Vergissmeinnicht

Es gibt 85 Antworten in diesem Thema, welches 16.439 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Vayrasin.

  • Dann wünsche ich dir einen schönen und erholsamen Urlaub und viel Inspiration :P

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

    • Offizieller Beitrag

    Stattdessen pulste es heftiger und heftiger, als versuche ein Gedanke, den ich bisher in irgendeine Ecke meines Hirns verdrängt hatte, aus mir herauszuplatzen.

    gibt es das Wort? Ich kenne nur - pulsieren -


    Das (Komma) was du hast (Komma) ist viel schlimmer!“


    Ein helles Licht? Scheint, als wäre etwas passiert, als die Eltern nicht Zuhause waren und das mit dem Licht lässt mich auf einen Autounfall tippen. Nur, wie der dann mot dem Wald in Verbindung zu bringen ist, weiß ich auch nicht. Ein Waldbrand? :hmm: Jedenfalls scheint die Schwester nicht mehr da zu sein. Und vielleicht auch die Eltern? Weil sie kommen ihn ja nicht besuchen. :hmm:
    Auf jeden Fall gut geschrieben und Arkarius Gegenwehr gegen seine Gedanken fand ich super. ^^


    LG, Kyelia


    P.s. viel Spaß im Urlaub. :)


  • Interessant. Arakadius soll sich bewusst erinnern, was passiert ist. Solche Rückführungen finde ich immer interessant, vor allem, zu was unser Gehirn da alles fähig ist in der Beziehung. Klappt ja aber nur, wenn man sich auch darauf einlässt. Und da bin ich mir bei Arkadius noch nicht so ganz sicher. Da muss auch mehr dahinterstecken. Das mit seiner Schwester klingt nicht gerade aufbauend. Ich schließe mich da einfach Kyelias Vermutungen an. :)
    Seine Wut und Verzweiflung, die Wehr gegen seine Gedanken sind dir in diesem Abschnitt wunderbar gelungen. Auch sonst liest es sich flüssig. In der Hinsicht habe ich demnach nichts zu meckern. Sehr fein.

  • Kapitel 7: AUF DIE TOILETTE


    Mit einem Mal verspürte ich das dringende Bedürfnis, die Toilette aufzusuchen. Vermutlich war es die Aufregung (oder besser gesagt Angst), die ich bei dem Gedanken an einen riesigen Tumor, der sich an mein Hirn klammerte, empfand. Mein plötzlicher Harndrang ließ mich realisieren, dass es in meinem Zimmer kein Bad gab. Eine Weile schritt ich nachdenklich auf und ab, wie ein Panther im Käfig, dann kam mir ein Gedanke. Es musste hier irgendwo einen Knopf geben, mit dem man die Schwestern alarmieren konnte. Ich war zwar noch nie in einem Krankenhaus gewesen, kannte das aber aus Fernsehserien und Filmen.


    Nachdem ich mich kurz umgesehen hatte, entdeckte ich, dass sich zwischen meinem Bett und dem am Fenster eine kleine Tastatur befand. Auf einem ihrer Knöpfe war ein Klo abgebildet. Ich drückte mit dem Daumen darauf und nach nur drei Minuten kam eine alte Frau ins Zimmer. Sie sah mich durch die Gläser ihrer rosaroten Hornbrille misstrauisch an. Ihr Mund war eine dünne, farblose Linie.
    „Ich müsste mal auf die Toilette“, sagte ich. Die Alte kniff die Augen zusammen und winkte mich zur Tür hinaus. Als ich auf dem Gang stand, sagte sie: „Komm.“


    Die Frau eskortierte mich zu einer Tür, auf der „WC“ stand. Diese sperrte sie auf und ließ mich mit den Worten „Beeil dich!“ ein. In der Kabine gab es ein Klo, ein Waschbecken, einen sensorgesteuerten Seifenspender und einen Drucklufthandreiniger.
    Ich klappte die Brille hoch und atmete erleichtert auf, als der Druck, der auf meiner Blase gelastet hatte, langsam nachließ. Als ich den Raum wieder verließ, wartete dort bereits die alte Hornbrille, im Begriff mich zurückzubringen. Ist das hier ein Krankenhaus oder ein verdammtes Gefängnis?


    Auf dem Weg zu meinem Zimmer, tastete ich meinen Hinterkopf nach Auswölbungen ab (wie ich es schon dutzende Male getan hatte), wurde aber von Selina unterbrochen, die plötzlich um die Ecke geschlichen kam. Dort, wo durch meinen Schlag ihre Unterlippe aufgeplatzt war, befand sich nun dunkelroter Schorf, der mit einer eitergelben Salbe bestrichen war. Ich wollte ihr aus dem Weg gehen, doch als sie die Alte und mich bemerkte, packte sie meine Schulter, riss mich zu sich und flüsterte: „Warte mal, was gleich passiert.“
    „Hey“, fauchte die Alte und zog mich an der anderen Schulter zurück, bevor ich etwas erwidern konnte. „Lass ihn in Ruhe, Selina. Geh zur Gruppe zurück!“
    Selina verbeugte sich tief und sagte feierlich: „Jawohl, Euer allerdurchlauchtigste Gnaden!“ Dann hob sie ihren Rock wie eine Tänzerin beim Can Can und hüpfte den Gang hinab. „Ich gehe zur Gruppe zurück, weil ich ein braves Mädchen bin!“, sang sie dabei.
    Die Alte murmelte etwas, dann erhellten sich ihre Züge in Erleichterung. „Herr Doktor!“, rief sie.
    „Kann ich Ihnen Ihren Schützling für einen Moment anvertrauen?“
    Dr. Rexroth, der um die Ecke gebogen war, hielt verdutzt inne und noch bevor er antworten konnte, schob die Frau mich in seine Richtung und nahm dann die Verfolgung von Selina auf.


    „Hallo“, sagte er und ich merkte, wie unwohl ihm dabei war, mit mir zu sprechen. Trotzdem sagte ich entschlossen: „Es ist ein Hirntumor.“
    „Was?“ Sein Gesichtsausdruck spiegelte entweder gespielte oder ehrliche Verwirrung wieder - ich konnte es nicht unterscheiden.
    „Ein Hirntumor. Ist das die Lösung?“, hakte ich nach.
    „Lösung? Wovon?“
    „Sie haben mich gefragt, warum ich hier bin. Habe ich einen …“
    „Nein. Nein, natürlich nicht. Wie du gesagt hast, du bist gestürzt. Einfach nur gestürzt.“ Für einen Moment blitzte ein anderer Ausdruck über sein Gesicht. So kurz und seltsam, dass ich nicht sagen konnte, was er bedeutete.
    „Schlimm gestürzt?“, fragte ich.
    „Nein, du …“
    „Warum bin ich dann hier?“ Nun erhob ich die Stimme. Diesmal sollte er wissen, dass es mir ernst war. Ich war die Ungewissheit leid. Ich wollte Antworten, keine komischen Hypnosespielchen.
    „Dein Gedächtnis. Wir müssen …“
    „Sagen Sie mir doch einfach, was passiert ist!“
    „Arkadius, beruhige dich. Gehen wir etwas spazieren.“ Er streckte seine Rechte nach meiner Schulter aus, doch ich schlug sie entschlossen weg. Keine Ausflüchte diesmal.
    „Geht es meiner Schwester gut? Kann ich sie sehen ... oder anrufen?“
    „Arkadius!“
    „Ist es wahr, dass meine Eltern mich nicht mehr besuchen wollen?“
    Nun wurde der Doktor sichtlich zornig. Er fragte: „Hat Selina das gesagt?“
    „Und wenn schon?“
    „Ich weiß nicht, was du von mir willst. Gehen wir ein Stück. Ich bin mir sicher, dass es deinen Eltern gut geht.“


    Nun schnellten meine Hände nach vorne und packten den Kragen von Rexroths Cordjacke.
    „Das war aber nicht meine Frage! Weiß denn niemand in diesem dreimal verfickten Krankenhaus wie man eine einfache FRAGE BEANTWORTET?!“ Kleine Spucktropfen landeten auf der Brille des Doktors, so nah war ich seinem Gesicht. Andere auf dem Gang blieben stehen, doch Rexroth wies sie mit einer Handbewegung an, nicht einzuschreiten. Bevor sich doch jemand berufen fühlte, ließ ich von ihm ab.


    „Hör mir zu“, flüsterte er schwer atmend, während er seine Jacke zurechtrückte. „Wir können das bei einem Spaziergang klären oder ich muss Jonathan hinzuziehen und das will ich nicht. Glaub mir, das will ich wirklich nicht.“
    Er sagte es ganz ruhig, fast bedauernd, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er mir drohte. Eine wütende Hitze strömte von meiner Brust aus in meine Glieder und mein Gesicht. Für einen kurzen Moment starrten der Arzt und ich uns an. In seinem Blick konnte ich sehen, dass er nicht wusste, was ich tun würde. Ich wusste es auch nicht, fürchtete jedoch, wieder einen Wutanfall zu erleiden. Das durfte ich mir nicht leisten.


    Ein plötzliches schrilles Klingeln unterbrach den Anstarrwettbewerb und ließ uns vor Schreck zusammenzucken. In einem Zimmer in der Nähe begann ein Kind laut zu schreien und aus einem anderen kam eine Frau mit schockiertem Blick und sah sich auf dem Gang um.
    „Feuer“, sagte Dr. Rexroth und es klang fast wie eine Frage. Ich fuhr herum, konnte aber nirgendwo Flammen oder Rauch entdecken. Stattdessen hörte ich ein lautes Klirren, wie das Brechen von Glas. Die Alte, die mit mir zum Klo gegangen war, kam von den Fahrstühlen mit wedelnden Armen auf mich zugerannt. Sie rief etwas, aber ich verstand es nicht. Das Klingeln war zu laut. Meinem ersten Impuls (panischer Flucht) widerstand ich - ich wusste ja noch nicht einmal, wo der Ausgang war - und blieb stattdessen wie festgenagelt stehen.


    Dr. Rexroth schob sich an mir vorbei und rannte der Alten entgegen. Mittlerweile waren alle Zimmer offen und Kinder wie auch Erwachsene stürmten den Flur. Aus dem Treppenhaus kam Dr. Wolf mit rotem Schädel, gefolgt von einer Schar Angestellter, die in alle Richtungen ausschwärmten.
    Er trat zu Rexroth und der Frau, die beide sofort begannen, auf ihn einzureden. Er legte eine Hand ans Ohr, um zu symbolisieren, dass er nicht verstand was sie sagten. Sie traten näher und wiederholten sich.
    Die Augen des Arztes weiteten sich und er schnaubte. Dann formte er die Hände zu einem Trichter und brüllte so laut, dass man es sogar über das ohrenbetäubende Klingeln verstehen konnte.
    „FALSCHER ALARM! FALSCHER ALARM!“


    Erleichtert atmete ich auf. Dr. Wolf wandte sich an die Alte und sagte etwas, wobei er wild gestikulierte. Dr. Rexroth kam zu mir zurück.
    „In dein Zimmer!“, sagte er laut, damit ich ihn über das Klingeln verstehen konnte. Ich hätte widersprochen, doch bei dem Krach lohnte es sich nicht, eine Diskussion zu starten, daher ging ich, mit dem Arzt im Rücken, zügig zurück.


    Kaum hatte er hinter mir die Tür abgeschlossen, verstummte der falsche Feueralarm und man konnte die anderen Geräusche wieder hören, die vom Gang in mein Zimmer schallten. Schwestern, die erklärten, dass der Alarm falsch war; Kinder, die vor Angst schrien und heulten und Dr. Rexroth, der irgendjemanden fragte: „Wo ist Selina?“

    Sie stand hinter mir.

    100% Konsequent!

    2 Mal editiert, zuletzt von Unor ()

  • 8o hui, da ging es aber mächtig ab! :thumbsup: Sehr gut geschrieben - ich bin kein bisschen schlauer als vorher, fiebere aber richtig mit.


    Vor allem, dass Selina hinter ihm steht, war ein richtiger Schockmoment. 8|
    Der trau ich auch überhaupt nicht, ich wette, sie hat den Alarm ausgelöst, um sich dann in seinem Zimmer zu verstecken. Schnell, weiter :stick:


    Bevor sich doch jemand berufen fühlte, ließ ich ihm ab.

    dazwischen fehlt "von"

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • So, da ich zwei Wochen weg war (und die liebe @melli so freundlich darum gebeten hat ;D) schiebe ich gleich nochmal ein Kapitel hinterher. Für morgen hab ich auch schon eins fertig und das nächste ist in der Mache. Viel Spaß beim Lesen! :)
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    Kapitel 8: BLITZMERKER



    Ich fuhr so schnell zurück, dass mein Rücken und mein Hinterkopf gegen die Wand prallten. Mein Herz raste wie verrückt und ich starrte das Mädchen mit aufgerissenen Augen an.
    „Nicht schreien“, zischte sie mit dem Zeigefinger auf den Lippen.
    „Wie bist du…?“
    „Es war offen. Hab mich im Schrank versteckt.“ Sie lächelte und zeigte dabei ihren kaputten Zahn. Mein Blick fiel auf ihre Hände. Dicke Rinnsale dunkelroten Blutes krochen langsam von ihren Handgelenken über die Finger und verwandelten sich in dicke Tropfen, die träge aufs Linoleum fielen.
    „Ich hole Hilfe“, sagte ich und ging zur Tür.
    „Nein!“, fauchte sie.
    „Aber du bist verletzt!“
    Sie kicherte. „Ein Blitzmerker, wie er im Buche steht.“


    Mit Daumen und Zeigefinger zupfte sie einen Splitter aus ihrem linken Daumenballen und schnipste ihn in meine Richtung. Ich erinnerte mich wieder an das Geräusch von zerbrechendem Glas, das ich auf dem Gang gehört hatte.


    „Was hast du gemacht?“
    „Das ein oder andere Fenster zerschlagen; den Feueralarm ausgelöst; Frau Eggs gesagt, sie soll sich ficken…“ Sie zählte die Dinge auf, als wären es Artikel auf einer Einkaufsliste.
    Es überraschte mich nicht, dass sie es gewesen war. Selina war die Art Mensch, die es liebte Chaos zu stiften und anderen eins auszuwischen.


    „Ich sollte es den Ärzten sagen“, meinte ich und hatte Recht damit. Sie konnte ja nicht ewig in meinem Zimmer bleiben. Man würde sie finden und dann sollte es nicht so aussehen, als hätte ich sie versteckt.
    „Wenn du es jemandem sagst, lande ich wieder im Keller.“
    Vor meinem inneren Auge erschien ein dunkler Raum mit Schaumstoffwänden.


    „Sie sperren dich in den Keller, wenn du Ärger machst?“ Das konnte ich nicht glauben. Nun, ich hatte es zunächst gedacht, als „Jonas“ mich runter gebracht hatte, war aber später zu dem Schluss gekommen, dass er sich einfach in der Nummer geirrt haben musste.
    „Sowas darf man im Krankenhaus doch nicht.“


    Selina lachte mich aus, als hätte ich in vollem Ernst behauptet, zwei plus zwei sei fünf. Es war dieses überhebliche Lachen, das mich am Morgen so wütend gemacht hatte.
    „Junge“, kicherte sie, „wir sind hier nicht in einem normalen Krankenhaus.“


    Ich hätte überrascht dreingeblickt, aber in diesem Moment wurde mir klar, dass ich das schon die ganze Zeit gewusst hatte.
    „Du wolltest abhauen. Der Feueralarm war…“
    „Eine Ablenkung. Immer noch der gute alte Blitzmerker.“ Sie grinste.
    „Warum?“
    „Sie wollten mich in den Keller schaffen, aber ich geh da nicht wieder rein. Die können sich ins Knie ficken.“
    Der Keller. Ich dachte an Betten mit Lederriemen.


    „Was machen die im Keller?“, fragte ich und fürchtete mich vor der Antwort. Mir kamen Szenen aus diversen Horrorfilmen in den Sinn.
    Selina grinste. „Du weißt es wirklich nicht mehr, oder?“
    „Nein, woher soll ich es denn…“ Plötzlich fielen mir die Worte des Praktikanten ein.

    Home sweet home.
    „Ich bin schon einmal dort gewesen.“ Es war nur ein Gedanke, aber ich musste ihn unbewusst ausgesprochen haben, denn Selina lachte und klatschte in die Hände.
    „Zehn Punkte für den Blitzmerker!“
    „Ich habe alles vergessen…“, sagte ich fassungslos. Meine Gedärme schnürten sich zusammen und mir kamen die Tränen.
    „Was machen die im Keller. Warum binden sie uns an?“
    „Mich haben sie angebunden, weil ich ihnen Ärger mache.“
    „Und mich?“
    Nun grinste sie breiter denn je. „Wegen deiner Schwester.“


    „Was ist mit ihr?“ Mein Herz klopfte heftig in meiner Brust und ich begann zu schwitzen.
    „Du hast sie gesucht. Du hast Fragen gestellt, immer wieder. Deswegen haben sie dich in den Keller gebracht.“
    Ich packte ihre Schultern mit schweißnassen Händen und zog sie näher an mich.
    „Ich habe sie gesucht?“
    „Ja. Überall.“
    „Warum?“ Meine Stimme wurde so zittrig, dass ich kaum sprechen konnte. Selina sah mir selbstgefällig in die Augen.
    „Sie ist weg.“
    „Wo ist sie?“
    „An einem Ort, von dem es kein Entrinnen gibt.“ In ihren Augen glitzerte es verschwörerisch.
    Mir stockte der Atem. Sie konnte nur einen Ort meinen.
    „Im Keller“, murmelte ich.


    Selina brach in Gelächter aus. Es war ein grausames, hämisches Lachen. Ich packte ihre Schultern noch fester.
    „Hör auf zu lachen! Wie komme ich zu ihr?“
    Das Lachen wurde lauter. Sie krümmte sich in meinem Griff und schnappte keuchend nach Luft.


    „HÖR AUF!“


    Ein schwacher Lufthauch im Nacken verriet mir, dass hinter mir die Tür geöffnet wurde.
    „Selina“, brummte eine Stimme und im nächsten Moment wurde ich von einer fleischigen Pranke an der Schulter gepackt und zur Seite gerissen.
    „Finger weg!“, brüllte Dr. Wolf. Mit erhobenen Händen trat ich zurück und sagte: „Ich habe nichts gemacht! Ich habe gar nichts gemacht!“
    Wolf warf einen Blick auf Selinas aufgeschlitzte Unterarme, drehte sich um und sagte: „Du musst zum Arzt. Dr. Rexroth, erledigen Sie das bitte!“
    Erst jetzt fiel mir Rexroth auf, der in der Tür stand und geschockt ins Zimmer starrte. Er nickte kurz und führte die stark protestierende Selina aus dem Raum, sodass ich mit Wolf allein war.


    „Hast du sie verletzt?“, blaffte er. Auf seinem Kahlkopf trat eine Ader so stark hervor, dass ich dachte, sie könne jeden Moment platzen.
    „Nein“, erwiderte ich bestimmt, wohl wissend, dass er mir nicht glauben würde. „Sie hat sich im Schrank versteckt und sich mit Scherben geritzt, da hab ich sie gepackt und geschrien, sie soll aufhören.“

    Wolfs Bulldogen-Gesicht offenbarte Misstrauen, dicht gefolgt von Unsicherheit. Meine Geschichte ergab zu viel Sinn, um sie einfach als Lüge abzutun.

    Schließlich nickte er und ich unterdrückte den Impuls, erleichtert aufzuatmen. Das hätte ihn nur ins Grübeln gebracht.
    „Na schön“, grunzte er mürrisch und ging zur Tür. Bevor er hinaustrat, drehte er sich noch einmal um und sagte: „Dünnes Eis, Arkadius. Hauchdünn.“


    Ich wollte nach meiner Schwester fragen, doch irgendwie tat ich es doch nicht. Womöglich hatte Selina mir Scheiße erzählt und Julia saß zuhause und wartete auf mich. Oder, was sie gesagt hatte, war die Wahrheit – welchen Grund hätte sie denn, mich zu belügen? In diesem Fall wäre es schlauer, meine Schwester nicht mehr zu erwähnen. Ich hatte den Keller gesehen und wenig Lust, dort zu landen. Oder… wieder zu landen?
    In meinem Kopf begann es wieder zu pochen.

    100% Konsequent!

    2 Mal editiert, zuletzt von Unor ()


  • Oha, Kapitel 7 geht ruhig los und nimmt zum Ende hin ziemlich Fahrt auf. Gefällt. Keine neuen Enthüllungen, aber dafür ein "Oh, oh" Moment am Ende - diese Selina ist gruselig. xD' Die kann doch nicht einfach hinter ihm auftauchen wie so ein Horrormädchen! Ich bin mir ja auch sicher, dass sie den Alarm ausgelöst hat. Stellt sich nur die Frage, warum?


    So, da ich heute eh nicht mehr schlafen kann, mach ich mich auch noch an das nächste Kapitel, vielleicht klärt sich da einiges.



    Jut, Selina war es wirklich mit dem Alarm; jetzt tut mir das Mädchen doch irgendwie leid. Bei ihr ist so einiges schief. :/ Weit abseits des selbstverletzenden Verhaltens. Frage mich aber, warum sie sich ausgerechnet in seinem Zimmer versteckt hat, aber ich glaube, da braucht man nicht wirklich mit Logik zu kommen und sie hat wahrscheinlich das erstbeste genommen. oô
    Interessant ist ja, dass sie genau zu wissen scheint, was mit Arkadius' Schwester ist. Ich habe eine böse Vorahnung, die von seiner Vermutung ziemlich abweicht. Seine Wutausbrüche deuten ja auch schon länger auf was anderes hin. Ich lehne mich jetzt zurück und warte ab.


    Ansonsten:
    Hier und da fehlt mir zwar noch immer etwas Gefühl, aber gemessen an Arkadius Situation würde ich das inzwischen wirklich fast durchgehen lassen. Je mehr wir von der Geschichte erfahren, desto mehr Sinn ergibt die gewisse Kühle seinerseits im Text. Allerdings würde ich mir gerade bei seinen Wutausbrüchen etwas - kräftigere Beschreibungen wünschen, einfach weil sie so als Kontrast zu seinem sonstigen Auftreten eine bessere Wirkung erzielen würden. Aber wieder nur als Tipp/Möglichkeit. ^^

  • Selina bleibt gruselig. Sie ist hämisch und überheblich. Und sie genießt es richtig, Arkadius zu quälen. Ich wette immer noch, dass seine Schwester in einem Sarg liegt ...


    Mir fehlt es in deinem Text nicht an Gefühl. Für mich liest sich das wie ein beklemmender Albtraum, den Arkadius gerade erlebt. Du nennst kurz das Prägnante:


    Wolfs Bulldogen-Gesicht offenbarte Misstrauen, dicht gefolgt von Unsicherheit.

    und machst gleich weiter, was dem Text ein ziemliches Tempo gibt, dass aber zu einem Albtraum gut passt. Ich finde, damit erhöhst du die Spannung. :thumbsup:

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    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

    • Offizieller Beitrag

    Wie kommen ich zu ihr?“

    komme

    Oder, was sie gesagt hatte (Komma) war die Wahrheit – welchen Grund hätte sie denn, mich zu belügen


    Zwei schöne Teile. Der Wutausbruch war gut geschrieben und auch nachzuvollziehen. Bei Silana hab ich fast schon damit gerechnet, dass sie den Alarm ausgelöst hat. Das Mädchen scheint ein ernstes Problem zu haben. Ich muss aber sagen, dass sie mir gerade deshalb unglaublich gefällt. XD
    Und sie scheint einiges über Arkadius zu wissen, mehr als er. Habe einen Verdacht, was die Schwester angeht. Mal sehen, ob er sich bestätigt. :)


    LG, Kyelia

  • Kapitel 9: ZURÜCK IM KELLER



    Mit den Handflächen gegen die pochenden Schläfen gepresst, saß ich auf dem Bett. Selinas Worte hallten in meinem Kopf wider und verursachten schlimme Kopfschmerzen, je mehr ich über sie nachdachte, doch schließlich gelang es mir, einen klaren Gedanken zu fassen.


    Ich war nicht in diesem … diesem „Krankenhaus“, weil ich krank war. An meinem Körper zeigten sich keinerlei Spuren einer Verletzung, außer vielleicht die Narben an meinen …
    Aber die konnten ja nichts mit Gedächtnisschwund zu tun haben!


    Nein, ich war hier weil ich … weil ich …
    Meine Schwester gesucht hatte?
    Wieso sollte man mich dafür einsperren, dass ich …
    Sie wollen nicht, dass ich sie finde.


    Plötzlich bohrten sich glühende Dolche in meinen Schädel, zerkochten jeden klaren Gedanken. Meine Muskeln spannten sich wie die Tragseile einer Hängebrücke. Mit den Armen um den Bauch geschlungen, krümmte ich mich nach vorne. Mein Mageninhalt bahnte sich langsam den Weg durch meine Speiseröhre hin zum Mund. Im letzten Moment riss ich den Kopf zurück, kniff die Augen zusammen und schluckte. Die ätzende Flüssigkeit brannte in meinem Rachen und wieder stachen die Dolche zu. Als ich die Augen auftat, hing die Welt schief und ich bemerkte, dass ich zur Seite fiel. Die Schwerkraft ließ sich Zeit, es geschah ganz langsam und doch zu schnell, um zu reagieren. Den Aufschlag spürte ich nicht.


    Als ich wieder zu mir kam, blinzelte ich im fahlen Licht flackernder Neonröhren. Straffe Riemen hielten meine Gliedmaßen in ihrem ledernen Griff. Ein Fluchtreflex ließ mich hochfahren, doch der Gurt, der quer über meine nackte Brust gespannt war, verhinderte dies. Ich hob den Kopf so, dass mein Kinn die Brust berührte und meine Nackenmuskeln sich anspannten. Vor dem Bett, an dem ich fixiert war, stand Dr. Rexroth. Das bleiche Licht warf geisterhafte Schatten auf sein Gesicht. Hinter ihm schien der Raum sich in endloser Dunkelheit zu verlieren.


    Mein Nacken hielt der Belastung nicht mehr stand und mein Kopf sackte zurück ins Kissen. Gerade wollte ich ihn wieder anheben, da erschien der Doktor über mir. Er lächelte.
    „Wo ist meine Schwester?“, fragte ich.
    „Sie ist tot. Leider“, antwortete er mit gekünsteltem Mitleid in der Stimme. Ich glaubte ihm kein Wort.
    „Was habt ihr mit ihr gemacht?“, fauchte ich und zuckte in meinen Gurten.
    „Komm“, flüsterte die Alte im weißen Kittel. „Wir machen ein Fenster auf.“ Die Riemen protestierten, als ich erschrocken zurückzuckte.


    „Was zum …“ Mein Blick ging in die andere Richtung. Dort stand mein Vater, er sagte: „Hör auf, nach ihr zu suchen. Das macht es für dich nur schlimmer!“
    Neben ihm stand meine Mutter. Sie weinte und starrte mich an.
    „Warum weinst du?“, fragte ich besorgt.
    „Du bist so krank“, schluchzte sie und drückte sich dabei ein Taschentuch auf den Mund.
    „Nein!“ Meine Stimme klang heiser. „Nein, bin ich nicht!“
    Dr. Rexroth trat hinter meiner Mutter aus der Dunkelheit und flüsterte ihr ins Ohr.
    „Sehr krank“, hauchte er. Dann: „Ich fürchte, wir …“
    „… müssen dich noch eine Weile bei uns behalten“, sagte die Alte und machte ein Fenster auf. Die Luft, die hereinströmte, war eisig. Draußen blühten Nelken in der Nacht.


    Ich wollte meine Mutter warnen, nicht auf Rexroth zu hören, doch sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand nun Julia. Immer noch im grünen Kleid, aber im Neonlicht sah sie nicht mehr niedlich aus. Sie sah krank aus. Todkrank.
    „Wo bleibst du?“, fragte sie. Ich wollte zu ihr. Wollte sie in die Arme schließen, doch die Lederriemen gaben mich nicht frei. Wo sie meine Gelenke umschlossen, begann die Haut zu brennen.


    „Ich werde dich holen!“, rief ich, da löste sich ein Schemen aus der Finsternis, die den Raum erfüllte. Die mächtige Gestalt von Dr. Wolf kam zum Vorschein. Behutsam legte er Julia von hinten die Fleischerhände auf die zarten Schultern. Er sah mich an, wie ich ruckend und zuckend versuchte, mich zu befreien. Genüsslich leckte er sich über die Lippen.
    „Lass die Finger von ihr“, brüllte ich mit Tränen in den Augen. Jeder einzelne meiner Muskeln war steinhart und ich zerrte und rüttelte so heftig, dass die Trage umzufallen drohte. Als sie gerade bedenklich nach rechts kippte, packten sie zwei kräftige Hände. Über mir erschien Jonathan, der Riese. Hinter ihm, der bärtige Rexroth, eine Spritze in der Hand.
    „Pst“, flüsterte er, während er mit dem Zeigefinger gegen die Spritze klopfte, wie es Ärzte in Kinofilmen tun.
    „Damit muss Schluss sein“, raunzte Wolf. Dr. Rexroth sah auf und protestierte: „Aber das Experiment!“
    Dann legte er zwei seiner eiskalten Finger auf meinen Oberarm und als er mir die Spritze in Fleisch trieb, flüsterte er: „Vergiss alles.“


    Um mich herum verschluckte die Dunkelheit die Welt, bis ich allein in einer schwarzen, luftleeren Schwerelosigkeit vor mich hin trieb. Dann, wie ein Taucher, der die Wasseroberfläche durchbricht, kehrte ich mit einem tiefen Atemzug in die Welt der Schwerkraft zurück.
    Auf allen vieren kauerte ich am Boden. Mein Blick ruhte auf einem roten Fleck, etwa so groß wie ein Tennisball, der sich vom grünen Linoleum abhob. In meinem Mund schmeckte ich Blut und meine Zunge brannte, wo ich darauf gebissen hatte. Ich spuckte aus und zu dem Fleck am Boden gesellte sich ein kleiner roter Klecks.


    Dumpfer Schmerz pochte in meiner rechten Schläfe und als ich mit Zeige- und Mittelfinger danach tastete, fühlte es sich an, als wären es glühende Eisenstangen. Meine Hand zuckte zurück.
    Eine Weile kauerte ich am Boden, dann, als der Schmerz nach einigen ruhigen Atemzügen etwas milder wurde, spuckte ich nochmals aus und griff die Kante des Bettes neben mir, um mich daran hochzustemmen.


    Sofort sah ich mich um. Als ich keine Riemen, Doktoren und Schaumstoffwände sah, fühlte ich keine Erleichterung, sondern Verwirrung. Ich hatte fest damit gerechnet zu Dr. Rexroths Füßen zu erwachen, in einem dunklen fremden Raum.
    War es ein Traum gewesen?


    Kleine warme Rinnsale liefen meine rechte Wange hinab und als ich sie mit dem Daumenballen wegwischte, blieben rote Striemen darauf zurück.
    „Blut!“, hörte ich eine Frau kreischen. Als ich herumschnellte, flammte der Schmerz in meiner Schläfe auf und kroch in meinen Schädel hinein. Mein Blick verschwamm und noch bevor ich die Frau sehen konnte, wurde ich wieder ohnmächtig.

    100% Konsequent!

    Einmal editiert, zuletzt von Unor ()

    • Offizieller Beitrag

    Und wiedermal frage ich mich, was das für ein kranker Verein ist. 8o Ich glaube irgendwie nicht, dass er das nur geträumt hat. Und selbst, wenn er nicht jetzt im Keller war, dann scheint das schon passiert zu sein und er erinnert sich nur daran. (Fällt mir etwas schwer, einzuordnen, ob das jetzt oder schon eher passiert ist - was aber nicht schlimm ist. ^^ )
    Bin jetzt natürlich neugierig, was das für eine seltsame Frau ist, die hier herumgekreischt hat. Und vor allem, von welchem Experiment dieser Rexoth geredet hat. Und was jetzt mit der Schwester ist. Und was geht mit den Eltern an? :hmm:
    Du siehst, es gibt einige Fragen. :D


    LG, Kyelia

  • Ein Teil seines Erlebten wird sicherlich so ein Psychoanfall gewesen sein - aber alles? :hmm:
    Es bleibt spannend!

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker


  • Ich habe an diesem Teil nichts zu meckern, im Gegenteil, ich würde sogar sagen, dass er der bisher beste ist. oô Hier passt alles und man ist mitten drin in der Verwirrung. Ich glaube auch nicht, dass alles geträumt war, merkwürdig ist und bleibt das Ganze natürlich dennoch. Wieder die Erwähnung des Experimentes ... Da steckt mehr dahinter - und ich bin mir sicher, mir wird das entweder gefallen oder nicht. xD' Beides wäre übrigens nicht negativ. Wer war diese Frau am Ende, wo ist seine Schwester nun wirklich, wem können wir hier eigentlich wie trauen? Und können wir am Ende Arkadius' Verstand an sich trauen? Hm ... Interessant. Sehr interessant.

  • Habe jetzt die letzten Teile aufgeholt und bin gespannt bis in die Fußspitzen. Es ist wahnsinnig spannend, man fiebert total mit und will endlich wissen, was da los ist! Ich finde, Arkadius ist jetzt viel besser zu verstehen als am Anfang. Ich habe nicht mehr das Gefühl, eine leere Hülle zu lesen, sondern dass da wirklich ein Mensch drinnen steckt.
    Mehr!


    Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.

  • So, kurzer Zwischenstand aus dem Schreibkeller: ich will mich bedanken, für all die lieben Kommentare (vor allem zu den letzten paar Teilen) und ich will mich entschuldigen, für die längeren Wartezeiten zwischen den Kapiteln (es hilft vermutlich kaum, wenn ich sage, dass ich kaum Fortschritte mache). Langsam aber sicher nähern wir uns dem Ende der Geschichte (wir sind jetzt knapp über der Hälfte), das heißt, die Sache wird immer heißer. Da mir sehr wichtig ist, dass am Ende alles Sinn macht, werde ich wohl (noch) mehr überarbeiten, als bisher.
    Da ich mir vorgenommen habe, nie wieder anzukündigen, wann das nächste Kapitel kommt, kann ich nur sagen:
    Danke für eure Geduld und das liebe Feedback, ohne das ich vermutlich nicht soweit gekommen wäre.


    PS: Je länger ihr warten müsst, desto mehr steigt die Spannung (Na toll, jetzt setzt ich mich auch noch unter Druck XD)


    LG, Unor

    100% Konsequent!

  • So, lange lange ist es her und ich kann nur sagen ES TUT MIR LEID! Glaubt mir, keiner ist frustrierter als ich, dass es so lange gedauert hat, ich habe es wirklich versucht, aber da stand einfach immer nur Müll auf dem Papier. Nach einiger Auszeit habe ich nun diesen leider sehr kurzen Text zustande gebracht und hoffe, dass damit die Muße zu mir zurückgekehrt ist. Ich wünsche euch erstmal viel Spaß beim lesen. In den nächsten Tagen folgt (hoffentlich) ein weiteres Kapitel (das wird dann auch länger, versprochen :D).
    So, lange Rede wenig Sinn
    Unor Ende :)
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    Kapitel 10: HIN UND HER



    "Rexroth ..."
    Der Name echote irgendwo in der Ferne, als würde mir jemand aus einer tiefen Schlucht zurufen. Weitere Worte folgten, doch sie verschwammen zu einem unverständlichen Rauschen. Als ich versuchte, genauer hinzuhören, blitze ein kurzer Schmerz durch meinen Schädel. Es schien als weigere sich mein Gehirn, zu denken. Alle Sinne waren auf ein Minimum heruntergefahren. Ich konnte nicht sehen; konnte nichtmal sagen, ob meine Augen geöffnet oder geschlossen waren. Auch fühlen konnte ich kaum etwas. Das einzige, was ich wahrnahm, war das sanfte Schaukeln meines Körpers, wie ein Boot auf hoher See. Einen kurzen Moment rauschten Bilder von dem Segelausflug vorbei, den ich mit meiner Familie unternommen hatte, kurz bevor Julia geboren wurde.


    Der Gedanke an meine Schwester ließ mein Hirn erneut vor Schmerz auflammen. Diesmal, als hätte jemand einen Stöpsel gezogen, konnte ich wieder hören. Ich spürte förmlich, wie mein Bewusstsein wieder in meine Glieder kroch. Ich konnte die Luft fühlen, die in meine Lunge strömte. Zunächst langsam und schwach, dann immer stärker. Der erste Versuch mich aufzurichten endete in unbeholfenem Zucken und gequältem Stöhnen.
    "Was dieser Mann denkt ..." Diesmal erkannte ich, dass es sich um eine Frauenstimme handelte. "Unorthodox nennt er es, ich nenne das grausam. Ein Kind so zu quälen."


    Eine weitere Schmerzwelle schwappte über meinen Körper. Beim Versuch, die Augen zu öffnen, wurde es noch schlimmer und ich merkte, wie mein Geist mir wieder zu entgleiten drohte. Widerwillig ließ ich den Kopf zurücksinken, auf ein weiches Kissen, wie ich erst jetzt feststellte.
    Es dauerte eine ganze Weile, bis ich einen erneuten Versuch wagte. Meine Augenlider waren schwer wie Blei, doch es gelang mir sie zu heben. Zu meiner Enttäuschung musste ich feststellen, dass mein Blick getrübt war. Rechts von mir blinkten einige Lichter und zu meiner Linken ragte eine dunkle Silhouette auf. Es musste sich um die Frau handeln. Als sie zu merken schien, das ich den Kopf zu ihr drehte, hörte sie sofort auf zu sprechen und brachte ihr Gesicht näher an meines.


    "Arkadius?" Sie klang erleichtert. Nach kurzem Zögern fragte sie: "Hast du gehört, was ich gesagt habe?" Ich wollte antworten, doch anstelle eines Neins kamen nur einige Speichelbläschen aus meinem Mund, gefolgt von einem leisen Gurgeln.
    "Du hast es doch nicht gehört, oder? Vergiss es einfach."
    Vergiss alles ...
    "Ich hätte nichts sagen dürfen. Arakadius, du darfst es nicht verraten. Es ist ... ein Geheimnis."


    Ich habe ein Geheimnis.


    Julias Stimme hallte in meinem Kopf wieder. Ich würde sie finden. Ich musste es. Aber erst musste ich herausfinden, wo sie war. Und wo war ich eigentlich? Mein Gedankenzug entgleiste, als das sanfte Schaukeln meines Körpers plötzlich aufhörte. Erst in diesem Moment, als ich eine Art bremsende Kraft in mir spürte, realisierte ich, dass wir die ganze Zeit gefahren waren.
    "Wir sind da", sagte die Frau.
    Diesmal konnte ich sprechen.
    "W-Wo?"
    "Im Krankenhaus natürlich"
    Ein grelles Licht flutete den Raum und von draußen drangen Stimmen herein. Darunter eine, die ich gut kannte. "Haben Sie irgendwas zu dem Jungen gesagt, Frau Jokerst?", fragte Doktor Rexroth.

    100% Konsequent!

    Einmal editiert, zuletzt von Unor ()

  • Glück gehabt, ich muss dich also nicht in der Luft zerreißen :D
    Klein aber fein würde ich zu dem Text sagen. Wäre toll, wenn es dich wieder motiviert und dich aus dem Schreibloch rausholt. Die Geschichte ist nämlich wirklich toll und spannend.


    Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.

  • Danke, Phi
    die Angst, in deiner Gunst zu sinken, hat mich wirklich motiviert! :D Ich hoffe auch, dass die Story nach diesem kurzen Kapitel wieder ins Rollen kommt.

    100% Konsequent!

    • Offizieller Beitrag


    Ich musste den letzten Teil nochmal anlesen, aber dann wusste ich wieder, wo in etwa wir uns befinden.
    Die Geschichte ist immer noch super, und bööööööse geheimnisvoll. xD Ebenso wie Phi hoffe ich, dass du deine Motivation wiederfindest und wieder zum Schreiben kommst. Ich würde mich freuen.


    LG, Kyelia

  • Danke @Kyelia :D
    Ich glaube, was mir in den letzen Monaten am meisten gefehlt hat, waren die Reviews. Die waren immer mein Motivations-Boost. Aber einmal zulange nix geschrieben und schon hat man diesen Bonus verloren (ist ja auch logisch. kein neuer teil = keine neuen Reviews). Ich hoffe wirklich, dass ich jetzt wieder in die Pötten komme. :D
    Danke nochmal!

    100% Konsequent!