Beiträge von Tariq

    Hallo zusammen :)

    Die Abstimmung für den Schreibwettbewerb war ja nun schon am 30.4. beendet. Da er bisher nicht aufgelöst wurde, wollte ich mich wenigstens noch bei den vier Usern bedanken, die für meine Geschichte "Marvius, der Brotdieb" gestimmt haben, denn ich bin ab morgen dann im Urlaub. smilie_car_024.gif Leider kann ich euch hier nicht verlinken, da ich nicht weiß, wer ihr wart. Also - :danke:


    Die Auswahl eines neuen Themas überlasse ich gern dem Autor der zweiten Geschichte.

    Hallo, Der Wanderer , herzlichen Dank für dein Feedback und deine Anmerkungen. Schön, dass dir die Geschichte gefallen hat. :)

    Lieben Dank auch für deinen Like, Kirisha

    Der Steinbruchsee


    Während sie sich ihren Umhang umlegte und am Hals zuband, lauschte sie auf die schweren Schritte ihres Vaters. Er stieg die Treppe hinauf, schwerfällig, müde vom harten Tagwerk und trotzdem zufrieden, nachdem er nach dem Essen mit der Mutter eine Weile auf der Bank neben der Haustür gesessen, ein Pfeifchen geraucht und dann allein der Sonne beim Untergehen zugeschaut hatte. Die Mutter schlief längst und auch die jüngere Schwester, die im Bett hinter ihr lag.

    Jetzt knarrte die Tür des elterlichen Schlafzimmers, mit einem Murmeln antwortete der Vater der schlaftrunkenen Stimme der Mutter. Das Bett ächzte, als er sich niederlegte, ein letztes, beruhigendes Brummen und Stille kehrte ein.

    Sie kannte die Geräusche, sie konnte jedes von ihnen zuordnen, auch die Stimmen. Alles wiederholte sich jeden Abend. Es war ein vertrautes Ritual. Sie wusste, wann Vater die Stiefel auszog, welche Dielen knarrten und auch welche Treppenstufen.

    Und auf die musste sie besonders achten, denn gleich würde sie hinuntersteigen. Ein, zwei Minuten wartete sie noch, dann drückte sie geräuschlos die Klinke der Tür ihres kleinen Schlafzimmers herab, huschte in den schmalen Korridor und schloss sie hinter sich. Noch einmal lauschte sie, aber alles blieb still. Eben begann Vater zu schnarchen.

    Auf Zehenspitzen schlich sie die Treppe hinab, sorgfältig die gefährlichen Stufen aussparend. Licht benötigte sie keines, der Mond schien hell durch die Fenster unten im großen Wohnraum.

    Vollmond. Heute würden sie sich wiedersehen. Sie freute sich so sehr, dass ihr Herz wie verrückt hämmerte. Auf Zehenspitzen huschte sie bis zu Haustür, lauschte erneut und schlüpfte dann hinaus. Draußen schob sie rasch ihre Füße in die Stiefel, die sie bisher in der Hand getragen hatte.

    Es war kühl, doch das störte sie nicht. Ihre Arme rafften den wärmenden Umhang ein wenig fester um Schultern und dann lief sie los. Sie kannte den Weg im Schlaf, würde ihn wohl mit geschlossenen Augen finden. Kurz wollte die Traurigkeit sie übermannen, dass sie einander nur in der Nacht treffen konnten, aber sie straffte sich, hob den Kopf und verscheuchte diesen Gedanken. Ihr Vater würde sie nachts einschließen, wenn er von diesen Treffen wüsste, und wenn sie es wagte, aus dem Fenster zu klettern, dann würde er sie anbinden. Dessen war sie sicher. Und deshalb durfte er niemals davon erfahren.

    Seit fast einem Jahr schlich sie sich bei jedem Vollmond aus dem Haus. Elf Mal hatten sie sich getroffen, elf Nächte voller wunderbarer Zweisamkeit, ungestört von anderen, voll inniger Zuneigung und Liebe. Nächte, denen sie einen halben Monat lang nachtrauerte und auf die sie sich einen halben Monat lang freute.

    Auch heute Nacht war es nicht anders. Die Vorfreude verlieh ihr Flügel. Sie rannte den Weg am Malzer-Hof entlang, passierte die große Heuscheune und erreichte die Koppel. Hinter sich hörte sie, wie der Hofhund anschlug, aber es war nur eine halbherzige Beschwerde über die Störung seiner Nachtruhe und sein Bellen verstummte wieder. Auf der Weide dösten die Pferde. Eines schnaubte und ein zweites stampfte erschrocken mit dem Huf auf, als sie sie erreichte, doch ein leiser Ruf von ihr genügte und die Tiere beruhigten sich wieder.

    Sie lächelte. Es war nicht mehr weit. Fledermäuse, die unter dem First der Malzer-Scheune wohnten, huschten taumelnd über den nächtlichen Himmel. Der Mond erleuchtete den Weg vor ihr, sie sah jedes Grasbüschel und jeden Stein. Nur noch ein paar Meter, dann nahm der Wald sie auf.

    Er erwartete sie an der Brücke über das munter sprudelnde Bächlein. Wie immer stand er im Schatten der dicken Eiche. Als er sie bemerkte, trat er ins Mondlicht, stellte sich in die Mitte des Weges und breitete die Arme aus.

    Mit einem leisen Jubelruf warf sie sich hinein und spürte beglückt, wie er sie fest umarmte und an seine Brust presste. Sein Kinn ruhte auf ihrem Scheitel und seine Hände strichen über ihren Rücken, wieder und wieder.

    Sie atmete schnell, weil sie die letzten Schritte gerannt war. Auch ihre Arme hatten sich um ihn geschlungen, ihre Wange lag an seiner Brust und sie spürte den rauen Stoff seines Kittels darunter. Selig schloss sie die Augen und atmete seinen Duft ein. Er war hier und sie bei ihm. Sie hatten eine ganze Nacht lang Zeit.

    Wie immer saßen sie am Wasser. Die Steilwand am Südufer ragte bedrohlich über ihnen auf, völlig kahl und fast senkrecht abfallend. Unter ihr schlummerte der tiefe See und der Mond schaukelte auf den kleinen Wellen, die der sanfte Nachtwind kräuselte.

    Sein Arm lag um ihre Schulter und sie hatte den Kopf an seine gelehnt.

    Sie saßen einfach nur nebeneinander, hielten sich bei der Hand und schwiegen. Stumm betrachteten sie das gleichmäßig zitternde Spiegelbild des Mondes vor sich, das nur ab und zu in ein groteskes Zerrbild seiner selbst verwandelt wurde, wenn ein Fisch aus den glasklaren Fluten schnellte und wieder zurückfiel. Nichts störte diese vollkommene Harmonie. Nicht das Brechen eines Zweiges im nächtlichen Wald, nicht der Ruf eines Kauzes, nichts das Fiepen eines kleinen Tieres, das sich ängstlich vor einem nächtlichen Räuber in Sicherheit brachte.

    Als sie eine Weile gesessen hatten, begann sie zu erzählen. Ihr Leben bot nicht viel Aufregendes, aber er wollte alles wissen. Sein Blick ermunterte sie, immer weiterzusprechen. Und sie konnte ihm alles anvertrauen. Die Sorge um die kränkelnde Mutter genauso wie die kleinen Geheimnisse, die nur ihre Schwester kannte. Er erfuhr vom missglückten Kuchen und der gerissenen Wäscheleine, die die Arbeit eines ganzen Samstages zunichtegemacht hatte, vom neugeborenen Kälbchen und dem Tod der alten Sattlersfrau aus dem Dorf. Ihm wurde nie langweilig, ihr zuzuhören. Jede Kleinigkeit aus dem Dorf interessierte ihn und sie wusste das.

    Er selbst sprach nie. Sie hatte sich daran gewöhnt. Bei den ersten Treffen war sie verzweifelt gewesen. Weinend hatte sie ihn angefleht, mit ihr zu reden. Aber ihre Tränen änderten nichts. Er schwieg. Also fand sie sich damit ab, dass sie als Einzige redete. Doch es war trotzdem ein Zwiegespräch, wenn auch auf etwas andere Art. Das Licht dieser hellen Nächte half ihr, seinen Gesichtsausdruck zu sehen. Sie konnte deutlich erkennen, ob er lachte oder Mitgefühl auf seinen Zügen erschien, ob er zornig war oder traurig.

    Als der Mond sich auf die Kronen der Bäume herabsenkte, wusste sie, dass es Zeit war. Er stand auf, wie immer zuerst, dann bot er ihr die Hand. Sie ergriff sie, kam auf die Füße, glättete umständlich ihr Kleid und strich dann mit beiden Händen über seine Brust, den Kopf tief gesenkt. Er sollte ihre Tränen nicht sehen, doch seine Hand legte sich unter ihr Kinn und hob es sanft, aber unnachgiebig an. Verzweifelt presste sie die Lider zusammen, um seinen traurigen Blick nicht sehen zu müssen. Doch er wartete stumm, bis sie die Augen öffnete, dann hob er die Hand, legte sie an ihre Wange und lächelte.

    So stand er, bis ihre Tränen versiegt waren. Sie wusste, er wollte auch von ihr ein Lächeln sehen. Ein Lächeln zum Abschied, das für vier lange Wochen reichen musste. Und sie schenkte es ihm.

    Er ergriff ihre Hand. Wie immer begleitete er sie bis zur Brücke. Dort umarmte er sie ein letztes Mal und wischte mit dem Daumen die letzten feuchten Spuren von ihren Wangen.

    „Ich liebe dich, Stefan“, flüsterte sie, das Gesicht in den Stoff seines Kittels gepresst. „Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal.“

    Er nickte, dann ließ er sie los und blieb im Schatten der dicken Eiche stehen.

    Sie drehte sich um und ging. Und wie immer ließ sie ihre Hand über die Holztafel an dem Baum gleiten, die zum Gedenken an das furchtbare Unglück im Steinbruch angebracht worden war, bei dem ein Wassereinbruch die unteren Ebenen geflutet hatte. Siebzehn Männer hatten ihr Leben dabei verloren.

    Stefan war der jüngste von ihnen gewesen.

    Hey, vinni ,

    ich bin nach wie vor dran und war - wie du richtig festgestellt hast - auch zufrieden mit den bisherigen Teilen.

    An Lea scheint ein Junge verlorengegangen zu sein, so, wie sie sich aufführt. Ziemlich impulsiv und rebellisch. Und Gorm scheint der ruhige Gegenpol zu sein. Zumindest schätze ich das bislang so ein. Mal sehen, ob das richtig ist. :rofl:

    Diesmal sind mir ein, zwei Sachen aufgefallen:

    und hielten ihn in die Luft.

    den die zwei Soldaten immer noch mit unbewegtem Gesichtsausdruck in die Höhe hielten.

    Bei den beiden Zitaten erschließt sich mir nicht ganz, warum die beiden das machen. Der Kopf einer dreißig Schritt langen Seeschlange muss unglaublich schwer sein. Warum müssen die zwei armen Soldaten das Ding in die Höhe halten. Können sie es nicht einfach aus dem Sack schälen und auf dem Boden liegen lassen? Sauber dürfte der ja eh nicht mehr sein, denn ein Sack ist ja nicht blut-dicht. Selbst wenn da mehrere Leute rumstehen (wie viele hast du uns ja nicht verraten), kann jeder mal nach vorn treten und einen Blick drauf werfen. Denk ich zumindest. :hmm: :)

    Der General und der König sahen sich an und seufzten gleichzeitig. Sie wussten natürlich wer sich da unter dem Fenster versteckt hatte.

    Woher wissen sie das? Macht Lea das andauernd? Wenn ja - hat der Vater als General seine eigene Tochter nicht im (Entschuldigung) Griff?

    „Also dann meine Freunde für Heute ist die Versammlung beendet. Morgen werden wir uns dann um die Taktiken gegen die Seeschlangen beraten.“

    Okay, da war ich verblüfft. Der König ruft seine Getreuen zusammen, verkündet, dass es nun wohl ernst wird und zeigt ihnen den Inhalt des Sacks. Dann schickt er sie wieder weg? Sollte nicht danach die Beratung eigentlich erst beginnen?

    *ist kein Stratege, würde das aber wohl so machen*


    Ansonsten - kann weitergehen :thumbup:

    Ob es hier auch geistig Behinderte gibt? Oder ist dieses Heim nur für Senioren? Vielleicht werde ich es heute herausfinden, wenn ich mein Zimmer verlassen kann. Es ist schon verrückt, dass ich mich darauf freue, in einen Rollstuhl gesetzt zu werden. Was das wohl für ein Stuhl ist? Ich werde immer jemanden brauchen, der ihn schiebt, denn meine linke Hand hat weder die Kraft noch schafft sie die gezielte Bewegung, die man dazu braucht. Wahrscheinlich werde ich im Kreis fahren, wenn ich es versuche.
    Hoffentlich kann man damit auch ins Freie. Dann könnte ich mit Beate mal eine Runde im Grünen drehen, wenn sie da ist. Das Pflegeheim hat sicher einen Park. Oder sie kann mich den Bürgersteig entlang schieben, bis wir irgendwann umkehren.
    Noch bevor ich beginne, mich auch darauf zu freuen, wird mir klar, dass ich gar nicht weiß, wo ich mich befinde. In welchem Heim bin ich überhaupt? Hat Beate das je erwähnt? Welche Stadt ist das?
    Ich stelle verwundert und auch ziemlich verärgert fest, dass ich tatsächlich keine Ahnung habe, wo ich hier bin. Ich habe mich nie dafür interessiert. Es war ja auch nie ein Thema, über das wir hätten sprechen sollen. Sicher hat Beate es mir gesagt, aber entweder habe ich nicht zugehört oder ich habe es vergessen. Obwohl – so was vergisst man nicht! Oder? Bin ich doch nicht mehr ganz klar im Kopf? Hat der Schlaganfall meinem Verstand geschadet?
    Heißer Schreck durchzuckt mich. Irgendjemand hat mal gesagt, wenn man Demenz hat, vergisst man seine Vergangenheit. Sofort beginne ich im Kopf meinen Lebenslauf zu rekapitulieren und zu meiner unendlichen Erleichterung fallen mir die Namen meiner Kinder und Enkelkinder ein und auch die vielen Dinge aus meiner Kindheit, an die ich mich erinnere, sind klar und keineswegs lückenhaft.
    Kann man vom Schlaganfall überhaupt Demenz bekommen? Warum bin ich nur so schrecklich ungebildet! Fünfundsiebzig Jahre lebe ich jetzt und habe niemals einen wirklichen Gedanken daran verschwendet.
    Ich könnte Karl fragen. Er trocknet gerade mein linkes Bein ab und summt immer noch leise „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“. Kritisch betrachte ich ihn. Ob er lacht, wenn ich ihn frage? Bestimmt. Und wenn ja, werde ich erkennen, ob er mich auslacht oder ob er nur über meine Frage amüsiert ist?
    Er schaut hoch und mir genau in die Augen, als hätte er gespürt, dass ich ihn mustere.
    „Oh weh!“, meint er ernsthaft, „was für schwerwiegende Gedanken wälzen Sie denn gerade? Sie sehen aus, aus suchten Sie nach der Quadratur des Kreises.“
    Ich verziehe das Gesicht. Er hat mich ertappt. Aber jetzt habe ich die Chance zu fragen, denn noch sieht er mich erwartungsvoll an. Schon öffne ich den Mund, da fällt mir ein, dass ich die Frage ganz bestimmt nicht verständlich herausbekomme, er dann wieder nachfragen muss, ich gezwungen bin, mich zu wiederholen ...
    Nein. Das wäre zu viel Text. Ganz so mutig bin ich noch nicht. Das „guten Morgen“ von vorhin muss erstmal reichen. Ich mache den Mund wieder zu und schüttle nur lächelnd den Kopf. Ich werde einfach Beate fragen, wenn sie kommt.
    Himmlisch belebender Franzbranntweinduft zieht durchs Zimmer. Karl hat gerade die Flasche geöffnet und schüttelt ein paar Tropfen in seine hohle Hand.
    „Frau Herzel, Sie können ins Bad. Ich bin jetzt fertig.“
    Er muss wirklich sehr laut sprechen, damit sie ihn hört. Ich höre das plüschige Federbett rascheln und mit dem üblichen Stöhnen erhebt sich meine Bettnachbarin. Ihre Kniegelenke knacken hörbar. Wie alt sie wohl ist? Auf jeden Fall erheblich älter als ich. Eigentlich ist sie vom Äußeren her das, was man sich unter einer Omi vorstellt. Sie hat hunderttausend Falten im Gesicht, silberweißes Haar und geht ziemlich krumm, wobei sie sich auf ihren Gehstock stützt. Meist sitzt sie in ihrem Sessel am Fenster und erhebt sich nur, um zur Toilette oder zum Speisesaal zu gehen.
    Bei dem Gedanken an den Speisesaal durchzuckt mich ein froher Gedanke: wenn ich im Rollstuhl bin, könnte ich vielleicht auch dort essen. Hoffentlich kann ich so lange sitzen!

    Ich habe die Trilogie "Die Chroniken von Siala" gelesen. Band 1 "Der Schattenwanderer" hat mich gefesselt. Darauf aufmerksam gemacht hat mich das thief.worldofplayers-Forum über die Game-Reihe "Dark Projekt", die unter dem Titel "Thief" fortgesetzt wurde. Im Forum wurde sich auch über das Game ausgetauscht, und zwar hier.

    Ich habe Teil 1-2 durchgespielt und Teil 3 noch nicht ganz. Aber der Dieb Garrett, in allen Teilen die Hauptfigur, ist ein Prota nach meinem Geschmack. In dem o.g. Forum fand ich nun eine zwölf Jahre alte Diskussion, die einen Shitstorm über den russischen Autor Alexey Pehov enthielt, den Mann, der es gewagt hat, besagten Garrett in eine High-Fantasy-Fanfiction zu versetzen. Pehov ist nicht gut dabei weggekommen.

    Ich hab mir trotzdem die Leseprobe von Band 1 gegönnt (weil - es geht um Garrett!), dann den ersten Band gekauft und die beiden Folgebände am Tag darauf bestellt.

    Man mag über die Berechtigung, Spielcharaktere in Fanfictions zu versetzen, gern streiten. Aber mich hat Pehov mit seinen drei Bänden restlos überzeugt. Aus meiner Sicht ist es ihm gelungen, den Garrett aus dem Spiel mitsamt seiner Ausrüstung, seinem Charakter und seinem Verhalten fast 1:1 zu übernehmen und der versierte Spieler wird auch besonders im Band 1 manches Setting (z.b. Das Verbotene Viertel) und manchen Nebenchar wiedererkennen. Die High Fantasy erlaubte es ihm, dem Dieb Freunde wie Kobolde, Gnome, Zwerge und Elfen an die Seite zu stellen und Magie ins Spiel - äh, Buch zu bringen. Ein für mich spannendes und teils haarsträubendes Abenteuer, das am Ende ... okay, kein Spoiler über den Schluss von mir.

    Ich werde - sobald ich mein aktuelles Buch ausgelesen habe - nach weiteren Werken von ihm forschen. Und mein Bücherregal anbauen müssen ...

    Sammy heißt eigentlich Samantha und ist eine Altenpflegeschülerin. Zu meiner Zeit gab es diesen Beruf gar nicht. Naja, warum auch? Die alten Leute blieben zu Hause bei den Familien, bis sie starben. Die Kinder rückten ein bisschen zusammen oder räumten für die Oma die Bodenkammer aus. Solche Pflegeheime, wie es sie heute gibt, waren absolut unvorstellbar. „Heim“ war der Inbegriff für geistig behindert oder verrückt oder schwer erziehbar.


    Wir hatten einen Verrückten im Dorf. Er wurde von allen nur „der Bekloppte“ genannt und bei dem Namen wusste auch jeder sofort, wer gemeint war. Eigentlich hieß er Erwin und er wohnte noch bei seiner Mutter, obwohl er schon älter war als meine Eltern. Erwin sprach nicht und wenn er mal lachte, dann grunzte er in seiner ganz seltsamen Art und Weise. Er schielte und er trug abgetragene, oft geflickte Kleider. Seine Mutter passte mit Argusaugen auf ihn auf und beschützte ihn, denn Erwin war gutmütig und völlig arglos. Und das wurde ihm oft genug zum Verhängnis. Kinder können grausam sein und wir waren es ohne jegliche Gewissensbisse. Wenn wir ihm im Dorf begegneten, fand sich immer einer, der ihn mit irgendwas bewarf, was gerade greifbar war: manchmal kleine Dreckklümpchen, manchmal Pferdeäpfel, im Winter natürlich Schneebälle. Wir wussten genau, dass unsere Mütter uns dabei niemals erwischen durften, denn keine von ihnen hieß gut, was wir mit Erwin taten. Aber es war so lustig, wenn Erwin zu flüchten versuchte und dabei in einen merkwürdig hoppelnden Gang verfiel. Er drehte sich auch um beim Weglaufen und es war nicht schwer, die Angst in seinen Augen zu sehen. Für uns war er eben dumm, sonst hätte er doch gemerkt, dass wir nur Spaß machten.
    Ich war immer mit dabei und lachte mit den anderen, wenn Erwin ungeschickt versuchte, mit den Armen seinen Kopf zu schützen. Einmal hatte Fleischers Maxe einen besonders harten Schneeball geworfen und Erwin war ins Stolpern gekommen, weil der Schneeball ihn am Bein getroffen hatte. Jedenfalls weiß ich noch ganz genau, dass mir der Schreck in alle Glieder gefahren fuhr, als ich sah, wie Erwin hinfiel. Wenn jemand hinfällt, dann streckt er in der Regel seine Arme nach vorn, um den Sturz abzufangen. Aber Erwins Arme waren wie immer damit beschäftigt, seinen Kopf zu bedecken
    und so schnell, wie es nötig gewesen wäre, konnte er nicht reagieren. Außerdem schlenkerte die volle Einkaufstasche, die ihm dabei bis in die Ellenbeuge gerutscht war, beim Laufen um ihn herum. Er fiel vornüber und landete mit dem Gesicht im Dreck. Es hatte getaut und stellenweise war die Straße schon völlig schneefrei, aber dafür schlammig. Und in diesen Schlamm fiel Erwin. Wir brüllten vor Lachen, obwohl an der Sache gar nichts komisch war. Doch dann erstarb das hämische Gelächter. Ein paar Schritte hinter Erwin auf der Straße stehend schauten wir stumm auf das schluchzende Etwas, das da mit bebenden Schultern im Rinnstein lag. Erst sagte keiner was, dann meinte Maxe abfällig: „Der heult ja! So ein Baby!“
    Es sollte lustig sein, aber niemand lachte. Unbehaglich traten wir von einem Fuß auf den anderen. Richard und Manfred, die Söhne vom Lindenwirt, hatten sich unauffällig umgeschaut, ob jemand von den Erwachsenen das Ganze beobachtet hatte. Aber es war zum Glück keiner in der Nähe. Das Dorf wirkte wie ausgestorben.
    „Bist eine Memme!“, rief Fleischers Maxe noch zu Erwin hinüber, dann steckte er die großen, roten Hände in die Hosentaschen und trollte sich pfeifend. Richard und Manfred schlossen sich ihm an und nach ein paar Schritten hörte ich sie laut lachen. Wahrscheinlich machten sie sich über Erwin lustig, denn Richard fuchtelte mit den Armen über seinem Kopf herum, so wie es Erwin getan hatte.
    Nun standen noch Marthchen, Gertrud und ich auf der Dorfstraße und wir fühlten uns mies. Wir konnten einander gar nicht in die Augen sehen, obwohl keine von uns dreien den verhängnisvollen Schneeball geworfen hatte.
    „Ob er sich weh getan hat?“, flüsterte Marthchen zaghaft. Sie war zwei Jahre jünger als wir und eigentlich nur dabei, weil Manfred und Richard ihre älteren Brüder waren und nach der Schule eigentlich auf sie aufpassen sollten.
    Gertrud schüttelte den Kopf. „Glaub ich nicht,“ meinte sie, aber es klang nicht so selbstsicher wie sonst. Unentschlossen sah sie zu Erwin hinüber, der immer noch auf der Straße lag. Es war so still, dass man sein leises Schluchzen hören konnte.
    „Ich geh mal hin“, meinte sie.
    Ich glaubte, mich verhört zu haben. Sie wollte hingehen? Ja was wollte sie denn dort? Was, wenn er ihr was tat? Er hatte das bisher zwar nie getan, aber konnte man es wissen?
    „Lieber nicht!“, raunte ich.
    Gertrud, die schon zwei Schritte in Erwins Richtung getan hatte, hielt inne und drehte sich um. „Aber er weint“, hielt sie dagegen und sah über die Schulter zu ihm hinüber.
    Das war wieder mal typisch Gertrud. Sie machte immer das, was keiner erwartete. Mir tat Erwin ja auch ein bisschen leid, wie er da so im Dreck lag und heulte. Aber er war schließlich ein erwachsener Mann und noch dazu einer, der todsicher und verständlicherweise zornig auf uns war. Und trotzdem wollte sie zu ihm. War ja klar.
    Sie ging tatsächlich hin und beugte sich zu ihm hinunter. Ich hörte, wie sie leise etwas zu ihm sagte, aber verstehen konnte ich es nicht. Dann hockte sie sich neben ihn und legte
    zaghaft ihre Hand auf seine Schulter. Mit der anderen angelte sie nach Erwins verschlissener Einkaufstasche, die er beim Sturz fallengelassen hatte. Sie warf einen kurzen Blick hinein und sagte wieder etwas zu ihm, worauf Erwin den Kopf hob. Schüchtern sah er sie an und sie bot ihm ihre Hand und nickte ihm lächelnd zu.
    Marthchen und ich beobachteten mit offenen Mündern, wie er sie ergriff und mit Gertruds Hilfe aufstand. Wir wagten nicht einmal zu atmen, denn jeden Moment erwarteten wir, dass er sie schlug oder würgte oder ihr den Kopf abriss oder sonst was Fürchterliches tat.
    Aber es passierte nichts. Erwin nahm seine Tasche, drehte sich um und ging davon. Nach ein paar Schritten drehte er sich zu Gertrud um und hob nach kurzem Zögern die Hand, um ihr verstohlen zuzuwinken. Gertrud winkte zurück, sah ihm noch eine kleine Weile nach und kam dann wieder zu uns, als wäre nichts gewesen.

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    Mit den Handtüchern über dem Arm und der vollen Waschschüssel in den Händen kommt Karl aus dem Bad zurück. Ich habe schon überlegt, wie alt er wohl ist. Schätze mal so Mitte vierzig, höchstens fünfzig. Aber er hat sich ein jugendliches Gemüt bewahrt, zeigt manchmal einen regelrechten Lausbubencharme, der Kerl. Mit ihm kann ich mich am besten unterhalten, denn er versteht es, seine Fragen so zu formulieren, dass er mir eine Antwort mit Nicken oder Kopfschütteln ermöglicht. Doch seit ein paar Tagen genügt ihm das nicht mehr. Seit er weiß, dass ich sprechen kann und mich nur schäme, weil es so undeutlich und laut ist, will er richtige Antworten. Und er ist so hartnäckig, dass er mir schon Respekt abverlangt.
    „Na, wie ist es, wollen Sie heute mal in den Rollstuhl?“, meint er gut gelaunt.
    In den Rollstuhl? Ich habe doch gar keinen! Und außerdem – wie soll ich aus dem Bett kommen? Ich kann doch nicht laufen.
    Karl lacht. „Sie sehen ja regelrecht verschreckt aus. Aber ganz im Ernst – möchten Sie es nicht mal probieren? Ihr Rollstuhl ist gestern am Nachmittag geliefert worden. Ein echter Mercedes!“ Er hebt anerkennend den Daumen und eine Augenbraue.
    Staunend reiße ich die Augen auf. Ein Mercedes? Ich wusste gar nicht, dass die auch Rollstühle bauen ...
    Karl hat inzwischen scheppernd mein Bettgitter heruntergelassen und drapiert das Handtuch um meinen Hals. Ich recke erwartungsvoll das Kinn.
    „Nein, die Schonzeit ist vorbei. Ihre rechte Hand bitte, Gnädigste.“ Streng, aber mit einer winzigen Portion Schalk in den Augen mustert er mich und hält mir demonstrativ den Lappen hin.
    Das meint er tatsächlich ernst? Ich habe zwei Wochen hier und vorher vier Wochen im Krankenhaus stoisch ertragen, dass mich jemand von oben bis unten abwäscht. Keiner hat mich gefragt, ob ich das will. Keiner hat sich dafür interessiert, ob ich nicht zumindest ein bisschen helfen kann. Ich habe mich schon damit abgefunden. Und jetzt hält mir dieser Schatz von einem Pfleger den Waschlappen hin und erlaubt mir, mich selbst zu waschen!
    Gerade als er schon fragend die Augenbrauen hochzieht, schnappe ich ihm den Lappen weg und rubble mir das Gesicht ab. Tut das gut! Hinter den Ohren, wunderbar, und der Hals! „Nochmal!“, dröhne ich ihm entgegen und halte ihm beglückt den Waschlappen hin. Erst als ich schon wieder über mein Gesicht fahre, fällt mir auf, dass ich eben das erste Mal unaufgefordert gesprochen habe. Ich muss mich zurückhalten, um nicht vor Wonne zu grunzen.
    Karl lacht, als er mir den Lappen wieder abnimmt. „Das hätten wir schon viel eher machen müssen“, raunt er dem kleinen schwarzen Teddybären zu, der vom Fußende meines Bettes aus das Geschehen verfolgt. Der Übermut packt mich, ich strecke Karl die Zunge heraus. Ein bisschen schief, aber das Gefühl, das man nach der Spritze beim Zahnarzt in Mund und Zunge hat, kann sicher jeder nachempfinden.
    Als Dankeschön drückt Karl mir erneut den Lappen in die Hand und deutet auf meinen Bauch. Begeistert mache ich weiter und es geht wunderbar, auch, als er mir den Lappen wie einen Handschuh über die linke Hand zieht und auffordernd mit dem Kopf nickt. Natürlich klappt es mit der Linken nicht so gut und der Lappen rutscht von der Hand, weil ich ihn nicht festhalten kann. Aber der Anfang ist gemacht und Karl übernimmt einfach den Rest. Morgen wird es schon besser gehen, ganz bestimmt.
    Bei Karl stört es mich auch nicht, wenn er mich unten herum wäscht und die Windel wechselt. Beate hat mir Wundschutzcreme mitgebracht. Als ich das gesehen habe, wusste ich erst nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Aber vielleicht ist der Unterschied zwischen einem Baby und mir momentan wirklich nicht besonders groß, so dass man getrost auf die bewährten Babypflegeprodukte zurückgreifen kann, um zu verhindern, dass meine Kehrseite so rot wie die eines Pavians wird. Dass das durchaus möglich ist, hat mir Sammy erklärt.

    Das ist jetzt kurios, Sensenbach , denn mir geht es genau anders herum. :)

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    Erschrocken fahre ich zusammen, als nach kurzem Klopfen die Tür geöffnet wird. Wer wohl heute zum morgendlichen Waschen kommt? Zuerst schiebt sich der obligatorische Wäschewagen ins Zimmer und wie üblich donnert er an den Türrahmen. Ob die es irgendwann mal lernen, das Ding hereinzubringen, ohne anzustoßen?
    Der laute Rumms hat Frau Herzel geweckt, das Schnarchen bricht abrupt ab.
    „Guten Morgen, meine Damen!“
    Ah, das kann nur Karl sein. Karl hat Frühdienst, das wird ein schöner Tag. Ich lasse mich sogar hinreißen, ihm ein „Guten Morgen“ zu antworten, und es gelingt wider Erwarten ganz gut.
    Ich weiß noch, wie entsetzt ich gewesen bin, als er das erste Mal mit seinem Wagen ins Zimmer gekommen ist und verkündet hat, dass er mich waschen will. Er muss mir das angesehen haben, denn er hatte tröstend gemeint: „Nicht fürchten, ich will Sie nur waschen, nicht fressen.“
    „Schieber!“, verlange ich flüsternd, denn ich kann es wirklich nicht mehr länger aushalten.
    Karl nickt, verschwindet aus dem Zimmer und kommt Sekunden später mit dem verlangten Utensil zurück. Mit geübten Handgriffen schiebt er es mir unter den kribbelnden Po. Der kalte Edelstahl auf der Haut lässt mich zusammenzucken.
    Während er ein frisches Nachthemd aus meinem Schrank holt, pfeift Karl leise vor sich hin. „Na, wie geht’s meinem Herzel heute Morgen?“, meint er zwischendurch zur Bettnachbarin hinüber.
    Ich gluckse. Was für eine nette Anrede, ein schönes Wortspiel. Schade, dass Frau Herzel nicht antwortet, ich hätte gern gewusst, wie sie darauf reagiert. Sie scheint eine sehr mürrische Person zu sein.
    Karl holt den Schieber unter mir hervor, rollt mich zurück und bringt das Ergebnis nach draußen. Als er zurückkommt, verschwindet er im Bad. Wasser rauscht ins Becken. Ich höre das typische Quetschgeräusch, wie immer, wenn er das Duschbad ins Wasser gibt. Inzwischen pfeift er ‚Wenn der weiße Flieder wieder blüht‘.
    Wundert mich nicht, mein Duschbad hat Fliederduft. Es ist von Beate, die mich letztes Wochenende besucht hat. Sie hat viele schöne Sachen mitgebracht, von denen sie weiß, dass ich sie mag. Bitterschokolade liegt in meinem Nachtschrank, fünf Tafeln. Leider kann ich sie allein nicht öffnen. Auch meine Nachttischlampe von zu Hause ist hier, aber ich kann den Schalter nicht erreichen. Bilder sind ebenfalls da, auf der Konsole über meinem Bett, Joachim mit seiner Familie und Beate bei ihrem Urlaub auf Korfu, in knappem Bikini. Meine Güte, das Mädel ist über fünfzig! Das war das Erste, was ich beim Anblick des Fotos dachte. Aber eine gute Figur hat sie, das muss man ihr lassen.
    Wo war ich? Ach ja, die Mitbringsel von Beate. Dabei war auch mein geliebtes Fliederduschbad, zusammen mit der passenden Bodylotion und einem Fliederparfum.


    Zu Hause hatte ich immer einige Stücke Fliederseife zwischen der Unterwäsche. Selbst gemachte. Das hab ich von Großmutter gelernt, genauso wie Flieder-Öl machen, ein unverzichtbarer Inhaltsstoff ihrer Fliederseife. Wenn sie ihren Seifentag hatte, roch das ganze Haus nach Flieder.
    Seife zwischen die Wäsche zu legen, hat mich meine Mutter gelehrt. In ihrem Wäscheschrank lag immer Rosenseife und sie selbst, unsere Tischwäsche und Bettwäsche – alles roch penetrant nach Rosen. Ich hatte mir damals, als Mama starb und ich mir die Wohnung so einrichtete, wie ich es wollte, ganz fest vorgenommen, dass ich niemals Rosenduft an meine Wäsche kommen lasse. Auch in meinem Garten hatten Rosen keinen Platz. Ich mochte die unauffälligen Blumen, zarte, die sich nicht so stolz der Sonne entgegen recken, ich mochte Vergissmeinnicht und Cosmea, Ranunkeln und Löwenmäulchen. Kapuzinerkresse und Stiefmütterchen, die liebte ich. Stunden hatte ich in meinem Garten zu gebracht. Immer gab es etwas zu zupfen, festzubinden, aufzusammeln. Erst wenn alles so war, wie ich es haben wollte, dann ließ ich mich in meinem bequemen Liegestuhl nieder und betrachtete zufrieden mein Werk. Und vermied den Blick auf Frau Schneiders Blauregen ...

    Ich habe "Königswächter" von Jordis Lank gelesen.

    Ein Buch, das mich sehr berührt hat. Der Autorin ist es in meinen Augen unglaublich gut gelungen, ihre Protagonisten als Menschen dazustellen mit allem, was das bedeutet. Besonders Kjar und Jorin, die beiden Hauptpersonen. Aber auch alle anderen, die sich nach und nach dazu gesellen. Leider war die Geschichte vom Königswächter Kjar, dessen Loyalität vom Anfang des Buches an bedingungslos seiner Königin gehört und der durch den Jungen Jorin lernt, viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, viel zu schnell vorbei. Die zwei erleben eine gemeinsame Reise, die sie beide verändert und die ich mit Begeisterung gelesen habe.

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    Als ich neun war, sollte ich Klavierspielen lernen. Mein Vater sah es als eine Auszeichnung an, dass der Kantor meinte, er halte mich für talentiert und wolle mir Unterricht erteilen. Mich wundert noch heute, warum mein Vater nie gefragt hat, wo der Kantor mich wohl spielen hörte.
    Dass das überhaupt passiert war, daran trug Gertrud die Schuld. Ich war nämlich erwischt worden.


    Bis zur Christenlehrestunde dauerte es noch eine Weile und Gertrud und ich vertrieben uns die Zeit im Gemeindesaal des Pfarrhauses. Irgendwann fiel mein Blick auf das Harmonium und vorsichtig öffnete ich den Deckel. Das war ein Sakrileg. Niemand von uns Kindern durfte das. Aber dieses Instrument faszinierte mich. Ich wusste, wie man es spielte, schließlich hing mein Blick jedes Mal gebannt am Kantor, wenn er das tat.
    Gertruds Miene forderte mich förmlich auf, dem Harmonium einen Ton zu entlocken. Erwähnte ich schon, dass sie vor nichts Angst hatte? Meine Füße reichten damals kaum bis zu den Schöpfpedalen und ich musste sie mit den Zehenspitzen betätigen. Nachdem ich das Schutztuch abgenommen hatte, glitt mein Blick über die vergilbten Tasten und die runden Register mit den verschnörkelten Schriftzügen darauf, während meine Füße die quietschenden Pedale betätigten und Luft in den Balg beförderten. Zaghaft klimperte ich eine kurze Melodie.
    Gertrud, die eigentlich Schmiere stehen sollte, lehnte am Türrahmen und lauschte mit offenem Mund. Es kam, wie es kommen musste. Nachdem meine letzten Töne leise wimmernd verklungen waren – ich hatte extra gewartet, bis alle Luft aus dem Balg entwichen war – sagte jemand: „Erstaunlich, Hannah, woher kannst du das?“
    Der Kantor! Unbemerkt hatte er sich angeschlichen.
    Mir blieb fast das Herz stehen. Auch Gertrud fuhr zusammen und stieß dabei mit dem Kopf an den Türrahmen. Sich verstohlen die schmerzende Stelle reibend, sah sie mich schuldbewusst an. Beide warteten wir mit klopfendem Herzen auf das unvermeidliche Donnerwetter. Aber der Kantor hatte sich umgedreht, ohne auf eine Antwort von mir zu warten, und rief die Kinder vom Kirchhof herein, um mit der Christenlehre zu beginnen.
    Mit schamrotem Kopf schloss ich den Deckel, so behutsam, als könnte ein Laut davon dem Kantor das Geschehene wieder in Erinnerung bringen und die Strafe doch noch über mich hereinbrechen lassen. Aber es sah ganz so aus, als würde er die Sache nicht weiterverfolgen. Gertrud schaute mich verstohlen an und atmete mit einem triumphierenden Grinsen aus. Ich selbst traute dem Frieden aber nicht und blieb den Rest des Tages unruhig. Kurz überlegte ich sogar, dem Vater nach dem Abendessen meine Missetat zu beichten, für den Fall, dass der Kantor bei uns zu Hause auftauchte, um mich zu verpetzen. Bei dem Gedanken daran schlug mir das Herz bis zum Hals. Aber obwohl ich ein Geständnis für den besten Weg hielt, entschied ich mich dagegen.
    Dass das ein Fehler war, zeigte sich am Abend, als es klopfte und Vater die Tür öffnete. Ich saß als personifiziertes schlechtes Gewissen auf der Küchenbank über meinen Hausaufgaben. Im verzweifelten Bestreben, nicht aufzufallen, machte ich mich noch kleiner und schrieb fleißig mit tief gesenktem Kopf, um meine roten Wangen niemanden sehen zu lassen. Nebenan im Wohnzimmer hörte ich Vater mit einem Mann reden und wieder wurde mir ganz schlecht vor Angst. War das der Kantor? Vielleicht hatte ich am Harmonium etwas kaputt gemacht und er hatte es jetzt erst entdeckt? Vielleicht musste mein Vater nun für den Schaden aufkommen? Was kostete ein neues Harmonium? Meine Knie waren so weich, dass ich froh war, sitzen zu können. Ich weiß noch, dass meine Feder Tintenkleckse auf dem Papier hinterließ, weil meine Hand zitterte.
    Und dann kam das Unvermeidliche. Die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich. „Hannah, komm einmal herüber“, sagte mein Vater leise.
    Ich glaubte nicht, dass meine bebenden Knie mich tragen würden, doch ich stand gehorsam auf. Mutter stand mit dem Geschirrtuch in den Händen am Spültisch und sah mich unsicher an. Irgendwie war das Leben in unserer Küche abrupt zum Stillstand gekommen, wie eingefroren. Meine älteren Geschwister, die mit ihren Hausaufgaben oder einem Buch ebenfalls am Tisch saßen, hielten inne und starrten mich an. Es war totenstill geworden und meine Schritte polterten überlaut auf den blank gescheuerten Holzdielen. Es schien fast, als klebten meine Füße auf dem Boden fest, so mühsam war das Laufen.
    Naja, es ist dann doch nicht so schlimm geworden. Der Kantor hat meinem Vater angeboten, mich zu unterrichten, und mein Vater war einverstanden, weil es nichts kosten sollte. So kam es, dass ich einmal in der Woche nach der Schule ins Kantorhaus, das gleich neben dem Pfarrhaus stand, hinüberging und Klavierspielen lernte. Da ich zu Hause nicht üben konnte, wurden aus der einen Übungsstunde bald zwei und schließlich drei. Ich war mit Begeisterung dabei. Die Kantorsleute waren schon alt, viel älter als meine Eltern.
    Ab und zu half ich deshalb der weißhaarigen Kantorsfrau im Haushalt oder im Sommer auch im Garten.

    Drei Jahre später war ich so weit: Die Prüfung stand an, nach der ich – wenn ich sie bestand - den Kantor sonntags an der Orgel vertreten durfte. Ich war furchtbar aufgeregt. Ein halbes Jahr vorher hatte ich meine Übungsstunden in die Kirche verlegen müssen, damit ich mich an die Orgel gewöhne. Der Kirchenschlüssel allein erschien mir schon gewaltig und Ehrfurcht vor diesem erhabenen Instrument mit seinem überwältigenden Klang hat mich erfüllt. Es schien mir unglaublich, dass meine kleinen Finger diesen unzähligen Pfeifen, von denen die meisten tief im Inneren des bemalten Holzgehäuses verborgen waren, solche gewaltigen Töne entlocken konnte.
    Die Prüfung fand am Ostersonntag statt und der Gottesdienst war wie immer sehr gut besucht. Aber diesmal hatten sich alle meine Klassenkameraden auf der Empore eingefunden, um mir zuschauen zu können. Fleischers Maxe war unter ihnen. Sie flüsterten miteinander, zeigten mit dem Finger auf mich und kicherten. Das war keineswegs geeignet, um meine Aufregung zu mindern.
    Doch der Kantor hatte Mitleid mit mir und schickte sie mit der Bemerkung „Hier ist keine Zirkusveranstaltung“ wieder nach unten zu ihren Eltern. Ich weiß noch, dass ich ihm dafür sehr dankbar war.
    Der Gottesdienst selbst ging trotz meiner Ängste sehr gut über die Bühne. Ich machte keine großen Fehler, nur winzige, die der Kantor mit einem ebenso winzigen Schmunzeln quittierte. Als der letzte Ton des Nachspiels verklungen war, atmete ich auf. Dass nun noch der theoretische Teil folgte, bei dem ich unter anderem die Sonntage des Kirchenjahres in der richtigen Reihenfolge benennen und ein, zwei Fragen zu Konstruktion einer Orgel beantworten musste, das machte mir keine Angst. Ich wusste die Antworten im Schlaf, und ich war mit dem Kantor im Inneren der Orgel herumgekrochen, hatte staunend seinen Erklärungen gelauscht, in fingerdünne Pfeifchen hineingeblasen und mit ihm über den piepsigen Ton gelacht und war schließlich spinnweben- und staubbedeckt mit ihm wieder nach draußen geklettert.
    Erst als der Pfarrer wohlwollend genickt und mir unter dem stolzen Blick des Kantors mit einer steif formulierten Gratulation die Hand geschüttelt hatte, begriff ich, dass die Prüfung bestanden war.
    Nachdem sich die Tür hinter dem Pfarrer geschlossen hatte und der Kantor gerade nach ein, zwei passenden Worten suchte, fiel ich ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss auf die nach Rasierwasser duftende faltige Wange. Kurz spürte ich seine Umarmung und hörte seine geflüsterten Worte „Gut gemacht, Hannah!“, da hatte ich ihn auch schon wieder losgelassen. Schamröte war mir ins Gesicht gestiegen. Ich war zwölf und so was tat man doch nicht!
    Doch der Kantor strich mir noch einmal über den Scheitel und öffnete die Tür. „So, und jetzt raus mit dir. Und genieße deine Ferien!“
    Ich bin den ganzen Weg nach Hause gerannt, mit Galoppsprüngen von nie geahnter Höhe und Weite dazwischen. Mir war gewesen, als könne ich fliegen.

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    Natürlich ist der Regulator bei mir zu Hause längst stehen geblieben. Alles ist irgendwie stehen geblieben zu Hause, vor allem die Zeit. Mir fallen mit Schrecken meine Pflanzen ein. Die Monstera und das Dickblatt sind schon fünfzehn Jahre alt. So viel Mühe habe ich in ihre Pflege gesteckt!

    Ob sich wohl jemand darum kümmert? Sicher nicht. Beate ist zurück nach Hamburg gefahren, sie hat andere Dinge im Kopf als meine Zimmerpflanzen. Aber vielleicht hat sie der Nachbarin den Schlüssel gegeben? Erika Schneider würde sich bestimmt darum kümmern. Sie ist ja auch so eine mit grünem Daumen. Bei ihr wuchern nicht nur die Topfpflanzen auf der Fensterbank, nein, der ganze Garten ist ein grünes Paradies. Wenn ich im Frühsommer in meinem Liegestuhl saß, habe ich oft neidisch auf ihren Blauregen geschielt und ihn mit meinem traurigen Exemplar verglichen. Dann habe ich mich schon gefragt, ob es wirklich nur der Kaffeesatz und die Eierschalen im Kompost sind, die diese Oase der Erholung zustande bringen. Bei einem Plausch über den Gartenzaun hat sie mir jedenfalls versichert, dass diese beiden Dinge in der Komposterde reine Wunder vollbringen.
    Ich seufze leise.

    Wenn ich das Bett am Fenster hätte, dann könnte ich sicher ein paar Topfpflanzen auf dem Fensterbrett haben. Und sicher würde Frau Kehrer ihnen auch ab und zu etwas Wasser geben. Am liebsten hätte ich ja Alpenveilchen, da kann ich mich nicht satt sehen an dieser Blütenpracht. Besonders die cyclamfarbenen haben es mir angetan, aber auch die dunkelroten gefallen mir. Doch in diesem überheizten Zimmer würden sie wohl nicht lange halten. Frau Herzel möchte es eben gern warm haben und außerdem geht das Ganze sowieso nicht, denn das Bett am Fenster gehört nun mal meiner Mitbewohnerin. Sie sitzt ja auch den ganzen Tag dort in ihrem Stuhl und schaut hinaus.
    Wenn sie nett wäre, könnte sie mir ein bisschen erzählen, was sie so sieht, das würde die Langeweile ein bisschen vertreiben. Erst neulich, da hat es draußen ein lautes Hupen und quietschende Reifen gegeben, danach ist ein lautes Scheppern zu hören gewesen. Ich hätte gern gewusst, was passiert ist, doch das hätte bedeutet, dass ich Frau Herzel frage, und – wie gesagt – sie hört mich nur, wenn sie ihre Hörgeräte trägt, was selten der Fall ist. Und ich spreche so undeutlich und laut. Also habe ich es sein gelassen und gehofft, dass eine der Schwestern mal so nebenbei was erzählt. War aber nicht so. Schade.
    Ich versuche erneut, einen Blick auf das Fenster zu werfen, und es knackt wieder in meinem Hals. Aber ich kann erkennen, dass es heller geworden ist. Jetzt müsste doch bald mal eine Schwester kommen. Es kribbelt immer noch unter meinem Po und ich versuche nun doch, meine Hand mal dorthin zu bringen. Mit etwas Mühe schaffe ich es endlich – ich kann mich kratzen! Meine Güte, welche Wohltat. Wie wundervoll es ist, sich kratzen zu können, wenn es juckt. Das ist mir noch nie aufgefallen.
    Natürlich juckt es jetzt ein paar Zentimeter daneben. Undenkbar, dass ich da rankomme. Und mit dem anderen Arm brauche ich es gar nicht zu versuchen, den kann ich gerade mal anheben, aber richtig gezielte Bewegungen? Keine Chance. Im Krankenhaus hat man mir gesagt, dass sich diese Lähmung nicht wieder rückgängig machen ließe und dass man nur versuchen könne, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten und die Verkrümmung der Finger und des Fußgelenks zu verhindern. So viel zu deiner Vorhersage, du Koryphäe von Oberarzt!
    Noch so eine Sache, über die ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe – dass Gelenke und Finger beweglich sind. Man hält das für so selbstverständlich, dass man es nicht bewusst wahrnimmt.
    Ich hebe meine linke Hand vor das Gesicht und betrachte sie eingehend. Langsam bewege ich die Finger, mache eine Faust, öffne sie wieder. Unbegreiflich, ich bewege nicht jeden Finger bewusst. Mein Gehirn erteilt den Befehl Faust und schon wissen alle fünf, dass sie sich krümmen müssen.

    Ich hätte diesem faszinierenden Vorgang schon viel eher Beachtung schenken müssen ...

    Und ein Ballonfederbett passt da etwa genauso rein wie Holzpantoffeln zu Tschaikowskys Schwanensee.

    Wo wohl alle meine Schallplatten hingekommen sind? Ich hatte so viele, war richtig stolz auf meine Sammlung.


    Meine erste habe ich mir mit achtzehn von einem meiner ersten Löhne gekauft. Da hatte ich noch nicht einmal einen Schallplattenspieler. Aber Gertruds Eltern hatten einen und bei ihnen durfte ich meine Schallplatte anhören. Sie hatten den Milchladen in unserem Dorf, das heißt, die Mutter hatte den Laden, der Vater hatte die Milch, denn er versorgte die Herde von immerhin fünfundzwanzig Kühen! Ein ungeheurer Reichtum war das für die damalige Zeit.

    Ich weiß noch, wie ich Gertruds Mutter als Kind immer mit offenem Mund anstarrte, wenn ich zuerst an der Hand meiner großen Schwester, später dann allein mit der Milchkanne zu ihr in den Laden kam. Sie trug stets eine blendend weiße, gestärkte Schürze mit gestickter Schrift auf dem Latz. „Knauers Molkerei“ stand da in blauen Buchstaben und darunter war eine Kuh eingestickt, die sich an einem Grasbüschel gütlich tat. Auf dem Kopf trug Gertruds Mutter ein schneeweißes Kopftuch und ständig umschwebte sie der Duft frisch gemolkener Milch.

    Gertrud war im Gegensatz zu ihrer Mutter eigentlich nie sauber angezogen. Aber sie betrat ja auch nie den Laden, das durfte sie nicht. Wollte sie etwas von ihrer Mutter, musste sie sich hinten an die Tür stellen und so lange warten, bis der letzte Kunde bedient war und die Mutter zu ihr kam. Aber sie wollte selten etwas. Meist war sie froh, nicht in Reichweite der Eltern zu sein.

    Gertrud war überhaupt ganz anders als ich. Sie hatte – wie schon gesagt – vor nichts Angst, machte Dinge, die ein Mädchen nie tat, wie zum Beispiel mit dem Katapult schießen, sie konnte schnitzen und trug auch immer ein kleines Taschenmesser in ihrer Schürzentasche. Auch Garn, Knöpfe, Schrauben, eine Hasenpfote und ein dicker Bleistiftstummel zählten zu ihren Schätzen.


    Auf dem Gang wird es unruhig. Stimmen sind zu hören, Gelächter, Türen werden geöffnet und geschlossen, Wasser rauscht nebenan. Die Frühschicht beginnt ihren Dienst. Zum Glück, denn ich kann es kaum noch aushalten mit meinem Bein und ich muss ganz dringend mal.

    Draußen fahren Autos vorbei, es sind viele und es scheint eine recht große Straße zu sein, denn auch Lastwagen sind zu hören.

    Ich kann mich nicht erinnern, wie das Heim von außen aussieht. Habe ich das überhaupt wahrgenommen, als ich aus dem Krankenwagen gehoben wurde? Ich weiß es nicht mehr. Naja, es ist auch nicht unbedingt viel zu sehen, wenn man auf dem Rücken liegt und nur den Himmel und dann das Vordach über sich sieht. Man hört, wie eine automatische Tür sich öffnet, wird hindurch geschoben, erhascht einen Blick auf eine Infotafel und ist da. Nein, bewusst wahrgenommen habe ich da wohl nichts, außer dass ich mir Gedanken machte, weil es regnete und meine dünne Bettdecke nass wurde. Und dass ich Angst hatte, als die Trage aus dem Auto gezogen wurde und das Fahrgestell scheppernd auf dem Boden aufschlug. Leider hatten die beiden jungen Krankenfahrer kein Auge für mich, sahen nicht, wie ich krampfhaft mit der gesunden Hand den Rand der Trage umklammerte und versuchte, mit der gelähmten meine Waschtasche festzuhalten, die man auf meinen Bauch gelegt hatte und die bedenklich ins Rutschen kam.

    Gedämpftes Kindergeschrei dringt von der Straße herein. Die müssen aber früh raus, die Kleinen.

    Beate muss mir einen Wecker mitbringen. Besser wäre noch eine Wanduhr, eine richtig große, denn ohne Brille sehe ich nichts und meine Brille liegt auf dem Nachttisch, unerreichbar für mich.


    Zu Hause hatten wir einen Regulator. Ein dunkelbraunes, reich mit Schnitzereien verziertes Holzgehäuse, das von Mutter liebevoll mit einer intensiv duftenden Politur aus Bienenwachs auf Hochglanz poliert wurde. Er beherbergte ein Uhrwerk mit einem wunderbar melodischen Schlagwerk. Ich weiß noch, wie wir Kinder immer mit angehaltenem Atem standen, wenn mein Vater am Samstagabend mit wichtiger Miene das kleine Glastürchen unter dem Zifferblatt öffnete und das goldfarbene Pendel anhielt. Als ich noch ganz klein war, fünf Jahre alt vielleicht, hat mir Martin weisgemacht, es sei echtes Gold. Einige Jahre später erst wagte ich es zaghaft, Mutter nach dem Goldpendel zu fragen. Sie seufzte und meinte: Hannah, wenn das wirklich Gold wäre, müsste dein Vater nicht so schwer arbeiten und wir hätten ein großes Haus in der Stadt. Da begriff ich, dass mein großer Bruder mich belogen hatte.

    Ja, der Regulator. Wenn Vater das Pendel angehalten hatte, setzte er umständlich seine goldumrandete Brille auf und zog seine Taschenuhr aus der Westentasche. Mit allerhöchster Konzentration verglich er die darauf angezeigte Zeit mit der des Regulators. Manchmal stellte er mit behutsamen Fingern den großen Zeiger ein wenig vor und zog dann mit dem Schlüssel das Uhrwerk auf. Und schließlich kam das, worauf wir Kinder immer voller Spannung und mit angehaltenem Atem warteten – er strich mit dem Zeigefinger einmal ganz sacht über die vier Metallstangen, denen sonst ein kleiner Hammer den Gong entlockte. Aber Vaters Berührung war anders, jeder Ton klang einzeln an und sie harmonierten einfach wunderbar. So stellte ich mir die Musik der Engel im Himmel vor, von denen der Kantor uns erzählt hatte. Erst wenn der letzte zarte Klang verklungen war, mein Vater das Pendel wieder anschob und die kleine Glastür schloss, war der Zauber vorbei. Wir Kinder atmeten aus und sprangen davon, um am nächsten Samstagabend dasselbe Schauspiel erneut herbeizusehnen.

    Als meine Eltern dann schon lange tot waren und ich die Uhr in meinem Wohnzimmer hängen hatte, erinnerte ich mich noch oft an diese samstägliche Tradition. Immer, wenn ich den kleinen Schlüssel in das Loch schob und die fünf Umdrehungen machte, dachte ich an Vaters ehrfürchtige Bewegungen dabei. Mir sah niemand zu, wenn ich das Ritual vollzog, keine Enkel. Beate hatte bei ihren ständig wechselnden Männerbekanntschaften noch nicht den gefunden, mit dem sie Kinder haben wollte, und so war ich eben allein.

    Tragbare Wand

    Solide Ziegelmauer in Größe einer Zimmerwand, lässt sich auf Befehl auf Gewicht und Größe eines Ziegels schrumpfen.

    Die tragbare Wand wird vorzugsweise von Leuten an Orten genutzt, an denen es an Privatsphäre mangelt. Manche sind bei ihrer Anwendung schon recht kreativ geworden, z.B. wird sie gern an der Supermarktkasse errichtet, um den nachfolgenden Kunden, der einem mit seinem Einkaufswagen permanent Schubse verpasst, auf Abstand zu halten. Des weiteren wurde der Ziegel auch schon aus einem fahrenden Fluchtauto geworfen, um den hinterherjagenden Polizeiwagen gegen die massive Wand donnern zu lassen.

    Die tragbare Wand scheint es - diesen Beobachtungen zufolge - im Gegensatz zu anderen magischen Artefakten - in mehrfacher Ausfertigung zu geben. Ihre vielseitige Nutzbarkeit (ein entsprechend kreatives Denken ist natürlich die Voraussetzung dafür) macht sie zu einem beliebten Gegenstand.

    Sie reduziert die Tragfähigkeit (weil so ein Ziegelstein halt was wiegt), verleiht aber einen Bonus auf Idee (für eine bisher nicht verwendete Nutzungsvariante) und einen auf Geschicklichkeit (für's zielgerichtete Platzieren aus der Ferne mittels Wurf). Abzug bei Charme, wenn man beim Wurf jemanden trifft. :/


    Elfenseil

    Das Seil ist unzerreißbar, auf Wunsch dehnbar und kann sich auf Befehl selbst einrollen

    Bonus: + 15 auf Klettern

    So. :)

    Für alle, die es interessiert und die ihre Bücher (wie ich selbst) gern mit der App auf dem Handy lesen - die


    "Geschichten zum Zurücklehnen"


    sind jetzt auch als E-Book erhältlich. Die Links zu den Online-Shops findet ihr oben im ersten Post.

    Falls sich jemand dazu durchringen kann - ich würde mich über eine Rezension sehr freuen. :blush:

    Vielen Dank für euer Interesse. :)


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    Privatsphäre – das ist etwas, auf das ich jetzt liebend gern verzichtet hätte. Keiner, der mit mir redet, der nach mir schaut, den es interessiert, wie es mir geht ...

    Vorsicht, Hannah, du kannst dir kein Selbstmitleid erlauben, das macht das Gemüt schwer.

    Mühsam verändere ich meine Lage im Bett ein wenig. Unter meinem Po kribbelt es, als säße ich in einem Ameisenhaufen. Ich kann mich nicht mal kratzen, denn meine Hand unter ihn zu schieben, der Teil meines fast 90kg-Körpers ist – dazu reicht meine Kraft nicht.

    Frau Herzel hat sich verschluckt beim Schnarchen und hustet zwei-, dreimal. Ob sie wach wird?

    Ich hebe den Kopf ein wenig, doch ich kann nichts sehen. Die hohe Lehne des Sessels verbirgt die Schläferin vor meinen Blicken.

    Frau Herzel hat ein riesiges Ballonfederbett und sie liegt dahinter verborgen wie hinter einem Berg.


    So ein herrliches, plusterweiches Bett hatte ich auch einmal. Ist gar nicht so lang her, vielleicht drei Jahre. Ich musste mir damals einen Ruck geben für den Kauf, denn es war recht teuer gewesen. Aber ich hatte es nie bereut, im Gegenteil: Abends habe ich mich immer richtig darauf gefreut, hineinkriechen zu können, wenn es im Schlafzimmer wegen des offenen Fensters so kalt war, dass mein Atem kleine weiße Wölkchen bildete.

    „Aber Mutti, das brauchst du doch nicht im Heim. Da ist es warm, die Zimmer sind geheizt.“ Meine Tochter Beate hatte den angedeuteten Berg, den mein rechter Arm über mir in meinem Bett aufgetürmt hatte, richtig gedeutet, als sie mich nach dem Schlaganfall im Krankenhaus besuchte und wir gemeinsam die Dinge durchgingen, die ich mitnehmen würde. Sie schien es sich gerade noch verkneifen zu können, mich auszulachen. Einen Tag vorher hatte der Oberarzt mir behutsam mitgeteilt, dass meine Zukunft nun das Pflegeheim sei. Natürlich nur, bis es mir besser ging, die Lähmungen könnten ja zurückgehen. Wer’s glaubt! Ich kenne etliche Leute mit Schlaganfall, aber ich kenne keinen, der danach aus dem Pflegeheim wieder rauskam.

    Na, jedenfalls hatte ich meinen ersten Schock überwunden und überlegte nun ziemlich gefasst, welche Dinge ich gern mitnehmen würde in mein neues Zuhause. Mein Federbett, das stand fest. Schließlich würden die Winternächte auch dann noch kalt sein, wenn ich nicht mehr in meinem kleinen Haus wohnte. Und das Fenster, das sollte auf jeden Fall auch weiterhin offen sein.


    Ich habe meine Rechnung ohne Frau Herzel gemacht. Sie scheint frische Luft zu hassen. In den zwei Wochen, die ich jetzt hier bin, wurde nur zwei Mal kurz das Fenster geöffnet und nur dann, wenn die Reinemachfrau saubermachte und Frau Herzel gerade beim Frühstück war. Ansonsten blieb hier alles verrammelt.

    Aber die Reinemachfrau – sie heißt übrigens Frau Kehrer, lustig nicht? – sie weiß, wie viel mir ein offenes Fenster bedeutet und will es so einrichten, dass sie immer dann putzen kommt, wenn Frau Herzel bei Tisch ist. Eine liebe Seele ist sie. Gestern brachte sie mir einen Blumenstrauß. „Aus meinem Garten“, meinte sie und lachte fast ein wenig verlegen. „Weil Ihnen das Einleben hier so schwer fällt.“ Die Gute, woher wusste sie das? Ich hatte zu niemandem ein Wort gesagt. Sie muss es mir einfach abgespürt haben. Ich war so gerührt, dass mir die Worte für das Dankeschön im Hals stecken blieben. Als ich endlich wieder sprechen konnte, war sie längst gegangen.

    Ja, mein Federbett ... Natürlich hatte meine Tochter Recht. Es ist manchmal zum Ersticken warm hier drin, auch ohne Federbett. Möchte wissen, wie Frau Herzel das aushält.

    Ob mein Bett jetzt beim Müll ist? Oder hat es Beate für sich genommen? Nein, das wohl kaum. Ihr Schlafzimmer hat sie im fernöstlichen Stil gestaltet, sie richtet sich nach Energieflüssen und anderen unverständlichen Sachen. Leider habe ich sie nie in Hamburg besucht, deshalb hat sie mir einmal in einem Möbelversandhauskatalog ein paar Sachen gezeigt, die sie sich gekauft hat. Und ein Ballonfederbett passt da etwa genauso rein wie Holzpantoffeln zu Tschaikowskys Schwanensee.

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    Frau Herzel schnarcht immer noch. Ihr Wecker tickt unglaublich laut. Selbst wenn ich noch müde wäre - dabei einzuschlafen ist nicht leicht.
    Im Nebenzimmer rauscht die Toilettenspülung. Wer dort wohl wohnt? Wahrscheinlich jemand, der noch laufen kann. Oder war es die Nachtschwester, die den Schieber geleert hat?
    Ich müsste eigentlich auch mal. Ob ich noch so lange warten kann, bis die Schwester von selbst kommt? Manchmal taucht sie auch gar nicht noch mal auf, bevor sie die Schicht beendet.
    Ich höre eine Tür klappen. Es ist also doch die Nachtschwester gewesen. Wenn ich jetzt gleich klingle, hat sie einen kurzen Weg ...
    Wo ist die Klingel? Sie liegt doch immer hier, neben meiner linken Hand! Weit kann sie nicht sein, ich habe sie vorhin noch gespürt – da, da ist sie ...
    Ich habe die Klingel heruntergeschmissen. Mit dem Scheppern wird mir klar, dass ich die Schwester nun nicht mehr rufen kann. Entweder ich halte es an, bis der Frühdienst zum Waschen kommt, oder ich mache mich nass.
    Wie ich das hasse! Das ist so entwürdigend. Man macht in die Windel wie ein Baby. Am schlimmsten ist das große Geschäft. Manchmal weine ich leise, wenn die Schwester mich mühsam auf die Seite dreht und ich das Geräusch höre, welches verrät, dass sie sich Gummihandschuhe anzieht. Als Nächstes kommt das Zischen des Sprays mit dem Pflegeschaum, dann der harte Zellstoff. Ich beiße die Zähne zusammen und lasse die Tränen laufen, denn ich weiß: Es geht vorbei und bald bin ich wieder sauber. Und irgendwann einmal werde ich mich wahrscheinlich daran gewöhnt haben.
    Es ist wie verhext. Seit ich weiß, dass die Klingel unerreichbar ist, wird das Bedürfnis immer stärker. Auch die Schmerzen im Bein scheinen nun erst recht zuzunehmen. Ich könnte Frau Herzel bitten zu klingeln, aber die hört mich nicht mal, wenn sie wach ist, und jetzt schläft sie.
    Zu allem Überfluss ist jetzt noch eine Fliege im Zimmer unterwegs, so eine dicke, goldgrüne. Sie ist zwar recht langsam, aber für mich und meine unkontrollierten Bewegungen trotzdem viel zu schnell. Ich muss die Schwester mal fragen, ob sie hier Leimbänder haben. Obwohl – Leimbänder? Da gibt’s jetzt sicher was viel besseres, wirkungsvolleres. Ein Spray vielleicht, oder so ein komisches kleines Ding, das man in die Steckdose steckt ...


    Bei uns zu Hause gab es immer Leimbänder. An der großen schmiedeeisernen Tischlampe über dem eichenen Wohnzimmertisch und in der Küche natürlich, manchmal drei Stück. Wir Kinder lachten immer, wenn Mutter beim Tischdecken mit dem Haarnetz daran hängen blieb. Doch ebenso staunten wir auch, wenn wir sahen, wie sie mit einem schnellen Griff die gelösten Haarsträhnen wieder feststeckte und so die ruinierte Frisur wieder in Ordnung brachte. Manchmal klebte das Haarnetz so fest, dass es sich nicht ablösen ließ. Das war dann natürlich noch mehr Grund zum Lachen.
    Überhaupt wurde viel gelacht in meiner Familie. Wir waren sechs Kinder, aber Kinderzimmer gab es nicht. Die Großeltern wohnten ja auch mit bei uns. Alles Leben spielte sich in dem großen Wohnzimmer mit den blank gescheuerten Holzdielen ab. Man war fast nie allein, Privatsphäre gab es so gut wie niemals ...