Es gibt 1 Antwort in diesem Thema, welches 133 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (14. Juli 2024 um 10:23) ist von Tariq.

  • Inhaltsangabe: England, 1918. Octavian Montgomery kehrt nach Ende des Ersten Weltkriegs als einziger von drei Söhnen lebend aus Flandern zurück. Doch der Krieg hat mehr als nur körperliche Wunden hinterlassen. Als nachts im Moor Musik erklingt, die niemand außer Octavian zu hören scheint, ist er sich sicher, dass er zwischen Trauer und Trauma endgültig den Verstand verliert. Doch niemand kann widerstehen, wenn das Moor zum Tanzen einlädt ...


    Vorwort: Durch meine Recherchen an einem großen Projekt reise ich viel durch die Zeit. Ich habe all mein Herzblut in das Durchforsten von stark zensierten Briefkopien und Berichten von Augenzeugen gesteckt, daher hoffe ich, dass all meine Bemühungen dem Schrecken und dem Elend des Ersten Weltkriegs auch nur im Ansatz gerecht werden. Vermutlich nicht, denn wir reden hier von einer Zeit, die so nah, aber doch so unfassbar lange her zu sein scheint. Diese Geschichte enthält fantastische Elemente, aber die erwähnten Schlachten sind so (leider) wahrlich geschehen. Natürlich habe ich mir hier rein fiktive Personen ersponnen, aber ich vertraue auf die Fachpersonen unter euch, dass man mich bei Fehlern korrigiert. Vielen lieben Dank für euer Feedback.


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    K A P I T E L

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    Octavian Edward Montgomery hatte einen ausgesprochen schlechten Tag.

    Seine miese Laune war zu einem den Schmerzen zu verschulden, die sich alle Mühe gaben, ihn zu quälen. Die weit größte Schuld an seinem Elend trug jedoch nicht sein kaputtes Bein, sondern der verfluchte Nachmittagstee.

    Mit Schmerzen konnte Octavian umgehen. Er hatte längst gelernt, das lästige Stechen und Beißen so gut es eben ging zu ignorieren. Die Stille hingegen ertrug er auch nach Wochen nicht. Niemand sagte etwas. Das leise Klirren von Porzellan war das einzige Geräusch in dem mit grässlichen Gemälden behangenen Speisesaal, der inzwischen selbst für das allmorgendliche Frühstück genutzt wurde. Octavian fand es lächerlich. Der Raum war viel zu groß für die nicht einmal eine Handvoll trauriger Seelen, die mit solch steifer Verlegenheit ihren Tee tranken, als wäre die Königin persönlich zu Gast.

    Octavian war schon immer äußerst geruchsempfindlich gewesen und nichts stank seiner Meinung nach schlimmer als Schweigen. Es roch feucht und modrig; ein Gestank, welcher an den Schlamm in Flandern erinnerte. Dieser verdammte Schlamm hatte alles und jeden durchweicht und war so tief in einen eingedrungen, dass man irgendwann nicht mehr gewusst hatte, wo der eigene Körper endete und der feuchte Dreck anfing.

    Ein leises Hüsteln erklang. Octavians Mutter hatte sich vor einigen Tagen bei einem ihrer Spaziergänge eine Erkältung zugezogen. Nichts Ernstes, laut Doktor Wilthmore, jedoch erwischte sich Octavian immer wieder dabei, wie er darauf wartete, dass sich seine Mutter dramatisch an die Brust griff und nach Aufmerksamkeit verlangte.

    Margaret Montgomery war vor dem Krieg eine äußerst laute Frau gewesen. Jede noch so winzige Kleinigkeit war mit einem Anfall purer Hysterie und dem stundenlangen Theater einer Frau versehen worden, die sich vom tristen Leben gelangweilt verzweifelt nach jedem noch so albernen Drama sehnte. Seit Octavian allein aus Flandern zurückgekehrt war, sprach seine einst so laute Mutter kaum noch ein Wort. Sie verbrachte ihre Tage mit Spaziergängen und Schweigen. Wenn sie sprach, dann richtete sie ihre Worte stets leise und brüchig an die wenigen verbliebenen Hausangestellten und den uralten Doktor Wilthmore.

    Erneutes Hüsteln erklang.

    »Ich bin müde«, sagte Octavians Mutter zu Doktor Wilthmore, während sie sich von ihrem Stuhl erhob. Der angesprochene Arzt saß ihr so steif gegenüber auf seinem Stuhl, dass er wie eine Holzpuppe wirkte, die man in einen Anzug gesteckt hatte. »Bitte entschuldigt mich.«

    Ihr Blick huschte über die Gemälde an der Wand. Es waren grässliche Landschaftsszenen und alte Porträts von Vorfahren, die allesamt dreinschauten, als müssten sie dringend ein Geschäft verrichten. Früher hatten die mürrischen Gesichter Octavian Respekt und ein wenig Angst eingeflossen. Heute empfand er nichts als Abscheu. Er hätte jedes einzelne Gemälde nur zu gern von der Wand gerissen und verbrannt.

    Niemand sagte etwas zu der Verabschiedung der Dame des Hauses. Octavian schwieg, weil er es nicht ertragen konnte, wie sich das Gesicht seiner Mutter verzog, wenn sie seine viel zu laute Stimme hörte. Sein Vater schwieg, weil er aus Prinzip seiner Frau nichts zu sagen hatte. Wenn er sprach, dann war es stets mit anderen Männern in einem Tonfall, der nichts anderes außer geschäftliche Interesse vermittelte. Selbst der alte, sonst so gesprächige Doktor Wilthmore war nach nur zwei Tagen der Anwesenheit von der stinkenden Stille von Greenmarsh Manor verschluckt worden.

    Der alte Arzt nickte seiner Gastgeberin schweigend zu, ehe sie wie ein Gespenst aus dem Saal schwebte. Octavian starrte auf seine Hände. Sie waren rau und geröttet vom unzähligen Waschen mit Seife. Doch ganz egal wie oft er sich auch die Hände wusch, seit er wieder in England war, er wurde einfach das Gefühl nicht los, dass er Schlamm unter den Fingernägeln hatte. Wobei der Schlamm irgendwann kein Schlamm mehr gewesen war, sondern Blut und Hautfetzen. Maden und Verwesung.

    Irgendwo im Haus sprachen zwei Angestellte miteinander. Ihre Stimmen dröhnten durch jeden Gang, jeden Raum und jeden Winkel. Sie durchschnitten die Stille im Speisesaal wie Gewehrfeuer.

    »Die Lady wünscht ausdrücklich nicht gestört zu werden. Ich musste sie fast die Treppe hinauftragen. Nur noch Haut und Knochen, die Arme.«

    »Toller Arzt, den sie da hat. Ein Pfuscher ist das, jawohl. Keine Medizin der Welt heilt das Herz einer trauernden Mutter. Gott sei ihr gnädig

    Octavian sah von seinen Händen auf. Niemand der Anwesenden machte den Eindruck, die geflüsterten Worte ebenfalls gehört zu haben. Was äußerst unerfreulich war, denn Octavian hatte bereits seit Wochen die ungute Vermutung, dass er langsam aber sicher verrückt wurde.

    Es hatte mit den leisen Stimmen der Hausangestellten angefangen. Er hörte sie selbst dann flüstern, wenn sie mehrere Räume entfernt waren. Er hörte jedes Knarren im Holz. Jedes Surren und Knistern des elektrischen Lichts, welches sein Vater nur widerwillig auf Greenmarsh Manor nach dem hartnäckigen Drängen seiner Söhne hatte einrichten lassen. Nur wenige Monate vor Kriegsbeginn, als Horatio und Octavian frisch mit ihren Abschlüssen aus Eton geglaubt hatten, die Welt würde nur darauf warten, von ihnen erobert zu werden. Als alle gedacht hatten, Charlie würde als ältester Sohn den Titel erben und die junge Sophie Lewburry heiraten.

    Was waren sie jung gewesen. Naiv. So unerträglich dumm.

    Octavian hatte gesehen, wie weit schlauere Männer nach nur wenigen Wochen im Schützengraben verrückt geworden waren. Während die einen aufgehört hatten, irgendwas zu fühlen, waren andere nahezu süchtig nach dem Krieg geworden. Octavian war einer der wenigen Offiziere, die länger als ein Jahr überlebt hatten. Die meisten hatten nicht länger als vier Monate durchgehalten. Es hatte quasi schneller junge Ersatz-Offiziere geregnet, als man Todesbotschaften an frische Witwen oder nun sohnlose Mütter schreiben konnte.

    Es war somit mehr als grausame Ironie. Da hatte Octavian mit mehr Glück als Verstand den Gasangriff in Ypern und das Gemetzel von Loos überlebt, nur um hier beim Tee mit zwei schweigenden Männern zu sitzen und quasi zu spüren, wie ihn der Wahnsinn langsam aber sicher vergiftete.

    Octavian erhob sich von seinem Stuhl, wobei er möglichst viel Lärm verursachte. Er nickte erst seinem Vater zu, der ihn missbilligend ansah, dann dem alten Doktor.

    »Vater. Doktor Wilthmore.« Seine Stimme dröhnte förmlich durch die Mauern von Greenmarsh Manor. »Ich ziehe mich wie Mutter zurück.«

    Vielleicht, nur vielleicht, stieß er mit seinem Gehstock absichtlich gegen einen der leeren Stühle. Horatios Stuhl. Sie hatten immer nebeneinander gesessen. Ganz egal, wie oft ihr Vater sie auch versucht hatte zu trennen. Sie waren als Kinder nie weiter als einen Meter voneinander entfernt gewesen, verbunden durch ein unsichtbares Band, dass nur Brüder zu teilen schienen, die sich neun Monate lang den Bauch einer Mutter geteilt hatten.

    Octavian setzte seinen hoffnungslosen Kampf gegen die Stille fort, als er mit extra schwerfälligen Schritten durch die Eingangshalle und anschließend die Treppe hinauflärmte. Sein stures und ohne jede Frage albernes Verhalten belastete sein verletztes Bein, aber es hätte Octavian in diesem Moment nicht gleichgültiger sein können. Schmerz war ihm egal.

    Es war die Stille, die seinen Verstand fraß.

  • Hallo Octopoda

    ich habe mal in dein neues Projekt reingelesen und muss sagen - das gefällt mir richtig gut! Ich mag Octavian jetzt schon mit seinem Zynismus und seinen Erinnerungen und seiner Art, der Welt, in die er zurückgeschleudert wurde, den Kampf anzusagen. Und sei es nur mit dem Gehstock gegen die Stille anzugehen. Weil sie sonst seinen Verstand frisst. Uaaahhh ...X/ Gruselig.

    Das Setting fand ich sehr gut beschrieben. Ich hatte lebhaftes Kopfkino, obwohl an diesem Frühstück gar nicht Lebhaftes war. :rofl:

    Mir gefällt auch, wie du - ohne es direkt hinzuschreiben - dem Leser erklärst, dass Octavian der Einzige von den drei Brüdern ist, der aus Flandern zurückgekehrt ist. Und somit wohl nun der Erbe des Hauses. 8) Interessant fand ich auch die Andeutungen mit dem Verrücktwerden und dem verschärften Gehör bei Octavian. Deshalb dachte ich, dass ich diese Inhaltsangabe am Anfang gar nicht gebraucht hätte. Ja, das ist sicher das, was später mal auf dem Klappentext stehen wird und es soll Neugier wecken. Aber ich (persönlich) finde, du verrätst hier schon zu viel. :hmm:

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

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