Es gibt 4 Antworten in diesem Thema, welches 198 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (17. Mai 2024 um 11:15) ist von Tom Stark.

  • ErWacht
    vom Tom Stark

    »Dabit (Hauptmann), Herr. Eine Geschichte der Altvorderen. Kommt schon, Herr. Ihr könnt so gut erzählen!«
    Da ich ein guter Dabit bin – höre ich jedenfalls, gerne über mich sagen – und an mir vermutlich ein brauchbarer Haimamud (berufsmäßiger Geschichtenerzähler) verlorengegangen ist, lasse ich mich natürlich breitschlagen.
    »Also schön. Zum einen weil ihr heute früh gute Arbeit geleistet habt und besonders Du, Yasid, sogar eine beachtliche Bestechung ausgeschlagen hast, ja, der Dabit sieht alles, vergesst das nur nie, und zum Anderen ist heute ein ganz besonderer Tag.«
    Meine Männer und die eine Frau, die ich sogar gegen etwas Widerstand in die Wache geholt habe, versammeln sich um mich.
    »Eine Ein-Tee-Geschichte, dann geht es wieder auf die Straßen. Die guten Bürger werden unruhig, wenn sie lange unser Wappen nicht sehen und die Gaunergilden haben auch ein kurzes Gedächtnis.«
    Pflichtschuldig wird gegrinst und gekichert, Yasid, der alte Honighändler lacht sogar kurz. Das jüngste Mitglied meiner Wache versteht es wirklich gut, mir Honig um den Bart zu schmieren, wenn ich nicht aufpasse, werde ich mit einfachen Waschen nicht auskommen, dann kann ich zum Barbier rennen. Vorlauter Lümmel! Wenn der es nicht in drei Jahren zu Earif (Unteroffizier) bringt, dann hänge ich meinen Schlagstock an die Wand.
    Ich halte Jenaira meine Teetasse hin. Jedem anderen wäre sie mit dem Hintern ins Gesicht gesprungen für meine Frechheit, sie nicht wie jeden anderen Mann in der Truppe zu behandeln. Tatsache ist jedoch, dass sie den perfekten Zeitpunkt kennt, wie lange man den Tee ziehen lassen muss und wie schnell man ihn einschenkt. Und ich warte nie sehr lange, bis ich den Jungs wieder nahelege, sich das abzuschauen. Nichts hält dein Leben so sehr in der Balance, wie ein perfekter Tee.
    Als sich alle anderen ihren Tee geholt haben, natürlich selbst eingeschenkt, die Privilegien des Dabit muss man sich eben verdienen, nehmen wir gemeinsam den ersten Schluck. Schon seit Jahren musste ich das nicht mehr anmahnen. Die Alten bringen es den Neuen bei. Einen guten Offizier erkennt man unter anderem daran, dass er verständliche Anweisungen selten zweimal geben muss.
    »Also dann.« Ich setze meine Tasse ab und sehe das heimliche Schmunzeln meiner Leute auch ohne hinzusehen. Sie kenne mich, ich kenne sie. Und sie wissen, wenn ich Ein-Tee-Geschichte sage, meine ich auch genau eine Tasse. Wie schnell der Dabit geruht, diese zu schlürfen, ist ganz allein Sache des Allweisen und des Dabits …

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    »Es ist auf den Tag, fast auf die Stunde genau 10 Jahre her, als ich als Earif im achten Jahr zusammen mit meinem Partner Omar auf Steife war. Er war Earif im neunten Jahr und hat mir fast alles beigebracht, was ich als Wächter brauchte und über die Gassen des Südvierteles wissen musste. Und ein paar Sachen, die ich wissen musste, die ich mich aber weigerte zu brauchen.
    Damals war das Südviertel noch ein wenig ärmer als heute, auch wenn es schon zwei wirklich Reiche und sogar einen aus dem Rat hier hatte. Aber wie heute hatten wir zum Großteil Handwerker, die gerade über die Runden kommen, so wie unsereins eben auch. Und natürlich hatten wir die Armen, die Obdachlosen, Heimatlosen, Flüchtlinge, Krüppel und jene, die vorgaben, es zu sein, um die Mildtätigkeit des Gläubigen auszunutzen.
    Denn wie der Allweise uns gebietet die Not seiner Geschöpfe zu linden, insbesondere jener, die uns in Form und Gestalt ähnlich geschaffen wurden, so warnt er uns auch vor jenen, die unsren Geist vergiften und unsere Sinne vernebeln, auf dass wir die Worte des Allweisen nur im egoistischen Sinne sehen und statt Ehre, Schande auf unser Haupt laden.«
    Ich nehme einen weiteren Schluck zu Ehren des Allweisen und meine Leute folgen mir. Natürlich tun sie das. Es sind gute, Leute, anständige Leute.
    »Omar, als der Ranghöhere, wies mich an, auf der Hauptstraße zu bleiben und pirschte sich in die Nebengassen, wie er es oft zu tun pflegte. Längst wusste ich, dass er nicht den Dieben und Meuchlern auflauerte, wie er es mich in meinen ersten Jahren glauben mache. Er besuchte seine besonderen Freunde, wie er sie nannte, um sich den wöchentlichen Obolus für seinen besonders aufmerksamen Schutz zu holen. Er hatte es inzwischen aufgegeben, mich an diesen, seiner Ansicht nach völlig legitimen, Nebeneinkünften zu beteiligen. Natürlich gedachte er so zu vermeiden, dass ich ihn beim Dabit anschwärzte, aber diese Sorge hätte er sich nicht machen müssen. Mein alter Damit hatte viele Vorzüge, der Allweise segne ihn dafür im Jenseits, aber er war ein Mensch mit Schwächen wie jeder von uns. Seine größte war vielleicht der Trunk, dem er sich schon zu frühen Morgenstunden hingab. So hatte er oft schon Augenblicke später vergessen, was man ihm berichtet hatte. Wir Earifs schmissen den Laden und das schien ganz gut zu gehen. Nur wenige Tote mussten morgens von den Leichensammlern in unsrem Viertel aufgelesen werden, vom kleinen Markt kamen kaum Beschwerden wegen Diebstählen und die wenigen Reichen residierten sicher in ihren Stadtpalästen, bei den Anderen war ohnehin nichts zu holen.
    Heute wissen wir natürlich alle, dass es eben nur gut schien. Den ersten unverdeckten Blick auf die Wahrheit erhielt ich an diesem Tag. Dem Allweisen hat es gefallen, an jenem Tage seinem unvollkommenen Diener die Nebelschleier vor den Augen zu zerreißen, auf dass er sehe, was er endlich sehen musste.
    Obwohl ich strikt dagegen war, mich zusätzlich für Dienste bezahlen zu lassen, für die ich bereits den Schwur vor dem Fürsten und dem Allweisen geleistet hatte, war mir bislang nicht Schlimmes widerfahren. Weder wurde ich Opfer von Schlägern oder einem verborgenen Dolch, noch wurde mein Hausboot angerührt, das ich in den Jahren mir vom Munde abgespart hatte. Natürlich lag das auch an Omar, der trotz alle seiner Fehler für mich da war. Er war weit davon entfernt, ein so achtenswerte Mitglied der Wache zu sein wie Ihr, meine Kameraden, aber auf seine Art war ein guter Partner, fast ein Freund. Bis er aufhörte es zu sein. Der Allweise möge in seiner Güte seine Verdienste zuvor höher anrechnen, als sein Vergehen an diesem Tag.«
    Ich nehme einen weiteren Schluck, diesmal folgen mir nicht alle sofort. Zu sehr hängen sie an meinen Lippen. Immerhin ist Omar ibn Jaffad ibn Mugdim auch heute noch eine Legende. Ein Mann aus reichem Haus, der trotzdem zur Wache ging. Ich habe dieser Legende nie widersprochen. Es gibt absolut keinen Grund Jaffed und seine Frau, noch Omar nachträglich in Verlegenheit zu bringen. Armut ist entgegen vieler Auffassungen keine Schande, auch nicht, wenn man zuvor reich war. Mir hingegen erklärt es mancherlei ungesunden Hang zum schnellen Gold meines alten Partners.
    »Es gibt aber noch etwas, was bei den Oberen, den Gilden und der Bürgern immer für mich sprach. Eine Stimme in mir sagte mir meist, wenn ich einen anderen Weg gehen sollte und den Allweisen entscheiden lassen soll, ob ich etwas höre, was mich zum Umkehren zwingt oder sie trieb mich an, meine müden Beine selbst in der letzten Stunde meiner Schicht zu schwingen, weil mein Glaube und mein Knüppel vor Ort gebraucht wurden. So war ich, mit der Hilfe des Allweisen, wie ich mir hoffe nicht nur einzureden, den wahrhaft Mächtigen zu selten auf ihre Sandalen gestiegen bin, damit sie davon wunde Füße bekamen, aber oft genug genau dann von Ort, wenn es wirklich nötig war. Glaubt es ruhig eurem alten Dabit: Auch die Strolche wissen es zu schätzen, wenn sie einen Ort haben, wo sie ihr müdes Haupt sicher zu Ruhe betten können und wenn ihre Töchter sich ungestört zum Gebet versammeln können. Denkt zu keinem Zeitpunkt, dass man uns nicht will, oder uns gar hasst, völlig egal was die Halbstarken an Wände und Brücken pinseln. Sie wollen uns nur dann nicht, wenn sie Unrecht tun und hassen uns genau dann, wenn wir sie bei ihrem Unrecht ertappen. Aber sind sie in Not, erschlagen zu werden, und die lauten Schritte einer Streife vertreiben ihre Angreifer, dann sind sie dankbar. Freilich zu stolz oder zu engstirnig, um uns das wissen zu lassen. Aber niemand von uns ist, hier, damit man ihm Statuen zu Ehren aufstellt, habe ich Recht?«
    Ich lasse ihnen das zustimmende Geraune und auch ihre geflüsterten Verwünschungen, ob des harten Loses eines Wächters. Dann trinken wir gemeinsam den nächsten Schluck. Ich merke, ich muss mich sputen, der Tee erkaltet merklich.
    »Diese innere Stimme schrie mich förmlich an, mich zwischen den Häuser hindurchzuzwängen und die Seitengasse zu erreichen. Damals war ich noch ein wenig schlanker und so holte ich mir nur ein paar Abschürfungen.
    Als ich endlich die Gasse erreichte, sah ich zuerst Omar. Er war etwas nach vorne gebeugt und hielt eine Person gegen die Wand gedrückt. Schon zückte ich meinen Knüppel, bereit meinem Kameraden hilfreich den Rücken zu stärken. Wo ein Strolch zu sehen ist, lauern drei in den Schatten, heißt es nicht zu unrecht. Deswegen gehen wir niemals – Nie! Mals! – alleine vor.«
    Allgegenwärtiges Nicken zeigt mir, dass ich verstanden wurde.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • »Unwillkürlich suchte ich die Dächer über uns ab. Warum genau, war mir nicht klar, aber ich fühlte zu diesem Zeitpunkt genau, dass mein Lebensweg an eine Wegscheide gekommen war. Am Ende des einen Wegs, gerade noch außer Sichtweite, lag mein Grab.
    Dann fiel mir auf, dass Omar seine Tunika vorne sehr weit hochgeschoben hatte. Es war damals außer für die hohen Herrschaften nicht üblich, dass man bei der Arbeit Hosen trug. Bestenfalls ein Streifenrock oder ein Kilt war geduldet. Schlimmere Zeiten, schlimmere Sitten.
    Dann sah ich die junge Frau, die Omar mit festem Griff an der Kehle festhielt, während er mit seiner Rechten sein Gemächt in Stellung brachte.
    Omar, sprach ich ihn an. Omar?
    Mein Verstand wollte nicht annehmen, was meine Augen sahen.
    Geh weiter, Kalid. Geh einfach weiter, meinte er, nicht einmal sonderlich erschrocken, was kein Wunder war, meine Annäherung war ja nicht gerade leise gewesen.
    Omar! Ich trat näher und die aufgerissen Augen der jungen Frau blickten auf mich. Was mich mehr als alles Andere vorantrieb, war das Entsetzen in diesen Augen. Ich war ein weiter Peiniger für sie, nicht ihr Retter! Wie weit war es gekommen?
    Meine Narbe überm Auge hatte ich damals schon. Eine Torheit meiner Anfangszeit, die ich Dank Omar überlebt habe. Dennoch war es schon lange her, dass eine Frau mein Gesicht mit Begehren angeblickt hatte, aber nie, noch nie hatte ich solches Entsetzen ausgelöst.
    Ich hatte mich getäuscht. An beiden Wegenden lag mein Tod, denn in diesem Moment starb Kalid und ich, der heute vor euch sitzt, trat an seine Stelle.
    Lass. Sie. Los.
    Meine Stimme hatte diese tiefe Färbung angenommen, die sie heute hat. Bis dahin hat man mich zu Zeiten damit aufgezogen, dass ich wie ein Heranwachsender klingen konnte.
    Ich weiß, dass Hass keinen Platz im Herz des Gläubigen haben soll, denn wenn der Allweise uns stets Güte erweist, wie könnten wir einander anders begegnen, ohne den Vater aller Dinge zu schmähen und sein Verhalten töricht zu nennen?
    Doch in diesem Augenblick war ich wohl sein unvollkommenster Diener. Mein Wort darauf, hätte Omar sie nicht auf der Stelle losgelassen, ich hätte seinen Kopf mit meinem Knüppel so heftig geprügelt, bis er nur eine aufgeplatzte Masse aus Fleisch und Blut gewesen wäre.
    Sie ist doch nur eine Streunerin. Ein Flüchtling. Lungert hier nur herum. Keine Kupferzechine in der Tasche, nur eine Last für alle.
    Beinahe hätte ich mich auf ihn gestürzt. Du willst, sagen, kein Kupfer um deinen Schutz zu bezahlen! Und nun soll sie dich … anders … bezahlen …
    Meine Stimme brach vor Zorn und Omar wich schnell vor mir und der zusammenbrechenden Frau zurück.
    Und wenn es so wäre, Kalid? Was, wenn es so ist? Was man uns zahlt, ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Es ist unser Recht mehr zu …
    Recht? RECHT?! Es ist unsere Pflicht! PFLICHT, hörst du mich, Earif? Wir haben geschworen, GESCHWOREN, diejenigen zu schützen, die Schutz bedürfen. Es ist mir egal, ob du bei den Reichen die Hand aufhältst. Es ist mir egal, ob du mit den Gilden Abgaben vereinbart hast, damit du bei kleinen Diebstählen wegsiehst. Beim Allweisen, ich habe nie etwas gesagt, wenn du sie die reichen Besucher hast rupfen lassen, solange die dann nicht mittellos in der Gasse landeten und zu meinem Problem wurden. Aber sie hier. SIE? Sie hat nichts und doch nimmst du immer weiter? Was soll das werden? Wirst du dadurch reicher? Was gewinnst du hier? Ist dein Gesicht plötzlich nicht mehr hübsch genug, dass dir nicht ohnehin alle jungen Röcke nachlaufen? Was, Omar? Sag mir, was hast du hier zu gewinnen!
    Ich merkte wohl, dass ich mich immer mehr in Rage redete. Omar war in die Ecke gedrängt und hatte endlich seinen eigenen Schlagstock aus der Schlaufe gezogen.
    Du eitler Habenichts. Kleingeistiger Philosoph und Gutmensch. Predigst vom Allweisen und doch bin ich es, der dich davor bewahrt, von den Raubtieren gefressen zu werden. Hörst du, Kalid? Ich! Weil ich mit dem Wölfen heule, weil ich mit dem Rudel laufe, lassen sie dich verlausten Straßenköter in Frieden. Aber das hat jetzt ein Ende. Der Alte ist bald im Grab und dann bin ich der Dabit. Und eines sage ich Dir, Earif Kalid, dann gibt es in meiner Wache für einen bigotten Heuchler wie dich keinen Platz mehr! Und jetzt geh mir aus dem Weg, blöder Hund. Such dir jemand anderen an, den du selbstgerecht ankläffen kannst. Und viel Spaß mit deinem Lämmchen. Ohne meinen Schutz übersteht die nicht mal eine Nacht. Was machst du dann? Rennst in den Tempel und bittest den Allweisen um Verzeihung?
    Ich kenne die Gebote. Ich kenne sie genauso gut wie du. Und ich habe jene Gebote gefunden, nach denen ich lebe. Du. Bist. Nicht. Heiliger. Als. ICH!
    Er spie mir vor die Füße und stapfte davon.

    War ich eben noch voller Zorn, erfüllte mich nun tiefe Trauer. Ich hatte gerade einen Freund verloren, den ich vielleicht nie gehabt hatte, aber es tat trotzdem weh. Und noch mehr trauerte ich um Omar. Er hatte ein paar Gebote gefunden, die ihm behagten, die seine linke Art zu handeln rechtfertigen konnten. Dabei hatte er die weit zahlreicheren Gebote verloren, die ihn auf dem rechten Pfad hätten halten können.«
    Betroffen sahen mich meine Leute an. Sie hatten sichtlich damit kämpfen, meine Worte mit der Legende des edlen Omars in Einklang bringen. Eingedenk Omars nahm ich einen Schuck, möge der Allweise ihm im Jenseits den rechten Pfad erneut weisen und ihm eine weitere Runde unter den Lebenden gewähren, um sich vor den Augen des Allvaters dessen Güte als würdig zu erweisen.


    »Ich trat zu der jungen Frau, die kaum fassen konnte, was gerade geschehen war. Ungeschickt zog ich ihre Lumpen zurecht, wollte ihre Blöße bedecken, doch sie zuckte zusammen, als hätte ich sie geschlagen.
    Nur ruhig. Ich tue dir nichts, versprochen. Der Allweise gebietet jenen beizustehen, die in Not sind. Gewähre mir das Privileg, seine Gebote durch den Dienst an dir zu befolgen.
    Ihr Zittern wurde weniger, so glaubte ich jedenfalls. Auch wenn es gegen die Vorschriften war, zog ich den Wappenrock des Fürsten aus und legte ihn ihr um.
    Ich bringe dich zu Leuten, die dich aufnehmen. Sie werden dir Kleidung geben und Obdach für eine Weile, und Essen. Und weil sie gute Leute sind, werden sie dir versuchen einen Weg zu weißen, den du gehen kannst, ohne deine Würde zu verkaufen und ohne Gefahr für Leib und Seele.
    Ihre Antwort war leise, kaum ein Flüstern. Warum sollten sie so etwas tun?
    Ich hob sie auf ihre wackeligen Beine. Falls nötig, würde ich sie tragen.
    Weil sie gute Menschen sind und die Gebote des Allweisen nicht nur kennen sondern auch leben. Sie würden wahrscheinlich auch so helfen, aber bisweilen muss man mit der Nase darauf gestoßen werden, was anständig ist und dass selbst der Allweise in seiner Güte einem nicht alles für immer durch gehen lässt. Vertrau mir. Es ist nicht weit.
    Sie nickte schwach. Und der andere Wächter?
    Meine Stimme war fest, nachdrücklich, ganz wie ein Vertreter des Fürsten und der Ordnung zu sprechen hatte: Omar? Um ihn wird sich gekümmert, mein Wort darauf.
    Wie, wusste ich selbst nicht so genau. Und wenn ich meinen Dabit gewaltsam ausnüchtern musste, ich würde dafür sorgen. Wenigstens diese eine Frau wäre in Sicherheit .
    Es ist wie der Allweise sagt: Hilfst du einem Menschen, hilfst du dir selbst. Hilfst du zwei Menschen, hilfst du der ganzen Welt.
    Zwei Steine, die man lostritt und die sich dann zur unaufhaltsamen Lawine vermehren.«


    Ich nehme die Tasse erneut hoch, noch einen oder zwei Schlucke. Und der beste Teil der Gesichte kommt erst noch. Ohne es zu wollen, stiehlt sich ein Lächeln auf mein Gesicht und ich bemerke erst an der Stille, wie man mich anstarrt.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Ich räuspere mich und verscheuche die schlimmen Gedanken.
    »Was wurde als Omar?« Als ob das nicht allgemein bekannt wäre. Teil der Legende. Zuviel gewollt, Yasid?
    »Du Torfkopf. Er ist tot, das weißt du doch. Sein Bild hängt an der Veteranenwand! Viel wichtiger, was wurde aus der Frau, wie hieß sie?« Jenaira weißt ihn erstaunlich vertraut zurück. Die Beiden werde ich besser im Auge behalten.
    Ich nicke anerkennend auf die zweite Frage. Es ist selten, dass so junge Leute die richtigen Fragen stellen.
    »Das weiß ich leider nicht. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mich die folgenden Stunden für eine ganze Weile mit ganz anderen Gedanken beschäftigten. Ich weiß nur, dass sie sehr bald die Stadt verlassen hat. Zumindest das Viertel. Der Allweise gebietet zwar, dass man denen in Not beistehen soll, aber er verlangt nicht, dass man sein Leben aufgeben und ihnen nachrennen muss, wenn sie ihr Heil woanders suchen. Letztlich hat der Gütige uns den freien Willen gegeben, damit wir ihn nutzen und wer sind wir, dass wir seine Gaben übertreffen wollen?«
    »Aber heute seid Ihr Dabit, Herr. Es ist also gut ausgegangen, jedenfalls für euch.«
    Yasid das Schlitzohr wieder. Immer eine Schmeichelei durch die Hintertür. Die Anderen werden ihm bald alle aus der Hand fressen! Außer Janeira vielleicht. Ich habe eine Ahnung, wer da die Möhre hält und wer der Esel ist.
    »Meine Schicht war zu Ende und mein Partner war fort. Die dünne Mondsichel zeigte sich bereits am Himmel und dieses Mal folgte ich sehr bereitwillig dem Gebot meines ersten Earifs, einem alten Feldwebel aus dem Heer des Kalifen, der auf seine alten Tage sein Wissen an uns Wachrekruten weitergab: Wenn dein Dienst vorüber ist, geh nach Hause!
    Wie immer zu jener Zeit, ach, wie auch heute noch, erfüllte mich der Anblick meines Hausbootes mit Stolz und Zufriedenheit. Ich werde nie ein Haus mit eigenen Händen bauen, dessen bin ich mir gewiss. Der Allweise stattet uns mit verschiedenen Talenten aus, bei mir hat er wohl alles, was mit Werkzeug zu tun hat ausgelassen. Ich warte immer noch auf die Erleuchtung, wo er mir stattdessen Talent im Übermaß zugeteilt hat.«
    Pflichtschuldiges Gelächter. Natürlich ist Bescheidenheit die höchste Form der Arroganz. Ein echtes Laster meinerseits und kluge Leute bemerken das instinktiv. Der Allweise hat uns schließlich nicht alle als einfältige Narren erschaffen, wiewohl er erstaunlich vielen diese Bürde auferlegt. Warum, hat er mir ebenfalls noch nicht offenbart. Geheimnisvoll sind seine Wege. Zu breit und zu lang für die kurze Sicht der Menschen. Dennoch ist es uns erlaubt, sie auf unsre Weise zu erforschen.
    »Ich betrat mein Zuhause und genoss das sanfte Schaukeln. Vielleicht einer der Gründe, warum mich noch nie ein Meuchler im Schlaf aufgesucht hat, ist, dass nicht einmal eine Katze ein Boot im spiegelglatten Fluss betreten kann, ohne dass es wenigstens etwas schwankt und eine ganz kleine Welle ausgelöst wird.
    Ich lauschte dem Rückschlag der Wellen und der Klängen der Nachtschiffer, die ihre Lieder sangen, um so gehört und rechtzeitig gewarnt zu werden, bevor sie auf ein zur Nacht angelegtes Boot auffuhren. In einer solch großen Stadt wie unserer, endet der Warentransport auch nicht mit der Dunkelheit. Er wird nur viel langsamer und oft auch viel gefährlicher.
    Die Geschehnisse waren mir auf den Magen geschlagen, also verzichtete ich auf mein Abendmahl. Zu jener Zeit war ein einfacher Brei mit ein wenig Gemüse ohnehin das höchste der Gefühle. Mein ganzes Gold steckte im Hausboot und ich hatte wenigstens noch sieben Mal Sold zu bekommen, bis ich es vollends mein Eigen nennen durfte.
    Sofern ich meine Stelle überhaupt so lange behalten könnte. Omar war weitaus beliebter und sehr viel einflussreicher als ich. Aber darüber wollte mir nicht Gram werden. Wenn, dann schämte ich mich immer noch, dass eine Person in Not, sich eher vor mir fürchtete, als auf meine Ehre zu vertrauen. Auch wenn mir die Klugheit sagte, dass ich mir wenig vorzuwerfen hatte, so nagte es dennoch an mir.
    In mein Grübeln hinein bemerkte ich das sanfte Schaukeln meines Bootes.
    Ich war nicht mehr alleine.
    Normalerweise hätte ich nach meinem Knüppel oder nach dem zwischen den Regalen verborgenen Dolch gegriffen, aber meine Instinkte blieben ruhig. Meine innere Stimme riet, mir weder zu verschwinden noch aktiv zu werden, also wartete ich ab.
    Ein Wächter kommt oft in Situationen, in denen er viel zu wenig über die Lage weiß, oft genug belügt man ihn im Vorfeld sogar, weiß der Allweise, welchen Gewinn sich sogar Unschuldige sich davon versprechen! Was ihm aber immer bleibt, sind die Instinkte, die ihn schon jahrelang am Leben gehalten haben. Ich sage nicht, dass ihr nicht auf die Klugheit hören sollt. Doch wenn die Klugheit nicht weiter weiß, hört auf eure Instinkte.
    Ich wartete also. Und wartete. Und wartete noch etwas länger. Ich wurde beobachtet, soviel war ich mir gewiss. Beurteilt vielleicht, aber nicht verurteilt. Wie ein Pferdekäufer, der versucht zu entscheiden, ob das Ross vor ihm ein trittsicherer Bergsteiger oder ein windschneller Steppenläufer ist oder wie viel von Beiden ihm steckt.
    Die smaragdgrünen Augen, die plötzlich vor meinem Gesicht auftauchten, schienen das wenige Licht einzufangen und zurückzuwerfen. Sonnenrotes Haar mit dunklen Strähnen rahmte ein Frauengesicht ein, das zu hell war, um schon lange hier zu leben. Vielleicht eine Nordländerin, wenngleich von hier fast alles nördlich lag. Aus dem südlichen Regenwald kam sie ja wohl kaum.
    Viele Augenblicke lang sahen wir uns in die Augen. Ihr Blick war auf eine Art unmenschlich, raubtierhaft, doch zugleich so sehr menschlich, dass ich ihre tiefe Einsamkeit aber auch ihre Begierde deutlich erkennen konnte.
    Dann fühlte ich ihr Gewicht auf meinen Schoss und meinem Oberkörper, als sie aufhörte, mit allen Vieren abgestützt über mir zu schweben, wie eine Raubkatze, die sich jeden Moment auf ihre Beute herabfallen lässt.
    Durch ihre dünne, kurze Tunika, gerade eben noch als sittsam durchgehend, konnte ich ihr Verlangen
    deutlich an meiner Brust spüren.
    Es war schon wirklich lange her, dass mich eine Frau so angesehen hatte. Nein, so hatte mich überhaupt noch keine angesehen, kam ich schließlich zum Schluss. Ich war mir nicht sicher, ob ich Hauptgewinn, lohnende Beute oder schmackhaftes Opfer darstellte. Und es war auch egal.
    Ich bin in vielerlei Hinsicht ein sehr einfacher Mann, heute wie damals. Und wenn mich eine umwerfende Frau mit solch unverhohlenem Verlangen besucht, fallen mir einfach keine passenden Fragen ein. Ungeduldig Unpassende zuhauf, natürlich. Die Kunst ist, diese rechtzeitig davon abzuhalten, dem Gehege der Zähne zu entkommen.
    Also schwieg ich und saugte den Anblick der Unbekannten in mir auf, sorgsam darauf bedacht, meine Hände ins Laken gekrallt zu lassen, um keine unbedachte Bewegung zu machen. Bestiengeist, Ifrit oder liebeshungrige Nordländerin? Ich glaube an zweite Chancen, aber ich wollte verdammt sein, wenn ich den Allweisen hier um eine zweite bitten müsste, nur weil ich vorschnell handelte.
    Dann stießen unsre Nasen aneinander. Wie in einem Traum aus Neunundneunzig und einer Nacht, ging es mir durch den Kopf und sie lächelte.
    Kein Traum, guter Mann, starker Mann. Bin kein Traum.
    Konnte sie auch Gedanken lesen? Wohl eher war mein Gesicht ein offenes Buch.
    Ihre Lippen berührten meine Nase, ihre Zunge die Nasenspitze und fuhr zu meinen Lippen hinab. Ich begann zu zittern. Nicht aus Furcht, beim Allweisen, zuallerletzt aus Furcht!
    Sanft, unendlich sanft, erkundete die Zunge meine Lippen.
    Etwas in mir riss sich los und ich versuchte sie zu küssen, doch sie wich spielerisch zurück. Ich konnte Reißzähne in ihrem Mund sehen, oben wie unten. Doch ihr sinnliches Lächeln ließ mich das sofort beiseite schieben.
    Jagdzeit. Sehe meine Beute. Und dann warst du da. Der andere? Nannte sich Wolf, nannte dich Hund.
    Ihr Mund zuckte vor und stahl sich einen Kuss, bevor ich auch nur reagieren konnte.
    Das sage ich, dummer Wolf hat in seinem Leben noch keinen Streiflöwen erblickt und weiß es nicht besser.
    Etwas ermutigt von dieser Feststellung, hob ich meine Hände an, fasste sie vorsichtig an den Oberarmen. Ihre Haut war samtig aber nicht so weich, wie ich erwartet hatte. Harte Muskelstränge bewegten sich darunter und ich hatte nichts entgegenzusetzen, als sie ihre Finger in meine hakte und meine Hände neben meinen Kopf drückten. Mag sein, dass ich auch nichts entgegensetzen wollte. Manche Details erscheinen mir immer noch wie im Traum.
    Immer jage ich. Nehme, was ich brauche, was ich will. Dem Jaguar die Beute. Ich überrasche, unterwerfe und schlemme. Mein Wille lähmt, macht gefügig. Meine Opfer, meine Beute. Meins.
    Ich hielt die Luft an. Das klang doch ein wenig bedrohlich.
    Im Zwielicht des Mondes bildete ich mir ein, ein Fleckenmuster dicht unter ihrer Haut zu sehen. Wohl nur eine Täuschung der Schatten und ich hatte auch keine Gelegenheit darüber nachzusinnen.
    Heute jage ich nicht. Heute werbe ich. Unterwerfe nicht, biete mich an. Ich bin deine Beute, wenn du willst. Deine Dienerin, wenn du der Meister bist.
    Zu sagen, dass mein Mund trocken wie die Wüste wurde, beschreibt nur einen kleinen Teil meiner Gefühlswelt.
    Wer bist du? Was bist du? Was willst du von mir? – Natürlich hatte ich eine Ahnung, aber in diesem Fall wollte ich sicher sein. Wirklich sicher.
    Frau im Körper des Tiers, Tier im Körper der Frau. Wurden zusammengebunden. Mussten Eins werden.
    Mitfühlend drückte ich ihre Finger, fühlte die viel zu harten harten Nägel an ihren Spitzen. Ich zwang mich, nicht hinzusehen.
    Ich will dich fühlen. Will mich spüren. Durch dich, in dir, in mir. Die Menschlichkeit in ihrem Blick nahm wieder zu. Dann ließ sie meine Hände los und setzt sich auf.
    Diese Hände. Sie hob ihre vor meine Augen und ich meinte Reste zu erkennen. Reste von …
    Sie zerfetzen, weiden aus. Aber nicht bei dir. Nicht jetzt. Jetzt fühlen sie, sie bitten, sie ermutigen.
    Sie griff nach unten und ich kann nur sagen, was sie ergriffen und befühlten, wollte der Bitte nur zu gerne nachgeben und war überaus ermutigt.
    Lästige Dinge, wie Vorbehalte, Bedenken oder gar Ängste landeten mit einem Platschen im Fluss, als ich sie über Bord warf. Ich ergriff ihre Hüften und hielt sie, bis in Position war.
    Du bist vom Reitervolk. Ich reite dich und danach reitest du mich. Sag, dass mich reitest. Sag, dass du mich willst.
    Auf kulturelle Feinheiten, wie dass das Reitervolk die Besatzer waren und ich eher zu den Besetzten gehörte, verzichtete ich ebenso, wie auf Worte, die ich nicht hatte und die sie ohnehin nicht hören wollte. Stattdessen gab ich ihr soviel Kalid, wie ich konnte. Ihr Schrei, als wir die Pforte zum Paradies aufstießen, hatte wohl ebensoviel von einer Bestie wie von einer Frau und fragt mich nicht, welcher Teil erregender war. Es war wie ein Rausch, ein Sandsturm, die über uns hinweg fegte und uns verschlang.
    Als wir erschöpft aber zufrieden zusammenlagen, war der Fluss jedenfalls still. Sehr still.
    Keine Gesänge weit und breit und sogar das Gezeter der dominanten Tarischa, die sonst Abend für Abend ihren Ehemann lautstark, zur Unterhaltung der ganzen Nachbarschaft runterputzte, war nicht ein einziges Mal zu hören. Mag gut sein, dass wir ein wenig zu gut gehört wurden.
    Gegen Morgen wurde ich wach. Die Sichel des Mondes zeigte an, dass die Nacht in kaum zwei Stunden dem Tag weichen musste.
    Ich betrachtete das Wesen in meinen Armen, das entspannt und glücklich schlummerte. Ihr Kopf lag auf meinem Oberarm, leicht saurerer Speichel rann ihr in einem feinen Strom aus dem Mundwinkel.
    Schläfrig öffnete sie erst das eine, dann das andere Auge, aber ich erkenne ein Schauspiel, wenn ich eines sehe. Zu lange habe ich ein ähnliches Spiel mit einer Streunerkatze gespielt, die bei mir immer wieder unterschlüpfte, bis eines Nacht ein Krokodil sie zu fassen bekam.
    Bist du wieder bereit? Ihre Aussprache war schon viel deutlicher und sicherer. Als ob die Frau deutlich die Oberhand über die Raubkatze hatte.
    Ich lächelte. Lass es uns versuchen.
    Ja, ich war wieder bereit.
    Diesmal gingen wir es langsam an. Ich merkte, wie sie wollte, dass ich Spaß hatte, ich wollte es ebenso für sie und so fanden wir einen ausdauernden Rhythmus, der uns mal schläfriger mal lebendiger machte. Endlich kündigten sich die Paradiespforten an, lange, lange bevor wir sie öffneten. Es war kein Sturm, vielleicht die Andeutung eines Hauchs. Wie mit der Flussströmung, sanft, fast unmerklich glitten wir hindurch, im Einklang mit uns selbst, einander, der ganzen Schöpfung.
    Ich merkte kaum, wie sie ging.
    Selbst heute, gerade heute, denke ich, dass sie nur eben fortgegangen ist und jeden Augenblick zurückkommt.
    Ich liebe dein Geschenk und bringe es wohlbehalten zu dir zurück. Das waren ihre letzten Worte. Es dauerte viele Jahre, bis ich den Sinn begriff.«
    Ich ergriff die Tasse und leerte sie mit meinen Leuten zusammen, die ihre leerten.
    »Dabit, Herr? Was geschah jetzt mit Omar?« Yasid ist hartnäckig, das muss ich ihm lassen.
    »Ja, den haben sie Tags darauf gefunden. Irgendein wildes Tier muss ihn übel erwischt haben, so zerfleischt und ausgeweidet, wie er war. Und da ich nun der dienstälteste Earif war, müsst ihr mich heute als Dabit ertragen. Und jetzt genug gefaulenzt. Raus mit euch und beschützt unser Viertel. Wenn wir es nicht machen, tun es andere und ob wir das wirklich wollen, das lasst uns lieber nicht herausfinden.
    Die Männer gehen schwatzend und feixend. Ich nehme es ihnen nicht übel, wenn sie meine Erzählung für ein Seil aus Wüstensand halten. Nur Janeira zögert: »Dabit? Deine Liebste. Sie kommt wieder.«
    Wir sehen uns, wir schweigen und bevor das Schweigen unangenehm werden kann, folgt sie den Anderen.


    Epilog

    »Ada, ich bin zuhause!«
    Als würde man es nicht bemerken, wenn eine junge Frau, glücklich und unbeschwert über den Steg gehüpft kommt und voller Elan ins Boot springt.
    »Dem Allweisen sei Dank, dass du rufst, Kind, sonst würde ich noch zu Tode erschrecken!«
    Sie kommt herein, ganz meine wunderbare junge Tochter, ganz meine Ceya. Nunja, fast ganz, zumindest die Hälfte ganz.
    Wie immer, setzt sie sich auf ihr Bett am Boden zum Abendessen. Stühle kann sie nicht leiden. Umso besser, wir haben ohnehin kaum Platz für zwei und so gehört der Einzige ganz mir. Inzwischen macht sich das Alter immerhin so bemerkbar, dass vom Boden aufstehen ein wenig Gestöhne und Geächtze erfordert oder wenigstens den mitleidig hingestreckten Arm einer jungen Dame, die gerade eben noch ein kleines Kind war. Genau. War sie. Ich kann sie noch genau vor mir sehen:
    Das kleine Mädchen, gerade mal acht Sommer alt. Wie sie am Ufer steht, an der Planke, wo sie meinen Namen gerufen hat.
    »Ama hat gesagt du bist mein Ada. Bist du mein Ada?«
    Ich musste ihr nur in ihre smaragdgrünen Augen blicken, die das Sonnenlicht magisch zurückwarfen und auf das kupferrote Haar, das es in der ganzen Stadt mit Sicherheit kein zweites Mal gab.
    »Klar, ich bin dein Ada. Willst du an Bord kommen? Das ist unser Zuhause.«


    Epilog zum Epilog (Jahre später)

    »Meinst du sie kommt dieses Jahr?« Wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag stellt Ceya diese Frage und wie jedes Jahr muss ich antworten: »Das wissen nur der Allweise und deine Ama. Aber uns ist es erlaubt zu hoffen und einen weiteren Teller zu decken.«
    Zehn Jahre, machen wir das inzwischen. Das Kleine Hausboot ist einem größeren gewichen. Das Gehalt eines Dabits, der sich nicht schmieren lässt, ist zwar nicht übermäßig üppig, aber wir kommen trotzdem gut zurecht. Und mit Ceyas unheimlichen Talent, ganze Rattennester und bissige Hunderudel nur durch ihre bloße Anwesenheit zu vertreiben, haben wir ein nettes Zubrot.
    Wie immer warten wir eine Weile mit Abendessen, ob sich unser drittes Familienmitglied vielleicht nur etwas verspätet und haben zugleich Zeit, uns von unsrem Tag zu erzählen.
    »Ich treffe mich gleich mit Alrik. Dann gehen wir mit den Freunden feiern. Du könntest diesmal auch mitkommen?«
    Ich lache und denke an das Männergespräch mit Alrik, als ich vor über einem Jahr sicher war, dass das Leuchten in seinen und Ceyas Augen nicht so schnell vergehen würde, wenn sie einander ansahen. Das Männergespräch fand am Fluss statt. Es drehte sich im Wesentlichen um Krokodile, die aus irgendwelchen Gründen lieber die Oberteile von Menschen fressen, sie so lange im Wasser herumschleudern, bis sie die Körper entzweigerissen haben und wie dann am Morgen die Leichensammler die untere Hälfte der Toten einsammeln mussten. Tote, die man nie identifizieren würde. Es war ein wirklich gutes Gespräch und unser Verhältnis danach von festem Vertrauen in Alriks innere Werte geprägt. Jedenfalls von meiner Seite aus.
    »Mit euch jungen Gazellen kann ein alter Hund wie ich nicht mithalten. Geht ihr nur.«
    Sie umarmt mich so sehr, dass ich ein Stöhnen unterdrücken muss. Sie hat ja gar keine Ahnung, wie kräftig sie ist. Irgendwann muss ich das ansprechen. Aber nicht an ihrem Geburtstag. Auf keinen Fall heute.
    »Du bist doch nicht alt, Ada und schon gar kein Hund. Ein Streifenlöwe!«
    Wie immer, gebe ich mein bestes Löwenknurren von mir, was sie zum Lachen bringt und dann knurrt sie zurück. Sie kann das so viel besser als ich.
    »Hab dich lieb, Ada. Bin vor Morgengrauen zurück!«
    Und schon ist sie weg.
    Ich genieße die Stille. Bald werden die Nachtsänger einsetzen. Die blöden Flusspferde werden brunftig röhren und mit ihren Kiefern klappern und die sanften Wellen, die leise gegen das Hausboot branden, werden nicht mehr zu hören sein.
    Da spüre ich Unruhe ins Boot kommen. Jemand ist an Bord gekommen.
    Ceya? Möglich, aber unwahrscheinlich. Sie ruft mich immer, wenn sie heimkommt. Immer.
    Vielleicht sollte ich meinen Säbel holen, aber meine innere Stimme schweigt und in all den Jahren hatte ich niemals Ärger mit Meuchlern. Den anderen Dabits fällt es schwer es glauben, aber ein ehrbarer Mann hat weniger Feinde und diese sind dann meistens auch, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, ehrbar.


    Also warte ich. Und warte. Und warte noch etwas länger.
    Dann sehe ich in smaragdgrüne Augen, die das wenige Licht der Nacht einfangen und zurückwerfen.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

    Einmal editiert, zuletzt von Tom Stark (17. Mai 2024 um 11:23)

  • Uuuhh, das war ein schönes Ende. Das war es doch, das Ende, oder? Also für meinen Geschmack braucht die Geschichte kein weiteres Wort.

    Gefällt mir sehr! Ich mag die Beschreibungen und die schönen Bilder, die du verwendest, um zu sagen, was sich mit einfachen Worten wohl einfach nur profan anhören würde. Schöne Story. Danke, Tom!

    Kleinigkeit

    Jenaira weißt ihn erstaunlich vertraut zurück.

    Außer Janeira vielleicht.

    Beide Versionen hast du je zweimal verwendet. Wie heißt sie nun? ^^

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

    ___________________

  • Wie heißt sie nun?

    gute Frage, ist vielleicht mondphasenabhängig ^^

    und, ja diese Story ist aus erzählt.
    Die Abenteuer von Kalid, dem Wächter stehen in einem DSA-Forum, was es vermutlich gar nicht mehr gibt (2010/2011). Das hier war ein unveröffentlichtes Kapitel, vermutlich weil wir ne Menge jugendlicher Leser hatten und ich verhindern wollte, dass die tugendhaften Knaben feuchte Träumen von sexy Werkatzen und die sittsamen Knabinnen ebensolche von feschen Stadtgardisten haben ... :whistling:

    nee, im Ernst, keine Ahnung, warum ich genau das Fragment über all die Jahre in meinen Daten-BackUps behalten habe.
    Der Allweise weiß es aber bestimmt.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet