Homer und Warden - Der Fall der Gwrach y Rhibyn

Es gibt 23 Antworten in diesem Thema, welches 9.852 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (8. Dezember 2018 um 00:12) ist von Tom Stark.

  • Kapitel XIV

    Nicht einmal vierundzwanzig Stunden später beendete Jenny endlich die Autopsie an dem alten Woolbright. Hätte sie wirklich geschrieben, was sie als Todesursache gefunden hatte, hätte die Familie des Toten sie womöglich in eine Psychiatrie einweisen lassen.
    Daher gab sie als Todesursache Angriff durch ein unbekannten Amokläufer an. Das kam der Wahrheit so nahe, wie sie es vertreten konnte und sie hoffte, dass Ken der Familie glaubhaft vermitteln konnte, dass der Schuldige erwischt und bei der Verhaftung getötet worden war.
    Sie selbst freute sich auf noch drei Tage Urlaub.
    Die Artikel für das lokalgeschichtliche Blatt konnte sie verschieben, die Fachartikel über die Grippestämme leider nicht. Ganz fest nahm sie sich jedoch vor, ihre Freunde und Bekannte zu besuchen allein schon um wieder Normalität in ihr Leben zu bringen.
    Auch wenn sie es ungern gegenüber Mike und Ken zugab, hatte sie doch ihre Schwierigkeiten damit, wenn durch Magie plötzlich Jahrhunderte alte Leichen zum Leben erweckt wurden, widersprach das doch allem, was sie, teilweise mühsam, für ihren Beruf erlernt hatte.
    Klar, für Mike als Schriftsteller, dessen Phantasie ohnehin dauernd Amok lief, war das Ganze ein großes, wundervolles Abenteuer. Zudem brachte sein Beruf es als Voraussetzung mit, die Dinge aus alternativen Blickpunkten zu betrachten.
    Bei Ken, als Polizist, lag die Sache völlig anders. Sie bewunderte ihn sehr, wie gelassen und systematisch er auch mit den verrücktesten Fällen umging. Wäre es nicht so absurd, könnte man glauben, dass er immer alles stehen und liegen ließ, nur um so schnell wie möglich bei dem nächsten Tatort zu sein, bei dem es nicht mit natürlichen Mitteln zuging. Ja, Ken konnte einfach nichts erschüttern.
    Sie ertappte sich wohl zum hundertsten Mal dabei, wie ihre Gedanken zwischen den beiden Männern hin und her wanderten.
    Das war auch so eine Sache, die sie bald regeln musste. Ihr war natürlich bewusst, dass beide um sie warben, doch es gab nur einen mit dem sie sich wirklich eine engere Beziehung vorstellen konnte. Der Andere würde vermutlich verletzt sein und das Letzte, was Jenny wollte, war diese wundervolle Dreierfreundschaft zu beschädigen.
    Allerdings wurden sie alle nicht jünger und gerade solch gefährliche Fälle wie der Letzte machten ihr bewusst, dass sie keine Zeit zu verlieren hatten.
    Irgendwie musste es doch anzustellen sein, dass die drei Freundschaften nicht an einer Beziehung zerbrachen.

    ***

    Inspektor Kenneth Lestrange befand sich wieder in seinem Büro in Swansea. Gerade hatte ihn der Chief-Inspektor verlassen, mit einigen Seitenhieben auf den Fall in Gwynedd. MI6, Secret Service, Alarmstufe Eins. Diesmal hatte tatsächlich er viele Register gezogen und die Wellen waren darum höher als sonst geschlagen. Die galt es nun zu glätten.
    Ken wusste, dass es eine Belobigung für sein entschlossenes Handeln geben sollte, veranlasst von der Queen selbst. Vielleicht konnte man es so drehen, dass das gesamte Büro in Swansea lobend erwähnt wurde, eine Urkunde die sich gut hinterm Sessel des Chief-Inspektors machen würde. Lestrange selbst legte auf solche Urkunden keinen Wert. Wem sollte er sie schon zeigen, der nicht ohnehin die Wahrheit wusste?
    Sein Bericht für die öffentlichen Akten war auch so gut wie fertig. Eine verrückte walisische Adlige, die mithilfe einer alten Leiche einen Skandal auf dem Opernball provozieren wollte. Das klang widerlich genug, um eventuell noch vorhandene Anhänger der Lady abzuschrecken und unspektakulär genug, dass es in der Presse nicht allzu lange als berichtenswert galt.
    Es blieb noch das Abschlussgespräch mit der Zentrale in New York, aber dort war es gerade zwei Uhr morgens, kaum die Zeit seinen Chef, Jacques Baptiste, wegen so etwas aus dem Schlaf zu holen.
    Es gab allerdings einen Anruf, den er tätigen musste, einen Anruf der längst fällig war. Nachdem es dreimal geläutet hatte, wurde abgehoben.
    »Horatio Lestrange, guten Tag?«
    »Dad, ich bin's. Ken.« Mit klopfendem Herzen erwartete er die Antwort, immerhin hatte er sich seit Jahren nicht mehr zuhause gemeldet. Nicht einmal sein Vater wusste, dass er für Paraforce arbeitete.
    »Junge! Wie gut es tut, Deine Stimme wieder zu hören. Geht es Dir gut?«
    Die Stimme seins Vaters war herzlich und warm und wischte alle Sorgen beiseite, sein alter Herr könnte verärgert sein.
    »Mir geht es sogar sehr gut, Dad. Es tut auch gut, Dich wiederzuhören.«
    »Aber Du rufst nicht nur an, weil Du Sehnsucht nach meiner väterlichen Stimme hast, stimmt's? Es geht um Deine Gabe!«
    Ken war für einen Moment sprachlos, aber dann wurde ihm bewusst, dass ein Vater immerhin genausdieselbe Gabe hatte, nämlich hinter die Dinge sehen zu können. Natürlich war es für ihn nicht schwer die Absicht des Anrufs zu erraten.
    »Ein Freund hat mir geraten, mich mehr mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.«
    »Du konntest Dich also endlich jemand anvertrauen? Das freut mich sehr. Natürlich habe ich dieses Gespräch schon lange erwartet, aber es lag an Dir, ob Du Dich dazu bereit fühlst.«
    »Ich denke, das bin ich jetzt.«
    »Das ist aber keine Sache, die man am Telefon bespricht, Junge.«
    »Ich weiß, Dad. Hast Du etwas dagegen, wenn ich Dich eine Weile besuchen komme. Ich habe noch ein paar Tage Urlaub.«
    »Du bist jederzeit zuhause willkommen, das weißt Du doch. Deine Mum wird außer sich sein und Du wirst einige Kilo zugenommen haben, bis Du wieder hier weg darfst, das prophezeie ich Dir.« Sein Vater lachte herzlich in voller Vorfreude.
    »Weiß Mum eigentlich ... davon?«
    »Oh, Junge. Deine Mum ist die Liebe meines Lebens. Wie hätte ich es ihr nicht sagen können?«
    »Das ist gut. Dad, ich muss hier noch etwas regeln, aber ich schätze ich bin übermorgen Abend zuhause.« Zuhause, das Wort klang mit einem Male wieder richtig.
    »Wir werden Dich erwarten und falls Deine Mum eine spontane Willkommensparty organisiert, und wir wissen beide, dass sie das wird, dann tu gefälligst überrascht!«
    »Alles klar, Dad. Wir sehen uns übermorgen Abend.«

    ***

    Mike saß in seiner Bibliothek und betrachtete den blinkenden Cursor auf dem Monitor.
    »Fühlst Du Dich nicht um die ganze Freude des Erdenkens betrogen, wenn Du eine wahre Geschichte nimmst, lieber Junge?«
    Lady Mallowan griff ein alten Thema zwischen den beiden Schriftstellern auf.
    »Eigentlich nicht. Immerhin gibt es eine Menge zu beachten. Die Personen und Orte dürfen nicht zu erkennen sein, die Fakten soweit geschönt oder interpretiert, dass auch Leute, die am Rande mit der Sache zu tun hatten, es nicht wiedererkennen und natürlich darf auch kein Geheimpolizist der UN in der Geschichte auftauchen.«
    »Ich kann mir nicht helfen, mein Bester, aber es kommt mir nach wie vor unanständig vor, seine Leserschaft so zu hintergehen.«
    »Ich verstehe Ihre Einwände durchaus aber bedenken Sie einfach, was geschähe, wenn die falschen Leute meine Romane als Gebrauchsanleitungen ansähen. Wie viele Gräber würden geplündert, wie viel Zulauf würden finstere Kreise nur durch Neugierige erhalten? Genauso, wie ich der Wahrheit verpflichtet bin, bin ich auch meinen Lesern verpflichtet und das sind nun mal in der Hauptsache jüngere Personen.«
    »Ich sehe, dass die Anforderungen an die Zunft der Schreiber heute eine andere ist, als zu meiner Zeit.«
    »Das mag wohl sein, aber im Grundsatz versuchen wir dasselbe, zu unterhalten und wenn möglich dabei etwas zu vermitteln, was den Leser weiterbringt.«
    »Dabei wünsche ich Dir viel Glück, mein lieber Junge. Ich überlasse Dich nun Deinem Werk und Deinen Musen.«
    Mike musste schmunzeln. Ein paar Musen, im klassischen Sinne gekleidet nach der altgriechischen Vorstellung, kämen ihm jetzt gerade recht. Seine Gedanken wanderten jedoch zu einer rothaarigen Muse mit Doktortitel, die er zu gerne auch ohne die leichte Bekleidung einer griechischen Muse hier gehabt hätte.

    Er seufzte: »Hilft ja alles nichts. Ran ans Werk.«
    Mit dem millionenfach erprobten Zweifingersuchundtippsystem entstand der vorläufige Titel.
    »The Case of the Gwrach y Rhibyn«

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Epilog

    Kenneth Lestrange, Inspektor der königlich walisischen Kriminalpolizei und Feldagent im Dienste einer geheimen Abteilung der UN betrat zum ersten Mal seit Jahren wieder das Hauptquartier.
    Sein Ausweis schleuste ihn problemlos an allen Kontrollen vorbei und als sich die Aufzugtüren öffneten begrüßte ihn Jacques Baptiste, sein Vorgesetzter, langjähriger Kampfgefährte und nicht zuletzt einer der wenigen Freunde, die er sich selbst gestattete.
    Neben Baptiste stand Sir Elwood Blackstone und wartete geduldig, bis die beiden sich endlich genug umarmt hatten.
    Steif streckte er Lestrange die Hand entgegen.
    »Ich darf sagen, dass ich stolz bin dem Mann die Hand zu schütteln, der höchstwahrscheinlich das Leben des Thronfolgers und der jungen Hoffnung des britischen Könighaus gerettet hat.«
    Ken räusperte sich. So aufgekratzt hatte er Sir Elwood noch nie erlebt. Das machte die ganze Sache beinahe peinlich.
    »Ähem, danke Sir. Aber der Dank gebührt nicht mir alleine.«
    Sir Elwood nickte steif, ein bisschen wirkte er dabei wie ein Spielzeugsoldat.
    »Es ehrt Sie, dass Sie ihr Team nicht vergessen.«
    »Ohne Homer und Warden wäre ich jetzt tot.« Er lächelte knapp. »Das sind die nackten Tatsachen, Sir, keine höflichen Worthülsen.«

    Die drei Männer machten sich auf den Weg zu Baptistes Büro.
    »Die Queen hat von dem versuchten Anschlag erfahren und war "not amused", dass ihre eigene Sicherheit ihn nicht vereitelt hat. Sie möchte daher wenigstens dem Verantwortlichen für die Operation ihren Dank ausdrücken.«
    Sir Elwood dämpfte seine Stimme, obwohl weit und breit niemand sonst war, der zuhörte.
    »Ganz unter uns, ich weiß, dass die Queen sie zum »Sir« machen will.«
    Lestrange tauschte einen Blick mit Baptiste aus. Er war ihm wirklich dankbar, dass der ihn im Vorfeld schon gewarnt hatte. Daher war er nicht unvorbereitet.
    »Das ist eine große Ehre, die ich unter anderen Umständen wirklich sehr gerne annehmen würde.«
    »Sie meinen, Sie würden es tatsächlich ablehnen, zum Ritter geschlagen zu werden?«
    »Sie wissen ja selbst, wie heikel die Situation in Wales ist. Lady Elaine war mit Sicherheit nur die Spitze des Eisbergs. Irgendjemand hat sie ausgebildet und, davon gehe ich ebenfalls aus, die richtigen Knöpfe bei ihr gedrückt und sie so manipuliert. So wahnsinnig, wie die Lady zuletzt war, hätte ihr niemand Hexerei beibringen können, dazu war sie psychisch gar nicht in der Lage.«
    »Was hat das mit Ihrer Ablehnung des Ritterschlags zu tun?«
    »Sehen Sie, Sir Elwood. Für meine Nachforschungen ist es unabdingbar, dass ich so gut es geht anonym bleibe. Die Öffentlichkeit und die Prominenz, die mit dem Ritterschlag einhergeht, würde meine Mission extrem gefährden. Ich muss der einfache Inspektor bleiben, der scheinbar ohne nennenswerte Unterstützung Einhörnern und Brückentrollen nachjagt.«
    »Ich kann ihre Beweggründe nachvollziehen, Lestrange, aber die Queen besteht mit Sicherheit ebenso auf dieser Ehrung. Sie kann in solchen Fällen unheimlich ... hartnäckig sein.«
    Ken lächelte in dem sicheren Wissen, dass er gewonnen hatte.
    »Wie es der Zufall will, Sir, habe ich tatsächlich zwei perfekte Kandidaten. Eine sehr präsentable Ärztin aus Wales, glühender Fan der königlichen Familie und Heldin, die unerschrocken ihr Leben in die Waagschale warf um den Thron Großbritanniens vor schrecklichem Schaden zu bewahren.«
    Ein schneller Seitenblick von Baptiste gab ihm den Hinweis nicht ganz so dick aufzutragen. Nun gut, dann eben weniger Pathos, auch wenn gerade dies dem nächsten Kandidaten gefiele:
    »Und da wäre ein Mann, ein gefeierter Schriftsteller vom Festland, der seine Liebe zur Insel entdeckt hat und deswegen ...«

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • @Tom Stark

    Spoiler anzeigen


    Hey Tom :)
    Ich muss dich was fragen, weil ich in diesem Post über was gestolpert bin.

    dass tatsächlich ein echter Geist in diesem Haus wohnte und dieser sich jeweils nur einer Person mitteilen konnte.

    Das hab ich zur Kenntnis genommen. Die Lady spricht mit Michael Homer.

    »Ganz recht, meine Liebe.«, war die Antwort der unsichtbaren Lady Mallowan, den meisten weitaus bekannter als Agatha Christie.

    Und hier spricht sie mit Jen.

    »Was ich ebenfalls ohne jeglichen Zweifel bestätigen kann!«, ließ die Geisterlady ihre beiden menschlichen Freunde wissen.

    Und hier können sie beide hören.

    Hab ich da was falsch verstanden? :huh:

    dass sie lieber wieder in ihrem Grab ruhen möchte und nicht mordend oder modernd herumrennen.

    :rofl:

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

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  • nd hier können sie beide hören.

    Hab ich da was falsch verstanden?

    Sie kann, wenn ich es noch recht weiß, nur immer mit einer Person sprechen. Die teilt es dann den anderen mit, oder es geht aus dem Gespräch hervor ... glaube ich mich zu erinnern.
    Das Geschichtchen ist auch schon was älter und war eine Art Auftragsarbeit. So arg viel Herzblut steckt da gar nicht drin. Ich fand ja auch immer, dass die Story etwas sehr stringent und ohne große Überraschungen war. Aber den Machern von Geisterspiegel.de hat's gefallen, und das ist das Wichtigste ^^. Hatte auch das Angebot noch mehrere Homer-Warden Stories da zu bringen, aber dann bin ich ja hier gelandet.
    Fantasy ist halt eher meine Ecke als SciFi/Grusel. Ich glaube, weil ich dankend abgelehnt hatte, wurde nicht einmal der hier dann veröffentlicht, vielleicht inzwischen vielleicht doch ... keine Ahnung, ist mir auch egal.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet