• Oh je... irgendwie hatte ich mir Astras und Nates Wiedersehen anders vorgestellt. Genau, wie sie bestimmt auch.

    Ich konnte ihre Wut und die Enttäuschung förmlich spüren und habe mit ihr gelitten. Einerseits kann ich Nate verstehen. Dass er das alles nicht noch ein weiteres Mal durchleben möchte, dass er seinen Frieden finden wollte...aber dennoch verhält er sich ihr gegenüber ungerecht. Aber in Anbetracht der Lage und dessen, was sie beide haben durchmachen müssen, liegen wahrscheinlich auch einfach die Nerven blank. Da ist man schon mal emotional und sagt Dinge, die man später bereut.


    Ich finde, das hast du hier in dieser Szene sehr schön eingefangen. ^^


    Kann weitergehen :gamer:

  • So. Ich habe auch wieder aufgeholt Kiddel Fee


    Post 313 - da passiert ja nicht viel. Sie warten halt alle. Ich bin gespannt, was das zu bedeuten hat, dass Ivy Nate jetzt sehen kann. Ob das mit Astras Licht zusammenhängt? Und das Rett so aufgewühlt ist, kann ich verstehen. Immerhin hat er während Nate in diesem Zustand war, für Ivy die Verantwortung übernommen und Astra war immerhin der Grund, warum die Gruppe überhaupt in diese Lage geraten ist.


    Zum aktuellen Teil - Mensch. Ich weiß gar nicht, wer mir hier mehr leid tut. Astra, weil sie von Nate so derb zurückgewiesen wurde. Oder Nate, weil er sein Wunsch, endlich Frieden zu finden, ihm verwehrt blieb :hmm:

    Aber ob die Veste ihn wirklich tot sehen will? Ich meine - die halten ihn doch nicht am Leben, um ihn dann wieder direkt aufs Schafott zu führen? Ich bin gespannt, wohin du uns noch führst :D


    LG

  • Nate kauerte in seinem Bett und versuchte, den inneren Aufruhr unter Kontrolle zu bekommen. Seine Wange brannte an der Stelle, wo Astra ihn berührt hatte, als hätte sie ihn geschlagen und die Haut seiner Finger gaukelte ihm vor, sie noch immer gepackt zu halten.
    Ihre letzten Worte hingen im Zimmer und selbst das hämisch klingende Piepsen der Überwachung schien sie nicht vertreiben zu können. Ein kleiner Teil in ihm empörte sich, dass sie ihn einen Idioten geheißen hatte. Doch der Schock über das, was sie eigentlich gemeint hatte, saß tiefer. Und am tiefsten war das Gefühl in seinem Herzen, die Erkenntnis, dass es ihm ebenso ging.
    Am liebsten wäre er aufgesprungen und ihr hinterhergelaufen, um sich für seine Worte zu entschuldigen. Doch das ging nicht. Schließlich kannte er sich hier überhaupt nicht aus und außerdem - das hatte er vorhin ernst gemeint - hing noch immer ein Todesurteil über ihm. Es war unwahrscheinlich, dass der Veste seine Identität verborgen geblieben war, sicherlich hatte der Hort sofort eine Fahndung eingeleitet. Früher oder später würde er wieder vor einem Henker stehen. Und möglicherweise nicht nur er, auch die, welche ihm geholfen hatten …
    Das Zimmer um ihn herum schien kleiner zu werden und die Wände erweckten den Eindruck, auf ihn zuzurutschen, als er an Ivy dachte. Ihr Gesicht, als sie gehört hatte, was ihm alles vorgeworfen wurde …
    Nein, das durfte nicht noch einmal passieren.
    Entschlossen fuhr seine Hand an seine Brust und riss mit einem heftigen Ruck die Überwachungskabel ab. Empört schrillte der Alarm, doch er fuhr herum und seine Finger fanden schnell das richtige Bedienfeld auf dem Monitor, um das Gerät zum Schweigen zu bringen. Die Elektroden klackerten leise, als er sie achtlos auf den Boden neben sich warf und die Beine aus dem Bett schwang. Ein leichtes Ziehen in seiner Ellenbeuge machte ihn auf die Infusion aufmerksam, an der er ebenfalls noch hing, doch auch diese war schnell entfernt und tropfte nun auf das Laken.
    Seine Kleidung lag gewaschen und gefaltet auf einem kleinen Tisch. Er zog sie über und bekam langsam wieder das Gefühl, er selbst zu sein, trotz der verrückten Umstände, in die er hineingeraten war.
    Als er die verschlissene Jacke überstreifte, ging die Tür auf und eine Schwester mit kam herein. Für einen Moment starrte sie ihn verdattert an. “Aber … Sie sind ja wach.”
    “Bin ich.” Nate ruckte am Reißverschluss, der sich verhakt hatte. “Und ich fühle mich ausgeruht und gesund.”
    “Aber Sie …” Hilfesuchend sah die ältere Frau über die Schulter, als würde sie ärztlichen Beistand gegen solchen Übermut suchen.
    “Bitte, Schwester. Ich muss unbedingt jemanden finden.”
    Ihr Gesicht wurde grimmig. “Sie sind Patient und ohne Rücksprache mit einem Arzt gehen Sie nirgendwo hin. Bitte legen Sie sich wieder ins Bett.”
    “Hören Sie.” Mit zwei Schritten durchquerte er das Zimmer und legte die Hand auf ihren Arm. “Ich bin sofort wieder da, ich schwöre es. Ich … muss nur kurz nach jemandem sehen, um glauben zu können, dass es ihm wirklich gut geht.” Er ließ seine Stimme ein wenig zittern und blickte sie bittend an. “Es wird gar niemand merken, dass ich fort war.”
    Sie zögerte. “Also das liegt eigentlich nicht in meiner Befugnis.”
    “Bitte.” Sorgfältig dosierte er die Hoffnung in seiner Stimme, mischte einen Hauch Verzweiflung und eine Prise Wehmut mit hinein und sah in ihren Augen, dass dies Wirkung zeigte.
    “In Ordnung. Wissen Sie, wohin Sie gehen müssen?”


    “Willst du uns nicht endlich verraten, was es mit Ivy auf sich hat?”
    Die Tür schloss sich hinter Thyras und er erstarrte, als Astras Stimme hinter ihm erklang. Hilflos blickte er auf die holografischen Portraits der acht Menschen, die seines Wissens nach ein Element in sich trugen. Vier leuchteten - Astra, Artax, Su und Atesch. Vier waren erloschen - Tenebris, die Zwillinge und …
    Er drehte sich langsam um.
    Astra stand direkt an der Tür, die sich glücklicherweise hinter ihr wieder geschlossen hatte.
    Erleichtert dachte er, dass so zumindest nicht die ganze Veste Zeuge der Szene werden würde, die nun unweigerlich folgen musste.
    Thyras atmete einmal tief durch. “Wie kommst jetzt du darauf?” Er merkte selbst, dass seine Stimme nicht so ruhig klang, wie sie sollte. Gleichzeitig pochte sein Herz schneller und die Handflächen wurden schweißnass.
    Astra schien ebenfalls sehr aufgeregt zu sein. Sie schloss die Augen und wirkte, als würde sie angestrengt in sich hineinhorchen. Dann blinzelte sie kurz und sah Thyras an. “Ich kann Nate auch sehen. Es ist mir aufgefallen, als ich gerade eben noch einen Moment vor seiner Zimmertür gestanden habe. Diese - Präsenz, die das Licht in ihm darstellt … die erkenne ich.”
    Thyras wusste nichts zu sagen. Wortlos saß er da und starrte die junge Frau an.
    “Und ja, Ivy sehe ich ebenfalls. Ich spüre, wo sie ist. Wie soll ich es erklären …? Es ist so, als würde das Licht in ihnen mich rufen, wenn ich die Augen schließe. Und diesem Rufen nachgehe, erkenne ich die beiden. Ihre Körper leuchten, als wären sie bis zum letzten Haar mit Licht ausgekleidet. Ich weiß, dass Ivy in einem der Zimmer den Gang runter ist.”
    Für einen Moment herrschte Schweigen.
    Thyras musterte Astra bekümmert. Er hatte geahnt, dass er irgendwann erklären musste, was es mit Ivys besonderer Begabung auf sich hatte. “Ich fürchte, es ist an der Zeit, euch einiges zu sagen. Hol Su und Atesch. Und ich denke, Rett müssen wir auch dazubitten, vielleicht kann Victoria solange auf Ivy achten. Aber der Mechaniker hat ein Recht darauf, alles Nötige zu erfahren.”

    Ein paar Minuten später waren sie alle in seinem kleinen Quartier versammelt. Astra und Su hockten auf dem Bett, daneben stand Atesch mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt. Den zweiten Hocker hatte Rett genommen, während Thyras selbst am Schreibtisch sitzen blieb.
    Seine Besucher blickten ihn abwartend an. Keiner sagte etwas, also schien Astra ihren Verdacht noch für sich behalten zu haben.
    Kurz schloss Thyras die Augen und ließ zu, dass all die Gefühle, die er jahrelang wohl verschlossen in sich getragen hatte, für einen Moment freikamen und ihm helfen konnten, seine Geschichte zu erzählen.
    “Lange vor dem Krieg, als die Menschen noch zahlreich waren, wurde der Hort des Wissens gegründet. Ich war damals noch ein junger Mann, doch bereits ein brillianter Kopf und so ging ich in diese Forschungsanstalt, als mich meine Regierung darum bat. Es herrschten noch andere Regeln, gerade was das Zusammenleben anging. Erst kurz zuvor hatte ich geheiratet und meine Frau kam mit mir. Unsere kleine Tochter wurde im Hort geboren.”
    Er wandte den Kopf und tippte auf das Datenpad. Ein Familienfoto leuchte auf, blassblau im Halbdunkel des Zimmers leuchtend - ein Mann mit gepflegtem Bart, eine Frau mit einem warmen Lachen und ein kleines Mädchen von etwa drei, vier Jahren.
    “Ivy!?” Rett sprang auf, als er das Bild sah und kam so nahe an den Schreibtisch, dass seine Nase beinahe das Hologram berührte. “Das ist doch nicht möglich. Das kann niemals Ivy sein!”
    Sus Augenbrauen waren in die Höhe geschossen, die ihres Partners bildeten einen grimmigen schwarzen Strich. Nur Astra sah man nichts an. Mit einem zur Maske erstarrten Gesicht saß sie da und schwieg.
    “”Beruhige dich, mein Freund.” Thyras berührte Rett sanft am Ellenbogen und der kehrte langsam an seinen Platz zurück. Nicht ohne die Projektion immer wieder misstrauisch anzustarren.
    “Natürlich ist es nicht Ivy. Dieses Bild ist ungefähr vierunddreißig Jahre alt. Es zeigt mich, meine Frau, die kurz darauf verstarb, und meine Tochter.”
    Jetzt schien Rett regelrecht in sich zusammenzufallen. Entgeistert schüttelte er den Kopf. “Deswegen hast du so reagiert, als du Ivy das erste Mal gesehen hast. Nicht nur, weil sie einem Kind aus dem Hort ähnelt, sondern weil sie deiner eigenen Tochter bis aufs Haar gleicht.”
    “Und diese Ähnlichkeit kommt nicht von irgendwo her.” Thyras wartete, bis Rett ihn wieder direkt ansah. “Der Name meiner Tochter war Caroline.”
    “Caroline!” Jetzt kam Leben in Astra, sie war aufgesprungen und starrte das Bild an, als würde dies jeden Moment in Flammen aufgehen. “Caroline? Ivys Mutter war deine Tochter? Ivy ist deine Enkelin?”
    Thyras nickte langsam. “Ja, so ist es. Natürlich bräuchte es noch einen Bluttest, aber schon allein die optische Ähnlichkeit ist sehr überzeugend. Und da ist noch etwas ... “ Kurz verstummte er, weil auch nach all den Jahren der Schmerz seine Krallen tief in sein Herz zu schlagen schien. “Als Caroline den Hort mit neunzehn Jahren verließ, hat sie mir ein Versprechen gegeben. Was auch immer den Weg zu mir finden würde, wenn sie es gesandt hatte, würde ich es erkennen. Und dieses Mädchen … trägt den Namen meiner toten Frau, Carolines Mutter. Ein deutlicheres Zeichen brauche ich nicht.”
    Schockiertes Schweigen. Rett hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Su schluckte mehrmals hörbar.
    “Und weißt du auch, warum die Kleine Astra und Nate sehen kann?”, fragte Atesch mit kritischer Miene.
    Jetzt kam der pikante Teil. Thyras hatte keine Ahnung, wie die jungen Menschen vor ihm auf seine Offenbarung reagieren würden. Aber sicher war es besser, nicht allzu lange um den heißen Brei herumzureden.
    “Ivy kann das Licht in anderen sehen, weil sie es selbst in sich trägt.” Er sah Astra an, um ihre Reaktion auf die folgenden Worte nicht zu verpassen. “Sie ist eine Elementale des Lichts, genau wie Astra - und genau wie ihre Mutter.”

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


    Meine Geschichte

    Elemental

  • “Ivy kann das Licht in anderen sehen, weil sie es selbst in sich trägt.” Er sah Astra an, um ihre Reaktion auf die folgenden Worte nicht zu verpassen. “Sie ist eine Elementale des Lichts, genau wie Astra - und genau wie ihre Mutter.”

    Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie befriedigt mich das nicht - was nicht heißt, dass es keine coole Entwicklung ist :)

    Sagen wir mal so - die Offenbarung hat mich nicht überrascht, obwohl ich sowas jetzt auch nicht geahnt habe - seltsam, oder?


    Jedenfalls frage ich mich gerade, wie das passiert ist. Es war doch immer Thyras, der das Element in die Körper eingesetzt hat, oder? Wie konnte das denn bei Ivy passiert sein, die ja zu dem Zeitpunkt gar nicht im Hort gewesen sein konnte? Es sei denn, Thyras hat das Element damals bei Caroline eingepflanzt und diese ... Veränderung dann an Ivy weitervererbt? Du hast zwar nie geschrieben, dass das möglich ist, aber mal schauen :D


    LG

  • Jedenfalls frage ich mich gerade, wie das passiert ist. Es war doch immer Thyras, der das Element in die Körper eingesetzt hat, oder? Wie konnte das denn bei Ivy passiert sein, die ja zu dem Zeitpunkt gar nicht im Hort gewesen sein konnte? Es sei denn, Thyras hat das Element damals bei Caroline eingepflanzt und diese ... Veränderung dann an Ivy weitervererbt? Du hast zwar nie geschrieben, dass das möglich ist, aber mal schauen

    ich tippe auch auf weitervererbt, weil Fee mal schrieb, dass es eine genetische Veränderung auslöst, wenn das Element eingsetzt wird. Aber ich gehe davon aus, dass Thyras sich nicht bewusst war, dass das Element vererbt werden kann, bis er Ivy getroffen hat :)

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Kiddel Fee


    Es gefällt mir sehr gut, wie Nate da entgegen jeglicher Vernunft aus dem Krankenzimmer flieht, weil er es bereut, Astra derart angefahren zu haben. :thumbsup:

    Die Offenbarung von Thyras kam jetzt nicht mehr ganz so überraschend, da man ja schon ahnen konnte, dass es da irgendeine Art von Verbindung zwischen ihm und Ivy geben muss. Dann ist er also der Großvater. Okay.

    Was neu war, ist die Info, dass Ivy ebenfalls eine Elementale des Lichts ist. Eine ganz interessante Entwicklung. Bin gespannt, was sie noch alles aufdecken werden :gamer:

  • Meine Damen, meine Herren, ich bin mit dieser Story quasi auf der Ziellinie und muss nun ganz genau aufpassen, keinen Murks zu verzapfen, auf dass am Ende nicht alle schreien : "hä?! das geht ja gar nicht!"

    Von daher seht es mir großzügig nach, wenn die Abstände des Postens ein bisschen größer werden^^



    Schwarz und Weiß


    Astra saß ganz still und spürte das Licht tief in sich. Seit sie in Nates Bewusstsein all ihre Kraft eingesetzt hatte, fühlte sie eine besondere Bindung zu ihrer eigenen Gabe. Ihre Fähigkeiten waren gewachsen, geradezu explodiert. Und jetzt wohnte das Licht nicht nur in ihr, sondern auch in Nate. Sie musste bei dessen Rettung einen Teil des Lichtes in ihm zurückgelassen haben. Deshalb sah sie ihn. Und auch Ivy. Es war nur natürlich.
    Als sie de Kopf hob, war es, als hätte jemand die Lautstärke wieder hochgedreht.
    “Wie kann das sein?” Atesch klang grimmig. “Wieso gibt es noch mehr wie uns?” Er war zwei Schritte auf Thyras zugegangen, doch Su streckte den Arm aus und hielt ihren Partner zurück.
    “Ich bin sicher, Thyras kann es erklären. Beruhige dich.” Ihre Stimme klang leise, doch Atesch leistete ihr Folge und kehrte schweigend an seinen Platz zurück.
    Astra konnte ihn verstehen. Ihr Mentor hatte ihnen mehrmals versichert, wie einzigartig ihre Fähigkeiten waren. Dass es Menschen wie sie noch niemals gegeben hatte, dass sie allein zum ersten Mal das unbekannte Neuland einer Manifestation betreten hatten, dass alle Hoffnungen auf ihnen ruhten … und nun stellte sich heraus, dass seine Tochter ebenfalls schon über diese besondere Kraft verfügt und diese scheinbar sogar weitervererbt hatte.
    Thyras erhob sich, langsam. Auf einmal sah er uralt und müde aus. Mit einer Armbewegung holte er das Hologrambild seiner Familie vor sich, ließ es in der Mitte des Raumes schimmern. Seine Hand wischte über das Foto und acht Portraits flammten auf. Er tippte auf das letzte und eine junge Frau mit hellen Haaren und ernster Miene blickte zu ihnen heraus.
    “Meine Tochter war die erste Elementale.” Ihr Mentor rieb sich über die Stirn und seufzte. Kummervoll sah er auf das Bild. “Sie konnte das Licht nur schwer beherrschen. Wann immer sie aufgewühlt war, explodierte die Kraft in ihr und richtete um sie herum Schaden an. Drei hervorragenden Wissenschaftlern hat ein solcher Ausbruch das Augenlicht genommen.”
    “Das Augenlicht -”, wiederholte Rett tonlos.
    Thyras nickte traurig. “Caroline war sich dieses Problems durchaus bewusst und beschloss, den Hort des Wissens zu verlassen, bevor noch mehr Menschen ihretwegen leiden mussten. Sie nahm einen meiner Leute mit, dem sie vertraute und der das Talent hatte, sie bei emotionaler Unruhe durch Worte allein beruhigen zu können. Gemeinsam zogen sie los und ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Bis jetzt.”
    Der alte Mann schaute zu dem Mechaniker hinüber. “Der Name dieses Mannes war Gregory.”
    “Ivys Vater”, bestätigte Rett.
    “Ich kann nicht erklären, warum sie letztenendes in den Downs gelandet sind.” Leise seufzte Thyras. “Warum nur haben sie ausgerechnet den Ort aufgesucht, wo die meistens Menschen leben, wenn Caroline mit ihrer Gabe doch niemanden in Gefahr bringen wollte?”
    “Ihr könnt es nicht verstehen.” Rett hatte plötzlich die Fäuste geballt und war aufgestanden. “Nach dem Krieg herrschte das Chaos. Die Welt war verbrannt, die letzten Bodenschätze und alles, was annähernd verwertbar war, wurden von den Siegern mitgenommen - in den Hort, in die Veste. Es gab keinen anderen Ort mehr, an dem ein Überleben überhaupt möglich war. Alle Menschen trieben dorthin, früher oder später …” Er verstummte.
    Auch die anderen schwiegen, denn sie erkannten, dass er recht hatte. Sie konnten es nicht verstehen, denn sie waren in dieser Zeit im Hort in Sicherheit gewesen.
    “Wenn deine Tochter solche - Ausbrüche hatte und Ivy blind ist …?” Sus halbe Frage hing in der Luft, aber sie schien nicht sicher zu sein, ob sie diese stellen durfte.
    Ihr Mentor nickte. “Ja, ich denke, dass Carolines Licht für Ivys Blindheit verantwortlich ist. Ihre Augen sprechen eine klare Sprache, die Schädigung ihrer Netzhaut ist eindeutig auf eine massive Blendung zurückzuführen. Was genau passiert war, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben … aber ist es sicher, Rett, dass die beiden tot sind?” In seinen Augen mischten sich Hoffnung und Trauer.
    Rett schüttelte leicht den Kopf. “Es tut mir leid, ich habe die beiden niemals gesehen. Nate hat Ivy mit zu uns gebracht und erklärt, dass ihre Eltern verstorben sind. Wie, weiß vermutlich nur er.”
    In Astra schoss Übelkeit hoch. Sie wusste, was Greg mit seiner toten Frau angestellt hatte. Die Vorstellung, dieses Wissen mit Thyras teilen zu müssen, trieb sie auf die Füße. “Entschuldigt mich, ich - muss kurz raus”, presste sie noch hervor, dann hastete sie an ihren Freunden vorbei und stürzte aus dem Zimmer.


    Thyras sah Astra nachdenklich nach. “Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie es spürt. Sie und die Kleine sind durch das Licht verbunden.”
    Rett hatte auf den Fußboden gestarrt und jetzt stand auch er auf. “Wieso haben wir es nicht bemerkt? All die Jahre hindurch … wieso hat Ivy nicht diese … Ausbrüche?”
    “Das kann ich nicht sagen. Vielleicht, weil es Ivy nicht aufgezwungen wurde. Das Licht ist von Geburt an, vom Moment ihrer Zeugung an, in ihr gewesen. Es bildet einen Teil von ihr und wurde nicht nachträglich hinzugefügt. Sie befindet sich demnach in völligem Einklang mit ihrem Element, das merke ich daran, dass sie Astra sofort erkannt hat. Aber nicht umgekehrt.”
    “Wieso sieht Astra die Kleine auf einmal?” Atesch kratzte sich nachdenklich den dunklen Bart.
    “Astra hat ihre Kraft in dem Moment akzeptiert , in dem sie willens war, Nate damit zu retten. Sie sperrt sich nicht mehr gegen die Präsenz in sich, sondern nutzt sie bewusst und in voller Stärke. Außerdem -” Thyras strich sich über die Schläfen, die mittlerweile zu hämmern begonnen hatten, “- außerdem kann Astra normal sehen. Vielleicht wäre ihr das Licht um Ivy schon eher aufgefallen, wenn sie selbst blind wäre. Aber so hat sie sicher nie darauf geachtet. Und -”
    Es klopfte an der Tür, schnell und drängend.
    Oh nein, schoss es ihm durch den Kopf, nicht ausgerechnet jetzt. “Herein!”, rief er und erhob sich.
    Sergeant Benedict kam schnellen Schrittes in das Zimmer. “Meister Thyras, der Rat des Hortes ist vor etwa zehn Minuten in der Veste eingetroffen. Und wie von Ihnen befürchtet, war der junge Mann in Schwarz mit dabei.”
    “Artax!” Su spie diesen Namen regelrecht aus.
    “Ivy …” Rett war blass geworden. Im Nu waren alle auf den Beinen.
    Thyras hob die Hand. “Rett, sieh nach der Kleinen. Sergeant Benedict, bitte begleitet ihn, soweit es möglich ist. Su, Atesch, wir suchen Artax. Er ist gefährlich und darf hier nicht einfach herumlaufen. Die Soldaten sind gegen seinen Hass chancenlos.”

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    Im Mund.

    Quer.

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    Elemental

  • [Spoiler=Eine Kleinigkeit]

    “Warum nur haben sie ausgerechnet den Ort aufgesucht, wo die meistens Menschen leben, wenn Caroline mit ihrer Gabe doch niemanden in Gefahr bringen wollte?”

    meisten

    [Spoiler]


    Das mit dem im Einklang sein, weil von Anfang an vorhanden klingt logisch :)
    Da hat Vic einiges verpasst :panik:
    Und gut zu wissen, dass Astra ihre Kraft mittlerweile akzeptiert hat und auch gewillt ist sie einztusetzen.
    Gerade jetzt wo Artax um die Ecke ist X/

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    - F. Scott Fitzgerald

  • Jap. Klingt logisch bis hierin Kiddel Fee :D


    Das größte Problem wird jetzt wohl Artax werden, der da auf die Truppe zumaschiert, die sich gerade so wunderbar zerstreut hat :hmm:

    Ob's da jetzt einen epischen Endkampf zwischen Licht und Dunkelheit geben wird, nachdem Astra ihre Kräfte akzeptiert hat. Das wäre ziemlich cool :smoker:


    Ich bin gespannt. Da du dich auf der Zielgeraden befindest, dürfte die Antwort ja nicht lange auf sich warten lassen :)


    LG

  • Hey Kiddel Fee ,


    ja, die Erklärung klang logisch und nachvollziehbar.

    Am Ende habe ich mich gefragt, ob sie nicht mit Artax Erscheinen rechnen mussten. Es macht nicht den Eindruck, als hätten sie irgendwelche Vorsichtsmaßnahme ergriffen oder sich darauf eingestellt. Zumindest ist das bislang nicht erwähnt worden. Haben sie sich tatsächlich in der Veste in Sicherheit gewogen? Der Einzige, der dem Braten nicht getraut hat, war Nate. Aber auch er war lediglich davon ausgegangen, dass die Veste ihn seiner alten Verbrechen wegen anklagen würde, dass Artax ihn jagen und finden würde, hatte er offenbar auch nicht auf dem Schirm. :hmm: Oder irre ich mich jetzt?


    Vielleicht habe ich auch irgendwas überlesen oder kann mich ganz einfach nicht mehr daran erinnern.

  • Astra lief durch die Gänge und versuchte, ihre tobenden Gedanken unter Kontrolle zu bekommen. Die Enthüllungen ihres Mentors, die Tatsache, dass Ivy ebenfalls eine Elementale des Lichtes war und das Geheimnis um den Tod von Caroline mischte sich in ihrem Kopf zu einem wilden Faktenchaos und ließ ihren Körper vor Anspannung zittern.
    Die Elementalen von Licht und Dunkelheit konnten ihr Element spüren und sehen, sobald andere dieses ebenfalls in sich trugen.Auf diesem Wege hatte Artax sie in den Downs gefunden, wenn auch nicht punktgenau und nur verzögert. Er spürt die Dunkelheit und weil sie einen Teil in sich hatte, wusste er irgendwann, wo sie sich versteckt hatte.
    Sie hob den Arm und blickte in ihre Ellenbeuge. Jetzt war das Zeichen fort. Die kleine Menge Finsternis, die ihr beim Neutralisationsversuch injiziert wurde, musste wohl vernichtet worden sein , als sie ihre ganze Kraft aktiviert hatte, um Nate zu retten.”
    Beim Gedanken an den jungen Mann im Lazarett stach es wieder unangenehm in ihrem Bauch. Sie hatten vorhin alle beide harte Worte gebraucht und sie selbst für ihren Teil bereute, was sie gesagt hatte.
    Entschlossen ging sie zum nächsten Aufzug und wählte den Krankentrakt an.


    Die Tür zum Lazarett surrte langsam auf. Astra eilte in den langen Gang hinein. Hinter den gläsernen Fenstern war niemand, alle Betten standen sorgsam aufbereitet da. Kein Patient und kein Mediziner war zu sehen. Es herrschte Ruhe um diese Mittagszeit.
    Sie erreichte Nates Tür und für einen Moment zögerte sie wieder. Doch der Wunsch, von ihm verstanden zu werden, siegte. Der weiße Kunststoff glitt auf ihren Knopfdruck hin leise sirrend zur Seite.
    “Nate!”
    Zwei Schritte ins Zimmer hinein hatten ihre Füße schon von selbst getan, bevor sie begriff, was sie sah.
    Nates Bett war leer. Die Bettdecke lag ohne eine Falte akkurat zusammengelegt am Fußende der Matratze, die Paddles der Überwachung ruhten an ihren Kabeln über den ausgeschalteten Überwachungsmonitor gehängt. Ein Blick auf den jetzt leeren Tisch, auf dem bis zuletzt noch Nates Kleidung gelegen hatte, vervollständigte das Bild.
    Nate war fort.
    Enttäuschung und Empörung schossen in ihr hoch. Nate war gerade erst von einem schweren Fieber genesen. Dann hatten sie sich gestritten. Und jetzt fiel ihm nichts besseres ein, als bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu türmen? Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. “Du elender Idiot! Wo bist du hin?”
    “Suchst du deinen Liebsten?” Die Stimme hinter ihr, kalt wie Eis, schien ihren Rücken hinaufzukriechen und jeden Muskel zu lähmen. Mit äußerster Anstrengung drehte sie den Kopf.
    Artax stand neben dem Türrahmen, mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt. Sie musste direkt an ihm vorbeigestürmt sein. Seine hellen Augen waren schmal, sein Blick eisig und er strahlte eine tödliche Bedrohung aus. Zu seinen Füßen lag eine reglose Krankenschwester, die mit schwarzen Augen an die Decke starrte.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


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    Elemental

  • Die kleine Menge Finsternis, die ihr beim Neutralisationsversuch injiziert wurde, musste wohl vernichtet worden sein , als sie ihre ganze Kraft aktiviert hatte, um Nate zu retten.

    Da haben sich ein paar Gänsefüße eingeschlichen :)

    Und :party: Astra ist die DUnkelheit los! :D ird auch langsam Zeit, dass sie erkennt, zu was sie fähig ist :hmpf: Ich hoffe, die Tatsache, dass sie das Mal los ist, hilft ihr dabei.

    Zu seinen Füßen lag eine reglose Krankenschwester, die mit schwarzen Augen an die Decke starrte.

    Oh nein! Astra kann sie hoffentlich retten! :panik:

    Artax ist so ... widerlich!


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  • Da haben sich ein paar Gänsefüße eingeschlichen

    Das lag daran, dass das ursprünglich mal ein Monolog war, der aber dann umgewandelt wurde - Überbleibsel :)


    Das wollte ich dich beim letzten Mal schon fragen: Was ist das? XD *hat medizinisch keine Ahnung

    Das sind die Klebeelektroden, die für ein EKG oder so auf Arme und Brust geklebt werden.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


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  • Miri , Rainbow , danke für eure Kommentare. Es hilft mir sehr, wenn ihr mir Einblick in eure Gefühls- und Gedankenwelt gebt während des Lesens, dann weiß ich, ob ich die Story richtig rüberbringe. Weiter so!


    Es geht gleich weiter !


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    “Er war hier, nicht wahr? Hat er überlebt, dein teurer Kendall? Hast du einen Weg gefunden, sein wertloses Leben noch ein wenig zu verlängern?”
    Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, doch angesichts des Hasses, der plötzlich in der Miene ihres Gegenübers aufloderte, fehlten ihr die Worte. Gleichzeitig erlosch ihr Zorn auf Nate wie eine Kerzenflamme im Wind und machte Dankbarkeit Platz, weil ihr Freund abgehauen war, bevor Artax ihn hatte erwischen können.
    Der blonde Mann kam näher, schlenderte fast beiläufig zu ihr herüber. “Ich will deinen Teil des Versprechens einfordern, Astra.”
    “Lügner!” Sie glaubte ihm kein Wort. Die Abneigung in ihm war nicht zu übersehen. Gewiss musste er wegen ihres Handels hier aufgetaucht sein, doch nicht, um ihn einzulösen. Nein, er war hier, um sie und Nate zu strafen. Dafür, dass sie nicht nach seinen Regeln gespielt hatten, dass Artax seinen Willen nicht bekam. Der Elementale der Dunkelheit wollte Rache.
    Doch diese würde sie ihm nicht gönnen.
    “Was denkst du, Astra? Erst du, dann dein Freund? Oder soll ich erst ihn erledigen und dich dann mit den pikanten Einzelheiten seines Todes bekannt machen?”
    Voller Abscheu trat sie einen Schritt beiseite und zwei zurück, vergrößerte den Abstand zwischen ihnen. Furcht streckte die Krallen nach ihr aus. Selbst wenn sie die Trägerin des Lichtes war, er besaß die Finsternis und in seiner verkommenen Seele gab es keinerlei Hemmungen, diese mit aller Kraft einzusetzen. Sie mochte ihn aufhalten können, doch sie hatte Angst vor dem, was sie bis dahin alles sehen würde.
    “Sieh dich an, Astra. Noch immer fürchtest du dich vor mir.” Er sprach leise, fast mitfühlend, doch in den kalten Augen fehlte der übliche Spott. “Und du hast allen Grund dafür.”
    Sie spürte den Türrahmen in ihrem Rücken und im gleichen Moment schien Artax zu explodieren. Die Dunkelheit schoss aus ihm heraus wie Wasser aus einem geplatzten Rohr. Schwärze erfüllte das Zimmer. Binnen eines Lidschlags konnte sie nichts mehr erkennen. Finsternis lähmte ihre Augen, verstopfte ihre Ohren und schien sich wie ein Knebel um Mund und Nase zu legen. Eisige Kälte umströmte sie, greifbare, dicke Finsternis.
    “Fürchte dich, Astra”, klang es dumpf aus der Nacht um sie herum. Fast schien es, als wollte die Dunkelheit in sie hineinkriechen. Kalt und schwarz drang sie wie Gift immer tiefer …
    “Nein!” Wut rauschte durch ihren Körper. Zwei strahlende Lichtkugeln erschienen rechts und links von ihr, dort, wo ihre Hände sein mussten. Sie flammten auf und zerrissen die Finsternis um sie herum wie fadenscheinige Lumpen. Die Kälte wich, der Druck schwand von ihren Ohren und aus der Schwärze um sie herum schälten sich erneut die Umrisse des Zimmers.
    Zum ersten Mal erlebte sie am eigenen Leib, welche Kraft in Artax wohnte und was er in der Lage war, zu tun. Ihre Wut wich erneut der Furcht, die unangenehm in ihrem Bauch stach. Sie durfte sich nicht überrumpeln lassen. Die Überlegenheit ihres Elementes reichte nicht, denn an die Rohheit und Gewaltbereitschaft ihres Gegners kam sie nicht heran.
    Und wieder schien er ihre Gedanken zu erraten.
    “Das ist der Unterschied zwischen dir und mir, Astra. Wir verfügen beide über unglaubliche Gaben. Doch du bist zu gutmütig, um die volle Stärke der deinen auszuschöpfen, du weigerst dich, dein Potenzial zu nutzen und dir vorzustellen, was alles möglich ist. Hemmungen und falsche Scheu werden dich immer fesseln, weil du nicht wagst, weiterzugehen. Du bist schwach!”
    Er streckte die Hand aus und schwarze Tentakel zischten ihr entgegen. Wie glitschig kalte Schlangen flochten sie sich um ihren Hals und drückten ihr die Kehle zu, langsam, fast genüsslich. Entsetzt schnappte sie nach Luft, doch kein rettender Atem wollte ihre Lunge füllen. Im Nu trübte ihr Sichtfeld ein und die Beine gaben nach. Mit einem dumpfen Laut fiel sie auf die Knie.
    “Siehst du, was ich tun kann?” Er kam zu ihr und sah zu, wie ihre Finger gegen die Finsternis an ihrer Kehle ankämpften, diese jedoch nicht greifen konnten. “Im Gegensatz zu dir habe ich keine Skrupel, die Dinge zu machen, die ich will.” Beiläufig hob er die Rechte und strich ihr eine lose weiße Strähne hinters Ohr. “Ich kann dich berühren. Ich kann dich töten. Was auch immer mir einfällt - du wirst mich nicht daran hindern können, weil du schwach bist.”
    Die Berührung seiner Fingerspitzen schien sengende Spuren auf ihrer Wange zu hinterlassen. Ihr Ekel wuchs zu einer übermächtigen Größe heran und wandelte sich zu heißem Zorn. Sie spürte, wie das Licht in ihr drängte, wie es an der Stelle des Hautkontakts aus ihr herausquoll wie Schweißtropfen und an ihr entlang floss. Wasser gleich flutete es über ihr Gesicht, schoss an der gequälten Kehle herab über Bauch und Brust. Die Schattenschlangen, die ihr die Luft nahmen, mussten weichen, verschwanden in ihrem gleißenden Licht. Das Leuchten umhüllte sie wie eine strahlende Rüstung.
    Artax schrie, als hätte er sich verbrannt, und sprang einige Sätze zurück. Er riss die Hände vors Gesicht und kniff die Augen zu, um der Helligkeit zu entkommen und stolperte beinahe rückwärts über Nates verwaistes Bett.
    Voller Verachtung sah Astra auf ihn hinab. “So einfach wirst du es nicht haben. Du warst mir ein unfreiwilliger, aber guter Lehrer.”
    Ein anerkennendes Lächeln huschte über sein Gesicht und seine Augen blitzten. Langsam erhob er sich und klopfte den nicht vorhandenen Staub von seinen Ärmeln. “Ich bin beeindruckt. Kaum zu glauben, dass du dich wehrst.” Hass trat in seine Augen. “Aber denke nicht, dass du auch nur den Hauch einer Chance gegen mich hast.”
    Erneut füllte sich der Raum mit Finsternis, doch dieses Mal reagierte sie schneller. Ihr Laser fuhr durch die Schwärze wie ein Schwert und trennte den Schatten von der befehlenden Hand seines Herrn. Eine weitere Lichtkugel zerfetzte die dunklen Schwaden und vertrieb jeden einzelnen Rest von Artax’ Attacke. Auch einen zweiten und dritten Angriff wehrte sie ab. Ihre Gabe harmonierte perfekt mit ihren Gedanken, ja, sie schien diese nicht einmal ausformulieren zu müssen. Es war, als würde die Kraft in ihr erkennen, was zu tun war, und von selbst agieren. Die Finsternis erreichte sie nicht mehr.
    Artax hatte die Fäuste geballt und keuchte leicht, während sein Blick an ihr entlang glitt auf der Suche nach einem Schwachpunkt. Es wäre der perfekte Augenblick für einen Angriff ihrerseits - doch Astra konnte nicht. Sie hatte kein Problem damit, seine Schläge zu parieren, aber selbst auf ihn losgehen wollte sie nicht - zu groß war ihre Sorge, ihn mit ihrer Gabe vielleicht zu töten.
    Artax hatte damit kein Problem. Er schrie wütend und sprang auf sie zu, streckte beide Hände aus und ließ sie Strahlen aus undurchdringlicher Schwärze aussenden. Rasch riss Astra einen Arm vors Gesicht, eine Lichtwand entstand und die Schatten trafen mit einem schrillen Kreischen darauf, bevor sie, ähnlich wie Glas, in tausende Scherben zersprangen und sich anschließend auflösten.
    “Ich sehe, dass es nichts bringt, dich direkt anzugreifen.” Seine Stimme klang so bedrohlich, dass Astra unwillkürlich zwei Schritte zurück machte und wieder auf dem großen Gang stand. Langsam, wie ein Raubtier auf der Pirsch, kam er ihr nach. Die schwarzen Tentakel tanzten um seinen Arm. “Nichtsdestotrotz bist auch du nur ein sterblicher Mensch. Und wenn ich dich nicht mit der Dunkelheit töten kann, zerstöre ich dich eben mit etwas anderem!”
    Binnen eines Lidschlags bildeten die dunklen Schlangen um ihn herum eine feste dunkle Kugel in seiner Hand, die er mit aller Kraft nach vorn schleuderte. Astra tauchte zur Seite weg und der Schattenball traf mit einem lauten Knall auf die Glasscheibe des Patientenzimmers hinter ihr. Diese zerbarst in einem Meer aus Splittern, welche Hagel gleich auf Astra hinabpasselten. Sie hob schützend die Arme und spürte, wie sich das Glas in ihre Haut hineinbohrte, wie es diese zerschnitt. Warme, klebrige Flüssigkeit tropfte von ihren Ellenbogen hinab auf ihre Wangen, Schmerz durchzuckte sie.
    Der Elementale der Dunkelheit hatte nicht gescherzt. So stark seine Gier nach ihr gewesen war, so stark war jetzt auch der Drang, sie so gekonnt und qualvoll wie möglich zu vernichten. Es musste ihm wahrhaft Genuss bereiten, sie vor sich auf dem Boden kriechen zu sehen, nachdem sie ihr Versprechen gebrochen und ihn auch noch vor den Augen des gesamten Hortes mit ihrer Flucht lächerlich gemacht hatte. Für ihn war es das Finale eines Spiels, dessen Regeln er selbst festgesetzt hatte, und er wollte dieses so hoch wie möglich gewinnen.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


    Meine Geschichte

    Elemental

  • Uhhhhh - I Like! :thumbup:



    Mir gefällt das, wie ekelhaft Artax auf Astra verbal eindrischt. Der Typ ist so von sich überzeugt, dass ihm mal gehörig der Kopf gewaschen gehört (meinetwegen auch abschlagen). Ich hoffe wirklich, dass Astra ihm beikommen kann - oder Artax hinterrücks erschossen erledigt wird :ugly:


    Nun bin ich gespannt, was der Rest der Truppe unternimmt. Gehen sie zu Astra? Flüchten sie wieder?

    Es bleibt spannend :thumbup:


    LG

  • Ja, das war gut! :thumbsup: ... sehr spektakulär geschrieben und ich finde es super, dass Astra immer wieder Rückschläge einstecken muss. Wenn sie ihn von jetzt auf gleich kaltmachen würde, wäre das auch nicht wirklich authentisch. Ich finde es gut, wenn sie langsam zu ihrer Stärke findet. Im Ansatz war das ja bislang gar nicht so schlecht. Schließlich hat sie ihm auch was entgegenzusetzen und so wirklich leicht hat sie es Artax nicht gemacht...


    Also, von mir keinerlei Beanstandungen. Ich fand`s top! ^^

  • Das konnte sie nicht zulassen. Denn wenn sie fallen würde, war niemand mehr da, der Nate vor Artax’ Zorn zu beschützen vermochte.
    Rot glühend schossen mehrere kleine Laser auf Artax zu, doch auch er warf sich zu Boden und ihr Angriff traf nur die leere Wand hinter Nates Bett. Gestein splitterte und eine Staubwolke hing in der Luft.
    Ihr Gegner stieß einen anerkennden Pfiff aus. “Bravo, Astra! Das dürfte das erste Mal gewesen sein, dass du deine Gabe absichtlich gegen einen Menschen gerichtet hast!” Im Nu klang seine Stimme wieder eisig. “Gut so! Es wäre langweilig, wenn du dich nicht angemessen wehren würdest!” Eine riesige schwarze Hand erschien auf seinen Befehl, die den Turm aus Überwachungsgeräten packte. “Mal sehen, wie du das parierst!”, rief Artax mit einem wahnsinnigen Blitzen in den hellen Augen.
    Die Maschine flog, von schwarzer Kraft geschleudert, quer durch den Raum.
    Astra ließ sich auf die Knie fallen, auch wenn ihr die Glasscherben dabei erneut Schnitte zufügten und streckte beide Hände aus. Eine Lichtwand schoss vor ihr empor, gleißend und hell, doch sie vermochte nicht, das Geschoss des Gegners aufzuhalten. Erneut musste sie zur Seite ausweichen, landete auf Knien und Ellenbogen auf dem Boden, während über ihrem Kopf das Überwachungsgerät in viele kleine Teile zerbarst. Plastik regnete auf sie hernieder, doch sie hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern.
    Artax griff mit seiner Gabe nach allem, was er finden konnte, und schleuderte ihr Trümmer, Möbelstücke und Glasflaschen entgegen.
    Ihre Laser trafen die feindlichen Geschosse nur teilweise, Artax war zu schnell und sie konnte dem Hagel seiner Attacken nur wenig entgegensetzen.
    Ein riesiges Trümmerstück raste auf sie zu, zermalmte auf dem Weg zu ihr den halben Türrahmen, riss Mauerbrocken und Metall mit sich.
    Entsetzt schrie Astra auf und richtete all ihre Kraft darauf. Das Gestein, das wohl einmal ein Stück von Nates Zimmerwand gebildet haben musste, explodierte in eine Milliarde Staubpartikel und schlug Astra wie feiner Hagel ins Gesicht. Hastig drehte sie den Kopf nach links, um ihre Augen zu schützen.
    Das war ein Fehler.
    Der plötzliche Schmerz zerriss ihr die Schulter und raubte ihr den Atem. Ächzend blinzelte sie durch die Staubwolken vor sich und erkannte den armlangen Metallsplitter, der sich knapp unter ihrem rechten Schlüsselbein in ihren Körper gebohrt hatte. Artax musste diesen im Schutze der Schmutzexplosion auf sie geschleudert haben.
    Stöhnend rang sie nach Luft und versuchte, den Schmerz in der Schulter zu veratmen. Wenn Artax sie jetzt erneut angriff, würde sie sich nicht verteidigen können. Artax - wo war er überhaupt?
    Das Glas unter ihr knirschte, als sie ihr Gewicht verlagerte und aufsah. Allein diese Bewegung jagte neue Feuersbrünste durch ihre Wunde und ihr Sichtfeld trübte rötlich ein.
    Um sie herum war alles von Staub erfüllt, durch den gelegentlich die Funken einzelner loser Kabel blitzten. Vom Überwachungsturm war nichts mehr zu sehen, von Nates Zimmer auch nicht. Angestrengt lauschte sie, doch bis auf das Knistern der zerrissenen Leitungen und ihrem eigenen schluchzenden Atem konnte sie nichts hören.
    Hatte sie Artax etwa getroffen? War er verletzt? Oder womöglich tot?
    Es war unmöglich, sich zu bewegen. Das Geschoss hatte sie regelrecht an die Wand genagelt. Ihre Schulter knirschte und schickte neue Blitze aus Schmerz durch ihren ganzen Körper. Schwer atmend verharrte sie.
    Und dann hörte sie es.
    Schlurfende Schritte kamen näher, begleitet von einem merkwürdig schleifenden Geräusch. Langsam schälte sich aus den Schleiern eine dunkle Gestalt.
    Artax trat auf sie zu und blieb schließlich stehen. Wortlos blickte er auf sie herab. Aus einer Platzwunde über dem rechten Auge sickerte Blut und lief über seine verschmutzte Wange wie eine rote Träne. Doch der Blick aus seinen Augen war mörderisch.
    Adrenalin jagte durch ihren Körper. Sie wollte aufspringen, anstatt hier auf dem Boden zu hocken wie ein Kaninchen in der Falle - doch der linke Arm war nutzlos, jede Bewegung bohrte hundert Dolche in die ohnehin schon schmerzende Schulter.
    “Deine Hände sind gefährlich, meine Liebe.” Seine Stimme kratzte “Ich werde sie ausschalten müssen.” Er hob die Rechte und sie erkannte, dass seine Faust aus Dunkelheit ein großes Bruchstück aus einer Wand über den Boden zerrte. “Ich kann dir nicht erlauben, mich noch einmal derart zu attackieren.”
    Beinahe sanft dirigierte er den Trümmerklotz auf ihre rechte Seite. “Was denkst du, Astra? Wie wäre es, wenn ich dir hiermit den Schädel einschlage? Du siehst nicht aus, als könntest du mich aufhalten.”
    Sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, sie betteln zu hören. Doch allzu viele Fluchtwege gab es nicht. Die Pein in ihrer rechten Seite war übermächtig, sie konnte sich nicht konzentrieren … ihr Licht versagte ...
    Er ging vor ihr auf ein Knie nieder und studierte ihr Gesicht. “Dir gehen die Möglichkeiten aus, fürchte ich.” Behutsam fuhr er mit dem Finger die Linien aus Blut an ihrem Arm entlang, strich über ihr Schlüsselbein und über ihren Hals. “Wie schade.”
    Der angeekelte Laut entwich ihr, bevor sie sich zusammennehmen konnte, und als sie den Kopf zurückzog, um seiner Zudringlichkeit zu entgehen, stieß sie erneut an die Wand hinter sich. Allein dieser kurze Schlag jagte neue Schmerzwellen durch ihren Körper und sie biss die Zähne zusammen, damit es Artax ja nicht bemerkte.
    “Es ist wirklich bedauerlich.” Seine Miene wirkte beinahe wehmütig, als er sie so ansah. “Deine Fähigkeiten sind den meinen weit überlegen und du hättest Großes erreichen können, wenn dir ein wenig mehr Entschlossenheit zu eigen wäre. Eben hast du gezeigt, wozu du in der Lage bist. Schade, dass es das letzte Mal gewesen war.”
    Fast kameradschaftlich legte er ihr die Hand auf die Schulter und dieses Mal konnte sie einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken. Gleichzeitig landete ein massives Gewicht auf ihrer Linken und schien diese regelrecht zerquetschen zu wollen.
    “Keine Angst, ich werde dir deine Hand lassen. Schließlich ist sie … schön - wie alles an dir.”
    Zärtlich fixierte er sie mit dem Bruchstück am Boden und lachte leise, als sie erneut ächzte.
    Um ihm zu entkommen, hätte sie vermutlich auch ihre Hand geopfert, doch der Schmerz in der Schulter raubte ihr die Fähigkeit, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Angewidert wandte sie den Kopf ab und schloss die Augen, als könne sie sich so gegen seine überwältigende Nähe schützen. Aber sie war nicht in der Lage, seine Berührung abzuwehren.
    Er kam immer näher. Federleicht strich seine Hand über ihr Gesicht, zogen den Schwung ihrer Wangenknochen nach und spielten mit ihren Haaren. Artax sah aus, als hätte man ihm ein heiß ersehntes Geschenk überreicht. Von seiner Miene wurde ihr übel und sie schloss die Augen, um ihn nicht länger ansehen zu müssen.
    “Ein Jammer, Astra.” Fast seufzte er. “Jetzt, wo ich dich haben kann, will ich dich nicht mehr. Du hast es verdorben.” Er lehnte sich noch weiter vor, seine Hand ließ ab von ihrem Gesicht und er stützte sich auf ihren Oberschenkel. Sein Mund verharrte um Haaresbreite vor dem ihren, sie konnte seinen Atem über die Lippen streichen fühlen.
    “Ich werde dich töten, meine Liebe. Aber jetzt noch nicht.” Der Druck auf die gebrochene Schulter wurde stärker und sie schrie, während ihr Magen zu revoltieren drohte.
    Er küsste ihre Nase. “Erst werde ich mir Kendall holen.” Ein Kuss auf ihre Wange. “Ich werde ihn zerfleischen, langsam.” Ein Kuss auf ihr Ohr. “Und dann - ”, seine Lippen strichen ihren Hals entlang und hinterließen eine feuchte Spur, “komme ich wieder und erzähle es dir ausführlich.” Ein Kuss auf ihren Mund. “Damit du auch was davon hast.”
    Sie biss zu, so fest sie konnte, und schmeckte sein Blut.
    Mit einem schauderhaften Schrei fuhr er zurück und rammte ihr die Faust an die Schläfe.
    Ihr Blick kippte, vor ihre Augen schien sich ein Schleier zu legen.
    “Ich sehe, du kannst es kaum erwarten.” Wie durch Nebel sah sie, wie er sich ruckartig über den Mund wischte und eine leuchtend rote Spur auf seiner Wange hinterließ. Er packte sie an den Haaren und riss ihren Kopf nach oben. “Keine Sorge, ich bringe dir seine Einzelteile, wenn ich mit ihm fertig bin. Und dann wirst du noch darum flehen, dass ich dich zu ihm schicke”, zischte er und Blut klatschte auf ihre Wange. Dann stürmte er mit langen Schritten davon und ließ sie allein in den Trümmern zurück.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


    Meine Geschichte

    Elemental

  • Irre. Da habe ich gerade aufgeholt, postest du weiter :rofl:


    Naja. Ich habe keine Beanstandungen. Schön schaurig geschrieben diese Szene. Das, was Artax da abzieht, ist mehr als Psychoterror. Der ist einfach geistesgestört und völlig krank :pillepalle:

  • Die Angaben der Krankenschwester waren sehr präzise gewesen und Nate hatte den Wohntrakt für Gäste der Veste sofort gefunden, ohne sich zu verlaufen oder ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen.
    Als er den langen, menschenleeren Gang betrat, bemerkte er erschrocken, dass alle Türen gleich aussahen. So konnte er Ivys Unterkunft unmöglich herausbekommen.
    Er überlegte einen Moment, dann ließ er die Quartiere rechter Hand liegen und lief ein paar Schritte in einen kleinen Gang hinein, der zu mehreren Lagerräumen und dem Müllschacht führte. Hier brannte nur ein schwaches Licht, das ihm eine gute Tarnung gab.
    Ihm graute davor, die anderen wiederzusehen. Er wollte sich nicht mit Rett über Kay unterhalten, er wollte nicht mit Victoria sprechen. Und vor allem wollte er Astra nicht begegnen. Schon allein der Gedanke an den Blick, mit dem sie ihn vorhin angesehen hatte, ließ die Scham in seinem Magen erneut zustechen.
    Astra ...
    War es besser, einfach zu gehen und ihr nie wieder unter die Augen zu kommen ? Oder sollte er eine Unterredung mit ihr erzwingen? Was, wenn sie nicht mit ihm sprechen wollte? Was, wenn er sie zu tief verletzt hatte? Er wusste nicht, was das Beste war .Doch eines schien sicher - er hatte schon genug Chaos angerichtet. Er würde gehen. Etwas blieb noch zu erledigen, und das war der Abschied von Ivy. Ihr musste es gut gehen, ihre Sicherheit war ihm am wichtigsten. Sie würde es nicht verstehen, wenn er plötzlich einfach verschwand. Er wollte ihr keinen Kummer machen. Nein, ein kurzer Abschied, wenn auch schmerzvoll, war das Mindeste, was sie verdient hatte.
    Er musste gar nicht lange warten, Rett, Ivy und Victoria tauchten nach ein paar Minuten auf.
    Der Mechaniker lief voraus und machte einen leicht nervösen Eindruck. Die beiden anderen blieben vor einer der Türen stehen, doch er rannte weiter, an Nates Versteck vorbei, und verschwand schließlich hinter einer Tür am Ende des Ganges.
    Victoria sah ihm kurz nach, dann schüttelte sie ruckartig den Kopf und strich Ivy über die Schulter. “Komm, meine Kleine, Mittagsschlaf.”
    Ivy nickte brav und beide gingen in ein Quartier schräg gegenüber, nachdem Victoria eine Zahlenreihe ins Bedienfeld eingegeben hatte.
    Nate lehnte sich an die Wand und wartete.
    Kurze Zeit später kam die dunkelhaarige Frau wieder heraus aus und eilte davon.
    Innerlich wütend darüber, dass man die Kleine allein ließ, spähte Nate noch einmal den Gang entlang. Doch niemand war da.
    Mit wenigen Schritten war er an der Tür und musterte das Nummernpad, das den Zugangscode erwartete. Grimmig lächelte er und tippte, ohne zu zögern, sechs Zahlen ein. Es war fast zu einfach gewesen, die Ziffern anhand von Victorias Bewegungen abzulesen und er hatte lächeln müssen, als er die Folge erkannt hatte. Sie bildeten ein Datum, diese Zahlen, sie waren der Code, den er jeden Abend ein seine Wohnungstür geklopft hatte - das Datum ihrer Begegnung in der Schlacht an der Eisernen Brücke, der Beginn ihrer Freundschaft.
    Mit einem leisen Summen glitt die Tür beiseite.

    Das Bild, was sich ihm bot, war so vertraut, dass er einen sehnsuchtsvollen Stich in der Brust spürte.
    Ivy lag im Bett auf dem Bauch. Die bloßen Füße spitzten unter der dünnen Decke hervor und helle Haarsträhnen bildeten kleine Wirbel auf dem Kissen. Mehr war von dem Kind gar nicht zu sehen, doch Nate kannte diesen Anblick ganz genau.
    Lautlos, um die Kleine nicht sofort wieder aufzuwecken, bewegte er sich nach rechts, wo ein zweites Bett stand - vermutlich Retts Lager. Sorgfältig darum bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden, ließ er sich nieder und beobachtete das Kind.
    Wie oft hatte er sie wohl so gesehen? Wie oft war er heimgekehrt, nach einem langen und schweren Tag, wohl wissend, dass sie unmöglich noch wach sein würde? So manchen Abend hatte er im Türrahmen des kleinen Hinterzimmers gelehnt und im Halbdunkel auf das schlummernde Mädchen hinabgeschaut. Es war so friedlich gewesen, es hatte ihm Trost und Kraft gespendet. Ivy - ihretwegen würde er alles wagen und alles tun, das wusste er. Und gleichzeitig gab sie ihm soviel zurück.
    Er hatte nie eine Familie im eigentlichen Sinne gehabt. Sein Vater war Kommandant, seine Brüder und er selbst beizeiten Soldaten gewesen. Festungen und Kasernen hatten sein Zuhause gebildet. Liebe und Zuneigung waren ihm unbekannt gewesen, erst mit der mütterlichen Kay in sein Leben getreten. Eine Beziehung zu einer Frau, eine Partnerschaft - darüber hatte er sich nie Gedanken gemacht. Wie alle Bewohner der Downs war er in erster Linie auf das Überleben gepolt, alles andere hatte keinen Platz.
    Ein Seufzen vom Bett her durchbrach seine Erinnerungen. Ivy hatte sich halb unter der Decke herausgewühlt, ihr Gesicht der Tür zugewandt. Ihre Haare fielen über die vom Schlaf gerötete Stirn. Noch einmal seufzte sie leise, dann schlief sie weiter.
    Ivy …
    Er sah auf seine großen Hände hinab. Ivy war noch kein Jahr alt gewesen, als sie sich an diese Hände geklammert hatte, blutverschmiert, blind und völlig verstört. Mochte es Schicksal oder eine höhere Macht gewesen sein, die ihn zu ihr geführt hatte - seit diesem Moment waren sie verbunden gewesen und er ließ sie nicht mehr los, bis er die Wohnung erreicht hatte.
    Wie sollte er sich jetzt nur von ihr verabschieden? Kein Tag war vergangen, an dem sie einander nicht gesehen hatten. Ihr Überleben war seine Motivation gewesen, ihr Anblick die Freude seines Herzens. Wie konnte er sie jetzt hier zurücklassen und ohne sie gehen?
    Es blieb ihm keine Wahl, das wusste er. Seine Vergangenheit verhinderte, dass er hier in Frieden würde leben können. Doch ihr stand dieser Weg offen. Undenkbar, sie in die Ödniss zurückzuschleppen. Hier musste es ihr besser gehen, hier würde für sie gesorgt. Astra war ebenfalls hier …
    Mit einem Mal schien sein Herz zu groß für seinen Brustkorb, als die Sehnsucht darin ins Unermessliche wuchs. Doch er verbot sich, diese geheimsten Gedanken überhaupt zu denken, weil er wusste, dass es damit nur noch schwerer werden würde.
    Geh einfach, brüllte eine Stimme in ihm.
    Doch er konnte nicht. Er blieb auf Retts Bett sitzen und versuchte das Bild des schlafenden Kindes, dessen Duft und dessen gleichmäßigen Atem in sein Gedächtnis zu brennen, damit er es niemals vergessen konnte.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


    Meine Geschichte

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