Kräuter und die Mondelfen

Es gibt 64 Antworten in diesem Thema, welches 4.129 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (22. Juli 2024 um 15:40) ist von 20thcenturyman.

  • Kräuter und die Mondelfen

    22.Kapitel

    Die Alte Mühle

    1.Teil

    Am Himmel prangte der abnehmende Halbmond, als ich mich aus der Stadt schlich, um Schlichter, Soße und Lehrer und anschließend die Rote Witwe zu treffen. Die Sache mit den Mondphasen hatte ich nie begriffen.

    Weil sich die Erde um sich selbst drehte, und der Mond ebenso, wenn auch nicht so schnell, und zudem den Planeten umrundete, während beide Himmelskörper ihre Bahnen um die Sonne zogen, veränderten sich irgendwie die Beleuchtungsverhältnisse auf dem Trabanten. Bald würden wir Neumond haben. Dann stünden die Mondelfen im Dunkeln. Vielleicht hätte ich im Astronomieunterricht ja doch besser aufpassen sollen. Andererseits, wer benötigte angesichts einer solchen Natur noch Magie? Die Welt war auch so schon seltsam genug.

    Das galt erst recht für Onkel Bernies Spiegel, der mir den Weg wies. Er zeigte an, was Agnatha wahrnahm. So gelang es mir mit Leichtigkeit, den Wachen auszuweichen, die verhindern sollten, dass fragwürdige Gestalten nachts unbemerkt über die Stadtmauern kletterten. Beinahe wäre ich jedoch über einen Stein gestolpert, weil ich die Bilder auf dem Spiegel betrachtete, anstatt auf den Weg zu achten.

    Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. "Hast du eine Fahne!", rief Soße. "Dich riecht man ja meilenweit. Bist du besoffen?"

    "Das scheint nur so", antwortete ich. "Ich habe einen Trank entwickelt, der die berauschende Wirkung des Alkohols aufhebt. Du kannst saufen, so viel du willst, und merkst gar nichts."

    "Das Zeug willst du doch nicht etwa auf den Markt bringen?", fragte der Gastwirtssohn entsetzt. "Möchtest du uns ruinieren?"

    "Warum ruinieren?", mischte sich Lehrer ein. "Man muss das Elixier nur richtig vermarkten. Saufe, bis du nicht mehr kannst und sternhagelvoll bist, und dann nimm den Trank und fange wieder von vorne an!"

    "Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht", erwiderte ich.

    "Keine schlechte Idee", kommentierte Soße.

    "Vielleicht hört ihr mal auf, hier herumzuschreien", mahnte Schlichter. "Wie müssen ja nicht mit Gewalt auf uns aufmerksam machen". Er wandte sich mir zu. "Wie ich sehe, hast du die Augentropfen noch nicht genommen. Und damit auch nicht den Berserkertrank und das Ergänzungsmittel."

    " Wegen der leuchtenden Augen", erklärte ich. "Im Dunkeln sehr ungünstig. Ich habe mich mit Mutters Lügentrank begnügt. Bin gespannt, ob wir die Rote Witwe wittern können, bevor wir sie sehen,"

    Wie sich herausstellte, gelang uns das wirklich. Da war er wieder, der Geruch, der nach einem Gewitter in der Luft hing, nachdem ein Blitz eingeschlagen hatte. Allerdings gedämpft, wohl infolge des Geruchsunterdrückers, dessen sich Jäger gerne bedienten. Wir gingen der Duftspur nach, bis wir schließlich, mitten im Wald, auf einer kleinen Lichtung, vor unserer undurchsichtigen Verbündeten standen. Sie hatte seelenruhig auf uns gewartet. Genau wie wir hatte sie einen dunklen Kampfanzug angelegt. Im Schneidersitz saß sie auf dem Boden. Ihre Augen erstrahlten in einem düsteren Rot.

    "Ich habe etwas für euch", begrüßte sie uns. "Damit könnt ihr die Tropfen zur Verbesserung der Sehfähigkeit anwenden, ohne euch durch euer Augenlicht zu verraten." Aus ihrem Rucksack förderte sie eine Brille zutage. Mit dunklen Gläsern. "Der letzte Schrei aus der Alten Kaiserstadt", erläuterte sie. "Man nennt sie Sommerbrillen. Sie schützen vor all zu grellem Sonnenlicht. Es gibt aber auch Modenarren, die sie nachts tragen. Nehmt eure Tränke zu euch, und dann probiert sie an."

    Normalerweise trugen Augengläser nicht gerade dazu bei, ihre Träger interessant erscheinen zu lassen. Die Betroffenen mussten sich Kommentare wie "Vierauge" oder "Brillenschlange" gefallen lassen. Lehrer konnte ein Lied davon singen. Diese Exemplare hingegen entfalteten eine ganz andere Wirkung. Wir sahen aus wie Verbrecher. Wie lässige Verbrecher. Undurchschaubar und überlegen. Es war erstaunlich, wie sich die Ausstrahlung eines Menschen veränderte, wenn er seine Augen verbarg. Am besten standen die dunklen Gläser natürlich der Roten Witwe. Mir fiel das Wort "mondän" ein. Zwar wusste ich nicht genau, was es bedeutete, aber es schien zu passen.

    "Ist eure Nachtsicht in Ordnung?", wollte sie wissen.

    "Einwandfrei", bestätigte Lehrer.

    "Dann zeige ich euch einmal, womit ihr es gleich zu tun bekommt." Sie holte den Spiegel hervor, mit dem sie seinerzeit die Grabwandler geblendet hatte, und wischte mit der Hand über die Glasfläche. Wir erblickten ein Bild, das die Alte Mühle zeigte.

    "Seht ihr diese Bäume?"

    "Das sind Wächterbäume", bemerkte Lehrer.

    "Das weißt du?", staunte die Rote Witwe. "Auch aus der Kinderbücherei?"

    "Oh nein", wehrte sich Lehrer. "Aus einem seriösen Werk über die Alte Kaiserstadt. Angeblich beschützen die Gewächse dort die Paläste der Reichen."

    "Das ist richtig", stellte die Frau fest. Wieder wischte sie über den Spiegel, und ein Schwein erschien, dass sich an einem der Bäume rieb. Was sich als keine gute Idee erwies. Fangarme, die eben noch wie Äste ausgesehen hatten, packten das Borstentier und rissen es in Stücke. Die Fleischbrocken verschwanden in einer maulähnlichen Öffnung.

    "Ich bezweifle, dass das wirklich Pflanzen sind", überlegte Lehrer. "Auch wenn es den Anschein hat."

    "Wieder richtig", bestätigte die Rote Witwe. "In Wirklichkeit handelt es sich um Raubtiere. Und was sagst du dazu?" Auf der Glasfläche wurden tiefe Schatten hervor gehoben, die sich zu bewegen schienen.

    "Das sind Verschlinger", verkündete Lehrer und bediente sich damit derselben Bezeichnung, die auch Agnatha verwendet hatte.

    "Sie werden in ernsthaften Werke beschrieben?"

    "Nein, in einem Märchenbuch aus der Kinderbücherei. Angeblich saugen sie alles auf, was sie berühren."

    "Dieser Stadtbibliothek muss ich unbedingt einen Besuch abstatten", nahm sich unsere Begleiterin vor. "Schaut nun nach oben, über dem Gebäude und den Bäumen."

    "Fledermäuse?", rätselte Lehrer. "Aber wenn man sie in Beziehung zur Alten Mühle setzt, ergibt sich eine beachtliche Größe. Die Flügelspannweite würde ich auf vier bis sechs Meter schätzen."

    Lehrer war mit Abstand der Schlaueste von uns. Selbst die Rote Witwe wirkte beeindruckt. Hingegen verfügte Schlichter über den am besten entwickelten Sinn für das Praktische.

    "Womit können wir diese Ungeheuer bekämpfen?", wollte er wissen.

    "Das werde ich übernehmen", antwortete Frau Bess, wie Schlichter sie neuerdings gerne nannte. "Falls es notwendig werden sollte, was ich nicht hoffe. Beschränkt euch auf Erkundung. Ihr könnt euch der Mühle nur auf einem schmalen Trampelpfad nähern. Seht ihr? Ihr werdet sofort angegriffen, wenn ihr ihn verlasst. Ich habe Kapuzenumhänge mitgebracht. Zieht sie an und bewegt euch wie Grabwandler.Ihr habt sie ja erlebt. Seht euch in dem Bau um, und dann kommt unauffällig zurück. Sie sollen gar nicht bemerken, dass ihr da wart."

    "Euer Spiegel kann Euch also nicht das Innere der Alten Mühle zeigen?", fragte Lehrer.

    "Jede Technologie hat ihre Grenzen", lautete die Antwort.

    Das war zweifellos richtig. Sofern wir es in diesem Fall wirklich mit Wissenschaft zu tun hatten. Was meinen Spiegel betraf, war ich mir da nicht so sicher, funktionierte er doch dank einer geisterhaften Agnatha, die ihre eigene Welt aus Träumen erschaffen hatte und dennoch atmen musste, alle vierundzwanzig Stunden um Mitternacht. Auch wenn ich davon nichts mehr spürte.

    Wie all dies zusammen passte? Darüber konne ich nachdenken, nachdem Schlichter und ich unseren kleinen Spaziergang hinter uns gebracht haben würden. Gerade als wir uns in Bewegung setzen wollten, traten zwei in Kapuzenmäntel gehüllte Gestalten aus dem Wald und beschritten den Weg, den uns die Rote Witwe gezeigt hatte. Sie bewegten sich sehr vorsichtig, wofür sie auch allen Grund hatten. Genau wie wir.

    "Los geht`s", flüsterte Schlichter. "Schließen wir uns an. Immer schön darauf achten, wo du hintrittst. Und nicht mehr reden."

    Lang war der Weg nicht, aber interessant. Aus der Nähe betrachtet, wirkten die Wachbäume gar nicht mehr so pflanzenhaft. Ihre Äste und Zweige bewegten sich, obwohl Winstille herrschte. Auch die Verschlinger begnügten sich nicht damit, reglos auf Beute zu warten. Unruhig glitten sie hin und her, in bedenklicher Nähe zu unserer Marschroute. Über uns zogen die Riesenfliedermäuse ihre Kreise. Ihnen gönnte ich keinen Blick, weil ich es für wichtiger hielt, schön auf dem vorgegebenen Pfad zu bleiben, der uns hoffentlich eine gewisse Sicherheit vor unangenehmen Übergriffen unfreundlicher Kreaturen bot. Falls es doch zum Kampf kommen sollte, würden uns Lehrer, Soße und die Rote Witwe Rückendeckung geben. Meine silbernen Wurfsterne, die Feuereier und die Wettertafel der Mondelfen standen mir ebenfalls zur Verfügung. Das musste aber nicht sein. Jedenfalls nicht an diesem Abend.

    Die Grabwandler, die uns voran gingen, gelangten ohne bedauerliche Zwischenfälle an ihr Ziel. Sie warteten sogar vor dem Eingang, um uns die Tür aufzuhalten. Höflichkeit unter Untoten. Wer hätte so etwas erwartet.

    Ich erinnerte mich an meinen ersten Aufenthalt an diesem unheimlichen Ort. Damals war ich zehn Jahre alt gewesen, und, wie alle Jungs aus meinem Jahrgang, immer bereit, zu einer unserer Mutproben anzutreten. Dazu gehörte natürlich eine Nacht in der Geistermühle, wie sie hinter vorgehaltener Hand auch genannt wurde. Es war gruselig gewesen. Mit dem Rücken zur Wand, damit mich nichts von hinten anfallen konnte, hatte ich mit einem Messer in der Hand bis zum Morgengrauen ausgeharrt. In die Dunkelheit hinein lauschend. Wo ich flüsternde Stimmen zu vernehmen glaubte, hämisches Kichern, Weinen, Seufzen und Atmen. In den schlimmsten Momenten hatte ich das Gefühl verspürt, dass jemand direkt vor mir stand und mich anstarrte. Natürlich erzählte ich meinen Freunden nichts von diesen Erlebnissen und spielte statt dessen den Gelangweilten, der für Albernheiten wie Gespensterspuk und Hexenwerk nur ein müdes Lächeln übrig hatte.

    Jeder Junge, der auf sich hielt, lieferte einen solchen Auftritt ab. Vermutlich glaubten sie alle, genau wie ich, dass ihnen ihre Einbildungskraft einen Streich gespielt hatte. Niemals wäre mir eingefallen, dass ich nur sieben Jahre später wieder zurück sein würde, um eine Versammlung von wandelnden Toten auszukundschaften.

    Wir traten ein. Anders als damals war es nicht stockdunkel in der Alten Mühle. Ein paar an den Wänden befestigte Fackeln verbreiteten ein sehr schwaches Licht. Ohne die Augentropfen hätte es uns nichts genützt. So waren wir imstande, zu erkennen, was sich hier abspielte. Oder, besser gesagt, was sich nicht abspielte. Es herrschte tiefe Stille. Von den etwa hundert Vermummten, die sich im Erdgeschoss des Gebäudes aufhielten, sprach keiner ein Wort. Sie bewegten sich nicht. Regungslos standen sie da. Wie Marionetten, denen man die Fäden abgeschnitten hatte.

    "Vorsichtig weiter gehen", signalisierte Schlichter . "Achte darauf, keinen von denen zu berühren. Das könnte sie aus ihrer Starre wecken. Am anderen Ende des Raumes haben sie etwas aufgebaut. Sehen wir es uns einmal genauer an."

    Ich erblickte ein aus Holz gezimmertes Podium, groß genug, um als Bühne für ein Theaterstück dienen zu können. Als wir uns der Konstruktion näherten, fielen mir drei Gegenstände auf, die man nebeneinander auf ihr platziert hatte. In der Mitte befand sich ein prachtvoller Stuhl, ausgestattet mit einer hohen Lehne, bei dessen Herstellung an nichts gespart worden war. Weder an Gold und Silber, und erst recht nicht an Samt und Seide. Sollte das einen Thron darstellen? Für die Schwarze Witwe? Oder für Meister Nossfu?

    "Das Ding links neben dem Möbel?",fragte Schlichter lautlos. "Könnte das ein Blutstein sein?"

    "Durchaus möglich", gab ich auf dieselbe Weise zurück. "Wir werden es genau wissen, wenn wir uns auf die Plattform geschwungen haben."

    Da weder eine Leiter noch eine Treppe nach oben führten, waren unsere Kletterkünste gefragt. Obwohl wir uns die größte Mühe gaben, möglichst leise zu sein, drängte sich mir der Eindruck auf, nie etwas Lauteres gehört haben als meinen Atem. Zweifellos musste er in jeder Ecke der Mühle einwandfrei zu vernehmen sein. Doch niemand rührte sich. Unangefochten gelangten wir an unser Ziel. Ich widerstand dem albernen Verlangen, mich auf den Thron zu setzen, und sah mir das Objekt näher an, das Schlichter für einen Opferstein hielt.

    Er lag richtig. Ich erkannte die Inschrift wieder. Das war ohne Zweifel das Exemplar aus dem Sommerhaus der Sverrig.

    "Du wirst nicht glauben, was ich eben entdeckt habe", ließ ich Schlichter wissen.

    "Dann schau dir mal das hier an", gab er zur Antwort.

    Ich ging zu ihm herüber und stand schließlich vor einem gläsernen Sarg. Darin lag eine junge Frau, vielleicht siebzehn Jahre alt. Sie trug ein blaues Sommerkleid, zu dem ein Halsband in derselben Farbe passte. Es war mit Symbolen aus der Alten Sprache verziert. "Tak Ulik", las ich. "Sturmtochter". Ich mußte nicht mehr nach Agnathas Körper suchen. Hierher hatten sie sie gebracht. Dazu bestimmt, in einem Ritual eine Rolle zu spielen, dessen Sinn und Zweck mir völlig schleierhaft war. Ein Blutstein, eine Scheintote und ein Thron. Welche Art von Schauspiel sollte hier geboten werden? Für ein Publikum, das aus wieder erweckten Leichen bestand?

    Und was würde geschehen, wenn es mir schließlich gelingen sollte, Agnatha von ihrem Halsband zu befreien? Würde sie zu neuem Leben erwachen? Würden sich Körper und Geist vereinigen? Oder würde sich die Agnatha, die ich kennen gelernt hatte, einfach auflösen?

    "Sie sieht aus, als ob sie schlafen würde", meinte Schlichter. "Aber sie muss tot sein. Vor siebzehn Jahren gestorben, aber so sorgfältig konserviert, dass keinerlei Verwesungsspuren zu sehen sind. Retten können wir sie nicht mehr. Wir haben alles gesehen, was hier zu sehen ist. Ziehen wir uns zurück."

  • Kräuter und die Mondelfen

    22.Kapitel

    Die Alte Mühle

    Teil 2

    "Allerdings ist da noch das Obergeschoss", fuhr Schlichter fort. "Die Erkundungsmission ist erst dann beendet, wenn wir uns auch dort umgesehen haben."

    Ich nickte. Ohne einen Laut zu verursachen, kletterten wir von dem Podium hinunter und schlichen uns durch die Reihen der Grabwandler, stets in der Erwartung, doch noch bemerkt und angegriffen zu werden. Als wir die Treppe erreicht hatten, die zum ersten Stock führte, signalisierte Schlichter: " Ich erinnere mich wieder. Die Treppen knarren. Das könnte sie aufschrecken."

    "Dann ziehen wir die Stiefel aus. So erzeugen wir weniger Lärm und können trotzdem genauso schnell davon laufen", gab ich zurück.

    Nach einem bedauernden Blick auf sein nagelneues Schuhwerk erklärte sich mein Freund mit meinem Vorschlag einverstanden. Da wir uns sehr vorsichtig bewegten, begnügten sich die Stufen mit einem sehr leisen Knarren. Die Vermummten zeigten keine Reaktion, so dass wir unser Ziel ohne Zwischenfälle erreichten.

    Dort wartete kein Feind auf uns. Dafür aber eine Überraschung. Durch den gesamten Raum zogen sich zwei Reihen aus Bettstätten. In jeder lag eine kleine Gestalt. "Das sind Kinder", flüsterte Schlichter. " Vielleicht Sechsjährige. Sind sie tot?"

    Ich trat an eine der Liegen heran und nahm eine kurze Untersuchung an dem kleinen, rotblonden Mädchen vor, das regungslos dort ruhte.

    "Sie lebt", wisperte ich. " Man hat sie zur Ader gelassen. Und ihr ein starkes Schlafmittel verbreicht. In ihrem Zustand wird sie einen weiteren Blutverlust nicht überstehen. Sehen wir uns die anderen Kinder an. Ich nehme die rechte Reihe, du die linke."

    Schnell und konzentriert gingen wir von Kind zu Kind. Die meisten erwiesen sich zwar als geschwächt, aber noch nicht in lebensbedrohlicher Weise. Bei einigen musste jedoch von einem kritischen Zustand gesprochen werden. Sie hätten unverzüglich in die Behandlung eines Heilers gehört.

    " Insgesamt hundert Kinder", fasste Schlichter zusammen. "Das passt. Seit Monaten verschwinden Kinder in den ländlichen Gebieten. Bei den Bauern herrscht grosse Unruhe. Sie machen die Flusslande verantwortlich und haben schon eigene Kampfverbände aufgestellt. Die Stadtmiliz hatte alle Mühe, sie zurückzuhalten. Unter dem Kommando deines Vetters Lars. Lange wird das nicht mehr gut gehen. Was wollen die Schwarze Witwe und der Lehrer mit all dem Blut?"

    "Erinnerst du dich an das Sommerhaus der Sverrig?", fragte ich. "Als ich mir in die Hand schnitt und das Blut von dem Opferstein aufgesogen wurde? Sie benötigen für ihr Ritual noch viel größere Mengen. Was immer sie auch beabsichtigen. Eine Erstürmung der Mühle ist jedenfalls wesentlich schwieriger geworden. Wir müssen die Miliz informieren. Und jetzt sollten wir wirklich langsam verschwinden."

    Zurück im Erdgeschoss, zogen wir unsere Stiefel wieder an und strebten zum Ausgang. Noch einmal brauchten wir ein wenig Glück. Wenn wir die Tür aufmachen würden, sollten bitte schön keine weiteren Untoten vor derselben stehen, weil sie ihren Genossen in der Alten Mühle Gesellschaft leisten und eintreten wollten. Und das geschah auch nicht. Wir hatten es ins Freie geschafft, wo uns frische Luft, der Sternenhimmel mit dem Halbmond sowie Fleisch fressende Scheinbäume nebst sonstiger Ungeheuer erwarteten. Niemand befand sich auf dem Pfad. Sofern wir uns keinen Fehltritt leisteten, durften wir diesen Einsatz als Erfolg verbuchen.

    Schlichter ging voran. Die Wachbäume verhielten sich ruhig, ebenso die Verschlinger. Womöglich mussten auch sie schlafen. Von den Flugwesen war nichts zu sehen. Entweder bewegten sie sich in großer Höhe, oder sie fingen sich gerade irgendwo einen Mitternachtshappen. Als wir die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, vibrierte der Spiegel, den ich in einer der Innentaschen meiner Jacke verstaut hatte. Ich förderte ihn zutage. Auf der Glasfläche erschien ein Bild. Es zeigte mir etwa zehn Vermummte, die aus der Mühle strömten und uns nachsetzten, und zwar so schnell, das sie uns in Kürze eingeholt haben würden. Ich drehte mich um und sah sie heran kommen, diesmal in Lebensgröße. Helfen konnte jetzt nur noch das zweifelhafte Geschenk der Mondelfen.

    Wie man es kontrollierte, wusste ich zwar nicht, doch immerhin konnte ich es in Gang setzen. Diesmal wählte ich nicht das Blitzsymbol. Stattdessen stach ich mir in einen Finger und ließ, Agnathas Ratschlag berücksichtigend, ein paar Blutstropfen auf das Sturmzeichen tropfen, wobei ich sehr darauf achtete, nicht direkt mit der Tafel in Berührung zu kommen, während ich sie den Angreifern entgegegen hielt. Ein wenig seltsam kam ich mir dabei schon vor. In meinen Gruselgeschichten hatten die Helden auf diese Weise Blutsauger auf Distanz gehalten, die vor dem jeweils verwendeten, geweihten Gegenstand auch gehörigen Respekt gezeigt hatten. Anders die Grabwandler. Sie waren nicht beeindruckt. Die frische Brise, die plötzlich aufkam, nahmen sie ebenfalls nicht wahr. Genausowenig wie den schwarzen Windschlauch, der sich hinter ihnen aus dem Himmel herab senkte.

    Alles verlief in völliger Lautlosigkeit. Der Sturm packte die Untoten und schleuderte die Untoten in die Arme der Wachbäume. Während die Monster nach ihrer Beute griffen, wurde eines der Gewächse von einem Windstoß aus dem Boden gerissen und gegen einen Artgenossen geschleudert. In den Kampf dieser Giganten griff ein tiefer Schatten ein. Es war verblüffend, wie schnell sich dieses Ding bewegen konnte. Aber bevor es an die Bäume heran kam, stürzte eines der Flugwesen vom Firmament herab und stieß einen weißen Flammenstrahl aus, um sogleich wieder aufzusteigen.Von dem Verschlinger war nicht viel übrig geblieben. Von den Wandlern auch nicht. Der Sturm legte sich genauso schnell, wie er aufgekommen war. Ich drehte mich um. Schlichter war in ganz normalem Tempo weiter gegangen. Offenbar hatte er nichts bemerkt. Mit schnellen Schritten schloss ich zu ihm auf. Schließlich hatten wir den Pfad hinter uns gelassen.

    "Das hat ja ganz gut geklappt", meinte Schlichter. Ich verstaute die Bronzetafel wieder in meiner Jacke. Meine neue Wunderwaffe! Mit drei Blutstropfen hatte ich einen kleinen Wirbelsturm erschaffen, fast ein Dutzend Feinde erledigt und sogar noch zwei Wachbäume in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht. Was wäre erst mit zehn Blutstropfen möglich. Oder einem ganzen Liter, warum nicht? Wie unsere Heiler aus Erfahrung wussten, enthielt der menschliche Körper etwa sechs Liter Blut. Der Verlust eines Liters war für einen gesunden Erwachsenen noch verkraftbar, ehe es gefährlich wurde. Mit einer solchen Menge des Lebenssaftes war die Tafel sicherlich imstande, einen mittleren Orkan zu erzeugen. Den ich auch noch in die gewünschte Richtung dirigieren konnte, falls ich es nicht vorzog, Blitze, Hagel, Regen oder Schnee ins Gefecht zu schicken.

    Von den Streitkräften der Flusslande würde nicht viel übrig bleiben. Einen neuen Krieg hatten wir nicht mehr zu fürchten. Mitten in meine Begeisterung hinein meldete sich die Stimme der Vernunft, die natürlich genauso klang wie die von Tante Meg. Immerhin hatte sie viel Zeit darauf verwendet, mir, nur mit Worten selbstverständlich, gesunden Menschenverstand einzubläuene, um mich von Phantastereien abzuhalten.

    Ich glaubte förmlich zu hören, wie sie sagte: " Und der Preis? Glaubst du wirklich, dass sie dir diese Macht aus reiner Gutherzigkeit verliehen haben? Kannst du ihnen trauen? Solltest du nicht Vorsicht walten lassen im Umgang mit diesem Ding? Und entfremdet es dich nicht von deinen Freunden?"

    Schlichter drehte sich um. "Oh, sieh mal",sagte er. "Einer der Wachbäume ist umgefallen. Bei einem anderen fehlen Äste. Was ist denn da passiert?"

    "Das kann ich mir auch nicht erklären", antwortete ich. Was der Wahrheit entsprach, denn ich hatte wirklich keine Ahnung, wie das Geschenk der der Mondelfen funktionierte. "Offenbar sind sich die Biester in die Haare oder vielmehr in die Äste geraten. Seien wir froh, dass wir so leicht davon gekommen sind, und suchen die anderen."

    Nach einem leichten Zögern nickte Schlichter. Sein Instinkt sagte ihm wohl, dass da irgendetwas nicht zusammen passte. Sollte ich ihn einweihen? Bevor ich ernsthaft darüber nachdenken konnte, trat die Rote Witwe plötzlich aus dem Dickicht hervor. Immer noch trug sie ihre seltsame Sommerbrille, wie wir auch.

    "Ich bin gespannt auf euren Bericht", sagte sie. "Aber zuerst zeige ich auch etwas." Sie ging voran und führte uns zu der Lichtung, wo Lehrer und Soße uns erwarteten. Und nicht nur er. An einen Baum gefesselt, war dort einer der Grabwandler zu sehen. Auf einen Knebel war verzichtet worden, weil der Mann keine Zunge mehr hatte. Der Verwesungsprozess hatte erhebliche Fortschritte gemacht. An seinem Totenschädel klebten nur noch wenige Hautfetzen. Dem Geruch nach zu urteilen, steckte noch Leben in ihm, wenn auch nur etwa zehn Prozent. Wie sich das wohl anfühlen musste?

    "Würdest du jetzt gerne deine Theorie erproben?",wandte sich die Rote Witwe an einen sichtlich geschmeichelten Lehrer. Ganz offensichtlich begann er, sie als Anführerin zu akzeptieren, zumal ihr Auftreten durchaus an das einer Lehrerin gemahnte. Ein wenig erinnerte sie an Tante Meg, mit der sie ja auch den Vornamen gemeinsam hatte. Die mörderische Variante.

    Lehrer nahm seinen Bogen, legte einen Pfeil ein, spannte die Sehne und schoss auf den Gefesselten. Zunächst geschah gar nichts. Dann änderte sich der Geruch des Untoten. Mehr Leben regte sich in ihm. Neues Fleisch und neue Haut bildeten sich. Flachsblondes Haar und weiße Zähne. Einen ganz kurzen Moment lang erblickten wir einen jungen Mann in der Blüte seiner Jahre. Gerade begann er, sich seiner Lage bewußt zu werden. Nun war er ganz und gar lebendig. Wahrhaft wiedergeboren. Doch kam der Prozess nicht zum Stillstand. Immer mehr Lebenskraft erfüllte unseren Gefangenen. Von ihm ging eine Hitze aus, intensiver als alles, was ich bei Fieberpatienten je erlebt hatte. Die Stichflamme kam so überraschend, dass wir geblendet worden wären, hätten wir diese dunklen Augengläser nicht getragen. Asche rieselte herab, wo der Junge gerade noch gestanden hatte.

    Der verstärkte Berserkertrank ist wirklich zu viel für sie", stellte die Rote Witwe zufrieden fest. "Und kann mit Pfeilen verschossen werden. Sehr gut. Und was habt ihr zu berichten?"

  • Kräuter und die Mondelfen

    22.Kapitel

    Die Alte Mühle

    Teil 3

    Da ich ein wenig zur Weitschweifigkeit neigte, übernahm Schlichter diese Aufgabe, wenn auch widerwillig. So wenig wie ich sah er sich als ihr Befehlsempfänger. Allerdings hatte ihn Lehrers kleine Vorführung so beeindruckt, dass er seine Vorbehalte erst einmal zurückstellte. Wir lauschten seiner Erzählung. Soße und Lehrer gebannt, die Rote Witwe mit undurchschaubarer Miene.

    "Was schließt ihr aus diesen Beobachtungen?", fragte sie

    Damit Schlichter nicht alles alleine machen musste, ergriff ich das Wort.

    "Der Ansatz der Gegenseite ist defensiv. Zumindest vorerst. Sie errichten einen Verteidigungsgürtel um die Mühle, um das, was sie vorhaben, vor Störungen zu schützen. Offenbar schwebt ihnen eine Mixtur aus Wissenschaft und Magie vor. Der Opferstein soll wohl das Blut der Kinder in Lebenskraft verwandeln, damit die Wiedererweckten den Tod endgültig überwinden können."

    "Lebenskraft aus Blut?", zweifelte Lehrer. " Mittels eines magischen Steins? Was soll denn daran wissenschaftlich sein?"

    " Da wäre ich mir nicht so sicher", widersprach Soße. "Woher kommt die Wärme deines Körpers? Und deine Kraft? Aus deinem Essen. Du verspeist ein Schnitzel mit Bratkartoffeln, und in deinem Bauch wird daraus etwas anderes. Leben. Warum soll der Blutstein nicht auch können, was dein Körper vermag. Wer weiß, wie es in diesem Metallblock aussieht. Da kann sich ein komplizierter Mechanismus verbergen. Und da fällt mir noch ein Beispiel ein. Bei einem Lagerfeuer verbrennt Holz. Es entstehen Asche und Rauch, aber eben auch Licht und Wärme. Aus Stoff kann Kraft werden."

    Die Rote Witwe bückte sich und hob einen Kieselstein auf.

    Was du gerade gesagt hast, ist völlig korrekt", erklärte sie. "Ich besitze eine recht umfangreiche Sammlung von Schriften aus dem Alten Reich. Darunter wissenschaftliche Werke. Damals war bekannt, dass Masse und Kraft dasselbe sind. Ineinander umwandelbar. Wenn es gelänge, dieses kleine Steinchen ganz und gar in Licht und Wärme zu transformieren, bliebe von unserer Stadt nicht viel übrig."

    "Na das ist ja wohl übertrieben!", protestierte Lehrer.

    "Nicht unbedingt", stellte ich fest. "Erinnere dich daran, was Frau Bess auf dem Friedhof mit ihrem Spiegel angestellt hat. Dieses Ding fing genug Sonnenlicht ein und strahlte es wieder ab, um Dutzende von Grabwandlern zu erledigen. Dabei wissen wir noch nicht einmal, ob es nicht noch mehr bewirken kann."

    "Kann es", bemerkte die Rote Witwe. " Mit diesem Spiegel ließe sich die halbe Unterstadt in Brand setzen. Oder, in der Hand eines Unkundigen, der ihn nicht korrekt zu bedienen versteht, eine Vielzahl von Feuern auslösen, unkontrolliert. Chaotisch. Genau darin besteht die wahre Gefahr. Unsere Gegner spielen mit Gewalten, die sie nicht verstehen. Schon der kleinste Fehler kann ausreichen, um eine Katastrophe auszulösen. So weit dürfen wir es gar nicht erst kommen lassen."

    "Was schlagt Ihr vor?", fragte Schlichter nüchtern.

    "Auf der Basis der Erkenntnisse, die ich durch eure Erkundungsmission erlangt habe, arbeite ich einen Schlachtplan aus. Unternehmt nichts, bis ihr von mir hört. Verhaltet euch ruhig. Das war übrigens gute Arbeit heute. Räumt bitte auf, und dann geht unauffällig nach Hause."

    Mit diesen Worten empfahl sie sich.

    " Machen wir es ihr nach", empfahl Schlichter. " Wir sollten uns ebenfalls überlegen, wie wir übermorgen vorgehen werden, und zwar eigenständig. Ohne uns sklavisch an das zu halten, was sie vorschlägt. Vielleicht fällt uns ja etwas Besseres ein. Und jetzt sollten wir uns aufteilen. Als Einzelnen wird es uns leichter fallen, unbemerkt zu bleiben."

    Nach und nach verschwanden meine Freunde in der Dunkelheit. Ich blieb allein zurück. Wieder vibrierte Onkel Bernies Spiegel. Es war aber nicht Agnatha, die mich zu sprechen wünschte. Ein anderes Gesicht erschien auf der Glasfläche.

    "In einer halben Stunde am See der Verliebten", verkündete die Rote Witwe. Sie schien meine Verblüffung zu genießen. "Keine Sorge", fügte sie hinzu. "Du bist entschieden zu jung für mich."

    Der See der Verliebten. Niemand wusste, wie das Gewässer zu dieser Bezeichnung gekommen war. Vermutlich stammte der Name aus uralter Zeit, als der Familienrat noch nicht bestimmte, wer wen zu heiraten hatte, und sich die Leute ihre Ehepartner noch selber aussuchen durften Heute war der See ein beliebtes Ausflugsziel für Familien. Aber nur tagsüber. Nachts wagte sich niemand dorthin. Dafür war es außerhalb der Stadtmauern zu unsicher. Man lief Gefahr, wilden Tieren oder Strauchdieben aus dem Roten Viertel über den Weg zu laufen. Solche Ängste kannte Frau Bess sicher nicht. Falls es zu entsprechenden Begegnungen kommen sollte, war den Wölfen und den Halsabschneidern mein Mitleid sicher. Sie saß entspannt auf einer Bank und blickte auf die Wasserfläche hinaus, in der sich das Mondlicht spiegelte. Ich nahm neben ihr Platz.

    "Geheimnisse", begann sie unser Gespräch. " Ich finde es gut, dass du Dinge für dich behältst. Man kann sich auf keinen Menschen ganz und gar verlassen. Du wirst allein geboren, und du stirbst allein. Das ist die Wahrheit. Mir solltest du natürlich auch nicht vertrauen. Doch hast du dich dafür entschieden, mit mir zu kämpfen. Unter meinem Kommando, denn ich verfüge über weit mehr Erfahrung und kenne den Feind besser. Als Anführerin muss ich wissen, welche Waffen uns zur Verfügung stehen. Sonst kann ich kein vernünftiges Angriffskonzept entwerfen, so dass wir womöglich unterliegen. Möchtest du mir angesichts dessen vielleicht etwas mitteilen? Denke sorgfältig darüber nach."

    In der Tat, Vertrauen brachte ich dieser Frau nicht im Mindesten entgegen. Mit ihrer Weltsicht wollte ich mich auch nicht anfreunden. Aber sie hatte in einem Punkt recht. Was von militärischem Nutzen war, sollte einem Befehlshaber schon bekannt sein.

    "Also schön",sagte ich und holte die Bronzetafel hervor. "Ich nehme an, Ihr habt in Eurem Spiegel gesehen, was dieses Ding angerichtet hat."

    "Einen Augenblick", bat die Rote Witwe. Einer Innentasche ihrer Jacke entnahm sie ein Paar schwere Lederhandschuhe. Erst nachdem sie sich auf diese Weise geschützt hatte, griff sie nach den Geschenk der Mondelfen und betrachtete die Inschrift auf der metallenen Oberfläche.

    "Lukku", las sie. "Deine Übersetzung?"

    "Nicht auserwählt", antwortete ich.

    "Nicht auserwählt", wiederholte sie. "Richtig. Und eigenartig. Es existiert eine alte Prophezeihung, wonach ein Auserwählter die Menschheit einst in den Kampf gegen die Himmlischen führen und sie vernichten würde. Seit Jahrhunderten suchen sie einen Weg, diesen Menschen ausfindig zu machen. Womöglich ändern sie jetzt ihre Taktik und halten Ausschau nach Leuten, die garantiert nicht auserwählt sind. Die wären ihre natürlichen Verbündeten. Oder Werkzeuge."

    "Ihr glaubt also nicht, dass sie mir wohlgesonnen sind?"

    "Weil sie dir diesen mächtigen Gegenstand überlassen haben? Und weil sie dir zur Hilfe gekommen sind? Sieh!"

    Sie zeigte mir eine Szene auf ihrem Spiegel. Zwei Wachbäume kämpften gegeneinander. Ein Schatten glitt auf sie zu, nein, an ihnen vorbei, in meine Richtung, um sich im nächsten Augenblick in einem weißen Feuerstrahl zu winden, ausgestossen von einem riesigen Fledermauswesen, auf dem jemand saß. Eine Reiterin. Hochgewachsen und schlank. Wehendes, weißes Haar.

    "Sie arbeiten mit der Schwarzen Witwe", bemerkte ich. "Aber sie helfen mir auch. Was wollen sie eigentlich?"

    "Sie verfolgen ihre eigenen Ziele", erwiderte die Frau. "Niemand kann sich auf sie verlassen. Kennst du die Hypothese der Winterfestgans? Das ist eine Parabel, die ich in der Schule gelernt habe. EIne Gans schlüpft aus dem Ei. Noch weiß sie nichts über die Welt. Dann kommt der Bauer und füttert sie, woraus sie schließt, dass er es womöglich gut mit ihr meinen könnte. Mit jedem Tag, jeder Futtergabe festigt sich diese Hypothese und wird schließlich fast zur Gewissheit."

    "Bis zum Winterfest", vermutete ich. "Eine solche Gans könnte ich sein. Und der Bauer sind entweder die Mondelfen oder Ihr. Oder beide."

    "Das ist die richtige Einstellung", lachte die Rote Witwe. "Und nun zeige mir einmal deinen Spiegel."

    "Interessant", kommentierte sie, als sie Onkel Bernies Exemplar betrachtete. "Er zeigt uns von oben. Scheint die Grundeinstellung zu sein. Woher hast du ihn. Von deinem Onkel?"

    "Er interessierte sich für Artefakte aus dem Alten Reich. Jetzt habe ich endlich seine Sammlung gefunden. Ihr wollt wahrscheinlich wissen, was er da noch gehortet hat. Nun, da gab es eine Kugel, die ein sehr helles Licht abgibt, wenn man sie berührt."

    "Die sind selten!", rief die Frau aus.

    Dann der Spiegel", fuhr ich fort. "Jede Menge Bücher und beschriftete Metalltafeln. Ein Blutstein. Und Masken mit den Gesichtszügen von Mondelfen, aber auch echsenartigen Menschen."

    "Hast du eine von ihnen angefasst? Oder gar aufgesetzt?", fragte die Rote Witwe beunruhigt.

    "Natürlich nicht", antwortete ich entschieden. "Ich bin ja nicht blöd. Berührt habe ich nur die Leuchtkugel, den Spiegel und einige Schriften."

    Die Aufzeichnungen meines Onkels erwähnte ich nicht. Sie musste ja nicht alles wissen.

    "In den Büchern könnten sich wichtige Hinweise befinden, die uns in dem bevorstehenden kampf vielleicht von Nutzen sind", gab sie zu bedenken. " Traust du dir zu, sie bis übermorgen durchzugehen?"

    Was für eine Frage!

    "Natürlich nicht", gab ich zurück. "Morgen ist der Tag der Jugend. Da kann ich mich unmöglich herauswinden. Ihr dürftet Euch mit der Materie auch besser auskennen. Also schön. Schleicht Euch auf den Dachboden des Hauses, in dem jetzt mein Vetter lebt. Nehmt meinen Riechverstärker und sucht nach einer Stelle, die nach Heidelbeerwein duftet. Ihr werdet eine Vertiefung in der Wand finden. Dort ist es. Aber auch wenn Ihr all die Sachen woanders hinbringt, gehören sie immer noch mir. Sie sind mein, wenn auch nicht sehr legales, Erbe."

    "Nicht sehr legal, wohl wahr", meinte sie. "Doch bin ich in dieser Hinsicht flexibel. Die Sammlung kommt in mein Haus. Du kannst mich jederzeit besuchen."

    "Ihr habt jetzt ein Haus?", fragte ich verblüfft.

    "Und auch meinen Namen, ganz offiziell. In einem abgelegenen Dorf lebt eine entfernte Verwandte. Sie heißt auch Meg Bess. Nun ist sie eine wohlhabende Frau, und ich Bürgerin der Oberstadt, die lange auf dem Land lebte."

    "Wo ist Euer Haus?", wollte ich wissen.

    "In der Brückenstrasse", erwiderte sie. "Wo ich früher gewohnt habe. Stell dir vor, es steht noch. Sie nennen es "das Mörderhaus" Ich habe es von der Stadt käuflich erworben."

    Beinahe hätte ich laut gelacht. Endlich hatte sich jemand ein Herz gefasst und beschlossen, in dem berüchtigten Spukgemäuer tatsächlich leben zu wollen. Das Schulamt würde begeistert sein und ihr den Vernunftorden in Gold verleihen.

    "Meinen Spiegel und die Tafel hätte ich gerne zurück", verlangte ich.

    "Natürlich", antwortete sie. "Bei Gelegenheit zeige ich dir, was man mit dem Spiegel alles machen kann. Und die Tafel könnte ich sowieso nicht berühren, ohne sofort getötet zu werden. Wo bewahrst du sie auf? In einer Schublade? Die deine Tante beim Saubermachen öffnen könnte? Vermutlich bist nur du imstande, sie ungeschützt anzufassen. Alle anderen wird sie aussaugen. Sei sehr vorsichtig. Benutze sie sparsam."

    Sie erhob sich. "Eine Frage noch", bat ich. "Als Ihr sagtet, der Blutstein in der Alten Mühle könne die ganze Stadt verbrennen, wenn der Lehrer und die Schwarze Witwe ihn nicht richtig einsetzten, war das Euer Ernst? Oder habt Ihr, um der Wirkung willen, nicht doch etwas übertrieben?"

    "Ein wenig übertrieben?", fragte sie lächelnd zurück. "Um der Wirkung willen? Ich zeige dir mal etwas."

    Auf ihrem Spiegel erblickte ich die Mühle.

    "Ein Liter Blut", erläutere sie. "Nicht effizienter in Kraft umgesetzt, als deine Tafel das vermag."

    Das Gebäude ging in Flammen auf, genauso wie das Waldstück, in dem es sich befand.

    "Zehn Liter Blut" Eine Feuerwand raste auf die Stadt zu und verschlang sie. Das Wasser des Bergflusses verdampfte.

    "Und hundert Liter. So viel dürften sie den Kindern abgenommen haben."

    Was ich nun erblickte, konnte man nur noch als Feuersturm bezeichen. Die Flammen schienen bis zu den Sternen heraufzulodern.

    "Der gesamte Halbkontinent, vom Großen Wasser bis zu den Endlosen Bergen, würde vernichtet", erklärte die Rote Witwe leidenschaftslos. "Das würde nicht einmal ich überstehen. Im Alten Reich wussten sie schon, dass Masse und Kraft das Gleiche sind. Eine Umwandlungsformel errechneten sie auch. Die Energie entspricht der Masse multipliziert mit der Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat. Ja, sie konnten ermitteln, wie schnell sich das Licht im Raum ausbreitet. Sehr schnell, wie ich dir versichern kann. Ein Kieselstein, komplett in Licht und Wärme transformiert, würde das Ende der Welt herbeiführen. Hoffen wir mal, dass die Opfersteine nicht so gut sind."

    Sie klopfte mir auf die Schulter.

    "Keine Sorge", beruhigte sie mich. "Ich habe gute Ideen. Die Sammlung deines Onkels wird hilfreich sein. Und es gibt da noch jemanden, der uns unterstützen wird. Doch falls alles schief gehen sollte, tröste dich. Sollten sie dir morgen ein Mädchen verpassen, das dir nicht gefällt, brauchst du dich nicht lange mit ihr herumzuärgern."

    Beschwingt schlenderte sie davon. Ich sah ihr wie betäubt nach. Es war so schön still und friedlich in dieser Nacht am See der Verliebten. Eine Weile blieb ich dort, bis ich mich zur Stadt aufmachte. Ungesehen gelangte ich in Gerds Haus. Niemand schien meinen kleinen Ausflug bemerkt zu haben. Wieder vibrierte der Spiegel. Diesmal war es Agnatha, dir mir etwas zu sagen hatte.

    "Beschaffe mein Selbstportrait", forderte sie kurz angebunden. "Wir brauchen es unbedingt." Schon wurde das Spiegelglas wieder dunkel. Sie hatte wohl zu tun.

  • Kräuter und die Mondelfen

    23.Kapitel

    Der Tag der Jugend

    Teil 1


    Am nächsten Morgen erwachte ich mit Kopfschmerzen und einem schlechten Geschmack im Mund. Offensichtlich sorgte mein Rauschlöscher nur für ein Gefühl der Nüchternheit, ohne die körperlichen Nachwirkungen des Biermissbrauches in den Griff zu bekommen. Mit anderen Worten, ich hatte mit einem gewaltigen Kater zu kämpfen. Wie es um meine Leber bestellt war, wollte ich erst gar nicht wissen. Meine Erfindung bedurfte dringend einer Überarbeitung. Während ich versuchte, mithilfe kalten Wassers einigermaßen wach zu werden, fragte ich mich, ob es eine gute Idee gewesen war, Onkel Bernies Bücher der Roten Witwe zu überlassen. Seine persönlichen Aufzeichnungen, die ich für mich behalten und von denen ich mir viel versprochen hatte, waren nämlich verschlüsselt. Er hatte sich eines Systems bedient, das mir unbekannt war. Einen schlimmeren Geheimniskrämer als ihn würde man auf dieser Welt wohl vergeblich suchen.

    Es klopfte. Vetter Gerd, der auch nicht all zu frisch aussah, lud mich zu einem späten Frühstück ein. Ich beneidete ihn. Durfte er doch im Land der Sorglosen leben, wo man ganz selbstverständlich davon ausging, dass auf den morgigen Tag noch weitere folgen würden, und auch Wochen, Monate und Jahre. Wenn die Leute nur gewusst hätten, was sich wenige Meilen vor den Stadtmauern abspielte. Ein wissenschaftliches Experiment - oder ein magisches Ritual, oder irgendetwas dazwischen -, bei dem der kleinste Fehler ausreichte, um die schrecklichste Katastrophe seit Menschengedenken auszulösen. Eine Feuerwalze, die über den Halbkontinent hinwegrollen würde, vom fernen Großen Wasser bis zu den Endlosen Bergen. Gemacht aus der Umwandlung von hundert Litern Blut in pure Kraft, Licht und Hitze.

    Natürlich war das nicht das Ergebnis, das der Lehrer und die Schwarze Witwe anstrebten. Sie wollten Lebenskraft erzeugen, um unsterblich zu werden. Leider mangelte es ihnen aber an den erforderlichen Kenntnissen. Sie hätten imstande sein müssen, die entsprechenden Schriften aus dem Alten Reich korrekt zu übersetzen. Onkel Bernie wäre für diese Aufgabe die erste Wahl gewesen. Niemand beherrschte die Alte Sprache besser als er. Doch hatte die Stadt ihn wegen seiner Trunksucht in die Verbannung geschickt. Seitdem hielt er sich verborgen. Vielleicht ahnte er etwas.

    Als zweite Wahl durfte ich mich betrachten, weshalb unsere Gegner auch mehrfach versucht hatten, mich zu entführen. Nachdem das fehlgeschlagen war, griffen sie sich schließlich Meister Lurra, den Direktor unseres Heimatmuseums. Durchaus ein allseits respektierter Gelehrter, aber, was die alten Texte betraf, dritte Wahl. Übersetzungen aus seiner Feder hatte ich gesehen. Meister Nossfu musste verrückt sein, sich auf ihn zu verlassen. Das konnte nur schiefgehen. Wenn die Rote Witwe nicht mit einer sehr guten Idee aufwartete, wie sie ihn aufhalten konnte, bevor er Prozesse in Gang setzte, die sich nicht mehr kontrollieren ließen, waren wir erledigt. Dann blieben der Welt noch zwei Tage. Einen davon musste ich auch noch mit dem albernen Tag der Jugend vergeuden.

    Im Esszimmer wurde ich nicht nur von Gerd erwartet, sondern auch noch von meinem neuen Schwiegeronkel, dem der gestrige Abend rein gar nichts auszumachen schien.

    "Dreißig Biere", begrüsste er mich. "Das war eine reife Leistung. Daran sollte sich mein schlapper Schwiegersohn ein Beispiel nehmen. Eine saure Gurke vielleicht? Oder ein Glas Milch?"

    Da ich den Genuss berauschender Getränke in diesen Mengen nicht gewohnt war, probierte ich beide Angebote aus. Im Gegensatz zur Gurke erwies sich die Milch tatsächlich als hilfreich. Nach einem zweiten Glas fühlte ich mich wieder einigermaßen normal. War das die Lösung? Falls ich herausfand, welcher Wirkstoff diesen Effekt herbei führte, hatte ich vielleicht das perfekte Rezept für mein Elixier gefunden. Wie es um meine Leber stand, würde ich allerdings erst nach jahrelanger Sauferei an meiner Hautfarbe ablesen können. Gelb wäre ganz schlecht.

    "Kannst du dich nicht für ein Jahr zurückstellen lassen?", wollte Gerds Schwiegervater wissen. " Ich habe noch eine jüngere Tochter. Sie ist sechzehn. Du wärst genau der Richtige für sie!"

    "Das ist leider nicht möglich", gab ich zurück. "Doch wirst du anerkennen müssen, dass Gerd sich redlich Mühe gegeben hat."

    "Wie viele Biere hast du noch mal geschafft?", wandte ich mich an meinen Vetter.

    "Nur achtzehn", antwortete Schwiegeronkel Ole an Gerds Stelle mit leichter Missbilligung.

    "Nun, das wird schon noch", meinte ich. "Warum ist es im Haus eigentlich so still? Wo sind denn alle?"

    Glücklicherweise ging mein Gesprächspartner auf meinen Versuch ein, ein anderes Thema zur Sprache zu bringen.

    "Na, was denkst du denn? Am Tag der Jugend spielen die Leute verrückt. Sämtliche Verwandte sind im Haus deiner Tante Meg versammelt, um sich auf die Feste vorzubereiten. Sobald klar ist, wen sie dir und deinem Vetter Bernhard zugesprochen haben, strömen doch alle zu den Familien der Bräute. Und da ergeben sich für die Frauen wichtige Probleme. Was ziehen wir an? Welche Geschenke halten wir bereit? Und wie staffieren wir die Jungs aus?"

    "Da bin ich ja fein raus", entgegnete ich. "Bei mir wird es die Wasa-Kluft sein, so blöd ich mir in den Sachen auch vorkomme. Aber Vetter Bernhard tut mir leid." Bernhard war der Sohn Onkel Jörgs, eines jüngeren Bruders Onkel Gerds. Ein stiller Junge, der nichts anderes wollte, als wie mein Großvater Bernhard für das Forstamt durch die Wälder zu streifen. Er gehörte meinem Jahrgang an, besuchte aber eine andere Schule.

    "Er ist wirklich zu bedauern", gab mir Vetter Gerd recht. "Sie probieren alle möglichen Klamotten an ihm aus, damit er möglichst gut aussieht, wenn es endlich los geht. Als ob der Familienrat darauf etwas gäbe. Bei dir hat sich die Ausstattungsfrage erledigt. Deshalb brauchen sie dich auch nicht, und wenn ich dir einen Rat gebe darf. Bleibe bloss weg von Zuhause! Hier, bei uns, hast du deine Ruhe".

    "Eine Sache gibt es da allerdings", erinnerte sich der Schwiegeronkel. "Du musst drei Familienangehörige aussuchen, die dich in die Halle des Volkes begleiten dürfen."

    Da wir etwa fünfhundert Ehekandidaten waren, hatte das Gebäude in der Tat nur noch tausendfünfhundert weitere Plätze zu bieten.

    "Tante Meg und Thusnelda natürlich", überlegte ich laut.

    "Sehr gut", kommentierte Ole. " Ich hatte schon eine halbe Stunde Überredungszeit einkalkuliert, damit du meine Tochter mitnimmst. Ein wenig anstrengend kann sie werden, das gebe ich zu. Als Dritte solltest du deine Tante Emma benennen. Sie ist zwar eine Wasa, aber trotzdem ganz nett".

    Tante Emma, die jüngere Schwester meines Vaters, war wirklich sehr nett. Vielleicht etwas zu nett. Sie arbeitete als Lehrerin, unterrichtete aber nur die beiden jüngsten Jahrgänge. Bei den Drittklässlern konnte sie sich schon nicht mehr durchsetzen. Ihren Beitrag zum Weiterbestand der Familie hatte sie allerdings geleistet. Drei Jungs und drei Mädchen. Großmutter Swanhild nahm Emma zwar nicht für voll, war aber trotzdem zufrieden mit ihr.

    Ich fand es bemerkenswert, dass sich meine Verwandtschaft väterlicherseits plötzlich für mich interessierte. Auch wenn es die Herrin des Hauses immer noch nicht für nötig hielt, mich zu empfangen. Sie wartete wohl ab, mit welcher Schwiegerenkelin sie es zu tun bekommen würde.

    "Also Tante Meg, Tante Emma und Thusnelda", fasste ich zusammen und bemühte mich, so zu wirken, als ob mich das alles interessierte. Am Rande des Weltunterganges!

    "Ich sage es ihnen", erbot sich Vetter Gerd.

    "Woraufhin du dich schleunigst absetzen wirst, um wichtige Milizaufgaben zu erledigen", vermutete ich.

    Gerd grinste. "Du hast es erraten".

    "Und du solltest dich ein wenig erholen", riet mir sein Schwiegervater. "Schlaf dich aus, oder triff deine Freunde. Glaube mir, bald wird dein Leben nie mehr so sein, wie es vorher war."

    Er ahnte nicht, wie recht er hatte.

    Zunächst legte ich mich noch einmal ins Bett, bis mir Lehrers Märchenbücher einfielen, in denen offenbar viel über tatsächlich existierende Kreaturen zu lesen war. Es war Zeit für einen Besuch in der Kinderbücherei. Wo ich, wenig überraschend, Lehrer vorfand, der in einem dicken Wälzer herumblätterte.

    "Auch auf der Flucht vor deiner Familie?", begrüsste er mich. "Ich habe ihnen gesagt, dass ich jede Ausstattung akzeptieren werde, die sie für mich aussuchen. Da haben sie mich endlich gehen lassen. Schlichter hat das auch versucht, ist aber gescheitert. Aber dann ließ er sich einen neuen Trick einfallen. Da kommst du nie drauf!"

    "Nämlich?", fragte ich mit mildem Interesse.

    "Er hat seiner Mutter weis gemacht, dass er sich plötzlich für Kochkunst interessiere. Auch ein Mann müsse kochen können, meinte er. Es wäre doch schön, wenn er seine Zugesprochene mit einer selbst zubereiteten Mahlzeit überraschen würde. Stell dir vor, das haben sie ihm abgekauft. Jetzt hilft er Soße in der Küche und schält Kartoffeln. Und hat seine Ruhe."

    "Mich haben die Wasa-Klamotten gerettet", sagte ich. " Da klar ist, was ich anhaben werde, stürzen sie sich jetzt auf ein anderes Opfer. Den armen Vetter Bernhard."

    "Der Waldläufer", erinnerte sich Lehrer. "Ich glaube, dem würde es auch nichts ausmachen, wenn er übrig bliebe".

    "Vermutlich", gab ich ihm recht. "Aber sag mal, aus welchem Märchenbuch hast du denn diese ganzen Geschichten über Verschlinger und Mondelfen und so weiter?"

    "Warte", versprach Lehrer. "Ich suche es dir raus"

    Natürlich hatte er es nicht nötig, in den Regalen nach dem entsprechenden Werk zu fahnden. Ein Griff genügte, sogar ohne hinzusehen. Ich warf einen Blick auf den Umschlag und las:

    "Lothars Lexikon der lächerlichen Lügenmärchen."

    Mit einem Wort des Dankes verabschiedete ich mich vorläufig, zog mich in eine ruhige Ecke zurück und begann meine Suche.

    Unter "Verschlinger" stand da: Phantasiewesen. Bestehen nur aus Schatten, die über den Boden kriechen. Ohne Augen und Ohren finden sie ihre Beute. Ohne Magen verdauen sie sie. Zweifellos eine der absurdesten magischen Vorstellungen aus dem Dunklen Zeitalter. Vernichtet werden konnten diese Ungeheuer nur durch das ebenfalls ausschließlich in der Einbildung des unaufgeklärten Volkes existierende "Weiße Feuer".

    Ich schlug nach: Feuer, Weißes. Mythische Kraft, die Verschlinger töten konnte. Tauglich auch zur Zerstörung von Sonnenstein.

    Unter "Sonnenstein" wusste Lothar zu berichten: Substanz, die "Seelenkraft" aufzunehmen und zu speichern vermochte. Wenn genug davon angesammelt und dann schlagartig freigesetzt wurde, gab es eine "Seelenexplosion". Diese Seelenkraft fand man bei "Sturmtöchtern" und "Wolkensöhnen"

    Sturmtöchter? Da war doch etwas.

    Und zwar: "Sturmtöchter. Frauen, die angeblich das Wetter voraussagen konnten. Dank einer imaginären "Seelenkraft". Siehe auch "Wolkensöhne".

    Mir fiel der alte Gärtner Sigbald ein. Er lag nie falsch, wenn er Regen ansagte. Was ihm Ärger mit dem Schulamt einbrachte. Zu seinem Glück kam ihm Meister Thing mit seiner These von der unbewussten Wahrnehmung zur Hilfe, die schließlich als wissenschaftlich anerkannt wurde. Offiziell gab es die Seelenkraft nicht. Wenn sie aber doch existierte, machte Einiges plötzlich Sinn.

    "Sturm Tochter", hatte ich auf dem blauen Halsband gelesen, das die Mondelfen Agnatha angelegt hatten und das aus Sonnenstein bestand. Siebzehn Jahre hätte sich diese Kraft angesammelt. Weißes Feuer würde das Band zerstören, so dass die zurückgehaltene Energie schlagartig in die Welt entlassen würde.

    Hatten die Mondelfen das vor?

    Während der anstehenden Zeremonie? Zusätzlich zu der Kraft der Opfersteine?

    Offenbar war alles noch viel komplizierter, als ich gedacht hatte. Und gefährlicher.

    "Unter "Mondelfen" fand ich:

    "Märchenfiguren, die auf dem Mond vermutet wurden, von wo aus sie die Menschen heimsuchten. In einigen Versionen der Geschichten boten sie Verträge an, die mit Blut unterschrieben werden mussten. Ihre darin formulierten Versprechungen machten sie stets auf eine Weise wahr, die sich für ihre Partner als wenig erfreulich erwies. Ihre Tücke war legendär. Es kursierten auch Erzählungen, in welchen es gelang, sie mit Milch und Keksen oder lustigen Geschichten zu besänftigen. Eines Tages jedenfalls, so die fahrenden Sänger, die sich diesen Unfug einfallen leßen, würde ein Auserwählter kommen und die Menschheit in eine Entscheidungsschlacht führen. Das wäre dann das Ende der Mondelfen. Nur die Werwölfe wären dann noch in Vollmondnächten zu fürchten, denn an die glaubten sie damals auch."

  • Kräuter und die Mondelfen

    23.Kapitel

    Der Tag der Jugend

    2.Teil

    Natürlich glaubte Lothar nicht an Werwölfe. Damit mochte er sogar richtig liegen, denn gesehen hatte ich noch keinen. Andererseits hatten uns die Lehrer im Naturkundeunterricht gezeigt, wie aus Kaulquappen Frösche wurden, und Schmetterlinge aus Raupen. Warum sollte eine solche Verwandlung nicht auch zwischen Mensch und Wolf möglich sein?

    Wie ich aus eigener Erfahrung wusste, waren Mondelfen, anders als Lothar geschrieben hatte, äußerst real. Und ganz anders, als sie in den Märchenbüchern dargestellt wurden, die sich in der Stadtbibliothek fanden. In diesen Geschichten gab es immer ein pfiffiges Kind, das die Himmelswesen gekonnt austrickste und seine wegen ihrer Gutgläubigkeit in die Fänge der Unholde geratenen Eltern im letzten Moment rettete, bevor sie zum Mond verschleppt werden konnten. Die Handschrift des Schulamtes war deutlich zu erkennen. Immer noch stünden die Alten im Bann des Aberglaubens, lautete die Propagandaformel. Doch davon ließe sich die Jugend nicht mehr beeindrucken. Sie machte sich frei von den Schreckgespenstern der Vergangenheit und schritt munter voran in eine strahlende Zukunft im Lichte der Vernunft.

    "Sind wir dafür nicht ein bißchen zu alt?", fragte eine Stimme hinter meinem Rücken. Mit einem der Märchenbücher in meinen Händen drehte ich mich zur Sprecherin um und erblickte eine der Bibliothekarerinnen. Es war schwer, sich ihre Namen zu merken, weil sie einander so ähnelten. Berufsbedingt hatten sie sich allesamt durch ständiges Lesen die Augen verdorben. Bei den Brillenmachern waren sie Dauerkundinnen.

    "Nur ein kleiner Rückblick in die Kindheit", antwortete ich. "Bald fängt ja der Ernst des Lebens an."

    "Warte, bis du selbst Kinder hast", riet die Frau. "Diese Geschichten sind pädagogisch sehr wertvoll, besonders im Hinblick auf die Vernunfterziehung. Dann kannst du sie wieder lesen. Übrigens habe ich etwas Neues für dich. Sehr interessant."

    Sie wies mich auf einen Büchertisch hin, auf dem Neuerscheinungen ausgestellt waren. Einen besonders prominenten Platz nahm ein Werk ein, von dessen Umschlag mir ein allzu bekanntes Gesicht entgegenlächelte. "Heilkräuter aus der Welt der Hohen Berge", lautete der Titel. Von Meg Bess.

    "Daraus kannst du viel Neues lernen", meinte die Bibliothekarin. "Die Autorin hat lange in einem entlegenen Bergdorf gelebt, wo sie als Heilerin wirkte. Eine sehr nette Frau. Und mutig. Stell dir vor, sie ist ins Mörderhaus in der Brückenstrasse gezogen. Warte, ich packe dir das Buch ein. Es enthält auch viele schöne Zeichnungen."

    Daran zweifelte ich nicht. Dass die Rote Witwe die Verfasserin des Bandes war, erschien mir schon weniger glaubhaft. Vermutlich machte sie sich die Arbeit der anderen Meg Bess zunutze, welche hoffentlich noch lebte.

    "Nächste Woche findet eine Lesung statt", wurde mir mitgeteilt. "In unseren Räumen. Die Dame kommt selbst."

    "Und sie ist sich ihrer Sache wohl sehr sicher", dachte ich bei mir. Bislang hatte ich den geplanten Sturm auf die Alte Mühle für das große Ereignis gehalten, den epischen Endkampf, der über Sieg oder Untergang entscheiden würde. Die Rote Witwe dachte weiter. Sie machte Termine für die Zeit danach, richtete ein neues Haus ein und arbeitete an ihrem Aufstieg in die besseren Kreise der Stadt. Entweder überschätzte sie sich gewaltig, dann sah ich schwarz für unsere Erfolgsaussichten. Oder sie war wirklich in der Lage, die Schwarze Witwe und ihre Spießgesellen beiläufig aus dem Verkehr zu ziehen. Keine dieser Alternativen hörte sich besonders beruhigend an. Schließlich wussten wir nicht, welche Ziele Meg Bess letzendlich verfolgte.

    Mit dem entliehenen Buch unter dem Arm machte ich mich auf den Weg nach Hause, oder besser zu meinem Ersatzzuhause, wo ich vor meinen Tanten und Großtanten halbwegs sicher war. Aber nicht vor dem Schulamt. Wie von Meister Arrund angekündigt, brachte ein Bote das Bildnis Agnathas vorbei, das mir seinerzeit im Sommerhaus der Sverrig aufgefallen war. Kaum hatte ich das Gemälde ausgepackt, machte sich Onkel Bernies Spiegel bemerkbar.

    Wie immer fasste sich die Rote Witwe kurz. "Bringe das Bild so schnell wie möglich in den geheimen Raum im Haus deines Vetters", ordnete sie an, ohne sich die Mühe zu machen, mir die Hintergünde ihres Ansinnens zu erklären. Nicht, dass ich inzwischen Vertrauen zu der Frau gefasst hätte. Da ich mich aber noch sehr gut an das große Interessen erinnern konnte, das Agnathas Mutter an dem Portrait ihrer Tochter an den Tag gelegt hatte, tat ich, was Frau Bess verlangte, die immerhin nie Kindern etwas angetan hatte. Sie war wohl das kleinere Übel. Und verlor keine Zeit. Onkel Bernies Versteck war bereits leer geräumt. Es war mir schleierhaft, wie sie das in so kurzer Zeit geschafft hatte. Ein paar Stunden später erreichte mich ein Hilferuf aus dem Heilerhaus. Wegen eines Unglücks in einem unserer Bergwerke sollte ich mich sofort auf den Weg machen. Es ginge um Leben und Tod.

    Als ich mich zum Dienst meldete, wusste niemand etwas von einem Notfall. Mir wurde sofort klar, dass ich durch einen Trick aus meiner Unterkunft gelockt worden war. Wo sich im Augenblick niemand aufhielt. Wo aber das Gemälde zu finden war. Und tatsächlich, wieder vor Ort, fand ich ein verwüstetes Haus vor, eine aufgelöste Thusnelda und eine Einheit der Miliz, die den Tatort untersuchte.

    Onkel Gerd konnte es nicht fassen. "So etwas haben die Banden seit vielen Jahren nicht gewagt", schimpfte er. "Vermutlich haben Aussenseiter ohne Wissen ihrer Bosse hier zugeschlagen. Ich gebe ihnen einen Tag. Ansonsten stelle ich dieses Rattenloch auf den Kopf. Die werden mich kennenlernen!"

    Lange musste er nicht warten. Schon um die Mittagszeit des folgenden Tages entdeckte man die Leichen zweier bekannter Gauner in einer schmutzigen Gasse im Roten Viertel. Praktischerweise trugen sie Beutestücke aus dem Einbruch mit sich. Dass einer von ihnen früher Aufträge für die Sverrig erledigt hatte, wurde zwar zur Kenntnis genommen, regte aber niemanden zu weiteren Überlegungen an. Was sollte ein so mächtiges und ehrenwertes Haus auch mit einem simplen Raubzug zu tun haben? So hätte ich auch gedacht, wenn ich Sigrid Sverrig nicht erlebt hätte. Sie war schnell. Doch die Rote Witwe war schneller.

    Als ob dieser Tag nicht schon genug Überraschungen auf Lager gehabt hätte, spielte plötzlich das Wetter verrückt. Mitten im Spätsommer begann es zu schneien. Zuerst fanden die Leute das lustig. Solange sich das Geschehen auf einige wenige Schneeflocken beschränkte. Die Kinder freuten sich. Bis der Schneesturm einsetzte.

    "Unternimm etwas", forderte mich Agnatha auf, die sich endlich wieder einmal meldete. "Setz die Wettertafel ein. Aber achte darauf, dass du sie nicht mit einer offenen Wunde berührst. Und beeil dich!"

    Das letzte Mal, als ich das Geschenk der Mondelfen benutzt hatte, war das Ergebnis ein kleiner Wirbelsturm gewesen. Eine solche Vorgehensweise kam hier nicht in Frage. Eine Windhose in einem Schneesturm? Keine gute Idee. Also nicht das Windsymbol. Vielleicht das Sonnenzeichen? Eine Hitzewelle war genau, das, was ich jetzt benötigte. Vorsichtshalber beschränkte ich mich auf einen Blutstropfen, den ich auf das Objekt fallen ließ, bevor ich es auf das draussen tobende Wetterchaos richtete. Zunächst geschah gar nichts. Dann setzte der Schneefall für einen kurzen Moment aus, um heftigen Regenfällen Platz zu machen. Das Strassenpflaster dampfte, wo es von dem Niederschlag getroffen wurde. Später erzählten mir Leute, die sich zu diesem Zeitpunkt im Freien aufgehalten hatten, von leichten Verbrühungen. Durch Regentropfen!

    Während ich dieses Geschehen noch ungläubig betrachtete, unterlief mir eine kleine Unachtsamkeit. Etwas Blut rieselte auf das Windsymbol. Schon erhob sich ein pechschwarzes Gebilde aus rotierender Luft, weit aufragend, bis zu den höchsten Wolken. Es gab ein Grollen von sich, das sich fast wie der Versuch anhörte, etwas zu sagen. Zu mir zu sprechen. Als ob es auf Befehle wartete. Ich stand starr da, ohne einen Laut von mir zu geben. Schließlich verblasste die Erscheinung, um sich zuletzt in Nichts aufzulösen. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie hätte lenken können. Was für eine Macht in diesem kleinen Gegenstand verborgen war! Wie viele davon gab es noch? Dazu kamen die Blutsteine. Meister Nossfu verfügte über einen, aber auch Sigrid Sverrig und nun auch noch die Rote Witwe, nachdem sie das Exemplar meines Onkels an sich genommen hatte. Unsere Welt war übersät von den gefährlichen Hinterlassenschaften eines vergangenen Zeitalters. Das war unser wahres Problem.

    An diesem Schneesturm war nichts natürlich gewesen. Ich nahm an, dass jemand in der Alten Mühle mit dem Wetter experimentierte, wobei er sich vermutlich des Blutsteins bediente. Jetzt wussten sie da drüben, dass wir uns wehren konnten. Worüber sie sich sichtbar ärgerten. Aus heiterem Himmel schlugen Blitze an mehreren Orten in der Stadt ein und setzten einige Gebäude in Brand. Bevor ich über Gegenmaßnahmen nachdenken konnte, beruhigte sich die Lage wieder. Ein Gleichgewicht des Schreckens hatte sich herausgebildet. Ich war imstande, ihren Unterschlupf mit Sturm. Gewitter und Hagel hinwegzufegen. In ihrer Macht lag es, die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Beide Seiten mussten wohl andere Wege beschreiten, um in diesem Konflikt zu obsiegen, ohne selbst vernichtet zu werden.

    Auf weitere Nachrichten Agnathas oder der Roten Witwe wartete ich an diesem Tag vergeblich. In letzter Zeit schienen sie sich auf eigenartige Weise zu ergänzen. Arbeiteten sie am Ende zusammen? Und warum konnten sie mich jederzeit über den Spiegel erreichen, ich sie aber nicht? Zeit für ein kleines Experiment. Ich holte den Spiegel hervor. Sollte ich es mit Blut versuchen? Relikte aus dem Alten Reich pflegten auf den roten Lebenssaft anzusprechen. Nach meinem Erlebnissen mit der Wettertafel hielt ich es aber für klüger, zunächst etwas anderes zu versuchen. "Sturm Tochter", sagte ich in der Sprache des Alten Reiches. "Tak Ulik". Ich berührte die Glasfläche und wiederholte die Ansprache mehrfach. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Wellen umspülten meine Füße. Ich hatte es geschafft! Nicht nur, den Spiegel als Sender zu benutzen. Ich befand mich auf Agnathas Insel, exakt dort, wo ich mich das erste Mal wiedergefunden hatte. Jetzt musste ich sie nur noch ausfindig machen..

    Ein Windstoss zerwühlte meine Haare und wirbelte den Sand auf, der sich, sobald er den Boden berührte, zu einer Botschaft formierte.

    "Die Spiegel sind nicht sicher", las ich. "Keine Experimente mehr!"

    Darunter stand, in einer anderen Handschrift: "Trotzdem, eine gute Leistung!".

    Das war vermutlich die Rote Witwe. Im Gegensatz zu der Sverrigtochter blieb sie immer höflich und hatte gelegentlich auch ein gutes Wort für mich übrig.

    Meine Umgebung änderte sich. Da war ich wieder, an meinem Schreibtisch, den Spiegel in der Hand.

    Von jetzt an hieß es warten, bis Agnatha oder Meg Bess auf einem anderen Wege mit mir in Kontakt traten. Ich wusste nicht, was ich auf eigene Faust hätte unternehmen können. Also blieb mir nichts anderes übrig, als morgen den albernen Tag der Jugend durchzustehen. Welches Mädchen sie mir auch zusprechen würden, die Rote Witwe hatte recht. Wenn wir am darauf folgenden Tag scheitern sollten, musste ich mich nicht sehr lange mit ihr herumärgern.