Der verlorene Hut

  • Guten Abend, Forum :hi1:
    Hiermit stelle ich dann auch mal wieder ne Geschichte rein, is ja doch einige Tage her inzwischen.
    Es handelt sich um eine Kurzgeschichte von ca. 50 Buchseiten, die teils etwas (Betonung auf teils etwas) surrealistische Züge hat - kommt mir also bei etwaigem Feedback nicht mit Logik (was nicht bedeutet, dass die Geschichte völlig sinnlos ist, wurde bereits falsch verstanden) :D
    Die Geschichte entstand nach etwa 3/4-jähriger Schreibblockade, um wieder ins Schreiben reinzukommen und mich dann wieder meinen alten Projekten zu widmen; die Sprache ist also recht eingestaubt und nicht gerade von bestechender Brillanz :whistling:
    Hoffe, es liest trotzdem jemand.
    __________________________________________


    Der verlorene Hut
    Kurzgeschichte


    Der Moment war wie geschaffen für Kayne.
    Die Welt schien sein Vorhaben zu unterstützen, die Szenerie entbehrte nicht einer angemessenen Dramatik. Kein einziges Mal spähte der Mond zwischen den schwarzen Wolkenfetzen hindurch, als wolle er gar nicht sehen, was sich unten abspielte.
    Gesenkten Hauptes ging Kayne langsam auf das Geländer der alten Eisenbahnbrücke zu, das ihn, gusseisern und über Jahrzehnte hinweg verrostet, einladend anlächelte. Es rief nach ihm, mit lockender, süßer Stimme, versprach ihm, allen Qualen und der ewigen, auf immer zur Ergebnisligkeit verdammten Suche ein Ende zu bereiten, ihn aus dieser Welt zu befreien.
    Was danach geschehen sollte, wusste er nicht, obwohl er Hoffnungen hegte, dass ein neuer, ein weiterer Ort für ihn entstehen könnte.
    Kayne war allein auf dieser Welt. Jahre hatte er auf der Suche verbracht, auf der Suche nach Erfüllung, nach dem Glück, wie manch einer einfacheren Gemütes es wohl bezeichnet hätte, doch hatte er es nicht gefunden, nur in seltenen Fällen eine leise Ahnung davon; rauschartig und schnell vorübergehend. Nichts konnte ihn erfüllen, und noch weniger verlieh irgendetwas seinem Leben Sinn, den es so sehr benötigte.
    Vielleicht vermochte es nur sein eigener Tod.
    Sein schwerer schwarzer Mantel, der ihn durch all die Jahre trüber Düsternis begleitet hatte, lastete schwer auf Kaynes Schultern, doch er brachte es nicht übers Herz, ihn zu Boden gleiten, ihn fallen zu lassen. Dieser eine treue Begleiter sollte ihn gemeinsam mit dem breitkrempigem Hut auf seinem langen schwarzen Haar und dem Messer in einer Tasche seines Mantels in den Tod begleiten.
    Er hatte überlegt, sich mit dem Messer ein Ende zu bereiten. Es hätte eine gewisse Ironie gehabt, wäre jedoch zu einfach gewesen, zu trivial und seiner nicht würdig. Wenn er schon nicht glücklich sein konnte, so wollte er doch wenigstens einmal fliegen, diese größte aller Freiheiten genießen, nach der ein jeder Mensch sich sehnte und die doch nur den wenigstens zur erfahren je gestattet war, bevor er der Welt den Rücken kehrte.
    Das Metall war eiskalt, sobald er es berührte, biss sich der Frost in seine Haut, und zudem rau. Schmutzigbraun färbten sich seine Hände vom Rost, als er sich mühsam hinaufzog und dann schwankend, um sein Gleichgewicht ringend, oben stehen blieb, auf einem schmalen Grat balancierte, auf dessen beiden Seiten das verhasste Leben und der ungewisse Tod lauerten. Fahrig wischte er sie an seinem Mantel ab, in die unergründliche Finsternis zu seinen Füßen starrend.
    Schwach zeichneten sich die Reflexionen eines Flusses gegen die Dunkelheit ab; Schemen von Bäumen ließen sich zu beiden Seiten des Wassers ebenfalls ausmachen. Wie weit es in die Tiefe ging, wollte er gar nicht wissen.
    Kaynes Knie wurden weich und trotz der Kälte der Nacht brach ihm am ganzen Körper glühend heißer Schweiß aus. Es gibt keine andere Möglichkeit, rief er sich ins Gedächtnis, schloss die Augen und sog ein letztes Mal den Geruch der Nacht tief in seine brennenden Lungen ein.
    Er konnte nur hoffen, dass er in die richtige Richtung fiel; als ein sofortiger Aufschlag ausblieb, hatte er Gewissheit. Eisiger Wind riss ihm die Augen mit unerbittlichen Fingern sofort wieder auf, so sehr er sie auch zusammenpresste, und trieb ihm im selben Atemzuge Tränen hinein. Wie ein Paar schwarzer Flügel blähte sich sein Mantel hinter ihm auf; das Messer fiel aus der Tasche und entschwand mitsamt dem Hut seinem Blickfeld.
    Kayne dagegen konnte nicht fassen, was geschah, als er mitten in der Luft ruckartig zum Stillstand kam, anstatt weiter seinem tödlichem Ziel entgegenzustürzen. Gehetzt sah er sich um. War selbst das nur eine Illusion und er, der er in der Luft schwebte, nur noch ein bereits vom eigenen Körper losgelöster Geist, der sogleich den Aufprall seiner sterblichen Hülle beobachten würde können? Sollte das sein Schicksal sein, noch grausamer als das Leben, diese seine Welt nicht verlassen zu können und zudem nicht einmal mehr ein Teil ihrer zu sein?

  • Sein schwerer schwarzer Mantel, der ihn durch all die Jahre trüber Düsternis begleitet hatte, lastete schwer auf Kaynes Schultern,

    Ein schwerer schwarzer Mantel, der ihm schwer auf den Schultern lastet, scheint mir tautologisch.
    An deinem Schreibstil lässt sich nicht meckern, ganz und gar nicht. Von der Geschichte kann ich nicht viel sagen, bisher scheint alles solide. Was mir aber nicht wirklich gefällt ist deine Vorhersage, dass deine Geschichte nicht logisch werden soll :huh: selbst der Surrealismus hat doch eine in sich geschlossene Logik, die vielleicht nicht den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt folgt, aber doch auch nicht völlig sinnfrei ist. Aber mal schauen, vielleicht siehst du das auch selbst zu kritisch und alles bewegt sich auf einem doch recht logischen Niveau.

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Vielen Dank für das Feedback @Myrtana222
    ist halt ein sehr schwerer Mantel :whistling:
    Ich wollte nicht sagen, dass die ganze Geschichte keinen Sinn ergibt, aber es läuft nicht alles nach der Logik und den Gesetzen unserer realen Welt ab. Ist bei Fantasy ja nicht unüblich, aber dahinter steckt auch kein genau definiertes Magiesystem oder sowas ... siehst du dann ja in den nächsten Parts selbst :P


    LG
    Arathorn

  • hey,
    Habe das vorhin auf der Bahnfahrt gelesen. Handwerklich eigentlich sehr sauber, du machst die Sätze oft aber extrem lang und dann noch häufig hintereinander. Das macht es doch recht zäh und ich muste mehrere Sätze mehrmals lesen. Soll es tatsächlich ereignisligkeit heißen? Ich kann nicht ausschließen, dass es das Wort gibt, aber ich bin darüber gestolpert. In manchen Parts habe ich auch das Gefühl, dass du sehr viel sehr komplex ausschmückst.
    Dennoch hast du ne super Wortwahl und ich bin geringfügig eifersüchtig. ;-)
    Das mit dem Unlogischen habe ich auch anders gelesen, als du es jetzt gesagt hast. Ich finde, dass es im Kontext schon irgndwie logisch sein sollte. Also zumindest so, dass man als Leser nicht sofort das Gefühl hat, dass es jetzt nur möglich ist, damit der Autor sich keine großen Gedanken machen muss. Das Gefühl kommt bei dir bisher aber definitiv nicht auf.
    Ich werde dran bleiben.


    LG
    Jan

  • @Geweihter
    soll natürlich Ergebnislosigkeit heißen, da fehlt was ... Danke für den Hinweis :thumbup:
    Dass die Sätze lang und komplex sind, wollte ich, dass sie unverständlich sind doch eher nicht :/ (hatte davor was von Kafka gelesen und dachte, ich mach auch mal etwas komplexere Sätze) Das wird im Verlauf nur stellenweise besser
    Danke fürs Dranbleiben :thumbsup:


    LG
    Arathorn

  • Hey Arathorn,


    ich habe mir den ersten Teil auch mal zu Gemüte geführt und ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen.
    Bisher erscheint mir alles durchaus schlüssig und es lässt sich auch gut lesen. An einigen der längeren Sätze bin ich zwar etwas ins Stolpern gekommen, aber nach dem zweiten Mal lesen, habe ich sie dann auch verstanden, weshalb ich es nicht, als sehr schlimm erachte.
    Ich bin auf jeden Fall neugierig, auf was deine Kurzgeschichte hinauslaufen wird. Der Einstieg verspricht schon mal eine gute und solide Geschichte. ;)


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • @Kyelia
    Bei einer guten Geschichte sollte man keinen Satz zweimal lesen müssen, um ihn zu verstehen :/
    Naja, auf zum zweiten Teil:
    __________________________________
    Mit unverminderter Härte schlug ihm der Wind ins Gesicht, schmerzhafter, als jede Faust es vermocht hätte. Nein, er war körperlich anwesend, real, zumindest so weit, wie er es hier sein konnte. Sein Verstand jedoch widersetzte sich der Vorstellung, dass er mitten im Nichts stehen bleiben konnte, gefangen zwischen Himmel und Erde, von welchen er weder das eine noch das andere erreichen konnte, und gehalten lediglich von der Luft, die weiterhin seinen Mantel wild auf seinem Rücken tanzen und das Haar wie eine schwarze Flamme auf seinem Kopf lodern ließ.
    Kayne stieß einen gellenden Schrei aus, als ihn das grelle Licht aus unmittelbarer Nähe blendete. Für eine sich unendlich hinziehende Zeit, in der die Panik ihm den Hals enger und enger zuschnürte, war er blind, geblendet. Sein Gesicht war zu einem tauben Stück Eis verkommen, auch seine Hände spürte er kaum mehr und vermochte sie nicht das geringste Stück weit zu bewegen. Nur langsam kehrte sein Sehvermögen zurück; helle Flecken tanzten ohne erkennbare Regelmäßigkeit durch sein Blickfeld und spielten seinem Verstand üble Streiche.
    Er sehnte sich nach der Dunkelheit zurück, nach Schwärze und eisigem Wind, der ihn wenigstens mitten in der Luft erfrieren ließ, war ihm schon das Zerschellen auf dem Grund nicht gestattet. Sein Sehnen blieb unerfüllt.
    An Stelle der Düsternis war etwas Helles getreten, ein weißes Licht, eine Gestalt, die genau wie er mitten im Nichts direkt vor ihm schwebte. Kayne kniff die schmerzenden Augen zusammen und versuchte den Kopf zu drehen, was ihm unter lautem Knirschen gelang, das klang wie eine brechende Schneedecke.
    Das Wesen war kein Mensch und doch nichts ähnlicher als einem Menschen. Es strahlte weiß wie Schnee, besaß menschliche Züge, jedoch keine Haare oder Sonstiges, was seine makellose, absolut glatte Haut unterbrochen hätte. Das Wesen näherte sich Kayne, ohne dabei einen einzigen Muskel erkennbar zu rühren, vielmehr schwebte es allein vom Wind getragen durch die Luft.
    Erfror er doch und war dies die Kälte selbst, die gekommen war, ihn zu sich zu holen? Kayne erschauderte bei der Vorstellung. Er hatte sich den Tod anders vorgestellt, wärmer, weniger schrecklich, und vor allem von Glück erfüllt. Nichts von alledem erlebte er nun.
    Der Weiße besaß ebenmäßige Gesichtszüge und sein kahles Haupt war perfekt gerundet und von einem sanften weißen Schimmer vom Dunkel der Nacht abgegrenzt. Das Wesen hielt die wimpernlosen Augen noch geschlossen und öffnete sie erst, als es eine Armlänge vor Kayne verharrte.
    Der stechende Blick eisblauer Augen durchdrang ihn bis in sein Innerstes und verursachte höllische Qualen in seinen Eingeweiden, wie sie ein bohrender Dolch nicht schlimmer hätte gestalten können. Kayne fühlte sich allein durch jenen Blick, als würde sein Innerstes nach außen gekehrt und ebenfalls der Kälte zum Fraß vorgeworfen. Dann öffnete das Wesen seinen Mund voller spitzer Zähne, und seine Stimme klang schneidend, klirrend, scharf wie ein Schwert, beißend wie der Winter selbst.
    „Ich habe dir ein Geschenk zu übergeben, Kayne“, sprach es. Kayne wusste mit den Worten nichts anzufangen und wollte fragen, mit wem er es zu tun habe, was geschah, warum er nicht tot war oder ob gerade das der Fall sei … seine gefrorenen Lippen waren zu keiner Bewegung fähig, nicht einmal ein Knirschen wie zuvor an seinem Hals brachten sie trotz all seiner Anstrengungen hervor.
    Das Wesen senkte den Blick und hob gleichermaßen andächtig die Arme. Kayne wollte nicht hinsehen, doch selbst seine Augen konnte er nun nicht mehr bewegen, sein gesamter Körper war inmitten der Luft eingefroren, und dennoch sah er.
    Das Wesen hielt leuchtend rote Rosen in seinen Händen, die schönsten, vollkommensten Rosen, die Kayne jemals gesehen hatte. Die spitzen Dornen hatten sich überall in die Unterarme und Hände des Strahlenden gebohrt, dunkle Schlieren aus Blut zogen sich über die sonst so makellosen weißen Arme, um sich an den Ellbogen zu treffen.
    Beim Anblick des Blutes regte sich eine unheilvolle, lüsterne Begierde in Kayne, die Erschrecken wich, als die Rosen sich von einem Moment auf den anderen in Nichts auflösten. Nur das Blut und einige in der Haut des Wesens sitzende Dornen blieben zurück.
    Der Weiße hob den Kopf wieder. „Nutze deine Flügel“, riet er Kayne, dann schloss er die Augen und entfernte sich schwebend, auf dieselbe Weise, auf die er erschienen war, ohne einen Muskel zu rühren.

  • Sein Verstand jedoch widersetzte sich der Vorstellung, dass er mitten im Nichts stehen bleiben konnte, gefangen zwischen Himmel und Erde, von welchen er weder das eine noch das andere erreichen konnte, und gehalten lediglich von der Luft, die weiterhin seinen Mantel wild auf seinem Rücken tanzen und das Haar wie eine schwarze Flamme auf seinem Kopf lodern ließ.

    Dieser Satz ist mit 58 Wörtern dann vllt doch etwas lang ;-)


    Erfror er doch und war dies die Kälte selbst, die gekommen war, ihn zu sich zu holen?

    Hier wird nicht ganz klar, wer hier jetzt erfriert. Das könnte auch der Strahlende sein.


    Der stechende Blick eisblauer Augen durchdrang ihn bis in sein Innerstes und verursachte höllische Qualen in seinen Eingeweiden, wie sie ein bohrender Dolch nicht schlimmer hätte gestalten können

    Du hast das mit einer Faust am Anfang der geschichte schon gebracht. Ich bin ein Freund solcher Formulierungen, aber man sollte es nicht 2x in einem Kapitel verwenden.


    Ansonsten sehr sicher, sehr wortgewandt. Mir gefällts und man will wissen, wie es weitergeht. Manchmal wirkt es zwar so, als wolltest du unbedingt hochgestochen schreiben, aber vielleicht ist das auch einfach meine Eifersucht, dass ich das nicht kann :D


    Liebe Grüße
    Jan

  • Der stechende Blick eisblauer Augen durchdrang ihn bis in sein Innerstes und verursachte höllische Qualen in seinen Eingeweiden, wie sie ein bohrender Dolch nicht schlimmer hätte gestalten können.

    Ich fände verursachen ein wenig glatter.


    Jo, da bahnen sich ja bereits ein Haufen Mysterien an. Dein Schreibstil hat wirklich etwas, ich finde sogar, er hat sich seit deiner letzten Geschichte entwickelt, auch wenn der von Geweihter erwähnte Satz zu denen gehört, die vielleicht etwas zu pompös gewählt sind. Manchmal wäre vielleicht der einfachere, direktere Satzbau formvollendeter, aber gerade dass du etwas mit der Sprache spielst, macht es eigentlich interessant.

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Ein mysteriöser Teil. Sehr spannend jnd ich frage mich, was das wohl für eine weiße Gestalt war. Ein Geist? Und was genau hatte das mit den Rosen auf sich. Ich will unbedingt wissen, wie es weiter geht und was mit Kayne nun eigentlich passiert ist? Wurde er von irgendwem gerettet und wenn ja, warum lässt man ihn nicht sterben? :hmm:
    Sehr schön, lass uns nicht all zu lang warten.
    Und mach die keine Gedanken, wegen den Sätzen. Hier habe ich nichts gefunden, was mich irgendwie hätte stolpern lassen. :thumbsup:


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • Gratuliere, dass du die Schreibblockade überwunden hast. Hast du doch, oder? Weil von deinen anderen Geschichten hätte ich gerne mehr, wie du weißt. Deswegen begrüße ich deinen Neustart, auch wenn mich die Anspielung auf Blutsauger etwas abgeschreckt hat:

    Zitat von Arathorn

    Beim Anblick des Blutes regte sich eine unheilvolle, lüsterne Begierde in Kayne


    Ich kommentiere jetzt hauptsächlich, um "dabeizubleiben" und lasse mich gerne überraschen.
    Sofern du mit den langen Sätzen nicht durcheinanderkommst, machen mir die übrigens nichts aus.

    "Sehe ich aus wie einer, der Geld für einen Blumentopf ausgibt, in den schon die Pharaonen gepisst haben?"


  • Dann noch ein kurzer Teil; musste ich so unterteilen, da als nächstes ein Szenensprung kommt :hi1:
    Ich schau, dass ich heute abend noch einen poste
    _____________________________
    Im selben Maße, in dem das Wesen sich entfernte und Kayne nicht mehr den Blick der Eisaugen auf sich ruhen fühlte, fiel die Starre von ihm ab. Er wusste nicht, was das Wesen mit Flügeln gemeint hatte, bis das Eis völlig aus seinem Körper gewichen war.
    Von Beginn an hatte sein Instinkt ihn nicht getrogen; der Mantel war ihm nicht nur wie ein Paar schwarzer Flügel emporgeweht, sondern er war ein Teil seiner selbst geworden. Kayne spürte den Mantel, spürte seine Flügel, und tat einen ersten zaghaften Schlag derselben.
    Majestätisch gleitend entfernte er sich Flügelschlag um Flügelschlag von der Stelle, an der er festgehalten worden war. Er begutachtete seinen Körper und fand ihn unversehrt vor, im Kontrast zu seinem Geist, der die Begegnung und das Wesen nicht zu bewältigen wusste.
    Waren der Strahlende lediglich ein Produkt seiner Fantasie gewesen und die Flügel ihm selbst zu verdanken, seinem verkümmerten Selbsterhaltungstrieb, der sich einen Moment lang aus seinem Kerker befreit und sein Werk verrichtet hatte?
    Kayne drängte den tosenden Sturm seiner Gedanken in den Hintergrund und genoss die Freiheit, die das Fliegen ihm gab, den Traum, den alle Menschen träumten und aus dem er nicht mehr aufwachen wollte. Fühlte sich so das Glück an, nach dem er sein ganzes Leben vergeblich und auf den falschen Wegen gesucht hatte?
    Das Dahingleiten durch die Luft konnte nicht der Sinn seines Lebens sein.
    Sobald er wieder auf der alten Eisenbahnbrücke zu stehen kam, fiel sein Mantel herab und schmiegte sich wie eh und je um seinen schmächtigen Körper, hatte nicht das Geringste mit Flügeln gemein. Kayne schwankte benommen, zitterte vor Kälte und einem Gefühl nicht greifbarer Angst vor sich selbst und vor dem Leben, dem er nicht entrinnen konnte.
    Kayne war schon geneigt, einen weiteren Versuch zu unternehmen, als ihn die Erschöpfung wie ein Schlag traf und er kraftlos zu Boden sackte.

  • was das Wesen mit Flügeln

    Vllt. eher "geflügelte Wesen". Das würde besser zu deinem Schreibstil passen, glaube ich.


    Er begutachtete seinen Körper und fand ihn unversehrt vor, im Kontrast zu seinem Geist, der die Begegnung und das Wesen nicht zu bewältigen wusste.

    Wunderbarer Vergleich. Der beste Satz den ich bisher von dir gelesen habe (und das will was heißen)


    Finde ich gut. Warte schon darauf, wie es weitergeht. Gut geschrieben wie immer, mehr kann ich nicht dazu sagen.
    Verdammt, ich habe echt mal mehr Kritikpunkte zusammengebracht :D


    Liebe Grüße
    Jan

  • Auch ein super Teil. Kayne hat es überlebt und konnte für einen kurzen Moment sogar fliegen. Jetzt bin ich mal gespannt, was er mit seinem "zweiten" Leben anfängt und wofür er es überhaupt erhalten hat. Außerdem hoffe ich, er nutzt es weise. Kommt ja nicht oft vor, dass man von einer Brücke springt und dann einfach gemütlich zurückschwebt. :hmm:
    Weiterhin klasse geschrieben. ;)


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • Sehr schön geschrieben. Ich finde es gut das du so detailliert schreibst dadurch entsteht ein richtiges Kopfkino und man kann sich richtig alles im Kopf vorstellen :-) hatte während des Lesens die ganze Zeit seinen Mantel bildlich vor mir :-D


  • Hier noch der nächste Teil:
    ____________________


    „Wie geht es Ihnen? Können Sie mich verstehen?“
    Kayne schlug heftig blinzelnd die Augen auf. Sein verschwommenes Blickfeld klarte schleichend auf wie ein Dieb, offenbarte ihm irgendwann einen düsteren Raum. Feuerschein tanzte auf den Wänden, und ihm war unverhofft warm.
    „Ich … ja, ich denke schon“, entgegnete er heiser und mit einer Stimme, die sich in seiner Kehle festkrallte und sie nicht verlassen wollte. Verwirrt betrachtete er seine Umgebung. Die Fingerkuppen ertasteten, dass er auf einem Sofa lag und eine Decke über ihn gebreitet war, die Augen zeigten ihm den Kachelofen direkt daneben, in dem ein munteres Feuer loderte.
    „Wer sind Sie?“
    Der Sprecher, eben noch im Halbdunkel auf der anderen Seite des Raumes stehend, löste sich aus demselben und kam gebrechlichen Schrittes näher, ein alter Herr von mindestens sechzig Jahren mit schütterem grauem Haar und eingefallenem Gesicht, der unter der Last der Zeit gebeugt ging. Seine Kleidung war aus grobem braunem Stoff genäht, die Hose wurde von Trägern gehalten.
    „Ich habe Sie da draußen gefunden, ohnmächtig in der Kälte, auf der alten Eisenbahnbrücke. Ich dachte schon, Sie wären tot, erfroren, Ihre Glieder waren ganz starr. Was hofften Sie dort draußen zu finden, mitten in der Nacht?“
    Vor Kaynes Erinnerung war ebenso ein Vorhang gezogen wie vor die Fenster des kleinen Raumes, in dem er sich befand. Schemenhaft konnte er sich an einen Albtraum erinnern, er war gefallen, geflogen … ein Wesen, Blut … benommen schüttelte er den Kopf. Er hatte den Tod gesucht, deswegen war er bei der Brücke gewesen, doch das sagte er dem Mann, der ihm scheinbar das Leben gerettet hatte, nicht. Stattdessen vollführte er mit den noch ein wenig tauben Händen eine Geste des Unwissens.
    Vorsichtig betastete er seinen Leib unter der wollenen Decke, die der Alte fürsorglich über ihn ausgebreitet hatte, und konnte zu seiner Erleichterung keine Verletzungen entdecken. Die Kälte musste ihn früher überwältigt haben als sein Wahnsinn, ihn zu Boden gezwungen und von einem Sprung abgehalten haben. Und sie hatte ihm, dem Tode nahe, fiebrige Träume in den Verstand gesetzt, wie sie es eben zu tun pflegte.
    Kaynes unruhiger Blick fand seinen Mantel, der auf einem Schemel neben dem Sofa lag.
    „Haben Sie auch meinen Hut?“, fragte er.
    Der alte Mann legte die Stirn in Falten, sah zwischen Kayne und dem Schemel hin und her und schüttelte dann den Kopf. „Einen Hut habe ich nirgends gesehen, vielleicht hat der Wind ihn fortgenommen, aber ich kann mich auch geirrt haben.“ Kayne nahm sich vor, ihn zu suchen, sobald er dazu in der Lage war.
    „Ist Ihnen noch kalt?“, erkundigte sich der Alte. Kayne schüttelte nach kurzem Zögern den Kopf. „Gut. Das ist sehr gut“, brummte der Mann zufrieden, und ein väterliches Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. „Trinken Sie das hier, das wird ihnen die letzte Wärme zurückgeben.“
    Er reichte Kayne eine große dampfende Tasse, welche dieser dankbar entgegennahm. Das schlichte blaue Porzellan war so heiß, dass es ihm beinahe die Finger verbrannte, und aus dem Gefäß stieg ein süßer Duft empor; es konnte sich nur um gewürzten Wein handeln.
    Um trinken zu können, schob sich Kayne ein Stück nach hinten und richtete den Oberkörper an der Armlehne des Sofas auf, dann setzte er die Lippen an den Rand der Tasse. Das Getränk verbrannte ihm den Mund; trotzdem nahm er einen tiefen Schluck, bevor er es mit schmerzlich verzogenem Gesicht wieder absetzte. Die Hitze breitete sich sofort in seinem Körper aus und entschädigte ihn für die Taubheit seines Gaumens.
    Er legte beide Hände um die Tasse, um sie daran zu wärmen, und blies vorsichtig in die aufsteigenden Dampfschwaden hinein. „Ich kann Ihnen außer meinem aufrichtigsten Dank nichts bieten, so Leid es mir auch tut“, sagte er zu dem alten Mann, der noch immer mit sanftem Lächeln neben ihm stand.
    „Ich hätte auch nicht mehr als das von Ihnen verlangt“, entgegnete er, „ist es mir doch Freude genug, ein Menschenleben gerettet zu haben. Schmeckt Ihnen der Wein?“
    Kayne nickte erneut, obwohl er nun nichts mehr schmeckte.

  • Ja, was soll man sagen. Wunderbare Formulierungen drin, so wie das hier:

    Zitat von Arathorn

    „Ich … ja, ich denke schon“, entgegnete er heiser und mit einer Stimme, die sich in seiner Kehle festkrallte und sie nicht verlassen wollte.


    Einzig hier hast du etwas daneben gegriffen:

    Zitat von Arathorn

    Sein verschwommenes Blickfeld klarte schleichend auf wie ein Dieb,

    Das halte ich nicht für bildlich. Ich würde das Farbige löschen. Aber wenn du deiner blumigen Sprache an dieser Stelle treu bleiben möchtest, empfehle ich dir da eine andere Formulierung :D



    Ansonsten bin ich mal gespannt, was du für eine Geschichte um einen verlorenen Hut spinnen möchtest, ob das "Thema" etwas hergibt. Deine Sprachskills zumindest schon :thumbup:

    "Sehe ich aus wie einer, der Geld für einen Blumentopf ausgibt, in den schon die Pharaonen gepisst haben?"

  • entgegnete er heiser und mit einer Stimme, die sich in seiner Kehle festkrallte und sie nicht verlassen wollte.

    Ich finde das vom Stil her auch fantastisch, aber verlässt die Stimme denn die Kehle? Vielleicht lieber "Worte"?



    Verwirrt betrachtete er seine Umgebung

    Betrachten ist für mich so etwas "längerfristiges", etwas, bei dem man sich Zeit lässt. Wenn er verwirrt ist und sehen will, wo er ist, würde ich da ein anderes Wort nehmen.


    Der Sprecher, eben noch im Halbdunkel auf der anderen Seite des Raumes stehend, löste sich aus demselben und kam gebrechlichen Schrittes näher, ein alter Herr von mindestens sechzig Jahren mit schütterem grauem Haar und eingefallenem Gesicht, der unter der Last der Zeit gebeugt ging.

    Das sind 44 Wörter in einem Satz und zwischen "näher" und "ein alter Herr" würde glaube ich auch stilistisch ein Punkt besser wirken.


    Seine Kleidung war aus grobem braunem Stoff genäht, die Hose wurde von Trägern gehalten.

    Du schreibst sonst so schön verschnörkelt und da fällt der Satz durch seine Schlichtheit irgendwie negativ auf. So als hättest du dir gedacht: "Hier muss unbedingt noch eine Beschreibung rein."


    Stattdessen vollführte er mit den noch ein wenig tauben Händen eine Geste des Unwissens.

    Wie darf ich mir eine "Geste des Unwissens" vorstellen? Also mit den Händen?


    die der Alte fürsorglich über ihn ausgebreitet hatte,

    Du hast bei der Decke vorher schon "gebreitet" geschrieben. Das fällt dann auf, wenn du seltenere Kombinationen in kurzen Abständen gebrauchst.


    Die Kälte musste ihn früher überwältigt haben als sein Wahnsinn, ihn zu Boden gezwungen und von einem Sprung abgehalten haben.

    Der Satz ist irgendwie kompliziert. Musste ich mehrmals lesen. Ich glaube auch, dass da irgendwas nicht passt. Ich kanns aber nicht sicher sagen. Lies ihn doch bitte selbst nochmal ;-)



    Sooo, das ist jetzt aber Kritik auf hohem Niveau und ALLES, was mir aufgefallen ist :D
    Ansonsten weiterhin sehr gut geschrieben, stil beibehalten. Passt.
    Zum Plot kann man bisher ja noch nicht viel sagen aber dein Prota ist vielversprechend.


    Liebe Grüße
    Jan


  • Tut mir Leid, dass es so lang gedauert hat :whistling:
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    „Wie spät war es, als Sie mich fanden, und wie spät ist es jetzt?“
    Der Mann überlegte kurz, dann lehnte er sich an den warmen Ofen und sprach: „Es muss kurz nach Mitternacht gewesen sein, als ich auf dem Heimweg an der Brücke vorüberkam und Sie dort liegend fand. Ich bin nicht mehr der Stärkste im Alter, also eilte ich, sobald ich mich davon überzeugt hatte, dass Ihr Herz noch schlug, heim und spannte den Esel vor den Karren, mit dem ich Sie schließlich herbrachte. Nun ist es kurz vor Morgengrauen, nehme ich an.“
    Kayne dankte ihm erneut für die Mühen, die der Mann auf sich genommen hatte, und fragte sich für einen Moment, ob nicht dieser Mann das wahre Glück gefunden hatte, in Güte und Freundlichkeit, doch er verwarf diesen Gedanken wieder. Es gab zu viel Böses auf der Welt, die Menschen waren in ihrem Kern mehr schlecht als gut, manche mehr, manche auch weniger, doch von Grund auf waren sie sich alle gleich. Selbst dieser Mann, der trotz seiner Gebrechlichkeit mitten in der kältesten Nacht einen Fremden vor dem Kältetod bewahrt hatte und ihn nun in seinem eigenen Heim umsorgte, ohne Sorgen um sein eigenes Wohl zu machen, mochte gewiss seine dunklen Seiten haben, waren diese auch auf den ersten Blick noch verborgen.
    Kaynes Wein war inzwischen kalt genug, damit er ihn sorgenfrei trinken konnte, und er leerte die Tasse in schnellen Zügen und gab sie dem Mann daraufhin zurück. Probeweise reckte er die Glieder und stellte fest, dass sie sich alle bewegen ließen. Obwohl er gerne noch eine Weile liegengeblieben wäre und die Wärme genossen hätte, schlug er die Decke zurück und setzte sich auf.
    „Ich gehe“, erklärte er und schnürte seine kniehohen schwarzen Stiefel, die vor dem Sofa gestanden hatten.
    „Wollen Sie nicht noch bleiben und vollends wieder zu Kräften kommen?“, bot der Alte ihm an, doch Kayne schüttelte den Kopf, obwohl er liebend gern auf das Angebot eingegangen wäre.
    „Ich muss gehen“, behauptete er, ohne selbst eine Begründung dafür zu wissen. Er stand auf und streifte sich den Mantel über. Das vertraute Gewicht lastete ihm wohltuend auf den Schultern, auch wenn das Kleidungsstück sich leichter anfühlte, als er es in Erinnerung hatte.
    „Wenn Sie das so unbedingt wollen, kann ich Sie von Ihrem Vorhaben nicht abhalten“, meinte der Alte, „doch seien Sie gewarnt, es ist noch immer bitterkalt.“
    Der Mann nahm eine Laterne von der Wand, ein metallener Rahmen mit eingesetzten Glasscheiben zu allen vier Seiten und einer beinahe heruntergebrannten Kerze im Inneren, und entzündete sie an dem im Ofen lodernden Feuer. Dann führte er Kayne durch die niedrige Tür auf einen kleinen Gang hinaus.
    „Ich bin froh, dass ich Sie gefunden habe, Sie scheinen mir ein guter Kerl zu sein; passen Sie doch in Zukunft bitte besser auf sich auf!“, sagte der Mann mit rührender Ehrlichkeit und reichte Kayne in freundschaftlicher Geste die Hand. Zögernd schlug er ein, der Alte hatte trotz seiner Gebrechlichkeit einen angenehm festen Händedruck, Kayne fühlte sich nicht, als hielte er einen feuchten Putzlappen in der Hand.
    „Ich möchte Ihnen nochmals meinen tausendfachen Dank aussprechen“, erwiderte Kayne und rang sich ein Lächeln ab, etwas, das er sonst sehr selten tat. „Ihr Wein schmeckt übrigens ganz hervorragend, wenn mir die Bemerkung gestattet ist.“
    Er war bereits im Begriff, sich umzudrehen, als er auf einmal mitten in der Bewegung erstarrte und erbleichte. Sein Blick war an einem Bild hängen geblieben, einer in goldenem Rahmen auf der niedrigen Kommode stehenden Fotografie einer jungen Frau, die ihm aller Wahrscheinlichkeit zum Trotze nicht unbekannt war. Das bildhübsche Gesicht, die schmale Nase, die zu einem kecken Lächeln geschwungenen Lippen, das lockige Haar, dessen blonde Farbpracht die graue Fotografie ebenso wenig wiedergeben konnte wie das strahlende Smaragdgrün ihrer Augen. Kayne bekam eine Gänsehaut, schüttelte sich, auf einmal war ihm wieder eisig kalt wie in der Nacht, als er beinahe erfroren wäre.
    „Meine Enkelin“, sagte der Alte mit belegter Stimme, und als Kayne den Blick zu ihm wandte, glaubte er trotz des unsteten Kerzenscheins Tränen in seinen Augen ausmachen zu können. „Kannten Sie sie?“
    „Nein, ich … ich glaube nicht. Sie erinnerte mich wohl an jemanden, den …“, stammelte Kayne und knetete krampfhaft seine Hände, ohne den Satz zu Ende zu bringen.
    „Sie wohnte bei mir, nachdem ihre Eltern gestorben waren, so ein fröhliches, unschuldiges Mädchen. War bereits erwachsen und hatte einen fürsorglichen Kerl gefunden, einen guten Mann, ganz wie Sie. Aber sie … sie wurde ermordet, und nicht einmal beerdigen konnte ich sie, weil …“ Dem Alten brach die erstickte Stimme, er schniefte und wischte sich widerwillig die Tränen mit dem Handrücken von den Wangen. Er atmete einige Male tief durch, dann reichte er Kayne einen Hut, der zuvor auf der Kommode gelegen hatte und der seinem eigenen verblüffend ähnlich sah. „Es ist noch immer kalt draußen, Sie sollten nicht ohne Hut gehen, also nehmen Sie diesen hier, wenn Sie doch Ihren eigenen verloren haben. Der hat ihrem Verlobten gehört, er hat ihn wohl hier vergessen damals. Und nun … auf Wiedersehen. Vielleicht begegnen wir uns ja noch einmal.“