Beiträge von Tariq


    Am nächsten Morgen bin ich wie gerädert. Abenteuerliche Träume sind durch meinen Kopf gespukt, ein riesenhafter Feuerwehrmann hat mich mit einem Sankra abgeholt und ist mit mir nach Zinnowitz gefahren, Mutter kam hinterher auf unserem alten Kinderfahrrad und jammerte ununterbrochen „Nicht doch mit dem kurzen Rock, Mädel, nicht mit dem kurzen Rock“...
    Ich stöhne und reibe mir mit der Linken die Augen. Jetzt erst merke ich, dass ich trotz der Träume durchgeschlafen habe, weil Frau Herzels Schnarchen mich nicht in regelmäßigen Abständen geweckt hat. Eigentlich müsste ich perfekt erholt sein.
    Aber es ist auf jeden Fall später als sonst, denn es ist viel heller draußen. Gleich wird das morgendliche Waschgeschwader auf dem Gang lärmen. Mal sehen, wer heute zu mir kommt.
    Es ist Sammy, die wenig später die Tür öffnet. Unsere Pflegeschülerin hat schlechte Laune. Ich merke es sofort, obwohl sie sich müht, freundlich zu sein wie immer.
    Was ist los heute?
    Ich habe die Frage nonverbal gestellt, nur mit meiner Mimik, als sie mich auf den Toilettenstuhl bugsiert hat. Doch Sammy schüttelt nur den Kopf. Im Bad mustere ich ihr Spiegelbild, während sie mir das Wasser ins Becken lässt. Jawohl, ich werde neuerdings im Bad gewaschen, auf einem fahrbaren Toilettenstuhl sitzend. Das hat Karl geschafft, der Gute, die Nervensäge. Und ich helfe mit. Das mach ich mit links! Im wahrsten Sinne des Wortes. Und manchmal, wenn eine zweite Pflegekraft Zeit hat, mich festzuhalten, dann kann ich sogar aufstehen und stehen, wobei ich mich aufs Waschbecken stützen muss und diesem im Geiste deshalb ständig zu murmele: Bitte halt mich aus, bitte halt mich aus!
    „Ich habe erfahren, wer zu meiner Abschlussprüfung dabei sein wird“, knurrt Sammy, während sie meinen Rücken wäscht.
    „Wann?“, brumme ich interessiert, mache dabei den Buckel krumm und möchte am liebsten schnurren wie eine Katze, als sie mich trockenrubbelt.
    „Die sollte schon vor zwei Wochen sein, aber meine Lehrerin ist krank geworden. Und jetzt wurde sie auf übermorgen verschoben und als Prüferin kommt die Schneider.“
    „Ah.“ Leider kenne ich die besagte Dame nicht und kann deshalb nicht einschätzen, ob Sammys Frust gerechtfertigt ist. „Nicht egal, wer?“, forsche ich.
    Sie schnaubt wütend. „Oh nein. Das ist es nicht. Die Schneider bewertet vollkommen unfair. Weil sie keine Ahnung von Pflege hat! Sie hat aber studiert und deshalb weiß sie alles darüber.“
    Der letzte Satz trieft vor Sarkasmus und ich merke, dass da viel mehr dahintersteckt als nur das, was Sammy gesagt hat. Es ist wie eine ... Herabsetzung der Pfegekräfte, die wirklich pflegen. Und auch der, die drei Jahre Ausbildung und viele Praktika hinter sich gebracht haben. Um zu prüfen, ob sie es gut und richtig machen, kommt jemand, der nie selbst gepflegt hat.
    Gut, dass das Frust schafft, verstehe selbst ich als Laie.

    „Was wird geprüft?“, will ich wissen und merke, dass mich das Thema wirklich interessiert. So sehr, dass ich mich überwinde, meine selbst auferlegte Ein-Wort-Regel zu brechen und mehr als zwei Worte zu sprechen. Was wird bei Altenpflege-Azubis geprüft?
    „Jemanden waschen, Medikamente verabreichen, Blutzucker kontrollieren, Augentropfen geben, Thrombosestrümpfe anziehen, eine Wunde verbinden, Umschläge machen, Salben auftragen und solche Sachen eben. Und dann noch eine Beschäftigung anbieten.“ Es klingt genervt und sie tut mir leid.
    „Bei mir?“, frage ich, gespielt verwundert, während sich mein linker Zeigefinger auf mein Brustbein presst. Im Spiegel sehe ich, wie sie lächelt.
    „Nein, beim Heinz“, erklärt sie. „Den nimmt jeder Azubi. Weil er alles mit sich machen lässt.“
    Heinz also, der ewig schlafende Tischgenosse von Manni und Eberhard. Ich betrachte Sammy und komme zu dem Schluss, dass das keine schlechte Wahl ist, denn das Mädchen kann den schmächtigen Weißhaarigen mit einer Hand versorgen.
    Nachdem sie mich fertig angezogen aus dem Bad geschoben und vom Toilettenstuhl in den Rollstuhl verfrachtet hat, hole ich Stift und Zettel aus dem Nachtschrank, während Sammy mein Bett macht.
    Dann wünsche ich gutes Gelingen, schreibe ich. Und ich möchte erfahren, wie es gelaufen ist!
    Sie lächelt. „Wenn ich dran denke, komme ich danach vorbei. Wenn ich nicht auftauche, bin ich wahrscheinlich durchgefallen und heule mir in irgendeiner Ecke die Augen aus dem Kopf.“
    Wir lachen beide. Ich weiß, ich muss nicht sagen, dass ich ein Durchfallen nicht für möglich halte. Sammy ist sehr gewissenhaft, einfühlsam und die Ruhe in Person. Was soll da schiefgehen?
    Eine Minute später sind wir auf dem Weg in den Speisesaal. Heute etwas früher, aber Sammy muss noch mehr Leute waschen und mir macht es nichts aus, ein wenig zu warten.
    Auf meine Bitte hin stellt sie meinen Rollstuhl ans Fenster. Wenn das Frühstück beginnt, wird mich schon irgendjemand an meinen Tisch bugsieren.
    Von hier aus sehe ich in einen kleinen Park hinab. Längst habe ich in Erfahrung gebracht, dass das Pflegeheim wirklich nicht das in Pretzberg ist, an dem ich so oft vorbeigelaufen bin. Wir sind in Hamburg und wenn ich den Kopf ein bisschen nach rechts schieben und dieser blöde, weiße Wohnklotz nicht dort stehen würde, könnte ich direkt auf die Außenalster sehen. Hat Karl zumindest gesagt. Aber so ...
    Eine Hand schiebt sich an meiner Schulter vorbei und stellt eine Tasse dampfenden Kaffee zwischen die Orchideen auf das Fensterbrett.
    „Mit Milch und einem Stück Zucker“, sagt eine Männerstimme hinter mir.
    Überrascht starre ich die Tasse an. Das ist nicht Karl gewesen, der hat heute keinen Dienst. Aber wer weiß sonst noch, dass ich ...

    So, vor dem neuen Post zuerst zu euren Anmerkungen. Wie immer ein dickes Dankeschön, dass ihr noch dabei seid und euch so in die Story und die Chars reindenkt. Und dass ich an euren Gedanken und Spekulationen teilhaben darf.

    Ich pack meine Antworten wie gewohnt in den Spoiler.

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    ~~~ Kapitel 17 ~~~

    Kapitel 17 (1/5)

    Am nächsten Tag nach dem Dienst setzte er sich an den Computer in seiner Wohneinheit. Kurz musste er sich auf den seltsamen Namen besinnen, dem sein Vater diesem ominösen Ordner gegeben hatte. Dann fiel es ihm wieder ein und er tippte „Kleito“ in die Suchzeile. Mestors Computer gewährte den Zugriff und er begann zu lesen.

    Auf den ersten Blick war es eine recht ungeordnete Ansammlung von Fakten. Doch dann erkannte Ares das System dahinter. Der Bau des Ringes nahm einen großen Teil ein. Mestor hatte akribisch genau aufgeführt, welche Baufortschritte an welchem Tag zu verzeichnen waren und welche Steine ihm in den Weg gelegt wurden. Es folgten Auflistungen von Rohstoffen, die Adressen von Kunden, die Namen von Regierungsmitgliedern, die Mestors Aktionen vertuschten. Ein Verzeichnis aller Haftanstalten, aus denen die Ontas stammten, Aufzählungen von Summen, die geflossen waren, um Zoll und die regierungseigene Gesellschaft zur Verwaltung seltener Rohstoffe zu bestechen. Statistiken über Verkaufsmengen und Erlöse, Preiserhöhungen. Alle möglichen Dinge fand er und erkannte, es würde eine Weile dauern, bis er sich darin zurechtfinden und alles einordnen konnte.
    Aber das, was ihn eigentlich interessierte, war nicht dabei: Er wollte wissen, welche Eigenschaften die ausgelieferten Chips besessen hatten. ‚Alle Wünsche werden erfüllt‘ – der Satz ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Je länger er suchte, umso misstrauischer wurde er. Es passte nicht zu seinem Vater, diese Dinge nicht zu erfassen. Irgendwo mussten die Informationen sein!
    Als er auf einen Ordner mit dem seltsamen Namen „X“ stieß, der sich nicht öffnen ließ, wusste Ares, dass er fündig geworden war. Er sandte eine Kontaktanfrage an Mestor.
    „Wie kann ich den Ordner ‚X‘ öffnen?“, fragte er, als sein Vater sich meldete.
    „Gar nicht“, kam es zurück, „die Daten darin sind rein privat und haben nichts mit dem Ring zu tun.“
    Fast hätte Ares laut gelacht. Sein Vater wollte ihm doch nicht etwa weismachen, dass er Tagebuch führte?
    Doch die Lage war zu ernst, um zu lachen. Es gab also tatsächlich noch Dinge, die Mestor vor ihm geheim hielt. Und wieder war da die mahnende Stimme in seinem Kopf, die hartnäckig behauptete, dass das, was er von seinem Vater erfahren hatte, nur die Spitze des Eisberges war.
    „In Ordnung, das respektiere ich selbstverständlich“, antwortete er und beendete das Gespräch. Er hoffte, dass er nicht zu schnell nachgegeben und Mestor damit misstrauisch gemacht hatte. Nein, beschwichtigte er sich selbst, du warst genau so, wie er dich haben will: gutgläubig und naiv, leicht zu lenken und nicht hinterfragend.
    „Computer, Kontaktanfrage an Etienne Fatou“, murmelte er.
    „Was ist los?“, meldete sich der Freund. Es klang verschlafen.
    Ares warf einen Blick aufs ComPad. Mitternacht war lange vorbei. Während des Lesens hatte er völlig die Zeit vergessen.
    „Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken. Warum hast du meine Anfrage nicht einfach ablehnen lassen vom Computer?“
    Etienne brummte. „Schon gut. Also was ist?“
    „Ich brauche dein technisches Know How.“ Ares merkte, wie angespannt er war. Wenn Etienne ihm nicht helfen konnte, dann wusste er nicht weiter. „Kannst du mir Zugriff auf einen bestimmten Ordner ermöglichen?“
    „Welchen Ordner?“
    „Einer im Account meines Vaters.“
    „Oho!“ Es raschelte. Offenbar setzte Etienne sich auf. „Bist du unter die Hacker gegangen und spionierst deinen alten Herrn aus?“
    „Haha, sehr witzig. Er hat mir den Zugriff ermöglicht, aber einen Ordner darin enthält er mir vor. Und gerade deshalb will ich seinen Inhalt sehen.“
    „Ich schau mal, was ich machen kann. Muss es sofort sein?“
    „Nein, es eilt nicht. Ich muss mich erstmal durch den anderen Kram wühlen.“
    „Okay, dann schlaf ich ... Moment, ist mir da irgendwas entgangen? Wieso ermöglicht unser Kyrios dir Zugriff auf seinen privaten Account?“
    „Das ... ist eine lange Geschichte. Erzähl ich dir ein andermal. Schlaf weiter.“
    „In Ordnung. Obwohl du mich jetzt richtig neugierig gemacht hast.“ Etienne gähnte. „Gute Nacht.“
    „Dir auch.“
    Ares trennte die Verbindung und stützte dann den Kopf in die Hände. Er hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass Etienne noch nichts von Mestors Plänen wusste.

    Immer wieder hatte er sich vorgenommen, ihn einzuweihen, und es dann doch wieder aufgeschoben. Jetzt war das nicht länger möglich. Er musste es dem Freund erzählen. Schon an dem Abend in seiner Wohneinheit war er drauf und dran gewesen, aber das Thema Coholt und seine Prügelattacke hatte das Gespräch bestimmt. Etienne war aufgewühlt gewesen deswegen. Und die Sache mit der Onta aus dem Loch hätte beinahe dazu geführt, dass sie sich wieder in die Wolle geraten wären wegen der Bestrafungsmethoden im Ring.

    Er musste zugeben, dass ihn die Bitte des Klinikleiters beschäftigte. Das Loch ...
    Wusste Etienne, dass der Onta, der in den Lichtschacht gesprungen war, ebenfalls drei Tage darin verbracht hatte? Ares war sich nicht sicher, doch er hatte eines erkannt: Diese Zelle war verantwortlich für die Selbstmorde. Strafe schön und gut, aber auch ein Häftling war nur bis zu einem gewissen Punkt belastbar. Ignorierte man diesen, brach man den Delinquenten. Bei der Strafe im Loch war dieser Punkt bedeutungslos, weil niemand da war, um ihn erkennen zu können. Drei Tage Isolation waren drei Tage ohne Kontakt zu einem menschlichen Wesen. Keiner merkte, wann es zu viel wurde. Keiner konnte die Notbremse ziehen.
    Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob nicht andere Arten der Bestrafung einen ebensolchen erzieherischen Effekt erreichen konnten wie diese zweiundsiebzig Stunden in der Hölle. Wer hatte sich das ausgedacht? Das Loch war bereits im Bestrafungssystem enthalten gewesen, als er mit vierundzwanzig als einfacher Gardist im Ring angefangen hatte. Und er erinnerte sich, dass damals schon über einen Häftling gesprochen wurde, der tot aus dem Loch geholt worden war.
    Er hatte sich nichts weiter dabei gedacht. Erst als er selbst das erste Mal jemanden dort herausgeholt hatte, war ihm das wieder eingefallen. Aber mit dem Wissen von heute und mit der Bitte des Klinikleiters war er so weit, dass er Etienne zustimmte. Das Loch gehörte abgeschafft.
    Im Geiste notierte er es unter dem Punkt ‚Produktion der manipulierten Chips stoppen‘ auf die Liste der Dinge, die er anpacken würde, sobald sein Vater ihm die Zügel übergab. Und es war ihm egal, was Mestor davon hielt. Der konnte froh sein, wenn er ihm weiterhin die Spezial-Chips überließ. Vorläufig zumindest.
    Er gähnte. Es ging bereits auf halb zwei zu. Morgen würde er Etienne versuchen lassen, den X-Ordner zu knacken. Und ihm vorher alles erzählen. Das musste er. Sein Freund wusste, dass ihn etwas beschäftigte. Etiennes Frage bei ihrem letzten Treffen hier in seiner Wohneinheit hatte es bewiesen: Ob er ein Geheimnis habe ...

    Stephen King’s Rose Red oder Stephen Kings Haus der Verdammnis


    Eine US-amerikanische Miniserie (3 Teile) nach einem Drehbuch von Stephen King. Dreh- und Angelpunkt ist ein Herrenhaus im englischen Stil, das ein Ölmagnat als Hochzeitsgeschenk 1906 für seine Frau bauen ließ. Nach Jahren, in denen es wegen mysteriöser Todes- und Unfälle keiner mehr betreten hat, will Joyce Reardon, eine Dozentin für Parapsychologie, das Haus, das sie als "tote Zelle" bezeichnet, aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Sie sammelt eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Leuten mit paranormalen Begabungen um sich, die ihr dabei helfen sollen, und quartiert sich mit ihnen und dem derzeitigen Eigentümer in "Rose Red", wie das Haus heißt, ein.

    Anfangs nimmt man sich seeehr viel Zeit, die Probleme von Joyce Reardon, ihr Vorhaben umzusetzen, und das Haus, seine Eigentümer und Bewohner sowie die seltsamen Bauumstände zu beschreiben. Aber nachdem die Gruppe einmal dort angekommen ist, galoppiert die Handlung los. Die seltsamen Ereignisse häufen sich, es wird nicht mit Special Effects gespart und - wie man das aus Horrorfilmen so kennt - die Mitglieder der Gruppe werden systematisch dezimiert. Am Ende schaffen es nur wenige, den Alptraum zu überleben.


    Ich habe die Serie inzwischen schon dreimal gesehen. Langsam weiß ich, wann wer mit was erschreckt wird, wer wann verschwindet und wer echt und wer eine Kopie ist. Ich werde sie trotzdem mit Sicherheit noch mehrmals anschauen, denn was mich fasziniert ist das Haus. Als Fan von solchen Häusern würde ich viel dafür geben, mal durch die Räume zu laufen (*weiß, dass es das Haus nicht wirklich gibt*). Sie dürften gern so aussehen wie in der Serie, herrlich spooky. Ich werd dann immer richtig wehmütig und denke: "Wie kann man etwas so Schönes so verkommen lassen? (Auch wenns nur für den Film ist)".

    Begonnen hat meine Leidenschaft für diese Herrenhäuser mit Manderley, dem Anwesen aus Daphne de Mauriers Roman "Rebecca", den Alfred Hitchcock verfilmt hat. Dann haben die Häuser aus den Filmen "Die Kamine von Green Knowe" und "Mein Freund, der Wasserdrache" sowie aus der Serie "Downton Abbey" sie weiter wachsen lassen.

    Wie bin ich hier gelandet? Ach ja, über Rose Red, das tote Haus, das zu neuem Leben erwacht. Solider Grusel und Fantasy (in etwas weiterem Sinne) wie die drei anderen Filme ebenfalls.

    Interessanterweise hat sich King beim Drehbuch von den Geschichten über das mysteriöse (und wirklich existierende) Winchester-Haus in Kalifornien inspirieren lassen. Wer da Näheres wissen will - Wikipedia hat die Infos. Und auch eine ausführlichere Filmbeschreibung als meine.

    Also. Rose Red lohnt mMn das Anschauen, wenn man Grusel und Schockmomente mag. Weg auf viel Blut steht, wird enttäuscht, wer am Ende des Films Fragezeichen über dem Kopf haben will, wird bedient. Schaut einfach mal rein. smilie_hal_034.gif

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    Was dann geschah, blieb mir jahrelang so lebendig vor Augen, dass ich auch heute noch keine Mühe habe, mir die Bilder ins Gedächtnis zu rufen. Die Birkenzweige hielten Martins Gewicht nicht. Sie rissen einfach ab und mit einem erstickten Schrei rutschte mein Bruder ab. Verzweifelt krallte er die Hände erst an das Holunderstämmchen und dann in das Gras, was am oberen Rand des Hanges wuchs, aber er konnte sich nicht hochziehen. Maxe, Richard und Manfred überbrüllten sich gegenseitig, er solle sich anstrengen, aber keiner der drei trat einen Schritt näher oder packte Martins Hände. Ich stand mit Marthchen und Gertrud drei Schritte hinter den Jungen und sah entsetzt, wie Martins Finger verschwanden. Und ich hörte seinen Schrei, der leiser wurde und schließlich abbrach.
    Jetzt endlich fasste sich Richard ein Herz, kniete sich an den Rand und warf einen Blick in die Tiefe. „Der Sand kommt ins Rutschen!“, stieß er hervor, „er wird verschüttet!“ Mit einem Satz kam er auf die Füße und sprintete los. „Ich hole Hilfe“, schrie er über die Schulter. Binnen Sekunden war er nicht mehr zu sehen.
    Ich begann zu weinen und Marthchen gleich mit. Sagte ich schon, dass Martin mein Lieblingsbruder und Held war? Und dass ich damals erst acht und Marthchen sechs war? Das Wort ‚verschüttet‘ wurde in meinem kindlichen Verstand zu ‚tot‘. Die Mahnungen der Erwachsenen fielen mir wieder ein.
    Einander fest umklammernd sahen wir drei Mädchen schluchzend, wie Maxe und Manfred jetzt auch am Abhang knieten, gefährlich nach vorn gebeugt, und Martins Namen brüllten.
    Irgendwann war Vater plötzlich da und mit ihm kamen der Lindenwirt und Herr Knaur, Gertruds Vater. Unser Vater ließ sich ein dickes Seil um den Bauch schlingen, knotete es am Stamm der Birke mit den unzuverlässigen Zweigen fest und sprang dann Martin hinterher, ohne eine Sekunde zu zögern. Ich konnte nicht sehen, was da unten passierte und ich konnte auch die Rufe der anderen Männer nicht verstehen. Aber ich weiß noch, dass es eine gefühlte Ewigkeit dauerte, bis ich das Martinshorn der Feuerwehr hörte. Der knallrote Mercedes mit der mehrteiligen Leiter schnaufte und schaukelte über die Wiese heran, quälte sich über kleine Hügel und durch Sandmulden. Noch bevor er stand, sprangen die Männer herunter. Zwei bauten die Leiter zusammen und drei rannten an den Rand der Sandgrube. In Windeseile wurde die Leiter hinabgeschoben und die Feuerwehrleute stiegen hinab.
    Als sie Martin endlich hochholten, regte er sich nicht. Sein Körper war voller Sand, auch seine Haare, und er hing schlaff wie eine Puppe in den Armen der Männer. Mir versiegten die Tränen vor Schreck und das Entsetzen machte mich stumm. Mutter, die inzwischen auch gekommen war, kämpfte sich zwischen den Feuerwehrmännern hindurch. Ich erwartete, ihren Schrei zu hören, laut und klagend. So wie damals den von Großmutti, als sie Großvater nach Hause brachten. Martin war tot. Es musste so sein, denn er kam nicht auf die Beine, klopfte sich den Sand von den Hosen und ließ sein freches Lachen hören. Selbst Maxe und Manfred, die ein Stück abseits standen, waren schneeweiß im Gesicht und wie versteinert.
    Ein Sankra kam. Das Krankenhaus war in Pretzberg, deshalb hatte die Fahrt so lange gedauert. Martin wurde auf die Trage gehoben und diese wieder hinten in den Wagen geschoben. Ich kann mich noch erinnern, dass einer der beiden Sanitäter meine Mutter kurz in den Arm genommen und dann gefragt hat, ob ihr Mann anwesend sei. Dann dirigierte er sie zu Vater hin, raunte ein paar Worte, strich ihr noch einmal über den Arm und sprang dann auf den Fahrersitz des cremefarbenen Autos. Langsam und schwankend wegen des unebenen Bodens fuhr der Sankra weg.


    Martin ist am nächsten Morgen wieder entlassen worden. Er hat seinen Sturz unverletzt überstanden und konnte sich nur nicht allein aus dem Sand befreien. Aber was mir von diesem Tag außer dem Schrecken noch in Erinnerung geblieben ist, ist dieser Sanitäter. An ihn musste ich denken, als der freundliche Riese mir sein „Weiterschlafen!“ zugeflüstert hat. Diese Menschen haben meinen höchsten Respekt.

    Schon mal weil sie jetzt in diesem Moment Frau Herzel zu ertragen haben.

    Hi Etiam :)

    Schön, dass du die beiden wenigestens zusammen eingesperrt hast. Das gibt ihnen Gelegenheit zu dieser Lagebesprechung und Analyse der gegenwärtigen Situation.

    Ich finde es gut gelöst, wie du mich als Leser an den Gedankengängen der beiden teilhaben lässt. Ich erlebe Frod aus Tjelvars Perpektive und bekomme nicht gleich mit, was ihn wirklich beschäftigt. Erst als Tjelvar die Zusammenhänge erkennt und Frod zusammenfasst, habe auch ich verstanden, was da abgeht. Sehr gut, gefällt mir, wenn ich am Rätselraten teilhaben darf und nicht die Fakten um die Ohren geklatscht kriege. :thumbup: Und jaaaaa, das ist jetzt natürlich eine spannende Offenbarung, dass da irgendwas im Off ist, was die beiden beeinflusst (*denkt da an etwas unter der Erde bzw. hinter einem großen Tor*)


    Ansonsten hab ich noch ein paar Änderungsvorschläge für manche Stellen wie immer im Spoiler, wenn du sie lesen magst. :)

    Hallo, epochAal

    ich freu mich zu hören, dass du deine stressige Zeit hinter dir lassen konntest und jetzt wieder nach vorne schauen kannst.

    Die Geschichte habe ich fertig geschrieben und sie ist in einem Status, dass ich sie gerne dieses Jahr lektorieren lassen möchte. Sprich, mir eine Lektorin / einen Lektor suchen werde. Da es "nur" eine Novelle zu meinem Hauptprojekt ist, passt das gut zum Antesten. Sowohl preislich als auch wie so eine Zusammenarbeit funktioniert ^^


    Die aktuelle Version ist nicht groß anders als das, was hier steht, hat sich in kleinen Zügen aber verändert.

    Habe mir sehr viel Mühe gegeben, eure Tipps umzusetzen, mit der Ich-Perspektive besser zu arbeiten und die Kampfszenen aktiver zu gestalten.

    Ich bin nicht ganz sicher, ob ich damit richtig liege, aber ich lese aus diesen Sätzen, dass es im Forum keine Fortsetzung deiner Geschichte geben wird ...?

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    Kapitel 16 (2/2)

    „Scott besorgt die Rohstoffe, aus denen wir die Einzelteile der Chips herstellen. Manche sind sehr schwer zu bekommen und es braucht diverse ... Mittel und Wege, um an sie heranzukommen. Er hat da völlig freie Hand. Ich bestelle, er liefert. Wie er sie beschafft, will ich gar nicht wissen. Für mich zählt nur, dass sie für die Verarbeitung zur Verfügung stehen.“
    Ein leichtes Frösteln kroch Ares‘ Rücken hinauf. Diverse Mittel und Wege, das hieß, dass Decker seine Lieferanten wahrscheinlich kräftig schmierte. Und nicht nur das: Falls sie widerspenstig waren, würde er wohl auch vor nichts zurückschrecken, um seine Ziele zu erreichen. Der Mann war im höchsten Maße gefährlich und schien keinerlei Skrupel oder Hemmschwellen zu kennen, damit die Kohle stimmte. Leute wie ihn hatte er damals in Detroit schon kennengelernt, nur dass diese nicht frei herumliefen, sondern im „Sektor“ das Sagen hatten. Sie verfügten über ein weit verzweigtes Netz an Informanten, Maulwürfen, Hackern und Männern fürs Grobe.
    „Ares?“ Sein Vater sah ihn irritiert an.
    Er hatte sich ablenken lassen! Was waren Mestors letzte Worte gewesen? Er wusste es nicht. Konzentrier dich, mahnte er sich, bleib bei der Sache!
    „Die Lieferung erfolgt mit Marine-Frachtgleitern?“, warf er auf Geradewohl ein. „Als was ist das Zeug in den Papieren denn deklariert?“.
    „Lebensmittel.“ Mestor lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und lächelte selbstzufrieden wie ein Kind, das ein Bonbon gestohlen hat und nicht erwischt worden ist. „Funktioniert reibungslos.“
    „Und wie kommen die fertigen Chips aus dem Ring?“
    „Scott kümmert sich höchstpersönlich um unsere Kunden und holt die Chips für sie ab. Nicht alle sind gleich. Manchmal gibt es Sonderwünsche. Zum Beispiel müssen viele Chips das GPS-Signal unbedingt bis zum sechzigsten Lebensjahr aussenden. Für Leute in höheren Positionen ist es unerlässlich, aufspürbar zu bleiben. Bei diesen Chips kann das Signal pünktlich zum sechzigsten Geburtstag durch Eingabe eines Computer-Codes abgeschaltet werden. Aber du wirst dich in alles reinlesen können. Alles zu erklären wäre zu viel für den Anfang. Momentan können wir uns vor Aufträgen kaum retten. Jeder bekommt, was er wünscht. In Form und Größe sind alle Chips gleich, sodass bei einem Scan kein Unterschied bemerkt werden kann.“
    „Wer entwickelt diese Dinger? Irgendjemand muss doch das Know-How haben, die Feinjustierungen vorzunehmen. Du bist kein Informatiker, Vater, du bist Chemiker und Bioniker. Also wer kümmert sich zum Beispiel darum, dass es einen Code zum Abschalten des GPS-Signals gibt?“
    Mestor zögerte einen Moment, dann holte er Luft, um zu antworten. Doch Decker hob die Hand, lässig, wie ein Chef, der seinen Untergebenen zum Schweigen bringen will. Und tatsächlich klappte Mestor den Mund wieder zu. „Bitte, Scott“, murmelte er.
    „Ares“, begann dieser, „ich darf Sie doch so nennen, oder?“ Er lächelte, doch es war keine Freundlichkeit in seinen Augen, sondern eine deutliche Warnung. „Es gibt Dinge, die müssen Sie nicht wissen. Oder“, er verbesserte sich nach einem Blick auf Mestor, „jetzt noch nicht. Sie werden alles erfahren, verlassen Sie sich drauf. Vorerst möchten wir uns lediglich Ihrer Loyalität versichern. Alles, was wir wollen, ist, dass nach Mestors“, er schien nach einem Wort zu suchen und hob die Hand in einer unbestimmten Geste, „Abtreten die Produktion unserer Chips ungestört weiterläuft. Es soll Ihr Schaden nicht sein. Da Sie das Angebot, einen modifizierten Chip zu erhalten, in einem ersten Impuls abgelehnt haben, mache ich es Ihnen erneut. Überlegen Sie es sich. Ihr Gehalt, wenn man es so nennen kann, wird sich in Klassen bewegen, an die Sie momentan noch nicht einmal zu denken wagen. Alles, was Sie dafür tun sollen, ist das Gefängnis zu leiten und nach außen zu vertreten. Als Sohn, Nachfolger und Erbe des Gründers.“
    Wieder dieses falsche Lächeln. Ares wurde immer unbehaglicher zumute. Dieser Decker war seinem Vater mental überlegen. Er kehrte nicht den Boss heraus, nein, er machte das viel subtiler. Und er verheimlichte etwas. Natürlich sollte es gönnerhaft klingen, aber Ares hatte die unterschwellige Warnung darin deutlich heraushören können.
    „Das klingt alles sehr verlockend“, verkündete er. „Ich dachte wirklich, meine neue Aufgabe würde es erfordern, dass ich mir Wissen über Chips oder Schwangerschaftshormone aneignen muss. Aber so ist das viel besser. Wo muss ich unterschreiben?“
    Sie lachten alle drei und Ares konnte dabei förmlich spüren, wie sein Vater sich entspannte.
    „Darauf stoßen wir an“, verkündete Mestor und erhob sich. „Zur Feier des Tages mit einem geeisten ‚Spítha Zoís‘!“ Er trat an die Bar und nahm eine bereifte Flasche aus dem Gefrierfach. Nur Augenblicke später standen drei gefüllte Gläser vor ihnen, über deren Außenfläche im gedämpften Licht des Raumes goldene Reflexe huschten, bevor sie langsam beschlug.
    Decker erhob sich und Ares, für einen Moment überrumpelt, tat es ihm gleich. Der ‚Funke des Lebens‘, wiederholte er den Namen des edlen Getränkes im Geiste. Die Flasche kostet weit über dreitausend Goldeinheiten. Es scheint meinem Vater wirklich viel zu bedeuten, mich im Boot zu haben.
    Sie tranken einander zu und Ares ließ die eiskalte, prickelnde Flüssigkeit langsam die Kehle hinabrinnen. Anerkennend nickte er Mestor zu und setzte sich dann wieder.
    „Ich habe noch etwas für dich, Junge“, erklärte der und stellte sein Glas ab. „Du erhältst Zugriff auf meine Aufzeichnungen. Alles, was du wissen willst und was wir dir nicht ermüdend erklären wollen, kannst du dort in aller Ruhe nachlesen. Ich habe den betreffenden Ordner im Netzwerk bereits freigeschaltet und benötige nur noch deinen Scan für die Autorisierung.“
    Ares sah, wie sein Vater eine einladende Geste zum Terminal hinüber vollführte. Er setzte das Glas ab, stand auf und folgte ihm zum Scanner. Mestor rief einen Ordner auf den Bildschirm, der den seltsamen Namen Kleyto trug. Das Scan-Feld daneben, das gleiche wie das an der Tür zu Mestors Wohneinheit, leuchtete rot.
    Er schob die Hand darüber und das Rot verwandelte sich in Grün.
    „Das war’s.“ Mestor lächelte. „Nimm dir Zeit zum Lesen und wenn du Fragen hast, weißt du, wo du mich findest.“ Er ging zurück zum Tisch und hob erneut das Glas. „Auf eine gewinnbringende Zusammenarbeit.“
    Mit steifen Schritten folgte Ares. Decker sah ihm entgegen und wieder war dieses Lauern in dessen Augen zu sehen. Ganz klar, der Kerl traute ihm nicht. Doch das beruhte auf Gegenseitigkeit. Und es war auch nicht das, was ihm Kopfschmerzen bereitete. Seine Gedanken drehten sich um die Chips. ‚Jeder Wunsch wird erfüllt‘, hatte Mestor verkündet. Ares hatte keine Ahnung, was das für Wünsche waren, aber das dumpfe Gefühl, dass ein nicht wiedergutzumachender Schaden entstehen konnte, wenn die Dinger in die falschen Hände gerieten, ließ ihn nicht wieder los.
    Und Deckers ‚Kunden‘ besaßen mit Sicherheit die falschen Hände. Ihnen standen damit Möglichkeiten zur Verfügung, die er jetzt noch gar nicht abschätzen konnte. Und falls er die Produktion irgendwann tatsächlich stoppte, dann würde er genau dieser Art Kunden gehörig in die Eier treten.
    Er musste herausfinden, wer da im dritten Untergeschoss
    neben den Ontas noch arbeitete. Die Grauen waren Verbrecher und schlimmer Abschaum, keine Wissenschaftler, die Computerchips entwickelten.
    Etienne, du bekommst Arbeit, dachte er, während er erneut mit Mestor und Decker anstieß. Ich brauche dich. Das schaffe ich nicht allein.

    Das liegt nur daran, dass wir uns in einem Forum mit Schwerpunkt Fantasy befinden und du demnach hier deine Zielgruppe nicht triffst. Umgeben von anderen Lesern wäre die Resonanz sicherlich ganz anders.

    Das war jetzt überhaupt nicht als Gejammer "meeeh, nur zwei lesen bei mir" gemeint. :D

    Mir wr von Anfang an klar, dass meine Non-Fantasy-Geschichte über eine alte Frau in diesem Forum ein Alien sein wird. Ich hätte es auch verstanden, wenn sich gar keiner dafür interessiert hätte, denn - wie du schon sagst - das ist ein Fantasy-Geschichten-Forum und der Schwerpunkt liegt nun mal auf Fantasie. Das ist voll in Ordnung für mich und ich kann damit gut leben. Im Gegenteil, ich freu mich, dass ich trotzdem zwei Stammleser habe. :D

    Und nein, die Geschichten werden nicht immer so weitergehen. Schon im nächsten Part passiert was Neues, das die Situation von Hannche ... naja, ihr werdet ja selber sehen. :pardon:

    Vielen lieben Dank, liebe LadyK und liebe Kirisha , das freut mich zu hören.
    Ich wundere mich manchmal selbst, wie leicht mir bei der Geschichte das Schreiben fällt. Zumal es ja nur ein Spaßprojekt von mir war, mit dem ich eigentlich beim Beginn keinerlei Erwartungen verknüpft hatte, schon gar nicht, es irgendwann zu veröffentlichen. Inzwischen habe ich Leseproben verteilt und ein durchweg gutes Feedback bekommen. Klar muss man ein bischen schauen, wem man die anbietet. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, sehe ich ja auch daran, dass hier im Forum nur zwei Leser die Geschichte verfolgen. Aber wenn ich denke, dass es jemandem gefallen könnte, dann kriegt er ein, zwei Seiten zum Lesen. Und deshalb freut es mich total, dass schon andere gesagt haben, dass sie das als Buch gern kaufen würden.

    Jetzt habe ich mich natürlich in Zugzwang gebracht damit und muss das Ganze zu einem glaubwürdigen Ende bringen. Hoffentlich leidet die mehrfach angesprochene Leichtigkeit der Geschichte darunter nicht. :D

    Schöner Kapitelabschluss, Etiam . Dass Elina Schwierigkeiten hat, sich zu öffnen, ist nachvollziehbar, weil man einen ausführlichen Blick in ihre Vergangenheit werfen konnte. Und die Einfühlsamkeit der Lyttra ist auch gut rübergekommen. Hat mir wirklich gefallen. Ja, da Elina nun nicht weiß, wwie es weitergehen soll, bin ich gespannt, wo du uns jetzt hinführst. Das Duell ist erst in einer Woche. Frod und Tjelvar sitzen ein. Mal sehen, ob sie wenigstens zusammen sind und sich unterhalten können :D

    Kann gern weitergehen! :thumbup:

    Neben meinem Bett stellt der Sanitäter die Trage ab und lächelt mir zu, während er die Gurte zur Seite legt. Ein warmes, freundliches Lächeln, das da mitten in dem dunkelblonden Bart auftaucht. „Wir müssen ihre Zimmergenossin mitnehmen“, meint er und es klingt als wollte er sich dafür entschuldigen. „Erstmal röntgen, aber ich denke, sie werden sie im Krankenhaus behalten.“
    Ich nicke beklommen. Krankenhaus. Das will ich so schnell nicht mehr von innen sehen. In meinem Alter kann es sehr schnell passieren, dass man es nicht mehr verlässt. Zumindest nicht lebend. Ich muss sofort an Gertrud Weiß' verstorbenen Ehemann denken und plötzlich tut mir Frau Herzel leid. Ob sie Angst hat? Und ob es jemanden gibt, der sie im Krankenhaus besucht?
    Verlegen bemerke ich, dass mir erst jetzt auffällt, dass Frau Herzel in den drei Wochen, die ich jetzt hier im Heim bin, keinen Besuch bekommen hat.
    Der Riese quetscht sich wieder in das Bad und der zweite kommt hinzu. Er verdeckt mit seinem Rücken alles, was da drinnen passiert. Ich höre nur, wie einer der Männer „und hoch“ sagt und wie sich Frau Herzels Jammern, das gerade etwas nachgelassen hatte, jetzt wieder steigert, bis es in einem infernalischen Schrei endet. Himmel, wahrscheinlich hat sie jetzt das ganze Heim aufgeweckt.
    Der Sanitäter, der in der Tür steht, geht vorsichtig rückwärts, dann folgt – von ihm und dem Riesen getragen – Frau Herzel, die in kurzen Abständen immer wieder ächzt, knurrt oder andere Geräusche von sich gibt, und zum Schluss tritt der Riese selbst heraus. Die Männer legen meine Bettnachbarin auf die Trage, decken sie mit einem vliesartigen Überwurf zu und schnallen sie fest. Durch ein Kopfnicken geben sie einander ein Signal und mit einem kräftigen Ruck wird die Trage hochgehoben. Wieder Scheppern und Klappern, wieder ein Aufjammern von Frau Herzel. Obwohl ich bei diesem Theater faktisch in der ersten Reihe sitze, hat sie mir keinen einzigen Blick zugeworfen. Es ist, als wäre ich nicht da für sie.
    Der Riese greift sich Frau Herzels Tasche, zwinkert mir zu und raunt: „Weiterschlafen!“, dann schiebt er die Trage mit Hilfe des Kollegen aus dem Zimmer. Das Klappern entfernt sich auf dem Gang.
    Bärbel taucht noch einmal auf. Sie geht ins Bad und sammelt Frau Herzels Hausschuhe auf. Dann betätigt sie die Spülung, löscht das Licht und schließt die Badtür.

    „Das war sicher ein Schreck, oder?“, meint sie und sieht mich mitfühlend an.

    Ich nicke und zeige ihr ein schiefes Lächeln.

    „Sie kann froh sein, dass sie nicht mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen ist“, murmelt die rundliche Schwester und seufzt. „Aber auch so ist das wahrscheinlich nicht glimpflich abgegangen. Ich vermute, dass sie, den Schmerzen nach zu urteilen, die Hüfte oder den Schenkelhals gebrochen hat. Elender Mist.“ Sie schüttelt resigniert den Kopf, dann löscht sie die Deckenlampe und verlässt das Zimmer. Die Hausschuhe nimmt sie mit.
    Ich bleibe allein zurück und versuche mir vorzustellen, wie es mir jetzt an Frau Herzels Stelle ginge. Wahrscheinlich würde ich Angst haben, dass der Bruch – falls es tatsächlich einer ist – nicht wieder richtig zusammenwächst und ich nicht mehr laufen kann. Vielleicht nicht einmal mehr sitzen. Dass ich nur noch im Bett liegen müsste.
    Ich merke jetzt erst, dass ich noch immer die Bettdecke umklammere und unter dem Kinn festhalte. obwohl die Sanitäter längst weg sind.
    Sie waren nett, alle beide. Besonders der Riese, der zweite hat ja kaum was gesagt.[1]


    Ich war von Anfang an überzeugt, dass es keine gute Idee war, die Martin da hatte. Aber der Drachen hing nun mal an dem krüppeligen Holunderbusch und ein sanftes Ziehen an der Schnur hatte nichts gebracht. Jemand musste hinaufsteigen und ihn herunterheben.
    Leider wuchs dieser Holunderbusch an der Abbruchkante der alten Sandgrube. Ein Ort, den zu betreten man uns Kindern streng verboten hatte, weil er gefährlich war. Die Sandhänge galten als instabil und kamen bei Regen manchmal ins Rutschen. Man konnte verschüttet werden, je nach Menge, die da abwärts sauste.
    Den Drachen deswegen aufzugeben, war jedoch keine Option. Fleischers Maxe, die beiden Lindenwirt-Söhne Richard und Manfred und mein Bruder Martin hatten Stunden damit zugebracht, ihn zu bauen. Und einen Erwachsenen zu holen, kam auch nicht in Frage, denn dann würde ja herauskommen, dass wir in der Sandgrube gewesen waren.
    Es blieb also nur die Möglichkeit, das Kunstwerk selbst zurückzugewinnen. Fleischers Maxe fiel aus. Sein Gewicht hätte Holunder, Drachen und ihn selbst in die Tiefe gerissen. Manfred war zu feige und er drohte, seinen Bruder Richard beim Vater zu verpetzen, sollte der es versuchen. Also fiel Richard auch aus, denn die Furcht vor der strengen und harten Hand des Lindenwirtes war durchaus berechtigt.
    Blieb also nur Martin und als der alle Blicke erwartungsvoll oder – im Falle von mir, Gertrud und Marthchen – angstvoll auf sich gerichtet sah, straffte er den Rücken und marschierte auf die Abbruchkante zu, an der der kleine Holunder sich festkrallte. Ich starrte wie gelähmt vor Angst auf meinen Bruder, der sich mit der Rechten an herabhängenden Birkenzweigen festklammerte und mit dem linken Fuß sicheren Halt suchte. Dann stieg er mit dem rechten in eine Astgabel und streckte die linke Hand aus, um den Drachen zu erhaschen.

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    Herzlichen Glückwunsch zum Sieg, bigbadwolf , das war ja wirklich eindeutig. :D

    Ich hätte nicht gedacht, dass du dein eigenes "Strickmuster" für eine Wettbewerbsgeschichte nimmst, weil das für meine Begriffe zu viel Hinweisse auf den Autor gegeben hätte. Viel eher hatte ich jemand anderem zugetraut, dass er bei dir "geklaut" hat. :rofl: Aber es ist eine nette kleine Geschichte geworden mit einem gut umgesetzten Thema und einem echten Schmunzel-Schluss.


    Bei deiner Geschichte, kalkwiese , ist der Funke für mich leider nicht übergesprungen. Lag wohl an der splattermäßigen Essensvorbereitung :/ . Oder auch daran, dass er Mama angebrüllt hat. Oder daran, dass ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich Mama am Telefon war oder ein anderer, der auch auf das Ei scharf war ...

    Trotzdem, sehr gut geschrieben. Mitreißende Action wie im Film. :assaultrifle: Das Kopfkino war voll am Laufen. :thumbup:


    Zum vorigen Teil


    ~~~ Kapitel 16 ~~~


    Kapitel 16 (1/2)

    „Komm herein.“
    Sein Vater lächelte ihn an, nachdem er ihm die Tür geöffnet hatte und trat dann einen Schritt beiseite. Er schien ehrlich erfreut zu sein, dass seine Einladung angenommen wurde. Trotzdem spürte Ares eine seltsame Beklemmung, als er mit einem unverbindlichen Nicken an ihm vorbeiging und das luxuriöse Quartier des Kyrios betrat.
    Wie bei seinem letzten Besuch drang klassische Musik aus dem Wohnraum und er hörte den Springbrunnen leise plätschern.
    „Ich wollte dir noch einmal danken, Ares.“ Sein Vater legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn damit indirekt, stehen zu bleiben.
    Verwundert wandte er sich um. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal von seinem Vater berührt worden war. Hatte es eine Umarmung gegeben, als er sein Heim verließ, um zur Ausbildung bei der Marine zu gehen? Er wusste es nicht mehr. Nein, wahrscheinlich nicht. Zu diesem Zeitpunkt war zu viel Zorn in ihm gewesen.
    „Ich bin noch nicht sicher, ob das die richtige Entscheidung ist“, gab er zurück, „aber das würde ich wohl auch mit weiteren vier Wochen Bedenkzeit nicht sein.“
    „Trotzdem bin ich froh, dass du ein Ja dazu gefunden hast. Ich sagte ja schon, der Ring ist meine Schöpfung und ich möchte ihn gern in den Händen der Familie wissen, wenn ich“, er klopfte wie beim letzten Mal mit dem Zeigefinger auf seinen Handrücken, „in Rente gehe.“
    Das leise Lachen danach klang falsch. Ares hatte Mühe, seine Miene ausdruckslos bleiben zu lassen. Du bist ein Gauner, dachte er abfällig, der sein Geld mit der Angst anderer Menschen vor dem Tod verdient!
    „Ich möchte dir gern jemanden vorstellen, bitte, tritt doch ein.“ Sein Vater wies einladend auf den Durchgang zum Wohnraum.
    Das ungute Gefühl verstärkte sich, als Ares der Geste folgte. Wen hatte Mestor eingeladen? Einen Regierungsbeamten, der über die Machenschaften seines Vaters Bescheid wusste? Einen, der davon profitierte oder einen, der geschmiert wurde und ihn deshalb deckte?
    Der Mann stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen vor dem Aquarium, das die ganze Wand einnahm, und betrachtete die Fische darin. Erst als Ares neben der bequemen Couch stehen blieb, drehte er sich um und sah ihn an.
    Einen nicht enden wollenden Augenblick lang fühlte sich Ares analysiert, ja beinahe seziert durch den intensiven Blick der schiefergrauen Augen. Die Präsenz, die von dem Fremden ausging, erweckte den Eindruck, dass es seine Wohnung war, in der sie sich befanden, und Mestor sein Hausdiener. Wie die Audienz bei einem Herrscher, schoss es Ares durch den Kopf. Als ob der Kerl der Boss hier wäre.
    „Axiom Daktyl“, meinte der Mann mit einer tiefen, wohlklingenden Stimme. Er trat lächelnd näher und streckte Ares die Hand entgegen. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“
    Ares registrierte zuerst die sorgfältig gefeilten Nägel und ließ den Blick dann höher gleiten. Sich Zeit lassend betrachtete er sein Gegenüber. Der Mann, nur geringfügig kleiner als er selbst, trug die dunkelblonden Haare zu lang für seinen Geschmack und das Rasierwasser war zu aufdringlich.
    Erst als er seine Musterung beendet hatte, ergriff er die dargebotene Hand, drückte sie und ließ sie sofort wieder los. Einen Augenblick war er versucht, sie verstohlen an der Hose abzuwischen.
    „Ares, das ist Scott Decker“, hörte er seinen Vater hinter sich verkünden. „Ihr werdet noch oft miteinander zu tun haben, deshalb wollte ich ihn dir heute unbedingt vorstellen, damit ihr euch beschnüffeln könnt.“

    Mestor lachte und Ares empfand das Lachen als eine Spur zu laut. Er ist nervös, realisierte er befremdet und sein inneres Alarmsystem sprang an.
    Wer war dieser Decker? Was versteckte der Kerl unter der jovialen Freundlichkeit und dem verbindlichen Lächeln? Er wirkte aalglatt, kontrolliert und – gefährlich. Ja, das war es. Scott Decker war eine Hyäne.
    Ares nahm sich vor, auf der Hut zu sein. Sein Vater schien den Mann zu mögen, denn er lächelte noch immer, obwohl seine beiden Gäste sich längst hingesetzt hatten.
    Ares machte sich nichts vor. Sie belauerten einander wie zwei Raubtiere und es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste Angriff erfolgen würde.
    „Darf ich fragen, was Sie dazu bewogen hat, das Angebot Ihres Vaters anzunehmen?“, hörte er Decker fragen.
    Das ging diesen Kerl einen Dreck an! Was bildete der sich ein? Und welche Antwort glaubte er zu bekommen?
    Gut, er würde dieses Spiel mitspielen. Er musste nur sagen, was der Mann hören wollte. Je überzeugender er den Juniorchef mimte, umso sorgloser würden Mestor und sein schmieriger Gast miteinander plaudern. Vielleicht gab es ein paar interessante Dinge aufzuschnappen.
    „Es war ganz einfach ... unwiderstehlich“, antwortete er und zwang ein vielsagendes Grinsen auf sein Gesicht. „Anfangs hat mich der Gedanke abgeschreckt. Ich bin Soldat. Aber ...“, er zuckte betont gleichmütig mit den Schultern, „man kann alles lernen, denke ich.“
    Vorsicht, trag nicht zu dick auf, mahnte er sich selbst. Decker kennt dich nicht, aber dein Vater könnte misstrauisch werden, nachdem du erst so geschockt reagiert hast.
    „Das freut mich zu hören.“ Sein Gegenüber trug immer noch dieses Lächeln im Gesicht, das genauso falsch wirkte wie der Mann selbst.
    „Ares, Scott Decker ist einer der wichtigsten Männer für mich.“ Mestor setzte sich in einen der Sessel und Ares registrierte, dass er sich damit genau zwischen ihn und den Fremden platzierte. Wie ein Kampfrichter bei diesen brachialen Faustkämpfen damals, dachte er amüsiert, als müsse er verhindern, dass wir aufeinander losgehen. Also spürt er die Anspannung. Ich muss lockerer werden, um die beiden in Sicherheit zu wiegen.
    „Wie du vielleicht weißt, werden die Materialien zur Herstellung der Regierungschips mit regierungseigenen Frachtgleitern angeliefert“, erklärte Mestor weiter. „Sie sind abgezählt und werden mit der Anzahl der hergestellten Chips bei deren Abholung verglichen. So ist es mir natürlich unmöglich, Material abzuzweigen für meine Chips. Doch ich habe eine Lösung gefunden.“ Mestors Lächeln war selbstgefällig.
    Ares erkannte, dass sein Vater auf die Frage wartete, wie diese Lösung denn aussah. „Ich bin ganz Ohr“, gab er bereitwillig zu und es war nicht einmal gelogen. Er wollte tatsächlich wissen, wie diese Nebenproduktion, wie er sie nannte, ablief. Je mehr er darüber erfuhr, desto besser konnte er planen, das Ganze zu beenden. Denn das hatte er beschlossen und zwar genau in dem Moment, in dem er seinem Vater die Zusage gab, dass er seine Nachfolge antreten würde. Nachfolge – in Ordnung, aber spätestens nach Mestors sechzigstem Geburtstag zu seinen eigenen Bedingungen.
    Mestor lachte zufrieden. „Nun, es ist ganz einfach: Die Lösung sitzt hier.“ Er wies auf Decker, der Ares mit leicht geneigtem Kopf zunickte, während ein schmales Lächeln um seine Lippen spielte.

    Es war offensichtlich: Der Mann war sich seines Wertes für den Kyrios sehr wohl bewusst und zeigte das auch.


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    So sind wir nun am Ende angelangt und das Rätsel ist gelöst. Gefällt mir, was du dir da ausgedacht hast.

    4. ist jetzt zwar bisschen peinlich für mich aber woher nimmst du an, dass Lea 15 ist? Habe ich das irgendwann mal gesagt?😁 Eigentlich sollte sie älter sein so 18 jahre.

    Das Alter, jo, das hab ich aus ihrem Verhalten, hauptsächlich im Umgang mit Bruder/Vater, abgeleitet. Dann hab ich mich erinnert, dass LadyK in ihrem Kommi diesbezüglich mal angefragt hatte. Also wie alt Lea und ihr Bruder sind. Und dass du geantwortet hast:

    Eigentlich dachte Ich 16/17 auch wenn deren Verhalten dann etwas kindisch ist. Hmmm naja ich werd mir was Überlegen.

    That's it :D Ich denke, so sehr daneben lag ich da gar nicht. :rofl:

    Hey, vinni

    ich hab mir deine editierten Parts durchgelesen und finde die Änderungen gelungen. Besonders das Verhältnis zwischen Vater und Tochter (nicht im Griff haben?) finde ich jetzt etwas besser geschildert die Versammlung hat sich mMn sehr zu ihrem Vorteil verändert.


    Ein dumpfer Schlag reißt mich aus dem Schlaf, gefolgt von einem Schrei. Ich öffne die Augen und mein Herz rast wie verrückt. Inzwischen versuche ich nicht mehr verzweifelt herauszufinden, wo ich mich befinde, wenn ich geweckt werde. Ich weiß, dass ich im Heim bin, in meinem Zimmer. Und dass der Schrei von Frau Herzel gekommen sein muss, denn im Schein des Lichtes, das aus der offenen Badezimmertür dringt, sehe ich, dass ihr Bett leer ist.
    Dem Schrei folgt ein klägliches Jammern und schon tastet meine Linke nach der Klingel. Frau Herzel muss gestürzt sein. Ich presse den Daumen auf den Knopf und will meiner Nachbarin gerade zurufen, dass gleich jemand kommt, da fällt mir ein, dass sie mich nicht hören wird, denn nachts hat sie die Hörgeräte ja nicht drin.
    Auf dem Gang nähern sich Schritte, dann geht die Tür auf. Irene hat Nachtdienst. Sie ist ein wortkarger, fast verschlossener Mensch. Nicht unfreundlich, aber auch nicht herzlich. Fragend schaut sie mich an und als ich auf die offen stehende Tür deute, wirft sie einen Blick hinein. Nur eine Sekunde später steht sie neben Frau Herzel, von der ich nur die nackten Füße sehe, einen davon mit Schuh, einen ohne.
    „Wo tut’s weh, Frau Herzel?“, höre ich Irene fragen und die Lautstärke lässt ihre Stimme in dem kleinen Raum laut schallen. Sie hat sich hingehockt, was bei der Enge im Bad und der am Boden liegenden korpulenten Frau nicht leicht ist, denn Irene ist lang aufgeschossen, aber zum Glück steckendürr.
    Frau Herzel antwortet nicht, jammert nur ununterbrochen weiter. Wahrscheinlich hat sie die Frage gar nicht gehört.
    Irene richtet sich auf und kommt zu mir. „Ich muss den Rettungsdienst rufen“, erklärt sie, „bin gleich wieder da.“
    Ich nicke und ziehe sofort die Decke bis zum Kinn, auch wenn die Sanitäter noch gar nicht da sind.
    Irene verschwindet. Nach ein paar Minuten kommt sie zurück.
    „Sie sind gleich da“, verkündet sie und geht zu Frau Herzels Bett. Dort schnappt sie sich das Kopfkissen, kehrt ins Bad zurück und versucht nun wahrscheinlich, Frau Herzel das Kissen irgendwie unterzuschieben. Scheint nicht zu gelingen, denn das Gejammer steigert sich zu einem ungehaltenen Gezeter.
    Mit verkniffenem Gesicht erscheint Irene wieder in der Badtür. „Ich muss hinunter zum Haupteingang“, meint sie sieht noch einmal kurz zurück zu Frau Herzel. „Bärbel wird gleich kommen.“
    Bärbel ist die zweite Nachtschicht. Sie ist so rund, wie Irene dürr ist, und so kurz, wie Irene lang. Und sie ist eine Seele von Mensch. Die beiden Nachtschwestern haben wirklich gar nichts gemeinsam.
    Insgeheim atme ich auf. Bärbel ist besser geeignet, um Frau Herzel zu trösten. Sie muss nicht einmal laut sprechen dabei, denn ihre Stimme dringt auch so durch Wände.
    Bärbel taucht in dem Moment auf, in dem Irene das Zimmer verlässt. „Na, Frau Herzel, was machen Sie denn für Sachen?“, dröhnt sie besorgt. „Wo tut es weh?“
    Meine Bettnachbarin unterbricht ihr Jammern und murmelt etwas, woraufhin Bärbel ein betroffenes „oh“ herausrutscht. Doch sie schiebt ein „der Krankenwagen ist gleich da“ hinterher und beginnt, ein paar Dinge in Frau Herzels Tasche zu packen. Jeder Bewohner im Heim hat so eine im Schrank, meist ganz oben, und jeder hofft, dass sie nie gebraucht wird. Ein, zwei Nachthemden wandern hinein, gefolgt von Schlüpfern, der Brille, den Hörgeräten und der Waschtasche, in die Bärbel schnell noch die Haarbürste, die Lavendel-Gesichtscreme und die Dose fürs Gebiss samt Haftcreme und Reinigungs-Tabs gepackt hat.
    Auf dem Gang werden Stimmen laut. Männer unterhalten sich, dazwischen die tiefe Stimme von Irene. Das Ganze untermalt von einem Klappern, das Erinnerungen in mir weckt. Das ist die fahrbare Trage. Auf so einem Ding hat man mich hier hereingefahren. Schmal wie ein Bügelbrett und gefühlt hoch wie ein Doppelstockbus. Ich hatte ständig Angst herunterzufallen, obwohl man mich mit Gurten festgeschnallt hatte.
    Die Tür wird aufgerissen und Irene schaltet das grelle Deckenlicht an. Geblendet kneife ich die Augen zu und ziehe meine Decke noch ein Stück höher.
    Der erste Sanitäter, der hereinkommt, ragt in unserem Zimmer auf wie ein Turm. Seine breiten Schultern scheinen fast den Rahmen der Badtür zu sprengen, als er sich hineinschiebt und in die Hocke geht.
    „Na, gute Frau, wo tut’s denn weh?“
    Ich grinse. Kluger Mann, er hat nicht gefragt, was passiert ist. Kann man ja auch deutlich sehen.
    Ich höre Frau Herzel murmeln und dann aufschreien. Es scheint, dass der Sanitäter die schmerzende Stelle gefunden hat. Er erhebt sich wieder und wechselt ein paar Worte mit seinem Kollegen, der draußen auf dem Gang geblieben ist, weil das Zimmer mit Irene und Bärbel darin eh schon eng ist. Lautes Klappern und Scheppern verrät mir, dass die fahrbare Liege abgesenkt wird.
    Der Riese winkt Irene und Bärbel hinaus, dann kommt er wieder herein und bugsiert die Trage hinter sich her. Scheppernd stößt er an den Türrahmen.
    Blechschaden, denke ich belustigt in Erinnerung an Karls Bemerkung.

    Hallo, Ichuebenoch , vielen Dank für's Weiterlesen und deine Rückmeldung.