Die wahren Herren der Welt


  • Die wahren Herren der Welt





    „Hallo, mein Freund!“ Der feiste Kerl, der Orlando schief grinsend die Hand entgegenstreckte, war vieles, aber gewiß kein Freund. Trotzdem gab Orlando Derkson Heideschmitt brav die Hand, denn dieses Ekelpaket von Mensch war sein Auftragsbeschaffer. Und diesen Job tat er gut und gewinnbringend.
    „Ich nehme an, Du hast was für mich?“ Orlando hörte selbst, dass seiner Stimme die Schmiere eines guten Whiskeys fehlte. Aber er war gerade klamm, deshalb hoffte er, dass der fette Kerl, den er nur unter Ottkar kannte, etwas für ihn zu tun hatte.
    „Schau mal, wen ich Dir mitgebracht habe!“, grinste Ottkar süffisant und zog unerwartet sanft ein schmächtiges Kerlchen aus seinem eigenen Schatten ins Licht. „Dein neuer Job!“
    Der Junge war zehn, oder vielleicht elf, flachsblond und so dünn, dass Orlando Angst hatte, er würde gleich in der Mitte durchbrechen. Dennoch lag in seinen stahlblauen Augen eine Überheblichkeit, die Orlando aufs Äußerste mißfiel.
    „Wohin soll ich ihn bringen?“, fragte Orlando betont geschäftsmäßig. Sein derzeitiger finanzieller Status ließ keine Ressentiments zu.
    „In Sicherheit!“, war Ottkars nichtssagende Antwort.
    „Vor wem oder was?“ Orlando war nicht gewillt, sich mit Phrasen abspeisen zu lassen, und er wusste, dass Ottkar seine Infos gerne aus sich herauskitzeln ließ. „Na? Spucks schon aus!“
    „Mister Mendaltschuk möchte den kleinen Boris hier...“, er strich dem Jungen väterlich übers Haar, was den mißmutig abducken ließ, „in Sicherheit wissen, bis die Geschäfte, die grade anstehen, ausgehandelt sind. Es gibt da einige, die da gerne … nun sagen wir: stören möchten.“
    „Wer? Seine Geschäftspartner?“
    „Nein. Gegner. Mister Mendaltschuk hat Drohungen gegen sich und seine Familie erhalten... „
    „Von wem?“ Orlando wurde etwas ungeduldig.
    „Das weiß Mister Mendaltschuk nicht. Er...“
    „Was??? Mendaltschuk WEIß das nicht?“ Orlando war dem Boss der Moskauer Unterwelt nur einmal begegnet und er war sich sicher, dass dieser Mann alles wußte, was in „seiner“ Stadt und drumherum vorging. Dass Mendaltschuk etwas nicht wußte (und es auch noch zugab), war ein kleines Wunder... und auch besorgniserregend.
    Ottkar zuckte nur die Schultern, aber in den Augen des Jungen glomm ein Glitzern auf. Orlando entging das nicht.




    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

    Einmal editiert, zuletzt von Cory Thain () aus folgendem Grund: Kommasetzung, Korrekturen (17.11.19)

  • Hallo @Cory Thain,
    dein Dialog gefällt mir bisher ganz gut und er macht neugierig auf mehr. Du hast eine schöne Balance zwischen den harten Fakten (was konkret gesagt wird) und der darin eingewobenen Schilderung der wichtigsten Informationen und Gefühlen der Beteiligten aufgebaut. Auf diese Weise lässt sich der Text sehr angenehm lesen. Es wird meiner Meinung nach nicht zu viel beschrieben, gerade so, dass der Leser im Bilde ist, aber gern noch mehr erfahren möchte. Zum Inhalt kann ich durch die Kürze des Textes noch nicht viel sagen, aber vermutlich wird hier ein ungleiches Duo eine größere Rolle spielen. Könnte wirklich interessant werden.


    Ein paar kleine Anmerkungen:

    Der Junge war 10, oder vielleicht elf,

    Ich würde die 10 hier ebenfalls ausschreiben.

    „Wohin soll ich ihn bringen?“ fragte Orlando betont geschäftsmäßig.

    Nach der wörtlichen Rede und vor dem "fragte" gehört noch ein Komma.


    „In Sicherheit!“ war Ottkars nichtssagende Antwort.

    same here

    „Mister Mendaltschuk möchte den kleinen Boris hier...“ er strich dem Jungen väterlich übers Haar,

    und auch hier sollte meines Wissens nach ein Komma zwischen der wörtlichen Rede und dem "er" stehen


    Übrigens: Obwohl "ich weiß" mit "ß" geschrieben wird, werden "wissen" und "wusste" nach aktueller Rechtschreib-Regelung mit "Doppel-S" geschrieben.

    Durch Umwege sieht man mehr von der Welt.


  • "Hast Du noch Fragen?" Ottkar schien es plötzlich eilig zu haben. Er klang nicht, als ob er noch Willens war, Fragen zu beantworten. Also schüttelte Orlando den Kopf, obwohl er noch sehr sehr viel hätte hinterfragen wollen. Doch Ottkar verschwand so hastig wie immer, Geschäftigkeit vortäuschend.

    Orlando ließ es geschehen und sah abschätzend seinen neuen Klienten an: "Nun? Was machen wir jetzt?"
    Der Junge blinzelte verwirrt: "Ähm... was?"
    "Wir brauchen eine Strategie!", erklärte Orlando ernsthaft.
    Der Junge wurde nervös: "Ich dachte.... ich dachte, SIE hätten eine...?"
    Orlando verzog das Gesicht: "Ich habe einige. Aber die werden uns nichts nützen. Wir müssen etwas Unkonventionelles tun!"
    In die Augen des Jungen kehrte die Überheblichkeit zurück: "Tun Sie doch einfach, was Sie immer tun in solchen Fällen!"
    "Das wäre genau das, was derjenige will, der die Drohung geschickt hat...", Orlando beobachtete genau die Reaktion des Jungen. Der schluckte und versuchte seine Sicherheit mit untergeschlagenen Armen zu demonstrieren. "Ist es nicht so?" setzte Orlando nach.
    Der Junge sackte einige Millimeter in sich zusammen, fast unmerklich, doch Orlando hatte damit gerechnet. Er lächelte: "Wir beide wissen, wer Deinen Vater bedroht, nicht wahr?"
    Wider Erwarten straffte sich der Junge. Würdevoll antwortete er: "Er ist mein Großvater! Mein Vater ist... tot!"
    Die kleine Pause in Boris' Worten ließ Orlando aufhorchen: "Ist er das?"
    Der Junge nickte, als habe er einen Entschluß gefasst: "Großvater behauptet, Vater sei tot!" , erklärte er und Orlando spürte, dass sie sich dem Kernpunkt des Problems näherten. "Großvater sagt, Vater wurde erschossen, aber.... ich spüre, dass er noch lebt! Können Sie das verstehen?"
    "Und Du hast die Gelegenheit genutzt...", begann Orlando, doch der Junge unterbrach ihn: "Ich habe sie geschaffen!"
    Jetzt nickte Orlando: "Das dachte ich mir fast. Kann es sein, dass Dein Großvater es nicht lustig findet, dass Du Dich auf die Suche gemacht hast?"
    Boris schnaubte verächtlich: "Großvater! Der denkt, er regiert die Welt! Aber ich werde Vater finden!"
    Orlandos Augenbrauen wanderten nach oben: "Und wenn es genau das ist, was Dein Großvater will?"
    Es dauerte einen langen Augenblick, ehe dieser Gedanke im Hirn des Jungen Fuß gefasst hatte. Man konnte den Moment förmlich sehen: Die Augen wurden kugelrund, sein Mund öffnete und schloß sich - ein Bild kompletter kindlicher Ratlosigkeit: "Das... NEIN!"

    Orlando tat der Junge leid, dennoch sagte er: "Glaubst Du wirklich, Dein Großvater wäre Chef einer ganzen Stadt, wenn er dumm wäre? Wenn er nicht fast alles wüßte, was vorgeht? Wenn er seinen eigenen Enkel nicht kennen würde?"

    "Verdammte Scheiße!!!"

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Hallo @Cory Thain,
    dieser Abschnitt wirkt auf mich etwas unausgewogen. Hier überwiegt für meinen Geschmack die wörtliche Rede, obwohl einiger Klärungsbedarf besteht. Ich musste den Text zweimal lesen, bis ich mir erklären konnte, warum die Personen so reden wie sie reden. Und auch jetzt sind noch einige Punkte für mich offen geblieben.
    Beim zweiten Lesen wirkt es für mich so, als wüsste Orlando von Anfang an des Gesprächs, wer derjenige ist, der die Drohung geschickt hat. Als Leser verwirrt mich das ein wenig, weil ich nicht entdecken kann, wann dieses Rätsel gelöst wurde bzw. mit welchem Gedankengang er darauf gekommen ist. Vielleicht könntest du da mit ein paar Beschreibungen mehr Licht ins Dunkel bringen.

    Orlando ließ es geschehen und sah abschätzend seinen neuen Klienten an: "Nun? Was machen wir jetzt?"
    Der Junge blinzelte verwirrt: "Ähm... was?"
    "Wir brauchen eine Strategie!", erklärte Orlando ernsthaft.
    Der Junge wurde nervös: "Ich dachte.... ich dachte, SIE hätten eine...?"
    Orlando verzog das Gesicht: "Ich habe einige. Aber die werden uns nichts nützen. Wir müssen etwas Unkonventionelles tun!"

    Dieser Abschnitt hat mich mindestens genauso verwirrt wie Boris. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Profis -und dafür halte ich Orlando- ihre Entscheidung einem Kind überlassen. Klar, dass er aufgrund der Situation nicht handeln will, wie er es sonst tut, aber ich hätte ihn so eingeschätzt, dass er eher in seiner Strategien-Kiste kramt als ein Kind zu fragen. Vielleicht will er ja aber auch nur Smalltalk machen...


    "Ist es nicht so?" setzte Orlando nach.

    Hier sollte wieder ein Komma stehen.


    Berichtige mich, wenn ich das falsch verstanden habe, aber Boris ist der Enkel von Mister Mendaltschuk, und dessen Sohn (Boris' Vater) ist verschwunden. Boris wollte ihn suchen, aber das will Mendaltschuk nicht. Oder er will nach Orlandos Schlussfolgerung vielleicht doch genau das, weil er weiß, dass Boris seinen Vater suchen will. Ist das so korrekt?

    Durch Umwege sieht man mehr von der Welt.

  • Hm... wie soll ich Dir das jetzt erklären, @Polarfuchs ohne ins Spoilern zu geraten?
    Es wird eine Aufklärung und ERklärung geben.


    Aber versuchen wirs mal so: Versetz Dich in Orlandos Position. Du vermutest etwas, klopfst dezent auf den vielgenannten Busch und findest Deine Bestätigung.
    Ist es da nicht erklärlich, dass Orlando herausfinden möchte, was sein eigentlicher Auftraggeber möchte? Indem er ihn einfach und direkt fragt: Was soll ich tun, was verlangst Du von mir?


    ... is nur son Gedanke.


    (Heute kommt kein Part, ich habe dezentes Schädelbrumm)


    EDIT: Sorry, den letzten Absatz hatte ich grade irgendwie verpennt.


    Berichtige mich, wenn ich das falsch verstanden habe, aber Boris ist der Enkel von Mister Mendaltschuk, und dessen Sohn (Boris' Vater) ist verschwunden.

    Fast korrekt.


    Boris wollte ihn suchen,

    Korrekt.


    aber das will Mendaltschuk nicht. Oder er will nach Orlandos Schlussfolgerung vielleicht doch genau das, weil er weiß, dass Boris seinen Vater suchen will.

    ... wenn wir das erfahren, ist die Story vorbei. :)

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?