder. Hätte er es sich
      anders überlegen wollen, wäre vor der Tat die rechte Zeit gewesen. Jetzt
      gab es nur noch eine Richtung für ihn: vorwärts.

      Das Loch, das er grub, war nicht besonders breit, doch darauf kam es
      nicht an. Kaum einen halben Meter maß der Durchmesser; ein gut
      gefütterter Mensch hätte sich niemals durch diese Röhre quetschen
      können. Doch wenn er nach unten, auf die leblose Blässe der Leiche
      schaute, sah er keine gut genährte Person, sondern ein mageres Mädchen,
      das wahrscheinlich Essen stehlen musste, wenn der Hunger sie quälte. Für
      sie würde es reichen. Nur tief musste es sein, damit ihre Füße die
      unterirdische Strömung, durch die die Kräfte vergangener Zeiten unter
      diesem Grundstück flossen, berühren konnten. Von dort Ort aus würde sich
      ihr ganzer Körper mit Macht vollsaugen, die er so noch nie gesehen
      hatte. Macht, die er kanalisieren und schlussendlich verwenden konnte.
      Bei dem Gedanken stahl sich ein eiskaltes Lächeln auf sein Gesicht, das
      er mit allen Mitteln versuchte, von seinen Lippen zu wischen.

      Er hob ihren leblosen Körper an; er war nicht schwerer als der eines
      gewöhnlichen Kindes. Dann ließ er ihre Füße in das Loch gleiten. Ihre
      Hüftknochen verkeilten sich in der Erde und wollen zunächst nicht
      weiterrücken, doch mit ein bisschen Nachdruck gelang es ihm, sie
      vollständig in das Loch verschwinden zu lassen. Die Kaltblütigkeit, mit
      der er ihre Hüfte mehrfach gegen vor Frost ganz harten Boden pressen
      ließ, überraschte ihn, doch scheinbar hatte er schon mehr begriffen,
      dass sie tot war, als er zugeben wollte.

      Er nahm die Schaufel wieder auf und bedeckte ihren Kopf wieder so viel
      mit Erde, bis auch ihre letzte Haarsträhne unsichtbar war. Auch, wenn
      die Mondgöttin heute nicht zu sehen war, konnte er nicht riskieren, dass
      sie ihn bei seinen Experimenten beobachtete. Anta trank einen Schluck
      aus dem Schlauch Wasser, den er sich mitgebracht hatte, und trommelte
      mit den Fingern nervös auf seinen Oberschenkeln herum. War er wirklich
      bereit, seine Mächte auf diese Art und Weise unter Beweis zu stellen?
      Eine Gänsehaut überzog jedes seiner Gliedmaßen. Je mehr er darüber
      nachdachte, desto weniger sicher war sich. Und das durfte nicht sein, er
      durfte dieses arme Mädchen nicht umsonst getötet haben. Noch ein
      Schluck Wasser, dann fing er an, die Wörter zu zitieren, die er gelernt
      hatte.

      Sie gingen ihm leicht von den Lippen. Es waren die Worte, die er in
      verbotenen Büchern seiner Ahnen gefunden hatte und die sich durch das
      zahlreiche Wiederholen in sein Gehirn gebrannt hatten wie die Wörter
      einer realen Sprache. Es waren die Worte der verbotenen Magie und das
      Sprechen allein erfüllte ihn mit der Macht von vor tausend Jahren. Auf
      seinen Lippen fühlten sie sich kalt wie Eis an.

      Als er seine Verse zu Ende rezitiert hatte, öffnete er wieder die
      schweren Lider und richtete seinen Blick auf die Stelle, an der er zuvor
      das Mädchen vergraben hatte. Es hatte sich nichts getan, die Erde war
      ruhig und bewegungslos geblieben. Kein Laut war zu vernehmen. Er
      durchbrach die Stille mit einem Seufzen.

      Jetzt hatte er ihn, den Beweis. Den Beweis, dass er eben nicht mächtig
      genug war, um Tote wiederzuerwecken. Er hatte die Formeln auswendig
      gelernt und richtig aufgesagt. Er hatte das Mädchen tief genug
      vergraben, mit den Füßen zuerst. Er hatte doch alles richtig gemacht...

      Plötzlich hörte er ein Rascheln – kaum merklicher als sein eigenes
      Atmen, aber er konnte es hören. Es kam von unter seinen Füßen. Sein Herz
      setzte für einen Moment auf und er ließ seine Augen nach unten wandern,
      an die Stelle, wo er sie vergraben hatte... Nichts. Die Erde war immer
      noch plattgedrückt und staubtrocken, doch wenn er genau hinsah, konnte
      er es erkennen – einzelne Sandkörner bewegten sich, wie in einem Strudel
      wurden sie nach unten gesogen, erst langsam, dann immer schneller. Und
      dann kam eine Hand hervorgeschnellt.

      Sein Atem stockte und jeder Teil seines Körpers fing sofort an zu
      zittern. Seine Knie fühlten sich weich an und boten kaum noch Halt.
      Zaghaft beobachtete er die Hand, welche die restliche Erde um sich herum
      aufwühlte, sodass die junge Frau sich hochziehen konnte. Ihre Augen
      waren gänzlich weiß und ihr Gesicht noch fahler als zuvor. Es lag eine
      bedrohliche Schönheit in ihrem Anblick.

      „Mein Meisterwerk!“, rief er und breitete die Arme aus. Er konnte es
      kaum fassen. Die Zauber längst vergangener Tage hatten wirklich gewirkt!
      Er hatte sie gewirkt! Sein Puls raste durch seine Adern und
      tausendundeine Idee rannen ihm durch den Kopf, was er mit seiner neuen
      Gefährtin anstellen könnte. Mit seinem dümmlichen Grinsen stand er da
      und erwartete sie.

      Sie schritt wankend auf ihn zu. Ihr Bein schien zu hinken, doch ihre
      Geschwindigkeit war nichtsdestotrotz enorm. Innerhalb weniger
      Sekundenbruchteile war sie an seiner Seite. Seine Arme waren weit
      ausgebreitet, um sie in den Arm schließen zu können, doch plötzlich
      verging ihm das Grinsen auf seinem Gesicht und stattdessen loderte
      blanke Panik in seinen Augen auf.

      Sie vergrub ihren Kiefer in seiner Schulter, riss ohne Rücksicht das
      Fleisch von seinen Knochen. Seine Schreie erschütterten die ganze Straße
      und erzählten hunderte Geschichten von Leid und Bedauern, ehe sie
      vollständig erstickten.

      Sie spuckte die letzten Hautfasern aus und zog seinen Körper in das
      Loch, in dem zuvor sie begraben gewesen war. „Nicht dein Meisterwerk“,
      zischte sie, „nur dein Opfer.“

      Dann wankte sie die Straße hinunter und hörte die Geister des Windes,
      welche die Bewohner dieser kleinen Stadt vor ihr warnen wollten. Doch
      nur sie konnte die Stimme verstehen. Für diese armen Seelen würde es
      kein Erbarmen geben.
      »Dies ist das wunderbarste Gefühl, das mein Herz jemals würdig gewesen ist zu empfinden;
      und es ist meinem Herzblut gänzlich geringwürdig,
      dass dieses Gefühl nur ein Trugbild ist.«
    • Geschichte von @Deku:



      Geisterseelen




      Dröhnend kam der Bus näher und hielt vor meinen Füssen an.
      Stirnrunzelnd stieg ich hinein. Ich hasste es, mit öffentlichen
      Verkehrsmitteln zu fahren. Doch heute musste ich diese Dienstleistung
      einfach in Betracht ziehen. Normalerweise war ich mit dem Fahrrad
      unterwegs, doch der dichte Nebel hinderte mich daran.

      Im Bus setzte ich mich an einen unauffälligen Platz und begann sofort
      auf mein Handy zu tippen. Der Empfänger der SMS war mein Freund, der
      bereits zuhause auf mich wartete. Ich schrieb ihm, dass ich ihn liebe
      und ich etwas später kommen würde.

      Aus dem Blickwinkel bemerkte ich, dass mich ein komischer Kerl dauernd
      anstarrte. Ich liess mir nichts davon anmerken und schaute weiter aus
      dem Fenster. Laut der elektronischen Ansage waren wir bereits zwei
      Haltestellen von meiner entfernt.

      Der Bus wurde immer leerer und leerer und ich freute mich schon auf den gemeinsamen Abend mit der Familie… und meinem Freund.

      Doch plötzlich kam dieser komische Typ, der mich die ganze Zeit
      angestarrt hatte, auf mich zu. Er war alt, mindestens 60 Jahre, und
      hatte graues Haar sowie einen ungekämmten Bart. „Ich kenne dich.“ sagte
      er mit einer einer ungewöhnlich hellen Stimme. „Geh nicht nach Hause.“

      Ich versuchte ihn zu ignorieren, doch vor lauter Aufregung stieg ich eine Haltestelle früher aus.

      Ich ging den Bürgersteig entlang und warf einen hastigen Blick zurück in
      den bereits wieder losfahrenden Bus. Doch der Alte war wie aus
      Geisterhand verschwunden. Ich schüttelte den Kopf und ging schnell
      weiter. Der Nebel wurde immer dichter.

      Auf halber Strecke stockte mir der Atem. Hell leuchtende Lichter
      versperrten mir plötzlich den Weg. Als wäre es ein wütender Mob, der da
      auf mich zukam.

      Intuitiv wechselte ich die Strassenseite und bog in eine Seitengasse ein.

      Ehe ich mich versah, befand ich mich auf dem örtlichen Friedhof.

      Das kann doch wohl nur ein Scherz sein, dachte ich, und tippte nochmals
      auf die Tastatur des Handys. Doch es kam keine Antwort zurück.

      Immer schneller begann ich zu laufen. Hinter dieser Mauer müsste ich
      bereits wieder auf der Hauptstrasse sein. Doch die Mauer war zu hoch und
      von Gestrüpp umgeben, sodass ich keine Chance hatte, sie zu erklimmen.

      Jetzt rannte ich einfach nur noch. Die Angst hatte mich erfasst. Die
      Angst vor der Dunkelheit, die Angst vor dem, was in den Gräbern um mich
      herum lauerte.

      Doch ich kam nicht weit. Plötzlich hörte ich das Schreien eines kleinen
      Mädchens direkt vor mir. Eine Fratze unvorstellbaren Schmerzes
      offenbarte sich mir, ehe sich die Fratze in eine riesengrosse Spinne
      verwandelte.

      Ich wechselte die Richtung, ehe ich mich plötzlich in einem kleinen
      Garten wiederfand. Ich stürzte und strauchelte über mehrere Büsche und
      befand mich wie aus heiterem Himmel wieder auf der Hauptstrasse.

      Ich rannte weiter. Die Worte des alten Mannes im Bus überkamen mich. „Ich kenne dich“ „Geh nicht nach Hause“.

      Plötzlich stand ich vor meinem Haus. Mein Haus offenbarte sich als
      10-stöckiges Gebäude. „Wieso bin ich hier?“ Meine Sinne mussten mir ein
      Streich spielen. Verwirrt öffnete ich die Eingangstür und trat hinein.
      Ich rief den Lift herab und stieg hinein. Verzweifelt drückte ich auf
      die „2“.

      Der Lift fuhr los. Endlich zuhause.

      Doch der Lift fuhr einfach weiter. Über die „2“ hinaus. Immer weiter.
      Ich drückte den „Stop“-Knopf, doch dies half nichts. Er fuhr weiter,
      wurde immer schneller und schneller. Selbst im obersten Stockwerk hielt
      er nicht an. Nein, auf der Anzeigetafel waren nun die Zahlen „11“ und
      „12“ vermerkt – die es gar nicht gab! Ich begann zu schreien.

      Und wachte auf.

      Ich sah mich um. Leute starrten mich an. Ich befand mich noch immer im Bus.

      Die nächste Haltestelle kündigte mein Zuhause an.
      »Dies ist das wunderbarste Gefühl, das mein Herz jemals würdig gewesen ist zu empfinden;
      und es ist meinem Herzblut gänzlich geringwürdig,
      dass dieses Gefühl nur ein Trugbild ist.«
    • Auch von mir herzlichen Glückwunsch @Conquisator! :thumbup: Jetzt kannst du das nächste Thema vorgeben. ;)

      Eure Geschichten sind wirklich toll und ich kann mich nur Maitreya anschliessen, dass es bestimmt eine schwere Entscheidung gewesen sein muss. Zumindest zwischen Conquisator und Mogy. ^^

      An dieser Stelle möchte ich mich für meine Geschichte entschuldigen. 1. Hat sie nichts mit Geister zu tun und 2. Hab ich sie gerade noch im letzten Moment geschrieben (was man wohl auch merkt/gemerkt hat). Ich hoffe, dass mir zum nächsten Thema was besseres einfällt und ich mehr Zeit zum Schreiben aufbringen kann. 8)
    • Ich freu mich über die Entscheidung :) Ich finde, ihr habt gut entschieden, die Gewinnergeschichte war echt spannend und ein bisschen gruselig...

      @Deku:
      So richtig mit Geistern hatte meine Geschichte auch nichts zu tun... aber ich habe "Nacht der Geister" auch nicht so hundertprozentig wörtlich genommen. Und immerhin nachts war es bei mir. ^^

      Ich freu mich auf das nächste Thema. Ich hab zwar schon selbst ein paar Ideen für Kurzgeschichten, aber ich freu mich auf die Herausforderung des vorgegebenen Themas.
    • Mogy schrieb:

      @Deku:
      So richtig mit Geistern hatte meine Geschichte auch nichts zu tun... aber ich habe "Nacht der Geister" auch nicht so hundertprozentig wörtlich genommen. Und immerhin nachts war es bei mir. ^^

      Ich würde schon sagen, dass deine Geschichte etwas mit Geistern zu tun hat - man betrachte die Auferweckung der Toten. ;)

      "Nacht" sollte es in meiner Geschichte übrigens auch sein, nur vergass ich diese Tatsache im Eifer des Gefechts zu erwähnen. :rolleyes:

      Freue mich ebenfalls auf das nächste Thema. 8)
    • Danke für die Glückwünsche,

      dass mit dem Thema habe ich auch übersehen. Bei mir war es Morgen und die Geister habe ich auch nur in einem knappen Finale eingefügt...

      Ein neues Thema werde ich mir so schnell wie möglich überlegen (sollte nicht allzu lang dauern)

      Freu mich schon auf den nächsten Schreibwettbewerb,

      liebe Grüße Conquisator

      PS: Dürfen die Teilnehmer ihre Text eigentlich nochmal extra in die jeweiligen Unterforen posten, um Raum für geordnetes Feedback zu geben?
      "Geboren im Blut meines Bruders, vergieße ich das Blut meiner Feinde"
      Leitspruch der Unsterblichen
    • @Deku: Toller Anfang, aber man merkt zum Ende hin, dass du es gehetzt geschrieben hast. Wobei Hetze ja eigentlich inhaltlich passt. Die Geschichte bietet Potential, darum war ich von der Auflösung ein bisschen enttäuscht. Aber so ist das eben bei offenen Kurzgeschichten :P

      @Mogy: Tolle Geschichte. Konnte mich gut hineinversetzen. Schön beschrieben alles und interessanter Ansatz. Aber was ist Anta für ein dämmlicher Name, höhö? :D ;)

      @Conquisator: Was ist ein Leroner? Gehört das Volk zu einem bestimmten Fantasy-Franchise?

      Hier etwas widersprüchliches im Text:

      „Du lebst“, hauchte der Hauptmann unter Tränen und versuchte seinen Sohn zu umarmen, griff aber
      ins Lehre, „Was...?“
      [...]
      „Ich habe eine größere Aufgabe übernommen, als dem Rat Lerons zu dienen“, erwiderte Parrik
      ruhig und packte seinen Vater an den Schultern, [...]


      Ansonsten klar, die beste Kurzgeschichte. Alles toll beschrieben und gehetzt wirkte es auch nicht. :thumbup:
      "Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben."
      - George Bernard Shaw -


    • @Mogy: Tolle Geschichte. Konnte mich gut hineinversetzen. Schön beschrieben alles und interessanter Ansatz. Aber was ist Anta für ein dämmlicher Name, höhö? :D ;)
      Ehrlich gesagt handelt es sich bei der Figur um den Antagonisten in meinem aktuellen Projekt - den ich mangels Inspiration einfach Anta Gonist getauft habe. ;)
    • Danke für das Feedback Maui,

      Die Leroner sind ein eigenes (menschliches) Volk, die ich für meine Abgründe erfunden habe. Nachzulesen im High Fantasy Forum unter

      Abgründe 0.1 - 0.6 :D


      Und ja, die Textstelle wiederspricht sich, war aber so gedacht, dass Saul seinen Sohn nicht berühren kann (Geist), aber Parrik seinen Vater schon (aus was weiß ich welchen Gründen)
      "Geboren im Blut meines Bruders, vergieße ich das Blut meiner Feinde"
      Leitspruch der Unsterblichen