Das letzte Experiment des Juri Grabow

Es gibt 4 Antworten in diesem Thema, welches 546 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (9. Juli 2023 um 12:32) ist von McFee.

  • 1

    Als der in Fachkreisen bekannte Sprachforscher und Weltreisende Augustus von Holm-Seppensen mit annähernd sechsundneunzig Jahren starb, hinterließ er eine Vielzahl seltsamer Gegenstände und Artefakte, deren Bedeutung zum Teil bis heute noch nicht geklärt ist. Holm-Seppensen war eine eigenartige, ja, man kann schon fast sagen bizarre Erscheinung gewesen. Hoch aufgeschossen, dürr, stets im weißen Gewand und mit wallendem Silberhaar, hatte man an seinen Füßen nie anderes Schuhwerk als Mao-Latschen gesehen.

    Mit der Sichtung seines umfangreichen Nachlasses wurden zwei Doktoranden des Instituts für fernöstliche Kulturen an der Universität zu B. beauftragt. Der eine, Juri Grabow, ein deutschstämmiger Weißrusse, erschien eines Morgens nicht zur Arbeit. Als nach einer Woche immer noch keine Krankmeldung vorlag und Anrufe seitens der Institutsleitung bei ihm zuhause ohne Erfolg blieben, und da man wusste, dass er allein lebte, meldete man ihn nach vierzehn Tagen als vermisst. Da ein Gewaltverbrechen nicht auszuschließen war, untersuchte die Kriminalpolizei seine Wohnung nach entsprechenden Hinweisen.

    Auf dem Nachttisch neben Grabow s Bett lag ein Gegenstand, der entfernt an eine silberne Taschenuhr erinnerte und aus dem Nachlass des verstorbenen Professors stammte. Anscheinend hatte Grabow den Gegenstand mit nach Hause genommen, um sich nach Feierabend damit zu beschäftigen.

    Im Übrigen sah die Wohnung nicht danach aus, als sei ihr Bewohner zu einer längeren Reise aufgebrochen, eher, als habe er sie Hals über Kopf verlassen. Auf dem Küchentisch standen noch die Reste einer Mahlzeit, und in der Garderobe hing seine Jacke mit Personalausweis, Führerschein und anderen wichtigen Dokumenten.

    Nun verschwinden in Deutschland jedes Jahr mehrere Tausend Menschen aller Altersstufen, und viele tauchen tatsächlich nie wieder auf. In solchen Fällen wird der Vermisste nach einiger Zeit amtlicherseits für tot erklärt und, wenn keine Verwandten aufzufinden sind, fällt sein Nachlass an den Staat.

    Insofern war Juri Grabows Verschwinden nicht weiter aufregend; der Fall wurde dem Internationalen Suchdienst übergeben, die Wohnung versiegelt.

    Sechs Wochen später erhielt der Leiter der Kriminaldirektion 1, Holger Abendschweisz, einen Anruf aus Minsk, Weißrussland. Eine weibliche Stimme behauptete, sie heiße Anastasia Golubew und sei die Verlobte des Juri Grabow. Sie habe erfahren, dass die Kriminaldirektion 1 mit dem Verschwinden Grabows befasst sei und teilte dem Kriminaldirektor in perfektem Deutsch mit, die Suche nach ihrem Verlobten werde ergebnislos bleiben. Man werde weder ihn noch seine Leiche finden. Er sei auch keinem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, sondern er habe sich zurück an den Ursprung seiner Existenz begeben.

    Abendschweisz grunzte ungehalten. „Ursprung seiner Existenz? Wo soll der denn liegen?“ Das sei nicht so einfach zu erklären, antwortete sie, und via Handy schon gar nicht. Sie werde ihm Grabows Briefe schicken, daraus gehe alles hervor.

    „Briefe? Gibt´s denn bei euch kein Telefon oder dergleichen?“, ätzte der Kriminaldirektor weiter.

    Auch das gehe aus seinen Briefen hervor, sagte Frau Golubew in bewundernswürdiger Gelassenheit. Im übrigen sei Grabow ein leidenschaftlicher Briefschreiber gewesen; der elektronischen Nachrichtenübermittlung habe er gründlich misstraut.

    2

    Die Briefe des Juri Grabow

    Mittwoch, den 3. März 20.. , abends

    Meine liebes Täubchen*,

    ich weiß nicht, was neuerdings mit meinem Kopf los ist. Jedesmal, wenn ich mich in der Nähe eines eingeschalteten Handys oder dergleichen aufhalte, bekomme ich nach einiger Zeit Kopfschmerzen. Sie sind nicht besonders stark, die Schmerzen, damit könnte ich leben. Viel unangenehmer ist eine eigenartige Benommenheit, die sich dann einstellt. Und ich habe Wortfindungsprobleme. Noch heute morgen sorgte ich ungewollt für Heiterkeit, als ich statt 'angenommen' Agamemnon sagte. Wahrscheinlich sind es Strahlungen, die von diesen verflxten Geräten ausgehen.

    Hoffentlich geht es bald wieder weg. So war´s doch früher nicht. Damit mein Kopf klar bleibt, fasse ich dieses Teufelszeug nur noch an, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt. Und so kommt es, meine Liebe, dass ich dir meine Erlebnisse schreibe, anstatt sie in die Muschel zu flüstern oder in einen Laptop zu hämmern. Es geht ja täglich ein Bus nach Minsk ab, der die Post mitnimmt.

    Also, mein Täubchen, worum geht es nun?

    Auf dem Weg vom Institut nach Hause erlebte ich vorhin etwas sehr Merkwürdiges. Ich musste vor einer roten Ampel halten, und da sah ich ihn ganz deutlich auf der anderen Straßenseite – du errätst es nicht: Stand da doch mein Bruder! Ja! Ich habe Viktor wiedergesehen! Du staunst! Und was glaubst du wohl, wie i c h erst gestaunt habe! Er saß auf seinem neuen Motorrad und unterhielt sich mit einer mir unbekannten Frau. Es war die gleiche Maschine, die ihn in den Tod gerissen hat, eine Harley Davidson, sein 'heißer Ofen'. Der Eindruck war so real, dass es mir für einen Moment die Sprache verschlug.

    Eine unglaubliche Personenähnlichkeit – hätte so etwas nie für möglich gehalten! Natürlich glaube ich nicht, dass der Mann wirklich Viktor war. Ich bin Realist genug. Aber beeindruckend war es doch, und ich bin immer noch ergriffen. Sollte ich dieser Erscheinung noch einmal begegnen, werde ich sie mir genauer ansehen. Würde nur zu gerne wissen, ob der Mann von Nahem auch noch wie Viktor aussieht.

    Ach ja, eines noch. Ich war bei nasskaltem und windigem Wetter losgefahren, und zweimal wehte mir der Zylinder vom Kopf. Jedoch – als ich den Doppelgänger sah, brach plötzlich die Sonne durch, und ein warmer Wind kam auf. Seltsam, sehr seltsam, dieser plötzliche Wetterumschwung. Aber wahrscheinlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.

    Wie? Der Zylinder? Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Ich war bei einer Burschenschaft eingeladen, und da war Zylinder- und Frackzwang angesagt. Natürlich waren die Sachen geliehen! Wo denkst du hin!

    Das ist es, was ich dir berichten wollte.

    So, nun zu dir, Anastasia, mein Täubchen.

    _________________

    *Golubew=Taube

    *

    Montag, den 10. März, 20..

    Liebe Anastasia,

    hei, schon wieder ist etwas sehr Seltsames passiert, das mir den Schlaf einer halben Nacht gekostet hat. Weil ich weiß, dass du eine geduldige Leserin meiner Briefe bist, wage ich es überhaupt, dir davon zu berichten. Einerseits ist es absolut banal, doch andrerseits – nun höre.

    Vorgestern waren meine Kaffeevorräte aufgebraucht. Der Kaufmann um die Ecke warb mit Sonderangeboten, also erstand ich mutig gleich drei Packungen und stellte sie in den Hochschrank, wo der Kaffee immer steht. Das war vorgestern. Gestern morgen nun griff ich in den Schrank und traute meinen Augn nicht – da waren zwei Packungen verschwunden, und die dritte nur noch halb voll. Du lachst! Das Drama ist noch nicht zuende, mein Engel. Heute morgen waren die beiden Packungen wieder da. Verdammt nochmal, ich weiß genau, dass ich sie nicht angerührt habe, und ich kann mich nicht erinnern, irgendwelche Gäste mit Kaffee versorgt zu haben. Und sollte doch ein Unbekannter ohne Spuren zu hinterlassen im Schrank gewühlt haben – wer stiehlt denn zwei Pfund Kaffee und lässt das Silber auf dem Küchentisch liegen!

    Kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühle? Erst sehe ich meinen verstorbenen Bruder auf der Straße, und jetzt das! Bin ich noch richtig im Kopf? Ich überlege schon, ob ich mich nicht krank melde und mal wieder richtig ausschlafe. Was sage ich? Ausschlafen? Ha! Davon wird erst einmal nicht die Rede sein! Du kannst dir natürlich vorstellen, dass mir die absonderlichsten Gedanken durch den Kopf gehen! Außerdem liegt mir das Krankfeiern ohne wirklich krank zu sein nicht, und die Arbeit, die ich gerade mache, ist auch viel zu interessant.

    Wenn du erlaubst, berichte ich kurz.

    Gegenwärtig befasse ich mich mit dem Nachlass eines Professors, der lange in China gelebt hat. Der Nachlass enthält eine Unzahl seltsamer Sachen, von denen niemand weiß, ob sie von wissenschaftlicher Bedeutung sind oder nur ulkige Kuriosa. Ein Kollege und ich nun sollen die Spreu vom Weizen trennen, wie man so sagt. Da ist zum Beispiel ein eigenartiges silbernes Ding, das entfernt an eine Taschenuhr erinnert. Entfernt, sag´ ich, ein richtiger Chronometer kann es eigentlich nicht sein, denn für eine Taschenuhr ist es ungewöhnlich groß, liegt da etwa zwischen Großvaters goldener Uhr und einer dieser zierlichen Untertassen aus eurem Teeporzellan. Vielleicht ist sie ja auch gar nicht für die Hosentasche eines normale Menschen bestimmt, sondern für weiß Gott wen. Sie tickt nicht, noch höre ich andere Laute, und zum Aufziehen finde ich auch nichts.

    Nun weiter. Wenn ich auf den oberen Bügelknopf drücke, springt der Deckel auf und ich sehe zwei Zeiger, einen großen und einen kleinen. Das Zifferblatt enthält keine Zahlen, sondern seltsame Hieroglyphen, die an chinesische Schriftzeichen erinnern. Auf der Position 12 befindet sich ein totenkopfähnliches Gebilde, in dessen Augenhöhlen zwei winzige Diamanten blitzen. Diese Diamanten üben eine eigenartige Wirkung auf mich aus. Wenn ich sie länger anschaue, wird mir schwindlig. Das Zifferblatt ist nicht in zwölf, sondern in vierundzwanzig Abschnitte eingeteilt. An der Uhr befinden sich rechts und links Rädchen, mit denen ich die beiden Zeiger verstellen kann. Deckel und Rückseite sind nach fernöstlicher Art mit allerlei Getier verziert.

    Ich frage dich, meine Liebe, ist dies überhaupt ein Zeitmesser? Gut, die Zeiger deuten darauf hin. Und wenn ja, welche Zeit misst dieses Gerät? Die MEZ bestimmt nicht! Kannst du mir vielleicht weiterhelfen? Du hast doch in deiner Verwandtschaft einen Popen, der sich angeblich in magischen Dingen auskennt.– Du meinst, vielleicht ist es ja eine von diesen Uhren, die durch Bewegung in Gang gehalten werden? Wohl kaum, das Teil stammt aus einer Zeit, in der solche technischen Kunststücke noch nicht auf dem Markt waren. Und die Zeiger bewegen sich anscheinend auch nicht. Ich habe das Ding mit nach Hause genommen, um es genauer zu untersuchen. Es liegt jetzt auf meinem Nachttisch und blinzelt mir zu, haha!

    Wie geht es deiner Mutter? Ist ihr offenes Bein . . .

    *

    Sonnabend, den 27. März, vormittags

    Meine liebe Anastasia,

    eben, beim Frühstück, überlegte ich, wie lange ich es ohne dich noch aushalte. Du fehlst mir doch sehr, allein schon, um dich wieder mal richtig knuddeln zu können. Und auch sonst –

    Im letzten Brief schrieb ich dir doch, dass mir dieses komische Ding aus dem Nachlass des verstorbenen Professors zublinzele. Das sollte ein Witz sein, war´s aber wohl nicht. Zwar blinzelt es mir nicht zu, aber das Teil schlägt mich immer mehr in seinen Bann.

    Mittlerweile bilde ich mir ein, dass ich das alles nur geträumt habe. Denn als ich nachts gegen zwei Uhr in den Spiegel schaute, wurde es schon hell! Das kann doch gar nicht sein! Anfang März!

    Irgendetwas stimmt mit mir nicht. Ich wache nachts manchmal mit heftigen Kopfschmerzen auf und kann dann stundenlang nicht mehr einschlafen. Jetzt dröhnt mir schon der Kopf, wenn ich den Mikrowellenherd anstelle. Wenn es so bleibt, hole ich mir einen Termin beim Neurologen. Noch gehe ich davon aus, dass es nichts Ernstes ist, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, wie es so richtig heißt.

    Übrigens, ich habe ganz vergessen, Jewgenij zum bestandenen Examen zu beglückwünschen. Hol es bitte für mich nach.

    Sonntag, halb elf am Vormittag

    Heute Nacht habe ich eine seltsame Entdeckung gemacht. Gegen zwei Uhr morgens wachte ich mit Herzrasen und Kopfschmerzen auf. Ich ging in die Küche, wo jetzt die Tabletten liegen. Ich öffnete das Fenster. Von draußen wehte der Bronzeschlag der Marktkirche herein: Bong – – Bong – – Bong – – Bong . . . zwölfmal. Wieso zwölfmal?, denk ich, Mitternacht ist doch schon längst vorbei! Die Küchenuhr wies auf halb vier. Verdammt nochmal, rief ich, spielen denn jetzt alle Uhren verrückt? Kaum hatte ich mich an den Küchentisch gesetzt, das Glas mit den sprudelnden Tabletten vor mir, da waren Herzrasen und Kopfschmerzen auf einmal wie weggeblasen. Ich ließ das Glas stehen und ging wieder zu Bett. Dabei fiel mein Blick auf dieses verflixte Uhrenungeheuer unter der Nachttischlampe. Die beiden Diamanten in dem Totenkopf funkelten auf eine unheimliche Weise. Mir schien es, als komme das Gefunkel nicht vom Lampenlicht, sondern von innen heraus. Ich knipste die Lampe aus – das Funkeln erlosch nicht. Es waren jetzt zwei winzige Augen, die mich unverwandt anstarrten. In diesem Moment empfand ich einen Druck auf dem Kopf, und mein Herz fing an, wie wild zu schlagen. Wütend ergriff ich das Teufelsding und vergrub es in der untersten Schublade meines Schreibtischs. Auf einmal war der Spuk verschwunden, Kopf und Herz befreit. Mein Wecker stand auf halb acht.

    Da mache sich nun einer einen Reim drauf! Ich kann den Spuk noch nicht einmal für absurd erklären, denn das Absurde ist ja bekanntlich nur eine ungewohnte Form des Alltäglichen. Und dies ist nun alles andere als alltäglich. Das ist auch mit ein Grund, warum ich mit dir nicht chatte. Wenn der KGB mithört, stecken sie mich beim nächsten Heimatbesuch gleich ins Irrenhaus. Um es kurz zu machen: Die ganze Narretei hat etwas mit dieser Uhr zu tun. In diesem seltsamen Gerät steckt ein Geheimnis. Ich spüre es deutlich – und ich habe mir vorgenommen, dieses Geheimnis zu lüften, koste es, was es wolle. Wer nichts wagt, trinkt keinen Champagner*! Vielleicht erlange ich ja dadurch sogar noch zu wissenschaftlichem Ruhm.

    Wenn ich neue Erkenntnisse habe, schreib´ ich sie dir.

    Bis dahin Gruß und Kuss, dein Furzius!

    PS. Vielleicht hat euer Pope ja eine Idee.

    __________

    *Im Original weißrussisch, wie auch alle weiteren kursiven Textstellen

    *

    Abendschweisz ließ den Briefbogen sinken. Was ist das für ein krauses Zeug, dachte er. Pah! Das Geheimnis der silbernen Taschenuhr. Wenn ich das meinem kleinen Enkel erzähle, lacht der mich aus. In welchem Jahrhundert lebt dieser Grabow eigentlich? Er blickte auf den Poststempel des Couverts. 13. 3. 2020. Ta, ta, ta, na gibt’s denn sowas? Hab diesen Russen noch nie so richtig getraut. Einige leben wohl immer noch im 19. Jahrhundert. Passt auch gut zu ihrem Großmachtgehabe.

    Er goss sich Kaffee nach und trank einen Schluck. Brrr . . . „Frau Müller!“, brüllte er, „wie oft muss ich noch sagen, dass ich keinen Zucker im Kaffee will! Also angetanzt und neuen gebrüht! Aber hopp, hopp!“

    „Kaffe wird nicht jebrüht, sondern jekocht!“, kam es wütend zurück. „Und Sie würde ich weder jebrüht noch jekocht in eine Tasse jießen.“

    Wie kommt es nur, dachte Abendschweisz, dass ich mich mit den Angestellten so schwer tue.

    Er seufzte und nahm sich den nächsten Brief vor.

    Forts. folgt

  • Heyho McFee

    Sehr schön.

    Mal wieder ein Parforceritt aus Deiner Feder, so wie ich's mag.

    Keine lange Einleitung oder große Vorerklärung - nö, direkt rein in's Abenteuer.

    Das Ganze in Retrospektive als Briefe des Hauptdarstellers zu erzählen ist ein grandioser Kniff - man kann in kurzer Form jede Menge Kram einbauen, für den es sonst Seiten bräuchte.

    Bis hierhin top! :thumbup:

  • Donnerstag, 26. April, abends

    Meine schöne

    gar 1000mal Geliebte,

    ich drehe langsam durch! Wenn ich nicht wüsste, dass du mich noch liebtest, auch wenn ich im Irrenhaus säße, würde ich verzweifeln. Die Kette unerklärlicher Vorkommnisse reißt nicht ab. Dabei ist jedes für sich nicht der Rede wert, doch alle zusammen bringen mich allmählich an den Rand des Wahnsinns. Das fängt damit an, dass dieser unheimliche Dieb wieder zugeschlagen hat. Als ich heute morgen die halbvolle Rotweinflasche von gestern Abend zurückstellen wollte, war sie leer. Du kennst mich und weißt, dass ich nie mehr als ein, zwei Gläser trinke. Also dürfte sie noch nicht leer gewesen sein. Frage: Wer hat die Flasche ausgetrunken?

    Dann: Anscheinend kann ich nicht mehr richtig sehen und hören. Gegenüber steht schon seit Monaten ein eingerüsteter Rohbau ohne Fenster und Türen, bei dem es nicht voran geht. Als ich vor drei Tagen aus dem Badezimmerfenster schaue, ist das Haus fertig und bewohnt. Ich habe die Rollos heruntergezogen, denn ich könnte es nicht ertragen, wenn da jetzt wieder der Rohbau stände, womit ich allerdings stark rechne.

    Heute in den Morgennachrichten kam die Meldung von dem Giftanschlag auf den russischen Dissidenten, diesen Scripal. War das nicht schon vor einem halben Jahr? Kann es sein, dass ich mich da verhört habe, oder ist da schon wieder etwas passiert mit jemandem, der so ähnlich heißt? Ich werd´ mich mal umhorchen.

    Seit gestern ist übrigens auch mein Fahrrad verschwunden, obwohl ich es mit einem massiven Bügelschloss gesichert habe. Ich hoffe inständig, dass es sich um einen ganz normalen Diebstahl handelt und nicht schon wieder eine dieser seltsamen Narreteien.

    Ein Termin beim Neurologen ist übrigens leider erst nächste Woche frei. Ich denke, bis dahin halt ich noch durch, bevor mich der Wahnsinn ergreift.

    So, das wär´s erst mal für heute. Du sagst, es reicht auch? Recht hast du, mein Schnuckelchen, wie meistens.

    Übrigens – die so genannte Uhr habe ich aus meinem Schlafzimmer verbannt. Sie liegt jetzt auf meinem Schreibtisch, und der Drache auf der Schatulle grinst mich höhnisch an. Allerdings sind die glühenden Kohlen des Totenkopfs seit einiger Zeit erloschen.

    Also dann bis zum nächsten Brief.

    Dein . . .

    *

    Sonnabend, 29. April, 10 Uhr abends

    Liebe Anastasia,

    ja, schon wieder ein Brief von mir. Weine nicht – lache nur – wenn du ihn nicht lesen willst, wirf ihn einfach weg, oder tu so, als hättest du deine Brille verlegt. Wie? Du trägst gar keine? Jedoch, es wäre ein Fehler, diesen Brief nicht zu lesen, meine Teuerste, denn in diesem Briefchen stehen neue, seltsame Nachrichten.

    Also, ich beginne:

    Gestern, vor dem Einschlafen, nahm ich mir noch mal die Uhr vor und drehte ein wenig die Zeiger hin und her. Darüber fielen mir die Augen zu, und als ich mich am anderen Morgen am Kinn kratzen wollte, griff ich in struppiges Gewühl. Entsetzt ging ich ins Badezimmer und blickte in den Spiegel. Herrje, was erblickte ich da wohl, mein kleines süßes Täubschen? Richtig! Ich blickte in ein affenmäßig zugewachsenes Gesicht. – Nun gut, höre ich dich murmeln, so etwas Ähnliches hatten wir doch schon mal. Richtig wie immer, wenn du etwas murmelst. Aber damals war die Mähne erheblich zahmer, und es zeigten sich auch keine grauen Haarsträhnen an Stellen, an denen vorher noch keine waren. Ich sah aus wie einer dieser indischen Gurus, die sich ein Leben lang nicht die Haare schneiden. Und als ich zur Zahnbürste greifen wollte, stieß ich den Zahnbecher zu Boden. Meine Fingernägel waren so lang wie die gewisser Damen der höchsten Preisklasse – Nein, nein, was du nun wieder denkst!

    Dann also weiter.

    Ich setzte mich an den Küchentisch und starrte vor mich hin. Jedes Mal, wenn ich mich bewegte, schlug mir ein Teufelchen mit einem Hammer auf die Schädeldecke. In einem Anfall grausamer Selbsbesichtigung stellte ich mich vor den großen Spiegel im Flur. Ich sah aus wie Don Qichote nach der Schlacht mit den Windmühlenflügeln: Wie ein klappriger, abgezehrter Greis.

    Dieses war der erste Streich, und der zweite folgt sogleich.

    Liebe Anastasia, du weißt, dass ich nie einem kleinen Scherz abgeneigt bin. Es liegt mir einfach im Blut. Und dieser Zustand, in dem ich mich befand, war geradezu eine Steilvorlage für ein kleines Verwirrspiel. Diese absurde Situation schrie nach Komödie. Also entschloss ich mich, in diesem struppig-zugewachsenen Zustand zum Bäcker zu gehen. Um meinem Outfit noch den letzten Schliff zu geben, holte ich meine alten Arbeitsklamotten und die Treter mit den Farbklecksen aus dem Keller und zog sie an.

    Die Reaktionen der Leute auf der Straße fielen jedoch nicht so aus, wie ich erwartet hatte. Zwar fixierten mich einige beim Näherkommen, wandten dann aber schnell den Blick ab, wie das so üblich ist. Ich schien ihnen völlig gleichgültig zu sein. Es erfolgten keine Missfallensbekundungen, weder mit Worten noch mit Taten. Offensichtlich ist ihnen ein deutscher Landstreicher lieber als ein syrischer Professor.

    Im Bäckerladen war nur eine Kundin, eine ältere Dame, die in einer Fensternische am Stehtisch ihren Morgenkaffee schlürfte. Als sie mich erblickte, stellt sie ihre Tasse ab und starrte mich an. Aus einer Tür trat jetzt die Verkäuferin, eine ältere füllige Dame mit rosiger Haut, die ich hier noch nie gesehen hatte. Trotzdem, irgendwie kam sie mir bekannt vor. Bisher hatte meistens die Tochter des Bäckerehepaars bedient, eine dralle junge Frau mit roten Wange und runden Augen.

    Mein Anblick schien die Dame hinter der Verkaufstheke nicht zu stören, sie blieb bemerkenswert cool. Allerdings – ihr gequältes Verkäuferinnenlächeln verfiel zusehends. –

    Was meinst du, mein Herzliebchen? Ich soll endlich zur Sache kommen? Aber sicher doch! Ich komme! Ich eile! Ich überschlage mich vor –

    Bis jetzt hatte ich die Hände in den Taschen vergraben. Wie sagt man bei uns? Mit den Händen in den Taschen kannst du keinen Fisch aus dem Teich ziehen. Und eine Münze erst recht nicht. Ich versuchte, ein Euro-Stück zu greifen, was bei diesen langen Fingernägeln, die einer dieser hochpreisigen – ha! Beinahe hätte ich mich verraten! – was bei diesen langen Fingernägeln natürlich nicht so einfach war. Als ich das Geldstück endlich auf die Theke legte, brach die Verkäuferin in ein schrilles Gelächter aus, das sie jedoch ganz plötzlich abbrach, sich die Hand vor den Mund hielt und sich der Kasse zuwandte.

    Und jetzt erkannte ich sie. Ich sah diesen großen, hässlichen Leberfleck mit den Haarborsten in ihrem Nacken. Damals hatte sie mir deswegen immer leidgetan. Und auch das Gelächter kam mir bekannt vor. En peu de mots: Es war die Tochter des Hauses, nur um Jahre gealtert. Wir beide, sie und ich, waren um Jahre gealtert. Punkt.

    Wenn das so weitergeht, schließt du demnächst einen vierundneunzigjährigen Greis in deine betörenden Arme. – Wie, höre ich recht? Das würde dir nichts ausmachen, weil ich es ja wäre? Danke für das Kompliment! Aber, Himmel, noch ist es nicht so weit! Mittlerweile seh´ ich wieder halbwegs normal aus. Aber was heißt schon normal. Kann jemand, der in seine Anastasia verliebt ist so wie ich, noch normal sein – vor Glück natürlich, du Dummchen!

    P.S. Um Mitternacht

    Auch wenn ich dich nicht sehe – ich seh´s dir trotzdem an. Du glaubst mir die Geschichte nicht. Du nimmst sie mir einfach nicht ab. Du denkst, jetzt ist mein Juri verrückt geworden. Du wirst lachen – das selbe denke ich auch: Dass ich verrückt bin. Aber nicht im üblichen Sinne, sondern in dem, dass mich etwas in der Zeit verrückt und dann wieder in die Realität zurück befördert. Und ich weiß auch schon, wer oder was für diesen teuflischen Spuk verantwortlich ist. Dieses verflixte Ding, diese unheimliche Uhr natürlich, oder was es auch immer ist. Ich weiß jetzt nämlich, dass diese bizarren Erscheinungen nur dann stattfinden, wenn ich dieses Ding bei mir trage, wie beim Gang zum Bäcker, oder wenn es offen neben mir liegt, zum Beispiel auf dem Nachttisch, oder auf dem Schreibtisch. Sowie ich es weiter weglege oder in das Kästchen lege, hört der Spuk auf. Und der Spuk, da bin ich mir fast sicher, hat etwas mit der Zeigerstellung zu tun.

    Nur das Wie, das weiß ich noch nicht. Aber ich werde es herausfinden. Wer nicht spielt, kann nicht gewinnen.

    *

    Dienstag, der 5. Mai, 11Uhr dreißig

    Hallo, du meine Herzenskönigin, und sei mir gegrüßt!

    Komme soeben vom Neurologen. Ha! Nun hab´ ich´s schwarz auf weiß: Ohne Befund, der Hund. Allerdings – eine regio . . . regio . . . nein, nicht Interrego . . . warte, ich hab´s mir aufgeschrieben – eine regio corticis praefrontalis – sag´s auf deutsch, Schatz – gerne! Eine Stelle hinter meiner Stenkerdirne . . . äh, Denkerstirne weist eine abnorm erhöhte Stoffwechsel-Aktivität auf. Weißt du, was mich dieser-Professor fragte? Er fragte mich, dieser – er fragte mich, ob ich häufig meditiere oder einer religiösen Sekte angehöre! Bizarr, was? Ich und Sekte! Was meinst du, mein aller, aller, allerliebster Wonneproppen? Ich soll nicht so albern sein? Aye aye, Madam, dann eben nicht. Schmoll.

    Mit dem verdammten Ding– ich nenn´s jetzt wieder Uhr, denn man spricht ja auch von Wasseruhr, und irgendetwas wird das Ding ja messen, auch wenn es nicht die Zeit sein sollte – bin ich noch nicht weitergekommen.

    Das wär´es dann für´s heute.

    Schon schlafen alle Leute.

    Nur der Mann im Monde wacht,

    hat sich mit seiner Frau verkracht.

    Bis zum nächsten Brief alles Gute!

    *

    Sonnabend, den 18. Mai, kurz vor Mitternacht

    Liebe Anastasia,

    keine Angst, ich bin nicht mehr albern. Ich bin jetzt ernst. Nicht todernst – einfach nur ernst.

    Und das hat seinen guten Grund.

    Die Beschäftigung mit dem Ding entwickelt sich allmählich zu einer sehr ernsthaften Angelegenheit. Ich will nicht übertrieben euphorisch sein, aber es besteht die Möglichkeit, dass ich mit seiner Hilfe unsterblich werden könnte oder zumindest ewiger Jugend teilhaftig, was ja bekanntlich auf´s Gleiche herauskommt! Wenn da nur nicht diese rasenden Kopfschmerzen wären!

    Aber nun immer hübsch der Reihe nach.

    Ich schrieb dir doch, dass der Neurologe mich fragte, ob ich meditiere oder einer religiösen Sekte angehöre. Nun las ich letzte Woche zufällig einen Artikel in einer medizinischen Fachzeitschrift von tibetanischen Mönchen, deren Hirnaktivität man beim Meditieren gemessen hat. Dabei stellte sich heraus, dass immer dann, wenn sie angaben, mit der Gottheit in Kontakt getreten zu sein, eine bestimmte Stelle im präfrontalen Cortex – du erinnerst dich – besonders aktiv war. Die Mönche sprachen von einer Art Glühen, das sie in ihrer Stirn empfunden hätten, einige klagten über Kopfschmerzen. Klarer Fall von Autosuggestion, denke ich. Welcher Gott lässt sich denn von einer handvoll tibetanischer Mönche aus seiner ewigen Ruhe bringen. Konnte mich mit bestem Willen nicht erinnern, in der letzten Zeit jemals mit einer Gottheit in Kontakt getreten zu sein, und klappte das Journal wieder zu.

    Zwei Tage später lud mich ein alter Studienfreund zu einer kleinen Abendgesellschaft ein. Er hatte seinen Dr. jur. gemacht und wollte dieses Ereignis in kleinem Kreise feiern. Dabei unterließ er es nicht, mir seine Wohnung zu zeigen. Du weißt, ich hasse diese Wohnungsbesichtigungen. Nicht die Wände schmücken das Haus, sondern die Piroggen. Besonders die Schlafzimmer fremder Leute sind mir ein Gräuel, auch wenn sie frisch gelüftet sind und die Betten noch so akkurat hergerichtet. Ich hab´ immer Angst, unter einem Bett doch noch einen vergessenen Liebhaber zu entdecken. Kurz und gut: Wir kamen in die Küche. Mir fiel der Herd mit einer dieser modernen Induktionskochplatten auf.

    Um mir die Wirkungsweise zu demonstriere, stellte die Frau den Herd an. In diesem Moment sank ich ohnmächtig zu Boden. Eine Ambulanz brachte mich ins Krankenhaus.

    Ja, so sieht es mit deinem armen Juri aus, mein Schatz. Er verliert das Bewusstsein, wenn ein Küchenherd angestellt wird. Bizarr, nicht? Aber ein Gutes hatte der Zwischenfall doch. Als ich wieder klar denken konnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Die Narretei muss etwas mit Induktion zu tun haben! Woher die Energie kommt, ist mir jetzt auch klar: Sie kann nur aus der Uhr des Sinologen stammen, eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.

    Ich denke da an eine unbekannte Strahlenart, möglicherweise sogar aus einem anderen Universum. Wer sagt uns denn, dass unser Weltall das einzig existierende ist? Ich stelle mir vor, dass die geheimnisvolle Uhr diese unbekannte Strahlung aufnimmt, verstärkt und an mein Gehirn überträgt. Das wäre dann auch eine Erklärung dafür, warum es auch ohne Eisenkugel geht. Denn wenn es sich zuweilen auch anfühlt, als hätt´ ich eine im Kopf – eine wirkliche liegt ja nicht drin. Ich nahm das unheimliche Ding aus seinem metallenem Gefängnis und starrte es an. Verrat´ mir dein Geheimnis, murmelte ich, sag mir, wozu du fähig bist! Kann ich mit deiner Hilfe unsterblich werden?

    Die beiden Diamanten funkelten mich an, mit einer bestürzenden, magischen Intensität. Es war unheimlich! Und schon meldeten sich wieder die verdammten Kopfschmerzen.

    Doch jetzt will ich es genau wissen und nicht eher ruhen, bis mir das Ding sein Geheimnis verraten hat.

    Bis dahin usw. usf.

    F.f

  • Sonnabend, 6. Juni, abends

    Meine ferne Geliebte,

    das Dunkel lichtet sich, die Nebel lösen sich allmählich auf.

    Dass ich mich erst jetzt melde, hat einen Grund: Wegen einer mehrtägigen Seminarveranstaltung musste ich meine Versuche erst einmal unterbrechen. Allerdings hat mir die Pause gut getan. Mein Kopf ist wieder völlig klar, und nachts schlafe ich wie ein Murmeltier. Jetzt fühle ich mich stark genug, das letzte, entscheidende Experiment durchzuführen. Ich sage mir: Wenn du es beginnen konntest, sei auch fähig, es zu beenden.

    Aber zunächst ist es nicht soweit. Noch fehlt mir die letzte Gewissheit. Doch ich denke, dass es nur eine Frage von kurzer Zeit ist, bis ich das Geheimnis dieser Teufelsuhr vollständig gelüftet habe. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, was die Zeichen bedeuten.

    Vor ein paar Tagen weilte im Institut ein Professor der Tsinghua-Universität in Peking, ein Experte in altchinesischer Schriftkultur. Ich zeigte ihm die Uhr, und er meinte, es seien Zeichen der Nushu-Schrift. Im Alten China, erklärte er, waren Bäuerinnen von höherer Bildung ausgeschlossen. Sie erfanden diese Geheimschrift, die für Männer nicht zu entziffern war. Das Zeichen auf Positionen 6 bedeute Geburt, das auf 12 Tod, das auf Position 3 bedeute Jugend, die 9 Alter. Zu den anderen Zeichen konnte oder wollte er nichts sagen.

    War auch nicht nötig. Ich wusste genug. Zum Abschied riet er mir noch: Seien Sie vorsichtig, junger Freund, das Teil ist brandgefährlich!

    Abends, vor dem Zubettgehen, stellte ich den große Zeiger auf Pos 3, den kleinen auf Pos 11. War gespannt, was nun geschehen würde. Am Morgen erwachte ich mit schwerem Liebeskummer – nein, nein, nicht du, meine Anastasia, warst der Grund meiner Verzweiflung, der Grund war eine erloschene Flamme; ich war damals siebzehn Jahre alt. Dieser Zustand hielt drei Tage an. Mich beschleicht ein unheimlicher Verdacht: Sollten die anderen Zeichen Schicksalszeichen sein? Dann könnte ja – brr, bizarrer Gedanke – dann könnte die Uhr mir möglicherweise auch noch die Zukunft voraussagen! Mich juckt es in den Fingern, die Probe aufs Exempel zu machen. Doch ich lass es lieber. Das Ding hat schon genug Verwirrung gestiftet.

    Wie es der Zufall will hält sich seit drei Tagen ein indischer Guru mit einem unaussprechlichen Namen im Institut auf, der wie ein Bruder des verstorbenen Professors aussieht, oder sein Klon: Silberweißes Haar, wallendes Gewandt, nur trägt er an den Füßen keine Mao-Latschen, sondern schneeweiße Plastik-Klogs. Diesen Guru fragte ich, ob er von einer fernöstlichen Technik wisse, mit der der Mensch aktiv in den Lauf der Zeit eingreifen könne. Er sah mich groß an, und für einen Moment befürchtete ich, der werde mich auslachen, doch das Gegenteil war der Fall. „Mein lieber junger Freund“, sagte er in astreinem Englisch, „warum sollte er denn nicht?“ Er lud mich zu einem Tee in die Cafeteria ein und erzählte mir eine Geschichte.

    Du schaust zur Uhr, mein Herz? Dann mache ich jetzt einen Absatz, und du liest morgen weiter.

    Die Erzählung des Gurus

    Ein Yogi kehrte nach vielen Jahren intensiver Meditation aus seiner Einsiedlerhöhle beim See Gaurikunt nach Hause zurück, um noch einmal seine alten Eltern zu besuchen. Als seine Mutter die Tür öffnete, erblickte er die kostbare Wohnungseinrichtung mit wertvollen Mandalas und kupfernem Töpfen und Kannen, und er kam augenblicklich zu dem Entschluss, seine Seele nicht mit dem Anblick des irdischen Wohlstands zu verunreinigen. Die Mutter wandte kurz den Kopf, um den Vater zu rufen, und als sie den Kopf wieder zurückdrehte, war der Sohn verschwunden. Er konnte in dieser kurzen Zeit unmöglich das Grundstück verlassen und sich weit fortbewegt haben, doch trotz allen Rufens und Suschens – der Sohn war und blieb wie vom Erdboden verschluckt. Auch in der Umgebung wurde er nicht mehr gesehen. Nach fünfzehn Jahren erblickte ihn die nun steinalte Mutter – der Vater war inzwischen gestorben – bei der Gartenpforte, wie er auf das Häuschen starrte und ihr wie geistesabwesend zuwinkte. Er war kaum gealtert! Dieses wurde von der Mutter, ihrer Tochter, und einer Nachbarin, die den Sohn vom Küchenfenster aus beobachtet hatte, bezeugt.

    “Unsere Gelehrten erklären dieses Ereignis dahingehend“, erzählte der Mann, der übrigens ein berühmter Yoga-Meister ist, „dass dem Sohn, der ja augenscheinlich einen sehr hohen Grad der Seelenreinheit erreicht hatte, eine zeitliche Entrückung geglückt war, das heißt, es war ihm gelungen, sich in eine Parallelwelt mit einem anderen Zeitverlauf zu versetzen; um dann nach fünfzehn Erdenjahren wieder in die Realwelt zurückzukehren, ohne den Ort verlassen zu haben.“

    Ich wand ein, das solche Dinge wie Parallelwelt und anderer Zeitverlauf für mich schwer glaubhaft seien. Aus naturwissenschaftlicher Sicht –

    Er lachte laut auf und rief: „Junger Mann! Gerade die Naturwissenschaften bestätigen es ja! Seit Einstein wissen wir doch, dass die Zeit keine absolute Konstante, sondern veränderbar ist! Und zu den Parallelwelten: Rechenmodelle belegen, dass es nicht nur eine, sondern wahrscheinlich hunderte verschiedener Welten gibt! Wenn Sie es genau wissen wollen, dann schau´n Sie ins Internet, da finden Sie alles zu diesem Thema, was Ihr Herz begehrt.“

    Ich muss wohl ziemlich ungläubig geguckt haben, denn der Svani sagte: „Natürlich, mit der Logik des Alltäglichen lässt sich so etwas nicht erklären. Aber was wollen Sie? Wollen Sie sich mit dem äußeren Schein begnügen? Dann bin ich nicht der richtige Gesprächspartner! Das Alltägliche ist nicht das Wirkliche! Das Wirkliche steckt hinter der sichtbaren Welt.“

    Das wisse ich genau so gut wie er, sagte ich einlenkend, mir ginge es auch nicht um Grundsätzliches, sondern um diese zeitliche Entrückung, von der er da gerade erzählt habe. Um ihn aus der Reserve zu locken, sagte ich: „Angeblich soll es so eine Art Chronometer geben, mit der man –“

    Er ließ mich nicht ausreden. Wie von der Tarantel gestochen sprang er auf. „Der Chronomat des Reathmandu!“ rief er, „was wissen Sie darüber?“

    Nicht viel, sagte ich wahrheitsgemäß, nur, dass sich der Chronometer angeblich unter dem Nachlass Holm-Seppensens befunden habe und jetzt aus dem Nachlass verschwunden sei.

    Er setzte sich wieder und blickte eine Weile nachdenklich vor sich hin. Dann sagte er: „Ein Schüler des Meisters Reathmandu ist 1949 noch vor dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Tibet nach Amerika geflohen und hat dort ein Buch mit dem Titel 'Die sterbenden Götter' geschrieben. In diesem Buch erwähnt der Verfasser auch ein uhrenähnliches Gerät, das seitdem verschollen ist. Der Verfasser schreibt: Der Meister habe ihm gegenüber behauptet, es sei ihm gelungen, mit Hilfe dieses eigens für ihn, den Meister, angefertigten Gerätes Raum und Zeit zu entkoppeln. Dadurch habe er einige Male einen Blick ins Jenseits werfen können, ohne dass sich seine Seele vom Körper trennen musste. Dann habe er sich nach vollständiger Reinkarnation darangemacht, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Was daran Dichtung, was Wahrheit sei, so der Autor, ließe sich nicht mehr feststellen, denn es gebe keine Belege. Sollte es tatsächlich Aufzeichnungen gegeben haben, dann seien diese Dokumente mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den Wirren der chinesischen Kulturrevolution verloren gegangen. Seltsamerweise sei auch der Meister von einer Minute zur anderen spurlos verschwunden; man habe angenommen, er sei gestorben, doch seine Leiche wurde nie gefunden. 1985, als die Chinesen religiöse Rituale wieder zuließen, soll er in einem Kloster in der Nähe von Shirpan wieder aufgetaucht sein und dort bis zu seinem natürlichen Tode gelehrt haben, aber auch das ist nicht sicher belegt.“

    Plötzich sah er mich seinen stechenden Augen eindringlich an.

    „Haben Sie das Zeitgerät?“, fragte er leise.

    Ich schwieg. Für einen Moment war ich versucht, ihm die Wahrheit zu sagen. Doch er redete schon weiter. „Junger Freund“, sagte er, „bringen Sie es zurück. Es wird Ihnen nichts nützen. Es gibt nur ganz wenige Menschen auf der Welt, bei denen es überhaupt eine Wirkung erzielen kann. Und zwar nur bei denen, deren Gehirn für ihre Strahlungen empfänglich ist. Das sind auf der ganzen Welt höchstens eine Handvoll Auserwählte.“

    So, jetzt weißt du Bescheid, und zwar, dass ich auserwählt bin. Und außerdem hundemüde. Alles weitere wie immer schriftlich.

    Dein . . .

    *

    Sonntag, 22. Juni, morgens um acht

    Heureka! Ich hab´s geschafft! Mitten in der Nacht wachte ich auf und fühlte mich wie neugeboren! Schnell vor den Spiegel – und was sah ich da? Das verschlafene Gesicht eines Teenagers! Fast hätte mich der Schlag gerührt. Nein, nicht wegen der Jugend, sondern wegen der heiligen Einfalt, die mir da entgegen grinste. Puh! Und dann diese Pickel auf der Stirn! Sah ich damals wirklich so aus? Na, dann danke ich vielmals. Oder arbeitet die Uhr doch nicht korrekt? Wie dem auch sei, heute morgen hatte ich glücklicherweise wieder mein altes, liebes, faltiges, trübes, kuscheliges – gut, ich hör´ schon auf – mein junges altes Schelmengesicht. Wieder juckt´s mich, irgendeinen Schabernack zu veranstalten, zum Beispiel ins Institut zu gehen. Es wäre ein Hauptspaß!

    Guten Morgen, mein Schatz! Hast du gut geschlafen? Ich hab´s!

    Wie gut, dass jeden Tag ein Bus nach Minsk abfährt. Dann bekommst du diese Nachricht noch heute Abend! Und wenn der Fahrer nochmal Geld von dir haben will, tritt ihm in den Allerwertesten! Er hat von mir schon reichlich abgesahnt!

    Küsschen und tschüs!

    *

    Freitag, 7. Juli, kurz vorm Zubettgehen

    Liebe Anastasia,

    du wunderst dich sicherlich, warum ich mich erst jetzt melde, wo ich doch vorher einen Brief nach dem anderen auf die Reise schickte. Es liegt an der Arbeit – nein, ich will ehrlich sein, es liegt nicht nur an der Arbeitsbelastung. Der Hauptgrund ist der: Es waren die vielen nächtlichen Experimente, die mich bis an der Rand der totalen Erschöpfung gebracht haben.

    Nun denn: Die Funktion der beiden Zeiger ist mir jetzt klar. Hat mich ´ne Menge Schlaf gekostet, aber was tut man nicht alles für eine verlockende Idee. Also: Der große Zeiger bestimmt das ungefähre Jahr der Zeitversetzung, der kleine deren Dauer. Ein Beispiel: Stelle ich den Großen auf 10, sehe ich am anderen Morgen wie ein achtzigjähriger Greis aus; stelle ich ihn auf Position 4 Uhr, wie letzten Sonnabend, erwache ich als Teenager. Position 6 beim kleinen Zeiger bedeutet: Ich bin für ein halbes Jahr zeitversetzt, bei 12 ein ganzes und so weiter uns so fort. Drücke ich beide Rädchen gleichzeitig, katapultiert mich das Ding wieder in mein ursprüngliches Lebensalter zurück.

    Ja, der Professor hat Recht. Das Ding ist nicht nur brand-, es ist lebensgefährlich. Und ja und wieder ja: Nur um Haaresbreite bin ich einer Katastrophe entgangen. Stell dir vor, mein Herzenstäubchen, dein Juri hätte damals, als er das Ding noch nicht kannte und damit blind herumexperimentierte, den großen Zeiger, ahnungslos wie er war – na sagen wir – auf halb 12 gestellt. Möglicherweise wäre es dann wegen Überschreitung meiner natürlichen Lebenszeit mit mir aus gewesen und ich wäre, tja, irgendwo im Nirwana gelandet oder ich wäre wie eine Seifenblase zerplatzt. Für ein Rädchendrücken wäre es ja dann zu spät gewesen. Brrr – mir wird fast schlecht, wenn ich daran denke. Oder aber der Zeiger wäre auf Position Geburt gelandet? Ich, wieder im Bauch meiner Mutter – –

    Was sagst du, zu viel wenn und wäre?

    Also dann ohne. Die ewige Jugend und die Unsterblichkeit interessieren mich im Moment nicht sonderlich. Als ich meine verpickelte Stirn sah, kamen mir alle meine Jugendsünden und -nöte wieder hoch. Es war manchmal zum Haareausraufen. Die Leiden des jungen Juri. Soll sich das nun alles wiederholen? Bitte nicht! Ich bin froh, dass ich mittlerweile aus dem Gröbsten heraus bin. Und nachdem ich eine Weile über die Unsterblichkeit nachdachte, sagte ich mir: Musst du jetzt nicht unbedingt haben. Denn mir fiel siedend heiß ein, was soll mir Unsterblichkeit, wenn ich – wenn ich mein – mir stockt der Atem – wenn ich mein Täubchen nicht mitnehmen kann? Gut – ich will ehrliche sein. Vielleicht denke ich in zehn, zwanzig Jahren anders. Aber jetzt besteht in Sachen Unsterblichkeit noch kein Handlungsbedarf.

    Wozu hat sich mein süßer Juri denn nun durchgerungen?, höre ich dich fragen.

    Gut. Dein süßer Juri sagt´s dir. Ich werde, trotz drohender Pickel und anderem jugendlichen Ungemach, das kühne Experiment wagen und mich in meine Kindheit zurückversetzen. Etwa in ein Alter von sechs, sieben Jahren. Das ist weit genug weg von meiner Geburt, wo – na sagen wir, wo etwas nicht wieder Gutzumachendes passieren könnte. Wenn –

    Du schlägst die Hände über dem Kopf zusammen: Muss das denn unbedingt sein?

    Ja, mein Täubchen, es muss sein. Ich möchte meine Mutter wiedersehen. Sie starb, da war ich acht. Damals, als sie ihre guten Augen für immer schloss, brach der Boden unter mir weg. Es war wie der Sturz in einen ungeheuren Abgrund. Mein Vater war mir keine Stütze. Der war selbst ein gebrochener Mann. Noch Jahre später erschien sie mir im Traum. Deutlich sah ich, wie sie die gebratene Ente und den Rotkohl auf den Tisch stellt und mir eine saftige Keule auf den Teller legt. Dann wieder sitzt sie an meinem Bett und erzählt mir eine Gutenachtgeschichte. Jetzt beugt sie sich über mich und gibt mir einen Kuss. Ich höre ihre etwas raue Stimme: Schlaf gut, mein Engel – genug davon. Du verstehst, was ich meine.

    Seit einigen Jahren jedoch werden diese kostbaren Träume immer blasser, und ich vermisse sie sehr. Zwischenzeitlich habe ich versucht, sie wieder aufleben zu lassen, indem ich Fotos meiner Mutter betrachtete. Doch es hat nicht viel gebracht. Fotos zeigen doch nur den Bruchteil einer Sekunde aus dem Leben eines Menschen. Nein, das ist mir zu wenig. Ich möchte sie noch einmal ganz für mich haben, wieder mit ihr an einem Tisch sitzen, ihre Stimme hören, ihre Hand auf meinem Kopf spüren ... Es würde herrlich sein! Für eine halbe Stunde nur, mehr nicht!

    Keine Angst, meine Liebe, ich werde kein Risiko eingehen. Ich werde den kleinen Zeiger – der die Zeitdauer der Entrückung regelt – so einstellen, dass ich mich höchstens eine halbe Stunde bei ihr aufhalte. Versprochen!

    Also, drück mir die Daumen!

    Wenn ich wieder zurück bin, melde ich mich sofort!

    Bis dahin dein Immer und Ewig . . .

    3

    Der Amtskönig legte den Brief beiseite und blickte eine ganze Weile nachdenklich auf seine Kaffeetasse. „Hmm . . . da war doch was“, brummte er, „da war doch was . . .“ Er steckte einen Finger in die Nase und drehte ihn mehrmals kräftig hin und her. Schließlich griff er zum Hörer, wählte und brüllte: „Frau Müller, ´ne Schalte zur Spusi, aber dall – wie, Sie heißen Meier? Ach . . . Frau Müller hat sich krank gemeldet? Wieso das denn?“ Es knackte ein paarmal, dann brüllte er: „Weichbrodt, nun hören Sie mal gut zu. Ihre Truppe hat doch vor ein paar Wochen die Wohnung dieses verschwundenen Russen untersucht– wie? Weißru – Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht! – und auf einem Kopfkissen eingetrocknete Urinflecken gefunden. Wer sowas macht? Ich ahne es, aber ich verrat´s nicht. Haben Sie das Kissen auch auf Haare untersucht? Nein? Herr, dann aber dalli! Und zwar akribisch, rat ich Ihnen, akribischst!“

    Die erneute Untersuchung des Kopfkissens ergab folgendes: Man fand dort Haare, ihrer Färbung und Beschaffenheit nach offensichtlich von verschiedenen Personen, unter anderem von einem Säugling. Eine Genanalyse ergab jedoch, dass die Haare alle von ein und demselben Menschen stammten, jedoch aus verschiedenen Lebensaltern.

    ENDE