Der Kristall des Almaten.

Es gibt 37 Antworten in diesem Thema, welches 4.722 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (8. Februar 2023 um 16:14) ist von McFee.

  • Hallo Rumkeks,

    vielen Dank für deine freundliche Anteilnahme. Die Schachtelsätze sollen das unübersichtliche Treiben auf diesem Basar andeuten.

    "Männer in schmutzigen weißen Hosen, knielangen Umhängen MIT zerrissenen Sandalen an den Füßen ..."

    So hätten die Umhänge zerrissene Sandalen an den Füßen . . . Außerdem enthält der Satz schon 4mal "mit". Ich habe anfangs überlegt, ob ich überhaupt nur Kommas setzen soll, aber mE bringen die wiederholten "mit" die Mühsal des Schleppens besser zum Ausdruck.

    Der Kot, veraltet für Schlamm aus aufgeweichter Erde. "Staub" erschien mir zu schwach, "Dreck" kommt weiter unten vor.

    Natürlich kann man das eine oder andere ändern. Der Text enthält ja nicht die Zehn Gebote. Aber wichtig ist doch deine Begeisterung!

    Liebe Grüße, Mc Fee

  • McFee

    Außerdem enthält der Satz schon 4mal "mit". Ich habe anfangs überlegt, ob ich überhaupt nur Kommas setzen soll, aber mE bringen die wiederholten "mit" die Mühsal des Schleppens besser zum Ausdruck.

    Hmm ... Hast du auch wieder Recht

    Hat vorhin irgendwie Sinn gemacht :patsch:

    Mit nur Kommas klingt es denke ich flüssiger , ist aber Geschmackssache. Kann man auch so stehen lassen:)


    Der Kot, veraltet für Schlamm aus aufgeweichter Erde. "Staub" erschien mir zu schwach, "Dreck" kommt weiter unten vor.

    Wieder was dazu gelernt !

    Hatte schon die Vermutung in der Richtung ... dann ist ja alles klar :thumbsup:


    Du hast Recht , die Begeisterung zählt ! Und da bin ich voll bei dir :)

    Liebe Grüße

    Rumkeks

  • Mundburt wird zur Bewegungslosigkeit verdammt, und Gerlind hält endlich den Mund.

    Wir verließen den seltsamen Platz und erreichten bald einen noch seltsameren Ort, auf dem, dicht gedrängt, viele Leute in eine bestimmte Richtung starrten.

    Auf einem Podest stand ein grob gezimmerter, mit einem schwarzen Tuch bedeckter Altar, auf dem verschiedene Gegenstände lagen oder standen: Eine aufgeschlagene chaldäische Bibel neben einem silbernem Cruzifix; Puppen mit schwarzen Köpfen und fratzenhaften Gesichtern; Totenschädel von Menschen, Affen, Rindern; Hunden, Vögeln; getrocknete Schlangen, Kröten, Fledermäuse, aber auch Steine, Knochen, Vogelkrallen, Körbe mit Brot, Schüsseln mit Getreide, Getränke in bunten Glasflaschen, dazwischen qualmte aus einer Phiole dicker Rauch von Olibanum+. Davor kauerte ein Mann in einem weiten bunten Umhang, einen Federbusch auf dem Kopf und ein Amulett an einer Schnur um den Hals. Jetzt warf er die Hände hoch, versetzte seinen Körper in kreisende Bewegungen, wobei er unverständliche Worte stammelte. Die Zuschauer verfolgten in respektvollem Anstand und schweigend jede seiner Bewegungen.

    Links neben dem Altar stand ein Mann in einer weißen Galabija*, der von zwei ebenfalls bunt gekleideten Männern gestützt wurde; immer wieder knickte er mit den Beinen ein oder schlenkerte wild mit den Armen, dann wieder stammelte er, mit Schaum vor dem Mund, sinnloses Zeug. Auf der rechten Seite hielt eine Frau ein junges Mädchen in den Armen, das so mager war, dass es als Besenstiel hätte dienen können.

    „Was wird das?“, fragte ich Pygmalion.

    „Eine öffentliche Heilung. Der Tänzer ist ein Voodoo-Heiler oder-Priester, und die beiden bunten Vögel dort sind seine Helfer.“

    „Woran leidet der Mann denn?“

    „So wie es aussieht, leidet er unter Fallsucht.“

    „Na da bin ich aber gespannt“, meinte Gerlind, „der Kerl wird seine Künste nicht eher herauslassen, bevor er Geld sieht.“

    Auch ich war neugierig, wie der Mummenschanz ausgehen würde.

    Der Voodoo-Heiler sprang nun auf und tanzte ein paarmal um den Altar herum. Dann blieb er vor dem Fallsüchtigen stehen und redete mit dunkel-beschwörenden Worten auf ihn ein. Während er mit ihm sprach, richtete sich der Angeredete steif auf und stand ganz still. Plötzlich griff der Voodooo-Heiler unter seinen Umhang; ein langes Messer blitzte auf, und im Nu steckte die Schneide bis zum Heft in der Stirn des Kranken.

    Gerlind schrie auf, und auch die Menge stöhnte. Aber es waren keine Töne des Entsetzens, was ich da heraushörte, sondern viel mehr nervengekitzelte Bewunderung, als habe ein Stierkämpfer gerade durch einen kühnen Sprung sein Leben gerettet. Auch seltsam: Der Gestochene rührte sich nicht, er stand immer noch ruhig und still, mit leerem, aber keineswegs schmerzbetäubtem Blick, den Messergriff vor der Stirn. Jetzt begriff ich: Der Mann befand sich in Trance.

    Die beiden anderen Voodoosi begannen nun, ihn um das Podest mit dem Altar herumzuführen, wobei der Heiler wieder in verzückte Bewegungen verfiel. Neben mir begann jemand zu singen; es waren dumpfe, kehlige, misstönende Laute, die aus dem Munde des Sängers kamen; weitere Stimmen kamen dazu, bald war die Luft von einem unerhörten Singsang erfüllt, der mir in seiner elementaren Kraft Schauer der Ergriffenheit über den Rücken jagte. Deutlich spürte ich die Anwesenheit einer fremden, unfassbaren Macht, die diese Menschen ergriffen hatte.

    Nach der vierten Runde blieben die drei Männer vor dem tanzenden Heiler stehen, ihre Blicke tasteten erwartungsvoll sein Gesicht ab. Der richtete sich endlich auf und rief:

    „Geh hinaus, böser Geist, mit neun Teufeln,

    hinaus von dem Mark an die Knochen,

    von den Knochen an das Fleisch,

    hinaus vom Fleisch an die Haut,

    hinaus von der Haut in diesen Stahl!“,

    dann zog er blitzschnell das Messer aus der Stirn des Kranken und ließ es wieder unter seinem Umhang verschwinden. Ein Voodoosi verklebte die Wunde mit einer Paste. Inzwischen war der Gesang verstummt, alles starrte auf den Fallsüchtigen. Der Mann erwachte, der andere Helfer reichte ihm ein honigfarbenes Getränk, der Kranke trank, dann rief er: „Ogun& hat mich gerettet! Jetzt bin ich frei!“, und schritt mit ruhigen Bewegungen und offensichtlich geheilt durch die Menge, die ehrerbietig zurückwich, davon.

    „Und wer bezahlt?“, fragte Gerlind frech.

    „Der Geheilte“, raunte Pygmalion. „Er holt gerade das Opfertier.“

    Für einen ganz kurzen Augenblick schaute der Heiler in unsere Richtung, dann wandte er sich wieder seinen Beschäftigungen zu.

    Meine Neugier war aufs Höchste gespannt. Einen Menschen, der allem Anschein nach mit der Geisterwelt in Verbindung stand – denn wie anders sollte ich mir diese Heilung erklären – ganz aus der Nähe mitzuerleben, das war eine völlig neue Erfahrung. Natürlich gibt es auch bei uns, meine Lieben, eine Geisterwelt. Hatte nicht unser HERR und Heiland kurz vor seinem Tod verkündet, er werde den Menschen die heiligen Geister als die Künder der Wahrheit zukommen lassen? Und es gab viele, die sich im Besitz dieser Wahrheit gefielen. Aber es sind eben nur Wahrheiten, keine praktischen Fähigkeiten. Noch nie war mir jemand begegnet, der die Kunst einer wirklichen Wunderheilung verstand. Was den Leuten auf dem Marktplatz zu Ulm und anderswo angeboten wurde war nichts als Narretei und Mummenschanz.

    Ich hatte kaum Zeit, von meiner Verwunderung herunterzukommen, da trat die Frau mit dem Mädchen vor, das entsetzlich aussah. Seine Augen lagen weit aufgesperrt und starr in einem totenblassen Gesicht, die Lippen bebten in stillen Zuckungen, jedoch, ohne einen Laut auszustoßen. Im Gegensatz zu der ziemlich üppigen Matrone war das junge Ding bis auf die Knochen abgemagert und hatte Mühe, sich aufrecht zu halten.

    Der Voodoo-Heiler hockte wieder vor dem Altar; er schien zu meditieren.

    „Lass uns gehen!“, raunte mir Gerlind zu, „noch so einen Messerstich ertrage ich nicht.“

    Bevor ich antworten konnte, sagte der Edle zu Mausloch: „Keine Angst, Jungfer Knappe, Stahl ist in diesem Falle nicht hilfreich.“

    Jetzt kam Bewegung in den Voodoo-Priester. Mit einem Aufschrei warf er zwei Muschelketten kreuzweise in ein schwarzes, mit Kohlen auf den Boden gemaltes Dreieck und beugte sich darüber.

    „Was macht er jetzt?“, fragte ich flüsternd.

    „Er befragt das Fa-Orakel.“

    „Wozu das?“

    „Er ist sich noch nicht sicher, wie er das Mädchen heilen soll.“

    „Wieder ein Arzt, der im trüben fischt“, meinte Gerlind.

    „Nein. Er will kein Risiko eingehen. Er will ganz sicher sein, dass der Pfad, den er gewählt hat, der richtige ist.“

    „Und wenn er den falschen wählt?“

    „Dann stirbt sie.“

    „Mummenschanz!“, rief Gerlind aufgebracht, „er soll der Kleinen was zu essen geben! Wenn er´s nicht tut, tu ich es!“

    Pygmalion schüttelte energisch den Kopf. „Erstens nicht so laut, und zweitens wisst Ihr nicht, wovon Ihr redet. Dieses Mädchen verspürt schon lange keinen Hunger mehr, denn ihre Seele hat sie verlassen.“

    Der Voodoo-Priester blickte auf und sah zu uns herüber. Ich erschrak. Nie zuvor sah ich ein Gesicht von so wilder Fremdheit und gleichzeitig verlockendem Wohlwollen. Alle Leidenschaften schienen darin getobt und es wieder verlassen zu haben. Doch in diesem Blick erkannte ich keinen Zorn, höchstens die dringende Bitte, die Arbeit nicht zu stören.

    Wieder beugte sich der Heiler über das Kettenorakel und verharrte eine Weile regungslos. Dann richtete er sich auf und hielt eine kurze Ansprache, in der immer wieder die Wörter „moti minyoti“ vorkamen. Ich bückte mich zu Pygmalion hinunter und fragte leise: „Was sagt er?“

    „Er sagt“, kam es ebenso leise zurück, „dass das Mädchen unglücklich verliebt sei und nun nicht mehr leben wolle, und dass ihm das Orakel den Pfad der Heilung mitgeteilt hat.“

    „Woher weiß er denn, das es unglücklich verliebt ist? Hat er das aus den beiden Muschelketten herausgelesen?“

    „Die Mutter hat es ihm gesagt.“

    „Soso. Und auf welchen Pfad hat ihn das Orakel gewiesen?“

    „Den Pfad Moti minyoti, das heißt: Todeswunsch. Still jetzt!“

    Wieder blickte der Heiler in unsere Richtung; unsere Augen trafen sich, und auf einmal verspürte ich einen Druck auf der Kehle, sodass ich mich räuspern musste.

    Ich blickte verwundert zu Gerlind, die eigenartig schweigsam vor sich hin sah.

    Inzwischen hatten die Helfer einen schwarzen, kastenartigen Sarg mit aufgemaltem weißen Kreuz herbeigeschafft und auf einen Teppich aus rotem Atlas gestellt, der vor den Altar lag. Der Heiler nahm das Mädchen bei der Hand, legte es auf den Sarg und versetzte es in Trance. Dann bestreuten es die Voodoosi-Helfer mit Kräutern und wickelten es in Leinentücher ein. Anschließend hoben sie das Mädchen, das jetzt steif wie ein Brett war, auf und legten es in den Sarg.

    Wieder begann der eigenartige Singsang.

    Bisher hatte ich angenommen, dass der Sarg mit zu dem Spektakel gehörte, was Wunderheiler gerne veranstalten, um die Wirkung ihrer Darbietungen zu erhöhen. Das war auf dem Marktplatz zu Ulm so, warum sollte es hier anders sein. Doch jetzt fingen die Voodoo-Helfer an, neben dem Sarg eine Grube auszuschaufeln.

    Ich sah Gerlind, die anscheinend fasziniert und mit weiten Augen das Geschehen verfolgte, bestürzt an. Ich wollte etwas sagen, doch zu meinem Entsetzen brachte ich außer ein paar gurgelnden Lauten kein Wort hervor, mein Hals fühlte sich an, als sei er bis obenhin mit Nesseln gepeitscht. Jetzt fiel mir auch Gerlinds eigenartig starr-abwesender, wie hypnotisierter Blick auf, und ein eisiger Schreck durchfuhr mich. Ich versuchte sie zu packen und zu schütteln, doch ich brachte meine Arme nicht hoch; mehr noch, eine unwiderstehliche Kraft zwang mich, von Gerlind abzulassen und mich wieder dem Voodoo-Altar zuzuwenden. Obwohl ich mich nicht rühren konnte, sah und hörte ich doch alles klar und deutlich; wenn es nicht so gewesen wäre, meine Lieben Regenpfeifer, könnt ich es euch ja nicht erzählen.

    Das Grab war jetzt so weit ausgehoben, dass der Sarg darin hinabgelassen werden konnte. Während dies geschah, verstärkte sich der Gesang zu einer brausenden Klage; dann begannen die Helfer, das Grab wieder zuzuschütten. Als dies getan war, gingen der Voodoosi und seine Männer weg; auch die Versammlung löste sich auf.

    Das alles nahm ich mit völlig wachen Sinnen wahr; aber seltsam, ich verspürte weder Entsetzen, Angst oder Ekel. Wie oft hatten die Mägde an langen Winterabenden in der Spinnstube erzählt, dass jemand bei lebendigem Leib begraben worden war, wobei mir wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken jagten, besonders, wenn der vermeintlich Tote mit teuflischen Gelächter wieder aus dem Grab stieg. Aber hören oder selbst mit ansehen sind zwei ganz verschiedene Hüte. Nur wunderte ich mich, dass mich diese Barbarei jetzt völlig kalt ließ. Mir war es auch völlig gleichgültig, dass Gerlind und ich offensichtlich die Einzigen waren, die noch auf dem Platz standen, auch Pygmalion war nirgends zu sehen.

    Ich weiß nicht, wie lange wir so standen; es müssen mehrere Stunden gewesen sein, denn als der Heiler und seine Helfer wieder erschienen, war die Sonne bereits am untergehen. Der Platz füllte sich, und auch Pygmalion war auf einmal wieder da. Die Voodoosi holten den Sarg aus der Erde und weckten das Mädchen aus seiner Trance. Auch ihm wurde ein Getränk gereicht; nachdem es den Becher geleert hatte, rief es: „Ich habe den Tod gesehen – und jetzt will ich leben!“ und stürzte sich in die Arme seiner überglücklichen Mutter.

    Was gibt es noch zu berichten? Ach ja, natürlich! Als die Mutter ihr Kind in den Armen hielt, konnten wir uns wieder bewegen. Und auch mit meiner Stimme war wieder alles in Ordnung. Ich hätte gerne mit dem Wunderheiler ein ernstes Wörtchen geredet, doch Pygmalion riet entschieden ab. Sollte sich der Voodoo-Priester weiter erzürnen, meinte er, könnte er noch ganz andere Geschütze auffahren, zum Beispiel könnte er Oguns Pferde auf uns hetzten und uns den Verstand rauben.

    Tja, meine lieben Humpenschänder und Schweißfüßler, so hat es sich begeben. Wenn es nicht wahr wäre, würd ich es nicht erzählen.**

    ______________

    + Harz des Weihrauchs. * Ein traditionelles weißes Gewandt. & Ein Voodoo-Gott, dessen Insignien ein Säbel oder eine Machete ist. ** Möglicherweise ist diese Geschichte jetzt keine reine Prahlerei des Verf. Der Ethnologe Henning Christoph berichtet, wie sich während einer Voodoo-Ceance ein Mann ein großes Messer quer durch den Kopf stieß. Der Mann war in Trance: Ogun ritt auf ihm. Die anderen Voodoosi trugen ihn eine Stunde um ein Grab. Der ist tot, dachte Christoph. Dann zogen sie dem Mann das Messer aus dem Kopf. Die Wunden verklebten sie mit einer Paste. Der Mann erwachte, trank ein Bier und gab Christoph ein Interview. Er war gesund, konnte sich aber nicht daran erinnern, was kurz zuvor geschehen war. Auch die Heilung eines Mädchens in einem ähnlichen Fall ist bezeugt.

    Mundburt leert eine rare Flasche

    Das Erlebnis hatte mir einen gewaltigen Appetit beschert, und auch Gerlind knurrte der Magen.

    „Wir sollten einen guten Biss und eine guten Trunk einnehmen“, schlug ich vor, „mir hängt der Magen schon bis zu den Knien!“

    „Warum nicht?“, erwiderte Pygmalion, „es gibt nicht Wertvolleres als die Zeit, also lasst sie uns mit guten Werken füllen!“

    Der Edle zu Mausloch wusste ein Garküche unter Palmen, wir gingen hin und ließen auftischen, was das Land an Köstlichkeiten zu bieten hatte. Hier ein Auszug aus der Speisekarte:

    Eisbeeren,

    dicke Mandeln,

    Himbeeren

    Erdbeeren,

    Hühnereier

    Mönchseier

    Taubeneier

    Blaubeeren,

    Braunbeeren

    Eier-Pop-Eier

    Schlaubeeren

    Lügen in Gelee,

    Meineide in Aspik,

    dicke Lippe in Sauce,

    geschweintes Schlitzohr,

    geschlitzte Schweinschwänzchen,

    frische Buttermilch der frohen Denkart,

    Trichterbrust mit Weinschaumtunke à la Drago,

    Spitze Zungen in Schwiegermutterremoulade und Salat,

    Ochsenbacken-Ragout in Feine-Pinkel-Fondu im Nachttopf,

    schön kross gebratene Zeitungsenten mit Fakenew-Füllung,

    schwarz gegrilltes Angsthasenklein an geräuchertem Schnepfendreck,

    gedünstete Maulaffen mit Rahm von geschlagenen Obersten,

    Maulschellen al dente an gedünsteten Pissnelken-Gemüse

    gut pochierte Friedenstauben in voller Kriegsbemalung,

    kalte Hundeschnauze im heißen Kirschkernmantel,

    Fuchsteufelswild-Ragout mit Kraut und Rüben,

    geselchte Dumpfbacke in Schweißfuß-Sud

    Dazu Gröver Nacktarsch 1356er Eulenspiegel-Cabinet

    Ha, war das ein Schlecken, Schlürfen, Schlucken; ein Schmausen, Sausen, Schmatzen; ein Gabeln, Greifen, Grapschen; ein Löffeln, Lachen, Lupfen, ein – kurz, wir schmauseten so gewaltig, dass wir nicht wussten, ob wir gerade beim Morgenbiss oder beim Vesperbrot, beim Abendmahl oder an der Mittagstafel, am, über oder unterm Tisch saßen. Ja, meine lieben, mit den Mahlzeiten ist es wie mit den Sorgen: Je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr hat man; spart man aber, so ist es auch nicht recht.

    So aßen und tranken wir mit gutem Hunger, bis uns der Morgenruf des Muezzin daran erinnerte, dass der Zeitpunkt der Abfahrt nah war.

    Eh ich´s vergesse und jemand danach fragt: Trabto und der Zeisig waren auf Drängen Pygmalions in einem guten Stall untergekommen; die Hitze des Hochlandes, meinte er, würden die beiden nicht ertragen. Als der Wirt, ein pechschwarzer Nuba, hörte, dass sich Trabto von Wind ernähre und der Vogel das zweite Gesicht besäße, wollte er es zunächst nicht glauben; erst als Trabto einen gewaltigen Furz losließ, der die Datteln von einer ziemlich entfernt stehenden Palme schüttelte, war er überzeugt, dass ich die Wahrheit redete. Auch Schild und Harnisch ließ ich zurück; in einem Land, in dem nach Aussage Pygmalions nur friedliche Leute wohnen, wäre es nur hinderlich gewesen. Doch Schlagto nahm ich mit – für alle Fälle. Manchmal kommt es dümmer als man denkt.

    Forts. folgt

  • Mundburt macht eine seltsame Entdeckung.

    Diese Fahrt nun, meine Lieben, war die Angenehmste und Wunderbarste, die ich in meinem Leben unternommen habe. Angenehm, weil die Art zu reisen dort die reinste Freude ist; wunderbar, weil wir auf Menschen trafen, die an Eigentümlichkeit von Gestalt und Art noch das übertrafen, was wir auf dem Bazar in Alma Mater gesehen hatten.

    Da Gerlind und ich aufgrund unserer Größe nicht im Beutel des Reise-Kän-guruhs Platz nehmen konnten, war diesem Tier ein gepolsterter und mit Kissen ausgelegter Korb vor die Brust geschnallt, ähnlich dem, wie ihn die Friesen an der Nordseeküste aufstellen, um nach des Tages Last unbeschwert aufs Meer zu schauen. Pygmalion stieg weiter unten ein – aber, um das Tier zu entlasten und aus Freude am Springen, wie er sagte, nach wenigen Meilen wieder aus. Wir, hoch oben, saßen Schulter an Schulter und ließen die Landschaften unter uns vorbeiziehen. Dabei waren die Bewegungen des Tieres von der angenehmsten Ausgeglichenheit; kein Stoßen und Schütteln, kein Werfen und Wanken wie wir es im hart gefederten Kobelwagen gewöhnt waren; auch nicht zu vergleichen mit dem Rücken eines Pferdes, diesem ewigen Auf und Ab, wo eine zu harte Reiterhand, eine ungeschickte Zügelführung, ein zu eng verschnallter Nasenriemen die Reise unterbrechen kann. Das Reise-Kän-guruh stieß sich sanft aber kraftvoll ab, flog durch die Luft, wobei ihm der Fahrtwind die Nüstern blähte, und setzte so sanft zum nächsten Sprung an als berühre es kaum den Boden.

    Und dann das angenehme trockene Wetter! Wie oft war Burg Wolkenstein den Blicken durch Nebel und tief hängendes Gewölk entzogen, wie oft war mein Vater im Winter bei Eis und Schnee ausgeritten und unter Wolkenbruch im Sommer heimgekehrt; wie oft war ich selbst hustend und vor Kälte zitternd auf tropfnassem Pferd von der Falkenbeize zurückgekehrt.

    Doch hier war die Luft klar, rein, durchsichtig, der Blick weit, weit, weit, durch keinen Nebelschwaden oder Schauer-Vorhang getrübt. –

    Gegen Abend erreichten wir unser Nachtquartier, eine Karawanserei, ein düster aussehender, wiewohl heiliger Zufluchtsort, aus großen behauenen Steinquadern gefügt und von einer hohen Mauer umgeben. Das mächtige, eisenbewehrte und in strahlendem Blau bestrichene Tor war geschlossen, und es brauchte eine Weile heftiges Klopfen, ehe es sich auftat. Als wir eintraten, war der staubige Innenhof schon gut besucht; Last- und Reise-Kän-guruhs, Kamele, Esel und viel buntes Volk lag im Schatten der hohen Mauern und ruhte sich aus. Die Herberge musste nach dem Zustand der Gebäude tausend Jahre alt sein, wenn nicht älter; möglicherweise stammte sie noch aus der Zeit, als es noch keine Sünde, nur Freude und Vergnügen auf der Welt gab.

    Ein wenig unruhig wurde ich angesichts etlicher riesiger Nuba, die rechts und links vom Tor standen, mächtige Knüppel in den Fäusten. Da waren auch Schleuderer+, die ihre Waffen schussbereit hielten.

    „Was soll das!“, rief ich, „ist hier Krieg?“

    Doch Pygmalion, der Gute, beruhigte mich.

    „Es sind Wächter der Karawanserei“, sagte er, „die dafür stehen, dass der heilige Frieden des Hauses gewahrt bleibt. Es ist ein ungeschriebenes Gesetzt, dass jeder, der einen solchen Ort betritt, die Nacht über sicher sein kann, ungeachtet, ob er einen Feind antrifft, und sollte es ein Todfeind sein.“

    „Wie schön“, sagte ich, „ich wünschte, so etwas gäbe es in unserem Schwabenlande auch.“

    Pygmalion blickte betrübt zu Boden.

    „Leider schaffen es Räuber immer wieder, als harmlose Reisende getarnt, sich in die Karawanserei einzuschleichen; oder gierige Anthropophagen*; nachts fallen sie über neugeborene Kinder her und verschlingen sie mit Haut und Haar, sodass nicht das kleinste Knöchelchen zurückbliebe. Wird solch ein Unhold erwischt, so erschlagen ihn die Wächter; Räuber, wenn man sie bei einer Tat entdeckt, werden von den Schleuderern erschossen.“

    „Wäre auch zu schön gewesen“, murmelte Gerlind.

    „Wir sollten uns noch ein wenig die Beine vertreten“, schlug ich vor, „das viele Sitzen hat meinem Steiß doch arg zugesetzt.“

    „Dann beeilt Euch“, mahnte Pygmalion, „es wird jetzt schnell dunkel. Ich bleibe hier, mein Bein tut weh.“

    „Kein Wunder bei der Strecke, die Ihr heut gehüpft und gesprungen seid.“

    Gerlind war nicht abgeneigt, und so machten wir uns auf den Weg. Gerade ließ Phaetons glühender Sonnenwagen die Mauern der Kasbah° glutrot aufleuchten, und Gerlinds Haar schimmerte wie dunkles Gold. Hinter einem Schuppen der geräumigen Karawanserei, die eher einem Ksar, einem befestigten Dorf glich als einem Gasthof, stieg Rauch auf, und der Geruch gebratenen Hammelfleischs wehte uns entgegen. Doch was mich neugierig machte war nicht die Aussicht auf einen leckeren Biss, sondern eine junge Frau, die mit einem Wassereimer auf dem Kopf in einiger Entfernung an uns vorbei ging und kurz darauf hinter einem Schuppen verschwand. Sie war in ein buntes Wickelgewand gekleidet und unverschleiert. Auf dem Rücken und vor der Brust wackelten zwei braune Kinderköpfe. An den Füßen trug sie Sandalen.

    „Hast du diese Frau eben gesehen?“, fragte ich Gerlind.

    „Ja. Sie trug vor der Brust und auf dem Rücken ein Kind. Wieso, was soll mit ihr sein?“

    „Sie hatte nur ein Auge im Gesicht.“

    „Das soll vorkommen.“

    „Schon, aber nicht da, wo sie es hat. Wenn ich richtig beobachtet habe, saß es mitten auf der Stirn. Und am Hinterkopf – “

    „Muss ich übersehen haben.“

    Tatsächlich war mir nicht mehr sicher. Als die Frau uns bemerkte, hatte sie schnell den Kopf zur Seite gedreht. Aber noch etwas anderes war mir seltsam vorgekommen, höchst seltsam sogar.

    „Gerlind!“, rief ich, „das muss ich jetzt wissen!“

    Ich ließ Gerlind stehen und lief um den Schuppen herum.

    ________________

    + Alte Waffengattung, bei der Projektile aus Ton, Stein oder Eisen mit hoher Präzision verschossen wurden. *„Menschenfresser“. ° Festung

  • Mundburt erfährt das Geheimnis der Nigröer

    Ich sah: Um ein Feuer herum lagerte etliches Volk, der Anzahl nach mindestens fünfzig Personen. Sie aßen, tranken, schwatzten und ließen es sich anscheinend gut gehen. Doch was war das? Die Männer in bunte Frauengewänder gehüllt, die Frauen schlicht gekleidet wie Mönche?. Jetzt sah ich auch deutlich das eine Auge auf der Stirn. Und – aber ich tat es als eine Sinnestäuschung ab – es sah so aus, als hätten einige Männer sogar ein zweites am glatt geschorenen Hinterkopf.

    Hinter einen zusammengebrochenen Mauerrest schlich ich mich näher an die Gruppe heran. Da saß die Frau von eben. Ich erkannte sie an der Art, wie sie ihre Kangas+ gewickelt hatte. Sie war gerade dabei, den Kleinen die Brust zu geben. Ich stutzte. Was ich jetzt sah, war dermaßen ungewöhnlich, dass ich mich fast durch einen unbedachten Ausruf der Verwunderung verraten hätte. Und noch etwas anders sah ich, als die Frau jetzt ihr Kopftuch zurückschob –

    Himmel und Hölle, dachte ich, steht die Welt denn neuerdings Kopf? Ist hinten jetzt gleich vorne, oben gleich unten, Mann gleich Frau, Frau gleich Mann?

    Eine dieser Gestalten im Mönchsgewand löste sich aus der Gruppe und ging knüppelschwingend auf die Ecke des Schuppens zu. Jetzt brüllte er etwas mit einer Stimme wie eine Trommel, das ich nicht verstand, doch die Botschaft war unmissverständlich: He, du da, Verschwinde, wir brauchen keine Gaffer! Sie galt Gerlind, die mir gefolgt war. Es war eindeutig eine Männerstimme, die da geschrien hatte, doch das Gesicht, aus dem sie kam, war völlig bartlos mit glatt-glänzende Wangen.

    Ich schlich mich unter dem Schutz der Mauer zurück und zog Gerlind aus dem Blickfeld des Knüppelschwingers.

    „Ungehobelter Klotz“, schimpfte meine Jungfer Knappe, „mich so zu erschrecken.“

    „Na ja, möglicherweise haben diese Leute mit Fremden schlechte Erfahrungen gemacht, so wie diese Frauen gebaut sind.“

    „Hoho! Des Ritters Kennerblick, te te te! Sag mal, was interessieren dich denn andere Frauen, du Schelm?“, polterte sie weiter.

    „Mein Gott, Gerlind, so sei doch nicht gleich wieder eingeschnappt! Zum Küssen eignen sie sich schon gar nicht. Zumindest nicht für meinen Geschmack.“

    „Ha! Dass ich nicht lache!“

    Sie schwieg maulend.

    „Es ist anders, als du denkst!“

    „So, du weißt also was ich denke! Das ist ja ganz was Neues. Also, was denke ich?“

    „Schluss jetzt mit dem Theater! Du hörst jetzt zu!“

    Ich erzählte ihr meine Beobachtungen, und auch, warum die Frauen dieses Volkes nicht nach meinem Geschmack sind.

    Gerlind sah mich ungläubig an und tippte sich an die Stirn. „Junker Ritter, Ihr spinnt!“

    Pygmalion lag im Schatten der Mauer und döste vor sich hin. Als er unsere Schritte hörte, blinzelte er uns verschlafen an.

    „Herr von Mausloch“, sagte ich, „dort hinten lagern seltsame Leute. Sie haben nur ein Auge mitten auf der Stirn, und manche, wie es scheint, noch ein zweites am Hinterkopf. Doch das Tollste zum Schluss: Die Frauen haben eine Brust vorne und eine auf dem Rücken und einen Arm vorne und einen auf dem Rücken. Und sie tragen anscheinend Bärte.“

    „Hört nicht auf ihn“, lachte Gerlind, „meinen Herrn Ritter reitet der Teufel! Hat wohl letzte Nacht etwas zu viel Honigwein geschlürft und ist immer noch nicht ganz nüchtern. Den Unsinn hat er mir gerade auch erzählt. Zuviel aufgestaute Blähungen –“

    Der Kleine war im Nu auf dem Bein. „Wie was wo?“, rief er aufgeregt, „wollt Ihr damit sagen, Herr, Ihr habt Nigröer# gesehen?“

    „Ach, Nigröer heißen die?“

    Doch schon war er in langen Sätzen davongehüpft.

    „Na, glaubst du mir nun?“, sagte ich, „ich bin weder betrunken noch hab ich Blähungen. In Zukunft bitte ich mir etwas mehr Achtung aus!“

    „Bäh!“

    Pygmalion kam zurück. „Tatsächlich!“, rief er schon von Weitem, „waschechte Nigröer!“

    „Herrgottnochmal!“, fauchte Gerlind, „seid ihr beide jetzt total übergeschnappt?“ Sie kam ganz nahe an mich heran und sah mir in die Augen. „Mundburt“, zischte sie, „ich warne dich! Wenn ihr beide ein loses Spiel mit mir treibt, kündige ich dir die Freundschaft!“

    „Jungfer Knappe“, sagte der Zwerg, „haltet zu Gnaden, dazu besteht überhaupt kein Grund! Es sind tatsächlich Nigröer, konnte mich eben selbst davon überzeugen. Setzten wir uns, und ich berichte, was es mit diesem Volk auf sich hat.“

    Während Gerlind eine Beruhigungs-Banane aß, erklärte Pygmalion: „Dieses seltene Volk besteht nur noch aus den fünfzig bis sechzig Leuten, die dort am Lagerfeuer versammelt sind. Es sind Gottes Geschöpfe wir Ihr und ich, mit allem Drum und Dran, nur bei den Frauen ist einiges anders. Ihr Schöpfer hat ihnen einen Lebensraum zugewiesen, der mit normalen Gliedern nicht bewohnbar ist. Es sind dies tiefe enge Felsspalten im heißen Hochland, da, wo die Sonne senkrecht vom Himmel scheint und alles schwarz brennt, und wo nur die Dunkelheit der Tiefe vor Verbrennungen schützt. Doch die Felsspalten sind so jämmerlich schmal und eng, dass es für die Mütter unmöglich ist, ein Kind vom Rückentuch zu nehmen und an die Brust zusetzen, und da die Nigröerfrauen meist Zwillinge zur Welt bringen, drohte das Volk auszusterben, denn die Wege dort sind nicht nur eng und gewunden, sondern auch entsetzlich lang, und viele Kinder würden unterwegs verhungern. Als Ogun sah, was er angerichtet hatte, gestaltete er die Frauen dieses Volkes so um, dass sie beide Kinder gleichzeitig, wie es Menschenart bist, säugen können, aber eines vorne, eines hinten, wobei sie trotzdem ihren Weg fortsetzen können.“

    „Verstehe“, sagte ich, als Pygmalion kurz Luft holte, „das hintere Auge und der hintere Arm –“

    „Richtig! Das haben nur die Frauen. Damit sie auch das Kleine auf dem Rücken nicht aus dem Auge verlieren und und es an die Brust legen können.“

    „Aber das kann doch kein Grund sein, dass die Männer sich wie Weiber kleiden und die Weiber mit einem Bart herumlaufen!“, wand ich ein.

    „Was missfällt Euch daran? Es ist eben ihre Art! Ogun wollte es so!“

    „Wo wollen diese Nigröer denn hin?“, fragte ich.

    „Einmal im Jahr, zur Wintersonnenwende, machen sie sich zum Vulkanberg Nigrö auf, den sie für ihren Stammvater halten. Dieser Berg hat auch so etwas wie ein Auge auf der Stirn, nämlich einen See mit grünem Wasser in einem erloschenen Krater.“

    „Ziemlich dumm, diese Leute“, meinte meine Jungfer Knappe, „zu einem einäugigen Gott könnt´ ich nicht aufblicken.“

    Ich wollte etwas erwidern, doch ich kam nicht dazu. Denn auf einmal –

    ____________

    + Tragetuch. # Alle hier und im Nachfolgenden aufgeführten Wundermenschen werden so ähnlich von Plinius, Solinus, Mela u. a. antiken Reiseschriftstellern bezeugt und für Geschöpfe Gottes gehalten.

    Eine Karawane zieht ein. Erste Begegnung mit den Kynokephalen

    – erklang eine wunderliche Musik, wie ich sie noch nie gehört hatte. Es waren Töne wie Engelschöre und Hexensabbat zugleich; oder Katzensinfonien mit Orgelgebraus; oder Winterstürme mit Stutenpfürzen . . . oder . . . oder – – Von Ferne wehten sie über das Tor und wurden im Näherkommen immer unheimlicher. Das war ein Jaulen, Rasseln, Zirpen, Quieken, Trommeln, Trompeten, Tuten, Dröhnen, dass ich dachte, gleich würden die Mauern, wie einst vor Jericho, im Schall der Posaunen einstürzen.

    Vom Wachturm her erklang jetzt lautes „He!“ und „Ho!“, die Torwächter liefen herbei und zogen die Torflügel auf.

    Eine Karawane zog ein. An der Spitze ritt eine imponierende Gestalt auf einem weiß-grauen Berber-Schimmel von der Größe des taurischen Stiers, den Talgmust, der ihr Gesicht bis auf einen Augenschlitz fast völlig bedeckte, in kühnem Schwung um Hals und Schultern geworfen. Die rechte Hand umklammerte einen wie Karfreitagsklappern klappernden Gegenstand, in der linken hielt sie einen geflügelten Schlangenstab. Hinter der Gestalt, auf hohen Kamelen, schwankte ein Gros* Spielleute in golddurchwirkten Kleidern und bunten Boas auf dem Kopf. Ich sah die wunderlichsten Instrumente der Welt. Ach, was sah ich da für Formen, so seltsam, so fremd, so abenteuerlich! Da waren dickfellige Trommeln, klingenden Nachttöpfen gleich, Flöten wie übermäßige Klistiere; Fiedeln, mit den Wimpern trauernder Einhörner bespannt, langstielige Zinken wie schwangere Blasebälge**, Schellen wie Rippenstöße, Trompeten wie Maulaffen, Schalmeien wie ein Schock Gurken, Krummhölzer aus dem Silberschein des Mondes – mit einem Wort: So, meine Lieben, könnt ihr euch die Musik vorstellen, die diese Spielleute hervorbrachten. Wer´s nicht glaubt, glaubt´s eben nicht; aber wenn es nicht wahr wäre, würde ich es nicht erzählen.

    Endlich folgte die endlose Prozession der Last-Kamele, rechts und links begleitet von berittenen Treibern mit langen Peitschen. Ferner Schafe, Esel, Frauen, Sklaven, Ziegen, Kinder, Hunde. Auch eine Einhorn sah ich, das sich geduldig von einem kleinen Kind führen ließ. Die Nachhut bildeten etwa zwanzig gewappnete Krieger, deren eherne Harnische in der Abendsonne wie alter Wein glänzten.

    Die Karawane schwankte behäbig auf einen freien Platz am anderen Ende des staubigen Hofes zu und hielt dort an. Der Führer saß ab, wobei er die gaffenden Leute und die kläffenden Hofköter hochmütig übersah. Jetzt schlug er seinen Talgmust zurück – ich blickte einmal, ich blickte zweimal hin – trotz der Entfernung erkannte ich: Auf dem Hals der Figur saß der Kopf eines Hundes, deutlich waren zwei spitze Ohren und die braune, kugelrunde Hundenase zu sehen. Jetzt drehte er sich zur Seite – Gerhild lachte laut auf: Eine buschige Hunderute in emsiger Bewegung zierte seinen Rücken.

    Auch die anderen Männer stiegen ab, alle ebenso gestaltet, mit wedelnden Ruten.

    „Anscheinend ein fröhliches Volk, diese Hundeleute“, bemerkte ich lachend, „der Große da wedelt ja, als hätte gerade einen fetten Bissen gefunden. Was freut ihn denn so?“

    „Nichts“, sagte Pygmalion. „Er teilt gerade Befehle aus. Es ist ihre Art, sich zu verständigen.“

    „Hätte mich auch gewundert“, meinte Gerlind trocken, „hier noch auf normale Menschen zu treffen.“

    „Urteilt nicht zu scharf“, entgegnete der Zwerg, „auch ich gehöre zu denen, die Ihr nicht normal nennt. Doch was heißt in diesem Teil der Welt schon normal. Wir sind eben Geschöpfe verschiedener Götter.“

    _______________

    *144. **Sollte hier ein Dudelsack gemeint sein? (Anm. d. Hsgbs.)

    F.f

  • Mundburt erfährt etwas über das Volk der Kynokephalen.

    Die Männer begannen nun, die Lasttiere zu entladen, zwischen denen die Hütejungen aufgeregt und fröhlich bellend hin- und herliefen. Bald lagerte Mensch und Tier, und an verschiedenen Stellen stieg Rauch auf.

    „Ihr kennt Euch doch hier aus“, sagte ich zu Pygmalion, „was ist das für ein Volk, das so gestaltet ist? Wirkliche Hunde sind es doch wohl nicht.“

    „Natürlich nicht“, sagte er, „obwohl sie manche wegen ihres Gebells eher für echte Hunde halten. Aber habt Ihr schon mal einen Hund auf einem Kamel reiten sehen? Der Weise Ratramnus+, der sie Kynokephalen, Hundsköpfige, nennt, hält sie für echte Menschen, denn er schreibt ihnen Vernunft und Begabung zu: Sie leben in Gemeinschaft, bestellen das Feld und sammeln Früchte, sie domestizieren Tiere, sie bedecken ihre Scham. Es scheint also, dass sie einen Gemeinsinn, eine Moral kennen –“

    „Ha!“, unterbrach Gerlind Pygmalions Rede, „Moral! Das meine ich wohl! Wenn ich da an unseren Kynos selig denke –“

    „Da verwechselst du was“, warf ich ein, „der selige Kynos+ war ein Hund, der wie ein Mensch dachte, fühlte und redete, diese hier sind Menschen, die wie Hunde bellen und sich wie Hunde verständigen. Das ist ja wohl ein kleiner Unterschied.“

    „Sie betreiben Ackerbau“, fuhr der Edle fort, „und die Vorratshaltung sowie die Fähigkeit Stoffe zu weben deuten auf ein logisches Vermögen, mithin sind sie eher als Menschen denn als Tiere einzuschätzen. Es sind Geschöpfe vom Rande der bewohnten Welt, ihre Heimat liegt zwischen den Flüssen Hiddekel und Gihon**, da, wo das trocken-felsige Land ins Paradies übergeht.“

    „Aber von Adam und Eva stammen sie doch wohl nicht ab“, flachste Gerlind, „sonst hätten sie nicht so spitze Ohren!“

    „Woher weißt du denn, wie die Ohren von Adam und Eva aussahen, du Schlaumeier?“, lachte ich, „oder hast du sie persönlich gekannt, wie?“

    „Ätsch bätsch, reingefallen! Ich weiß es vom Altarbild in der Kapelle auf Burg Schwarzenraben. Ich guck nämlich genau hin! Im Gegensatz zu dir, wie sich jetzt zeigt.“

    „Eure äh ... Knappin hat Recht“, nun wieder Pygmalion, „es sind keine Geschöpfe des Christengottes, sonder des hundsköpfigen Anubis, des Totengottes der alten Ägyptier, der bei den Römern Mercurius heißt, worauf das Sistrum, die beim Isis-Kult verwendete Handklapper, und der Caduceus Mercurii, der geflügelte Schlangenstab des Mercur, hinweisen, die der Karawanenführer in Händen hielt .“

    „Ha, Ihr redet ja wie ein Buch, großer Meister!“, rief meine 'Knappin', „woher nehmt Ihr diese Gelahrtheit? Habt Ihr sie etwa mit der Muttermilch aufgesogen?“

    „Keineswegs, Euer Wohlgeruch, meine Mutter selig war eine einfache Frau und interessierte sich nicht für die Genealogie fremder Leute. Ich hab´s einfach in der Schule gelernt. Hab die Ohren aufgemacht und dafür meinem Hintern Striemen erspart.“

    Wir mussten alle herzlich lachen.

    Ich sah Gerlind an. „Kommst du mit?“

    „Wohin?“

    „Zu den Hundsköpflern. Will mir diese Leute mal genauer ansehen.“

    „Nein, ich bin müde. Vielleicht weiß der edle Herr Hinternschoner ja eine nette Gutenacht-Geschichte.“

    ________

    + Ratramnus von Corbie († um 868) verfasste einen Traktat, in dem er dafür eintrat, die Leute mit Hundeköpfen als Menschen anzusehen, obwohl sie nur bellen können. ** Nach modernen Erkenntnissen Euphrat und Tigris.

    Mundburt macht Bekanntschaft mit einem allerliebsten Geschöpf und handelt sich daraufhin erneut den Zorn Gerlinds ein.

    Tyche wollte, dass mir, als ich mich dem Lagerplatz der Karawane näherte, einer dieser Hundemenschen entgegenkam, und Kairos* bestimmte, dass es eines der entzückendsten Wesen war, die mir in meinem Leben begegneten. Ich kann´s ja jetzt sagen, denn Gerlind hört mich nicht.

    Ich erblickte einen zierlichen, kleinen Körper, nach Gewohnheit der Nomadenfrauen in ein buntes Wickelgewand gehüllt, aus dem rückenwärts eine überaus niedliche Rute ragte, die am Sterz in ein niedliches Pinselchen überging. Auf dem Kopf saß ein grauer Burnus, unter dem zwei allerliebste schwarz-braune Schlappohren heraushingen. Das fein geschnittene Gesichtchen mit der kindlich-kurzen Schnauze strahlte eine eigenartige Schönheit aus. An den Armen klirrten Armbänder, die schmalen Füße mit fein lackierten Zehennägeln steckten in Sandalen. Als es vor mir stand, das Wesen, ließ es ein freundliches Knurren hören, und an der Art, wie es mich mit seinen großen, braunen Augen ansah, erkannte ich, dass es ein Mädchen oder eine Jungfer war, und der Blick war keineswegs der eines Mauerblümchens, das Angst vor männlicher Annäherung verspürt; im Gegenteil, in ihrem Blick lag etwas Zutraulich-Verführerisches.

    Überhaupt, diese Augen ...

    Ich fühlte, wie mein Herz dahinschmolz wie liegengebliebener Märzschnee in der Mittagssonne.

    „Mein schönes Kind“, fragte ich, von der Sorge erfüllt, sie könnte mich nicht verstehen, „wohin des Weges?“

    Nun wedelte sie heftig, und ihre Augen lachten. Sie ist alt genug zu heiraten, dachte ich, und noch jung genug, um mit einem Stecken in der Hand hinter den Schafen herzurennen.

    „Wie heißt du denn?“, war jetzt meine Frage, woraufhin sie dreimal mit hoher Stimme bellte.

    „Und darf ich fragen, wie alt du bist?“

    „Wauwauwauwauwauwauwauwauwauwauwauwauwauwau!“

    „Oha! Das ging mir etwas zu schnell! Kannst du es bitte langsamer wiederholen?“

    Wau – wau – wau – wau...“ Ich zählte vierzehnmal „Wau“.

    „Fünfzehm Jahre! Herrje! Dann muss ich ja Euch zu dir sagen!“

    „Wau – wuff.“

    „Eine schöne Stimme habt Ihr, mein Fräulein, gar nicht so wie diese elenden Hofköter hier.“

    „GRRRRRR – GRRRRRR – WAU-WAU!“

    Oha, da hatte ich wohl einen kapitalen Bock geschossen, wie Vater bei solchen Gelegenheiten immer sagte.

    „Verzeihung! Ich wollte Euch nicht zu nahe treten. War dumm von mir! Wie konnte ich nur! Bitte nochmals um Vergebung.“

    „Wuff-wuff.“ Wieder wedelte sie heftig mit erhobener Rute und sah mich treuherzig an. Ich nahm es als Zeichen, dass sie mir vergeben hatte.

    „Habt Ihr noch Geschwister?“

    „Wau.“

    „Und wie viele, wenn ich fragen darf?“

    „Wau wau wau wau wau wau.“

    „Ah ja! Sind die auch so hübsch wie Ihr?“

    Die kleine schüttelte den Kopf und sagte mit erhobener Stimme: „Wau – wuff“, was alles Mögliche bedeuten konnte.

    Nun wusste ich nicht, was ich weiter sagen sollte, denn die Situation war für mich völlig neu. Auch verstand ich die Sprache ihrer Rute nicht. Doch bevor die Lage peinlich werden konnte, ergriff sie unbekümmert meine Hand und drückte sie.

    Ach, meine Lieben, glaubt mir, immer, wenn ich an diesen Händedruck zurückdenke, wird mir heiß ums Herz. Ihre kleinen, weichen, geschmeidigen Finger streichelten meine Hand, so zutraulich, so sanft, so zärtlich, mit so viel unschuldiger Hingabe ... Es waren die Finger eines Naturkindes, einer braunen Elfe, einer unschuldigen Fee, die noch nichts von Sünde wusste. Ich konnte nicht anders, ich musste ein Gleiches zu tut, worauf sie ein allerliebstes Knurren hören ließ, das in einem freundlichen „Wuff-wuff“ endete.

    Doch jetzt geschah etwas, das mich leicht aus der Fassung hätte bringen können, wenn ich nicht schon mit etwas Ähnlichem gerechnet hätte. Eh ich mich´s versah, fühlte ich ihre Hand unter meinem Wams, wo ihre flinken Finger nach etwas suchten.

    „Pfui!“, rief ich, „lass das! Wenn du Geld haben willst, sag es!“

    Die Jungen sind nicht besser als die Alten, dachte ich enttäuscht, immer nur hinterm Geld her!

    Doch die kleine schüttelte den Kopf und ließ ein Jaulen hören, in dem ein Abgrund an Verzweiflung lag, und ein unendlich trauriger Blick traf den meinen. Eine Träne löste sich aus einem runden braunen Auge und kullerte auf das allerliebste Schnäuzchen, auf das die Natur so etwas wie ein Herz gemalt hatte, mit dem allerliebsten Näschen, das wie feuchter Samt glänzte.

    „Ja was willst du –“

    Mir stockte der Atem. Das konnte, das durfte doch nicht wahr sein!

    Doch es war so! Der Blick ihrer großen, braunen Hundeaugen ließ keine andere Möglichkeit zu! Das kleine Ding hatte sich in mich verliebt! – Nun ja, meine und Gerlinds Erscheinung hatte vielerorts Erstaunen und Verwunderung ausgelöst, kein Wunder in einem Land, das nur schwarzes Kraushaar kannte. Aber dass es nun darauf hinauslaufen könnte –

    Plötzlich sprang die Kleine an mir hoch, ihre lange, dünne Zunge schnellte hervor und leckte mir, eh ich´s verhindern konnte, das Gesicht.

    Ich war sprachlos. Beugte mich hinunter und kraulte der Kleinen unterm Kinn. Überlegte, wie ich ihr möglichst schonend klarmachen konnte, dass ihre Liebe ohne Zukunft –

    „Mundburt! Was machst du da? Du kommst jetzt sofort zurück!“, tönte es hinter uns. Gerlind stand da, wie eine wütende Furie die Fäuste in die Hüften gestemmt, vom flackernden Schein der Lagerfeuer wie von Höllenglut beleuchtet. Oder war´s eher höllischer Zorn, von dem sie glühte?

    Husch, schon war die Kleine weg.

    Was soll ich dazu noch sagen! So erfreulich wie der Flirt begonnen hatte, so unerfreulich waren die Folgen. Benötigte nicht zehn, nicht hundert, nicht tausend, sondern schätzungsweise eine Million Beteuerungen und Küsse, um Gerlinds Zorn zu besänftigen ...

    __________

    Tyche, gr. Göttin der Fügung, des Zufalls, Kairos, Gott des günstigen Zeitpunkts.

    F. f

  • Mundburt hört die Engel im Himmel singen

    In dieser Nacht fand ich nur schwer in den Schlaf. Musste immer an die Kleine mit dem süßen Schnäuzchen und dem zarten Pfötchen denken. Außerdem hatte mich Gerlinds Maulerei aufgeregt. Trotzdem schloss mich Morpheus nach einer zögerlichen Weile in seine weichen Arme, doch nicht lange. Wie sonst hätte mich eine eigenartige Musik wecken können? Es waren sanfte, silberne Töne, die durch die Luft schwebten wie feiner Engelsgesang, nicht zu vergleichen mit dem wüsten Klängen, welche die Trommler und Pfeifer der Karawane von sich gegeben hatten. Auch kam es mir vor, dass diese Musik nicht von der Erde, sondern vom Himmel stammte – – ich öffnete die Augen und blickte nach oben – und was sah ich da? Ich sah etwas, das ich in dieser Reinheit noch nie gesehen hatte – ich sah den überwältigenden Sternenhimmel einer klaren Wüstennacht. Das blitze und blinkte, zitterte, tanzte, lachte mich an, kniff mir ein Auge zu, verbarg sich schelmisch hinter zarten Wolkenschleiern, kam strählend lächelnd wieder hervor – kurz, eh ich noch ins Schwärmen falle, ich sah:

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    Da staunt Ihr, meine Liebden, und Ihr staunt recht! Jetzt wusste ich auch, was für eine Musik das war: es war Sphärenmusik! Ich erinnerte mich, dass der Magister Kopf einmal erklärt hatte, nicht die Erde stehe im Mittelpunkt der Welt, sondern die Sonne. Die Planeten umkreisten sie auf unsichtbaren Kugeln, die er Sphären nannte, und brächten diese dabei in Schwingungen. Dadurch erzeugten sie Töne, die den ganzen Äther erfüllten. Als ich ihn fragte, warum man diese Musik denn nicht hören kann, sagte er: Dass man sie nicht hört, sei kein Grund, sie nicht für wahr zu nehmen. Das liege einfach daran, dass wir auf der Erde zu weit weg sind. Damals hatte ich ihm nicht geglaubt, denn der Burgkaplan hatte ärgerlich mit dem Fuß gestampft und mit hochrotem Kopf geschimpft, solche Überlegungen seien Teufelszeug und eines guten Christen nicht würdig. Aber waren wir in den letzten Tagen der Sonne nicht immer näher gekommen?

    Während ich noch darüber grübelte, wickelte sich der Edle aus seiner Decke und hüpfte unbeholfen davon. Ich stand ebenfalls auf und ging ihm nach. „Herr von Mausloch!“, rief ich leise, „wohin so früh?“

    „Ach, lieber Herr“, jammerte er und massierte sich sein Bein, „ich habe einen Krampf in der Wade und muss mich bewegen.“

    „Darf ich Euch begleiten? Auch ich kann nicht schlafen.“

    Er hatte nichts dagegen, und so traten drei Beine hurtig die Erde unter sich weg. „Herr von Mausloch“, sagte ich nach einer Weile, „habt Ihr nicht eine schöne Geschichte auf der Zunge, die uns die Zeit bis zum Frühbrot vertreibt?“

    „Hab ich schon, aber jetzt ist mir nicht nach Erzählen zumute. Erst muss meine Wade wieder gesund sein. Aber wenn Ihr etwas Geduld habt, demnächst.“

    Dieses Kapitel wird später erzählt, denn was darin geschieht steht noch nicht fest.


    F. f

  • Mundburt opfert seinen zweitletzten Schwerthieb.

    Kaum waren der Edle und ich wieder auf unseren Schlafplatz zurückgekehrt, da war auf einmal ein gewaltiges Rauschen in der Luft; vom Eingang her erklang heftiges Rufen, die Torwächter hoben ihre Knüppel, die Schleuderer machten sich schussbereit. Nur seltsam – das Tor blieb zu. Kurz darauf schwebten vier dunkle Vögel auf breiten Schwingen über die Mauer und ließen sich auf den Dächern der umliegenden Gebäude nieder.

    „Pest und Cholera! Eisenfresser!“, rief der Zwerg und sprang hastig und mit den Armem fuchtelnd von seinem Lager auf, „ksch kisch kisch weg weg weg, ihr Höllenbrut, ihr Diebe, ihr Scharlatane, ihr Schurken, ihr Spitzbuben, ihr Schweinepriester, ihr ... ihr ... Schert euch zum Teufel!“

    Auch in den schlafenden Platz kam Bewegung. Zelteingänge öffneten sich; diejenigen, die unter den Sternen genächtigt hatten warfen ihre Decken oder Teppiche ab. Es hob ein Hasten, Husten, Huschen, Hechten an, man griff sich an die Ohren, den Hals, die Arme, die Beine, lief hierhin, dorthin, dahin, mit irgendwelchen blitzenden Gegenständen in Händen, deren Natur und Nutzen ich zunächst nicht erkennen konnte.

    „Beim heiligen Schirliburli!“, rief Gerlind gähnend, „was ist denn nun schon wieder los?“

    „Es ist eine Teufelsbrut, schlimmer als giftige Schlangen, reißende Bestien, stechende Taranteln“, zeterte der Zwerg, „jeder dieser Ironiker* ist alles in einem! Schimpfreden und Schande kümmern sie nicht, sie klimpern mit den Augen und grinsen höhnisch, wenn man sie mit Dreck bewirft! Die diebischste Elster ist eine Heilige dagegen, jeder Mörderwolf ein Schmusekätzchen! Sie gehören vertilgt, vom Erdboden ausgelöscht, in die Hölle geschickt, geteert und gef –“

    „Nun haltet mal die Luft an“, fiel ihm Gerlind ins Wort, „ich gebe ja zu, sogar von hier aus sehen sie nicht gerade Vertrauen erweckend aus. Das tut mein sechster Oheim auch nicht, dabei ist er ein herzensguter Mensch, nach allem, was man von ihm hört. Was haben diese da denn verbrochen, dass Ihr so über sie herzieht?“

    „Oh oh oh diese Schelme!“, fing der Kleine wieder an, „diese Halsbaschnei – ähem ... Sie fressen alles Eisen, Metall, egal wo sie es befinden, an Türen, an Toren, an Waagen, Wägen, sodass die Räder auseinanderfallen, wenn es der Fuhrmann zu spät bemerkt, und die Reisigen unter sich begräbt. Irgendwann haben sie die eisernen Riegel, Stangen und Nägel des Tors dort entdeckt, und sind gekommen, sie zu holen. Wenn die Wächter nicht scharf Acht geben, fällt es spätestens morgen früh auseinander. Aber auch hinter Edlerem sind sie her, hinter Gold, Silber, Bronze, Kupfer, Zinn ... Hinter allem Metall, das die Götter wachsen ließen.“

    „Ja zum Teufel, warum schießen die Schleuderer denn nicht?“

    „Weil es nichts nutzt! Gegen das gepanzerte Gefieder dieser Ungeheuer kommt die stärkste Geschosse nicht an! Ojé ojé ojé, sie schneiden den Frauen die Ohren und Füße ab, um an Gehänge und Reife zu kommen –“

    Der Edle stutzte. Plötzlich schrie er: „Schnell, Jungfer, werft Euer Ohrgehänge ab, eh es zu spät ist!“

    Kaum hatte Pygmalion dies gesagt, da erhob sich einer dieser seltsamen Vögel, segelte vom Dach und ließ sich, eine Menge Staub aufwirbelnd, vor uns nieder.

    O, wie hässlich diese Kreatur war! Affido! Damit ihr mir glaubt, meine lieben Zitronenfalter und Kohlweißlinge, will ich sie kurz beschreiben; dabei kann ich sie nicht besser schildern, als wenn ich sie mit einer Chimäre vergleiche oder mit dem Cerberus oder mit einem Tatselwurm, wie die alten Yetis ihn malten. Also: Das Untier hatte drei Köpfe, nämlich einen wie ein brüllender Löwe, einen wie ein zähnefletschender Hund und einen wie ein blutgieriger Wolf, alle drei von einem Drachenschwanz umschlungen. Der unförmige Körper war schwarz wie die Nacht und mit dicken blanken Eisennägeln beschlagen. Die Beine glichen eisernen Öfen, an den Klauen saßen statt der Krallen schmiedeeiserne Zangen. Jetzt öffnete der Löwenkopf sein Maul und zeigte eine Zunge wie ein Sarazenensäbel, dann öffnetet der Wolfskopf sein Maul, und seine Zähne waren spitze Eisenraspeln. Nun öffnete auch der Hundekopf seine Schnauze, und zum Vorschein kam ein Messer.

    Das sah ich alles im Nu, denn schon stürzte sich das Höllenvieh auf Gerlind; ehe sie begriff, wo die Gefahr lag, schlug das Untier seine Krallen in ihr Gewand und hielt es fest, aus dem Löwenkopf fuhr den Säbel aus und näherte sich ihrem linken, das Wolfsmaul öffnete sich zischend und näherte sich ihrem rechten Ohr, die Hundeschnauze fuhr das Messer aus ...

    „Hoho!“, rief ich, „kommt mir nicht so!“ Ohne zu überlegen ergriff ich Schlagto, mein Schwert, meinen Malchus+, mein Halsabschneider und hieb alle drei Köpfe auf einen Streich ab, worauf die Hälse zuckend und zischend herabsanken.

    Gerlind, die jetzt begriff, welcher Gefahr sie geschwebt hatte, stürzte in meine Arme und rief: „O Mundburt, du mein Mundburt, o du großer Held!“

    Das alles ging so schnell, dass ich es nachher, als mir Gerlind unter Tränen der Dankbarkeit und mit einem Haufen Wonne-Küssen meine Heldentat berichtete, nicht glauben wollte.

    Doch die Geschichte will, dass ich zum Geschehen zurückkehre.

    Die Köpfe lagen also abgeschlagen vor meinen Füßen, die Hälse schlaff und eingefallen wie leere Weinschläuche. Doch wenn ihr jetzt glaubt, das Ungeheuer wäre tot, so habt ihr euch gründlich getäuscht. Denn jetzt begann der Körper sich wie ein Blasbalg zu bewegen, und ein Klimpern und Klappern wie in einer Reisekasse auf Holperwegen war zu hören. Die mit ehernen° Schuppen bedeckten Hälse füllten sich, wurden dick und rund; ein Röhren und Rülpsen war zu hören; jetzt richteten sich auf, drehten und wiegten sich wie Boaschlangen vor ihrem Beschwörer, dass mir allein vom Zusehen schwindlig wurde. Auf einmal spien sie den Mageninhalt ihres Höllenkörpers in hohem Bogen aus: Goldene Ringe, silberne Ohrgehänge, Arm und Fußreife aus Bronze; eiserne Kettenglieder, Nägel, Nieten, Schlüssel, Henkel, Haken, Bolzen klimperten auf den Boden; aber auch größeres Eisenzeug flog durch die Luft, Piken, Framen%, Hacken, Hauen, Sensen, Sicheln, Spaten, Spatzen&, Hobeleisen, Schippen, Kellen, Löffel, Gabeln, Meißel, Scheren, Zangen, Zinken, Krummhörner, Bohrer, Roste. Die eiserne Flut wollte einfach kein Ende nehmen. Wäre ich nicht beiseite gesprungen wie ein junger Hase, certe, das gottverdammte Metallzeug hätte mich begraben.

    Doch irgendwann ist auch der gefräßigste Magen leer; der kopflose Körper furzte noch einmal lustlos zum Abschied, dann gab er Ruhe.

    Nun wandte ich mich den Untieren auf den Dächern zu, die meine Heldentat verwundert beäugt hatten. „Ha!“, rief ich und schwang mein Schwert, „ihr feigen Hunde, jetzt komme ich zu euch herauf! Aber dann bliebt es nicht beim Köpfen, vorher steche ich euch die Augen aus!“

    Ich hatte richtig gerechnet. Da die unselige Brut annehmen musste, dass ich über geheime und todbringende Kräfte verfüge, flogen sie kreischend auf und davon.

    __________

    * Scherzhaft-doppeldeutige Verwendung von engl. iron=Eisen. + Bekanntlich hieb ja Petrus dem Malchus mit dem Schwert ein Ohr ab (NT). ° Eisernen. % Kurze Eisenpiken. & Eine kleine Damenschaufel.

    Mundburt lässt Recht Recht sein und das Volk gewähren.

    Ich erspare Euch, meine Lieben, die Flut der Dankesbekundungen, die mir zuteil wurde, und ich meine zu Recht, – schließlich hatte ich Gerlind die Ohren und den Weibern ihren Schmuck und das Tafelsilber gerettet – denn schon bahnte sich neues Unheil an. Ein Geräusch, als wenn nasse Wäsche über Bretter gezogen wird, war zu vernehmen, das schnell näher kam. Drei zerlumpte Galgenvögel erschienen, von denen der eine stark hinkte, der andere ein Bein nachzog (das Geräusch!) und der dritte die Nase an der Stirn und ein Auge da hatte, wo eigentlich die Nase hingehört. Alle drei hatten lederne Säcke bei sich und fingen jetzt an, das Metallzeug einzusammeln.

    „He-he! “, rief ich, „ihr Spitzbuben, Knödelschänder und Gurkendiebe, was soll das? Erstens fragt man vorher und zweitens ist meine Antwort nein!“

    Jetzt wandte mir Hinkebein seine Kehrseite zu, und ich hörte jemanden undeutlich sagen: „Euch ge – rt der Kram gen – so w – ig wie den Ei – nfress –!“

    „Sprecht lauter und vor allem deutlicher“, sagte ich, „man versteht Euch kaum! Und warum dreht Ihr Euch überhaupt um?“

    „Mensch Egon!“, krächzte jetzt der Bein-Nachzieher, „wie oft soll ich das noch sagen? Nimm die Arschbacken auseinander beim Sprechen!“

    Egon griff in seine Hosen. „Euch gehört der Kram genau so wenig wie den Eisenfressern!“, kam es jetzt klarer und deutlicher vernehmbar heraus.

    Mir blieb die Sprache weg. Das war doch nicht möglich!

    „Dreht Euch bitte einmal um, lieber Herr“, bat ich.

    Egon drehte sich um, und jetzt sah ich, dass das, was ich eben noch für einen kleinen runden Mund unter der riesigen roten Nase gehalten hatte, in Wirklichkeit ein – – Demnach musste der Mund dieses Kerls –

    „Bei meinem Gemächt!“, rief Pygmalion munter, „hab schon Bauch-, Kopf-, Bütten-, Kanzel-, Katheder-, Thron-, Nachttopf- und weiß der heilige Dingeldei was für Redner gehört, aber ein Arschredner ist mir noch nicht vorgekommen!“

    „Sag mal, du Galgenstrick“, rief Gerlind – „womit isst du denn?“

    „Na womit wohl? Mit der Nase!“

    „Na ja, groß genug ist sie ja!“

    „Ist das nicht ziemlich unappetitlich?“, fragte ich, „die Speisekammer gleich über der Abortgrube?“

    „Da macht Ihr Euch falsche Vorstellungen. Ich ernähre mich ausschließlich vom Duft wilden Honigs.“

    „Soso, aha! Dann seid Ihr also ein Künstler!“

    Der Kerl brach in heidnisches Gelächter aus. „Hoho, haha, hihi! Dann wär ich schon lange verhungert!“

    „Aber sage doch, du sauberer Geselle“, ich wieder, „was zum Teufel plagt dich denn, das du dich an fremdem Gut, das dir nicht gehört, ungehörig vergreifen willst? Besitzt du Affenschwanz etwa einen Schuldschein oder einen Pfändungstitel?“

    „Hä? Wa? Wie?“

    „Außerdem war ich zuerst da! Und nach dem ehrenwerten kanonicos kaesios quarcios, liber VI, p. XXII ff., gilt: Qui prior est tempore protior est jure°!“

    „Was ist das denn?

    „Latein.“

    „Aha, soso ... Bursche, wenn dir erst so viel Wind um die Nase gegangen sein wird wie mir, dann wird dein Latein schon anders lauten!“

    „Bube! Rede nicht so mit mir! Ich bin ein Ritter!“

    „Hahaha!“, grölte der Kerl, „dieser Ritter macht mich lachen!“

    „Genug geschwatzt“, ließ sich jetzt der dritte im Bunde vernehmen – wohl der Anführer, denn er hatte eine Hahnenschwanzmütze auf dem Kopf und den größten Sack von den dreien in der Hand –, „entweder Ihr gebt das Zeug freiwillig her, oder wir nehmen es uns mit Gewalt.“

    „Nur zu, gemeiner Knallfarz!“, rief ich, nahm Schlagto fester und ging auf die Halunken zu. Doch in diesem Moment fiel mir ein, dass es mein letzter Hieb gewesen wäre, und ihn für dieses lose Gesindel zu opfern, dazu war er mir zu wertvoll.* Außerdem lag mit nichts an dem Metall-Zeug, und wär´s Chalybes-Stahl**, war ja auch nicht hinter Gold und Silber her, sondern hinter dem wundertätigen Kristall. Also blieb ich stehen und sagte: „Hmm ...nun ja ... ganz eindeutig ist der casus nicht. Item ... Wenn das Zeug weder mir noch den Eisenfressern gehört, dann gehört es Euch erst recht nicht.“ Wollte die Burschen aufhalten, bis mir eine Lösung des Händels eingefallen war.

    „Auf Euren casus furz ich, und Euren item kenn ich nicht!“, grölte der Kerl, „und ich kenne auch niemanden, der hier Besitzansprüche anmelden könnte! Also Brüder, drauf und dran!“

    Unterdes war immer mehr Volk zusammengelaufen, das das Raubgut mit Argusaugen anstarrte.

    „Doch, ich, ich!“, rief plötzlich eine krummbeinige Alte mit einem Hintern wie ein Kastell, „ich melde an! Dieser Ring hier ist meiner! Ich erkenn ihn an der Gravur wieder! Hat mein seliger Mann anno – “ Sie bückte sich ächzend, und schon verschwand etwas Blitzendes unter ihren unerforschlich weiten und unsauberen Gewändern.

    „Ha, da liegt ja meine goldene Spange!“, rief jetzt eine junge Frau, eine Jungfer mit einem Gesicht wie Milch und Honig, „hab ich sie endlich wieder!“ Sie hockte sich blitzschnell hin, griff zu, und schon war sie in der Menge untergetaucht.

    „Mein silberner Manschettenknopf, da liegt er!“, näselte ein vornehmer Herr mit einer wüsten Hasenscharte unter der Nase, „leck eher dem Teufel den Hintern, als dass ich den liegenlasse!“

    Nun erkannten immer mehr Leute ihr angeblich gestohlenes Eigentum wieder, und ein emsiges Greifen, Grabschen, Raffen, Rauben begann.

    „He, ihr wertes Gesindel!“, rief ich den drei Gesellen zu, „wenn ihr euch nicht beeilt, geht ihr noch leer aus!“

    Kaum war das letzte Wort verhallt, da war der Platz blank wie ein frisch gewischter Küchentisch am Ostermorgen; nicht der kleinste Nagel, nicht der Hauch eines Amuletts, nicht der leiseste Nachschein eines bronzenen Armreifs war noch zu sehen. Alles aufgerafft, abgegriffen, eingesteckt und weggebracht.

    Ja, so war´s, meine Lieben, auch wenn es Euch nicht schmeckt. Möge mich Jupiter mit seinem dreistrahligen Blitz zerschmettern, wenn ich auch nur eine einzige Silbe gelogen habe!

    Wir nahmen noch eine Mütze Schlaf, frühstückten auf Kosten des Hauses – der Wirt ließ es sich nicht nehmen, seinen Dank für die gerettete Tür zu bezeigen – dann setzten wir unsere Reise mit neuem Mut und frischen Kräften fort.

    ___________

    ° Frei übersetzt: Wer zuerst kommt, malt zuerst. * Zur Erinnerung: Von den sieben, die ihm der Bürgermeister der Windesser gewährt hatte, sind bereits sechs Hiebe verhauen. ** Das im Altertum härteste Metall.


    F. f


  • Pygmalion erzählt eine unglaubliche, haarsträubende Geschichte

    Dabei geschah zunächst nichts, was es wert gewesen wäre, aufgezeichnet zu werden, es sei denn, jemand hätte Interesse an einigen wunderlichen Leuten, denen wir unterwegs begegneten. Da war zunächst eine Troglodyten-Karawane von der Küste des Roten Meeres, auf deren Kamelen ausschließlich ältere Frauen saßen. Auf meine Frage, wo denn die Knaben, Männer und Mädchen seien, antwortete der Zwerg, das wisse keiner so genau; vermutlich hielten sie sich in Bauchfalten ihrer Frauen und Mütter verborgen*. Manchmal finde man so genannte Zwergmännchen, dünn und kurz wie Regenwürmer, nackt, bloß und schwarz vor Durst, neben dem Weg liegen, und es geht das Gerücht, dass dies die Männer dieser Frauen seien, unbemerkt aus einer Bauchfalte geplumpst. Außerdem sei völlig unbekannt, wie sie sich vermehrten. Sie stünden unter der Herrschaft einer Königin namens Kusch-Kusch, erzählte der Edle weiter, die sich ausschließlich von Panther- und Löwen-Fleisch ernähre.

    Dann begegneten wir einem langhaarigen Greis, der auf allen Vieren wie ein Hund im heißen Sand herumkroch und anscheinend nach irgendetwas suchte. Dieser Mann, sagte der Zwerg, sei ein Sykophant, ein Problemsucher, der Dank seines scharfen Blicks Probleme auch dort fände, wo für einen normalen Menschen die Gegend völlig problemlos sei; finde er einmal keine, denke er sich welche aus. Habe er genug beisammen, verkaufe er sie auf dem Markt an berufsmäßige Problemlöser, Phantosyken genannt, die nun wiederum Probleme und Fragen lösten, die schon seit Jahrhunderten als geklärt gelten. Dazu erzählte er eine unglaubliche, haarsträubende Geschichte, die ich hiermit meinem Schreiber in die Feder diktiere.

    „Ein kluger Mann kann durchaus“, begann der Edle, „närrisches Zeug reden und doch vernünftige Dinge tun, während ein Narr, der einen Sack Grillen bewacht, häufig für einen Philosophen gehalten wird, wenn er nur ernst genug dreinschaut. Vor einiger Zeit wurden einem dieser Phantosyken bei einem Mittagsmahl Feigen mit besonders süßem Honiggeschmack vorgesetzt. Er stand vom Tisch auf, denn die Sache war ihm wichtig, ging in den Garten, ließ sich den Baum, von dem die Feigen stammten, vom Gärtner zeigen, untersuchte ihn von unten bis oben – den Baum natürlich –, ließ ihn bis an die Wurzeln angraben, erforschte die Erde, ließ sich die Bedingungen, unter denen der Baum gepflanzt worden war, aufs Genaueste berichten. Da er nichts fand, was die besondere Süße der Früchte hätte erklären können, ersann er eine Hypothese, verwarf sie wieder, ersann eine neue, eine dritte, eine vierte; verwarf auch diese, weil ihm keine gelehrt und scharfsinnig genug erschien. Die Sache lag ihm so am Herzen, dass er den Baum absägen ließ – denn wann hätte jemals ein Phantosyke ein ungelöstes Problem stehen lassen! Dann betrachtete er den Querschnitt des Stammes etwa zwei Stunden durch eine mit Wasser gefüllte Glaskugel° sehr aufmerksam, wobei er haarfeine, konzentrische Kreise im Holz entdeckte. Jeder andere hätte es nun gut sein lassen und das Problem für gelöst angenommen, doch nicht dieser Phantosyke. Um ganz sicher zu gehen ließ er einen weiteren Feigenbaum absägen, mit dem gleichen Ergebnis: Auch dieser Stamm war innen mit feinen Kreisen bedeckt. Er kostete von den Früchten: Sie schmeckten wie ganz gewöhnliche Feigen. Er ließ weitere Bäume absägen; alle hatten diese Ringe, aber keine einzige Feige schmeckte süß wie Honig.

    Dieser Fehlschlag nun setzte ihm so zu, dass er allen Appetit und jegliche Sinnlichkeit verlor. Er schloss sich in seine Studierstube ein und grübelte Tag und Nacht; nur einer Bedienerin erlaubte er den Zutritt. Diese gute Frau, erschüttert über seinen körperlichen Verfall, nahm sich eines Tages ein Herz und fragte ihn nach der Ursache seines Kummers. Kaum hatte er ihr das Problem erklärt, da rief sie: 'Ha, Herr, hättet Ihr mich beizeiten gefragt, wäre Euch all die Mühe erspart geblieben!' Auf seine erstaunte Frage hin erklärte sie, sie habe die Feigen, um sie frisch zu erhalten, in einen irdenen Topf gelegt, in dem vorher Honig gewesen war.

    Mit allem hatte die Magd gerechnet, nur nicht mit dem, was jetzt geschah. 'Was redest du da!', schrie sie der Phantosyke wütend an, 'du dummes Tier! Eine feine Erklärung hast du dir da ausgedacht! Ja glaubst du denn, ich gebe mich mit einer so einfältigen Lösung zufrieden? Für Leute deines Schlages mag sie reichen, aber nicht für einen Mann der Wissenschaft! Denn schon der weise Prostatatos sagte: In vulgo non est sapientia! Was soviel bedeutet wie: Das gemeine Volk ist dumm wie Stroh! Ähem ... Gut, nehmen wir einmal an, es wäre so, wie du behauptest, was ginge mich das an? Honigtopf hin, Honigtopf her! Ich will herausfinden, ob die Feige auch ohne Honigtopf süß geschmeckt hätte! Also pack dich und lass mich in Ruhe nachdenken!'

    Die Magd, erzürnt über die Beleidigungen, die ihr der Herr an den Kopf geworfen hatte, dachte bei sich: 'Ha! Und ich will herausfinden, wie lange ein Phantosyke ohne Nahrung auskommt!'

    Als sie nach einem halben Jahr, verwundert darüber, dass sich ihr Herr inzwischen nicht gemeldet hatte, seine Kammer betrat, fand sie ihn ausgedörrt wie eine Backpflaume tot über sein Studierpult gebeugt, vor sich verschiedene Holzscheiben sowie eine Schüssel voll getrockneter Feigen.“

    Pygmalion schwieg.

    „Hm“, sagte ich, „hat er diesen Satz mit dem gemeinen Volk wirklich gesagt?“

    „Die Magd jedenfalls behauptete es.“

    „Te, te, te! Ziemlich anmaßend, finde ich. Außerdem stimmt es nicht. Im Volke ist manchmal mehr Weisheit als in den Köpfen von zehn Kurienkardinälen und hundert Hofmarschällen. So hat nicht das Volk von Athen Sokrates den Schierlingsbecher gereicht, sondern der Senat von Athen.“

    „Und“, ließ sich jetzt auch Gerlind vernehmen, „könnte dann ein Mann aus dem Volke, wie Ihr es einer seid, lieber Pygmalion, solche schönen Geschichten erfinden?“

    Unter dergleichen angenehmen Geplauder war es Mittag und ziemlich heiß geworden. Unter den Ruinen einer ausgestorbenen Stadt suchten wir Schatten und Kühlung.

    __________

    * Wie die Männchen mancher Meeresringelwürmer. ° Die wie eine Lupe wirkte.

    Mundburt nenn den Narren einen Narren. Begegnung der Cephalopoden

    Je weiter wir nach Süden vorankamen, desto mehr näherten wir uns Helios, der uns mit heißen Pfeilen seine Kraft fühlen ließ. Das Land drumherum: Kahler kochender Felsen, leblos, ausgedörrt, verbrannt, menschenlos, tierlos, baumlos, eine rechter Höllen-Kessel. Mehrmals mussten wir unsere Turbane mit Wasser begießen, damit uns die Hitze nicht das Gehirn auskochte. Ungeachtet dessen murmelte Pygmalion, der alte Verseschmied:

    Des Sonnengottes Hand

    hat alles Land verheert;

    Gras, Erde, Stein verbrannt

    von seinem Feuerschwert.

    So weit das Auge reicht,

    alles tot und ausgebleicht.

    Der heißen Hölle Schlund:

    Kein heitrer Frauenmund!

    Mein´s Liebchens Rosenmund

    ist mir kein Höllenschlund!

    Und ihre Äuglein fein

    könnten nicht schöner sein!

    „Ha!“, grunzte Gerlind, „Liebeslyrik! Hätt ich Euch gar nicht zugetraut, so gescheit, wie Ihr daherredet. Und dass Ihr bei dieser Hitze noch reimen könnt! Ich bekäm keine zwei passende Wörter zusammen, geschweige denn einen Reim!“

    „Ich reime, wenn mir danach ist, und nicht, wenn der Wettergott es will.“

    „Mich interessiert mal ganz etwas anderes“, sagte ich. „Wie lange soll das hier noch so gehen? Seid Ihr sicher, Herr, dass dies der richtige Weg ist?“

    Der Zwerg deutete auf eine Felswand, die sich vor uns wie eine anscheinend unüberwindliche Barriere über den ganzen Horizont zog. „Seht Ihr die Wand dort? Dahinter befindet sich das Tal der Könige mit dem Grab, das Ihr sucht.“

    „Hmm ... sieht ziemlich unüberwindlich aus ... Seid Ihr Euch wirklich sicher, dass es da lang geht?“

    „Sehr sicher sogar!“

    Indem wir uns der Felswand näherten, wuchs sie empor; immer noch konnte ich keinen Durchlass oder Pass entdecken. Und auf einmal wurde meine Befürchtung, wir könnte uns auf den Rand der Welt zubewegen, wieder lebendig.

    „Da hinauf bekommen mich keine zehn päpstliche Bullen und kein Schock Seilwinden“, rief ich, „hab keine Lust in den Orcus zu stürzen und womöglich auch noch dem furchtbaren Dschingis Khan direkt vor die Füße! Nein, nein, ein, mein Lieber, da kriegt Ihr mich nicht hoch! Ein Höllensturz ist das Letzte, wonach mein Herz begehrt.“

    „Höllensturz? Wie kommt Ihr denn darauf?“

    „Nach der festen Meinung des Magisters Kopf ist die Welt keine Scheibe, sondern eine Schüssel mit steilen Rändern. Und genau solch ein Rand liegt vor uns.“

    „Wer ist denn Magister Kopf?“, fragte der Zwerg.

    „Einer, der seinen Kopf unterm Arm trug, als wir ihn fanden, und dem ich den Kopf wieder auf den Hals nähte“, kam mir Gerlind zuvor.*

    „Wenn ich früher gewusst hätte, wie gefährlich das Unternehmen ist, dann hätte ich mich erst gar nicht darauf eingelassen.“

    „Hätte hätte hätte ... Das glaubst du doch selbst nicht“, fuhr mir Gerlind in die Parade, „du willst doch nicht behaupten, du hättest das 'Unternehmen' abgeblasen, so herrinhörig wie du bist!“ An ihrem Tonfall merkte ich, dass sie mir immer noch den Flirt mit der Hundemenschen-Jungfer übel nahm.

    „Ha! Meinst du? Gut, dann kehren wir eben um!“ Rief BRRRRR und REEEEEE!**, und wieder BRRRRR und REEEEEE!, aber das dumme Tier reagierte nicht.

    Der Zwerg schüttelte bedächtig seinen großen, runden, schwarzen Krauskopf. „Die Welt eine Schüssel mit hohen Rändern? Davon ist mir nichts bekannt. Gut, ich bin kein Gelehrter, sondern nur ein einfacher Narr. Aber so närrisch, anzunehmen, die Erde sei eine Scheibe, und man könne von ihr herunterfallen, bin sogar ich nicht! Außerdem sprechen Isidor von Sevilla, Beda Venerabilis, Johannes de Sacroboscos und andere zuverlässige Autoren der Erde die Gestalt eines Apfels zu, und sogar Thomas von Aquin –“

    „Brr!“, unterbrach Gerlind die Tirade, „woher wisst Ihr das denn nun schon wieder?“

    „Ich hab´s einfach in der Schule gelernt. Hab die Ohren aufgemacht und dafür meinem Hintern –“

    „Ha, ha!“, rief ich, „nun gebt mal nicht so mit Eurer Erziehungsfläche an! Ein Erdapfel! Dass ich nicht lache! Kann mir keinen Apfel denken, der bei Regen zuerst von unten nass wird, und aus dem die Würmer mit dem Hintern voran herauskriechen.“

    „Was meint Ihr damit?“

    Ich erklärte es ihm. „Wenn die Erde wirklich ein Apfel wäre, wie Ihr behauptet, Pygmalion“, sagte ich, „dann müssten die Leute auf der entgegengesetzten Seite von hier aus gesehen auf dem Kopf stehen, es würde von unten regnen oder schneien, und die gefüllten Humpen stünden mit der Öffnung nach unten auf dem Tisch. Mit Verlaub, so dumm, dies anzunehmen, kann wirklich nur ein Narr sein.“

    Pygmalion zog die Unterlippe ein und schwieg. Sofort bekam ich Gewissensbisse, ihn zu hart angegangen zu haben. „Lieber Herr“, sagte ich, „nehmt´s mir bitte nicht übel, aber der klare Menschenverstand verlangt manchmal klare Aussagen.“

    Statt zu antworten blickte der Gute angestrengt in Richtung Felswand. Seine Lippen bewegten sich wie im stillen Gebet. Auf einmal hellten sich seine Züge auf, und er machte einen gewaltigen Luftsprung. „Und wenn ich Euch den Beweis liefere“, sagte er, „glaubt Ihr mir dann?“

    „Ja natürlich.“

    „Ha, da bin ich aber gespannt“, meinte Gerlind.

    Ich ahnte ja nicht, dass der Beweis uns da gerade entgegenkam.

    Jetzt bemerkte ich einen Strich backbord eine Gruppe von zehn oder zwölf Gestalten mit sackförmigen Körpern, die sich, einer hinter dem anderen, über die vor Hitze flimmernde Ebene schleppte. Allen fehlten der Kopf, dafür baumelte zwischen ihren Beinen ein großes, ballförmiges Gebilde. Zunächst hielt ich es für eine Sinnestäuschung, eine Fata Morgana, verursacht durch die wabernden Luft, doch indem sie näher kamen –

    „Mein Lieber“, rief ich aus, „wenn Ihr meint, das sei ein Beweis, dann irrt Ihr gewaltig! Handläufer, pah! Auf Burg Wolkenstein war mal einer, der hatte den ganzen langen Weg von Ulm bis zu uns auf den Händen zurückgelegt, und nach einem kräftigen Trunk lief er wieder auf die gleiche Art zurück. Da müsst Ihr schon was Besseres aus dem Hut zaubern!“

    „Dann schau doch mal genau hin, du Ritter Luftikus“, raunzte Gerlind.

    Ich schaute genau hin, ich sah weg, sah hin, sah wieder weg, sah wieder hin ... Es bestand kein Zweifel –

    „Ja, Ihr seht richtig“, sagte Pygmalion, „es sind Kopffüßler, Cephalopoden, von der entgegengesetzten Seite des Erdapfels. Es sind Pilger. Sie kommen gerade aus dem Paradies, dem sie einen Besuch abgestattet haben und befinden sich nun auf der Rückreise.“

    „Oha!“, rief Gerlind überrascht, „Herr von Mausloch, wo habt Ihr die denn so schnell herbekommen?“

    „Ich habe zu Ogun gebetet, und er hat mich erhört.“

    „Wie, was“, rief ich aus, „Euer Ogun hätte –“

    „Beruhigt Euch, Herr“, sagte der Zwerg, „natürlich nicht. Diese Leute kommen hier öfter vorbei. Ogun hat nur die Zeit etwas verschoben. Glaubt Ihr mir nun?“

    Konnte ich da noch nein sagen?

    Inzwischen waren wir vor der Felswand angekommen, die sich steil, glatt und himmelhoch vor uns erhob. Noch immer konnte ich nichts erkennen, was uns einen Aufstieg ermöglicht hätte. Keine Spalte, Rinne oder Klamm, keine grob ins Gestein gehauene Treppe, alles glatt, abweisend, unbezwingbar wie die Chinesische Mauer.

    „Wie sollen wir denn da hinauf“, sagte ich, „ich sehe weder Mittel noch Weg. Ja Ihr, Herr! Ihr geht einmal kräftig in Euer Knie, und schon saust Ihr hoch und seid oben. Aber wir?“

    „Ihr müsst nach unten schauen, Herr Ritter! Nicht nach oben!“ – –

    _________________________________

    * Vergl. Vrouven Dienest, Dritter Haufen. ** Segelsignal: Wenden.

    F. f

  • Heyho, McFee

    nachdem ich Mundburts Abenteuer schon in der ersten Geschichte gefolgt bin, steige ich auch hier wieder ein. Zu deinem Stil muss ich nichts mehr sagen, das habe ich schon mehrfach bei Vrouwen dienest. Aber ich muss hier einfach nochmal erwähnen, wie sehr ich dich um deine Fantasie beneide und wie sehr ich es mag, deren Ausgeburten kennenzulernen :rofl:

    Ich bin gespannt, was da noch alles passieren wird. Mit dem närrisch-dichterischen Almaten-Flüchtling, der Ziehvater von zwei Nashörnern ist, hast du schon mal einen interessanten Char vorgestellt. :D

    Kleinkram

    „Nein, wie sollte ich. Aber wenn wir die ersten Mooren mit Knochen im Haar und Pfeilen im Köcher treffen, bin ich´s!“

    Er war tatsächlich ein Moor, schwarz wie eine mondlose Nacht, seine Augen zwei große, leuchtende Sterne.

    Der edle Moor richtete sich auf wie eine in die Enge getriebene Maus

    Sie werden Euer Schiff an Land ziehen“, sagte der Moor nicht ohne Stolz.

    Wenn du den dunkelhäutigen Menschen mit "Moor" meinst - der schreibt sich "Mohr" :)

    Wäre auch des Ritters Mut himmelhoch, sein Ansehen wäre nicht größer als eine Maus.

    Nicht größer als das einer Maus? Oder meinst du es tatsächlich wörtlich? Das fände allerdings ich einen seltsamen Vergleich ... :hmm:

    Während Trabto und ich noch mit spitzen Ohren lauschten,

    mit gespitzten Ohren?

    „hast Ihr das gehört?

    habt?

    , setzte über tiefe Erdspalten, flog über verdorrte Grasfluren und erreiche endlich den Wald.

    erreichte?

    Und überall kopfloses, windendes, schleimiges Gewürm;

    kopfloses, sich windendes, schleimiges Gewürm?

    Im Landesinneren wimmelt es von Menschenaffen, Drachen, Krokodile, Löwen und anderen Raubtieren

    Krokodilen?

    „Ihr seid und bliebt ein Narr und glaubt nur was Ihr seht!

    glaubt nurKomma was ihr seht

    , wenn er in seine mutigen Art Attacke gerannt wäre.

    in seiner mutigen Art?

    waren das Letzte, was mir in dieser Einöde wünschte.

    was ich mir?

    Bei den folgenden Zitaten ...

    ... hast du das "ich" weggelassen. Mag ein Stilmittel sein, aber mir fehlt es. Es liest sich für mich, als wäre es vergessen worden.

    , eine unbekannte Kraft zog uns abwärts. Gab Trabto die Sporen, doch obwohl er verzweifelt versuchte, dem Geriesel zu entkommen, versanken wir immer tiefer in den Sandfluten.

    Angstvoll wiehernd ging Trabto hoch, hatte alle Mühe, ihn zu beruhigen.

    Zählte allein sieben Augen, eines scheußlicher als das andere.

    Sah mächtige Kiefern, die oberen sichelförmig, die unteren wie Löffel geformt, Kiefern,

    Hob Schild und Schwert, nahm die Schenkel fester,

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

    ___________________

    Einmal editiert, zuletzt von Tariq (10. Januar 2023 um 20:16)

  • Hallo Tariq,

    vielen Dank für deine wohlwollende Bewertung! Was den Kleinkram betrifft, da kann ich nur sagen: BRRRR! Ich schau mir einen Text 5, 6, 7mal an, bevor ich ihn einstelle, und dann das! Na ja, es sind aber auch arg viele Buchstaben! Gleichwohl: Auch dafür meinen Dank, meine gestrenge Lektorin! Werde das Original dementsprechend verbessern.

    LG

  • Was sagt Ihr, Herr Schreiber? –

    Die wer? Die Cephalo – ach ja natürlich, beinahe hätte ich es vergessen. Danke Euch! Schreibt also:


    Kurzgefasster Bericht über die Kopffüßler oder Cephalopoden.

    Über ihre wahre Natur gibt es keine verlässlichen Nachrichten. Sogar Plinius in seiner Naturalis historia erwähnt sie nicht, und auch nicht Ovid in seinen Metamorphosen. Manch gelehrter Mann hält sie für Tiere, denn man erzählt sich, dass sie Eier legen und die Frauen ihre Kinder unter Wasser bekommen wie die Fische. Einige Philosophen hingegen meinen, es seien Menschen, und begründen dies Meinung mit ihrer Religiosität. Manchmal machen sich die Cephalopoden nämlich in Scharen nach irgendeinem heiligen Ort auf und lassen sich dabei wie die Lemminge durch nichts aufhalten. Ihr Blick ist dann starr nach oben gewandt; sie achten weder auf Stock noch Stein und verlassen sich ganz auf ihren Anführer. Auch weiß man nicht, wie sie sich vermehren. Einige, wie der Magister Knausios Knastios, meinen, sie tun es im Kopfstand, aber beobachtet hat´s noch niemand, denn sie sind ausgesprochen scheu.

    Das Absonderlichste aber ist die Beschaffenheit ihres Körpers. Ein weicher, beweglicher Sack, einer Birne gleich, stellt die Stütze ihrer physischen Existenz dar. Die dicke Seite, an der auch die Beine sitzen, ist dem Boden zugekehrt, was hier nach unten, in ihrer Heimat auf der anderen Seite des Erdapfels jedoch nach oben bedeutet. Dort sitzt auch ihr Kopf mit dem Mund. Mit diesem nehmen sie während ihrer Fahrten allerlei Genießbares vom Boden auf, teils als Gaben wohltätiger Menschen, teils in Form essbaren Unrats. Auf der Schmalseite ihrer Körper-Birne sitzt ein stielartiges Gebilde mit Augen, Nase und Ohren. Auch besitzen sie keine Haare; zum Schutz gegen die Sonne wölbt sich ihnen eine knöcherne Platte über dem Scheitel.

    Ganz sonderlich gestaltet sind Anordnung und Form ihrer Fortbewegungsorgane; es sind vier, alle um den Kopf herum angeordnet, äußerst muskulös, aber anscheinend ohne Gelenke. Ihr Gang ist deshalb schlürfend-schleppend. Die Füße sind kugel-, zuweilen auch scheibenförmig und besitzen zehn Zehen. Arme besitzen sie nicht.

    Nach allem, was man über sie hört, geben sie sich alle Mühen, aus ihren Kindern vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu machen.

    Die Jungen sind eigentümlicher Art, durchsichtig wie Marienglas, bekleidet mit zarten Fransen, wie wir sie als Wimpern unsere Augen kennen, mit denen sie sich frei im Wasser bewegen. Nachdem nun ein solches Kind eine Zeit lang ein freies, untätiges Leben geführt hat, setzen sie es mit einem Teil seines Körpers auf einem beliebigen Gegenstand fest und füttern es mit allerlei Weisheiten, bis es, je nach Veranlagung, einen bestimmten Grad der Vollkommenheit erreicht hat.

    Über ihre Sitten und Gebräuche ist wenig bekannt. Der chinesische Reisende On Na Nu, der sie in freier Wildbahn beobachtet haben will, berichtet in seinem Buch Hun nun nu: 'Sie feiern in alten Liedern den aus der Erde geborenen Gott Tuisto. Diesem schreiben sie den Sohn Mannus, den Ursprung und Schöpfer der Völker, dem Mannus wiederum drei Söhne zu, aus deren Namen sich die Stämme am nächsten zum Weltmeer: Friseuten nennen, die mittleren: Saxonier und die südlichen: Bajovaren. Aufgrund der Unsicherheit in der alten Überlieferung versichern einige, weitere Stämme seien von diesem Gott gekommen wie: Sorbier, Prussier, Prostier, Plutonier, Schwalben, Schweden und Sandalen, und dies seien die wahren und alten Namen.

    Es ist hinreichend bekannt, dass diese Völker keine Städte bewohnen, sie dulden nicht einmal untereinander verbundene Wohnsitze. Sie wohnen einzeln und voneinander getrennt, wo sie eine Quelle, ein Feld, einen heiligen Hain fanden. Sie legen den Hof nicht wie nach unseren Sitten in aneinanderstoßenden Gebäuden an: jeder umgibt sein Haus mit einem weiten Zwischenraum, entweder um Feuer zu verhindern oder aus Unkenntnis der Baukunst. Nicht einmal behauene Steine oder Ziegel sind bei ihnen in Gebrauch. Das Bauholz verwenden sie nur unförmig und ohne schönes Aussehen oder Genuss. Gewisse Stellen bestreichen sie sorgfältig mit reiner und glänzender Erdfarbe, um Bilder und farbige Linien nachzuahmen. Sie pflegen unterirdische Höhlen anzulegen und beladen sie oben auf mit Dung, als Zufluchtsort im Winter und als Aufbewahrungsort für Früchte, weil solche Orte die Härte der Kälte mindern, und wenn die Feinde kommen, verwüsten sie die sichtbaren Dinge, aber die versteckten oder vergrabenen Dinge bleiben unerkannt und es entgeht den Feinden, weil sie erst danach suchen müssten.

    Obwohl die Ehen dort streng sind, wird man doch keinen Teil ihrer Sitten mehr loben können. Sie sind beinahe die einzigen Barbaren, die sich mit einer Frau begnügen, mit Ausnahme einiger weniger, die nicht aus Liebe, sondern wegen ihres Adels von vielen mit Heiratsanträgen überhäuft werden.'

    Soweit der ehrenwerte On Na Nu.

    Wenn´s stimmt, dann sind diese Kopffüßler fürwahr ein wunderliches Volk.

    Doch nun weiter.


    Mundburt wird ausgelacht, und Gerlind rettet ihm den Hals.

    „Ihr müsst nach unten schauen, Herr Ritter! Nicht nach oben!“, sagte also der Kleine und wies auf einen flachen Erdhügel, auf den das Kän´guruh zusteuerte. Der Hügel war aus Lehmziegeln gemauert; ein paar flache, rohe Stufen führten zur Spitze hinauf. Wir saßen ab, und ich stieg hoch. Von oben sah ich im Inneren des Hügels wiederum Stufen, die in finstere Tiefen führten. Ich warf einen Stein hinunter, der erst nach einer ganzen Weile unten aufschlug.

    „Ihr müsst dort hinunter!“, rief mir Pygmalion zu, „den Weg zum Königsgrab könnt ihr nicht verfehlen!“

    „Heißt das, Ihr kommt nicht mit?“

    „Ja. Ich wart hier, bis Ihr wieder zurück seid! Schließlich muss jemand auf das Reisetier aufpassen!“

    „Gibt es keinen anderen Weg als durch diesen Höllenschlund?“

    „Nein. Wollt Ihr umkehren? Noch ist Zeit.“

    Gerlind, die mir gefolgt war, sah mich lauernd von der Seite an. Mir war klar: Egal, wie ich mich entschied, das eine konnte so falsch sein wie das andere. Deshalb wählte ich das kleinere Übel: Den Gang durch die Unterwelt.

    „Na dann ab in den Orcus!“, rief ich munter. Wir stiegen die abschüssige Treppe hinunter. Als wir den Boden erreichten, standen wir in einem ausgemauerten Tunnel mit niedriger Decke, in dem wir uns nur gebückt fortbewegen konnten. Wir folgten dem Gang, der offensichtlich zu einem unterirdischen Wasserlauf führte, denn in der Ferne hörten wir leises Rauschen, das allmählich lauter wurde. An den Wänden brannten in weitem Abstand Fackeln. Schließlich gelangten wir an eine schwere, mit Eisen beschlagene Tür. Zwei riesige schwarze Gestalten in Panzerhemden, schrecklich anzusehen, mit Lanzen und Schwertern bewaffnet, lösten sich aus dem Dunkel zweier Seitennischen und traten uns entgegen. Die Teufel in Menschengestalt kreuzten ihre Waffen, und einer der beiden rief mit Stentorstimme:

    „Seid beschworen

    nicht verloren

    bei den Ohren

    grüner Horen°

    und den Taten

    blinder Aten*:

    eine Frage

    die ich sage

    ist der Schlüssel

    zu der Türe!“

    Darauf der andere:

    „Der Versuche drei,

    soll´n es sein, ihr zwei,

    fehlt ihr – hei!

    ist´s mit euch vorbei!“

    „Das kann unmöglich auf ihrem Mist gewachsen sein“, raunte Gerlind, „so wie die aussehen traue ich denen keinen halben Reim zu.“

    „Na dann, meine Herren!“, rief ich, ohne auf Gerlind zu achten, „stellt Eure Frage! Bin nicht auf den Mund gefallen, und mein Knappe erst recht nicht!“ Bei mir dachte ich: Wie gut, dass ich Schlagto an meiner Seite habe! Sollten die Recken handgreiflich werden, haue ich sie kurz und klein!

    Und wieder sprach der eine:

    „Also hört!

    Stößt Janus die Tür auf,

    nimmt´s Jahr einen Anlauf.

    Doch was ist mit dem Glück?

    Warum bleibt es so oft zurück?“

    Darauf der andere Hüne:

    „Also sagt, reisiger Ritter,

    sagt´s klar, nicht als Orakel,

    und sei der Spruch auch bitter:

    Was ist mit dem Glück, wo sein Makel?“

    Hm … da war guter Rat weit weg! Ich dachte eine Weile nach, dachte und dachte, doch mir fiel nichts ein. Des Glückes Makel? Das hatte sich Vater auch häufig gefragt, aber eine Antwort war ihm nie eingefallen. So dämlich konnte nicht mal der Teufel fragen.

    Ich blickte Gerlind an. „Hast du eine Idee?“

    „Wieso ich? Bin ich der reisige Ritter oder du? Also streng dich mal an und denk nach!“

    „Ich denk ja schon die ganze Zeit, doch – ha!“, rief ich, „ich hab´s! Weil das Glück nicht recht geschmiedet war!“ Denn nach alter Spruchweisheit ist doch jeder seines Glückes Schmied. Schon während ich es aussprach, war mir klar, dass diese Antwort zu einfach war. Die schwarzen Recken schüttelten auch sofort heftig die Köpfe.

    Dachte wieder teufelsmäßig nach; ein Spruch fiel mir ein, den der Stallmeister auf Burg Hohenfels häufig murmelte, wenn ihm danach war: Wer Glück hat, dem kälbert der Ochs. Rief also: „Weil keine Ochsen in der Nähe waren!“

    Die beiden Torwächter schüttelten die Köpfe so heftig, dass ihre Panzerhemden rasselten.

    „Das Beste wird sein, ich antworte mit dem Schwert!“, raunte ich Gerlind zu und fasste Schlagto fester, „spüre schon, wie es ruckt und zuckt.“

    „Ach nee, und dann?“, rief sie so laut, dass es die beiden Spieß-Gesellen hören mussten, „Du bist und bleibst ein Affenarsch! Nehmen wir mal an, du haust die beiden da zusammen, und dann? Dann hast du ein Blutbad angerichtet, und die Tür ist immer noch zu!“

    Bei diesen Worten fingen die beiden Wächter derartig unbändig an zu lachen, dass sich ein paar Ziegel aus der Decke lösten und herunter fielen.

    „Dann schlag ich die Tür auch noch ein!“, brüllte ich, erbost über das rohe Gelächter.

    Jetzt bogen sich die Wächter vor lachen, und ihr Haha – Hoho – Hihi durchdröhnte den Tunnel.

    „Mit welchem Schwert denn?“, schrie Gerlind. „Wenn ich richtig zähle, wäre das der achte Hieb, du hast aber bereits sieben vertan!“

    Oha, daran hatte ich in meiner Wut nicht gedacht! „Ich ...ähh ...“

    „Hört mal mit dem Lachen auf, ihr beiden!“, rief Gerlind den Recken zu, „man versteht ja sein eigenes Wort nicht!“ Und als sie schwiegen: „Ich denke mal, meine Herren, der Makel bestand darin, dass die Tür für das Glück verschlossen war.“

    Jetzt geschah, wie schon oft auf dieser wunderlichen Fahrt, etwas Überraschendes: Sie Tür begann zu leuchten; war sie eben noch abweisend schwarz, so schimmerte sie jetzt in dunklem Rubinrot, das allmählich heller wurde.

    „Sprecht weiter, Jungfer“, sagte jetzt einer der Wächter – welcher genau, kann ich nicht mehr sagen, aber war´s nicht der eine, dann war´s mit Sicherheit der andere – „Ihr seid auf dem richtigen Weg!“

    Und Jungfer Gerlind sprach:

    „Glückes Türe, das weiß ich genau,

    löst das Herz einer liebenden Frau“

    Nun begann die Tür hell zu strahlen, eine blendende Helligkeit breitete sich aus; mitten drin erschien eine hohe Gestalt, in ein gelbes, sternenübersätes Gewand gehüllt; auf dem Kopf eine flammende Krone, in der rechten Hand einen goldenen Schlüssel, die linke umfasste einen Krummstab, wie ihn schon die Priester der alten Ägyptier kannten. Jetzt bewegte sich die Gestalt, und bei jeder Bewegung veränderte das Gewand sein Farbe.

    „Willkommen, Fremdlinge!“, sagte die Gestalt mit weit hallender Stimme, „ich bin Rhadamanthys, der Fürst der Unterwelt! Folgt mir nun, Ritter Mundburt zu Wolkenstein, und auch Ihr, Jungfer Gerlind, kehrt mutig ein!

    Fürchtet euch und verzaget nicht,

    denn Rhadamanthys spricht:

    der Weg zum Licht ist nicht weit!“

    „Wird hier unten eigentlich nur in Versen geredet?“, flüsterte ich Gerlind zu, „allmählich geht mir die Reimerei auf die Nerven!“

    „Woher soll ich das wissen? Ich an deiner Stelle wäre allerdings froh, wenn überhaupt noch jemand zu mir spräche!“

    __________

    ° Göttinnen des geregelten Lebens. *Unheilsbringerinnen.

    F.f

  • Mundburt lernt viele wunderliche Leute kennen

    Der Fürst der Unterwelt schritt voran, begleitet von einem Diener mit einer Lampe in der Hand, und wir folgten in banger Erwartung durch zahlreiche dunkle Gänge. Vor den meisten Türen, an denen wir vorbeigingen, standen ebenfalls gerüstete Wächter, die ihren Herrn mit stummer Verbeugung grüßten.

    „Wir sind hier in der chtonischen Abteilung der unterirdischen Welt“, erklärte der Fürst mit knarriger Stimme, „die Heimstatt verschiedener Götter und Dämonen.“ Er versetzte einem der Wächter, die vor einer Tür auf dem Boden lagen und herzhaft schnarchten, einen leichten Fußtritt. Der Wächter schnellte hoch und stammelte: „Oh, Herr ... ich … äh ... Hypnos wollte es so!“

    „Dann ist es gut, mein Freund! Wenn es der Gott des Schlafes so will, ist´s mir auch recht!“

    „Und was ist mit dem?“, fragte ich und wies auf einen Mann im Kettenhemd, der wie tot am Boden lag.

    „Der Wächter des Todesgottes Thanatos“, war der Bescheid, „er ist gerade gestorben.“

    „Wie oft stirbt er denn so?“, wollte Gerlind wissen.

    „Jeden Tag einmal.“

    Wir gingen weiter. Bald kamen wir an einer ganz schwarzen Tür vorbei, so schwarz wie eine ganze Karrenladung Ofenruß.

    „Ha!“, rief Gerlind, „ich wette, dahinter wohnt der Gott der Finsternis!“

    Rhadamanthys legte den Finger vor die Lippen. „Pst, Jungfer, nicht so laut“, zischelte er, „bitte nur leise Töne! – Da, hört Ihr, jetzt habt Ihr sie aufgeweckt! Und ich war so froh, dass sie endlich mal Ruhe gegeben haben!“

    Tatsächlich ertönte jetzt hinter der Tür das Gekreische eines weiblichen Kehlkopfs. „Ha, du alte Zicke“, schrie eine unangenehm hohe Frauenstimme, „warte nur, das hast du nicht umsonst getan!“ Es klatschte dreimal kräftig.

    „Du hässliches Aas!“, brüllte eine kehlige Stimme, sich wütend überschlagend, „du glaubst wohl, du kannst dir alles erlauben? Bei Zeus, nimm dies!“ Es erfolgte ein dumpfer Stoß, worauf jemand in spitzen Tönen höllenmäßige Rache schwor.

    „Ich geh auf die Jagd“, ließ sich jetzt eine rauchige dritte, aber doch eindeutig weibliche Stimme vernehmen, „das ist ja nicht zum Aushalten mit euch!“

    „Brrrrr … Wie bei meinen Schwestern“, kicherte Gerlind, „aber sowas von echt! Die reinsten Furien. Nur das mit der Jagd ist neu!“

    „Damit liegt ihr nicht ganz falsch, lieber Knappe“, sagte Rhadamanthys, „nur nennen wir sie nicht Furien, sondern Erinnyen. Aber gehen wir erst einmal weiter. Wenn sie uns hier entdecken, machen sie mir die Hölle heiß!“ In gehörigem Abstand fuhr der Herr der Unterwelt fort: „Dieses Weibervolk ist der Albtraum meiner schlaflosen Nächte! Die Schlimmste ist Megaira, meist glühend vor Zorn; die mit der spitzen Zunge heißt Tisiphone und ist ständig auf Rache bedacht, und die dritte im Bunde, Fräulein Alekto, hat den lieben langen Tag immer nur die Jagt im Kopf. Die paare Stunden, wo hinter dieser Tür mal Ruhe herrscht, kann ich in Metall ätzen!“

    „Aber wenn sie Euch so nerven“, fragte Gerlind verblüfft, „Herr, warum erteilt Ihr ihnen nicht eine Weile Hausverbot, bis sie sich wieder beruhigt haben? Mein Vater hat´s mit seinen Töchtern auch so gemacht. Einfach vor die Tür gesetzt. Sogar im Winter. Schließlich seid Ihr doch hier der Herr im Haus!“

    Der Herr der Unterwelt lachte ungut. „Erstens sind das nicht meine Töchter, und zweitens würde es nichts nutzen, Zeus hat sie so geschaffen. Und dann, wo sollten sie denn hin? Auf der Erde ist doch schon Zank und Streit genug!“ Er stutzte, und auf einmal war sein Gewand nicht mehr grün-gelb, sondern feuerrot. „Gorgo“, rief er streng, „mach sofort die Tür zu, oder es setzt was!“ Zu uns: „Dreht Euch bitte mal um! Sofort!“

    Der Lampenträger hielt sich die freie Hand vor die Augen.

    „He, Rhadamanthys, wohl wieder schlecht gelaunt, wie?“, kam es zurück, wieder eine Frauenstimme.

    „Nicht mehr als sonst. Aber ich habe Besuch!“

    „Ach so! Na dann.“

    Irgendwo fiel eine Tür zu.

    „So, ihr könnt Euch wieder umdrehen“, sagte der Fürst der Unterwelt.

    „Was durften wir denn nicht sehen?“, fragte Gerlind prompt, „und warum darf die Tür nicht aufstehen? Vielleicht wollte die Dame nur mal lüften! Könnte mir vorstellen, dass bei der Hitze hier –“

    „Vielleicht reicht es ja wenn ich sage, dass die Dame Gorgo heißt und ein schreckliches schwarzes Ungeheuer ist, dessen Anblick jeden Fremdling zu Stein erstarren lässt.“ –

    Und er führte uns weiter durch verschiedene Gänge; ich sah dort die unglückliche Euridice, von bitterem Gram fast ausgelöscht; auch den Tantalos sah ich,

    So, meine Lieben Flohbändiger und Wanzenknacker, es ist nicht nötig, die Namen aller Dämonen und Halbgötter zu wiederholen, die uns der gute Rhadamanthys vorstellte. Deshalb hier nur diejenigen (puh!*), welche mir im Gedächtnis geblieben sind: Chimaira<, Harpya°, Hekate*, Hydra+, Erebos#, Phorkys§, Ihpikles$, Alkmene%, Keto=, Medusa@, Echidna^, Typhon“, !Euryale und viele andere, an die ich mich wirklich nicht mehr erinnern kann. Nur eines kann ich euch, Geliebte des Herrn, versichern: Nach diesem Höllenritt ahnte ich, dass dieser Abstecher in die Unterwelt kein Osterspaziergang werden würde.

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    (puh!*) Alles Gestalten der griech. Mythologie: < Mischwesen zwischen Ziege und Löwe, °Vogelgestalt mit Frauenkopf, * Göttin der Magie, + Tochter von ^ und “ sowie Schwester von !, vielköpfiges Ungeheuer, wenn es einen Kopf verliert, wachsen zwei neue nach, # Gott der Finsternis, § greiser Meergott, Vater von @, $ Sohn von %, = Gattin von § und Mutter von @, @ Ungeheuer mit Schlangenhaaren, ^ und “ Eltern von +, ! eine der Gorgonen und Schwester von +. (1) Homer, Odyssee, nach der Übersetzung von J. H. Voss.


    Mundburt und Gerlind betreten die Unterwelt.

    Schließlich gelangten wir an eine mächtige, eiserne Tür, die sich auf einen Ruf von Rhadamanthys hin öffnete. Dahinter stand ein Haufen schwer bewaffneter Krieger, die bei unserem Eintritt wie aus einem Munde riefen: „Heil dir, Rhadamanthys, o Herr der Unterwelt!“

    Wir stiegen eine steinerne Wendeltreppe hinab, die anscheinend kein Ende nehmen wollte. „Warum stehen die Wächter eigentlich hinter dieser Tür und nicht davor?“, fragte ich, „hat das einen bestimmten Grund?“

    „Das seht Ihr falsch, mein Freund“, antwortete der Fürst mit leiser Stimme, „sie stehen davor, denn wir befinden uns jetzt in der Unterwelt. Hier will niemand freiwillig hinein, alle wollen nur hinaus. Deshalb wird diese Tür von innen bewacht.“

    „Und das da oben? War das denn nicht die Unterwelt?“

    „Nein. Die chthonische Welt ist die unterirdische Welt, nicht die Unterwelt! Die Bewohner der chthonischen Welt wollen ungestört von Zaungästen ihr Schicksal ertragen, das ihnen Zeus und die Moiren* beschieden haben. Deshalb wird die Tür dort von außen bewacht. Doch jetzt betreten wir die Unterwelt.“ Rhadamanthys blickte erst mich, dann Gerlind ernst, aber nicht unfreundlich an. „Ihr beide gehört zu den wenigen Sterblichen, denen ein Besuch der Unterwelt schon zu Lebzeiten gewährt wird, und ihr könnt sie auch wieder verlassen, vorausgesetzt, ihr habt alle Prüfungen bestanden. Diese Vergünstigung wird nur wenigen Auserwählten zuteil. “

    „Oha!“, rief Gerlind, „wir sind auserwählt! Hätt ich nicht gedacht! Uns was verschafft uns die Ehre?“

    „Die Fürsprache des Edlen zu Mausloch. Er hat sich für euch bei mir verwendet.“

    Ich musste grinsen. Der Edle zu Mausloch ... Dieser Name klang mir hier in den unterirdischen Gewölben ziemlich absonderlich.

    „Soso, der Edle zu Mausloch ... Darf man erfahren, was er so über uns erzählt hat? Hoffentlich hat er nicht übertrieben!“

    „Er hält euch beide etwas aus der Zeit gefallen, dabei seelenrein und allen guten Torheiten zugewandt. Aber das allein hätte mich nicht bewogen, eine Ausnahme zu machen. Toren, auch reine Toren, gibt´s auf der Welt reichlich, überreichlich. Was Euch den Zuschlag gegeben hat, ist dies: Ihr, Herr Ritter der Winde, begebt Euch der Minne wegen in jede Gefahr, so groß sie auch sei, und Ihr, Jungfer Gerlind, steht tapfer an seiner Seite. Und was gibt es Edleres als das unzerbrechliche Band der Liebe!“

    „Hochwürden, Ihr irrt! Ich bin sein Knappe!“, meuterte Gerlind.

    Sah ich auf Gerlinds Wangen leichtes Erröten? Oder war´s der Widerschein der Fackel?

    Der Fürst der Unterwelt seufzte schwer. „Unsinn! Glaubt Ihr, der Fürst der Unterwelt weiß nicht, was a u f der Welt geschieht? Mir persönlich ist sie nie vergönnt gewesen, die reine Liebe. Doch mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Einfach war´s nicht, und es hat auch reichlich an Jahren gekostet. Amors Pfeil trifft eben nicht jeden.“

    Je tiefer wir hinabstiegen, desto feuchter und kühler wurde es. Ein Geruch von Fäulnis und Verwesung stieg mir in die Nase. Als wir endlich auf dem untersten Absatz der Treppe angekommen waren, stieß Gerlind einen leisen Schrei des Schreckens aus und starrte entsetzt nach unten. Vor unseren Füßen öffnete sich ein Abgrund, bodenlos schwarz, in dem es gluckerte und quietschte, zischte und rauschte, brodelte und brauste. Faulige Dämpfe verschlugen uns den Atem. Ich blickte hinunter und gewahrte in dem Dunst tief unten ein Gewühl aus Schlagen und Kröten, die anscheinend blutige Kämpfe ausfochten.

    „Was ist das?“, fragte ich mit bangem Atem.

    „Der Tartaros“, sagte Rhadamanthys. Er wies auf eine weitere Treppe, „der unterste Teil der Hölle, in dem die Unheilbaren* ihre Strafe verbüßen. Was sie, als sie noch Menschen waren, ohne Not taten, müssen sie jetzt bis ans Ende aller Tage erleiden.“

    „Nein!“, schrie Gerlind auf und warf sich, am ganzen Körper zitternd, in meine Arme, „da hinunter bekommt Ihr mich nicht! Bringt mich zurück, Herr Fürst, von mir aus zu den Furien. Alles noch besser als das da!“

    Rhadamanthys machte ein unglückliches Gesicht, sein Gewand zeigte jetzt tristes Grau. „Es ist die die zweite Prüfung, die ihr bestehen müsst. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäret ihr ohne Prüfungen durchgekommen. Aber meine ehrenwerten Richter-Kollegen Minos und Aiakos wollten es anders. Und ein Umkehren gibt es jetzt nicht. Die Wächter oben lassen niemanden mehr durch. Der einzige Weg hinaus führt durch den Tartaros.“ –

    Sagt mir, meine lieben Frouwen, und auch Ihr, ehrbare Jungfrouwen, denn ich frage Euch: Wie kann das sein? Gerlind, meine tapfere Gefährtin, die vor noch nicht allzu langer Zeit einem singenden Walfisch Schweigen gebot, die keine Angst vor einer schwer bewaffneten Blutwurst empfand, die eben noch zwei schwarzen Recken mutig entgegentrat und die, da bin ich mir sicher, auch einen hungrigen Löwen bändigen könnte, diese ehrenwerte Jungfer zittert beim Anblick einiger Kröten, Frösche und Spinnen? Ist Euer Mut so wenig fest, Ihr Liebden, Euer Herz so trügerisch, dass es sich biegt wie ein Rohr im Abendwind?

    Ihr schweigt? Gut denn, keine Antwort ist auch eine. Ich fahre also fort.

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    * Schicksalsgöttinnen. ° Nach Ansicht der „Alten“ waren die „unheilbaren“ Insassen des Tartaros Tyrannen (!), deren Macht ihnen die Möglichkeit gegeben hatte, große Verbrechen zu begehen.

    F. f

  • Mundburt schlägt einen Haufen Unheilbare in die Flucht.

    Schließlich sah Gerlind ein, dass uns keine andere Wahl blieb, und so stiegen wir mit weichen Knien und bibbernden Herzen in den Höllenschlund hinab. Dieser Abstieg dauerte noch länger als der vorhin. Als ich, um auf andere Gedanken zu kommen, fragte, wie viel Stufen wir denn noch vor uns hätten, meinte der Fürst, das könne er nicht sagen; aber er wisse, dass ein Amboss, der von der Erde zum Tartaros hinabfällt, neun Tage braucht, um ihn zu erreichen; genauso lange, wie der Amboss benötige, um vom Himmel bis zur Erde zu gelangen.

    „Wohin führt Ihr uns, o Herr der Finsternis?“, fragte Gerlind zaghaft.

    „In den Tartaros, die unterste Hölle“, sagte der Höllenfürst, „dorthin, wo die Unheilbaren bis ans Ende der Zeiten schmachten müssen. Für die es keine Hoffnung auf Erlösung gibt. Sie sind dazu verdammt, in Kröten- und Schlangengezücht verwandelt, sich gegenseitig das anzutun, was sie in ihrem Leben anderen angetan haben.“

    „Und wer sind dieser Leute?“

    „Die verstorbenen Tyrannen dieser Welt“, sagte der Fürst mit dumpfer Stimme, „und leider werden es immer mehr.“

    Nach schätzungsweise einer Million schlecht ausgehauener und ziemlich rutschiger Stufen – gut, es können auch ein paar mehr oder weniger gewesen sein – gelangten wir an einen schmalen Felspfad, der sich am Rande eines Sumpfgelände hinzog.

    Rhadamanthys blieb stehen und sagte: „So, ihr beiden Erdlinge, die zweite Prüfung beginnt. Seid tapfer, mutig und fest, denn nur die, welche weder zaudern noch zagen, gelangen zum Licht!“ Der Diener blies die Lampe aus, und auch das Gewand des Fürsten strahlte nicht mehr.

    Wir standen im Dunkeln, von starrender Finsternis und unheimlichen Geräuschen umgeben. Doch indem sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnten, sahen wir uns von Hunderten grünlich schimmernder Augenpaare angestarrt; gasblaue Irrlichter hüpften wie wahnsinnig hin und her, rotglühende Kobolde stürzten auf uns zu, auch war schreckliches Kampfgetümmel zu hören. Überall huschte, schlürfte, schmatzte, stöhnte es, es blinkte und blitzte in allen Regenbogenfarben. Ich fühlte etwas Glitschiges mein rechtes Bein hochkriechen, doch es gelang mir nicht, es abzuschütteln. In diesem Moment schrie Gerlind auf: „IIIIHH – IIIHHH! Mundburt hilf! Ein Ungeheuer sitzt mir im Nacken und beißt mich!“

    Ich griff in Gerlinds Nacken. Etwas widerlich Weiches, das einen ekelhaften Gestank absonderte, besudelte meine Hand mit einer ätzenden Flüssigkeit.

    Jetzt riss sich Gerlind aus meinem Arm und schrie gellend: „Oh wie das brennt und beißt! Oh das Höllenvieh! Mundburt, ich will zurück, sofort! Nie, nie, werde ich weitergehen! Ach, ach, du willst uns verderben, schrecklicher Höllenfürst, den Schlangen und Ratten zum Fraß vorwerfen!“

    „So schnell verfüttert uns niemand!“, rief ich in den Lärm hinein, der sich nach Gerlinds Aufschrei noch verstärkt hatte. Überall meckerte kicherte keifte es in den schrecklichsten Tönen, da kotzte jemand unaufhörlich seine schwarze Seele aus, dort furzte ein anderer wie eine Ziege, die zu fett geäst hatte, die entsetzlichsten Fratzen mit glühenden Augen tauchten auf und verschwanden wieder.

    Jetzt war Zeit zum Handeln, doch wie? Mit dem Schwert aufs Geratewohl wilde Hiebe austeilen, bei dieser Dunkelheit?, und dabei Gerlind aus versehen den Kopf abschlagen? Da erklang eine gewaltige Stimme und rief:

    „Zum Teufel fährt

    wer nur verheert!

    Hier hilft kein Schwert,

    nur Mut bewehrt,

    und Tat gewährt

    was das Herz begehrt!“

    „Verwünschtes Orakel“, rief ich, „kannst du dich nicht verständlicher ausdrücken? Zur Hölle mit dir!“ Was natürlich Unsinn war, denn wir befanden und ja bereits in der Hölle. Da durchzuckte mich ein heißer Gedanke. Ha! Der Zeisig, mein Orakel! Es sprach zu mir, über Berge, Täler, Flüsse hinweg! Was hatte es gerade gesagt?

    … nur Mut bewehrt,

    und Tat gewährt

    was das Herz begehrt!

    Was begehrte mein Herz? Dass Gerlind kein Leid geschah! Und welche Tat war gemeint?

    „Ha!“, schrie ich in das Getümmel hinein, „elendes Kröten- und Wurmgezücht! Hab den Nemeischen Löwen gebändigt, die Kerynitische Hirschkuh gemolken, dem Erymanthischen Eber die Hauer ausgebrochen, die menschenfressenden Rosse des Diomedes gezähmt – da werd ich doch mit Kröten, Würmern und Ratten fertig werden!“ Rief: „Nimm das!“ und dröhnte mit der rechten Faust einer braunen Fratze einen Schlag zwischen die Augen; stach einer anderen mit zwei Fingern die Augen aus; versetzte einer Ratte einen Tritt, dass sie schreiend davonflog, schrie selber: „Dir die andere!“ und zerdrosch mit der linken Faust einer giftgrünen Chimäre das Nasenbein; zertrat zehn warzige Kröten und zwanzig zischende Nattern, rief: „Ha, komm nur, elendes Gewürm, ihr schreckt mich nicht!“ –

    Da wurde es auf einmal hell; das widerliche Gezücht verwandelte sich in friedlich quakende Frösche und jammernde Unken, die Chimären und Dämonen flatterten davon und hingen kurz darauf als harmlose Fledermäuse an der Höhlendecke, und helles Licht flutete die Finsternis.

    „Bravo!“, sagte Rhadamanthys mit einer gemessenen Verbeugung und klatschte leicht in die Hände, „mutig, sehr mutig und sehr gescheit. Habt Euch wacker geschlagen, Herr! Ich hätt´s nicht besser gekonnt!“ Sein Gewand strahlte jetzt im schönsten Weiß und dampfte wie heiße Milch. „So gut wie Ihr drauf seid werdet Ihr die letzte Prüfung auch noch schaffen.“ Er sah mich ernst, aber durchaus freundlich an. „Doch zuvor, wenn die Frage erlaubt ist ... ähem...

    Sagt an, mein Ritter lieb und wert,

    wer hat Euch solche Streich´ gelehrt?“

    „Dergleichen liegt mir im Blut“, erwiderte ich bescheiden.

    „Soso! Und wieso rühmt Ihr Euch der Taten des Herkules? Ihr seid doch ein Schwabe, kein Grieche?“

    „Mein Zeisig hat sie mir ins Ohr geflüstert. Glaubt Ihr wirklich, Herr, die Unheilbaren hätten sich durch Schwabenstreiche beeindrucken lassen?“*

    Rhadamanthys sah mich ungläubig an. „Euer Zeisig?“

    „Ja, mein Orakel.“

    Des Fürsten Erstaunen wuchs. „Ihr habt ein Orakel?“

    „Ja, sozusagen ein Privatorakel. Es ist weit weg, trotzdem kann ich es hören.“

    „Soso, hmm –“

    „O Mundburt, mein Mundburt, mein tapferer Held!“, rief Gerlind und fiel mir um den Hals, „das war Rettung in letzter –“

    „Was macht dein Nacken? Brennt er noch sehr?“

    „Nein, kein bisschen! Als das Licht anging, war der Schmerz wie weggeblasen!“

    „Na dann sind wir ja jetzt quitt!“

    Unter dergleichen angenehmen Geplauder erreichten wir den Ausgang der Höhle.

    _____________

    *Möglicherweise doch. Der Schwabe L. Uhland berichtet in seiner „Schwäbischen Kunde“ von einem Schwaben, der einem Pferd alle vier Beine abhieb, und weiter:

    Der wackre Schwabe forcht sich nit,

    ging seines Weges Schritt vor Schritt...

    Zur Rechten sieht man wie zur Linken

    einen halben Ritter niedersinken.“

  • In der Advokatenhölle

    Bald näherten wir uns einem langgestreckten Höhenzug, der von der Abendsonne glühend überschlagen war. Ein dünnes Gehölz mit seltsam geformten Bäumen kroch über die Hügel wie eine Schar hochbeiniger Ameisen mit dicken Köpfen. Die Bäume sahen etwa so aus:


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    Über den Hügeln lag ein hoch getürmter Wolkenberg, der mich entfernt an eine prall gefüllte Geldkatze erinnerte. Gelbe Sandschwaden brodelten darin wie Nebel in der Waschküche.

    „Euer Ehren“, fragte Gerlind aufs Höchste beunruhigt, „bahnt sie da der nächste Sandsturm an? Vom letzten rieselt mir immer noch Sand aus den Ohren.“

    „Mitnichten“, antwortete der Fürst, „da seid nur beruhigt. Was da brodelt ist kein Wüstensand, sondern Löschsand.“

    „Löschsand? Brennt es denn hier häufig?“

    „Na klar!“, rief ich, „schließlich sind wir in der Hölle!“

    „Hier brennt´s nicht öfter als anderswo“, widersprach der Fürst, „den Löschsand braucht man in den Kanzleien.“

    „In welchen Kanzleien? Das solltet Ihr uns näher erklären“, sagte Gerlind gegen die Wolke blinzelnd.

    Indem wir uns dem Bergzug näherten, setzten mich die Bäume des Wäldchens immer mehr in Erstaunen. Das war kein normales Gehölz, wie ich es aus unserem guten Schwabenlande gewohnt war: Ein fester Stamm mit knorrigen Ästen und einer runden grünen Krone, gewaltig raumgreifend; oder spitz hochragender Tann, der die Wolken kitzelte. Diese Bäume hier waren so schwarz wie die Heiden, die zwischen den Stämmen herumhuschten, sich immer wieder bückten wie pickende Hühner und etwas in große Körbe warfen. Auch sah ich weder Laub noch Blüte, sondern starre siegelähnliche Gebilde, die mir irgendwie bekannt vorkamen, aber ich konnte mich nicht erinnern, wo mir dergleichen abstruses Kraut schon einmal vorgekommen war. Doch im Näherkommen erkannte ich –

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    „Paragrafenbäume“, sagte der Fürst, „was Ihr da seht sind Paragrafenbäume. Die Leute da sind Advokaten. Sie sammeln heruntergefallene Paragrafen ein und bringen sie in ihre Kanzleien.“

    „Körbeweise?“, fragte ich verdutzt.

    „Ha!“, rief Gerlind, „hab ich mir doch gleich gedacht! Wo Hundewelpen blonden Rittern die Köpfe verdrehen und Räuber mit dem Hintern reden wachsen die Paragrafen natürlich auf den Bäumen! Jetzt müsst Ihr nur noch erklären, wieso es in den Kanzleien brennt!“

    „Das habe ich nicht gesagt“, sagte Rhadamanthys ernst wie ein Grabredner, „den Löschsand braucht man in den Kanzleien zum Ablöschen der Tinte.“

    „Und dazu braucht´s ein ganzes Gebirge aus Sand?“, warf ich ein.

    „Es gibt hier Tinte im Überfluss, Schwarzwasser genannt. Ganze Bäche sind voll davon. Und weil die Tinte nichts kostet, wird auf den Kanzleien viel geschrieben. Minister, Justiziare, Fiskal-, Filial-, Ferkel-, Geheime-, Gemeine-, Wirkliche und Unwirkliche Räte, Finanz-, Staats- und andere Beamte, Syndikusse, Kebekusse, Notare, Notabene, Notophagen, Koprophagen … äh … kurz, alle betreiben sie irgend eine Kanzlei oder Schreibstube, und die Tinte fließt in weiten Strömen. Die Advokaten sind dazu verdammt, alles zu tun, damit die Prozesse und der Tintenbedarf nicht versiegen. Gerät ein Prozess aus Versehen bis hart an ein Urteil, werden hurtig neue Paragrafen eingesammelt, und schon beginnt der Prozess von neuem. Mittlerweile gibt es so viele Paragrafen, Unterparagrafen, Floskeln, Kautelen, Finten, Fisteln, Schlüsse, Trugschüsse, dass mancher Kasus schon so lange geführt wird, dass niemand wer weiß, worum es überhaupt geht.“

    „Kann denn solch einen Rechtsstreit überhaupt noch jemand bezahlen?“, wollte ich wissen. „Ich erinnere mich, dass mein Vater schon für den Streit um einen halben Humpen obergäriges –“

    „Wir sind hier in der Unterwelt, lieber Herr“, sagte der Fürst, „und nicht in der Hölle, wo die geldgierigen Sünder mit glühenden Goldstücken gequält werden. Diese Advokaten müssen die Prozesse gegenseitig führen als Strafe dafür, dass sie in ihrem Leben die Strafsachen immer wieder verschlepppt haben.“, erklärte Rhadamanthys ohne mit der Wimper zu zucken. „Es sind Scheinprozesse, die nie ein Ende nehmen. Es fallen ja immer neue Paragrafen von den Bäumen.“ Er wies mit ausgestrecktem Arm auf zwei Gestalten, die ich zunächst für Krähen hielt. „Die beiden Advokaten dort prozessieren schon seit über tausend Jahren, und noch ist kein Ende abzusehen.“

    „Bei allen Heiligen!“, rief Gerlind mit spaßhaftem Schalk , „wird denn bei diesen Heiden überhaupt noch Recht gesprochen?“

    Jetzt geschah etwas Unerwartetes: Rhadamanthys lachte. „Euer Wohlgeboren! Ihr könnt eher ein gefettetes Schwein am Schwanz halten als einen Advokaten am Recht!“

    Unter dergleichen angenehmen Geplauder setzten wir unseren Weg fort ...


    Mundburt soll dafür sorgen, dass ein Stein nicht rollt

    … und traten auf einen weiten Platz, der rundherum von schroffen Felswänden umgeben war. In der Mitte ragte ein kegelförmiger Hügel auf, auf dessen Spitze jemand herumkrabbelte.

    „Der Grabhügel!“, rief ich. „Na endlich! Wurde aber auch langsam Zeit!“

    „Nein“, sagte Rhadamanthys, „es ist nicht der Grabhügel! Wir sind hier in der Unterwelt, vergesst das nicht“

    Neben dem Berg gewahrte ich ein Dutzend oder mehr schwarze Steinfiguren, die aus der Ferne wie Felsen aussahen. Doch indem wir näher kamen, erkannte ich Gesichter und Konturen von Gliedern und Kleidungsstücken. Die Monoliten wirkten ziemlich klobig, waren aber nicht höher als ein normaler Mann.

    Ehe ich fragen konnte, sagte Rhadamanthys: „Diese Figuren sind alles Leute, die bei dieser Prüfung versagt haben. Zeus hat sie zur Strafe in Steine verwandelt.“

    Der Fürst breitete die Arme aus und deklamierte:

    „Nur die waren erkoren,

    die den Mut nicht verloren

    und mit wölfischem Herzen

    nicht achtend der Schmerzen

    den Aufstieg doch wagten

    und nicht mitten verzagten.“

    „Hoho!“, rief ich, „damit rückt Ihr erst jetzt heraus? Ihr seid ein Satansbraten!“

    Rhadamanthys blieb abrupt stehen. „Herr!“, rief er, „ich bitte mir Respekt aus! Ihr vergesst anscheinend, zu wem Ihr redet. Ich bin nicht irgendwer!“

    Inzwischen waren wir am Fuß des Hügels angekommen, der zu einem himmelhohen Berg angewachsen war. Ein Rumpeln ließ mich nach oben blicken. Ein dunkler Schatten stürzte herab. Ohne zu überlegen warf ich mich auf Gerlind und riss sie beiseite. In diesem Moment krachte neben uns ein ungeheurer Felsblock auf den Boden.

    „Was soll das, Herr!“, rief ich aufgebracht, „wollt Ihr uns töten? Alles nur Trug und Hinterlist? Dieser Stein hätte und erschlagen können! Kann man sogar in der Hölle niemandem mehr trauen?“

    „O nein, o nein, keineswegs wollte ich Euch töten...“ Das Gesicht des Fürsten zeigte echte Betroffenheit. „Es ist nicht meine Schuld! Der da ist Schuld!“ Er wies auf einen fast nackten Mann, der gerade am Fuße des Berges erschien. Sein muskulöser, sonnenverbrannter Körper glänzte vor Schweiß, und seine Augen, von der Qual andauernd nutzloser Mühe schwarz umrandet, lagen tief in den Höhlen.

    Ich erkannte ihn sofort: Es was Sisyphus.

    Natürlich hatte ich ihn noch nie gesehen. Wie denn auch. Schließlich lebten wir beide in zwei verschiedenen Welten. Trotzdem wusste ich sofort, dass es nur er sein konnte, obwohl er ganz anders aussah, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Vater hatte oft von ihm gesprochen, wenn er versuchte, seinen Söhnen, die einen ganzen Saal füllten, höfisches Benehmen beizubringen. „Oh ihr rotznasigen Lümmel!“, rief er das eine über das anders Mal, „das ist die reinste Sisyphusarbeit mit euch! Habt schon wieder vergessen, was ich gestern in eure Hohlköpfe hineingedroschen habe! Gut denn! Fangen wir wieder von vorne an!“ Nahm dann die Rute und begann mit der Wiederholung.

    „Tut mir Leid, Leute“, sagte Sisyphus, vor Ermattung schwach, „konnte den blöden Stein nicht mehr halten. Vielleicht geht ihr etwas zur Seite, damit es nicht wieder passiert!“

    Und wieder setzte Sisyphus an; mit Händen und Füßen stemmend und sich in Schmerzen windend versuchte er, den Felsblock, den ungeheuren, hochzurollen. In unendlicher Mühsal stieß er den Stein Schritt für Schritt hinauf auf den Hang. Doch als er ihn oben hatte, verließen ihn die Kräfte: Von neuem rollte der Block polternd den Abhang hinunter, uns fast vor die Füße. Er aber kam hinterher, stumm vor Verzweiflung und mit hohlen Wangen; stieß ihn wieder zurück, sich anspannend dass die Muskeln hervorquollen wie feiste Ratten, der Schweiß rann in hellen Strömen ihm vom Kinn auf die Füße, und sein Ächzen und Stöhnen erfülle den Äther.

    „Nun denn“, sagte ich zu Rhadamanthys, „dann lasst mal die Katze aus dem Sack! Worin besteht denn diese letzte Prüfung? Soll ich Sisyphus beim Steinhochrollen helfen?“

    „Die letzte Prüfung betrifft Eure Seelenstärke. Da hinauf müsst Ihr, zur Spitze des Hügels und dafür sorgen, dass der Fels eine Weile oben bleiben kann.“

    „Mit dem Stein?“

    „Natürlich nicht!

    Der Fürst der Unterwelt blickte angewidert zur Seite. „Ich kann dieses Ächzen und Stöhnen nicht mehr hören! Endlich muss mal Schluss sein! Wenigstens für eine Weile. Die Furien reichen mir schon.

    Arke, Oknos, Sisyphos,

    Tityos, Ixion, Tantalos,

    und der Danaiden° Schar

    samt der Hydra Teufelshaar:

    wen´ger schädlich für´s Gedärm

    als der Furien Höllenlärm.“

    Ich blickte Gerlind an, Gerlind blickte mich an, doch wir sagten kein Wort.

    Der Berg sah nicht allzu schwierig aus, nicht besonders steil, ohne scharfe Grate, Schroffen und Klüften. Mit etwas Geschick und Anstrengung müsste der Aufstieg glücken.

    Nur was dann? Und, warum war es bisher noch niemandem gelungen, den Felsbrocken oben zu halten?

    „Wenn ich merke, dass ich es nicht schaffe, und ich kehre um?“, fragte ich.

    „Dann werdet Ihr zu Stein. Wie die anderen auch.“

    Hmmm ... das sah nicht gut aus. Zwar glaubte ich nicht an diesen Heidengott Zeus, diesen Frauenverführer und Jungfernschänder, sondern an unseren HERRn Jesus Christus, und der, da war ich mir sicher, würde sich letztlich als der Stärkere erweisen, wie er sich bisher allen Göttern der Heiden überlegen gezeigt hatte. Was predigte der Monsignore doch immer? „Wer an mich glaubt (an den HERRn, nicht an den Monsignore) – der hat das ewige Leben!“ Und ich glaubte fest an IHN (nicht an den Monsignore, aber an den HERRn).

    Allerdings, diese Steinfiguren dort ... Sollte dieser göttliche Frauenheld doch Macht über die Lebenden besitzen?

    Ich war hin- und hergerissen. Doch jetzt, so kurz vorm Ziel, kneifen? Hörte wieder Vaters Worte: „Wer zu viel nachdenkt, den bestraft das Leben!“ Jetzt aufgeben? Nie und nimmer! Sah mich mit dem Kristall in der stolzen Hand vor die Herrin treten, sah, wie sie mich dankbar anlächelt und mir ihre Hand zum Kuss –

    Gab mir einen Ruck, rief frohgemut: „Ich tu´s! Ich tu´s!“ und setzte einen Fuß an die Leite*, „ich wage den Aufstieg!“

    „Ach nee!“, rief Gerlind, „und was mach ich dieweil?“

    „Da wartest, bis ich zurück bin! Vielleicht weiß der Herr des Tartaros ja eine kleine nette Geschichte!“

    „Soweit kommt´s noch! Ich komme mit!“

    „Du bleibst unten!“

    „Ich komme mit!“

    „Du würdest nur stören!“

    „Ich komme mit!“

    „Du bleibst –“

    F.f

  • Mundburt erzählt eine seltsame Geschichte.

    Ihr lieben Pfennigfuchser und Hühnerdiebe! Während sich die beiden zanken, und Hypnos* schon das Seter* braut (der Zank zwischen den beiden kann nämlich noch dauern!), möchte ich euch, mit eurer Erlaubnis und zu eurer Erquickung, eine absonderliche, abwegige, unglaubliche, köstliche, knallige, knollige, knullige – kurz, eine Geschichte vortragen, die mir meine Muhme Schnurli-Purli aus dem reichen Schatz ihrer Schnurren schenkte. Mein Schreiber sie aufgeschrieben – – ha! Wo ist sie bloß – – Teufel auch, heute Morgen war der Zettel doch noch da – – hei, da ist er ja! Also hört

    die Geschichte vom indischen Säulenheiligen:

    In

    Indien

    ein heil´ger

    Mann,

    „du sollst nicht töten!“

    war sein Spruch der ersten

    Wahl, er aß kein Fleisch, nur

    dann und wann ´ne Handvoll

    Reis, dazu vom klaren Wasser einen Strahl.

    Zerquetscht auch nie ´ne Laus, war Freund von

    Maus und

    Ratt, ging

    auch nie

    aus dem

    Haus. Er

    meint, bei

    jedem sei-

    ner Schritt´

    trät´ er ´nen

    Käfer platt.

    Bei einem

    Freund: Ein

    Wunderglas,

    er sah´s und

    gönnte sich

    den Spaß

    zu blicken

    in ein gläsern

    klares Reich:

    Ein Tropfen

    Wasser aus

    dem Teich.

    Er schaut

    hindurch

    und schaut

    entsetzt!

    Das zuckt

    und dreht

    und trollt

    und fetzt!

    Das aller-

    tollste Tier-

    gewimmel!

    Der Heilige,

    bedrückt,

    hat er doch,

    o Himmel!

    ohne was

    zu ahnen

    beim Trank

    getötet,

    schon seit

    vielen Jahren!

    Von da an

    wollt´ er auch

    nicht trinken,

    nur noch

    in echte Reu´

    versinken.

    Er trieb den

    Glauben

    auf die Spitz´:

    Auf himmel-

    hoher Säule

    nahm er Sitz,

    zu büßen sei-

    ne Sünden.

    Da saß er

    nun, tagein,

    tagaus, bei

    Sturmwind

    Regen, Son-

    nenschein und wollt

    Erlösung finden. War bald

    so leicht, so leicht wie dürres Laub oder

    wie ein winzig´s Häufchen Staub. Da kam ´ne

    steife Brise und wehte ihn auf eine Himmelswiese.

    ________________

    *Gott des Schlafs, ** altes Schlafmittel.

    Mundburt verhaut nutzlos seinen letzten Schwerthieb.

    „ – – Ich komme mit!“

    „Du bleibst unten!“

    „Ich komme mit!“

    „Du bleibst – – –“

    „Herrgottnochmal, Mundburt! Manchmal könnt ich dich dem Teufel in den Hintern schieben, aber du bist und bleibst doch mein äh ... Bruder! Denk doch mal ein klein wenig nach! Nehmen wir einmal an, du schaffst es nicht, was soll ich dann mit einer Versteinerung im Bett … ähem – – ich komme mit, basta!“

    Also begannen wir den Aufstieg, allerdings an einer anderen Stelle, damit uns der Stein beim herabfallen nicht noch unversehens erschlug. Da wir unbeschwert waren, erreichten wir bald den Gipfel, und jetzt zeigte sich, warum der arme Sisyphus wie Vater immer wieder von vorne anfangen musste: Der Gipfel war so spitz, dass sich darauf keine Haselnuss halten konnte. Kein Wunder, dass der große Stein immer wieder herunterfiel.

    Oh, dieser verfluchte Höllenfürst, dachte ich, dieser hinterlistige Teufel! Den gewaltigen Brocken hätten wir für alle Zeiten festhalten müssen, denn was heißt im Orcus schon 'eine Weile'! Wusste in diesem Moment aber auch, wie ich diesen sauberen Herrn eins auswischen konnte.

    Ich blickte nach unten. Sisyphus näherte sich keuchend, mit gespanntem Rücken und kräftigen Stößen den Stein hochschiebend.

    „Wo ist eigentlich dein Schwert?“, fragte Gerlind auf einmal.

    „Wo es immer ist. Hier an meiner Seite.“

    „Wenn es so gewaltig ist, wie du immer behauptest, dann wüsste ich, was ich an deiner Stelle täte.“

    „Du rennst offene Türen ein, mein Häschen! Genau das habe ich vor! Nur bedenke, es wäre mein letzter Hieb!“

    „Na und? Hab keine Lust, dem Kerl den Stein zu halten! Außerdem riecht er mit zu sehr nach Schweiß. Und nenn mich nicht noch einmal Häschen!“

    „Gerne, wenn du mich nie wieder Affenarsch nennst!“

    Sisyphus schickte sich an, den Stein auf den Gipfel zu wuchten.

    „Wartet!“, rief ich ihm zu, „das machen wir anders!“ Zog mein Schwert und hieb den Gipfel dreißig Ellen unterhalb der Spitze ab. Der stürzte krachend in die Tiefe, gleichzeitig strich mir ein heißer Wind übers Gesicht: Schlagto hatte sich in Luft aufgelöst.

    Und wieder kam es anders, als ich gedacht hatte. Statt mir zu danken und Gerlind die Hand zu küssen stieß Sisyphus wüste Flüche aus. „Beim hinkenden Hephaistos!“, schrie er, „was sollte das denn? Wollt Ihr mich ins Unglück stürzen?“ Ließ den Stein fallen und lief hinterher.

    Ich war sprachlos, und auch Gerlind fehlten zum ersten mal seit langem die Worte.

    „He, kommt wieder herunter, ihr beiden!“, rief Rhadamanthys. Als wir unten waren, sagte er: „Da habt Ihr wohl etwas missverstanden, lieber Herr! Ihr solltet nicht den Gipfel abschlagen, sondern dafür sorgen, dass der Fels eine Weile oben bleibt.“

    „Ja wie denn?“, warf ich ärgerlich ein, „der Gipfel ist nadelspitz, und der Stein elefantenschwer!“

    Rhadamanthys machte eine abwehrende Handbewegung. „Ach was!“, rief er,

    „der Stein ist innen hohl

    und wiegt nicht mehr als ein Kopf von Kohl!

    Ein kräftiger Knabe könnt´ ihn tragen.

    Bestand doch gar kein Grund zum Klagen!

    Zu dritt hättet Ihr ihn ohne Probleme ein Weile auf der Bergspitze halten können, und ich hätte eine Weile Ruhe gehabt.“ Er sah mich auf seine Weise ernst, aber nicht unfreundlich an. „Und im übrigen, haltet Ihr mich für so teuflisch, dass ich Euch eine unlösbare Aufgabe stellen könnte?“

    „Wie, was?“, rief Gerlind, „der Stein ist innen hohl? Das ganze Getue und Gestöhn nur vorgetäuscht? Ja um Himmels Willen, warum denn?“

    „Die Welt will es so. Die Menschen lieben Sisyphus, so wie er sich gibt, schwitzend und keuchend, weil sie sich so in ihm wiedererkennen. Sie wären sicherlich maßlos enttäuscht, wenn sie wüssten, was mit dem Stein ist.“ Rhadamanthys runzelte die Stirn. „Ja glaubt Ihr den, mein Fräulein Knappe, die Götter ließen Sisyphus seit zweitausend Jahren einen so großen und schweren Stein schleppen? Kein Titan, auch der stärkste nicht, wäre dazu in der Lage. Die Götter sind manchmal ungerecht, aber sie sind nicht grausam.“ Nun sah er mich an. „Wie habt Ihr das geschafft, dem Berg die Spitze abzuschlagen?“

    Ich sagte ihm, was ihr, meine Lieben, schon wisst.

    Der Herr der Unterwelt zog die Unterlippe ein. „Hmmm ... damit konnte ich natürlich nicht rechnen. Sei´s drum, die Prüfung gilt als bestanden. Ihr habt Seelenstärke gezeigt, indem Ihr trotz des bösen Omens den Aufstieg wagtet.“

    Im Hintergrund war Sisyphus gerade dabei, den Steinbrocken wieder hoch zu schieben, nun auch noch mit der Bergspitze auf den Schultern.

    „Eine Frage hätte ich noch, Euer Ehren, bitte. Sisyphus sagte, die abgehauene Bergspitze mache ihn unglücklich. Was meint er damit?“

    „Sein Glück besteht darin, immer wieder einen neuen Versuch wagen zu können. Würde der Stein oben liegen bleiben, wäre er seines Lebensinhalts beraubt, und er würde sich zu Tode langweilen.“

    „Ihr haltet Sisyphus für glücklich?“

    „Ja.“

    Ha, dachte ich, genau wie Vater! Jeden Morgen, wenn er die Rute und die Fibel an sich nahm, leuchteten seine Augen vor Freude, obwohl er wusste, dass es mit seinen Rotznasen wieder mal eine Sisyphusarbeit werden würde.

    „Na schön“, meinte Gerlind, „dann ist das ja geklärt. Und wo ist nun, bitteschön, das Grab dieses Königs mit dem wundertätigen Kristall?“

    „Dazu müsst Ihr wieder zurück auf die Oberwelt. Seht ihr den Steig dort in der Felswand? Er führt direkt zu der Grabkammer des Königs der Almaten. Ich darf mich jetzt verabschieden. Hat mich sehr gefreut! Wünsche Euch Glück und Gesundheit.“ Er trat zweimal kräftig auf, eine Erdspalte öffnete sich, in der er, uns zuwinkend, langsam versank. Dabei sprach er:

    „Denkt an mich, wenn ihr oben!

    Müsst Rhadamanthys gar nicht loben,

    nennt mich einen rechten Mann,

    der einen Scherz ver-tra-gen –“

    Der Rest war nicht mehr zu verstehen.

    ___________

    ° Alles Titanen, die zu ewigen Qualen im Tartaros verurteilt waren.* Süddt. = Berghang.

    F. f

  • Mundburt findet den wundertätigen Kristall und ist enttäuscht

    „Ehrlich gesagt“, meinte Gerling auf dem Weg zum Steig, „den Teufel hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Nicht so vornehm, nicht so hell, und vor allem nicht so geschwätzig. Weißt du, Mundburt, was mich an dieser Hölle am meisten stören würde, vorausgesetzt, ich käme hinein?“

    „Na?“

    „Diese ewige Reimerei! Das ist ja unerträglich! Kann der Mann überhaupt noch normal reden?“

    „Wie soll ich das wissen? Warum hast du ihn denn nicht gefragt? Ich denke, das Reimen hat er sich angewöhnt, weil es hier unten eine besondere Art der Tortur ist. Diese Griechen haben doch ständig ellenlange Gedichte verfasst. Denk nur an diesen Homer! Jetzt müssen sie sich das Zeug zur Strafe ununterbrochen anhören und möglicherweise sogar auswendig lernen. Könnte mir vorstellen, dass dergleichen auf die Dauer ziemlich nervt. Anderseits, wenn ich´s recht bedenke, immer noch angenehmer als das, was in unserer Hölle dem armen Sünder so alles blüht. Da ist Gedichte auswendig lernen vielleicht die angenehmere Art der Strafe.“

    „Da magst du Recht haben ... Ich denke gerade an ein Altarbild in unserer Burgkapelle. Puh ... Einfach grauslich! Wie da gestochen, gedehnt, gesengt, gedreht, gewürgt, gezwickt und gezwackt wird ...“

    Unter dergleichen angenehmen Geplauder erreichten wir bald den Steig. Dieser nun erwies sich alles andere als leicht gangbar. Je höher wir kamen, desto enger und steiler wurde er. Auf den letzten Stufen mussten wir uns regelrecht hochwinden. Fast sah es so aus, als habe ein teuflischer Steinhauer alles darauf angelegt, den Steig unüberwindlich zu machen. Schließlich erreichten wir ein Felsentor mit ausgehauenen Säulen, vor dem zwei steinerne Löwen Wache hielten. Und wer stand da und grinste uns entgegen? Richtig, der Edle von Mausloch.

    „Pygmalion, wie kommt Ihr denn hierher?“, riefen Gerlind und ich wie aus einem Munde.

    „Na wie wohl? Das Kän´guruh tat einen kräftigen Hüpfer, und schon waren wir hier. Ich wusste vor vornherein, dass ich Euch hier finden würde.“

    „Ach nee! Dass ich bei den Prüfungen versagen könnte, damit rechnetet Ihr also nicht. Wusstet Ihr überhaupt davon?“

    „Von den Prüfungen? Natürlich. Jeder, der zum Grab des Königs will, muss sich ihnen unterziehen. Und als ich hörte, wie Ihr die erste Aufgabe löstet, war ich überzeugt: Die schaffen das!“

    „Soso, Ihr habt uns belauscht!“

    „Nein, war nicht nötig. Der Tunnel ist so angelegt, dass man auch ein geflüstertes Wort noch meilenweit weg verstehen kann.“

    „Wo finde ich nun den Kristall?“

    „Kommt!“

    Doch ehe wir uns in Bewegung setzen konnten, sagte Gerlind, die schon seit einiger Zeit mit zusammengekniffenen Beinen dastand: „Hmm ... äh ... wo kann man denn hier mal?“

    „Weiter oben ist eine Nische“, sagte der Kleine, „geht ruhig, wir schauen und schon mal das Mausoleum an.“

    Der Innenraum war mit eigenartigen Wandmalereien geschmückt, nur bevölkerten die Wände weder Menschen noch vielfältiges Getier, Korn und Vorräte, wie es bei den alten Ägyptiern üblich war, sondern wunderliche Gestalten mit unförmigen Leibern und dürren Gliedern, die einäugig über die Wände huschten. Indem ich näher herantrat erkannte ich: Es waren alles Flöhe in den seltsamsten Verrenkungen und Verrichtungen, die näher zu beschreiben mir der Anstand verbietet. In der Mitte des Raumes stand ein schwarzer Steinkasten, der Sarkophag°. Und dann sah ich ihn, den wundertätigen Kristall – und war sofort enttäuscht. Das war kein gänzend-glitzerndes Edelstein-Wunder, wie es mir vor Augen geschwebt hatte, das war ein einfacher Feldspat, blass und grob, der aus dem Deckel der steinernen Truhe wuchs.

    Von wegen anachitischer Diamant! Da war der Magister wohl einem Gerücht aufgesessen.

    Auf einmal ein Schrei: „Mundburt, oh Mundburt ... komm, schnell ... schnell ... es ist unglaublich!“

    „Ein Hinterhalt!“, rief ich und eilte den Hang hoch. Ich fand Gerlind, wie sie an eine Steinbrüstung gelehnt ins Weite starrte, über sich den blanken Himmel.

    „Beim heiligen Nepomuk!“, rief ich, „was ist denn los! Hörte sich an, als wärst du unter die Räuber gefallen!“

    „Komm und schau dir das mal an!“

    Ich trat zu ihr und blickte auf eine Wiese, die über und über mit leuchtendem Affodill* bewachsen war. Und dahinter –

    __________

    ° Wörtlich: Fleischfresser. * Asphodelus, die „Blume der Götter“.

    Der letzte Haufen

    Prolog

    Ihr Lieben, ihr seid bess´re Wesen,

    denn ihr versteht nicht nur zu lesen –

    wobei die Stunden schnell enteilen,

    dieweil im Wald die Keiler keilen,

    im tiefen Sumpf die Frösche quaken

    und mancher Saufaus kotzt aufs Laken –

    sogar auch Ihr, mein feur´ger Kava-liere,

    sonst Prosa-Ritter nicht, doch hier, ha!, sehre:

    mit frischem Mut und frohem Geiste

    verstund Ihr doch das Allermeiste,

    sowie die Jungfer dort, die kleine Dirne

    mit feinen Kinkeln auf der Stirne,

    die schon beim stummen Frühgebete

    den Wunsch verspürt, das Mann sie heira-tete –

    so sag ich, was ihr einmal angefangen,

    das bringt ihr auch zu End´ ganz ohne Bangen.

    Ihr alle seid doch hoch zu loben:

    mein Lob soll ewig euch umtoben!

    Ihr habt gehalten fest zur Stange,

    und war die Zeit auch manchmal lange.

    So lest denn noch den letzten Haufen,

    ohn´ euch die Haare auszuraufen.

    O selig sind doch die zu preisen,

    die sich am End´ als treu erweisen!


    Mundburt blickt in das Land seiner Ahnen und erkennt es nicht

    Stellt euch ein unermessliches Land vor, meine Lieben, in dem die überraschendste Abwechselung von Bergen, Hügeln, Tälern, Wäldern und Wiesen das Auge erquickt; einen herrlichen Lustgarten unter der Herrschaft eines ewigen Frühlings mit den angenehmsten Temperaturen; in dem, wohin man auch blickt, die quellende Fülle blühender Landschaften leuchtet; alles ausgebaut und künstlich bewässert; überall sattes Grün und der verführerische Duft blühender Obstbäume, auch erfüllt von Kutteln, Feigen, persischen, chinesischem und syrischem Flieder, Zitronen, Matronen, Patronen, Granaten und den vielfältigsten bunten Blumen, alles ohne Pflege und frei vom Zwang des Gärtners gewachsen wie bei uns die Eichen; stellt euch weiter ein Land vor mit Hainen, in denen Myrte und Jasmin, Amors und Cytheräens Lieblingsblumen nicht in Töpfen oder Hecken, sondern auf Bäumen wachsen, voll erblüht wie der Busen der Schaumgeborenen Aphrodite.

    Und diese herrlichen Wälder sind erfüllt vom aromatischem Geruch des Bderylliumharzes und dem lieblichen Gesang unzähliger Arten von Vögeln, Pöbeln und Blödeln; belebt von tausend bunten Papa- und Mamageien sowie deren Kindern, Neffen und Nichten, die alle aufzuzählen zu weit führen würde; von Finken, Stinken und Hinken, deren bunt-schillerndes Gefieder Juno mit Neid erfüllt; durchzogen von gewaltigen Herden wilder Tiere wie Antilopen, Antipoden, Lopopoden, Popopoden, Kletter-, Klammer-, Maulaffen und weiß Gott was noch alles für fremdländische Kreaturen; dann überall Bäche und Quellen vom reinsten Blau mit Auen voll von Orchideen, Hyazinthen, Orchizynthen, Lilideen, Zynthileen, Liliorchen und anderem exotischem Gewächs, zwischen dem der Reisige auf weichem Boden dahinschreitet wie Olympias selige Genien.

    Und kaum senkt er den Fuß, da berührt die Sandale die herrlichsten Edelsteine; Onyx, Jaspis, Karneol, Karneval und andere Kostbarkeiten liegen zu Hauf, dass man sie nur greifen muss; dann grüner Malachit, schwarzer Obsidian, Bern-, Nieren- und Gallenstein von der Farbe des Mondes; ferner Achat, Arschtat, Lapislazuli...

    In dunstiger Ferne, dem Horizont zu, schimmert das silberne Band eines heiteren Flusses; vielleicht ist´s der Pischon, vielleicht ist´s der Gihon*, wer weiß; bunte Segel flattern lustig im Wind, und fröhliche Schiffer werfen drallen Dirnen verliebte Blicke zu. Töne einer wohlklingenden Musik wehen herbei; irgendwo wird unter Trommelgedröhn, Zinken- und Schalmeienklängen ein Maibaum errichtet oder ein Dorffest gefeiert. Darüber, in luftiger Höhe, schwebte eine Burg mit spitzen Türmen und festen Mauern.Und ganz hinten, hoch über weißem Gewölk, erheben sich die Schneegipfel eines himmelhohen Gebirges, von Sols köstlicher Gabe verwöhnt.

    Ende folgt

  • Ich war so in den Anblick versunken, dass Gerlinds Worte wohl mein Ohr, aber nicht mein Herz erreichten. Drum brauchte es einen zweiten Anlauf, um mich hellhörig zu machen.

    „Was sagst du?“

    Ich sah in die Richtung, die Gerlings ausgestreckter Arm wies.

    Verblüfft blickte ich ein zweites, ein drittes Mal hin. Es ließ sich nicht wegleugnen: Tatsächlich! Das waren die Türme des Doms zu Ulm! Und dort, die hohe Burg: Burg Wolkenfels, meine Vaterburg! Ich erkannte sie deutlich an dem krummen Turmhelm! Und das Gebirge: Die Alpen! Und der Fluss: Der Rhein!

    „Und ich dachte, es wäre das Paradies!“, rief ich enttäuscht aus.

    „Es ist es, nur Ihr habt es bisher nicht erkannt!“, sagte Pygmalion, der unbemerkt heran gekommen war.

    Nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es war eine Vision gewesen, genährt durch die Schönheit des Anblicks. Auch jetzt noch, im nüchternem Blick, war das Land vor mir herrlich anzusehen. Nun ja, es roch nicht mehr nach Bderylliumharz und Zitronenblüten, sondern nach Köhlerbrand und dampfenden Misthaufen, die fremdländischen Kreaturen erwiesen sich als Herden von Schafen, Ziegen und Kühen, und die Dorfmusik war frommes Glockengeläut. Aber der Anblick war noch so schön, dass mein Herz vor Freude hüpfte.

    „Ihr sollt die Prüfungen nicht umsonst gemacht haben“, sagte der Zwerg, „bitte nehmt dies hier.“

    Er drückte mir einen herzförmigen schimmernden Stein in die Hand, nicht den vom Sarkophag, einen anderen.

    „Was soll ich damit?“, fragte ich.

    „Schaut hinein, dann erfahrt Ihr es.“

    Ich schaute hinein und erblickte – Gerlinds Konterfei.

    „Was siehst du?“, fragte Gerlind, neugierig geworden.

    „Dich!“

    „Wie mich? Zeig her!“

    Ich gab ihr den Stein. „Na, was siehst du?“

    „Dich!“

    „Unsinn.“

    „Doch! Ich seh dich ganz deutlich. Du hast einen Ring in der Hand.“

    „Das ist doch nicht –“ Ich blickte mich nach dem Zwerg um, doch der war verschwunden. Überhaupt hatte sich alles um uns herum verändert; statt in der Steinnische mit dem Mausoleum unter uns standen wir auf einer grünen Wiese, vor uns Burg Wolkenfels. Ein Karren rasselte heran, voll beladen mit silbernen Kannen, goldenen Armreifen, bronzenen Waffen, kostbaren Tuchballen und allem erdenklichen Zierrat. Mein Vater saß auf dem Kutschbock und trieb die Pferde an. Jetzt hielt er auf die Zugbrücke zu.

    „Ha!“, rief ich, „anscheinend ist meinem Vater ein auskömmlicher Handel gelungen!“

    „O Mundburt, Mundburt, du mein tapfere Held!“, rief Gerlind aus und fiel mir um den Hals, „dann können wir ja endlich heiraten!“

    „Ja, mein, Schatz, so sieht es aus! Die Herrin kann mich mal!“

    Wir herzten und küssten uns, dass zwei Schnabeltiere, die ja bekanntlich den lieben langen Tag nichts anderes tun, vor Neid erblasst wären, hätten sie uns dabei beobachtet.

    ***

    Und wenn sie nicht gestorben sind,

    dann tun sie es noch heute.

    ___________

    * Paradiesflüsse, nach Gen 2, 10 – 14.

    ENDE


    Puuuh, wurde auch langsam Zeit! (Radamanthys.)

    „Halt, Herr Ritter! Wieso Ende? Ihr schuldet uns noch ein Kapitel!“

    „Wie meint Ihr das, Jungfer Pustel?“

    „Ihr habt ein Kapitel übersprungen und wolltet es später nachholen!“

    „Ach so, jetzt erinnere ich mich … Na dann … Aber für ein ganzes Kapitel reicht´s nicht mehr. Wie wär´s mit einer Ballade?“

    „Auch gut!“

    „Dann hört also:


    Die Ballade vom Ritter mit dem Holzgebiss

    Ein Ritter, jung und kühn, der alten Sippe ganzer Stolz,

    verlor bei Nacht einst seine dritten Zähne,

    – ich schäm´ mich fast, dass ich´s erwähne –

    denn das Gebiss, ja das Gebiss – es war aus Holz.

    Aus edlem, festen Span und reichlich dickem Kleister,

    mit Fäden fein zum Halten gar beim Biss,

    und schön bemalt mit guter Farb´, gewiss,

    er ließ es fertigen bei einem hochberühmten Meister.

    Wie kam´s? Es war des Ritters schnödes Missgeschick

    und nicht des Alters räuberische Hände,

    dass seine Zunge keine Barriere fände.

    Und dann – ach, ach! Hier die Ereignisse auf einen Blick.

    Auf einem Ritterfest geschah´s im großen Köln am Rhein:

    Das Ross sprang hoch, jedoch recht kürzlich,

    und machte drum den Ritter stürzlich.

    Der Sand, der Sand war weich, doch nicht der ekle Stein.

    Da lag er nun, der Rittersmann, im Kreise seiner Zähne,

    der Helm zerbeult, der Mund zerbläut,

    im Zwölfuhrmittags Kirchgeläut,

    und helles Blut entquoll wie eines Feuerengels Strähne.

    Ihr sagt: Ein Ritter, dreist und wild in tollen Schlachten,

    der beißt doch nicht, er haut und sticht,

    so hat ein Zahn doch kein Gewicht,

    wer, Teufel, sagt ihr Leut´, würd´ ihn darum verachten?

    Doch ach, ihr Leute, denkt ihr gar nicht an die Minne?

    An´s Stelldichein auf grüner Au,

    am Waldesrand mit einer schönen Frau?

    Des Ritters Sinn: Dass er der Allerliebsten Herz gewinne?

    Nun muss nicht jeder Ritter, weder tags noch in der Nacht,

    will er ´ne strenge Herrin sich erwählen,

    von heißer Lieb und ew´ger Treu erzählen,

    Doch eines sollt´ er können: Lachen. Darauf sei er stets bedacht.

    Er tut es wohl. Doch ach! Sie sieht in seines Mundes Gähne

    und senkt verstört die holden Lider.

    Sie denkt bei sich: Mit dem? Nie wieder!

    Aus ihrem Augenpaar tropft nicht die kleinste Träne.

    Doch unzerbrechlich ist des edlen Ritters kühner Stolz,

    wenn auch sein Blut zu Eis geronnen.

    Zu herrlich sind der Minne hohe Wonnen.

    Ein Gebiss muss her, ruft er, und sei es auch aus Holz! –

    Nun hält er´s in der Hand, das selten kostbare Gebilde,

    er legt´ es an, den Gaumen zu gewöhnen –

    soll´n ihn die Brüder doch verhöhnen!

    Will reiten schnell zu seiner Braut in spe Mathilde.

    Sein frohes Herz erfasst erneut erhöhte Liebesglut.

    Er ruft zu sich den feschen Knappen:

    He! Striegle mir den feurigsten Rappen!

    Was lange währt, denkt er, wird endlich, endlich gut.

    Geschwind jagt er dahin durch Wald und rote Heide,

    durch Fluss und Tal und schwarzes Moor,

    Schon steht Mathild´ am hohen Tor,

    ihr gold´nes Haar erglänzt wie köstliches Geschmeide.

    Er springt vom Pferd: He Knapp´, versorg´ das edle Ross!,

    die Wangen rot, der Sinn voll Heiterkeit.

    Sie neigt das Haupt, das Tor steht weit –

    der Blicke Glut: Verwundert sieht´s der jungen Knappen Tross.

    Am Linden-Brunnen lassen sich die Liebesleute nieder.

    Des Lautenschlägers heit´res Spiel:

    erspart dem Ritter Worte viel.

    Ein Gaukler eilt herbei, sein Kleid so bunt wie Pfau-Gefieder.

    Mathilde sieht ihn gern und klatscht vergnüglich in die Hände.

    Der Ritter lacht befreit –

    und sein Gebiss fliegt weit –

    vergaß er doch die zarten Halte-Bände.

    Ritt nach Jerusalem, hinein ins heilige Land,

    wo er mit wenig echten Zähnen

    unter wütenden Sarazenen

    im Kampf die ewige Ruhe fand.

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