Gruppenzwang

  • Im selben Moment, wie der Mantikor aus dem Wüstensand hervorgesprungen kam, stob auch die Gruppe auseinander und plötzlich standen sie alle allein da. Außer vielleicht Codrac mit Joska. Allerdings war die Hündin gerade auch sein größtes Hindernis, denn sie versuchte sich hinter ihm zu verstecken und genau deshalb stolperte Codrac ungeschickt und viel rücklings in den weichen Sand.
    "Scheiße!", fluchte er und versuchte den aufgeregten Hund von sich zu schieben.
    Innerlich meckerte er weiter, denn eigentlich hatte er geglaubt, dass seine Gefährten wussten, worauf sie sich einließen. Hätte er bloß sein Maul aufgemacht! Nun war es zu spät und sie mussten sehen, dass sie irgendwie lebend aus der Sache raus kamen.
    Plötzlich schien Joska die Gefahr zu spüren und mit angespannter Körperhaltung baute sie sich vor Codrac auf. Wütend kläffte sie den Mantikor an, fletschte die Zähne und das Fell auf ihrem Rücken stellte sich auf.
    Durch das Bellen wurde der Mantikor auf Joska aufmerksam und kam bedrohlich schnell auf ihn zu.
    Langsam wurde der Abschnitt zwischen den beiden geringer und Codrac versuchte, seine Hündin zurückzupfeifen. Sie gehorchte nicht und er wusste, dass sie die bedrohlich Situation spürte. Sie würde keine Ruhe geben, ehe der Mantikor verschwunden war.
    Dann sprang Codrac auf und zog sein Messer, wenngleich er wusste, dass er damit nichts ausrichten konnte. Er hoffte, dass seine Gefährten sich etwas besseres ausdachten.
    Dann geschah alles gleichzeitig.
    Mit einem wütenden Knurren sprang Joska auf den Mantikor zu und biss sich an seiner Pranke fest.
    Das fand der nicht witzig und seine Giftstacheln sträubten sich noch weiter.
    "Joska!", versuchte Codrac einen letzten verzweifelten Versuch, sie zurückzuholen. Dann bäumte sich der Mantikor auf und schleuderte die Hündin einfach von sich. Sie rollte einige Schritte über den Wüstensand, kam wieder auf ihre Pfoten und knurrte gefährlich, während das Blut des Mantikors aus ihrem Maul tropfte. Jetzt blieb sie allerdings auf Abstand.
    Gutes Mädchen!, dachte er im Stillen.
    "Ein wenig Hilfe wäre super!", wandte er sich an die restliche Gruppe, während Codrac schützend sein Messer hob.

  • Um Salems Finger herum züngelten einsatzbereit die magischen Flammen. Der Feuermagier wartete lediglich darauf, dass sich ihr Neuzugang und dessen bellender Begleiter aus der Schussbahn bewegten, dann ließ er sie auf den Mantikor los. Wie tiefe Krallenspuren kerbte das Feuer die Luft, traf das Monster und hüllte es in Flammen ein. Gleich im Anschluss startete Salem einen zweiten Angriff und dieses mal setzte er das Fell an der Flanke in Brand. Gierig fraß es den Pelz und die Mähne. Es begann, grässlich nach versenkten Haar zu stinken und vor Schmerz gab der Mantikor ein markerschütterndes Brüllen von sich.
    „Achtung!“, hörte Salem Jack rufen. Denn der Mantikor ließ plötzlich seinen massiven Leib zur Seite fallen und drohte, alles und jeden unter sich zu begraben. Gerade rechtzeitig brachte sich ein jeder aus dem Weg, als das schwere Ungetüm auf den Boden aufschlug. War das etwa bereits sein Ende? Nein, zweifelte Salem gedanklich. Das wäre zu einfach.
    Jaulend rollte sich der Mantikor über den Wüstensand und erstickte auf diese Weise die Flammen, die ihn bei lebendigen Leibe verbrennen sollten. Angeschlagen, jedoch keinesfalls besiegt, sprang er sogleich wieder auf seine Pfoten und brüllte Salem seinen Hass entgegen. Das menschliche Gesicht, welches sich eben noch vor Leid verzerrte hatte, funkelte den Magier voller Zorn an. Salem machte sich bereit, einen weiteren Feuerzauber zu wirken. Doch im selben Moment sträubte der Mantikor das Fell – Und alles geschah zugleich.
    Der Mantikor hob den mit Stacheln besetzten Schwanz.
    Salem schleuderte seinen Feuerball.
    Etwas zerfetzte seinen Zauber.
    Dann spürte Salem den Aufschlag in seinem Brustkorb.
    Unter seiner Kleidung wurde es heiß und nass. Automatisch blickte Salem an sich herab, versuchte zu begreifen, was eben geschehen war. Einer der anderen rief seinen Namen aber Salem reagierte nicht darauf. Seine Aufmerksamkeit klebte an seiner linken Brust.
    Drei lange, dicke Stacheln durchbohrten ihm das Herz. Blut quoll hervor. Ein letztes Mal sah Salem auf, nahm den Mantikor und den Himmel wahr. Danach wurde alles schwarz.

  • "Scheiße", brachte Aljin nur noch heraus, als sie sah, wie Salem in die Knie ging. Das hatte ihnen gerade noch gefehlt.
    Wütend fasste sie den Mantikor ins Auge. Sie war wirklich aus der Übung. Jahrelang hatte sie lediglich eine Flasche voll mit Sand mit sich getragen. Nun saß sie in einem gigantischen Sandkasten und normalerweise wäre eine solche Kreatur für einen Flaschengeist kein Problem.
    Ein humorloses Lachen durchdrang ihre Kehle.
    Leider bist du nur noch ein Witz deiner Selbst ...
    Aljin sah, wie Jack auf Salem zurannte, doch der Mantikor schien noch nicht fertig zu sein.
    "Nichts da", knurrte sie und griff sich eine Hand voll Sand. Irgendwie musste sie es schaffen, die Kreatur von den anderen abzulenken. Salem hatte schon eine deutlich schlimmere Verletzung überlebt. Da sollten doch Giftstachel eines Mantikor kein Problem darstellen, oder? Und vielleicht hatten die Stacheln ihn ja auch verfehlt. Sie musste nur das Vieh lang genug ablenken, damit der Feuermagier wieder auf die Beine kam und die anderen beiden nicht in Gefahr schwebten.
    Dies redete sie sich zumindest ein.
    Mit ihrer Magie formte sie den Sand zu einem Ball und warf diesen dem Mantikor an den Kopf. Der tödliche Blick, der sie daraufhin traf, ließ sie für einen kurzen Moment vergessen, dass sie noch am Leben war. Scheinbar hielt das Tier nichts davon, von Magierin mit Sand beworfen zu werden. Noch während Aljin überlegte, was sie als nächstes machen wollte, stürzte sich das Monster auch schon auf sie und schwang seinen Schwanz zum erneuten Angriff. Nur knapp entkam Aljin der Attacke und rutschte im Sand eine Düne hinab. In der gleichen Bewegung konzentrierte sie ihre Kraft in den Boden unter sich. Sie spürte die Magie, den Sand, konnte jedes einzelne Körnchen fühlen, das unter ihren nackten Füßen knirschte. Sie gab ihnen einen Befehl und schon begann der Sand zu fließen wie Wasser.
    Der Mantikor folgte ihr und wurde vom Sand bei jedem Schritt etwas mehr verschlungen. Kreischend nahm die Kreatur dies zur Kenntnis und verzweifelt versuchte sie sich gegen ihr Gefängnis zu wehren, doch Aljin ließ nicht zu, dass der Sand von ihm abließ. Immer mehr Sandkörner griffen nach den Gliedmaßen des Mantikors und rissen ihn mit sich. Je stärker er sich wehrte, desto schneller versank er in der Wüste.
    Zuerst verschwand der gefährliche Schwanz, dann die Hinterläufe und Aljin sah ihre Chance. Ihr war bewusst, dass der Mantikor ebenso der Wüste entstammte wie sie und sich nicht ewig von eben dieser befehligen ließ.
    Ihre linke Hand bahnte weiterhin den Treibsand, während ihre rechte ein langes, krummes Messer aus den gelblich weißen Körnchen formte.
    "Drecksvieh", fluchte sie und trennte dem Mantikor mit einem Hieb den Vorderlauf ab. Blutend landete die riesige Tatze im Sand und der schmerzverzerrte Schrei des Wesens war vermutlich noch Meilenweit zu hören. Auf jeden Fall brannte er Aljin derart in den Ohren, dass sie die Kontrolle über den Sand verlor und sich die Ohren zuhalten musste.
    Etwas klingelte, dann hörte sie gar nichts mehr, weshalb sie erst zu spät bemerkte, dass der Mantikor sich freigegraben hatte. Nur aus dem Augenwinkel nahm sie den Skorpionschwanz wahr, der sie hart in der Seite traf und sie einige Meter weit schleuderte.
    Der Sand schien wie Stein, als sie aufschlug und es ihr die Luft aus den Lungen presste. Vor Schmerz verkrampfte sie sich.
    Ihre Instinkte griffen nach der Magie und zogen die Hitze aus der Luft, um mit deren Hilfe ein Wind zu erzeugen, der den Sand mit sich trug. Der lokale Sandsturm hielt den Mantikor nur bedingt davon ab, näher zu kommen. Wenn überhaupt machte es ihn nur noch wütender.
    "Ein bisschen Hilfe wäre super!", schrie Aljin, die noch immer lediglich ein Rauschen wahrnahm. Unter Schmerzen erhob sie sich und trat Schritt für Schritt zurück, ohne das Wesen aus den Augen zu lassen. Ja, sie wollte das Vieh von den anderen ablenken, damit diese sich um Salem kümmern konnte, aber wer kümmerte sich nun um sie. Sie war erschöpft.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Jack wurde zur Seite geschleudert und landete im Sand. Er blinzelte heftig, um seine Augen von den brennenden Körnern zu befreien und versuchte panisch die Lage einzuschätzen. Himmel, Arsch, wer rechnete denn mit sowas?!
    Endlich klärte sich sein Blick. Mühsam rappelte er sich auf und blickte sich um. Codrac und Joska schienen im Augenblick genauso nutzlos wie er selbst zu sein. Er wünschte sich nichts sehnlicher als den Mond herbei, um sich verwandeln zu können, doch bis Sonnenuntergang waren es sicherlich noch zwei Stunden. Hemmungslos begann er zu fluchen und blickte sich nach den Kamelen um. Wenigstens hier konnte er sich nützlich machen. Die Tiere waren ebenso wie ihre Reiter auseinander gestoben, suchten ihr Heil aber überraschenderweise nicht in der Flucht. Sie standen in sicherem Abstand und beäugten das Geschehen. Jack fragte sich, ob Kamele sehr furchtlos oder einfach sehr dumme Tiere waren. Er tippte auf letzteres. Naja ihm sollte es recht sein. Kurz überlegte er, ob er die Tiere dennoch aneinander binden sollte, doch so wären die Tiere dem Mantikor hilflos ausgeliefert, sollte er sie in Visier nehmen.
    Also blickte Jack sich hektisch nach Salem um. Der warf gerade Feuerkugeln und wurde ... "Nein!", rief Jack. Entsetzt blieb er einige Sekunden wie angewurzelt stehen. Genauso lange, wie Salem brauchte um in die Knie zu sacken und in den Sand zu fallen. Aljin übernahm. Jack stürzte auf den Feuermagier zu.
    "Nein! Nein! Nein!", rief er immer wieder. Das konnte doch nicht sein! Salem war mächtig. Und groß! Und furchteinflößend! Und ... Jack wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Lieber nicht eingestehen. Das würde den Schmerz nur vergrößern.
    Stattdessen ließ er sich neben Salem auf die Knie fallen und betrachtete hilflos die Wunder. Der giftige Stachel steckte genau in seinem Herzen. Trotzdem presste Jack die Hände um den Stachel, um das Blut aufzuhalten, das heiß zwischen seinen Fingern hervorquoll. Den Stachel ziehen, würde es nur schlimmer machen.
    Dumpf hörte er wie Aljin gegen den Mantikor kämpfte. Wäre Salems Puls unter seinen Händen nicht immer schwächer geworden, so hätte er sie bewundert. Die Macht, die sie hier in der Wüste ausstrahlte, hatte er so an ihr noch nie wahrgenommen. Man merkte, dass dies hier ihr Zuhause war. Dann erlosch Salems leben endgültig. Ein letzter Atemzug entglitt seinen Lippen und traf Jack warm im Gesicht.
    Jack nahm die Hände von Salems Brust und ließ den Kopf hängen. Fassungslos starrte er auf dem leblosen Körper des Magiers.
    "Ein bisschen Hilfe wäre super!", hörte er Aljin schreien. Und als hätte Salem dieses Kommando gebraucht, schlug er die Augen wieder auf.
    "Aber ...", flüsterte Jack ungläubig. "Das ist nicht möglich!"

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Weit entfernter Lärm, wütendes Gebrüll, aufgeregte Rufe und das Rauschen eines Sturms – Salems Sinne kehrte zurück, ebenso dumpf, wie sie ihm entglitten waren. Er hob die Lider und erkannte blaue, endlose Weite. Den Himmel. Seine Ohren pfiffen schrill, doch der Druck verflog rasch. Dann realisierte Salem, dass etwas nicht stimmte.
    Sein Oberkörper schnellte nach oben und desorientiert, sowie hektisch blickte Salem sich um. Die Erinnerung daran, wo er sich befand und was passiert war, traf ihn mit voller Wucht. Der Mantikor! Doch woher kam der Sturm? Was war passiert?
    Abrupte Schmerzen schossen ihm durch die Brust und reflexartig wollte Salem an die entsprechende Stelle fassen. Doch die Stacheln des Monsters perforierten ihm das Herz, prangten wie Pfeilspitzen in seinem Fleisch und der Magier griff in feuchtes, heißes Blut. Salem schnappte hektisch nach Luft, während es höllisch in seiner Brust brannte. Kein Herzschlag klopfte von Innen gegen seinen Brustkorb.
    Neben sich nahm Salem Jack war. Er griff nach dessen Kragen, versuchte sich mit seiner Hilfe auf die Beine zu kämpfen und verwischte sein Blut auf der Kleidung des Werwolfes. In Salems Kopf schwindelte es. Nur unter großer Anstrengungen stemmte er sich auf die Beine. Sein Körper fühlte sich an, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Doch dies würde nie geschehen; Salem wusste es.
    Mit aufgerissenen Augen fixierte Salem den Mantikor und Aljin, welche sich erschöpft hinter einer Wand aus Sand vor diesem verschanzte. Langsam trugen seine Füße ihn auf das Schlachtfeld und mit jedem Schritt gewann sein Leib an Kraft zurück. Der Mantikor brüllte wütend der jungen Frau entgegen und ließ sich zu sehr von dem Sandsturm ablenken, um Salem zu bemerken. Als der Feuermagier ihm nah genug für einen Angriff gekommen war, fühlte er sich bereits wieder bei Kräften – mit Ausnahme des Schmerzes in seinem Herzmuskel.
    Salem versuchte Aljins Aufmerksam auf sich zu ziehen und hob die Hand. Wegen des Sandes zwischen ihnen beiden, vermochte er ihre Mimik nicht zu deuten. Zumindest konnte sie ihn sehen, davon war Salem überzeugt. Und als er mit derselben gehobenen Hand in die Richtung hinter ihrem Rücken wies, dauerte es zwar einen Augenblick, aber Aljin schien zu verstehen, was er von ihr wollte. „Nehmt Abstand!“, rief er über das Tosen des Sturms und dem Brüllen des Mantikors hinweg zu den zwei verbleibenden Gefährten.
    Der Sandsturm umkreiste die Bestie weiterhin, kam ihr immer wieder gefährlich nahe. Salem entflammte seine Hand. Sein Ziel war jedoch nicht der Mantikor; diesen Fehler würde er kein zweites Mal begehen. Stattdessen lenkte er einen Strahl aus Feuer mitten in den Sturm hinein. Die wütenden Winde zerrten die Flammen auseinander, rissen sie mit sich und wirbelten das Gemisch aus Sand und Feuer um den Mantikor herum.
    Feine Sandkörner schmirgelten seine Haut und viele viele Funken setzten das Fell in Brand. Der Mantikor schrie auf, denn dieses Mal konnte er die Flammen nicht einfach ersticken. Sobald er sich schüttelte, brannte dafür sein Pelz an anderer Stelle lichterloh. Salems Feuerstrahl brach nicht ab. Er speiste den Sturm weiter. Mehrmals suchte das Untier nach einem Fluchtweg, aber der Sturm hielt es gnadenlos gefangen. Als bald erkannte Salem große Brandblasen und es stank nach verbrannter Haut. In diesem Moment stoppte Salem seinen Zauber, schnappte angestrengt nach Luft und beobachtete die todbringende Symbiose aus Feuer und Sand.

  • Gebannt starte Codrac auf das Spiel von Feuer und Sand, obwohl seine Starre wohl auch auf die ganze Situation selber zurückzuführen war. Er hatte gesehen, wie Salem zusammengebrochen war. Und wieso in drei Teufelsnamen stand er wieder?
    Er verschob die Frage auf später, denn er musste einsehen, dass er seinen Gefährten keine große Hilfe war, wenn er hier zu einem Holzpfosten erstarrte.
    Vorsichtig machte er einen Schritt nach vorn und hielt sich die Hand etwas vor das Gesicht, um sich vor dem umherfliegenden Sand zu schützen. Durch die gespreizten Finger betrachtete er aber noch immer die tobenden Winde. Doch dann verebbten die Funken und auch der Sturm schien sich zu legen.
    Der Mantikor brüllte wütend und kurz glaubte Codrac, das Tier würde durch die verbliebene Barriere aus Feuer und Sand hervorpreschen und sie alle in den Tot reißen.
    Der Mantikor entscheid sich nur dafür, Codrac ins Verderben zu stürzen.
    Mit einem Geräusch, der einem durch Mark und Bein ging, sprang der Mantikor hoch und rannte wild geworden genau auf ihn zu.
    "Jetzt reicht´s mir aber!", zischte er und umschloss seinen Dolch so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Obwohl er keine Ahnung hatte, was genau er gegen ein halb brennendes Monster ausrichten wollte, spannte er seinen Körper entschlossen an. Lächerlich eigentlich, aber einen Versuch war es wert. Man starb immerhin nur einmal im Leben!
    Noch bevor der Mantikor ihn erreichte, legte Codrac Zeige- und Mittelfinger an die Lippen und stieß einen schrillen Pfiff aus. Er sah aus dem Augenwinkel, wie Joska an ihm vorbeirannte.
    Allerdings hatte der Mantikor andere Pläne. Der kam nämlich ins Straucheln und fiel wie ein nasser Mehlsack auf die Seite, rutschte einige Schritte über den Wüstensand und blieb unmittelbar vor Codrac liegen.
    Joska trottete zu ihm zurück und beschnüffelte das dampfende Stück Fleisch, zuckte aber zusammen, als der Mantikor ein letztes Mal schnaubte.
    Entnervt rammte Codrac dem Tier seinen Dolch zwischen die Augen. "Sicher ist sicher", sagte er und sah, wie sich die anderen näherten. "Jetzt habt ihr euren Mantikor."
    Mit einem Ruck zog er seinen Dolche wieder heraus und wandte sich der Gruppe zu. "Was seid ihr eigentlich für ein komischer Haufen?", fragte er und lachte kurz auf, während er seine Waffe mit einem Tuch aus seinem Reisebeutel reinigte.

  • "Für die Zukunft eine Notiz an mich", grummelte Aljin erschöpft, während sie nach der Pranke der Bestie griff, "erst den Schwanz abschlagen, dann den Rest." Ihre eigene Stimme klang schräg, wie sie scheinbar hauptsächlich in ihrem Kopf zu hören war. Hoffentlich hatte der Mantikor ihr Trommelfell nicht beschädigt. Jaki schlängelte sich aus ihrer Tasche, in welcher sie sich während des Kampfes versteckt hatte, wieder zurück zu ihrem Hals. Dort machte sie es sich bequem, nicht aber, ohne dabei in Salems Richtung zu züngeln. Jaki klang beinahe besorgt.

    Auch Aljin warf nun einen besorgten Blick zu Salem, während sie sich in den Ohren bohrte, in der Hoffnung, dass es dadurch besser wurde.
    "Geht es dir wieder gut? Soll ich mir das mal anschauen?", fragte sie. Auch, wenn ihre Kenntnisse sich in Grenzen hielten, da Esme gerade nicht hier war und sie diese in Jaffa unbedingt wieder einsammeln mussten, konnte sie ihre Hilfe dennoch anbieten. Dieses wasauchimmer Salem hatte, musste es wirklich in sich haben, immerhin war das Gift des Manikor tödlich und tödlich war es sicherlich auch, wenn drei Dornen in der Brust von jemanden steckten. Aber Salem wirkte nicht sonderlich tot.
    "Ich habe mich schon besser gefühlt. Tut mir Leid, dass ich die Kleidung verschmutzt habe, die du mir besorgt hast."
    Aljin runzelte die Stirn, musste dann aber grinsen.
    "Wenn das dein einziges Problem ist." Sie zuckte die Schultern. "Ich werde versuchen es zu überleben."
    Salem nickte.
    "Eventuell sollte ich diese Wunde verbinden lassen."
    Die Frau wollte noch etwas sagen, aber entschied sich dann dagegen, als sie Jacks Blick streifte. Aus dieser Sache würde sie sich raushalten. Sollte sich Jack um den Verband kümmern.
    "Jetzt habt ihr euren Mantikor", hörte Aljin entfernt die Stimme ihrer neuen Begleitung. Mit einem Ruck zog er seinen Dolche aus dem Kopf des Manikor und wandte sich ihnen zu. "Was seid ihr eigentlich für ein komischer Haufen?", fragte er, während er kurz auflachte. Aljin war sich nicht sicher, ob dies wirklich Belustigung oder Verzweiflung war. Immerhin wären sie beinahe alle draufgegangen.
    Nachdenklich sah sie die anderen an, diese taten es ihr gleich - schwiegen und suchten scheinbar eine Antwort in den Gesichtern der anderen. Ja, was waren sie eigentlich?
    "Reisende", meinte sie schließlich schlicht. Das war immerhin nicht abzustreiten.
    Aljin war ziemlich stolz auf ihre völlig unpräzise Antwort. Sie konnte unmöglich sagen, was sie war oder wieder sein könnte. Dafür hatte sie diesen Haufen Fremder mittlerweile zu sehr ins Herz geschlossen. Die Enttäuschung wäre einfach zu groß, wenn sie alles erfuhren und sie dann nur noch mit Wünschen löcherten. Das wollte sie nicht. Mal abgesehen von dem Können. Man hatte sie nicht oft in ihrem Leben als Lebewesen wahrgenommen. Diese Leute taten das. Auch, wenn sie es nicht zugeben wollte, sah sie diese schon länger als Freunde an. Und sie würde diesen neuen Fund nicht gefährten, in dem sie leichtfertig ihr Geheimnis verriet.
    Ihre Hand legte sich erneut auf ihre Flasche. Und wenn sie es doch endlich loswerden würde? Was würden die anderen sagen? Immerhin war sie im Moment nicht in der Lage Wünsche zu erfüllen, oder auch nur ihre volle Kraft auszuschöpfen.
    Seit wann bist du eigentlich so unsicher?, fragte sie sich selbst. Reiß dich gefälligst zusammen!
    Codrac hob eine Augenbraue, während er zwischen Salem und seiner Brust und Aljin und der Schlange um ihren Hals hin und her blickte. Kurz blieb er an Jack hängen, an dessen Hand der Hund schnupperte, dann sah er zu dem gegrillten Mantikor, der noch immer qualmte.
    Was er wohl denkt?
    Aljin zuckte die Schultern.



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  • Salem...?“ Der Feuermagier entzog dem sich anbahnenden Gespräch zwischen Aljin und Codrac seine Aufmerksamkeit und richtete sie stattdessen auf Jack. Dieser deutete auf die Stacheln, die Salem weiterhin aus dem Herzen ragten. „Deine Brust....“
    Salem blickte an sich herab und konnte schwerlich die besagten Geschosse übersehen, wenngleich er sie für den Moment tatsächlich vergessen hatte. „Das ist in der Tat recht ungünstig“, stimmte Salem Jacks unausgesprochenen Bedenken zu. Zwar mochten sie ihn aktuell nicht beeinträchtigen, auf lange Sicht würden die Stacheln dem Heilungsprozess allerdings im Wege stehen. Zudem es Salem recht unpraktisch erschien, diese sperrigen Bolzen in seinem Oberleib stecken zu haben. Kurzerhand packte er sie am Schaft und zog einen nach dem anderen aus seinem Fleisch. Sie landeten im Wüstensand.
    Aus der frischen Wunde drang sogleich ein neuer Schwall Blut und weichte Salems durchtränkte Kleidung erneut ein - Woher auch immer sein Körper diese letzten Reserven hervor pumpte. Die darauf folgenden, teils bestürzten, teils besorgten Blicke der drei anderen blieben Salem nicht verborgen. Also versuchte er, ihre Gemüter zu beschwichtigen: „Es wird gleich aufhören, nehme ich an.“Und so war es schließlich auch. Das Blut versiegte nach einigen Sekunden.
    Wie kannst du noch stehen?“, fragte Codrac und Salem antwortete ihm: „Tatsächlich würde ich mich lieber setzen. Mir ist ein wenig schwindlig vom Blutverlust.“
    Das meine ich nicht.“
    Dir wurde das Herz durchbohrt“, stellte Jack fest. Da verstand Salem, worauf Codrac hinaus wollte.
    Nun, ich bin unsterblich. Mir kann keine Verletzung und keine Krankheit das Leben kosten.“ Er sah Jack und Aljin an. „Hatte ich das nicht erwähnt?“
    Nein!“
    Oh.“ Wie konnte ihm das entfallen?
    'Oh'“,äffte Aljin ihn nach. „Und wie kommt das?“
    Salem legte den Kopf schief. „Ich bin ein Verderbnismagier.“
    Auf seine Antwort hin schauten seine Gefährten ihn mit demselben, fragenden Ausdruck in ihren Gesichtern an, wie Codracs treue Hündin. Scheinbar bestand diesbezüglich ein wenig Aufklärungsbedarf. „Vor langer Zeit habe ich einen bösen Geist unterjocht und mir seine Kräfte einverleibt. Seitdem kann mich nichts und niemand töten.“

  • Jack blinzelte. Salems Erklärung erklärte rein gar nichts, außer dass sie einigermaßen gruselig klang.
    Allerdings konnte Jack jetzt erahnen, warum ihm sein Biss nichts hatte anhaben können. Und wenn er Salem dank des bösen Geistes noch ein bisschen länger ... genießen konnte ... Auch egal! Er zuckte innerlich mit den Schultern und blickte in die Runde.
    Salem versuchte die Wunde in seinem Herzen genauer in Augenschein zu nehmen und presste dafür das Kinn auf die Brust. Aljin schaute betont lässig in der Gegend herum. Fehlte nur noch, dass sie begann zu Pfeifen. Jack grinste, bis sein Blick zu Codrac glitt, der sie alle immer noch einigermaßen misstrauisch beobachtete.
    "Ich schätze, es wäre nur fair, wenn du wüsstest, mit welchen Gestalten du dich eingelassen hast ...", murmelte er schließlich und rieb sich verlegen mit der Hand über den Nacken.
    Codrac nickte nur. Auch Joska nahm eine abwartende Haltung ein. Sie schien mit ihrem Herrchen übereinzustimmen.
    Jack hüstelte, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Schließlich platze er heraus: "Ich bin ein Werwolf."
    Eine kleine Pause entstand und Jack fühlte sich genötigt anzufügen: "Aber total ungefährlich! Meine Bisse verwandeln nur, wenn Vollmond ist. Und in Vollmondnächten gehe ich euch sowieso aus dem Weg ...!"
    Salem kicherte.
    "Dafür konnte ich nichts!", rief Jack empört und lief feuerrot an bei der Erinnerung, wie er nur mit einem Ahornblatt bekleidet vor dem Feuermagier stand.

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    - F. Scott Fitzgerald

  • "Ähm", brachte Codrac nur hervor und bemühte sich, nicht allzu verwirrt auszusehen. Die Geschichten klangen schon sehr... verrückt. "Okay... dann wäre das ja geklärt."
    Mit einem Ruck steckte er seinen Dolch wieder zurück und warf einen Blick über die Schulter. Das tote Vieh dampfte wie ein frischer Wildschweinbraten, roch aber nicht annähernd so gut.
    "Also für die Allgemeinheit", sagte er und hoffte dadurch die unangenehme Stille zwischen den Anwesenden zu lösen, "Ich bin Codrac und ein normaler Mensch."
    Wenigstens auf Jacks Gesicht zeichnete sich die Andeutung eines Lächelns ab.
    Witze musste er also auch noch üben. Gut zu wissen.
    Er strich Joska kurz über den Kopf und sah zum Himmel hinauf. "Und jetzt?", fragte er und sah in die Runde.
    "Wir müssen zurück nach Jaffa", erklärte Aljin ihm. "Esme wartet dort auch noch auf uns."
    Eigentlich hatte er der Gruppe nur zugesichert, mit ihnen den Mantikor zu suchen. Allerdings konnte es nicht schaden, sie immerhin noch bis nach Jaffa zu begleiten und dann zu entscheiden, wohin in seine Beine ihn tragen werden. Joska schien den Leuten zu vertrauen und zumindest konnte er jetzt ihr seltsames Verhalten gegenüber Jack deuten. Ein großer Anteil seines Misstrauens war verflogen. Und die letzten Momente hatten gezeigt, dass er sich auf die Anderen verlassen konnte, obwohl sie Codrac überhaupt nicht kannten.
    Also zurück nach Jaffa.
    Er fragte lieber nicht nach, wie sie Pranke des Mantikor transportieren wollten und wie sie das schafften, ohne das jemand das sah.
    Kurzerhand nahm er seinen Reisebeutel von der Schulter und kramte einen Moment darin herum, bis er die dünne Decke fand. Er nahm Aljin die Pfote des Tiers ab und wickelte es in das Tuch, welches er sich eigentlich für den Notfall eingepackt hatte. Für kalte Nächte, oder wenn er oder Joska krank wurden. Aber gut, eine abgeschlagene Pranke eines Wüstentieres war doch auch irgendwie ein Notfall.
    Sorgfältig knotete er den Rest der Decke zu einer Schlaufe zurecht und ruckelte kurz daran herum, um zu prüfen, ob auch alles fest saß. Reisebeutel und Mantikorpranke über seine Schulter werfend, ging er zu den Kamelen. Die Gruppe folgte ihm mit verwunderten Blicken.
    "Ich wollte nicht unbedingt mit hoch erhobener Kralle in Jaffa ankommen", klärte er auf. "Das könnte einige unangenehme Blicke auf uns lenken."
    "Aha", meinte Jack nur und plötzlich fiel Codrac ein, dass sie noch gar nicht darüber gesprochen haben, wie sie in die Stadt kommen wollten nach Jacks Aktion mit dem Kamel.
    Darüber konnten sie sich aber auf dem Weg den Kopf zermartern. Die Sonne würde bald untergehen und außerdem brauchte er jetzt etwas zu Trinken. Etwas Hochprozentiges.

  • Jack erlebte die Rückreise geistig eher ... abgedriftet, wenn man es denn so nennen wollte.
    Er konnte selbst nicht so benennen warum. Okay, Salem war ein verderbter Magier, aber das war kein Grund zur Aufregung. Irgendwie hatten scheinbar sowieso alle etwas zu verbergen gehabt. Jack fragte sich eher, was Aljins Geheimnis war. Sie hatte sich als einzige aus der Unterhaltung raus gehalten, obwohl offensichtlich war, dass sie keine einfache Frau war.
    Der Werwolf überlegte, was sie davon abgehalten könnte, ihnen ihr Geheimnis anzuvertrauen. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es nichts Schlimmes war und sie ihr weiterhin vertrauen konnten. Ihr schien nur viel daran gelegen zu sein, selbst mit etwas aufzuräumen und wenn Jack dabei helfen konnte, wollte er das gerne tun. Er stimmte ihn nur ein wenig traurig, dass Aljin ihnen offenbar nicht genug vertraute, um das Geheimnis preis zu geben. Aber wer wusste schon, was daran hing? Er selbst hatte schließlich Jahrzehnte lang geschwiegen ... Einzig Salem schien kein Problem damit zu haben, anderen von seiner Verderbtheit zu erzählen. Wahrscheinlich weil er durch seine ganze Erscheinung Ablehnung gewöhnt war. Der Werwolf beäugte Salem von der Seite und lächelte. Wenn man den Magier erst einmal kennen gelernt hatte ...


    Das Problem, dass er nicht mehr einfach in die Stadt hinein spazieren konnte, war schnell gelöst.
    Die kommende Nacht war eine Vollmondnacht. In solchen sollte Jack sich fern von jeglicher Zivilisation halten.
    Also ließ die Truppe ihn einige Kilometer vor den Toren der Stadt in der Wüste zurück und nahm die Kamele mit sich. Jacks Tier warfen sie ein großes Tuch unter dem Sattel über den Rücken, damit die Narben verdeckt wurden, an denen der ursprüngliche Besitzer das Tier würde erkennen können.
    Salem warf ihm noch einen unbehaglichen Blick zu, aber Jack zuckte leichthin mit den Schultern. Wenn er sich in einer Vollmondnacht verwandelte, konnte ihm nichts und niemand etwas anhaben. Außer vielleicht der Mantikor, aber um den musste er sich ja keine Sorgen mehr machen.
    Ungeduldig blickte er der Truppe hinterher, bis sie hinter der nächsten Düne verschwunden war und ließ sich dann im Sand nieder, um auf den Einbruch der Nacht und den Vollmond zu warten. Es wurde Zeit ...

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    - F. Scott Fitzgerald

  • Mit der Dämmerung fielen die Temperaturen, doch die Wände des Gasthauses von Jaffa hielten nach wie vor eine drückende Wärme gefangen. Der alte Dreiauge hockte auf demselben Stuhl, auf dem Salem und seine Gefährten ihn vor wenigen Tagen zurückgelassen hatten. Er sah nicht auf, als die drei Gestalten mitsamt Hund sich seinem Tisch näherten.
    „Ihr seid zurückgekehrt“, stellte er fest. „Das freut mich für Euch. Sagt, verlief Eure Suche nach dem Mantikor erfolgreich?“
    Aljin verschwendete keine Zeit mit Reiseberichten. Sie kam direkt zum Punkt: „„Wir haben die Kralle. Jetzt rück mit der Sprache heraus, wie es weitergeht.“ Zum Beweis ihrer Worte, machte Codrac Anstalten, das Bündel hervorzuholen, allerdings bot Dreiauge ihm mit der flachen Hand Einhalt.
    „So viel Tatendrang, hehe! Ihr erinnert mich an mich selbst, als mein Blut noch frisch durch die Adern floss. Apropos Blut…“ Dreiauge deutete auf Salem. „Euch klebt da etwas an Eurer Kleidung.“
    Salem blickte an sich hinab. Oh. Ach Herrje. Abermals quoll aus der offenen Wunde in seiner Brust Blut hervor und befleckte seine Wüstenkleidung. Wie Salem es wohl schaffen sollte, derart viel Blut aus dem Stoff waschen zu können? Hoffentlich bildeten sich keine zu auffälligen Flecken, denn Salem legte einen gewissen Wert auf seine eigene Reinlichkeit und wollte ungern mit einer dauerhaft sichtbaren Verunreinigung an seiner Garderobe reisen müssen. Es wurde wohl wirklich Zeit, die Verletzung zu verbinden.
    Aber alles zu seiner Zeit, beschloss Salem und ließ den Blutfluss vorerst weiter freien Lauf. Er überging Dreiauges Hinweis und erinnerte ihn, weshalb sie ihn aufsuchten: „Ihr wolltet uns erklären, wie unser nächster Schritt aussieht.“
    Der Seher nickte. „Fürwahr, so lautete mein Versprechen. Nun denn: Dank der Kralle werden die Winde Euch nach Akrabria führen, jedoch nicht hinein. Damit sich die geheimen Tore der Ruine Euch offenbaren, müsst Ihr ihre uralten Fackeln entzünden.“
    „Das sollte kein Problem darstellen“, meinte Salem als Feuermagier. Zudem man keine Magie benötigte, um eine Fackel zum Brennen zu bringen.
    Bei Salems Worten kicherte Dreiauge voller Vorfreude. „Nein, nein. So einfach ist es nicht. Es darf nicht irgendein Feuer sein. Ihr benötigt die Flamme von Raschid Ibn Nishaat al-tamar.“
    „Wessen Flamme?“, fragte Codrac ein wenig überfordert, während Aljin die Augen verdrehte.
    „Soll das etwa heißen, wir müssen eine brennende Fackel durch die Wüste schleppen?“
    Offensichtlich amüsierte sich Dreiauge köstlich über die Ahnungslosigkeit der Gruppe. Er gluckste: „Die Flamme von Raschid Ibn Nishaat al-tamar ist kein tatsächliches Feuer. Es ist ein uralter Feuerzauber, der ein Feuer beschwört, welches sich nicht löschen oder ersticken lässt, es sei denn, sein Erschaffen wünscht es so – ein ewiges Feuer, welches verglimmt, sobald das Lebenslicht seines Herren es tut. Nur eine durch diesen Zauber herbeibefohlene Flamme vermag die Fackeln von Akrabria anzustecken.“
    Mit einmal spürte Salem Aljins Blick auf sich ruhen. Die junge Frau sagte nichts, doch Salem konnte sich denken, dass sie ihn seiner Magie wegen ansah. Leider musste er sie enttäuschen. Dieser Zauberspruch war ihm gänzlich unbekannt.
    Dreiauge setzte seinen Monolog fort: „Doch die eigentliche Herausforderung ist nicht der Zauber selbst, oh nein!“. Ein hörbares Stöhnen kam aus Aljins Richtung. „Jemanden zu finden, der ihn beherrscht, das ist die Aufgabe. Denn die einzigen, die heutzutage über das Wissen um die Flamme von Raschid Ibn Nishaat al-tamar verfügen, sind die Nomaden des Hariq-Stammes.“
    „Da klingelt was, glaube ich…“, murmelte Aljin und auch Salem kam dieser Nomandenstamm bekannt vor. Wenn er sich nicht täuschte, dann hatte einer der Händler ihnen bereits von diesem Wüstenvolk erzählt. „Ihr redet von dem Stamm der Feuermagier?“
    „So, so. Ihr habt bereits von ihnen gehört. Nun, in der Tat eilt den Hariq ihr Ruf voraus. Man fürchtet sie in der ganzen Wüste. Sie sind rücksichtslos und kennen keine Gnade, wenn es darum geht, ihre Traditionen zu verteidigen. Und der einzige Weg, an die Flamme des Raschid Ibn Nishaat al-tamar zu kommen, führt über die Hariq. Jedoch wärt Ihr die ersten in Jahrhunderten, die die Unterstützung eines Feuermagiers der Hariq erhalten würde.“

  • Aljin unterdrückte den Reflex den Mann beim Kragen seiner hässlichen Kutte zu greifen und ihn durch den Schankraum zu schütteln.

    "Und das konntet Ihr uns nicht eher sagen?"

    Wenn sie gewusst hätte, dass sie nach einer Legende suchen mussten, um in eine Stadt zu kommen, die man nicht finden konnte, dann hätte sie sich niemals auf den Weg gemacht, den Mantikor zu töten. Von diesen Viechern gab es sowieso nur noch wenige und davon abgesehen hätten sie sich alle einiges an Ärger gespart und Salem wäre nicht durchlöchert worden. Oder wenigsten hätten sie sich den Weg zurück ins Dorf ersparen können.

    "Ich habe nicht damit gerechnet, dass ihr den Mantikor überlebt." Der alte Mann sprach, als wäre es ganz normal, dass er so dachte.

    Aljin zerrte sich den Kerl auf Fingerlänge heran und funkelte den Kerl so finster an, das ihm sein selbstgefälliges Lächeln aus dem Gesicht fiel und scheinbar zu verschwinden versuchte. Neben ihr zischte Jaki zornig. Der Alte warf ihr und der Schlange einen Blick zu, ehe er sich abwandte.

    "Nana!", hob er abwehrend die Hände, "im Ausgleich für meine Worte, kann ich euch einen Hinweis zum Aufenthalt der Hariq geben."

    Aljin ließ den Mann nicht aus den Augen, während sie ihn wieder auf seinem Stuhl absetzte. Am Ende schien es ihr die bessere Idee zu sein. Sie zogen sowieso schon alle Aufmerksamkeit auf sich. Dank Salem mit seiner Größe und dem blutigen Stoff und Codrac und seiner tierischen Gefährtin. Dass sie selbst den Mann nun mehr oder weniger angriff, machte es nicht besser.

    "Raus mit der Sprache!"

    "Ich habe gehört, dass die Hariq derzeit ab und an in der Stadt Aldhahab ihre seltenen Waren verkaufen. Vielleicht könnt ihr sie dort finden."

    Aljin nickte. Von der Stadt hatte sie schon mal gehört. Sie drehte sich von Dreiauge weg und verließ die Taverne. Ehe die dem Kerl doch noch den Hals umdrehte. "Die Flamme des Raschid Ibn Nishaat al-tamar. Wie wollen wir ein so sturen Volk wie die Hariq dazu bringen, uns diesen Zauber zu nennen?", wandte sie sich fragend an die beiden Männer und an Esme, die ihr hinaus in die kühle Nacht folgten.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Jack hatte seinen Ausflug genossen. Zum Glück war ihm keine Menschenseele begenet, auch wenn er die Fährte irgendeines Nomadenstammes aufgenommen hatte. Doch diese war schon mehrere Tage alt.
    Jetzt saß der Werwolf wieder dort, wo die anderen ihn zurückgelassen hatten und wartete. Es dauerte nicht lange, da erkannte er schon Salems vertrauten Kopf, der als erstes über die Dünen ragte. Wenig später konnte er auch Aljin und Codrac und dann sogar Esme erkennen.
    "Esme!", rief Jack erfreut und unterdrückte im letzten Moment ein freudiges Hecheln. Der Wolf hing wohl immer noch in den Knochen.
    Er stand auf, packte die Sachen zusammen und gibg auf die Truppe zu. Esme grüßte mit einem nüchternen Nicken, auch wenn ein Lächeln um ihre Lippen spielte.
    "Und?", fragte Jack und sah von einem zum anderen.

    "Wir brauchen die Flamme des Raschid Ibn Nishaat al-tamar", informierte in Salem.
    "Äh ... Okay?", machte Jack.

    "Es ist ein uralter Zauber der Hariq", fuhr Codrac fort.

    Die Hariq! Natürlich. Deshalb war ihm der Geruch gestern Abend so vertraut vorgekommen.

    "Nichts leichter als das. Ich weiß wo die zu finden sind", sagte Jack voller Elan.
    "Das ist leider ur die halbe Miete", stelle Salem auf seine pragmatische Art und Weise fest.
    "Der Zauber ist geheim und die Hariq ein unglaubliches stures Volk. Ich habe keinen Schimmer, wie wir sie dazu bringen können uns den Zauber zu verraten", erklärte im Aljin.
    Jack zuckte leichthin mit den Schultern. "Beim letzten mal waren sie doch ganz nett. Außerdem: Alles hat seinen Preis. Vielleicht können wir gegen etwas tauschen oder anderweitig in Naturalien zahlen." Beim letzten Teil wackelte Jack mit den Augenbrauen und musterte dabei Salem aus dem Augenwinkel. Der Magier schien seinen Blick aufzufangen, denn seine Augen begannen schelmisch zu glitzern.

    Aljin seufzte überlaut. Ob ihr jacks Flirt aufgefallen war und sie deshalb seufzte oder weil sich diese Quest als schwieriger erwies als erwartet, konnte Jack nicht einschätzen. Es war ihm aber auch egal. Er hatte heute verboten guten Laune. Beschwingt schwang er sich auf sein Kamel und schlug die Richtung ein, in die er die Hariq zuletzt erschnüffelt hatte.

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Jacks feine Nase führte sie durch die Wüste und als die Abenddämmerung einsetzte, erreichte die Gruppe eine Oase. Aus sicherer Entfernung, die Köpfe hinter einer Düne eingezogen, beobachteten sie das Treiben um das Wasserloch herum. Der Hariq-Stamm hatte seine Zelte aufgeschlagen und gleich mehrere Lagerfeuer entfacht. Die Flammen sorgten gemeinsam mit vielen Ölschalen und Fackeln für Helligkeit und die Schatten der Nomaden tanzten über die dicken Teppiche, welche sie über dem Sand ausgebreitet hatten. Salem rief sich die Erzählungen über die Hariq in Erinnerung. Dass sie eigenbrötlerisch wären, kriegerisch und ganz und gar nicht gut auf Außenstehende zu sprechen waren. Und, dass sie das Feuer anbeteten. Nun, angesichts der vielen Feuerstellen in ihrem Lager, mochte Salem diese Behauptung auf Anhieb glauben.

    Und was machen wir jetzt?“, wollte Aljin mit einem forschenden Blick auf das Lager wissen. „Einfach zu ihnen runter marschieren und ihnen einen Guten Abend wünschen?“

    Jack murmelte daraufhin: „Keine gute Idee... .“ Dieser Meinung schloss sich Salem uneingeschränkt an. Ihn beschlich das ungute Gefühl, dass jede Art der Kontaktaufnahme von den Hariq als feindliche Handlung interpretiert werden würde.

    Ähm, Leute?“ Vorsichtig meldete sich Codrac zu Wort, aber Aljin und Jack waren so sehr darin vertieft, das weitere Vorgehen zu planen, dass sie ihn ignorierten.

    Rufen wir ihnen zu, dass wir in Frieden kommen.“

    Hey, Leute...“

    Und am Ende verstehen sie uns nicht und greifen sofort an. Nein, darauf kann ich verzichten.“

    Ihr solltet-...“

    Schicken wir einen Boten vor! Aljin, du kommst aus dieser Gegend, du gehst!“

    Was? Wieso?“

    Jetzt dreht euch verdammt nochmal um!“

    Endlich taten die beiden, einschließlich Salem, wie Codrac sie aufforderte und richteten ihre Aufmerksamkeit nach hinten. Und sahen direkt in die vermummten Gesichter einer ganzen Gruppe Hariq-Krieger! Ärger blitzte aus ihren Augen, die zwischen den Stoffen ihrer Kopftücher hervorfunkelten und die Spitzen ihrer Speere und Säbel deuteten kampfbereit auf die Kehlen ihrer Geiseln – auf Codracs, Aljins, Jacks, Esmes und Salems. Einer der Krieger stieß einen wahrlich aggressiv klingenden Wortschwall aus, doch Salem verstand keine einzige Silbe der fremden Sprache. Unweigerlich richtete der Feuermagier seinen Blick auf Aljin, dann auf Codrac. Weder die eine, noch der andere vermochten jedoch die exotisch klingende Sprache zu deuten. Ratlos blinzelten Salem und seine Freunde den Kriegern entgegen.

    Diese schienen ebenfalls die bestehende Kommunikationshürde zu erkennen. Der Krieger, der eben bereits Anweisungen gebellt hatte, tat dies noch einmal; dieses Mal richteten sie sich allerdings an seine eigenen Leute. Im nächsten Moment traten die Männer vor und scheuchten Salem und seine Gefährten auf die Füße. Wenn sie schon verbal nicht einander verstanden, so erwies sich auf jeden Fall die nonverbale Sprache der Gesten als äußert hilfreich. Denn grobe Stöße und eine Waffe im Rücken – was man ihm damit sagen wollte, begriff Salem auch ohne linguistisches Talent: 'Da lang!'


    Unter den misstrauischen Blicken der restlichen Nomaden, führte man sie durch das Lager hinweg an eine abgelegenen Stelle nahe des Wassers. Die Krieger wurden als Wachen abgestellt und zusätzlich fesselte man Salem und seine Gefährten an den Handgelenken an nahestehenden Palmen fest. Einer der Männer kehrte zu den Zelten zurück, ohne noch einmal ein einziges Wort an ihre Gefangen zu richten.

    Na super“, ächzte Aljin und gedanklich stimmte Salem ihr zu. Welch ungünstige Situation. Mit einem Blick zu den Wachen grübelte Salem darüber, ob sie es wagen sollten, offen über Fluchtpläne zu diskutieren. Er entschied sich dagegen. Wer konnte schon einschätzen, ob die Hariq nicht doch das ein oder andere Wort zu verstehen beherrschten.

    So oder so ergab sich keine Zeit, eine Debatte über ihren Ausweg zu führen. Aus dem Lager näherten sich Gestalten: Die Krieger von eben, gemeinsam mit ein paar Nomaden, die Salem aufgrund ihrer Kleidung und des stolzen Gangs als die Stammesführer vermutete. Außerdem... Eine Frau? Nein, ein Mädchen. Dreizehn, vielleicht vierzehn Jahre alt, schätzte Salem. Sie trug dieselbe Kleidung, in die sich auch die anderen Hariq hüllten und gehörte ganz offensichtlich zum Stamm dazu. Mehr konnte Salem ob der Dunkelheit nicht erkennen.

    Die Hariq bauten sich vor ihren Gefangenen auf. Ohne einen von ihnen eines Blickes zu würdigen, holte das Mädchen unter ihrer Robe eine kleine Öllampe hervor und konzentriert hielt sie ihre Hand über den Schnabel. Nach ein paar Augenaufschlägen züngelte eine kleine Flamme hervor. Interessant. Bei dem Mädchen handelte es sich demzufolge um eine Feuermagierin. Doch augenscheinlich stand sie erst am Anfang ihrer Ausbildung, denn sie nahm die brennende Öllampe, um zwei weitere Ölschalen zu entzünden. Offenbar genügten ihre Kräfte noch nicht aus, um ohne Hilfsmittel mehrere Feuer zu wirken.

    Durch die zusätzlichen Lichtquellen war es Salem nun möglich, mehr seines Umfelds wahrzunehmen. Was für einen grimmigen Ausdruck das Mädchen doch auf ihrem Gesicht trug! Sie reihte sich damit hervorragend in die strengen Züge der Wächter ein.

    Keine Begrüßung, keine Vorstellung oder die Frage, wer Salem und die anderen waren, ging ihren Worten vorraus. „Was sucht ihr hier?“, verlangte das Mädchen fordernd zu erfahren. Ah, Salem begriff. Die Kleine diente als Übersetzerin.

    Wir sind hier, weil wir von euch die Flamme des Raschid Ibn Nishaat al-tamar benötigen“, erklärte Jack wahrheitsgetreu. Das Mädchen runzelte daraufhin kritisch die Stirn, dann übersetzte sie die Antwort für ihre Stammesführer. Salem konnte den Namen Raschid Ibn Nishaat heraushören.

    Ein abwertendes Raunen drang aus den Kehlen der anwesenden Hariq und die Brauen des Stammesführer und seines Gefolges zogen sich tief nach unten. Er sagte etwas zu der Übersetzerin, was Salem keinesfalls
    verstehen konnte, und diese übersetzte es wiederum: „Eher wird die Sonne vom Sand verschlungen, als dass wir diese heilige Magie euch Unwissenden überlassen.“

  • Na, das lief doch wieder ganz wunderbar für sie. Nicht nur, dass die Fesseln sich unangenehm in sein Fleisch schnitten und die Hariq ihn von Joska getrennt hatten, er verstand auch kein einziges Wort von den fremd klingenden Worten. Zu ihrem Glück gab es die Übersetzerin, die allerdings auch nicht den Eindruck von Freundlichkeit vermittelte.

    Joska knurrte ihren Bewacher dunkel an, woraufhin der Krieger das Tier mit der Rückseite seines Speeres in die Flanke stieß. Die Hündin stieß einen wütenden Laut aus.

    "He!", rief Codrac dem Hariq zu. "Das ist mein Hund und nicht Euer Abendessen!"

    Er wollte ihre Gastgeber keineswegs unnötig provozieren, gerade weil er und seine Gefährten nicht in der besten Position waren. Aber wenn jemand Hand gegen das Einzige legte, was ihm in seinem Leben wichtig war, dann wurde er sauer.

    Aljin und die anderen warfen ihm warnende Blick zu.

    Er dankte sämtlichen Göttern dieser Welt, dass das Mädchen auf eine Übersetzung seiner Worte verzichtete.

    Codrac selbst verstand sich nicht auf Verhandlungsgespräche, aber er versuchte es trotzdem. "Was sagt Euch, das wir Unwissende sind?"

    Ein amüsierter Ausdruck erschien auf den Zügen des Mädchens und wieder wechselte sie mit den Stammesführern einige für ihn unverständliche Worte. Allgemeines Gelächter ging durch die Runde der Hariq, auch das Grinsen auf dem Gesicht der Übersetzerin wurde breiter.

    "Du bist mutig, Fremder", sagte sie. "Aber auch dumm."

    Ersteres konnte er hinnehmen, gegen ihre zweite Aussage hätte er etwas einzuwenden. Er hielt sich allerdings zurück. Eine ausgesprochene Morddrohung würde ihm und ganz sicher nicht seinen Gefährten weiter helfen. Obwohl …

    "Na schön", begann er von Neuem und kassierte prompt erneut verwirrten Blicke von seinen Kameraden. Selbst Joska legte in diesem Moment ihren Kopf auf den Boden und verdeckte ihre Augen mit der Pfote. "Weil ich dumm bin, erlaube ich mir die Frage, wie man trotz Unwissenheit die heilige Magie erhalten kann."

    Wäre es ihr möglich gewesen, hätte Aljien ihm vermutlich mitten ins Gesicht geschlagen.

    Die Züge der Übersetzerin entgleisten und wurden zu einer Maske aus Kälte.

    Oh je. Scheinbar hatte er verspielt.

  • „Toll …“, grummelte Aljin genervt vor sich hin. Warum hatten es unbedingt die Hariq sein müssen, die sie aufsuchen mussten? Warum meinte eigentlich jeder es ihnen schwerer machen zu müssen, als es hätte sein müssen? Und warum sprachen diese Typen nicht die gleiche Sprache wie sie? Mussten diese sich unbedingt so sehr von den anderen abheben, dass sie auch noch eigene Sprachmuster entwickelten? Nur bröckchenweise konnte sie Dinge aufschnappen, die mit ihr bekannten Sprachen übereinstimmten, aber es war zu wenig, um auch nur den Kern einer Aussage zu verstehen. Es reichte lediglich, um zu bestimmen, dass die Übersetzerin ihnen keinen Blödsinn erzählte.
    Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete sie das Mädchen, wie es erneut mit dem Ältesten sprach. Die Kälte war trotz der Sprachbarriere deutlich in ihrer Stimme zu spüren.
    Probeweise bewegte Aljin ihre Hände in den Fesseln. Sie zweifelte nicht daran, dass sie sich mit Hilfe des Sandes aus diesen befreien konnte. Auch Salem sollte damit keine Probleme haben. Aber die Fesseln waren auch nicht das Problem. Dieses stand vor ihnen und richtete Speere und Säbel auf ihre kleine Gruppe. Nie und nimmer schafften sie es alle schnell genug durch den Sand der Wüste zu flüchten.
    Schließlich war es einer der Stammesführer, der sich mit kritischem Blick an sie wandte und etwas sagte. Eine Handgeste veranlasste schließlich das Mädchen dazu, seine Worte zu übersetzen.
    „Niemals werden wir euch unser Geheimnis der heiligen Magie verraten, also nennt uns einen Grund, weshalb wir euch nicht direkt töten sollten.“
    Aljin sah in die Gesichter der anderen. Ratlosigkeit sah sie und die offene Frage schwebte zwischen ihnen, ob sie die Wahrheit sagen konnten, oder ob dies nur zu noch mehr Problemen führen würde. Aber was war das schlimmste, was man ihnen antun konnte? Sie töten? Diese Entscheidung schien in den Gesichtern der Stammesführer bereits festgemeißelt.
    „Ihr wollt nicht, dass diese Magie in die falschen Hände gerät“, begann Aljin schließlich ihr Glück. „Das kann ich verstehen und ich will auch gar nicht behaupten, dass wir die richtigen Hände sind.“ Sie musste grinsen, als sie an die bereits bestandenen Abenteuer zurückdachte, und an die eine abgebrannte Stadt. Dann wurde sie jedoch wieder ernst, ehe sie weitersprach: „Ein zwielichtiger alter Mann in Jaffa teilte uns mit, dass wir die Flamme des Raschid Ibn Nishaat al-tamar benötigen, um die geheimen Tore von Akrabria öffnen zu können. Wir müssen dort mit dieser Flamme wohl Feuerschalen entbrennen. Nur deshalb wollen wir sie.“
    Sie schwieg nach ihren Worten und wartete die Reaktionen der Menschen um sie herum ab. Das Mädchen runzelte die Stirn und übersetzte dann für ihre Stammesleute. Einer von den Ältesten wiederholte den Namen der verschollenen Stadt fragend. Der Argwohn in den fremden Gesichtern wuchs und Aljin beschlich das Gefühl, dass diese Nomaden mehr verbargen, als nur das Geheimnis irgendeines dusseligen Zaubers.
    „Akrabria ist eine Legende“, sprach dann das Mädchen und einer der Stammesführer gab gestikulierende Befehle an einen der Männer mit den Säbeln weiter. Nur einen Wimpernschlag später, hatte Aljin die Waffe an ihrer Kehle liegen. „Ein lächerlicher Versuch euer Leben zu retten.“
    „Wir wissen, dass es eine Legende ist“
    , wandte Jack helfend ein. „Wir sind Abenteurer und suchen deshalb nach dieser verschollenen Stadt.“
    So kann man es auch bezeichnen … Aljin musste sich ein Lachen verkneifen.
    Wieder besprachen sich die Menschen und ein zweiter Mann bezog vor Jack Stellung. So langsam ging Aljin das Verhalten des Stammes auf die Nerven, weshalb sie ihren Blick abwandte und mit den Augen ihre nähere Umgebung musterte. Sie konnte den Sand fühlen und wie er nur darauf wartete, ihr zu helfen. Einige des Stammes hatten sich aus ihren Zelten getraut und musterten das Vorgehen neugierig. Als ihr Blick an einer Statue von Alsahra, der Herrin der Wüste und Beschützerin der Nomaden, vor einem der Zelte hängen blieb, kam ihr eine Idee.
    „Ich besitze eine magische Flasche“, meinte sie an das Mädchen gewandt. Sofort versiegten die angeregten Gespräche und man musterte sie. „Sie ist in meiner Tasche.“ Leicht, um nicht in die Klinge des Säbels zu kommen, nickte sie in Richtung ihres Gepäcks, was die Hariq etwas entfernt aufgetürmt hatten. „Sie lässt sich nicht öffnen und ist unzerstörbar. Ihr könnt euch gerne davon überzeugen.“
    Tatsächlich wurde einer der umstehenden Wachen von einem Ältesten zu ihrem Gepäck geschickt und kramte nach kurzem Suchen das verzierte Gefäß hervor. Zurück bei den Stammesführern drückte er es dem Mann in die Hand, welcher ihn geschickt hatte. Dieser zog sein Gewand etwas aus dem Gesicht, weshalb ein weißer Bat zum Vorschein kam, und betrachtete die Flasche von allen Seiten. Probeweise versuchte er es zu öffnen, scheiterte aber wie alle anderen auch. Stattdessen strich er mit seinen Fingern über die äußere Verzierung.
    Mit Argusaugen beobachtete Aljin ihn dabei, versuchte ihre innere Unruhe aber zu verbergen. Was ritt sie nur, dass sie ihren wertvollsten Besitz in die Hände dieser Leute drückte? Freiwillig? Akrabria war ihr wirklich wichtig, stellte sie fest.

    „Wir lassen uns nicht für das Geheimnis bezahlen. Auch nicht, mit etwas derartig wertvollem“, übersetzte das Mädchen mit harter Stimme. Dann wussten sie also wirklich, um was es sich dabei handelte. Das machte es Aljin leichter.

    Sie schüttelte den Kopf.

    „Sie steht auch nicht zum Verkauf“, brummte Aljin nicht minder hart. Es war ein Versuch diese Leute davon zu überzeugen, dass man ihnen vertrauen konnte. Und wenn das hieß, dass sie mit ihrem Glauben spielen und damit auch ihr Geheimnis vor ihren Freunden offenlegen musste.
    „Er will wissen, woher du das hast“, dolmetschte das Mädchen erneut.
    „Wenn ich das wüsste“, knurrte Aljin. „Die Flasche ist in meinem Besitz, seit ich denken kann. Und ich verbinde ehrlich gesagt nicht nur gute Erinnerungen damit. Diese Flasche ist Fluch und Segen zugleich und ich will mehr darüber erfahren. Ein Mann in einer entfernten Stadt meinte, dass er eine solche Flasche schon einmal gesehen hätte und die Verkäufer meinten, dass sie diese aus Akrabria hätten. Ich muss dahin, um mehr zu erfahren. Um mehr über mich, meine Herkunft und meinen Fluch zu erfahren.“
    Das Mädchen übersetzte, woraufhin der Alte, der ihre Flasche noch immer in der Hand hielt, sie mit strengem Blick musterte, beinahe als wollte er sie durchlöchern. Er sprach etwas.
    „Es ist deine“, meinte das Mädchen und gab so die Feststellung des Alten wieder.
    Aljin nickte.
    „Dann sollst du es beweisen.“
    Erneut nickte Aljin, dann löste sie ihre Handgelenke in Sand auf und ließ die Fesseln hindurchgleiten, ehe sie sich wieder zusammensetzte und sich ruhig erhob. Der Mann vor ihr wich erschrocken einen Schritt zurück, hielt seinen Säbel aber weiterhin erhoben. Allerdings wies einer der Ältesten ihn wohl an, sie nicht anzugreifen, denn er rührte sich nicht weiter.
    „Leider habe ich einen Großteil meiner Macht in der Flasche gelassen, aber … “, meinte Aljin und nach einem kurzen Blick auf ihre Freunde, hob sie in langsamen Bewegungen ihre Arme. Sofort flaute der Wind auf und erste Sandkörner wurden von heißer Luft durch die Nacht geschleudert. Wenn sie diesen ganzen Spaß überlebte, wäre sie den anderen sicherlich eine Erklärung schuldig. Aber immerhin wären sie dann alle noch am Leben.
    Immer mehr Sand flog an ihnen vorbei und die Dünen hinter den Zelten wirbelten auf. Im wenigen Licht der Feuer und des nächtlichen Himmels ließ Aljin Sandsäulen in die Höhe wachsen. Drehend schraubten sich diese immer weiter in den Himmel und rissen dabei auch einige Planen und Decken aus dem Lager mit sich. Zwei der Feuer erloschen und die Palmen beugten sich bedrohlich in Richtung der Wüste, während der Wind ebenso an ihrer Kleidung zog und zerrte.
    Erst als das Mädchen sich schützend die Hand vors Gesicht hielt, damit ihr der Sand nicht in die Augen flog und sie den Blickkontakt zu der Gruppe nicht verlor, ließ sie von der Wüste ab und beruhigte den Sand.
    Schweiß hatte sich auf Aljins Stirn gebildet und es kostete sie ihre letzte Kraft, nicht in die Knie zu gehen, sondern mit erhobenem Kinn stehen zu bleiben. Es war lang her, dass sie so viel ihrer Kraft aufgewandt hatte, nicht einmal gegen den Mantikor hatte sie es versucht. Aber um diese Menschen zu überzeugen, da benötigte es etwas mehr. Eine lächerliche Sandburg konnte schließlich jeder bauen.
    Aus großen Augen wurde sie von den Nomaden angeschaut, und schließlich erhielten die Wachen offenbar den Befehl ihre Waffen zu senken, denn diese traten zurück.
    „Eine Tochter Alsahras“, übersetzte das Mädchen die Worte des Alten. Ehrfurcht lag in ihrer Stimme, als sie die Flasche des Mannes erhielt und sie diese dann an Aljin weiterreichte.
    Es gab eine Zeit, da hätte sie diese Bezeichnung gerne angenommen. Aber mittlerweile war sie diesem Vergleich überdrüssig. An eine Göttin glaubte sie nicht. An etwas, was sie in all der Zeit, die sie nur lebte, nie mit eigenen Augen gesehen hatte und was ihr nie geantwortet oder geholfen hatte, das war nicht existent.
    Aber diese Gedanken wollte sie nicht aussprechen. Stattdessen lächelte sie nur milde.
    Wieder sprach der Mann etwas.
    „Wir werden euch nicht töten“, meinte das Mädchen dann.

    Schade, wo doch die Auslöschung eines ganzes Stammes auf meiner heutigen Liste stand ...

    „Aber auch, wenn ihr ein Geist der Flasche seid , können wir euch das Geheimnis der Flamme des Raschid Ibn Nishaat al-tamar nicht verraten.“
    „Ach kommt schon!“,
    stieß Aljin sauer aus.
    Der Mann sagte noch etwas.
    „Aber wir könnten euch einen Handel vorschlagen.“
    „Ich kann im Moment keine Wünsche erfüllen“,
    stellte Aljin sofort klar.
    Das Mädchen schüttelte den Kopf.
    „Der Stamm ist bereit, euch jemanden mit dem nötigen Wissen an die Seite zu stellen, der euch die Feuerschalen entzündet, wenn ihr uns etwas Bestimmtes mitbringt.“
    Immerhin wollten sie keinen Wunsch.
    Fragend sah Aljin zu ihrer Gruppe, welche sie mit großen Augen anstarrte.
    „Was soll‘s“, meinte sie.Ich denke, das geht in Ordnung, was sollen wir mitbringen?“



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    - Toni Morrison -


  • Die Gruppe Menschen, die sie umstand, warf sich Blicke zu, die nicht bedeutungsvoller hätten sein können. Jack schluckte einen Kloß, der sich in seinem Hals bilden wollte, hinunter. Das konnte nichts Gutes sein. Oder wenn, dann war es gewiss gefährlich und nicht einfach. Andererseits ... Er warf einen Blick auf Aljin. Sie wirkte etwas erschöpft von ihrer ... Darbietung. Instinktiv spürte er, dass es für sie unendlich wichtig war in die Stadt zu kommen und dort Antworten auf ihre Fragen zu finden.
    Dann würde er eben verdammt nochmal organisieren, was es zu organisieren gab! Schließlich mochte er Aljin und was auch immer sie war. Er meinte dunkel von Wesen gehört zu haben, die in einer Flasche wohnten, aber ihm wollte der Name einfach nicht einfallen. Sei es drum. Immerhin hatten sie alle ihre Geheimnisse und Herkünfte, von denen sie untereinander wenig wussten. Das einzige was Jack wusste, und was für ihn auch am meisten zählte, war, dass er sich auf die anderen verlassen konnte.

    Einer der Männer sagte etwas und Jack lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf das Geschehen.
    Das Mädchen übersetzte: "Ein Phönixei. Wir wollen ein Phönixei von euch mitgebracht bekommen."
    "Das ist alles?", fragte Jack. Sie mussten einem Vogel nur ein Ei stehlen?
    Das Mädchen lächelte überlegen und erklärte ohne zu übersetzen: "Der Phönix wird auch Feuervogel genannt. Er ersteht aus seiner eigenen Asche wieder auf. Eier legt er nur selten und wenn, dann verteidigt er sie mit dem Einsatz seines Lebens und all seinen Fähigkeiten."
    Jack blickte zu Salem. Mit Feuer würden sie klar kommen. Außerdem hatten sie es mit einem Mantikor aufgenommen. Was konnte da ein Vogel schon anrichten.
    Dennoch wartete die Gruppe auf Aljins Antwort. War es ihr das Risiko wert?
    "In Ordnung", antwortete sie knapp und mit etwas müder Stimme.
    Das Mädchen übersetzte und zu ihrer Überraschung wurde die Gruppe nach ein paar Befehlen losgebunden und etwas abseits des Lagers geführt. Die Stammesältesten ließen ein Feuer für sie entzünden und brachten ihnen etwas zu essen und zu trinken. Anschließend richteten sie wieder Worte an die Gruppe, die das Mädchen übersetzte: "Esst und schlaft. Es wartet eine anstrengende Reise auf euch. Morgen werdet ihr mit Proviant versorgt und wir werden der Dschinni die Formel nennen. Wagt ja nicht ohne das Ei zu uns zurückzukehren! Wir haben Möglichkeiten ..." Sie beendete ihre Drohung nicht, aber Jack zweifelte nicht daran, dass die Rache der Hariq sie treffen würde, sollten sie versagen. Etwas unbehaglich begann er seinen Eintopf zu essen. Aber mit vollem Magen und wärmendem Feuer waren die düsteren Gedanken schnell vertrieben. Morgen würden sie aufbrechen.

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    - F. Scott Fitzgerald

  • Am nächsten Morgen gaben die Nomaden Aljin tatsächlich das Geheimnis Preis. Und für einen kurzen Moment überlegte sie, ob es möglich wäre, die Nomaden zu hintergehen und sich am Ende mit der Lösung für ihr Problem, dem Phönixei und dem Geheimnis aus dem Staub zu machen. Auf nimmer der Wiedersehen. Was konnte so schlimm sein, was die Nomaden ihnen antun konnten, was sie als Gruppe nicht abzuschirmen wussten? Sie hatten immerhin eine ganze Stadt in Flammen aufgehen lassen.
    Wie viel Geld ließe sich wohl mit der geheimen Feuerformel erhalten? Wie viel bekam man für ein Phönixei? Während sie sich von den Nomaden verabschiedete, rechnete Aljin das Gold aus, welches sie in den Händen halten konnte. Und wer wusste schon, was es noch alles in der verlorenen Stadt zu finden gab.
    Aljin beschloss vorerst den Hariq nicht in den Rücken zu fallen, ließ die Möglichkeit aber nicht vollständig fallen und behielt es im Hinterkopf. Je nachdem wie ihr Ergebnis in Akrabria aussah.
    „Jetzt haben wir also die Formel", gab Codrac von sich. „Wie geht es nun weiter?“
    „Dreiauge sprach davon, dass die Krallen uns nach Akrabria führen, die Flammen in die Stadt. Aber wie genau funktioniert das mit den Krallen? Zermahlen wir diese und werfen sie dann in die Luft?“, meinte Jack. "Und ist es egal, wo wir den Staub in die Luft werfen?"

    "Kobrascheiße", stieß Aljin aus. "Das hätten wir den alten Sack fragen sollen." Es ärgerte sie, dass sie daran nicht gedacht hatte, aber der alte Mann hatte sie bis zur Aggression genervt.

    "Heißt das, wir laufen jetzt den ganzen Weg zurück?" Codrac sah erschüttert in die Runde.

    "Wie viele Krallen haben wir?", wollte Esme wissen.

    Aljin erschrak und wandte sich an die alte Frau. Esme hatte sie vollkommen vergessen.

    "Ein paar?", gab sie unsicher von sich.

    Die Hexe nickte und begann in ihrem Gepäck zu graben. "Dann zermalen wir eine oder zwei und schauen, was passiert. Dreiauge hat euch ja nicht gesagt, dass wir eine bestimmte Zahl brauchen, oder?"

    Aljin schüttelte den Kopf und im Nachhinein war auch das ein Grund dem Mann den Sand in den Hintern zu schieben, bis er zu den Ohren wieder herauskam.

    Scheinbar hatte keiner einen Einwand und Salem reichte der alten Frau das Bündel mit den Krallen.

    Esme betrachtete diese, suchte sich zwei heraus und schnitt diese von dem Fuß des Mantikor ab. Dem Gestank nach hätten sie das vielleicht schon eher machen sollen. In der Wüste war frisches Fleisch eher keine gute Idee. Oder zumindest blieb es nicht lang frisch.

    Ungeduldig und schwitzend stand die Gruppe mitten in der Sonne und sah der Hexe dabei zu, wie diese flüsternd mit dem Mörser die Krallen zermahlte.

    "Hoffentlich brauchen wir keinen Spruch oder dergleichen", murmelte Jack.

    Aljin wiegte den Kopf. "Ich könnte versuchen in der alten Sprache die Wüste zu bitten, uns den Weg zu weisen."

    "Das ist ein erbärmlicher Versuch", gab Jack von sich. Das wusste sie selbst.

    "Wir stehen schwitzend mitten in der Wüste und wenn es den Hauch einer Möglichkeit gibt, dass wir nicht nochmal zu diesem Dreiauge zurückkriechen müssen, nehme ich diese wahr." Aljin blitzte den Mann finster an.

    Als Esme fertig war, hielt sie Aljin das kleine Gefäß mit den zerstoßenen Krallen entgegen. Unsicher nahm Aljin diese in die Hand und schüttete sich den Staub in die hohle Hand. Anschließend blickte sie ihre Begleiter nochmals an. Diese zuckten ebenso unschlüssig die Schultern.

    "Hoffentlich ist die Tageszeit egal", grummelte sie noch, dann warf sie die Hand voll Krallenstaub in die Luft und bat die Wüste in der Sprache, die man ihr vor hunderten Jahren einmal beigebracht hatte, um ihre Mithilfe.

    Gespannt starrte die Gruppe mit angehaltenem Atem in den blauen Himmel und folgte mit den Augen der sich verpuffenden Staubwolke nach. Einen Moment schwebten die winzigen Partikel in der Luft, ehe sie sachte wieder nach unten fielen.

    Gerade als sie die Schultern hängen lassen wollte, kam ein sachter Wind auf, der den Staub aufwirbelte, ihn Spiralen und Kreise tanzen ließ. Im Licht der Sonne begann er förmlich zu leuchten, dann bewegte sich der Mantikorstaub wie eine luftige Schlange durch die Luft.

    Aljin grinste die anderen an, ehe sie dem Wegweiser nachlief.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Zielgerichtet schlängelte sich der Staub durch die Lüfte; über Dünen hinweg, an scharfkantigen Felsformationen vorbei, Oasen in weiter Ferne und jegliche Spur von lebensfreundlicher Zivilisation ignorierend. Zu keinem Zeitpunkt gönnte er der Gruppe, die ihm folgte, eine Pause, denn sobald sie für eine kurze Rast die Kamele anhielten, geriet der Wegweiser rasch an die Grenze ihrer Sichtweite. Sie mussten sich wahrhaftig auf einem magischen Pfand bewegen, erkannte Salem, der die ganze Zeit den Stand der Sonne beobachtete. Seit ihrem Aufbruch hatte sie bereits mehrmals den Zenit überwunden, ohne ein einziges Mal unterzugehen und die Wüste der Nacht zu überlassen. War es also derselbe Tage, an dem sie die Ruinen von Akrabria erreichten? Oder spielte die Magie dieses Ortes ihr eigenes Spiel mit der Zeit, um unerwünschte Besucher fernzuhalten?

    Gleich nach ihrem Aufbruch hatte Aljin die Flamme des Raschid Ibn Nishaat al-tamar an Salem weitergereicht, was nur Sinn ergab, da er als Feuermagier es vermutlich am ehesten zustande brachte, den uralten Feuerzauber zu wirken. Er studierte gerade Aljins Notizen, als er Codrac rufen hörte. „Seht! Dort vorn!“

    Salems Blick folgte dem Fingerzeig seines Gefährten und tatsächlich ragten Fundamente aus dem Wüstensand: Säulen, von Wind und Wetter abgeschmirgelte Überreste von Fassaden sowie einsame Torbögen ohne dazugehörige Bauten. Die Ausmaße deuteten auf einen Tempel, oder etwas vergleichbares, hin. Definitiv zu groß für ein einzelnes Haus – doch ebenso zu klein, für eine ganze Stadt.

    Der Wegweiser hielt direkt auf die kläglichen Überreste vergangener Kulturen zu und als er sie erreichte, zog er einige Kreise. Dann stoppte er abrupt in seinen Bahnen und rieselte als das, was er war, sacht zu Boden und vermischte sich mit der Wüste: Staub.

    Sie hatten Akrabria erreicht.

    „Das soll es also sein?“, erkundigte sich Jack und musterte dabei die eingefallenen Mauern, worauf Aljin meinte:

    „Die Spur endet hier. Wieso sollte sie das tun, wenn wir hier falsch wären?“ Gutes Argument. Folgte nun also der zweite Schritt: Die Fackeln mussten mit der Flamme entzündet werden. Erst dann würde die Ruinenstadt ihre Tore öffnen.

    Gleichzeitig mit den anderen, sattelte Salem ab. Offenbar spann Aljin denselben Gedanken zurecht, wie er und wies den Feuermagier auf zwei Säulen hin. An jeder von ihnen hing jeweils ein Fackelhalter, in denen ausgebrannte Fackeln steckten. Gut. So brauchten sie die Fackeln wenigstens nicht erst mühsam suchen. Salem hätte es wenig gewundert, wenn die Suche Bestandteil des Rituals gewesen wäre. „Hier hängen die Fackeln.“ Gleich darauf wollte Aljin von Salem wissen: „Denkst du, du kriegst den Zauber hin?“

    „Das wird sich gleich zeigen“, antwortete Salem. Anschließend konzentrierte er sich.

    Die Magie floss durch seinen Körper; Salem spürte die Hitze und das Kribbeln in seinen Nerven, zähmte den mystischen Strom, bündelte ihn, lenkte ihn. So, wie die Hariq es seit Jahrhunderten lehrten, beschwor er das Feuer, sich nach seinen Willen zu formen. Er hob die Hand, streckte sie den kalten Fackeln entgegen.

    Ein langer Moment verging.

    Und Salem nahm die Hand wieder herunter. „Offenbar nicht“, sprach er das offensichtliche aus. Tja. So viel dazu.

    Ungehalten warf Aljin ihre Hände in die Luft. „Was soll das heißen, 'offenbar nicht'?“

    „Es heißt, dass ich den Zauber nicht beherrsche.“

    „Aber du bist Feuermagier, verdammt! Du hast eine ganze Stadt bis auf ihre Grundmauern niedergebrannt und willst uns jetzt weis machen, zwei doofe Fackeln nicht anzünden zu können?!“

    Salem legte den Kopf schief. Er erklärte Aljin: „Ein durchschnittlich begabter Magier benötigt in der Regel die ersten Jahre seiner Ausbildung, ehe er einen simplen Feuerball kontrollieren kann. Ich wäre von mir selbst überrascht, hätte ich den Zauber der Hariq binnen so kurzer Zeit erlernt.“

    „Heißt das, wir sind umsonst hierher gekommen?“ Codrac sah skeptisch zu Jack, der wiederum Salem anschaute und meinte:

    „Aber wir sprechen hier von dir. Du bist nicht durchschnittlich. Meinst du nicht, du bekommst den Zauber doch noch hin?“

    „Ich werde es selbstverständlich weiter versuchen, anderenfalls wäre unsere Reise hierher völlig vergebens. Es könnte jedoch eine Weile dauern, ehe es so weit sein wird.“

    „Dann mach das“, warf Codrac ein, „und wir... warten so lange.“


    Und das taten sie auch.

    Lang.

    Sehr lang.

    Wie auch immer die Zeit an diesem Ort funktionierte, die Sonne ging nunmehr doch endlich unter. Ein kleines, auf klassische Weise entfachtes Lagerfeuer schenkte Licht und Wärme, derweil Salem seit Stunden die Fackeln anstarrte, dann und wann die Hand hob, um sie ergebnislos wieder zu senken. Er hörte Aljin frustriert prusten, weil er zum wievielten Male seine Magie konzentrierte, ohne die Fackeln in Brand zu stecken.

    Salem setzte erneut dazu an, den Zauber zu wirken, als er die Dschinni ausrufen vernahm: „Mir reicht's! Ich hau mich auf's Ohr! Das wird heute doch eh nichts mehr“ und sie sprang von ihrer Sitzgelegenheit – einem zusammengefallenen Mauersims – herab.

    In dem Moment schossen Flammen aus den Fackeln in die Höhe.

    Na bitte.

    Salem hatte es geschafft.

    Das wurde auch Zeit.