Gruppenzwang

  • Im selben Moment, wie der Mantikor aus dem Wüstensand hervorgesprungen kam, stob auch die Gruppe auseinander und plötzlich standen sie alle allein da. Außer vielleicht Codrac mit Joska. Allerdings war die Hündin gerade auch sein größtes Hindernis, denn sie versuchte sich hinter ihm zu verstecken und genau deshalb stolperte Codrac ungeschickt und viel rücklings in den weichen Sand.
    "Scheiße!", fluchte er und versuchte den aufgeregten Hund von sich zu schieben.
    Innerlich meckerte er weiter, denn eigentlich hatte er geglaubt, dass seine Gefährten wussten, worauf sie sich einließen. Hätte er bloß sein Maul aufgemacht! Nun war es zu spät und sie mussten sehen, dass sie irgendwie lebend aus der Sache raus kamen.
    Plötzlich schien Joska die Gefahr zu spüren und mit angespannter Körperhaltung baute sie sich vor Codrac auf. Wütend kläffte sie den Mantikor an, fletschte die Zähne und das Fell auf ihrem Rücken stellte sich auf.
    Durch das Bellen wurde der Mantikor auf Joska aufmerksam und kam bedrohlich schnell auf ihn zu.
    Langsam wurde der Abschnitt zwischen den beiden geringer und Codrac versuchte, seine Hündin zurückzupfeifen. Sie gehorchte nicht und er wusste, dass sie die bedrohlich Situation spürte. Sie würde keine Ruhe geben, ehe der Mantikor verschwunden war.
    Dann sprang Codrac auf und zog sein Messer, wenngleich er wusste, dass er damit nichts ausrichten konnte. Er hoffte, dass seine Gefährten sich etwas besseres ausdachten.
    Dann geschah alles gleichzeitig.
    Mit einem wütenden Knurren sprang Joska auf den Mantikor zu und biss sich an seiner Pranke fest.
    Das fand der nicht witzig und seine Giftstacheln sträubten sich noch weiter.
    "Joska!", versuchte Codrac einen letzten verzweifelten Versuch, sie zurückzuholen. Dann bäumte sich der Mantikor auf und schleuderte die Hündin einfach von sich. Sie rollte einige Schritte über den Wüstensand, kam wieder auf ihre Pfoten und knurrte gefährlich, während das Blut des Mantikors aus ihrem Maul tropfte. Jetzt blieb sie allerdings auf Abstand.
    Gutes Mädchen!, dachte er im Stillen.
    "Ein wenig Hilfe wäre super!", wandte er sich an die restliche Gruppe, während Codrac schützend sein Messer hob.

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Um Salems Finger herum züngelten einsatzbereit die magischen Flammen. Der Feuermagier wartete lediglich darauf, dass sich ihr Neuzugang und dessen bellender Begleiter aus der Schussbahn bewegten, dann ließ er sie auf den Mantikor los. Wie tiefe Krallenspuren kerbte das Feuer die Luft, traf das Monster und hüllte es in Flammen ein. Gleich im Anschluss startete Salem einen zweiten Angriff und dieses mal setzte er das Fell an der Flanke in Brand. Gierig fraß es den Pelz und die Mähne. Es begann, grässlich nach versenkten Haar zu stinken und vor Schmerz gab der Mantikor ein markerschütterndes Brüllen von sich.
    „Achtung!“, hörte Salem Jack rufen. Denn der Mantikor ließ plötzlich seinen massiven Leib zur Seite fallen und drohte, alles und jeden unter sich zu begraben. Gerade rechtzeitig brachte sich ein jeder aus dem Weg, als das schwere Ungetüm auf den Boden aufschlug. War das etwa bereits sein Ende? Nein, zweifelte Salem gedanklich. Das wäre zu einfach.
    Jaulend rollte sich der Mantikor über den Wüstensand und erstickte auf diese Weise die Flammen, die ihn bei lebendigen Leibe verbrennen sollten. Angeschlagen, jedoch keinesfalls besiegt, sprang er sogleich wieder auf seine Pfoten und brüllte Salem seinen Hass entgegen. Das menschliche Gesicht, welches sich eben noch vor Leid verzerrte hatte, funkelte den Magier voller Zorn an. Salem machte sich bereit, einen weiteren Feuerzauber zu wirken. Doch im selben Moment sträubte der Mantikor das Fell – Und alles geschah zugleich.
    Der Mantikor hob den mit Stacheln besetzten Schwanz.
    Salem schleuderte seinen Feuerball.
    Etwas zerfetzte seinen Zauber.
    Dann spürte Salem den Aufschlag in seinem Brustkorb.
    Unter seiner Kleidung wurde es heiß und nass. Automatisch blickte Salem an sich herab, versuchte zu begreifen, was eben geschehen war. Einer der anderen rief seinen Namen aber Salem reagierte nicht darauf. Seine Aufmerksamkeit klebte an seiner linken Brust.
    Drei lange, dicke Stacheln durchbohrten ihm das Herz. Blut quoll hervor. Ein letztes Mal sah Salem auf, nahm den Mantikor und den Himmel wahr. Danach wurde alles schwarz.

  • "Scheiße", brachte Aljin nur noch heraus, als sie sah, wie Salem in die Knie ging. Das hatte ihnen gerade noch gefehlt.
    Wütend fasste sie den Mantikor ins Auge. Sie war wirklich aus der Übung. Jahrelang hatte sie lediglich eine Flasche voll mit Sand mit sich getragen. Nun saß sie in einem gigantischen Sandkasten und normalerweise wäre eine solche Kreatur für einen Flaschengeist kein Problem.
    Ein humorloses Lachen durchdrang ihre Kehle.
    Leider bist du nur noch ein Witz deiner Selbst ...
    Aljin sah, wie Jack auf Salem zurannte, doch der Mantikor schien noch nicht fertig zu sein.
    "Nichts da", knurrte sie und griff sich eine Hand voll Sand. Irgendwie musste sie es schaffen, die Kreatur von den anderen abzulenken. Salem hatte schon eine deutlich schlimmere Verletzung überlebt. Da sollten doch Giftstachel eines Mantikor kein Problem darstellen, oder? Und vielleicht hatten die Stacheln ihn ja auch verfehlt. Sie musste nur das Vieh lang genug ablenken, damit der Feuermagier wieder auf die Beine kam und die anderen beiden nicht in Gefahr schwebten.
    Dies redete sie sich zumindest ein.
    Mit ihrer Magie formte sie den Sand zu einem Ball und warf diesen dem Mantikor an den Kopf. Der tödliche Blick, der sie daraufhin traf, ließ sie für einen kurzen Moment vergessen, dass sie noch am Leben war. Scheinbar hielt das Tier nichts davon, von Magierin mit Sand beworfen zu werden. Noch während Aljin überlegte, was sie als nächstes machen wollte, stürzte sich das Monster auch schon auf sie und schwang seinen Schwanz zum erneuten Angriff. Nur knapp entkam Aljin der Attacke und rutschte im Sand eine Düne hinab. In der gleichen Bewegung konzentrierte sie ihre Kraft in den Boden unter sich. Sie spürte die Magie, den Sand, konnte jedes einzelne Körnchen fühlen, das unter ihren nackten Füßen knirschte. Sie gab ihnen einen Befehl und schon begann der Sand zu fließen wie Wasser.
    Der Mantikor folgte ihr und wurde vom Sand bei jedem Schritt etwas mehr verschlungen. Kreischend nahm die Kreatur dies zur Kenntnis und verzweifelt versuchte sie sich gegen ihr Gefängnis zu wehren, doch Aljin ließ nicht zu, dass der Sand von ihm abließ. Immer mehr Sandkörner griffen nach den Gliedmaßen des Mantikors und rissen ihn mit sich. Je stärker er sich wehrte, desto schneller versank er in der Wüste.
    Zuerst verschwand der gefährliche Schwanz, dann die Hinterläufe und Aljin sah ihre Chance. Ihr war bewusst, dass der Mantikor ebenso der Wüste entstammte wie sie und sich nicht ewig von eben dieser befehligen ließ.
    Ihre linke Hand bahnte weiterhin den Treibsand, während ihre rechte ein langes, krummes Messer aus den gelblich weißen Körnchen formte.
    "Drecksvieh", fluchte sie und trennte dem Mantikor mit einem Hieb den Vorderlauf ab. Blutend landete die riesige Tatze im Sand und der schmerzverzerrte Schrei des Wesens war vermutlich noch Meilenweit zu hören. Auf jeden Fall brannte er Aljin derart in den Ohren, dass sie die Kontrolle über den Sand verlor und sich die Ohren zuhalten musste.
    Etwas klingelte, dann hörte sie gar nichts mehr, weshalb sie erst zu spät bemerkte, dass der Mantikor sich freigegraben hatte. Nur aus dem Augenwinkel nahm sie den Skorpionschwanz wahr, der sie hart in der Seite traf und sie einige Meter weit schleuderte.
    Der Sand schien wie Stein, als sie aufschlug und es ihr die Luft aus den Lungen presste. Vor Schmerz verkrampfte sie sich.
    Ihre Instinkte griffen nach der Magie und zogen die Hitze aus der Luft, um mit deren Hilfe ein Wind zu erzeugen, der den Sand mit sich trug. Der lokale Sandsturm hielt den Mantikor nur bedingt davon ab, näher zu kommen. Wenn überhaupt machte es ihn nur noch wütender.
    "Ein bisschen Hilfe wäre super!", schrie Aljin, die noch immer lediglich ein Rauschen wahrnahm. Unter Schmerzen erhob sie sich und trat Schritt für Schritt zurück, ohne das Wesen aus den Augen zu lassen. Ja, sie wollte das Vieh von den anderen ablenken, damit diese sich um Salem kümmern konnte, aber wer kümmerte sich nun um sie. Sie war erschöpft.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • Jack wurde zur Seite geschleudert und landete im Sand. Er blinzelte heftig, um seine Augen von den brennenden Körnern zu befreien und versuchte panisch die Lage einzuschätzen. Himmel, Arsch, wer rechnete denn mit sowas?!
    Endlich klärte sich sein Blick. Mühsam rappelte er sich auf und blickte sich um. Codrac und Joska schienen im Augenblick genauso nutzlos wie er selbst zu sein. Er wünschte sich nichts sehnlicher als den Mond herbei, um sich verwandeln zu können, doch bis Sonnenuntergang waren es sicherlich noch zwei Stunden. Hemmungslos begann er zu fluchen und blickte sich nach den Kamelen um. Wenigstens hier konnte er sich nützlich machen. Die Tiere waren ebenso wie ihre Reiter auseinander gestoben, suchten ihr Heil aber überraschenderweise nicht in der Flucht. Sie standen in sicherem Abstand und beäugten das Geschehen. Jack fragte sich, ob Kamele sehr furchtlos oder einfach sehr dumme Tiere waren. Er tippte auf letzteres. Naja ihm sollte es recht sein. Kurz überlegte er, ob er die Tiere dennoch aneinander binden sollte, doch so wären die Tiere dem Mantikor hilflos ausgeliefert, sollte er sie in Visier nehmen.
    Also blickte Jack sich hektisch nach Salem um. Der warf gerade Feuerkugeln und wurde ... "Nein!", rief Jack. Entsetzt blieb er einige Sekunden wie angewurzelt stehen. Genauso lange, wie Salem brauchte um in die Knie zu sacken und in den Sand zu fallen. Aljin übernahm. Jack stürzte auf den Feuermagier zu.
    "Nein! Nein! Nein!", rief er immer wieder. Das konnte doch nicht sein! Salem war mächtig. Und groß! Und furchteinflößend! Und ... Jack wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Lieber nicht eingestehen. Das würde den Schmerz nur vergrößern.
    Stattdessen ließ er sich neben Salem auf die Knie fallen und betrachtete hilflos die Wunder. Der giftige Stachel steckte genau in seinem Herzen. Trotzdem presste Jack die Hände um den Stachel, um das Blut aufzuhalten, das heiß zwischen seinen Fingern hervorquoll. Den Stachel ziehen, würde es nur schlimmer machen.
    Dumpf hörte er wie Aljin gegen den Mantikor kämpfte. Wäre Salems Puls unter seinen Händen nicht immer schwächer geworden, so hätte er sie bewundert. Die Macht, die sie hier in der Wüste ausstrahlte, hatte er so an ihr noch nie wahrgenommen. Man merkte, dass dies hier ihr Zuhause war. Dann erlosch Salems leben endgültig. Ein letzter Atemzug entglitt seinen Lippen und traf Jack warm im Gesicht.
    Jack nahm die Hände von Salems Brust und ließ den Kopf hängen. Fassungslos starrte er auf dem leblosen Körper des Magiers.
    "Ein bisschen Hilfe wäre super!", hörte er Aljin schreien. Und als hätte Salem dieses Kommando gebraucht, schlug er die Augen wieder auf.
    "Aber ...", flüsterte Jack ungläubig. "Das ist nicht möglich!"

    Rosen sind rot,
    gelb ist die Biene,
    ich kann nicht dichten,
    Waschmaschine!

  • Weit entfernter Lärm, wütendes Gebrüll, aufgeregte Rufe und das Rauschen eines Sturms – Salems Sinne kehrte zurück, ebenso dumpf, wie sie ihm entglitten waren. Er hob die Lider und erkannte blaue, endlose Weite. Den Himmel. Seine Ohren pfiffen schrill, doch der Druck verflog rasch. Dann realisierte Salem, dass etwas nicht stimmte.
    Sein Oberkörper schnellte nach oben und desorientiert, sowie hektisch blickte Salem sich um. Die Erinnerung daran, wo er sich befand und was passiert war, traf ihn mit voller Wucht. Der Mantikor! Doch woher kam der Sturm? Was war passiert?
    Abrupte Schmerzen schossen ihm durch die Brust und reflexartig wollte Salem an die entsprechende Stelle fassen. Doch die Stacheln des Monsters perforierten ihm das Herz, prangten wie Pfeilspitzen in seinem Fleisch und der Magier griff in feuchtes, heißes Blut. Salem schnappte hektisch nach Luft, während es höllisch in seiner Brust brannte. Kein Herzschlag klopfte von Innen gegen seinen Brustkorb.
    Neben sich nahm Salem Jack war. Er griff nach dessen Kragen, versuchte sich mit seiner Hilfe auf die Beine zu kämpfen und verwischte sein Blut auf der Kleidung des Werwolfes. In Salems Kopf schwindelte es. Nur unter großer Anstrengungen stemmte er sich auf die Beine. Sein Körper fühlte sich an, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Doch dies würde nie geschehen; Salem wusste es.
    Mit aufgerissenen Augen fixierte Salem den Mantikor und Aljin, welche sich erschöpft hinter einer Wand aus Sand vor diesem verschanzte. Langsam trugen seine Füße ihn auf das Schlachtfeld und mit jedem Schritt gewann sein Leib an Kraft zurück. Der Mantikor brüllte wütend der jungen Frau entgegen und ließ sich zu sehr von dem Sandsturm ablenken, um Salem zu bemerken. Als der Feuermagier ihm nah genug für einen Angriff gekommen war, fühlte er sich bereits wieder bei Kräften – mit Ausnahme des Schmerzes in seinem Herzmuskel.
    Salem versuchte Aljins Aufmerksam auf sich zu ziehen und hob die Hand. Wegen des Sandes zwischen ihnen beiden, vermochte er ihre Mimik nicht zu deuten. Zumindest konnte sie ihn sehen, davon war Salem überzeugt. Und als er mit derselben gehobenen Hand in die Richtung hinter ihrem Rücken wies, dauerte es zwar einen Augenblick, aber Aljin schien zu verstehen, was er von ihr wollte. „Nehmt Abstand!“, rief er über das Tosen des Sturms und dem Brüllen des Mantikors hinweg zu den zwei verbleibenden Gefährten.
    Der Sandsturm umkreiste die Bestie weiterhin, kam ihr immer wieder gefährlich nahe. Salem entflammte seine Hand. Sein Ziel war jedoch nicht der Mantikor; diesen Fehler würde er kein zweites Mal begehen. Stattdessen lenkte er einen Strahl aus Feuer mitten in den Sturm hinein. Die wütenden Winde zerrten die Flammen auseinander, rissen sie mit sich und wirbelten das Gemisch aus Sand und Feuer um den Mantikor herum.
    Feine Sandkörner schmirgelten seine Haut und viele viele Funken setzten das Fell in Brand. Der Mantikor schrie auf, denn dieses Mal konnte er die Flammen nicht einfach ersticken. Sobald er sich schüttelte, brannte dafür sein Pelz an anderer Stelle lichterloh. Salems Feuerstrahl brach nicht ab. Er speiste den Sturm weiter. Mehrmals suchte das Untier nach einem Fluchtweg, aber der Sturm hielt es gnadenlos gefangen. Als bald erkannte Salem große Brandblasen und es stank nach verbrannter Haut. In diesem Moment stoppte Salem seinen Zauber, schnappte angestrengt nach Luft und beobachtete die todbringende Symbiose aus Feuer und Sand.

  • Gebannt starte Codrac auf das Spiel von Feuer und Sand, obwohl seine Starre wohl auch auf die ganze Situation selber zurückzuführen war. Er hatte gesehen, wie Salem zusammengebrochen war. Und wieso in drei Teufelsnamen stand er wieder?
    Er verschob die Frage auf später, denn er musste einsehen, dass er seinen Gefährten keine große Hilfe war, wenn er hier zu einem Holzpfosten erstarrte.
    Vorsichtig machte er einen Schritt nach vorn und hielt sich die Hand etwas vor das Gesicht, um sich vor dem umherfliegenden Sand zu schützen. Durch die gespreizten Finger betrachtete er aber noch immer die tobenden Winde. Doch dann verebbten die Funken und auch der Sturm schien sich zu legen.
    Der Mantikor brüllte wütend und kurz glaubte Codrac, das Tier würde durch die verbliebene Barriere aus Feuer und Sand hervorpreschen und sie alle in den Tot reißen.
    Der Mantikor entscheid sich nur dafür, Codrac ins Verderben zu stürzen.
    Mit einem Geräusch, der einem durch Mark und Bein ging, sprang der Mantikor hoch und rannte wild geworden genau auf ihn zu.
    "Jetzt reicht´s mir aber!", zischte er und umschloss seinen Dolch so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Obwohl er keine Ahnung hatte, was genau er gegen ein halb brennendes Monster ausrichten wollte, spannte er seinen Körper entschlossen an. Lächerlich eigentlich, aber einen Versuch war es wert. Man starb immerhin nur einmal im Leben!
    Noch bevor der Mantikor ihn erreichte, legte Codrac Zeige- und Mittelfinger an die Lippen und stieß einen schrillen Pfiff aus. Er sah aus dem Augenwinkel, wie Joska an ihm vorbeirannte.
    Allerdings hatte der Mantikor andere Pläne. Der kam nämlich ins Straucheln und fiel wie ein nasser Mehlsack auf die Seite, rutschte einige Schritte über den Wüstensand und blieb unmittelbar vor Codrac liegen.
    Joska trottete zu ihm zurück und beschnüffelte das dampfende Stück Fleisch, zuckte aber zusammen, als der Mantikor ein letztes Mal schnaubte.
    Entnervt rammte Codrac dem Tier seinen Dolch zwischen die Augen. "Sicher ist sicher", sagte er und sah, wie sich die anderen näherten. "Jetzt habt ihr euren Mantikor."
    Mit einem Ruck zog er seinen Dolche wieder heraus und wandte sich der Gruppe zu. "Was seid ihr eigentlich für ein komischer Haufen?", fragte er und lachte kurz auf, während er seine Waffe mit einem Tuch aus seinem Reisebeutel reinigte.

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • "Für die Zukunft eine Notiz an mich", grummelte Aljin erschöpft, während sie nach der Pranke der Bestie griff, "erst den Schwanz abschlagen, dann den Rest." Ihre eigene Stimme klang schräg, wie sie scheinbar hauptsächlich in ihrem Kopf zu hören war. Hoffentlich hatte der Mantikor ihr Trommelfell nicht beschädigt. Jaki schlängelte sich aus ihrer Tasche, in welcher sie sich während des Kampfes versteckt hatte, wieder zurück zu ihrem Hals. Dort machte sie es sich bequem, nicht aber, ohne dabei in Salems Richtung zu züngeln. Jaki klang beinahe besorgt.

    Auch Aljin warf nun einen besorgten Blick zu Salem, während sie sich in den Ohren bohrte, in der Hoffnung, dass es dadurch besser wurde.
    "Geht es dir wieder gut? Soll ich mir das mal anschauen?", fragte sie. Auch, wenn ihre Kenntnisse sich in Grenzen hielten, da Esme gerade nicht hier war und sie diese in Jaffa unbedingt wieder einsammeln mussten, konnte sie ihre Hilfe dennoch anbieten. Dieses wasauchimmer Salem hatte, musste es wirklich in sich haben, immerhin war das Gift des Manikor tödlich und tödlich war es sicherlich auch, wenn drei Dornen in der Brust von jemanden steckten. Aber Salem wirkte nicht sonderlich tot.
    "Ich habe mich schon besser gefühlt. Tut mir Leid, dass ich die Kleidung verschmutzt habe, die du mir besorgt hast."
    Aljin runzelte die Stirn, musste dann aber grinsen.
    "Wenn das dein einziges Problem ist." Sie zuckte die Schultern. "Ich werde versuchen es zu überleben."
    Salem nickte.
    "Eventuell sollte ich diese Wunde verbinden lassen."
    Die Frau wollte noch etwas sagen, aber entschied sich dann dagegen, als sie Jacks Blick streifte. Aus dieser Sache würde sie sich raushalten. Sollte sich Jack um den Verband kümmern.
    "Jetzt habt ihr euren Mantikor", hörte Aljin entfernt die Stimme ihrer neuen Begleitung. Mit einem Ruck zog er seinen Dolche aus dem Kopf des Manikor und wandte sich ihnen zu. "Was seid ihr eigentlich für ein komischer Haufen?", fragte er, während er kurz auflachte. Aljin war sich nicht sicher, ob dies wirklich Belustigung oder Verzweiflung war. Immerhin wären sie beinahe alle draufgegangen.
    Nachdenklich sah sie die anderen an, diese taten es ihr gleich - schwiegen und suchten scheinbar eine Antwort in den Gesichtern der anderen. Ja, was waren sie eigentlich?
    "Reisende", meinte sie schließlich schlicht. Das war immerhin nicht abzustreiten.
    Aljin war ziemlich stolz auf ihre völlig unpräzise Antwort. Sie konnte unmöglich sagen, was sie war oder wieder sein könnte. Dafür hatte sie diesen Haufen Fremder mittlerweile zu sehr ins Herz geschlossen. Die Enttäuschung wäre einfach zu groß, wenn sie alles erfuhren und sie dann nur noch mit Wünschen löcherten. Das wollte sie nicht. Mal abgesehen von dem Können. Man hatte sie nicht oft in ihrem Leben als Lebewesen wahrgenommen. Diese Leute taten das. Auch, wenn sie es nicht zugeben wollte, sah sie diese schon länger als Freunde an. Und sie würde diesen neuen Fund nicht gefährten, in dem sie leichtfertig ihr Geheimnis verriet.
    Ihre Hand legte sich erneut auf ihre Flasche. Und wenn sie es doch endlich loswerden würde? Was würden die anderen sagen? Immerhin war sie im Moment nicht in der Lage Wünsche zu erfüllen, oder auch nur ihre volle Kraft auszuschöpfen.
    Seit wann bist du eigentlich so unsicher?, fragte sie sich selbst. Reiß dich gefälligst zusammen!
    Codrac hob eine Augenbraue, während er zwischen Salem und seiner Brust und Aljin und der Schlange um ihren Hals hin und her blickte. Kurz blieb er an Jack hängen, an dessen Hand der Hund schnupperte, dann sah er zu dem gegrillten Mantikor, der noch immer qualmte.
    Was er wohl denkt?
    Aljin zuckte die Schultern.



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  • Salem...?“ Der Feuermagier entzog dem sich anbahnenden Gespräch zwischen Aljin und Codrac seine Aufmerksamkeit und richtete sie stattdessen auf Jack. Dieser deutete auf die Stacheln, die Salem weiterhin aus dem Herzen ragten. „Deine Brust....“
    Salem blickte an sich herab und konnte schwerlich die besagten Geschosse übersehen, wenngleich er sie für den Moment tatsächlich vergessen hatte. „Das ist in der Tat recht ungünstig“, stimmte Salem Jacks unausgesprochenen Bedenken zu. Zwar mochten sie ihn aktuell nicht beeinträchtigen, auf lange Sicht würden die Stacheln dem Heilungsprozess allerdings im Wege stehen. Zudem es Salem recht unpraktisch erschien, diese sperrigen Bolzen in seinem Oberleib stecken zu haben. Kurzerhand packte er sie am Schaft und zog einen nach dem anderen aus seinem Fleisch. Sie landeten im Wüstensand.
    Aus der frischen Wunde drang sogleich ein neuer Schwall Blut und weichte Salems durchtränkte Kleidung erneut ein - Woher auch immer sein Körper diese letzten Reserven hervor pumpte. Die darauf folgenden, teils bestürzten, teils besorgten Blicke der drei anderen blieben Salem nicht verborgen. Also versuchte er, ihre Gemüter zu beschwichtigen: „Es wird gleich aufhören, nehme ich an.“Und so war es schließlich auch. Das Blut versiegte nach einigen Sekunden.
    Wie kannst du noch stehen?“, fragte Codrac und Salem antwortete ihm: „Tatsächlich würde ich mich lieber setzen. Mir ist ein wenig schwindlig vom Blutverlust.“
    Das meine ich nicht.“
    Dir wurde das Herz durchbohrt“, stellte Jack fest. Da verstand Salem, worauf Codrac hinaus wollte.
    Nun, ich bin unsterblich. Mir kann keine Verletzung und keine Krankheit das Leben kosten.“ Er sah Jack und Aljin an. „Hatte ich das nicht erwähnt?“
    Nein!“
    Oh.“ Wie konnte ihm das entfallen?
    'Oh'“,äffte Aljin ihn nach. „Und wie kommt das?“
    Salem legte den Kopf schief. „Ich bin ein Verderbnismagier.“
    Auf seine Antwort hin schauten seine Gefährten ihn mit demselben, fragenden Ausdruck in ihren Gesichtern an, wie Codracs treue Hündin. Scheinbar bestand diesbezüglich ein wenig Aufklärungsbedarf. „Vor langer Zeit habe ich einen bösen Geist unterjocht und mir seine Kräfte einverleibt. Seitdem kann mich nichts und niemand töten.“

  • Jack blinzelte. Salems Erklärung erklärte rein gar nichts, außer dass sie einigermaßen gruselig klang.
    Allerdings konnte Jack jetzt erahnen, warum ihm sein Biss nichts hatte anhaben können. Und wenn er Salem dank des bösen Geistes noch ein bisschen länger ... genießen konnte ... Auch egal! Er zuckte innerlich mit den Schultern und blickte in die Runde.
    Salem versuchte die Wunde in seinem Herzen genauer in Augenschein zu nehmen und presste dafür das Kinn auf die Brust. Aljin schaute betont lässig in der Gegend herum. Fehlte nur noch, dass sie begann zu Pfeifen. Jack grinste, bis sein Blick zu Codrac glitt, der sie alle immer noch einigermaßen misstrauisch beobachtete.
    "Ich schätze, es wäre nur fair, wenn du wüsstest, mit welchen Gestalten du dich eingelassen hast ...", murmelte er schließlich und rieb sich verlegen mit der Hand über den Nacken.
    Codrac nickte nur. Auch Joska nahm eine abwartende Haltung ein. Sie schien mit ihrem Herrchen übereinzustimmen.
    Jack hüstelte, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Schließlich platze er heraus: "Ich bin ein Werwolf."
    Eine kleine Pause entstand und Jack fühlte sich genötigt anzufügen: "Aber total ungefährlich! Meine Bisse verwandeln nur, wenn Vollmond ist. Und in Vollmondnächten gehe ich euch sowieso aus dem Weg ...!"
    Salem kicherte.
    "Dafür konnte ich nichts!", rief Jack empört und lief feuerrot an bei der Erinnerung, wie er nur mit einem Ahornblatt bekleidet vor dem Feuermagier stand.

    Rosen sind rot,
    gelb ist die Biene,
    ich kann nicht dichten,
    Waschmaschine!

  • "Ähm", brachte Codrac nur hervor und bemühte sich, nicht allzu verwirrt auszusehen. Die Geschichten klangen schon sehr... verrückt. "Okay... dann wäre das ja geklärt."
    Mit einem Ruck steckte er seinen Dolch wieder zurück und warf einen Blick über die Schulter. Das tote Vieh dampfte wie ein frischer Wildschweinbraten, roch aber nicht annähernd so gut.
    "Also für die Allgemeinheit", sagte er und hoffte dadurch die unangenehme Stille zwischen den Anwesenden zu lösen, "Ich bin Codrac und ein normaler Mensch."
    Wenigstens auf Jacks Gesicht zeichnete sich die Andeutung eines Lächelns ab.
    Witze musste er also auch noch üben. Gut zu wissen.
    Er strich Joska kurz über den Kopf und sah zum Himmel hinauf. "Und jetzt?", fragte er und sah in die Runde.
    "Wir müssen zurück nach Jaffa", erklärte Aljin ihm. "Esme wartet dort auch noch auf uns."
    Eigentlich hatte er der Gruppe nur zugesichert, mit ihnen den Mantikor zu suchen. Allerdings konnte es nicht schaden, sie immerhin noch bis nach Jaffa zu begleiten und dann zu entscheiden, wohin in seine Beine ihn tragen werden. Joska schien den Leuten zu vertrauen und zumindest konnte er jetzt ihr seltsames Verhalten gegenüber Jack deuten. Ein großer Anteil seines Misstrauens war verflogen. Und die letzten Momente hatten gezeigt, dass er sich auf die Anderen verlassen konnte, obwohl sie Codrac überhaupt nicht kannten.
    Also zurück nach Jaffa.
    Er fragte lieber nicht nach, wie sie Pranke des Mantikor transportieren wollten und wie sie das schafften, ohne das jemand das sah.
    Kurzerhand nahm er seinen Reisebeutel von der Schulter und kramte einen Moment darin herum, bis er die dünne Decke fand. Er nahm Aljin die Pfote des Tiers ab und wickelte es in das Tuch, welches er sich eigentlich für den Notfall eingepackt hatte. Für kalte Nächte, oder wenn er oder Joska krank wurden. Aber gut, eine abgeschlagene Pranke eines Wüstentieres war doch auch irgendwie ein Notfall.
    Sorgfältig knotete er den Rest der Decke zu einer Schlaufe zurecht und ruckelte kurz daran herum, um zu prüfen, ob auch alles fest saß. Reisebeutel und Mantikorpranke über seine Schulter werfend, ging er zu den Kamelen. Die Gruppe folgte ihm mit verwunderten Blicken.
    "Ich wollte nicht unbedingt mit hoch erhobener Kralle in Jaffa ankommen", klärte er auf. "Das könnte einige unangenehme Blicke auf uns lenken."
    "Aha", meinte Jack nur und plötzlich fiel Codrac ein, dass sie noch gar nicht darüber gesprochen haben, wie sie in die Stadt kommen wollten nach Jacks Aktion mit dem Kamel.
    Darüber konnten sie sich aber auf dem Weg den Kopf zermartern. Die Sonne würde bald untergehen und außerdem brauchte er jetzt etwas zu Trinken. Etwas Hochprozentiges.

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    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Jack erlebte die Rückreise geistig eher ... abgedriftet, wenn man es denn so nennen wollte.
    Er konnte selbst nicht so benennen warum. Okay, Salem war ein verderbter Magier, aber das war kein Grund zur Aufregung. Irgendwie hatten scheinbar sowieso alle etwas zu verbergen gehabt. Jack fragte sich eher, was Aljins Geheimnis war. Sie hatte sich als einzige aus der Unterhaltung raus gehalten, obwohl offensichtlich war, dass sie keine einfache Frau war.
    Der Werwolf überlegte, was sie davon abgehalten könnte, ihnen ihr Geheimnis anzuvertrauen. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es nichts Schlimmes war und sie ihr weiterhin vertrauen konnten. Ihr schien nur viel daran gelegen zu sein, selbst mit etwas aufzuräumen und wenn Jack dabei helfen konnte, wollte er das gerne tun. Er stimmte ihn nur ein wenig traurig, dass Aljin ihnen offenbar nicht genug vertraute, um das Geheimnis preis zu geben. Aber wer wusste schon, was daran hing? Er selbst hatte schließlich Jahrzehnte lang geschwiegen ... Einzig Salem schien kein Problem damit zu haben, anderen von seiner Verderbtheit zu erzählen. Wahrscheinlich weil er durch seine ganze Erscheinung Ablehnung gewöhnt war. Der Werwolf beäugte Salem von der Seite und lächelte. Wenn man den Magier erst einmal kennen gelernt hatte ...


    Das Problem, dass er nicht mehr einfach in die Stadt hinein spazieren konnte, war schnell gelöst.
    Die kommende Nacht war eine Vollmondnacht. In solchen sollte Jack sich fern von jeglicher Zivilisation halten.
    Also ließ die Truppe ihn einige Kilometer vor den Toren der Stadt in der Wüste zurück und nahm die Kamele mit sich. Jacks Tier warfen sie ein großes Tuch unter dem Sattel über den Rücken, damit die Narben verdeckt wurden, an denen der ursprüngliche Besitzer das Tier würde erkennen können.
    Salem warf ihm noch einen unbehaglichen Blick zu, aber Jack zuckte leichthin mit den Schultern. Wenn er sich in einer Vollmondnacht verwandelte, konnte ihm nichts und niemand etwas anhaben. Außer vielleicht der Mantikor, aber um den musste er sich ja keine Sorgen mehr machen.
    Ungeduldig blickte er der Truppe hinterher, bis sie hinter der nächsten Düne verschwunden war und ließ sich dann im Sand nieder, um auf den Einbruch der Nacht und den Vollmond zu warten. Es wurde Zeit ...

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