Die geborenen Hüter [Arbeitstitel]

  • Also um mal das Ende einzuläuten. Denk dran, es ist Rohfassung. Ich werde es später weiter ausbauen... ;) Muss da erstmal alles sortieren he he he aber das was ich hab, finde ich net mal schlecht :assaultrifle: :comando:





    „Also wer wird denn gleich...“
    Hörte man jemand anderes aus dem Fahrzeug sprechen und die Beifahrer Tür öffnete sich. Aus der Dunkelheit des Fahrzeuges trat Brix, der an vorderster Stelle mitfuhr. Er stieg aus und nun erkannte ich, dass er an Statur und Auftreten Armel in nichts nachstand. Gut, er war älter, aber dennoch konnte selbst Gretchen sehen, dass dieser Mann eindeutig vom gleichen Schlag war wie unser Mann aus Stein. Er trug jedoch keinen Hüteranzug, sondern eine tarnfarbene Uniform, mit seinen Rangabzeichen darauf, die ihm durch sein Dasein als Bezirkspräsident automatisch verliehen wurden. Seine etwas längeren dunklen Haare waren streng nach hinten frisiert und somit war ein Blick in seine düstere Miene möglich.
    „Sie ist wahrscheinlich eine einfache Umweltaktivistin. Nichts was unsere Mission gefährden könnte.“, ließ er verlauten und Gretchen stieß darauf ein Laut des Entsetzens aus.
    „Pah... Ich eine Umweltaktivistin? Na da täuschen Sie sich aber. Ich bin Captain meiner örtlichen Baseballmannschaft und besitze gerade den Wurfball.“
    Brix stand neben dem Fahrzeug, als Jason blitzschnell den Gülleverteiler anstellte und die hintere Region mit Benzin tränkte. Brix war verwirrt. Er hörte das Geräusch, als die Flüssigkeit fächerartig über die hinteren Lastwagen verstreut wurde, aber so schnell konnte er sich keinen Reim daraus bilden.
    Gretchen winkte dem Fahrer im ersten Fahrzeug noch einmal verführerisch zu, ehe sie die Position eines werfenden Baseballspielers einnahm.
    „Feuer frei!“, murmelte sie, als der Benzingeruch zu ihr nach vorne durchdrang und schleuderte eine erste Feuerkugel ab. Sie war so groß wie ein Fußball, besaß aber die Sprengkraft zweier Dynamitstangen. Sie traf damit das vorderste Fahrzeug, der insgesamt sieben. Es war ein Raunen, gepaart mit dem Geräusch von biegenden Metall. Ohrenbetäubend laut und es brachte den Funkt kurz zum Rauschen. Die Schnauze des Fahrzeuges wurde in die Luft geschleudert und Brix sprang zur Seite. Wir alle hörten das laute Klimpern der Munition, die aus den Lastwagen zu Boden fiel.
    „Es sind Magapatronen! Genauso wie ich sagte! Wo ist mein gewonnener Wetteinsatz?“, brüllte Morph durch den Funk, der sich im oberen Teil des Gemischtwarenladens versteckte. Das Feuer griff über und entzündete das Benzin, welches über den Fahrzeugen verstreut war, aber nicht nur die, sondern fast die gesamte Straße fing an zu brennen. Es wurde damit auch immer gefährlicher, denn die Flammen verzerrten alles, was ihnen in den Weg kam.
    „Raus aus den Fahrzeugen! Knallt sie alle ab wie die Hunde.“, schrie Brix und stand auf. Das war Gretchens Stichwort zu verschwinden. Die Soldaten sprangen aus den brennenden Lastwagen und rannten die Straße hinauf. Noch in der Verwirrung und der Hektik, fingen sie an zu schießen, aber nicht nur sie, auch die Bewohner von Falls hatten bereits die Soldaten ins Visier genommen. Sie feuerten aus den oberen Wohnungen, aus den Geschäften und von den Dächern. Das Feuer kämpfte sich vor und jagte einen Lastwagen nach dem anderen in die Luft, als diese lichterloh in Flammen standen. Auch den Gülleverteiler zersprengte in tausend Teile, als er vom Feuer eingenommen wurde und riss eine riesige Schneise in ihre Reihen.
    Wieder und wieder knallte es und man hörte das pfeifende Geräusch von schmelzenden Plastik, umherfliegenden Metall und die Schreie der Soldaten, als auch ihre Uniformen zu brennen begannen oder sie von den explodierenden Lastwagen auseinander gerissen wurden. Es rannten Männer umher, denen fehlten Gliedmaßen und noch im Schock suchten sie danach, obwohl sie von allen Seiten beschossen wurden. Blutüberströmt riefen manche, die am Boden lagen, nach ihren Mütter, Brüdern oder Vätern. Ich hörte sie bis in den Keller und mir wurde übel zumute, als ich die Soldaten durch die Kameras sah. Die Schüsse von Falls waren demnach eine Erlösung für sie, als eine wirkliche Strafe.
    Es hatte also begonnen.
    Armel hatte währenddessen Brix, in sicherer Entfernung ausgemacht. Er spürte die Hitze auf seinem Gesicht und lief mitten auf die Straße. Da Robert Brix darauf behaarte, dass die gleich seien, wollte Armel den verdorbenen Hüter selbst erledigen. Er wollte ihm zeigen, dass er ihm in nichts gleich war. Gretchen rannte an Armel vorbei und wollte sich zu mir in den Keller flüchten. Mit wütenden Augen sah er dabei über die Straße, obwohl überall die Kugeln umherflogen.
    Es war zunächst schwer überhaupt den Überblick zu behalten. Draußen befanden sich um die 300 Soldaten. Mehr oder weniger auch schon Verletzte darunter und war überall Feuer.
    „Du gehörst mir, Stirling! Ich hätte dich gleich erschießen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte!“, brüllte Brix über die Straße und beide sahen sich in der Dunkelheit und den lodernden Lichter der Flammen an.
    „Jetzt klären wir das ein für allemal.“, flüstere Brix und rannte auf Armel zu.


    Währenddessen saß Margret auf dem Dach von Peters Modegeschäft. Der sich übrigens bei Meredith in der Kirche befand. Anders war es von diesem Hasenfuß auch nicht zu erwarten, obwohl ich darüber nicht einmal unglücklich war. Dort konnte er sich wenigstens nützlich machen und Familie hatte ich schon genügend verloren.
    „Dia! Ich sehe mehrere Soldaten recht unten. Zünde das erste Päckchen!“, befahl sie mir und ich sah auf das Steuerpult
    Mit meinen hektischen Augen suchte ich schnell die passende Beschreibung und drückte den Knopf für – Peters Schwuchtelladen –. Das hatte eindeutig Armel geschrieben. Die Ladung ging hoch und Margret schrie freudig durch den Funk.
    „Da fliegen sie!“, brüllte sie und auf dem Bildschirm sah ich wie die Männer auseinander gerissen wurden. Es waren drei oder vier, schwer zu sagen in all der Hektik, aber ich sah all das Blut. So langsam Begriff jeder von ihnen, dass sie es nicht mit einfachen Dorfidioten zu tun hatten, sondern mit ebenbürtigen Gegnern und sie gerieten weiter in Panik. Sie waren fast blind unserem Angriff ausgesetzt, denn das Feuer und die Explosionen tauchten alles in einen nach Schwefel riechenden Nebel, gepaart mit dem süßlichen Geruch von verbrannten Fleisch. Genauso blind schossen sie umher und erwischten ihre eigenen Leute. Man konnte hören wie die Kugeln Fleisch durchschlugen und die Hauptstraße von Falls färbte sich rot.


    Jetzt wo ich sicher sein konnte, dass Brix Teil des Konvois war, tippte ich eine Nachricht an Domenico und das er nun versuchen konnte seine Familie zu befreien. Ich hoffte, dass die Nummer noch aktiv war, die er Armel mit seinem Anruf übermittelt hatte, aber dies lag außerhalb meiner Kenntnisse und auch Möglichkeiten, es wenn nicht zu ändern.

    "Habent sua fata libelli."

    ("Bücher haben ihre Schicksale.")

    - Terentianus Maurus

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  • „Scheiße, wer ist das denn?“, hörte ich plötzlich Morph brüllen, als ich mich wieder den Bildschirmen zuwandte. Durch den Qualm des Feuers hindurch, sah ich plötzlich die Lichter eines Fahrzeuges. Die erste Kamera in der Straße zeigte genau drauf und ich rückte näher an den Computer heran.
    Im gleichen Moment kam Gretchen die Treppe hinunter und sprang um das Geländer herum und verharrte wie ich vor dem Bild.
    Das Auto raste ungebremst an den brennenden Fahrzeugen vorbei und mähte einige Soldaten um, die noch nicht versucht hatten Schutz in den Häusern zu suchen. Sie flogen ungehindert über die Motorhaube hinweg und ihre Knochen zerschellten auf der Straße.
    „Das ist meine Karre, aber...“, schrie Margret und mir rutschte das Herz in die Knie.
    „Alex...“, flüsterte ich und verfolgte den Wagen mit den Kameras.


    Armel und Brix wichen ebenfalls dem Wagen aus und auch wenn Armel gerne reagiert hätte, er wusste, wir waren auch noch da. Er musste sich auf Brix konzentrieren, der zum ersten Schlag ausholte und Armel parierte mit seinem rechten Unterarm. Mit seiner linken Faust schlug er Brix seitlich in die Rippen und das mehrere Male. Brix stolperte zurück und bäumte sich wieder auf.
    „Lachhaft!“, sagte er und nahm sich eine abgefallene Stoßstange zur Hilfe.
    Armel lief ein paar Schritte rückwärts und riss einem parkenden Auto die Fahrertür ab.
    Augenblicklich fing Brix an auf Armel einzuschlagen, aber Armel benutze die Autotür als Schild. Als Brix eine Sekunde zögerte, rannte Armel mit der Autotür auf ihn zu und drängte ihn so gegen die nächste Häuserwand. Es war ein wahrer Bosskampf zwischen ihnen und keiner der Soldaten hätte sich getraut Brix die Genugtuung abzunehmen, Armel zu töten. Dieser jemand wäre nämlich selbst, bei dem leisesten Versuch dabei, draufgegangen.


    Das Auto, was gerade noch an ihnen vorbei gerauscht war, streifte ein paar andere parkenden Autos und überschlug sich mitten auf der Fahrbahn und blieb auf dem Autodach liegen.
    „Jason?“, rief ich durch den Funk, „Das Auto gerade...“
    „Ich weiß.“, antwortete er, „Ich sehe nach!“
    Jason trat aus seinem Versteck in Peters Laden und rannte los. Durch die Flammen hindurch, schnell wie ein Blitz, sprang er auf die Motorhaube eines Fahrzeuges und flog förmlich durch die Luft, auf das Dach des Gemischtwarenladens. Die Bewohner der Häuser gaben ihm sofort Rückendeckung, als hätten sie schon immer zusammengearbeitet. Simon, Leeroy und einige andere feuerten, was ihre Waffen hergaben und Jason rannte und sprang über die Dächer. Wieder landete er mit förmlich rotierenden Füßen auf dem letzten Dach, vor Margrets Wagen und sprang dann hinunter. Er nähere sich dem Fahrzeug plötzlich nur sehr langsam. Ich glaube, ihm war genauso bang davor hinein zu sehen wie es auch mir gewesen wäre.
    Dennoch wolle ich wissen, ob Alex im Auto war.
    „Ist sie drin?“, schrie ich deshalb durch den Funk.
    „Ich weiß es noch nicht!“, antwortete Jason mit belegter Stimme und sah sich das Auto an, dessen Räder sich immer noch drehten.
    „Dann sieh verfluchte scheiße noch eins nach!“, brüllte ich weiter und Jason öffnete die Fahrertür.
    „Das Auto ist leer!“, sprach er und sah sich sofort um.
    „Sie hat ein kleines Brett auf die Pedale geschraubt.“, erklärte er und wieder suchte ich die Kameras ab, denn weit konnte sie nicht sein.
    „Ist Alex ein kleines dunkelhaariges Mädchen?“, hörte ich plötzlich Leeroy durch den Funk.
    „Ja,... Ja ist sie!“, rief ich und Gretchen zeigte neben mir auf die 5. Kameraeinstellung. Alex stand am Ende des Konvois und versteckte sich im Kampfgetümmel unter einem Auto, umgeben vom Feuer.
    „Jason. Sie ist unter dem beigen Kombi, am Ende des Konvois!“
    Und wieder lief er los.


    Ich hörte Fensterglas brechen, das Lodern des Feuers und allem voran wusste ich Alex unter einem der Autos. Aber nicht nur ich bekam sie mit, sondern auch einer der Soldaten sah sie unter das Auto flüchten. Ein Mädchen ihres Alters war ein willkommenes Schutzschild, um seine eigene Haut zu retten. Der junge Mann lief auf das Auto zu und hielt sein Gewehr ausgestreckt vor sich.
    Ich weiß nicht was er rief oder was er zu Alex sagte, aber er brachte sie dazu, unter dem Auto hervorzukommen. Sie kroch auf der anderen Seite hinaus und stand mit erhobenen Händen vor ihm. Nur der Kombi trennte beide voneinander und er legte sein Gewehr an. Anscheinend hatte Alex keine Lust seine Geisel zu spielen und er hatte keine Lust von ihr hinterrücks erschossen zu werden. Also wollte er sie eliminieren. Meine Pupillen weiteten sich. Selbst Gretchen brachte kein Wort hervor. Aber bevor er abdrücken konnte, tauchte ein Schatten auf. Dieser ergriff Alex und umfasste ihre Hüfte mit seinem Arm.
    Es war Jason, der sich mit Alex zusammen einmal um seine eigene Achse drehte. So zog er Alex aus der Schussbahn und griff blitzschnell, mit seiner freien Hand, nach seiner eigenen Waffe. Als er sich dem Soldaten zugewandt hatte, gab Jason genauso wie der Soldat einen Schuss ab. Jason streifte die Kugel nur an der Schulter seines Anzuges, aber ohne ihn zu verletzen. Den Soldaten traf aber Jasons Kugel genau zwischen die Augen und er kippte vorn über. Wir wussten nicht mit was sie schossen. Ob mit Magapatronen oder normaler Munition, aber wir wollten es auch gar nicht erst herausfinden. Beides war tödlich für jeden von uns.
    Jason hielt Alex in seinem Arm und sah auf sie hinunter. Seine Augen untersuchten sie sofort.
    „Bist du in Ordnung?“, fragte er und erschrocken nickte sie.
    „Was willst du hier? Bist du denn völlig irre?“, schoss er die Frage hinterher, aber bevor sie antworten konnte, nahm er sie hoch und rannte weiter.
    „Bring sie zu mir und Gretchen in den Keller!“, befahl ich ihm und er wich währenddessen den Kugeln der Soldaten aus.
    „Was glaubst du was ich vorhabe? Einen Spaziergang?“, blökte er und sprang von einem Vordach auf ein anderes Fahrzeug und dann in Bobs Laden.
    „Ich wollte euch nur helfen!“, rechtfertigte sich Alex plötzlich und Jason sah wütend auf sie hinunter.
    „Helfen? Was hattest du vor? Ein paar Glühbirnen zum Platzen bringen?Das ist kein Kinderspielplatz!“, schrie er sie an und setze sie im Laden neben Morph ab.

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  • Die Soldaten versuchten in der Zwischenzeit, den Schützen in den Häusern den Garaus zu machen. Sie machten sich an den Barrikaden zu schaffen, die sie vor die Türen der Wohnungen aufgebaut hatten und ich hörte ihre Hilferufe durch den Funk. Doch wir waren nicht so viele, dass wir allen helfen konnten. Ich sah Gretchen an, die mir nur zunickte und aufstand. In eine der Wohnungen war auch Mike und sein Vater. Ich wusste sie würde sich nicht davon abbringen lassen, ihnen zu helfen, aber auch Margret hörte ich durch den Funk.
    „Ich glaube, ich bin gleich nicht mehr alleine.“, sagte sie und als ich in die Kameras sah, sah ich wie einige Soldaten in Peters Laden liefen. Sie hatten winzige Päckchen Sprengstoff dabei, anscheinend um die Tür zum Dach aufzusprengen.
    „Darum kümmere ich mich.“, antwortete Jason und lud seine Waffe nach. Margret war immerhin seine Partnerin und wenn jemand sie angriff, wurde es persönlich.
    „Ich gebe dir Rückendeckung!“, sagte Morph und Alex wurde gezwungen in den Keller zu gehen. Sie kam mit bekümmerter Miene zu mir und ich konnte ihr nicht einmal böse sein. Ich kannte ihre Beweggründe nur zu gut und obwohl wir nicht wirklich verwandt waren, erkannte ich viel von mir selbst in ihr.
    Ich sah sie mit einem wärmenden Blick an und nahm sie kurz in den Arm.
    „Es tut mir so Leid!“, wimmerte sie an meiner Schulter und kurz wiegte ich sie in meiner Umarmung.

    Armel und Brix schlugen sich weiter und sahen ein, dass sie so nicht weiterkamen. Brix zog sein Armeemesser aus einem seiner Stiefel und hielt es schützende vor sich. Armel musste nun seinen Hieben ausweichen, den auch mit Knochen aus Lonsdaleit, waren seine Organe jedoch genauso empfindlich wie die eines jeden anderen Menschen, was im Übrigen auch für Brix galt. Ich konnte sehen wie Brix versuchte sein zirka 35 Zentimeter langes Messer in Armel Unterleib zu rammen, aber auch Armel war nicht vollkommen unvorbereitet an diesen Kampf herangegangen. Er ahnte schon, dass Brix nicht ganz fair kämpfen würde, wobei ich mich immer fragte, was in einem Krieg schon fair war. Gab es da Regeln? Ich denke in diesem gab es keine. Armel zog sein Messer und stellte sich in Abwehrhaltung vor ihn. Mir dauerte das alles zu lange und die Situation spitzte sich zu. Auch die anderen Autos fingen Feuer und flogen in die Luft. Brix und Armel führten den Kampf weiter die Straße hinunter fort und waren umgeben von den Rauchschwaden. Die Soldaten suchten Schutz. Sie versuchten sich zu sammeln und den Überblick zu behalten, aber da drückte ich schon die Knöpfe an den Steuerpulten. Wir rissen sie ständig auseinander, töteten schon gefühlte Tausend von ihnen und immer wieder sah ich welche in den Kameras. Wie viele waren noch dort draußen? Ich wusste es nicht. Ich konnte kaum noch etwas durch die Kameras erkennen, denn der Rauch hüllte alles ein. So entging mir auch, dass eine kleine Gruppe von ihnen anscheinend unser Versteck ausmachten. Diese Kerle waren ja nicht dumm. Sie umgingen unsere Kameras und brachten im Schutz des Rauchen eine Sprengladung neben dem Laden von Bob an und flüchteten sich dann in ein Nebengebäude. Leeroy, Simon und die anderen versuchten ihre Stellung zu halten, die Türen weiter zu verrammeln, aber wir waren zu wenige, um überall an gleicher Stelle zu agieren. Somit war klar, dass ich eingreifen musste. Ich konnte nicht im Keller bleiben und untätig zusehen wie Armel vielleicht noch erstochen wurde.
    „Ihr bleibt hier!“, sagte ich zu Gretchen und Alex und nahm mir eins der Gewehre und zusätzlich noch ein Messer. Armel brachte mir bei, mich niemals nur mit einer Waffe zufrieden zu geben, denn ein Gewehr oder eine Pistole konnte mir entrissen werden.
    „Was hast du vor?“, stotterte Gretchen und ich lud nach.
    „Ich werde Armel helfen. Ihr behaltet die Kameras im Auge und egal was ihr hört, egal was geschieht, ihr bleibt hier unten!“, sprach ich mit fester Stimme und lief nach oben. Morph musterte mich, während er mit Jason einen Plan ausmachte wie sie Margret vom Dach holten. Ich wartete nicht auf seine Bestätigung, sondern lief einfach nach draußen und dann, unter Beschuss, die Straße hinunter. Kugeln schlugen neben meinen Füßen ein, in den Beton der Hauswand, aber ich verschwand in den Nebelschwaden des Feuers und der Explosionen.
    Natürlich hörte ich Morph mir nachrufen, aber ich ließ ihnen keine Möglichkeit mich abzuhalten. Mein Herz schlug rasend schnell, ich stand Todesängste aus, aber ich musste etwas tun. Ich versteckte mich eilig in einer kleinen Sackgasse, wo zuvor einer unserer Sprengladungen hochging und ich musste mir das Würgen verkneifen. Ich hatte noch nie so viel Blut gesehen. Es sah aus wie auf einem Schlachthof. Mir wurde noch schlechter und ich musste ein paar Mal tief einatmen, obwohl daraufhin ein Husten folgte, wegen des ganzen Qualmes. Vier Soldaten rannten an mir vorbei und ich lehnte mich gegen die leicht geschmolzene Mülltonne, damit sie mich nicht sahen. Ich musste mir meine Hand stark gegen den Mund pressen, damit auch mein Husten nicht zu hören war.
    Neben mir lag zudem noch die Leiche eines Mannes. Glassplitter hatten sein Gesicht zerrissen und man konnte nicht einmal mehr erkennen wie er einst aussah. Die Blutlache reichte bis zu meinen Schuhen. Am Liebsten hätte ich geschrien, aber ich verbot es mir selbst. Er trug eine schusssichere Weste, was mich auf die Idee brachte, dass er sie ja nun nicht mehr brauchte. Vorsichtig, mit den Augen auf die Straße gerichtet, zog ich sie ihm aus. Wieder musste ich mich fast übergeben, aber ich hielt es zurück. Sein Blut war klebrig. Es klebte an meinen Händen und war noch warm. Es war so widerlich, aber ich wollte diese Weste haben. Dafür musste ich eben über Leichen gehen und zum ersten Mal verstand ich diesen Wortlaut. Kugeln flogen durch die Gegend und ich wollte zumindest etwas geschützt sein. Angeekelt zog ich sie an und dann konnte ich nicht mehr. Einmal zumindest musste ich mich übergeben und säuerlich bitter trat meine letzte Mahlzeit zu Tage. Ich spukte leise neben die Mülltonne. Ich war wirklich nicht für den Krieg gemacht, aber meine Gefühle zu Armel zwangen mich weiter zu machen.

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  • Ich sah vorsichtig um die Häuserecke. Niemand war gerade in Sicht, als ich sie verließ und etwas die Straße hinter lief, immer in gebückter Haltung und Schutz suchend hinter den restlichen noch intakten Fahrzeugen von einigen Standbewohnern. Und da sah ich Armel und Brix.
    Dadurch, dass ich sie nicht mehr beobachten konnte und sie ohnehin den Kameras entschwunden waren, sah ich erst jetzt, dass Armel und Brix nun Schusswaffen in ihrer Hand hielten. Im Kampf hatten beide Waffen der getöteten Soldaten entwendet und hatten sie aufeinander gerichtet. Eine Pattsituation. Brix´s Männer waren damit beschäftigt uns den Garaus zu machen und wir ihnen, beide standen sich für diesen Augenblick weiterhin allein gegenüber.
    „Leider heißt mein Befehlt jeden zu töten, der sich uns in den Weg stellt!“, ließ Brix verlauten und Armel grinste nur. Beide hatten zerschnittene Unterarme und das Blut tropfte auf die Straße. Beide sahen wirklich übel zugerichtet aus und hatten unzählige Abwehrverletzungen. Armels linke Augenbraue war aufgeplatzt und Brix Wange hatte einen tiefen Schnitt.
    „Du befolgst Befehle? Ich bin freiwillig hier!“, konterte Armel und beide zogen die Abzüge ihrer Waffen nach hinten.
    „Ihr alle habt ja keine Ahnung, was sich hinter euren Rücken zusammenbraut. Es gibt mächtigere Hüter als uns beide. Stärker und wahren Göttern gleich. Irgendwann ist man gezwungen sich zu entscheiden, auf wessen Seite man steht und wir Hüter haben genug erdulden müssen.“, knurrte Brix.
    „Und deshalb tötest du deinesgleichen?“
    „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Das müsste doch auch selbst dir ein Begriff sein. Zudem verderben zu viele Köche den Brei. Nur die Stärksten von uns sollten als Götter herrschen, was sind da ein paar Hüter mehr oder weniger.“
    Ich verließ meine Deckung und rannte auf Brix hinterrücks zu. Ich wollte ihn einfach erschießen, aber dazu musste ich näher ran. Ich durfte nicht daneben schießen und aus einer all zu großen Entfernung sah ich das als sehr wahrscheinlich.
    Armel sah mich und aus einem besorgten Reflex heraus rief er stoßartig meinen Namen.
    „Dia!“, brüllte er und Brix zielte weiter auf ihn, wandte seinen Kopf aber kurz in meine Richtung, ehe ein Soldat neben mir auftauchte und mit dem Griff seiner Waffe gegen meine Stirn schlug.
    Benommen fiel ich zu Boden. Es drehte sich alles und ich sah doppelt.
    „O seht an wer zu unserer Party kommt. Ist das deine liebliche kleine Frau, Arthmael?“, verhöhnte Brix uns und der andere Soldat zielte auf meinen Kopf, während Brix Armel durch mich in Schach hielt.
    „Wird Zeit die Waffe fallen zu lassen und dem Tod ins Auge zu blicken.“, wurde Brix Stimme tiefer und Armel tat was er verlangte.
    Er warf sich die Pistole vor seine Füße und erhob seine Hände.
    „Lass sie da raus.“, bat Armel ihn, aber Brix grinste ihn nur an. Mir dröhnte der Schädel. Ich wandte mich auf dem Boden umher und versuchte meine Augen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Der Soldat lief vor mich und trat das Gewehr in weite Ferne. Doch da war ja noch mein Messer. Ich hatte es unter meinem T-Shirt, zwischen dem Hosenbund gesteckt und unter meinen windenden Bewegungen zog ich es heraus.
    „Erschieß sie!“, befahl Brix dem Soldaten, aber ehe er sich zu mir sehen konnte, zückte ich das Messer und Schnitt ihm langezogen in seine rechte Wade.
    Er schrie auf, stürzte neben mich und Brix sah erschrocken wieder zu uns. Erneut wandte ich das Messer in meiner Hand und stach dem Soldaten in den Hals. Ich drehte die Schneide darin und hörte wie er röchelte.
    „Stirb endlich!“, brüllte ich und Armel ergriff just in diesem Moment wieder seine Pistole. Bevor Brix überhaupt realisierte, was geschehen war, feuerte Armel das gesamte Magazin auf ihn ab, aber nicht in seinen Kopf. Er zielte auf Hals und Bauch und die Kugeln durchdrangen seinen Körper.
    Brix´s schoss reflexartig eine Kugel ab, die aber nur Armels Oberarm traf. Vollgepumpt mit Adrenalin war das zu verkraften für ihn.
    Der Soldat vor mir strampelte mit seinen Beine, als er an seinem eigenen Blut erstickte und Armel fing währenddessen den zusammensackenden Bezirkspräsidenten auf. Er gluckste ebenso wie sein Soldat, aber nicht weil sich seine Atemwege mit Blut füllten. Armel hatte ihn gezielt den Hals zerschossen, weil dort eine Hauptschlagader verlief, so wie bei jedem Menschen. Genauso wie im Bauchraum. Brix drohte jämmerlich zu verbluten.
    Armel ließ ihn zu Boden sinken und sah ihn hasserfüllt an.
    „Es wird Zeit dem Tod ins Auge zu blicken!“, wiederholte Armel seine Worte leise und unter hektischer Atmung antwortete Brix leise:
    „Es werden andere kommen...“ Und hauchte sein Leben aus, genauso wie der Soldat, der vor mir lag.
    Umgehend sprang Armel auf, nahm mich am Arm und rannte von der Straße hinunter, als erneut wüste Schießereien anfingen.
    Ich wollte mich gerade beginnen zu freuen, als eine weitere Explosion die Erde zum Beben brachte. Es war Bobs Laden.
    Die Soldaten zündeten ihren Sprengsatz, als sie im Gebäude gegenüber Schutz fanden.
    Auf der Stelle schrie ich los und Armel riss mir am Arm, als ich hinrennen wollte. Jason, Morph, Gretchen und Alex waren dort.
    Es war uns kein Moment des Triumphs vergönnt.
    Ich wusste ja, dass Jason sich bereit machen wollte, um zu Margret durchzudringen.
    Morph konnte Jason nicht folgen, sondern nur von der zerschossenen Eingangstür Deckung geben, denn er war für unseren Schutz eigentlich zuständig.
    Die Explosion erfasste jeden oben befindlichen mit einer zerstörerischen Druckwelle, gefolgt von Hitze und Feuer.
    Jason und Morph waren oben und das wussten ich. Ich betete, dass Gretchen und Alex noch im Keller waren.

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  • Armel drängte mich zwischen zwei Häuser und sah vorsichtig die Straße hinaus.
    „Wir müssen zu ihnen, wir müssen...“
    „Langsam Dia!“, ermahnte er mich besonnen.
    „Ich weiß, aber wir dürfen nichts überstürzen. Tod bringen wir ihnen auch nichts.“
    „Dia... was... unten los?“, stockte es rauschend durch den Funk und es war Margrets Stimme. Ich versuchte mir mein Ohr zuzuhalten, aber besser wurde dadurch die Verbindung auch nicht. Das Feuer, die Explosionen und die Schwankungen der Stromleitungen durch die Erschütterungen störten unsere Verbindung.
    „In Bobs Laden ist ein Sprengsatz hochgegangen. Jason und Morph waren oben! Ich weiß nicht, was mit ihnen ist.“, antwortete ich und Armel sah zu Margret auf das Dach.
    „Ich... weiß!“, antwortete Margret mit ebenfalls bekümmerter Stimme
    „Es wird nicht mehr lange dauern, dann sitzen die anderen, Leeroy, Simon, Mike und Margret wie auf dem Präsentierteller.“, flüstere Armel
    „Dann teilen wir uns auf!“, schlug ich vor.
    „Ich laufe in den Laden und sehe nach den anderen. Du hilfst Margret und den Bewohnern diese Kerle aus unserer Stadt zu vertreiben. Sie brauchen dich und du bist dafür viel besser geeignet und ausgebildet als ich.“
    „Bist du sicher, dass du klarkommst? Denn wenn sie...“
    Ich räusperte. Nein, war ich nicht, aber was hätte ich schon antworten sollen. Wären sie tot gewesen, dann hätte es ohnehin nichts gebracht, wenn wir beide ratlos im Raum standen. Armel sollte den anderen helfen und ich sah nach, ob ich überhaupt noch jemanden helfen konnte.
    Armel schnappte sich seine Waffe und lud ein vollen Magazin nach.
    „Sag mir sofort Bescheid, wenn etwas ist, dann komme ich zu dir!“, sprach Armel und ich nickte nur. Ich versuchte noch einmal durch den Funk Margret zu sagen, dass Armel nun auf dem Weg war, aber die Verbindung war nun endgültig abgerissen. Umso wichtiger war es, dass Armel keine Zeit verlor.
    Er gab mir Deckung, während wir zusammen etwas die Straße hinauf rannten und er dann über die Straße lief und ich in den Laden hinein stolperte.
    Umgehend flog ich fast über die umgestürzten Regale und Waren. Mit meinen Händen konnte ich mich gerade noch so an den metallenen Verstrebungen eines der Regale abfangen und kletterte drüber.
    „Gretchen? Alex?“, schrie ich und wartete die bangen Sekunden.
    „Dia, bist du es? Geht es dir gut?“, hörte ich den lieblichen Klang von Gretchens Stimme aus dem Keller.
    „Mir geht es gut! Alex?“
    „Mir geht es auch gut? Was ist mit den anderen?“, fragte sie gleich, aber ich wollte ihr nicht sofort etwas sagen. Noch war ich keiner Leiche begegnet und selbst wenn, hätte ich ihr es nicht noch beschrieben.
    „Bleibt unten. Egal was ist, ihr bleibt unten. Habt ihr mich verstanden!“
    „Aber...“, ertönte es von Margret.
    „Bleibt einfach im Keller!“, brüllte ich schon mit heiserer Stimme und fing an mich umzusehen. Eigentlich wollte ich das nicht. Bei jedem Drehen oder wegschieben von Gegenständen wie der Kasse und einigen Lebensmitteln, wurde mir heiß. Ich wusste sie mussten hier irgendwo sein, aber wirklich finden wollte ich sie nicht.
    „Morph? Jason?“, flüsterte ich leise und betete dass sie am Leben waren, auch wenn die Chance dafür schwindend gering war.
    „Antwortet!“, flehte ich, aber ihre Stimmen waren verstummt. Ich konnte kaum etwas erkennen. Die Deckenverkleidung hing hinunter und die Sprenkleranlage des Geschäftes lief und begann meine Kleidung zu durchnässen.
    Der Boden war rutschig und kaum etwas erinnerte noch an einen Gemischtwarenladen. Fenster und Türen waren aufgesprengt worden und ich wollte gar nicht daran denken, wenn schon der Laden so aussah wie ich dann die beiden auffinden würde. Ich lief um einen Betonpfeiler herum, wo zuvor ein Regal davorstand und da sah ich zuvor Morph. Ich sah ihn durch die leeren Regale hindurch und es hing in schräger Lage. Alle Regale waren umgefallen oder waren gegen die Wand geschleudert worden. Ein Kupferohr hatte sich durch seine linke Lunge gebohrt und ihn an die Wand geheftet. Erschrocken trat ich durch Dosensuppen und Packungen von Toilettenpier und passierte den Pfeiler, als ich zu Boden sah.
    Ich schrie. Ich schrie was meine Lunge hergab. Da lag Jason. Direkt vor mir und als hätte Morphs erschreckender Anblick nicht ausgereicht, musste es Jason sein, der mit einem abgetrennten rechten Bein vor mir lag. Sein Anzug war vollkommen zerrissen und eine riesige Blutlache hatte sich vor ihm gebildet.
    Durch meine Schreie kam Morph wieder zu sich und sah sich ebenfalls um. Er musste unter Schock stehen, denn ich stand es.
    Er sah an seine linke Schulter hinunter und begriff, dass er wirklich schwer verletzt war.
    „Dia...Dia!“, stöhnte er leise und versuchte mich zur Vernunft zu bringen. Mit Augen voller Tränen und unter Schnappatmung sah ich ihn an.
    „Du musst mich von der Wand holen! Sofort!“, befahl er mir, aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich zitterte am ganzen Körper und sah den leblosen Jason am Boden liegen.
    „I-Ist er tot?“, fragte ich Morph benommen und er sah unter eigenen großen Schmerzen zu Jason hinunter.
    „Noch nicht, aber bald, wenn du mich nicht befreist!“
    Morph hustete und ich sah wie Blut an seinen Mundwinkeln hinunterlief.
    „Wie schlimm bist du verletzt?“, stotterte ich und versuchte mit dem Weinen aufzuhören und wieder atmen zu können, aber das war mit kaum möglich.
    „Hol mich von der Wand!“, versuchte er zu schreien, aber ab da wurde mir bewusst, dass seine Lunge sich bereits mit Blut füllte. Er bekam kaum selbst Luft und zerrte schon selbst an dem verkeilten Rohr, was ihn gefangen hielt.
    Ich lief auf ihn zu und griff nach dem Kupferrohr, aber es war nicht aus der Wand zu bekommen. Zumindest nicht mit meinen Kräften. Mir bleib nichts anderes übrig, als ihn von dem Rohr zu ziehen, da es einigermaßen glatt abgerissen war, von wo es auch immer stammte.
    „Bist du bereit?“, fragte ich und er nickte.
    „Werde mir nur nicht wieder bewusstlos.“, flehte ich ihn an, denn er war Jasons einzige Hoffnung. Ich stellte mich ihm zur Seite und drückte ihn nach vorne. Morph versuchte seine Schreie zu unterdrücken, um nicht noch ungebetene Gäste anzulocken, aber ich glaube, die hatten gerade ihre eigenen Probleme. Überall draußen lagen Teile ihrer Kameraden herum und ob böse oder nicht, dies ließ niemanden kalt. Es war eine Art unausgesprochener Waffenstillstand, der aber sicherlich nicht lange anhalten sollte. Morph selbst stieß sich mit seiner rechten Hand so weit es ging ab und dann war es geschafft. Sofort stützte ich ihn. Er stöhnte und wimmerte. Ich war wahrscheinlich der Ohnmacht näher als er.
    Aber als ich mit ihm nach vorne sah, stand Alex plötzlich vor Jason und uns.
    „Kannst du nicht einmal hören!“, blökte ich und sie verharrte mit ihren Augen auf Jasons abgetrennten Bein. Es wurde von der Explosion etwas oberhalb des Knies abgerissen und war wahrlich kein Anblick für ein Mädchen ihres Alters. Es war nicht einmal ein Anblick für eine Frau meines Alters. Sie atmete nur hektisch ein und aus und es wirkte, als würde Alex hyperventilieren. Hinter Alex tauchte auch Gretchen auf, die sich verschreckt die Hand vor dem Mund hielt.
    „O Gott...“, stieß sie erneut aus und musste sich ebenfalls zusammenreißen.
    „Gott hilft uns jetzt auch nicht weiter!“, wimmerte ich und setze Morph neben Jason ab.
    „Kannst du sein Bein wieder heilen?“, fragte Alex und atmete immer noch, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen.
    Morph hustete erneut und immer mehr Blut kam zum Vorschein.
    „Ich bin ein Heiler, kein Magier. Ich kann nicht heilen, was nicht mehr da ist, aber ich kann die Wunde schließen.“
    „Aber er ist doch ein Läufer! Was ist ein Läufer ohne zwei Beine? Er brauch seine Beine.“, wurde Alex hysterisch und fing wieder an zu schreien.
    „Nein, nein, nein! Was ist er ohne sein rechtes Bein...“
    „Am Leben!“, brülle Morph und unterbrach somit Alex. Gretchen nahm sie in den Arm und drehte sie von uns weg.
    „Was ist mit dir? Willst du dich nicht zuerst heilen?“, fragte ich Morph und er schüttelte seinen Kopf.
    „Ich kann mich nicht heilen. Ein Fluch, der auf uns Heilern lastet. Aber anderenfalls wäre wir unsterblich und würden nicht altern. Meinen Tod kann ich vielleicht nicht mehr abwenden, aber ich habe zumindest das passende Alter dafür. Jason ist dafür zu jung!“
    Ich verstand was er meinte. Morph legte seine Hand auf den Oberkörper von Jason und schloss seine Augen.
    „Das ist alles meine Schuld. Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre er wahrscheinlich nicht hier im Gebäude gewesen.“, wimmerte Alex und Gretchen schüttelte ihren Kopf nur wortlos.
    „Nein, Alex...“, antwortete ich verbissen, „... Schuld sind Brix und seine Leute. Wir alle wussten worauf wir uns einließen, aber wenn sie nicht wären, dann wäre all dies hier nicht nötig gewesen!“
    „Sie sind Schuld!“, murmelte Alex und schien sich zu beruhigen, zumindest dachte ich das, aber sie stand vollkommen neben sich. Sie löste sich aus Gretchens Umarmung und sah noch einmal auf Jason und Morph hinunter.
    „Wäre es euch lieber, sie wären alle Tod?“, fragte sie uns und ich wollte eigentlich darauf nicht antworten, aber geprägt von den Eindrücken und den Geschehnissen nickte ich einfach nur.
    Alex sah sich um und lief plötzlich zur Eingangstür, wo durch ein umgefallenes Regal ein Spalt nach draußen war. Gretchen wollte sie aufhalten, doch Alex zarten Hände schlüpften durch ihre.

    "Habent sua fata libelli."

    ("Bücher haben ihre Schicksale.")

    - Terentianus Maurus

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  • „Alex?“, schrie ich ihr nach.
    „Bleib du hier, ich kümmere mich um sie.“, sagte Gretchen, die draußen eine wesentlich höhere Überlebenschance hatte, als ich. Ich sah wieder zu Morph, der es schaffte Jasons Blutungen zu stoppen und den Stumpf an seinem Bein einigermaßen heilen zu lassen, aber er war schon sehr schwach.
    Er fiel zur Seite um und ich fing ihn auf.
    „Er wird trotzdem noch einen Arzt brauchen! Ich konnte seine Blutungen stoppen und heilen, aber der Stumpf...“, murmelte er und ich legte ihn in meinen Schoß, damit er sich an meinen Oberkörper anlehnen konnte.
    „Schon gut, Morph. Du hast getan was du konntest.“, begann ich wieder zu wimmern, denn ich wusste, dass ihm niemand mehr helfen würde.
    Schon wieder verlor ich eine Person, die einem Familienmitleid glich. Schon wieder musste ich mich verabschieden und es tat immer noch weh. Da saß ich, neben einem jungen Mann, der mir ans Herz gewachsen war und hielt einen Mann, der mein Vater hätte sein können. Inmitten von Blut, Gewehrschüssen und Feuer. Meine Heimatstadt sah aus wie ein Katastrophengebiet und der Funk war abgebrochen. Ich wusste nicht was mit Armel war, noch mit Margret oder den Stadtbewohnern.
    „Da ist noch etwas...“, röchelte Morph kaum noch verständlich.
    „Was denn?“, antwortete ich leise.
    „Jason...“, sagte er und hustete so kräftig, dass nur noch Blut aus seinem Mund trat.
    „Bitte Morph. Egal was es ist, erzähl es mir später, okay.“, antwortete ich und begann dabei zu weinen. Natürlich wusste ich, dass es kein später geben würde, aber was hätte ich sagen sollen? Er ergriff meine Hand und drückte sie so fest er noch konnte. Mein Schluchzen durchbrach die seltsame Ruhe, die sich aufbaute, als Morph begann seine wenigen letzten Atemzüge zu tun.
    „Dia... würdest du für meine Seele beten?“, hauchte er nur noch und trieb mir so nur noch mehr die Tränen in die Augen. Ich nickte und versuchte meine Stimme in all der Trauer wiederzufinden.
    „Lasst mich ziehen... haltet mich nicht...“, weinte ich und schluckte einmal fest, „... Gott hat meine Reise bisher gnädig gesegnet...“
    Ich spürte wie Morphs Hand locker ließ und meine nicht mehr hielt. Er starb in meinen Armen und ich konnte es nicht verhindern. Nicht einmal Gott hätte das jetzt noch gekonnt.
    „... Ich kann nun getrost zu ihm zurückkehren.“, beendete ich den Vers mit tränenerstickter Stimme und weinte hemmungslos weiter. Ich lehnte meinen Kopf gegen seinen und hielt ihn noch kurz so fest. Auch ich musste erst wieder ins Leben zurückfinden, wobei ich mich einfach nur grämen wollte.
    Als ich dort saß, mit Morph in meinen Armen, gingen woanders der erbitterte Kampf weiter.
    Armel war zum Dach durchgedrungen und konnte Margret helfen. Er stürmte förmlich das gegenüberliegenden Gebäude ohne zu wissen, dass Morph, sein Mentor, soeben in meinen Armen verstorben war. Hätte er es gesehen, ich meine mit seinen eigenen Augen, hätte es seinen Hass nur noch mehr geschürt.
    Die rund 50 Soldaten kämpften mittlerweile um ihr blankes überleben.
    Armel fackelte nicht mehr lange. Er gab gezielte Schüsse ab, brach ihnen Knochen und schlug mit all seiner Kraft zu, die übermenschlich war. So überwand er die fünf Männer vor Margrets Tür, deren Munition aufgebraucht waren. Mit ihr an seiner Sollte nun die Säuberung anfangen.
    Beide waren sicherlich mit ihren Gedanken bei uns, aber es war an ihnen, die Lebenden noch zu retten, anstatt sich um vermeintlich Tote zu kümmern. So war der Krieg. In einem Moment sitzt du noch mit jemanden am Tisch und machst Scherze, im nächsten Moment liegt er tot zu deinen Füßen, aber du bist gezwungen weiter zu machen und die Trauer zu verschieben.


    Oben, auf der gegenüberliegenden Straßenseite rannte Alex. Zwischen schießenden Soldaten hindurch, hielt sie Ausschau und fand wonach sie suchte. Immer wieder versuchten die Männer auch sie zu treffen, die sich begannen erneut auf der Straße zu sammeln. All ihre Angst, ihre Traue und Verzweiflung wandte sich in gebändigten Hass. Es war zu viel für ihre zartbesaitete Seele, was sie sah und hörte. Gretchen lief ihr nach, aber konnte sie im Getümmel kaum einholen. Sie musste zusehen wie Alex einem Holzmast nach oben kletterte. Zuerst sprang sie von einem Auto, was senkrecht an eine Häuserwand geschleudert wurde, eine Dachrinne hinauf und dann hangelte sie sich an der dort befindlichen Leitung, an den Stromverteilerkasten und dem Mast heran. Sie wurde von den roten Laserpointern ins Visier genommen und Gretchen blieb stehen.
    „Nein! Sie ist doch noch ein Kind!“, schrie sie und sammelte die Kraft des Feuers in ihren beiden Händen. Auch schon völlig erschöpft, warf sie diese auf die bewaffneten Männer und suchte dabei gleichzeitig Schutz neben einer Häuserwand. Ihre Geschosse explodierten und tauchten erneut die Straße in einen stinkenden Dunst aus verbrannten Fleisch und Haare.
    Es trieb mir die Übelkeit hinauf und benommen von all dem Schmerz, richtete ich mich selbst wieder auf. Ich wankte zur Tür, umfasste mit meiner Hand den Rahmen und sah die Straße hinauf. Alex kam an den oberen Stromleitungen an und wandte sich an den schmalen waagrechten Holzverstrebungen des Mastes den Soldaten zu. Sie schossen weiter auf Alex. Streiften ihren Arm und ihr linkes Bein, während Gretchen ihre Deckung aufgab und auf die Motorhaube eines Autos sprang.
    „Hört damit auf, auf ein Kind zu schießen, ihr Hurensöhne!“, brüllte sie, während sie Feuerbälle schleuderte. Ich riss mich zusammen. Morphs Gewehr lag noch neben ihm und ich ergriff erneut eine Waffe. Ich konnte nicht zulassen, dass Alex etwas geschah, nicht nachdem Morph getötet wurde und Jason ewig an diese Nacht erinnert werden würde.
    Ich entsicherte es und sah nach dem Magazin. Es fehlten bloß zwei Schuss und somit lief ich aus dem Laden. Margret und Armel begannen vom Dach aus auf die bewaffneten Männer zu schießen und gleichzeitig zu den Bewohnern von Falls zu kommen.
    Als Armel mich sah, mit dem Gewehr in Händen, rutschte ihm wahrscheinlich sein Herz in die Knie, aber untätig zusehen könnte ich nicht. Es ging um Alex.
    Gretchen sah zu mir auf und ich begann auf jeden zu schießen, der auf der Straße stand. Sie nickte mir bloß zu, als würde sie unsere Teamarbeit begrüßen und schoss unter lautem Raunen ihre Feuerbälle ab.

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  • So wirklich will der Film nicht laufen. Gestern war ich von Morph zu abgelenkt, um das deutlich zu realisieren, aber iwie ist mir das noch nachgekrochen und es hält an.
    Ich glaube, mit nur 100 Soldaten funzt dein episches Gemetzel nicht.
    Gretchens Grillfest: hatten die alle feuerfeste Anzüge an oder wie sind sie da raus gekommen? Und wenn ein Wagen von unten Feuer fängt, geht das direkt in den Motor - ich denke da jetzt an Öl und Benzinleitung etc - fliegen die Karren da nicht in die Luft? Sie waren noch vor dem Dorf. Wo haben die denn Deckung gesucht, als die Dorfbewohner mit dem Beschuss anfingen? Wo waren sie geschützt, als der Güllewagen in die Luft flog? Das hätte doch höchstens eine Handvoll von denen überleben können??
    Und dann dieser Bosskampf. Am Anfang noch nachvollziehbar, aber auf Dauer wird er albern. Die haben beide Eisenknochen - was nutzt es da, sich Türen, Schränke und Waschbecken um die Ohren zu hauen? Das ist nicht zielführend. Würgen oder ein Messer, da würd ich ja nix sagen, aber zuhauen bis zur völligen Erschöpfung ist mehr Kneipenschlägereiniveau als eine ernsthafte Tötungsabsicht. Und bei Alex hab ich das Bild, wie die Soldaten alle brav zur Hinrichtung auf der Strasse stehen, so als Gruppe.
    Meiner Meinung nach musste da noch mal drüber, sorry.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • So nu ist alles wieder on....Das war noch der Rest ;)


    Ich sah zu Alex, als noch mehr Soldaten ihren Kameraden auf der Straße zur Hilfe eilten.
    Solch ein Gesicht hatte ich bei ihr noch nie gesehen.
    Mir wurde umgehend klar, dass sie nach diesen Geschehnissen, wenn es denn ein danach gab, nie wieder das gleiche Mädchen sein würde.
    Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und griff nach all den Leitungen, die dort oben verliefen. Sie wandten sich um ihre Unterarme und hielten sie wie eine moderne Version des Erlösers in der Luft.
    Durch ihre Augen schossen Blitze. Es sah aus, als würde sie ihre Kräfte sammeln und die Soldaten ahnten nicht einmal, was das Mädchen an dem Stromnetz bedeutete. Die ganzen Wände begannen zu zittern und wo im Laden die Leitungen zuvor noch von der Decke hingen, begannen sie lebendig zu werden. Es krachte, Putz fiel von den Wänden, wenn überhaupt noch welcher vorhanden war und die Kabel schlängelten sich wie auf die Straße. Sie brachen blitzschnell durch die Wände und das Haus für Haus. Die Soldaten sahen sich um und gerieten in Panik. Die Beleuchtung der Stadt versagte fast vollständig. Nur ein paar wenige Straßenlaternen flackerten noch auf.
    Alex machte sich jede noch so kleine Leitung Untertan und sammelte sie auf der Straße, bis sie sich wirklich wie Kobras vor den Soldaten aufbäumten.
    Erschrocken und erstaunt zugleich, hielten Gretchen und ich Inne. Nur das Geräusch der schlängelnden Kabel war noch zu hören. Die Soldaten luden plötzlich panisch nach, aber auf was wollten sie schießen. Auf ein Stromkabel etwa?
    Einer nahm erneut Alex ins Visier, aber bevor wir überhaupt reagieren konnten, schnellte eines der Kabel los und schnappte ihn am Fuß. Er wurde hoch in die Luft geschleudert wie eine Puppe und schreiend kam er dann auf dem harten Boden wieder auf. Ich hörte wie seine Knochen brachen, aber da war noch nicht Schluss. Das Kabel ergriff ihn erneut und zerdrückte ihm den Kehlkopf. Die Männer sahen sich verschreckt an.
    Stille herrschte in der Dunkelheit.
    Unter den Blitzen des Stromes bäumten sich die schlangenartigen Sklaven von Alex auf, als sie schlagartig los schnellten und sich einen Soldaten nach dem anderen schnappten. Die einen bekamen Stromschläge ab, die anderen wurden von zwei Kabeln einfach auseinander gerissen. Ihre Schreie und Schüsse unterbrachen die zuvor herrschende Ruhe und ich konnte kein Mitleid mehr empfinden. Ich konnte nichts mehr empfinden in diesem Moment von Alex Rache. Gretchen war genauso paralysiert wie ich. Sie kannte Alex nicht, wusste nichts über ihre Hüterkräfte und konnte ebenso nur zusehen wie sie göttergleich unsere Widersacher tötete.

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  • Uiuiui, das wird ja richtig harter Tobak am Ende. Ich habe immer noch diesem gemütlichen Anfang mit der keuschen Dia im Kopf, die den verwahrlosten Armel gesund pflegt. Starker Kontrat jedenfalls. Ich hab den Part vor der Überarbeitung nicht ganz durchgelesen bekommen und als ich weitermachen wollte stand da nur noch "In Arbeit" von daher kann ich nur sagen, dass du den Part, den ich bis dahin gelesen hatte auf jeden Fall verbessert hast. Bei mir lief das Kino reibungslos mit - auch wenn du über den Text auf jeden Fall nochmal rübermusst, denn zum Teil fehlte da mal ein Wort, es gab ein paar Wiederholungen und "verzehren" kommt von "zehren" und nicht von "zerren".
    Inhaltlich ist der Part wie immer gelungen und bei der Szene mit Morph ging es mir schon an die Tränendrüse *Schnüff*, der Part war super und emotional geschrieben, bei den Kampfszenen holpern manche Sätze noch.
    Was mich etwas verwundert hat, ist, dass Alex am Ende noch zur Richteriun geworden ist. Es waren ja nur noch 50 Soldaten und die Kämpfen verzweifelt ums Überleben. Sie wurden gnadenlos zur Strecke gebracht. Das wird lange brauchen, bis Alex das überwinden kann - von wegen, das Gute lässt immer Gnade walten. So ist es auf jeden Fall etwas realistischer, als das junge Mädchen mit den Götterkräften, welches die Protas aus "der auswegslosen Situation" befreit.


    Naja, dann wünsch ich dir jetzt viel Spaß beim metaphorischen Aufräumen des Saustalls ;) Freue mich auf hoffentlich emotionale Endszenen :D

  • Sie schrien und versuchten plötzlich zu fliehen. Sie ignorierten Margret und mich, rannten die Straße hinauf, aber Alex war viel schneller als sie. Schockiert ließ ich mein Gewehr sinken und starrte zu ihr hinauf.
    Sie zog sich an den Kabeln hoch und winkelte ihre Arme fest an ihren Körper. Wären die Stromleitungen nicht gewesen, hätte es ausgesehen, als stünde sie kerzengerade in der Luft. Mit ihren weißen Augen starrte sie auf uns runter und hatte ein Lächeln auf ihren Lippen. Es war beängstigend.
    Ihre schlängelnden Freunde wurden immer schneller. Griffen Mann für Mann und und diese versuchten sich zu wehren, aber sie wussten nicht wogegen. Wenn sie auf Alex zielten und das in diesem Zustand nun, reagierte eines der Kabel und wehrte den Schuss ab oder tötete denjenigen, ehe er überhaupt an den Abzug kam.
    Jedes Kabel war wie ein Auge, ein Ohr und eine starke Hand, die nicht eher ruhen würden, bis sie alle tot waren.
    Ein junger Soldat rannte an mir vorbei und blieb dann stehen. Hilflos und mit einem verängstigten Gesichtsausdruck traute er sich dennoch auf mich zu zielen. Sein Gewehr zitterte. Ich weiß nicht woran es gelegen hat. Vielleicht war es mein mitleidiger Gesichtsausdruck, aber er schoss nicht umgehend.
    Ich sah ihn an und unter den Schreien seiner Kameraden, dem schleichenden Geräusch der Kabel und dem knisternden Geräuschen des Stromes flüsterte ich nur ein Wort ihm zu:
    „Lauf!“
    Mehr konnte ich nicht sagen, aber es war bereits zu spät. Er hätte nicht stehen bleiben sollen. Vor mir wurde er am Bein gegriffen und blitzschnell weggezerrt.
    Auch er wurde hoch in die Luft geworfen, jedoch ließ das Kabel ihn nicht los, sondern schleuderte ihn auf ein Dach, warf ihn noch einmal hoch und schlug ihn dann mit voller Wucht gegen eine Hauswand. Alex begann ein Spiel, ähnlich dem einer Katze mit einer Maus, die spielerisch ihr Opfer zu Tode quälte.
    Das musste ein Ende haben.
    Ihre geistlichen Verlängerungen zerrten die wenigen Männer aus den Häusern, aus jedem Winkel der Stadt und mitten auf die Straße. Anscheinend sollten sie sich gegenseitig beim Sterben zusehen und sehen was ihnen noch drohte. Ihnen wurden ihre Waffen abgenommen, ihre Helme vom Kopf gerissen und an den Gliedmaßen gezerrt, bis so manches brach oder ausgekugelt wurde.
    Selbst die Toten wurden noch einmal untersucht, ob sie auch wirklich tot waren. Sie jagte Strom durch ihre leblosen Körper, woraufhin sie noch einmal hektisch zuckten.
    „Alex, es reicht nun! Hör auf!“, rief ich ihr zu und näherte mich mit vorsichtigen Schritten. Mit einem mulmigen Magengefühl machte ich große Schritte über die lebendig gewordenen Starkstromkabel und stand schon bald unter ihr.
    „Hör jetzt auf! Es ist genug!“, flehte ich sie an und sie wandte ihr Gesicht dem Meinen zu.
    „Ist es nicht! Es leben noch welche!“, antwortete sie mit einer seltsam verzerrten Stimme und ihre Veränderung trieb mir die Tränen in die Augen.
    „Lass sie leben. Sie werden uns nichts mehr tun! Bitte, das ist keine Gerechtigkeit mehr, das ist Rache!“
    „Dazu wurde ich geborenen. Ich bin eine geborenen Hüterin und nehme Rache für die, die es jetzt nicht mehr können!“
    Sie richtete ihre Augen wieder auf die Straße, wo sie eine handvoll Männer wie Tiere zusammentrieb. Sie wurden von den Kabeln umkreist, sodass sie sich nicht trauten auch nur eine falsche Bewegung zu machen.
    „Helft uns!“, schrien sie. Aber was sollten wir tun? Alex war uns überlegen. Wir wussten nicht was sie tun würde, wenn wir eingriffen.
    „Hör jetzt auf!“, brüllte plötzlich Armel und kam mit Margret auf die Straße gerannt.
    „Werde nicht selbst zur Bestie. Tue dir selbst den Gefallen und höre jetzt auf!“, versuchte Armel sie weiter zu beruhigen, aber Alex hörte nicht auf. Sie bedrohte die Männer mit ihren Sklaven. Machte sich einen Jux daraus sie weiter in die Mitte zu drängen.
    Beide kamen auf mich und Gretchen zu und Margret sah Alex feste in die Augen.
    „Alex...“, schrie ich noch einmal und Margret fasste mich am Arm.
    „Versucht es nicht weiter. Das ist nicht unsere Alex.“
    Überrascht sahen wir Margret an.
    „Wie meinst du das?“, wollte Armel wissen und Margret sah hinauf. Ihre Augen wurden dabei musternd. Sie überlegte schnell wie sie uns das begreiflich machen konnte, was mit Alex nicht stimmte.
    „Hat sie so etwas wie eine zweite Persönlichkeit?“, schoss von Gretchen die berechtigte Frage hinterher, aber Margret schüttelte ihren Kopf.
    „Nein, nein. Sie steht völlig unter Schock. Sie läuft wie auf... Autopilot. Ihr habt doch so etwas schon mal bestimmt gehört oder gelesen, wenn Menschen in Extremsituationen geraten, dann überlegen sie nicht mehr, sondern handeln frei nach Instinkt. Sie reden noch, sie antworten, aber eigentlich ist niemand zu Hause. Diese Menschen erzählen dann oft, dass sie nicht wüssten was sie getan hätten, sie hätten einfach reagiert. Und genau das ist Alex im Moment.“
    Ich verstand was sie meinte. Ich selbst hatte einige dieser Situationen in diesem Kampf, allerdings war ich kein Kind mehr und glaubte das alles schon irgendwie zu schaffen.


    Alex treib ihr Spielchen weiter, bis ihr Lächeln wieder diese kalte Note bekam. Wir wussten, nun würde sie auch die letzten dieser Männer töten, aber selbst wir wollten dabei nicht mehr zusehen.
    „Alex...“, schrie Armel noch einmal hinauf, aber er wurde ignoriert.
    „Sag mal hört ihr das?“, fragte Gretchen plötzlich und starrte in die Luft. Was sie meinte waren die rotierenden Hubschrauberblätter aus der dunklen Ferne.
    Es waren bestimmt mehr als zehn und wir wussten umgehend, dass es sich dabei um Domenicos Männer handeln musste, die uns nach ihrer eigenen erfolgreichen Rettungsaktion nun zur Hilfe eilten.
    Doch auch Alex sah die Hubschrauber, nicht sicher, ob Freund oder Feind, ließ sie kurz von ihren letzten Opfern ab und mobilisierte alles was sie steuerte, um die Helikopter vom Himmel zu holen, die durch ihren Lärm und die Lichter ihre Aufmerksamkeit erregten.
    Eines der Kabel wickelte sie um das Kufenlandegestell des einen und fing an ihn zu Boden zu zerren, als er über uns flog.
    Armel ergriff mein Gewehr und zielte auf Alex.
    „Was hast du vor?“, schrie ich aus voller Kehle und hielt Armels Arm fest.
    „Wie lange soll das denn so weitergehen?“, starrte er mich an und ich wusste nicht mehr was ich tun sollte. Ich wusste ja, dass Armel Recht hatte. Sie machte keinen Unterschied mehr zwischen allem und es war fast nur noch eine Frage der Zeit, bis sie vielleicht in ihrem Zustand auch noch uns angriff. Frei nach dem Motto: Bist du nicht für mich, dann bist du gegen mich!
    „Willst du sie etwa töten?“, blökte Gretchen dazwischen und Armel legte an.
    „Ich versuche es nicht zu tun.“, murmelte er und ihm fiel es auch nicht leicht eine solche Entscheidung zu treffen, aber einen anderen Ausweg gab es fast nicht mehr. Sie hörte uns ja nicht an. Sie reagierte auf keine Stimme, ob bekannt oder unbekannt. Ich schloss meine Augen und hielt mir kurz meine Ohren zu, konnte mich aber doch nicht vollkommen abwenden. Ich wollte nicht Zeuge davon werden wie wir eventuell noch ein Kind erschossen, aber Armel zielte zuletzt auf etwas anderes. Sein Blick schweifte an Alex vorbei und er feuerte los. Er zerschoss den Verteilerkasten hinter ihr. Blitzschnell lud er nach und feuerte weiter, sodass die Kabel rissen und der Kasten Funken sprühte.
    Geistesgegenwertgig nahm er Alex einfach vom Netz, welches sie versorgte. Das Kabel ließ vom Hubschrauber ab und nach und nach versiegte auch in den anderen das Leben. Ohne Verbindung zum Strom konnte Alex nicht mehr handeln und ihre Augen normalisierten sich, aber gleichzeitig fielen sie zu. Auch ihre Kraft war aufgebraucht und sie fiel förmlich in die Kabel, schlüpfte hindurch und Armel ließ sein Gewehr fallen, um sie aufzufangen. Ich atmete erleichtert aus.
    Bewusstlos lag sie in seinen Armen und sah wieder aus wie das Mädchen, was wir alle kannten.
    Es war vorbei.
    Fazit war, dass eine handvoll Soldaten von Brix überlebten von einst 300. Zuletzt niedergestreckt von einem Kind. Die Hubschrauber landeten hinter den Häusern, sicherten die Gegend, nahmen die letzten in Gewahrsam, die keinen Widerstand mehr leisteten und erst jetzt trauten sich Mike, Simon und alle anderen wieder auf die Straße.

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  • Gern würde ich behaupten, dass die Sonne in diesem Moment hinter uns aufging, das wir uns in die Arme fielen und glückliche Tränen vergossen, aber so war es nicht.
    Es herrschte immer noch tief finstre Nacht und wir alle standen verstreut auf der Straße herum. Wir atmeten schwer, sahen auf unsere Verletzten und Toten hinunter und waren weit entfernt von Freudentränen.
    Armel übergab Alex, die fest schlief, einigen Sanitätern. Ich blieb bei ihr, während ich auch mit zusehen musste wie sie Morph und Jason aus dem Laden holten. Jason war an einigen Geräten angeschlossen und wurde umgehend abtransportiert, während bei Morph keine Eile mehr bestand.
    Margret blickte traurig auf seine Liege, küsste seine Stirn und strich ihm zum Abschied über seinen Kopf, ehe sie die Decke über ihn warfen. Gretchen nahm Mike fest in ihre Arme und ließ ihn nicht mehr los. Und in diesem Moment wusste ich auch sicher, dass sie ihn nie wieder loslassen würde, was ich für einen Moment belächeln konnte.
    Armel stand seinen Mann und sprach mit den stellvertretenden Männern von Bruno Domenico, der sicherlich auch erst einmal bei seiner Familie war. Die gesamte Stadt wurde abgeriegelt und von der Außenwelt abgeschottet. Es sollte anscheinend nicht nach außen dringen, was hier geschehen war. Verständlich. Ein Bezirkspräsident, der versuchte ganze Bezirke sich Untertan zu machen, war nicht gerade die beste Werbung und auch das Maga sollte schnellstmöglich verschwinden.
    Es begann eine riesige Säuberungsaktion und wann die Stadt nur ansatzweise wieder zu seinem Ursprung zurückfand, wollte ich gar nicht wissen.


    Kurze Zeit nach den Hubschraubern kam die Feuerwehr, Krankenwagen und die stellvertretende Bezirkspräsidentin Sophie Weisz. Sie hielt sich erschrocken ein Taschentuch vor ihre Nase und Mund, aber gab sich ansonsten sehr reserviert. Ich kannte den Gesichtsausdruck und ich war mir sicher, dass ihr ebenfalls das Essen im Halse steckte. Die Frau mit dem sehr dunklen Teint und dem weißen Blazer, kam auf uns zu, schüttelte Armel die Hand und bedankte sich bei ihm für die gute Arbeit... Arbeit nannte sie es.
    Das war keine Arbeit, das war Gerechtigkeit, zumindest zu Anfang, ehe es zur bitterlichen Rache wurde.
    Armel ließ es darauf beruhen und verschob alle Gespräche auf einen anderen Zeitpunkt. Auch er nahm von Morph in seinen Gedanken Abschied. Er stand lange an seiner abgedeckten Liege und in einem stillen Moment, klopfte er ihm behutsam auf die Schulter, als wollte er sagen:
    „Gute Arbeit, mein Freund. Lebe wohl, wo auch immer du jetzt bist...“
    Dann sah er noch einmal nach Alex und mir.
    Ich entschied mich sie ins Krankenhaus zu begleiten, damit sie nicht völlig alleine war. Zudem hatten wir einiges der Direktorin Fuhrman zu erklären oder sie uns, denn ich hatte nicht vor ein Geständnis einzuräumen, dass wir sie zuvor förmlich rekrutiert hatten. Sie hätte sichergehen müssen, dass Alex im Waisenhaus blieb und nicht abhauen konnte und wegen der Adoption wollte ich sichergehen, dass uns dieser Einsatz das nicht vermasselte. Ja, auch wenn Alex zu einem rachsüchtigen Monster geworden war in dieser Nacht, war ich noch nicht von meinen Plänen abgekommen. Ganz im Gegenteil, dies hatte mich bestärkt. Niemals wieder würde ich sie alleine lassen. Sie brauchte uns. Wenn wir sie jetzt im Stich gelassen hätten, wer weiß was wirklich aus ihr geworden wäre. Ich bekam dahingehend Unterstützung von Sophie Weisz, die mir versicherte, dass man Alex nur die bestmögliche medizinische Versorgung zukommen ließe, genauso wie uns allen. Wir sollten zunächst stationär aufgenommen werden, wir alle, da wir einem Gift ausgesetzt waren. Auch wenn es in den Kugeln eingeschlossen war, wurde es vielleicht durch das Feuer und die Explosionen verbreitet. Sicher sein konnten wir erst, wenn wir uns alle gründlich untersuchen ließen. Dies sollte ein schwacher Trost für Jason sein. Er hatte nicht nur einen neugewonnenen Freund verloren, sondern auch sein rechtes Bein. Unsere Wunden würden heilen, verblassen oder in weite Ferne rücken irgendwann, aber er würde täglich daran erinnert. Genauso wie Alex sich wahrscheinlich niemals vergeben würde, wenn sie erwachte. Aber wie es eben oft ist, täuscht man sich manchmal.


    In unserem Blut konnte kein Maga nachgewiesen werden. Tagelang stellten sie uns auf den Kopf und entnahmen täglich Blut und schickten uns durch Röhren und ließen uns mit Psychologen reden. Armel entließ sich selbst und half Bruno Domenico bei der Säuberung. Jedem noch so kleinen Verdacht wurde nachgegangen, denn nun waren sie alarmiert. Nach ein paar Tagen wurde ich auf eine andere Station verlegt, wo ich mehr Freiraum hatte und konnte Jason und Alex besuchen. Allerdings sprach Jason mit niemanden. Er starrte nur die Decke an und schwieg. Er musste zunächst erst einmal selbst mit sich zurechtkommen und das war sicherlich schwer.
    Alex schlief und schlief und wurde nicht wach. Die Ärzte erklärten mir, dass ihr Körper völlig erschöpft war und ihre Seele heilen musste. Margret saß neben ihr, wenn ich es nicht tun konnte. Wir alle warteten die langen Tage und noch längeren Nächte ab, bis sie die Augen aufmachen sollte.
    Es war immer ein Arzt zur Stelle, der sie überwachte und genauso ein Team aus Polizisten vor der Station, denn niemand wusste wie sie nach ihrem Erwachen reagieren würde.
    Nach etwas mehr als vier Wochen, und als ich eigentlich schon anfing uns allen ein normales Leben aufzubauen, stand ich vor dem Spiegelfenster ihres Zimmers, mit verschränkten Armen und wartete erneut darauf, dass sie die Augen aufschlug, aber hielt es wieder für unwahrscheinlich, als plötzlich jemand neben mir anhielt.
    „Schläft sie immer noch?“, wurde mir die Frage gestellt und ich sah neben mir hinunter.
    Jason saß im Rollstuhl und blickte ebenfalls in ihr Zimmer. Völlig verblüfft, dass er mit mir sprach, sah ich an ihm entlang und kam nicht daran vorbei, auch sein Bein anzusehen, welches immer noch verbunden war. Bevor er meine musternden Blicke bemerkte, sah ich wieder nach vorne und nickte.
    „Weißt du was sie...“
    „Ich habe den Bericht gelesen, also ja.“, unterbrach er mich forsch und stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf. Langsam und bedacht fuhr er an ihr Bett heran und sah auf die Geräte, die ihre Vitalfunktionen kontrollierten.
    „Hey, Dornröschen!“, sprach er und fuhr einmal um das Bett herum.
    Er zog etwas neben sich hervor und legte es auf ihren Oberkörper. Es war ein kleines Päckchen und eine Karte. Wir alle wussten, dass sie an diesem Tag Geburtstag hatte, aber ohne Regung, konnte ich ihr nur die größte Geburtstagsparty versprechen, die sie je gehabt hätte, wenn sie nur aufwachen würde.
    Jason sah sie an und es sah aus, als wollte er sie mit seinen alleinigen Blicken wecken. Doch sie schlief weiter.
    „Jetzt pass mal auf du Rotzgöre,... Wenn ich mit nur einem Bein weiterleben kann, dann kannst du das auch mit ein paar verstörenden Erlebnissen. Toll ist es auch nicht, mit einem Bein aufzuwachen. Keiner wird dich ausschimpfen und niemand wird darauf herumreiten, was du getan hast, also mach deine Augen auf. Zudem hab ich mich nicht umsonst in den Geschenkladen dieses Krankenhauses gewagt.“
    Jason klang bekümmert, aber das waren wir alle. Armel und ich lebten schon wieder auf meiner Farm und nahmen den Weg zur Stadt fast täglich auf uns, um bei Alex und den anderen zu sein. Wir schworen uns, unsere Hochzeit riesig nachzufeiern, wenn genug Zeit verstrichen war, aber dazu fehlten einige Mitglieder unserer Familie, zu der auch Alex gehörte.
    Man kann sich vorstellen wie misslaunig William, Armels Vater, war als er erfahren musste, dass wir in all dem Stress noch heimlich geheiratet hatten, auch wenn der Grund zuvor nicht ausschließlich Liebe war, aber es machte es uns leichter.
    William ließ seine Beziehungen spielen, als er ebenfalls von unseren Adoptionsplänen erfuhr und das Einzige was fehlte, war allein Alex´s offizielle Zustimmung.
    „Wie geht es ihr heute? Nanu? Wie kommen wir denn zu dieser Ehre?“, trat Armel neben mich und nahm mich seitlich in den Arm, als er seinen Dienst für heute beendet hatte und mich vom Krankenhaus abholen wollte.
    „Jason dachte auch an ihren heutigen Tag wie es aussieht!“
    „Wenn es ihn aus seinem Zimmer holt, ist mir alles Recht. Sie liegt im Koma und er wäre es wahrscheinlich gerne.“, stöhnte Armel und rieb sich müde die Stirn.
    „Ich glaube... er gibt sich die Mitschuld an ihrem Handeln.“, flüsterte ich und Armel drückte mich kurz an seine Seite.
    „Warum sollte er?“
    „Das Letzte, was er zu ihr sagte war, dass es kein Kinderspielplatz sei und sie hat es für ihn und Morph in ein Schlachtfeld verwandelt, fernab jeder Kindlichkeit...“
    Jason sah ein, dass selbst seine zornige Stimme nichts brachte und rollte vor dem Bett wieder hervor. Doch just in diesem Moment, als er am Bett vorbei war, richtete sich ihr Oberkörper auf und starrte nach vorne. Meine Hände begannen zu zittern, dass sie erwacht war erschien so unwirklich und Jason sah es nicht.
    „Ich hole einen Arzt.“, stieß Armel aus und rannte den Flur hinunter.
    Ich stand bleich vor dem Spiegel und betete, dass sie noch die Alte sei.
    Das Päckchen fiel von ihrem Körper auf das Bett und die Karte fiel zu Boden, was nun auch Jason hörte.
    Er blieb abrupt stehen und rührte sich ebenfalls nicht.
    Ihr Gesicht wandte sich Jason zu und sah dann an sich hinunter.
    Vorsichtig öffnete ich die Tür und schaute stur an Jason vorbei.
    „S-Sie ist wach oder?“, fragte er mich und ich nickte.
    „Warum machen das die Leute immer, wenn man ihnen den Rücken zukehrt!“, stotterte er und drehte sich vorsichtig um.
    Alex sah uns an ließ sich langsam wieder nach hinten sinken.
    Sie schien zu realisieren wo sie war und dass ihr keine Gefahr drohte, als sie unsere Gesichter sah und darüber war ich mehr als erleichtert.
    Sie sah uns wieder an und lächelte bloß. Margret, die gerade uns ablösen sollte, Armel und ein Arzt stürmten herein und es war fast wie ein Familientreffen.
    Der Arzt nahm sich ihrer an und wir alle ließen unsere Blicke wandern.
    „Happy Birthday.“, wich mir leise über die Lippen.
    „Wie geht es dir?“, rollte Jason wieder näher heran und hob die Karte dabei auf. Sie versuchte zu sprechen, aber nicht umgehend griff ihre Stimme. Sie bekam etwas zu Trinken gereicht und setzte erneut an.
    „Warum seht ihr mich an, als sei ich das achte Weltwunder?“, räusperte sie und wieder sahen wir uns gegenseitig an. Margret setzte sich auf ihre Bettkante und umfasste behutsam ihr Gesicht.
    Es dauerte einige Sekunden, aber dann küsste Margret ihre Stirn.
    „Es ist alles gut. Du hast sehr lange geschlafen und wir haben auf dich gewartet, das ist alles.“
    Alex´s Lächeln wurde breiter und sie nickte vorsichtig, während der Arzt Notizen auf sein Klemmbrett schrieb.
    „Ich weiß...“, flüsterte Alex, „Morph sagte mir, es wäre an der Zeit aufzuwachen.“
    „M-Morph?“, stotterte Jason, mit bleichem Gesicht und sah zu Margret .
    Mir wurde ganz heiß. Sollte es denn die Möglichkeit sein?
    „Ich hab ihn gesehen... in meinen Träumen und er sagte zu mir, ich sollte jetzt aufstehen. Es wäre an der Zeit, dass ich meine Augen öffne, denn meine Zeit wäre noch lange nicht gekommen. Ich hätte noch... Dinge zu tun... und...“
    „Und was?“, schoss aus mir heraus.
    „Und Jason wäre immer noch ein Mädchen, aber eines mit gutem Geschmack, das wüsste, was anderen Mädchen gefällt.“, versuchte sie zu grinsen und unser Augenmerk fiel auf das Päckchen neben Alex. Meine Augen wurden von Tränen geflutet, denn wir waren vollständig. Genau in dem Moment, als Alex erwachte, war selbst er da und führte sie zurück zu uns. Er war bei uns und würde es wahrscheinlich immer sein, wenn die Not am Größten war. Margret stand auf und wischte sich selbst eine Träne aus ihrem Augenwinkel und nahm uns drei zur Seite.
    „Ich glaube nicht, dass Alex noch weiß was geschehen ist und so sollten wir es auch lassen. Wenn ihr Geist beschlossen hat, diese Erinnerung wegzusperren, dann sollten wir sie nicht hervorholen.“, flüsterte sie uns zu und ich sah sie ratlos an.
    „W-Wie ist das denn möglich?“, fragte ich und Armel wusste wahrscheinlich schon, auf was Margret hinaus wollte, genauso wie Jason, der mit seinen Augen nicht von ihr wich.
    „Dissoziative Amnesie, nennt man das. Das traumatische Erlebnis wird vom Gehirn, aus Selbstschutzgründen, vergessen oder zumindest oberflächlich gesehen vollständig verdrängt. Natürlich könnte es immer wieder zu Tage treten, aber wir sollten alles dafür tun, dass sie sich niemals daran erinnern wird. So hat sie eine Chance auf ein normales Leben, so normal es nur sein kann.“
    „Natürlich!“, bestätigte ich.
    „Woran kannst du dich zuletzt erinnern?“, fragte ausgerechnet der Arzt in diesem Moment und wir alle sahen ihn wütend an.
    „Alex, du brauchst nicht darauf antworten. Es ist schon gut.“, versuchte Armel zu verhindern, dass sie in den Wunden bohrte und klang dabei wie ein Anwalt.
    „I-Ich weiß nicht. Ich glaube, als Jason und Morph vor mir lagen.“, murmelte sie und versank dabei in Trauer.
    „Das war es auch!“, unterbrach ich ihre Gedankengänge, „Du bist dann in Ohnmacht gefallen und danach trafen die Männer von Domenico ein!“
    Armel zog sein Handy aus der Hosentasche, als ich den Namen erwähnte und wählte umgehend die Nummer von Bruno Domenico.
    „Kein Wort mehr oder ich verprügele Sie mit ihrem Klemmbrett!“, knurrte Jason den jungen Arzt an, der nicht mitbekam, welche Diagnose Margret gestellt hatte.
    „Ja, aber...“, versuchte der Arzt nur seine Arbeit zu tun.
    „Klemmbrett...“, wiederholte sich Jason.
    Armel lief in den Flur und ich hörte wie er mit Domenico telefonierte.
    „Ich will das ihr Name aus jeder Akte gelöscht wird, aus jedem Bericht und von jeder Liste, was die Hüter angeht,... Nein, ich mache keine Scherze. Ändern Sie es einfach oder lassen Sie einfach ein paar Passagen aus. Niemand wird danach fragen, denn es hat ja nie offiziell stattgefunden.“, diskutierte er mit dem Polizeichef und ließ keine Ausrede gelten und er kam Armels Bitte nach.


    Nach einigen abschließenden Tests wurde Alex entlassen und in unsere Obhut gegeben. So wurde aus mir, einer einsamen jungen Frau, eine Ehefrau, eine Mutter und Freundin der Hüter, obwohl sie in den Augen meiner Religion nicht existieren durften. Alles was ich erlebt hatte war ein schmaler Grad zwischen Gut und Böse, gerecht und ungerecht, Rache und Gerechtigkeit, aber ich bestimmte wie ich es in Erinnerung behielt. Am Ende hätte ich mich selbst belogen, wenn ich geglaubt hätte, wir hätten mit allem richtig gelegen und immer richtig gehandelt, denn das hatten wir nicht und die Opfer sprachen für sich. Ich musste damit leben, dass es Hüter gab und mein Wesen nicht mehr rein war, aber letzten Endes weiß niemand was wirklich auf uns wartet wenn wir gehen, aber Alex Worte über Morph machten mich glauben, dass es danach noch nicht vorbei war.
    Es muss jeder selbst entscheiden, was seine Wahrheit ist, denn oft werden wir im festen Glauben an etwas eines besseren belehrt und müssen einsehen, dass es für jedes Für auch ein Wider gibt.
    Meine Religion war nun meine Familie, die leise Zuwachs bekam und mein Gott war mein Ehemann und ich seine Göttin. Der Herr konnte sich immer noch gerne beschweren, wenn ihm meine neue Einstellung nicht gefiel, aber bis jetzt war noch keine religiöse Abmahnung eingegangen und so blieb es auch.


    Zumindest für ein paar Jahre... ENDE

    "Habent sua fata libelli."

    ("Bücher haben ihre Schicksale.")

    - Terentianus Maurus

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  • Sehr gut geschrieben und hach, das Morph zum Schluss doch wieder iwo dabei war, hat mirs Auge feucht gemacht. :love:
    Der Endkampf ist jetzt richtig gut, und auch der Abspann ist gelungen. :thumbsup:
    Einzige Frage: Brix schien ja nun doch nicht der Chef zu sein? Ich schätze, es wurde mit Dias letzten Worten angedeutet, dass du noch nicht ganz fertig hast :D

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Der Rest des Abschlachtens ließt sich noch etwas holpernd, da kam bei einigen Sätzen ins holpern, hat sich allerdings schnell gelegt. Dafür hast du ein wunderschönes Ende geschaffen :love: Besonders, dass Jason ein Geschenk gekauft und den Arzt mit den Klemmbrett verprügeln wollte war richtig süß ^^ Schön auch die Andeutung mit Morph, die den Leser hinter die Grenze des Seins führt, wunderbar geschrieben. Einen Satz fand ich aber merkwürdig:


    Die Ärzte erklärten mir, dass ihr Körper völlig erschöpft war und ihre Seele heilen musste.


    Ich glaube nicht so recht, dass Seelenschmerz einfach heilt, indem man nur bewusstlos herumliegt, logischer fände ich, dass der Körper den seelischen Schock heilen müsste, dass ist ein Unterschied. Die Seele kann nur danach heilen, wenn man sich mit den Taten auseinandersetzt.


    Ansonsten schreien da ja wohl ein paar Dinge nach Fortsetzun :thumbsup: Brix Andeutung, andere würde kommen, Morphs Nachricht, der letzte Satz (und natürlich dass, was ich von dir selbst gespoilert bekommen habe :whistling: )


    Super gemacht, Jen :thumbsup::thumbsup::thumbsup: Damit hast du wieder eine tolle Geschichte zu einem Ende gebracht :thumbup: Ich muss sagen, ich hab es wirklich genossen, in diesem Thread zu lesen, freue mich schon riesig auf dein nächstes Projekt :thumbsup: